
"Zeitschrift für Sozialismus und Frieden"
Max Seydewitz
VORWORT
Es ist notwendig, diesem Buche einige persönliche Bemerkungen vorauszuschicken.
Seit meiner frühesten Jugend, fast dreißig jähre lang, habe ich aktiv in der Deutschen
Sozialdemokratie gearbeitet, — als Funktionär, als Redakteur und als
Reichstagsabgeordneter — und ich bin ihr auch heute aufs engste verbunden.
Erschüttert von dem furchtbaren Zusammenbruch der einst so stolzen und starken
deutschen Arbeiterbewegung, aufgeschlossen durch das Geschehen, habe ich
versucht, die Ursachen der kampflosen Niederlage zu erforschen. Dabei bin ich
ganz zwangsläufig auf das Studium der ersten siegreichen proletarischen
Revolution gestoßen, deren gründliche Kenntnis notwendig ist, um den rechten
Weg für die Überwindung der Hitler-Diktatur und die Verhinderung einer
faschistischen Weltherrschaft zu finden.
Ein großes Versäumnis in der Vergangenheit war, daß man sich außerhalb der
Sowjetunion viel zu wenig mit der Geschichte der russischen Revolution, mit den
ihr zugrundeliegenden theoretischen Auseinandersetzungen und mit dem gewaltigen
Ringen um den Aufbau des ersten sozialistischen Arbeiterstaates beschäftigt
hat. Die im Kriege erfolgte Spaltung teilte die Internationale Arbeiterbewegung
in zwei feindliche Lager. Sozialdemokraten und Kommunisten lebten getrennt
voneinander wie in selbstgeschaffenen geistigen Ghettos, unfähig zum
sachlichen, fruchtbaren Meinungsaustausch. Die Mauern, die das
sozialdemokratische und kommunistische Lager trennten, waren so hoch, daß die
einen die Probleme, um die die anderen rangen, überhaupt nicht sahen,
geschweige denn sich mit ihnen ernsthaft auseinandergesetzt hätten. Nur zu
viele Sozialdemokraten übersahen den engen Zusammenhang zwischen der Entwicklung
der Sowjetunion und dem internationalen Befreiungskampf der Arbeiterklasse. Sie
sahen die Sowjetunion nur als eine Sache der Kommunisten, denen sie in ihrem
Lande in erbitterter Feindschaft gegenüberstanden. Sie waren — befangen in der
Vorstellung, daß die Arbeiterklasse nur auf evolutionärem Wege, friedlich, in
die Macht hineinwachsen werde — Gegner der von der Partei Lenins siegreich
durchgeführten Revolution. Sie waren überzeugt davon, daß der in der
Sowjetunion beschrittene Weg mit dem Siege der Konterrevolution enden müsse.
Die Folge dieser Einstellung war die Negation des gewaltigen Ringens im Osten.
Die Sozialdemokratie war der Meinung, daß sie aus der Oktoberrevolution keine
positiven Lehren für ihren Kampf ziehen könne; und sie hielt es darum für
überflüssig, die Geschichte und die Probleme der russischen Revolution zu
studieren. Ihr Interesse an den Vorgängen in der Sowjetunion war durchaus
befriedigt, wenn sie diese oder jene Mängel agitatorisch gegen die
kommunistische Bewegung ausspielen konnte. Viele Sozialdemokraten wurden in
diesem Verhalten bestärkt, weil die kommunistischen Parteien die Sowjetunion
viel zu wenig als eine Sache der gesamten Arbeiterklasse herausstellten.
Das Verhalten der deutschen Nachkriegssozialdemokratie in diesen Fragen wird
treffend durch eine Äußerung Eduard Bernsteins charakterisiert. Im Jahre 1925
über seine Meinung zu den Vorgängen in der Sowjetunion befragt, antwortete er:
„Ich muß — um aufrichtig zu sein — gestehen, daß ich über die Lage in Rußland
im allgemeinen und über den Fall Trotzki im besonderen nur in sehr
unzureichendem Maße unterrichtet bin."
Eduard Bernstein war der bedeutendste Theoretiker des reformistischen Flügels
der Sozialdemokratie. Es war eine besondere Wesensart dieses Mannes, aufrichtig
seine Meinung auszusprechen. Diese Ehrlichkeit veranlaßte ihn, das zu sagen,
was für beinah die gesamte sozialdemokratische Bewegung galt: sie hatte sich
über die Lage in der Sowjetunion und über die Konflikte der Bolschewistischen
Partei mit Trotzki sehr unzureichend unterrichtet. Was wußten Sozialdemokraten
von den Differenzen zwischen Lenin und Trotzki? Von den Auseinandersetzungen um
die Organisationsprinzipien der Partei, um die permanente Revolution? Was
wußten sie von der Bedeutung des Kampfes um die Theorie des Sozialismus in
einem Lande? War es da ein Wunder, daß — unter der Einwirkung der Schriften
Trotzkis — in sozialistischen Kreisen mancherlei Legenden entstanden, unter
anderen die, daß der „beste Kampfgenosse Lenins" durch persönliche Intrigen
Stalins aus der Macht gedrängt worden sei.
Die Legendenbildung wurde noch erleichtert, weil es damals in deutscher Sprache
keine plastischen Darstellungen der Geschichte und der Probleme der
Oktoberrevolution gegeben hat.
Als Sozialdemokrat hatte ich in der Vergangenheit viele Auseinandersetzungen
mit den Kommunisten, übte Kritik an ihrer Politik und auch an Vorgängen in der
Sowjetunion. Wir sind auch jetzt nicht in allem gleicher Meinung, — aber kann
man heute zur Sowjetunion Stellung nehmen, ohne sie im Zusammenhang mit dem
weltgeschichtlichen Geschehen zu betrachten, als die stärkste Macht in der
Friedensfront, als die entscheidende Kraft gegen die Weltherrschaftspläne des
Faschismus!
Einer der Führer der Französischen Sozialistischen Partei, Jean Zyromski,
schrieb anläßlich des XX. Jahrestages der russischen Revolution:
„Es ist mir nicht unbekannt, daß man in 'revolutionären Kreisen', die sich als
die 'äußerste Linke' bezeichnen, ziemlich häufig auf die Meinung stößt, daß die
russische Revolution in voller Entartung begriffen sei und daß sich das
Sowjetrußland von 1937 inmitten einer bürokratischen Entartung befinde. Manche
gehen sogar noch weiter und werfen den Faschismus und den 'Stalinismus' in
einen Topf.
Eine geschickte Kampagne, die weitgehende Verzweigungen hat, wird zu dem Zweck
betrieben, die Arbeiterklasse der Westländer davon zu überzeugen, daß
Sowjetrußland nicht mehr das Rußland der Arbeiter- und Bauernrevolution sei.
Man muß sich energisch gegen derartige Manöver erheben und die schöpferische Bilanz
der Sowjetunion auf den verschiedenen Gebieten ihrer Betätigung aufzeigen.
Man darf nicht blindlings die Unvollkommenheiten und die Fehler abstreiten;
noch sind große Hindernisse da. Man muß sie aber sowohl vom Ausgangspunkt wie
auch von den vorhanden gewesenen Schwierigkeiten aus einschätzen....
Die Sowjetunion ist eine neue Welt im Werden. Mehr denn je gehören ihre
Verteidigung und ihre Beschützung zur internationalen Klassenpflicht des
Weltproletariats."
Aber es handelt sich nicht allein um Interessen des Weltproletariats. Das
Schicksal der Menschheit steht auf dem Spiel. Plutokratie und Faschismus — das
bedeutet den furchtbarsten Krieg aller Zeiten, Vertiefung und Verewigung des
geistigen und physischen Elends. Demokratie und Sozialismus — das bedeutet
Frieden, Rettung vor dem Untergang in die Barbarei, Entfaltung aller
wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte. Die Völker aller Erdteile stehen vor
dieser gewaltigen geschichtlichen Alternative. Und alle Länder sind durch sie
innerlich zerrissen und geschwächt. Nur die UdSSR nicht. Dort gibt es keinen
Faschismus, ihre Völker sind eine geschlossene Einheit angesichts der drohenden
Gefahren und im Kampf um den Aufstieg der Menschheit. Das Spuren mehr oder
minder bewußt die freiheitsliebenden Kreise aller Schichten in allen Ländern:
Arbeiter und Angestellte, Handwerker und Bauern, Intellektuelle und
Gewerbetreibende — kurz, alle jene, die den großen Organismus der Gesellschaft
lebendig erhalten. Aber viel zu wenige haben ein wirklich klares Bild vom Wesen
und von den Lebensnotwendigkeiten der Sowjetunion. Schuld daran trägt nicht
zuletzt der Trotzkismus, der, obwohl arm an Parteigängern, Verwirrung
anzurichten vermag, weil bürgerliche und oft sogar sozialdemokratische
Zeitungen ihm ihre Stimme leihen.
Um so notwendiger ist es, sich mit dem Trotzkismus auseinanderzusetzen. Diese
Aufgabe soll das vorliegende Buch erleichtern. Ich habe mich bemüht, zum
Trotzkismus mit sachlichen Argumenten Stellung zu nehmen, weil ich überzeugt
davon bin, damit der Klärung am besten zu dienen.
Der Verfasser
DIE WELTGESCHICHTLICHE ALTERNATIVE
FÜR ODER WIDER DIE SOWJETUNION
DER TROTZKISMUS NACH DER OKTOBERREVOLUTION
DIE WIRTSCHAFTLICHE UMWANDLUNG DER SOWJETUNION
DIE LÖSUNG DER WIDERSPRÜCHE ZWISCHEN ARBEITERN UND BAUERN
OPFER UND ERFOLGE DES SOZIALISTISCHEN AUFBAUS
SOZIALISMUS IN DER SOWJETUNION
DIE AUSSENPOLITIK DER SOWJETUNION
KONFORMISMUS UND MEINUNGSFREIHEIT
REVOLUTION UND KONTERREVOLUTION
Um das Lesen zu erleichtern, sind Fußnoten weggelassen worden. Anmerkungen und
Quellenangaben sind im Text selbst vermerkt.
Soweit bei den Zitaten nicht besondere Quellen angegeben sind, wurden sie
Broschüren oder (bei Reden) autorisierten Berichten entnommen.
Hervorhebungen in den zitierten Äußerungen sind ausnahmslos vom Verfasser
veranlaßt worden; was jedoch nicht ausschließt, daß die Hervorhebungen oft mit
denen übereinstimmen, die von den Zitierten selbst veranlasst wurden.
Die Menschheit steht an einem Wendepunkt. Krieg und Krise haben
die Grundfesten der kapitalistischen Welt erschüttert. In der Periode des
Niederganges der kapitalistischen Klassenherrschaft ist der Faschismus mobilisiert
worden, um als direkt eingesetzte Gewaltherrschaft oder als drohende Gefahr die
wirtschaftliche Diktatur der Trusts und des Monopolkapitals gegen alle Stürme
zu sichern. Der Faschismus ist keine aus der sozialen Entwicklung zwangsläufig
erwachsende neue Kraft, die zur Höherentwicklung der Menschheit notwendig wäre.
Die bürgerliche Revolution, die die Herrschaft des Feudalismus zerbrach, hatte
eine neue Epoche eingeleitet. Ebenso wird die proletarische Revolution eine
neue höhere Form der menschlichen Gesellschaft schaffen. Der Faschismus Jedoch
hat durch seinen Sieg in Italien und in Deutschland an den bestehenden
gesellschaftlichen Verhältnissen nichts geändert. Weder Mussolinis
Schwarzhemdenmarsch auf Rom, noch Hitlers „nationale Revolution" haben die
herrschende kapitalistische Gesellschaftsordnung beseitigt. Das faschistische
Regime ist nur die letzte, die gewalttätigste Form zur Aufrechterhaltung der
kapitalistischen Klassenherrschaft; seine Funktion ist, durch brutale
Zerschlagung der Arbeiterbewegung und durch Unterbindung jeder freiheitlichen
Regung den Fortbestand der vom Monopolkapital dirigierten kapitalistischen
Gesellschaftsordnung zu garantieren. Der Faschismus führt die Menschheit in
ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht eine Stufe hinauf, er wirft sie im
Gegenteil weit zurück; er will eine zur Ablösung reife Gesellschaftsordnung
gewaltsam aufrechterhalten.
Im Jahre 1907 hat Jack London in der „Eisernen Ferse" mit einem am
Marxismus geschulten dichterischen Seherblick den Faschismus vorausgesagt. In
diesem Buche schildert der Dichter die Herrschaft der Oligarchie, das blutige
Gewaltregime der „Eisernen Ferse" bis in die Einzelheiten genau so, wie es
der Faschismus uns heute praktisch vorführt. In Jack Londons visionärer Schilderung
kann aber auch die „Eiserne Ferse" nicht auf die Dauer den Sieg des
Sozialismus verhindern. Der Dichter schickt seinem heute nicht mehr wie eine
Vision anmutenden Roman eine Betrachtung voraus, in der rückschauend von der
hohen Warte der sozialistischen Gesellschaft Über die Periode der „Eisernen
Ferse" gesagt wird:
„Die Erhebung der Oligarchie wird stets der Anlaß geheimer Verwunderung für
Historiker und Philosophen bleiben. Andere große historische Ereignisse haben
ihren Platz in der sozialen Entwicklung. Sie waren unvermeidlich, und ihr
Kommen hätte mit derselben Sicherheit vorausgesagt werden können, wie
Astronomen heute die Bewegung der Sterne voraussagen. Ohne diese anderen großen
Ereignisse hätte die soziale Entwicklung sich auch nicht vollziehen können.
Primitiver Kommunismus, Besitzsklaverei, Leibeigenschaft und Lohnsklaverei
waren die notwendigen Meilensteine auf dem Wege der menschlichen Entwicklung.
Es wäre jedoch lächerlich, zu behaupten, daß die Eiserne Ferse ein solcher
notwendiger Meilenstein gewesen sei. Heute wird sie vielmehr als ein Fehltritt
oder Rückschritt zu der gesellschaftlichen Tyrannei beurteilt, die die Erde
früher zur Hölle machte, die aber für die Zeit ebenso notwendig, wie die
'Eiserne Ferse' unnötig war.
So schwarz der Feudalismus auch war, sein Kommen war doch unvermeidlich. Was
sonst als Feudalismus konnte dem Zusammenbruch der großen zentralisierten
Regierungsmaschine folgen, die man als Römisches Kaiserreich kennt? Nicht so
jedoch die Eiserne Ferse. In dem ordnungsgemäßen Vorwärtsschreiten der sozialen
Entwicklung war kein Platz für sie. Sie war weder notwendig, noch
unvermeidlich. Sie wird immer die größte Merkwürdigkeit der Geschichte bleiben,
eine Laune, eine Phantasie, eine Erscheinung, etwas Unerwartetes, Ungeahntes;
und sie sollte den übereiligen politischen Theoretikern von heute, die mit
Gewißheit von sozialen Prozessen sprechen, zur Warnung dienen.
Nach dem Urteil der Soziologen jener Zeit bedeutete der Kapitalismus den
Höhepunkt der bürgerlichen Gesellschaft, die reife Frucht der bürgerlichen
Revolution. Und wir können dieses Urteil nur unterschreiben. Selbst geistige
Riesen und Kämpfer wie Herbert Spencer glaubten, daß auf dem Schutt des
selbstsüchtigen Kapitalismus die Blume des Zeitalters, die Brüderlichkeit der Menschheit,
erblühen werde. Statt dessen gebar der Kapitalismus, zum Entsetzen für uns, die
wir heute auf jene Zeit zurückblicken, wie für die, die damals lebten, in
seiner Überreife einen ungeheuren Sproß, die Oligarchie."
Die Herrschaft der Oligarchie, der „Eisernen Ferse", oder — wie wir heute
sagen — des Faschismus, ist wahrlich keine geschichtliche Notwendigkeit. Sie
kann verhindert werden. Aber sie ist nicht unmöglich, weil es in der Geschichte
keine zwangsläufigen Lösungen gibt. Der Niedergang einer Gesellschaftsordnung
führt nur dann zu Ihrem völligen Zusammenbruch, wenn die geschichtlich zu ihrer
Ablösung berufenen Kräfte sich dieser Berufung würdig erweisen; wenn sie stark
genug sind, in revolutionären Kämpfen die überholte Ordnung zu stürzen und die Bahn
für eine neue, höhere Gesellschaftsform freizumachen. Der fatalistische Glaube
von dem automatischen Zusammenbruch des Kapitalismus, von der zwangsläufig
erfolgenden unmittelbaren Ablösung der kapitalistischen Klassenherrschaft durch
den Sozialismus ist durch die Siege des Faschismus in einzelnen Ländern
widerlegt worden. Aber andererseits ist durch den Sieg der proletarischen
Revolution in dem ehemaligen Zarenreich ebenso widerlegt, daß der Faschismus
unvermeidlich, daß er geschichtlich notwendig sei. Der Beweis ist erbracht, daß
der Faschismus verhindert, daß es dem Kapitalismus unmöglich gemacht werden
kann, seine wankende Herrschaft in veränderter Form durch den Einsatz des
Faschismus aufrechtzuerhalten. Wo die zum Bau einer neuen, höheren Gesellschaftsordnung
berufene geschichtliche Kraft — die Arbeiterklasse — sich in entscheidenden
Situationen als zielbewußt und stark genug erwies, hat sie das Aufkommen des
Faschismus verhindert und die kapitalistische Klassenherrschaft gestürzt. In
den Ländern jedoch, in denen die Arbeiterklasse in den für die kapitalistische
Klassenherrschaft kritischen Situationen ihrer geschichtlichen Aufgabe nicht
gewachsen war, hat der Faschismus gesiegt.
Die objektive Situation in unserer Zeit ist also: die Arbeiterklasse kann
ebenso siegen wie der Faschismus. Beiden war es möglich, Teilsiege zu erringen.
Der endgültige Ausgang der nächsten Phase des Kampfes wird von der Zielklarheit
und der Stärke der miteinander ringenden entscheidenden Gegner abhängen. Nach
den Teilsiegen der Arbeiterklasse auf der einen, und des Faschismus auf der
anderen Seite spitzen sich die Gegensätze zwangsläufig immer mehr zu. Die
Entwicklung drängt zu einer endgültigen, die Zukunft der ganzen Menschheit
bestimmenden Entscheidung. Die Frage, die die Geschichte den Menschen unserer
Epoche stellt, ist eindeutig: Soll die eiserne Ferse des Faschismus Freiheit
und Fortschritt zerstampfen, um die Diktatur des Trust- und Monopolkapitals
über entrechtete, in die Hölle der Barbarei gepferchte Sklavenherden gewaltsam
aufrechtzuerhalten, — oder soll nach dem Sturz der kapitalistischen
Klassenherrschaft die Bahn für den Sozialismus, für eine neue, höhere
Gesellschaftsform, freigemacht werden, die die Menschheit befreit und zu Glück
und Wohlstand führt.
In allen kapitalistischen Ländern wird darum gekämpft, ob die niedergehende
kapitalistische Klassenherrschaft vom Faschismus oder vom Sozialismus abgelöst
wird. Der historische Kampf zwischen Faschismus und Sozialismus wird aber nicht
in einem Lande entschieden, die endgültige Entscheidung fällt in der Arena der
Weltpolitik. Sie wird zugunsten des Sozialismus ausfallen, wenn die
Arbeiterbewegung aller Länder in diesem Kampfe zusammenwirkt, wenn sie einig
ist und zielbewußt handelt. Der Kampf für den Sozialismus ist nicht die Sache
eines Landes und einer Partei, er ist vielmehr die Sache der gesamten
internationalen Arbeiterbewegung, ohne Rücksicht auf ihre Partei- und
Fraktionsunterschiede.
„Die moderne Zivilisation kann sich eine neue Depression so wenig
leisten, wie einen neuen Krieg. Sie würde unter jener so sicher zusammenbrechen
wie unter dieser!"
Anfang 1937 standen diese Sätze in der „Times", dem führenden
konservativen Organ Englands. Trotz den furchtbaren Lehren, die der letzte
„große Krieg" der Menschheit erteilte, sind die Ursachen der Kriege nicht
beseitigt worden. Der Brand wurde nicht völlig gelöscht, der Brandherd nur
zugedeckt. Die Glut schwelte weiter, breitete sich aus, und es bedarf nur eines
scharfen Windstoßes, um aus der Glut ein loderndes, sengendes Flammenmeer zu
entfachen, das die Welt verbrennt. „Europa gleicht einem Pulvermagazin, in dem
die Diktatoren ununterbrochen Fackelzüge veranstalten." So hat Lloyd
George die Situation unserer Zeit charakterisiert. Die faschistischen
Diktatoren haben die Welt erst durch ihre wahnsinnige Aufrüstung in ein
Pulvermagazin verwandelt.
Sie sind die aggresivsten subjektiven Faktoren, die durch ihr Handeln die
objektiven Voraussetzungen dafür geschaffen haben, daß der Funke einer Fackel
genügt, um ganz Europa in die Luft zu sprengen. Es wird unter dem Druck der
akuten Kriegsgefahr in der Öffentlichkeit viel darüber orakelt, ob die
faschistischen Diktaturen überhaupt Krieg führen können, ob sie für eine
kriegerische Auseinandersetzung fertig sind. Alle diese Betrachtungen sind
müßig. Kriegsfertig ist ein Land nur, wenn es allen seinen Gegnern militärisch
absolut überlegen ist. Ob ein Land in diesem Sinne kriegsfertig ist, hängt
jedoch nicht nur von seinem Tun, sondern auch von dem Handeln seiner
eventuellen Kriegsgegner ab. Kriegsfertig sind die faschistischen Diktaturen
nicht; aber das ist nicht die geringste Garantie für die Erhaltung des
Friedens. Die Wahrheit ist, daß durch das Treiben der aggressivsten Kräfte die
objektive Situation für den Kriegsausbruch so reif geworden ist, daß der
Zeitpunkt des Losschlagens nicht einmal mehr von den subjektiven Faktoren
bestimmt werden kann, die Europa in ein Pulvermagazin verwandelt haben. Wenn
nicht stärkere Mächte die faschistischen Diktatoren endlich an der Fortführung
ihrer Fackelzüge im Pulvermagazin hindern, dann wird ein Funke eines Tages
zünden, und die Menschheit wird von dem furchtbarsten aller Kriege heimgesucht
werden.
Nicht minder groß ist die Krisengefahr. Hinter einer glänzenden Fassade der
Riesenprofite des Monopolkapitals lauert das Gespenst der neuen Krise. Der
konjunkturelle Aufschwung, der der tiefsten wirtschaftlichen Krise des
kapitalistischen Systems folgte, hat keine stabilen Verhältnisse geschaffen.
Währungsexperimente, Aufrüstung und Warenaufspeicherung für den Krieg haben das
Tempo der Konjunktur bestimmt oder beschleunigt. Die Steigerung der Produktion
erwächst auf einer schwachen, kranken Grundlage. Obwohl die industrielle
Produktion der kapitalistischen Länder im Jahre 1936 großer war als im letzten
Konjunkturjahr vor der großen Krise, war der Welthandel 1936 noch um 14%
niedriger als 1929. Auch die Zahl der Beschäftigten war 1936 noch erheblich
geringer als im letzten Konjunkturjahre. 1936 gab es in den kapitalistischen
Ländern, die Arbeitslose registrieren, schätzungsweise immer noch 18 Millionen
Erwerbslose. Die Spekulation prosperiert mehr als die Produktion. Börsenkrachs
inmitten der Konjunktur sind Symptome für die Unsicherheit des kapitalistischen
Systems, das es seinen Anhängern immer schwerer macht, stabilen, garantierten
Reichtum zu schaffen. Unter der Oberfläche gärt und brodelt es. Der Ausbruch
des Vulkans kann über Nacht das ganze schöne Gebäude der Konjunktur
verschütten, und die Welt in eine neue tiefe und nachhaltige Wirtschaftskrise
stürzen.
Krieg oder neue Wirtschaftskrise — die nach dem Urteil eines der führenden
Blätter des Kapitalismus den Untergang der modernen Zivilisation bringen würden
— können täglich wie ein verheerendes Sturmgewitter über die Völker losbrechen.
Der wachsende Druck der im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung
unlösbaren Widersprüche hat die Welt so in Unruhe und Unsicherheit versetzt,
daß die Menschen nur mit Bangen an die Zukunft denken.
Die herrschenden kapitalistischen Klassen fürchten zwar die unvermeidlichen
Auswirkungen ihrer einseitigen Klassenherrschaft, aber sie haben weder den Mut,
noch den Willen, noch die Fähigkeit, die Ursachen, die Krieg und Krise
heraufbeschwören, auszumerzen. Denn die beiden Übel, die die moderne
Zivilisation bedrohen, können nur durch weitgehenden Umbau der bestehenden
Gesellschaftsordnung beseitigt werden. Die Mächtigen dieser Erde aber wehren
sich gegen alle Änderungen, die ihre Herrschaftsstellung bedrohen. Ihr
Machtapparat, der zu schwach ist, Kriegs- und Krisengefahr zu bannen, ist aber
noch stark genug, die für den ruhigen, friedlichen Aufstieg der Menschheit
lebensnotwendigen Änderungen der bedrohten Gesellschaftsordnung zu verhindern.
Das eben ist die besondere Zwiespältigkeit in unserer Epoche, die die Welt in
eine stete Unruhe versetzt: der Kapitalismus kann sich nur an der Macht halten,
wenn er die einzig wirksamen Mittel zur Beseitigung der beiden Übel
unterbindet, deren Vorhandensein seine Herrschaftsstellung ständig in
wachsendem Maße bedroht.
Seit dem Jahre
1914 hat sich das Gesicht der Welt wesentlich verändert. Die Erschütterungen,
die der letzte Krieg auslöste, waren gewaltig, aber doch nicht so tiefgehend,
daß aus dem Chaos des Krieges in stürmischem Tempo eine neue bessere Welt
herausgewachsen wäre. Die Periode der Nachkriegszeit bekräftigt die Richtigkeit
der marxschen Lehre, daß es keine permanente Krise gibt, die automatisch zum
Zusammenbruch des kapitalistischen Systems führen muß. Der Kapitalismus hat in
allen seinen Krisen Auswegmöglichkeiten; sein Ende kann nur herbeigeführt
werden, wenn die Arbeiterklasse stark genug ist, ihm die Auswege zu versperren
und ihn im Kampfe zu überwinden. Die sozialistische Gesellschaft entsteht nicht
wie ein Phönix aus der Asche; sie entwickelt sich nur mühselig, in harten,
schweren Kämpfen aus dem Schoße der kapitalistischen Gesellschaft. Der Weg zum
Sozialismus ist nicht gradlinig.
„Proletarische Revolutionen ...", schrieb Karl Marx im 18. Brumaire,
„kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem
eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von
neuem anzufangen, verhöhnen grausam gründlich die Halbheiten, Schwächen und
Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur
niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge, und sich riesenhafter
ihnen gegenüber wiederaufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der
unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation
geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst
rufen: hie rhodus, hie salta!"
Die Nachkriegsperiode ist erfüllt von harten Kämpfen um den Weg in die
Freiheit. Und wahrlich: in diesen Kämpfen gab es Siege und Niederlagen, gab es
Aufstieg und Absturz, Vormarsch und Rückzug, — und allmählich erst bilden sich
festere Fronten für die unausweichlichen entscheidenden Kämpfe. Die Teilsiege,
die Arbeiterklasse und Faschismus an verschiedenen Frontstellen errangen, sind
wichtige Ergebnisse, die den weiteren Verlauf der Kämpfe entscheidend
beeinflussen.
In dem Teil der Welt, in dem die Arbeiterklasse zielbewußt die proletarische
Revolution vorbereitete, in dem sie die Erschütterungen der kapitalistischen
Klassenherrschaft durch den Krieg für ihren revolutionären Machtkampf
auswertete, hat das Proletariat die politische Macht erobert und in harten
Kämpfen gegen alle Widerstände und Interventionen gehalten. Der Sieg des
russischen Proletariats ermöglichte den Aufbau des ersten Arbeiterstaates. Die
Verwirklichung sozialistischer Prinzipien machte die Sowjetunion zu einem
kräftigen, sich planmäßig aufwärts entwickelnden Land, das zu einem mächtigen
Faktor in der Weltpolitik wurde.
Neben der gesunden UdSSR steht die kranke kapitalistische Welt. Die nach dem
Kriege in den kapitalistischen Ländern einsetzende, trotz vorübergehenden
Konjukturen sich immer mehr verschärfende Wirtschaftskrise hat die
strukturellen Fehler des kapitalistischen Systems aufgezeigt. Voraussetzungen für
die proletarische Revolution waren auch in anderen Ländern gegeben, aber die
Uneinigkeit und Zerrissenheit der Weltarbeiterklasse, der erbitterte Kampf, den
die einzelnen Gruppen gegeneinander führten, haben die proletarische Bewegung
in den Nachkriegsjahren aktionsunfähig gemacht. Ihr fehlte in entscheidenden
Situationen die Kraft, den herrschenden kapitalistischen Mächten den Ausweg aus
der tiefsten und nachhaltigsten Krise ihres Systems zu versperren. So war es
dem Kapitalismus — über alle seine Krisen hinweg — möglich, in wichtigen
Ländern seine Herrschaftsstellung zu behaupten.
In einzelnen dieser Länder, in denen die Erschütterung der Nachkriegskrisen die
tiefsten Wirkungen auslöste, in denen die objektive Situation für die soziale
Revolution am reifsten war, versagte die Arbeiterklasse; dort waren aber auch
die monopolkapitalistischen Mächte unfähig, ihre Herrschaft mit normalen
Mitteln zu behaupten. Sie haben darum den Faschismus mobilisiert und zur Macht
geführt, um mit Hilfe des faschistischen Terrorregimes den offenen Widerstand
der Arbeiterklasse gewaltsam zu zerbrechen und den Fortbestand der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu sichern.
Die Stabilisierung eines wirtschaftlich und militärisch mächtigen
sozialistischen Arbeiterstaates auf der einen, das Auftreten von rücksichtslos
die Arbeiterklasse niederknüppelnden faschistischen Diktaturen auf der anderen
Seite — das sind die neuen Fakten, die die weltpolitische Situation gegenüber
1914 wesentlich verändert haben.
Die veränderte weltpolitische Situation bestimmt die
Frontenbildung und die Haltung der verschiedenen Mächtegruppen. Der Sieg des
Faschismus in einzelnen Ländern hat zwar keine Epoche einer neuen
gesellschaftlichen Ordnung eingeleitet, aber er hat doch eine andere Note in
die Weltpolitik gebracht. Er bedroht durch die Entfesselung hemmungsloser
imperialistischer Tendenzen die nationalen Interessen aller nichtfaschistischen
Staaten; er hat durch seine aggressive provokatorische Außenpolitik die Welt in
eine Waffenfabrik verwandelt und die Menschheit an den Abgrund des Krieges
geführt. Die nächsten Entscheidungen fallen darum im Kampfe um die Verhinderung
des von den faschistischen Diktaturen systematisch vorbereiteten großen
Krieges. Die endgültigen Fronten für diesen Kampf sind noch nicht formiert.
Fest stehen jedoch bereits ihre tragenden Grundpfeiler: in der Friedensfront
die UdSSR, in der Kriegsfront die faschistischen Diktaturen. Zwischen diesen
beiden schwankt die Gruppe der demokratisch-kapitalistischen Staaten unsicher
hin und her.
Fest und unerschütterlich wie ein Fels im tosenden Meer steht der Friedenswille
der Sowjetunion in dieser von Kriegsgefahr umdrohten Zeit. Die Friedenspolitik
der UdSSR ist ehrlich und eindeutig. Ihre Außenpolitik ist weder aggressiv,
noch imperialistisch. Sie bedroht an keiner Stelle die nationalen Interessen
anderer Völker. Die UdSSR verfügt in ihrem riesigen Gebiete über
unerschöpfliche Rohstoffquellen. Sie produziert alles, was zur Befriedigung der
Bedürfnisse aller Bürger ihres Landes notwendig ist. Der Sozialismus, dessen
Beispiel die kapitalistischen Klassen in den anderen Ländern als eine Bedrohung
ihrer Herrschaftsstellung empfinden, hat die Welt von dem Druck der im zaristischen
Rußland stark vertretenen imperialistischen Tendenzen befreit. Die Vernichtung
der ausbeutenden Klassen und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel haben
die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß alle in der Sowjetunion erzeugten
Güter von den Erzeugern selbst verbraucht werden können. Die
Produktionsüberschüsse, die der Kapitalismus in anderen Ländern um meines
Profits willen nicht vom eigenen Volk verbrauchen laßt, und für die er
Absatzmärkte in den kapitalistisch noch nicht völlig erschlossenen Ländern zu
erzwingen versucht, werden in der Sowjetunion dem eigenen Volke zugänglich
gemacht. Für die UdSSR entfällt der aus dem kapitalistischen System erwachsende
Zwang, sich mit anderen Staaten um die Absatzmärkte zu raufen. Außerdem hat die
Umwandlung des ehemals rückständigen Agrarlandes in ein fortgeschrittenes
Industrieland mit einer hochmechanisierten Landwirtschaft es der Sowjetunion
ermöglicht, die gewaltigen Rohstoffquellen ihres Riesengebietes auszuwerten,
durch stete Steigerung der industriellen und agrarischen Produktion die Menge
der Lebens- und Bedarfsgüter zu erhöhen. Die UdSSR kann aus eigener Kraft, nur
mit den in ihrem Lande vorhandenen Mitteln, die wirtschaftlichen und
kulturellen Bedürfnisse der innerhalb ihrer Grenzen lebenden Menschen in
wachsendem Maße befriedigen. Das sozialistische Wirtschaftssystem, unter dem
die kapitalistischen Profitinteressen völlig ausgeschaltet werden, ermöglicht
zugleich mit der planmäßigen ungestörten Vermehrung der Güter auch die gerechte
Verteilung derselben. Der Beweis ist erbracht, daß unter dem Sozialismus ein
Volk glücklich und reich leben kann, ohne andere Völker zu bedrohen; der Beweis
ist erbracht, daß unter der Herrschaft des Sozialismus der Imperialismus, der
eine ständige Bedrohung für den Frieden der Welt ist, seine Lebensbasis
verliert und sterben muß. Die sozialistische Sowjetunion ist frei von allen
imperialistischen Interessen; sie braucht weder neuen Raum, noch
Rohstoffquellen zu erobern, sie braucht keinen ihrer Nachbarn mit Krieg zu bedrohen.
Die UdSSR kann den Wohlstand der auf ihrem Gebiet lebenden Völker ständig und
am sichersten dann steigern, wenn der Frieden erhalten bleibt, wenn sie ihre
friedliche sozialistische Aufbauarbeit ungestört fortsetzen kann. Der
sozialistische Staat, der die kapitalistische Klassenherrschaft überwunden hat,
kann im Frieden für sein Volk und die Menschheit viel größere Siege erringen
als in dem erfolgreichsten Kriege. Die Sowjetunion ist darum aus ureigenem
Interesse der stärkste Garant des Friedens; sie wirft ihre ganze Macht in die
Wagschale, um der Welt den Frieden zu erhalten.
Nicht zuletzt darum betrachten die faschistischen Diktaturen die UdSSR als
ihren gefährlichsten Gegner. Weil sie — gebunden an die kapitalistische
Gesellschaftsordnung — unfähig sind, in friedlicher Aufbauarbeit die
wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse der Arbeiter, Bauern und
Mittelständler ihrer Länder zu befriedigen, suchen sie die Unruhe und
Unzufriedenheit der von ihnen beherrschten Volksmassen durch siegreiche Eroberungskriege
zu Überwinden. Nach Hitlers Erzählungen ist die Ursache aller Leiden des
deutschen Volkes der Mangel an Raum und an eigenen Rohstoffquellen. Die
Wahrheit dagegen ist, daß auch Deutschland über genug Siedlungsland, über große
Reichtümer verfügt, und daß ein friedfertiges Deutschland im friedlichen
Güteraustausch mit anderen Völkern alle von ihm benötigten Rohstoffe bekommen
kann. Das deutsche Volk leidet nicht darum Mangel, weil es in seinem Vaterlande
an Lebens- und Bedarfsgütern fehlt, sondern weil unter der faschistischen
Diktatur mit den brutalsten terroristischen Mitteln ganz einseitig nur die
monopolkapitalistischen Klasseninteressen vertreten werden. In Deutschland
fehlen nicht Raum und Güter, es fehlen nur die richtige Verteilung des Bodens und
die gerechte Verteilung des Ertrages der von dem arbeitsamen deutschen Volke
geleisteten Arbeit. Die Anwendung sozialistischer Wirtschaftsmethoden würde in
dem wirtschaftlich und kulturell hochentwickelten Deutschland viel schneller
noch und viel reichlicher als in dem ehemals so rückständigen Zarenreich
ermöglichen, die Bedürfnisse Aller zu befriedigen. Nur die gewaltsame
Verhinderung der gerechten Verteilung schafft den Mangel, den das faschistische
Regime nicht durch Maßnahmen im Innern des Landes beseitigen kann und den es
darum durch das Hinübergreifen über die Landesgrenzen, durch Eroberungen,
beheben will.
Der Ruf nach Siedlungsland und nach Kolonien bedroht unmittelbar die nationalen
und imperialistischen Interessen der anderen Staaten. So scharf auch der
Gegensatz zwischen der kriegswütigen Hitlerdiktatur und der friedenswilligen
Sowjetunion im Kampf um die Verhinderung des Krieges ist, Hitlers
Eroberungspläne bedrohen viel unmittelbarer den Südosten und Westen Europas wie
auch das englische Imperium. Die „Verständigungs"-reden an die Westmächte
sind nichts als taktische Winkelzüge, die ebenso über die nächsten Absichten
hinwegtäuschen sollen, wie die ständigen Aufrufe zum heiligen Krieg gegen den
Bolschewismus. Könnte Hitler zuerst die ukrainische Kornkammer holen und die in
„Mein Kampf" aufgezählten Eroberungsabsichten im Osten verwirklichen, so
würde er angesichts seines abgrundtiefen Hasses gegen den sozialistischen
Arbeiterstaat seine Zeit nicht mit Hetzreden gegen die Sowjetunion vergeuden; er
hätte seinen Ritt gen Osten schon längst durchgeführt. Aber das heißt nicht,
daß Hitler seinen imperialistischen Raubkrieg gegen die Sowjetunion aufgibt. Er
hat ihn nur vertagt, weil die große militärische, wirtschaftliche und
ideologische Macht der UdSSR ihm zunächst noch als ein zu großes Hindernis
erscheint. Die Generale der Bendlerstraße wissen, daß ein nur auf die Kräfte
des faschistischen Deutschland gestützter Überfall auf die Sowjetunion an dem
gewaltigen Widerstand der Roten Armee und der sowjetischen Völker scheitern
würde. Darum will Hitler vorerst die - Hegemonie in Europa erzwingen, um ganz
Europa für seinen Kriegszug gegen den „Erbfeind" des Faschismus zu
mobilisieren. Der Drang zur faschistischen Vormachtstellung in Europa aber
bedroht unmittelbar alle anderen Länder.
Hitler und seine Paladine sehen in der Verwirklichung ihrer Eroberungspläne die
Voraussetzung für die Stabilisierung ihrer Diktatur in Deutschland. Sie hoffen,
vieles von ihren weitgehenden außenpolitischen Zielen durch Drohungen und
Provokationen zu erreichen. Aber sie werden — wenn Drohungen allein nicht mehr
genügen — losschlagen. Der Krieg ist ein unablösbares Kampfmittel der
faschistischen Diktaturen; sie sind die aggressivsten Verfechter
imperialistischer Eroberungspolitik, sie sind die Träger der Kriegsfront. Die
Durchsetzung ihrer Absichten kann nur durch die Bildung eines übermächtigen
Friedensblockes verhindert werden.
Zwischen Kriegs- und Friedensfront schwanken die demokratischen
Großmächte. Ihr Schwanken schafft eine unklare, völlig unberechenbare Situation
in der internationalen Politik. So fest und zuverlässig — allerdings aus völlig
entgegengesetzten ökonomischen, politischen und ethischen Interessen — die Sowjetunion
in der Friedensfront und die faschistischen Diktaturen in der Kriegsfront
stehen, so unsicher ist die Haltung der demokratischen Großmächte. Die Haltung
aller demokratischen Staaten wird weitgehend von England beeinflußt, von dem
Frankreich sich nicht trennen will, und von dem die kleineren Staaten die
Garantie ihres Bestandes gegenüber faschistischen Vorstößen erwarten. Englands
schwankende Politik wirkt gegen die Bildung eines festen Friedensblockes; es
wird wahrscheinlich bis zum letzten Augenblick unklar bleiben, in welcher Front
England kämpft, wenn es den für den Frieden wirkenden Kräften nicht gelingt,
den Krieg zu verhindern.
Die demokratischen Staaten wollen in der gegenwärtigen Situation keinen Krieg;
ihre schwache Haltung gegenüber den faschistischen Provokationen wird nicht
unwesentlich auch von dem Wunsche bestimmt, den Frieden zu erhalten. Die
demokratischen Großmächte haben für ihre kriegsgegnerische Haltung andere
Gründe als die Sowjetunion. Das ist jedoch nicht entscheidend. Wichtiger ist
die Tatsache, daß in der aktuellsten Frage der Weltpolitik, im Kampf um die
Verhinderung des Krieges, ein übereinstimmender Wille als gemeinsame Grundlage
für das Zusammengehen der demokratischen Großmächte mit der Sowjetunion gegeben
ist. Die demokratischen Staaten wissen, daß die faschistischen Diktaturen den
Weltkrieg vorbereiten, den sie vermeiden wollen, und den sie fürchten, weil er
ihren Bestand und die in ihren Ländern herrschende Ordnung bedroht. Trotzdem
sträuben sich die nichtfaschistischen Staaten, eindeutig an die Seite der
Sowjetunion zu treten und sich in die Friedensfront gegen die faschistischen
Kriegstreiber einzureihen; und so mußten sie Schritt um Schritt vor den
außenpolitischen Provokationen der faschistischen Diktaturen zurückweichen; sie
haben diese dadurch zu immer neuen Provokationen ermuntert.
Das schwächliche Verhalten der demokratischen Großmächte stärkt die Position
der faschistischen Kriegstreiber, es vergrößert die Kriegsgefahr, die die
moderne Zivilisation bedroht. Die Wirkung der schwankenden Politik Englands und
Frankreichs ist der Welt bei dem imperialistischen Vorstoß Mussolinis gegen
Abessinien und im Krieg um die Freiheit des spanischen Volkes plastisch
demonstriert worden. Das aktive Eingreifen der faschistischen Mächte in den von
ihnen entfachten spanischen Bürgerkrieg, die unverkennbaren imperialistischen
Eroberungsabsichten des italienischen und deutschen Faschismus im Mittelmeer
und in Marokko; der Versuch, sich durch den Sieg des Vasallen Franco Rohstoffe
zu sichern, Spanien mit seinem afrikanischen Hinterland zu einer Kolonie und zu
einer Aufmarschbasis der faschistischen Staaten für weitere imperialistische
Vorstöße zu machen, — das alles bedroht nicht nur den Weltfrieden, sondern ist
eindeutig gegen die nationalen Interessen Englands und Frankreichs gerichtet.
Vor 1914 hätte eine so offenkundige Attacke zweifellos zu energischen
Gegenmaßnahmen geführt, und, wenn diese nicht den gewünschten Erfolg gehabt
hätten, zum Abwehrkrieg. 1937 aber haben England und Frankreich die früher
selbstverständlich gewesene Energie vermissen lassen; sie haben alle Vorstöße
gegen ihre Interessen ohne tatkräftige Gegenwehr hingenommen.
Was aber sind die Gründe dafür, daß die demokratischen Großmächte sich die
faschistischen Vorstöße gefallen lassen, ohne sofort zu energischen
Gegenaktionen zu greifen? Warum schwanken die demokratischen Staaten noch am
Vorabend weltgeschichtlicher Entscheidungen unsicher hin und her?
Diese Fragen können nur dann zuverlässig beantwortet werden, wenn man den
Dingen auf den Grund geht. wenn man die inneren Zusammenhänge der
weltpolitischen Situation und der Herrschaftsverhältnisse in den demokratischen
Ländern klarlegt. Über die Ursache der Schwankungen wird viel orakelt. Einmal
soll die zeitweise Vernachlässigung der Rüstung und die dadurch bedingte
militärische Schwäche Großbritanniens zum Ausweichen gezwungen haben. Natürlich
ist die militärische Schlagkraft eines Landes nicht unwichtig für sein
außenpolitisches Handeln, aber sie ist nicht die letzte entscheidende Ursache
für Englands schwankende Haltung. Ein andermal sollen besonders raffinierte
Versprechungen und geschickte taktische Schachzüge der faschistischen
Diktatoren das Einschwenken der demokratischen Staaten in die Friedensfront
verhindern. Jedoch alle diese spekulativen Betrachtungen über die endgültige
Stellung der zwischen Kriegs- und Friedensfront hin- und herpendelnden Staaten
sind müßig. Die Analyse der internationalen Situation ergibt, daß das Schwanken
der demokratischen Staaten nicht nur taktischen Erwägungen entspringt, sondern
tiefere, grundsätzliche Ursachen hat, die nicht durch taktische Winkelzüge
aufgehoben werden können.
Das Entscheidende ist, daß sich seit dem letzten Kriege die weltpolitische
Situation grundlegend geändert hat, und daß auf dieser neuen Basis die
demokratischen Staaten, in denen der Kapitalismus noch herrscht, ihre
außenpolitischen Entscheidungen nach neuen, der veränderten Situation
angepaßten Prinzipien treffen. Vor 1914 war die Situation für die kapitalistischen
Staaten wesentlich unkomplizierter als heute; sie ließen ihre Aussenpolitik
eindeutig nur von ihren nationalen und imperialistischen Interessen bestimmen.
Nach dem Auftreten zweier neuer Fakten in der Weltpolitik — der faschistischen
Diktaturen auf der einen, und des sozialistischen Arbeiterstaates auf der
anderen Seite — spielen andere, auch weltanschauliche Interessen eine größere
Rolle; heute sind die kapitalistischen Machthaber in den demokratischen Staaten
unsicher, ob sie die Entscheidung ihrer Aussenpolitik von ihrem nationalen und
imperialistischen, oder von ihren engeren, besonderen kapitalistischen
Klasseninteressen bestimmen lassen sollen. Die Konsequenz, die die
kapitalistischen Machthaber in den demokratischen Staaten aus der veränderten
weltpolitischen Situation gezogen haben, ist ihr Schwanken zwischen Kriegs- und
Friedensfront. Die Konsequenz, die die Volker der demokratischen Staaten aus
der veränderten weltpolitischen Situation ziehen müssen, ist ihr festes und
einiges Auftreten für die Friedensfront, für das eindeutige Eintreten ihrer
Vaterländer in die Kampffront gegen die faschistischen Kriegstreiber.
Vor dem letzten Weltkrieg herrschte in allen Ländern der Kapitalismus. Die
verschiedenen Formen, unter denen er in den entscheidenden Staaten — in
England, Deutschland, Frankreich, Rußland und den USA — seine Herrschaft
ausübte, änderte nichts an der Tatsache, daß sich die wesentlichen Gegensätze
der Großmächte aus dem Kampf der Kapitalisten um den Weltmarkt herausbildeten.
Die Parolen, „Gegen den Zarismus", oder „Gegen den wilhelminischen
Absolutismus" Krieg zu führen, entsprangen nicht weltanschaulichen
Gegensätzen, sondern dem Bedürfnis, durch Vortäuschung weltanschaulicher
Gegensätze die Arbeitermassen der verschiedenen Länder leichter für die
gegenseitige Bekämpfung auf den Schlachtfeldern mobilisieren zu können. Die
blutige Knute des Zarismus hat die deutschen Kapitalisten ebensowenig gestört,
wie das undemokratische Regime des wilhelminischen Deutschland die Kapitalisten
der westeuropäischen Demokratien störte. Die Entente gegen Deutschland war
gewiß nicht aus weltanschaulichen Gründen zustande gekommen, den Anstoß zu
ihrer Bildung gab die imperialistische Politik des wilhelminischen Deutschland,
die — fast ebenso aggressiv wie Hitlers Außenpolitik — andere Großmächte
bedrohte. Damals führte diese Bedrohung zum Zusammenschluß und schließlich zum
Kriege. Der Feind wurde ganz eindeutig nur nach den nationalen und
imperialistischen Interessen der kapitalistischen Länder bestimmt. Gegen das Land,
das diese bedrohte, schlössen sich die anderen zusammen. Gleichgültig, welche
Staatsform in den feindlichen und in den verbündeten Ländern herrschte. Da die
Herrschaft der Regierenden in allen Ländern auf der gleichen ökonomischen Basis
beruhte, war die verschiedene Staatsform kein Hindernis für die klare Bildung
der Fronten nur nach den nationalen und imperialistischen Interessen. Darum war
es gar nicht verwunderlich, daß das zaristische Rußland und das wilhelminische
Deutschland sich im Kriege als Gegner gegenüber standen, während die Entente
zwischen dem republikanischen Frankreich und dem zaristischen Rußland ohne
große Schwierigkeiten wirksam werden konnte.
Die Geschichtsepoche, in der die kapitalistischen Staaten ihre außenpolitischen
Entscheidungen ausschließlich nach ihren nationalen und imperialistischen
Interessen bestimmten, ist mit dem endgültigen Siege der proletarischen
Revolution in einem Lande abgeschlossen. Jetzt beruht die Herrschaft der
Regierenden nicht mehr In allen Ländern auf der gleichen ökonomischen Basis.
Auf einem Sechstel der Erde existiert die kapitalistische Klassenherrschaft
nicht mehr. In einem riesigen Gebiet herrscht der Sozialismus, der aus dem
alten morschen Zarenreich einen wirtschaftlich und militärisch starken Staat gemacht
hat. Der erste Arbeiterstaat repräsentiert in der Weltpolitik eine gewaltige
Macht, mit der die Großmächte in allen Kontinenten ernsthaft rechnen müssen.
Der Sieg des Sozialismus in einem Lande hat aber nicht nur das Zarenreich
umgestaltet, die Funktion Rußlands in der Weltpolitik und damit die
weltpolitische Situation, er hat auch die Rolle der Arbeiterklasse in der
Weltpolitik entscheidend verändert.
Die internationale Arbeiterbewegung war ohne Zweifel auch schon vor 1914 eine
Macht, mit der die Kapitalisten bei den Klassenkämpfen in ihren Ländern
ernsthaft rechnen mußten. Jedoch die Weltarbeiterklasse war noch nicht reif und
stark genug, um selbständige internationale Politik zu betreiben und als
handelnde Macht in die weltpolitischen Ereignisse unmittelbar einzugreifen. Der
Zusammenbruch der sozialistischen Arbeiterinternationale im August 1914 bewies,
daß es ihr damals noch an theoretischer Klarheit, an Zielbewußtheit und an
Kraft fehlte, um die der Weltarbeiterklasse von der Geschichte gestellte
Aufgabe zu erfüllen. Die Voraussetzungen für die Überwindung der 1914 hemmenden
Mängel sind jetzt gegeben. Mit dem Auftreten eines mächtigen sozialistischen
Arbeiterstaates in der Weltpolitik ist die Arbeiterklasse weit über ihre
Bedeutung von 1914 hinausgeschritten. Erst jetzt wurde sie — zum ersten Male in
der Geschichte — zu einer unmittelbar geschichtsbildenden Kraft, die ihre Macht
auch in der internationalen Politik direkt einzusetzen vermag. Die
Weltarbeiterklasse kann heute den weiteren Verlauf der Weltgeschichte
entscheidend mitbestimmen. Die herrschenden kapitalistischen Mächte haben die
neue geschichtliche Rolle der Arbeiterklasse in der Weltpolitik viel besser
begriffen als viele Sozialisten; sie lassen darum bei ihren außenpolitischen
Entscheidungen neuerdings auch ihre unmittelbaren inneren Klasseninteressen und
weltanschauliche Gründe mitsprechen. Die internationale Arbeiterbewegung muß
aus den veränderten Verhältnissen ebenso Lehren ziehen wie ihr kapitalistischer
Gegenspieler.
Es ist nicht zwangsläufig, daß die Arbeiterklasse den weiteren Verlauf der
weltgeschichtlichen Entscheidung ausschlaggebend bestimmen muß; sie kann das
nur. wenn sie einig und geschlossen ist und in unzertrennlicher Verbundenheit
mit dem ersten sozialistischen Arbeiterstaat handelt. Nur dann wird sie ihre
volle Kraft ausnützen und die ihr von der Geschichte gestellte Aufgabe erfüllen
können: den Weltsieg des Faschismus zu verhindern, die niedergehende
Klassenherrschaft des Kapitalismus direkt abzulösen und die Menschheit auf eine
höhere Stufe der Entwicklung zu führen.
Die kapitalistischen Mächte in den demokratischen Staaten empfinden das
Vorhandensein eines mächtigen Arbeiterstaates als eine Bedrohung ihrer
Klasseninteressen. Sie wissen, daß die bedeutende Rolle, die die Sowjetunion
als immer mächtiger werdender Staat in der Weltpolitik spielt, auch die
ideologische Wirkung der UdSSR auf die Arbeitermassen in allen Ländern erhöht
hat. Der gewaltige Aufstieg, der sich in der UdSSR inmitten der
Weltwirtschaftskrise vollzog, bewies in der Praxis die Überlegenheit des
sozialistischen Systems über das kapitalistische. Der erste Arbeiterstaat hat
bewiesen, daß der Sozialismus die Krise überwinden und die Produktion steigern
kann, ohne daß die Mehrproduktion zu neuen Krisen führt. Während in der
kapitalistischen Welt die Aufspeicherung des unverbrauchten Verdienstes der
Kapitalisten immer schwerere Wirtschaftskrisen erzeugte und so Millionen
Menschen arbeitslos machte und zum Hungern verurteilte, konnte die UdSSR alle
Hände beschäftigen und eine neue, bessere Wirtschaft aufbauen. Die Sowjetunion
hat die Richtigkeit der marxschen Theorie bewiesen, daß erst die Befreiung der
Produktionsmittel aus den Händen der Kapitalisten die gewaltigen Fortschritte
der Technik und des Geistes dem ganzen Volke dienstbar macht. Darum wirken die
Erfolge des sozialistischen Aufbaus in dem ersten Arbeiterstaat in steigendem
Maße revolutionierend auf die Proletarier in der ganzen Welt. Die bange Sorge
der Kapitalisten ist, daß die Arbeiter in ihren Ländern immer deutlicher das
aus dem Osten kommende Licht wahrnehmen und die aus der erfolgreichen
sozialistischen Wirklichkeit tönende Mahnung beherzigen: in ihrer Heimat ebenso
wie in dem damaligen Zarenreich den Kapitalismus zu überwinden, die Ausbeutung des
Menschen durch den Menschen zu beseitigen und die Bahn frei zu machen für einen
stabilen, zukunftssicheren wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg.
Der Sieg des Faschismus in Deutschland hat die Situation für die
demokratisch-kapitalistischen Staaten noch mehr kompliziert. Während vor dem
Auftreten Hitlers normale, gleichwertige imperialistische Interessen der
imperialistischen Großmächte gegeneinander stießen, bedroht jetzt der
gesteigerte Überimperialismus machtlüsterner Diktatoren auf Schritt und Tritt
und in allen Ecken Europas die nationalen Interessen der demokratischen
Staaten. Würde die außenpolitische Stellungnahme der demokratischen Staaten
nicht auch noch von anderen als nationalen Interessen beeinflußt, so würden sie
zusammen mit der Sowjetunion den übermächtigen Friedensblock bilden, der jeden
Friedensstörer zur sicheren Niederlage verurteilt, der ihn zwingt, den Angriff
zu unterlassen, und den Frieden zu wahren. Die viel verbreitete Meinung, daß
die demokratischen Großmächte in den entscheidenden Situationen zwangsläufig im
demokratischen Staatenblock gegen den faschistischen stehen werden, beruht auf
trügerischen und darum gefährlichen Hoffnungen. Die demokratische Staatenfront
ist eine fiktive. Die noch so ernst gemeinte demokratische Verfassung eines
kapitalistischen Staates ist keine Garantie für die Stellungnahme der
demokratischen Staaten gegen die faschistischen Diktaturen. Die Politik der
kapitalistischen Klassen richtet sich nicht nach den in ihrem Vaterland
publizierten, und von ihnen auch anerkannten politischen Ideen, sondern nach
ihren materiellen Interessen.
Die demokratischen Staaten haben eine durchaus ehrliche Abneigung gegen die zum
Krieg treibende Politik der faschistischen Diktaturen. Ihre nationalen
Interessen verlangen ihre eindeutige Stellungnahme für die Friedensfront. Wäre
die Sowjetunion der aggressive Kriegstreiber, und wären die faschistischen
Diktaturen die Stützen der Friedensfront, so würden die kapitalistischen
Machthaber der demokratischen Staaten hemmungslos die Friedensfront verstärken.
Weil aber unzweifelhaft die faschistischen Diktaturen die Friedensstörer sind,
muß die Friedensfront naturnotwendig antifaschistisch sein. Die Identität der
Friedensfront mit der antifaschistischen Front erschwert den kapitalistischen
Machthabern in den demokratischen Staaten die eindeutige Stellungnahme. In der
antifaschistischen Front ist die Sowjetunion die stärkste Kraft. Die
Staatsmänner — besonders Englands — fürchten, daß die Sowjetunion zusammen mit
den ihr ideologisch oder (ohne Unterschied der Parteirichtung) gefühlsmäßig
verbundenen Arbeitermassen in der antifaschistischen Friedensfront eine
unüberwindbare Macht wird, die nach Niederwerfung der faschistischen Diktaturen
— auf die sie zunächst alle Kraft konzentriert — nicht stehen bleibt. Sie
fürchten, daß diese Macht nach der Erreichung des ersten entscheidenden Zieles
weiter vorwärts schreiten wird, um auch die Ursache von Krieg und Faschismus —
die kapitalistische Gesellschaftsordnung — zu überwinden.
Die kapitalistischen Mächte in den demokratischen Staaten wollen um jeden Preis
ihre herrschende Stellung behaupten. Aber sie wissen nicht, durch welche
Entscheidung sie das am besten erreichen. Das eben ist der Zwiespalt, in den
sie die veränderte weltpolitische Situation gebracht hat. Sie sind unsicher, ob
sie ihre Herrschaftsstellung behaupten können, wenn sie in einer Front mit der
Sowjetunion zunächst den imperialistischen Vorstoß der aggressiven
faschistischen Diktaturen gegen ihre nationalen Interessen entscheidend zurückschlagen
und dadurch den Sturz der faschistischen Diktaturen herbeiführen helfen — oder
wenn sie in der Front mit Hitler und Mussolini den ersten Stoß gegen den ihre
Machtstellung ideologisch bedrohenden sozialistischen Arbeiterstaat führen. Sie
sind unsicher, wie sich bei der Entscheidung für die zweite Möglichkeit ihre
Völker verhalten werden, ob deren Auftreten an der Seite der Sowjetunion nicht
gleichfalls zum Sturz ihrer Herrschaft führt. Sie fürchten außerdem, daß die
überspitzte Gewaltherrschaft des Faschismus nach einer kurzen Übergangszeit
schneller und sicherer zum endgültigen Sturz der kapitalistischen
Klassenherrschaft führt. Für welchen Weg sie sich auch entscheiden, sie
fürchten, später von dem Bundesgenossen erdrückt zu werden, mit dem zusammen
sie den gefährlichsten Gegner niedergeworfen haben.
Die Männer und Mächte, die zum Beispiel Englands Politik bestimmen, sind gewiß
nicht für Hitlers machtlüsternes Diktaturregime, das die ganze Welt beunruhigt,
— aber sie fürchten den Sieg der Arbeiterklasse. Sie möchten sich gern für das
kleinere Übel entscheiden, aber sie sind im Zweifel, was im entscheidenden
Augenblick das kleinere Übel sein wird. Sie wissen nicht, ob es ihnen nach der
Niederwerfung der einen „ideologischen Front" gelingen wird, dem von ihnen
ausgewählten kleineren Übel gegenüber die Entscheidung zugunsten ihrer
nationalen kapitalistischen Interessen herbeizuführen.
England will sich — wie die englischen Regierungsmänner in allen
außenpolitischen Reden erklären — weder in eine weltanschauliche Front
einreihen, noch an einem Weltanschauungskrieg beteiligen. Diese Erklärungen
richten sich ebenso gegen die Bildung einer demokratischen Friedensfront, wie
gegen Hitlers antibolschewistische Staatenfront für den heiligen Krieg gegen
die Sowjetunion. Hitler und Mussolini rechnen bei der Durchführung ihrer
provokatorischen Außenpolitik mit der Angst der kapitalistischen Machthaber in
den demokratischen Staaten vor der ideologischen Fernwirkung des ersten
Arbeiterstaates. Hitler propagiert seine weltanschauliche Front nur, um die
kapitalistischen Interessen in den demokratischen Ländern für die Erreichung
seiner — die demokratischen Staaten bedrohenden — imperialistischen Ziele
auszunützen. Es ist darum zweifellos notwendig. Hitlers Spekulationen zu stören
und seinen Bemühungen, eine Front der kapitalistischen Staaten gegen die
Sowjetunion zu bilden, entschieden entgegenzuwirken. Aber trotzdem ist kaum zu
bezweifeln, daß bei den weltpolitischen Entscheidungen unserer Zeit, im
Gegensatz zu 1914, weltanschauliche Interessen hineinspielen werden. Im
gewissen Sinne entscheiden auch bei der Problemstellung Krieg oder Frieden,
faschistische Diktatur oder Demokratie, weltanschauliche Gesichtspunkte mit.
Die konsequente Verneinung dieser Tatsache durch die Staatsmänner der
demokratischen Staaten führt zu ihrer unrealen, illusionären Politik, die
letzten Endes nicht der Erhaltung des Friedens, sondern den Kriegstreibern
dient.
Aus der Identität der antifaschistischen Front mit dem Friedensblock ergibt sich
die widerspruchsvolle, schwankende Haltung der demokratischen Großmächte, die
ihren Willen und ihre Aktionen zur Verhinderung des Krieges durch die Ablehnung
der antifaschistischen Friedensfront selbst sabotieren. Die herrschenden
kapitalistischen Mächte der demokratischen Staaten wollen die Quadratur des
Kreises lösen: sie wollen den Frieden erhalten, aber die faschistischen
Diktaturen nicht stürzen; sie wollen die aggressive, zum Krieg treibende
Politik der faschistischen Diktaturen liquidieren, aber sich nicht für die
antifaschistische Front entscheiden.
Das Lebensinteresse der Völker in den demokratischen Staaten erfordert
Stellungnahme für die antifaschistische Friedensfront, das egoistische
Sonderinteresse der kapitalistischen Klassen hindert die eindeutige
Frontstellung der demokratischen Großmächte gegen die faschistischen
Kriegstreiber.
Wir stehen vor Entscheidungen von weltgeschichtlicher Bedeutung.
Wie diese Entscheidungen ausfallen, ob die Menschheit unter die „eiserne
Ferse" des Faschismus gezwungen oder die Bahn für den Aufstieg zu einer
höheren Gesellschaftsform freimachen wird, in der alle Menschen in Frieden und
Wohlstand leben können, das hängt vor allem davon ab, ob die Weltarbeiterklasse
als gewaltige Macht unmittelbar in die Weltpolitik einzugreifen vermag.
Alle Voraussetzungen für das Auftreten der Arbeiterklasse als machtvolle
geschichtsbildende Kraft sind gegeben. Das ist das positive Ergebnis der
veränderten weltpolitischen Situation. Die negative Nebenwirkung des
Machtzuwachses der Arbeiterklasse ist die schwankende Haltung der
demokratisch-kapitalistischen Staaten gegenüber der den Frieden bedrohenden
Politik Hitlers und Mussolinis. Zwei Seelen wohnen doch, in der Brust der
herrschenden Mächte dieser Staaten. Auf welche Seite sie sich endgültig
stellen, das wird sich wahrscheinlich erst in der letzten Stunde entscheiden. Die
konkrete Aufgabe der Arbeiterklasse in allen Ländern ist es, ihre Vaterländer
zu einer eindeutigen Stellungnahme zu veranlassen: zum Beitritt in den dann
übermächtig werdenden Friedensblock, der den faschistischen Diktaturen den
Ausweg in den Krieg versperrt und den Untergang der modernen Zivilisation
verhindert.
Wann und wie die endgültige Entscheidung der demokratischen Staaten fällt, wird
im wesentlichen von zwei Faktoren bestimmt werden:
Erstens davon, ob die faschistischen Diktaturen bei der fortgesetzten
Steigerung ihrer aggressiven imperialistischen Politik die Grenze
überschreiten, die die demokratischen Großmächte bei der Wahrnehmung ihrer
nationalen Lebensinteressen ziehen müssen. Diese Grenze ist — wie die
Geschehnisse in den letzten Jahren beweisen — sehr elastisch, sie ist immer
weiter rückwärts verlegt worden. Aber sie wird den Punkt erreichen, an dem die
Überschreitung durch faschistische Provokationen die demokratischen Großmächte
zur Gegenwehr zwingt.
Zweitens davon, wie groß die Einsicht, der Wille und der Einfluß der
Arbeiterklasse in den demokratischen Ländern ist, um diese zur eindeutigen
Stellungnahme für die demokratische, antifaschistische Friedensfront zu
bringen.
Die provokatorische Außenpolitik der faschistischen Diktaturen hat in allen von
ihr bedrohten Ländern günstige Voraussetzungen für erfolgreiche Aktionen zur
Stärkung der Friedensfront geschaffen. Der entscheidende subjektive Faktor, der
diese günstige objektive Situation zielbewußt ausnutzen muß, ist die
Arbeiterbewegung. Die Größe ihrer Macht und ihres Einflusses, die sie in den
einzelnen Ländern für die Erfüllung ihrer nächsten Aufgabe einzusetzen vermag,
wird nicht zuletzt von dem Grad ihrer Einigkeit und Geschlossenheit bestimmt.
Die Bildung einer aktionsfähigen Einheits- und Volksfront ist darum sowohl im
nationalen, wie im internationalen Rahmen eine unablösbare Pflicht. Wer heute
noch die gemeinsame antifaschistische Kampffront als Parteimanöver behandelt
oder betrachtet, verkennt die bedeutende geschichtliche Rolle der
Arbeiterklasse am Vorabend weltgeschichtlicher Entscheidungen. Die Volksfront
und die Voraussetzung für diese, die Einheitsfront, dienen nicht egoistischen
Interessen eines Teiles der Arbeiterbewegung, sie sind vielmehr Kampfmittel
aller Werktätigen für ihren Kampf um Freiheit und Fortschritt, für den Aufstieg
der Menschheit aus den Niederungen der steten Bedrückung und Bedrohung. Die
Arbeiterparteien der verschiedenen Länder können die Frage der gemeinsamen
antifaschistischen Kampffront nicht mehr nur nach innerpolitischen
Gesichtspunkten entscheiden, sie müssen ihre Entscheidung nach den Bedürfnissen
des umfassenden internationalen Befreiungskampfes des Proletariats treffen. Von
dem Tempo, in dem die Einheits- und Volksfront in den einzelnen Ländern zustande
kommt, von dem Tempo, in dem die Weltarbeiterklasse zu einem entscheidenden
Machtfaktor in der internationalen Politik wächst, wird es abhängen, ob den
Völkern der furchtbarste aller Kriege erspart werden kann, ob — wenn die
Verhinderung des Krieges trotz aller Anstrengungen nicht gelingt — in diesem
Kriege der Faschismus vernichtend geschlagen wird, und ob die Ursachen von
Krieg und Faschismus beseitigt werden können. Die geschichtliche Entwicklung
wird die Richtigkeit dieser Behauptung erweisen. Hoffentlich müssen Historiker
nicht einmal feststellen, daß diese Erkenntnis sich erst zu spät in den
einzelnen Arbeiterparteien durchgesetzt hat.
Die Einheits- und Volksfront, die in den demokratischen Ländern starken Einfluß
besitzt, kann diese zur Entscheidung für die antifaschistische Friedensfront
zwingen. Ist ihr Druck jedoch noch nicht stark genug, um ihr Land eindeutig in
den Friedensblock zu führen, so kann sie — wenn sie im Volke fest verankert ist
— doch das Einschwenken ihres Vaterlandes in die faschistische Front
verhindern. Auf jeden Fall wird es von der Einheits- und Volksfront abhängen,
ob die herrschenden kapitalistischen Mächte der einzelnen Länder vor dem Kriege
an der Seite der faschistischen Diktaturen zurückschrecken werden. Wenn nicht
für die Staatsmänner, so gewiß für die Völker der demokratischen Staaten, wird
im Kriege die gesinnungsmäßige Frontenbildung davon bestimmt werden, daß auf
der einen Seite die faschistische Diktatur, auf der anderen Seite der
sozialistische Arbeiterstaat steht. Ebenso wie die Situation, ist auch die
Stimmung der Volksmassen eine wesentlich andere als 1914. Die zielbewußte
Ausnutzung dieser Tatsache ist die Pflicht der antifaschistischen Bewegung.
Müssen die Herrschenden aller Länder damit rechnen, daß in einem Kriege, den
sie an der Seite der faschistischen Diktaturen führen wollen, große Volksmassen
gegen sie auftreten werden, so wird die Angst vor dem Risiko dieses Krieges
ihre endgültige Entscheidung nicht unwesentlich beeinflussen. Eine mächtige,
einig handelnde antifaschistische Kampffront kann unmittelbar oder mittelbar
den Friedensblock so stark machen, daß die faschistischen Kriegstreiber den
Überfallkrieg gegen einzelne Staaten nicht mehr wagen können.
Die nächsten großen Entscheidungen fallen auf dem Boden der internationalen
Politik. Brennend wichtig ist darum die internationale Einheitsfront aller
demokratischen Kräfte — ohne Unterschied der Parteirichtung — mit der
Sowjetunion. Die neue internationale Situation fordert klare Frontenbildung;
sie verlangt besonders von allen Teilen der internationalen Arbeiterbewegung
eine eindeutige Stellungnahme. Das gemeinsame Interesse der Weltarbeiterklasse
gebietet, daß in dem gewaltigen Ringen unserer Zeit alle Teile der
internationalen Arbeiterbewegung Schulter an Schulter mit der Sowjetunion
kämpfen. Nur dann wird die Arbeiterklasse das positive Ergebnis der veränderten
weltpolitischen Situation, als geschichtsbildende Kraft die nächsten
Entscheidungen zu bestimmen, auch positiv auswerten können.
Von der Parteien
Haß und Liebe gezeichnet, schwankt das Bild der Sowjetunion in den
zeitgenossischen Betrachtungen. Kein Land hat in den letzten zwei Jahrzehnten
die Aufmerksamkeit der Menschen aller Erdteile so auf sich gelenkt wie die
UdSSR. Die Einen bejahen mit Begeisterung das neue Werden im Osten. Die Anderen
verfluchen es als ein Teufelswerk der Hölle. Die Dritten schwanken zwischen
diesen beiden Extremen hin und her, finden Fehler und Mängel, mit denen sie
ihre unschlüssige Haltung begründen. Alle aber bekunden — durch positive oder
negative Stellungnahme — die große Bedeutung der UdSSR in den Kämpfen unserer
Zeit. Und in der Tat; künftige objektive Historiker werden feststellen, daß mit
dem Siege der proletarischen Revolution in einem Lande und mit der Sicherung
und Festigung dieses Sieges der Durchbruch in eine neue Epoche gelungen ist:
daß der Aufbau des ersten sozialistischen Arbeiterstaates die größte
geschichtliche Leistung der Vergangenheit war, der erste entscheidende Schritt,
der auf dem Wege zur Verwirklichung des Sozialismus, zu einer höheren,
vollkommeneren menschlichen Gesellschaft vorwärts gemacht wurde.
Jedoch nicht nur der rückschauende Historiker, auch der in der Geschichte aktiv
handelnde politische Mensch muß die Kräfte und Mächte in der Weltpolitik, die
großen Ereignisse und Veränderungen in ihrem geschichtlichen Zusammenhange
betrachten. Dann aber wird er erkennen, daß die Sowjetunion zu einem
Machtfaktor in der Weltpolitik geworden ist, von dessen Bestand und Stärke es
entscheidend mit abhängt, ob die Menschheit durch den Sieg des Faschismus weit
zurückgeworfen wird, in einen Zustand tiefster Barbarei — der dem heutigen
Stand der Entwicklung vollkommen widerspricht — oder ob die zum Sturz reife
kapitalistische Klassenherrschaft durch den Sozialismus abgelöst wird. Das
Große, für den Befreiungskampf der Menschheit Bedeutungsvolle jedoch ist: die
auf den Trümmern des alten morschen Zarenreiches entstandene Sowjetunion ist
nur darum zu einem entscheidenden Machtfaktor in der Weltpolitik geworden, weil
die siegreiche proletarische Revolution die kapitalistische Klassenherrschaft
rücksichtslos vernichtete, die Produktionsmittel vergesellschaftete, und mit
sozialistischen Wirtschaftsmethoden in atemberaubendem Tempo einen gewaltigen
ökonomischen Aufbau vollzog. Erst die Entfesselung der vom kapitalistischen
Profitinteresse niedergehaltenen Produktivkräfte, erst die Befreiung der
Menschen aus der kapitalistischen Sklavenfron hat die Sowjetunion befähigt,
alle wirtschaftlichen und menschlichen Kräfte für den Aufstieg und für die
Verteidigung der Heimat zu mobilisieren. Ohne den sozialistischen Aufbau wäre
die UdSSR nie die große wirtschaftliche und militärische Macht in der
Weltpolitik geworden, die auch die Waffen zu gebrauchen versteht, mit denen die
kapitalistische Klassenherrschaft noch heute über fünf Sechstel der Erde
aufrechterhalten wird, und vor denen allein die Herren der kapitalistischen
Weltordnung Respekt haben.
Von manchen aus den Reihen der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Kritikern der
Sowjetunion wird bestritten, daß die in harten Kämpfen unter großen Opfern
aufgebaute Macht der UdSSR auch tatsächlich für den Sieg des Sozialismus in der
ganzen Welt wirkt. Die Geschichte der russischen Revolution, die objektive
Analyse der Entwicklung und der Politik der Bolschewistischen Partei beweist,
daß die Zweifel der Kritiker unberechtigt sind. Die endgültige Sicherung des
ersten Arbeiterstaates ist eng verbunden mit dem sozialistischen Vormarsch in
den anderen Ländern. Das ureigenste Interesse gebietet der Sowjetunion, für den
Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt zu wirken. Aber der Weltsieg des
Sozialismus kann nicht ohne den Machteinsatz der Weltarbeiterklasse erfochten
werden. Die internationale Arbeiterbewegung ist der entscheidende Machtfaktor
im Weltkampf um den Sozialismus; ihre Kraft und die Festigkeit ihres Bündnisses
mit der Sowjetunion wird den Ausgang des Kampfes um eine neue Weltordnung
bestimmen. Die internationale Arbeiterbewegung kann eine große, gewaltige
Kampfkraft entfalten. Aber die ideologische Verwirrung in ihren Reihen, ihre
Uneinigkeit und die gegenseitige Bekämpfung der verschiedenen Gruppen machen
sie zeitweise aktionsunfähig, hindern nur zu oft in entscheidenden Situationen
den vollen Einsatz ihrer Macht.
Es ist unbestreitbar, daß die Kampffront für den Sozialismus in den
kapitalistischen Ländern heute noch nicht so stark ist wie die Sowjetunion.
Jedoch auch die internationale Machtposition der UdSSR ist in weitgehendem Maße
abhängig von der Stärke der internationalen Arbeiterbewegung. Ist diese
aktionsunfähig, wird dadurch auch die Stoßkraft der Sowjetunion geschwächt.
Gerade die durch Uneinigkeit verschuldete Schwäche der internationalen
Arbeiterbewegung ist es, die oft den von ungeduldigen Kritikern geforderten
Einsatz der Sowjetmacht an allen Kampffronten erschwert. Wie schicksalhaft die
zwei entscheidenden Faktoren in der Kampffront für den Sozialismus miteinander
verbunden sind, wird am deutlichsten dadurch charakterisiert, daß die Größe der
Aktionsfähigkeit des einen von der des anderen bedingt wird, daß die Stoß- und
Wirkungskraft beider von ihrem gegenseitigen Verhältnis abhängt. Steht die
internationale Arbeiterbewegung einig und geschlossen in enger
Kampfgemeinschaft, sieht sie in dem ersten Arbeiterstaat mehr noch als einen
Verbündeten, so wird sie dadurch gewaltig erstarken und in der Wechselwirkung
auch die Aktionskraft der Sowjetunion bedeutend steigern; andererseits wird
durch die erhöhte Aktionskraft der Sowjetunion die Machtposition der
Internationalen Arbeiterbewegung vergrößert. Außerdem wird der von einer
mächtigen, einigen internationalen Arbeiterbewegung unterstützte Arbeiterstaat
manche zeitweilig notwendigen Konzessionen und Kompromisse unterlassen können
und damit vielen Kritikern die Möglichkeit zu ihrer verwirrenden Kritik nehmen.
Die ideologische Klärung wird sich viel rascher vollziehen, und auch dadurch
wird die internationale Arbeiterbewegung unvergleichlich stärker, mächtiger und
einflußreicher werden, als sie heute ist. Der Ausgangspunkt für die Überwindung
aller vorhandenen Schwierigkeiten und Schwächen ist jedoch die gemeinsame
Kampffront der gesamten internationalen Arbeiterbewegung und ihre
unerschütterliche Kampfgemeinschaft mit der Sowjetunion. Darum ist es eine
unumgängliche Pflicht, alle proletarischen Kräfte zum einheitlichen Handeln
zusammenzufassen und den festen Kampfblock der Weltarbeiterklasse mit der
Sowjetunion zu schmieden. Das unerschütterliche Zusammenwirken der beiden
entscheidenden geschichtlichen Kräfte in der Front gegen Krieg und Faschismus
wird den Weltsieg des Sozialismus wesentlich beschleunigen.
Es geht um Sein oder Nichtsein. Wir stehen vor dem großen Kampf, dem keiner
sich entziehen kann. Die herannahende Entscheidung verlangt gebieterisch die
Geschlossenheit aller proletarischen Kräfte und deren klare, eindeutige
Stellungnahme zur Sowjetunion. Die geschichtliche Situation duldet in dieser
Frage kein Ausweichen mehr. Wer den Faschismus schlagen will, kann nicht mehr
„Ja aber" oder „Ja und Nein", der muß eindeutig Ja zur Sowjetunion
sagen. Wer dieses klare Ja verweigert oder abschwächt, gerät — wenn er nicht
schon dort steht — auf die falsche Seite der Barrikade.
Die faschistischen Feinde der Arbeiterklasse haben die große geschichtliche
Bedeutung der Sowjetunion in den Kämpfen unserer Epoche klarer erkannt als
große Teile der Weltarbeiterklasse. Die Faschisten fürchten in dem von ihnen
vorbereiteten Kriege nicht nur die gewaltige militärische und wirtschaftliche
Macht der Sowjetunion, sondern auch die ideologische Fernwirkung des
sozialistischen Arbeiterstaates auf ihre eigenen Volksgenossen. Darum betreiben
sie eine ununterbrochene systematische Hetze gegen die Sowjetunion; sie wollen
durch Lügen und Verleumdungen die Sympathien der freiheitlich gesinnten Massen
ihrer Länder für die UdSSR zerstören. Endlos werden Märchen von dem
verhungernden russischen Volke aufgetischt, entrüstet wird berichtet, daß in
der Sowjetunion zehntausende edler Menschen in besonders fürchterlichen
unterirdischen Gefängnissen schmachten, daß die Zahl der täglich zu
Erschießenden generell auf 150 festgesetzt ist. Die Hetze gegen die Sowjetunion
erfolgt nach dem in „Mein Kampf" von Hitler niedergeschriebenem Rezept,
daß eine Lüge nur groß genug sein muß, um geglaubt zu werden. Die Mehrheit der
deutschen Arbeiterschaft fällt auf die faschistischen Hetzreden gegen die
Sowjetunion nicht mehr herein. Aber es gibt trotzdem noch genug Arbeiter, und
vor allem Angehörige anderer Klassen, die von den Lügen der Faschisten zumindest
so weit beeindruckt werden, daß sie, auch wenn sie dem Faschismus gegenüber
bereits eine negative Haltung einnehmen, zu keiner positiven Kampfstellung
gelangen. Schon allein darum ist die Widerlegung dieser Märchen und die
sachliche Aufklärung der Massen über die wirkliche Entwicklung in der
Sowjetunion dringend notwendig. Mehr noch als durch die Lügen der Faschisten
werden die Volksmassen in den kapitalistischen Ländern bei der Stellungnahme
zum ersten Arbeiterstaat durch die oft unsachliche Kritik angeblicher Freunde
der UdSSR verwirrt. Diese Kritik wird überall von den Faschisten als „wichtiges
Material" für ihre Lügen aufgegriffen und aufgebauscht.
Die Kritik der angeblichen Freunde der Sowjetunion stützt sich auf Fehler oder
Mängel, die sich zeitweise ergaben, und die — aufgebauscht — als
Dauererscheinungen und als entscheidendes Charakteristikum der
Sowjetgesellschaft dargestellt werden. Diese Kritiker haben die große
geschichtliche Tat, die der Aufbau des ersten Arbeiterstaates inmitten der kapitalistischen
Umwelt ist, nicht begriffen. Es gibt in der Geschichte keine epochemachende
Leistung, die in ihrem Entfaltungsprozeß nicht mit Mängeln behaftet gewesen
wäre. Niemand anders als Karl Marx hat immer wieder darauf hingewiesen, daß die
proletarische Revolution unvergleichlich schwierigere Aufgaben zu lösen hat als
die bürgerlichen Revolutionen. Die größten Schwierigkeiten der proletarischen
Revolution beginnen erst nach dem ersten siegreichen Vorstoß, nach der
politischen Machteroberung, — wenn nach der Zerschlagung des kapitalistischen
Machtapparates ein vollständig neuer Machtapparat aufgebaut und die
grundlegende Umwälzung der ökonomischen Fundamente der Gesellschaft
durchgeführt werden muß. Die bürgerlichen Revolutionen, die auf den für ihren Sieg
herangereiften Verhältnissen nur weiter zu bauen brauchten, hatten es leichter,
— und trotzdem weist ihre Geschichte unzählige Mängel und Fehler auf. Aber kein
fortschrittlicher Mensch macht seine Stellung zu dem Ergebnis dieser
Revolutionen, die eine neue Epoche in der Geschichte einleiteten, von den
vielfältigen Fehlern abhängig. Wäre aber schon die Durchführung der
proletarischen Revolution, wenn sie gleichzeitig in mehreren hochentwickelten
Industrieländern gesiegt hätte, viel schwieriger als jede bürgerliche
Revolution gewesen, so mußten die Schwierigkeiten unermeßlich sein, da der Sieg
der proletarischen Revolution auf ein einziges rückständiges Agrarland
beschränkt blieb.
Die siegreiche proletarische Revolution in dem rückständigen Zarenreich, die
inmitten der kapitalistischen Umwelt den sozialistischen Aufbau beginnen mußte,
hatte darum nach dem Ausbleiben der proletarischen Revolution in anderen
Ländern unendlich viel größere Schwierigkeiten zu überwinden als jede andere
geschichtliche Umwälzung in der Vergangenheit. Unter den gegebenen Umständen
konnte es im Ringen um die Erhaltung der Oktoberrevolution nicht gradlinig
aufwärts gehen. Es waren zeitweise Rückzüge, Konzessionen und Kompromisse
ebenso notwendig wie harte Maßnahmen gegen diejenigen, die sich aus Feindschaft
oder Kurzsichtigkeit, aus Verärgerung oder Ungeduld der planmäßigen Entwicklung
zur neuen Gesellschaft entgegenstellten. Der Marxist weiß, daß die Umwandlung
der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische nicht über Nacht, durch
einen alles bisherige Sein auf den Kopf stellenden einmaligen Akt, vollbracht
werden kann. Selbst unter den günstigsten objektiven Voraussetzungen — bei
gleichzeitigem Siege der proletarischen Revolution in mehreren
fortgeschrittenen Ländern — entwickelt sich die neue sozialistische
Gesellschaft nur in langwierigen, schweren Kämpfen aus dem Schöße der
kapitalistischen Gesellschaft; und sowohl die Verhältnisse, wie die Menschen
sind in den ersten Stadien der sozialistischen Gesellschaft noch mit den Muttermalen
der kapitalistischen Gesellschaft behaftet.
Unter den besonders schwierigen und komplizierten Verhältnissen, unter denen
nach der Oktoberrevolution der Aufbau des Sozialismus in einem Lande in Angriff
genommen werden mußte, sind Fehler und Mängel unvermeidlich gewesen. Es ist
begreiflich, daß der marxistisch ungeschulte Mensch in der Entwicklung der
Sowjetunion unklare und verwirrende Bilder sah, seinen Blick an diesen haften
ließ und darüber hinaus nicht die geschichtliche Leistung des Aufbaus des
ersten sozialistischen Arbeiterstaates erkannte. Bis zum endgültigen Siege des
Sozialismus in der ganzen Welt werden allen siegreichen proletarischen
Revolutionen Mängel anhaften, werden aus der Situation inmitten der
kapitalistischen Umwelt und im Zusammenhang mit den Aktionen der Gegner
taktische Maßnahmen notwendig sein, die wie Rückzüge aussehen oder als Fehler
erscheinen. Das Entscheidende jedoch ist, ob die Bewegung, die an der Spitze
der siegreichen proletarischen Revolution steht, das revolutionäre Ziel immer
vor Augen hat und unerschütterlich an ihm festhält. Das Entscheidende ist, daß
sie die Macht und die Fähigkeit besitzt, notwendig gewesene Konzessionen
aufzuheben — sobald sie im Zuge der Entwicklung nicht mehr notwendig sind oder
dem revolutionären Ziel gefährlich werden könnten. Die zwanzigjährige
Geschichte der Sowjetunion hat bewiesen, daß die leninsche Partei als Führerin
der russischen Revolution in jeder Situation unverrückbar am revolutionären
Ziel festgehalten hat, und daß sie mit dem Blick darauf — getreu der Lehre
ihres Begründers — immer das nächste Kettenglied packte und alle zeitweisen
Konzessionen rechtzeitig wieder zu liquidieren vermocht hat. Zwei Jahrzehnte
nach dem Siege der Oktoberrevolution ist der Sozialismus das unbestritten
herrschende Wirtschaftsprinzip in der Sowjetunion. Die Stabilisierung der
siegreichen proletarischen Revolution und der erfolgreiche sozialistische
Aufbau in einem Lande sind eine epochemachende Leistung, die kein objektiver
Kritiker und Historiker mehr bestreiten kann. Im Vergleich zu diesem Ergebnis
sind Notfehler, die weniger durch die siegreiche Partei in der Sowjetunion, als
durch das Ausbleiben der proletarischen Revolution in den anderen Ländern
verschuldet sind, belanglos.
Die Sozialdemokratie, die viel zu lange die Sowjetunion als die Sache einer
gegnerischen Partei und nicht als die Sache der internationalen Arbeiterklasse
betrachtete, hat die in den Jahren mühseligen Ringens um den sozialistischen
Aufbau entstandenen Mängel und Fehler maßlos übertrieben und zur Propaganda
gegen die in der Sowjetunion verwirklichte Lösung benutzt. Die kritische, die
oft mehr als kritische, ablehnende Haltung der sozialdemokratischen Bewegung
gegenüber dem heroischen Kampf der russischen Arbeiterklasse hat wesentlich die
Haltung der sozialdemokratischen Arbeitermassen in den kapitalistischen Ländern
beeindruckt und ihre positive Einstellung zum ersten Arbeiterstaat erschwert.
Die gegen alle Widerstände durchgesetzten großen unbestreitbaren Erfolge des
sozialistischen Aufbaus haben entscheidende Teile der sozialdemokratischen
Kritik an der UdSSR widerlegt. Noch mehr aber hat die krisenhafte Zuspitzung
der weltpolitischen Situation, die durch das Auftreten der faschistischen
Diktaturen erfolgte, die große Bedeutung der Sowjetunion klargemacht. Unter dem
Druck der geschichtlichen Entwicklung haben die Argumente reformistischer
Kritiker ihre Wirkung auf große Teile der sozialdemokratischen Anhängerschaft
verloren. Tatsachen sprechen eine zu deutliche Sprache. Auch die sozialdemokratischen
Arbeiter haben trotz oft sehr entstellenden Berichten ihrer Presse über die
Sowjetunion allmählich die grundsätzliche Bedeutung des ersten Arbeiterstaates
erkannt. Besonders nach dem Siege Hitlers haben sie begriffen, daß nur der konsequent
revolutionäre Weg einer proletarischen Partei den Übergang von der
kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaftsordnung ermöglichen und dem
Volke die furchtbare Herrschaft des Faschismus ersparen kann. Trotzdem ist die
offizielle sozialdemokratische Kritik nicht verstummt. Aber ihre Form und die
Objekte ihres Angriffes sind andere geworden. Es scheint wie ein Witz, daß
dieselben Reformisten, die früher die leninsche Partei wegen der radikalen,
konsequenten Durchführung der sozialen Revolution und der sich daraus
ergebenden Konsequenzen angriffen, heute derselben Bolschewistischen Partei
Preisgabe der Weltrevolution, angeblichen Verrat der Oktoberrevolution und die
Vernichtung der „alten bolschewistischen Garde" vorwerfen. Die offiziellen
sozialdemokratischen Kritiker der Sowjetunion grenzen sich zwar mehr oder
weniger scharf von Trotzki ab; aber sie gebrauchen die Argumente der
Trotzkisten als angeblichen Beweis dafür, daß die UdSSR nicht den Wünschen und
Vorstellungen der unter dem Druck des Kapitalismus leidenden Massen entspricht.
Aus der Situation innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung, aus der
Zuspitzung der weltpolitischen Gegensätze erhält der Trotzkismus eine —
allerdings zeitlich bedingte und begrenzte — ideologische Wirkungsmöglichkeit
über den engen Kreis seiner Anhänger hinaus. Er liefert allen halben und ganzen
Gegnern, allen offenen und versteckten Feinden der Sowjetunion das Rüstzeug für
den Kampf gegen den ersten Arbeiterstaat. Er trägt in der Zeit, in der nichts
so notwendig ist wie die gemeinsame Kampffront des Proletariats, Verwirrung in
die Reihen der nichtrussischen Arbeiterschaft; er erschwert deren allgemeine,
vollständige, eindeutige Stellungnahme für die UdSSR.
Daß der Trotzkismus gerade in dieser Zeit west- und mitteleuropäische
Sozialdemokraten ideologisch zu beeinflussen vermag, hat aus der Entwicklung
erwachsene Ursachen. Hitlers Sieg hat eine starke Linksentwicklung in den
sozialdemokratischen Parteien ausgelöst, die große Teile der
sozialdemokratischen Anhängerschaft in ein besseres Verhältnis zur Sowjetunion
brachte. Aber die Sozialisten, die sich innerlich vom Reformismus abgewandt
hatten und für den revolutionären Weg entschieden, wußten wegen der
Vernachlässigung der sowjetrussischen Probleme in ihren Parteien zu wenig von
der Geschichte der russischen Revolution. Ihre mangelnde Kenntnis der Kämpfe um
die Sicherung der siegreichen proletarischen Revolution und den sozialistischen
Aufbau machten sie unsicher. Die trotzkistischen Angriffe gegen die Sowjetunion
verwirrten diese Sozialisten, und es bedrückte sie, daß die Bolschewistische
Partei angeblich von dem revolutionären Wege abweicht, zu dem sie sich endlich
mühselig durchgerungen haben. Gerade die Menschen, die der plötzliche
Zusammenbruch ihrer reformistischen Illusionen tief erschütterte, waren für die
am radikalsten klingenden Losungen zunächst besonders empfänglich. Sie wollten
nach ihrer ersten gefühlsmäßigen Wandlung nichts mehr vom Kampf um Reformen
wissen und nichts mehr von der mißverstandenen, in Deutschland so kläglich
zusammengebrochenen Demokratie hören. Die ruckartige Wandlung von rechts nach
links erzeugte bei den vom Reformismus enttäuschten Sozialdemokraten
zwangsläufig ultralinke Stimmungen, aus denen heraus sie — die früher die
Sowjetunion von rechts kritisierten — nunmehr den „von links" kommenden
Einwänden gegen den Arbeiterstaat zugänglicher wurden. In der ersten
Entwicklungsphase des ideologischen Wandlungsprozesses der Sozialdemokraten
sind sie bei der Beurteilung trotzkistischer Argumente manchmal schwankend; sie
finden aber schnell das eindeutige Verhältnis zur Sowjetunion, wenn sie die
Zusammenhänge der russischen Revolution und deren Probleme nicht mehr nur
gefühlsmäßig, sondern sachlich beurteilen können.
Der Kampf gegen Krieg und Faschismus verlangt gebieterisch die Sammlung aller
proletarischen Kräfte zu einer geschlossen handelnden Einheit. Die Trotzkisten
bemühen sich, um jeden Preis schwache Punkte im Sowjetregime zu
„entdecken", um Mißtrauen gegen den Arbeiterstaat zu säen. Der Trotzkismus
hat sich zu einer negativen Kraft entwickelt, die die werdende gemeinsame
Kampffront der internationalen Arbeiterbewegung stört, die Massen verwirrt, und
sie von einer eindeutig positiven Stellungnahme für die Sowjetunion abzuhalten
versucht. Welchen Motiven das Handeln der Trotzkisten entspringen mag, mit
welchen Argumenten man es zu begründen versucht, es dient in der zugespitzten
weltpolitischen Situation ausschließlich den Feinden des Sozialismus.
Wir stehen in der Epoche der Entscheidungskämpfe um den Sozialismus. Im Kampf
um die Verhinderung des Krieges reift die Situation heran, in der über das
weitere Schicksal der Welt entschieden wird. Gelingt es einer übermächtigen
Friedensfront, den Krieg zu verhindern, so wird die Hitlerdiktatur am Frieden
ersticken. Kann Hitler den kriegerischen Ausweg nicht beschreiten, so werden
krisenhafte Erschütterungen objektive Voraussetzungen für den Sturz der
faschistischen Diktatur schaffen. Aus den Trümmern der Hitlerdiktatur wird aber
nicht nur ein neues Deutschland, sondern ein neues Europa erstehen, das
Faschismus, Kriegs- und Krisengefahr verbannen und auch die Ursachen dieser
Übel beseitigen wird. Läßt aber der Faschismus sich auch von der stärksten
Friedensfront nicht vom Kriegsabenteuer abhalten, dann werden im Kriege und im
Anschluß an diesen Entscheidungen fallen, die die Welt viel mehr verändern
werden, als das der letzte Krieg getan hat. Wie die Entscheidungen ausfallen
werden, das wird von der Einigkeit und Schlagkraft der internationalen Arbeiterbewegung
abhängen.
Betrachtet man die Aufgaben der Arbeiterklasse aus der Perspektive der
weltgeschichtlichen Situation, dann erscheinen all die Streitereien der
Arbeiterparteien um tagespolitische Differenzen klein und töricht. Es ist
wahrlich an der Zeit, daß alle Sozialisten über den Tag hinaus ihre große
geschichtliche Aufgabe sehen. Der Untergang kann nur verhindert werden, wenn
der Front der faschistischen Kriegstreiber die einige antifaschistische Front
gegenübergestellt wird.
Sowjetunion und internationale Arbeiterbewegung — das sind die beiden
ausschlaggebenden Pfeiler der antifaschistischen Friedensfront. Sie müssen über
alle Schwierigkeiten und Hemmungen hinweg fest zusammenstehen. Nur dann wird
die Weltarbeiterklasse in der Zeit der Entscheidungen ihrer geschichtlichen
Aufgabe gewachsen sein, nur dann wird sie fähig sein, das in der sozialen
Entwicklung unnötige, grausige Zwischenspiel der faschistischen Weltherrschaft
zu verhindern, nur dann wird sie stark und mächtig genug sein, um die zum Sturz
reife kapitalistische Klassenherrschaft zu überwinden, um die Bahn frei zu
machen für den Sozialismus, die „Brüderlichkeit der Menschheit".
Wer die gemeinsame Kampffront der gesamten internationalen Arbeiterbewegung mit
dem ersten Arbeiterstaat hindert oder stört, schädigt nicht nur die gemeinsamen
Interessen der Arbeiterklasse, er wird zum indirekten oder direkten Helfer des
Faschismus. Für oder wider die Sowjetunion! Ja oder Nein! Jede unklare
Zwischenstellung stärkt die Position der faschistischen Kriegstreiber, die in
der ganzen Welt Freiheit und Fortschritt in Blut ersäufen wollen. Die
Proletarier aller Länder müssen sich eindeutig an die Seite der UdSSR stellen
und gegen jene, die aus Kurzsichtigkeit oder blindem Haß zu unfreiwilligen oder
freiwilligen Helfern der Feinde des Sozialismus werden.
Die Geschichte ist Lehrmeisterin für die Kampfe der Gegenwart.
Kenntnis der Vergangenheit ist eine der Voraussetzungen für die richtige
Stellungnahme zu den Tagesaufgaben. Die große Bedeutung der Sowjetunion für die
entscheidende Auseinandersetzung in der Weltpolitik erfordert eine klare,
sachliche Urteilsbildung über die Entwicklung und den Zustand des ersten
Arbeiterstaates. Die fortgesetzten Angriffe des Trotzkismus auf die UdSSR
zwingen allein schon im Interesse der notwendigen Sammlung der freiheitlichen
Kräfte gegen den faschistischen Weltfeind zu einer gründlichen, sachlichen
Auseinandersetzung. Der Kampf des Trotzkismus gegen den Bolschewismus, der schließlich
in eine feindselige Hetze gegen die Sowjetunion ausartete und die Trotzkisten
an die Seite der Feinde der Arbeiterklasse führte, hat seine Ursache in den
alten, bereits um die Jahrhundertwende auftretenden prinzipiellen politischen
und taktischen Gegensätzen zwischen Lenin und Trotzki. Das Auftreten des
Trotzkismus in unserer Zeit kann nur verstanden werden, wenn man die
historische Entwicklung der von Trotzki gegen Lenin und den Leninismus
begründeten Fraktion kennt. Wer sich ein objektives Urteil über den Kampf
Trotzkis gegen die Bolschewistiche Partei bilden will, muß sich mit der
Geschichte des Trotzkismus von Anbeginn beschäftigen.
In dem Rotbuch, das die Trotzkisten zum Moskauer Prozeß gegen Sinowjew,
Kamenew, Smirnow und Genossen herausgegeben haben, steht an der Spitze ein Bild
von Lenin und Trotzki mit der Unterschrift „Die wahren Angeklagten". Die
Trotzkisten behaupten, zwischen Lenin und Trotzki habe eine so innige
Kampfgemeinschaft bestanden, daß derjenige, der heute Trotzki verurteile, zugleich
auch Lenin verdamme. Denn Lenin und Trotzki seien immer eine unzertrennliche
Einheit gewesen. Wer nichts anderes als Trotzkis Bücher über die russische
Revolution kennt, muß glauben, daß Trotzki neben Lenin der erste und beste
Repräsentant der Bolschewistischen Partei, der ruckgratfesteste Vertreter der
alten bolschewistischen Garde sei. Diese Legende spukt im europäischen
Proletariat, soweit es mit der Geschichte der russischen Arbeiterbewegung nicht
genügend vertraut ist.
Die geschichtliche Wahrheit, ist, daß Trotzki alles andere denn ein alter
Bolschewik war. Er hat im Gegenteil in entscheidenden Situationen in scharfer
Kampfstellung gegen die Bolschewiki und gegen Lenin gestanden. Trotzkis
politische Tätigkeit beginnt um das Jahr 1900. Von 1901 bis Anfang 1903 stand
er in Verbindung mit dem Kreise der alten „Iskra“, zu deren Redaktion neben
Lenin auch die späteren Menschewiki Plechanow, Axelrod, Martow, Sassulitsch und
Protessow gehörten. Als Trotzki Ende 1902 zum ersten Male ins Ausland ging, kam
er in London zu Lenin, der ihn freundlich aufnahm und förderte, weil er seine
journalistischen und rednerischen Fähigkeiten schätzte. Aber schon damals waren
— nach der Darstellung Trotzkis — seine persönlichen Beziehungen zu Axelrod und
Martow enger als zu Lenin. Im Juli 1903 fand in London der zweite Parteitag der
russischen Sozialdemokratie statt, auf dem wegen Meinungsverschiedenheiten über
das Organisationsprinzip und über die Zusammensetzung der Redaktion der
„Iskra" die Partei sich in Bolschewiki und Menschewiki spaltete. In dem
entscheidenden Konflikt dieses Parteitages trat Trotzki zum ersten Male gegen
Lenin auf, ging mit Axelrod und Maitow und wurde Menschewik. Von 1903 ab machte
Trotzki vielerlei Wandlungen durch, blieb aber bis 1917 ein offener Gegner
Lenins. Trotzki hat in all diesen Jahren eine eigene politische Linie zwischen
Menschewiki und Bolschewiki zu entwickeln versucht: den Trotzkismus, der in
allen entscheidenden Fragen der russischen Arbeiterbewegung und der russischen
Revolution im Gegensatz zu Lenin stand. Das erste Buch, das Trotzki über sein
Verhältnis zu Lenin veröffentlichte, erschien im Jahre 1924. Obwohl dieses Buch
den Titel „Über Lenin" trägt, berichtete Trotzki darin nur über zwei sehr
kurze Perioden aus Lenins Leben. Über die Zeit der ersten „Iskra"
(1902/03) und über den Oktober 1917. Die übrige Zeit, vor allem die anderthalb
Jahrzehnte der Vorbereitung der Oktoberrevolution, überspringt Trotzki, weil er
- damals noch in der Sowjetunion - keine Märchen Über seine unzertrennliche
Einheit mit Lenin auftischen konnte. Erst nach seiner Ausweisung hat Trotzki
versucht, sein Verhältnis zu Lenin von 1903 bis 1917 für den Legendengebrauch
zurechtzubiegen.
Aus der Zeit von 1903 bis 1917 gibt es eine Fülle unzweideutiger Beweise gegen die
von den Trotzkisten behauptete innige Kampfgemeinschaft zwischen Lenin und
Trotzki. Bei der — in späteren Kapiteln folgenden — Untersuchung der
organisatorischen, politischen und theoretischen Gegensätze zwischen
Bolschewismus und Trotzkismus wird Lenins Stellung zusammenhängend dargestellt.
Hier sollen vorweg nur einige Meinungsäußerungen Lenins herausgegriffen werden,
die Aufschluß über Lenins Verhältnis zur Politik und Person Trotzkis geben. In
einem im Mai 1911 veröffentlichten Artikel „Der historische Sinn des
innerparteilichen Kampfes in Rußland" schrieb Lenin (Ausgewählte Werke,
Band III, Seite 508 usf.):
„Trotzki... repräsentiert lediglich seine persönlichen Schwankungen und sonst
nichts. 1903 war er Menschewik; 1904 rückte er vom Menschewismus ab und kehrte
1905 zu den Menschewiki zurück, nur mit ultrarevolutionären Phrasen prunkend;
1906 wandte er sich abermals vom Menschewismus ab; Ende 1906 verfocht er
Wahlabmachungen mit den konstitutionellen Demokraten (d.h. er war faktisch
wieder mit den Menschewiki), und im Frühjahr 1907 sprach er auf dem Londoner
Parteitag davon, daß der Unterschied zwischen ihm und Rosa Luxemburg eher ,ein
Unterschied individueller Schattierungen als politischer Richtungen' sei.
Trotzki verübt ein Plagiat heute an dem geistigen Rüstzeug der einen, morgen an
dem der anderen Fraktion und gibt sich daher als über den beiden Fraktionen
stehend aus. Trotzki ist in der Theorie in nichts mit den Liquidatoren und den
Otsowisten einverstanden, in der Praxis aber ist er in allem mit den Golos- und
Wperjotleuten einverstanden. Wenn daher Trotzki den deutschen Genossen erzählt,
er vertrete die ,allgemeine Parteitendenz', so muß ich erklären, daß Trotzki
lediglich seine Fraktion vertritt und ausschließlich bei den Otsowisten und
Liquidatoren ein gewisses Vertrauen genießt."
Sinowjew charakterisierte die Rolle seines späteren Kampfgefährten Trotzki in
einem im Jahre 1924 veröffentlichten Artikel:
„Genosse Lenin hat mehr als einmal das „Gesetz“, nach dem die politischen
Wandlungen des Genossen Trotzki sich vollziehen, formuliert. Geht's aufwärts,
dann kommt Genosse Trotzki der bolschewistischen Linie ganz nahe. Tritt ein
Stocken ein oder geht es abwärts, dann macht Genosse Trotzki eine Schwenkung
nach rechts."
Angelica Balabanoff schrieb 1925 über Trotzkis Stellung in der russischen
Arbeiterbewegung („Tragödie Trotzki", Seite 71):
„Es ist allgemein bekannt, daß Trotzki schon vor der ersten russischen
Revolution vom Jahre 1905 Anti- und A-Bolschewist gewesen ist. Er nahm gegen
das Vorgehen und die Methoden der bolschewistischen Fraktion Stellung."
Die führenden Menschewiki beurteilten die Rolle Trotzkis ebenso wie Lenin. In
dem 1925 in der Laubschen Verlagsbuchhandlung in Berlin erschienenen Sammelwerk
über „Die Tragödie Trotzkis" schrieb (Seite 77 usf.) Paul Axelrod, einer
der führenden Menschewiki, nach der Feststellung, daß ihn mit Trotzki enge
Freundschaft verbunden habe:
„Meine jüngeren Parteifreunde haben indessen schon damals auf das viel zu
starke Hervortreten seines Ich-Bewußtseins hingewiesen, und ich muß nun, nach
den Erfahrungen, die er uns seither bereitet hat, sagen: meine Parteifreunde
hatten Recht und Trotzki verdient sein Schicksal. All dies, obwohl ich ihn sehr
gern hatte ... Nach dem Londoner Kongreß im Jahre 1903 ging Trotzki nach
München (1904). Von da ab war er weder Menschewik noch Bolschewik. Man verstand
einfach nicht, was er eigentlich wollte. Jetzt versteht man schon so manches:
Er wollte eben über den Parteien stehen, er wollte es erreichen, daß beide
Richtungen auf ihr eigenes Programm verzichten und sein Programm annehmen
sollten. Es war dies, sein Egozentrismus, der ihn schon damals in seinen
Handlungen geleitet hat. Eine Szene aus der Zeit um 1904: Man nahm eine
Resolution, die er nicht gebilligt hatte, an. Trotzki erhob sich und schlug die
Tür von außen heftig zu ... Im Jahre 1914 hatten wir einen bezeichnenden
Briefwechsel... Zu dieser Zeit aber war er noch alles andere, nur nicht ein
Bolschewik. Es kehrte eben wieder das alte Motiv zurück: einen Keil zu schlagen,
eine besondere Rolle spielen zu wollen." Die Urteile Lenins und Axelrods
über Trotzkis Politik stimmen weitgehend überein. Trotzkis Bemühungen,
Bolschewiki und Menschewiki zu „seinem" Programm zu bekehren waren — wie
die Geschichte gelehrt hat — sehr utopisch und illusionär, aber eben ein
wesentlicher Bestandteil des Trotzkismus.
Nicht minder hart waren Lenins Urteile über die Person Trotzkis. In einem Brief
vom 24. August 1909 schrieb Lenin (veröffentlicht in Leninski Sbornik) Nr. 25,
Seite 38, russisch:
„Was die ,Prawda' (Trotzkis damals in Wien erschienenes Blatt. D. V.) betrifft,
haben Sie den Brief Trotzkis an Inok gelesen? (Inok war das bolschewistische
ZK-Mitglied Dubrovinski. D. V.). Ich hoffe, Sie haben sich überzeugt, wenn Sie
ihn gelesen haben, daß Trotzki sich wie der niederträchtigste Karrierist und
Fraktionsmacher vom Schlage der Rjasanow & Co. betragen hat. Entweder
Parität der Redaktion, Unterordnung unter das ZK und niemanden nach Paris
überführen außer Trotzki (er will auf unsere Kosten die ganze Sippschaft der
,Prawda' unterbringen, der Schuft! — oder mit diesem Lump brechen und ihn im
Zentralorgan entlarven. Schwatzt von Partei, benimmt sich aber schlimmer als
alle übrigen Fraktionisten." Dieser Brief zeigt, daß Lenin in seinen privaten
Äußerungen noch viel härter über Trotzki urteilte als in seinen Artikeln. In
dem im Februar 1914 veröffentlichten Artikel „Über das Selbstbestimmungsrecht
der Nationen" schrieb Lenin in einer Polemik gegen Trotzki (Lenin,
Ausgewählte Werke, Band IV, Seite 298 usf.): Der dienstfertige Trotzki ist
gefährlicher als ein Feind!
Anderswoher als aus ,Privatgesprächen' (d.h. einfach aus Klatsch, von dem
Trotzki immer lebt) konnte er seine Beweise nicht sammeln, daß die ,polnischen
Marxisten' überhaupt mit jedem Artikel Rosa Luxemburgs übereinstimmen.
Trotzki hat die „polnischen Marxisten“ als Leute ohne Ehre und Gewissen
hingestellt, die nicht einmal ihre Überzeugungen und das Programm ihrer Partei
zu achten imstande sind. Der dienstfertige Trotzki!...
Warum hat Trotzki diese Tatsachen den Lesern seiner Zeitschrift verschwiegen?
Nur deshalb, weil es für ihn vorteilhaft ist, auf die Entfachung von
Differenzen zwischen den polnischen und den russischen Gegnern des
Liquidatorentums zu spekulieren und die russischen Arbeiter in der Programm
frage zu betrügen.
Noch niemals, in keiner einzigen ernsthaften Frage des Marxismus, hatte Trotzki
feste Meinungen, immer ,kroch er in die Risse und Spalte' dieser oder Jener
Meinungsdifferenzen und sprang dabei von einer Seite auf die andere..."
Das Schwanken, die wechselnden Auffassungen Trotzkis, sein Versuch, immer über
den Parteien zu stehen, oder (wie Axelrod sagte) einen Keil zu treiben, das hat
Lenin als wesentliche Eigenschaften Trotzkis und als nicht unwichtige Merkmale
des Trotzkismus bezeichnet. Leninismus, das war — in der idealen Vorstellung
aller überzeugten Leninisten — ein auf Grund einer realen Analyse des
wirklichen Rußland erarbeiteter fester Standpunkt, eindeutiges Handeln und
zielklares Arbeiten für die Erreichung der gesteckten Ziele. Das
Hinundherpendeln des Trotzkismus war das gerade Gegenteil der organisatorischen
Eigenheiten des Leninismus. Es ist darum durchaus verständlich, daß beide in
einen scharfen Gegensatz geraten mußten, der zeitweilig, in Zeiten des revolutionären
Aufstiegs, in denen Trotzki auf Grund seiner Schwankungen sich mehr zu den
Bolschewiki hingezogen fühlte, gemildert werden konnte, um nachher um so
schroffer wieder in Erscheinung zu treten.
Auch noch zu Beginn der Revolution — am 17. Februar 1917 — äußerte Lenin seine
persönliche Meinung über Trotzki sehr drastisch in einem aus Zürich
geschriebenen Briefe an Alexandra Kollontai (Lenin, Sämtliche Werke, Band XXIX,
Seite 290, russisch):
„Heute erhielten wir Ihren Brief und waren sehr erfreut über ihn. Wir wußten
lange nicht von Ihrem Aufenthalt in Amerika ... So angenehm es war, von Ihnen
über den Sieg Nikolai Iwanowitschs und Pawlows im ,Nowya Mir' zu erfahren ....
so bedauerlich ist die Nachricht vom Block Trotzki mit den Rechten zum Kampfe
gegen Nikolai Iwanowitsch. Ein solches Schwein, dieser Trotzki — linke Phrasen
und Block mit den Rechten gegen das Ziel der Linken! Sie müßten ihn wenigstens
in einem kurzen Brief an den ,Sozialdemokrat' entlarven."
Trotzki war zu jener Zeit gleichfalls in Amerika. In „Mein Leben" erwähnt
er auch Lenins Briefe an die Kollontai - ohne ihren Inhalt mitzuteilen. Er
schreibt dort, daß die Kollontai sehr konfus gewesen sei, und daß sie „Lenin
mit amerikanischen Informationen, unter anderem auch über meine Tätigkeit"
versorgte. Aus dem Briefe Lenins ist ersichtlich, daß er lange nichts von dem
Aufenthalt der Kollontai in Amerika wußte. Daraus geht hervor, daß Lenin sein
Urteil über das Verhalten Trotzkis in Amerika nicht nur auf Grund des Briefes
der Kollontai gebildet hatte. Außerdem hatte Lenin ja in den Kämpfen der
vergangenen Jahre viel zu sehr aus eigenen Anschauungen Trotzkis Bereitschaft,
mit den rechten Gegnern der Bolschewiki zusammenzugehen, gesehen. Er hat in
seinen publizistischen Äußerungen dem Sinne nach mehr als einmal dasselbe
Urteil über Trotzki gefällt, wie in dem Briefe an die Kollontai. Trotzki
behauptet, daß Lenin diese Urteile zurückgenommen habe; er sagt aber nicht, wo
das geschehen sein soll. Jedenfalls ist es eine unbestreitbare Tatsache, daß
der Kampf zwischen Lenin und Trotzki oft sehr heftige Formen angenommen hat.
Formen, die die von den Trotzkisten verbreitete Legende von der steten engen
Kampfgemeinschaft Lenins mit Trotzki Lügen strafen.
Lenins persönliche Urteile hatten immer politische Ursachen. Bei der
Darstellung der Gegensätze, die es nach der Oktoberrevolution noch zwischen
Lenin und Trotzki gab (über die zusammenhängend in einem anderen Kapitel
berichtet wird), schrieb Trotzki in „Mein Leben" (Seite 445):
„Wir waren beide zu ausgesprochene Revolutionäre und Politiker, um das
Persönliche von dem Politischen trennen zu können oder trennen zu wollen."
Auf Lenin trifft das zweifellos zu. Wenn Lenin so scharfe persönliche Urteile
über Trotzki fällte, so hatte das niemals persönliche, sondern politische
Ursachen. Die Heftigkeit der persönlichen Urteile Lenins über einen Gegner war
immer ein Gradmesser für die Größe seiner politischen Gegnerschaft zu diesem.
Aus der Schärfe der persönlichen Urteile Lenins über Trotzki ist zu ersehen,
wie groß die politische Kluft zwischen den Beiden war. Das läßt sich auch durch
die schönste Legendenerzählerei nicht aus der Welt schaffen.
Trotzki trat erst im Juli 1917 — also zwischen Februar- und Oktoberrevolution —
der Bolschewistischen Partei bei. Unter dem starken Druck des großen
geschichtlichen Geschehens vollzog Trotzki eine neue Wendung. Jedoch auch in
jener Zeit der Umgruppierung hat Lenin Trotzki nicht gerufen, er hatte vielmehr
auch damals noch starke Bedenken gegen ihn. Am 17. März 1917 schrieb Lenin in
einem Briefe an die Kollontai (Lenin Sämtliche Werke, Band XX, 1. Halbband,
Seite 6):
„Meiner Ansicht nach ist jetzt die Hauptsache, daß man sich nicht auf dumme
,Einigungs'- Versuche mit den Sozialpatrioten (oder, was noch gefährlicher ist,
mit schwankenden Elementen in der Art des Organisationskomitees oder Trotzkis
u. Co.) einläßt und daß die Tätigkeit unserer Partei in einem folgerichtig
internationalen Geiste fortgesetzt wird." Lenin warnte also noch nach
Ausbruch der Revolution vor dem Zusammengehen mit Trotzki. Er rechnete ihn zu
den gefährlichen schwankenden Elementen, mit denen man — wenn die revolutionäre
Entwicklung nicht gehemmt werden soll — keine Kompromisse machen darf. Lenin
sah weit über den Tag hinaus. Wichtiger als die mit Kompromissen erkaufte
Einigung mit schwankenden Elementen erschien ihm die konsequente Fortführung
der revolutionären Linie der Bolschewik. Wer in der Revolution mit den
Bolschewiki zusammenarbeiten wollte, der mußte sich zuerst zu ihren Prinzipien,
zu ihrer Politik bekennen. In den Aprilthesen hat Lenin den in der Revolution
einzuschlagenden, später so erfolgreichen Kurs niedergelegt. Trotzki suchte
erst nach seiner Anfang Mai 1917 erfolgten Rückkehr nach Rußland Anschluß bei
den Bolschewiki. Er mußte, wenn er in dem revolutionären Geschehen eine Rolle
spielen wollte, seine Zwischenstellung zwischen Bolschewiki und Menschewiki
aufgeben und sich für die einen oder die anderen entscheiden. Hätte er sich für
die Menschewiki entschieden, so wäre die Oktoberrevolution nicht andere
verlaufen, nur Trotzki wäre schon damals mit Kerenski und anderen von der
Bildfläche verschwunden. Denn nicht Trotzki, sondern die Bolschewistische
Partei hat die Oktoberrevolution vorbereitet und durchgeführt. Lenin hat
Trotzki durchaus nicht mit offenen Armen aufgenommen. Er schien ihm alles
andere als der Mann, ohne den die Bolschewiki — wie die trotzkistische Legende
behauptet — weder die Oktoberrevolution, noch den Bürgerkrieg siegreich beenden
konnten. Trotzki selbst berichtet in seinem Buche „Über Lenin" (Seite 60),
daß er Lenin in der Revolution zum ersten Male am 5. oder 6. Mai 1917
gesprochen habe:
„Ich sagte Lenin, daß mich nichts von seinen Aprilthesen und von dem ganzen
Kurs, den die Partei nach seiner Ankunft eingeschlagen hatte, trenne, und daß
ich vor der Alternative stünde, entweder sofort ,individuell' in die
Parteiorganisation einzutreten, oder zu versuchen, den besten Teil der
„Vereiniger“ mitzubringen ... Lenin sprach sich weder für das eine, noch für
das andere kategorisch aus." Trotzkis Darstellung ist nicht klar und
präzise. Aus ihr geht nur hervor, daß Lenin auf das Angebot Trotzkis, in die
Bolschewistische Partei einzutreten, keine Antwort gab, obwohl Trotzki
ausdrücklich beteuerte, daß er sich auf den Boden der leninschen Aprilthesen
stelle und den Kurs der Bolschewiki anerkenne. In der zitierten Schrift „Die
Tragödie Trotzkis" sagte der Herausgeber, ein Anhänger Trotzkis, zu dessen
Darstellung über sein erstes Zusammentreffen mit Lenin (Seite 7):
„Die Fassung ist hier also ein wenig unsicher. Jedenfalls liegen Äußerungen
noch aus dem Sommer 1917 vor, aus denen man den Schluß ziehen könnte, daß Lenin
zumindest über die Motive Trotzkis in dieser Angelegenheit anderer Meinung
war." Stalin warf in einer am 19. November 1924 gehaltenen Rede die Frage
auf: „Warum hielt es Lenin am zweiten Tage nach seiner Heimkehr aus dem
Auslande für notwendig, einen dicken Trennungsstrich zwischen sich und Trotzki
zu ziehen?
Die Antwort hat Lenin selbst gegeben. In Notizen für den Bericht einer Konferenz
sagte er: die Februarrevolution werde zusammenbrechen; „es sei darum notwendig,
sich auf diesen Zusammenbruch und auf eine Revolution vorzubereiten, die
1000-mal stärker sei als die Februarrevolution. Um das zu erreichen, müsse man
fest sein wie ein Stein in der proletarischen Linie gegen die kleinbürgerlichen
Schwankungen". Zu den Gruppierungen mit kleinbürgerlichen Schwankungen
rechnete Lenin in diesen Notizen aber auch Trotzki. Ihm gegenüber mußte man
„fest sein wie ein Stein", wenn aus der zusammenbrechenden
Februarrevolution sich die siegreiche Oktoberrevolution entwickeln
sollte."
Trotzki ist 1917 — nach einer anderthalb Jahrzehnte währenden Feindschaft mit
den Bolschewiki — vorübergehend in die Bolschewistische Partei eingetreten.
Aber schon nach sehr kurzer Zeit hat er wieder seine eigene Linie, den
Trotzkismus, zu vertreten versucht. Er ist dabei zwangsläufig mit Lenin in
Konflikt gekommen. Trotzki ist in der Bolschewistischen Partei, deren Gegner er
immer war, auch in seiner besten Zeit ein Fremdkörper geblieben. Der
trotzkistische Herausgeber des schon erwähnten Buches „Die Tragödie
Trotzki" schreibt über Trotzkis Verhältnis zu Lenin nach 1917 (Seite 7):
„Gleich nach Verwirklichung der bolschewistischen Revolution zeigten sich
wieder die ersten Gegensätze zwischen Lenin und Trotzki. Trotzki sympathisierte
mit der linken Gruppe Bucharin-Radek, die für den revolutionären Krieg
eingetreten ist. Er ging eben immer mit denen, die die revolutionäre Tat
wollten."
Die letzte Ursache der Konflikte ist Trotzkis Vergangenheit, der alte Gegensatz
zwischen Bolschewismus und Trotzkismus. In „Mein Leben" erzählt Trotzki
(Seite 319):
„Für Lenin war, als er die vergangene Entwicklung der Partei rückschauend
betrachtete, der Trotzkismus weder eine feindliche, noch eine fremde, sondern
im Gegenteil die dem Bolschewismus nächste Strömung des sozialistischen
Gedankens."
Die Behauptung Trotzkis, daß Lenin im Trotzkismus keine feindliche Strömung
gesehen habe, widerspricht den Tatsachen. Lenins Urteil über den Trotzkismus
ist in allen Phasen der revolutionären Entwicklung so eindeutig und so hart,
daß diese nach Lenins Tode erfolgte „Feststellung" Trotzkis wie eine grobe
Beleidigung Lenins erscheint. Der Trotzkismus war — wie Trotzki in der
vorstehend zitierten Äußerung zugibt — immer eine besondere Richtung in der
russischen Arbeiterbewegung; ihr heftigster Gegner war zu allen Zeiten Lenin.
Trotzki zitiert in „Mein Leben" (Seite 537) als seine unerschütterliche
Auffassung einen von ihm im Mai 1927 an Michael Okudschawa geschriebenen Brief,
in dem es u.a. heißt:
„Soweit der neue Kurs Stalins sich Aufgaben stellt, bemüht sich Stalin
zweifellos, an unsere Position heranzukommen. In der Politik entscheidet aber
nicht nur was, sondern auch wer und wie..."
Trotzki hat sehr oft behauptet, Stalin habe die erst von ihm bekämpfte Politik
Trotzkis durchgeführt. Das ist vollkommen falsch. Die politische Linie Stalins
unterscheidet sich in allen entscheidenden Phasen sehr eindeutig vom
Trotzkismus. Äußerlich gleich scheinende politische Handlungen sind nicht immer
gleichwertig; ob sie richtig oder falsch sind, hängt oft in entscheidendem Maße
von der Situation ab, in der sie durchgeführt werden. Ist die Situation reif
für die Durchführung einer Aktion, wird mit ihr das nächste Kettenglied in der
revolutionären Entwicklung gepackt, so führt die Aktion vorwärts zum
revolutionären Ziele, so ist sie revolutionär. Wird dagegen die Aktion zur
unrechten Zeit in Angriff genommen, so wird mit ihr der erfolglose Versuch
gemacht, notwendige Etappen zu überspringen, so wirft sie die revolutionäre
Bewegung zurück, so ist sie rückschrittlich.
Übrigens wird aus dem vorstehend zitierten Brief ein besonderer Wesenszug
Trotzkis deutlich: Nur was er macht, ist richtig. Selbst wenn Stalin die von
Trotzki als richtig bezeichnete Politik macht, handelt er falsch. Diesen
Grundsatz hat Trotzki von 1903 an auch Lenin gegenüber angewandt. Das brachte
ihn in den scharfen Gegensatz zur Bolschewistischen Partei. Denn in dieser ist
nach der Lehre Lenins entscheidend, was einer, nicht wer es macht. In der
Vergangenheit kämpfte Trotzki gegen Lenin, weil dieser, und nicht er, den
richtigen Weg führte; nach Lenins Tode kämpfte er aus dem gleichen Grunde gegen
die Repräsentanten der Bolschewistischen Partei.
In der späteren Entwicklung hat Trotzki sich stets bemüht, seine Konflikte mit
der Bolschewistischen Partei als einen persönlichen Kampf Stalins gegen ihn
darzustellen. Diese Taktik wandte er früher ebenso gegen Lenin an. Im Jahre
1911 nannte Lenin ihn einen Ignoranten, weil er bei den Differenzen um die
Prager Konferenz und Trotzkis „Augustblock" die politischen Strömungen auf
den Gegensatz von Personen zurückzuführen versuchte. Die späteren
Auseinandersetzungen um das Schicksal der Sowjetunion sind wahrlich kein Personenstreit.
Stalin wurde der „Erbfeind" Trotzkis, so wie es ehedem Lenin war. Beide
aus dem gleichen Grunde: als Repräsentanten der Bolschewistischen Partei, die
stets in unerbittlicher Gegnerschaft zum Trotzkismus stand.
Der Trotzkismus ist keine Erfindung Stalins. Er existiert seit dem
Jahre 1903 als eine besondere Strömung in der russischen Arbeiterbewegung. So
wie der Leninismus und die Bolschewistische Partei untrennbar mit der
geistigen, politischen und organisatorischen Arbeit Lenins verbunden sind, so
ist der Trotzkismus ohne das Wirken Trotzkis undenkbar.
In „Mein Leben" stellt Trotzki sein Verhältnis zu Lenin so dar, daß er
nicht wie Stalin und die anderen Bolschewiki ein Schüler Lenins-, sondern ein
Eigener neben Lenin war. Die Schüler Lenins haben — so behauptet Trotzki dort —
nie selbständige Politik machen können, sie seien ohne die Direktiven des
Meisters immer halt- und hilflos gewesen. Anscheinend ist es Trotzki bei der
Herabsetzung der Schüler Lenins gar nicht zu Bewußtsein gekommen, daß seine
Behauptung eine Beleidigung Lenins und der Bolschewistischen Partei, zugleich
aber auch ein Ignorieren des Marxismus ist. Der ganze Kampf Lenins um eine
zielklare, revolutionäre Partei wäre sinnlos gewesen, wenn diese Partei nicht
imstande wäre, die Kräfte und Menschen hervorzubringen, die das Werk des
Lehrers erfolgreich fortsetzen. Schon bei dieser Betrachtung tritt ein
Wesenskern des Trotzkismus zutage, der im Widerspruch zum Marxismus die
Gestaltung der Geschichte viel zu sehr von subjektiven Kräften und Personen
erwartet. Gewiß spielen diese — wie ja die Person Lenins beweist — eine Rolle.
Aber ohne die zielbewußte revolutionäre Partei, die das Heranreifen objektiv
günstiger Situationen beschleunigen und diese auswerten kann. hätte auch Lenin
nicht Führer einer siegreichen proletarischen Revolution werden können.
Trotzki war nach seiner Behauptung also kein Schüler Lenins, sondern ein
Eigener, ein Meister neben dem anderen Meister. Er erzählt in „Mein Leben"
weiter, daß er nur durch seine eigene Denkarbeit zu den Problemen der
russischen Revolution Stellung nahm, das heißt, daß er nicht wie die anderen
das von Lenin Vorgekaute einfach hinunterschluckte. Allerdings — so erzählt er
— sei er ganz unabhängig von Lenin meist zu denselben Ergebnissen wie dieser
gekommen. Das stimmt mit den Tatsachen und der geschichtlichen Wahrheit nicht
überein. Richtig daran ist nur, daß Trotzki seine eigenen Wege ging. Die
selbständige Linie Trotzkis, das ist der Trotzkismus, der in allen
entscheidenden Fragen der russischen Revolution durch die geschichtliche
Entwicklung widerlegt wurde. Lenin hat seine Stellung zum Trotzkismus nicht
davon bestimmen lassen, daß er eine besondere Strömung in der russischen
Arbeiterbewegung war, sondern nur von der Erkenntnis, daß der Trotzkismus
Unrecht hatte und falsche Wege ging.
Der Trotzkismus war also — von Trotzki nicht bestritten — zu allen Zeiten eine
eigene Richtung in der russischen Arbeiterbewegung. Er war in seinen Anfängen
eine opportunistische Strömung, die im ewigen Zwiespalt zwischen Bolschewiki
und Menschewiki hin und her schwankte, ihre unreale, mehr rechts orientierte
Politik mit ultralinken Phrasen zu verdecken suchte, in einen schroffen
Gegensatz zum Leninismus geriet und schließlich zum offenen Feind der
Sowjetunion und der Arbeiterbewegung wurde. So wandelbar Trotzki in seiner
Zwischenstellung war, so wandelbar sind auch die Inhalte des Trotzkismus.
Begonnen hat der Trotzkismus mit Trotzkis Auftreten gegen die von Lenin
geforderte revolutionäre, unter einer straffen zentralen Leitung in allen
Aktionen geschlossen handelnde Partei. In diesem Kampf entwickelte der
Trotzkismus seine organisatorische Zwischenstellung und tiefgehende politische
und theoretische Gegensätze zum Leninismus. So z.B. in der Frage der
permanenten Revolution, in der Trotzki eine besondere Stellung bezog und eine
vom Leninismus abweichende Auffassung von der Diktatur des Proletariats und von
dem in Rußland ganz besonders wichtigen Verhältnis der Arbeiterklasse zur
Bauernklasse vertrat. Aus der trotzkistischen Grundeinstellung zur permanenten
Revolution erwuchs weiter der Gegensatz zu der leninistischen Theorie über die
Entwicklung von der bürgerlichen zur sozialistischen Revolution und in der
Konsequenz die Theorie der Verneinung des Sozialismus in einem Lande, die nach
der siegreichen proletarischen Revolution zum markantesten Wesenszug des
Trotzkismus wurde.
In diesem Abschnitt sind die organisatorischen, politischen und theoretischen
Inhalte des Trotzkismus nur zusammengefaßt aufgezählt. In den nachfolgenden
Abschnitten wird im Einzelnen zu den vom Leninismus abweichenden
trotzkistischen Auffassungen Stellung genommen. Nur eine Äußerung des Führers
der Menschewiki, Th. Dan, über den Trotzkismus soll hier vorausgenommen werden,
weil sie eine mehr allgemeine Charakterisierung der zwiespältigen Position des
Trotzkismus gibt. In der zusammen mit Martow geschriebenen „Geschichte der
Russischen Sozialdemokratie" (1926 im Dietz-Verlag, Berlin, erschienen)
schreibt Dan (Seite 239):
„Trotzki unterschied sich von Lenin auch dadurch, daß er an die Stelle der
,Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft' die Diktatur der
Arbeiterklasse setzte, die sich auf die formlosen Bauernmassen stutzte.
Trotzki, der in den taktischen Fragen den Bolschewisten näher stand, teilte in
den Organisationsfragen, die damals im Mittelpunkt des Fraktionskampfes
standen, im großen und ganzen die Auffassung des ,Golos Sozialdemokrata'
(Menschewiki, d.V.). Diese Zwiespältigkeit seiner Position, die keine
organische Verbindung zwischen seiner politischen und organisatorischen
Anschauung schuf, beschränkte die Anhänger Trotzkis auf einen sehr kleinen
Kreis von Personen."
Diese Zwiespältigkeit ist ein charakteristischer Wesenszug des Trotzkismus, der
letzten Endes entstanden ist aus dem Wollen Trotzkis, über Bolschewiki und
Menschewiki zu stehen, eine eigene Rolle zu spielen.
So schwankend Trotzkis Stellung in der Vergangenheit war, so wandelbar sind
auch seine Bekenntnisse zum Trotzkismus. In manchen Zeiten jedenfalls bemühte
er sich, den Trotzkismus zu verleugnen. In einem im Januar 1925, vor seinem
Rücktritt, an das Zentralkomitee der Bolschewistischen Partei gerichteten Brief
schreibt Trotzki:
„Es ist mir Jedoch unter keinen Umständen möglich, die Beschuldigung, ich
verfolge eine besondere Linie und diejenige des ,Trotzkismus' und ich strebe
eine Revision des Leninismus an, ohne Widerspruch zu lassen.
Ganz ungeheuerlich ist die Version, ich sei der Auffassung, nicht ich sei zum
Bolschewismus, sondern der Bolschewismus sei zu mir gekommen ... Ich dachte im
Laufe der letzten acht Jahre kein einziges Mal daran, an irgend ein Problem vom
Gesichtspunkte des sogenannten ,Trotzkismus' aus heranzutreten. Der Trotzkismus
war und ist für mich längst liquidiert."
In der Behauptung, daß für ihn nach dem Eintritt in die Bolschewistische Partei
der Trotzkismus liquidiert wurde, liegt zugleich auch die Feststellung, daß er
vorher bestanden hat. Aber sonst ist die Darstellung Trotzkis falsch. Trotzki
hat bei seinem Eintritt in die Bolschewistische Partei dem Trotzkismus
keineswegs abgeschworen. Noch kurz vorher, im Mai 1917, fand in Petersburg eine
Konferenz mit der Gruppe der „Vereiniger", der auch Trotzki angehörte,
statt. In dieser Konferenz vertrat Lenin die Stellungnahme der Bolschewiki zu
der Vereinigung mit den auf dem Boden des Internationalismus stehenden Gruppen
und Strömungen, die ein Zusammengehen mit den für die Vaterlandsverteidigung
eintretenden Richtungen ablehnten. Nach Lenin sprach Trotzki. Über die
Ausführungen Trotzkis machte Lenin folgende Notizen (Leninscher Sammelband Nr.
IV, Seite 300, russisch):
„Mit den Resolutionen bin ich vollständig einverstanden — indessen bin ich
insofern einverstanden, insoweit sich der russische Bolschewismus
internationalisiert hat. Die Bolschewiki haben sich entbolschewisiert — und ich
kann mich nicht als Bolschewik bezeichnen. Der Abstimmung kann und soll ihre
Resolution zugrunde gelegt werden. Aber eine Anerkennung des Bolschewismus kann
man von uns nicht verlangen."
Das stimmt mit der späteren Erklärung vom Januar 1925 durchaus nicht überein.
Es gibt auch eine Reihe Äußerungen von Trotzkis Freunden, in denen behauptet
wird, Trotzki sei nicht zum Bolschewismus, sondern der Bolschewismus sei zu
Trotzki gekommen. Jedenfalls aber geht aus den Notizen Lenins hervor, daß
Trotzki kurz vor seinem Eintritt in die Bolschewistische Partei Vorbehalte
machte und die Absicht kundtat, mit der Fahne des Trotzkismus in die
Bolschewistische Partei zu marschieren. Später erschien ihm das Heraushängen
dieser Fahne nicht mehr zweckmäßig. Er versuchte, seine politische
Sonderstellung in der Vergangenheit auszulöschen und die Legende von seiner
völligen Einheit mit Lenin und dem Leninismus zu scharfen.
Im weiteren Verlaufe der politischen Auseinandersetzungen in der Bolschewistischen
Partei hat die Opposition noch manchmal recht energisch ihren
„Trotzkismus" bestritten. In der „Plattform der russischen
Opposition", die dem XV. Parteitag vorgelegt wurde, heißt es u. a. (Seite
64):
„Aber eine besonders beliebte Beschuldigung gegen uns ist in letzter Zeit die
Beschuldigung des ,Trotzkismus'. Vor dem Angesicht der ganzen Komintern ...
haben wir mit den Unterschriften Sinowjews, Kamenews und Trotzkis erklärt: Es
ist falsch, daß wir den Trotzkismus verteidigen. Trotzki hat vor dem Antlitz
der ganzen Komintern erklärt: daß in allen einigermaßen prinzipiellen Fragen,
über welche er mit Lenin stritt, Lenin recht hatte, insbesondere in der Frage
der permanenten Revolution und der Bauernschaft." Betrachtet man diese
Erklärungen rückschauend im geschichtlichen Zusammenhang, so wird die ganze
Unehrlichkeit des Kampfes der trotzkistischen Opposition deutlich. In einer
Kundgebung an den Parteitag wird gleich mehrmals pathetisch erklärt, daß
Trotzki und die Trotzkisten mit dem Trotzkismus nichts zu tun haben, daß sie
ihn nicht verteidigen, sondern ihn vielmehr abschwören. Eine wirklich
zielbewußte revolutionäre Gruppe hätte das niemals getan, sie hätte vor dem
Parteitag und vor der Komintern ihren Standpunkt vertreten. Die Trotzkisten waren
aber schon damals ideologisch und in der Organisation so schwach, daß sie ihren
Standpunkt verleugneten. Aber die weitere Entwicklung zeigte sehr bald, daß die
trotzkistische Opposition mit voller Überlegung einen Meineid geschworen hat,
daß die Verleugnung des Trotzkismus nicht ihrer Überzeugung entsprach, sondern
von taktischen Interessen bestimmt wurde. Jedenfalls bekannte Trotzki sich in
seinen späteren Schriften doch wieder zum Trotzkismus. Die zitierte Plattform
der Opposition an den XV. Parteitag ist ein klassisches Beweisstück für die
Unaufrichtigkeit Trotzkis. In dieser Plattform beteuert er feierlich vor dem
Antlitz der ganzen Komintern daß er in allen prinzipiellen Fragen, so u.a. auch
in der Frage der „permanenten Revolution" unrecht und Lenin recht hatte.
Mit dieser Erklärung hat Trotzki die Komintern belogen. Der Beweis dafür wird
von Trotzki selber erbracht. In „Mein Leben" (Seite 519) erzählt er:
„Besonders war Joffe (ein Freund Trotzkis, der Sowjetdiplomat war. d.V.) über
die Kampagne gegen die permanente Revolution empört. Er konnte die
niederträchtige Hetze nicht überwinden, die gegen jene, die den Verlauf und den
Charakter der Revolution lange vorausgesehen hatten, betrieben wurde von
solchen, die nur die Früchte der Revolution genossen. Joffe erzählte mir sein
Gespräch, das er mit Lenin, ich glaube im Jahre 1919, über das Thema der
permanenten Revolution geführt hatte. Lenin hatte ihm gesagt: ,Ja, Trotzki hat
recht gehabt' Joffe wollte dieses Gespräch nun veröffentlichen. Ich hielt ihn mit
allen Mitteln zurück." Joffe, der schwer krank war, hat sich bald darauf
das Leben genommen, ohne diese Erzählung Trotzkis veröffentlicht zu haben. Sie
ist von Trotzki frei erfunden. Trotzki kann keinerlei Beweise für ihre Echtheit
anführen. Lenins theoretische Einstellung und alle seine öffentlichen und
nachprüfbaren Äußerungen zu diesem Thema beweisen, daß der Führer der
Bolschewiki jederzeit Trotzkis permanente Revolution abgelehnt hat. Jedoch
Trotzki stellt in „Mein Leben" die Sache so dar, als ob er an Joffes
Mitteilung glaubte. Danach ergibt sich folgendes Bild: Trotzki Ist überzeugt,
daß sein Standpunkt in der Frage der permanenten Revolution gegenüber Lenin
richtig war, was dieser selbst zugegeben haben soll. Trotzdem erklärt Trotzki
einige Jahre später (im Dezember 1926) in einer Erklärung „vor dem Angesicht
der Komintern", Lenin und nicht Trotzki hatte in der Frage der permanenten
Revolution recht. Und in dem 1930 erschienenen Buche „Mein Leben" schreibt
Trotzki dann wieder das Gegenteil von seiner feierlichen Erklärung. Je nach der
Situation hat Trotzki nach der Oktoberrevolution den Trotzkismus abgeschworen,
oder sich zu ihm bekannt. Solange Trotzki noch glaubte, an der Macht zu
bleiben, hat er die trotzkistische Fahne eingezogen, um sie dann — als das
Manöver nicht gelungen war — wieder heraus zu stecken.
Alle seine Loyalitätserklärungen waren unehrlich. In der Folgezeit erscheinen
die neuen Bekenntnisse zum Trotzkismus allerdings in einer veränderten Form:
Ausgehend von der Behauptung, daß — abgesehen von angeblich nebensächlichen
Meinungsverschiedenheiten — zwischen Lenin und Trotzki weitgehende
Übereinstimmung bestand, repräsentieren nunmehr Trotzkis Auffassungen den
„verbesserten" Leninismus, den alle diejenigen „verraten", die den
Trotzkismus bekämpfen.
Das aber ist eine Fälschung der Geschichte, begangen von denen, die der
Bolschewistischen Partei Geschichtsfälschung vorwerfen, weil diese entsprechend
der historischen Wahrheit den Gegensatz zwischen Lenin und Trotzki, zwischen
Leninismus und Trotzkismus, klarstellt, weil sie nicht die von den Trotzkisten
erfundene Legende von der überragenden Rolle Trotzkis in der Oktoberrevolution
und im Bürgerkrieg anerkennt.
„Wir alle“ — schrieb Paul Levi in dem Vorwort zu Trotzkis „1917“ —
„sind ja der russischen Arbeiterbewegung in früheren fahren nie recht nahe
gekommen. Sie spielte sich in anderen Formen ab als die europäische.“
Rußland war unter dem Zarismus zweifellos das rückständigste Land in Europa.
Die feudalistische Herrschaft hat die Entfaltung der Produktivkräfte des Landes
gehemmt, das Riesenreich im Osten war in der Entwicklung weit hinter allen
europäischen Ländern zurückgeblieben. Das Proletariat war zahlenmäßig schwach,
der Bauernfrage kam bei der Sammlung und Entfaltung der revolutionären Kräfte
eine viel größere Bedeutung zu als in den kapitalistisch hochentwickelten
Ländern. Rußland war das Vorbild aller Despoten. Im Zarenreich gab es keine
Meinungs- und Pressefreiheit, kein Vereinigungsrecht für die Kräfte, die
freiheitliche Zustände erkämpfen wollten. Die Knute regierte. Unter diesem
Regiment war die sozialistische Arbeiterbewegung in die Illegalität verbannt.
Ihr Kampf vollzog sich unter unvergleichlich schwierigeren Bedingungen als der
Kampf der europäischen Arbeiterbewegung. Im zaristischen Rußland konnte sich
keine legale Arbeiterpartei bilden, sie war von Beginn an zur Illegalität
gezwungen. Die ersten Ansätze zu einer klassenbewußten Arbeiterbewegung
entstanden unterirdisch in den verschiedensten Gegenden des Reiches. Aus der
Situation ergab sich, daß die ersten illegalen Kader ihren Kampf gegen den
Zarismus auf eigene Faust, ohne zentrale Verbindung, ohne einheitliche zentrale
Leitung führten. Der durch die zaristische Knute erzwungene Zustand erschwerte
die Bildung einer einheitlichen Partei; die zwangsläufige Folge war das
Entstehen unzähliger Zirkel und Gruppen, in denen wegen der fehlenden
Verbindung untereinander und mit einer leitenden Zentrale lange Zeit organisatorische
und ideologische Verwirrung herrschte.
Auf der Basis, auf der die russische sozialistische Bewegung entstand und sich
entwickeln mußte, spielten die organisatorischen Probleme eine viel größere
Rolle als in den europäischen Ländern. In Rußland war die Frage des Aufbaus der
Organisation, der die Massen führenden revolutionären Partei ein entscheidendes
politisches Problem. Deshalb gab es in der russischen sozialistischen Bewegung
leidenschaftliche Auseinandersetzungen um organisatorische Fragen, die den
Sozialisten in den anderen Ländern als sektiererische Rechthaberei erschienen.
Die geschichtliche Entwicklung aber hat gelehrt, daß erst durch die richtige
Lösung der eminent politischen Organisationsdifferenzen der Sieg der
proletarischen Revolution möglich wurde.
Es ist das große historische Verdienst Lenins, daß er mit eiserner Konsequenz -
die ihm in der Vergangenheit oft den Vorwurf eines dogmatischen Rechthabers und
Spalters eingetragen hat — für den Aufbau einer organisatorisch und ideologisch
geschlossenen zentralistischen Partei mit straffer zentraler Leitung wirkte. Im
Kampfe um diese Partei erfolgte der erste Zusammenstoß Lenins mit Trotzki, der
1903 auf dem II. Parteitag gegen Lenins organisatorische Konzeption auftrat.
Trotzki hat in dieser Frage all die Jahre einen heftigen Kampf gegen Lenin
geführt.
Um die Bedeutung des organisatorischen Kampfes zwischen Leninismus und
Trotzkismus zu verstehen, ist es notwendig, kurz den geschichtlichen
Hintergrund dieses Kampfes zu skizzieren. Wegen der rückständigen ökonomischen
Struktur Rußlands entwickelte sich erst sehr spät eine industrielle Produktion
und die mit dieser wachsende Arbeiterschaft. Die ersten Arbeiterzirkel und
Arbeiterverbände bildeten sich um das Jahr 1875; ihre Entfaltung wurde durch Verhaftungen
und behördliche Verfolgungen immer wieder stark gehemmt. G.W. Plechanow hatte
schon zu der Zeit, als er noch Anhänger der revolutionären Narodniki-Bewegung
war, die ersten Verbindungen mit Arbeitern. Im Gegensatz zu den Narodniki, die
in Rußland nur den Bauern sahen und nicht das mit dem Kapitalismus sich
entwickelnde Proletariat, erkannte Plechanow frühzeitig die führende Rolle der
Arbeiterklasse im revolutionären Kampf. Plechanow, der die 1878 erfolgte
Gründung des ersten „ Nordrussischen Arbeiterbundes" unterstützte, wurde
wegen seiner revolutionären Tätigkeit verfolgt und mußte ins Ausland flüchten.
Dort wurde er mit der marxschen Lehre (die vorher in den russischen
Arbeiterzirkeln nicht bekannt war) vertraut, ebenso auch mit der sozialdemokratischen
Arbeiterbewegung Europas. In Auseinandersetzungen mit den Narodniki vertrat er
den Gedanken, die Elemente für die Schaffung einer zukünftigen sozialistischen
Arbeiterpartei herauszuarbeiten. 1883 gründete er zusammen mit dem gleichfalls
im Auslande lebenden Axelrod und der Sassulitsch die „Gruppe der Befreiung der
Arbeit", die erste marxistische Gruppe der russischen Arbeiterbewegung,
die sehr viel für die Verbreitung der marxistischen Gedanken in Rußland getan
hat. Lenin, wesentlich jünger als Plechanow und Axelrod, war sehr bald einer
der führenden Männer dieser Gruppe in Rußland. 1894 kam Lenin nach Petersburg.
Dort wurde er der Führer des „Petersburger Kampfbundes zur Befreiung der
Arbeiterklasse". In dieser marxistischen Gruppe gab es aber noch die
verschiedensten Meinungen, in ihr entwickelte sich auch die unter dem Namen
„Ökonomisten“ bekanntgewordene Strömung. Sie vertrat den Standpunkt, die
Arbeiterbewegung habe nur den Kampf für die Verbesserung der wirtschaftlichen
Lage der Arbeiter zu führen, der Kampf für politische Forderungen gehöre nicht
zum Aufgabenkreis einer Arbeiterpartei. Lenin trat in Übereinstimmung mit
Plechanow und Axelrod den „Ökonomisten" sehr entschieden entgegen. Er
vertrat die Auffassung, der ökonomische Kampf der Arbeiterklasse könne nicht
vom politischen Kampf getrennt, jeder Zusammenstoß der Arbeiter mit den
Unternehmern auf wirtschaftlichem Gebiete müsse für den politischen
Befreiungskampf ausgenützt werden. Die Arbeiterpartei dürfe sich nicht damit
begnügen, eine kleine Gruppe von Arbeitern in Zirkeln zu gebildeten Marxisten
zu erziehen, sondern sie habe die Aufgabe, den Massenkampf der Arbeiter zu
organisieren. Das Tun Lenins und seiner Gesinnungsgenossen im Petersburger
Kampfbund entsprang dem Gedanken, eine einheitliche revolutionäre
sozialdemokratische Arbeiterpartei zu schaffen, die zur Massenagitation in der
Arbeiterklasse übergeht und diese für den wirtschaftlichen und politischen
Befreiungskampf mobilisiert. Die Bolschewiki haben später festgestellt, daß die
Wurzeln des Bolschewismus in diese Zeit, in die neunziger Jahre zurückreichen,
in denen Lenin und die revolutionären Sozialdemokraten den Kampf mit den
„Ökonomisten" ausfochten.
Am 1. März 1898 trat in Minsk der erste Parteitag zusammen, dessen Aufgabe die
Zusammenfassung der sozialdemokratischen Zirkel und Gruppen zu einer
einheitlichen Partei sein sollte. Wie schwach damals die Verbindungen waren,
geht auch daraus hervor, daß zu diesem ersten Parteitag nur neun
sozialdemokratische Organisationen Vertreter schickten. Der Parteitag wählte
ein aus drei Personen bestehendes Zentralkomitee; er arbeitete ein
Organisationsstatut aus und nahm ein Manifest der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei Rußlands an. In dem Manifest wurde die Vereinigung aller lokalen
Organisationen und Zirkel zu einer einheitlichen Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR) gefordert.
„Die ersten Schritte der russischen Arbeiterbewegung und der russischen
Sozialdemokratie — hieß es in dem Manifest — waren notgedrungen isoliert, bis
zu einem gewissen Grade zufällig, ohne Einheit und Plan. Jetzt ist die Zeit
gekommen, um die lokalen Gruppen und Organisationen der russischen
Sozialdemokratie in einer einheitlichen ,Sozialdemokratischen Arbeiterpartei
Rußlands' zu vereinigen. In Erkenntnis dieser Notwendigkeit haben die Vertreter
der ,Kampfverbände zur Befreiung der Arbeiterklasse' ... einen gemeinsamen
Kongreß einberufen...
Die wichtigste und höchste Aufgabe der Partei, die den Weg einer
Klassenbewegung der organisierten Arbeitermassen beschreitet, ist die Eroberung
der politischen Freiheit. Aber diese notwendige politische Freiheit kann sich
das russische Proletariat nur selbst erkämpfen." Den Gedanken, daß auch in
Rußland der damals noch zahlenmäßig schwachen Arbeiterklasse die führende Rolle
im revolutionären Befreiungskampf zukommt, sprach das Manifest mit den Worten
aus:
„Sie (die Sozialdemokratie) ist fest davon überzeugt, daß die Befreiung der
Arbeiterklasse nur das Werk dieser Klasse selbst sein kann.“
Aber dieser erste Parteitag hat wenig für die von ihm aufgezeigte Aufgabe, alle
Kräfte zu einer einheitlichen Partei zusammenzufassen, gewirkt. Unmittelbar
nach dem Parteitag wurden das Zentralkomitee und die meisten Teilnehmer
verhaftet. Die Polizei vernichtete die in Minsk geschaffene Organisation. Das
organisatorische Nebeneinander und Durcheinander war nach dem ersten Parteitag
nicht geringer als vorher. Es trat eine Periode des Stillstandes ein, in der
die „Ökonomisten" und andere Gruppen den ideologischen Wirrwarr noch
vergrößerten. Als Lenin Anfang 1900 aus der sibirischen Verbannung
zurückkehrte, organisierte er die Herausgabe einer allrussischen politischen
Zeitung, die als geistige Führerin für die Überwindung des ideologischen
Wirrwarrs und für die Zusammenfassung aller revolutionären Kräfte in einer
Partei wirken sollte. Bald nach seiner Rückkehr aus der Verbannung ging er ins
Ausland, wo er sofort mit den Genossen der Gruppe „Befreiung der Arbeit"
in Verbindung trat. Ende 1900 erschien die erste Nummer der „Iskra" („Der
Funke"), in deren Redaktion Axelrod, Lenin, Plechanow, Potressow und die
Sassulitsch zusammenarbeiteten, zu denen etwas später noch Martow kam. Die
„Iskra" entwickelte sich sehr bald zu einem führenden geistigen und
organisatorischen Zentrum; sie wirkte in Rußland für die Vereinigung der
einzelnen Organisationen zu einer einheitlichen Partei, für die Herausarbeitung
einer einheitlichen politischen Linie. Im Jahre 1902 erschien Lenins Buch „Was
tun?", in dem er seine Gedanken über den Aufbau einer revolutionären Kampfpartei
darlegte. Lenin wies, ausgehend von der Situation in Rußland, nach, daß die
Partei zentralistisch aufgebaut und von einem führenden Zentrum aus geleitet
werden müsse. Nur eine so aufgebaute Partei könne die organisatorische
Zersplitterung und die ideologische Verwirrung überwinden, nur eine
aktionsfähige, auf der Basis gemeinsamer theoretischer Erkenntnisse geschlossen
handelnde Partei könne die Massen mobilisieren, sie in entscheidenden
Situationen mitreißen und die Arbeiterklasse zum Siege führen.
Nach dem mißlungenen 1. Parteitag gab es auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts
noch immer keine einheitliche Partei in Rußland. Die „Iskra", als das im
Auslande arbeitende provisorische Zentrum, wirkte unter dem starken Einfluß
Lenins für die Konstituierung der geschlossenen Partei. Die Redaktion der
„Iskra" bereitete das Parteiprogramm vor; sie organisierte den II.
Parteitag, auf dem das Organisationsstatut und das Parteiprogramm beschlossen
wurden.
Im Jahre 1903 fand in London der II. Parteitag statt. Auf diesem Parteitag
wurde in der Tat aus dem Wirrwarr der Gruppen und Zirkel die gemeinsame Partei
konstituiert. Aber diese Partei war eben zunächst nur eine gemeinsame, noch
keine einheitliche mit einer übereinstimmenden ideologischen Grundlage. Darum
kam es auf dem II. Parteitag zu der ersten Spaltung, die die
Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands in Bolschewiki und Menschewiki
teilte.
Differenzen zwischen Lenin und den späteren Menschewiki um organisatorische
Fragen waren der äußere Anlaß zu der Spaltung auf dem II. Parteitag. Die
weitere Entwicklung jedoch zeigte, daß für die russische Arbeiterbewegung
organisatorische Fragen politische waren, und daß der Bruch tiefergehende
ideologische Ursachen hatte. Der erste Zusammenstoß auf dem Parteitag erfolgte
bei der Beratung des ersten Paragraphen des Organisationsstatuts, der über die
Parteimitgliedschaft und das Wesen der Partei entscheiden sollte. Lenin wollte
eine Organisation aus einem Guß, die sich aus Proletariern zusammensetzt, die
trotz allen Gefahren der revolutionären Arbeit aktive Mitglieder werden. Nach
dem leninschen Vorschlage sollten nur diejenigen als Parteimitglieder gelten,
die persönlich in den Parteiorganisationen aktiv mitarbeiten. Martow schlug
eine andere Form vor, die auch diejenigen, die wegen der Gefährdung nicht aktiv
in einer der Parteiorganisationen mitarbeiten, sondern nur unter Leitung einer
Organisation dieser regelmäßige Beihilfe leisten, als Parteimitglieder gelten
läßt. Die leninsche Formel wollte eine wirkliche Arbeiterpartei schaffen, in
der nicht Intellektuelle den Ausschlag geben. Bei der Entscheidung über den
Paragraphen 1 des Organisationsstatuts erhielt die Martowsche Formulierung eine
schwache Mehrheit. Der zweite Zusammenstoß auf dem II. Parteitag erfolgte bei
der Entscheidung über die Zusammensetzung der Redaktion der „Iskra". Lenin
forderte im Sinne seiner organisatorischen Konzeption, daß die Redaktion der
„Iskra", die als führendes Zentrum in Frage kam, nur aus drei eine
einheitliche Linie vertretenden Personen bestehen sollte. Und zwar aus Martow,
Lenin und Plechanow, der in der damaligen Zeit in den entscheidenden Fragen mit
Lenin übereinstimmte. Dieser Vorschlag bedeutete die Ausschaltung von Axelrod,
Protessow und Sassulitsch; er löste bei diesen und deren Freunden starke
Entrüstung aus. Martow erklärte sich mit den Ausgeschalteten solidarisch, er
lehnte ab, in die Redaktion einzutreten, so daß schließlich mit einer geringen
Stimmenmehrheit beschlossen wurde, daß nur Lenin und Plechanow die Redaktion
der „Iskra" übernehmen. Diese Abstimmung führte zum Bruch. Die
Nichtanerkennung des Beschlusses der Mehrheit durch die Minderheit spaltete die
Partei in Bolschewiki und Menschewiki. Entstanden ist die Namensbezeichnung
dadurch, daß die Mehrheit (im russischen Bolschestwo) für die von Lenin
vorgeschlagene Redaktion, und die Minderheit (Menschestwo) dagegen stimmte.
Bolschewiki waren die Mehrheitler, Menschewiki die Minderheitler.
Erst in der weiteren Entwicklung haben die Namen der beiden Fraktionen einen
bestimmten ideologischen Inhalt bekommen. Von 1903 ab wirkten diese beiden
Gruppen als selbständige Fraktionen in der Sozialdemokratischen Partei, die
sich im weiteren Verlauf der Geschichte zeitweise vereinigten und wieder
spalteten, bis sich schließlich aus den zwei Fraktionen einer Partei zwei
selbständige Parteien, die bolschewistische und die menschewistische,
entwickelten. Der II. Parteitag kam erst nach der Spaltung zur Wahl des
Zentralkomitees, in das nur Bolschewiki gewählt wurden. Die menschewistischen
Delegierten wählten eine besondere Zentralstelle, die den Boykott gegen das auf
dem Parteitag gewählte Zentralkomitee propagierte. Alle menschewistischen
Mitarbeiter lehnten ab, in der nur von Lenin und Plechanow geleiteten
„Iskra" zu schreiben. Schon nach einigen Monaten verlangte Plechanow, die
boykottierenden ehemaligen Redakteure der „Iskra" in die Redaktion zu
kooptieren. Das stand im Widerspruch zu dem Parteitagsbeschluß und zu Lenins
Organisationskonzeption. Lenin lehnte den Vorschlag Plechanows ab, er trat aus
der Redaktion der „Iskra" aus. Plechanow kooptierte daraufhin Axelrod,
Martow, Protessow und Sassulitsch in die Redaktion der „Iskra", die von
Ende 1903 ein menschewistisches Organ wurde. In der Parteigeschichte wird sie
die „neue Iskra" genannt, im Gegensatz zu der „alten Iskra", die die
Bolschewiki die „leninsche Iskra" nennen.
Trotzki war als Delegierter auf dem II. Parteitag. Er ist in den
Auseinandersetzungen über das Organisationsstatut gegen Lenin aufgetreten. Er
stellte sich in der Frage, die zum Bruch führte, auf die Seite der Menschewiki.
Lenins unbeirrbare Entschlossenheit im Kampf um den Aufbau der revolutionären
Partei ist oft mißdeutet worden. Aber die geschichtliche Entwicklung hat Lenin
recht gegeben. Auf dem II. Parteitag sagte Lenin in einer Polemik gegen
Trotzki, dem er vorwarf, er habe den Grundgedanken seiner Auffassung „absolut
nicht begriffen" (Lenin, Gesammelte Werke, Band VI. Seite 34):
„Die Erhaltung der Festigkeit der Linie und der Reinheit der Parteigrundsätze
wird gerade jetzt umsomehr zu einer dringenden Angelegenheit, als die in ihrer
Einheit wiederhergestellte Partei sehr viele schwankende Elemente in ihre
Reihen aufnehmen wird, deren Zahl mit dem Wachstum der Partei anwachsen wird.
Genosse Trotzki hat den Grundgedanken meines Buches „Was tun?" sehr falsch
verstanden, als er sagte, die Partei sei keine Verschwörerorganisation ... Er
hat vergessen, daß ich in meinem Buche eine ganze Reihe verschiedener
Organisationstypen vorschlage, von den konspirativsten und engsten bis zu
verhältnismäßig breiten und ,losen'. Er hat vergessen, daß die Partei nur der
Vortrupp, der Führer der gewaltigen Masse der Arbeiterklasse sein muß, die ganz
(oder fast ganz) unter der Kontrolle und Führung der Parteiorganisationen
arbeitet, die aber nicht in ihrer Gesamtheit der ,Partei' angehört und ihr auch
nicht ganz angehören darf. Man sehe sich tatsächlich an, zu welchen Schlüssen
Genosse Trotzki infolge seines Grundfehlers gelangt ... Ist die Beweisführung
des Genossen Trotzki nicht merkwürdig? Er betrachtet das als betrüblich, was
jeden einigermaßen erfahrenen Revolutionär nur freuen könnte. Wenn es sich
herausstellte, daß Hunderte und Tausende von Arbeitern, die wegen Streiks und
Demonstrationen verhaftet werden, nicht Mitglieder von Parteiorganisationen
sind, so würde das nur beweisen, daß unsere Organisationen gut sind, daß wir
unsere Aufgaben — einen mehr oder weniger engen Kreis von leitenden Genossen
konspirativ wirken zu lassen und eine möglichst breite Masse zur Bewegung
heranzuziehen — erfüllen."
Die deutschen Sozialisten, die inzwischen ihre Erfahrungen im illegalen Kampfe
gegen die faschistische Diktatur gesammelt haben, verstehen heute sehr gut, wie
richtig die Beweisführung und die Argumente Lenins sind, die er vor mehr als
dreißig Jahren gegen Trotzki vorbrachte. Eine illegale Organisation ist erst
dann gut und kampffähig, wenn sie bei ihren Aktionen breite Massen in Bewegung
zu setzen vermag, die nicht Mitglieder der Partei sind. Eine illegale
Organisation, die im Kampf nur ihre eigenen Parteimitglieder mobilisieren kann,
ist eine Sekte. In der nach dem II. Parteitag veröffentlichten Schrift „Ein
Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" setzte Lenin auseinander, daß der
Parteitag einen Schritt vorwärts zur fester gefügten Parteiorganisation gemacht
habe, aber die Bildung eines rechten Flügels mit eigenen organisatorischen
Bindungen bringe die Partei zwei Schritte zurück. Gegen diese Schrift und gegen
Lenins Auffassung, daß dem Proletariat eine viel größere Rolle in der Partei
gesichert werden müsse, nahm Trotzki Stellung. In seiner von den Menschewiki
(1904) herausgegebenen Broschüre „Unsere politischen Aufgaben", die er mit
der Widmung „Dem treuen Lehrmeister Pawel Borissowitsch Axelrod" versah,
schrieb Trotzki gegen Lenin:
„Welche Entrüstung erfaßt einen, wenn man diese unerhört skrupellosen,
demagogischen Zeilen liest. Das Proletariat, dasselbe Proletariat, über das
einem gestern noch gesagt wurde, daß es ,sich spontan dem Trade Unionismus
hingibt' (Das richtet sich gegen Lenins .Was tun?'. D.V.), wird bereits heute
aufgerufen, Lehrstunden politischer Disziplin zu geben. Und wem? Gerade jenen
Intellektuellen, denen nach dem gestrigen Schema die Rolle zugesprochen wurde,
von außen her in das Proletariat sein Klassenbewußtsein und sein politisches
Bewußtsein hineinzutragen .... Und das nennt sich Marxismus. Das nennt sich
sozialdemokratisches Denken. Wahrhaftig, man kann sich nicht mit größerem
Zynismus dem besten ideellen Besitztum des Proletariats gegenüber verhalten,
als das Lenin tut. Für ihn ist der Marxismus nicht eine Methode
wissenschaftlicher Untersuchung, die große theoretische Verpflichtungen
auferlegt, nein, er ist für ihn .... ein Scheuerlappen, wenn es notwendig ist,
seine Spuren zu beseitigen, eine weiße Leinwand, wenn es notwendig ist, seine
Größe zu demonstrieren, und ein zusammenlegbares Metermaß, wenn es erforderlich
ist, sein Parteigewissen vorzuzeigen."
Diese Polemik Trotzkis gegen Lenin strotzt von persönlichen und politischen
Beschimpfungen. Sie zeigt sehr deutlich, welcher scharfe Gegensatz nach 1903
zwischen Lenin und Trotzki bestand, wie verbissen und unsachlich Trotzki den
Kampf gegen seinen „alten Kampfgenossen" führte. Der unsachliche Angriff
charakterisiert sehr deutlich die scharfe Kampfstellung, die Trotzki gegen Lenin
und die Bolschewiki bis zur Oktoberrevolution beibehielt. Im November 1904
schrieb Lenin in dem Artikel „Die Semstwokampagne und der Plan der Iskra"
(Lenin, Gesammelte Werke, Band VII, Seite 20) gegen Trotzki:
„Das also sind die neuen taktischen Aufgaben, die neuen taktischen Ansichten
der neuen „Iskra', die der ganzen Welt so feierlich durch den redaktionellen
Balalaikin (gemeint ist damit Trotzki. D.V.) verkündet worden sind. In einer
Hinsicht jedoch hat dieser Balalaikin ungewollt die Wahrheit gesagt: zwischen
der alten und der neuen ,Iskra' klafft wirklich ein Abgrund. Die alte ,Iskra'
hatte nur Worte der Verachtung und des Spottes übrig für Leute, die imstande
sind, sich für eine theatralisch aufgemachte Klassenverständigung zu begeistern
und darin einen „neuen Weg" zu sehen. Dieser neue Weg ist uns längst
bekannt aus der Erfahrung jener französischen und deutschen ,Staatsmänner' des
Sozialismus, die ebenfalls die alte revolutionäre Taktik für einen ,niederen
Typus' halten und das ,planmäßige und unmittelbare Eingreifen in das
öffentliche Leben' in Form von Vereinbarungen über ein friedliches und
bescheidenes Auftreten der Arbeiterredner nach vorhergehenden Unterhandlungen
mit dem linken Flügel der oppositionellen Bourgeoisie nicht genug preisen können."
In der Zeit nach dem II. Parteitag verschärfte sich auch der politische und
ideologische Gegensatz zwischen Bolschewiki und Menschewiki. Trotzki bezog nach
seiner Trennung von den Menschewiki seine Sonderstellung neben noch anderen
kleinen Gruppen und Grüppchen. Sein organisatorischer Standpunkt in der
Folgezeit war die angebliche Fraktionslosigkeit und das Bemühen, als
„Fraktionsloser" mit seiner kleinen trotzkistischen Fraktion die
entscheidenden Teile der russischen Sozialdemokratie, Menschewiki und
Bolschewiki, zu überwinden und „unter Ausschaltung der Extreme" eine im
Kern prinzipienlose Einheitspartei zu bilden. Im Kampfe um diese Konzeption
traten auch die theoretischen und politischen Gegensätze zwischen Trotzkismus
und Bolschewismus sehr deutlich zutage.
Nach der Spaltung auf dem II. Parteitag beschäftigten sich die
Parteiorganisationen in Rußland mit der Situation. Es fanden mehrere
Gebietskonferenzen statt, die die sofortige Einberufung eines neuen Parteitages
forderten. Auf diesen Konferenzen der Örtlichen Organisationen wurden Büros der
„Komitees der Mehrheit" gebildet, die — als der Parteirat und das
menschewistisch gewordene Zentralorgan, die „Iskra", die Einberufung eines
neuen Parteitags ablehnten — von sich aus den III. Parteitag einberiefen, der
Mitte 1905 in London stattfand. Die Menschewiki lehnten die Teilnahme an diesem
Parteitag ab, sie hielten zu gleicher Zeit in Genf eine allrussische Konferenz
ab. Der dritte rein bolschewistische Parteitag nahm das Organisationsstatut an,
auch den ersten Punkt des Statuts, den die Menschewiki auf dem II. Parteitag
abgelehnt hatten. Der III. Parteitag bestimmte die revolutionäre Taktik nach
den Vorschlägen Lenins. Noch vor dem Stattfinden des III. Parteitages begann
das Büro der „Komitees der Mehrheit" — seit Ende 1904 anstelle der
„Iskra" die Zeitung „Wperjod" („Vorwärts") als Zentralorgan der
Partei herauszugeben. Die Zeitung erschien in Genf, zu ihrer Redaktion gehörte
Lenin.
Im Anschluß an die revolutionären Kämpfe des Jahres 1905 fand eine Annäherung
zwischen Bolschewiki und Menschewiki und eine Vereinigung der beiden statt.
Nach langen Verhandlungen wurde ein gemeinsames Zentralkomitee gebildet, das im
Jahre 1906 den IV. den Vereinigungsparteitag, nach Stockholm zusammenberief.
Auf dem Stockholmer Parteitag hatten die Menschewiki die Mehrheit; die
Beschlüsse fielen im wesentlichen im Sinne der Menschewiki aus. Die Einigung
war aber nur eine formale, die ideologischen und politischen Gegensätze
zwischen den beiden Fraktionen wurden nicht überwunden. Es wurde zwar ein
gemeinsames Zentralkomitee gewählt, aber die Bolschewiki schufen sich auf
diesem Kongreß ein illegales Zentralkomitee. 1907 fand in London der V.
Parteitag statt, auf dem die Bolschewiki ein kleines Übergewicht hatten, das
aber nicht für ihre Linie voll ausgenutzt werden konnte, weil die auf diesem
Parteitag vertretenen schwankenden Elemente — unter anderem auch Trotzki — eine
klare Mehrheitsbildung verhinderten. Trotz den gemeinsamen Parteitagen
bestanden schon in jener Zeit innerhalb der Sozialdemokratischen Partei
Rußlands zwei Parteien. Zwei Versuche, — die Parteikonferenz im Jahre 1908 in
Paris und die Vereinigungsplenarsitzung des Zentralkomitees Anfang 1910 — eine
völlige Einigung herbeizuführen, blieben ergebnislos.
Inzwischen hatten sich in der Reaktionsperiode nach der Revolution von 1905 im
menschewistischen Lager Veränderungen vollzogen. Eine Reihe Führer der
Menschewiki vertrat die Auffassung, daß man auf dem Wege des illegalen Kampfes
nicht zum Ziele komme. Es sei darum notwendig, die illegale Organisation zu
liquidieren und eine legale Arbeiterpartei auf breiter Basis zu bilden, die
sich an die Gesetzlichkeit des zaristisch-stolypinischen Regimes anpaßt. In
dieser Frage entstand ein entscheidender Gegensatz zwischen Bolschewiki und
Menschewiki. Die Bolschewiki nannten die Menschewiki, die die illegale
Kampforganisation zugunsten einer Unrevolutionären, sich mit dem Zarismus
versöhnenden legalen Partei aufgeben wollten, die Liquidatoren. Lenin nannte
sie ironisch die stolypinsche Arbeiterpartei. Nach dem letzten
Vereinigungsversuch beschlossen die Bolschewiki, mit den Liquidatoren nicht
mehr zusammen zu arbeiten. In einer Betrachtung über die Einheit
charakterisierte Lenin die Liquidatoren folgendermaßen (Lenin, Ausgewählte Werke,
Band IV, Seite 217):
„Wenn wir vom Liquidatorentum sprechen, so stellen wir eine bestimmte
ideologische Strömung fest, die im Laufe von Jahren aufgekommen ist, in einer
zwanzigjährigen Parteigeschichte mit dem ,Menschewismus' und ,Ökonomismus'
verwurzelt und mit der Politik und Ideologie einer bestimmten Klasse, der
liberalen Bourgeoisie, verknüpft ist." Nicht alle Menschewiki waren
Liquidatoren; Martow ist gelegentlich gegen sie aufgetreten, und Plechanow
führte einen heftigen Kampf gegen sie. Auch bei den Bolschewiki hatte die
Entwicklung zu Differenzen und zu Abspaltungen geführt. Eine besondere
Strömung, die Otsowisten, vertrat den Standpunkt, die Wahlen zur Duma zu
boykottieren und jede legale Tätigkeit abzulehnen. Die Linie der Bolschewiki
unter Lenins Führung dagegen war dafür, eine zielbewußte, geschlossene illegale
Organisation aufzubauen, den illegalen Kampf verschärft fortzuführen, dabei
aber alle legalen Möglichkeiten auszunützen. Von den Bolschewiki spalteten sich
noch andere Grüppchen ab, so u.a. die Ultimatisten. die Gottesbildner, die
zusammen mit den Otsowisten sich nach dem Ausschluß durch die Bolschewiki in
der sogenannten „Wperjod"-Gruppe zusammenfanden. Sie führten den 1904 von
den Bolschewiki begründeten „Wperjod" („Vorwärts") fort. nannten sich
linke Bolschewiki. vertraten ultralinke Auffassungen und warfen Lenin und
seinen Anhängern vor, sie hätten sich nach rechts entwickelt und den
Bolschewismus verraten. Trotzki sympathisierte auch mit dieser ultralinken
Gruppe, die damals mit ähnlichen Argumenten Lenin bekämpfte, wie später die
Trotzkisten Stalin.
Die entscheidenden Kämpfe der nächsten Jahre spielten sich zwischen den
Bolschewiki und den menschewistischen Liquidatoren ab. In diesem Kampfe stand
Trotzki zwischen den beiden Fronten. Praktisch unterstützte er die Liquidatoren
im Kampf gegen die Bolschewiki.
Von 1908 ab spitzte sich der organisatorische Kampf immer mehr zu. Es ging
dabei um die Bildung einer selbständigen, von den Liquidatoren vollkommen
getrennten Bolschewistischen Partei. Lenin und die Bolschewiki organisierten
zusammen mit allen parteitreugebliebenen Kräften eine Konferenz, die mit den
liquidatorischen Elementen endgültig Schluß machen sollte. Diese Absicht
bekämpfte Trotzki besonders heftig, in diesem Zusammenhang nannte er Lenin
einen engherzigen Spalter. Trotzki publizierte in der deutschen
sozialdemokratischen Presse (in der „Neuen Zeit" und im „Vorwärts")
entstellte Berichte über die russische Arbeiterbewegung, in denen er
behauptete, daß in Rußland weder die Bolschewiki, noch die parteitreuen
Menschewiki eine Rolle spielen. Im Mai 1911 veröffentlichte Lenin einen Artikel
„Der historische Sinn des innerparteilichen Kampfes in Rußland" gegen
Trotzkis irreführende Berichte (Ausgewählte Werke, Band III, Seite 492 usf.):
„Es sei eine „Illusion“, zu glauben", erklärte Trotzki, „der Menschewismus
und der Bolschewismus hätten in den Tiefen des Proletariats feste Wurzeln
gefaßt". Dies ist ein Muster jener klingenden, aber hohlen Phrasen, in
denen unser Trotzki Meister ist. Nicht in den ,Tiefen des Proletariats',
sondern in dem ökonomischen Inhalt der russischen Revolution liegen die Wurzeln
der Differenzen zwischen Menschewiki und Bolschewiki ... Trotzki entstellt den
Bolschewismus, denn niemals vermochte Trotzki, sich einigermaßen bestimmte
Ansichten über die Rolle des Proletariats in der russischen bürgerlichen
Revolution zu machen...
Trotzki, der für seine Fraktion die Reklametrommel rührt, geniert sich nicht,
den Deutschen zu erzählen, daß die ,Partei' zerfalle, daß beide Fraktionen
zerfallen, während er, Trotzki, allein alles rette. In Wirklichkeit sehen wir
jetzt alle — und die jüngste Resolution der Trotzkisten (im Namen des Wiener
Klubs, vom 26. November 1910) beweist dies besonders anschaulich —, daß Trotzki
lediglich bei den Liquidatoren und den ,Wpenod'-Leuten Vertrauen genießt. Bis
zu welcher Ungeniertheit sich Trotzki versteigt, wenn er die Partei herabsetzt
und sich selbst in den Augen der Deutschen herausstreicht, zeigt z.B. der
folgende Fall: Trotzki schreibt, daß die ,Arbeitermassen' in Rußland die
sozialdemokratische Partei als außerhalb ihres Kreises stehend
(hervorgehoben von Trotzki) betrachten, und spricht von ,Sozialdemokraten ohne
Sozialdemokratie'. Wie sollen denn da Herr Potressow (Führer der Liquidatoren.
D.V.) und seine Freunde Trotzki für solche Reden nicht ans Herz drücken?
..."
Der scharfe Ton, den Lenin gegen Trotzki anschlug, entspricht der Schärfe von
Trotzkis Angriff gegen die Bolschewiki. Trotzki setzte vor der deutschen
Parteiöffentlichkeit die beiden parteitreuen Fraktionen herab. Er verkündete
den Zerfall der Partei. Die weitere Entwicklung hat sich nicht nach der
Prophezeiung Trotzkis gerichtet, aber in der damaligen Zeit hat er mit seiner
Stellungnahme genug Verwirrung angerichtet. Trotzkis Angriffe gegen die
Bolschewiki und die parteitreuen Menschewiki — also gegen die russische Partei
— spielten auch in der russischen Delegation auf dem Kopenhagener
internationalen Sozialistenkongreß eine Rolle. In dem vorstehend zitierten
Artikel schrieb Lenin weiter (Seite 509):
„In Kopenhagen erhob Plechanow als Vertreter der parteitreuen Menschewiki und
Delegierter der Redaktion des Zentralorgans gemeinsam mit dem Schreiber dieser
Zeilen als dem Vertreter der Bolschewiki und einem polnischen Genossen
entschieden Protest dagegen, wie Trotzki in der deutschen Presse unsere
Parteiangelegenheiten darstellt." In „Mein Leben" nimmt Trotzki zu
dem Zusammenstoß in Kopenhagen Stellung. Er erzählt dort (Seite 208 usf.), wie
er auf der Reise von Wien nach Kopenhagen unterwegs auf einem Bahnhof, in dem
man umsteigen mußte, ganz unerwartet den aus Paris kommenden Lenin traf:
„Wir mußten eine Stunde warten und es entspann sich zwischen uns ein großes
Gespräch, das sehr freundschaftlich in seinem ersten und weniger freundschaftlich
in seinem zweiten Teile war.“
Mit dieser Darstellung der Unterhaltung will Trotzki den Eindruck erwecken, daß
damals gar kein so schlechtes Verhältnis zwischen ihm und Lenin bestanden habe.
Er erzählt darum, daß der erste Teil der Unterhaltung „freundschaftlich"
verlaufen sei. Und wie kommt Trotzki zu dieser Behauptung? Nach seiner eigenen
Darstellung hat er zuerst von der Abspaltung der tschechischen Gewerkschaften
erzählt, und in diesem ersten Teil der „Unterhaltung" hat Lenin kein Wort
gesagt, sondern nur zugehört. Jedenfalls lag Lenin absolut nichts daran, diese
Frage mit Trotzki zu besprechen, wichtiger war ihm, seine Meinung über Trotzkis
Artikel in der deutschen Presse zu sagen. Und da war es mit der
„Freundschaftlichkeit" aus. Trotzki selbst erzählt darüber in „Mein
Leben" weiter:
„Das Gespräch nahm aber einen völlig anderen Charakter an, als ich Lenin von
meinem letzten Artikel im ,Vorwärts' über die russische Sozialdemokratie
erzählte. Der Artikel war zum Kongreß geschrieben worden und unterwarf sowohl
die Menschewiki, wie die Bolschewiki einer scharfen Kritik .... Haben Sie das
wirklich so geschrieben? fragte Lenin vorwurfsvoll . . . Wäre es nicht möglich,
den Druck des Aufsatzes telegraphisch zurückzuhalten? ,Nein', erwiderte ich, .der
Artikel sollte heute morgen erscheinen, und weshalb auch aufhalten? Der Artikel
ist richtig."
Im Anschluß daran fährt Trotzki aber fort:
„In Wirklichkeit war der Artikel nicht richtig, denn er rechnete damit, daß
eine Partei entstehen würde, durch Verschmelzung der Bolschewiki mit den
Menschewiki, untei Wegfall aller Extreme, wahrend in Wirklichkeit eine Partei
entstanden ist im schonungslosen Kampf der Bolschewiki gegen die
Menschewiki."
In seiner Geschichtsschreibung hat Trotzki in vielen Fragen in denen er früher
Lenin heftig bekämpfte, lange hinterher zu gegeben, daß Lenin recht hatte. Der
Zweck dieser Geschichtsschreibung ist, den tatsächlich bestehenden scharfen
Gegensatz harmlos erscheinen zu lassen. Die Frage aber, auf welchem Weg die
revolutionäre Partei entstehen sollte, die in Rußland zielklare Führerin der
Revolution wird, war in jener Zeit die aktuellste politische Frage. Und dabei
vertrat Trotzki „konsequent" den trotzkistischen Standpunkt, der dem
leninschen diametral gegenüber stand. Hätte in der russischen Arbeiterbewegung
nicht der Leninismus, sondern der Trotzkismus sich durchgesetzt, dann hätte der
Zusammenbruch des Zarismus in Rußland wahrscheinlich zu dem gleichen Ergebnis
geführt wie die Novemberrevolution in Deutschland.
In dem Kampfe um die revolutionäre Partei betrachtete Lenin Trotzki als einen
Feind, der noch schlimmer und gefährlicher ist, als die Liquidatoren. In dem
Artikel »Aus dem Lager der stolypinschen Arbeiterpartei" schrieb Lenin im
September 1911 (Sämtliche Werke, Band XV, russisch, Seite 218):
„Hieraus ergibt sich klar, daß Trotzki und die ihm Geistesverwandten
,Trotzkisten und Kompromißler' schädlicher als der ärgste Liquidator sind, denn
überzeugte Liquidatoren legen ihre Ansicht offen dar, und die Arbeiter können
ihre Fehlerhaftigkeit leicht erkennen; die Herren Trotzki aber betrügen die
Arbeiter, verschleiern das Übel, machen es unmöglich, es aufzudecken und zu
heilen. Jeder, der das Gruppchen Trotzkis unterstützt, unterstützt die Politik
der Lüge und des Betrugs an den Arbeitern, die Politik der Verschleierung des
Liquidatorentums. Volle Handlungsfreiheit für die Herren Potressow und Co. in
Rußland, Verschleierung ihrer Taten durch ,revolutionäre' Phrasen im Ausland —
das ist das Wesen der Politik des Trotzkismus." Im Januar 1912 fand in
Prag die von Lenin und den Bolschewiki organisierte Konferenz statt, die
vielleicht als die eigentliche Gründungskonferenz der selbständigen
Bolschewistischen Partei bezeichnet werden kann. Der offizielle Einberufer
dieser „Gesamtrussischen Parteikonferenz" war das Russische
Organisationskomitee, an dem auch parteitreue Menschewiki beteiligt waren.
Plechanow, der in jener Zeit sehr konsequent gegen die Liquidatoren auftrat,
unterstützte die Konferenz. An ihr nahmen außer einigen antiliquidatorischen
parteitreuen Menschewiki, die den Standpunkt Plechanows vertraten, nur
Bolschewiki teil. Nach der Prager Konferenz begann eine Belebung und ein neuer
Aufschwung der russischen Arbeiterbewegung. Es ist nicht ohne tieferen Sinn,
daß Trotzki das Zustandekommen dieser Konferenz mit allen Mitteln zu verhindern
suchte, und daß er nach der erfolgreichen Durchführung der Konferenz seinen
Kampf gegen Lenin verschärft fortsetzte. Aber Trotzki begnügte sich nicht
damit, die Prager Konferenz der Bolschewiki zu bekämpfen, er stellte sich an
die Spitze einer „Organisationskommission", die eine Gegenkonferenz
organisierte. Er schuf damals zusammen mit allen nichtbolschewistischen
Elementen den sogenannten Augustblock, der nach dem Wunsche seiner Autoren eine
gemeinsame Organisation aller nichtbolschewistischen Kräfte gegen den
Leninismus und die Bolschewiki schaffen sollte.
Gegen Trotzkis Bemühungen, den antileninistischen Augustblock und eine
Gegenkonferenz zu organisieren, schrieb Lenin im Januar 1911 in einem Artikel
„Über die Lage der Dinge in der Partei" (Sämtliche Werke, Band XV,
russisch, Seite 60): „Trotzkis Resolution, die die lokalen Organisationen zur
Vorbereitung seiner .Konferenz der Gesamtpartei über den Kopf des ZK hinweg und
gegen das ZK aufruft, ist ein Ausdruck eben dessen, was das Ziel der
Golos-Leute (Anhänger eines Organs der Menschewiki. D.V.) ist: Zerstörung der
den Liquidatoren verhaßten zentralen Institutionen und mit ihnen auch der
Partei als Organisation. Es genügt nicht, diese parteifeindlichen Handlungen
der Golos-Leute und Trotzkis ans Licht zu bringen, man muß sie bekämpfen. Die
Genossen, denen die Partei und ihre Wiedergeburt am Herzen liegt, müssen aufs
entschiedenste Stellung nehmen gegen alle diejenigen, die aus rein fraktionellen
und zirkelpolitischen Erwägungen und Interessen bestrebt sind, die Partei zu
zerstören...
Wenn Trotzki sagt, das Plenum habe die Tätigkeit der ,Prawda' (Trotzkis Blatt
in Wien. D.V.) als nützlich anerkannt, so verschweigt er zu Unrecht die
Tatsache, daß das Plenum einen Vertreter des ZK in die Redaktion der ,Prawda'
entsandt hat. Das Verschweigen dieser Tatsache bei der Erwähnung der Beschlüsse
des Plenums bezüglich der ,Prawda' kann man nicht anders bezeichnen, denn als
Betrug an den Arbeitern. Und dieser Betrug Trotzkis ist um so gemeiner, als
Trotzki im August 1910 den Vertreter des ZK aus der ,Prawda' entfernt hatte ...
Solange das ZK nicht erneut zusammengetreten ist, gibt es keinen anderen
Richter über das Verhalten der ,Prawda' gegenüber dem ZK, als den vom Plenum
ernannten Vertreter des ZK, der das Verhalten Trotzkis für parteifeindlich
erklärt hat .... Und wir erklären daher im Namen der Gesamtpartei, daß Trotzki
eine parteifeindliche Politik betreibt; daß er die Parteilegalität zerstört,
daß er den Weg des Abenteuers und der Spaltung betritt, wenn er in seiner
Resolution mit keinem Ton das ZK erwähnt .... und im Namen einer einzigen
ausländischen Gruppe die ,Organisierung' eines Fonds für die Einberufung einer
Konferenz der SDAPR kundgibt ... Trotzki schreibt in seiner Resolution, daß der
Kampf, den die ,Leninisten und Plechanowleute' führen (durch diese
Hervorkehrung von Personen an Stelle der Strömungen des Bolschewismus und des
parteitreuen Menschewismus will Trotzki seine Mißachtung zum Ausdruck bringen,
aber er bringt damit nur seine Ignoranz zum Ausdruck), daß dieser Kampf
gegenwärtig jeder prinzipiellen Grundlage entbehrt." Besonders erbost war
Lenin darüber, daß Trotzki bei seinem Kampf gegen die Prager Konferenz die
Liquidatoren unterstützte. Im Dezember 1911 schrieb er in einem Artikel über
eine Plattform der Parteitreuen (Sämtliche Werke, Band XV, russisch, Seite 302
usf.):
„Trotzki weiß ausgezeichnet, daß die Liquidatoren in den legalen Publikationen
gerade die Losung der ,Koalitionsfreiheit' vereinigen mit der Losung: Nieder
mit der illegalen Partei, nieder mit dem Kampf für die Republik. Die Aufgabe
Trotzkis besteht denn auch darin, das Liquidatorentum zu decken, indem er den
Arbeitern Sand in die Augen streut ....
Mit Trotzki kann man nicht sachlich diskutieren, denn er hat keinerlei
Anschauungen. Man kann und muß mit den überzeugten Liquidatoren und Otsowisten
diskutieren, mit einem Menschen aber, der das Spiel treibt, die Fehler sowohl
der einen als auch der anderen zu decken, diskutiert man nicht: man entlarvt
ihn als .... einen Diplomaten schlimmster Prägung..."
Später hat Lenin Trotzkis Stellung zu den Liquidatoren noch öfter behandelt.
Gegenüber dem von Trotzki erhobenen Vorwurf der Spalterei sagte Lenin, daß auf
dem Schauplatz der Arbeiterbewegung Rußlands außer dem Liquidatorentum und den
der illegalen Partei treuen Fraktionen nichts vorhanden sei. Lenins Meinung
war, daß die Partei nur lebensfähig sein könne, wenn sie sich von den die
Partei verneinenden Liquidatoren befreie. Er fragte Trotzki, ob er diese
Stellung zum Liquidatorentum als Spalterei betrachte. Trotzki wich dieser Frage
aus:
„Über seine grundlegenden Ansichten — schrieb Lenin (Ausgewählte Werke, Band
IV, Seite 212 usf.) — suchte Trotzki in seiner neuen Zeitschrift möglichst
wenig zu sagen. Die „Putl Prawda" (Nr. 37) hat bereits vermerkt, daß
Trotzki weder über die Frage der Illegalität noch über die Losung des Kampfes
für eine legale Partei usw. auch nur einen Ton geäußert hat. Eben deshalb
sprachen wir unter anderem von schlimmstem Fraktionswesen in dem Falle, wenn
eine abgesonderte Organisation ohne Jegliche ideologisch-politische
Physiognomie entstehen will."
Die unklare Haltung, die Lenin Trotzki vorwarf, diente in der Praxis den
Liquidatoren, sie entsprang der Absicht, auf jeden Fall einen
opportunistischen, antileninistischen Block zustande zu bringen, unbeschadet
seines ideologisch-politischen Inhalts. Trotzki erzählt in „Mein Leben",
was ihn zu seinen Bemühungen um den opportunistischen Augustblock bewogen hat (Seite
215):
„Im Jahre 1912, als sich der neue politische Aufstieg klar zeigte, machte ich
den Versuch, eine Vereinigungskonferenz von Vertretern aller
sozialdemokratischen Fraktionen einzuberufen .... Unter den Bolschewiki selbst
waren die versöhnlerischen Tendenzen in jener Periode sehr stark, und ich
verlor die Hoffnung nicht, daß dieses auch Lenin veranlassen würde, sich an der
Konferenz zu beteiligen. Lenin jedoch widersetzte sich der Vereinigung mit
aller Kraft. Der ganze Verlauf der Ereignisse hat gezeigt, daß Lenin recht
hatte. Die Konferenz versammelte sich im August 1912 in Wien, ohne die
Bolschewiki, und ich geriet formell in einen ,Block' mit den Menschewiki und
einzelnen Gruppen der Bolschewiki-Dissidenten. Eine politische Basis hatte
dieser Block nicht..."
Trotzki behauptet, er wollte eine Vereinigungskonferenz aller Gruppen
organisieren. Das ist eine Unwahrheit, denn er wußte ganz genau, mit welcher
Heftigkeit Lenin diese opportunistische Absicht bekämpfte. Er wußte ferner, daß
die berufenen Organe der Partei eine allrussische Konferenz einberufen hatten,
und daß seine „Vereinigungs"- Veranstaltung eine Gegenkonferenz gegen die
Parteikonferenz war. Trotzki war auch nicht im unklaren darüber, daß die
Bolschewiki unter Lenins Führung seine „Vereinigungskonferenz" mit
Liquidatoren grundsätzlich ablehnten, daß die Bolschewiki mit den
„versöhnlerischen Tendenzen" ausgeschlossen waren und nicht mehr als
Bolschewiki gelten konnten. Die nachträgliche Darstellung Trotzkis über seine
Haltung zur Augustkonferenz und zum Augustblock ist ein Musterbeispiel für
seine Art der Geschichtsschreibung. Natürlich fehlt dabei auch nicht die
Feststellung, daß „der Verlauf der Ereignisse" Lenin recht gegeben habe.
Was ist das für ein vorausschauender Politiker, — und Trotzki gibt vor, ein
solcher zu sein - der mit Verbissenheit in der jeweils aktuellsten politischen
Frage einen Standpunkt vertritt, den er dann nach Jahrzehnten — wenn es ihm
opportun erscheint — als falsch bezeichnet.
Der Versuch Trotzkis, im Jahre 1912 einen ideologisch uneinheitlichen Block der
verschiedensten Elemente gegen den Bolschewismus zu bilden, war eben nicht nur
eine Augenblicksverirrung Trotzkis, sondern er entsprang den
Organisationsauffassungen und der falschen theoretischen und politischen Konzeption
des Trotzkismus, die Lenin wegen ihrer Gefährlichkeit so erbittert bekämpfte.
Wenn Trotzki belehrungsfähig wäre (eben nicht der eine Meister neben dem
anderen), dann hätten ihn die ernsthaften Argumente Lenins von der Verkehrtheit
seines Beginnens überzeugt. „Um die Partei aufzubauen, genügt es nicht, zu
rufen: ,Einheit!'" — schrieb Lenin gegen Trotzki — „man muß auch ein
politisches Programm, auch ein Programm politischer Aktionen haben." Das
aber hatte der Augustblock nicht, er hatte — wie Trotzki 1930 zugibt — keine
politische Basis. Und daran ist er gescheitert. Lenin hat dieses Ergebnis
vorausgesagt; er bekämpfte den Augustblock, weil er mit dem leninistischen
Organisationsprinzip unvereinbar war. Trotzkis Augustblock verband nur die
gemeinsame Gegnerschaft gegen den Leninismus; er bestand aus den
verschiedenartigsten Elementen, die weder über Ziel noch Weg klar und einig
waren.
In den Auseinandersetzungen um den Augustblock und die Prager Konferenz zeigte
sich sehr deutlich der große Unterschied zwischen Leninismus und Trotzkismus.
Lenin verlangte unerschütterlich als Voraussetzung für die siegreiche
Durchführung der Revolution eine zielklare, auf einer gemeinsamen ideologischen
Basis stehende zentralistische Partei; die praktische Tätigkeit Trotzkis
bewies, daß er glaubte, mit einer äußerlich zusammengeklebten Mischmaschpartei
in die Revolution gehen zu können. Das erwies sich als illusionär. Der
Augustblock fiel bald nach seiner Gründung wieder auseinander. Trotzkis letzte
Aktion gegen eine schlagkräftige Bolschewistische Partei brach kläglich
zusammen. Die Bolschewistische Partei hat sich gegen die von Trotzki
aufgerichteten Hemmungen durchgesetzt, sie hat in der Revolution die
entscheidende Rolle gespielt, die Trotzki zur vorübergehenden Liquidierung
seiner Sonderstellung zwang.
Die Prager Konferenz fand trotz allen Sabotageversuchen im Januar 1912 statt.
Sie ist für die Bolschewiki besonders bedeutungsvoll, weil sie faktisch die
Umwandlung der bolschewistischen Fraktion in eine selbständige Partei vollzog.
Auf dieser Konferenz wurde ein aktionsfähiges Parteizentrum, ein festerer
organisatorischer Zusammenhalt auf einer einheitlichen ideologischen Grundlage
geschaffen. Die liquidatorischen Organisationen und die linksopportunistischen
Elemente wurden aus der Partei ausgeschlossen; außerdem beschloß die Konferenz,
alle Beziehungen zu Trotzkis „Prawda" abzubrechen. In das Zentralkomitee
wurden Lenin, Stalin, Sinowjew, Ordshonikidse, Goloschtschekin Schwarzmann und
Malinowski gewählt. Der letztgenannte, der auch bolschewistischer
Duma-Abgeordneter war, wurde nach der Öffnung der zaristischen Polizeiarchive
als Spitzel entlarvt und 1916 von den Bolschewiki wegen seiner Verräterei
erschossen. Als Kandidaten für das Zentralkomitee wurden auf der Prager
Konferenz noch Kalinin und die Stassowa gewählt, die heute ebenso wie Litwinow,
der gleichfalls zu der ältesten Garde der Bolschewiki gehört, in der
Sowjetunion hervorragende Funktionen ausüben. Dieser Hinweis ist in diesem
Zusammenhange zweckmäßig, weil die Trotzkisten in neuerer Zeit immer wieder
behaupten, daß in der Sowjetunion die ganze alte bolschewistische Garde
ausgerottet werde. Auch Molotow war bereits während des Bürgerkrieges Mitglied
des Zentralkomitees der Partei, ebenso haben Woroschilow und Meschlauk schon in
der Revolution hervorragende Funktionen in der Partei und der Armee inne
gehabt. Die heutigen Führer der Sowjetunion sind also — so weit sie nicht zur
jüngeren Generation zählen — im Gegensatz zu Trotzki alte Bolschewiki. Aber
schließlich ist bei der Beurteilung jedes Einzelnen sein Tun in der Gegenwart
wichtiger als sein Verhalten in der Vergangenheit. Um sein Tun in der Gegenwart
zu rechtfertigen, beruft Trotzki sich auf seine angebliche enge Gemeinschaft
mit Lenin in der Vergangenheit. Die Analyse dieser Vergangenheit jedoch ergibt,
daß Trotzki dazu keinesfalls berechtigt ist.
Nach der Prager Konferenz wurden die Angriffe Trotzkis gegen Lenin und die
Bolschewiki besonders heftig. Anfang 1912 schreibt Trotzki in seiner Wiener
„Prawda":
„Im Januar dieses Jahres fand im Ausland eine Beratung einiger russischer
Praktiker mit dem leninschen Literaturzirkel statt. In der Darstellung der
Leninisten ist diese Beratung eine ,Allrussische Konferenz der Partei' genannt
worden, in der Resolution der Gruppe ,Wperjod' wurde sie ein ,Überfall auf die
Partei' genannt. Alle Tatsachen und Umstände dieser Beratung veranlassen uns,
anzuerkennen, daß die letztere Bezeichnung den Wesensinhalt der Sache weit
genauer zum Ausdruck bringt. Wir zweifeln nicht daran, daß die Beschlüsse der
leninschen Konferenz keinen irgendwie nennenswerten Einfluß auch auf die Arbeit
der Leninisten in Rußland selbst ausüben können, denn kein ernster
Parteiarbeiter wird seine Kräfte für ein sichtlich hoffnungsloses
Zirkelunternehmen hergeben wollen." Die leninistische revolutionäre
Organisation bezeichnet Trotzki als einen in den Massen einflußlosen Zirkel,
der sich nicht mit realen politischen Dingen, sondern eben nur mit Literatur
beschäftigt, der eine Literatur produziert, die in Rußland niemand beachtet.
Darüber hinaus behauptet Trotzki, daß selbst die Leninisten in Rußland es
ablehnen werden, für Lenins „hoffnungsloses Zirkelunternehmen" zu
arbeiten. Die Geschichte hat sehr schnell die von Trotzki 1912 aufgestellten
Behauptungen widerlegt. Die Leninisten und sehr viele andere revolutionäre
Arbeiter in Rußland haben ihre Arbeit in den Dienst des „leninschen
Literaturzirkels" gestellt. Als der Zarismus zusammenbrach, war die
leninsche Partei die Macht, die allein die Massen vom Februar zum siegreichen
Oktober führen konnte.
Als die Bolschewiki bald nach der Prager Konferenz in Rußland selbst eine
Arbeiterzeitung unter dem Namen „Prawda" herausgeben wollten, schrieb
Trotzki in seiner Wiener „Prawda" einen wütenden Artikel gegen Lenin und
die Bolschewiki:
„In der Petersburger Zeitung ,Swjesda' erschien eine Ankündigung über das
bevorstehende Erscheinen einer Arbeiter-Tageszeitung ,Prawda'. Die die Presse
verfolgenden Arbeiter wissen, daß gerade unter dieser Bezeichnung ... unsere
Zeitung bereits seit vier Jahren erscheint. Was soll das bedeuten? Hat die
Redaktion der neuen Zeitung nach unserem Einverständnis gefragt? Nein, sie hat
nicht gefragt. In welchem Verhältnis steht die Petersburger Zeitung zu unserer
Zeitung? In keinem...
Der leninsche Zirkel, diese Verkörperung der Fraktionsreaktion und der
spalterischen Willkür, hat nicht nur versucht, uns durch Aneignung der
allgemeinen Parteimittel des Feuers und des Wassers zu berauben, sondern hat im
Verlauf der letzten beiden Jahre auch alles getan, was möglich war, um den
Namen „Prawda“ in den Augen der russischen Arbeiter zu beschmutzen und verhaßt
zu machen.
Und jetzt, nach einem zweijährigen Kampfe des leninschen Zirkels gegen uns
entsteht in Petersburg eine Zeitung, die sich den völligen Titel unserer
Zeitung ... aneignet. Mit welchem Recht? Ohne jedes Recht. Wozu? Darauf ist
nicht schwer zu antworten: dazu, um auf dem Wege der Fälschung das zu
erreichen, was nicht gelang, auf dem Wege einer wilden Hetze zu erzielen; dazu,
um die spalterischen Tendenzen als Schmuggelware unter der Flagge einer Zeitung
fraktionslosen Charakters, der für die breiten Arbeiterkreise unzweifelhaft
ist, einzuschmuggeln. Und dazu, um alle Karten zu vermischen, ein volles Chaos
hervorzurufen und die Verwirrung aller, noch lange nicht durch Beständigkeit
gekennzeichneten Begriffe in den breiten Kreisen der Partei
hervorzurufen."
Auch an dieser Äußerung ist der gehässige Ton beachtlich, den Trotzki damals in
seinem Kampfe gegen den Leninismus anschlug. Er spricht immer nur von dem
„leninschen Zirkel”, der der Ausdruck der Fraktionsreaktion sei, der nur
spalte, und den Trotzki hier auch der Fälschung und des Betruges bezichtigt.
Mit der Aneignung der allgemeinen Parteimittel, die Trotzki in diesem Artikel
dem „leninschen Zirkel” vorwirft, hatte es eine besondere Bewandtnis. In der
damaligen Zeit fehlte in der russischen sozialdemokratischen Partei noch die
allgemein anerkannte Zentralstelle, der alle eingehenden Geldmittel zur
Verteilung zugeleitet werden konnten. Darum gingen die für den illegalen Kampf
eingehenden Gelder einer Gruppe von Treuhändern zu, die über die Verteilung
entschied. Diese Treuhänder waren Karl Kautsky, Franz Mehring und Klara Zetkin,
die nach gründlicher sachlicher Prüfung der tatsächlichen Lage in der
russischen Sozialdemokratie zu dem Ergebnis kamen, daß die Bolschewiki als die
stärkste und einflußreichste Kraft in Rußland den berechtigtsten Anspruch auf
die Parteigelder hätten. In den Augen der Treuhänder waren eben die Bolschewiki
nicht nur ein „leninscher Literaturzirkel”, sondern ein entscheidender Teil der
illegalen Bewegung. Im Gegensatz zu den Trotzkisten, die wirklich nur ein
Zirkel ohne wesentlichen Einfluß auf die russischen Arbeiterwaren, und denen
darum die Treuhänder Parteigelder zu überweisen ablehnten. Gegen Trotzkis Hetze
wegen der Gelder schrieb Lenin in einem Briefe „An alle sozialdemokratischen
Parteiorganisationen, Gruppen und Zirkel”:
„Man braucht kein Wort darüber zu verlieren, daß es Trotzki für seine Pflicht
hält, alle Ammenmärchen der ausländischen Liquidatoren über die angebliche
Aneignung der Parteigelder ... zu wiederholen. Habt wenigstens ein bißchen
Scham, Herrschaften! - sagen wir Trotzki und den mit ihm Gehenden. Unternehmt
nicht eine schändliche, lügnerische und klägliche Kampagne um das Geld!”
Doch wegen dieses Geldes hat Trotzki noch einen heftigeren Angriff gegen Lenin
unternommen. In einem Brief an den menschewistischen Führer Tscheidse schrieb
er am 1. April 1913:
„Die schmutzige Intrige, die systematisch von dem Meister für solche Sachen,
von Lenin, dem berufsmäßigen Ausbeuter jeglicher Rückständigkeit in der
russischen Arbeiterbewegung, entfacht wird, erscheint als unsinniges
Hirngespinst. Kein geistig intakter europäischer Sozialist glaubt, daß auf
Grund jener Margarine-Meinungsverschiedenheiten, die von Lenin in Krakau
formuliert wurden, eine Spaltung nötig ist. Mit den „dunklen Geldern“, die
Kautsky und Zetkin entrissen wurden, hat Lenin ein Organ geschaffen und sich
für dasselbe die Firma einer populären Zeitung angeeignet. Er hat die „Einheit“
und die „Fraktionslosigkeit“ zu ihrer Fahne gemacht und Arbeiterleser gewonnen,
die in dem Erscheinen einer Arbeiter-Tageszeitung überhaupt, natürlicherweise
ihre eigene gewaltige Errungenschaft sahen. Aber dann, als die Zeitung sich
befestigte, machte sie Lenin zum Hebel für das zirkelmäßige Intrigantentum und
die prinzipienlose Spalterei ...
Das ganze Gebäude des Leninismus in der gegenwärtigen Zeit ist auf Lüge und
Falschheit aufgebaut und trägt die giftigen Bestandteile der eigenen Zersetzung
in sich.”
Trotzki bestätigt in „Mein Leben” (Seite 500), daß er tatsächlich diesen Brief
an Tscheidse, der unter Kerensky eine große Rolle spielte und in der Revolution
einer der Gegenspieler Lenins war, geschrieben hat. Nach Trotzkis Angaben wurde
dieser Brief vom zaristischen Polizeidepartement abgefangen. Er ist erst nach
der Oktoberrevolution durch die Öffnung der Polizeiarchive bekannt geworden.
Trotzki verteidigt den Brief damit, „daß in den Jahren der Emigration mancherlei
Briefe geschrieben" wurden. Da Trotzki die Wirkung dieses Briefes
unangenehm war, versuchte er mit großen Worten und mit einer Schimpfkanonade
abzulenken. Er nennt die spätere Veröffentlichung dieses Briefes durch die
Bolschewistische Partei eines der „größten Betrugsmanöver in der
Weltgeschichte. Die gefälschten Dokumente der französischen Reaktion im
Dreyfus-Prozeß sind nichts im Vergleich mit diesem politischen Betrug Stalins
und seiner Komplizen." („Mein Leben" Seite 500).
Das ist der gleiche Ton gegen Stalin wie in dem Brief an Tscheidse gegen Lenin.
Wenn Trotzki die Bekanntgabe eines von ihm als echt zugegebenen Briefes mit den
gefälschten Dokumenten im Dreyfuß-Prozeß vergleicht, dann beweist das nur die
Unfähigkeit Trotzkis, sachlich und objektiv zu urteilen. Wieso aber die
Bekanntgabe eines echten Briefes eines der größten Betrugsmanöver der
Weltgeschichte sein soll, wird kein objektiv urteilender Mensch verstehen. Die
Feststellung, daß Trotzki in all den Jahren der intensiven Vorbereitung der
russischen Revolution in schroffer Gegnerschaft gegen Lenin und den Leninismus
stand, ist kein Betrug, sondern die geschichtliche Wahrheit. Wenn etwas Betrug
ist, so Trotzkis Bemühen, den Kampf zwischen Lenin und Trotzki, zwischen
Leninismus und Trotzkismus, nachträglich aus der Welt zu lügen. Der Gegensatz
zwischen diesen beiden Strömungen der russischen Arbeiterbewegung ist eine
historische Wahrheit, und der Brief Trotzkis an Tscheidse ist nur ein Beweis
dafür, wie tief dieser Gegensatz war, wie feindselig Trotzki noch am Vorabend
der Revolution Lenin gegenüberstand. Es zeugt wahrlich nicht von freundlichen
Gefühlen — die auch eine Voraussetzung für eine enge Kampfgemeinschaft sind —
wenn Trotzki Lenin einen Meister schmutziger Intrigen nennt, einen Politiker, der
sich nicht auf die fortschrittlichen Teile der Arbeiterschaft stützt, sondern
ein „berufsmäßiger Ausbeuter jeder Rückständigkeit in der russischen
Arbeiterbewegung" ist. Trotzkis völliges Mißverstehen der leninschen
Organisationskonzeption kommt auch darin zum Ausdruck, daß er Lenin vorwirft,
wegen „Margarine - Meinungsverschiedenheiten" zu spalten, nur aus Freude
an der Spaltung. Die große Feindschaft Trotzkis aber gegen den Leninismus
beweist die Behauptung, daß der ganze Leninismus auf Lüge und Falschheit
aufgebaut sei.
Der in der Tat sehr aufschlußreiche Brief Trotzkis an Tscheidse war Lenin in
den Auseinandersetzungen vor der Revolution nicht bekannt geworden. Lenin
kannte nur die publizierten Äußerungen Trotzkis in dem Meinungsstreit, und die
genügten ihm schon, harte und vernichtende Urteile über das Wirken Trotzkis und
des Trotzkismus zu fällen. Im Mai 1914 schrieb Lenin in einer längeren Arbeit
„Über die Verletzung der Einheit, bemäntelt durch Geschrei über die
Einheit" gegen seinen „Kampfgenossen" Trotzki (Lenin, Ausgewählte
Werke, Band IV, Seite 201 usf.):
„Bei Trotzki dagegen gibt es keinerlei ideologisch-politische Bestimmtheit,
denn das Patent auf die ,Fraktionslosigkeit' bedeutet lediglich ... das Patent
auf die völlige Freiheit des Hinüberwechselns von einer Fraktion zur anderen
und zurück. Das Fazit: 1. die historische Bedeutung der ideellen Differenzen
zwischen den Richtungen und Fraktionen im Marxismus erklärt und versteht
Trotzki nicht, obwohl diese Differenzen die zwanzigjährige Geschichte der
Sozialdemokratie füllen und die Grundfragen der Gegenwart berühren, 2. die
Hauptmerkmale des Fraktionswesens als einer Anerkennung der Einheit dem Namen
nach und einer tatsächlichen Zersplitterung, hat Trotzki nicht verstanden, 3.
unter der Fahne der ,Fraktionslosigkeit' vertritt Trotzki eine der besonders
ideenlosen Fraktionen, denen der Boden in der Arbeiterbewegung Rußlands
entzogen ist.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt. In den Phrasen Trotzkis ist viel Glanz und
Getue, aber Inhalt haben sie keinen..."
Wenn es bei euch „Prawda“-Anhängern (gemeint sind damit die Anhänger der
Petersburger ,Prawda' der Bolschewiki. D.V.) kein Fraktionswesen gibt, d.h.
keine Anerkennung der Einheit dem Namen nach bei tatsächlicher Zersplitterung,
so gibt es bei euch etwas Schlimmeres - die „Spalterei". entgegnet man
uns. So spricht nämlich Trotzki, der außerstande seine Gedanken zu durchdenken
und seine Phrasen miteinander in Einklang zu bringen, bald gegen das
Fraktionswesen lamentiert und bald schreit: ,Die Spaltung macht eine
selbstmörderische Eroberung nach der anderen.' (Nr. 1, Seite 6.)
Der Sinn dieser Erklärung kann nur der eine sein: „die Anhänger der ,Prawda'
machen eine Eroberung nach der anderen (das ist eine objektive, überprüfbare
Tatsache, die durch das Studium der proletarischen Massenbewegung Rußlands,
sagen wir in den Jahren 1912 und 1913, festgestellt werden kann), aber ich,
Trotzki, verurteile die „Prawda“- Anhänger erstens als Spalter und zweitens als
Selbstmordpolitiker."
Wollen wir das untersuchen. Vor allem danken wir Trotzki: vor kurzem (vom
August 1912 bis zum Februar 1914) folgte er Dan, der bekanntlich drohte und
aufforderte, das Antiliquidatorentum zu „erschlagen“. Jetzt droht Trotzki nicht
mit dem ,Erschlagen' unserer Richtung (und unserer Partei — seien Sie nicht
böse, Bürger Trotzki, das ist doch die Wahrheit!), sondern prophezeit nur, daß
sie sich selbst umbringen werde! Das ist weit milder, nicht wahr? Das ist fast
,fraktionslos', nicht wahr? Aber Spaß beiseite (obwohl Spaß die einzige Methode
ist, auf die unerträgliche Phrasendrescherei Trotzkis milde zu reagieren). Das
mit dem ,Selbstmord' ist einfach eine Phrase, eine hohle Phrase, bloßer
,Trotzkismus' ... Zu der Behauptung Trotzkis, daß zahlreiche vorgeschrittene
Arbeiter „im Zustand völliger Kopflosigkeit" Anhänger der Bolschewiki
werden, schrieb Lenin in dem gleichen Artikel weiter:
„... Trotzki liebt es sehr, mit der gelehrten Miene eines Kenners, mit üppigen
und klangvollen Phrasen die historischen Erscheinungen auf eine für Trotzki
schmeichelhafte Art zu erklären. Wenn ,zahlreiche vorgeschrittene Arbeiter' zu
,eifrigen Agenten' einer politischen und Parteilinie werden, die mit der Linie
Trotzkis nicht in Einklang steht, so löst Trotzki, ohne sich zu genieren, die
Frage auf einen Hieb und schnurstracks: diese vorgeschrittenen Arbeiter
befinden sich ,im Zustande völliger politischer Kopflosigkeit', er aber,
Trotzki, offenbar ,im Zustande' einer politisch festen, klaren und richtigen
Linie! ... (Genau so wie 1914 behauptet Trotzki 1936, — z.B. in „La revolution
trahie" — daß die fortgeschrittenen Arbeiter in der Sowjetunion hinter ihm
stehen, während Stalin sich auf die rückschrittlichen Elemente stütze, oder daß
die fortgeschrittenen Arbeiter, wenn sie Stalin folgen, sich im Zustande der
politischen Verwirrung befinden. D.V.) Und der nämliche Trotzki donnert, sich
in die Brust werfend, gegen das Fraktionswesen, gegen das Zirkelwesen, dagegen,
daß die Intellektuellen den Arbeitern ihren Willen aufzwingen wollen! ...
Wirklich, wenn man derartige Dinge liest, fragt man sich unwillkürlich, ob
solche Stimmen nicht aus einem Irrenhaus ertönen? ..."
In der Auseinandersetzung mit Trotzki kommt Lenin in dem Artikel „Über die
Verletzung der Einheit" schließlich zu folgendem Schluß (Lenin, Ausgewählte
Werke, Band IV, Seite 216 usf.):
„Die alten Teilnehmer an der marxistischen Bewegung in Rußland kennen die Figur
Trotzkis genau, und für sie lohnt es nicht, von ihr zu sprechen. Aber die junge
Arbeitergeneration kennt sie nicht, und man muß von ihr sprechen, denn er ist
eine Figur, die typisch ist für alle jene fünf Auslandsgrüppchen, die in
Wirklichkeit ebenfalls zwischen dem Liquidatorentum und der Partei schwanken
... Trotzki war in den Jahren 1901—1903 ein rabiater „Iskra“- Anhänger und
Rjasanow bezeichnete seine Rolle auf dem Parteitag von 1903 als die Rolle des
,leninschen Knüppels'. Ende 1903 war Trotzki rabiater Menschewik, d.h. er war
von den „Iskra“- Anhängern zu den „Ökonomisten“ übergelaufen; er verkündete:
,zwischen der alten und der neuen ,Iskra' liegt ein Abgrund'. Im Jahre 1904/05
rückte er von den Menschewiki ab und nimmt eine schwankende Haltung ein, wobei
er bald mit Martynow (dem ,Ökonomisten') zusammen arbeitet, bald die
plump-linke (in anderen Übersetzungen heißt es „albern-linke" D.V.)
„permanente Revolution” verkündet. 1906/07 nähert er sich den Bolschewiki und
im Frühling 1907 erklärt er sich mit Rosa Luxemburg solidarisch. In der Periode
des Zerfalls geht er, nach langen ,nichtfraktionellen' Schwankungen, wiederum
nach rechts und im August 1912 geht er einen Block mit den Liquidatoren ein.
Jetzt rückt er wiederum von ihnen ab, wobei er jedoch im Wesen der Sache ihre
armseligen Gedanken wiederholt."
Die Stellung Lenins zu Trotzki war besonders im Kampfe um die revolutionäre
Partei sehr eindeutig. Beim Kampf um die revolutionäre Partei, bei der
Herausarbeitung der revolutionären Theorie und der erfolgreichen politischen
Strategie stieß Lenin auf den Widerstand Trotzkis, begegnete ihm der
Trotzkismus als erbitterter Feind. Im Kampfe gegen diesen Feind bildete sich
die Bolschewistische Partei, die schon während des Krieges als selbständige
Organisation auftrat. Jedoch erst nach der Revolution, auf dem VII. Kongreß im
Jahre 1918, haben die Bolschewiki ihre frühere sozialdemokratische Parteibezeichnung
geändert und sich nach dem Vorschlage Lenins „Kommunistische Partei"
genannt. Während des Krieges hat Lenin sehr scharfe Polemiken gegen Trotzki
geführt, und dabei bereits gegen Trotzkis These von der Unmöglichkeit des
Sozialismus in einem Lande Stellung genommen.
Im Anschluß an die Darstellung des Gegensatzes zwischen Leninismus
und Trotzkismus in der Organisationsfrage muß noch einiges über Trotzkis
Stellung zur Parteidisziplin gesagt werden. Der heftige Kampf, den Trotzki in
der Vergangenheit gegen den Leninismus führte, beweist, — wie Lenin in seinen
Polemiken öfter sagte — daß Trotzki die leninsche Auffassung von der
revolutionären Partei nicht begriffen oder sich nicht zu eigen gemacht hat.
Unerbittlich vertrat Lenin den Standpunkt, daß die revolutionäre
Bolschewistische Partei eine einheitliche ideologische Grundlage, eine — wie
man später sagte — Generallinie brauche, die alle, die Parteimitglieder sein
wollen, anerkennen müssen. Auf der Basis dieser gemeinsamen ideologischen
Grundlage gibt es innerhalb der Partei Meinungsfreiheit und Meinungsaustausch,
aber nach der Entscheidung der Parteiorganisation müssen deren Beschlüsse
geschlossen durchgeführt werden, jede Verletzung der Aktionseinheit steht im
Widerspruch mit dem leninschen Organisationsprinzip. Als 1917 nach dem Beschluß
des Zentralkomitees über den Oktoberaufstand die in der Minderheit verbliebenen
Sinowjew und Kamenew — die im Gegensatz zu Trotzki frühere Mitarbeiter Lenins
waren — öffentlich gegen den Beschluß der Partei Stellung nahmen, hat Lenin
diese Störung der Aktionseinheit in der schärfsten Weise gebrandmarkt. Er
nannte die beiden rücksichtslos Streikbrecher und Verräter, die aus der Partei
entfernt werden müssen. Um das geschlossene Auftreten der revolutionären Partei
in allen Situationen zu sichern, darf es in ihr keine Fraktionen geben. Niemand
hat so energisch wie Lenin die Bildung selbständiger Fraktionen in der
Bolschewistischen Partei als einen Verrat an der Partei und an der Revolution
gebrandmarkt. Kurz vor seinem Tode — auf dem X. Parteitag — hat Lenin
Beschlüsse durchgesetzt, die jede Fraktionsbildung in der Partei unmöglich
machen sollten und die später gegen die trotzkistische Fraktion wirksam wurden.
Gegen diese Beschlüsse sind später die Trotzkisten Sturm gelaufen. Sie
bezeichneten die überwiegende Mehrheit der Partei als eine Fraktion, deren
„fraktionelle Diktatur" nur dadurch beseitigt werden könne, daß die
Beschlüsse des X. Parteitages aufgehoben und fraktionelle Gruppierungen in der
Partei zugelassen werden. Es ist also vollkommen unberechtigt, wenn die
Trotzkisten sich nach Lenins Tode bei ihrem Kampf gegen die überwiegende
Mehrheit der Partei gegen die Durchführung der Parteitagsbeschlüsse auf Lenin
berufen.
Trotzki fehlte die Fähigkeit, sich in die leninsche Partei einzufügen, sich
ihrer straffen Disziplin unterzuordnen. Aus dem Gegensatz zu dem leninistischen
Organisationsprinzip erwuchs und verschärfte sich in der vorrevolutionären Zeit
seine ideologisch-politische Gegnerschaft zum Bolschewismus. Aus der gleichen
Ursache entstanden nach der Oktoberrevolution seine Konflikte mit der
Bolschewistischen Partei. Trotzki stellte seine Person über die Partei. Schon
bald nach dem ersten organisatorischen Konflikt auf dem II. Parteitag im Jahre
1903 hat Lenin die besondere Eigenschaft Trotzkis, Parteitagsbeschlüsse nicht
zu achten und die Parteidisziplin zu brechen, angegriffen. In einem Artikel
„Von schönen Worten wird man nicht satt" (Januar 1905) schrieb Lenin (Band
VII, Seite 69/70):
„Welche Garantien kann es dagegen geben, daß Revolutionäre, die gemeinsam einen
Parteitag abgehalten haben, nachher, beleidigt, weil der Parteitag sie nicht
gewählt hat, zu schreien anfangen, daß der Parteitag ein reaktionärer Versuch
gewesen sei, die „Iskra“- Auffassung durchzusetzen (Trotzki in einer Broschüre,
die unter der Redaktion der ,neuen Iskra' herausgegeben wurde), daß die
Beschlüsse des Parteitags kein Heiligtum, daß auf dem Parteitag keine Arbeiter
aus der Masse gewesen seien? Welche Garantien kann es dagegen geben, daß ein
gemeinsamer Beschluß über die Formen und Normen der Parteiorganisation, ein
Beschluß, der sich Organisationsstatut der Partei nennt ... - nachträglich von
charakterlosen Leuten, soweit er ihnen nicht in den Kram paßt, in Fetzen
gerissen wird, unter dem Vorwand, daß solche Dinge, wie Statuten, bürokratisch
und formalistisch seien?"
Nach dem II. Parteitag nannte Trotzki Mehrheitsbeschlüsse, die ihm nicht in den
Kram paßten, reaktionär, und reaktionäre Beschlüsse erkannte er nicht als
bindend an. Im Mai 1914 schrieb Lenin in einem Beitrag über die Einheit zu
Trotzkis disziplinlosem Verhalten (Lenin, Ausgewählte Werke, Band IV, Seite 217
usf.):
„Derartige Typen (Trotzki. D.V.) sind charakteristisch als Trümmer geschichtlicher
Gestaltungen und Formationen von gestern, wo die proletarische Massenbewegung
in Rußland noch schlief, und ein beliebiges Grüpplein genügend ,Platz hatte',
um sich als Strömung, als Gruppe, als Fraktion, mit einem Wort als eine ,Macht'
hinzustellen, die von Vereinigung mit anderen redet.
Es ist notwendig, daß die Junge Arbeitergeneration genau wisse, mit wem sie es
zu tun hat, wenn mit unglaublichen Ansprüchen Leute auftreten, die weder mit
den Parteibeschlüssen, die seit dem Jahre 1908 das Verhältnis zum
Liquidatorentum bestimmt und festgesetzt haben, noch mit der Erfahrung der
modernen Arbeiterbewegung Rußlands, welche die Einheit der Mehrheit in der Tat
auf der Grundlage der restlosen Anerkennung der genannten Beschlüsse
hergestellt hat, irgendwie rechnen wollen." Trotzki ist der von Lenin
charakterisierten Eigenschaft, sich nicht nach den Beschlüssen der Partei zu
richten, immer treu geblieben. Seine Verstöße gegen die Aktionseinheit und
gegen die Parteidisziplin — deren strikte Innehaltung auch nach dem Tode Lenins
das oberste Prinzip der Partei geblieben ist — waren die Ursache der scharfen
Zusammenstöße zwischen Trotzki und der leninschen Organisation. In dem Bericht
des Zentralkomitees, den Stalin im Januar 1924 auf der XIII. Parteikonferenz
erstattete, referierte er über die Diskussion zur Frage der Demokratie in der
Partei. In der ersten Periode habe die Opposition das Zentralkomitee heftig
angegriffen, weil während der NEP-Periode dessen ganze Linie falsch gewesen
sein soll. In der zweiten Periode schien eine gewisse Aussöhnung der Opposition
mit der Linie des Zentralkomitees zustande zu kommen. Die Opposition legte
Resolutionen vor, die sich nur wenig von der Resolution des Zentralkomitees
unterschieden. Über die dritte Periode sagte Stalin in seinem Bericht:
„Diese Periode wurde eingeleitet durch den Vorstoß des Genossen Trotzki, durch
sein Schreiben an die Rayons, ein Vorstoß, durch den im Nu die
Versöhnungstendenzen liquidiert und alles auf den Kopf gestellt wurde. Mit
diesem Vorstoß des Genossen Trotzki brach die Periode des schärfsten
innerparteilichen Kampfes an, eines Kampfes, zu dem es nicht gekommen wäre,
wenn Genosse Trotzki nicht, nachdem er für die Resolution des Politbüros
gestimmt hatte, am nächsten Tage mit seinem Brief hervorgetreten wäre. Wie ihr
wißt, folgte auf den ersten Vorstoß des Genossen Trotzki ein zweiter. Auf den
zweiten ein dritter, und der Kampf spitzte sich im Zusammenhang damit noch mehr
zu ....
Der erste Fehler des Genossen Trotzki bestand in der Tatsache des Hervortretens
mit einem Artikel am Tage nach der Veröffentlichung der Resolution des
Politbüros des ZK und der ZKK, mit einem Artikel, den man nicht anders
einschätzen kann .... als neue Plattform, die der einstimmig angenommenen
Resolution des ZK entgegengestellt wird. Bedenkt nur, Genossen: An dem und dem
Tage kommt das Politbüro und das Präsidium der ZKK zusammen, die Frage der
Resolution über die innerparteiliche Demokratie steht auf der Tagesordnung, die
Resolution wird einstimmig angenommen und nach insgesamt einem Tage wird
unabhängig vom ZK, ohne den Willen des ZK, über den Kopf des ZK hinweg an die
Rayons ein Artikel des Genossen Trotzki gesandt — eine neue Plattform, die von
neuem die Frage des Apparates und der Partei, der Kader und der Jugend, der
Fraktionen und der Parteieinheit usw. aufrollt, eine Plattform, die von der
ganzen Opposition aufgegriffen und der Resolution des ZK entgegengestellt wird
.... Das heißt, daß Genosse Trotzki sich dem ganzen ZK offen und schroff
entgegenstellt. Die Partei stand vor der Frage: Haben wir ein ZK als leitende
Instanz oder haben wir keins mehr, gibt es ein ZK, dessen einstimmige
Beschlüsse von den Mitgliedern dieses ZK respektiert werden, oder gibt es bloß
einen Übermenschen, der über dem ZK steht, einen Übermenschen, für den keine
Gesetze geschrieben sind, der sich erlauben kann, heute für die Resolution des
ZK zu stimmen und morgen eine neue Plattform gegen diese Resolution zu
veröffentlichen und aufzustellen? Genossen, man kann von den Arbeitern keine
Unterwerfung unter die Parteidisziplin verlangen, wenn ein Mitglied des ZK
offen, vor aller Augen das Zentralkomitee und seinen einstimmig gefaßten
Beschluß ignoriert. Man kann nicht zwei Disziplinen, eine für die Arbeiter, die
andere für große Herren einführen. Es kann nur eine Disziplin geben.
Der Fehler des Genossen Trotzki besteht eben darin, daß er sich dem ZK
entgegenstellte und sich ein Übermensch dünkte, der über dem ZK, über seinen
Gesetzen, über seinen Beschlüssen steht, womit er einem gewissen Teil der Partei
Anlaß gegeben hat, in der Richtung einer Untergrabung des Vertrauens zu diesem
ZK zu wirken ..." Im weiteren Verlauf der Parteidiskussion um den
Disziplinbruch Trotzkis wurden in unzähligen Parteiorganisationen Resolutionen
angenommen, die Trotzkis Verhalten verurteilten und die forderten, daß auf der
im Januar 1925 stattfindenden Tagung des Plenums des Zentralkomitees das
„Hervortreten des Genossen Trotzki" auf die Tagesordnung gesetzt wird. Das
ist dann auch geschehen. Trotzki jedoch ist seltsamerweise nicht zu dieser
Tagung des Zentralkomitees gegangen, um sich persönlich zu verantworten. Er hat
sich damit begnügt, in einem Briefe zu behaupten, daß er keine Sonderstellung
in der Partei anstrebe und sich der Disziplin füge. Das Zentralkomitee beschloß:
1. Trotzki eine kategorische Verwarnung zu erteilen unter Hinweis darauf, daß
die Einhaltung der Parteidisziplin nicht nur in Worten, sondern auch in Taten
notwendig sei;
2. Trotzki seines Amtes zu entheben und seine weitere Arbeit im revolutionären
Kriegsrat als unmöglich zu erklären;
3. die Entscheidung über die Frage der weiteren Arbeit Trotzkis im
Zentralkomitee bis zum nächsten Parteitag zu vertagen, Trotzki aber
mitzuteilen, daß, falls er den Versuch machen sollte, die Parteibeschlüsse zu
verletzen oder nicht durchzuführen, das Zentralkomitee sich gezwungen sähe,
ohne den Parteitag abzuwarten, sein weiteres Verbleiben im politischen Büro der
Partei als unmöglich zu betrachten und Antrag auf Entfernung von der Arbeit im
Zentralkomitee zu stellen.
Der Beschluß, der Trotzki zur Niederlegung seines Amtes zwang, ist vom Plenum
des Zentralkomitees der Partei einstimmig — bei zwei Stimmenthaltungen — gefaßt
worden. Der Initiator des Beschlusses war aber nicht Stalin, sondern Sinowjew
mit Unterstützung Kamenews. Wer heute die aus den Jahren 1925/26 stammende
Literatur über den Konflikt mit Trotzki nachliest, wird zu seinem Erstaunen
feststellen, daß gerade in den Publikationen der Freunde Trotzkis Stalin kaum
eine Rolle spielte. Nicht Stalin wurde darin als der Gegenspieler Trotzkis
genannt, sondern Sinowjew, von dem in diesen Schriften behauptet wurde, daß er
Trotzki erschießen lassen werde.
Man beließ Trotzki trotz seiner Disziplinbrüche zunächst weiter im politischen
Büro der Partei. Im weiteren Verlauf des innerparteilichen Kampfes hat Trotzki
jedoch in der Tat noch oft die Disziplin gebrochen, gegen Parteitagsbeschlüsse
gehandelt, Fraktionen gebildet, alles das getan, was mit dem leninistischen
Organisationsprinzip unvereinbar ist. An seiner Art, ihm nicht passende
Mehrheitsbeschlüsse als reaktionär zu erklären und sich mit dieser Begründung
das Recht zu ihrer Bekämpfung zu nehmen; an seiner Unfähigkeit, sich
einzuordnen; an seinem Bestreben, eine Sonderstellung einzunehmen und über der
Partei zu stehen, ist Trotzki nach seiner kurzen Gastrolle in der
Bolschewistischen Partei gescheitert.
Auch während des imperialistischen Krieges standen Lenin und
Trotzki in verschiedenen Lagern. In den Jahren 1914 bis 1917 wurden ebenso wie
in anderen Ländern auch in Rußland viele Sozialdemokraten (z. B. Plechanow)
Patrioten, die für den Sieg ihres Vaterlandes wirkten. Trotzki war kein offener
Sozialpatriot, aber seine Haltung unterstützte die Opportunisten und
Sozialpatrioten. Deshalb stand Lenin auch im Kriege in scharfer Kampfstellung
gegen Trotzki. Lenin gab im Kriege die in der Schweiz erscheinende
bolschewistische Zeitung „Sozialdemokrat" heraus, die eine konsequente
internationalistische, revolutionäre Politik verfocht; Trotzki war zu gleicher
Zeit mit dem Menschewiken Martow und anderen zusammen in der Redaktion des in
Paris erscheinenden „Nasche Slowo", in dem verschiedene Strömungen zu
Worte kamen.
Die Bolschewiki unter Lenins Führung haben von Kriegsbeginn an gegen den imperialistischen
Krieg und gegen die zaristisch-kapitalistischen Machthaber ihres Landes
Stellung genommen und die Umwandlung des Krieges in den die zaristische
Herrschaft stürzenden Bürgerkrieg propagiert. Die Dumafraktion der Bolschewiki
wurde wegen dieser konsequenten Haltung gleich zu Beginn des Krieges verhaftet
und eingekerkert, während die menschewistische Fraktion zunächst unbehelligt
blieb. In dem Manifest, das das Zentralkomitee der Partei im September 1914
über den imperialistischen Krieg veröffentlichte, wird die Stellung der
Bolschewiki formuliert:
„Der Sozialdemokratie fällt vor allem die Pflicht zu, diese wahre Bedeutung des
Krieges aufzudecken und schonungslos die Lügen, die Sophismen und die
,patriotischen' Phrasen zu entlarven, die von den herrschenden Klassen, den
Gutsbesitzern und der Bourgeoisie zugunsten des Krieges verbreitet werden...
Man kann den Aufgaben des Sozialismus nicht gerecht werden, man kann den
wirklichen internationalen Zusammenschluß der Arbeiter nicht verwirklichen,
ohne entschlossen mit dem Opportunismus zu brechen, ohne den Massen die
Unvermeidlichkeit seines Fiaskos klar zu machen ...
Die Oberleitung des jetzigen imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg ist
die einzige richtige proletarische Lösung, die von den Erfahrungen der Kommune
diktiert wird, die in der Basler Resolution (1912) vorgezeichnet ist, und die
sich aus den ganzen Verhältnissen des imperialistischen Krieges zwischen den
hochentwickelten bürgerlichen Ländern ergibt. So groß auch in diesem oder jenem
Moment die Schwierigkeiten einer solchen Überleitung erscheinen mögen, die
Sozialisten werden niemals auf die systematische, beharrliche, unentwegte
Vorbereitungsarbeit in dieser Richtung verzichten, sobald der Krieg zur
vollendeten Tatsache geworden ist ...“
In diesen Sätzen des Manifestes werden die Fragen angeschnitten, in denen sich
im Kriege der Bolschewismus vom Trotzkismus unterschied. Politisch in der Frage
der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg, taktisch und
organisatorisch in der Frage der eindeutigen Scheidung von allen Strömungen des
Opportunismus.
Den ideologisch-politischen Gegensatz, der zwischen Leninismus und Trotzkismus
in der Kriegsfrage bestand, hat Lenin sehr klar in dem im Juli 1915 im
„Sozialdemokrat" erschienenen Aufsatz „Über die Niederlage der eigenen
Regierung im imperialistischen Kriege" dargestellt („Gegen den
Strom", Seite 105 usf.):
„In einem reaktionären Kriege kann die revolutionäre Klasse nicht umhin, die
Niederlage ihrer eigenen Regierung herbeizuwünschen.
Das ist ein Axiom. Und es wird nur von den bewußten Anhängern oder hilflosen
Helfershelfern der Sozialchauvinisten bestritten. Zu den ersteren gehört z.B.
Semkowski von der Organisationskommission. Zu den letzteren Trotzki und
Bukwojed in Rußland, oder Kautsky in Deutschland. Der Wunsch nach der
Niederlage Rußlands, schreibt Trotzki, ist ,ein durch nichts hervorgerufenes
und durch nichts gerechtfertigtes Zugeständnis an die politische Methodologie
des Sozialpatriotismus, der an Stelle des revolutionären Kampfes gegen den
Krieg und die von ihm erzeugten Verhältnisse eine unter den gegebenen
Verhältnissen höchst willkürliche Orientierung in der Richtung des kleinsten
Übels setzt" (Nr. 105 von „Nasche Slowo").
Das ist ein Muster der aufgeblasenen Phrasen, mit denen Trotzki den
Opportunismus stets rechtfertigte. ,Der revolutionäre Kampf gegen den Krieg'
ist eine leere und inhaltlose Exklamation, auf die sich die Helfer der II.
Internationale so meisterhaft verstehen, wenn man darunter nicht die
revolutionären Aktionen gegen die eigene Regierung und während des Krieges
versteht. Es genügt, ein Weilchen nachzudenken, um das einzusehen. Und
revolutionäre Aktionen während des Krieges gegen die eigene Regierung bedeuten
sicherlich und unzweifelhaft nicht nur den Wunsch nach ihrer Niederlage,
sondern auch eine tatsächliche Förderung einer solchen Niederlage (für den
,scharfsinnigen' Leser: das bedeutet keineswegs, daß man ,Brücken sprengen',
mißlungene militärische Streiks inszenieren und überhaupt der Regierung helfen
soll, den Revolutionären eine Niederlage beizubringen).
Trotzki beschränkt sich auf Phrasen, aber verheddert sich dabei furchtbar. Er
glaubt, eine Niederlage Rußlands wünschen, heißt, einen Sieg Deutschlands
wünschen (Bukwojed und Semkowski drücken diesen ,Gedanken' oder richtiger: die
Gedankenlosigkeit, die sie mit Trotzki gemeinsam haben, direkter aus). Und
darin erblickt Trotzki die ,Methodologie des Sozialpatriotismus'! Um Leuten
entgegenzukommen, die nicht denken können, hat die Berner Resolution erklärt:
,In allen imperialistischen Ländern muß das Proletariat eine Niederlage ihrer
Regierung wünschen'. Bukwojed und Trotzki haben es vorgezogen, diese Wahrheit
zu übergehen, und Semkowski (ein Opportunist, der der Arbeiterklasse am meisten
dient durch eine offenherzig naive Wiederholung der bürgerlichen Weisheit),
Semkowski sagte ,lieblich': ,Das ist Unsinn, siegen kann entweder Deutschland
oder Rußland.“
Nehmen wir z.B. die Kommune. Deutschland hat Frankreich besiegt, und Bismarck
besiegte mit Thiers die Arbeiter! Wenn Bukwojed und Trotzki nachgedacht hätten,
so hätten sie gesehen, daß sie auf dem Standpunkt des Krieges der Regierungen
und der Bourgeoisie stehen, d.h. daß sie vor der ,politischen Methodologie des
Sozialpatriotismus' kriechen, — um mit Trotzkis gewählter Sprache zu sprechen:
Die Revolution während des Krieges ist Bürgerkrieg, und die Überleitung des
Krieges der Regierungen in den Bürgerkrieg wird einerseits durch die
militärischen Mißerfolge (,die Niederlage') der Regierungen erleichtert;
andererseits ist es unmöglich, in der Tat eine solche Überleitung anzustreben,
ohne damit die Niederlage zu fördern.
Die Chauvinisten (mit der Organisationskommission und der Fraktion Tscheidse)
wollen deshalb von der ,Losung' der Niederlage nichts wissen, weil diese Losung
allein einen konsequenten Appell zu revolutionären Aktionen gegen die eigene
Regierung während des Krieges bedeutet. Ohne solche Aktionen sind Millionen der
allerrevolutionärsten Phrasen über den ,Krieg dem Kriege' usw. keinen Heller wert...
Die Gegner der Losung der Niederlage fürchten sich einfach vor sich selber und
wollen nicht die offensichtliche Tatsache des unzweifelhaften Zusammenhanges
zwischen der revolutionären Agitation gegen die Regierung mit dem Herbeirufen
der Niederlage einsehen ... Das Übereinkommen über revolutionäre Aktionen,
selbst in einem Lande, ganz zu schweigen von einer Reihe von Ländern, ist nur
zu verwirklichen durch die Kraft des Beispiels ernsthafter revolutionärer
Aktionen, ihrer Inangriffnahme und ihrer Fortentwicklung. Und eine solche
Inangriffnahme ist wiederum unmöglich ohne den Wunsch der Niederlage und
Förderung der Niederlage. Die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den
Bürgerkrieg kann nicht ,gemacht' werden, wie man nicht Revolutionen ,machen'
kann, — sie erwächst aus einer ganzen Reihe vielgestaltiger Erscheinungen,
Seiten, Züge, Eigentümlichkeiten und Folgen des imperialistischen Krieges. Und
dieses Erwachsen ist unmöglich ohne eine Reihe militärischer Mißerfolge und
Niederlagen derjenigen Regierungen, denen ihre eigenen unterdrückten Klassen
Schläge versetzen.
Auf den Geist der Niederlage verzichten, heißt, den revolutionären Geist in
eine leere Phrase oder bloße Heuchelei ausarten zu lassen.
Was wird uns an Stelle der ,Losung' der Niederlage vorgeschlagen? Eine Losung:
,Weder Sieg noch Niederlage' (Semkowski in Nr. 2 der „Iswestja". Ebenso
die ganze Organisationskommission in Nr. 1). Aber das ist ja nichts anderes als
eine Paraphrase der Losung der Vaterlandsverteidigung! Das ist ja eine Übertragung
der Frage auf die Ebene des Krieges zwischen den Regierungen (die nach dem
Inhalt der Losung in der alten Lage verbleiben, ,ihre Positionen beibehalten'
sollen), aber nicht des Kampfes der unterdrückten Klassen gegen ihre
Regierungen! Das ist eine Rechtfertigung des Chauvinismus aller
imperialistischen Nationen, deren Bourgeoisien stets bereit sind, zu behaupten,
— und es auch dem Volke sagen — daß sie ,bloß' gegen die Niederlage kämpfen...
Der Sinn unserer Abstimmung vom 4. August ist: ,Nicht für den Krieg, sondern
gegen die Niederlage', schreibt der Führer der deutschen Opportunisten, Eduard
David, in seinem Buch. Die russischen Anhänger der ,Organisationskommission'
zusammen mit Bukwojed und Trotzki stellen sich durchaus auf den Boden Davids,
indem sie die Losung verfechten: Weder Sieg noch Niederlage! — Bei näherer
Betrachtung bedeutet diese Losung den Burgfrieden und den Verzicht auf den
Klassenkampf der unterdrückten Klasse in allen kriegführenden Ländern, denn der
Klassenkampf ist unmöglich ohne Verletzung der eigenen Bourgeoisie und der
eigenen Regierung, und eine Verletzung der eigenen Bourgeoisie im Kriege ist
Hochverrat, ist Förderung der Niederlage des eigenen Landes. Wer die Losung:
,Weder Sieg noch Niederlage' anerkennt, der kann nur heuchlerisch für den
Klassenkampf, den ,Bruch des Burgfriedens' eintreten, der verzichtet in der Tat
auf eine selbständige proletarische Politik und unterwirft das Proletariat
aller kriegführender Länder einer durchaus bürgerlichen Aufgabe, nämlich: die
betreffenden imperialistischen Regierungen vor Niederlagen zu bewahren. Die
einzige Politik eines wirklichen, nicht phrasenhaften Bruches des
,Burgfriedens' und der Anerkennung des Klassenkampfes ist die Politik der
Ausnutzung der Schwierigkeiten der Regierung und der Bourgeoisie durch das
Proletariat zum Zwecke deren Sturzes. Und das kann nicht erreicht werden, das
kann nicht angestrebt werden, wenn man die Niederlage der eigenen Regierung
nicht wünscht und diese Niederlage nicht fördert...
Wer für die Losung: ,Weder Sieg noch Niederlage' eintritt, der ist, bewußt oder
unbewußt, ein Chauvinist, der ist bestenfalls ein versöhnlicher Kleinbürger,
aber doch ein Feind der proletarischen Politik, ein Anhänger der jetzigen
Regierungen und der jetzigen herrschenden Klassen...
Die Anhänger der Losung: ,Weder Sieg noch Niederlage' stehen faktisch auf
Seiten der Bourgeoisie und der Opportunisten, ,glauben nicht' an die
Möglichkeit internationaler revolutionärer Aktionen der Arbeiterklasse gegen
ihre Regierungen und wünschen solche nicht: eine unzweifelhaft schwierige
Aufgabe, aber die einzige sozialistische Aufgabe, die des Proletariats würdig
ist..."
Lenins Artikel über die Niederlage der eigenen imperialistischen Regierung
wurde ausführlicher zitiert, weil in ihm sehr klar der Standpunkt Lenins im
Kriege und auch der Gegensatz zu Trotzki zum Ausdruck kommt. Den deutschen
Sozialisten wird — nach dem Siege des Hitler-Faschismus — die 1914 von Lenin
vorgeschlagene Losung, im Kriege der herrschenden Diktatur des eigenen Landes Schläge
zu versetzen und den Krieg in den Bürgerkrieg umzuwandeln, als ganz
selbstverständlich erscheinen. Jedoch als Lenin diese Losung mitten im Kriege
propagierte, war ihre Richtigkeit noch nicht so klar erkennbar; sie war sehr
umstritten und sie wurde von den meisten Sozialisten, auch von Trotzki, heftig
bekämpft. Trotzki lehnte die leninistische Losung der Niederlage des eigenen
Vaterlandes ab und er war gegen die von Lenin geforderte scharfe Abgrenzung von
den Opportunisten, die während des Krieges direkt oder indirekt ihr
zaristisches Vaterland unterstützten. Trotzki hat seinen Standpunkt in der Ende
Oktober 1914 erschienenen Broschüre „Der Krieg und die Internationale"
niedergelegt. Auf Seite 7 dieser Schrift sagt Trotzki, daß er die Befreiung
Rußlands nicht durch den Sieg Deutschlands, das heißt nicht durch die
Niederlage der zaristischen Regierung im Kriege erlangen wolle. Darum fordert
er (auf Seite 83/84 der gleichen Schrift) einen sofortigen Frieden ohne Sieg
und Niederlage. Seine Losung ist der sofortige Abbruch des Krieges und ein
Frieden, in dem es „keine Kontributionen" gibt, „das Recht Jeder Nation
auf Selbstbestimmung! Die Vereinigten Staaten Europas — ohne Monarchien, ohne
ständige Heere, ohne regierende Feudalkasten, ohne Geheimdiplomatien!"
Lenin nannte die trotzkistische Losung, gegen den imperialistischen Krieg
aufzutreten, ohne die Niederlage der eigenen Regierung zu fordern, eine leere
Phrase. Seiner Meinung nach kann der revolutionäre Kampf gegen die herrschenden
Klassen eines Landes im imperialistischen Kriege überhaupt nur dann geführt
werden, wenn er auf die Untergrabung der militärischen Kampfkraft und die
Herbeiführung der Niederlage abzielt. Auch in der Stellung zum Kriege
offenbarte sich bereits der tiefe Gegensatz zwischen Leninismus und Trotzkismus
in der Frage der Theorie des Sozialismus in einem Lande. Schon bei der
Begründung seiner Auffassung, daß die Befreiung Rußlands nicht durch den Sieg
Deutschlands herbeigeführt werden dürfe, ging Trotzki davon aus, daß „das
Schicksal der russischen Revolution untrennbar mit dem Schicksal des
europäischen Sozialismus verbunden ist." („Der Krieg und die
Internationale", Seite 7). Wenn der Sturz des Zarismus aus der Niederlage
Rußlands erwächst, so sei das kein Gewinn, denn es würde die Befreiung Rußlands
mit der sicheren Zerstörung der Freiheit Belgiens und Frankreichs erkauft
werden, „und — was noch wichtiger ist — die imperialistische Vergiftung in das
deutsche und österreichische Proletariat tragen." (Trotzki ebenda.) Nach
Trotzki sollte also — um Gefahren für die weitere Entwicklung zu verhindern —
der Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft in allen Ländern gleichzeitig
erfolgen. Da aber die Niederlage im Kriege — die in dem besiegten Lande
Voraussetzungen für den Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft schaffen
würde — nicht in allen am Kriege beteiligten Ländern erfolgen kann, darf kein
Land besiegt werden, und der Krieg muß ohne Sieg und Niederlage enden. Diese
trotzkistische Konzeption führte aber in der Konsequenz zu dem „Recht" der
sozialistischen Parteien aller Länder, im Kriege ihre herrschenden Klassen zu
unterstützen, um die Niederlage zu vermeiden. Trotzki sagte, wenn nicht alle
gleichzeitig die Niederlage ihrer Machthaber und deren Sturz herbeiführen
können, dürfen wir auch in unserem Lande nicht für die Niederlage wirken; Lenin
dagegen sagte: unbeschadet dessen, ob in allen Ländern gleichzeitig der Sturz
der herrschenden Klassen herbeigeführt werden kann, müssen wir (weil es die
gleichzeitige Verpflichtung aller Sozialisten in ihren Ländern ist) für die
Niederlage unserer Regierung arbeiten und durch unsere erfolgreiche
revolutionäre Aktion die Proletarier der anderen Länder zur Nachahmung
antreiben. Trotzki sagte, wir können nur voranmarschieren im Chor mit den anderen;
Lenin dagegen sagte, wir müssen marschieren, auch wenn die anderen nicht gleich
mitkommen; diejenigen, die am ehesten vorankommen, müssen die noch
Stillestehenden mitreißen und nachziehen durch das Beispiel.
Nicht weniger scharf als der politische Gegensatz in der Kriegsfrage war in den
Jahren von 1914 bis 1917 auch die organisatorische Meinungsverschiedenheit
zwischen Lenin und Trotzki. In dem Manifest des Zentralkomitees zur Kriegsfrage
wurde gesagt, daß der internationale Zusammenschluß der Arbeiter nur
verwirklicht werden kann, wenn entschlossen mit dem Opportunismus gebrochen und
dessen unvermeidliches Fiasko den Massen klar gemacht wird. Die Bolschewiki
führten den schärfsten Kampf gegen alle Sozialisten, die während des Krieges
Patrioten wurden und gegen alle schwankenden Elemente, die direkt oder indirekt
die sozialchauvinistische Strömung unterstützten. Trotzki dagegen setzte seine
alte organisatorische Linie des „Augustblock" fort. Er arbeitete auch im
Kriege mit der auf der Augustkonferenz 1912 gewählten Organisationskommission,
die bis zu der 1917 erfolgten Wahl eines Zentralkomitees der Menschewistischen
Partei die dem bolschewistischen Zentralkomitee der Partei entgegengestellte
Organisationsleitung der Menschewiki war. Trotzki wollte nach wie vor
„einigen": Im Kriege die Bolschewiki und die internationalen Strömungen im
Menschewismus, die zusammen mit den Liquidatoren und Sozialchauvinisten in der
Organisationskommission saßen. Die Bolschewiki warfen Trotzki vor, er
marschiere immer mit der Organisationskommission; er habe innerhalb der
Fraktion der Liquidatoren seine eigene Unterfraktion, die „Fraktion der
Nichtfraktionellen", die im Kriege „zwischen Internationalisten und
Sozialchauvinisten balanciert, wie sie früher zwischen den Bolschewiki und den
Liquidatoren balanciert hat". Der Trotzkismus bemühte sich auch im Kriege
erfolglos, „die berühmte mittlere Linie durchzuführen"; er wurde in jener
Zeit als ein Irrlicht bezeichnet, das in der russischen Arbeiterbewegung
umhergeistert. Der „versöhnlerische" trotzkistische Standpunkt kam in fast
allen Artikeln Trotzkis in „Nasche Slowo" zum Ausdruck. In Nr. 42 schrieb
Trotzki:
„Wenn wir mit dem Opportunismus kämpfen, betrachten wir ihn als organischen
Fehler der Arbeiterklasse selbst und nicht als etwas außerhalb stehendes ... Es
ist nicht schwer, etwas in Stücke zu schlagen, aber man muß zuerst wissen, was
abgeschlagen werden soll, damit nicht Teile des Organismus absterben."
Für Trotzki waren die Opportunisten ein Teil der Arbeiterklasse, den man nicht
abschneiden dürfe, mit dem man irgendwie doch zusammenarbeiten müsse; Lenin
dagegen betrachtete den unerbittlichen Kampf gegen den Opportunismus und dessen
Überwindung als eine Voraussetzung für eine schlagfertige revolutionäre Partei.
In einem Artikel „Über die Sachlage in der russischen Sozialdemokratie"
schreibt Lenin am 26. Juli 1915 („Gegen den Strom", Seite 111 usf.): „Vor
Publikum sind drei Teile des „Nasche Slowo" getreten, die erfolglos sieben
oder acht Monate sich vereinigten: 1. zwei Unke Redaktionsmitglieder, die
aufrichtig mit dem Internationalismus sympathisierten und zu dem
,Sozialdemokrat' tendieren. 2. Martow und die Leute von der OK (reichlich die
Hälfte). 3. Trotzki, der wie immer prinzipiell in nichts mit den
Sozialchauvinisten übereinstimmt, in der Praxis aber in allem mit ihnen
übereinstimmt (nebenbei bemerkt, dank ,der glücklichen Vermittlung' — heißt das
nicht so in der Sprache der Diplomaten? — der Fraktion Tscheidse) ...
Es ist nebenbei interessant, daß diese offenherzigen Sozialchauvinisten
durchaus zufrieden sind, sowohl mit Tscheidse wie mit seiner ganzen Fraktion.
Mit dieser Fraktion zufrieden sind auch die OK, Trotzki wie auch Plechanow,
Alexinski und Konsorten — eine ganz natürliche Sache, denn die Fraktion
Tscheidse hat durch Jahre hindurch ihre Fähigkeit bewiesen, die Opportunisten
zu decken und ihnen zu dienen." Lenin verweist in dieser Charakterisierung
auf das enge Verhältnis Trotzkis mit Tscheidse, über den das Band zu den
Sozialchauvinisten läuft. Am 19. Februar 1916 schreibt Lenin in dem Artikel
„Haben die OK und die Fraktion Tscheidse eine eigene Richtung?" („Gegen
den Strom", Seite 320):
„Martow mag anstellen, was er will. Trotzki mag gegen unsere ,Fraktionalität'
zetern und mit diesem Zetern die Tatsache bemänteln (das alte Rezept des
Turgenewschen ... Phraseurs!), daß der und der aus der Fraktion Tscheidse mit
Trotzki ,einverstanden' sei und auf die Linksorientierung, Internationalismus
schwören. Tatsachen bleiben Tatsachen."
Lenin rechnete Trotzki im Kriege (wie er das in einem Brief an die Kollontai
ausdrückte) zu den „schädlichsten ,Kautskianern' in dem Sinne, daß sie alle in
verschiedenen Formen für die Einheit mit den Opportunisten sind, ... den
Opportunismus beschönigen, daß sie alle ... den revolutionären Marxismus durch
den Eklektizismus ersetzen ..." Und darum sagte Lenin im Oktober 1916 in
dem Artikel „Ergebnisse der Diskussionen über das Selbstbestimmungsrecht"
(„Gegen den Strom", Seite 415) gewissermaßen zusammenfassend über die
Hakung Trotzkis im Kriege:
„Was auch die subjektiven ,guten' Absichten Trotzkis und Martows sein mögen,
objektiv unterstützen sie durch ihre Nachgiebigkeit den russischen
Sozialimperialismus." Weil Trotzki objektiv den Sozialimperialismus
unterstützte, hat Lenin auch im Kriege nicht weniger scharf gegen den
Trotzkismus Stellung genommen als in den Kämpfen gegen den Augustblock und um
die Bolschewistische Partei.
Der
wesentlichste Bestandteil des Trotzkismus ist die Theorie der permanenten
Revolution. Sie entstand 1905, begründet von Trotzki und Parvus, den Trotzki in
seinem Buch die „Oktoberrevolution" folgendermaßen kennzeichnet: „Während
des Krieges Haupttheoretiker des deutschen Sozialchauvinismus und
Kriegslieferant." Als solcher hat Parvus von 1914 an zusammen mit dem
später zu Stinnes übergegangenen Paul Lensch die Notwendigkeit des deutschen
Sieges propagiert.
Trotzki und Parvus behaupteten, die Revolution von 1905 habe eine Ära von
Revolutionen eingeleitet, die erst nach dem endgültigen Siege des
Weltproletariats abgeschlossen werde. Die nicht erfolgreich ausgegangene
Revolution von 1905 sei nicht beendet, sondern nur abgebrochen worden. Die
russische Revolution sei nur ein Teil der Weltrevolution, ihr vollständiger
Sieg werde darum nur im Zusammenhang mit dem Siege der internationalen
Revolution erreicht werden. Im Vorwort zu dem Buche „1905" (im Verlag
„Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten", Berlin, Seite 5 usf.)
formulierte Trotzki seine Gedanken über die permanente Revolution folgendermaßen:
„Gerade in der Zeitspanne zwischen dem 22. Januar und dem Oktoberstreik 1905
haben sich beim Verfasser die Ansichten über den Charakter der revolutionären
Entwicklung Rußlands gebildet, die die Bezeichnung der Theorie der ,permanenten
Revolution' erhielten. Diese gelehrte Bezeichnung drückte den Gedanken aus, daß
die russische Revolution, vor der unmittelbar bürgerliche Ziele stehen, in
keinem Fall bei ihnen stehen bleiben kann. Die Revolution kann ihre nächsten
bürgerlichen Aufgaben nicht anders lösen, als durch die Besitzergreifung der
Macht durch das Proletariat. Hat es aber die Macht in seine Hand genommen, so
kann es sich nicht auf den bürgerlichen Rahmen der Revolution beschränken. Im
Gegenteil, gerade zur Sicherung ihres Sieges muß die proletarische Avantgarde
schon in der ersten Zeit ihrer Herrschaft die tiefsten Eingriffe nicht nur in
das feudale, sondern auch in das bürgerliche Eigentum machen. Hierbei wird das
Proletariat zusammenstoßen nicht nur mit allen Gruppierungen der Bourgeoisie,
die es am Anfang seines revolutionären Kampfes unterstützt hatte, sondern auch
mit den breiten Massen des Bauerntums, mit dessen Hilfe es zur Macht gekommen
war. Die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem
rückständigen Lande, mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung
können nur im internationalen Maßstabe gelöst werden, in der Arena der
proletarischen Weltrevolution." Nach dieser Darstellung hat Trotzkis
Theorie der permanenten Revolution zwei Seiten. Die eine ist die Forderung, im
direkten Kampf des Proletariats die sozialistische Revolution durchzuführen.
Die zweite jedoch ist die Behauptung, daß angesichts der zahlenmäßigen Schwäche
der Arbeiterklasse und der angeblich zwangsläufigen Feindschaft der
Bauernmassen gegen das Proletariat die sozialistische Revolution in Rußland nur
zusammen mit der Weltrevolution siegreich sein kann. Aus dieser Theorie der
permanenten Revolution hat Trotzki zwangsläufig seine Theorie von der
Verneinung des sozialistischen Aufbaus in einem Lande entwickelt. Die positive
Seite der permanenten Revolution stammt von Karl Marx. Trotzki hat aber dessen
richtige Idee zu einer falschen (trotzkistischen) Theorie umgeformt. In einer
1850 gehaltenen Ansprache an den „Bund der Kommunisten" entwickelte Marx
erstmalig die Idee der ununterbrochenen Revolution:
„Während die demokratischen Kleinbürger die Revolution möglichst rasch und
unter Durchführung höchstens der obigen Ansprüche zum Abschluß bringen wollen,
ist es unser Interesse und unsere Aufgabe, die Revolution permanent zu machen,
solange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft
verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation
der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern
der Welt so weit vorgeschritten ist, daß die Konkurrenz der Proletarier in
diesen Ländern aufgehört hat und daß wenigstens die entscheidenden produktiven
Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert sind." Der Grundgedanke
der marxschen permanenten Revolution ist demnach: die absolutistische
Herrschaft wird durch die bürgerliche Revolution gestürzt, das Proletariat darf
sich nach dem Siege der bürgerlichen Revolution nicht mit dem erreichten
Ergebnis zufrieden geben (wie z.B. nach der Umwälzung in Deutschland 1918),
sondern es muß weiter drängen, „bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen
von der Herrschaft verdrängt sind". Die revolutionäre Entwicklung muß
ununterbrochen vorwärtsgetrieben werden bis zum Siege der proletarischen
Revolution. Aber Karl Marx hat nicht den von Trotzki hinzugefügten Gedanken
entwickelt — daß die ununterbrochene Fortentwicklung von der bürgerlichen zur
proletarischen Revolution im nationalen Rahmen eines Landes nicht möglich sei
und nur durch die gleichzeitige proletarische Revolution in allen Ländern
erfolgreich sein könne. Im Gegenteil. Im „Kommunistischen Manifest"
erklären Marx und Engels:
„Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen
die Bourgeoisie zunächst ein nationaler, Das Proletariat eines Jeden Landes muß
natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden .... Indem das
Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur
nationalen Klasse erheben, sich selbst als Nation konstituieren muß, ist es selbst
noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie.“ Das ist ganz
eindeutig: das Proletariat muß den Kampf um die Fortentwicklung von der
bürgerlichen zur sozialistischen Revolution zunächst im nationalen Rahmen
führen, unbeschadet darum, ob diese Revolution gleichzeitig in allen Ländern
durchgeführt werden kann. Lenin und die Bolschewiki haben den marxschen
Gedanken der permanenten Revolution stets konsequent vertreten, sie haben dabei
den Sieg der proletarischen Revolution in einem Lande als stärksten Antrieb für
die revolutionäre Entwicklung in den anderen Ländern betrachtet. Darum auch hat
Lenin die „albern-linke permanente Revolution" Trotzkis (so nannte sie der
Führer der Bolschewiki), die im schärfsten Gegensatz zu der revolutionären Theorie
der Bolschewiki stand, zu allen Zeiten heftig bekämpft. Erstens, weil sie
entgegen der marxschen Lehre den Sieg der sozialistischen Revolution in Rußland
abhängig machte von dem Siege der proletarischen Revolution in allen Ländern;
zweitens weil sie in dem Agrarland Rußland — in dem Sieg und Festigung der
proletarischen Revolution von dem Bündnis der Arbeiter- mit der Bauernklasse
abhängig ist — die Möglichkeit dieses Bündnisses verneinte und behauptete, daß
das Proletariat „feindlich zusammenstoßen" müsse „mit den breiten Massen
des Bauerntums". Und drittens, weil Trotzki im Widerspruch zu Marx
permanenter Revolution in Rußland direkt von der zaristischen Selbstherrschaft
zur proletarischen Diktatur springen wollte. Marx hat in seiner Ansprache an
den „Bund der Kommunisten" keineswegs vorgeschlagen, mit der
proletarischen Machtergreifung zu beginnen; der Sieg des Proletariats sollte
der Schlußstein der ununterbrochen fortgeführten bürgerlichen Revolution sein.
Der Trotzkismus dagegen vertrat den Standpunkt, daß in Rußland keine
bürgerliche Demokratie vorhanden sei, daß die Bauern keine revolutionäre Rolle
spielen können, und daß darum der Sturz des Zarismus nicht durch eine
bürgerliche, sondern unmittelbar durch die proletarische Revolution herbeigeführt
werden müsse. Da aber das russische Proletariat keine Bundesgenossen im eigenen
Lande habe, sei es zu schwach, die proletarische Revolution — ohne die Hilfe
der gleichzeitigen proletarischen Revolution in den anderen Ländern — siegreich
durchzuführen.
Im Gegensatz zum Trotzkismus sah Lenin in Rußland revolutionäre Kräfte auch im
bürgerlichen und bäuerlichen Lager. Lenin bekämpfte Trotzkis radikaler
scheinende These vom Überspringen der bürgerlichen Revolution, weil sie der
realen Situation nicht entsprach. Lenin unterstützte die demokratische
Revolution, weil er durch sie — in der Arbeiter, Bauern und demokratische
Bürger zusammen kämpften — am schnellsten und sichersten den Sturz des Zarismus
erwartete. Aber im Kampf um die demokratische Revolution bereitete er
zielbewußt die ununterbrochene Fortentwicklung zur sozialistischen Revolution
vor, deren Sieg im nationalen Rahmen Rußlands er durchaus für möglich hielt.
Vor allem darum, weil er fest davon überzeugt war, daß die Arbeiterklasse mit
der revolutionären Bauernschaft ein festes Bündnis schließen könne, und daß die
Bauernschaft unter Führung des Proletariats marschieren werde. Über Trotzkis
permanente Revolution und die verschiedene Beurteilung der Triebkräfte der
russischen Revolution durch Lenin und Trotzki schrieb Martow, der Führer der
Menschewiki, in seiner „Geschichte der russischen Sozialdemokratie" (Seite
11 6/117):
„Für Trotzki gab es in Rußland keine sozialen Kräfte, die stark genug waren,
die Ereignisse anders als in der radikalsten Weise zu lösen: die Bauernschaft
sei zersplittert, unfähig zu einer selbständigen Organisation und spiele nur
die Rolle des zerstörenden Faktors; die fortschrittlichen Elemente der
städtischen Bourgeoisie seien gezwungen, entweder dem Proletariat zu folgen,
oder den bürgerlichen Liberalismus zu unterstützen, der seinem Wesen nach
konterrevolutionär sei .... Unter diesen Umständen müsse ein entscheidender
Sieg des Volkes über das alte Regime zum Übergang der politischen Macht in die
Hände des Proletariats führen. ..."
Im Gegensatz zu Parvus und Trotzki betrachten Lenin und andere bolschewistische
Autoren diese Bewegung der nichtproletarischen Massen nicht nur als einen
elementar zerstörenden Faktor, der von dem klassenbewußten Proletariat einfach
für seine Zwecke ausgenutzt werden konnte. Vielmehr sahen Lenin und seine
Gesinnungsgenossen, unter weit richtigerer Einschätzung der tatsächlichen
Kräfteverhältnisse im Jahre 1905, das Erscheinen einer ihrem Wesen nach
kleinbürgerlichen, ungeheuer starken demokratischen Macht auf der politischen
Bühne voraus, die die revolutionären, nicht proletarischen Elemente der Stadt
mit den bäuerlichen Massen vereinigen und sich infolgedessen nicht, wie Parvus
und Trotzki annahmen, in ein einfaches Anhängsel der proletarischen Bewegung verwandeln,
sondern ein selbständiger politischer Faktor werden würde, der der ganzen
gesellschaftlichen Umwelt seinen Stempel aufprägen mußte.
Dieses Schema unterschied sich von dem Schema Parvus-Trotzkis durch einen weit
größeren Realismus und ein tieferes Eindringen in das Wesen des historischen
Prozesses. Es berücksichtigte jene schnelle Herausbildung der Bauernbewegung
und ihre Durchsetzung mit demokratisch-intellektuellen Kräften, die in den
Jahren 1905/1907 vor sich ging und die ihren Ausdruck fand in der schnellen
Entwicklung des Bauernbundes ....."
Martow weist in dem vorstehenden Zitat auf einige wesentliche Unterscheidungen
zwischen Leninismus und Trotzkismus hin, ohne dabei jedoch die Auffassungen
Lenins richtig darzustellen. Die reale Einschätzung der geschichtlichen
Situation und der revolutionären Kräfte bestärkte nach 1905 die Bolschewiki in
der Auffassung, daß die nächste Revolution eine bürgerlich-demokratische sein
werde, die die Leibeigenschaft völlig liquidiert, die Bahn für die mächtige Entwicklung
der unter dem Zarismus gefesselten kapitalistischen Verhältnisse frei macht und
den günstigsten Kampfboden für die sozialistische Revolution schafft. Nach
Lenins revolutionärer Theorie trat das Proletariat jedoch schon in der
demokratischen Revolution nicht nur als selbständige Organisation auf, sondern
als die entscheidende Antriebskraft. Das Proletariat marschierte darum nicht
als Anhängsel der bürgerlichen revolutionären Bewegung, es war die leitende
Kraft der Revolution. Sein Einfluß wurde um so größer, je fester sein Bündnis
mit der revolutionären Bauernschaft war, je stärker die Bauern das Proletariat
in der Fortentwicklung der demokratischen Revolution zur sozialistischen
unterstützten. Die Bolschewiki betrachteten die demokratische Revolution nie
als die Aktion, die die Befreiung bringt, sondern als die Einleitung der erst
die Freiheit schaffenden sozialistischen Revolution. Allerdings als eine
Einleitung, die nicht — wie es Trotzki in ultralinker Verkennung der realen
Situation wollte — übersprungen werden kann, in der aber die klassenbewußten
proletarischen Kräfte schon eine so führende Rolle spielen, daß sich aus der
demokratischen Revolution die sozialistische entwickeln muß. Lenin forderte die
Beteiligung des revolutionären Proletariats an der revolutionär-demokratischen
Regierung, die nach dem Sturz des Zarismus durch die revolutionäre bewaffnete
Macht die zaristische Herrschaft ablöst. Eine solche Regierung würde dann — so
sagte Lenin — in ihrem Wesen nichts anderes sein als die Diktatur des
Proletariats und der revolutionären Bauernschaft. Lenin bekämpfte die von
Parvus und Trotzki aufgestellte unreale und darum in der Wirkung
konterrevolutionäre Losung: „Keinen Zaren, her mit der Arbeiterregierung!"
Lenins Arbeiter- und Bauernregierung war der der realen Situation entsprechende
Ausdruck für die Diktatur des Proletariats und der revolutionären Bauernschaft.
Die Menschewiki wandten sich damals ebenso wie die Bolschewiki gegen das von
Trotzki propagierte Überspringen der demokratischen Revolution. Aber in der
Grundeinstellung unterschieden sich die beiden Fraktionen der russischen
Sozialdemokratie sehr voneinander. Die Menschewiki unterschätzten die führende
Rolle des Proletariats in der Revolution.
Sie unterschätzten ferner die revolutionäre Kraft der Bauernschaft,
betrachteten diese als ein Anhängsel der bürgerlichen revolutionären
Intelligenz und verneinten die Möglichkeit eines festen Bündnisses der
Arbeiter- und Bauernklasse. Aus allen diesen Gründen betrachteten die
Menschewiki die Bourgeoisie als die Haupttriebkraft, als die Führerin in der
nicht zu überspringenden demokratischen Revolution, in der die Arbeiterklasse
lediglich eine Hilfstruppe der gegen den Zarismus auftretenden bürgerlichen
Demokraten sein könne. Die Vollendung der demokratischen Revolution erwarteten
die Menschewiki von einer von der Bourgeoisie geführten demokratischen
Regierung, die durch die stützende Opposition der Arbeiterklasse auf
demokratischem Wege zur Erfüllung ihrer Aufgabe vorwärtsgedrängt wird. Die
Bolschewiki dagegen waren der Meinung, daß die bürgerlichen Demokraten sehr
schnell ihre Revolution verraten werden, daß darum die Arbeiterklasse bereits
in der demokratischen Revolution die führende Kraft sein müsse, deren Aufgabe
es sei, die demokratische Revolution zu vollenden und sie unmittelbar vorwärts
zu treiben zur sozialistischen Revolution. In der Einschätzung der Rolle der
Arbeiterklasse in der demokratischen Revolution und in der Frage der
unmittelbaren Fortführung derselben zur sozialistischen unterschied sich Lenin
also von den Menschewiki, mit denen er nur darin übereinstimmte, daß die
demokratische Revolution in Rußland historisch notwendig sei. Die leninschen
Gedanken sind in dem am 20. November 1915 im „Sozialdemokrat"
veröffentlichten Artikel „Über zwei Richtlinien der Revolution" enthalten,
in dem Lenin sich rückschauend mit den seit 1905 geführten Auseinandersetzungen
und auch mit Trotzkis permanenter Revolution beschäftigt („Gegen den
Strom", Seite 294 usf.):
„Die Erfahrung der russischen Revolution 1905 und der darauf folgenden
konterrevolutionären Epoche sagen uns, daß bei uns zwei Richtlinien der
Revolution wahrgenommen wurden im Sinne des Kampfes zweier Klassen, des
Proletariats und der liberalen Bourgeoisie, um den leitenden Einfluß auf die
Massen. Das Proletariat trat revolutionär auf und leitete das demokratische
Bauerntum zum Sturz der Monarchie und der Gutsbesitzer. Daß das Bauerntum
revolutionäre Bestrebungen im demokratischen Sinne offenbart hat, das haben in
Massendimensionen alle großen politischen Ereignisse gezeigt: wo die Bauern
sich nicht nur ,linker als die Kadetten' benahmen, sondern auch revolutionärer
als die Intellektuellen, nämlich die Sozialrevolutionäre und Trudowiki ...
Die erste Linie der russischen bürgerlich-demokratischen Revolution, die den
Tatsachen und nicht einem „strategischen“ Geschwätz entsprungen ist, bestand
darin, daß das Proletariat entschlossen kämpfte, das Bauerntum aber ihm zaghaft
folgte. Diese beiden Klassen kämpften gegen die Monarchie und gegen die Gutsbesitzer.
Durch den Mangel an Kraft und die ungenügende Entschlossenheit dieser Klassen
wurde die Niederlage hervorgerufen (obwohl teilweise eine Bresche im
Absolutismus dennoch geschlagen wurde).
Die zweite Linie war das Verhalten der liberalen Bourgeoisie. Wir Bolschewiki
behaupteten stets, besonders seit dem Frühling 1906, daß sie von den Kadetten
und Oktobristen als einer einheitlichen Kraft dargestellt wird. Das Jahrzehnt
1905/1915 hat unsere Auffassung bestätigt. In den entscheidenden Momenten des Kampfes
gaben die Kadetten zusammen mit den Oktobristen die Demokratie preis und
leisteten dem Zaren und den Gutsbesitzern Hilfe. Die ,liberale' Linie der
russischen Revolution bestand in der ,Beruhigung' und Zerbröckelung des
Massenkampfes im Namen der Versöhnung der Bourgeoisie mit der Monarchie. Sowohl
die internationale Situation der russischen Revolution wie die Kraft des
russischen Proletariats machten ein solches Verhalten der Liberalen
unvermeidlich.
Die Bolschewiki halfen bewußt dem Proletariat, die erste Linie zu verfolgen,
mit selbstlosem Mut zu kämpfen und der Bauernschaft voranzuschreiten. Die
Menschewiki rutschten beständig auf die zweite Linie hinab und korrumpierten
das Proletariat durch die Anpassung der Arbeiterbewegung an die Liberalen..."
Nach der Feststellung, daß nur die bolschewistische und die menschewistische
Strömung sich in der Politik der Massen offenbarte, fährt Lenin fort:
„Jetzt gehen wir wieder der Revolution entgegen. Das sehen alle, Chwostow
selbst spricht von einer Stimmung der Bauern, die an die Jahre 1905/1906
erinnert. Und wieder haben wir es mit denselben zwei Linien der Revolution und
demselben Wechsel der zwei Klassen zu tun, nur verändert durch die veränderte
internationale Situation .... Aus dieser faktischen Sachlage ergibt sich die
Aufgabe des Proletariats augenfällig. Restlos kühner revolutionärer Kampf gegen
die Monarchie (die Losung der Konferenz vom Januar 1912, die drei
Grundforderungen), ein Kampf, der alle demokratischen Massen, d.h.
hauptsächlich die Bauernschaft mit sich risse...
Das Wechselverhältnis der Klassen in der kommenden Revolution festzustellen,
darin besteht die Hauptaufgabe der revolutionären Partei. Dieser Aufgabe
entzieht sich die OK, die in Rußland eine treue Verbündete des ,Nasche Djelo'
bleibt und im Auslande mit ,linken' Phrasen herumwirft. Diese Aufgabe wird in
„Nasche Slowo“ von Trotzki unrichtig gelöst, der seine ,originelle' Theorie von
1905 wiederholt und sich keine Gedanken darüber machen will, infolge welcher
Ursachen das Leben ganze zehn Jahre an dieser großartigen Theorie vorbeiging.
Diese originelle Theorie Trotzkis nimmt von den Bolschewiki den Appell zum
entschlossenen revolutionären Kampf des Proletariats und zur Eroberung der
politischen Macht des Proletariats; und von den Menschewiki die ,Negation' der
Rolle des Bauerntums. Das Bauerntum hätte sich geschichtet, differenziert;
seine eventuelle revolutionäre Rolle habe immer mehr abgenommen; in Rußland sei
eine „nationale“ Revolution unmöglich: ,Wir leben im Zeitalter des Imperialismus,
und ,der Imperialismus stellt nicht die bürgerliche Nation dem alten Regime
gegenüber, sondern das Proletariat der bürgerlichen Nation'.
Da haben wir ein kurioses Beispiel für das Spiel mit dem Wörtchen
Imperialismus. Wenn in Rußland das Proletariat schon ,der bürgerlichen Nation'
gegenübersteht, dann steht also Rußland direkt vor der sozialistischen
Revolution! Dann ist die Losung .,Beschlagnahme des Großgrundbesitzes' (die von
der Januarkonferenz 1912 aufgestellt und von Trotzki 1915 wiederholt wurde)
unrichtig, dann muß man nicht von einer ,revolutionären Arbeiterregierung'
reden, sondern von einer ,sozialistischen Arbeiterregierung'! Welche Grenzen
der Wirrwarr bei Trotzki erreicht, sieht man aus seinem Satze, daß das
Proletariat durch Entschlossenheit auch die ,nichtproletarischen(!)
Volksmassen' mit sich reißen würde! Trotzki dachte nicht daran, daß, wenn das
Proletariat die nichtproletarischen Dorfmassen zur Beschlagnahme des
Großgrundbesitzes mit sich reißen und die Monarchie stürzen würde, dies eben
die Vollendung der ,nationalen bürgerlichen Revolution' in Rußland bedeuten
würde, dies eben die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und
des Bauerntums bedeuten würde.
Das ganze Jahrzehnt — das große Jahrzehnt — 1905-1915 hat das Vorhandensein von
zwei, und nur von zwei Klassenlinien der russischen Revolution erwiesen. Die
Schichtung des Bauerntums hat den Klassenkampf innerhalb des Bauerntums
verstärkt, hat sehr viele politisch schlafende Elemente geweckt und das
ländliche Proletariat dem städtischen nahegebracht (auf einer besonderen
Organisation des Landproletariats bestanden die Bolschewiki seit 1906 und
setzten diese Forderung in die Resolution des Stockholmer menschewistischen
Kongresses). Aber der Antagonismus zwischen dem Bauerntum und den
Regierungskliquen hat sich verstärkt, zugespitzt, ist gewachsen. Das ist eine
so offensichtliche Wahrheit, daß sogar Tausende von Phrasen in Dutzenden von
Pariser Artikeln Trotzkis sie nicht widerlegen werden. In Wirklichkeit kommt
Trotzki den liberalen Arbeiterpolitikern Rußlands entgegen, die unter der
,Negation' der Rolle des Bauerntums die Unlust verstehen, die Bauern
aufzurütteln!
Und das ist jetzt der ganze Haken. Das Proletariat kämpft und wird restlos
kämpfen für die Eroberung der Staatsgewalt, für die Republik, für die
Konfiskation der Güter, das heißt, für die Heranziehung des Bauerntums, für die
Ausschöpfung seiner revolutionären Kräfte, für die Beteiligung der
,nichtproletarischen Volksmassen' an der Befreiung des bürgerlichen Rußland vom
militärisch-feudalen Imperialismus (Zarismus). Und diese Befreiung des
bürgerlichen Rußland vom Zarismus, von der .... Herrschaft der Gutsbesitzer,
wird das Proletariat unverzüglich ausnützen, nicht um den wohlhabenden Bauern
in ihrem Kampf mit den Landarbeitern zu helfen, sondern — um die sozialistische
Revolution zu vollziehen im Bunde mit den Proletariern Europas."
In diesem Artikel ist Lenins Theorie für das Handeln in der heranreifenden
Revolution skizziert. Er widerlegt die falschen Elemente der trotzkistischen
,permanenten Revolution'; er weist nach, wie unter dem Druck der Verhältnisse
die Bauern revolutioniert und für ein festes Bündnis mit der Arbeiterklasse
reif werden. Er weist nach, daß — weil die Voraussetzungen für das Bündnis der
führenden Arbeiterklasse mit den revolutionären Bauernmassen gegeben sind — die
demokratische Revolution im nationalen Rahmen Rußlands möglich ist und zur
sozialistischen Revolution fortentwickelt werden kann, auch wenn die
proletarische Revolution nicht gleichzeitig in anderen Ländern siegt.
In einem im April 1909 veröffentlichten Artikel über „Das Kampfziel des
Proletariats in unserer Revolution" schrieb Lenin:
„Der Hauptfehler des Genossen Trotzki ist das Ignorieren des bürgerlichen
Charakters der Revolution, das Fehlen einer klaren Vorstellung von dem Übergang
von dieser Revolution zur sozialistischen Revolution." Lenin betont im
Anschluß daran wiederum, daß die Bauern, auch wenn sie keine festgefügte Partei
haben wie die Arbeiterklasse, eine revolutionäre Kraft sind, und daß zwischen
den Bauern als Klasse und der Arbeiterklasse feste Koalitionen zur Durchführung
der demokratischen Revolution möglich sind. Auch in diesem Artikel setzt Lenin
auseinander, daß aus der demokratischen Revolution um so schneller die sozialistische
entwickelt werden kann, je fester das Kampfbündnis zwischen Arbeiter und
Bauernklasse ist. Trotzkis „albern linke" permanente Revolution schien
manchem vielleicht gerade darum — ebenso wie spätere ultralinke Forderungen von
ihm — radikal, weil sie die These vom Überspringen der demokratischen
Revolution enthielt. Aber diese Forderung war, wie Lenin nachwies, nicht
radikal, sondern unreal und schädlich; auch dann, wenn mit ihr nicht die These,
daß die proletarische Revolution in Rußland nur zusammen mit der proletarischen
Revolution in den anderen Ländern siegen könne, verbunden gewesen wäre. Ein
wesentlicher Bestandteil der revolutionären Theorie Lenins war: Immer das zu
tun, was in der jeweiligen Situation notwendig und möglich ist und sicher zur
Erreichung des sozialistischen Endzieles vorwärts führt. Der Subjektivist
Trotzki dagegen orientierte seine Forderungen nicht nach den gegebenen
objektiven Voraussetzungen. Sind unter der Herrschaft des Absolutismus die
Voraussetzungen für die sozialistische Revolution noch nicht gegeben, wohl aber
für die demokratische Revolution, so ist die revolutionäre Tagesaufgabe die
Vorbereitung der demokratischen Revolution, deren siegreiche Durchführung erst
den nächsten Schritt, die sozialistische Revolution, ermöglicht. Proklamiert
man dagegen in der Situation, in der allein die demokratische Revolution
Erfolgsaussichten hat, die sofortige Durchführung der nicht möglichen
sozialistischen Revolution, dann sabotiert man damit nicht nur den nächsten
revolutionären Schritt, sondern man verzögert die mit radikalem Pathos
verkündete sozialistische Revolution oder macht sie ganz unmöglich. Lenin hat
immer sehr fein unterschieden zwischen leeren revolutionären Phrasen und
wirklichem Radikalismus. Darum vor allem hat er die dem oberflächlichen
Beobachter vielleicht radikaler scheinende „permanente Revolution"
Trotzkis als rückschrittlich und schädlich bekämpft, er hat ihr seine in der
Wirkung tatsächlich revolutionäre Theorie gegenübergestellt, die über die
demokratische Revolution zur siegreichen sozialistischen Revolution führte.
Trotzki hat in seiner späteren Geschichtsschreibung behauptet, Lenin und die
Bolschewiki seien — ebenso wie die Menschewiki — nur für die Durchführung der
bürgerlich-demokratischen Revolution gewesen, sie seien erst im Jahre 1917 jäh
umgeschwenkt und haben nach der Februarrevolution plötzlich eine ideologische
Umrüstung vorgenommen. Nach Trotzkis Erzählungen sollen die Bolschewiki ohne
richtige revolutionäre Theorie in die Revolution geraten sein; was sie als ihre
Theorie ausgaben, habe sich im Sturme der Revolution nicht bewährt, darum haben
sie sich — gewissermaßen über Nacht — die trotzkistische Theorie der
permanenten Revolution zu eigen gemacht, haben sich plötzlich für die sofortige
Durchführung der sozialistischen Revolution entschieden, ohne vorher die
bürgerlich-demokratische Revolution zu Ende zu führen. Die Behauptung, daß
Lenin die Bolschewistische Partei im Jahre 1917 auf Trotzkis permanente
Revolution „umgerüstet" habe, will Trotzki auch mit der an anderer Stelle
wiedergegebenen Erzählung über seinen Freund Joffe beweisen. (Siehe Seite 71.)
Auch in einem Briefe an Olminski, den Trotzki im Jahre 1921 geschrieben und im
Jahre 1925 veröffentlicht hat, kommt er zu der gleichen Behauptung. Nach seiner
Darstellung hat die Entwicklung ihm in der Einschätzung der menschewistischen
Fraktion und in der Organisationsfrage unrecht gegeben, recht aber habe er mit
seiner Theorie der permanenten Revolution behalten. Er schreibt in diesem
Briefe: „Ich glaube, daß meine Einschätzung der treibenden Kräfte unbedingt
richtig war ...“ Und weiter sagt er dann dem Sinne nach, daß die Stellung der
Bolschewistischen Partei seit 1917 mit seiner Theorie der permanenten
Revolution völlig übereinstimmte. Das heißt also wiederum, in dieser Frage
nahmen die Bolschewiki 1917 einen Stellungswechsel vor und bekehrten sich zu
dem vorher von Lenin so heftig bekämpften Standpunkt Trotzkis.
Mit Trotzkis Behauptung, daß die Bolschewistische Partei 1917 auf seine
permanente Revolution „umgerüstet" habe, beschäftigte sich Stalin in
seinem Schlußwort auf der XV. Parteikonferenz (1926):
„Wie konnte die Theorie der permanenten Revolution mit der Stellung unserer
Partei übereinstimmen, wenn es feststeht, daß unsere Partei in Person Lenins
eben diese Theorie die ganze Zeit hindurch bekämpft hat? Eins von beiden:
entweder hat unsere Partei keine eigene Theorie und wurde dann, durch den Gang
der Dinge gezwungen, die Theorie des Genossen Trotzki von der permanenten
Revolution anzunehmen, oder sie hatte ihre eigene Theorie, diese aber wurde von
der Theorie des Genossen Trotzki ,von 1917 an' auf unmerkliche Weise verdrängt.
Über diese „Bedenken“ klärte uns dann Genosse Trotzki in seinem im Jahre 1922
geschriebenen „Vorwort zum Buche“ ,1905 auf. Nach Darstellung des Wesens der
Theorie der permanenten Revolution und einer Analyse der Einschätzung unserer
Revolution vom Standpunkt der Theorie der permanenten Revolution gelangt
Trotzki zu folgendem Schluß:
,Diese Einschätzung hat, wenn auch mit einer Unterbrechung von zwölf Jahren,
ihre volle Bestätigung gefunden.'
.... Wie aber konnte sie ihre Bestätigung finden? Und die Bolschewiki, wo
blieben denn die? Gingen sie denn wirklich ohne jegliche eigene Theorie in die
Revolution? Waren sie denn wirklich bloß imstande, die revolutionäre
Intelligenz, die revolutionären Arbeiter zusammenzuschließen? Und dann, auf
welchem Boden, auf Grund welcher Prinzipien schlössen sie die Arbeiter
zusammen? Hatten denn die Bolschewiki nicht irgendeine Theorie, eine Einschätzung
der Revolution, eine Einschätzung ihrer treibenden Kräfte? Hatte denn unsere
Partei wirklich keine andere Theorie als die Theorie der permanenten
Revolution? ....
Über diese ,Bedenken' klärt uns Genosse Trotzki in der ,Anmerkung' zum Artikel
,Unsere Meinungsverschiedenheiten' auf. Man höre:
,Das trat bekanntlich nicht ein (Trotzki behauptete in diesem Artikel, die
Bolschewiki hatten antirevolutionäre Züge, die in der Revolution zutage treten
werden. D.V.), da der Bolschewismus unter der Führung des Genossen Lenin (nicht
ohne inneren Kampf) seine ideologische Umrüstung in dieser höchst wichtigen
Frage im Frühjahr 1917, d.h. vor der Eroberung der Macht, vollzog.“
Also: eine ,Umrüstung' der Bolschewiki ,von 1917 an' auf Grund der Theorie der
permanenten Revolution, dadurch Rettung der Bolschewiki von den
,antirevolutionären Zügen des Bolschewismus', und endlich die Tatsache, daß die
Theorie der permanenten Revolution auf diese Weise ihre ,volle Bestätigung
gefunden hat' — das ist die Schlußfolgerung des Genossen Trotzki.
Wo aber ist der Leninismus geblieben, wo die Theorie des Bolschewismus, die
bolschewistische Einschätzung unserer Revolution, ihrer treibenden Kräfte usw.?
Sie haben entweder nicht ,ihre volle Bestätigung gefunden' oder haben überhaupt
keine ,Bestätigung gefunden' oder sie haben sich verflüchtigt und zwecks
,Umrüstung' der Partei der Theorie der permanenten Revolution Platz gemacht.
Also, es waren einmal Bolschewiki, sie ,schlössen' ,von 1903 an' die Partei
irgendwie ,zusammen', hatten aber keine revolutionäre Theorie, irrten ,von 1903
an' herum und erreichten irgendwie das Jahr 1917. Dann, als sie Trotzki mit der
Theorie der permanenten Revolution in der Hand bemerkten, beschlossen sie
,umzurüsten' und als sie ,umgerüstet' hatten, verloren sie nach und nach die
letzten Überreste des Leninismus, der leninschen Theorie der Revolution,
wodurch sie eine ,vollständige Übereinstimmung' der Theorie der permanenten
Revolution mit der ,Stellung' unserer Partei zustandebrachten. Das ist eine interessante
Mär ....
Es ist .... so, daß nach Lenin die Theorie der permanenten Revolution eine
halbmenschewistische Theorie ist, die die revolutionäre Rolle der Bauernschaft
in der russischen Revolution ignoriert.
Unbegreiflich ist nur, wie diese halbmenschewistische Theorie mit der Stellung
unserer Partei, wenn auch nur ,von 1917 an', ,völlig übereinstimmen' konnte
.... Unbegreiflich ist nur, wie eine solche Theorie unsere Bolschewistische
Partei ,umrüsten' konnte..."
Über die besonderen Punkte, deretwegen Lenin Trotzkis Theorie bekämpfte, sagt
Stalin in „Die Grundlagen des Leninismus" (siehe „Probleme des
Leninismus". Seite 96):
„Lenin bekämpfte also die Anhänger der ,permanenten' Revolution nicht wegen der
Frage der Permanenz, denn Lenin selbst stand auch auf dem Standpunkt der
ununterbrochenen Revolution, sondern wegen ihrer Unterschätzung der Rolle der
Bauernschaft, die eine gewaltige Reserve des Proletariats bildet, wegen ihres
Nichtbegreifens der Idee der Hegemonie des Proletariats.“
Wer nicht die von Trotzki mitgeteilten angeblichen, aber unkontrollierbaren
Privatgespräche, sondern die nachprüfbaren Tatsachen und Öffentlichen
Äußerungen Lenins zur Grundlage der Urteilsbildung über dessen Stellung zu
Trotzkis permanenter Revolution nimmt, der kommt zu dem Ergebnis, daß sich
Lenin in keiner Situation Trotzkis These zu eigen gemacht hat, sondern gerade
1917 nach seiner eigenen revolutionären Theorie handelte.
In dem in diesem Kapitel ausführlich zitierten Artikel über die zwei
Richtlinien der Revolution sagt Lenin am Schlusse, daß das Proletariat die
Befreiung des bürgerlichen Rußland vom Zarismus (die bürgerliche Revolution)
„unverzüglich" ausnutzen muß, um die sozialistische Revolution zu
vollziehen. Und so geschah es 1917. Die zaristische Macht wurde nicht unmittelbar
abgelöst durch die sozialistische Revolution, sondern durch die demokratische,
in der (entsprechend der theoretischen Forderung der Bolschewiki) die
Arbeiterklasse allerdings schon in so weitgehendem Maße die entscheidende Macht
war, daß sie in kurzer Zeit die Oktoberrevolution durchführen konnte. Bald nach
der Februarrevolution — in den Aprilthesen — hat Lenin im Sinne seiner
revolutionären Theorie die unverzügliche Fortführung der demokratischen
Revolution zur sozialistischen als Tagesaufgabe bezeichnet. Die demokratische
Revolution, die der Bourgeoisie die Macht gab, werde sehr schnell
abgeschlossen, sie müsse — wenn sie nicht zum Stillstand und zur
Konterrevolution führen solle — ohne Unterbrechung in die sozialistische
Revolution übergeleitet werden, die alle Macht den Sowjets, das heißt den
revolutionären Arbeitern und Bauern gibt. Lenin sagte in den Aprilthesen ohne
Umschweife, daß die Februarrevolution zusammenbrechen werde, darum müsse ohne
Konzessionen an schwankende Elemente eine Revolution vorbereitet und
durchgeführt werden, die „1000mal stärker sei als die Februarrevolution."
Im April 1917 charakterisiert Lenin in einem Artikel „Die Aufgaben des
Proletariats in unserer Revolution" die inzwischen erreichte
Übergangsperiode (Lenin, Sämtliche Werke, Band XX, 1. Halbband, Seite 149/150):
„Dieser äußerst eigenartige, in dieser Form in der Geschichte noch nie
dagewesene Umstand hat zwei Diktaturen miteinander zu einem Ganzen verflochten:
die Diktatur der Bourgeoisie (denn die Regierung Lwow & Co. ist eine
Diktatur, d.h. eine Regierung, die sich nicht auf das Gesetz und den vom Volk
vorher kundgegebenen Willen stützt, sondern auf die gewaltsame Machtergreifung,
und zwar durch eine bestimmte Klasse, durch die Bourgeoisie) und die Diktatur
des Proletariats und der Bauernschaft (Rat der Arbeiter- und
Soldatendeputierten).
Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß eine derartige ,Verflechtung'
auf die Dauer nicht bestehen kann. Zwei Staatsgewalten können in einem Staate
nicht bestehen. Eine von ihnen muß abtreten, und die ganze russische
Bourgeoisie ist bereits mit aller Kraft am Werke, die Arbeiter und
Soldatendeputierten mit allen erdenklichen Mitteln überall beiseite zu drängen,
zu schwächen, zu einem Nichts herabzudrucken und die Alleinherrschaft der
Bourgeoisie aufzurichten.
Die Doppelherrschaft ist nur ein Übergangsmoment in der Entwicklung der
Revolution, wo sie zwar über die gewöhnliche bürgerlich-demokratische
Revolution hinausgegangen, aber noch nicht bis zur reinen Diktatur des Proletariats
und der Bauernschaft gelangt ist."
In Deutschland bestand nach dem November 1918 zwar nicht die hier
charakterisierte Doppelherrschaft. Aber trotzdem waren nach dem Zusammenbruch
der Monarchie die objektiven Voraussetzungen für die Machteroberung durch das
Proletariat gegeben. Die Macht lag gewissermaßen auf der Straße, leider fehlte
es der deutschen sozialistischen Bewegung an der Erkenntnis der Situation, am
revolutionären Willen und an der notwendigen Zielbewußtheit, um die gegebene
Chance ausnützen zu können und die Macht zu ergreifen. Wegen des Versagens der
deutschen sozialistischen Bewegung gelang es den Feinden der Revolution sehr
bald, die unklare Situation zugunsten der Herrschaft der Bourgeoisie zu
liquidieren. Zur Sicherung ihrer Machtstellung mobilisierte die Bourgeoisie die
konterrevolutionären Kräfte, deren Vorherrschaft allmählich in die
faschistische Diktatur überleitete. In Rußland ist die Entwicklung anders
verlaufen, weil die führende revolutionäre Partei eine klare revolutionäre Theorie
hatte, für deren praktische Durchführung Lenin in den entscheidenden Monaten
des Jahres 1917 konsequent eintrat. Die Bourgeoisie herrschte in der
demokratischen russischen Revolution nicht unumschränkt, sie mußte die
Herrschaft mit dem Proletariat teilen. Die Doppelherrschaft war jedoch nur
erreicht worden durch die von den Bolschewiki immer geforderte und vorbereitete
selbständige starke Stellung der im Bunde mit den revolutionären Bauern
stehenden Arbeiterklasse. Da außerdem die Bolschewiki in all den Jahren der
Vorbereitung der demokratischen Revolution ihre unverzügliche Fortentwicklung
zur sozialistischen Revolution als unverrückbares Ziel vor Augen hatten,
konzentrierten sie 1917 zielbewußt alle Kräfte auf die Liquidierung der
Doppelherrschaft zugunsten der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft.
In seinen „Briefen über Taktik" (April 1917) schrieb Lenin über den Kampf
für die Liquidierung der Doppelherrschaft zugunsten der revolutionären
Vorwärtsentwicklung (Lenin, Sämtliche Werke, Band XX, 1. Halbband, Seite
136/137):
„Lauren wir aber nicht Gefahr, in Subjektivismus zu verfallen, in den Wunsch,
,hinüberzuspringen' (das richtete sich gegen die alte trotzkistische Auffassung
in dieser Frage. D.V.) über die unvollendete Revolution bürgerlich-demokratischen
Charakters, die die Bauernbewegung noch nicht zum Abschluß gebracht hat, in die
sozialistische Revolution?
Hätte ich gesagt: ,Keinen Zaren, her mit der Arbeiterregierung!' so würde mir
diese Gefahr drohen. Doch ich habe das nicht gesagt, ich habe etwas anderes
gesagt. Ich habe gesagt, daß es eine Regierung in Rußland (von der bürgerlichen
abgesehen) außer den Räten der Arbeiter-, Landarbeiter-, Soldaten- und
Bauerndeputierten nicht geben kann. Ich habe gesagt, daß die Macht in Rußland
jetzt von Gutschkow und Lwow nur auf diese Sowjets übergehen kann. In diesen
aber überwiegt gerade die Bauernschaft, überwiegen die Soldaten, überwiegt — um
einen wissenschaftlichen marxistischen Terminus zu gebrauchen und statt der
gewöhnlichen Berufsbezeichnungen des Alltagslebens den Klassencharakter zu
betonen — das Kleinbürgertum.
Ich habe mich in meinen Thesen absolut gesichert gegen jedes Überspringen der
noch nicht überwundenen bäuerlichen oder überhaupt kleinbürgerlichen Bewegung,
gegen jedes Spiel mit der ,Machtergreifung' durch eine Arbeiterregierung, gegen
jedes blanquistische Abenteuer, denn ich habe direkt auf die Erfahrung der
Pariser Kommune hingewiesen. Diese Erfahrung aber hat, wie allgemein bekannt
ist und wie Marx 1870 und Engels 1891 ausführlich nachgewiesen haben, gezeigte
daß für den Blanquismus kein Platz da war, daß die direkte, unmittelbare,
unbedingte Herrschaft der Mehrheit und die Aktivität der Massen nur in dem Maße
gesichert war, wie die Mehrheit selbstbewußt auftrat.
Ich habe in den Thesen mit vollster Eindeutigkeit alles zugespitzt auf den
Kampf um den Einfluß innerhalb der Räte der Arbeiter-, Landarbeiter-, Bauern-
und Soldatendeputierten. Um auch nicht den kleinsten Zweifel in dieser
Beziehung zuzulassen, habe ich in den Thesen zweimal die Notwendigkeit der
geduldigen, beharrlichen, ,sich den praktischen Bedürfnissen der Massen
anpassenden' „Aufklärungsarbeit“ betont ..."
Lenins „Briefe über Taktik" beweisen, wie peinlich Lenin 1917 darauf
bedacht war, nicht mißverstanden zu werden, wie scharf er auch da noch eine
Trennungslinie gegenüber der trotzkistischen These zog.
Lenins Aprilthesen und sein Handeln im Jahre 1917 sind nur die konsequente
Durchführung der von den Bolschewiki seit 1905 vertretenen Linie. 1905 bereits
— in der ersten russischen Revolution — bezeichnet Lenin in seiner Broschüre
„Zwei Taktiken" die bürgerlich-demokratische und die sozialistische
Revolution als zwei Glieder einer Kette, als einen einheitlichen Prozeß, in dem
unmittelbar von der ersten Station zur zweiten übergegangen werden muß (Lenin,
Sämtliche Werke, Band VIII, Seite 129):
„Das Proletariat muß die demokratische Umwälzung zu Ende fuhren, indem es die
Masse der Bauernschaft zu sich heranzieht, um vereint den Widerstand des
Absolutismus gewaltsam zu brechen und die schwankende Haltung der Bourgeoisie
zu paralysieren. Das Proletariat muß die sozialistische Umwälzung vollziehen,
indem es die Masse der halbproletarischen Elemente der Bevölkerung zu sich
heranzieht, um vereint den Widerstand der Bourgeoisie gewaltsam zu brechen und
die schwankende Haltung der Bauernschaft und der Kleinbourgeoisie zu
paralysieren." Die geschichtliche Wahrheit also ist: die Bolschewiki haben
sich 1917 nicht Trotzkis „permanente Revolution" zu eigen gemacht, sie
haben in der entscheidenden Zeit genau nach der klaren revolutionären Theorie
Lenins gehandelt. Lenin hat diese Theorie seit 1903 zu der unerschütterlichen
ideologischen Grundlage entwickelt, auf der die festgefügte revolutionäre
Partei erwuchs, die allein in der Lage war, in der revolutionären Situation das
Proletariat zum Siege zu führen.
Trotzki hat natürlich des öfteren versucht, die „Umrüstung" der
Bolschewiki und ihr von 1917 an erfolgtes Einschwenken in die Linie der
trotzkistischen permanenten Revolution zu „beweisen". Zu diesem Zwecke
wird in Trotzkis Geschichtsschreibung den Bolschewiki ein Standpunkt
angedichtet, den sie nie vertreten haben. In der „Oktoberrevolution" (1932
erschienen) schrieb Trotzki (Seite 678):
„Die Bolschewistische Partei war seit dem Tag ihrer Entstehung eine Partei des
revolutionären Sozialismus. Doch die nächste historische Aufgabe erblickte sie,
notgedrungen, im Sturze des Zarismus und in der Errichtung des demokratischen
Regimes. Hauptinhalt der Umwälzung sollte die demokratische Losung der
Agrarfrage sein. Die sozialistische Revolution wurde in eine recht ferne,
jedenfalls unbestimmte Zukunft gerückt. Es galt als unbestreitbar, daß sie
praktisch auf die Tagesordnung gestellt werden könnte erst nach dem Siege des
Proletariats im Westen. Diese Grundsätze, geschmiedet vom russischen Marxismus
im Kampfe gegen Narodnitschestwo und Anarchismus, bildeten das eherne Inventar
der Partei. Weiter folgen hypothetische Erwägungen: sollte die demokratische
Revolution in Rußland machtvollen Schwung erreichen, dann könnte sie
unmittelbaren Anstoß zur sozialistischen Revolution im Westen geben, und das
wieder würde dann dem russischen Proletariat erlauben, in beschleunigtem Marsch
zur Macht zu kommen.“ Richtig ist — wie sich aus der vorher erfolgten Darstellung
der leninschen Theorie der Revolution ergibt — daß die Bolschewiki den Zarismus
durch eine demokratische Revolution ablösen wollten. Falsch an der Schilderung
Trotzkis jedoch ist, daß die Bolschewiki „die sozialistische Revolution ... in
eine recht ferne, jedenfalls unbestimmte Zukunft" rückten. Alles was in
diesem Kapitel zu diesem Thema zitiert wurde, beweist, wie unrichtig Trotzkis
Erzählungen sind. Trotzki zitiert in der „Oktober-Revolution" (Seite 780)
eine Äußerung Lenins aus dem Jahre 1905, mit der er selbst seine Behauptung
widerlegt:
„Das Proletariat kämpfte bereits um die Erhaltung der demokratischen
Errungenschaften namens der sozialistischen Umwälzung."
Trotzki hätte — wenn er objektiv sein könnte — noch sehr viele Zitate in Lenins
seit 1905 geschriebenen Artikeln gefunden, die seine Erzählungen widerlegen,
und die beweisen, daß die Bolschewiki mit einer klaren Theorie in die
Revolution gegangen sind. In einem dieser Artikel „Sozialdemokratie und
provisorische revolutionäre Regierung" (1905) schrieb Lenin am Schlusse
zusammenfassend (Lenin, Sämtliche Werke, Band VII, Seite 268):
„Wenn der hohle Deklamator Trotzki jetzt schreibt, daß ein ,Priester Gapon nur
einmal auftauchen konnte', daß es für einen zweiten Gapon keinen Platz gibt, so
lediglich deshalb, weil er eben ein hohler Deklamator ist. Gäbe es in Rußland
keinen Platz für einen zweiten Gapon, so würde es bei uns auch keinen Platz für
eine wirklich „große“ bis ans Ende gehende demokratische Revolution geben ...
Sie (die Massen, d.V.) können nicht gleich, ohne eine Reihe revolutionärer
Prüfungen durchgemacht zu haben, Sozialdemokraten werden, nicht nur infolge
ihrer Unwissenheit (die Revolution klärt, wir wiederholen es, mit märchenhafter
Geschwindigkeit auf), sondern deshalb, weil ihre Klassenlage keine
proletarische ist, weil die objektive Logik der historischen Entwicklung sie im
gegenwärtigen Augenblick vor die Aufgabe eines demokratischen und keineswegs
eines sozialistischen Umsturzes stellt.
Und an diesem Umsturz wird das revolutionäre Proletariat mit aller Energie
teilnehmen, den jämmerlichen Chwostismus der einen, wie die revolutionären
Phrasen der anderen von sich weisend, klassenmäßige Bestimmtheit und Bewußtsein
in den schwindelerregenden Wirbel der Geschehnisse hineintragend, unentwegt und
mutig vorwärtsschreitend, die revolutionär-demokratische Diktatur nicht
fürchtend, sondern sie vielmehr leidenschaftlich herbeisehnend, für die
Republik und die volle republikanische Freiheit, für ernste ökonomische
Reformen kämpfend, damit eine wirklich weite und des 20. Jahrhunderts wirklich
würdige Arena geschaffen werde für den Kampf um den Sozialismus."
Danach war die nächste Aufgabe die Durchführung der demokratischen Revolution,
an der sich das revolutionäre Proletariat führend beteiligen muß, um die
„bessere Arena für den Kampf um den Sozialismus" zu schaffen. Aber
nirgendwo ist die Rede davon, daß die Fortentwicklung der demokratischen
Revolution „in eine ferne, unbestimmte Zukunft gerückt" wird. In dem
vorstehend zitierten Artikel legt Lenin dar, daß die Massen ohne revolutionäre
Prüfungen durchgemacht zu haben — noch nicht Sozialdemokraten sind, daß sie
darum nicht sofort für eine sozialistische Revolution mobilisiert werden
können. Aber er fügt hinzu, daß die Revolution mit märchenhafter Geschwindigkeit
aufklart, das heißt, daß die durch die demokratische Revolution in Bewegung
gesetzten Massen mit märchenhafter Geschwindigkeit über die Mängel der
demokratischen Revolution und über die Notwendigkeit, diese zur sozialistischen
fortzuführen, aufgeklärt werden. Rechnete Lenin schon 1905 mit einer so
schnellen Aufklärung der Massen in der demokratischen Revolution, dann hat er
eben die sozialistische Revolution nicht auf eine unbestimmte Zukunft vertagt,
sondern ihre Durchführung als die ununterbrochene Folge der demokratischen
Revolution betrachtet. Wie recht Lenin mit seiner Theorie und seiner
Einschätzung der revolutionären Entwicklung hatte, bewies der Februar 1917. Die
Februarrevolution hat die Massen in der Tat „mit märchenhafter Geschwindigkeit"
aufgeklärt und die sofortige Fortentwicklung zur sozialistischen Revolution
ermöglicht. Aber nur, weil die leninsche Theorie weit vorausschauend der Partei
den revolutionären Weg von der demokratischen zur sozialistischen Revolution
vorgezeichnet und die revolutionäre Partei geschaffen hat, die die Massen auf
diesen Weg führen konnte.
Lenin hat aber nicht nur die ununterbrochene Weiterentwicklung der
demokratischen zur sozialistischen Revolution propagiert, sondern zugleich die
Mobilisierung der Kampfmittel gefordert, die erst die Erfüllung dieser Aufgabe
möglich machen. Lenin, der zur Durchführung der demokratischen Revolution die
Kampfbündnisse mit nichtproletarischen Kräften für notwendig hielt, hat dabei
stets betont, daß es bei diesen Kampfbündnissen nicht auf schriftlich
formulierte Bedingungen ankomme, sondern auf die praktische Verwirklichung des
gemeinsamen Kampfes gegen den Zarismus. Vor allem aber darauf, daß die
Arbeiterklasse stark genug sei und genügend Machtmittel in der Hand habe, um sich
selbst gegen den Betrug seiner vorübergehenden Kampfgefährten zu schützen. Die
wirksamste Sicherung gegen Betrugsversuche ist die Bewaffnung des Volkes, die
der Arbeiterklasse die Möglichkeit gibt, nach der Eroberung der politischen
Freiheiten die „bessere Arena" auch für den Kampf um den Sozialismus
auswerten zu können. Dabei hat Lenin nie einen Zweifel darüber gelassen, daß
die bürgerlichen Demokraten auch im Kampf um die Demokratie sehr unsichere
Bundesgenossen seien. Am 24. Januar 1905 schrieb er in „Proletarische und
bürgerliche Demokratie" (Lenin, Sämtliche Werke, Band VII, Seite 94):
„Nein, das Proletariat wird sich auf dieses Spiel mit Versprechungen,
Erklärungen und Vereinbarungen nicht einlassen. Das Proletariat wird niemals
vergessen, daß die bürgerlichen Demokraten keine verläßlichen Demokraten sein
können. Das Proletariat wird die bürgerliche Demokratie unterstützen, nicht auf
Grund irgendwelcher Abmachungen mit ihr, keinen panischen Schrecken
hervorzurufen, nicht auf Grund des Glaubens an ihre Verläßlichkeit, sondern es
wird sie dann und in dem Maße unterstützen, wenn und soweit sie tatsächlich
gegen den Absolutismus kämpft. Eine solche Unterstützung ist im Interesse der
Erreichung der selbständigen sozialen und revolutionären Ziele des Proletariats
notwendig."
Also Unterstützung der bürgerlichen Demokratie, soweit sie wirklich kämpft,
jedoch nicht nur um der demokratischen Revolution, sondern um der Erreichung
der sozialistischen Revolution willen. Und weil diese nur von dem
revolutionären Proletariat durchgeführt werden kann, hat Lenin als besondere
Voraussetzung für die Unterstützung der demokratischen Revolution die
selbständige marxistische Partei verlangt. Diese muß, ihren Weg gehend, bei
allen Kampfbündnissen mit bürgerlich-demokratischen Kräften um die Hegemonie
des Proletariats auch in der demokratischen Revolution kämpfen. Am 21. Februar
1905 schrieb Lenin in „Über ein Kampfbündnis für den Aufstand" (Lenin,
Sämtliche Werke, Band VI I.Seite 166):
„Die Geschichte der revolutionären Epoche liefert viele, all zu viele Beispiele
der ungeheuren Schädlichkeit übereilter und unreifer Experimente einer
„Kampfeseinigung", die die ungleichartigsten Elemente in den Komitees des
revolutionären Volkes zusammenleimte und nur zu gegenseitigen Reibereien und
bitteren Enttäuschungen führte.
Wir wollen uns die Lehre dieser Geschichte zunutze machen. Wir sehen im
Marxismus, der euch als ein enges Dogma erscheint, gerade die Quintessenz
dieser geschichtlichen Lehre und Anleitung. Wir sehen in der selbständigen,
unversöhnlich marxistischen Partei des revolutionären Proletariats die einzige
Gewähr für den Sieg des Sozialismus und den von Schwankungen denkbar freiesten
Weg zum Siege. Wir werden daher niemals, auch nicht in den revolutionärsten
Augenblicken, auf die völlige Selbständigkeit der Sozialdemokratischen Partei,
auf die völlige Unversöhnlichkeit unserer Ideologie verzichten.
... Wir glauben, daß wir der Sache künftiger Kampfbündnisse besser dienen, wenn
wir, statt bittere, vorwurfsvolle Phrasen zu dreschen, die Bedingungen ihrer
Möglichkeit und ihrer mutmaßlichen Grenzen, ihrer, wenn man so sagen darf,
,Kompetenzen' nüchtern und kühl wägen." Das selbständige Auftreten der
unversöhnlich marxistischen Partei auch bei allen Kampfbündnissen im Kampf gegen
den Zarismus erschien Lenin als unbedingte Notwendigkeit, um die demokratische
Revolution im geeigneten Zeitpunkt zur sozialistischen Revolution fortzuführen.
Es wäre ein geschichtliches Versäumnis schlimmster Art gewesen, wenn das
russische Proletariat den Stoß für die sozialistische Umwälzung
dogmatisch-mechanisch erst für die Zeit nach dem endgültigen Siege der
demokratischen Revolution vertagt hätte, obwohl die Situation für die
Durchführung der sozialistischen Revolution schon früher reif geworden war. Da
das russische Proletariat „um die Erhaltung der demokratischen
Errungenschaften" bereits „namens der sozialistischen Umwälzung"
kämpfte, mußte es nach der Veränderung der Verhältnisse, nachdem die bessere
„Arena für den Kampf um den Sozialismus" erreicht war, auch seine
Kampfziele verändern.
Trotzki sagt in der „Oktoberrevolution" (Seite 677), daß sich die
Bolschewistische Partei auf der Aprilkonferenz des Jahres 1917 „unter dem Druck
der restlos enthüllten Situation" zum ersten Mal zu dem Ziel der „Machteroberung"
bekannt habe. Die zitierten Äußerungen Lenins aus dem Jahre 1905 beweisen, daß
diese Behauptung Trotzkis falsch ist, daß die Bolschewistische Partei schon vor
1905 die Frage der Machteroberung durch das Proletariat auch in der Zeit bejaht
hat, in der sie angesichts der Verhältnisse die demokratische Revolution als
die nächstliegende Aufgabe betrachtete. Der konzentrierte Kampf um die
Erfüllung der nächsten Aufgabe schließt die Mobilisierung der Kräfte für die
weiter gesteckten Ziele nicht aus. Die Machteroberung durch das Proletariat
wurde nicht 1917 zum ersten Male als das Ziel proklamiert, sie trat nur damals
in der inzwischen erreichten demokratischen Revolution als das nächste
Kampfziel ganz deutlich in Erscheinung.
Trotzki bejahte das seiner Meinung nach 1917 zum ersten Mal erfolgte Bekenntnis
zur proletarischen Revolution, weil „die restlos enthüllte Situation" es
verlangte. Er war allerdings der Meinung, daß diese veränderte Stellungnahme
nicht das Bekenntnis zum Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion enthalten
habe. Die veränderte Situation, das Versagen der bürgerlich-demokratischen
Kräfte in Rußland und das Ausbleiben der proletarischen Revolution in den
fortgeschrittenen europäischen Ländern, stellte dem russischen Proletariat, als
dem ersten in der Welt, die Aufgabe, den sozialistischen Aufbau in der Praxis
zu beginnen. Das russische Proletariat war 1917 in der Zwangslage, entweder vor
dem Versagen der demokratischen Revolution zu kapitulieren und der
Konterrevolution die Bahn frei zu geben, oder für die sofortige Ablösung der
demokratischen Revolution durch die sozialistische zu kämpfen. Nach schweren
opfervollen Kämpfen eroberte das russische Proletariat als das erste in der
Welt die politische Macht. Die Hoffnung war, daß dieser Sieg unverzüglich
proletarische Revolutionen in den anderen Ländern auslösen und den
sozialistischen Aufbau erleichtern würde. Das Ausbleiben der Revolution in
Europa „enthüllte" wiederum „restlos eine neue Situation" und zwang
zu Entscheidungen. Die siegreiche russische Revolution hatte nunmehr die Wahl,
entweder (wie Stalin das formulierte) „auf dem Halm zu verfaulen" oder die
eroberte politische Macht auszunützen und den sozialistischen Aufbau in dei
Sowjetunion zu versuchen. Die aus dem Siege der sozialistischen Revolution sich
konsequent ergebende Entscheidung für die Durchführung des sozialistischen
Aufbaus in dem Lande der siegreichen. proletarischen Revolution bezeichnet
Trotzki als Verrat an der Idee des internationalen Sozialismus.
So zeigte sich auch in der weiteren Entwicklung der russischen Revolution der
grundlegende Gegensatz zwischen Trotzkis permanenter Revolution und Lenins
revolutionärer Theorie. Trotzkis Theorie verschiebt den Aufbau des Sozialismus
bis zum Siege der proletarischen Revolution in der ganzen Welt. Lenins
revolutionäre Theorie verlangt die permanente, ununterbrochene Fortführung der
revolutionären Entwicklung und die Ausnützung der siegreichen proletarischen
Revolution zum sozialistischen Aufbau — weil die Erfolge des sozialistischen
Aufbaus in einem Lande zum wirksamen Hebel für die revolutionäre Entwicklung in
den anderen Ländern, für die Weltrevolution werden. Trotzkis permanente
Revolution verneint den Aufbau des Sozialismus in einem Lande, der von der
leninschen revolutionären Theorie eindeutig bejaht wird.
Das Verhalten Trotzkis in der Oktoberrevolution und im Bürgerkrieg
spielt in der trotzkistischen Geschichtsschreibung eine entscheidende Rolle.
Mit dem Hinweis auf diese Zeit wird hauptsächlich die angeblich so enge
Kampfgemeinschaft Trotzkis mit Lenin begründet. Die Legende berichtet, daß
Trotzki der entscheidende Führer des Oktoberaufstandes gewesen sei, daß ohne
ihn die Oktoberrevolution nicht erfolgreich ausgegangen und der Bürgerkrieg
nicht gewonnen worden wäre. Trotzki selbst erzählt in seinen Büchern, vor allem
in der „Februarrevolution", der „Oktoberrevolution", in „Mein
Leben", und auch in „Über Lenin", daß er von 1917 an die alles
überragende treibende Kraft gewesen sei. Wer diese Darstellung anzweifelt, wer
eine marxistische Analyse des Geschehens dieser Zeit zu geben versucht und
dabei Trotzkis wirkliche Rolle in der Oktoberrevolution und im Bürgerkrieg
feststellt, wird von den Trotzkisten als Geschichtsfälscher bezeichnet.
Trotzki war eine nicht unwichtige Persönlichkeit in der Oktoberrevolution —
Stalin hat das in den früheren Parteidiskussionen um Trotzki und den
Trotzkismus mehrmals festgestellt — aber Trotzki hat dabei nicht die
überragende Rolle gespielt, von der die trotzkistische Geschichtsschreibung
berichtet. Die Version, daß ohne Trotzki die proletarische Revolution in
Rußland nicht gesiegt hätte, daß es ohne Trotzki keine Sowjetunion gäbe, ist
eine törichte Geschichtsfälschung. Sie steht im schroffen Widerspruch zur
materialistischen Geschichtsbetrachtung und zum Marxismus, sie ist der Ausfluß
des Subjektivismus, der zum politischen und persönlichen Charakterbild Trotzkis
gehört. Um seine angeblich überragende Rolle in der Oktoberrevolution glaubhaft
zu machen, braucht Trotzki die Legende von der grundlegenden geistigen
Umrüstung der Bolschewistischen Partei zwischen dem Februar und Oktober. Er
behauptet darum, daß die Bolschewiki keine revolutionäre Theorie hatten. Nach
Trotzkis Darstellung war die Bolschewistische Partei ein zielloser,
direktionsloser Haufen, der von den revolutionären Ereignissen überrascht wurde
und ihnen hilflos gegenüberstand. Wäre es so gewesen — dann allerdings hätte
Trotzki den Bolschewiki als der Messias erscheinen können, dann hätte der
bisher einsame Trotzki „der alles überragende Führer" werden müssen, dem
die Bolschewistische Partei in ihrer Hilflosigkeit sich unterwarf.
Trotzkis „Februarrevolution" enthalt ein ganzes Kapitel über die
„Umbewaffnung der Partei". Er schreibt dort u. a. (Seite 148):
„Hauptleiter der unterirdischen bolschewistischen Organisation in Petrograd
waren damals drei Männer. Die ehemaligen Arbeiter Schlapnikow und Saluzki und
der ehemalige Student Molotow. (Der also damals schon eine führende Rolle in
der Bolschewistischen Partei hatte, d.V.) ... Doch das Trio war den Ereignissen
nicht gewachsen. Bis zur allerletzten Stunde glaubten die Führer, es handle
sich nur um eine revolutionäre Kundgebung, um eine von vielen, nicht aber um
einen bewaffneten Aufstand."
Petrograd war 1917 die Hauptstadt Rußlands und das entscheidende Zentrum, in
dem die wichtigsten revolutionären Entscheidungen fielen. In Petrograd hatten
die Bolschewiki — wie überall in Rußland — zwar eine Organisation, aber diese
war nach Trotzkis „Erzählungen" der Situation nicht gewachsen und ihre
Führer waren unfähig. Die bolschewistische Organisation hatte keine Ahnung von
dem Werden der Revolution, sie ist darum natürlich auch ohne Einfluß auf die
revolutionäre Entwicklung gewesen. Das ist das Bild nach Trotzkis
Darstellungen. Alle Bolschewiki erscheinen als halbe oder ganze Trottel, nur
mit einem macht Trotzki eine Ausnahme — mit Lenin. Den streicht er gegenüber
den anderen heraus, weil er die enge Kampfgemeinschaft mit Lenin für seine
Legende braucht. Nach der Revolutionsgeschichte Trotzkis ist das Durcheinander
in der bolschewistischen Organisation erst nach der Ankunft Lenins in Rußland
überwunden worden. Diese Version hat Trotzki — mit der Spitze, gegen die Alten
Bolschewiki in der Führung der Partei — auch schon versteckt, in seinen in
Rußland veröffentlichten Schriften vertreten. In dem Buche „Über Lenin"
(1924) schreibt er, daß ihn von dem Kurs, den die Partei „nach seiner (Lenins)
Ankunft eingeschlagen hatte, nichts mehr trenne". Bis zu Lenins Ankunft
war Trotzki nicht für den Kurs der Bolschewiki. Erst nach der nach Lenins
Ankunft erfolgten geistigen „Umrüstung" war über Nacht eine revolutionäre
Partei entstanden, mit der Trotzki nunmehr einverstanden sein konnte und der er
sich anschließen wollte. Nach Trotzkis Angaben wurde die aktionsfähige
revolutionäre Partei von Lenin nicht in langer, planmäßiger Arbeit seit 1903
aufgebaut, sondern erst mit Hilfe Trotzkis in einigen Wochen aus der Erde
gestampft.
An unzähligen anderen Beispielen ließe sich noch beweisen, daß Trotzkis
Geschichtsschreibung ganz und gar darauf eingestellt ist, die revolutionäre
Unzulänglichkeit der Bolschewistischen Partei zu beweisen. In dem Kapitel über
„Die Umbewaffnung der Partei" („Februarrevolution") behauptet
Trotzki, daß die Bolschewiki sich im April plötzlich für die sofortige
Durchführung der sozialistischen Revolution entschieden, die entgegen ihrer Einschätzung
der Lage und entgegen ihren Vorstellungen und Vorbereitungen herangereift war.
Trotzki erweckt den Eindruck, daß Lenin sich nunmehr ausdrücklich für das
Überspringen der demokratischen Revolution entschlossen habe. Er bekehrte sich
in dieser entscheidenden Frage angeblich vom Leninismus zum Trotzkismus, der
demnach nunmehr der Wesensinhalt der Bolschewistischen Partei geworden war. Um
dieses falsche Bild zu erzeugen, hat Trotzki absichtlich ignoriert, daß Lenin
bei der Diskussion über seine Aprilthesen (siehe die Zitate in dem Kapitel „Die
permanente Revolution") eindringlich nachwies, daß diese These über die
unmittelbare Fortentwicklung der demokratischen zur sozialistischen Revolution
nichts mit Trotzkismus zu tun haben Lenin stellte vielmehr ausdrücklich fest,
daß er keinesfalls notwendige Zwischenetappen überspringen, sondern nur die
bolschewistische Theorie verwirklichen wolle, die konsequent die schnellste
Steigerung der revolutionären Entwicklung von der Februar- zur
Oktoberrevolution verlange. An dieser Tatsache ändert auch nichts daß einige
Bolschewisten — wie Trotzki schildert — z.B Sinowjew und Kamenew, Lenins
Aprilthesen mit der Begründung bekämpften, daß sie im Widerspruch zum
Leninismus ständen. Wenn die beiden späteren Freunde Trotzkis gegen den
Oktoberaufstand auftraten, so ist das kein Beweis dafür, daß Lenin 1917 die
Bolschewistische Partei geistig „umbewaffnete", es beweist vielmehr nur,
daß Sinowjew und Kamenew die Konsequenzen des Leninismus scheuten und in
entscheidenden Situationen zeigten, daß sie den Leninismus mißverstanden.
Trotzkis Erzählungen über die Umrüstung der Bolschewistischen Partei sind
nichts als Zwecklegenden. Die historische Wahrheit ist, daß die
Bolschewistische Partei — organisiert, geschult nach dem leninistischen
Organisationsprinzip — unter Lenins Führung als aktionsfähige zielbewußte
revolutionäre Kampftruppe in die Revolution ging. Die Bolschewistische Partei
hat sich in der entscheidenden Situation durchaus den revolutionären Aufgaben
gewachsen gezeigt. Sie hat nicht auf Trotzki warten müssen; im Gegenteil,
Trotzki mußte im Juli 1917 sich ihr unterordnen, wenn er als einer neben den
anderen seinen Teil an den revolutionären Kämpfen beitragen wollte.
Die Oktoberrevolution ist nicht das Verdienst Trotzkis oder einer anderen
einzelnen Person, sondern der leninschen Partei, die von 1903 an im harten
Kampfe gegen den Trotzkismus aufgebaut, eine ideologisch gefestigte, straff
organisierte Kampforganisation mit einer klaren revolutionären Zielsetzung war,
und die nur darum die Oktoberrevolution so erfolgreich organisieren und zu
einem guten Ende führen konnte. Hätte sich Trotzki 1917 gegen die
Bolschewistische Partei gestellt, dann hätte er später nicht einmal die
Gelegenheit gehabt. Legenden über seine überragende Führerrolle in der
Oktoberrevolution zu erzählen. Die Geschichtsschreibung Trotzkis über seine
Rolle in der Oktoberrevolution und im Bürgerkrieg ist nicht nur ein Beweis für
seinen Subjektivismus, sondern vor allem auch ein Beweis, daß Trotzki auch während
seiner Mitgliedschaft in der Bolschewistischen Partei kein Bolschewik war. Er
stand der leninschen Partei und der leninschen Theorie immer feindlich
gegenüber, und auch in seiner besten Zeit ist er dem von Lenin so heftig
bekämpften Trotzkismus treu geblieben. Trotzki will Lenin im Gegensatz zu den
Alten Bolschewiki und der Bolschewistischen Partei herausstreichen.
Sein starker Subjektivismus hindert ihn schließlich sogar, seine eigene Absicht
zu verwirklichen und Lenins führende Rolle in der Revolution zu würdigen. In
allen Büchern, in denen Trotzki von der russischen Revolution erzählt,
erscheint nicht Lenin, sondern Trotzki als der entscheidende Kopf, der alles
dirigiert und gemacht hat. Trotzki schreibt immer wieder, wie er Lenin (von dem
man den Eindruck bekommen soll, daß er wegen seiner Illegalität von Juli bis
Oktober 1917 weit vom Schuß war) über seine Handlungen berichtete oder ihm
Vorschläge machte, und wie Lenin stets freudig und begeistert zustimmte.
Gewissermaßen wie einer, der froh ist, diesen Trotzki zu haben, der ihm das
Denken und das Handeln abnimmt. Nur ein paar kleine Beispiele. In „Über
Lenin" erzählt Trotzki (Seite 108), wie die Bezeichnung
„Volkskommissare" entstanden ist. Lenin habe sich vergeblich den Kopf
zerbrochen, wie man die revolutionäre Regierung nennen solle. Trotzki hat es
sofort gewußt. Er hat vorgeschlagen, sie „Volkskommissare" zu nennen, und
Lenin hat begeistert zugestimmt. Auf Seite 114 der gleichen Schrift schildert
Trotzki, daß auf dieselbe Weise auch die Rote Armee zu ihren politischen
Kommissaren gekommen sei. Aber wichtiger als diese „Leistungen" Trotzkis
sind seine Schilderungen des Oktoberaufstandes. Wer darüber nur Trotzkis
Schriften gelesen hat, muß glauben, daß die wesentlichen Handlungen unter
Leitung Trotzkis und gegen den Willen Lenins durchgeführt wurden, und daß Lenin
nur immer nachträglich erleichtert die Zustimmung zu Trotzkis Leistungen gab.
In dem Buche „Über Lenin" erzählt Trotzki (diese Erzählung kehrt auch in
„Mein Leben" und in der „Oktoberrevolution" wieder), daß er den
Aufstand mit der Parole „Alle Macht den Räten" durchführen wollte, während
Lenin angeblich hinter dem Rücken der Sowjets loszuschlagen beabsichtigt habe.
„Immerhin" — sagt Trotzki in „Über Lenin", Seite 78 — war aber die
Partei nicht imstande, auf eigene Faust unabhängig vom Rätekongreß und hinter
seinem Rücken die Macht zu ergreifen. Es wäre ein Fehler gewesen, der sogar auf
die Haltung der Arbeiter nicht ohne Folgen geblieben wäre und hinsichtlich der
Garnison außerordentlich schwerwiegend hätte werden können.
Aus Trotzkis weiterer Schilderung entsteht dann der Eindruck, daß der
Oktoberaufstand glücklicherweise nicht nach dem Willen und Vorschlag Lenins,
sondern nach den Direktiven Trotzkis gemacht wurde und nur darum gelungen sei.
Auf Seite 82 der gleichen Schrift erzählt Trotzki, wie Lenin sich mit dem gegen
seinen Willen glücklich durchgeführten Oktoberaufstand Trotzkis abgefunden
habe:
„Nun gut, es geht auch so. Es handelt sich nur darum ,die Macht zu ergreifen'.
Ich verstand, daß er sich in diesem Augenblick endgültig mit unserem Verzicht,
die Macht durch eine konspirative Verschwörung zu ergreifen, ausgesöhnt hatte.
Bis zur letzten Stunde hatte er befürchtet, der Feind möchte unsere Pläne
durchkreuzen und uns überrumpeln. Erst jetzt, am Abend des 25. Oktober,
beruhigte er sich und sanktionierte endgültig den Weg, den die Ereignisse
eingeschlagen hatten."
Trotzki behauptet in dieser Erzählung, — um seine überragende Rolle in der
Oktoberrevolution herauszustreichen — daß ausgerechnet Lenin die Macht „durch
eine konspirative Verschwörung" ergreifen wollte, und nicht durch die
Mobilisierung der Massen. Trotzki ließ zwar Lenin die Marotte von der
„konspirativen Verschwörung", handelte aber nach seinem Kopfe, so daß
Lenin schließlich nichts weiter zu tun übrig blieb, als die von Trotzki
„gemachte" siegreiche Revolution zu „sanktionieren". So sieht in der
Geschichtsschreibung Trotzkis Lenins Rolle bei dem entscheidenden
Oktoberaufstand aus. In Wirklichkeit dachte Lenin nie an eine konspirative
Verschwörung; er hat im Gegenteil jedes blanquistische Abenteuer abgelehnt und
den revolutionären Aufstand immer als eine Aktion der Massen betrachtet. Die
Behauptung Trotzkis, daß Lenin den Aufstand hinter dem Rücken der Sowjets
durchführen wollte, ist schon darum vollkommen unsinnig, weil gerade Lenin es
war, der als erster die Parole „Alle Macht den Arbeiter- und
Bauernsowjets" aufgestellt und in allen seinen Publikationen seit Anfang
1900 vertreten hat. Unter dieser Parole wurde die Oktoberrevolution von der
Bolschewistischen Partei unter Führung Lenins vorbereitet und durchgeführt.
Richtig an der Darstellung Trotzkis ist überhaupt nur, daß auch in der Frage
der Organisierung des Aufstandes zwischen ihm und Lenin
Meinungsverschiedenheiten bestanden, daß also selbst bei der Durchführung der
Oktoberrevolution keinesfalls eine enge Kampfgemeinschaft zwischen den beiden
war. Wie scharf Lenin gerade am Vorabend der Oktoberrevolution Trotzki
angegriffen hat, schildert dieser selbst in „Über Lenin" (Seite 77):
„,Wir dürfen nicht warten, wir dürfen nicht aufschieben', wiederholte Lenin
immer wieder. Unter diesen Umständen fand Ende September oder Anfang Oktober
die berühmte Nachtsitzung des Zentralkomitees in der Wohnung der Suchanows
statt. Lenin kam dorthin, fest entschlossen, diesmal einen Beschluß
durchzusetzen, in dem es für Zweifel, Schwanken, Hinausschieben, Passivität und
Abwarten keinen Platz mehr gab. Jedoch, noch bevor er die Gegner des
bewaffneten Aufstandes angriff, begann er auf die zu wettern, die den Aufstand
mit dem Zweiten Rätekongreß in Verbindung brachten. Irgend jemand hatte ihm
meine Worte berichtet: ,Wir haben bereits den Aufstand auf den 25. Oktober
festgesetzt'."
In der Tat, Lenin hat am Vorabend des Oktober sehr heftig gegen Trotzki „gewettert".
Am 29. September 1917 sagte Lenin in „Die Krise ist herangereift"
(Sämtliche Werke, Band XXI, Seite 306 usf.):
„Was ist also zu tun? Man muß aussprechen, was ist, die Wahrheit zugeben, daß
bei uns im ZK und in den Parteispitzen eine Richtung oder Meinung existiert,
die für das Abwarten des Rätekongresses, gegen die sofortige Machtergreifung,
gegen den sofortigen Aufstand ist. Diese Richtung muß niedergekämpft werden.
Sonst würden sich die Bolschewiki mit Schmach bedecken und als Partei erledigt
sein.
Denn einen solchen Augenblick zu verpassen und den Sowjetkongreß ,abzuwarten'
wäre eine vollendete Idiotie oder vollendeter Verrat.
Ein vollendeter Verrat an den deutschen Arbeitern. Wir können doch nicht den
Anfang ihrer Revolution abwarten!! Dann werden auch die Liber-Dan (Menschewiki,
d.V.) für ihre Unterstützung sein. Sie kann aber nicht beginnen, solange
Kerenski, Kirschkin und Co. an der Macht sind.
Ein vollendeter Verrat an der Bauernschaft. Die Niederwerfung des
Bauernaufstandes dulden, obwohl wir beide hauptsächlichen Räte in Händen haben,
heißt jedes Vertrauen der Bauern verlieren und verdient verlieren, heißt in den
Augen der Bauern mit den Liber-Dan und übrigen Schuften auf einer Stufe stehen.
Den Räte-Kongreß ,abzuwarten' ist vollendete Idiotie, denn das heißt Wochen
verlieren, Wochen und sogar Tage entscheiden aber jetzt alles. Das heißt feige
der Machtergreifung entsagen, denn am 1.—2. November wird sie unmöglich sein
(sowohl politisch als auch technisch: man wird für den Tag des einfältig
,angesetzten' Aufstandes Kosaken bereithalten.) Anmerkung Lenins: Den
Sowjetkongreß zum 20. Oktober ,einzuberufen', damit er die Machtergreifung
beschließe — wodurch unterscheidet sich das von der einfältigen ,Festsetzung'
des Aufstandes?? Jetzt können wir die Macht nehmen, am 20.—29. Oktober wird man
das nicht mehr zulassen.
Den Rätekongreß ,abzuwarten', ist Idiotie, denn dieser Kongreß wird nichts
ergeben, kann nichts ergeben!
Die ,moralische' Bedeutung? Erstaunlich!! Die ,Bedeutung' von Resolutionen und
von Unterhaltungen mit den Liber-Dan, wo wir doch wissen, daß die Räte für die
Bauern sind und daß man den Bauernaufstand niederschlägt!! Dadurch degradieren
wir diese Räte zu erbärmlichen Schwatzbuden. Schlagt erst Kerenski, dann beruft
den Kongreß ein...
Der Sieg des Aufstandes ist den Bolschewiki jetzt sicher: 1. wir können (wenn
wir nicht auf den Rätekongreß ,warten') plötzlich und von drei Stellen aus, in
Petrograd, Moskau und der Baltischen Flotte, losschlagen; 2. wir haben
Losungen, die uns Unterstützung gewährleisten: Nieder mit der Regierung, die
den Aufstand der Bauern gegen die Gutsbesitzer unterdrückt!; 3. wir haben die
Mehrheit im Lande; 4. die Menschewiki und Sozialrevolutionäre sind in voller
Zersetzung; 5. wir haben die technische Möglichkeit, die Macht in Moskau zu
ergreifen (Moskau könnte sogar anfangen, um den Feind durch Überraschung zu
überrumpeln); 6. wir haben in Petrograd tausende bewaffnete Arbeiter und
Soldaten, die mit einem Schlage den Winterpalast, den Generalstab, die Telefonzentrale
und alle großen Druckereien besetzen können: wir sind dann nicht mehr zu
vertreiben und in der Armee wird eine solche Agitation einsetzen, daß es nicht
möglich sein wird, gegen diese Regierung des Friedens, des Landes für die
Bauern usw. zu kämpfen.
Wenn wir auf einmal plötzlich von drei Stellen aus losschlagen, in Petrograd,
Moskau und der Baltischen Flotte, so sind 99 von Hundert Chancen dafür, daß wir
mit geringeren Opfern, als der 3.—4. Juli gekostet hat, siegen werden, denn die
Truppen werden nicht gegen die Regierung des Friedens marschieren. Auch wenn
Kerenski jetzt schon ,zuverlässige' Kavallerie usw. in Petrograd hat, wird er
gezwungen sein, sich zu ergeben, wenn wir von zwei Seiten den Schlag führen und
wenn die Armee mit uns sympathisiert. Wenn wir auch bei so günstigen
Aussichten, wie sie jetzt bestehen, die Macht nicht ergreifen, so ist alles
Reden über die Macht den Räten eine Lüge.
Jetzt die Macht nicht übernehmen, ,warten', im Z E K schwatzen, sich auf den
,Kampf um ein Organ' (des Rates), sich auf den Kampf für den Kongreß
beschränken, heißt die Revolution zugrunde richten ...
... Es ist meine tiefste Überzeugung, daß wir die Revolution zugrunde richten,
wenn wir den Rätekongreß ,abwarten' wollen und den Augenblick verpassen."
Lenins Angriffe gegen diejenigen, die den sofortigen Aufstand ablehnten, die
gegen unverzügliche Machtergreifung und für das Abwarten des Sowjetkongresses
waren, richteten sich einerseits gegen Trotzki und andererseits gegen Sinowjew
und Kamenew. Die beiden Letzteren waren gegen den Aufstand und Trotzki war für
die unbedingte Verbindung des Aufstandes mit dem Sowjetkongreß. Über die
Differenzen, die zwischen Lenin und Trotzki in der Frage des Oktoberaufstandes
bestanden, äußerte sich Stalin in einer Rede auf dem Plenum der Fraktion des
Zentralrates der Gewerkschaften (am 19. November 1924):
„... Noch schlimmer ist es um den Genossen Trotzki bestellt, wenn er von Lenins
Position in der Frage der Form des Aufstandes spricht. Bei Genossen Trotzki ist
es so, daß nach Lenin die Partei im Oktober die Macht unabhängig von dem Sowjet
und hinter seinem Rücken ergreifen sollte; hierauf kritisiert Genosse Trotzki
diesen Unsinn, den er Lenin zuschreibt, und läßt hierbei ,alle seine Künste
spielen, um schließlich zu dem nachsichtigen Urteil zu kommen: ,Das wäre ein
Fehler gewesen.' Genosse Trotzki sagt hier die Unwahrheit über Lenin, er
entstellt die Ansichten Lenins über die Rolle der Sowjets im Aufstand. Man
könnte einen ganzen Haufen von Dokumenten anführen, die davon sprechen, daß
Lenin vorschlug, die Macht durch die Sowjets, den Leningrader oder den
Moskauer, nicht aber hinter dem Rücken der Sowjets zu ergreifen. Zu welchem
Zwecke brauchte Genosse Trotzki diese mehr als seltsame Legende über Lenin?
Nicht besser ist es um Genossen Trotzki bestellt, wenn er die Position des ZK
und Lenins in der Frage des Termins des Aufstandes ,untersucht'. Über diese
berühmte Sitzung des ZK vom 10. Oktober behauptet Genosse Trotzki, in dieser
Sitzung sei ,eine Resolution in dem Sinne gefaßt worden, daß der Aufstand
spätestens am 15. Oktober zu erfolgen habe' (siehe ,Über Lenin', S. 72). Es ist
demnach so, daß das ZK den Termin des Aufstandes auf den 15. Oktober
festgesetzt und dann selbst diesen Beschluß durchbrochen habe, indem es den
Termin des Aufstandes auf den 25. Oktober hinausschob. Ist das richtig? Nein,
das ist nicht richtig ...
... Genosse Trotzki ist, was den Termin des Aufstandes und die Resolution des
ZK über den Aufstand betrifft, von seinem Gedächtnis im Stich gelassen worden.
Genosse Trotzki ist völlig im Unrecht, wenn er behauptet, Lenin habe die
Sowjetlegalität unterschätzt, Lenin habe die ernste Bedeutung der
Machtergreifung durch den Gesamtrussischen Sowjetkongreß am 25. Oktober nicht
verstanden und habe gerade aus diesem Grunde die Machtergreifung vor dem 25.
Oktober gefordert. Das ist nicht richtig. Lenin schlug aus zwei Gründen vor,
die Macht vor dem 25. Oktober zu ergreifen. Erstens, weil die
Konterrevolutionäre Leningrad in jedem beliebigen Augenblick ausliefern
konnten, was den anwachsenden Aufstand hatte verbluten lassen, und weil
angesichts dessen jeder Tag teuer war. Zweitens, weil der Fehler des
Leningrader Sowjets, der den Tag des Aufstandes offen angegeben und
veröffentlicht hatte (25. Oktober), nicht anders korrigiert werden konnte als
durch den faktischen Aufstand vor diesem legalen Aufstandstermin. Lenin
betrachtete nämlich den Aufstand als eine Kunst, und deshalb mußte er wissen,
daß der (durch die Unvorsichtigkeit des Leningrader Sowjets) über den Tag des
Aufstandes unterrichtete Feind sich unbedingt Mühe geben würde, sich auf diesen
Tag vorzubereiten, so daß es notwendig war, dem Feind zuvorzukommen, d.h. den
Aufstand unbehelligt vor dem legalen Termin zu beginnen. Dadurch erklärt sich
auch hauptsächlich die Leidenschaftlichkeit, mit der Lenin in seinen Briefen
die Fetischisten des Datums des 25. Oktobers geißelte. Die Ereignisse haben
bewiesen, daß Lenin völlig im Recht war. Bekanntlich wurde der Aufstand vor dem
Gesamtrussischen Sowjetkongreß begonnen. Bekanntlich wurde die Macht faktisch
vor der Eröffnung des Gesamtrussischen Sowjetkongresses ergriffen, und zwar
nicht vom Sowjetkongreß, sondern vom Leningrader Sowjet, vom revolutionären
Militärkomitee. Der Sowjetkongreß hat die Macht lediglich aus den Händen des Leningrader
Sowjets empfangen. Deshalb sind die langatmigen Betrachtungen des Genossen
Trotzki über die Bedeutung der Sowjetlegalität völlig überflüssig.
Eine lebendige und mächtige Partei an der Spitze der revolutionären Massen, die
die bürgerliche Staatsmacht stürmen und stürzen — das war der Zustand unserer
Partei in dieser Periode."
In der gleichen Rede beschäftigte sich Stalin auch sehr eingehend mit den
Legenden von der überragenden Rolle Trotzkis im Oktoberaufstand:
„Die Trotzkisten verbreiten eifrig Gerüchte, daß der Inspirator und alleinige
Führer des Oktoberaufstandes Genosse Trotzki gewesen sei. Diese Gerüchte werden
besonders eifrig von dem sogenannten Redakteur der Werke des Genossen Trotzki,
dem Genossen Lenzner, verbreitet. Genosse Trotzki selbst fördert mit oder ohne
Absicht die Verbreitung der Gerüchte über die besondere Rolle des Genossen
Trotzki im Aufstand, indem er systematisch die Partei, das ZK der Partei und
das Leningrader Parteikomitee übergeht, die führende Rolle dieser Organisation beim
Aufstand verschweigt und eifrig sich selbst als die zentrale Figur des
Oktoberaufstandes in den Vordergrund stellt. Es liegt mir fern, die
unzweifelhaft wichtige Rolle des Genossen Trotzki im Aufstand zu leugnen. Doch
muß ich sagen, daß Genosse Trotzki keinerlei besondere Rolle im Oktoberaufstand
gespielt hat und sie auch nicht spielen konnte, da er, als Vorsitzender des
Petrograder Sowjets, lediglich den Willen der entsprechenden Parteiinstanzen
ausführte, die jeden Schritt des Genossen Trotzki leiteten .....
Nehmen wir die Protokolle der Sitzung des ZK vom 16. Oktober 1917. Anwesend
sind die Mitglieder des ZK plus Vertreter des Leningrader Komitees plus
Vertreter der Militärorganisation, der Betriebsräte, der Gewerkschaften, der
Eisenbahner. Unter den Anwesenden befinden sich außer den Mitgliedern des ZK
die Genossen Krylenko, Schotman, Kalinin, Wolodarski, Schljapnikow, Lazis u.a.;
insgesamt 25 Mann. Es wird die Frage des Aufstandes von der rein
praktisch-organisatorischen Seite besprochen. Die Resolution Lenins über den
Aufstand wird mit einer Stimmenmehrheit von 20 gegen 2, bei drei
Stimmenthaltungen, angenommen. Man wählt ein praktisches Zentrum für die
organisatorische Leitung des Aufstandes. Wer kommt nun in dieses Zentrum? In
dieses Zentrum werden fünf Mann gewählt: Swerdlow, Stalin, Dsershinski, Bubnow,
Uritzki. Die Aufgaben des praktischen Zentrums bestehen in der Leitung aller
praktischen Organe des Aufstandes gemäß den Direktiven des Zentralkomitees. Wie
man sieht, ist also in dieser Sitzung des ZK etwas ,Schreckliches' vorgefallen,
nämlich der ,Inspirator', die ,Hauptfigur', der „alleinige Führer“ des
Aufstandes, Genosse Trotzki, ist ,seltsamerweise' nicht in das praktische
Zentrum gekommen, das berufen war, den Aufstand zu leiten. Wie läßt sich das
mit der landläufigen Meinung von der besonderen Rolle des Genossen Trotzki
vereinbaren? Ist das alles nicht etwas ,seltsam', wie Suchanow oder die
Trotzkisten sagen würden? Indessen ist daran eigentlich nichts Seltsames, denn
Genosse Trotzki, ein in der Periode des Oktober für unsere Partei
verhältnismäßig neuer Mensch, hat irgendeine besondere Rolle weder in der
Partei noch im Oktoberaufstand gespielt und konnte sie auch gar nicht spielen.
Er war so wie alle verantwortlichen Funktionäre lediglich ein Vollstrecker des
Willens des ZK und seiner Organe. Wer mit der Mechanik der Parteileitung der
Bolschewiki vertraut ist, wird ohne besondere Mühe verstehen, daß es anders
auch gar nicht sein konnte: Genosse Trotzki brauchte nur gegen den Willen des
ZK zu handeln, um jeden Einfluß auf den Verlauf der Ereignisse einzubüßen. Das
Gerede von der besonderen Rolle des Genossen Trotzki ist eine Legende, die von
dienstbeflissenen Partei-Klatschbasen verbreitet wird.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, daß der Oktoberaufstand nicht seinen
Inspirator gehabt hat. Ja, er hatte seinen Inspirator und Führer. Doch das war
Lenin und kein anderer, derselbe Lenin, dessen Resolution vom ZK bei der
Entscheidung über die Frage des Aufstandes angenommen wurde, derselbe Lenin, den
die Illegalität nicht daran hinderte, entgegen der Behauptung des Genossen
Trotzki, der wirkliche Inspirator des Aufstandes zu sein. Es ist dumm und
lächerlich, heute durch Geschwätz über die Illegalität die unzweifelhafte
Tatsache verwischen zu wollen, daß der Inspirator des Aufstandes der Führer der
Partei, W. I. Lenin, war.
Das sind Tatsachen.
Zugegeben, sagt man uns, man könne aber nicht leugnen, daß Genosse Trotzki in
der Periode des Oktober gut gekämpft habe. Ja, das stimmt. Genosse Trotzki hat
im Oktober wirklich gut gekämpft. Doch in der Periode des Oktober hat nicht nur
Genosse Trotzki gut gekämpft, nicht übel haben sogar solche Leute gekämpft, wie
die linken Sozialrevolutionäre, die damals Schulter an Schulter mit den
Bolschewiki standen. Überhaupt muß ich sagen, daß es in der Periode des
siegreichen Aufstandes, wenn der Feind isoliert ist und der Aufstand anwächst,
nicht schwer ist, gut zu kämpfen. In solchen Augenblicken werden sogar
Rückständige zu Helden. Aber der Kampf des Proletariats ist nicht eine einzige
Offensive, eine ununterbrochene Kette von Erfolgen. Der Kampf des Proletariats
macht auch seine Prüfungen, seine Niederlagen durch. Ein wirklicher
Revolutionär ist .... derjenige, .... der bei der siegreichen Offensive der
Revolution gut zu kämpfen versteht, zugleich aber auch versteht, in der Periode
des Rückzugs der Revolution, in der Periode der Niederlage des Proletariats Mut
zu beweisen, der den Kopf nicht verliert .... Es ist äußerst traurig, aber eine
unzweifelhafte Tatsache, daß es dem Genossen Trotzki, der in der Periode des
Oktober gut gekämpft hat, in der Periode von Brest-Litowsk, in der Periode der
zeitweiligen Mißerfolge der Revolution an dem nötigen Mut gebrach, in diesem
schwierigen Augenblick genügend Standhaftigkeit zu beweisen und nicht in die
Fußtapfen der linken Sozialrevolutionäre zu treten ....
.... Die Revolution erschöpft sich nicht mit dem Oktober. Der Oktober ist nur
der Beginn der proletarischen Revolution. Schlimm, wenn man beim beginnenden
Aufstand kneift. Noch schlimmer, wenn man bei schweren Prüfungen der Revolution
nach der Machtergreifung kneift. Die Macht am Tage nach der Revolution zu
behaupten, ist nicht minder wichtig als die Ergreifung der Macht ... Trotzki
hat in der Oktoberrevolution seine Pflicht erfüllt, aber er war weder der
Inspirator, noch der Führer der Oktoberrevolution. Er hat als Vorsitzender des
Petrograder Sowjets im Auftrage der Partei gehandelt und deren Direktiven
ausgeführt. Hätte er das abgelehnt, so hätte die Partei an die Spitze des Petrograder
Sowjets einen anderen Mann gestellt und die Oktoberrevolution wäre nicht anders
verlaufen." Genau so war es im Bürgerkrieg. Trotzki hat auch da
keinesfalls die Überragende Rolle gespielt, wie von der die trotzkistische
Legende berichtet. Er selbst berichtet in „Mein Leben" in einem besonderen
Kapitel „Meinungsverschiedenheiten über Kriegsstrategie" (Seite 434 usf.)
über die Differenzen, die er während des Bürgerkrieges mit dem Zentralkomitee
der Partei, also auch mit Lenin hatte. In der vorher zitierten Rede vor den
Gewerkschaftlern beschäftigt sich Stalin auch mit Trotzkis Rolle im
Bürgerkrieg. Zu diesem Thema sagt er:
„Auch die sehr verbreitete Version, Genosse Trotzki sei der ,einzige' oder der
,Hauptorganisator' der Siege auf den Fronten des Bürgerkrieges gewesen, gehört
zu diesen Legenden. Im Interesse der Wahrheit erkläre ich, daß diese Version
durchaus nicht der Wahrheit entspricht. Einige Beispiele: Es ist bekannt, daß
Koltschak und Denikin als die Hauptfeinde der Sowjetrepublik galten und daß
unser Land erst nach der Niederlage dieser Feinde aufatmen konnte. Und jetzt
berichtet die Geschichte, daß unsere Truppen diese beiden Feinde, sowohl
Koltschak wie Denikin, dem Plan des Genossen Trotzki entgegen, niedergeworfen
haben.
1. Angriff im Sommer 1919 gegen Koltschak. Unsere Truppen greifen Koltschak an
und operieren vor Ufa. Sitzung des Zentralkomitees. Genosse Trotzki schlägt
vor, den Angriff an der Linie des Flusses Bjalaja (vor Ufa) aufzuhalten, den
Ural Koltschak zu überlassen, einen Teil unserer Truppen von der Ostfront
wegzukommandieren und sie auf die Südfront zu werfen. Heiße Debatten finden
statt. Das Zentralkomitee lehnt diesen Trotzki-Plan ab und erklärt, daß man
Koltschak unmöglich den Ural mit seinen Werken, seinem Eisenbahnnetz überlassen
kann, da er sich dort organisieren, Großbauern um sich sammeln würde, um wieder
an die Wolga vorzustoßen; man müsse vor allem Koltschak über den Kamm des Ural
in die sibirischen Steppen treiben und erst dann die Überführung der Truppen
nach der Südfront in Erwägung ziehen. Das Zentralkomitee bleibt fest. Genosse
Trotzki gibt seine Demission, das Zentralkomitee lehnt diese ab. Der
Oberkommandant Vazetis, der für den Plan des Genossen Trotzki ist, tritt
zurück. Genosse Kamenew (General S. Kamenew. D.V.) tritt an seine Stelle. Von
diesem Augenblick an nimmt Genosse Trotzki an den Handlungen an der Ostfront
nicht mehr direkt teil.
2. Die Kämpfe mit Denikin im Herbst 1919. Der Angriff gegen Denikin scheitert.
Denikin nimmt Kurek, stößt dann auf Orel vor. Genosse Trotzki wird von der
Südfront zur Sitzung des Zentralkomitees gerufen; das Zentralkomitee erklärt,
die Lage sei beunruhigend, beschließt, Trotzki abzuberufen und an die Südfront
neue Militärfunktionäre zu senden. Diese verlangen, Genosse Trotzki solle von
jeder Aktivität an der Südfront ferngehalten werden, worauf Genosse Trotzki
zurücktritt. Die Operationen an der Südfront bis zur Einnahme von Rostow am Don
und Odessa erfolgen durch unsere Truppen, ohne Beteiligung des Genossen
Trotzki."
In „Mein Leben" (Seite 435) bestätigt Trotzki im Wesentlichen die
Darstellungen Stalins über die Differenzen um den Kampf gegen Koltschak. Er
schreibt dort:
„Das Zentralkomitee nahm einen Beschluß gegen das Oberkommando und damit auch
gegen mich an, da ich Vazetis unterstützte, geleitet von der Erwägung, daß die
strategische Gleichung mehrere Unbekannte enthalte, unter denen die noch zu
junge Autorität des Oberbefehlshabers eine wichtige Größe bilde. Der Beschluß
des Zentralkomitees erwies sich als richtig. Die Ostfront machte einen Teil der
Kräfte für die Südfront frei und rückte gleichzeitig siegreich nach Sibirien
vor, Koltschak auf den Fersen folgend. Dieser Konflikt führte zum Wechsel des
Kommandos. Vazetis wurde abgesetzt, seinen Platz nahm Kamenew ein." Das
Wesentliche, was sich sowohl aus der Darstellung Stalins, wie auch aus Trotzkis
Schilderung in dem ganzen Kapitel die „Meinungsverschiedenheiten über
Kriegsstrategie" ergibt, ist die Tatsache, daß Trotzki auch im Bürgerkrieg
nur die Direktiven des Zentralkomitees ausführte. Gab es Differenzen — und es
gab solche auch in jener Zeit genug — so entschied nicht Trotzki, sondern das
Zentralkomitee. Trotzki war nur das ausführende Organ der auch im Bürgerkrieg
führenden Bolschewistischen Partei. Hätte er damals gegen diese zu handeln
versucht, so wäre der Bürgerkrieg auch ohne die Mitwirkung Trotzkis siegreich
beendet worden.
Trotzki war nur sehr kurze Zeit in der Bolschewistischen Partei.
Obwohl von der Oktoberrevolution bis zum Tode Lenins — Januar 1924 — alle
Kräfte stark auf die Niederwerfung der konterrevolutionären Gefahren
konzentriert waren, ist Lenin in dieser kurzen Zeitspanne mehrmals sehr heftig
mit Trotzki zusammengestoßen. Auch bei der Darstellung dieses Zeitabschnittes
ist Trotzki seiner Methode der Geschichtsschreibung treu geblieben. So weit er
Differenzen erwähnt, stellt er sie als verhältnismäßig harmlos hin. Im
allgemeinen sei Lenin immer mit ihm und seinem Tun einverstanden gewesen, und
wo Meinungsverschiedenheiten waren, hat sich in vielen Fällen — wie z.B. in der
Stellungnahme zum polnischen Krieg und zur NEP — nachträglich herausgestellt,
daß nicht Lenin, sondern Trotzki recht hatte. Der Eindruck, der nach Trotzkis
Geschichtsschreibung über diese Zeit entstehen kann, ist ungefähr: Waren Lenin
und Trotzki einer Meinung, so hatte Lenin recht, waren sie verschiedener
Meinung, dann hatte Trotzki recht. Die Legende von der überragenden Führerrolle
Trotzkis wird auch in seinem Bericht über diese Periode fortgesponnen.
Der erste Zusammenstoß zwischen Lenin und Trotzki erfolgte unmittelbar nach der
Oktoberrevolution — Anfang 1918 — bei der Entscheidung über den Brest-Litowsker
Frieden. In dieser Frage wurde über das Schicksal der eben erst siegreichen
proletarischen Revolution entschieden. Die linken Sozialrevolutionäre, die
damals noch neben den Bolschewiki marschierten und ein ultralinker Flügel der
Bolschewiki, zu dem Bucharin und Radek gehörten, verlangten die Ablehnung der
demütigenden Friedensvorschläge der deutschen Militaristen und die
Organisierung des revolutionären Krieges gegen das eroberungslüsterne
Deutschland. Trotzki vertrat auch in dieser Frage eine Sonderstellung. Er
sympathisierte mit dem revolutionären Krieg der Ultralinken und schlug vor, den
revolutionären Krieg zwar nicht offen zu erklären, aber das Brest-Litowsker
Friedensdiktat nicht zu unterschreiben. Weder Krieg noch Frieden war seine
Parole. Dies bezeichnete er als die beste Losung, weil er glaubte, daß die Deutschen
nicht mehr marschieren können. Darum sei — so argumentierte er — die
Nichtunterzeichnung des Friedensdiktats einerseits gefahrlos für die russische
Revolution, andererseits aber beweise sie den Proletariern in den anderen
Ländern, daß das proletarische Rußland in erbitterter Feindschaft dem deutschen
Imperialismus gegenüberstehe.
Lenin trat den Auffassungen Trotzkis und der Ultralinken ganz entschieden
entgegen. Nicht etwa, weil er prinzipiell gegen einen revolutionären Krieg war,
sondern weil er in der gegebenen Situation nach dem Erlebnis und den Opfern des
Krieges das russische Volk für unfähig hielt, einen revolutionären Krieg zu
führen. Es fehlten alle materiellen Voraussetzungen für den erfolgreichen
Widerstand gegen den noch ungeschlagenen deutschen Militarismus. Ohne diese
materiellen Voraussetzungen war die Parole des revolutionären Krieges — nach
Lenin — nichts als eine hohle, aber gefährliche Phrase.
Trotzki, die Ultralinken und die Sozialrevolutionäre, die brüske Ablehnung des
Brester Friedensdiktates empfahlen, gingen — so argumentierte Lenin — von einer
vollkommen falschen, illusionären Einschätzung der militärischen Lage aus. Die
deutschen Generale könnten noch marschieren — und sie würden marschieren. Ihnen
wäre die Ablehnung des Brester Friedensdiktates die willkommene Gelegenheit,
Petrograd und Moskau zu besetzen und erfolgreich die imperialistische,
konterrevolutionäre Intervention durchzuführen, die der proletarischen
Revolution das Genick brechen sollte. Lenin vertrat darum den Standpunkt, daß
Rußland unter den gegebenen Umständen auch den schlechtesten Frieden mit
Deutschland unterzeichnen müsse, um den Sieg der proletarischen Revolution zu
erhalten, um eine Atempause zu gewinnen, in der das Kräfteverhältnis geändert
werden könne. Lenin hat dabei nie damit gerechnet, daß der Brest-Litowsker
Vertrag ein unabänderliches, endgültiges Ergebnis schaffe. Seine reale
Einschätzung der internationalen Situation und der Lage in Deutschland gab ihm
die Überzeugung, daß die Mittelmächte früher oder später zusammenbrechen müßten
und daß mit diesem Zusammenbruch auch der schlechte Brest-Litowsker Friede
ausgelöscht würde. Die Entwicklung hat Lenin hundertprozentig recht gegeben.
Hatte er jedoch vor Brest-Litowsk den Ultralinken und Trotzki nicht so heftigen
Widerstand geleistet, hätte er seine richtige Auffassung nicht allmählich gegen
alle Widerstände durchgesetzt, dann wäre noch vor dem Zusammenbruch des
deutschen Militarismus von diesem die siegreiche proletarische Revolution in
Rußland niedergeschlagen worden und die Sowjetunion, der erste machtvoile
Arbeiterstaat, wäre nicht entstanden. In seinem Buche „Über Lenin" (Seite
88) berichtet Trotzki Über Lenins damalige Stellungnahme:
„Im Augenblick ist unsere Revolution wichtiger als alles andere; wir müssen sie
sichern, koste es, was es wolle." In der Geschichtsschreibung Trotzkis
wird natürlich auch seine Differenz mit Lenin in der Brest-Litowsker Frage als
harmlos hingestellt. Jedoch selbst aus seinen Darstellungen geht hervor, daß er
in der entscheidenden Situation Lenin offenen Widerstand leistete. In „Mein
Leben" (Seite 373) erzählt Trotzki:
„In der Sitzung des Zentralkomitees vom 17. Februar stellte Lenin zur
vorläufigen Abstimmung die Frage: ,Wenn der deutsche Angriff für uns zur
Tatsache werden wird und kein revolutionärer Aufstand in Deutschland erfolgt,
schließen wir dann Frieden?'"
Die Mehrheit des Zentralkomitees war für diese Formulierung. Aber Trotzki
handelte in der entscheidenden Stunde nach eigenem Ermessen. Er selbst
berichtet über sein Verhalten im Anschluß an das obige Zitat weiter:
„Am nächsten Morgen lehnte ich das sofortige Absenden des von Lenin
vorgeschlagenen Telegramms über unsere Bereitschaft, den Frieden zu
unterzeichnen, ab." Trotzki war zu jener Zeit Volkskommissar des Äußern,
dessen Aufgabe die Durchführung der in das Gebiet der Außenpolitik fallenden
Beschlüsse war. Das Telegramm an die Deutschen, das im Sinne des Beschlusses
des Zentralkomitees die Bereitschaft zur Unterzeichnung des Friedensvertrages
übermitteln sollte, mußte vom Volkskommissar des Äußern abgeschickt werden.
Dieser jedoch verhinderte die rechtzeitige Absendung des Telegramms. Der
entscheidende Augenblick wurde dadurch verpaßt, den eroberungslüsternen
deutschen Generalen wurde die Möglichkeit zu der von ihnen gewollten Aktion
gegeben. Die Deutschen marschierten, und sie konnten noch sehr gut marschieren.
Sie besetzten u.a. auch die Ukraine und Finnland, von denen das Letztere
dadurch endgültig aus dem Verband der Sozialistischen Sowjetrepubliken
ausschied. Trotzki erzählt dann weiter, daß er sich am Abend des gleichen
Tages, als einwandfrei feststand, wie gut die deutsche Kriegsmaschine noch
funktionierte, zur Absendung des Telegramms bereit erklärte. Jetzt aber waren
die deutschen Heere schon in Bewegung, sie marschierten unaufhaltsam vorwärts,
sie scherten sich nicht mehr um die zu spät gekommene
Unterzeichnungsbereitschaft. Die deutschen Generale diktierten nun neue,
wesentlich schlechtere Bedingungen, die die russische Delegation dann erst am
3. März unterschreiben durfte, und — wie Trotzki berichtet — ungelesen
unterschrieb. Es zeigte sich inzwischen ganz deutlich, wie sehr die materielle
Lage des proletarischen Rußland durch Trotzkis Weigerung, die von Lenin
verlangte Unterzeichnung des Friedens rechtzeitig durchzuführen, verschlechtert
wurde. Im Zusammenhang mit dem Konflikt um die Unterzeichnung des
Brest-Litowsker Friedensvertrages mußte Trotzki von seinem Posten als
Volkskommissar des Äußern zurücktreten.
In den entscheidenden Stunden, als es um das Schicksal der russischen
Revolution ging, ist Trotzki gegen Lenin aufgestanden. Die drohende Gefahr ist
nur darum beseitigt worden, weil Lenin unbeugsam die richtige Linie gegen alle
Widerstände durchsetzte. Später hat Trotzki zugeben müssen, daß im Kampf um den
Brester Frieden nicht er, sondern Lenin recht hatte. In „Mein Leben"
(Seite 379) schreibt er:
„Am 3. Oktober 1918 sagte ich auf der außerordentlichen Tagung der obersten
Organe der Sowjetmacht: ,Ich betrachte es in dieser autoritativen Sitzung als
eine Pflicht, zu erklären, daß in jener Stunde, als viele von uns, darunter
auch ich, daran zweifelten, ob es nötig, ob es zulässig sei, den
Brest-Litowsker Frieden zu unterschreiben, nur der Genosse Lenin hartnäckig und
mit unvergleichlichem Scharfsinn gegenüber vielen von uns darauf bestand, daß
wir durch dieses Joch hindurchgehen müßten .... Und jetzt müssen wir
anerkennen, daß nicht wir recht gehabt hatten.'" Lenin selbst hat die
Differenzen, die er mit Trotzki wegen des Brest-Litowsker Friedens hatte, nicht
so harmlos angesehen, wie das später von Trotzki dargestellt wurde. In einer
Rede über „Krieg und Frieden", die Lenin am 7. März 1918 auf dem VII.
Parteitag hielt (also nach der am 3. März erfolgten „unbesehenen"
Unterzeichnung des Friedensdiktats) legte er der Partei seinen Standpunkt dar.
Er sagte dabei u.a. (Ausgewählte Werke, Band VII, Seite 296 usf.):
„Wir sagten, daß es eine leichtfertige Illusion sei, zu glauben, daß man die
Armee zusammenhalten könne, die Gesundung des gesamten gesellschaftlichen Organismus
um so schneller einsetzen werde, je schneller wir die Armee demobilisieren.
Deshalb war es ein so schwerer Fehler, eine so bittere Überschätzung der
Ereignisse, die revolutionäre Phrase zu prägen: ,Der Deutsche kann nicht
angreifen', woraus sich eine zweite Phrase ergab: ,Wir können die Einstellung
des Kriegszustandes erklären. Weder Krieg noch Unterzeichnung des Friedens!'
Aber wenn der Deutsche doch angreifen wird? ,Nein, der Deutsche kann nicht
angreifen.' Und ihr habt kein Recht, die internationale Revolution aufs Spiel
zu setzen, ihr müßt euch vielmehr die konkrete Frage stellen, ob ihr euch nicht
als Helfershelfer des deutschen Imperialismus erweisen werdet, wenn dieser
Moment eintritt?" Diese Polemik richtet sich ausdrücklich gegen Trotzki, der
die phrasenhafte Parole ausgegeben hatte: „Weder Krieg noch Unterzeichnung des
Friedens!" In seinem Schlußwort zum Referat über „Krieg und Frieden",
das Lenin auf dem gleichen Parteitag am Tage danach, am 8. März, hielt, griff
er Trotzki nochmals an (Ausgewählte Werke, Band VII, Seite 313 usf.):
„... Ferner muß ich auf den Standpunkt des Genossen Trotzki eingehen. In seiner
Tätigkeit muß man zwei Seiten unterscheiden. Als er die Verhandlungen in
Brest-Litowsk aufnahm und sie ausgezeichnet zu Agitationszwecken ausnutzte,
waren wir alle mit Genossen Trotzki einverstanden. Er hat einen Teil der
Unterredung mit mir zitiert, aber ich muß hinzufügen, wir hatten ausgemacht,
daß wir uns bis zum Ultimatum der Deutschen halten, dann nachgeben. Der
Deutsche hat uns übers Ohr gehauen: von sieben Tagen hat er uns fünf gestohlen.
Die Taktik Trotzkis war, insofern sie darauf ausging, die Dinge in die Länge zu
ziehen, richtig; sie wurde unrichtig, als der Kriegszustand für beendet erklärt
und der Frieden nicht unterzeichnet wurde. Ich schlug in der bestimmtesten Form
vor, den Frieden zu unterzeichnen. Einen besseren Frieden als den von
Brest-Litowsk konnten wir nicht bekommen. Es ist allen klar, daß wir dann eine
Atempause von einem Monat gehabt, daß wir dabei nichts verloren hätten....
...Wenn Genosse Trotzki die neue Forderung aufstellt: ,Versprecht, daß ihr
keinen Frieden mit Winnitschenko unterzeichnen werdet', so sage ich, daß ich
eine solche Verpflichtung auf keinen Fall übernehme. Wenn der Parteitag diese
Verpflichtung übernähme, so würden weder ich noch irgendeiner meiner
Gesinnungsfreunde die Verantwortung dafür auf sich nehmen. Das würde bedeuten,
daß man, anstatt eine klare Linie des Manövrierens zu verfolgen, ... sich
abermals durch einen formalen Beschluß bindet. In einem Kriege darf man sich
niemals durch formale Erwägungen binden. Es ist lächerlich, daß man die
Kriegsgeschichte nicht kennt, nicht weiß, daß ein Vertrag ein Mittel ist, um
Kräfte zu sammeln...
....Genosse Trotzki sagt, daß das Verrat im vollen Sinne des Wortes wäre. Ich
behaupte, daß das ein ganz falscher Standpunkt ist. Um das konkret zu zeigen,
will ich ein Beispiel anführen. Zwei Menschen gehen ihres Weges. Sie werden von
zehn Menschen überfallen. Der eine kämpft, der andere flieht. Das ist Verrat.
Aber nehmen wir an, zwei Armeen zu je Hunderttausend stehen fünf Armeen
gegenüber. Die eine Armee ist von zweihunderttausend Mann umzingelt worden. Die
andere Armee soll ihr zu Hilfe eilen, weiß aber, daß dreihunderttausend Mann so
aufgestellt sind. daß das einer Falle gleichkommt. Kann man da zu Hilfe eilen?
Nein, das kann man nicht. Das ist kein Verrat, keine Feigheit. Die einfache
Vergrößerung der Zahl hat alle Begriffe verändert. Jeder Militär weiß das. Es
handelt sich hier nicht um die eigene Person: indem ich so handle, erhalte ich
meine Armee; mag auch die andere gefangen genommen werden, ich werde meine
erneuern, ich habe Verbündete ich werde abwarten, die Verbündeten werden mir zu
Hilfe kommen. Nur so darf man die Frage stellen. Wenn man aber die
militärischen Erwägungen mit anderen vermengt, dann kommen dabei nichts als
Phrasen heraus. So darf man nicht Politik treiben. Alles, was möglich war,
haben wir getan. Durch Unterzeichnung des Vertrages haben wir Petrograd
erhalten, wenn auch nur für einige wenige Tage..."
Trotzki hatte zu Lenins Resolution über Krieg und Frieden einige
Abänderungsanträge eingebracht: Er beantragte:
a) das Wort „notwendig" am Anfang der Resolution durch das Wort
„zulässig" zu ersetzen („der Parteitag erkennt die Unterzeichnung des
überaus schweren, erniedrigenden Friedensvertrages mit Deutschland durch die
Sowjetmacht als zulässig an!);
b) dort, wo von der Atempause bis zur Offensive der Imperialisten gegen
Sowjetrußland die Rede ist, hinzuzufügen: „unvermeidlichen und nahen"
Offensive, und weiter: „in jenen Teilen der russischen Föderation, wo diese
Offensive gegenwärtig unterbrochen ist";
c) einen neuen Punkt hinzuzufügen: „Der Parteitag erachtet die Unterzeichnung
eines Friedens mit der Kiewer Rada und mit der Regierung der finnischen
Bourgeoisie als für die Sowjetmacht unzulässig."
Lenin ergriff in der Parteitagssitzung vom 8. März schließlich noch einmal das
Wort zu Trotzkis Abänderungsanträgen (Lenin, Sämtliche Werke, Band XXII, Seite
377):
„Ich habe in meiner Rede bereits gesagt, daß weder ich noch meine Anhänger die
Annahme dieses Abänderungsantrages für möglich halten. Wir dürfen bei keinem
einzigen strategischen Manöver uns irgendwie die Hände binden...
Die Vollmacht zur Zerreißung der Verträge in jedem Augenblick müssen wir dem ZK
erteilen, aber das bedeutet keineswegs, daß wir sofort, in der jetzigen
Situation, die Verträge zerreißen .... Die Worte, deren Einfügung Genösse
Trotzki beantragt, werden die Stimmen derjenigen auf sich vereinigen, die gegen
die Ratifizierung überhaupt sind, die Stimmen für eine mittlere Linie, die
wiederum eine Situation schafft, wo kein einziger Arbeiter, kein einziger
Soldat, etwas von unserer Resolution verstehen wird...
Ich habe doch gesagt: Nein, das ist für mich nicht annehmbar. Dieser
Abänderungsantrag bedeutet eine Anspielung, drückt das aus, was Genosse Trotzki
sagen will: Anspielungen soll man nicht in Resolutionen hineinbringen ..."
Aus den Reden Lenins auf dem VII. Parteitag ist ersichtlich, daß der Gegensatz
zwischen Lenin und Trotzki in der Frage des Brest-Litowsker Friedensvertrages
sehr schroff war. Lenin mußte sich gegen den von Trotzki erhobenen Vorwurf des
Verrats zur Wehr setzen. Sein Vorstoß gegen Trotzki ist nicht minder scharf; er
wirft ihm vor, daß er mit seinem Tun die internationale Revolution aufs Spiel
gesetzt habe und Helfershelfer des deutschen Imperialismus wurde.
Eine weitere erhebliche Differenz zwischen Lenin und Trotzki gab es Ende 1920
über den Aufbau der Gewerkschaften. Über den Kampf, den Lenin in dieser Frage
gegen Trotzki führen mußte, wird in einem anderen Zusammenhang — in dem Kapitel
„Das Problem der Bürokratie" (Siehe Teil VI) — ausführlich berichtet. Es
genügt darum hier die kurze Feststellung, daß Lenin in dieser Diskussion die
ganze Art, wie Trotzki an diese Frage herangegangen ist, „politisch .... eine
einzige Taktlosigkeit" nannte.
„Die .Thesen' des Genossen Trotzki — fuhr Lenin fort — sind eine politisch
schädliche Sache. Seine Politik ist alles in allem eine Politik des
bürokratischen Herumzerrens an den Gewerkschaften.“ Trotzki selbst schreibt
über diesen Konflikt in „Mein Leben" (Seite 445):
„Zweifellos hat die sogenannte Diskussion über die Gewerkschaften unsere
Beziehungen für einige Zeit getrübt. Wir waren beide zu ausgesprochene Revolutionäre
und Politiker, um das Persönliche von dem Politischen trennen zu können oder
trennen zu wollen. Während dieser Diskussion erhielten Stalin und Sinowjew
sozusagen die legale Möglichkeit, den Kampf, den sie gegen mich hinter den
Kulissen betrieben hatten, an die Öffentlichkeit zu tragen. Sie bemühten sich
aus allen Kräften, die Konjunktur auszunützen." Trotzki erzählt dann
weiter, daß er mit Lenin wegen der NEP in Differenzen gekommen sei. Er habe
viel früher als Lenin auf die Umstellung zur NEP gedrängt, aber Lenin habe die
Richtigkeit seines Wollens nicht eingesehen. Über diese Differenzen schreibt
Trotzki in „Mein Leben" (Seite 447/448):
„Anfang 1920 trat Lenin entschieden gegen meine Vorschläge auf. Sie wurden im
Zentralkomitee mit elf Stimmen gegen vier abgelehnt. Wie der weitere Gang der
Ereignisse bewies, war der Beschluß des Zentralkomitees falsch. Ich brachte die
Frage nicht vor das Forum des Parteitages, der vollständig im Zeichen des
Kriegskommunismus verlief. Die Wirtschaft rang danach noch ein Jahr lang in
einer Sackgasse mit dem Tode. Aus dieser Sackgasse heraus erwuchsen meine
Differenzen mit Lenin." Und an anderer Stelle („Mein Leben", Seite
449):
„Am Vorabend des zehnten Parteitages gingen unsere Linien noch scharf
auseinander. In der Partei entbrannte die Diskussion...
Lenin formulierte die ersten, sehr behutsamen Thesen für den Übergang zur neuen
ökonomischen Politik. Ich schloß mich ihnen sofort an. Für mich waren sie nur
die Wiederaufnahme jener Vorschläge, die ich vor einem Jahr eingebracht
hatte."
Es gab also nach der Oktoberrevolution fast ununterbrochen Differenzen zwischen
Lenin und Trotzki. Daß Lenin in dieser Zeit nicht von den freundschaftlichsten
Gefühlen für Trotzki beseelt war — wie dieser später berichtete — beweisen eine
Reihe Tatsachen. So sind zum Beispiel während dieser Zelt (in deutscher Sprache
im Jahre 1921) die gesammelten Aufsätze Lenins und Sinowjews zur Kriegsfrage
unter dem Titel „ Gegen den Strom" herausgegeben worden. In diesem Buche
sind alle die scharfen Angriffe enthalten, die Lenin während des Krieges gegen
Trotzki erhob und die diesen als einen Feind des Leninismus charakterisieren.
Das Buch enthält außerdem ein nach der Oktoberrevolution geschriebenes Vorwort
von Lenin. Hätte dieser nach dem Oktober seine Meinung über Trotzki geändert,
dann hätte er sicher die scharfen Angriffe gegen Trotzki ausgemerzt, oder er
hätte in seinem Vorwort zum Ausdruck gebracht, daß sie durch die grundsätzliche
Wandlung Trotzkis ihren Sinn verloren hätten. Aber das hat Lenin nicht getan.
Er konnte es nicht tun. weil er auf Grund der Erfahrungen nach der
Oktoberrevolution sein Urteil über Trotzki kaum wesentlich geändert hat.
Jedenfalls ist auch die mit einem Vorwort Lenins versehene Herausgabe des
Buches „Gegen den Strom" ein Beweis gegen Trotzkis Behauptung, Lenin habe
nach der Oktoberrevolution „in Wort und Tat" seine frühere Stellung zu
Trotzki und dem Trotzkismus korrigiert.
Trotzki schildert in „Mein Leben" seine besondere Übereinstimmung mit
Lenin in einer Frage, die nach der Ermordung Kirows und den Terrorakten in der
Sowjetunion sehr aktuell wurde. Er schreibt dort, im Anschluß an die Terrorakte
der Sozialrevolutionäre, bei denen auch Lenin schwer verwundet wurde, auf Seite
457 usf.:
„Sie hatten Wolodarski ermordet, Uritzki ermordet, Lenin schwer verwundet,
zweimal ein Attentat auf meinen Zug geplant. Wir durften das nicht leicht
nehmen ... Wir konnten die Augen nicht davor verschließen, welche Gefahr der
Revolution drohte, ließen wir es zu, daß der Feind unsere gesamte Spitze
abschoß?
Unsere humanen Freunde von der Art derer, die weder heiß noch kalt sind,
erklärten uns wiederholt, sie könnten die Unvermeidlichkeit von Repressalien im
allgemeinen begreifen; aber den gefangenen Feind zu erschießen, bedeute, die
Grenzen der notwendigen Selbstverteidigung zu überschreiten. Sie forderten von
uns Großmut! ... Sie schlugen uns vor, es bei Gefängnisstrafen zu belassen. Das
schien das Einfachste zu sein. Aber die Frage der persönlichen Repressalien
erhält in einer revolutionären Epoche einen ganz besonderen Charakter, an dem
alle humanitären Gemeinplätze ohnmächtig abprallen. Der Kampf geht unmittelbar
um die Macht, ein Kampf auf Leben und Tod — darin besteht eben die Revolution.
Welche Bedeutung kann unter solchen Umständen Gefängnishaft haben für Menschen,
die hoffen, in den nächsten Wochen die Macht zu erobern und dann jene ins
Gefängnis zu setzen oder zu vernichten, die heute am Ruder stehen? Vom
Standpunkt des sozusagen absoluten Wertes der menschlichen Persönlichkeit
unterliegt die Revolution genau so der ,Verurteilung' wie der Krieg, wie
übrigens die ganze Geschichte der Menschheit...
Im Sommer 1922 nahm die Frage der Repressalien eine um so schärfere Form an,
als es sich diesmal um die Führer der Partei handelte, die seinerzeit neben uns
den revolutionären Kampf gegen den Zarismus geführt und nach der
Oktoberrevolution ihre Waffe des Terrors gegen uns umgekehrt hatten. Überläufer
aus dem Lager der Sozialrevolutionäre hatten uns eröffnet, daß die wichtigsten
terroristischen Akte nicht, wie wir anfangs zu glauben geneigt blieben, von
einzelnen organisiert worden waren, sondern von der Partei, obwohl sie sich
nicht entschließen konnte, die Verantwortung für die von ihr begangenen Morde
offiziell zu übernehmen." Alles das, was Trotzki als unumgänglich
notwendige scharfe Repressalie gegen die Führer der Sozialrevolutonäre „die
seinerzeit neben uns den revolutionären Kampf gegen den Zarismus geführt ...
hatten", vorschlug, gilt zu allen Zeiten im Kampf um die Macht gegen
diejenigen, die auf die andere Seite der Barrikade übergegangen sind, und die
immer die offizielle Verantwortung für ihre konterrevolutionären Handlungen
ablehnen werden.
Ein ganz besonderes Kapitel in allen Erzählungen Trotzkis bildet die Frage,
warum er, der überragende Führer, der in einem so engen Freundschafts- und
Kampfgemeinschaftsverhältnis zu Lenin gestanden haben will, nicht dessen
unbestrittener Nachfolger wurde. Warum hat Lenin — wenn er Trotzki so hoch
schätzte — diesen nie zu seiner Stellvertretung herangezogen? Warum hat er in
den Jahren vor seinem Tode die Position Trotzkis nicht so gestaltet, daß die
Partei diesen als seinen selbstverständlichen Nachfolger anerkannte? Lenin hat
das nicht getan, und er hatte seine guten Gründe. Trotzki gibt in „Mein Leben"
zwar zu, daß ihn Lenin nie zu seiner Stellvertretung herangezogen habe. Er
begründet das damit, daß Lenin sich aus Bequemlichkeit willigere Stellvertreter
ausgesucht habe.
Der Subjektivist stellt alles so dar, wie er es braucht. Gewiß, Lenin stützte
sich immer und viel lieber auf andere. Aber nicht — wie Trotzki „erklärt"
— aus Bequemlichkeit, sondern weil er mit Trotzki zu viel Differenzen hatte,
weil er wußte, daß Trotzki immer Schwierigkeiten machte und eben auf jeden Fall
ein „Eigner", ein überragender Führer sein wollte, der sich nicht
einordnen konnte. Die Alten Bolschewiki mit Parteitradition und Disziplin waren
nicht nur „bequemer", sondern zuverlässiger. Darum stützte sich Lenin auf
sie und nicht auf Trotzki.
In den Monaten vor Lenins Tode, während der Krankheit Lenins, habe es dann —
nach dem Bericht von Trotzki — keine Meinungsverschiedenheiten mehr zwischen
ihm und Trotzki gegeben. In dieser Zeit habe Lenin plötzlich seinen früheren
Standpunkt über Bord geworfen und habe nur daran gedacht, wie er Trotzki zu
seinem Stellvertreter und Nachfolger machen könne. Jetzt — wo er es doch am
nötigsten hatte — habe er auf die „Bequemlichkeit" keine Rücksicht mehr
genommen, jetzt wollte er sich unbedingt nur noch auf den unbequemen Trotzki
stützen. In dieser Zeit beabsichtigte Lenin — wie Trotzki erzählt — einen
„Block Trotzki-Lenin" zu bilden. Aber das „war damals nur Lenin und mir
bekannt". („Mein Leben", Seite 465). Auch nur ihm und Lenin war
bekannt, daß „die von Lenin begonnene Kampagne das unmittelbare Ziel hatte, die
günstigsten Bedingungen für meine leitende Arbeit zu schaffen, entweder neben
ihm, wenn er sich erholt haben würde, oder an seiner Stelle, wenn die Krankheit
ihn überwinden sollte." („Mein Leben", Seite 472.) Aber all diese
Pläne konnten nicht realisiert werden, denn Lenin war krank und Trotzki „war
für einige Wochen durch einen Hexenschuß an das Bett gefesselt... Weder Lenin
noch ich konnten ans Telephon gehen" („Mein Leben", Seite 466.) Die
ganze Erzählung Trotzkis über sein Verhältnis zu Lenin in der letzten Zeit ist
typisch kleinbürgerlich. Da ist keine Spur mehr von einer marxistischen
Geschichtsbetrachtung. Trotzki kann keine Belege für die Behauptungen
beibringen, die außer dem Erzähler niemandem sonst bekannt geworden sind. Das
Ganze trägt deutlich den Stempel der Unwahrhaftigkeit auf der Stirn.
Nur die allerdümmsten zufälligen kleinen Umstände haben es verhindert, daß
Lenin Stalin nicht mehr abgesetzt und Trotzki zu seinem Nachfolger ernannt hat.
Wie töricht die von Trotzki vorgebrachten Gründe sind, wird sofort klar, wenn
man sich vorstellt, daß der nach seinen eigenen Angaben sonst immer so aktive
Trotzki plötzlich in der seiner Meinung nach entscheidenden Situation wegen
eines Hexenschusses nicht zum Telephon gehen und nicht ermöglichen konnte, daß
ihm als Volkskommissar in dieser Zeit das Telephon zum Bett gelegt wurde. Lenin
wäre nicht Lenin gewesen, wenn er nicht trotz seiner Krankheit die Gelegenheit
gefunden hätte, seinen Willen auszusprechen und öffentlich bekannt zu machen.
Da er nichts dergleichen tat, da er die Gedanken und Absichten, die ihm Trotzki
andichtet und um die niemand anders sonst als dieser wußte, keinem Dritten
mitteilte, hat Lenin auch während seiner Krankheit nicht daran gedacht, Trotzki
als seinen Stellvertreter oder Nachfolger in seine Partei- und Amtsfunktionen
einzusetzen.
Was sind das überhaupt für Betrachtungen? Der Kleinbürger mag sich vorstellen,
daß der Führer der proletarischen Revolution seinen Nachfolger ernennt, daß das
Amt eines proletarischen Führers erblich ist. Der Marxist weiß, daß die Auslese
der Führer in einer revolutionären Partei nach anderen Gesichtspunkten erfolgt.
Trotzkis Erzählungen über das „Malheur", das ihn verhindert hat, Lenins
Nachfolger zu werden, decken sich mit den Vorstellungen, die sonst höchstens
Unpolitische von der Führerauswahl unter der Diktatur des Proletariats haben
mögen. Trotzki negiert bei seiner „Geschichtsbetrachtung" vollkommen die
realen Zustände, die Strömungen in den Massen, die treibenden sozialen Kräfte
in der Geschichte, er negiert vor allem die organisatorische Struktur der
leninschen Partei, in der Leitung und Führung nicht von einem Führer, sondern
nach dem leninschen Organisationsprinzip bestimmt werden. Hätte Lenin noch
lesen können, wie nach Trotzkis Erzählungen sein angeblicher Wille, Trotzki zu
seinem Nachfolger zu machen, verhindert wurde, dann hätte er sicher dasselbe
Urteil wie 1914 gefällt:
„Anderswoher als aus ,Privatgesprächen', d.h. einfach aus Klatsch, von dem
Trotzki immer lebt, konnte er nicht Beweise ... sammeln."
Nicht auf Grund einer marxistischen Analyse, nicht auf Grund Öffentlicher
Publikationen Lenins, sondern nur auf Grund angeblicher — nur ihm bekannter —
unkontrollierbarer Privatgespräche hat Trotzki das geschichtliche Bild seines
Verhältnisses zu Lenin „gestaltet".
Der alte
Gegensatz zwischen Bolschewismus und Trotzkismus ist noch vor Lenins Tode
schärfer in Erscheinung getreten. Er wurde ganz besonders akut, als nach der
siegreichen Beendigung des Bürgerkrieges die Frage des sozialistischen Aufbaus
auf die Tagesordnung gestellt werden mußte. Die Konsequenz der trotzkistischen
permanenten Revolution, die den Sieg des Sozialismus von dem Siege des
Proletariats in den anderen Ländern abhängig machte, war die Verneinung des
sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion. Dagegen war die von Lenin
begründete revolutionäre Theorie des Bolschewismus für die Ausnützung aller
Möglichkeiten in dem Lande, in dem die proletarische Revolution — wenn auch zunächst
nur allein — gesiegt hatte. Die leninistische revolutionäre Theorie forderte in
einem ganz anderen Sinne als der Trotzkismus die ununterbrochene Fortführung
der Revolution bis zum Siege des Proletariats in allen Ländern. In der Periode
nach Lenins Tode wurde die Verneinung des sozialistischen Aufbaus in der
Sowjetunion zum hervorstechendsten sachlichen Wesenskern des Trotzkismus. Darum
stieß der Bolschewismus in der Diskussion um die Theorie des Sozialismus in
einem Lande besonders heftig mit dem Trotzkismus zusammen. Aus dem alten, in
der neuen Situation in veränderter Form auftretenden prinzipiellen Gegensatz
entwickelte sich der entscheidende Konflikt Trotzkis mit der Partei. Die große
Bedeutung dieses Konfliktes zwingt darum zu einer besonderen Würdigung des
ganzen Problems, zur Klarsteilung seines sachlich-praktischen Inhaltes und zu
einer ausführlichen Darlegung der entgegengesetzten Standpunkte. Im III. Teil
dieses Buches wird das für die weitere Entwicklung der Sowjetunion und für den
Befreiungskampf der Weltarbeiterklasse entscheidend wichtige Problem
erschöpfend behandelt, so daß in diesem Abschnitt der kurze Hinweis auf die
entscheidende Bedeutung und den Ausgang des Kampfes zwischen Trotzkismus und
Bolschewismus genügt.
Im Kampf um den sozialistischen Aufbau ist Trotzki allmählich zur permanenten
Störung der Aktionseinheit übergegangen. Es hat sehr lange gedauert, bis die
Partei schärfere Maßnahmen gegen Trotzki ergriff und seine Disziplinbrüche mit
dem Ausschluß aus der Partei beantwortete. Trotzki hat gleich nach Lenins Tode
in verstärktem Maße seine führende Sonderstellung in der Partei angestrebt. Er
betrachtete sich als den berechtigten Nachfolger Lenins, und er schob es nur
den verschiedenen angeblichen Intrigen und Schicksalsfügungen zu, daß er die
„Erbfolge" nicht antreten konnte. In „Mein Leben" erzählt er darüber
sehr seltsame Geschichten. Das Schicksal wollte es, daß er ausgerechnet auch in
der entscheidenden Zeit nach Lenins Tode krank war.
„Die Ärzte verboten mir" — schreibt Trotzki in „Mein Leben", Seite
482 — „das Bett zu verlassen. So lag ich den Rest des Herbstes und des Winters.
Das heißt, daß ich während der ganzen Diskussion 1923 gegen den ,Trotzkismus'
krank lag. Man kann Krieg und Revolution voraussehen, man kann aber die Folgen
einer herbstlichen Jagd auf Enten nicht voraussehen."
Dieser Mangel hat Trotzki um die Chance gebracht, die Nachfolge Lenins
anzutreten. In der vorstehenden Darstellung aber gibt Trotzki zu, daß die
Diskussion gegen den Trotzkismus schon 1923, also noch zu Lebzeiten Lenins,
geführt wurde. Das böse Schicksal wollte es, daß Trotzki im Frühherbst 1923 bei
einer Entenjagd in einen Sumpf geriet und sich erkältete. Wäre das Malheur mit
dem Sumpf nicht gewesen, wäre die ganze Entwicklung in der Sowjetunion wahrscheinlich
anders verlaufen. Doch es kam noch schlimmer. Trotzki ging, nachdem er das Bett
verlassen konnte, zur Erholung nach dem Süden, nach Suchum. Die Nachricht von
Lenins Tode erhielt er in Tiflis, unterwegs auf der Fahrt nach Suchum. Und nun
kommt zu dem bösen Schicksal die böse „Intrige". Man „belog" Trotzki
in einem Telefongespräch über den Tag der Beisetzung Lenins, so daß er nicht
nach Moskau zurückfuhr und dadurch von der Leichenfeier „ausgeschaltet"
wurde. Aus der Darstellung Trotzkis entsteht der Eindruck, daß seine Teilnahme
an der Leichenfeier politisch von allergrößter Wichtigkeit war, und daß die
Dinge irgendwie eine andere Wendung genommen hätten, wenn er bei der
Leichenfeier zugegen gewesen wäre. In Suchum kam ihm dann die große Inspiration
für die unabwendbare Notwendigkeit seines Kampfes gegen die Partei:
„In Suchum" — schreibt Trotzki in „Mein Leben", Seite 493 — „lag ich
lange Tage auf dem Balkon mit dem Gesicht zum Meere. Trotz dem Januar brannte
die Sonne hell und heiß am Himmel ... Mit dem Einatmen der Meeresluft sog ich
mit meinem ganzen Wesen die Gewißheit ein, daß im Kampf gegen die Epigonen das
historische Recht auf meiner Seite steht..."
Die Meeresluft hat Trotzki die nötige Klarheit gebracht. Sie wurde für den
Marxisten ein untrügliches Zeichen. Nun wußte er ganz genau, daß er, und nur er
recht habe, und daß er darum den Kampf gegen die „Epigonen", das heißt
gegen die Parteibeschlüsse und damit gegen die Partei, auf alle Konsequenzen
hin führen müsse. Der Inspiration durch die Meeresluft ist er auch getreu
gefolgt; er hat den Kampf für seinen angeblich richtigen Standpunkt gegen die
Entscheidungen der Partei so geführt, daß dieser schließlich gar keine andere
Wahl blieb, als gegen ihn vorzugehen. In der Diskussion, die der Vorstoß
Trotzkis 1924 auslöste, veröffentlichte auch G. Sokolnikow — der im Prozeß
gegen Pjatakow, Radek und Genossen mit vor Gericht stand — einen Artikel. In
diesem wies er darauf hin, daß Trotzki konsequent seine permanente Revolution
vertrete und damit den Konflikt mit der Partei provoziere, Sokolnikow fuhr dann
fort:
„Warum schwieg sich das Zentralkomitee bisher über diese wesentlichen
Gegensätze aus? ... Das Zentralkomitee wollte die politische und parteiliche
Autorität des Genossen Trotzki unter allen Umständen schonen. Das
Zentralkomitee hatte die Überzeugung, daß die Aufrollung der Gegensätze, die
Restaurierung der Geschichte der früheren Kämpfe nicht allein Genossen Trotzki,
sondern auch der Partei selbst geschadet hätte. Das Zentralkomitee wollte ...
die Initiative nicht ergreifen ..."
Das Zentralkomitee wollte den Konflikt immer noch beilegen, aber Trotzki
ergriff die Initiative. Sinowjew und Kamenew waren es, die damals ihren
späteren Bundesgenossen am schärfsten angriffen. Nicht Stalin, sondern Sinowjew
und Kamenew forderten Repressalien gegen den Disziplinbrecher. Sinowjew schrieb
Ende 1924 in einem Artikel über Trotzki:
„Reinigen wir die Angriffe des Genossen Trotzki von alldem, was ihnen an
Persönlichem, Zufälligem oder Oberflächlichem anhaftet, und stellen wir uns
selbst diesen Angriffen gegenüber auf den Boden der strengsten Objektivität, so
wird der Sinn der Attacke im folgenden klar vor uns liegen: Genosse Trotzki war
in unserer Partei alle diese Jahre hindurch für dasjenige, was nicht im reinsten
Sinne des Wortes bolschewistisch war. Ihn, den Vertreter dieser
nichtbolschewistischen Abweichungen, hat der Rahmen der alten leninschen Taktik
beengt."
Sinowjew kam in diesem Artikel zu folgendem Schluß: „Genosse Trotzki kämpft in
Wirklichkeit gegen die Fundamente des Bolschewismus. Er erweist ... dem
Klassenfeinde unschätzbare Dienste" Im Januar 1925 beschäftigte sich auf
Antrag vieler Parteiorganisationen das Plenum des Zentralkomitees mit Trotzkis
Hervortreten. In dem Beschluß des Zentralkomitees wurde Trotzki ermahnt,
künftig die Parteibeschlüsse einzuhalten und durchzuführen. Trotzki hat diese
Ermahnung nicht befolgt. In einer im Februar 1925 in Leningrad gehaltenen Rede
sagte Sinowjew:
„Sämtliche Mitglieder des Zentralkomitees haben Trotzkis Brief (den Trotzki,
der nicht persönlich zur Sitzung erschien, zu seiner Rechtfertigung an das
Zentralkomitee geschickt hatte. D.V.) sehr abfällig charakterisiert. Der Inhalt
des Briefes ist: ,Ich habe Recht, ihr habt nicht Recht'. Aus einem
Nichtbolschewik ist Trotzki ein gewöhnlicher Antibolschewik geworden. Die
Maßnahmen des Zentralkomitees enthalten nur das Mindestmaß dessen, was getan
werden mußte. Das letzte Wort wird in dieser Sache der Parteikongreß noch zu
sagen haben. Wer jetzt noch kommunistische Politik zusammen mit Trotzki machen
will, der wendet sich absichtlich gegen den Leninismus."
Sinowjew und Kamenew haben später zwar Politik mit Trotzki gemacht und sich
damit selbst „absichtlich gegen den Leninismus" gewandt, aber 1925 haben
sie mit aller Schärfe den Ausschluß Trotzkis aus der Partei gefordert. Stalin
hat sich damals gegen diesen Vorstoß gewandt und Trotzki zu halten versucht. In
dem von ihm erstatteten Tätigkeitsbericht des ZK an den XIV. Parteitag sagte
Stalin (siehe „Probleme des Leninismus", Seite 412 usf.):
„Womit begannen unsere Differenzen? Sie begannen mit der Frage: ,Was mit dem
Genossen Trotzki geschehen soll?' Das war Ende 1924. Die Gruppe der Leningrader
(unter Führung Sinowjews. D.V.) schlug anfangs vor, Genossen Trotzki aus der Partei
auszuschließen ... Das Leningrader Gouvernementskomitee nahm eine Resolution
an, die den Ausschluß des Genossen Trotzki aus der Partei forderte. Wir, d.h.
die Mehrheit des ZK waren damit nicht einverstanden ... und wir haben nach
einem Kampfe die Leningrader Genossen davon überzeugt, daß sie in ihrer
Resolution den Absatz über den Ausschluß streichen müssen. Nach einiger Zeit,
als das Plenum des ZK tagte, haben die Leningrader mit Unterstützung des
Genossen Kamenew den Antrag auf sofortigen Ausschluß aus dem Politbüro
gestellt. Wir waren auch mit diesem Vorschlag der Opposition nicht
einverstanden, wir erhielten die Mehrheit im ZK und beschränkten uns darauf,
den Genossen Trotzki von seinem Posten als Volkskommissar für Kriegswesen zu
entfernen. Wir waren mit den Genossen Kamenew und Sinowjew nicht
einverstanden..."
Und bei anderer Gelegenheit hat Stalin, der sich gegen die von Sinowjew und
Kamenew geforderte Absägung Trotzkis wandte, sehr deutlich gesagt, daß die
Partei stark und kräftig genug sei, die Vorstöße des Trotzkismus
zurückzuschlagen und eine Parteispaltung zu verhindern. „Was Repressalien
betrifft, so bin ich entschieden gegen sie", sagte Stalin. „Wir brauchen
jetzt keine Repressalien, sondern einen entfalteten Ideenkampf gegen den wiedererstehenden
Trotzkismus."
Der Trotzkismus hat den Ideenkampf in der Bolschewistischen Partei
heraufbeschworen. In der von Trotzki provozierten Diskussion hat sich die
Partei so gut wie einmütig gegen ihn gestellt. Er war in allen seinen Phasen
ein Kampf der leninistischen Partei gegen den Trotzkismus. Trotzki hat ihn zu
einem Personenkampf umzudichten versucht. Erst waren Sinowjew und Kamenew die
bösen persönlichen Feinde — und später Stalin. Wie Trotzki Stalin erkannt hat,
schildert er in „Mein Leben" (Seite 496) in einer sehr kuriosen Art. Er
erzählt dort, wie Skijanski, einer seiner militärischen Mitarbeiter im
Bürgerkrieg, im Jahre 1925 bei ihm war.
„Sagen Sie mir", fragte Skijanski, „was stellt denn Stalin dar?" ...
Ich dachte nach.
„Stalin“, sagte ich, „ist die hervorragendste Mittelmäßigkeit unserer Partei.
Diese Bezeichnung erstand vor mir während unserer Unterhaltung zum erstenmal,
nicht nur in ihrer psychologischen, sondern auch in ihrer sozialen Bedeutung.
Nach dem Gesichtsausdruck Skijanskis erriet ich gleich, daß ich ihm geholfen
hatte, etwas Wichtiges zu erkennen. Das ist die Reaktion nach der großen
sozialen und psychologischen Anspannung der ersten Jahre der Revolution. Die
siegreiche Konterrevolution kann ihre großen Männer haben. Aber ihre erste Stufe,
der Thermidor, braucht Mittelmäßigkeiten, die nicht über ihre Nase hinaussehen
können. Ihre Macht ist ihre politische Blindheit, es ist wie beim Mühlenpferd,
dem es scheint, es gehe bergauf, während es in Wirklichkeit nur das sich
drehende Triebrad hinunterstößt. Ein sehendes Pferd Ist für solche Arbeit
ungeeignet." Plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, war ihm die
Erkenntnis über Stalin gekommen. Von da an begann der persönliche Kampf des
„hervorragenden Führers" gegen Stalin. Obwohl Trotzki „mit der
Meeresluft" die Gewißheit eingeatmet hatte, daß er bei seinem Kampf gegen
die Partei unbedingt „im Recht" war, mußte in diesem Kampfe zunächst
Stalin siegen. Denn unweigerlich kam die Zeit des „Thermidor".
Inzwischen setzte Trotzki seinen Kampf gegen die Partei fort. Es wurde
innerhalb der Partei eine eigene oppositionelle Organisation mit eigenen
Veranstaltungen und Mitgliedsbeiträgen zu schaffen gesucht. Die Opposition
organisierte ferner illegale Druckereien, und am 10. Jahrestag der Revolution —
am 25. Oktober 1927 — versuchte sie in Leningrad und in Moskau — allerdings
mißlungene — Gegendemonstrationen zu veranstalten. Das waren alles Dinge, die
im schroffsten Widerspruch zu dem leninistischen Organisationsprinzip standen
und die im entscheidenden Kampfe um den sozialistischen Aufbau die
Aktionseinheit störten. Den Kampf Trotzkis gegen die Partei schildert Stalin
zusammenhängend in einer Rede in der gemeinsamen Sitzung des ZK-Präsidiums und
des ZKK am 27. September 1927:
„Genosse Trotzki versteht unsere Partei nicht. Er hat keine richtige
Vorstellung von unserer Partei. Er betrachtet unsere Partei wie ein Junker den
Pöbel oder wie ein Bürokrat seine Untergebenen. Sonst wurde er nicht behaupten,
daß in einer Millionenpartei, in der KPdSU, einzelne Personen, einzelne Führer
„die Macht an sich reißen", die Macht „usurpieren" können. Die Macht
an sich reißen in einer Millionenpartei, die drei Revolutionen durchgemacht hat
und jetzt die Grundlagen des Weltimperialismus erschüttert — bis zu dieser
Dummheit hat sich Genosse Trotzki verstiegen! Kann man überhaupt in einer von
revolutionären Traditionen erfüllten Millionenpartei die Macht ,an sich
reißen'? Warum ist es dann Trotzki nicht gelungen, die Macht in der Partei ,an
sich zu reißen', zur Führung in der Partei vorzudringen? ... Ist etwa der
Genosse Trotzki dümmer ... als Bucharin oder Stalin? Hat etwa Genosse Trotzki
nicht den Willen, den Wunsch zur Führung? Ist es etwa nicht Tatsache, daß nun
schon Über zwei Jahrzehnte Genosse Trotzki gegen die Bolschewiki um die Führung
in der Partei kämpft? Ist er etwa ein weniger hervorragender Redner als die
gegenwärtigen Führer unserer Partei? Trifft es nicht vielmehr zu, daß Trotzki
als Redner höher steht als viele gegenwärtige Führer unserer Partei? Wodurch ist
es dann zu erklären, daß Genosse Trotzki trotz seiner Rednerkunst, trotz seines
Willens zur Führung, trotz seiner Fähigkeiten von der Führung der großen Partei
... fortgeschleudert wurde? Genosse Trotzki ist geneigt, dies damit zu
erklären, daß unsere Partei seiner Meinung nach eine Stimmherde ist, die
blindlings Stalin und Bucharin folgt, so können aber über unsere Partei nur
Leute sprechen, die sie verachten und als Pöbel ansehen. ...Wodurch ist es zu
erklären, daß die KP volles Mißtrauen gegenüber der Opposition äußert? Das
erklärt sich dadurch, daß die Opposition danach trachtete, den Leninismus durch
den Trotzkismus zu ergänzen, ... zu „verbessern". Die Partei will aber dem
Leninismus treu bleiben, trotz aller Schliche der heruntergekommenen Aristokraten
in der Partei. Das also ist der Grund, weshalb die Partei ... es für nötig
hielt, sich von Trotzki und von der Opposition überhaupt abzuwenden. Und die
Partei wird in gleicher Weise mit jeglichen ,Rednern' und ,Führern' verfahren,
die beabsichtigen werden, den Leninismus mit dem Trotzkismus zu übertünchen.
Indem er unsere Partei als Stimmherde hinstellt, bringt Genosse Trotzki seine
Verachtung gegenüber den Parteimassen der KPdSU zum Ausdruck. Ist es da noch
verwunderlich, wenn die Partei ihrerseits darauf mit Verachtung und mit dem
Ausdruck ihres vollen Mißtrauens gegenüber dem Genossen Trotzki antwortet?
Ebenso schlecht liegen die Dinge bei der Opposition in der Frage des Regimes in
unserer Partei. Genosse Trotzki stellt die Sache so dar, daß das gegenwärtige
Regime in der Partei, das der ganzen Opposition zuwider ist, sich irgendwie
prinzipiell von dem Regime in der Partei unterscheide, das zur Zeit Lenins
festgelegt wurde. Er will die Sache so darstellen, daß er gegen das Regime, das
von Lenin nach dem X. Parteitag festgelegt wurde, nichts einzuwenden habe, und
daß er im Grunde genommen einen Kampf gegen das gegenwärtige Regime in der
Partei führe, das seiner Meinung nach nichts mit dem Regime gemein hat, das von
Lenin festgelegt wurde. Ich erkläre, ... daß Genosse Trotzki hier die direkte
Unwahrheit sagt. Ich erkläre, daß das gegenwärtige Regime in der Partei der
genaue Ausdruck eben jenes Regimes ist, das in der Partei zur Zeit Lenins, zur
Zeit des X. und XI. Parteitages unserer Partei festgelegt wurde. Ich behaupte,
daß Genosse Trotzki einen Kampf gegen das leninsche Regime in der Partei führt,
das zur Zeit Lenins und unter Führung Lenins festgelegt wurde. Ich behaupte,
daß der Kampf der Trotzkisten gegen das leninsche Regime in der Partei bereits
zu Lebzeiten Lenins begonnen hat, daß der gegenwärtige Kampf der Trotzkisten
eine Fortsetzung jenes Kampfes ist ... Worin bestehen die Grundlagen dieses
Regimes? Darin, daß bei der Durchführung der innerpolitischen, Demokratie und
bei Zulassung einer sachlichen Kritik die Mängel und Fehler in der Partei
gleichzeitig keinerlei Fraktionswesen zugelassen und jegliches Fraktionswesen
unter Androhung des Ausschlusses aus der Partei vernichtet wird. Wann wurde
dieses Regime in der Partei eingeführt? Auf dem X. und XI. Parteitag unserer
Partei ... Wir haben ein solches Dokument wie die „Erklärung der 46", die
von solchen Trotzkisten unterschrieben ist wie Pjatakow, Preobraschenski,
Serebrjakow und andere und in der direkt davon gesprochen wird, daß das Regime,
das in der Partei nach dem X. Parteitag festgelegt wurde, sich überlebt habe
und für die Partei unerträglich geworden sei. Sie forderten die Zulassung von
fraktionellen Gruppierungen in der Partei und die Aufhebung des entsprechenden
Beschlusses des X Parteitages ... Ich behaupte, daß der gegenwärtige Kampf des
Genossen Trotzki gegen das Regime in unserer Parte: eine Fortsetzung jenes
antileninistischen Kampfes ist, von dem ich eben sprach...
Was bedeutet es denn, das Bestehen illegaler Druckereien aller und jeglicher
Gruppierungen in der Partei zuzulassend Das bedeutet, das Bestehen einiger
Zentren in der Partei zuzulassen, die ihre „Programme", ihre
„Plattform", ihre „Linien" haben. Was bleibt dann übrig von der
eisernen Disziplin in unserer Partei, die Lenin als die Grundlage der Diktatur
des Proletariats betrachtete? Ist eine solche Disziplin möglich ohne ein
einheitliches und einziges leitendes Zentrum? Versteht Genosse Trotzki, in
welchen Sumpf er gerät, wenn er das Recht der oppositionellen Gruppierungen auf
Organisierung illegaler parteifeindlicher Druckereien verteidigt?"
Obwohl Trotzki nur sehr kurze Zeit Mitglied der Bolschewistischen Partei war,
hat er in seinem Tun zum Ausdruck gebracht: „Ich bin die Partei!" Und wenn
die Partei nicht nach seinen Wünschen handelte, griff er sie und vor allem die
Repräsentanten der Partei an. Früher Lenin, später Stalin. Fielen die
Beschlüsse der Partei gegen ihn aus, nannte er diese Beschlüsse reaktionär, Und
als „echter Revolutionär" nahm er sich das selbstverständliche Recht, die
„reaktionären" Mehrheitsbeschlüsse abzulehnen und nach seiner eigenen
persönlichen Erkenntnis zu handeln (die er mit der Meeresluft eingeatmet
hatte). War in demokratischen Parteientscheidungen die Parteimitgliedschaft
ganz eindeutig gegen seine Politik, so waren die Parteimitglieder willenloses
Stimmvieh, das nach Belieben kommandiert werden konnte. In seinem Schlußwort
auf dem Plenum des ZK am 5. März 1937 erinnerte Stalin an das Kräfteverhältnis,
das bei einer Abstimmung innerhalb der Partei im Jahre 1927 festgestellt wurde:
„An und für sich waren die Trotzkisten in unserer Partei niemals eine große
Kraft. Erinnert Euch der letzten Diskussionen in unserer Partei im Jahre 1927.
Das war ein richtiges Parteireferendum. Von 854.000 Parteimitgliedern stimmten
damals 730.000 Parteimitglieder ab. Davon stimmten für die Bolschewiki, für das
Zentralkomitee der Partei, gegen die Trotzkisten 724.000 Parteimitglieder, für
die Trotzkisten 4000, das heißt ungefähr ein halbes Prozent, und 2600 haben
sich der Stimme enthalten. An der Abstimmung nicht teilgenommen haben 123.000
Parteimitglieder. Sie haben entweder deshalb nicht teilgenommen, weil sie auf
Reisen waren oder deshalb, weil sie Schicht arbeiteten. Wenn man zu den 4000,
die für die Trotzkisten gestimmt haben, alle jene hinzuzählt, die sich der
Stimme enthalten haben — in der Annahme, daß sie gleichfalls mit den
Trotzkisten sympathisierten — und wenn man zu dieser Summe nicht ein halbes
Prozent derjenigen hinzuzählt, die an der Abstimmung nicht teilgenommen haben,
wie man das richtigerweise tun müßte, sondern fünf Prozent derjenigen, die an
den Wahlen nicht teilgenommen haben, — d.h. ungefähr 6000 Parteimitglieder — so
ergeben sich ungefähr 12.000 Parteimitglieder, die so oder anders mit den
Trotzkisten sympathisiert haben. Da habt Ihr die ganze Kraft der Herren
Trotzkisten. Fügt den Umstand hinzu, daß viele davon vom Trotzkismus enttäuscht
und sich von ihm abgewandt haben, und Ihr bekommt eine Vorstellung von der
Geringfügigkeit der trotzkistischen Kräfte. Und wenn die trotzkistischen
Schädlinge trotzdem unweit unserer Partei noch irgendwo Reserven haben, so
deshalb, weil die unrichtige Politik einiger unserer Genossen in der Frage des
Ausschlusses aus der Partei und der Wiederherstellung der Ausgeschlossenen, das
seelenlose Verhalten einiger unserer Genossen gegenüber dem Schicksal der
einzelnen Parteimitglieder und der einzelnen Funktionäre künstlich eine Anzahl
Unzufriedener und Erbitterter züchtet und den Trotzkisten auf diese Weise
Reserven schafft." Die These von der Entartung der Partei hat Trotzki
schon in der ersten Zeit seiner Opposition in der Sowjetunion vertreten. Stalin
hat ihm bereits damals (in einem Referat auf dem 7. Plenum des ZKs im Dezember
1926) entgegengehalten, „die Verneinung der Möglichkeit des Aufbaus des
Sozialismus führt zur Perspektive der Entartung der Partei, die Perspektive der
Entartung der Partei aber führt ihrerseits zum Aufgeben der Macht und zur Frage
der Bildung einer neuen Partei ...", und eine neue Partei wird „den Weg für
den sich restaurierenden Kapitalismus frei machen."
Trotzki ist folgerichtig diesen Weg gegangen. Von der Opposition innerhalb der
Partei, zur Bekämpfung der „entarteten" Partei, von dort zur Gründung
einer neuen Partei, die im Lande der Diktatur des Proletariats zwangsläufig
eine konterrevolutionäre werden mußte. Der Weg, den der Trotzkismus nach
Trotzkis offener Kriegserklärung gegen die leninistische Partei ging, wird
ausführlich in all seinen Etappen im VI. Teil dieses Buches dargelegt. Als
schon einmal in der Geschichte Ultralinke die Absicht hatten, in der
Sowjetunion eine neue Partei, eine IV. Internationale zu gründen, schrieb
Trotzki (damals noch in der Führung der Bolschewistischen Partei) in einer 1921
erschienenen Schrift „Die neue Etappe" (Seite 80):
„Wenn aber diese sektiererische Spaltung eintreten sollte, werden wir in der
nächsten Zeit nicht nur zur rechten Hand eine Internationale 2 ½ haben, sondern
auch von links eine Internationale Nr. 4, wo Subjektivismus, Hysterie,
Abenteuerlust und revolutionäre Phrase in vollendeter Gestalt vertreten sein
werden.“
Trotzki selbst hat dann diese IV. Internationale begründet, und sie hat in der
Tat alle Eigenschaften, die er ihr vorausgesagt hat. Diese Eigenschaften,
Subjektivismus, Hysterie und Abenteuerlust, haben Trotzkis IV. Internationale
zum offenen Feind der Sowjetunion, zum Feind der geschlossenen Aktion der
Weltarbeiterklasse und zum Helfershelfer der Konterrevolution und des
Faschismus gemacht.
Der Kampf um die Theorie des Sozialismus in einem Lande hat zum
endgültigen Bruch Trotzkis mit der Bolschewistischen Partei geführt. Der
entscheidende Konflikt erwuchs aus den seit dem Jahre 1903 ununterbrochen fortwirkenden
theoretischen, organisatorischen und politischen Gegensätzen zwischen Lenin und
Trotzki, insbesondere aus dem alten Streit zwischen Leninismus und Trotzkismus
über Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Die theoretischen und
politischen Prinzipien Trotzkis standen in unlösbarem Widerspruch zum
Leninismus. Sie mußten — wenn sie von Trotzki nach dem Siege der proletarischen
Revolution konsequent weiter vertreten wurden — unvermeidlich zu den schärfsten
Zusammenstößen mit der Bolschewistischen Partei führen. Nachdem im harten
Bürgerkrieg die alten Gewalten vernichtend geschlagen waren, wurde Lenins
Theorie von der ununterbrochenen Fortführung der siegreichen Revolution in
einem Lande bis zum Siege des sozialistischen Aufbaus aus einem abstrakten
theoretischen Problem zu der aktuellen, realen Tagesaufgabe. Jetzt mußte
entschieden werden: wird die eroberte politische Macht planmäßig und mächtig
eingesetzt, um die Fundamente der Klassengesellschaft restlos zu zerschlagen
und eine neue sozialistische Ordnung aufzubauen, oder muß die Erfüllung dieser
schwierigen Aufgabe bis zum Siege der Weltrevolution zurückgestellt werden.
Soll die Sowjetunion in der Hoffnung auf den baldigen Sieg der Weltrevolution
untätig warten, bis die proletarische Revolution in den anderen Ländern gesiegt
hat, oder soll sie nicht vielmehr versuchen, durch den Sieg des sozialistischen
Aufbaus in ihrem Lande günstigere Voraussetzungen für die proletarische
Revolution in den anderen Ländern und für den endgültigen Sieg des Sozialismus
zu schaffen?
Da es bei dieser Entscheidung um die praktische Durchführung einer Aufgabe
ging, von deren Lösung das Schicksal der Sowjetunion abhing, hatten die
Auseinandersetzungen um den einzuschlagenden Weg zwangsläufig eine viel größere
Bedeutung als die früher nur theoretischen Diskussionen. Die logische Folge
davon war, daß gegen die Opposition, die in der viel schwierigeren Situation
die Aktionseinheit der herrschenden Partei zu stören versuchte, zu schärferen
Maßnahmen gegriffen werden mußte.
Im Kampf um den sozialistischen Aufbau im Lande der siegreichen proletarischen
Revolution wurde das Schicksal der Sowjetunion und darüber hinaus die weitere
Entwicklung des Sozialismus in der ganzen Welt entschieden. Die Entscheidung
fiel nicht durch das Diktat eines Mannes, sie wurde nach einem gründlichen
demokratischen Meinungsaustausch durch eindeutige Beschlüsse der überwiegenden
Mehrheit der Bolschewistischen Partei herbeigeführt. Ausgelöst wurde der
innerparteiliche Kampf durch das Auftreten Trotzkis. Dieser vertrat in der
Situation, in der die Fortführung der russischen Revolution zum Sozialismus die
aktuellste Tagesaufgabe geworden war, mit besonderer Energie seinen alten
theoretischen Standpunkt von der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Lande.
Über seine These wurde in der russischen Arbeiterbewegung wahrlich nicht nur
kurze Zeit, sondern viele Jahre sehr ausführlich diskutiert. Den Höhepunkt
erreichte diese Diskussion in den Jahren 1924 und 1925; einen gewissen Abschluß
fand sie durch den Beschluß des XIV. Parteitages (Ende 1925), in dem es u. a.
heißt:
„Der Kampf für den Sieg des sozialistischen Aufbaus ist die Tagesaufgabe der
Partei. Eine der unerläßlichsten Bedingungen zur Lösung dieser Aufgabe ist die
Bekämpfung des Unglaubens an den Aufbau des Sozialismus in unserem Lande."
Vor der Entscheidung auf dem XIV. Parteitag haben die Vernemer der Theorie des
Sozialismus in einem Lande in ausgiebiger Weise ihren Standpunkt vertreten
können. Das Für und Wider ist auf breitester Grundlage diskutiert worden. Dem
Parteitag selbst lag eine ausführliche schriftliche Plattform der Opposition
vor, die vor den Parteitagsdelegierten in einem Korreferat Sinowjews begründet
wurde. Eine Diskussion kann nur dann fruchtbar sein und zu praktischen
Ergebnissen führen, wenn sie nach einer gewissen Zeit durch Mehrheitsbeschluß
beendet wird. Demokratie heißt nicht, endlos zu diskutieren, sondern nach der
Mehrheitsentscheidung zu handeln. Demokratische Beschlüsse jedoch können nur
dann erfolgreich durchgeführt werden, wenn die Minderheit die gefaßten
Beschlüsse anerkennt und positiv an ihrer Verwirklichung mitwirkt. Trotzki aber
hat nach den ganz eindeutigen Beschlüssen des XIV. Parteitages weiter seine
These von der Unmöglichkeit des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion
vertreten. Er hat die Aktionseinheit der Partei in der schwierigsten Situation
gestört, hat dadurch die Verschärfung des Konfliktes heraufbeschworen und
schließlich den Bruch erzwungen.
Angesichts der gewaltigen Aufgabe, die nach dem Mehrheitsbeschluß des XIV.
Parteitages in Angriff genommen werden sollte, war es das Recht und die Pflicht
der Bolschewistischen Partei und der Staatsmacht in der UdSSR, jeden
Störungsversuch zu verhindern. Aufbau des Sozialismus in dem rückständigen
Rußland inmitten der kapitalistischen Umwelt: das erschien 1925 noch als eine
unlösbare Aufgabe. Sollte sie trotzdem bewältigt werden, dann mußte der
geschlossene Einsatz aller Kräfte erreicht, mußten alle Hindernisse,
gleichgültig von wem und aus welchen Motiven sie errichtet wurden, beseitigt
werden. Aus der Größe der in Angriff genommenen Aufgabe ergab sich die Schärfe
der Meinungsverschiedenheiten und die Härte gegen diejenigen, die nach der
Entscheidung des Parteitages sich dem Mehrheitsbeschluß nicht fügten und die
Aktionseinheit störten. In seinem Kampf gegen die Bolschewistische Partei ist
Trotzki unterlegen. Im demokratischen Meinungsaustausch war die überwiegende
Mehrheit der Partei gegen seinen Standpunkt, und die Ergebnisse des
sozialistischen Aufbaus haben später eindeutig die Richtigkeit der Entscheidung
des XIV. Parteitages bestätigt. Formal und in der Sache war Trotzki im Unrecht
und die Bolschewistische Partei im Recht. Wie war die internationale Situation
Ende 1925, als der XIV. Parteitag der Bolschewiki den Aufbau des Sozialismus in
der Sowjetunion zur Tagesaufgabe der Partei erklärte?
Die Hoffnung des russischen Proletariats auf die unmittelbare Unterstützung
durch die Weltrevolution war nicht in Erfüllung gegangen. Die proletarische
Revolution hatte in keinem anderen Lande der Welt gesiegt. In den
kapitalistischen Ländern, und selbst in Deutschland, wo nach der militärischen
Niederlage das Kaiserreich zusammenbrach, war die revolutionäre Bewegung
zurückgeschlagen und die kapitalistischen und konterrevolutionären Kräfte
stabilisierten sich. Die mittel- und westeuropäische Arbeiterbewegung, die
schon vor 1914 zahlenmäßig stark war und die viel mächtiger erschien, als die
unter dem Zarismus illegal wirkende russische revolutionäre Bewegung, vermochte
die nach der Kriegskatastrophe vorhandene revolutionäre Situation nicht
auszunützen. Ihr fehlten Zielklarheit, Festigkeit, Geschlossenheit und der
revolutionäre Wille zum Umsturz. Der Reformismus hemmte ihre Kraftentfaltung.
Es mußte mit einer längeren Spanne Zeit bis zum Siege des Proletariats in den
anderen Ländern gerechnet werden. Wenn die siegreiche russische Revolution in
dieser Zeit nicht untätig, passiv sein und absterben wollte, mußte sie den
sozialistischen Aufbau beginnen. Der Kampf um den Sozialismus in einem Lande.
wurde durch das Ausbleiben der Weltrevolution erzwungen.
Lenin ist die unbestrittene Autorität aller Kommunisten in der
Welt. Bei allen Meinungsverschiedenheiten im kommunistischen Lager versuchen
die streitenden Parteien Lenin als Kronzeugen für die Richtigkeit ihrer
Auffassung ins Feld zu führen. Es ist darum kein Wunder, daß Trotzki immer
wieder zu beweisen versucht, daß er in all seinen Konflikten mit der
Bolschewistischen Partei allein den einzig wahren leninistischen Standpunkt
vertrete. Trotzki behauptet, daß die Theorie des Sozialismus in einem Lande
erst von Stalin nach Lenins Tode erfunden wurde, Trotzki sei in der
entscheidenden Streitfrage der einzige wahre Verfechter des Leninismus. In der
„Oktoberrevolution" (Seite 708) schrieb er:
„...Mochten wir noch einmal daran erinnern, daß in den Jahren 1904/1905 keiner
von den russischen Marxisten den Gedanken an die Möglichkeit des Aufbaus der
sozialistischen Gesellschaft in einem Lande überhaupt, und in Rußland im
besonderen, verteidigte und aufstellte. Diese Konzeption wurde zum ersten Male
in der Presse vertreten, etwa zwanzig Jahre später, im Herbst 1924."
Trotzki behauptet also, daß in der russischen Arbeiterbewegung früher niemals
von der Möglichkeit des sozialistischen Aufbaus in einem Lande gesprochen
wurde, daß dieses Problem bis zum Herbst 1924 überhaupt nicht existierte.
Dieselbe Behauptung ist auch in anderen Schriften und Reden Trotzkis des
öfteren anzutreffen. Trotzkis Absicht ist klar. Er will den Eindruck erwecken,
daß Lenin nichts mit der Theorie des Sozialismus in einem Lande zu tun gehabt,
daß dieser universelle Geist sich mit der „völlig abwegigen“ Frage überhaupt
nicht beschäftigt habe.
Diese Darstellung Trotzkis ist unwahr. Lenin war der erste russische Marxist,
der ganz klar und eindeutig die Möglichkeit des sozialistischen Aufbaus in
einem Lande bejahte, und niemand anders als Trotzki selbst hat damals gegen
Lenins Auffassung polemisiert. Das war im Jahre 1915. Am 23. August dieses
Jahres veröffentlichte Lenin im „Sozialdemokrat" — dem damals in der
Schweiz erscheinenden Zentralorgan der Bolschewiki — einen gegen Trotzki
gerichteten Artikel „Über die Losung der Vereinigten Staaten Europas".
Darin schrieb Lenin (Siehe „Gegen den Strom", Seite 126):
„Als selbständige Losung wäre jedoch die Losung: Vereinigte Staaten der Welt
kaum richtig; denn 1. verschmilzt sie mit dem Sozialismus und 2. deshalb, weil
sie eine irrtümliche Auffassung über die Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus
in einem Lande und über das Verhältnis eines solchen Landes zu den übrigen
Ländern hervorrufen würde. Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und
politischen Entwicklung ist ein unleugbares Gesetz des Kapitalismus.
Daraus folgt, daß ein Sieg des Sozialismus zuerst in wenigen oder sogar in
einem einzigen Lande möglich Ist." Lenin erklärt aus der Ungleichmäßigkeit
der ökonomischen und politischen Entwicklung der einzelnen Länder die
Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem einzelnen Lande. Als die
Aufgabe des Proletariats in dem Lande, in dem es die politische Macht erobert
hat, bezeichnet Lenin die Expropriierung der Kapitalisten und die Organisierung
der sozialistischen Produktion. Lenin vertrat also schon 1915 unzweideutig die
Theorie des Sozialismus in einem Lande, er bezeichnet es als ganz
selbstverständlich, daß die eroberte politische Macht in einem Lande für die
Organisierung der sozialistischen Produktion, für den Aufbau des Sozialismus
eingesetzt werden muß. Nur dadurch — sagte Lenin — könne die revolutionäre
Entwicklung und auch der Sieg des Sozialismus in den anderen Ländern wirksam
unterstützt werden. Stalin schlußfolgerte in den „Problemen des
Leninismus" aus dem vorstehend angeführten Zitat Lenins, daß „das Land der
proletarischen Diktatur, von kapitalistischen Ländern umgeben, demnach nicht
nur imstande ist, die inneren Widersprüche zwischen dem Proletariat und der
Bauernschaft aus eigenen Kräften aufzuheben, sondern es kann und soll auch den
Sozialismus aufbauen, eine sozialistische Wirtschaft bei sich organisieren und
eine bewaffnete Macht aufstellen..."
Stalin bezeichnet das als die Hauptthese des Leninismus über den Sieg des
Sozialismus in einem Lande. Derselbe Trotzki, der später behauptet, daß vor dem
Herbst 1924 niemand in der russischen Arbeiterbewegung die Möglichkeit des
sozialistischen Aufbaus in einem Lande diskutiert habe, polemisierte schon 1915
gegen Lenins Artikel in „Nasch Golos":
„Die einzige einigermaßen konkrete Erwägung gegen die Losung der Vereinigten
Staaten wurde im schweizerischen ,Sozialdemokrat' in folgendem Satz formuliert:
,Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein
unbedingtes Gesetz des Kapitalismus'. Daraus zog der ,Sozialdemokrat' den
Schluß, daß der Sieg des Sozialismus auch in einem einzigen Lande möglich sei
und daß es deshalb nicht notwendig sei, die Diktatur des Proletariats in jedem
einzelnen Staate von der Errichtung der Vereinigten Staaten von Europa abhängig
zu machen. Daß die kapitalistische Entwicklung der verschiedenen Länder
ungleichmäßig ist, ist unbestreitbar. Aber diese Ungleichmäßigkeit selbst ist
sehr ungleichmäßig. Das kapitalistische Niveau Englands, Österreichs,
Deutschlands oder Frankreichs ist nicht dasselbe. Aber im Vergleich zu Afrika
und Asien stellen alle diese Länder das kapitalistische ,Europa' dar, das für
die soziale Revolution reif ist. Daß kein anderes Land in seinem Kampfe auf die
anderen ,warten' soll, ist ein elementarer Gedanke, den zu wiederholen nützlich
und notwendig ist, damit nicht anstelle der Idee der parallelen internationalen
Aktion die Idee der abwartenden internationalen Untätigkeit unterschoben wird.
Ohne auf die anderen zu warten, beginnen und setzen wir den Kampf auf
nationalem Boden fort, in der vollen Überzeugung, daß unsere Initiative dem
Kampf in den anderen Ländern einen Anstoß geben wird; wenn das aber nicht
geschehen sollte, dann wäre es hoffnungslos, zu glauben — dafür zeugen sowohl
die geschichtliche Erfahrung wie theoretische Erwägungen — daß z.B. das
revolutionäre Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten oder
ein sozialistisches Deutschland Isoliert in der kapitalistischen Welt bestehen
könnte."
Diese Gegenüberstellung der Artikel Lenins und Trotzkis aus dem Jahre 1915
beweist, daß die Theorie des Sozialismus in einem Lande nicht erst nach Lenins
Tode von Stalin „erfunden" wurde. Aus dieser Gegenüberstellung wird aber
auch der sachliche Gegensatz klar, der zwischen Lenin und Trotzki in dieser
entscheidenden Frage bestand. Es gibt außerdem noch viele Äußerungen Lenins,
die Trotzkis Behauptung widerlegen. Trotzki selbst berichtet an anderer Stelle
noch viel deutlicher, wie intensiv Lenin sich 1918 für den Aufbau des
Sozialismus in der Sowjetunion einsetzte („Über Lenin", Seite 119, 120):
„In den Thesen Lenins über den Frieden, die Anfang Januar 1918 geschrieben
wurden, heißt es: ,Für den Erfolg des Sozialismus in Rußland ist eine gewisse
Zwischenfrist von mindestens einigen Monaten' erforderlich. Jetzt muten einen
diese Worte ganz unverständlich an: ist es nicht ein Schreibfehler, sind hier
nicht einige Jahre oder Jahrzehnte gemeint? Aber nein, es ist kein
Schreibfehler. Man könnte wahrscheinlich eine Reihe anderer Aussprüche Lenins
in der gleichen Art finden. Ich erinnere mich sehr gut, wie Iljitsch in der
ersten Periode auf den Sitzungen des Rats der Volkskommissare im Smolnij
ständig wiederholte, binnen einem halben Jahre würde bei uns der Sozialismus
herrschen und wir seien dann der mächtigste Staat überhaupt. Die linken
Sozialrevolutionäre, und nicht nur sie allein, hoben fragend und befremdet den
Kopf, schauten einander an, aber schwiegen. Es war dies ein System des
Eintrichterns. Lenin wollte allen beibringen, von nun an sämtliche Fragen im
Rahmen des sozialistischen Aufbaus zu behandeln, und zwar nicht in der
Perspektive des ,Endziels', sondern des heutigen und morgigen Tages. Er griff
bei dieser schroffen Umstellung zu der ihm so eigentümlichen Methode, das
Extrem zu betonen: gestern sagten wir, der Sozialismus ist das ,Endziel'; aber
heute heißt es so denken, daß die Herrschaft des Sozialismus binnen wenigen
Monaten gewährleistet wird. Das heißt also, es wäre nur eine pädagogische
Methode gewesen? Nein, nicht nur. Zu der pädagogischen Energie muß man noch
etwas hinzufügen: den mächtigen Idealismus Lenins, seine angespannte
Willenskraft, die bei dem jähen Umschwung zweier Epochen die Etappen verkürzte
und die Termine zusammenrückte. Er glaubte an das, was er sagte. Und diese
phantastische Halbjahrsfrist zur Verwirklichung des Sozialismus stellt ebenso
eine Funktion des Leninschen Geistes dar, als sein realistisches Herantreten an
jede Aufgabe des heutigen Tages. Die tiefe und unbeugsame Überzeugung an die
gewaltigen Möglichkeiten der menschlichen Entwicklung, für die man jeden
beliebigen Preis an Opfern und Leiden bezahlen könne und müsse, bildete stets
die Hauptsprungfeder in Lenins geistiger Struktur." Trotzki erklärt, warum
Lenin absichtlich eine „phantastische" kurze Zeit für den Sieg des
Sozialismus in Rußland wählte. Das Entscheidende dabei aber ist: Trotzki gibt
hier zu, daß Lenin unmittelbar nach der Oktoberrevolution — im Frühjahr 1918 -
die sofortige Inangriffnahme des sozialistischen Aufbaus propagierte, damals
schon den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion als die Tagesaufgabe der Partei
bezeichnete.
Im Sinne der Auffassungen, die Lenin unmittelbar nach der Oktoberrevolution bei
jeder Gelegenheit entschieden vertrat, wird schließlich ja auch in der ersten
leninschen Verfassung, die Mitte 1918 vom V. Rätekongreß der RSFSR beschlossen
wurde, gesagt, daß die grundlegende Aufgabe der Verfassung:
„in der Errichtung der Diktatur des städtischen und ländlichen Proletariats
sowie der Armbauernschaft in der Form einer kraftvollen allrussischen
Sowjetmacht besteht, zwecks restloser Unterdrückung der Bourgeoisie,
Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und Einführung des
Sozialismus, unter welchem es weder eine Scheidung in Klassen noch eine
Staatsgewalt geben wird. Das ist ein deutliches Bekenntnis für die
sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft in dem Lande, in dem die
proletarische Revolution eben den ersten entscheidenden Sieg errungen hat.
Später (im April 1921) hat Lenin (in „Die Vorbedingungen und die Bedeutung der
neuen Politik Sowjetrußlands") die Verfassung folgendermaßen kommentiert:
„Kein Kommunist hat, glaube ich, ferner bestritten, daß der Ausdruck
,Sozialistische Räterepublik' die Entschlossenheit der Rätemacht bedeutet, den
Übergang zum Sozialismus zu verwirklichen.“
Am 14. Mai 1918 sagte Lenin in einer Rede über die internationale Lage:
„Ich weiß, daß es spitzfindige Leute gibt, die sich für sehr klug halten und
die sich sogar Sozialisten nennen, die behaupten, daß man die Macht nicht hätte
ergreifen sollen, solange die Revolution in allen Ländern nicht ausgebrochen
ist. Sie ahnen es nicht, daß sie durch solche Reden von der Revolution abrücken
und auf die Seite der Bourgeoisie übergehen. Warten, bis die werktätigen Massen
die Revolution im internationalen Maßstabe vollbringen, heißt, daß alle in
Erwartung erstarren sollen. Das ist Unsinn." Lenins Äußerung richtet sich
ganz offensichtlich gegen Trotzkis Theorie von der Unmöglichkeit des
Sozialismus in einem Lande, gegen die These, daß der sozialistische Aufbau in
der Sowjetunion erst nach dem Siege der Weltrevolution möglich ist. Im Jahre
1919 schrieb Lenin in dem Aufsatz „Ökonomie und Politik in der Epoche der
Diktatur des Proletariats" (Lenin ausgewählte Werke, Band VIII, Seite
6/7):
„Darum bleibt, wie die Bourgeoisie aller Länder und ihre offenen und versteckten
Helfershelfer (die ,Sozialisten' der II. Internationale) auch lügen und uns
verleumden mögen, eines zweifellos: vom Standpunkt des wirtschaftlichen
Hauptproblems ist der Diktatur des Proletariats bei uns der Sieg des
Kommunismus über den Kapitalismus gesichert. Die Bourgeoisie der ganzen Welt
tobt und wütet ja gerade deshalb gegen den Bolschewismus, organisiert
militärische Invasionen, Verschwörungen u.ä. gegen die Bolschewiki, weil sie
sehr wohl versteht, daß unser Sieg beim Umbau der gesellschaftlichen Wirtschaft
unvermeidlich ist, wenn man uns nicht durch militärische Kraft erdrückt ....
uns aber auf diese Weise zu erdrücken, wird ihr nicht gelingen!" Auch in
diesem Artikel spricht Lenin wieder von dem Aufbau der sozialistischen
Wirtschaft in der noch von kapitalistischen Ländern umgebenen Sowjetunion.
Lenin hat also zu allen Zeiten die Möglichkeit des sozialistischen Aufbaus in
einem Lande bejaht. Den Sieg des Sozialismus in Rußland hielt er für möglich,
wenn durch, ein festes Bündnis der Arbeiter mit den Bauern diese für die aktive
Mitarbeit am sozialistischen Aufbau gewonnen werden und wenn das rückständige
agrarische Rußland in ein fortgeschrittenes Land mit starker Industrie
umgestaltet wird. Auf dem VIII. Rätekongreß (im Jahre 1920) sagte Lenin:
„Vor uns liegt ein auf mindestens 10 Jahre berechnetes Programm, das beweist,
wie Rußland eine wirkliche kommunistische Wirtschaftsbasis erreichen
kann." Aus dieser Formulierung wird eindeutig erkennbar, daß Lenin die
Schaffung der „kommunistischen Wirtschaftsbasis", den sozialistischen
Aufbau in der Sowjetunion nicht nur wollte, sondern auch für möglich hielt.
„Wir haben an der Kriegsfront erfolgreich gekämpft und gesiegt", fuhr
Lenin in der zitierten Rede fort, und er zog daraus die Schlußfolgerung, daß
der Sieg auch im Kampf um den sozialistischen Aufbau errungen werden kann.
Schließlich sagte Lenin in der gleichen Rede:
„Kommunismus ist: Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes. Sonst
bleibt das Land ein kleinbürgerliches Land, und es ist notwendig, daß wir
dessen bewußt werden. Wir sind schwächer als der Kapitalismus, nicht nur im
Weltmaßstabe, sondern auch innerhalb des Landes, das weiß Jedermann. Wir haben
das erkannt und wir werden es soweit bringen, daß die wirtschaftliche Basis
sich aus einer kleinbäuerlichen in eine große industrielle verwandelt. Erst
wenn das Land elektrifiziert sein wird, wenn die Industrie, die Landwirtschaft
und der Transport auf der technischen Basis der modernen Großindustrie beruhen
werden — erst dann wird unser Sieg ein endgültiger sein."
Lenins Parole, daß Kommunismus Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen
Landes sei, ist zum geflügelten Wort in der Sowjetunion geworden. In „Die
Vorbedingungen und die Bedeutung der neuen Politik Sowjetrußlands" sagte
Lenin am 21. April 1921:
„Ist die Verwirklichung eines unmittelbaren Übergangs von diesem in Rußland
vorherrschenden Zustand zum Sozialismus denkbar? Bis zu einem gewissen Grade
ja, aber nur unter einer Bedingung, die wir jetzt dank einer gewaltigen und
nunmehr abgeschlossen vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit genau kennen.
Diese Vorbedingung ist die Elektrifizierung. Wenn wir Dutzende von
Überlandzentralen erbaut haben werden (wir wissen jetzt, wie und wo wir sie
bauen können und müssen), wenn wir elektrischen Strom nach allen Dörfern
leiten, wenn wir eine genügende Menge Elektromotoren und sonstige Maschinen
beschafft haben werden, wird es keiner Übergangsstufen, keiner
Verbindungsglieder vom patriarchalischen Verhältnis zum Sozialismus mehr
bedürfen. Wir wissen aber genau, daß diese eine Vorbedingung zum mindesten 10
Jahre zur Ausführung allein der Arbeiten erster Ordnung benötigt, und daß eine
Abkürzung dieser Frist wiederum nur denkbar ist im Falle eines Sieges der
proletarischen Revolution in solchen Ländern wie England, Deutschland und
Amerika."
Hier betont Lenin wiederum, daß der Übergang zum Sozialismus in der Sowjetunion
möglich ist, auch wenn die Revolution in anderen Ländern noch nicht gesiegt
hat, deren Sieg jedoch kann den Aufbau beschleunigen, kann die Zeit der
Aufbauperiode verkürzen. Noch vor der Oktoberrevolution hat Lenin die
wirtschaftliche Aufgabe der proletarischen Diktatur folgendermaßen
charakterisiert:
„Entweder zugrunde gehen oder die fortgeschrittenen Länder einholen und sie
auch wirtschaftlich überholen ... Untergehen oder mit Volldampf vorausstreben.
So ist die Frage von der Geschichte gestellt."
Vorwärtsstreben, den Untergang vermeiden, das heißt, die Umwandlung Rußlands
aus einem rückständigen zu einem hochentwickelten Lande zu vollziehen. Gelingt
das, so ist die erste entscheidende Voraussetzung für den sozialistischen
Aufbau in der Sowjetunion geschaffen. Trotzki äußert in der 1931 geschriebenen
Broschüre „Probleme der Entwicklung der USSR" die vollkommen
entgegengesetzte Meinung. Er schreibt dort (Seite 31):
„Der Sturz der Weltbourgeoisie im revolutionären Kampf ist eine viel realere
und unmittelbarere Aufgabe, als die Weltwirtschaft ,einzuholen und zu
überholen'." Den Sturz der Weltbourgeoisie im „revolutionären Kampfe“
herbeizuführen, das ist, abstrakt gefordert, eine leere Deklamation. Das von
Lenin empfohlene wirtschaftliche Einholen und Überholen der kapitalistischen
Länder — gegen das sich Trotzki ausspricht — bewahrt dagegen die Sowjetunion
vor dem Untergang und gibt ihr die materielle Kraft, tatsächlich „realer und
unmittelbarer" für den Sturz der Weltbourgeoisie zu wirken.
Als die zweite Schwierigkeit für den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion
bezeichnete Lenin die Widersprüche zwischen Arbeitern und Bauern. Es gab
besonders auch in der Zeit des Kriegskommunismus Differenzen zwischen den
beiden Klassen, aber Lenin vertrat in jeder Situation die Auffassung, daß es
möglich sei, mit den im Innern des Landes vorhandenen Kräften auch die zweite
Schwierigkeit zu losen und eine „richtige Regelung der Beziehungen"
zwischen Arbeitern und Bauern zu erreichen. In der Broschüre „Über die
Naturalsteuer" (1921) und in den zur gleichen Zeit gehaltenen Reden zu
diesem Thema hat Lenin wiederholt zum Ausdruck gebracht, daß eine längere Zeit
der richtigen Beziehungen der russischen Arbeiterklasse zur Bauernschaft den
Sieg im Weltmaßstabe sichern werde.
Am 20. November 1922 sagte Lenin in einer Rede in der Plenarsitzung des
Moskauer Sowjets:
„Der Sozialismus ist jetzt schon nicht mehr eine Frage der fernen Zukunft oder
irgend einer Abstraktion, oder eines Heiligenbildes. Von wegen der
Heiligenbilder sind wir bei der alten, sehr schlechten Meinung geblieben. Wir
haben den Sozialismus in das Alltagsleben hineingezogen, und hier müssen wir
uns zurechtfinden. Das ist die Aufgabe unseres Tages, das ist die Aufgabe
unserer Epoche. Gestattet mir, mit dem Ausdruck der Überzeugung zu schließen,
daß, so schwer die Aufgabe auch sein mag, so neu sie auch im Vergleich zu
unseren früheren Aufgaben ist und so viele Schwierigkeiten sie uns zu bereiten
vermag — wir alle zusammen, nicht morgen, aber in einigen Jahren, diese Aufgabe
lösen werden. Um jeden Preis, so daß aus dem Rußland der NEP ein
sozialistisches Rußland wird."
Auch in dieser Rede wieder bezeichnet Lenin den Aufbau des Sozialismus als die
Tagesaufgabe der Partei, die erfolgreich gelöst werden kann, wenn alle
vorhandenen Kräfte geschlossen für ihre Erfüllung eingesetzt werden. Am 16. und
17. Januar 1923 veröffentlichte Lenin in der „Prawda" zwei Artikel „Über
unsere Revolution" (anläßlich der Aufzeichnungen N. Suchanows), in denen
er sich eindeutig für die Notwendigkeit und die Möglichkeit des sozialistischen
Aufbaus in einem Lande ausspricht. In diesem Artikel schrieb Lenin: „...So ist
ihnen beispielsweise nicht einmal der Gedanke aufgedämmert, daß Rußland, an der
Grenze stehend der zivilisierten Länder und jener, die erstmalig durch diesen
Krieg endgültig in die Zivilisation einbezogen wurden, d.h. der Länder des
Ostens, der nichteuropäischen Länder, — daß Rußland also aus diesem Grunde
gewisse Eigenarten an den Tag legen konnte und mußte, die natürlich in der
allgemeinen Entwicklungslinie liegen, seine Revolution aber von sämtlichen
bisherigen Revolutionen in den westeuropäischen Ländern unterscheiden und beim
Übergang auf die Ostländer gewisse partielle Neuerungen mit sich bringen
müssen.
Unendlich schablonenhaft ist beispielsweise das von ihnen während der
Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernte und darin
bestehende Argument, daß wir für den Sozialismus nicht reif seien, daß wir —
wie sich verschiedene „gelehrte“ Herren von ihnen ausdrücken — keine objektiven
ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus hätten. Und niemand fällt es
dabei ein, sich folgende Frage zu stellen: konnte nicht ein Volk, das eine
revolutionäre Situation vor sich sah, eine Situation, die sich im ersten
imperialistischen Krieg herangebildet hat, konnte es sich nichts unter dem
Einfluß der Ausweglosigkeit seiner Lage, in einen Kampf stürzen, der ihm zumindest
einige Chancen gab zur Eroberung von nicht ganz gewöhnlichen Bedingungen für
ein weiteres Wachstum der Zivilisation?
,Rußland hat jene Höhe der Entwicklung der Produktivkräfte nicht erreicht, bei
der der Sozialismus möglich ist.' Mit dieser These treiben alle Helden der II.
Internationale, darunter natürlich auch Suchanow, wirklich und wahrhaftig einen
Kult wie mit einem Götzenbild. Diese unbestreitbare These kauen sie auf tausend
verschiedene Arten wieder und meinen, daß sie für die Einschätzung unserer
Revolution ausschlaggebend sei.
Nun und was dann, wenn die Eigenart der Situation Rußland erstens in den
imperialistischen Weltkrieg hineingestellt hat, in den alle einigermaßen
einflußreichen westeuropäischen Länder verwickelt waren, was dann, wenn seine
Entwicklung es an die Grenze der beginnenden und schon begonnenen Revolutionen
des Ostens in solche Bedingungen gestellt hat, wo wir eben jenes Bündnis des
,Bauernkrieges' und der Arbeiterbewegung verwirklichen konnten, über das ein
solcher ,Marxist' wie Marx im Jahre 1856 im Hinblick auf Preußen als über eine
mögliche Perspektive geschrieben hat?
Was dann, wenn die völlige Ausweglosigkeit der Lage, die die Kräfte der
Arbeiter und Bauern verzehnfachte, uns die Möglichkeit eines andersgearteten
Übergangs zur Schaffung der grundlegenden Prämissen der Zivilisation eröffnet
hat, als in allen übrigen westeuropäischen Ländern? Ist dadurch die allgemeine
Entwicklungslinie der Weltgeschichte verändert worden? Sind dadurch die
grundlegenden Wechselbeziehungen der Hauptklassen in jedem Staate, der in den
allgemeinen Lauf der Weltgeschichte einbezogen wird und wurde, geändert
worden?...
...Zur Schaffung des Sozialismus bedarf es — sagen sie - der Zivilisation. Sehr
gut. Nun, warum konnten wir nicht zuerst solche Voraussetzungen der
Zivilisation bei uns schaffen, wie die Verjagung der Großgrundbesitzer und die
Verjagung der Kapitalisten Rußlands es ist, und dann erst die Bewegung zum
Sozialismus anfangen? In welchen Schmökern haben sie gelesen, daß derartige Änderungen
der üblichen historischen Reihenfolge unzulässig oder unmöglich seien? ...
Gegenwärtig unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß wir im wesentlichen den Sieg
davongetragen haben." Hatte das rückständige zaristische Rußland noch
nicht „jene Höhe der Entwicklung der Produktivkräfte ... ereicht, bei der der
Sozialismus möglich ist", so ist das durchaus kein Beweis gegen den
sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion. So wie das russische Proletariat im
Sinne der Lehre von Karl Marx die proletarische Revolution im nationalen Rahmen
vor allen anderen Ländern — in denen die Voraussetzungen dafür günstiger
schienen — erfolgreich durchgeführt hat, so kann es durch die Entfaltung der
Produktivkräfte das alte rückständige Rußland verändern und auf jene Höhe der
Entwicklung bringen, die den Sozialismus ermöglicht. Im selben Jahre (1923)
schrieb Lenin in der Broschüre „Über das Genossenschaftswesen"
(Ausgewählte Werke, Band IX, Seite 437):
„In der Tat, alle großen Produktionsmittel im Besitze des Staates, die
Staatsmacht in den Händen des Proletariats, Bündnis dieses Proletariats mit den
vielen Millionen der Klein- und Zwergbauern, Sicherung der Führerstellung
dieses Proletariat gegenüber der Bauernschaft usw. — ist das denn nicht alles,
was man braucht, um aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als
krämerisch behandelt haben, und die wir in gewisser Hinsicht jetzt unter der
NEP genau so zu behandeln berechtigt sind — ist das nicht alles, was notwendig
ist, um eine vollständige sozialistische Gesellschaft aufzubauen? Das ist noch
nicht der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu
diesem Aufbau notwendig und hinreichend ist."
Das ist Lenins konkrete Erklärung für seine Theorie des Sozialismus in einem
Lande. In der Sowjetunion ist alles vorhanden, um den Wirtschaftsruin zu
überwinden, um das Land rückständiger Kleinbauern zu einem fortschrittlichen
Industrieland zu entwickeln, um die Gegensätze zwischen Bauern und
Arbeiterschaft zu überwinden. Es sind also alle Voraussetzungen für den Aufbau
des Sozialismus im Lande gegeben.
Die Theorie des Sozialismus in einem Lande ist also entgegen der Behauptung
Trotzkis von Lenin selbst begründet worden. Sie ergibt sich konsequent aus
Lenins revolutionärer Theorie, die im Sinne der Lehre von Marx für die
Durchführung der proletarischen Revolution im nationalen Rahmen eintrat, auch
wenn die Voraussetzung für die proletarische Revolution in den anderen Ländern
noch nicht gegeben war. Die Eroberung der politischen Macht durch das
Proletariat in einem Lande, das heißt nach Marx und Lenin: Kampf um die völlige
Vernichtung der kapitalistischen Klassenherrschaft, Kampf um die Schaffung
einer neuen „gesellschaftlichen Wirtschaft", Aufbau des Sozialismus.
Trotzki kann sich in dem entscheidenden Konflikt, der zum Bruch mit der
Bolschewistischen Partei geführt hat, keinesfalls auf Lenin berufen. Selbst in
den Lenin-Zitaten, die Trotzki zum Beweise dafür anführt, daß Lenin gegen die
Theorie des Sozialismus in einem Lande gewesen sein soll, kommt überall sehr eindeutig
zum Ausdruck, daß der Erfolg der sozialistischen Revolution in der Sowjetunion
der internationalen sozialistischen Revolution einen stärkeren Anstoß geben
werde. Das Beispiel, der tatsächliche Nachweis der Überlegenheit des
sozialistischen Wirtschaftssystems über das kapitalistische, schafft nach Lenin
die bessere Möglichkeit zur Revolutionierung der Proletarier in der ganzen
Welt. Wenn dieses Beispiel wirken soll, muß der sozialistische Aufbau
durchgeführt, müssen die inneren Schwierigkeiten überwunden werden, die dem
sozialistischen Aufbau hemmend im Wege stehen.
Im Gegensatz zu Trotzki kann die Bolschewistische Partei — wie die
Stellungnahme Lenins in den verschiedenen Phasen beweist — sich bei ihrem Kampf
für den Aufbau des Sozialismus in einem Lande mit vollem Recht auf Lenin
berufen. Der Leninismus ist genau wie der Marxismus eine Methode: Auf Grund
theoretischer Erkenntnisse die gesellschaftlichen Verhältnisse, die
Wirklichkeit analysieren und in der jeweiligen Situation das tun, was zur Erreichung
des sozialistischen Zieles vorwärts führt. Die reale Analyse der Wirklichkeit
aber ergab nach der Festigung der proletarischen Herrschaft in der Sowjetunion
auf der einen und nach dem Ausbleiben der Weltrevolution auf der anderen Seite
die unbedingte Notwendigkeit, das mit der Oktoberrevolution begonnene Werk
fortzuführen bis zum endgültigen Siege des Sozialismus. So hat Lenin gehandelt,
so hat nach seinem Tode die Bolschewistische Partei das Werk ihres Begründers
fortgeführt. Und ist Stalin, wie Trotzki behauptet, der Hauptschuldige an der
Theorie des Sozialismus in einem Lande, dann gebührt ihm das historische
Verdienst, die siegreiche russische Revolution im Geiste Lenins einen großen
Schritt vorwärts geführt zu haben. Durch den sozialistischen Aufbau ist die
Sowjetunion eine gewaltige Macht geworden. Ihr Vorhandensein erleichtert den
Kampf um den endgültigen Sieg des Sozialismus.
Im steten
Gegensatz zu Lenin hat Trotzki seit 1905 konsequent seine Theorie von der
Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Lande vertreten, die er zwangsläufig aus
seiner permanenten Revolution entwickelte. Wegen der entscheidenden Bedeutung
des Kampfes um den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion, und um jedem die
Möglichkeit zur objektiven Urteilsbildung zu geben, ist es zweckmäßig, Trotzkis
Standpunkt nicht nur zusammenfassend darzustellen, sondern ihm selbst zur
Begründung seiner Position ausführlicher das Wort zu geben. Anhand von
Äußerungen Trotzkis soll gezeigt werden, wie und mit welchen Argumenten er
seine Ablehnung des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion begründet. Die
Grundlage für Trotzkis Theorie ist bereits in seiner unmittelbar nach der
Revolution 1905 erschienenen Broschüre „Unsere Revolution" enthalten. Dort
ist zu lesen:
„0hne direkte staatliche Unterstützung des europäischen Proletariats wird die
Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein, sich an der Macht zu halten und
ihre zeitweise Herrschaft in eine dauernde sozialistische Diktatur zu
verwandeln. Daran kann man auch nicht einen Augenblick zweifeln."
Dieser Auffassung ist Trotzki in allen seinen Schriften unerschütterlich treu
geblieben. Weiter vertrat Trotzki auf Grund seiner Theorie der permanenten
Revolution bekanntlich schon seit 1905 den Standpunkt, daß das Proletariat in
Rußland nach der Eroberung der politischen Macht „mit den breiten Massen des
Bauerntums, mit deren Hilfe es zur Macht gekommen ist", „feindlich
zusammenstoßen" müsse. Weil Trotzki die Gegnerschaft zwischen Arbeitern
und Bauern als eine unvermeidliche Tatsache betrachtete, kam er zu folgender
Schlußfolgerung:
„Die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen
Lande, mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung können nur im
internationalen Maßstabe gelöst werden, in der Arena der proletarischen
Weltrevolution." (Vorwort zu „1905", Seite 6.) Trotzki verneine
besonders für das rückständige Rußland die Möglichkeit des sozialistischen
Aufbaus mit den im Lande vorhandenen, menschlichen, politischen und
Ökonomischen Kräften. Die Überwindung der vorhandenen Schwierigkeiten, das
heißt der sozialistische Aufbau könne auch in dem Lande, in dem die
proletarische Revolution gesiegt hat, erst nach dem Siege der Weltrevolution
gelingen. In konsequenter Fortführung dieser Theorie schreibt Trotzki in seiner
Broschüre „Programm des Friedens", die er kurz vor dem Oktober — im Juni
1917 - neu herausgab, daß ein revolutionäres Rußland sich gegenüber einem
konservativen Europa nicht behaupten könne, daß der Sieg kein wirklicher sei
und in ganz kurzer Zeit wieder verloren gehen müsse, wenn der russischen
Revolution nicht die Revolution in den anderen Ländern unmittelbar auf dem Fuße
folge. Schon damals hat Trotzki allen, die wie Lenin an die Erhaltung der
siegreichen Oktoberrevolution gegen alle Widerstände und an den sozialistischen
Aufbau auch dann glaubten, wenn die Weltrevolution zunächst noch ausbleibt,
„nationale Beschränktheit" und „Sozialpatriotismus" vorgeworfen. Die
gleichen Vorwürfe hat er dann später gegen Stalin erhoben. Den Versuch, den
Sozialismus in einem Lande allein aufzubauen, bezeichnet Trotzki als
unmarxistisch. Der Kampf für den Sozialismus in der Sowjetunion, der ohne
unmittelbare Verbindung mit dem Kampf der Arbeiter in den anderen Ländern
geführt werde, widerspreche der marxistischen Grundidee. Weil die
Weltwirtschaft — so argumentiert Trotzki — eine Einheit ist, so bleibe die
Sowjetunion wegen der internationalen Verflechtung immer in Abhängigkeit von
den kapitalistischen Ländern. Sie könne von diesen immer wieder in neue
wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht werden. Darum müssen alle die Kräfte,
die für den Aufbau des Sozialismus in einem Lande nutzlos vertan werden, für
die Weltrevolution, für den Sieg der Revolution in allen Ländern eingesetzt
werden. Das allein schaffe die Voraussetzungen für den erfolgreichen Aufbau des
Sozialismus zugleich in allen Ländern, und damit auch in der Sowjetunion. Der
Versuch, den Sozialismus in der Sowjetunion allein aufzubauen, müsse notwendigerweise
zum Nationalsozialismus und zum Sozialpatriotismus führen, zu der Entartung der
proletarischen Diktatur, die ihren Zusammenbruch und den Sieg der
Konterrevolution vorbereitet.
Die Prophezeiung Trotzkis, daß die sozialistische Diktatur in Rußland ohne die
unverzügliche Hilfe der Weltrevolution nicht dauerhaft sein könne, hat die
Geschichte widerlegt. Seit zwei Jahrzehnten behauptet sich das revolutionäre
Rußland erfolgreich gegenüber dem konservativen Europa. Trotzki aber hält
unentwegt an seinem Standpunkt fest. Er versucht ihn immer wieder neu zu
begründen. Im Jahre 1922 z.B. schreibt Trotzki in einem Nachwort zu dem
„Programm des Friedens":
„Die im ,Programm des Friedens' sich mehrere Male wiederholende Behauptung, daß
die proletarische Revolution im nationalen Rahmen nicht siegreich zu Ende
geführt werden kann, wird manchem Leser vielleicht durch die fast fünfjährige
Erfahrung unserer Sowjetrepublik als widerlegt erscheinen. Eine derartige
Schlußfolgerung wäre aber unbegründet. Die Tatsache, daß der Arbeiterstaat sich
in einem einzelnen und überdies rückständigen Lande gegen die ganze Welt
behaupten konnte, zeugt von der kolossalen Macht des Proletariats, das in
anderen, fortgeschritteneren, zivilisierteren Ländern fähig sein wird, wahrhafte
Wunder zu vollbringen. Aber wenn wir uns politisch und militärisch als Staat
behauptet haben, so sind wir doch zur Aufrichtung einer sozialistischen
Gesellschaft noch nicht gekommen, ja nicht einmal an sie herangekommen ....
Solange in den europäischen Staaten die Bourgeoisie an der Macht sitzt, sind
wir gezwungen, im Kampf gegen die ökonomische Isolierung nach einer
Verständigung mit der kapitalistischen Welt zu suchen; gleichzeitig kann mit
Bestimmtheit gesagt werden, daß diese Verständigung uns bestens helfen kann,
die einen oder die anderen ökonomischen Wunden zu heilen, den einen oder den
anderen Schritt vorwärts zu machen, daß aber ein wirklicher Aufschwung der
sozialistischen Wirtschaft in Rußland nur nach dem Siege des Proletariats in
den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird." 1922 verneint Trotzki
kategorisch die Möglichkeit eines „wirklichen Aufschwungs der sozialistischen
Wirtschaft in Rußland" ohne vorherigen Sieg des Proletariats in den
wichtigsten europäischen Ländern. Fünfzehn Jahre später haben die Proletarier
in den wichtigsten europäischen Ländern zwar noch immer nicht die Macht
erobert, aber der gigantische Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in der
Sowjetunion ist so deutlich, daß er in der ganzen Welt anerkannt werden muß, Im
Jahre 1929, als die siegreiche Behauptung der proletarischen Revolution in der
Sowjetunion unverkennbar war, erschien in deutscher Sprache Trotzkis Buch über
„Die internationale Revolution und die Kommunistische Internationale". In
diesem Buche, in dem der Verfasser sich mit dem im Jahre 1928 vom VI.
Kominternkongreß angenommenen Programm der Kommunistischen Internationale
auseinandersetzt, wiederholt Trotzki seine alte These. Er nennt dieses Programm
das „Programm des Sozialismus in einem Lande" und die diesbezügliche
Theorie eine reaktionäre und utopische, Trotzki schreibt in diesem Buche auf
Seite 54 usf.:
„Die ungleichmäßige, sprunghafte Entwicklung des Kapitalismus bedingt zugleich
den ungleichmäßigen, sprunghaften Charakter der sozialistischen Revolution, die
überall zu verschiedenen Zeiten ausbricht. Die bis zur Höchstspannung
gestiegene gegenseitige Abhängigkeit der verschiedenen Länder bedingt die
Unmöglichkeit, den Sozialismus in einem Lande aufzubauen ....
Wir hatten seit Marx ständig wiederholt, daß der Kapitalismus unfähig ist, den
von ihm herausgeforderten neuen Geist der Technik zu bändigen. Dieser zerstört
nicht nur die reinen Rechtsgrenzen des bürgerlichen Eigentums, sondern, wie es
der Krieg von 1914 uns gezeigt hat, auch die nationalen Grenzen des
bürgerlichen Staates. Der Sozialismus soll nicht allein die vom Kapitalismus
entwickelten Produktivkräfte übernehmen, sondern diese auch sofort über die
kapitalistische Entwicklung weiter und höher hinaus- und hinaufführen. Wie soll
nun aber der Sozialismus die Produktionskräfte wieder in den Rahmen des
nationalen Staates zurückdrängen, welchen diese schon unter dem Kapitalismus
längst gesprengt hatten? Oder sollten wir etwa auf diese ungebändigten
Produktivkräfte verzichten, denen es in dem Rahmen des nationalen Staates, also
auch im Rahmen der Theorie des Sozialismus, in einem Lande zu eng ist, und uns
nur auf gezähmte, sozusagen Hausproduktionskräfte, also auf die Technik der
wirtschaftlichen Rückständigkeit beschränken? Dann müßten wir aber nicht
vorwärts gehen, sondern rückwärts. Selbst noch unter unser armseliges
gegenwärtiges technisches Niveau, welches bereits das bürgerliche Rußland mit
der Weltwirtschaft verbunden und zu dessen Beteiligung an dem imperialistischen
Kriege geführt hatte." Die Entwicklung der letzten Jahre hat auch diese
Voraussage Trotzkis widerlegt. Der Versuch, den Sozialismus in der Sowjetunion
aufzubauen, hat nicht hinter das frühere technische Niveau des bürgerlichen
Rußland zurückgeführt. Im Gegenteil, das technische Niveau der russischen
Wirtschaft ist unvergleichlich höher als unter dem Zarismus. Trotzki setzt sich
mit der Großzügigkeit eines Nichtmarxisten über eine „Kleinigkeit" hinweg:
daß die Produktivkräfte im Sozialismus ganz andere Funktionen haben als im kapitalistischen
Staat. Trotzki fährt (auf Seite 56 bis 61) fort:
„Wenn unter dem ,Sieg des Sozialismus' nur ein anderer Ausdruck der Diktatur
des Proletariats zu verstehen wäre, dann wäre das eine unbestreitbare richtige
Feststellung, die man nur hatte weniger zweideutig ausdrücken sollen. Doch die
Verfasser meinen anders. Unter dem Sieg des Sozialismus verstehen sie nicht die
Eroberung der Macht und die Verstaatlichung der Produktionsmittel, sondern den
Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in einem Lande, Wenn man diese
Auslegung annehmen würde, so würden wir keine sozialistische Wirtschaft
bekommen, die auf dem Prinzip der internationalen Arbeitsteilung bestehen
würde, sondern eine Föderation von selbständigen sozialistischen Gemeinden im
Sinne des Anarchismus seligen Angedenkens, nur daß hier die Gemeinden zur Größe
der gegenwärtigen nationalen Staaten erweitert werden....
...Wenn man aber von der neuen Theorie Stalins, Bucharins, die sich in dem
Programmentwurf überall eingenistet hat, ausgehen würde, so würde man folgendes
Bild bekommen: Vor dem völligen internationalen Sieg des Proletariats wird in
einer ganzen Reihe von Ländern bereits der sozialistische Aufbau vollständig
durchgeführt. Und erst später wird aus diesen sozialistischen Ländern die
sozialistische Weltwirtschaft aufgebaut, ungefähr so, wie die Kinder aus
fertigen Bauklötzern Häuser zu bauen pflegen.
In Wirklichkeit wird sich die sozialistische Weltwirtschaft niemals aus einer
Summe von nationalen sozialistischen Wirtschaftssystemen zusammensetzen. Sie
kann nur in ihren Grundzügen auf dem Prinzip der internationalen Arbeitsteilung
entstehen, die bereits von der vorangehenden kapitalistischen Entwicklung
geschaffen wurde. Die Grundzüge der sozialistischen Weltwirtschaft werden im
Sturm und Gewitter der proletarischen Revolution gebaut und geschaffen werden,
und nicht nach einem ,vollständigen Aufbau des Sozialismus' in einer ganzen
Reihe einzelner Länder. Die wirtschaftlichen Erfolge der ersten Länder der
proletarischen Diktatur werden nicht nach dem Grade der Annäherung derselben an
einem ,selbständigen vollständigen Sozialismus' gemessen werden, sondern nach
dem Grade der politischen Festigkeit der Diktatur selbst und der erfolgreichen
Vorbereitung der Elemente der zukünftigen sozialistischen Weltwirtschaft.
.... In seinem Bestreben, die Theorie des Sozialismus in einem Lande
aufzunehmen, macht der Entwurf doppelte, dreifache und vierfache Fehler. Er
überschätzt das Niveau der Produktionskräfte der UdSSR. Er schließt die Augen
vor dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung der verschiedenen
Industriezweige. Er übersieht die internationale Arbeitsteilung. Und er
verneint endlich den in der imperialistischen Epoche herrschenden Widerspruch
zwischen Produktionskräften und staatlichen Grenzen." Im Gegensatz zu der
Darstellung Trotzkis vertrat Marx der Standpunkt, „das Proletariat eines jeden
Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden".
(„Kommunistisches Manifest".) Mit der Bourgeoisie fertig werden heißt an
Stelle der kapitalistischen Klassenherrschaft und Wirtschaf die sozialistische
Wirtschaft zu setzen. Und wenn das Proletariat mit seiner Bourgeoisie fertig
geworden ist, wenn in den einzelnen Ländern „der Gegensatz der Klassen im
Innern der Nation fällt", fällt „die feindliche Stellung der Nationen
gegeneinander" („Kommunistisches Manifest"). Das heißt, aus einer
Summe vor; nationalen sozialistischen Staaten ergibt sich erst der
sozialistische Welt-Staatenbund und damit der endgültige Sieg des Sozialismus.
Aber es ist ganz selbstverständlich, daß das „Fertig werden mit der
Bourgeoisie" in den einzelnen Ländern untereinander verbunden ist. Auch
darum braucht nach dem Siege des sozialistischen Aufbaus In der Sowjetunion
keiner der kommenden proletarischen Staaten mehr vom Standpunkt des Sozialismus
in einen Lande auszugehen.
Trotzki kann nicht völlig bestreiten, daß der Beweis der Überlegenheit des
sozialistischen Wirtschaftssystems über das kapitalistische — der nur nach
Einführung sozialistischer Wirtschaftsmethoden praktisch geführt zu werden
vermag — die revolutionäre Entwicklung in den anderen Ländern fördern wird. Auf
Seite 64 der oben zitierten Schrift schreibt Trotzki:
„Doch die politische Gefahr der neuen Theorie besteht in der falschen
vergleichenden Wertung der beiden Hebel des internationalen Sozialismus: des
Hebels unserer wirtschaftlichen Errungenschaften und des Hebels der
internationalen proletarischen Revolution. Ohne eine siegreiche internationale
proletarische Revolution werden wir niemals den Sozialismus aufbauen können.
Das müssen die europäischen Arbeiter der ganzen Welt klar begreifen. Gewiß hat
der Hebel des wirtschaftlichen Aufbaus eine ungeheure Bedeutung. Bei einer
falschen Leitung desselben würde die Diktatur des Proletariats geschwächt
werden. Der Fall der Diktatur würde aber für die internationale Revolution
einen solchen Schlag bedeuten, von dem sie sich im Laufe einer langen Reihe von
Jahren nicht erholen würde. Allein die Entscheidung des grundsätzlichen
historischen Streites zwischen der sozialistischen und der kapitalistischen
Welt hängt von dem zweiten Hebel ab, d.h. also von der internationalen
proletarischen Revolution. Die kolossale Bedeutung der Sowjetunion liegt darin,
daß sie den Stützpunkt der Weltrevolution bildet, ganz unabhängig davon, ob sie
imstande sein wird, den Sozialismus aufzubauen oder nicht." Aus diesen
Sätzen wird die fehlerhafte trotzkistische Konzeption deutlich erkennbar.
Trotzki meint, daß es vollkommen gleichgültig sei, ob die Sowjetunion den
Sozialismus aufbaue oder nicht, sie sei auf alle Fälle der Stützpunkt der
Weltrevolution. Das ist ein Trugschluß. Die Wirklichkeit beweist, daß es
durchaus nicht gleichgültig ist, ob in der Sowjetunion der Sozialismus
aufgebaut wird oder nicht. Die Sowjetunion wird nur dann Stützpunkt der
Weltrevolution sein, wenn sie lebensfähig ist und wenn sie den Arbeitern in der
ganzen Welt überzeugend klar machen kann, daß das sozialistische
Wirtschaftssystem dem kapitalistischen überlegen ist. Lebensfähig und kräftig
aber ist die Sowjetunion nur dadurch geworden, daß sie „nicht in Erwartung
erstarrte", sondern den sozialistischen Aufbau vollzog. Der zweite Hebel,
die internationale proletarische Revolution, kann viel wirksamer in Funktion
gesetzt werden, wenn der erste Hebel, der des wirtschaftlichen Aufbaus,
überzeugend funktioniert. Trotzki jedoch glaubt nicht daran, daß der Hebel der
inneren wirtschaftlichen Anstrengungen den Hebel des internationalen Kampfes
des Proletariats in Bewegung setzen kann. Er sagt vielmehr, daß die
Voraussetzung für den wirklichen sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion der
Sieg des Proletariats in den fortgeschrittenen Ländern ist. Auf Seite 67 in
„Die Internationale Revolution und die Kommunistische Internationale"
schreibt Trotzki dann weiter:
„Damit der Arbeiter, Landarbeiter oder der arme Bauer, der im elften Jahre nach
der Revolution um sich herum nichts wie Armut, Arbeitslosigkeit, lange
Brotschlangen, Analphabetentum, verwahrloste Kinder, Trunkenheit und
Prostitution sieht, nicht die Hände sinken läßt, braucht man die harte Wahrheit
und keine aufgeputzte Lüge. Anstatt daß man ihm vorlügt, daß wir den
Sozialismus bereits zu neun Zehnteln verwirklicht haben, müßte man ihm sagen,
daß wir gegenwärtig nach unserem Wirtschaftsniveau und nach unseren Daseins-
und Kulturbedingungen noch viel näher zu einer kapitalistischen, dabei noch
rückständigen und unzivilisierten Gesellschaft stehen, als zu einer
sozialistischen Gesellschaft. Wir müssen ihnen sagen, daß wir nur dann auf den
Weg eines wirklichen sozialistischen Aufbaues gelangen werden, wenn das
Proletariat in den fortgeschrittenen Ländern die Macht ergreifen wird, und daß
wir, ohne die Hände in den Schoß zu legen, unermüdlich daran arbeiten müssen.
Und zwar müssen wir dabei mit zwei Hebeln arbeiten: sowohl mit dem kurzen Hebel
unserer inneren wirtschaftlichen Anstrengungen, wie mit dem langen Hebel des
internationalen Kampfes des Proletariats." Im Jahre 1928 sieht Trotzki
nichts als Armut, Arbeitslosigkeit, Brotschlangen, Analphabetentum,
verwahrloste Kinder usw. Das ist ihm Beweis, daß der sozialistische Aufbau nur
nach der Machtergreifung des Proletariats in den fortgeschrittenen Ländern
erreicht werden kann. Im Jahre 1937 haben die Proletarier noch in keinem Lande
der Welt die Macht erobert. In der Sowjetunion aber sind Arbeitslosigkeit,
lange Brotschlangen, verwahrloste Kinder und noch manches andere, was Trotzki
1928 als Charakteristikum für die Unmöglichkeit des sozialistischen Aufbaus in
der Sowjetunion anführt, verschwunden. Heute argumentieren nur noch die nationalsozialistischen
Lügner mit dem Hunger und der Armut in der UdSSR. Alle objektiv urteilenden
Menschen in der ganzen Welt müssen die gewaltigen Fortschritte des Aufbaus in
diesem Lande anerkennen. Hätte die Sowjetunion trotz allen vorhandenen
Schwierigkeiten nicht den ernsthaften Versuch gemacht, auch ohne den vorherigen
Sieg der Weltrevolution den Sozialismus aufzubauen, dann könnte sie heute
bereits nicht mehr als Stützpunkt, d.h. als Hebel für die internationale
Revolution wirken. In der im Jahre 1931 in Berlin erschienenen Broschüre
„Probleme der Entwicklung der UdSSR", die in ihrem Untertitel als
„Plattform-Entwurf der internationalen Linksopposition zur russischen
Frage" bezeichnet wird, nennt Trotzki die Bolschewiki, die am
sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion arbeiten, Nationalsozialisten. In
dieser Broschüre schreibt er über die „Widersprüche der Übergangsperiode"
(Seite 6):
„Das kapitalistische Rußland bildete trotz seiner Rückständigkeit bereits einen
untrennbaren Teil der Weltwirtschaft. Diese Abhängigkeit des Teiles vom Ganzen
erbte die Sowjetrepublik von der Vergangenheit zusammen mit der geographischen,
demographischen und ökonomischen Struktur des Landes. Die in den Jahren 1924
bis 1927 entstandene Theorie des selbstgenügsamen Nationalsozialismus
widerspiegelte das erste, sehr niedrige Stadium der Wiederbelebung der
Wirtschaft nach dem Kriege, als deren Weltbedürfnis noch keine Zeit gefunden
hatte, zu erwachen. Der gegenwärtige angespannte Kampf um die Erweiterung des
Sowjet-Exportes stellt eine anschauliche Widerlegung der Illusionen des
Nationalsozialismus dar. Die Zahlen des Außenhandels werden immer mehr zu
Kommandozahlen in Bezug auf Pläne und Tempo des sozialistischen Aufbaus. Indes
beginnt das Problem des Außenhandels, oder anders gesagt, das Problem der
Wechselbeziehungen zwischen Übergangs-Sowjet-Wirtschaft und Weltmarkt erst
seine entscheidende Bedeutung zu offenbaren.
Akademisch läßt sich selbstverständlich innerhalb der Grenzen der UdSSR eine
abgeschlossene und innerlich ausgeglichene sozialistische Wirtschaft
konstruieren-, jedoch der lange historische Weg zu diesem „nationalen"
Ideal würde über gigantische ökonomische Verschiebungen, soziale
Erschütterungen und Krisen führen. Allein schon die Verdoppelung des heutigen
Ernteertrages, d.h. seine Annäherung an den europäischen, würde die
Sowjet-Wirtschaft vor die grandiose Aufgabe der Realisierung eines
landwirtschaftlichen Überflusses von Aberzehnmillionen Tonnen stellen. Mit
diesem, wie mit dem nicht weniger akuten Problem der zunehmenden Bevölkerung
auf dem Lande fertig werden könnte man nur durch radikale Neueinteilung der
gigantischen Menschenmassen auf verschiedene Wirtschaftszweige, und durch
völlige Liquidierung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land. Aber diese
Aufgabe — eine der grundlegenden Aufgaben des Sozialismus — würde ihrerseits
eine Ausnützung des Weltmarktes in bisher ungeahntem Ausmaße erfordern."
1928 klagt Trotzki über die langen Brotschlangen, die ein Beweis für den
Nahrungsmittelmangel und das Mißlingen des sozialistischen Aufbaus sind. 1931
fürchtet er die Verdoppelung des Ernteertrages der Sowjetwirtschaft, die
Unmöglichkeit, den landwirtschaftlichen Überfluß von Aberzehnmillionen Tonnen
zu realisieren. Trotzki fährt in der vorgenannten Broschüre fort (S. 7):
„Letzten Endes führen somit alle Widersprüche der Entwicklung der UdSSR auf den
Widerspruch zwischen dem isolierten Arbeiterstaat und seiner kapitalistischen
Umkreisung zurück. Die Unmöglichkeit des Aufbaus einer selbstgenügsamen
sozialistischen Wirtschaft in einem Lande erzeugt die grundlegenden
Widersprüche des sozialistischen Aufbaus in jedem neuen Stadium in immer
größerem Maßstabe und immer bedeutenderer Tiefe. In diesem Sinne müßte die
Diktatur des Proletariats in der UdSSR unvermeidlich zusammenbrechen, wäre das
kapitalistische Regime in der ganzen Welt fähig, sich noch eine lange
historische Epoche zu halten. Eine solche Perspektive jedoch für unvermeidlich
oder auch nur für die Wahrscheinlichkeit halten können nur jene, die an die
Unerschütterlichkeit des Kapitalismus oder an seine Langlebigkeit glauben. Die
linke Opposition hat mit einem solchen kapitalistischen Optimismus nichts
gemein. Aber ebensowenig kann sie sich mit der Theorie des Nationalsozialismus
abfinden, die ein Ausdruck der Kapitulation vor dem kapitalistischen Optimismus
ist." Auch hier begegnen wir der immer wiederkehrenden Prophezeiung
Trozkis, daß die Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion unvermeidlich
zusammenbrechen muß, wenn das kapitalistische Regime in der anderen Welt sich
noch lange hält. Die Dauer der Lebensfähigkeit des kapitalistischen Regimes in
der übrigen Welt jedoch wird nicht unwesentlich davon abhängen, ob durch das
Gelingen des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion den Arbeitern in den
anderen Ländern Rüstzeug zur Überwindung des Kapitalismus gegeben wird.
In der im Jahre 1932 in deutscher Sprache erschienenen „Oktoberrevolution"
hat Trotzki in einem Anhang noch einmal ausführlich zusammenfassend seine
Stellung zu dem Problem „Sozialismus in einem Lande" dargelegt. Er
schreibt dort (Seite 676/706 usf.) unter anderem:
„Die Schaffung einer nationalen sozialistischen Gesellschaft, wäre ein solches
Ziel überhaupt zu verwirklichen, wurde die äußerste Herabminderung der
ökonomischen Macht des Menschen bedeuten; und gerade deshalb ist sie
undurchführbar ... In Wirklichkeit bleibt das Wachsen der heutigen
Sowjetwirtschaft ein antagonistischer Prozeß. Indem sie den Arbeiterstaat
festigen, führen die ökonomischen Erfolge keinesfalls automatisch zur Schaffung
einer harmonischen Gesellschaft. Im Gegenteil, sie bereiten auf einer höheren
Grundlage die Zuspitzung der Widersprüche des isolierten sozialistischen
Aufbaus vor. Das russische Dorf bedarf nach wie vor eines wirtschaftlichen
Gesamtplanes mit der europäischen Stadt. Die internationale Arbeitsteilung
steht über der Diktatur des Proletariats in einem Lande und schreibt ihr
gebieterisch die weiteren Wege vor ... Der heutige Stand der Wirtschaft erlaubt
es, ohne Bedenken zu sagen: Der Kapitalismus ist viel näher an die
proletarische Revolution herangegangen, als die Sowjetunion an den
Sozialismus...“ Die ökonomischen Erfolge des sozialistischen Aufbaus bestreitet
Trotzki in der im November 1932 in Berlin herausgekommenen Broschüre
„Sowjetwirtschaft in Gefahr". Dort schreibt er (Seite 22 usf.):
„Wenn das durch den ersten Fünfjahrplan beabsichtigte allgemeine
wirtschaftliche Niveau anstatt in vier Jahren in sechs oder sieben erreicht
worden wäre; wenn der Plan auch nur zu 50% verwirklicht worden wäre, so würde
das an und für sich noch keinen Anlaß zur Sorge geben. Die Gefahr liegt nicht
in der Verlangsamung des Wachstums, sondern in dem zunehmenden Mißverhältnis
der verschiedenen Gebiete der Wirtschaft. Auch wenn a priori alle Bestandteile
des Planes in volle Übereinstimmung gebracht worden wären, würde die
Herabsetzung des die durchschnittliche Zunahme ausdrückenden Koeffizienten um
50% an sich große Schwierigkeiten zur Folge haben: an Stelle von zwei Millionen
Paar Schuhe nur eine Million herzustellen, ist eines; eine Schuhfabrik nur zur
Hälfte fertig bauen, das ist ein anderes. Aber die Wirklichkeit ist bei weitem
verwickelter und widerspruchsvoller als unser angenommenes Beispiel. Die
Disproportionen stammen noch aus der Vergangenheit. Die Programme des Plans
enthalten unvermeidliche Mängel und Rechenfehler. Die Nichterfüllung des Plans
vollzieht sich unter dem Einfluß der in jedem einzelnen Falle vorliegenden
besonderen Ursachen nicht gleichmäßig. Eine durchschnittliche Zunahme der
Wirtschaft um 50% kann bedeuten, daß im Gebiet von A der Plan zu 90% erfüllt
ist, im Gebiet von B aber nur zu 10%; wenn A von B abhängig ist, so kann im
folgenden Produktionszyklus das Gebiet von A auf unter 10% herabsinken.
Nicht darin liegt folglich das Unglück, daß sich die Unausführbarkeit des
abenteuerhaften Tempos herausgestellt hat. Das Übel liegt darin, daß die
Rekordrennen der Industrialisierung die verschiedenen Elemente des Planes in
gefährliche Widersprüche zueinander gebracht haben: Das Übel liegt darin, daß
die sozialen und politischen Instrumente zur Bestimmung des Nutzeffektes des
Plans zerschlagen oder verstümmelt sind. Das Übel liegt darin, daß die keiner
Kontrolle unterworfene Bürokratie ihr Ansehen mit der Anhäufung weiterer Fehler
verbunden hat. Das Übel liegt darin, daß sich eine Krise mit einer Reihe
solcher Folgen, wie die notgedrungene Schließung von Betrieben und die
Arbeitslosigkeit, vorbereitet...
...Krisen sind bei uns nicht nur möglich, sondern unvermeidlich. Die kommende
Krise hat die Bürokratie schon vorbereitet."
Die hier erneut angekündigte Wirtschaftskrise ist ausgeblieben, ebenso die
Schließung von Betrieben und die prophezeite Arbeitslosigkeit. Die
Sowjetwirtschaft ist frei von Krisen und Arbeitslosigkeit geblieben, die
vermehrte Produktion hat nicht wie im kapitalistischen Wirtschaftssystem zur
Stillegung der Betriebe geführt, sondern zur Vermehrung des Wohlstandes für das
ganze Volk. Trotzki aber behauptet unentwegt in allen seinen Publikationen bis
in die Gegenwart, daß der sozialistische Aufbau in einem Lande nicht möglich
sei. Er hat seine Angriffe im Laufe der Zeit noch verschärft. Er behauptet, daß
die Erfolge des Aufbaus in der Sowjetunion zu immer schlimmeren Entartungen
führen, die die proletarische Diktatur untergraben und den Sieg der
Konterrevolution ermöglichen. Und da Trotzki proklamiert, daß der Sieg der
Konterrevolution nur durch den Sturz Stalins verhindert werden könne, predigt
er den Putsch gegen die in der Sowjetunion herrschende Partei Lenins.
In konsequenter Fortführung der leninistischen Theorie vertrat die
Bolschewistische Partei im Gegensatz zu Trotzki die Meinung, daß die Eroberung
der politischen Macht überhaupt nur Sinn habe, wenn sie für den Aufbau des
Sozialismus in der Sowjetunion eingesetzt werde. In dem Kampf, der um die
Durchführung der leninistischen Theorie des Sozialismus in einem Lande zwischen
Trotzki und der Bolschewistischen Partei entbrannte, war Stalin als
Repräsentant der Partei ihr Wortführer.
Was sollte die russische Revolution nach dem Ausbleiben der Weltrevolution tun?
Sollte sie auf der Stelle treten, sollte sie passiv warten, bis die Situation
für die proletarische Revolution im Westen reif geworden war? Als Konsequenz
aus der Theorie Trotzkis ergab sich das Verlangen nach abwartender Passivität,
die zum Untergang der russischen Revolution und zur Rückentwicklung der
Sowjetunion in einen kapitalistischen Staat geführt hätte. Im Sinne der
leninschen Theorie entschied sich die Bolschewistische Partei für den aktiven
Aufbau der sozialistischen Gesellschaft, durch dessen Gelingen allein der
Rückmarsch zu einem bürgerlichen Staat verhindert werden konnte. In den
Äußerungen zu den Aufzeichnungen N. Suchanows („Prawda" vom 16. und 17.
Januar 1923) setzte sich Lenin mit den Marxisten auseinander, die nicht
begreifen wollten, daß es durchaus im Sinne der Marxschen Lehre war, die
proletarische Revolution in einem Lande auch dann zu beginnen, wenn nicht
gleichzeitig in anderen Ländern die Revolution durchgeführt werden kann.
„Sie alle nennen sich Marxisten" - schrieb Lenin zu den Aufzeichnungen
Suchanows (Ausgewählte Werke, Band VI, Seite 521) — „doch fassen die den
Marxismus bis zur Unmöglichkeit pedantisch auf. Das Entscheidende am Marxismus,
nämlich seine revolutionäre Dialektik, haben sie ganz und gar nicht begriffen.
Sogar Marx direkte Hinweise darauf, daß in den Augenblicken der Revolution
maximale Elastizität erforderlich sei, haben sie absolut nicht
verstanden..." Für die Durchführung der Revolutionen gibt es kein Schema.
Die „maximale Elastizität", die in Zeiten der Revolution nötig ist,
gebietet unterschiedliche Entscheidungen und nicht immer gleichartige Maßnahmen
für die Erringung des Sieges. In „Die Grundlagen des Leninismus" schreibt
Stalin („Probleme des Leninismus", Seite 97):
„Früher hielt man den Sieg der Revolution in einem einzelnen Lande für
unmöglich, da man annahm, daß zum Siege über die Bourgeoisie ein gemeinsames
Auftreten der Proletarier aller fortgeschrittenen Länder oder jedenfalls der
Mehrzahl dieser Länder erforderlich sei. Heute entspricht dieser Standpunkt
nicht mehr der Wirklichkeit. Heute muß man von der Möglichkeit eines solchen
Sieges ausgehen, denn der ungleichmäßige und sprunghafte Charakter der
Entwicklung der verschiedenen kapitalistischen Länder unter den Verhältnissen
des Imperialismus, die unausbleiblich zu Kriegen führen, das Anwachsen der
revolutionären Bewegung in allen Ländern der Welt — all das führt nicht nur zur
Möglichkeit, sondern auch zur Notwendigkeit des Sieges des Proletariats in den
einzelnen Ländern."
In voller Übereinstimmung mit Lenin hält Stalin den Sieg der proletarischen
Revolution in einem Lande durchaus für möglich. Er wendet sich gegen die im
reformistischen Lager weit verbreitete Auffassung, daß die proletarische
Revolution auch in den fortgeschrittenen Ländern erst siegen könne, wenn die
Voraussetzung für die revolutionäre Entwicklung in allen Ländern gleichmäßig
gegeben sei. Aus der Erkenntnis aber, daß mit der Durchführung der Revolution
in dem dafür reifen Lande nicht gewartet werden kann, bis es in allen Ländern
so weit ist, ergibt sich konsequent die Notwendigkeit, in dem Lande der
siegreichen proletarischen Revolution unverzüglich mit dem Aufbau des
Sozialismus zu beginnen. Denn der Sieg des Sozialismus in einem Lande ist die
wirkungsvollste Waffe im Kampf um den endgültigen Sieg des Sozialismus in der
Welt.
Die bolschewistische Theorie des Sozialismus in einem Lande ist
von den Trotzkisten sehr oft entstellt worden. Um gegen den „Stalinismus"
polemisieren zu können, unterschob man Stalin, er wolle — losgelöst von dem
revolutionären Kampf der Arbeiter in den anderen Ländern — nur durch den sozialistischen
Aufbau in der Sowjetunion den endgültigen Sieg des Sozialismus erreichen.
Stalin dagegen unterschied immer sehr klar zwischen dem Siege des
sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion und dem endgültigen Siege des
Sozialismus. Der Sieg des Sozialismus in der Sowjetunion kann mit den im Lande
vorhandenen Kräften erreicht werden, aber dieser Sieg ist kein endgültiger,
solange noch kapitalistische Staaten existieren und die sozialistische
Sowjetunion bedrohen. Stalin wendet sich scharf gegen diejenigen, die den mit
Hilfe der proletarischen Revolution in den anderen Ländern zu erreichenden
endgültigen Sieg des Sozialismus mit dem Siege des sozialistischen Aufbaus in
der Sowjetunion verwechseln. Eine Konsequenz der klaren Unterscheidung zwischen
dem Siege des Sozialismus in der Sowjetunion und zwischen dem endgültigen Siege
des Sozialismus ist die Außenpolitik der Sowjetunion, deren Tendenzen besonders
nach dem Siege des Faschismus in Deutschland deutlicher erkennbar geworden
sind.
Den Standpunkt der Bolschewistischen Partei hat Stalin in „Zu den Fragen des
Leninismus" (siehe „Probleme des Leninismus", Seite 45) dargelegt:
„Worin besteht der Mangel dieser Formulierung? Ihr Mangel besteht darin, daß
sie zwei verschiedene Fragen in eine Frage zusammenzieht: die Frage der
Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus mit den eigenen Kräften eines einzelnen
Landes — worauf eine bejahende Antwort gegeben werden muß; und die Frage, ob
sich ein Land, in dem die Diktatur des Proletariats aufgerichtet ist, für
vollständig gesichert gegen eine Intervention und folglich für gesichert gegen
eine Restaurierung der alten Ordnung betrachten darf, ohne daß in einer Reihe
anderer Länder eine siegreiche Revolution stattfände — worauf eine verneinende
Antwort gegeben werden muß. Ich spreche schon garnicht davon, daß diese
Formulierung zu dem Gedanken führen kann, daß die Organisierung der
sozialistischen Gesellschaft mit den Kräften eines einzelnen Landes unmöglich
sei, was natürlich unrichtig ist.
Aus diesem Grunde änderte ich, verbesserte ich diese Formulierung in meiner
Broschüre „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen
Kommunisten" (Dezember 1924), indem ich diese Frage in zwei zerlegte: in
die Frage der vollständigen Garantie gegen eine Restaurierung der bürgerlichen
Ordnung und in die Frage der Möglichkeit des Aufbaus der vollständigen
sozialistischen Gesellschaft in einem einzelnen Lande. Das wurde erreicht,
erstens, indem ich ,den vollen Sieg des Sozialismus' als ,die volle Garantie
gegen die Wiederherstellung der alten Ordnung' auslegte, was nur durch die
gemeinsame Anstrengung der Proletarier einiger Länder erreicht werden kann, und
zweitens, indem ich auf Grund der Broschüre Lenins ,Über das
Genossenschaftswesen' die unbestreitbare Wahrheit aussprach, daß wir alles Notwendige
zum Aufbau der vollständigen sozialistischen Gesellschaft besitzen."
Diese Feststellung ist der Ausgangspunkt für das Handeln der Bolschewistischen
Partei. Ist in Rußland alles Notwendige für den sozialistischen Aufbau
vorhanden, so kann nach der Eroberung und Festigung der politischen Macht der
Aufbau der sozialistischen Gesellschaft erfolgreich in Angriff genommen werden
— auch wenn die proletarische Revolution in den anderen Ländern noch nicht
gesiegt hat. Allerdings besteht dann noch immer die Gefahr der Zerschlagung der
sozialistischen Erfolge durch einen Interventionskrieg kapitalistischer Länder.
Der entgültige, garantierte, nicht mehr über den Haufen zu werfende Sieg des
Sozialismus ist erst erreicht, - wenn zumindest in einigen Ländern die
Arbeiterklasse gesiegt hat, wenn durch den Sieg der Weltrevolution die
Interventionsgefahr vollständig beseitigt ist. Um aber die für den endgültigen
Sieg des Sozialismus notwendige siegreiche proletarische Revolution in den
anderen Ländern zu fördern, müssen — so argumentiert Stalin — die in der
Sowjetunion für den sozialistischen Aufbau gegebenen Voraussetzungen ausgenutzt
werden. Das internationale Proletariat braucht die Unterstützung der
Sowjetunion, diese wiederum braucht nicht minder die Unterstützung der
Weltarbeiterklasse. Über die Notwendigkeit der Unterstützung der Sowjetunion
durch das internationale Proletariat schrieb Stalin im Vorwort zu „Auf dem Wege
zum Oktober" (Seite 16/17):
„Keine Frage, um den vollständigen Sieg des Sozialismus zu erreichen, um eine
vollständige Garantie vor der Wiederherstellung der alten Ordnung zu haben,
sind gemeinsame Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder notwendig. Keine
Frage, daß ohne Unterstützung unserer Revolution durch das europäische
Proletariat das Proletariat Rußlands sich gegen den allgemeinen Ansturm nicht
hätte halten können, ebenso wie ohne Unterstützung der revolutionären Bewegung
des Westens durch die russische Revolution diese Bewegung sich nicht in dem
Tempo hätte entwickeln können, wie sie nach der proletarischen Diktatur in
Rußland sich zu entwickeln begann. Keine Frage, daß wir Unterstützung brauchen.
Aber was bedeutet Unterstützung unserer Revolution durch das westeuropäische
Proletariat? Die Sympathie der europäischen Arbeiter für unsere Revolution,
ihre Bereitschaft, die Interventionspläne der Imperialisten zu vereiteln, — ist
das alles eine Unterstützung, eine ernste Hilfe? Unbedingt ja. Ohne eine solche
Unterstützung, ohne solche Hilfe nicht allein von Seiten der europäischen
Arbeiter, sondern auch von Seiten der kolonialen und abhängigen Länder wäre es
der proletarischen Diktatur in Rußland recht schwer geworden. Reichte bisher
diese Sympathie und diese Hilfe, im Verein mit der Kraft unserer Roten Armee
und der Bereitschaft der Arbeiter und Bauern Rußlands, das sozialistische
Vaterland tapfer zu verteidigen, aus — reichte das alles aus, um die Angriffe
der Imperialisten abzuschlagen und die Voraussetzung für eine ernsthafte
Aufbauarbeit zu erkämpfen? Ja, es reichte aus. Nimmt diese Sympathie zu oder
nimmt sie ab? Sie nimmt unbedingt zu. Sind nun bei uns günstige Bedingungen
vorhanden nicht nur, um das Werk der Organisierung der sozialistischen
Wirtschaft vorwärts zu bringen, sondern auch dazu, daß wir unsererseits sowohl
den westeuropäischen Arbeitern, als auch den unterdrückten Völkern des Ostens
helfen können? Ja, sie sind vorhanden. Davon spricht in beredter Weise die
siebenjährige Geschichte der proletarischen Diktatur in Rußland. Kann man das
leugnen, daß bei uns ein mächtiger Arbeitsaufschwung bereits begonnen hat?
Nein, das kann nicht geleugnet werden." Hier spricht Stalin deutlich aus,
wie wichtig die Unterstützung der Arbeiter in den anderen Ländern für den Kampf
um den Sozialismus ist. Aber Stalin widerspricht der These Trotzkis, daß „ohne
direkte staatliche Unterstützung des europäischen Proletariats die
Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein wird, sich an der Macht zu
halten". Die Unterstützung durch die Arbeiter in den anderen Ländern kann
wirksam werden, auch wenn diese noch nicht die staatliche Macht in ihrem Lande
erobert haben. In der Broschüre „Zu den Ergebnissen der Arbeiten der XIV.
Parteikonferenz" (Mai 1925) schreibt Stalin über die zwei
verschiedenartigen Aufgaben, die für den Aufbau des Sozialismus in einem Lande
und für den endgültigen Sieg des Sozialismus zu erfüllen sind („Probleme des
Leninismus", Seite 46):
„Auf unser Land wirken zwei Gruppen von Widersprüchen. Die eine Gruppe — das
sind die inneren Widersprüche, die zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft
bestehen (hier ist die Rede von dem Aufbau des Sozialismus in einem einzelnen
Lande). Die andere Gruppe — das sind die äußeren Widersprüche, die zwischen
unserem Lande, als dem Lande des Sozialismus, und den übrigen Ländern, als den
Ländern des Kapitalismus, vorhanden sind (hier ist die Rede von dem endgültigen
Sieg des Sozialismus) .... Wer die erste Gruppe der Widersprüche, die mit den
Kräften eines einzelnen Landes vollständig überwunden werden können, mit der
zweiten Gruppe von Widersprüchen verwechselt, die zu ihrer Lösung die
Anstrengung der Proletarier mehrerer Länder erfordern — der begeht den gröbsten
Irrtum gegen den Leninismus, der ist entweder ein Wirrkopf oder ein
unverbesserlicher Opportunist."
In der „Prawda" vom 12. November 1926 schreibt Stalin zu der Auffassung
Trotzkis, daß auch die Gruppe der inneren Widersprüche nur durch die
Weltrevolution gelöst werden könne:
„Die Meinungsverschiedenheit besteht hier darin, daß die Partei es für möglich
hält, diese inneren Widersprüche und möglichen Konflikte voll und ganz aus der
eigenen Kraft unserer Revolution heraus zu überwinden, während der Genösse
Trotzki und die Opposition meinen, daß diese Widersprüche und Konflikte nur ,im
internationalen Maßstabe, in der Arena der internationalen proletarischen
Revolution' gelöst werden können."
Trotzki bestätigt in seinem Buche „Die internationale Revolution und die
Kommunistische Internationale", daß die Meinungsverschiedenheit gerade in
diesem Punkte bestehe. Er schreibt dort:
„Besser und genauer könnte man den Widerspruch zwischen dem Nationalreformismus
und dem revolutionären Internationalismus gar nicht aufzeichnen. Wenn man
diese, unsere inneren Schwierigkeiten, Widerstände und Widersprüche, die im
Grunde den Spiegel der internationalen Widersprüche bilden, mit den ,eigenen
Kräften unserer Revolution allein' lösen kann, ohne ,daß man in die Arena der
internationalen Revolution steigt', so ist also die Internationale zum Teil
lediglich eine Hilfsorganisation und zum Teil eine Prunkorganisation, deren Kongresse
sich alle vier oder zehn Jahre oder überhaupt nicht zu versammeln
brauchen." Die Entwicklung in den letzten zehn Jahren beweist, daß die
Gruppe der inneren Widersprüche mit den Kräften in der Sowjetunion selbst
gelöst werden können, sie beweist vor allem, daß es möglich ist, die Gegensätze
zwischen Arbeitern und Bauern aus der eigenen Kraft der russischen Revolution
ohne die „europäische Stadt" zu überwinden. Die äußeren Widersprüche
werden um so schneller und erfolgreicher beseitigt, je energischer in der
Sowjetunion alle Kräfte für die im Lande selbst zu lösenden Widersprüche
mobilisiert werden. In dem Briefe an einen zweifelnden Genossen (im Januar
1925) begründet Stalin besonders eindringlich die Notwendigkeit des
sozialistischen Aufbaus in der UdSSR („Probleme des Leninismus", Seite
224):
„Es handelt sich nicht um den vollständigen Sieg, sondern um den Sieg
überhaupt, das heißt darum, die Gutsbesitzer und Kapitalisten zu verjagen, die
Macht zu ergreifen, die Attacken des Imperialismus zurückzuschlagen und mit dem
Aufbau der sozialistischen Wirtschaft zu beginnen. All dies kann dem
Proletariat in einem einzelnen Lande vollständig gelingen, seine absolute
Garantie gegen die Restauration kann jedoch nur das ,Ergebnis gemeinsamer
Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder' sein. Es wäre dumm, in Rußland
eine Revolution zu beginnen in der Überzeugung, daß das siegreiche Proletariat
Rußlands bei offener Sympathie seitens der Proletarier der anderen Länder, aber
ohne den Sieg in mehreren Ländern ,einem konservativen Europa gegenüber nicht
standhalten könnte'. Das ist kein Marxismus, sondern der flachste
Opportunismus. Wäre eine solche Theorie richtig, dann hätte Lenin unrecht, wenn
er behauptet, daß wir das Rußland der NEP in ein sozialistisches Rußland
verwandeln werden, daß wir ,alles, was zum Aufbau der vollständigen
sozialistischen Gesellschaft notwendig ist' haben ....
.... Das Gefährlichste in unserer politischen Praxis wäre, wenn wir das
siegreiche proletarische Land als etwas Passives betrachten wollten, das bis
zum Erscheinen der Hilfe seitens der siegreichen Proletarier der anderen Länder
auf der Stelle treten muß. Angenommen, daß in fünf bis zehn Jahren die
Revolution im Westen noch nicht gesiegt haben wird; angenommen, daß unsere
Republik während dieser Periode dennoch fortbesteht als eine Republik, die
unter den Verhältnissen der Neuen ökonomischen Politik an der sozialistischen
Wirtschaft baut; glauben Sie denn, daß sich unser Land während dieser fünf bis
zehn Jahre mit Wassertreten und nicht mit der Organisation der sozialistischen
Wirtschaft beschäftigen wird? Es genügt, diese Frage zu stellen, um die ganze
Gefährlichkeit der Theorie der Leugnung des Sieges des Sozialismus in einem
einzelnen Lande zu begreifen.“
Aus all diesen Meinungsäußerungen Stalins geht hervor, daß die Bolschewistische
Partei sehr eindeutig zwischen dem Siege des sozialistischen Aufbaus in der
Sowjetunion und dem endgültigen Siege des Sozialismus unterscheidet, und daß
sie den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion bejaht, weil sie für möglich
hält, die Gruppe der Inneren Widersprüche mit den im Lande vorhandenen Kräften
zu lösen. Sie läßt aber keinen Zweifel, daß die Überwindung der zweiten, der
Gruppe der äußeren Widersprüche, die zwischen der Sowjetunion, als dem Lande
des Sozialismus, und allen übrigen Ländern, als den Ländern des Kapitalismus,
bestehen, dagegen nur mit Unterstützung der Proletarier in den anderen Ländern
möglich ist. Stalin beantwortet die Frage, worin diese Widersprüche der zweiten
Gruppe bestehen, in der Broschüre „Die Ergebnisse der XIV. Reichskonferenz der
KPR" („Probleme des Leninismus", Seite 222/223):
„Sie bestehen darin, daß, solange es eine kapitalistische Umgebung gibt, auch
die Gefahr der Intervention seitens der kapitalistischen Länder vorhanden ist,
und daß, solange eine solche Gefahr besteht, auch die Gefahr der Restauration,
die Gefahr der Wiederherstellung der alten Ordnung, besteht.
Können diese Widersprüche für ein einzelnes Land als überwunden gelten? Nein,
das ist nicht möglich, da die Anstrengungen eines einzelnen Landes, selbst wenn
dieses Land das Land der Diktatur des Proletariats ist, nicht hinreichen, um es
gegen die Gefahr einer Intervention zu sichern. Eine vollkommene Garantie gegen
die Intervention und folglich auch der endgültige Sieg des Sozialismus ist
infolgedessen nur im internationalen Maßstabe, nur als Ergebnis der gemeinsamen
Anstrengungen der Proletarier in einer Reihe von Ländern, oder noch richtiger
gesagt, nur als Ergebnis des Sieges der Proletarier einiger Länder möglich. Was
bedeutet endgültiger Sieg des Sozialismus? Der endgültige Sieg des Sozialismus
ist die volle Garantie gegen die Interventionsversuche und folglich auch gegen
die Restauration; denn irgendein ernstzunehmender Versuch der Restauration kann
nur mit ernster Unterstützung von außen, nur mit Unterstützung des
internationalen Kapitals stattfinden. Infolgedessen ist die Unterstützung
unserer Revolution durch die Arbeiter zumindest in einigen Ländern die
unerläßliche Vorbedingung für die volle Sicherung des ersten siegreichen Landes
gegen die Interventionsversuche und die Restauration, die unerläßliche
Vorbedingung des endgültigen Sieges des Sozialismus."
Stalin widerlegt mit dieser Äußerung auch den ihm oft gemachten Vorwurf, durch
die Theorie des Sozialismus in einem Lande die Weltrevolution preisgegeben zu
haben. In dem Vorwort zu dem Buche „Auf dem Wege zum Oktober" (1926)
schreibt Stalin über die „Oktoberrevolution als Beginn und Voraussetzung der
Weltrevolution" (Seite 33/37):
„Es ist unzweifelhaft, daß die universelle Theorie von dem gleichzeitigen Siege
der Revolution in den ausschlaggebenden Ländern Europas, die Theorie der
Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem einzelnen Lande, sich als
künstlich geschaffene, lebensunfähige Theorie erwiesen hat. Die siebenjährige
Geschichte der proletarischen Revolution in Rußland spricht nicht für, sondern
gegen diese Theorie. Diese Theorie ist nicht nur als Entwicklungsschema der
Weltrevolution unannehmbar, da sie im Widerspruch zu den offenkundigsten
Tatsachen steht, sie ist noch unannehmbarer als Losung, da sie die Initiative
der einzelnen Länder, die infolge gewisser historischer Bedingungen die
Möglichkeit bekommen, die Front des Kapitals selbständig zu durchbrechen,
fesselt, statt sie zu entfesseln; denn diese Theorie spornt nicht die einzelnen
Länder zum aktiven Angriff gegen das Kapital an, sondern zum passiven Warten
auf den Augenblick der ,allgemeinen Entscheidung'; sie kultiviert unter den
Proletariern der einzelnen Länder nicht den Geist revolutionärer
Entschlossenheit, sondern den Geist der Hamlet-Zweifel. ,Und wie, wenn die
anderen plötzlich versagen?' Lenin hat vollkommen recht, wenn er sagt, daß der
Sieg des Proletariats in einem einzelnen Lande den typischen Fall darstelle,
während die ,gleichzeitige Revolution in mehreren Ländern' nur ,eine seltsame
Ausnahme sein könne'....
Doch die leninsche Theorie der Revolution beschränkt sich bekanntlich nicht auf
diese eine Seite der Frage. Sie ist gleichzeitig die Theorie der Entwicklung
der Weltrevolution. Der Sieg des Sozialismus in einem einzelnen Lande ist nicht
Selbstzweck, Die Revolution des siegreichen Landes darf sich nicht als eine
sich selbst genügende Größe betrachten, sondern als Stütze, als Hilfsmittel zur
Beschleunigung des proletarischen Sieges in allen anderen Ländern, Denn der
Sieg der Revolution in einem Lande, im gegebenen Falle in Rußland, ist nicht
nur das Produkt der ungleichmäßigen Entwicklung und des fortschreitenden
Verfalls des Imperialismus. Er ist zugleich der Beginn und die Voraussetzung
der Weltrevolution ....
Am wahrscheinlichsten ist es, daß die Weltrevolution sich so entwickeln wird,
daß eine Reihe neuer Länder auf revolutionärem Wege vom imperialistischen
Staatensystem sich lostrennen werden, wobei die Proletarier dieser Länder die
Unterstützung des Proletariats der imperialistischen Staaten finden werden. Wir
sehen, daß das erste Land, das sich losgetrennt und gesiegt hat, schon jetzt
von den Arbeitern und überhaupt von den werktätigen Massen der anderen Länder unterstützt
wird. Ohne diese Unterstützung hätte sich dieses Land nicht halten können. Es
ist unzweifelhaft, daß diese Unterstützung noch wachsen und sich verstärken
wird. Aber es ist ebenso unzweifelhaft, daß die Entwicklung der Weltrevolution
selbst, der Prozeß der Lostrennung einer Reihe neuer Länder vom Imperialismus
sich um so schneller und gründlicher vollziehen wird, je schneller dieses Land
sich in eine Basis für die weitere Entfaltung der Weltrevolution, in einen
Hebel zur weiteren Zersetzung des Imperialismus verwandelt.
Wenn es richtig ist, daß der endgültige Sieg des Sozialismus in dem ersten
befreiten Lande ohne die gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer
Länder unmöglich ist, so ist ebenso richtig, daß die Weltrevolution sich um so
schneller und gründlicher entfalten wird, je wirksamer die Hilfe des ersten
sozialistischen Landes für die Arbeiter und die werktätigen Massen aller
übrigen Länder sein wird ....
Die charakteristische Eigenschaft dieser Hilfe seitens des siegreichen Landes
besteht nicht allein darin, daß sie den Sieg der Proletarier in den anderen
Ländern beschleunigt, sondern auch darin, daß sie durch die Erleichterung
dieses Sieges zugleich den endgültigen Sieg des Sozialismus in dem ersten
siegreichen Lande gewährleistet.
Am wahrscheinlichsten ist es, daß im Verlauf der Entwicklung der Weltrevolution
neben den Herden des Imperialismus in den einzelnen kapitalistischen Ländern
und dem System dieser Länder in der ganzen Welt sich Herde des Sozialismus in
einzelnen Sowjetländern und ein System dieser Herde in der ganzen Welt
herausbilden werden, wobei dei Kampf zwischen diesen beiden Systemen die
Geschichte dei Entfaltung der Weltrevolution ausfüllen wird. ,Denn' — sagt
Lenin — ,eine freie Vereinigung der Nationen im Sozialismus ist unmöglich ohne
einen mehr oder weniger langwierigen, hartnäckigen Kampf der sozialistischen
Republiken gegen die rückständigen Staaten.' (Siehe „Gegen den Strom".)
Die universelle Bedeutung der Oktoberrevolution besteht nicht nur darin, daß
sie die große Initiative eines einzelnen Landes darstellt, das imperialistische
System zu durchbrechen, daß sie den ersten Herd des Sozialismus im Ozean der
imperialistischen Länder bildet, sondern auch darin, daß sie die erste Etappe
der Weltrevolution und eine mächtige Basis für deren weitere Entwicklung ist.
Deshalb haben nicht allein diejenigen Unrecht, die den internationalen
Charakter der Oktoberrevolution vergessen, den Sieg der Revolution in einem
Lande als eine rein nationale und nur nationale Erscheinung hinstellen. Unrecht
haben auch diejenigen, die zwar den internationalen Charakter der
Oktoberrevolution im Auge behalten, aber geneigt sind, diese Revolution als
etwas Passives zu betrachten, das lediglich auf Unterstützung von außerhalb
angewiesen ist. In Wirklichkeit braucht nicht nur die Oktoberrevolution die
Unterstützung der Revolution in den anderen Ländern, sondern auch die
Revolution in diesen Ländern braucht die Unterstützung der Oktoberrevolution,
um das Werk der Niederwerfung des Weltimperialismus zu beschleunigen und
vorwärts zu treiben."
Der erfolgreiche Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion unterstützt
wirkungsvoll die Weltrevolution. Die Bolschewistische Partei hat auf dem XIV.
Parteitag den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion als ihre Tagesaufgabe
bezeichnet, weil ohne diesen Versuch die Oktoberrevolution, die Eroberung der
politischen Macht durch das Proletariat, sinnlos gewesen wäre. In der Broschüre
„Die Ergebnisse der XIV. Reichskonferenz der KPR" schreibt Stalin weiter
(„Probleme des Leninismus", Seite 221):
„Denn wenn die Möglichkeit und die Notwendigkeit des Aufbaus der vollständigen
sozialistischen Gesellschaft auf Grund dieser oder jener Erwägung
ausgeschlossen wird, so verliert doch dadurch die Oktoberrevolution selbst
ihren Sinn. Wer die Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande
leugnet, der muß unbedingt auch die Berechtigung der Oktoberrevolution leugnen.
Und umgekehrt, wer nicht an den Oktober glaubt, der kann auch die Möglichkeit
des Sieges des Sozialismus unter den Verhältnissen einer kapitalistischen
Umgebung nicht anerkennen. Es besteht ein vollständiger und unmittelbarer
Zusammenhang zwischen dem Unglauben an den Oktober und der Nichtanerkennung der
sozialistischen Möglichkeiten in unserem Lande." Die Frage des
Verhältnisses zwischen dem Kampf zur Überwindung der nationalen und der
internationalen Bourgeoisie hat Stalin noch oft behandelt. So unter anderem
auch in seinem Referat auf dem VII. Plenum des ZKs im Dezember 1926:
„Wenn die Frage der Errichtung des Sozialismus in der Sowjetunion eine Frage
der Überwindung der eigenen nationalen Bourgeoisie ist, so ist die Frage des
endgültigen Sieges des Sozialismus eine Frage der Überwindung der
internationalen Bourgeoisie. Die Partei sagt, daß das Proletariat eines
einzelnen Landes nicht imstande ist, aus eigenen Kräften die internationale
Bourgeoisie zu überwältigen. Die Partei sagt, daß für den endgültigen Sieg des
Sozialismus in einem Lande die Überwindung oder zumindest die Neutralisierung
der internationalen Bourgeoisie erforderlich ist.
...Die Partei geht davon aus, daß die ,nationalen' und internationalen Aufgaben
des Proletariats der Sowjetunion sich zu der einen gemeinsamen Aufgabe der
Befreiung der Proletarier aller Länder vom Kapitalismus verschmelzen, daß sich
die Interessen des Aufbaus des Sozialismus aller Länder zu dem einen
gemeinsamen Interesse des Sieges der Revolution völlig verschmelzen...
...den Sozialismus in der Sowjetunion aufbauen heißt deshalb, die Sache der
Proletarier aller Länder betreiben, heißt, den Sieg über das Kapital nicht nur
in der Sowjetunion, sondern in allen kapitalistischen Ländern schmieden, denn
die Revolution in der Sowjetunion ist ein Teil der Weltrevolution, ihr Anfang
und die Basis für ihre Entfaltung."
Stalin hat sich bei seiner Begründung des Kampfes für den sozialistischen
Aufbau vollkommen der leninistischen Theorie angepaßt. Aus Äußerungen Lenins,
daß mit den revolutionären Kräften eines Landes nicht die internationale
Bourgeoisie überwunden werden kann, hat Trotzki Beweise für die Richtigkeit
seiner Theorie von der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Lande zu sammeln
versucht. In der „Oktoberrevolution" zitiert Trotzki in einem besonderen
Anhang über „Die Theorie des Sozialismus in einem Lande" Meinungsäußerungen
von Lenin, die dessen Gegnerschaft gegen die Theorie des Sozialismus in einem
Lande beweisen sollen. Aber selbst aus diesen von Trotzki aus dem Zusammenhang
gerissenen Zitaten geht nur hervor, daß Lenin genau so wie Stalin sorgfältig
zwischen dem Siege in der Sowjetunion und dem endgültigen Siege unterschieden
hat. Auch in diesen Zitaten ist sehr oft von dem Siege in der Sowjetunion und
dann von dem vollen, dem endgültigen Siege des Sozialismus, der erst das
Ergebnis der Weltrevolution sein wird, die Rede. Aber Lenin hat aus der
Erkenntnis, daß zum endgültigen Siege die Machteroberung des Proletariats in
mehreren Ländern notwendig ist, keinesfalls die Schlußfolgerung gezogen, in der
Sowjetunion auf die aktive Arbeit für den sozialistischen Aufbau zu verzichten.
Er hat im Gegenteil die Erkämpfung des sozialistischen Sieges in der
Sowjetunion als unbedingt erforderlich bezeichnet, um dem Proletariat in den
anderen Ländern einen mächtigen Antrieb für seinen Kampf, für den Sieg der
Weltrevolution zu geben.