"Zeitschrift für Sozialismus und Frieden"


 

 

Max Seydewitz

Stalin oder Trotzki

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VORWORT

 

 

Es ist notwendig, diesem Buche einige persönliche Bemerkungen vorauszuschicken. Seit meiner frühesten Jugend, fast dreißig jähre lang, habe ich aktiv in der Deutschen Sozialdemokratie gearbeitet, — als Funktionär, als Redakteur und als Reichstagsabgeordneter — und ich bin ihr auch heute aufs engste verbunden. Erschüttert von dem furchtbaren Zusammenbruch der einst so stolzen und starken deutschen Arbeiterbewegung, aufgeschlossen durch das Geschehen, habe ich versucht, die Ursachen der kampflosen Niederlage zu erforschen. Dabei bin ich ganz zwangsläufig auf das Studium der ersten siegreichen proletarischen Revolution gestoßen, deren gründliche Kenntnis notwendig ist, um den rechten Weg für die Überwindung der Hitler-Diktatur und die Verhinderung einer faschistischen Weltherrschaft zu finden.
Ein großes Versäumnis in der Vergangenheit war, daß man sich außerhalb der Sowjetunion viel zu wenig mit der Geschichte der russischen Revolution, mit den ihr zugrundeliegenden theoretischen Auseinandersetzungen und mit dem gewaltigen Ringen um den Aufbau des ersten sozialistischen Arbeiterstaates beschäftigt hat. Die im Kriege erfolgte Spaltung teilte die Internationale Arbeiterbewegung in zwei feindliche Lager. Sozialdemokraten und Kommunisten lebten getrennt voneinander wie in selbstgeschaffenen geistigen Ghettos, unfähig zum sachlichen, fruchtbaren Meinungsaustausch. Die Mauern, die das sozialdemokratische und kommunistische Lager trennten, waren so hoch, daß die einen die Probleme, um die die anderen rangen, überhaupt nicht sahen, geschweige denn sich mit ihnen ernsthaft auseinandergesetzt hätten. Nur zu viele Sozialdemokraten übersahen den engen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Sowjetunion und dem internationalen Befreiungskampf der Arbeiterklasse. Sie sahen die Sowjetunion nur als eine Sache der Kommunisten, denen sie in ihrem Lande in erbitterter Feindschaft gegenüberstanden. Sie waren — befangen in der Vorstellung, daß die Arbeiterklasse nur auf evolutionärem Wege, friedlich, in die Macht hineinwachsen werde — Gegner der von der Partei Lenins siegreich durchgeführten Revolution. Sie waren überzeugt davon, daß der in der Sowjetunion beschrittene Weg mit dem Siege der Konterrevolution enden müsse.
Die Folge dieser Einstellung war die Negation des gewaltigen Ringens im Osten. Die Sozialdemokratie war der Meinung, daß sie aus der Oktoberrevolution keine positiven Lehren für ihren Kampf ziehen könne; und sie hielt es darum für überflüssig, die Geschichte und die Probleme der russischen Revolution zu studieren. Ihr Interesse an den Vorgängen in der Sowjetunion war durchaus befriedigt, wenn sie diese oder jene Mängel agitatorisch gegen die kommunistische Bewegung ausspielen konnte. Viele Sozialdemokraten wurden in diesem Verhalten bestärkt, weil die kommunistischen Parteien die Sowjetunion viel zu wenig als eine Sache der gesamten Arbeiterklasse herausstellten.
Das Verhalten der deutschen Nachkriegssozialdemokratie in diesen Fragen wird treffend durch eine Äußerung Eduard Bernsteins charakterisiert. Im Jahre 1925 über seine Meinung zu den Vorgängen in der Sowjetunion befragt, antwortete er:
„Ich muß — um aufrichtig zu sein — gestehen, daß ich über die Lage in Rußland im allgemeinen und über den Fall Trotzki im besonderen nur in sehr unzureichendem Maße unterrichtet bin."
Eduard Bernstein war der bedeutendste Theoretiker des reformistischen Flügels der Sozialdemokratie. Es war eine besondere Wesensart dieses Mannes, aufrichtig seine Meinung auszusprechen. Diese Ehrlichkeit veranlaßte ihn, das zu sagen, was für beinah die gesamte sozialdemokratische Bewegung galt: sie hatte sich über die Lage in der Sowjetunion und über die Konflikte der Bolschewistischen Partei mit Trotzki sehr unzureichend unterrichtet. Was wußten Sozialdemokraten von den Differenzen zwischen Lenin und Trotzki? Von den Auseinandersetzungen um die Organisationsprinzipien der Partei, um die permanente Revolution? Was wußten sie von der Bedeutung des Kampfes um die Theorie des Sozialismus in einem Lande? War es da ein Wunder, daß — unter der Einwirkung der Schriften Trotzkis — in sozialistischen Kreisen mancherlei Legenden entstanden, unter anderen die, daß der „beste Kampfgenosse Lenins" durch persönliche Intrigen Stalins aus der Macht gedrängt worden sei.
Die Legendenbildung wurde noch erleichtert, weil es damals in deutscher Sprache keine plastischen Darstellungen der Geschichte und der Probleme der Oktoberrevolution gegeben hat.
Als Sozialdemokrat hatte ich in der Vergangenheit viele Auseinandersetzungen mit den Kommunisten, übte Kritik an ihrer Politik und auch an Vorgängen in der Sowjetunion. Wir sind auch jetzt nicht in allem gleicher Meinung, — aber kann man heute zur Sowjetunion Stellung nehmen, ohne sie im Zusammenhang mit dem weltgeschichtlichen Geschehen zu betrachten, als die stärkste Macht in der Friedensfront, als die entscheidende Kraft gegen die Weltherrschaftspläne des Faschismus!
Einer der Führer der Französischen Sozialistischen Partei, Jean Zyromski, schrieb anläßlich des XX. Jahrestages der russischen Revolution:
„Es ist mir nicht unbekannt, daß man in 'revolutionären Kreisen', die sich als die 'äußerste Linke' bezeichnen, ziemlich häufig auf die Meinung stößt, daß die russische Revolution in voller Entartung begriffen sei und daß sich das Sowjetrußland von 1937 inmitten einer bürokratischen Entartung befinde. Manche gehen sogar noch weiter und werfen den Faschismus und den 'Stalinismus' in einen Topf.
Eine geschickte Kampagne, die weitgehende Verzweigungen hat, wird zu dem Zweck betrieben, die Arbeiterklasse der Westländer davon zu überzeugen, daß Sowjetrußland nicht mehr das Rußland der Arbeiter- und Bauernrevolution sei.
Man muß sich energisch gegen derartige Manöver erheben und die schöpferische Bilanz der Sowjetunion auf den verschiedenen Gebieten ihrer Betätigung aufzeigen.
Man darf nicht blindlings die Unvollkommenheiten und die Fehler abstreiten; noch sind große Hindernisse da. Man muß sie aber sowohl vom Ausgangspunkt wie auch von den vorhanden gewesenen Schwierigkeiten aus einschätzen....
Die Sowjetunion ist eine neue Welt im Werden. Mehr denn je gehören ihre Verteidigung und ihre Beschützung zur internationalen Klassenpflicht des Weltproletariats."
Aber es handelt sich nicht allein um Interessen des Weltproletariats. Das Schicksal der Menschheit steht auf dem Spiel. Plutokratie und Faschismus — das bedeutet den furchtbarsten Krieg aller Zeiten, Vertiefung und Verewigung des geistigen und physischen Elends. Demokratie und Sozialismus — das bedeutet Frieden, Rettung vor dem Untergang in die Barbarei, Entfaltung aller wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte. Die Völker aller Erdteile stehen vor dieser gewaltigen geschichtlichen Alternative. Und alle Länder sind durch sie innerlich zerrissen und geschwächt. Nur die UdSSR nicht. Dort gibt es keinen Faschismus, ihre Völker sind eine geschlossene Einheit angesichts der drohenden Gefahren und im Kampf um den Aufstieg der Menschheit. Das Spuren mehr oder minder bewußt die freiheitsliebenden Kreise aller Schichten in allen Ländern: Arbeiter und Angestellte, Handwerker und Bauern, Intellektuelle und Gewerbetreibende — kurz, alle jene, die den großen Organismus der Gesellschaft lebendig erhalten. Aber viel zu wenige haben ein wirklich klares Bild vom Wesen und von den Lebensnotwendigkeiten der Sowjetunion. Schuld daran trägt nicht zuletzt der Trotzkismus, der, obwohl arm an Parteigängern, Verwirrung anzurichten vermag, weil bürgerliche und oft sogar sozialdemokratische Zeitungen ihm ihre Stimme leihen.
Um so notwendiger ist es, sich mit dem Trotzkismus auseinanderzusetzen. Diese Aufgabe soll das vorliegende Buch erleichtern. Ich habe mich bemüht, zum Trotzkismus mit sachlichen Argumenten Stellung zu nehmen, weil ich überzeugt davon bin, damit der Klärung am besten zu dienen.


Der Verfasser


 

 

Inhalt:

Erster Teil: DIE FRONTEN


DIE WELTGESCHICHTLICHE ALTERNATIVE

  1. Faschismus oder Sozialismus?
  2. Die Bedrohung der modernen Zivilisation
  3. Die veränderte weltpolitische Situation


FÜR ODER WIDER DIE SOWJETUNION

  1. Zwischen Kriegs- und Friedensfront
  2. Die schwankende Politik der demokratischen Großmächte
  3. Die Aufgaben der internationalen Arbeiterbewegung
  4. Die Sowjetunion und die Sozialdemokratie

 

Zweiter Teil: DER TROTZKISMUS


TROTZKISMUS UND BOLSCHEWISMUS

  1. Lenin und Trotzki
  2. Was ist Trotzkismus?
  3. Trotzkismus und leninistisches Organisationsprinzip
  4. Trotzki und die Aktionseinheit der Partei
  5. Trotzkismus und Bolschewismus im Kriege
  6. Die permanente Revolution


DER TROTZKISMUS NACH DER OKTOBERREVOLUTION

  1. Trotzki, die Oktoberrevolution und der Bürgerkrieg
  2. Die Gegensätze zwischen Lenin und Trotzki nach der Oktoberrevolution
  3. Die Entwicklung des Trotzkismus nach Lenins Tode

 

Dritter Teil: DIE THEORIE DES SOZIALISMUS IN EINEM LANDE


DER ENTSCHEIDENDE GEGENSATZ

  1. Der Kampf um den Aufbau des Sozialismus in der SU
  2. Die leninistische Theorie des Sozialismus in einem Lande
  3. Trotzkis Theorie der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Lande


RÜCKMARSCH ODER AUFBAU?

  1. Was tun?
  2. Der sozialistische Aufbau in der Sowjetunion und der endgültige Sieg des Sozialismuse
  3. Die Voraussetzungen für den Sieg des Sozialismus in der Sowjetunion

 

Vierter Teil: VON DER THEORIE ZUR PRAXIS


HISTORISCHE ENTSCHLÜSSE

  1. Die Aufgabe
  2. Die Generallinie


DIE WIRTSCHAFTLICHE UMWANDLUNG DER SOWJETUNION

  1. Der industrielle Aufbau
  2. Das Verhältnis der Sowjetunion zu den anderen Ländern
  3. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Sowjetunion
  4. Die Erstarkung der Arbeiterklasse


DIE LÖSUNG DER WIDERSPRÜCHE ZWISCHEN ARBEITERN UND BAUERN

  1. Gegensätze und Übereinstimmungen
  2. Die Mechanisierung der Landwirtschaft
  3. Die Kollektivierung
  4. Die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion
  5. Die Einbeziehung der Bauern in den sozialistischen Aufbau


OPFER UND ERFOLGE DES SOZIALISTISCHEN AUFBAUS

  1. Die Anforderungen der Aufbauperiode
  2. Opfer für wen und für was?
  3. Die Erfolge
  4. Der Mensch steht im Mittelpunkt


SOZIALISMUS IN DER SOWJETUNION

  1. Die Liquidierung der kapitalistischen Einflüsse
  2. Die Grundlage der Sowjet-Gesellschaft
  3. Die verschiedenen Klassen in der Sowjetunion
  4. Auf dem Wege zur klassenlosen Gesellschaft


DIE SOZIALISTISCHE DEMOKRATIE

  1. Die neue Verfassung
  2. Was ist Demokratie?
  3. Zur Demokratie - über die Diktatur des Proletariats
  4. Der Unterschied zwischen proletarischer und faschistischer Diktatur
  5. Die wahre Freiheit
  6. Das Recht auf Arbeit
  7. Einwände gegen die neue Verfassung
  8. Sozialistische Demokratie - unter der Diktatur der Arbeiterklasse

 

Fünfter Teil: DIE UdSSR UND DIE WELTREVOLUTION


DIE WELTREVOLUTION

  1. Sozialistischer Aufbau und Weltrevolution
  2. Das tragikomische Mißverständnis


DIE AUSSENPOLITIK DER SOWJETUNION

  1. Die Sicherung der Sowjetunion gegen Interventionen
  2. Der Kampf um die Verhinderung des Krieges
  3. Interessen der Weltarbeiterklasse und die Interessen der Sowjetunion

 

Sechster Teil: TROTZKIS KAMPF GEGEN DIE UdSSR


DAS PROBLEM DER BÜROKRATIE

  1. Gibt es in der Sowjetunion eine Diktatur der Bürokratie?
  2. Trotzkis Standpunkt
  3. Die Mängel der Bürokratie und ihre Überwindung


NEUE KLASSENBILDUNG?

  1. Karl Marx und die "neue Klassenbildung" in der Sowjetunion
  2. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität
  3. Die Heranbildung qualifizierter Kader
  4. Der sozialistische Ansporn als Mittel zur Steigerung der Arbeitsproduktivität


KONFORMISMUS UND MEINUNGSFREIHEIT

  1. Unterdrückung der Meinungsfreiheit?
  2. Wer entscheidet?
  3. Die Entwicklung der Demokratie in der Bolschewistischen Partei
  4. Der Konformismus und die junge Generation


REVOLUTION UND KONTERREVOLUTION

  1. Trotzki und der Rückmarsch zum Kapitalismus
  2. Trotzkis Wahlspruch
  3. Der Weg der Sowjetunion




Um das Lesen zu erleichtern, sind Fußnoten weggelassen worden. Anmerkungen und Quellenangaben sind im Text selbst vermerkt.
Soweit bei den Zitaten nicht besondere Quellen angegeben sind, wurden sie Broschüren oder (bei Reden) autorisierten Berichten entnommen.
Hervorhebungen in den zitierten Äußerungen sind ausnahmslos vom Verfasser veranlaßt worden; was jedoch nicht ausschließt, daß die Hervorhebungen oft mit denen übereinstimmen, die von den Zitierten selbst veranlasst wurden.

 


 

DIE WELTGESCHICHTLICHE ALTERNATIVE

 

FASCHISMUS ODER SOZIALISMUS?

Die Menschheit steht an einem Wendepunkt. Krieg und Krise haben die Grundfesten der kapitalistischen Welt erschüttert. In der Periode des Niederganges der kapitalistischen Klassenherrschaft ist der Faschismus mobilisiert worden, um als direkt eingesetzte Gewaltherrschaft oder als drohende Gefahr die wirtschaftliche Diktatur der Trusts und des Monopolkapitals gegen alle Stürme zu sichern. Der Faschismus ist keine aus der sozialen Entwicklung zwangsläufig erwachsende neue Kraft, die zur Höherentwicklung der Menschheit notwendig wäre. Die bürgerliche Revolution, die die Herrschaft des Feudalismus zerbrach, hatte eine neue Epoche eingeleitet. Ebenso wird die proletarische Revolution eine neue höhere Form der menschlichen Gesellschaft schaffen. Der Faschismus Jedoch hat durch seinen Sieg in Italien und in Deutschland an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen nichts geändert. Weder Mussolinis Schwarzhemdenmarsch auf Rom, noch Hitlers „nationale Revolution" haben die herrschende kapitalistische Gesellschaftsordnung beseitigt. Das faschistische Regime ist nur die letzte, die gewalttätigste Form zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Klassenherrschaft; seine Funktion ist, durch brutale Zerschlagung der Arbeiterbewegung und durch Unterbindung jeder freiheitlichen Regung den Fortbestand der vom Monopolkapital dirigierten kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu garantieren. Der Faschismus führt die Menschheit in ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht eine Stufe hinauf, er wirft sie im Gegenteil weit zurück; er will eine zur Ablösung reife Gesellschaftsordnung gewaltsam aufrechterhalten.
Im Jahre 1907 hat Jack London in der „Eisernen Ferse" mit einem am Marxismus geschulten dichterischen Seherblick den Faschismus vorausgesagt. In diesem Buche schildert der Dichter die Herrschaft der Oligarchie, das blutige Gewaltregime der „Eisernen Ferse" bis in die Einzelheiten genau so, wie es der Faschismus uns heute praktisch vorführt. In Jack Londons visionärer Schilderung kann aber auch die „Eiserne Ferse" nicht auf die Dauer den Sieg des Sozialismus verhindern. Der Dichter schickt seinem heute nicht mehr wie eine Vision anmutenden Roman eine Betrachtung voraus, in der rückschauend von der hohen Warte der sozialistischen Gesellschaft Über die Periode der „Eisernen Ferse" gesagt wird:
„Die Erhebung der Oligarchie wird stets der Anlaß geheimer Verwunderung für Historiker und Philosophen bleiben. Andere große historische Ereignisse haben ihren Platz in der sozialen Entwicklung. Sie waren unvermeidlich, und ihr Kommen hätte mit derselben Sicherheit vorausgesagt werden können, wie Astronomen heute die Bewegung der Sterne voraussagen. Ohne diese anderen großen Ereignisse hätte die soziale Entwicklung sich auch nicht vollziehen können. Primitiver Kommunismus, Besitzsklaverei, Leibeigenschaft und Lohnsklaverei waren die notwendigen Meilensteine auf dem Wege der menschlichen Entwicklung. Es wäre jedoch lächerlich, zu behaupten, daß die Eiserne Ferse ein solcher notwendiger Meilenstein gewesen sei. Heute wird sie vielmehr als ein Fehltritt oder Rückschritt zu der gesellschaftlichen Tyrannei beurteilt, die die Erde früher zur Hölle machte, die aber für die Zeit ebenso notwendig, wie die 'Eiserne Ferse' unnötig war.
So schwarz der Feudalismus auch war, sein Kommen war doch unvermeidlich. Was sonst als Feudalismus konnte dem Zusammenbruch der großen zentralisierten Regierungsmaschine folgen, die man als Römisches Kaiserreich kennt? Nicht so jedoch die Eiserne Ferse. In dem ordnungsgemäßen Vorwärtsschreiten der sozialen Entwicklung war kein Platz für sie. Sie war weder notwendig, noch unvermeidlich. Sie wird immer die größte Merkwürdigkeit der Geschichte bleiben, eine Laune, eine Phantasie, eine Erscheinung, etwas Unerwartetes, Ungeahntes; und sie sollte den übereiligen politischen Theoretikern von heute, die mit Gewißheit von sozialen Prozessen sprechen, zur Warnung dienen.
Nach dem Urteil der Soziologen jener Zeit bedeutete der Kapitalismus den Höhepunkt der bürgerlichen Gesellschaft, die reife Frucht der bürgerlichen Revolution. Und wir können dieses Urteil nur unterschreiben. Selbst geistige Riesen und Kämpfer wie Herbert Spencer glaubten, daß auf dem Schutt des selbstsüchtigen Kapitalismus die Blume des Zeitalters, die Brüderlichkeit der Menschheit, erblühen werde. Statt dessen gebar der Kapitalismus, zum Entsetzen für uns, die wir heute auf jene Zeit zurückblicken, wie für die, die damals lebten, in seiner Überreife einen ungeheuren Sproß, die Oligarchie."
Die Herrschaft der Oligarchie, der „Eisernen Ferse", oder — wie wir heute sagen — des Faschismus, ist wahrlich keine geschichtliche Notwendigkeit. Sie kann verhindert werden. Aber sie ist nicht unmöglich, weil es in der Geschichte keine zwangsläufigen Lösungen gibt. Der Niedergang einer Gesellschaftsordnung führt nur dann zu Ihrem völligen Zusammenbruch, wenn die geschichtlich zu ihrer Ablösung berufenen Kräfte sich dieser Berufung würdig erweisen; wenn sie stark genug sind, in revolutionären Kämpfen die überholte Ordnung zu stürzen und die Bahn für eine neue, höhere Gesellschaftsform freizumachen. Der fatalistische Glaube von dem automatischen Zusammenbruch des Kapitalismus, von der zwangsläufig erfolgenden unmittelbaren Ablösung der kapitalistischen Klassenherrschaft durch den Sozialismus ist durch die Siege des Faschismus in einzelnen Ländern widerlegt worden. Aber andererseits ist durch den Sieg der proletarischen Revolution in dem ehemaligen Zarenreich ebenso widerlegt, daß der Faschismus unvermeidlich, daß er geschichtlich notwendig sei. Der Beweis ist erbracht, daß der Faschismus verhindert, daß es dem Kapitalismus unmöglich gemacht werden kann, seine wankende Herrschaft in veränderter Form durch den Einsatz des Faschismus aufrechtzuerhalten. Wo die zum Bau einer neuen, höheren Gesellschaftsordnung berufene geschichtliche Kraft — die Arbeiterklasse — sich in entscheidenden Situationen als zielbewußt und stark genug erwies, hat sie das Aufkommen des Faschismus verhindert und die kapitalistische Klassenherrschaft gestürzt. In den Ländern jedoch, in denen die Arbeiterklasse in den für die kapitalistische Klassenherrschaft kritischen Situationen ihrer geschichtlichen Aufgabe nicht gewachsen war, hat der Faschismus gesiegt.
Die objektive Situation in unserer Zeit ist also: die Arbeiterklasse kann ebenso siegen wie der Faschismus. Beiden war es möglich, Teilsiege zu erringen. Der endgültige Ausgang der nächsten Phase des Kampfes wird von der Zielklarheit und der Stärke der miteinander ringenden entscheidenden Gegner abhängen. Nach den Teilsiegen der Arbeiterklasse auf der einen, und des Faschismus auf der anderen Seite spitzen sich die Gegensätze zwangsläufig immer mehr zu. Die Entwicklung drängt zu einer endgültigen, die Zukunft der ganzen Menschheit bestimmenden Entscheidung. Die Frage, die die Geschichte den Menschen unserer Epoche stellt, ist eindeutig: Soll die eiserne Ferse des Faschismus Freiheit und Fortschritt zerstampfen, um die Diktatur des Trust- und Monopolkapitals über entrechtete, in die Hölle der Barbarei gepferchte Sklavenherden gewaltsam aufrechtzuerhalten, — oder soll nach dem Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft die Bahn für den Sozialismus, für eine neue, höhere Gesellschaftsform, freigemacht werden, die die Menschheit befreit und zu Glück und Wohlstand führt.
In allen kapitalistischen Ländern wird darum gekämpft, ob die niedergehende kapitalistische Klassenherrschaft vom Faschismus oder vom Sozialismus abgelöst wird. Der historische Kampf zwischen Faschismus und Sozialismus wird aber nicht in einem Lande entschieden, die endgültige Entscheidung fällt in der Arena der Weltpolitik. Sie wird zugunsten des Sozialismus ausfallen, wenn die Arbeiterbewegung aller Länder in diesem Kampfe zusammenwirkt, wenn sie einig ist und zielbewußt handelt. Der Kampf für den Sozialismus ist nicht die Sache eines Landes und einer Partei, er ist vielmehr die Sache der gesamten internationalen Arbeiterbewegung, ohne Rücksicht auf ihre Partei- und Fraktionsunterschiede.

DIE BEDROHUNG DER MODERNEN ZIVILISATION

„Die moderne Zivilisation kann sich eine neue Depression so wenig leisten, wie einen neuen Krieg. Sie würde unter jener so sicher zusammenbrechen wie unter dieser!"
Anfang 1937 standen diese Sätze in der „Times", dem führenden konservativen Organ Englands. Trotz den furchtbaren Lehren, die der letzte „große Krieg" der Menschheit erteilte, sind die Ursachen der Kriege nicht beseitigt worden. Der Brand wurde nicht völlig gelöscht, der Brandherd nur zugedeckt. Die Glut schwelte weiter, breitete sich aus, und es bedarf nur eines scharfen Windstoßes, um aus der Glut ein loderndes, sengendes Flammenmeer zu entfachen, das die Welt verbrennt. „Europa gleicht einem Pulvermagazin, in dem die Diktatoren ununterbrochen Fackelzüge veranstalten." So hat Lloyd George die Situation unserer Zeit charakterisiert. Die faschistischen Diktatoren haben die Welt erst durch ihre wahnsinnige Aufrüstung in ein Pulvermagazin verwandelt.
Sie sind die aggresivsten subjektiven Faktoren, die durch ihr Handeln die objektiven Voraussetzungen dafür geschaffen haben, daß der Funke einer Fackel genügt, um ganz Europa in die Luft zu sprengen. Es wird unter dem Druck der akuten Kriegsgefahr in der Öffentlichkeit viel darüber orakelt, ob die faschistischen Diktaturen überhaupt Krieg führen können, ob sie für eine kriegerische Auseinandersetzung fertig sind. Alle diese Betrachtungen sind müßig. Kriegsfertig ist ein Land nur, wenn es allen seinen Gegnern militärisch absolut überlegen ist. Ob ein Land in diesem Sinne kriegsfertig ist, hängt jedoch nicht nur von seinem Tun, sondern auch von dem Handeln seiner eventuellen Kriegsgegner ab. Kriegsfertig sind die faschistischen Diktaturen nicht; aber das ist nicht die geringste Garantie für die Erhaltung des Friedens. Die Wahrheit ist, daß durch das Treiben der aggressivsten Kräfte die objektive Situation für den Kriegsausbruch so reif geworden ist, daß der Zeitpunkt des Losschlagens nicht einmal mehr von den subjektiven Faktoren bestimmt werden kann, die Europa in ein Pulvermagazin verwandelt haben. Wenn nicht stärkere Mächte die faschistischen Diktatoren endlich an der Fortführung ihrer Fackelzüge im Pulvermagazin hindern, dann wird ein Funke eines Tages zünden, und die Menschheit wird von dem furchtbarsten aller Kriege heimgesucht werden.
Nicht minder groß ist die Krisengefahr. Hinter einer glänzenden Fassade der Riesenprofite des Monopolkapitals lauert das Gespenst der neuen Krise. Der konjunkturelle Aufschwung, der der tiefsten wirtschaftlichen Krise des kapitalistischen Systems folgte, hat keine stabilen Verhältnisse geschaffen. Währungsexperimente, Aufrüstung und Warenaufspeicherung für den Krieg haben das Tempo der Konjunktur bestimmt oder beschleunigt. Die Steigerung der Produktion erwächst auf einer schwachen, kranken Grundlage. Obwohl die industrielle Produktion der kapitalistischen Länder im Jahre 1936 großer war als im letzten Konjunkturjahr vor der großen Krise, war der Welthandel 1936 noch um 14% niedriger als 1929. Auch die Zahl der Beschäftigten war 1936 noch erheblich geringer als im letzten Konjunkturjahre. 1936 gab es in den kapitalistischen Ländern, die Arbeitslose registrieren, schätzungsweise immer noch 18 Millionen Erwerbslose. Die Spekulation prosperiert mehr als die Produktion. Börsenkrachs inmitten der Konjunktur sind Symptome für die Unsicherheit des kapitalistischen Systems, das es seinen Anhängern immer schwerer macht, stabilen, garantierten Reichtum zu schaffen. Unter der Oberfläche gärt und brodelt es. Der Ausbruch des Vulkans kann über Nacht das ganze schöne Gebäude der Konjunktur verschütten, und die Welt in eine neue tiefe und nachhaltige Wirtschaftskrise stürzen.
Krieg oder neue Wirtschaftskrise — die nach dem Urteil eines der führenden Blätter des Kapitalismus den Untergang der modernen Zivilisation bringen würden — können täglich wie ein verheerendes Sturmgewitter über die Völker losbrechen. Der wachsende Druck der im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung unlösbaren Widersprüche hat die Welt so in Unruhe und Unsicherheit versetzt, daß die Menschen nur mit Bangen an die Zukunft denken.
Die herrschenden kapitalistischen Klassen fürchten zwar die unvermeidlichen Auswirkungen ihrer einseitigen Klassenherrschaft, aber sie haben weder den Mut, noch den Willen, noch die Fähigkeit, die Ursachen, die Krieg und Krise heraufbeschwören, auszumerzen. Denn die beiden Übel, die die moderne Zivilisation bedrohen, können nur durch weitgehenden Umbau der bestehenden Gesellschaftsordnung beseitigt werden. Die Mächtigen dieser Erde aber wehren sich gegen alle Änderungen, die ihre Herrschaftsstellung bedrohen. Ihr Machtapparat, der zu schwach ist, Kriegs- und Krisengefahr zu bannen, ist aber noch stark genug, die für den ruhigen, friedlichen Aufstieg der Menschheit lebensnotwendigen Änderungen der bedrohten Gesellschaftsordnung zu verhindern. Das eben ist die besondere Zwiespältigkeit in unserer Epoche, die die Welt in eine stete Unruhe versetzt: der Kapitalismus kann sich nur an der Macht halten, wenn er die einzig wirksamen Mittel zur Beseitigung der beiden Übel unterbindet, deren Vorhandensein seine Herrschaftsstellung ständig in wachsendem Maße bedroht.

DIE VERÄNDERTE WELTPOLITISCHE SITUATION

Seit dem Jahre 1914 hat sich das Gesicht der Welt wesentlich verändert. Die Erschütterungen, die der letzte Krieg auslöste, waren gewaltig, aber doch nicht so tiefgehend, daß aus dem Chaos des Krieges in stürmischem Tempo eine neue bessere Welt herausgewachsen wäre. Die Periode der Nachkriegszeit bekräftigt die Richtigkeit der marxschen Lehre, daß es keine permanente Krise gibt, die automatisch zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems führen muß. Der Kapitalismus hat in allen seinen Krisen Auswegmöglichkeiten; sein Ende kann nur herbeigeführt werden, wenn die Arbeiterklasse stark genug ist, ihm die Auswege zu versperren und ihn im Kampfe zu überwinden. Die sozialistische Gesellschaft entsteht nicht wie ein Phönix aus der Asche; sie entwickelt sich nur mühselig, in harten, schweren Kämpfen aus dem Schoße der kapitalistischen Gesellschaft. Der Weg zum Sozialismus ist nicht gradlinig.
„Proletarische Revolutionen ...", schrieb Karl Marx im 18. Brumaire, „kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge, und sich riesenhafter ihnen gegenüber wiederaufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: hie rhodus, hie salta!"
Die Nachkriegsperiode ist erfüllt von harten Kämpfen um den Weg in die Freiheit. Und wahrlich: in diesen Kämpfen gab es Siege und Niederlagen, gab es Aufstieg und Absturz, Vormarsch und Rückzug, — und allmählich erst bilden sich festere Fronten für die unausweichlichen entscheidenden Kämpfe. Die Teilsiege, die Arbeiterklasse und Faschismus an verschiedenen Frontstellen errangen, sind wichtige Ergebnisse, die den weiteren Verlauf der Kämpfe entscheidend beeinflussen.
In dem Teil der Welt, in dem die Arbeiterklasse zielbewußt die proletarische Revolution vorbereitete, in dem sie die Erschütterungen der kapitalistischen Klassenherrschaft durch den Krieg für ihren revolutionären Machtkampf auswertete, hat das Proletariat die politische Macht erobert und in harten Kämpfen gegen alle Widerstände und Interventionen gehalten. Der Sieg des russischen Proletariats ermöglichte den Aufbau des ersten Arbeiterstaates. Die Verwirklichung sozialistischer Prinzipien machte die Sowjetunion zu einem kräftigen, sich planmäßig aufwärts entwickelnden Land, das zu einem mächtigen Faktor in der Weltpolitik wurde.
Neben der gesunden UdSSR steht die kranke kapitalistische Welt. Die nach dem Kriege in den kapitalistischen Ländern einsetzende, trotz vorübergehenden Konjukturen sich immer mehr verschärfende Wirtschaftskrise hat die strukturellen Fehler des kapitalistischen Systems aufgezeigt. Voraussetzungen für die proletarische Revolution waren auch in anderen Ländern gegeben, aber die Uneinigkeit und Zerrissenheit der Weltarbeiterklasse, der erbitterte Kampf, den die einzelnen Gruppen gegeneinander führten, haben die proletarische Bewegung in den Nachkriegsjahren aktionsunfähig gemacht. Ihr fehlte in entscheidenden Situationen die Kraft, den herrschenden kapitalistischen Mächten den Ausweg aus der tiefsten und nachhaltigsten Krise ihres Systems zu versperren. So war es dem Kapitalismus — über alle seine Krisen hinweg — möglich, in wichtigen Ländern seine Herrschaftsstellung zu behaupten.
In einzelnen dieser Länder, in denen die Erschütterung der Nachkriegskrisen die tiefsten Wirkungen auslöste, in denen die objektive Situation für die soziale Revolution am reifsten war, versagte die Arbeiterklasse; dort waren aber auch die monopolkapitalistischen Mächte unfähig, ihre Herrschaft mit normalen Mitteln zu behaupten. Sie haben darum den Faschismus mobilisiert und zur Macht geführt, um mit Hilfe des faschistischen Terrorregimes den offenen Widerstand der Arbeiterklasse gewaltsam zu zerbrechen und den Fortbestand der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu sichern.
Die Stabilisierung eines wirtschaftlich und militärisch mächtigen sozialistischen Arbeiterstaates auf der einen, das Auftreten von rücksichtslos die Arbeiterklasse niederknüppelnden faschistischen Diktaturen auf der anderen Seite — das sind die neuen Fakten, die die weltpolitische Situation gegenüber 1914 wesentlich verändert haben.

 

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FÜR ODER WIDER DIE SOWJETUNION

 

ZWISCHEN KRIEGS- UND FRIEDENSFRONT

Die veränderte weltpolitische Situation bestimmt die Frontenbildung und die Haltung der verschiedenen Mächtegruppen. Der Sieg des Faschismus in einzelnen Ländern hat zwar keine Epoche einer neuen gesellschaftlichen Ordnung eingeleitet, aber er hat doch eine andere Note in die Weltpolitik gebracht. Er bedroht durch die Entfesselung hemmungsloser imperialistischer Tendenzen die nationalen Interessen aller nichtfaschistischen Staaten; er hat durch seine aggressive provokatorische Außenpolitik die Welt in eine Waffenfabrik verwandelt und die Menschheit an den Abgrund des Krieges geführt. Die nächsten Entscheidungen fallen darum im Kampfe um die Verhinderung des von den faschistischen Diktaturen systematisch vorbereiteten großen Krieges. Die endgültigen Fronten für diesen Kampf sind noch nicht formiert. Fest stehen jedoch bereits ihre tragenden Grundpfeiler: in der Friedensfront die UdSSR, in der Kriegsfront die faschistischen Diktaturen. Zwischen diesen beiden schwankt die Gruppe der demokratisch-kapitalistischen Staaten unsicher hin und her.
Fest und unerschütterlich wie ein Fels im tosenden Meer steht der Friedenswille der Sowjetunion in dieser von Kriegsgefahr umdrohten Zeit. Die Friedenspolitik der UdSSR ist ehrlich und eindeutig. Ihre Außenpolitik ist weder aggressiv, noch imperialistisch. Sie bedroht an keiner Stelle die nationalen Interessen anderer Völker. Die UdSSR verfügt in ihrem riesigen Gebiete über unerschöpfliche Rohstoffquellen. Sie produziert alles, was zur Befriedigung der Bedürfnisse aller Bürger ihres Landes notwendig ist. Der Sozialismus, dessen Beispiel die kapitalistischen Klassen in den anderen Ländern als eine Bedrohung ihrer Herrschaftsstellung empfinden, hat die Welt von dem Druck der im zaristischen Rußland stark vertretenen imperialistischen Tendenzen befreit. Die Vernichtung der ausbeutenden Klassen und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel haben die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß alle in der Sowjetunion erzeugten Güter von den Erzeugern selbst verbraucht werden können. Die Produktionsüberschüsse, die der Kapitalismus in anderen Ländern um meines Profits willen nicht vom eigenen Volk verbrauchen laßt, und für die er Absatzmärkte in den kapitalistisch noch nicht völlig erschlossenen Ländern zu erzwingen versucht, werden in der Sowjetunion dem eigenen Volke zugänglich gemacht. Für die UdSSR entfällt der aus dem kapitalistischen System erwachsende Zwang, sich mit anderen Staaten um die Absatzmärkte zu raufen. Außerdem hat die Umwandlung des ehemals rückständigen Agrarlandes in ein fortgeschrittenes Industrieland mit einer hochmechanisierten Landwirtschaft es der Sowjetunion ermöglicht, die gewaltigen Rohstoffquellen ihres Riesengebietes auszuwerten, durch stete Steigerung der industriellen und agrarischen Produktion die Menge der Lebens- und Bedarfsgüter zu erhöhen. Die UdSSR kann aus eigener Kraft, nur mit den in ihrem Lande vorhandenen Mitteln, die wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse der innerhalb ihrer Grenzen lebenden Menschen in wachsendem Maße befriedigen. Das sozialistische Wirtschaftssystem, unter dem die kapitalistischen Profitinteressen völlig ausgeschaltet werden, ermöglicht zugleich mit der planmäßigen ungestörten Vermehrung der Güter auch die gerechte Verteilung derselben. Der Beweis ist erbracht, daß unter dem Sozialismus ein Volk glücklich und reich leben kann, ohne andere Völker zu bedrohen; der Beweis ist erbracht, daß unter der Herrschaft des Sozialismus der Imperialismus, der eine ständige Bedrohung für den Frieden der Welt ist, seine Lebensbasis verliert und sterben muß. Die sozialistische Sowjetunion ist frei von allen imperialistischen Interessen; sie braucht weder neuen Raum, noch Rohstoffquellen zu erobern, sie braucht keinen ihrer Nachbarn mit Krieg zu bedrohen. Die UdSSR kann den Wohlstand der auf ihrem Gebiet lebenden Völker ständig und am sichersten dann steigern, wenn der Frieden erhalten bleibt, wenn sie ihre friedliche sozialistische Aufbauarbeit ungestört fortsetzen kann. Der sozialistische Staat, der die kapitalistische Klassenherrschaft überwunden hat, kann im Frieden für sein Volk und die Menschheit viel größere Siege erringen als in dem erfolgreichsten Kriege. Die Sowjetunion ist darum aus ureigenem Interesse der stärkste Garant des Friedens; sie wirft ihre ganze Macht in die Wagschale, um der Welt den Frieden zu erhalten.
Nicht zuletzt darum betrachten die faschistischen Diktaturen die UdSSR als ihren gefährlichsten Gegner. Weil sie — gebunden an die kapitalistische Gesellschaftsordnung — unfähig sind, in friedlicher Aufbauarbeit die wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse der Arbeiter, Bauern und Mittelständler ihrer Länder zu befriedigen, suchen sie die Unruhe und Unzufriedenheit der von ihnen beherrschten Volksmassen durch siegreiche Eroberungskriege zu Überwinden. Nach Hitlers Erzählungen ist die Ursache aller Leiden des deutschen Volkes der Mangel an Raum und an eigenen Rohstoffquellen. Die Wahrheit dagegen ist, daß auch Deutschland über genug Siedlungsland, über große Reichtümer verfügt, und daß ein friedfertiges Deutschland im friedlichen Güteraustausch mit anderen Völkern alle von ihm benötigten Rohstoffe bekommen kann. Das deutsche Volk leidet nicht darum Mangel, weil es in seinem Vaterlande an Lebens- und Bedarfsgütern fehlt, sondern weil unter der faschistischen Diktatur mit den brutalsten terroristischen Mitteln ganz einseitig nur die monopolkapitalistischen Klasseninteressen vertreten werden. In Deutschland fehlen nicht Raum und Güter, es fehlen nur die richtige Verteilung des Bodens und die gerechte Verteilung des Ertrages der von dem arbeitsamen deutschen Volke geleisteten Arbeit. Die Anwendung sozialistischer Wirtschaftsmethoden würde in dem wirtschaftlich und kulturell hochentwickelten Deutschland viel schneller noch und viel reichlicher als in dem ehemals so rückständigen Zarenreich ermöglichen, die Bedürfnisse Aller zu befriedigen. Nur die gewaltsame Verhinderung der gerechten Verteilung schafft den Mangel, den das faschistische Regime nicht durch Maßnahmen im Innern des Landes beseitigen kann und den es darum durch das Hinübergreifen über die Landesgrenzen, durch Eroberungen, beheben will.
Der Ruf nach Siedlungsland und nach Kolonien bedroht unmittelbar die nationalen und imperialistischen Interessen der anderen Staaten. So scharf auch der Gegensatz zwischen der kriegswütigen Hitlerdiktatur und der friedenswilligen Sowjetunion im Kampf um die Verhinderung des Krieges ist, Hitlers Eroberungspläne bedrohen viel unmittelbarer den Südosten und Westen Europas wie auch das englische Imperium. Die „Verständigungs"-reden an die Westmächte sind nichts als taktische Winkelzüge, die ebenso über die nächsten Absichten hinwegtäuschen sollen, wie die ständigen Aufrufe zum heiligen Krieg gegen den Bolschewismus. Könnte Hitler zuerst die ukrainische Kornkammer holen und die in „Mein Kampf" aufgezählten Eroberungsabsichten im Osten verwirklichen, so würde er angesichts seines abgrundtiefen Hasses gegen den sozialistischen Arbeiterstaat seine Zeit nicht mit Hetzreden gegen die Sowjetunion vergeuden; er hätte seinen Ritt gen Osten schon längst durchgeführt. Aber das heißt nicht, daß Hitler seinen imperialistischen Raubkrieg gegen die Sowjetunion aufgibt. Er hat ihn nur vertagt, weil die große militärische, wirtschaftliche und ideologische Macht der UdSSR ihm zunächst noch als ein zu großes Hindernis erscheint. Die Generale der Bendlerstraße wissen, daß ein nur auf die Kräfte des faschistischen Deutschland gestützter Überfall auf die Sowjetunion an dem gewaltigen Widerstand der Roten Armee und der sowjetischen Völker scheitern würde. Darum will Hitler vorerst die - Hegemonie in Europa erzwingen, um ganz Europa für seinen Kriegszug gegen den „Erbfeind" des Faschismus zu mobilisieren. Der Drang zur faschistischen Vormachtstellung in Europa aber bedroht unmittelbar alle anderen Länder.
Hitler und seine Paladine sehen in der Verwirklichung ihrer Eroberungspläne die Voraussetzung für die Stabilisierung ihrer Diktatur in Deutschland. Sie hoffen, vieles von ihren weitgehenden außenpolitischen Zielen durch Drohungen und Provokationen zu erreichen. Aber sie werden — wenn Drohungen allein nicht mehr genügen — losschlagen. Der Krieg ist ein unablösbares Kampfmittel der faschistischen Diktaturen; sie sind die aggressivsten Verfechter imperialistischer Eroberungspolitik, sie sind die Träger der Kriegsfront. Die Durchsetzung ihrer Absichten kann nur durch die Bildung eines übermächtigen Friedensblockes verhindert werden.

DIE SCHWANKENDE POLITIK DER DEMOKRATISCHEN GROSSMÄCHTE

Zwischen Kriegs- und Friedensfront schwanken die demokratischen Großmächte. Ihr Schwanken schafft eine unklare, völlig unberechenbare Situation in der internationalen Politik. So fest und zuverlässig — allerdings aus völlig entgegengesetzten ökonomischen, politischen und ethischen Interessen — die Sowjetunion in der Friedensfront und die faschistischen Diktaturen in der Kriegsfront stehen, so unsicher ist die Haltung der demokratischen Großmächte. Die Haltung aller demokratischen Staaten wird weitgehend von England beeinflußt, von dem Frankreich sich nicht trennen will, und von dem die kleineren Staaten die Garantie ihres Bestandes gegenüber faschistischen Vorstößen erwarten. Englands schwankende Politik wirkt gegen die Bildung eines festen Friedensblockes; es wird wahrscheinlich bis zum letzten Augenblick unklar bleiben, in welcher Front England kämpft, wenn es den für den Frieden wirkenden Kräften nicht gelingt, den Krieg zu verhindern.
Die demokratischen Staaten wollen in der gegenwärtigen Situation keinen Krieg; ihre schwache Haltung gegenüber den faschistischen Provokationen wird nicht unwesentlich auch von dem Wunsche bestimmt, den Frieden zu erhalten. Die demokratischen Großmächte haben für ihre kriegsgegnerische Haltung andere Gründe als die Sowjetunion. Das ist jedoch nicht entscheidend. Wichtiger ist die Tatsache, daß in der aktuellsten Frage der Weltpolitik, im Kampf um die Verhinderung des Krieges, ein übereinstimmender Wille als gemeinsame Grundlage für das Zusammengehen der demokratischen Großmächte mit der Sowjetunion gegeben ist. Die demokratischen Staaten wissen, daß die faschistischen Diktaturen den Weltkrieg vorbereiten, den sie vermeiden wollen, und den sie fürchten, weil er ihren Bestand und die in ihren Ländern herrschende Ordnung bedroht. Trotzdem sträuben sich die nichtfaschistischen Staaten, eindeutig an die Seite der Sowjetunion zu treten und sich in die Friedensfront gegen die faschistischen Kriegstreiber einzureihen; und so mußten sie Schritt um Schritt vor den außenpolitischen Provokationen der faschistischen Diktaturen zurückweichen; sie haben diese dadurch zu immer neuen Provokationen ermuntert.
Das schwächliche Verhalten der demokratischen Großmächte stärkt die Position der faschistischen Kriegstreiber, es vergrößert die Kriegsgefahr, die die moderne Zivilisation bedroht. Die Wirkung der schwankenden Politik Englands und Frankreichs ist der Welt bei dem imperialistischen Vorstoß Mussolinis gegen Abessinien und im Krieg um die Freiheit des spanischen Volkes plastisch demonstriert worden. Das aktive Eingreifen der faschistischen Mächte in den von ihnen entfachten spanischen Bürgerkrieg, die unverkennbaren imperialistischen Eroberungsabsichten des italienischen und deutschen Faschismus im Mittelmeer und in Marokko; der Versuch, sich durch den Sieg des Vasallen Franco Rohstoffe zu sichern, Spanien mit seinem afrikanischen Hinterland zu einer Kolonie und zu einer Aufmarschbasis der faschistischen Staaten für weitere imperialistische Vorstöße zu machen, — das alles bedroht nicht nur den Weltfrieden, sondern ist eindeutig gegen die nationalen Interessen Englands und Frankreichs gerichtet. Vor 1914 hätte eine so offenkundige Attacke zweifellos zu energischen Gegenmaßnahmen geführt, und, wenn diese nicht den gewünschten Erfolg gehabt hätten, zum Abwehrkrieg. 1937 aber haben England und Frankreich die früher selbstverständlich gewesene Energie vermissen lassen; sie haben alle Vorstöße gegen ihre Interessen ohne tatkräftige Gegenwehr hingenommen.
Was aber sind die Gründe dafür, daß die demokratischen Großmächte sich die faschistischen Vorstöße gefallen lassen, ohne sofort zu energischen Gegenaktionen zu greifen? Warum schwanken die demokratischen Staaten noch am Vorabend weltgeschichtlicher Entscheidungen unsicher hin und her?
Diese Fragen können nur dann zuverlässig beantwortet werden, wenn man den Dingen auf den Grund geht. wenn man die inneren Zusammenhänge der weltpolitischen Situation und der Herrschaftsverhältnisse in den demokratischen Ländern klarlegt. Über die Ursache der Schwankungen wird viel orakelt. Einmal soll die zeitweise Vernachlässigung der Rüstung und die dadurch bedingte militärische Schwäche Großbritanniens zum Ausweichen gezwungen haben. Natürlich ist die militärische Schlagkraft eines Landes nicht unwichtig für sein außenpolitisches Handeln, aber sie ist nicht die letzte entscheidende Ursache für Englands schwankende Haltung. Ein andermal sollen besonders raffinierte Versprechungen und geschickte taktische Schachzüge der faschistischen Diktatoren das Einschwenken der demokratischen Staaten in die Friedensfront verhindern. Jedoch alle diese spekulativen Betrachtungen über die endgültige Stellung der zwischen Kriegs- und Friedensfront hin- und herpendelnden Staaten sind müßig. Die Analyse der internationalen Situation ergibt, daß das Schwanken der demokratischen Staaten nicht nur taktischen Erwägungen entspringt, sondern tiefere, grundsätzliche Ursachen hat, die nicht durch taktische Winkelzüge aufgehoben werden können.
Das Entscheidende ist, daß sich seit dem letzten Kriege die weltpolitische Situation grundlegend geändert hat, und daß auf dieser neuen Basis die demokratischen Staaten, in denen der Kapitalismus noch herrscht, ihre außenpolitischen Entscheidungen nach neuen, der veränderten Situation angepaßten Prinzipien treffen. Vor 1914 war die Situation für die kapitalistischen Staaten wesentlich unkomplizierter als heute; sie ließen ihre Aussenpolitik eindeutig nur von ihren nationalen und imperialistischen Interessen bestimmen. Nach dem Auftreten zweier neuer Fakten in der Weltpolitik — der faschistischen Diktaturen auf der einen, und des sozialistischen Arbeiterstaates auf der anderen Seite — spielen andere, auch weltanschauliche Interessen eine größere Rolle; heute sind die kapitalistischen Machthaber in den demokratischen Staaten unsicher, ob sie die Entscheidung ihrer Aussenpolitik von ihrem nationalen und imperialistischen, oder von ihren engeren, besonderen kapitalistischen Klasseninteressen bestimmen lassen sollen. Die Konsequenz, die die kapitalistischen Machthaber in den demokratischen Staaten aus der veränderten weltpolitischen Situation gezogen haben, ist ihr Schwanken zwischen Kriegs- und Friedensfront. Die Konsequenz, die die Volker der demokratischen Staaten aus der veränderten weltpolitischen Situation ziehen müssen, ist ihr festes und einiges Auftreten für die Friedensfront, für das eindeutige Eintreten ihrer Vaterländer in die Kampffront gegen die faschistischen Kriegstreiber.
Vor dem letzten Weltkrieg herrschte in allen Ländern der Kapitalismus. Die verschiedenen Formen, unter denen er in den entscheidenden Staaten — in England, Deutschland, Frankreich, Rußland und den USA — seine Herrschaft ausübte, änderte nichts an der Tatsache, daß sich die wesentlichen Gegensätze der Großmächte aus dem Kampf der Kapitalisten um den Weltmarkt herausbildeten. Die Parolen, „Gegen den Zarismus", oder „Gegen den wilhelminischen Absolutismus" Krieg zu führen, entsprangen nicht weltanschaulichen Gegensätzen, sondern dem Bedürfnis, durch Vortäuschung weltanschaulicher Gegensätze die Arbeitermassen der verschiedenen Länder leichter für die gegenseitige Bekämpfung auf den Schlachtfeldern mobilisieren zu können. Die blutige Knute des Zarismus hat die deutschen Kapitalisten ebensowenig gestört, wie das undemokratische Regime des wilhelminischen Deutschland die Kapitalisten der westeuropäischen Demokratien störte. Die Entente gegen Deutschland war gewiß nicht aus weltanschaulichen Gründen zustande gekommen, den Anstoß zu ihrer Bildung gab die imperialistische Politik des wilhelminischen Deutschland, die — fast ebenso aggressiv wie Hitlers Außenpolitik — andere Großmächte bedrohte. Damals führte diese Bedrohung zum Zusammenschluß und schließlich zum Kriege. Der Feind wurde ganz eindeutig nur nach den nationalen und imperialistischen Interessen der kapitalistischen Länder bestimmt. Gegen das Land, das diese bedrohte, schlössen sich die anderen zusammen. Gleichgültig, welche Staatsform in den feindlichen und in den verbündeten Ländern herrschte. Da die Herrschaft der Regierenden in allen Ländern auf der gleichen ökonomischen Basis beruhte, war die verschiedene Staatsform kein Hindernis für die klare Bildung der Fronten nur nach den nationalen und imperialistischen Interessen. Darum war es gar nicht verwunderlich, daß das zaristische Rußland und das wilhelminische Deutschland sich im Kriege als Gegner gegenüber standen, während die Entente zwischen dem republikanischen Frankreich und dem zaristischen Rußland ohne große Schwierigkeiten wirksam werden konnte.
Die Geschichtsepoche, in der die kapitalistischen Staaten ihre außenpolitischen Entscheidungen ausschließlich nach ihren nationalen und imperialistischen Interessen bestimmten, ist mit dem endgültigen Siege der proletarischen Revolution in einem Lande abgeschlossen. Jetzt beruht die Herrschaft der Regierenden nicht mehr In allen Ländern auf der gleichen ökonomischen Basis. Auf einem Sechstel der Erde existiert die kapitalistische Klassenherrschaft nicht mehr. In einem riesigen Gebiet herrscht der Sozialismus, der aus dem alten morschen Zarenreich einen wirtschaftlich und militärisch starken Staat gemacht hat. Der erste Arbeiterstaat repräsentiert in der Weltpolitik eine gewaltige Macht, mit der die Großmächte in allen Kontinenten ernsthaft rechnen müssen. Der Sieg des Sozialismus in einem Lande hat aber nicht nur das Zarenreich umgestaltet, die Funktion Rußlands in der Weltpolitik und damit die weltpolitische Situation, er hat auch die Rolle der Arbeiterklasse in der Weltpolitik entscheidend verändert.
Die internationale Arbeiterbewegung war ohne Zweifel auch schon vor 1914 eine Macht, mit der die Kapitalisten bei den Klassenkämpfen in ihren Ländern ernsthaft rechnen mußten. Jedoch die Weltarbeiterklasse war noch nicht reif und stark genug, um selbständige internationale Politik zu betreiben und als handelnde Macht in die weltpolitischen Ereignisse unmittelbar einzugreifen. Der Zusammenbruch der sozialistischen Arbeiterinternationale im August 1914 bewies, daß es ihr damals noch an theoretischer Klarheit, an Zielbewußtheit und an Kraft fehlte, um die der Weltarbeiterklasse von der Geschichte gestellte Aufgabe zu erfüllen. Die Voraussetzungen für die Überwindung der 1914 hemmenden Mängel sind jetzt gegeben. Mit dem Auftreten eines mächtigen sozialistischen Arbeiterstaates in der Weltpolitik ist die Arbeiterklasse weit über ihre Bedeutung von 1914 hinausgeschritten. Erst jetzt wurde sie — zum ersten Male in der Geschichte — zu einer unmittelbar geschichtsbildenden Kraft, die ihre Macht auch in der internationalen Politik direkt einzusetzen vermag. Die Weltarbeiterklasse kann heute den weiteren Verlauf der Weltgeschichte entscheidend mitbestimmen. Die herrschenden kapitalistischen Mächte haben die neue geschichtliche Rolle der Arbeiterklasse in der Weltpolitik viel besser begriffen als viele Sozialisten; sie lassen darum bei ihren außenpolitischen Entscheidungen neuerdings auch ihre unmittelbaren inneren Klasseninteressen und weltanschauliche Gründe mitsprechen. Die internationale Arbeiterbewegung muß aus den veränderten Verhältnissen ebenso Lehren ziehen wie ihr kapitalistischer Gegenspieler.
Es ist nicht zwangsläufig, daß die Arbeiterklasse den weiteren Verlauf der weltgeschichtlichen Entscheidung ausschlaggebend bestimmen muß; sie kann das nur. wenn sie einig und geschlossen ist und in unzertrennlicher Verbundenheit mit dem ersten sozialistischen Arbeiterstaat handelt. Nur dann wird sie ihre volle Kraft ausnützen und die ihr von der Geschichte gestellte Aufgabe erfüllen können: den Weltsieg des Faschismus zu verhindern, die niedergehende Klassenherrschaft des Kapitalismus direkt abzulösen und die Menschheit auf eine höhere Stufe der Entwicklung zu führen.
Die kapitalistischen Mächte in den demokratischen Staaten empfinden das Vorhandensein eines mächtigen Arbeiterstaates als eine Bedrohung ihrer Klasseninteressen. Sie wissen, daß die bedeutende Rolle, die die Sowjetunion als immer mächtiger werdender Staat in der Weltpolitik spielt, auch die ideologische Wirkung der UdSSR auf die Arbeitermassen in allen Ländern erhöht hat. Der gewaltige Aufstieg, der sich in der UdSSR inmitten der Weltwirtschaftskrise vollzog, bewies in der Praxis die Überlegenheit des sozialistischen Systems über das kapitalistische. Der erste Arbeiterstaat hat bewiesen, daß der Sozialismus die Krise überwinden und die Produktion steigern kann, ohne daß die Mehrproduktion zu neuen Krisen führt. Während in der kapitalistischen Welt die Aufspeicherung des unverbrauchten Verdienstes der Kapitalisten immer schwerere Wirtschaftskrisen erzeugte und so Millionen Menschen arbeitslos machte und zum Hungern verurteilte, konnte die UdSSR alle Hände beschäftigen und eine neue, bessere Wirtschaft aufbauen. Die Sowjetunion hat die Richtigkeit der marxschen Theorie bewiesen, daß erst die Befreiung der Produktionsmittel aus den Händen der Kapitalisten die gewaltigen Fortschritte der Technik und des Geistes dem ganzen Volke dienstbar macht. Darum wirken die Erfolge des sozialistischen Aufbaus in dem ersten Arbeiterstaat in steigendem Maße revolutionierend auf die Proletarier in der ganzen Welt. Die bange Sorge der Kapitalisten ist, daß die Arbeiter in ihren Ländern immer deutlicher das aus dem Osten kommende Licht wahrnehmen und die aus der erfolgreichen sozialistischen Wirklichkeit tönende Mahnung beherzigen: in ihrer Heimat ebenso wie in dem damaligen Zarenreich den Kapitalismus zu überwinden, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen und die Bahn frei zu machen für einen stabilen, zukunftssicheren wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg.
Der Sieg des Faschismus in Deutschland hat die Situation für die demokratisch-kapitalistischen Staaten noch mehr kompliziert. Während vor dem Auftreten Hitlers normale, gleichwertige imperialistische Interessen der imperialistischen Großmächte gegeneinander stießen, bedroht jetzt der gesteigerte Überimperialismus machtlüsterner Diktatoren auf Schritt und Tritt und in allen Ecken Europas die nationalen Interessen der demokratischen Staaten. Würde die außenpolitische Stellungnahme der demokratischen Staaten nicht auch noch von anderen als nationalen Interessen beeinflußt, so würden sie zusammen mit der Sowjetunion den übermächtigen Friedensblock bilden, der jeden Friedensstörer zur sicheren Niederlage verurteilt, der ihn zwingt, den Angriff zu unterlassen, und den Frieden zu wahren. Die viel verbreitete Meinung, daß die demokratischen Großmächte in den entscheidenden Situationen zwangsläufig im demokratischen Staatenblock gegen den faschistischen stehen werden, beruht auf trügerischen und darum gefährlichen Hoffnungen. Die demokratische Staatenfront ist eine fiktive. Die noch so ernst gemeinte demokratische Verfassung eines kapitalistischen Staates ist keine Garantie für die Stellungnahme der demokratischen Staaten gegen die faschistischen Diktaturen. Die Politik der kapitalistischen Klassen richtet sich nicht nach den in ihrem Vaterland publizierten, und von ihnen auch anerkannten politischen Ideen, sondern nach ihren materiellen Interessen.
Die demokratischen Staaten haben eine durchaus ehrliche Abneigung gegen die zum Krieg treibende Politik der faschistischen Diktaturen. Ihre nationalen Interessen verlangen ihre eindeutige Stellungnahme für die Friedensfront. Wäre die Sowjetunion der aggressive Kriegstreiber, und wären die faschistischen Diktaturen die Stützen der Friedensfront, so würden die kapitalistischen Machthaber der demokratischen Staaten hemmungslos die Friedensfront verstärken. Weil aber unzweifelhaft die faschistischen Diktaturen die Friedensstörer sind, muß die Friedensfront naturnotwendig antifaschistisch sein. Die Identität der Friedensfront mit der antifaschistischen Front erschwert den kapitalistischen Machthabern in den demokratischen Staaten die eindeutige Stellungnahme. In der antifaschistischen Front ist die Sowjetunion die stärkste Kraft. Die Staatsmänner — besonders Englands — fürchten, daß die Sowjetunion zusammen mit den ihr ideologisch oder (ohne Unterschied der Parteirichtung) gefühlsmäßig verbundenen Arbeitermassen in der antifaschistischen Friedensfront eine unüberwindbare Macht wird, die nach Niederwerfung der faschistischen Diktaturen — auf die sie zunächst alle Kraft konzentriert — nicht stehen bleibt. Sie fürchten, daß diese Macht nach der Erreichung des ersten entscheidenden Zieles weiter vorwärts schreiten wird, um auch die Ursache von Krieg und Faschismus — die kapitalistische Gesellschaftsordnung — zu überwinden.
Die kapitalistischen Mächte in den demokratischen Staaten wollen um jeden Preis ihre herrschende Stellung behaupten. Aber sie wissen nicht, durch welche Entscheidung sie das am besten erreichen. Das eben ist der Zwiespalt, in den sie die veränderte weltpolitische Situation gebracht hat. Sie sind unsicher, ob sie ihre Herrschaftsstellung behaupten können, wenn sie in einer Front mit der Sowjetunion zunächst den imperialistischen Vorstoß der aggressiven faschistischen Diktaturen gegen ihre nationalen Interessen entscheidend zurückschlagen und dadurch den Sturz der faschistischen Diktaturen herbeiführen helfen — oder wenn sie in der Front mit Hitler und Mussolini den ersten Stoß gegen den ihre Machtstellung ideologisch bedrohenden sozialistischen Arbeiterstaat führen. Sie sind unsicher, wie sich bei der Entscheidung für die zweite Möglichkeit ihre Völker verhalten werden, ob deren Auftreten an der Seite der Sowjetunion nicht gleichfalls zum Sturz ihrer Herrschaft führt. Sie fürchten außerdem, daß die überspitzte Gewaltherrschaft des Faschismus nach einer kurzen Übergangszeit schneller und sicherer zum endgültigen Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft führt. Für welchen Weg sie sich auch entscheiden, sie fürchten, später von dem Bundesgenossen erdrückt zu werden, mit dem zusammen sie den gefährlichsten Gegner niedergeworfen haben.
Die Männer und Mächte, die zum Beispiel Englands Politik bestimmen, sind gewiß nicht für Hitlers machtlüsternes Diktaturregime, das die ganze Welt beunruhigt, — aber sie fürchten den Sieg der Arbeiterklasse. Sie möchten sich gern für das kleinere Übel entscheiden, aber sie sind im Zweifel, was im entscheidenden Augenblick das kleinere Übel sein wird. Sie wissen nicht, ob es ihnen nach der Niederwerfung der einen „ideologischen Front" gelingen wird, dem von ihnen ausgewählten kleineren Übel gegenüber die Entscheidung zugunsten ihrer nationalen kapitalistischen Interessen herbeizuführen.
England will sich — wie die englischen Regierungsmänner in allen außenpolitischen Reden erklären — weder in eine weltanschauliche Front einreihen, noch an einem Weltanschauungskrieg beteiligen. Diese Erklärungen richten sich ebenso gegen die Bildung einer demokratischen Friedensfront, wie gegen Hitlers antibolschewistische Staatenfront für den heiligen Krieg gegen die Sowjetunion. Hitler und Mussolini rechnen bei der Durchführung ihrer provokatorischen Außenpolitik mit der Angst der kapitalistischen Machthaber in den demokratischen Staaten vor der ideologischen Fernwirkung des ersten Arbeiterstaates. Hitler propagiert seine weltanschauliche Front nur, um die kapitalistischen Interessen in den demokratischen Ländern für die Erreichung seiner — die demokratischen Staaten bedrohenden — imperialistischen Ziele auszunützen. Es ist darum zweifellos notwendig. Hitlers Spekulationen zu stören und seinen Bemühungen, eine Front der kapitalistischen Staaten gegen die Sowjetunion zu bilden, entschieden entgegenzuwirken. Aber trotzdem ist kaum zu bezweifeln, daß bei den weltpolitischen Entscheidungen unserer Zeit, im Gegensatz zu 1914, weltanschauliche Interessen hineinspielen werden. Im gewissen Sinne entscheiden auch bei der Problemstellung Krieg oder Frieden, faschistische Diktatur oder Demokratie, weltanschauliche Gesichtspunkte mit. Die konsequente Verneinung dieser Tatsache durch die Staatsmänner der demokratischen Staaten führt zu ihrer unrealen, illusionären Politik, die letzten Endes nicht der Erhaltung des Friedens, sondern den Kriegstreibern dient.
Aus der Identität der antifaschistischen Front mit dem Friedensblock ergibt sich die widerspruchsvolle, schwankende Haltung der demokratischen Großmächte, die ihren Willen und ihre Aktionen zur Verhinderung des Krieges durch die Ablehnung der antifaschistischen Friedensfront selbst sabotieren. Die herrschenden kapitalistischen Mächte der demokratischen Staaten wollen die Quadratur des Kreises lösen: sie wollen den Frieden erhalten, aber die faschistischen Diktaturen nicht stürzen; sie wollen die aggressive, zum Krieg treibende Politik der faschistischen Diktaturen liquidieren, aber sich nicht für die antifaschistische Front entscheiden.
Das Lebensinteresse der Völker in den demokratischen Staaten erfordert Stellungnahme für die antifaschistische Friedensfront, das egoistische Sonderinteresse der kapitalistischen Klassen hindert die eindeutige Frontstellung der demokratischen Großmächte gegen die faschistischen Kriegstreiber.

DIE AUFGABEN DER INTERNATIONALEN ARBEITERBEWEGUNG

Wir stehen vor Entscheidungen von weltgeschichtlicher Bedeutung. Wie diese Entscheidungen ausfallen, ob die Menschheit unter die „eiserne Ferse" des Faschismus gezwungen oder die Bahn für den Aufstieg zu einer höheren Gesellschaftsform freimachen wird, in der alle Menschen in Frieden und Wohlstand leben können, das hängt vor allem davon ab, ob die Weltarbeiterklasse als gewaltige Macht unmittelbar in die Weltpolitik einzugreifen vermag.
Alle Voraussetzungen für das Auftreten der Arbeiterklasse als machtvolle geschichtsbildende Kraft sind gegeben. Das ist das positive Ergebnis der veränderten weltpolitischen Situation. Die negative Nebenwirkung des Machtzuwachses der Arbeiterklasse ist die schwankende Haltung der demokratisch-kapitalistischen Staaten gegenüber der den Frieden bedrohenden Politik Hitlers und Mussolinis. Zwei Seelen wohnen doch, in der Brust der herrschenden Mächte dieser Staaten. Auf welche Seite sie sich endgültig stellen, das wird sich wahrscheinlich erst in der letzten Stunde entscheiden. Die konkrete Aufgabe der Arbeiterklasse in allen Ländern ist es, ihre Vaterländer zu einer eindeutigen Stellungnahme zu veranlassen: zum Beitritt in den dann übermächtig werdenden Friedensblock, der den faschistischen Diktaturen den Ausweg in den Krieg versperrt und den Untergang der modernen Zivilisation verhindert.
Wann und wie die endgültige Entscheidung der demokratischen Staaten fällt, wird im wesentlichen von zwei Faktoren bestimmt werden:
Erstens davon, ob die faschistischen Diktaturen bei der fortgesetzten Steigerung ihrer aggressiven imperialistischen Politik die Grenze überschreiten, die die demokratischen Großmächte bei der Wahrnehmung ihrer nationalen Lebensinteressen ziehen müssen. Diese Grenze ist — wie die Geschehnisse in den letzten Jahren beweisen — sehr elastisch, sie ist immer weiter rückwärts verlegt worden. Aber sie wird den Punkt erreichen, an dem die Überschreitung durch faschistische Provokationen die demokratischen Großmächte zur Gegenwehr zwingt.
Zweitens davon, wie groß die Einsicht, der Wille und der Einfluß der Arbeiterklasse in den demokratischen Ländern ist, um diese zur eindeutigen Stellungnahme für die demokratische, antifaschistische Friedensfront zu bringen.
Die provokatorische Außenpolitik der faschistischen Diktaturen hat in allen von ihr bedrohten Ländern günstige Voraussetzungen für erfolgreiche Aktionen zur Stärkung der Friedensfront geschaffen. Der entscheidende subjektive Faktor, der diese günstige objektive Situation zielbewußt ausnutzen muß, ist die Arbeiterbewegung. Die Größe ihrer Macht und ihres Einflusses, die sie in den einzelnen Ländern für die Erfüllung ihrer nächsten Aufgabe einzusetzen vermag, wird nicht zuletzt von dem Grad ihrer Einigkeit und Geschlossenheit bestimmt. Die Bildung einer aktionsfähigen Einheits- und Volksfront ist darum sowohl im nationalen, wie im internationalen Rahmen eine unablösbare Pflicht. Wer heute noch die gemeinsame antifaschistische Kampffront als Parteimanöver behandelt oder betrachtet, verkennt die bedeutende geschichtliche Rolle der Arbeiterklasse am Vorabend weltgeschichtlicher Entscheidungen. Die Volksfront und die Voraussetzung für diese, die Einheitsfront, dienen nicht egoistischen Interessen eines Teiles der Arbeiterbewegung, sie sind vielmehr Kampfmittel aller Werktätigen für ihren Kampf um Freiheit und Fortschritt, für den Aufstieg der Menschheit aus den Niederungen der steten Bedrückung und Bedrohung. Die Arbeiterparteien der verschiedenen Länder können die Frage der gemeinsamen antifaschistischen Kampffront nicht mehr nur nach innerpolitischen Gesichtspunkten entscheiden, sie müssen ihre Entscheidung nach den Bedürfnissen des umfassenden internationalen Befreiungskampfes des Proletariats treffen. Von dem Tempo, in dem die Einheits- und Volksfront in den einzelnen Ländern zustande kommt, von dem Tempo, in dem die Weltarbeiterklasse zu einem entscheidenden Machtfaktor in der internationalen Politik wächst, wird es abhängen, ob den Völkern der furchtbarste aller Kriege erspart werden kann, ob — wenn die Verhinderung des Krieges trotz aller Anstrengungen nicht gelingt — in diesem Kriege der Faschismus vernichtend geschlagen wird, und ob die Ursachen von Krieg und Faschismus beseitigt werden können. Die geschichtliche Entwicklung wird die Richtigkeit dieser Behauptung erweisen. Hoffentlich müssen Historiker nicht einmal feststellen, daß diese Erkenntnis sich erst zu spät in den einzelnen Arbeiterparteien durchgesetzt hat.
Die Einheits- und Volksfront, die in den demokratischen Ländern starken Einfluß besitzt, kann diese zur Entscheidung für die antifaschistische Friedensfront zwingen. Ist ihr Druck jedoch noch nicht stark genug, um ihr Land eindeutig in den Friedensblock zu führen, so kann sie — wenn sie im Volke fest verankert ist — doch das Einschwenken ihres Vaterlandes in die faschistische Front verhindern. Auf jeden Fall wird es von der Einheits- und Volksfront abhängen, ob die herrschenden kapitalistischen Mächte der einzelnen Länder vor dem Kriege an der Seite der faschistischen Diktaturen zurückschrecken werden. Wenn nicht für die Staatsmänner, so gewiß für die Völker der demokratischen Staaten, wird im Kriege die gesinnungsmäßige Frontenbildung davon bestimmt werden, daß auf der einen Seite die faschistische Diktatur, auf der anderen Seite der sozialistische Arbeiterstaat steht. Ebenso wie die Situation, ist auch die Stimmung der Volksmassen eine wesentlich andere als 1914. Die zielbewußte Ausnutzung dieser Tatsache ist die Pflicht der antifaschistischen Bewegung. Müssen die Herrschenden aller Länder damit rechnen, daß in einem Kriege, den sie an der Seite der faschistischen Diktaturen führen wollen, große Volksmassen gegen sie auftreten werden, so wird die Angst vor dem Risiko dieses Krieges ihre endgültige Entscheidung nicht unwesentlich beeinflussen. Eine mächtige, einig handelnde antifaschistische Kampffront kann unmittelbar oder mittelbar den Friedensblock so stark machen, daß die faschistischen Kriegstreiber den Überfallkrieg gegen einzelne Staaten nicht mehr wagen können.
Die nächsten großen Entscheidungen fallen auf dem Boden der internationalen Politik. Brennend wichtig ist darum die internationale Einheitsfront aller demokratischen Kräfte — ohne Unterschied der Parteirichtung — mit der Sowjetunion. Die neue internationale Situation fordert klare Frontenbildung; sie verlangt besonders von allen Teilen der internationalen Arbeiterbewegung eine eindeutige Stellungnahme. Das gemeinsame Interesse der Weltarbeiterklasse gebietet, daß in dem gewaltigen Ringen unserer Zeit alle Teile der internationalen Arbeiterbewegung Schulter an Schulter mit der Sowjetunion kämpfen. Nur dann wird die Arbeiterklasse das positive Ergebnis der veränderten weltpolitischen Situation, als geschichtsbildende Kraft die nächsten Entscheidungen zu bestimmen, auch positiv auswerten können.

DIE SOWJETUNION UND DIE SOZIALDEMOKRATIE

Von der Parteien Haß und Liebe gezeichnet, schwankt das Bild der Sowjetunion in den zeitgenossischen Betrachtungen. Kein Land hat in den letzten zwei Jahrzehnten die Aufmerksamkeit der Menschen aller Erdteile so auf sich gelenkt wie die UdSSR. Die Einen bejahen mit Begeisterung das neue Werden im Osten. Die Anderen verfluchen es als ein Teufelswerk der Hölle. Die Dritten schwanken zwischen diesen beiden Extremen hin und her, finden Fehler und Mängel, mit denen sie ihre unschlüssige Haltung begründen. Alle aber bekunden — durch positive oder negative Stellungnahme — die große Bedeutung der UdSSR in den Kämpfen unserer Zeit. Und in der Tat; künftige objektive Historiker werden feststellen, daß mit dem Siege der proletarischen Revolution in einem Lande und mit der Sicherung und Festigung dieses Sieges der Durchbruch in eine neue Epoche gelungen ist:
daß der Aufbau des ersten sozialistischen Arbeiterstaates die größte geschichtliche Leistung der Vergangenheit war, der erste entscheidende Schritt, der auf dem Wege zur Verwirklichung des Sozialismus, zu einer höheren, vollkommeneren menschlichen Gesellschaft vorwärts gemacht wurde.
Jedoch nicht nur der rückschauende Historiker, auch der in der Geschichte aktiv handelnde politische Mensch muß die Kräfte und Mächte in der Weltpolitik, die großen Ereignisse und Veränderungen in ihrem geschichtlichen Zusammenhange betrachten. Dann aber wird er erkennen, daß die Sowjetunion zu einem Machtfaktor in der Weltpolitik geworden ist, von dessen Bestand und Stärke es entscheidend mit abhängt, ob die Menschheit durch den Sieg des Faschismus weit zurückgeworfen wird, in einen Zustand tiefster Barbarei — der dem heutigen Stand der Entwicklung vollkommen widerspricht — oder ob die zum Sturz reife kapitalistische Klassenherrschaft durch den Sozialismus abgelöst wird. Das Große, für den Befreiungskampf der Menschheit Bedeutungsvolle jedoch ist: die auf den Trümmern des alten morschen Zarenreiches entstandene Sowjetunion ist nur darum zu einem entscheidenden Machtfaktor in der Weltpolitik geworden, weil die siegreiche proletarische Revolution die kapitalistische Klassenherrschaft rücksichtslos vernichtete, die Produktionsmittel vergesellschaftete, und mit sozialistischen Wirtschaftsmethoden in atemberaubendem Tempo einen gewaltigen ökonomischen Aufbau vollzog. Erst die Entfesselung der vom kapitalistischen Profitinteresse niedergehaltenen Produktivkräfte, erst die Befreiung der Menschen aus der kapitalistischen Sklavenfron hat die Sowjetunion befähigt, alle wirtschaftlichen und menschlichen Kräfte für den Aufstieg und für die Verteidigung der Heimat zu mobilisieren. Ohne den sozialistischen Aufbau wäre die UdSSR nie die große wirtschaftliche und militärische Macht in der Weltpolitik geworden, die auch die Waffen zu gebrauchen versteht, mit denen die kapitalistische Klassenherrschaft noch heute über fünf Sechstel der Erde aufrechterhalten wird, und vor denen allein die Herren der kapitalistischen Weltordnung Respekt haben.
Von manchen aus den Reihen der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Kritikern der Sowjetunion wird bestritten, daß die in harten Kämpfen unter großen Opfern aufgebaute Macht der UdSSR auch tatsächlich für den Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt wirkt. Die Geschichte der russischen Revolution, die objektive Analyse der Entwicklung und der Politik der Bolschewistischen Partei beweist, daß die Zweifel der Kritiker unberechtigt sind. Die endgültige Sicherung des ersten Arbeiterstaates ist eng verbunden mit dem sozialistischen Vormarsch in den anderen Ländern. Das ureigenste Interesse gebietet der Sowjetunion, für den Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt zu wirken. Aber der Weltsieg des Sozialismus kann nicht ohne den Machteinsatz der Weltarbeiterklasse erfochten werden. Die internationale Arbeiterbewegung ist der entscheidende Machtfaktor im Weltkampf um den Sozialismus; ihre Kraft und die Festigkeit ihres Bündnisses mit der Sowjetunion wird den Ausgang des Kampfes um eine neue Weltordnung bestimmen. Die internationale Arbeiterbewegung kann eine große, gewaltige Kampfkraft entfalten. Aber die ideologische Verwirrung in ihren Reihen, ihre Uneinigkeit und die gegenseitige Bekämpfung der verschiedenen Gruppen machen sie zeitweise aktionsunfähig, hindern nur zu oft in entscheidenden Situationen den vollen Einsatz ihrer Macht.
Es ist unbestreitbar, daß die Kampffront für den Sozialismus in den kapitalistischen Ländern heute noch nicht so stark ist wie die Sowjetunion. Jedoch auch die internationale Machtposition der UdSSR ist in weitgehendem Maße abhängig von der Stärke der internationalen Arbeiterbewegung. Ist diese aktionsunfähig, wird dadurch auch die Stoßkraft der Sowjetunion geschwächt. Gerade die durch Uneinigkeit verschuldete Schwäche der internationalen Arbeiterbewegung ist es, die oft den von ungeduldigen Kritikern geforderten Einsatz der Sowjetmacht an allen Kampffronten erschwert. Wie schicksalhaft die zwei entscheidenden Faktoren in der Kampffront für den Sozialismus miteinander verbunden sind, wird am deutlichsten dadurch charakterisiert, daß die Größe der Aktionsfähigkeit des einen von der des anderen bedingt wird, daß die Stoß- und Wirkungskraft beider von ihrem gegenseitigen Verhältnis abhängt. Steht die internationale Arbeiterbewegung einig und geschlossen in enger Kampfgemeinschaft, sieht sie in dem ersten Arbeiterstaat mehr noch als einen Verbündeten, so wird sie dadurch gewaltig erstarken und in der Wechselwirkung auch die Aktionskraft der Sowjetunion bedeutend steigern; andererseits wird durch die erhöhte Aktionskraft der Sowjetunion die Machtposition der Internationalen Arbeiterbewegung vergrößert. Außerdem wird der von einer mächtigen, einigen internationalen Arbeiterbewegung unterstützte Arbeiterstaat manche zeitweilig notwendigen Konzessionen und Kompromisse unterlassen können und damit vielen Kritikern die Möglichkeit zu ihrer verwirrenden Kritik nehmen. Die ideologische Klärung wird sich viel rascher vollziehen, und auch dadurch wird die internationale Arbeiterbewegung unvergleichlich stärker, mächtiger und einflußreicher werden, als sie heute ist. Der Ausgangspunkt für die Überwindung aller vorhandenen Schwierigkeiten und Schwächen ist jedoch die gemeinsame Kampffront der gesamten internationalen Arbeiterbewegung und ihre unerschütterliche Kampfgemeinschaft mit der Sowjetunion. Darum ist es eine unumgängliche Pflicht, alle proletarischen Kräfte zum einheitlichen Handeln zusammenzufassen und den festen Kampfblock der Weltarbeiterklasse mit der Sowjetunion zu schmieden. Das unerschütterliche Zusammenwirken der beiden entscheidenden geschichtlichen Kräfte in der Front gegen Krieg und Faschismus wird den Weltsieg des Sozialismus wesentlich beschleunigen.
Es geht um Sein oder Nichtsein. Wir stehen vor dem großen Kampf, dem keiner sich entziehen kann. Die herannahende Entscheidung verlangt gebieterisch die Geschlossenheit aller proletarischen Kräfte und deren klare, eindeutige Stellungnahme zur Sowjetunion. Die geschichtliche Situation duldet in dieser Frage kein Ausweichen mehr. Wer den Faschismus schlagen will, kann nicht mehr „Ja aber" oder „Ja und Nein", der muß eindeutig Ja zur Sowjetunion sagen. Wer dieses klare Ja verweigert oder abschwächt, gerät — wenn er nicht schon dort steht — auf die falsche Seite der Barrikade.
Die faschistischen Feinde der Arbeiterklasse haben die große geschichtliche Bedeutung der Sowjetunion in den Kämpfen unserer Epoche klarer erkannt als große Teile der Weltarbeiterklasse. Die Faschisten fürchten in dem von ihnen vorbereiteten Kriege nicht nur die gewaltige militärische und wirtschaftliche Macht der Sowjetunion, sondern auch die ideologische Fernwirkung des sozialistischen Arbeiterstaates auf ihre eigenen Volksgenossen. Darum betreiben sie eine ununterbrochene systematische Hetze gegen die Sowjetunion; sie wollen durch Lügen und Verleumdungen die Sympathien der freiheitlich gesinnten Massen ihrer Länder für die UdSSR zerstören. Endlos werden Märchen von dem verhungernden russischen Volke aufgetischt, entrüstet wird berichtet, daß in der Sowjetunion zehntausende edler Menschen in besonders fürchterlichen unterirdischen Gefängnissen schmachten, daß die Zahl der täglich zu Erschießenden generell auf 150 festgesetzt ist. Die Hetze gegen die Sowjetunion erfolgt nach dem in „Mein Kampf" von Hitler niedergeschriebenem Rezept, daß eine Lüge nur groß genug sein muß, um geglaubt zu werden. Die Mehrheit der deutschen Arbeiterschaft fällt auf die faschistischen Hetzreden gegen die Sowjetunion nicht mehr herein. Aber es gibt trotzdem noch genug Arbeiter, und vor allem Angehörige anderer Klassen, die von den Lügen der Faschisten zumindest so weit beeindruckt werden, daß sie, auch wenn sie dem Faschismus gegenüber bereits eine negative Haltung einnehmen, zu keiner positiven Kampfstellung gelangen. Schon allein darum ist die Widerlegung dieser Märchen und die sachliche Aufklärung der Massen über die wirkliche Entwicklung in der Sowjetunion dringend notwendig. Mehr noch als durch die Lügen der Faschisten werden die Volksmassen in den kapitalistischen Ländern bei der Stellungnahme zum ersten Arbeiterstaat durch die oft unsachliche Kritik angeblicher Freunde der UdSSR verwirrt. Diese Kritik wird überall von den Faschisten als „wichtiges Material" für ihre Lügen aufgegriffen und aufgebauscht.
Die Kritik der angeblichen Freunde der Sowjetunion stützt sich auf Fehler oder Mängel, die sich zeitweise ergaben, und die — aufgebauscht — als Dauererscheinungen und als entscheidendes Charakteristikum der Sowjetgesellschaft dargestellt werden. Diese Kritiker haben die große geschichtliche Tat, die der Aufbau des ersten Arbeiterstaates inmitten der kapitalistischen Umwelt ist, nicht begriffen. Es gibt in der Geschichte keine epochemachende Leistung, die in ihrem Entfaltungsprozeß nicht mit Mängeln behaftet gewesen wäre. Niemand anders als Karl Marx hat immer wieder darauf hingewiesen, daß die proletarische Revolution unvergleichlich schwierigere Aufgaben zu lösen hat als die bürgerlichen Revolutionen. Die größten Schwierigkeiten der proletarischen Revolution beginnen erst nach dem ersten siegreichen Vorstoß, nach der politischen Machteroberung, — wenn nach der Zerschlagung des kapitalistischen Machtapparates ein vollständig neuer Machtapparat aufgebaut und die grundlegende Umwälzung der ökonomischen Fundamente der Gesellschaft durchgeführt werden muß. Die bürgerlichen Revolutionen, die auf den für ihren Sieg herangereiften Verhältnissen nur weiter zu bauen brauchten, hatten es leichter, — und trotzdem weist ihre Geschichte unzählige Mängel und Fehler auf. Aber kein fortschrittlicher Mensch macht seine Stellung zu dem Ergebnis dieser Revolutionen, die eine neue Epoche in der Geschichte einleiteten, von den vielfältigen Fehlern abhängig. Wäre aber schon die Durchführung der proletarischen Revolution, wenn sie gleichzeitig in mehreren hochentwickelten Industrieländern gesiegt hätte, viel schwieriger als jede bürgerliche Revolution gewesen, so mußten die Schwierigkeiten unermeßlich sein, da der Sieg der proletarischen Revolution auf ein einziges rückständiges Agrarland beschränkt blieb.
Die siegreiche proletarische Revolution in dem rückständigen Zarenreich, die inmitten der kapitalistischen Umwelt den sozialistischen Aufbau beginnen mußte, hatte darum nach dem Ausbleiben der proletarischen Revolution in anderen Ländern unendlich viel größere Schwierigkeiten zu überwinden als jede andere geschichtliche Umwälzung in der Vergangenheit. Unter den gegebenen Umständen konnte es im Ringen um die Erhaltung der Oktoberrevolution nicht gradlinig aufwärts gehen. Es waren zeitweise Rückzüge, Konzessionen und Kompromisse ebenso notwendig wie harte Maßnahmen gegen diejenigen, die sich aus Feindschaft oder Kurzsichtigkeit, aus Verärgerung oder Ungeduld der planmäßigen Entwicklung zur neuen Gesellschaft entgegenstellten. Der Marxist weiß, daß die Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische nicht über Nacht, durch einen alles bisherige Sein auf den Kopf stellenden einmaligen Akt, vollbracht werden kann. Selbst unter den günstigsten objektiven Voraussetzungen — bei gleichzeitigem Siege der proletarischen Revolution in mehreren fortgeschrittenen Ländern — entwickelt sich die neue sozialistische Gesellschaft nur in langwierigen, schweren Kämpfen aus dem Schöße der kapitalistischen Gesellschaft; und sowohl die Verhältnisse, wie die Menschen sind in den ersten Stadien der sozialistischen Gesellschaft noch mit den Muttermalen der kapitalistischen Gesellschaft behaftet.
Unter den besonders schwierigen und komplizierten Verhältnissen, unter denen nach der Oktoberrevolution der Aufbau des Sozialismus in einem Lande in Angriff genommen werden mußte, sind Fehler und Mängel unvermeidlich gewesen. Es ist begreiflich, daß der marxistisch ungeschulte Mensch in der Entwicklung der Sowjetunion unklare und verwirrende Bilder sah, seinen Blick an diesen haften ließ und darüber hinaus nicht die geschichtliche Leistung des Aufbaus des ersten sozialistischen Arbeiterstaates erkannte. Bis zum endgültigen Siege des Sozialismus in der ganzen Welt werden allen siegreichen proletarischen Revolutionen Mängel anhaften, werden aus der Situation inmitten der kapitalistischen Umwelt und im Zusammenhang mit den Aktionen der Gegner taktische Maßnahmen notwendig sein, die wie Rückzüge aussehen oder als Fehler erscheinen. Das Entscheidende jedoch ist, ob die Bewegung, die an der Spitze der siegreichen proletarischen Revolution steht, das revolutionäre Ziel immer vor Augen hat und unerschütterlich an ihm festhält. Das Entscheidende ist, daß sie die Macht und die Fähigkeit besitzt, notwendig gewesene Konzessionen aufzuheben — sobald sie im Zuge der Entwicklung nicht mehr notwendig sind oder dem revolutionären Ziel gefährlich werden könnten. Die zwanzigjährige Geschichte der Sowjetunion hat bewiesen, daß die leninsche Partei als Führerin der russischen Revolution in jeder Situation unverrückbar am revolutionären Ziel festgehalten hat, und daß sie mit dem Blick darauf — getreu der Lehre ihres Begründers — immer das nächste Kettenglied packte und alle zeitweisen Konzessionen rechtzeitig wieder zu liquidieren vermocht hat. Zwei Jahrzehnte nach dem Siege der Oktoberrevolution ist der Sozialismus das unbestritten herrschende Wirtschaftsprinzip in der Sowjetunion. Die Stabilisierung der siegreichen proletarischen Revolution und der erfolgreiche sozialistische Aufbau in einem Lande sind eine epochemachende Leistung, die kein objektiver Kritiker und Historiker mehr bestreiten kann. Im Vergleich zu diesem Ergebnis sind Notfehler, die weniger durch die siegreiche Partei in der Sowjetunion, als durch das Ausbleiben der proletarischen Revolution in den anderen Ländern verschuldet sind, belanglos.
Die Sozialdemokratie, die viel zu lange die Sowjetunion als die Sache einer gegnerischen Partei und nicht als die Sache der internationalen Arbeiterklasse betrachtete, hat die in den Jahren mühseligen Ringens um den sozialistischen Aufbau entstandenen Mängel und Fehler maßlos übertrieben und zur Propaganda gegen die in der Sowjetunion verwirklichte Lösung benutzt. Die kritische, die oft mehr als kritische, ablehnende Haltung der sozialdemokratischen Bewegung gegenüber dem heroischen Kampf der russischen Arbeiterklasse hat wesentlich die Haltung der sozialdemokratischen Arbeitermassen in den kapitalistischen Ländern beeindruckt und ihre positive Einstellung zum ersten Arbeiterstaat erschwert. Die gegen alle Widerstände durchgesetzten großen unbestreitbaren Erfolge des sozialistischen Aufbaus haben entscheidende Teile der sozialdemokratischen Kritik an der UdSSR widerlegt. Noch mehr aber hat die krisenhafte Zuspitzung der weltpolitischen Situation, die durch das Auftreten der faschistischen Diktaturen erfolgte, die große Bedeutung der Sowjetunion klargemacht. Unter dem Druck der geschichtlichen Entwicklung haben die Argumente reformistischer Kritiker ihre Wirkung auf große Teile der sozialdemokratischen Anhängerschaft verloren. Tatsachen sprechen eine zu deutliche Sprache. Auch die sozialdemokratischen Arbeiter haben trotz oft sehr entstellenden Berichten ihrer Presse über die Sowjetunion allmählich die grundsätzliche Bedeutung des ersten Arbeiterstaates erkannt. Besonders nach dem Siege Hitlers haben sie begriffen, daß nur der konsequent revolutionäre Weg einer proletarischen Partei den Übergang von der kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaftsordnung ermöglichen und dem Volke die furchtbare Herrschaft des Faschismus ersparen kann. Trotzdem ist die offizielle sozialdemokratische Kritik nicht verstummt. Aber ihre Form und die Objekte ihres Angriffes sind andere geworden. Es scheint wie ein Witz, daß dieselben Reformisten, die früher die leninsche Partei wegen der radikalen, konsequenten Durchführung der sozialen Revolution und der sich daraus ergebenden Konsequenzen angriffen, heute derselben Bolschewistischen Partei Preisgabe der Weltrevolution, angeblichen Verrat der Oktoberrevolution und die Vernichtung der „alten bolschewistischen Garde" vorwerfen. Die offiziellen sozialdemokratischen Kritiker der Sowjetunion grenzen sich zwar mehr oder weniger scharf von Trotzki ab; aber sie gebrauchen die Argumente der Trotzkisten als angeblichen Beweis dafür, daß die UdSSR nicht den Wünschen und Vorstellungen der unter dem Druck des Kapitalismus leidenden Massen entspricht. Aus der Situation innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung, aus der Zuspitzung der weltpolitischen Gegensätze erhält der Trotzkismus eine — allerdings zeitlich bedingte und begrenzte — ideologische Wirkungsmöglichkeit über den engen Kreis seiner Anhänger hinaus. Er liefert allen halben und ganzen Gegnern, allen offenen und versteckten Feinden der Sowjetunion das Rüstzeug für den Kampf gegen den ersten Arbeiterstaat. Er trägt in der Zeit, in der nichts so notwendig ist wie die gemeinsame Kampffront des Proletariats, Verwirrung in die Reihen der nichtrussischen Arbeiterschaft; er erschwert deren allgemeine, vollständige, eindeutige Stellungnahme für die UdSSR.
Daß der Trotzkismus gerade in dieser Zeit west- und mitteleuropäische Sozialdemokraten ideologisch zu beeinflussen vermag, hat aus der Entwicklung erwachsene Ursachen. Hitlers Sieg hat eine starke Linksentwicklung in den sozialdemokratischen Parteien ausgelöst, die große Teile der sozialdemokratischen Anhängerschaft in ein besseres Verhältnis zur Sowjetunion brachte. Aber die Sozialisten, die sich innerlich vom Reformismus abgewandt hatten und für den revolutionären Weg entschieden, wußten wegen der Vernachlässigung der sowjetrussischen Probleme in ihren Parteien zu wenig von der Geschichte der russischen Revolution. Ihre mangelnde Kenntnis der Kämpfe um die Sicherung der siegreichen proletarischen Revolution und den sozialistischen Aufbau machten sie unsicher. Die trotzkistischen Angriffe gegen die Sowjetunion verwirrten diese Sozialisten, und es bedrückte sie, daß die Bolschewistische Partei angeblich von dem revolutionären Wege abweicht, zu dem sie sich endlich mühselig durchgerungen haben. Gerade die Menschen, die der plötzliche Zusammenbruch ihrer reformistischen Illusionen tief erschütterte, waren für die am radikalsten klingenden Losungen zunächst besonders empfänglich. Sie wollten nach ihrer ersten gefühlsmäßigen Wandlung nichts mehr vom Kampf um Reformen wissen und nichts mehr von der mißverstandenen, in Deutschland so kläglich zusammengebrochenen Demokratie hören. Die ruckartige Wandlung von rechts nach links erzeugte bei den vom Reformismus enttäuschten Sozialdemokraten zwangsläufig ultralinke Stimmungen, aus denen heraus sie — die früher die Sowjetunion von rechts kritisierten — nunmehr den „von links" kommenden Einwänden gegen den Arbeiterstaat zugänglicher wurden. In der ersten Entwicklungsphase des ideologischen Wandlungsprozesses der Sozialdemokraten sind sie bei der Beurteilung trotzkistischer Argumente manchmal schwankend; sie finden aber schnell das eindeutige Verhältnis zur Sowjetunion, wenn sie die Zusammenhänge der russischen Revolution und deren Probleme nicht mehr nur gefühlsmäßig, sondern sachlich beurteilen können.
Der Kampf gegen Krieg und Faschismus verlangt gebieterisch die Sammlung aller proletarischen Kräfte zu einer geschlossen handelnden Einheit. Die Trotzkisten bemühen sich, um jeden Preis schwache Punkte im Sowjetregime zu „entdecken", um Mißtrauen gegen den Arbeiterstaat zu säen. Der Trotzkismus hat sich zu einer negativen Kraft entwickelt, die die werdende gemeinsame Kampffront der internationalen Arbeiterbewegung stört, die Massen verwirrt, und sie von einer eindeutig positiven Stellungnahme für die Sowjetunion abzuhalten versucht. Welchen Motiven das Handeln der Trotzkisten entspringen mag, mit welchen Argumenten man es zu begründen versucht, es dient in der zugespitzten weltpolitischen Situation ausschließlich den Feinden des Sozialismus.
Wir stehen in der Epoche der Entscheidungskämpfe um den Sozialismus. Im Kampf um die Verhinderung des Krieges reift die Situation heran, in der über das weitere Schicksal der Welt entschieden wird. Gelingt es einer übermächtigen Friedensfront, den Krieg zu verhindern, so wird die Hitlerdiktatur am Frieden ersticken. Kann Hitler den kriegerischen Ausweg nicht beschreiten, so werden krisenhafte Erschütterungen objektive Voraussetzungen für den Sturz der faschistischen Diktatur schaffen. Aus den Trümmern der Hitlerdiktatur wird aber nicht nur ein neues Deutschland, sondern ein neues Europa erstehen, das Faschismus, Kriegs- und Krisengefahr verbannen und auch die Ursachen dieser Übel beseitigen wird. Läßt aber der Faschismus sich auch von der stärksten Friedensfront nicht vom Kriegsabenteuer abhalten, dann werden im Kriege und im Anschluß an diesen Entscheidungen fallen, die die Welt viel mehr verändern werden, als das der letzte Krieg getan hat. Wie die Entscheidungen ausfallen werden, das wird von der Einigkeit und Schlagkraft der internationalen Arbeiterbewegung abhängen.
Betrachtet man die Aufgaben der Arbeiterklasse aus der Perspektive der weltgeschichtlichen Situation, dann erscheinen all die Streitereien der Arbeiterparteien um tagespolitische Differenzen klein und töricht. Es ist wahrlich an der Zeit, daß alle Sozialisten über den Tag hinaus ihre große geschichtliche Aufgabe sehen. Der Untergang kann nur verhindert werden, wenn der Front der faschistischen Kriegstreiber die einige antifaschistische Front gegenübergestellt wird.
Sowjetunion und internationale Arbeiterbewegung — das sind die beiden ausschlaggebenden Pfeiler der antifaschistischen Friedensfront. Sie müssen über alle Schwierigkeiten und Hemmungen hinweg fest zusammenstehen. Nur dann wird die Weltarbeiterklasse in der Zeit der Entscheidungen ihrer geschichtlichen Aufgabe gewachsen sein, nur dann wird sie fähig sein, das in der sozialen Entwicklung unnötige, grausige Zwischenspiel der faschistischen Weltherrschaft zu verhindern, nur dann wird sie stark und mächtig genug sein, um die zum Sturz reife kapitalistische Klassenherrschaft zu überwinden, um die Bahn frei zu machen für den Sozialismus, die „Brüderlichkeit der Menschheit".
Wer die gemeinsame Kampffront der gesamten internationalen Arbeiterbewegung mit dem ersten Arbeiterstaat hindert oder stört, schädigt nicht nur die gemeinsamen Interessen der Arbeiterklasse, er wird zum indirekten oder direkten Helfer des Faschismus. Für oder wider die Sowjetunion! Ja oder Nein! Jede unklare Zwischenstellung stärkt die Position der faschistischen Kriegstreiber, die in der ganzen Welt Freiheit und Fortschritt in Blut ersäufen wollen. Die Proletarier aller Länder müssen sich eindeutig an die Seite der UdSSR stellen und gegen jene, die aus Kurzsichtigkeit oder blindem Haß zu unfreiwilligen oder freiwilligen Helfern der Feinde des Sozialismus werden.

 

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TROTZKISMUS UND BOLSCHEWISMUS

 

LENIN UND TROTZKI

Die Geschichte ist Lehrmeisterin für die Kampfe der Gegenwart. Kenntnis der Vergangenheit ist eine der Voraussetzungen für die richtige Stellungnahme zu den Tagesaufgaben. Die große Bedeutung der Sowjetunion für die entscheidende Auseinandersetzung in der Weltpolitik erfordert eine klare, sachliche Urteilsbildung über die Entwicklung und den Zustand des ersten Arbeiterstaates. Die fortgesetzten Angriffe des Trotzkismus auf die UdSSR zwingen allein schon im Interesse der notwendigen Sammlung der freiheitlichen Kräfte gegen den faschistischen Weltfeind zu einer gründlichen, sachlichen Auseinandersetzung. Der Kampf des Trotzkismus gegen den Bolschewismus, der schließlich in eine feindselige Hetze gegen die Sowjetunion ausartete und die Trotzkisten an die Seite der Feinde der Arbeiterklasse führte, hat seine Ursache in den alten, bereits um die Jahrhundertwende auftretenden prinzipiellen politischen und taktischen Gegensätzen zwischen Lenin und Trotzki. Das Auftreten des Trotzkismus in unserer Zeit kann nur verstanden werden, wenn man die historische Entwicklung der von Trotzki gegen Lenin und den Leninismus begründeten Fraktion kennt. Wer sich ein objektives Urteil über den Kampf Trotzkis gegen die Bolschewistiche Partei bilden will, muß sich mit der Geschichte des Trotzkismus von Anbeginn beschäftigen.
In dem Rotbuch, das die Trotzkisten zum Moskauer Prozeß gegen Sinowjew, Kamenew, Smirnow und Genossen herausgegeben haben, steht an der Spitze ein Bild von Lenin und Trotzki mit der Unterschrift „Die wahren Angeklagten". Die Trotzkisten behaupten, zwischen Lenin und Trotzki habe eine so innige Kampfgemeinschaft bestanden, daß derjenige, der heute Trotzki verurteile, zugleich auch Lenin verdamme. Denn Lenin und Trotzki seien immer eine unzertrennliche Einheit gewesen. Wer nichts anderes als Trotzkis Bücher über die russische Revolution kennt, muß glauben, daß Trotzki neben Lenin der erste und beste Repräsentant der Bolschewistischen Partei, der ruckgratfesteste Vertreter der alten bolschewistischen Garde sei. Diese Legende spukt im europäischen Proletariat, soweit es mit der Geschichte der russischen Arbeiterbewegung nicht genügend vertraut ist.
Die geschichtliche Wahrheit, ist, daß Trotzki alles andere denn ein alter Bolschewik war. Er hat im Gegenteil in entscheidenden Situationen in scharfer Kampfstellung gegen die Bolschewiki und gegen Lenin gestanden. Trotzkis politische Tätigkeit beginnt um das Jahr 1900. Von 1901 bis Anfang 1903 stand er in Verbindung mit dem Kreise der alten „Iskra“, zu deren Redaktion neben Lenin auch die späteren Menschewiki Plechanow, Axelrod, Martow, Sassulitsch und Protessow gehörten. Als Trotzki Ende 1902 zum ersten Male ins Ausland ging, kam er in London zu Lenin, der ihn freundlich aufnahm und förderte, weil er seine journalistischen und rednerischen Fähigkeiten schätzte. Aber schon damals waren — nach der Darstellung Trotzkis — seine persönlichen Beziehungen zu Axelrod und Martow enger als zu Lenin. Im Juli 1903 fand in London der zweite Parteitag der russischen Sozialdemokratie statt, auf dem wegen Meinungsverschiedenheiten über das Organisationsprinzip und über die Zusammensetzung der Redaktion der „Iskra" die Partei sich in Bolschewiki und Menschewiki spaltete. In dem entscheidenden Konflikt dieses Parteitages trat Trotzki zum ersten Male gegen Lenin auf, ging mit Axelrod und Maitow und wurde Menschewik. Von 1903 ab machte Trotzki vielerlei Wandlungen durch, blieb aber bis 1917 ein offener Gegner Lenins. Trotzki hat in all diesen Jahren eine eigene politische Linie zwischen Menschewiki und Bolschewiki zu entwickeln versucht: den Trotzkismus, der in allen entscheidenden Fragen der russischen Arbeiterbewegung und der russischen Revolution im Gegensatz zu Lenin stand. Das erste Buch, das Trotzki über sein Verhältnis zu Lenin veröffentlichte, erschien im Jahre 1924. Obwohl dieses Buch den Titel „Über Lenin" trägt, berichtete Trotzki darin nur über zwei sehr kurze Perioden aus Lenins Leben. Über die Zeit der ersten „Iskra" (1902/03) und über den Oktober 1917. Die übrige Zeit, vor allem die anderthalb Jahrzehnte der Vorbereitung der Oktoberrevolution, überspringt Trotzki, weil er - damals noch in der Sowjetunion - keine Märchen Über seine unzertrennliche Einheit mit Lenin auftischen konnte. Erst nach seiner Ausweisung hat Trotzki versucht, sein Verhältnis zu Lenin von 1903 bis 1917 für den Legendengebrauch zurechtzubiegen.
Aus der Zeit von 1903 bis 1917 gibt es eine Fülle unzweideutiger Beweise gegen die von den Trotzkisten behauptete innige Kampfgemeinschaft zwischen Lenin und Trotzki. Bei der — in späteren Kapiteln folgenden — Untersuchung der organisatorischen, politischen und theoretischen Gegensätze zwischen Bolschewismus und Trotzkismus wird Lenins Stellung zusammenhängend dargestellt. Hier sollen vorweg nur einige Meinungsäußerungen Lenins herausgegriffen werden, die Aufschluß über Lenins Verhältnis zur Politik und Person Trotzkis geben. In einem im Mai 1911 veröffentlichten Artikel „Der historische Sinn des innerparteilichen Kampfes in Rußland" schrieb Lenin (Ausgewählte Werke, Band III, Seite 508 usf.):
„Trotzki... repräsentiert lediglich seine persönlichen Schwankungen und sonst nichts. 1903 war er Menschewik; 1904 rückte er vom Menschewismus ab und kehrte 1905 zu den Menschewiki zurück, nur mit ultrarevolutionären Phrasen prunkend; 1906 wandte er sich abermals vom Menschewismus ab; Ende 1906 verfocht er Wahlabmachungen mit den konstitutionellen Demokraten (d.h. er war faktisch wieder mit den Menschewiki), und im Frühjahr 1907 sprach er auf dem Londoner Parteitag davon, daß der Unterschied zwischen ihm und Rosa Luxemburg eher ,ein Unterschied individueller Schattierungen als politischer Richtungen' sei. Trotzki verübt ein Plagiat heute an dem geistigen Rüstzeug der einen, morgen an dem der anderen Fraktion und gibt sich daher als über den beiden Fraktionen stehend aus. Trotzki ist in der Theorie in nichts mit den Liquidatoren und den Otsowisten einverstanden, in der Praxis aber ist er in allem mit den Golos- und Wperjotleuten einverstanden. Wenn daher Trotzki den deutschen Genossen erzählt, er vertrete die ,allgemeine Parteitendenz', so muß ich erklären, daß Trotzki lediglich seine Fraktion vertritt und ausschließlich bei den Otsowisten und Liquidatoren ein gewisses Vertrauen genießt."
Sinowjew charakterisierte die Rolle seines späteren Kampfgefährten Trotzki in einem im Jahre 1924 veröffentlichten Artikel:
„Genosse Lenin hat mehr als einmal das „Gesetz“, nach dem die politischen Wandlungen des Genossen Trotzki sich vollziehen, formuliert. Geht's aufwärts, dann kommt Genosse Trotzki der bolschewistischen Linie ganz nahe. Tritt ein Stocken ein oder geht es abwärts, dann macht Genosse Trotzki eine Schwenkung nach rechts."
Angelica Balabanoff schrieb 1925 über Trotzkis Stellung in der russischen Arbeiterbewegung („Tragödie Trotzki", Seite 71):
„Es ist allgemein bekannt, daß Trotzki schon vor der ersten russischen Revolution vom Jahre 1905 Anti- und A-Bolschewist gewesen ist. Er nahm gegen das Vorgehen und die Methoden der bolschewistischen Fraktion Stellung." Die führenden Menschewiki beurteilten die Rolle Trotzkis ebenso wie Lenin. In dem 1925 in der Laubschen Verlagsbuchhandlung in Berlin erschienenen Sammelwerk über „Die Tragödie Trotzkis" schrieb (Seite 77 usf.) Paul Axelrod, einer der führenden Menschewiki, nach der Feststellung, daß ihn mit Trotzki enge Freundschaft verbunden habe:
„Meine jüngeren Parteifreunde haben indessen schon damals auf das viel zu starke Hervortreten seines Ich-Bewußtseins hingewiesen, und ich muß nun, nach den Erfahrungen, die er uns seither bereitet hat, sagen: meine Parteifreunde hatten Recht und Trotzki verdient sein Schicksal. All dies, obwohl ich ihn sehr gern hatte ... Nach dem Londoner Kongreß im Jahre 1903 ging Trotzki nach München (1904). Von da ab war er weder Menschewik noch Bolschewik. Man verstand einfach nicht, was er eigentlich wollte. Jetzt versteht man schon so manches: Er wollte eben über den Parteien stehen, er wollte es erreichen, daß beide Richtungen auf ihr eigenes Programm verzichten und sein Programm annehmen sollten. Es war dies, sein Egozentrismus, der ihn schon damals in seinen Handlungen geleitet hat. Eine Szene aus der Zeit um 1904: Man nahm eine Resolution, die er nicht gebilligt hatte, an. Trotzki erhob sich und schlug die Tür von außen heftig zu ... Im Jahre 1914 hatten wir einen bezeichnenden Briefwechsel... Zu dieser Zeit aber war er noch alles andere, nur nicht ein Bolschewik. Es kehrte eben wieder das alte Motiv zurück: einen Keil zu schlagen, eine besondere Rolle spielen zu wollen." Die Urteile Lenins und Axelrods über Trotzkis Politik stimmen weitgehend überein. Trotzkis Bemühungen, Bolschewiki und Menschewiki zu „seinem" Programm zu bekehren waren — wie die Geschichte gelehrt hat — sehr utopisch und illusionär, aber eben ein wesentlicher Bestandteil des Trotzkismus.
Nicht minder hart waren Lenins Urteile über die Person Trotzkis. In einem Brief vom 24. August 1909 schrieb Lenin (veröffentlicht in Leninski Sbornik) Nr. 25, Seite 38, russisch:
„Was die ,Prawda' (Trotzkis damals in Wien erschienenes Blatt. D. V.) betrifft, haben Sie den Brief Trotzkis an Inok gelesen? (Inok war das bolschewistische ZK-Mitglied Dubrovinski. D. V.). Ich hoffe, Sie haben sich überzeugt, wenn Sie ihn gelesen haben, daß Trotzki sich wie der niederträchtigste Karrierist und Fraktionsmacher vom Schlage der Rjasanow & Co. betragen hat. Entweder Parität der Redaktion, Unterordnung unter das ZK und niemanden nach Paris überführen außer Trotzki (er will auf unsere Kosten die ganze Sippschaft der ,Prawda' unterbringen, der Schuft! — oder mit diesem Lump brechen und ihn im Zentralorgan entlarven. Schwatzt von Partei, benimmt sich aber schlimmer als alle übrigen Fraktionisten." Dieser Brief zeigt, daß Lenin in seinen privaten Äußerungen noch viel härter über Trotzki urteilte als in seinen Artikeln. In dem im Februar 1914 veröffentlichten Artikel „Über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen" schrieb Lenin in einer Polemik gegen Trotzki (Lenin, Ausgewählte Werke, Band IV, Seite 298 usf.): Der dienstfertige Trotzki ist gefährlicher als ein Feind!
Anderswoher als aus ,Privatgesprächen' (d.h. einfach aus Klatsch, von dem Trotzki immer lebt) konnte er seine Beweise nicht sammeln, daß die ,polnischen Marxisten' überhaupt mit jedem Artikel Rosa Luxemburgs übereinstimmen.
Trotzki hat die „polnischen Marxisten“ als Leute ohne Ehre und Gewissen hingestellt, die nicht einmal ihre Überzeugungen und das Programm ihrer Partei zu achten imstande sind. Der dienstfertige Trotzki!...
Warum hat Trotzki diese Tatsachen den Lesern seiner Zeitschrift verschwiegen? Nur deshalb, weil es für ihn vorteilhaft ist, auf die Entfachung von Differenzen zwischen den polnischen und den russischen Gegnern des Liquidatorentums zu spekulieren und die russischen Arbeiter in der Programm frage zu betrügen.
Noch niemals, in keiner einzigen ernsthaften Frage des Marxismus, hatte Trotzki feste Meinungen, immer ,kroch er in die Risse und Spalte' dieser oder Jener Meinungsdifferenzen und sprang dabei von einer Seite auf die andere..." Das Schwanken, die wechselnden Auffassungen Trotzkis, sein Versuch, immer über den Parteien zu stehen, oder (wie Axelrod sagte) einen Keil zu treiben, das hat Lenin als wesentliche Eigenschaften Trotzkis und als nicht unwichtige Merkmale des Trotzkismus bezeichnet. Leninismus, das war — in der idealen Vorstellung aller überzeugten Leninisten — ein auf Grund einer realen Analyse des wirklichen Rußland erarbeiteter fester Standpunkt, eindeutiges Handeln und zielklares Arbeiten für die Erreichung der gesteckten Ziele. Das Hinundherpendeln des Trotzkismus war das gerade Gegenteil der organisatorischen Eigenheiten des Leninismus. Es ist darum durchaus verständlich, daß beide in einen scharfen Gegensatz geraten mußten, der zeitweilig, in Zeiten des revolutionären Aufstiegs, in denen Trotzki auf Grund seiner Schwankungen sich mehr zu den Bolschewiki hingezogen fühlte, gemildert werden konnte, um nachher um so schroffer wieder in Erscheinung zu treten.
Auch noch zu Beginn der Revolution — am 17. Februar 1917 — äußerte Lenin seine persönliche Meinung über Trotzki sehr drastisch in einem aus Zürich geschriebenen Briefe an Alexandra Kollontai (Lenin, Sämtliche Werke, Band XXIX, Seite 290, russisch):
„Heute erhielten wir Ihren Brief und waren sehr erfreut über ihn. Wir wußten lange nicht von Ihrem Aufenthalt in Amerika ... So angenehm es war, von Ihnen über den Sieg Nikolai Iwanowitschs und Pawlows im ,Nowya Mir' zu erfahren .... so bedauerlich ist die Nachricht vom Block Trotzki mit den Rechten zum Kampfe gegen Nikolai Iwanowitsch. Ein solches Schwein, dieser Trotzki — linke Phrasen und Block mit den Rechten gegen das Ziel der Linken! Sie müßten ihn wenigstens in einem kurzen Brief an den ,Sozialdemokrat' entlarven."
Trotzki war zu jener Zeit gleichfalls in Amerika. In „Mein Leben" erwähnt er auch Lenins Briefe an die Kollontai - ohne ihren Inhalt mitzuteilen. Er schreibt dort, daß die Kollontai sehr konfus gewesen sei, und daß sie „Lenin mit amerikanischen Informationen, unter anderem auch über meine Tätigkeit" versorgte. Aus dem Briefe Lenins ist ersichtlich, daß er lange nichts von dem Aufenthalt der Kollontai in Amerika wußte. Daraus geht hervor, daß Lenin sein Urteil über das Verhalten Trotzkis in Amerika nicht nur auf Grund des Briefes der Kollontai gebildet hatte. Außerdem hatte Lenin ja in den Kämpfen der vergangenen Jahre viel zu sehr aus eigenen Anschauungen Trotzkis Bereitschaft, mit den rechten Gegnern der Bolschewiki zusammenzugehen, gesehen. Er hat in seinen publizistischen Äußerungen dem Sinne nach mehr als einmal dasselbe Urteil über Trotzki gefällt, wie in dem Briefe an die Kollontai. Trotzki behauptet, daß Lenin diese Urteile zurückgenommen habe; er sagt aber nicht, wo das geschehen sein soll. Jedenfalls ist es eine unbestreitbare Tatsache, daß der Kampf zwischen Lenin und Trotzki oft sehr heftige Formen angenommen hat. Formen, die die von den Trotzkisten verbreitete Legende von der steten engen Kampfgemeinschaft Lenins mit Trotzki Lügen strafen.
Lenins persönliche Urteile hatten immer politische Ursachen. Bei der Darstellung der Gegensätze, die es nach der Oktoberrevolution noch zwischen Lenin und Trotzki gab (über die zusammenhängend in einem anderen Kapitel berichtet wird), schrieb Trotzki in „Mein Leben" (Seite 445):
„Wir waren beide zu ausgesprochene Revolutionäre und Politiker, um das Persönliche von dem Politischen trennen zu können oder trennen zu wollen."
Auf Lenin trifft das zweifellos zu. Wenn Lenin so scharfe persönliche Urteile über Trotzki fällte, so hatte das niemals persönliche, sondern politische Ursachen. Die Heftigkeit der persönlichen Urteile Lenins über einen Gegner war immer ein Gradmesser für die Größe seiner politischen Gegnerschaft zu diesem.
Aus der Schärfe der persönlichen Urteile Lenins über Trotzki ist zu ersehen, wie groß die politische Kluft zwischen den Beiden war. Das läßt sich auch durch die schönste Legendenerzählerei nicht aus der Welt schaffen.
Trotzki trat erst im Juli 1917 — also zwischen Februar- und Oktoberrevolution — der Bolschewistischen Partei bei. Unter dem starken Druck des großen geschichtlichen Geschehens vollzog Trotzki eine neue Wendung. Jedoch auch in jener Zeit der Umgruppierung hat Lenin Trotzki nicht gerufen, er hatte vielmehr auch damals noch starke Bedenken gegen ihn. Am 17. März 1917 schrieb Lenin in einem Briefe an die Kollontai (Lenin Sämtliche Werke, Band XX, 1. Halbband, Seite 6):
„Meiner Ansicht nach ist jetzt die Hauptsache, daß man sich nicht auf dumme ,Einigungs'- Versuche mit den Sozialpatrioten (oder, was noch gefährlicher ist, mit schwankenden Elementen in der Art des Organisationskomitees oder Trotzkis u. Co.) einläßt und daß die Tätigkeit unserer Partei in einem folgerichtig internationalen Geiste fortgesetzt wird." Lenin warnte also noch nach Ausbruch der Revolution vor dem Zusammengehen mit Trotzki. Er rechnete ihn zu den gefährlichen schwankenden Elementen, mit denen man — wenn die revolutionäre Entwicklung nicht gehemmt werden soll — keine Kompromisse machen darf. Lenin sah weit über den Tag hinaus. Wichtiger als die mit Kompromissen erkaufte Einigung mit schwankenden Elementen erschien ihm die konsequente Fortführung der revolutionären Linie der Bolschewik. Wer in der Revolution mit den Bolschewiki zusammenarbeiten wollte, der mußte sich zuerst zu ihren Prinzipien, zu ihrer Politik bekennen. In den Aprilthesen hat Lenin den in der Revolution einzuschlagenden, später so erfolgreichen Kurs niedergelegt. Trotzki suchte erst nach seiner Anfang Mai 1917 erfolgten Rückkehr nach Rußland Anschluß bei den Bolschewiki. Er mußte, wenn er in dem revolutionären Geschehen eine Rolle spielen wollte, seine Zwischenstellung zwischen Bolschewiki und Menschewiki aufgeben und sich für die einen oder die anderen entscheiden. Hätte er sich für die Menschewiki entschieden, so wäre die Oktoberrevolution nicht andere verlaufen, nur Trotzki wäre schon damals mit Kerenski und anderen von der Bildfläche verschwunden. Denn nicht Trotzki, sondern die Bolschewistische Partei hat die Oktoberrevolution vorbereitet und durchgeführt. Lenin hat Trotzki durchaus nicht mit offenen Armen aufgenommen. Er schien ihm alles andere als der Mann, ohne den die Bolschewiki — wie die trotzkistische Legende behauptet — weder die Oktoberrevolution, noch den Bürgerkrieg siegreich beenden konnten. Trotzki selbst berichtet in seinem Buche „Über Lenin" (Seite 60), daß er Lenin in der Revolution zum ersten Male am 5. oder 6. Mai 1917 gesprochen habe:
„Ich sagte Lenin, daß mich nichts von seinen Aprilthesen und von dem ganzen Kurs, den die Partei nach seiner Ankunft eingeschlagen hatte, trenne, und daß ich vor der Alternative stünde, entweder sofort ,individuell' in die Parteiorganisation einzutreten, oder zu versuchen, den besten Teil der „Vereiniger“ mitzubringen ... Lenin sprach sich weder für das eine, noch für das andere kategorisch aus." Trotzkis Darstellung ist nicht klar und präzise. Aus ihr geht nur hervor, daß Lenin auf das Angebot Trotzkis, in die Bolschewistische Partei einzutreten, keine Antwort gab, obwohl Trotzki ausdrücklich beteuerte, daß er sich auf den Boden der leninschen Aprilthesen stelle und den Kurs der Bolschewiki anerkenne. In der zitierten Schrift „Die Tragödie Trotzkis" sagte der Herausgeber, ein Anhänger Trotzkis, zu dessen Darstellung über sein erstes Zusammentreffen mit Lenin (Seite 7):
„Die Fassung ist hier also ein wenig unsicher. Jedenfalls liegen Äußerungen noch aus dem Sommer 1917 vor, aus denen man den Schluß ziehen könnte, daß Lenin zumindest über die Motive Trotzkis in dieser Angelegenheit anderer Meinung war." Stalin warf in einer am 19. November 1924 gehaltenen Rede die Frage auf: „Warum hielt es Lenin am zweiten Tage nach seiner Heimkehr aus dem Auslande für notwendig, einen dicken Trennungsstrich zwischen sich und Trotzki zu ziehen?
Die Antwort hat Lenin selbst gegeben. In Notizen für den Bericht einer Konferenz sagte er: die Februarrevolution werde zusammenbrechen; „es sei darum notwendig, sich auf diesen Zusammenbruch und auf eine Revolution vorzubereiten, die 1000-mal stärker sei als die Februarrevolution. Um das zu erreichen, müsse man fest sein wie ein Stein in der proletarischen Linie gegen die kleinbürgerlichen Schwankungen". Zu den Gruppierungen mit kleinbürgerlichen Schwankungen rechnete Lenin in diesen Notizen aber auch Trotzki. Ihm gegenüber mußte man „fest sein wie ein Stein", wenn aus der zusammenbrechenden Februarrevolution sich die siegreiche Oktoberrevolution entwickeln sollte."
Trotzki ist 1917 — nach einer anderthalb Jahrzehnte währenden Feindschaft mit den Bolschewiki — vorübergehend in die Bolschewistische Partei eingetreten. Aber schon nach sehr kurzer Zeit hat er wieder seine eigene Linie, den Trotzkismus, zu vertreten versucht. Er ist dabei zwangsläufig mit Lenin in Konflikt gekommen. Trotzki ist in der Bolschewistischen Partei, deren Gegner er immer war, auch in seiner besten Zeit ein Fremdkörper geblieben. Der trotzkistische Herausgeber des schon erwähnten Buches „Die Tragödie Trotzki" schreibt über Trotzkis Verhältnis zu Lenin nach 1917 (Seite 7):
„Gleich nach Verwirklichung der bolschewistischen Revolution zeigten sich wieder die ersten Gegensätze zwischen Lenin und Trotzki. Trotzki sympathisierte mit der linken Gruppe Bucharin-Radek, die für den revolutionären Krieg eingetreten ist. Er ging eben immer mit denen, die die revolutionäre Tat wollten."
Die letzte Ursache der Konflikte ist Trotzkis Vergangenheit, der alte Gegensatz zwischen Bolschewismus und Trotzkismus. In „Mein Leben" erzählt Trotzki (Seite 319):
„Für Lenin war, als er die vergangene Entwicklung der Partei rückschauend betrachtete, der Trotzkismus weder eine feindliche, noch eine fremde, sondern im Gegenteil die dem Bolschewismus nächste Strömung des sozialistischen Gedankens."
Die Behauptung Trotzkis, daß Lenin im Trotzkismus keine feindliche Strömung gesehen habe, widerspricht den Tatsachen. Lenins Urteil über den Trotzkismus ist in allen Phasen der revolutionären Entwicklung so eindeutig und so hart, daß diese nach Lenins Tode erfolgte „Feststellung" Trotzkis wie eine grobe Beleidigung Lenins erscheint. Der Trotzkismus war — wie Trotzki in der vorstehend zitierten Äußerung zugibt — immer eine besondere Richtung in der russischen Arbeiterbewegung; ihr heftigster Gegner war zu allen Zeiten Lenin.
Trotzki zitiert in „Mein Leben" (Seite 537) als seine unerschütterliche Auffassung einen von ihm im Mai 1927 an Michael Okudschawa geschriebenen Brief, in dem es u.a. heißt:
„Soweit der neue Kurs Stalins sich Aufgaben stellt, bemüht sich Stalin zweifellos, an unsere Position heranzukommen. In der Politik entscheidet aber nicht nur was, sondern auch wer und wie..."
Trotzki hat sehr oft behauptet, Stalin habe die erst von ihm bekämpfte Politik Trotzkis durchgeführt. Das ist vollkommen falsch. Die politische Linie Stalins unterscheidet sich in allen entscheidenden Phasen sehr eindeutig vom Trotzkismus. Äußerlich gleich scheinende politische Handlungen sind nicht immer gleichwertig; ob sie richtig oder falsch sind, hängt oft in entscheidendem Maße von der Situation ab, in der sie durchgeführt werden. Ist die Situation reif für die Durchführung einer Aktion, wird mit ihr das nächste Kettenglied in der revolutionären Entwicklung gepackt, so führt die Aktion vorwärts zum revolutionären Ziele, so ist sie revolutionär. Wird dagegen die Aktion zur unrechten Zeit in Angriff genommen, so wird mit ihr der erfolglose Versuch gemacht, notwendige Etappen zu überspringen, so wirft sie die revolutionäre Bewegung zurück, so ist sie rückschrittlich.
Übrigens wird aus dem vorstehend zitierten Brief ein besonderer Wesenszug Trotzkis deutlich: Nur was er macht, ist richtig. Selbst wenn Stalin die von Trotzki als richtig bezeichnete Politik macht, handelt er falsch. Diesen Grundsatz hat Trotzki von 1903 an auch Lenin gegenüber angewandt. Das brachte ihn in den scharfen Gegensatz zur Bolschewistischen Partei. Denn in dieser ist nach der Lehre Lenins entscheidend, was einer, nicht wer es macht. In der Vergangenheit kämpfte Trotzki gegen Lenin, weil dieser, und nicht er, den richtigen Weg führte; nach Lenins Tode kämpfte er aus dem gleichen Grunde gegen die Repräsentanten der Bolschewistischen Partei.
In der späteren Entwicklung hat Trotzki sich stets bemüht, seine Konflikte mit der Bolschewistischen Partei als einen persönlichen Kampf Stalins gegen ihn darzustellen. Diese Taktik wandte er früher ebenso gegen Lenin an. Im Jahre 1911 nannte Lenin ihn einen Ignoranten, weil er bei den Differenzen um die Prager Konferenz und Trotzkis „Augustblock" die politischen Strömungen auf den Gegensatz von Personen zurückzuführen versuchte. Die späteren Auseinandersetzungen um das Schicksal der Sowjetunion sind wahrlich kein Personenstreit. Stalin wurde der „Erbfeind" Trotzkis, so wie es ehedem Lenin war. Beide aus dem gleichen Grunde: als Repräsentanten der Bolschewistischen Partei, die stets in unerbittlicher Gegnerschaft zum Trotzkismus stand.

WAS IST TROTZKISMUS?

Der Trotzkismus ist keine Erfindung Stalins. Er existiert seit dem Jahre 1903 als eine besondere Strömung in der russischen Arbeiterbewegung. So wie der Leninismus und die Bolschewistische Partei untrennbar mit der geistigen, politischen und organisatorischen Arbeit Lenins verbunden sind, so ist der Trotzkismus ohne das Wirken Trotzkis undenkbar.
In „Mein Leben" stellt Trotzki sein Verhältnis zu Lenin so dar, daß er nicht wie Stalin und die anderen Bolschewiki ein Schüler Lenins-, sondern ein Eigener neben Lenin war. Die Schüler Lenins haben — so behauptet Trotzki dort — nie selbständige Politik machen können, sie seien ohne die Direktiven des Meisters immer halt- und hilflos gewesen. Anscheinend ist es Trotzki bei der Herabsetzung der Schüler Lenins gar nicht zu Bewußtsein gekommen, daß seine Behauptung eine Beleidigung Lenins und der Bolschewistischen Partei, zugleich aber auch ein Ignorieren des Marxismus ist. Der ganze Kampf Lenins um eine zielklare, revolutionäre Partei wäre sinnlos gewesen, wenn diese Partei nicht imstande wäre, die Kräfte und Menschen hervorzubringen, die das Werk des Lehrers erfolgreich fortsetzen. Schon bei dieser Betrachtung tritt ein Wesenskern des Trotzkismus zutage, der im Widerspruch zum Marxismus die Gestaltung der Geschichte viel zu sehr von subjektiven Kräften und Personen erwartet. Gewiß spielen diese — wie ja die Person Lenins beweist — eine Rolle. Aber ohne die zielbewußte revolutionäre Partei, die das Heranreifen objektiv günstiger Situationen beschleunigen und diese auswerten kann. hätte auch Lenin nicht Führer einer siegreichen proletarischen Revolution werden können.
Trotzki war nach seiner Behauptung also kein Schüler Lenins, sondern ein Eigener, ein Meister neben dem anderen Meister. Er erzählt in „Mein Leben" weiter, daß er nur durch seine eigene Denkarbeit zu den Problemen der russischen Revolution Stellung nahm, das heißt, daß er nicht wie die anderen das von Lenin Vorgekaute einfach hinunterschluckte. Allerdings — so erzählt er — sei er ganz unabhängig von Lenin meist zu denselben Ergebnissen wie dieser gekommen. Das stimmt mit den Tatsachen und der geschichtlichen Wahrheit nicht überein. Richtig daran ist nur, daß Trotzki seine eigenen Wege ging. Die selbständige Linie Trotzkis, das ist der Trotzkismus, der in allen entscheidenden Fragen der russischen Revolution durch die geschichtliche Entwicklung widerlegt wurde. Lenin hat seine Stellung zum Trotzkismus nicht davon bestimmen lassen, daß er eine besondere Strömung in der russischen Arbeiterbewegung war, sondern nur von der Erkenntnis, daß der Trotzkismus Unrecht hatte und falsche Wege ging.
Der Trotzkismus war also — von Trotzki nicht bestritten — zu allen Zeiten eine eigene Richtung in der russischen Arbeiterbewegung. Er war in seinen Anfängen eine opportunistische Strömung, die im ewigen Zwiespalt zwischen Bolschewiki und Menschewiki hin und her schwankte, ihre unreale, mehr rechts orientierte Politik mit ultralinken Phrasen zu verdecken suchte, in einen schroffen Gegensatz zum Leninismus geriet und schließlich zum offenen Feind der Sowjetunion und der Arbeiterbewegung wurde. So wandelbar Trotzki in seiner Zwischenstellung war, so wandelbar sind auch die Inhalte des Trotzkismus.
Begonnen hat der Trotzkismus mit Trotzkis Auftreten gegen die von Lenin geforderte revolutionäre, unter einer straffen zentralen Leitung in allen Aktionen geschlossen handelnde Partei. In diesem Kampf entwickelte der Trotzkismus seine organisatorische Zwischenstellung und tiefgehende politische und theoretische Gegensätze zum Leninismus. So z.B. in der Frage der permanenten Revolution, in der Trotzki eine besondere Stellung bezog und eine vom Leninismus abweichende Auffassung von der Diktatur des Proletariats und von dem in Rußland ganz besonders wichtigen Verhältnis der Arbeiterklasse zur Bauernklasse vertrat. Aus der trotzkistischen Grundeinstellung zur permanenten Revolution erwuchs weiter der Gegensatz zu der leninistischen Theorie über die Entwicklung von der bürgerlichen zur sozialistischen Revolution und in der Konsequenz die Theorie der Verneinung des Sozialismus in einem Lande, die nach der siegreichen proletarischen Revolution zum markantesten Wesenszug des Trotzkismus wurde.
In diesem Abschnitt sind die organisatorischen, politischen und theoretischen Inhalte des Trotzkismus nur zusammengefaßt aufgezählt. In den nachfolgenden Abschnitten wird im Einzelnen zu den vom Leninismus abweichenden trotzkistischen Auffassungen Stellung genommen. Nur eine Äußerung des Führers der Menschewiki, Th. Dan, über den Trotzkismus soll hier vorausgenommen werden, weil sie eine mehr allgemeine Charakterisierung der zwiespältigen Position des Trotzkismus gibt. In der zusammen mit Martow geschriebenen „Geschichte der Russischen Sozialdemokratie" (1926 im Dietz-Verlag, Berlin, erschienen) schreibt Dan (Seite 239):
„Trotzki unterschied sich von Lenin auch dadurch, daß er an die Stelle der ,Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft' die Diktatur der Arbeiterklasse setzte, die sich auf die formlosen Bauernmassen stutzte. Trotzki, der in den taktischen Fragen den Bolschewisten näher stand, teilte in den Organisationsfragen, die damals im Mittelpunkt des Fraktionskampfes standen, im großen und ganzen die Auffassung des ,Golos Sozialdemokrata' (Menschewiki, d.V.). Diese Zwiespältigkeit seiner Position, die keine organische Verbindung zwischen seiner politischen und organisatorischen Anschauung schuf, beschränkte die Anhänger Trotzkis auf einen sehr kleinen Kreis von Personen."
Diese Zwiespältigkeit ist ein charakteristischer Wesenszug des Trotzkismus, der letzten Endes entstanden ist aus dem Wollen Trotzkis, über Bolschewiki und Menschewiki zu stehen, eine eigene Rolle zu spielen.
So schwankend Trotzkis Stellung in der Vergangenheit war, so wandelbar sind auch seine Bekenntnisse zum Trotzkismus. In manchen Zeiten jedenfalls bemühte er sich, den Trotzkismus zu verleugnen. In einem im Januar 1925, vor seinem Rücktritt, an das Zentralkomitee der Bolschewistischen Partei gerichteten Brief schreibt Trotzki:
„Es ist mir Jedoch unter keinen Umständen möglich, die Beschuldigung, ich verfolge eine besondere Linie und diejenige des ,Trotzkismus' und ich strebe eine Revision des Leninismus an, ohne Widerspruch zu lassen.
Ganz ungeheuerlich ist die Version, ich sei der Auffassung, nicht ich sei zum Bolschewismus, sondern der Bolschewismus sei zu mir gekommen ... Ich dachte im Laufe der letzten acht Jahre kein einziges Mal daran, an irgend ein Problem vom Gesichtspunkte des sogenannten ,Trotzkismus' aus heranzutreten. Der Trotzkismus war und ist für mich längst liquidiert."
In der Behauptung, daß für ihn nach dem Eintritt in die Bolschewistische Partei der Trotzkismus liquidiert wurde, liegt zugleich auch die Feststellung, daß er vorher bestanden hat. Aber sonst ist die Darstellung Trotzkis falsch. Trotzki hat bei seinem Eintritt in die Bolschewistische Partei dem Trotzkismus keineswegs abgeschworen. Noch kurz vorher, im Mai 1917, fand in Petersburg eine Konferenz mit der Gruppe der „Vereiniger", der auch Trotzki angehörte, statt. In dieser Konferenz vertrat Lenin die Stellungnahme der Bolschewiki zu der Vereinigung mit den auf dem Boden des Internationalismus stehenden Gruppen und Strömungen, die ein Zusammengehen mit den für die Vaterlandsverteidigung eintretenden Richtungen ablehnten. Nach Lenin sprach Trotzki. Über die Ausführungen Trotzkis machte Lenin folgende Notizen (Leninscher Sammelband Nr. IV, Seite 300, russisch):
„Mit den Resolutionen bin ich vollständig einverstanden — indessen bin ich insofern einverstanden, insoweit sich der russische Bolschewismus internationalisiert hat. Die Bolschewiki haben sich entbolschewisiert — und ich kann mich nicht als Bolschewik bezeichnen. Der Abstimmung kann und soll ihre Resolution zugrunde gelegt werden. Aber eine Anerkennung des Bolschewismus kann man von uns nicht verlangen."
Das stimmt mit der späteren Erklärung vom Januar 1925 durchaus nicht überein. Es gibt auch eine Reihe Äußerungen von Trotzkis Freunden, in denen behauptet wird, Trotzki sei nicht zum Bolschewismus, sondern der Bolschewismus sei zu Trotzki gekommen. Jedenfalls aber geht aus den Notizen Lenins hervor, daß Trotzki kurz vor seinem Eintritt in die Bolschewistische Partei Vorbehalte machte und die Absicht kundtat, mit der Fahne des Trotzkismus in die Bolschewistische Partei zu marschieren. Später erschien ihm das Heraushängen dieser Fahne nicht mehr zweckmäßig. Er versuchte, seine politische Sonderstellung in der Vergangenheit auszulöschen und die Legende von seiner völligen Einheit mit Lenin und dem Leninismus zu scharfen.
Im weiteren Verlaufe der politischen Auseinandersetzungen in der Bolschewistischen Partei hat die Opposition noch manchmal recht energisch ihren „Trotzkismus" bestritten. In der „Plattform der russischen Opposition", die dem XV. Parteitag vorgelegt wurde, heißt es u. a. (Seite 64):
„Aber eine besonders beliebte Beschuldigung gegen uns ist in letzter Zeit die Beschuldigung des ,Trotzkismus'. Vor dem Angesicht der ganzen Komintern ... haben wir mit den Unterschriften Sinowjews, Kamenews und Trotzkis erklärt: Es ist falsch, daß wir den Trotzkismus verteidigen. Trotzki hat vor dem Antlitz der ganzen Komintern erklärt: daß in allen einigermaßen prinzipiellen Fragen, über welche er mit Lenin stritt, Lenin recht hatte, insbesondere in der Frage der permanenten Revolution und der Bauernschaft." Betrachtet man diese Erklärungen rückschauend im geschichtlichen Zusammenhang, so wird die ganze Unehrlichkeit des Kampfes der trotzkistischen Opposition deutlich. In einer Kundgebung an den Parteitag wird gleich mehrmals pathetisch erklärt, daß Trotzki und die Trotzkisten mit dem Trotzkismus nichts zu tun haben, daß sie ihn nicht verteidigen, sondern ihn vielmehr abschwören. Eine wirklich zielbewußte revolutionäre Gruppe hätte das niemals getan, sie hätte vor dem Parteitag und vor der Komintern ihren Standpunkt vertreten. Die Trotzkisten waren aber schon damals ideologisch und in der Organisation so schwach, daß sie ihren Standpunkt verleugneten. Aber die weitere Entwicklung zeigte sehr bald, daß die trotzkistische Opposition mit voller Überlegung einen Meineid geschworen hat, daß die Verleugnung des Trotzkismus nicht ihrer Überzeugung entsprach, sondern von taktischen Interessen bestimmt wurde. Jedenfalls bekannte Trotzki sich in seinen späteren Schriften doch wieder zum Trotzkismus. Die zitierte Plattform der Opposition an den XV. Parteitag ist ein klassisches Beweisstück für die Unaufrichtigkeit Trotzkis. In dieser Plattform beteuert er feierlich vor dem Antlitz der ganzen Komintern daß er in allen prinzipiellen Fragen, so u.a. auch in der Frage der „permanenten Revolution" unrecht und Lenin recht hatte. Mit dieser Erklärung hat Trotzki die Komintern belogen. Der Beweis dafür wird von Trotzki selber erbracht. In „Mein Leben" (Seite 519) erzählt er:
„Besonders war Joffe (ein Freund Trotzkis, der Sowjetdiplomat war. d.V.) über die Kampagne gegen die permanente Revolution empört. Er konnte die niederträchtige Hetze nicht überwinden, die gegen jene, die den Verlauf und den Charakter der Revolution lange vorausgesehen hatten, betrieben wurde von solchen, die nur die Früchte der Revolution genossen. Joffe erzählte mir sein Gespräch, das er mit Lenin, ich glaube im Jahre 1919, über das Thema der permanenten Revolution geführt hatte. Lenin hatte ihm gesagt: ,Ja, Trotzki hat recht gehabt' Joffe wollte dieses Gespräch nun veröffentlichen. Ich hielt ihn mit allen Mitteln zurück." Joffe, der schwer krank war, hat sich bald darauf das Leben genommen, ohne diese Erzählung Trotzkis veröffentlicht zu haben. Sie ist von Trotzki frei erfunden. Trotzki kann keinerlei Beweise für ihre Echtheit anführen. Lenins theoretische Einstellung und alle seine öffentlichen und nachprüfbaren Äußerungen zu diesem Thema beweisen, daß der Führer der Bolschewiki jederzeit Trotzkis permanente Revolution abgelehnt hat. Jedoch Trotzki stellt in „Mein Leben" die Sache so dar, als ob er an Joffes Mitteilung glaubte. Danach ergibt sich folgendes Bild: Trotzki Ist überzeugt, daß sein Standpunkt in der Frage der permanenten Revolution gegenüber Lenin richtig war, was dieser selbst zugegeben haben soll. Trotzdem erklärt Trotzki einige Jahre später (im Dezember 1926) in einer Erklärung „vor dem Angesicht der Komintern", Lenin und nicht Trotzki hatte in der Frage der permanenten Revolution recht. Und in dem 1930 erschienenen Buche „Mein Leben" schreibt Trotzki dann wieder das Gegenteil von seiner feierlichen Erklärung. Je nach der Situation hat Trotzki nach der Oktoberrevolution den Trotzkismus abgeschworen, oder sich zu ihm bekannt. Solange Trotzki noch glaubte, an der Macht zu bleiben, hat er die trotzkistische Fahne eingezogen, um sie dann — als das Manöver nicht gelungen war — wieder heraus zu stecken.
Alle seine Loyalitätserklärungen waren unehrlich. In der Folgezeit erscheinen die neuen Bekenntnisse zum Trotzkismus allerdings in einer veränderten Form: Ausgehend von der Behauptung, daß — abgesehen von angeblich nebensächlichen Meinungsverschiedenheiten — zwischen Lenin und Trotzki weitgehende Übereinstimmung bestand, repräsentieren nunmehr Trotzkis Auffassungen den „verbesserten" Leninismus, den alle diejenigen „verraten", die den Trotzkismus bekämpfen.
Das aber ist eine Fälschung der Geschichte, begangen von denen, die der Bolschewistischen Partei Geschichtsfälschung vorwerfen, weil diese entsprechend der historischen Wahrheit den Gegensatz zwischen Lenin und Trotzki, zwischen Leninismus und Trotzkismus, klarstellt, weil sie nicht die von den Trotzkisten erfundene Legende von der überragenden Rolle Trotzkis in der Oktoberrevolution und im Bürgerkrieg anerkennt.

DER TROTZKISMUS UND DAS LENINISTISCHE ORGANISATIONSPRINZIP

„Wir alle“ — schrieb Paul Levi in dem Vorwort zu Trotzkis „1917“ — „sind ja der russischen Arbeiterbewegung in früheren fahren nie recht nahe gekommen. Sie spielte sich in anderen Formen ab als die europäische.“
Rußland war unter dem Zarismus zweifellos das rückständigste Land in Europa. Die feudalistische Herrschaft hat die Entfaltung der Produktivkräfte des Landes gehemmt, das Riesenreich im Osten war in der Entwicklung weit hinter allen europäischen Ländern zurückgeblieben. Das Proletariat war zahlenmäßig schwach, der Bauernfrage kam bei der Sammlung und Entfaltung der revolutionären Kräfte eine viel größere Bedeutung zu als in den kapitalistisch hochentwickelten Ländern. Rußland war das Vorbild aller Despoten. Im Zarenreich gab es keine Meinungs- und Pressefreiheit, kein Vereinigungsrecht für die Kräfte, die freiheitliche Zustände erkämpfen wollten. Die Knute regierte. Unter diesem Regiment war die sozialistische Arbeiterbewegung in die Illegalität verbannt. Ihr Kampf vollzog sich unter unvergleichlich schwierigeren Bedingungen als der Kampf der europäischen Arbeiterbewegung. Im zaristischen Rußland konnte sich keine legale Arbeiterpartei bilden, sie war von Beginn an zur Illegalität gezwungen. Die ersten Ansätze zu einer klassenbewußten Arbeiterbewegung entstanden unterirdisch in den verschiedensten Gegenden des Reiches. Aus der Situation ergab sich, daß die ersten illegalen Kader ihren Kampf gegen den Zarismus auf eigene Faust, ohne zentrale Verbindung, ohne einheitliche zentrale Leitung führten. Der durch die zaristische Knute erzwungene Zustand erschwerte die Bildung einer einheitlichen Partei; die zwangsläufige Folge war das Entstehen unzähliger Zirkel und Gruppen, in denen wegen der fehlenden Verbindung untereinander und mit einer leitenden Zentrale lange Zeit organisatorische und ideologische Verwirrung herrschte.
Auf der Basis, auf der die russische sozialistische Bewegung entstand und sich entwickeln mußte, spielten die organisatorischen Probleme eine viel größere Rolle als in den europäischen Ländern. In Rußland war die Frage des Aufbaus der Organisation, der die Massen führenden revolutionären Partei ein entscheidendes politisches Problem. Deshalb gab es in der russischen sozialistischen Bewegung leidenschaftliche Auseinandersetzungen um organisatorische Fragen, die den Sozialisten in den anderen Ländern als sektiererische Rechthaberei erschienen. Die geschichtliche Entwicklung aber hat gelehrt, daß erst durch die richtige Lösung der eminent politischen Organisationsdifferenzen der Sieg der proletarischen Revolution möglich wurde.
Es ist das große historische Verdienst Lenins, daß er mit eiserner Konsequenz - die ihm in der Vergangenheit oft den Vorwurf eines dogmatischen Rechthabers und Spalters eingetragen hat — für den Aufbau einer organisatorisch und ideologisch geschlossenen zentralistischen Partei mit straffer zentraler Leitung wirkte. Im Kampfe um diese Partei erfolgte der erste Zusammenstoß Lenins mit Trotzki, der 1903 auf dem II. Parteitag gegen Lenins organisatorische Konzeption auftrat. Trotzki hat in dieser Frage all die Jahre einen heftigen Kampf gegen Lenin geführt.
Um die Bedeutung des organisatorischen Kampfes zwischen Leninismus und Trotzkismus zu verstehen, ist es notwendig, kurz den geschichtlichen Hintergrund dieses Kampfes zu skizzieren. Wegen der rückständigen ökonomischen Struktur Rußlands entwickelte sich erst sehr spät eine industrielle Produktion und die mit dieser wachsende Arbeiterschaft. Die ersten Arbeiterzirkel und Arbeiterverbände bildeten sich um das Jahr 1875; ihre Entfaltung wurde durch Verhaftungen und behördliche Verfolgungen immer wieder stark gehemmt. G.W. Plechanow hatte schon zu der Zeit, als er noch Anhänger der revolutionären Narodniki-Bewegung war, die ersten Verbindungen mit Arbeitern. Im Gegensatz zu den Narodniki, die in Rußland nur den Bauern sahen und nicht das mit dem Kapitalismus sich entwickelnde Proletariat, erkannte Plechanow frühzeitig die führende Rolle der Arbeiterklasse im revolutionären Kampf. Plechanow, der die 1878 erfolgte Gründung des ersten „ Nordrussischen Arbeiterbundes" unterstützte, wurde wegen seiner revolutionären Tätigkeit verfolgt und mußte ins Ausland flüchten. Dort wurde er mit der marxschen Lehre (die vorher in den russischen Arbeiterzirkeln nicht bekannt war) vertraut, ebenso auch mit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Europas. In Auseinandersetzungen mit den Narodniki vertrat er den Gedanken, die Elemente für die Schaffung einer zukünftigen sozialistischen Arbeiterpartei herauszuarbeiten. 1883 gründete er zusammen mit dem gleichfalls im Auslande lebenden Axelrod und der Sassulitsch die „Gruppe der Befreiung der Arbeit", die erste marxistische Gruppe der russischen Arbeiterbewegung, die sehr viel für die Verbreitung der marxistischen Gedanken in Rußland getan hat. Lenin, wesentlich jünger als Plechanow und Axelrod, war sehr bald einer der führenden Männer dieser Gruppe in Rußland. 1894 kam Lenin nach Petersburg. Dort wurde er der Führer des „Petersburger Kampfbundes zur Befreiung der Arbeiterklasse". In dieser marxistischen Gruppe gab es aber noch die verschiedensten Meinungen, in ihr entwickelte sich auch die unter dem Namen „Ökonomisten“ bekanntgewordene Strömung. Sie vertrat den Standpunkt, die Arbeiterbewegung habe nur den Kampf für die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter zu führen, der Kampf für politische Forderungen gehöre nicht zum Aufgabenkreis einer Arbeiterpartei. Lenin trat in Übereinstimmung mit Plechanow und Axelrod den „Ökonomisten" sehr entschieden entgegen. Er vertrat die Auffassung, der ökonomische Kampf der Arbeiterklasse könne nicht vom politischen Kampf getrennt, jeder Zusammenstoß der Arbeiter mit den Unternehmern auf wirtschaftlichem Gebiete müsse für den politischen Befreiungskampf ausgenützt werden. Die Arbeiterpartei dürfe sich nicht damit begnügen, eine kleine Gruppe von Arbeitern in Zirkeln zu gebildeten Marxisten zu erziehen, sondern sie habe die Aufgabe, den Massenkampf der Arbeiter zu organisieren. Das Tun Lenins und seiner Gesinnungsgenossen im Petersburger Kampfbund entsprang dem Gedanken, eine einheitliche revolutionäre sozialdemokratische Arbeiterpartei zu schaffen, die zur Massenagitation in der Arbeiterklasse übergeht und diese für den wirtschaftlichen und politischen Befreiungskampf mobilisiert. Die Bolschewiki haben später festgestellt, daß die Wurzeln des Bolschewismus in diese Zeit, in die neunziger Jahre zurückreichen, in denen Lenin und die revolutionären Sozialdemokraten den Kampf mit den „Ökonomisten" ausfochten.
Am 1. März 1898 trat in Minsk der erste Parteitag zusammen, dessen Aufgabe die Zusammenfassung der sozialdemokratischen Zirkel und Gruppen zu einer einheitlichen Partei sein sollte. Wie schwach damals die Verbindungen waren, geht auch daraus hervor, daß zu diesem ersten Parteitag nur neun sozialdemokratische Organisationen Vertreter schickten. Der Parteitag wählte ein aus drei Personen bestehendes Zentralkomitee; er arbeitete ein Organisationsstatut aus und nahm ein Manifest der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands an. In dem Manifest wurde die Vereinigung aller lokalen Organisationen und Zirkel zu einer einheitlichen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR) gefordert.
„Die ersten Schritte der russischen Arbeiterbewegung und der russischen Sozialdemokratie — hieß es in dem Manifest — waren notgedrungen isoliert, bis zu einem gewissen Grade zufällig, ohne Einheit und Plan. Jetzt ist die Zeit gekommen, um die lokalen Gruppen und Organisationen der russischen Sozialdemokratie in einer einheitlichen ,Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands' zu vereinigen. In Erkenntnis dieser Notwendigkeit haben die Vertreter der ,Kampfverbände zur Befreiung der Arbeiterklasse' ... einen gemeinsamen Kongreß einberufen...
Die wichtigste und höchste Aufgabe der Partei, die den Weg einer Klassenbewegung der organisierten Arbeitermassen beschreitet, ist die Eroberung der politischen Freiheit. Aber diese notwendige politische Freiheit kann sich das russische Proletariat nur selbst erkämpfen." Den Gedanken, daß auch in Rußland der damals noch zahlenmäßig schwachen Arbeiterklasse die führende Rolle im revolutionären Befreiungskampf zukommt, sprach das Manifest mit den Worten aus:
„Sie (die Sozialdemokratie) ist fest davon überzeugt, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk dieser Klasse selbst sein kann.“
Aber dieser erste Parteitag hat wenig für die von ihm aufgezeigte Aufgabe, alle Kräfte zu einer einheitlichen Partei zusammenzufassen, gewirkt. Unmittelbar nach dem Parteitag wurden das Zentralkomitee und die meisten Teilnehmer verhaftet. Die Polizei vernichtete die in Minsk geschaffene Organisation. Das organisatorische Nebeneinander und Durcheinander war nach dem ersten Parteitag nicht geringer als vorher. Es trat eine Periode des Stillstandes ein, in der die „Ökonomisten" und andere Gruppen den ideologischen Wirrwarr noch vergrößerten. Als Lenin Anfang 1900 aus der sibirischen Verbannung zurückkehrte, organisierte er die Herausgabe einer allrussischen politischen Zeitung, die als geistige Führerin für die Überwindung des ideologischen Wirrwarrs und für die Zusammenfassung aller revolutionären Kräfte in einer Partei wirken sollte. Bald nach seiner Rückkehr aus der Verbannung ging er ins Ausland, wo er sofort mit den Genossen der Gruppe „Befreiung der Arbeit" in Verbindung trat. Ende 1900 erschien die erste Nummer der „Iskra" („Der Funke"), in deren Redaktion Axelrod, Lenin, Plechanow, Potressow und die Sassulitsch zusammenarbeiteten, zu denen etwas später noch Martow kam. Die „Iskra" entwickelte sich sehr bald zu einem führenden geistigen und organisatorischen Zentrum; sie wirkte in Rußland für die Vereinigung der einzelnen Organisationen zu einer einheitlichen Partei, für die Herausarbeitung einer einheitlichen politischen Linie. Im Jahre 1902 erschien Lenins Buch „Was tun?", in dem er seine Gedanken über den Aufbau einer revolutionären Kampfpartei darlegte. Lenin wies, ausgehend von der Situation in Rußland, nach, daß die Partei zentralistisch aufgebaut und von einem führenden Zentrum aus geleitet werden müsse. Nur eine so aufgebaute Partei könne die organisatorische Zersplitterung und die ideologische Verwirrung überwinden, nur eine aktionsfähige, auf der Basis gemeinsamer theoretischer Erkenntnisse geschlossen handelnde Partei könne die Massen mobilisieren, sie in entscheidenden Situationen mitreißen und die Arbeiterklasse zum Siege führen.
Nach dem mißlungenen 1. Parteitag gab es auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch immer keine einheitliche Partei in Rußland. Die „Iskra", als das im Auslande arbeitende provisorische Zentrum, wirkte unter dem starken Einfluß Lenins für die Konstituierung der geschlossenen Partei. Die Redaktion der „Iskra" bereitete das Parteiprogramm vor; sie organisierte den II. Parteitag, auf dem das Organisationsstatut und das Parteiprogramm beschlossen wurden.
Im Jahre 1903 fand in London der II. Parteitag statt. Auf diesem Parteitag wurde in der Tat aus dem Wirrwarr der Gruppen und Zirkel die gemeinsame Partei konstituiert. Aber diese Partei war eben zunächst nur eine gemeinsame, noch keine einheitliche mit einer übereinstimmenden ideologischen Grundlage. Darum kam es auf dem II. Parteitag zu der ersten Spaltung, die die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands in Bolschewiki und Menschewiki teilte.
Differenzen zwischen Lenin und den späteren Menschewiki um organisatorische Fragen waren der äußere Anlaß zu der Spaltung auf dem II. Parteitag. Die weitere Entwicklung jedoch zeigte, daß für die russische Arbeiterbewegung organisatorische Fragen politische waren, und daß der Bruch tiefergehende ideologische Ursachen hatte. Der erste Zusammenstoß auf dem Parteitag erfolgte bei der Beratung des ersten Paragraphen des Organisationsstatuts, der über die Parteimitgliedschaft und das Wesen der Partei entscheiden sollte. Lenin wollte eine Organisation aus einem Guß, die sich aus Proletariern zusammensetzt, die trotz allen Gefahren der revolutionären Arbeit aktive Mitglieder werden. Nach dem leninschen Vorschlage sollten nur diejenigen als Parteimitglieder gelten, die persönlich in den Parteiorganisationen aktiv mitarbeiten. Martow schlug eine andere Form vor, die auch diejenigen, die wegen der Gefährdung nicht aktiv in einer der Parteiorganisationen mitarbeiten, sondern nur unter Leitung einer Organisation dieser regelmäßige Beihilfe leisten, als Parteimitglieder gelten läßt. Die leninsche Formel wollte eine wirkliche Arbeiterpartei schaffen, in der nicht Intellektuelle den Ausschlag geben. Bei der Entscheidung über den Paragraphen 1 des Organisationsstatuts erhielt die Martowsche Formulierung eine schwache Mehrheit. Der zweite Zusammenstoß auf dem II. Parteitag erfolgte bei der Entscheidung über die Zusammensetzung der Redaktion der „Iskra". Lenin forderte im Sinne seiner organisatorischen Konzeption, daß die Redaktion der „Iskra", die als führendes Zentrum in Frage kam, nur aus drei eine einheitliche Linie vertretenden Personen bestehen sollte. Und zwar aus Martow, Lenin und Plechanow, der in der damaligen Zeit in den entscheidenden Fragen mit Lenin übereinstimmte. Dieser Vorschlag bedeutete die Ausschaltung von Axelrod, Protessow und Sassulitsch; er löste bei diesen und deren Freunden starke Entrüstung aus. Martow erklärte sich mit den Ausgeschalteten solidarisch, er lehnte ab, in die Redaktion einzutreten, so daß schließlich mit einer geringen Stimmenmehrheit beschlossen wurde, daß nur Lenin und Plechanow die Redaktion der „Iskra" übernehmen. Diese Abstimmung führte zum Bruch. Die Nichtanerkennung des Beschlusses der Mehrheit durch die Minderheit spaltete die Partei in Bolschewiki und Menschewiki. Entstanden ist die Namensbezeichnung dadurch, daß die Mehrheit (im russischen Bolschestwo) für die von Lenin vorgeschlagene Redaktion, und die Minderheit (Menschestwo) dagegen stimmte. Bolschewiki waren die Mehrheitler, Menschewiki die Minderheitler.
Erst in der weiteren Entwicklung haben die Namen der beiden Fraktionen einen bestimmten ideologischen Inhalt bekommen. Von 1903 ab wirkten diese beiden Gruppen als selbständige Fraktionen in der Sozialdemokratischen Partei, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte zeitweise vereinigten und wieder spalteten, bis sich schließlich aus den zwei Fraktionen einer Partei zwei selbständige Parteien, die bolschewistische und die menschewistische, entwickelten. Der II. Parteitag kam erst nach der Spaltung zur Wahl des Zentralkomitees, in das nur Bolschewiki gewählt wurden. Die menschewistischen Delegierten wählten eine besondere Zentralstelle, die den Boykott gegen das auf dem Parteitag gewählte Zentralkomitee propagierte. Alle menschewistischen Mitarbeiter lehnten ab, in der nur von Lenin und Plechanow geleiteten „Iskra" zu schreiben. Schon nach einigen Monaten verlangte Plechanow, die boykottierenden ehemaligen Redakteure der „Iskra" in die Redaktion zu kooptieren. Das stand im Widerspruch zu dem Parteitagsbeschluß und zu Lenins Organisationskonzeption. Lenin lehnte den Vorschlag Plechanows ab, er trat aus der Redaktion der „Iskra" aus. Plechanow kooptierte daraufhin Axelrod, Martow, Protessow und Sassulitsch in die Redaktion der „Iskra", die von Ende 1903 ein menschewistisches Organ wurde. In der Parteigeschichte wird sie die „neue Iskra" genannt, im Gegensatz zu der „alten Iskra", die die Bolschewiki die „leninsche Iskra" nennen.
Trotzki war als Delegierter auf dem II. Parteitag. Er ist in den Auseinandersetzungen über das Organisationsstatut gegen Lenin aufgetreten. Er stellte sich in der Frage, die zum Bruch führte, auf die Seite der Menschewiki. Lenins unbeirrbare Entschlossenheit im Kampf um den Aufbau der revolutionären Partei ist oft mißdeutet worden. Aber die geschichtliche Entwicklung hat Lenin recht gegeben. Auf dem II. Parteitag sagte Lenin in einer Polemik gegen Trotzki, dem er vorwarf, er habe den Grundgedanken seiner Auffassung „absolut nicht begriffen" (Lenin, Gesammelte Werke, Band VI. Seite 34):
„Die Erhaltung der Festigkeit der Linie und der Reinheit der Parteigrundsätze wird gerade jetzt umsomehr zu einer dringenden Angelegenheit, als die in ihrer Einheit wiederhergestellte Partei sehr viele schwankende Elemente in ihre Reihen aufnehmen wird, deren Zahl mit dem Wachstum der Partei anwachsen wird. Genosse Trotzki hat den Grundgedanken meines Buches „Was tun?" sehr falsch verstanden, als er sagte, die Partei sei keine Verschwörerorganisation ... Er hat vergessen, daß ich in meinem Buche eine ganze Reihe verschiedener Organisationstypen vorschlage, von den konspirativsten und engsten bis zu verhältnismäßig breiten und ,losen'. Er hat vergessen, daß die Partei nur der Vortrupp, der Führer der gewaltigen Masse der Arbeiterklasse sein muß, die ganz (oder fast ganz) unter der Kontrolle und Führung der Parteiorganisationen arbeitet, die aber nicht in ihrer Gesamtheit der ,Partei' angehört und ihr auch nicht ganz angehören darf. Man sehe sich tatsächlich an, zu welchen Schlüssen Genosse Trotzki infolge seines Grundfehlers gelangt ... Ist die Beweisführung des Genossen Trotzki nicht merkwürdig? Er betrachtet das als betrüblich, was jeden einigermaßen erfahrenen Revolutionär nur freuen könnte. Wenn es sich herausstellte, daß Hunderte und Tausende von Arbeitern, die wegen Streiks und Demonstrationen verhaftet werden, nicht Mitglieder von Parteiorganisationen sind, so würde das nur beweisen, daß unsere Organisationen gut sind, daß wir unsere Aufgaben — einen mehr oder weniger engen Kreis von leitenden Genossen konspirativ wirken zu lassen und eine möglichst breite Masse zur Bewegung heranzuziehen — erfüllen."
Die deutschen Sozialisten, die inzwischen ihre Erfahrungen im illegalen Kampfe gegen die faschistische Diktatur gesammelt haben, verstehen heute sehr gut, wie richtig die Beweisführung und die Argumente Lenins sind, die er vor mehr als dreißig Jahren gegen Trotzki vorbrachte. Eine illegale Organisation ist erst dann gut und kampffähig, wenn sie bei ihren Aktionen breite Massen in Bewegung zu setzen vermag, die nicht Mitglieder der Partei sind. Eine illegale Organisation, die im Kampf nur ihre eigenen Parteimitglieder mobilisieren kann, ist eine Sekte. In der nach dem II. Parteitag veröffentlichten Schrift „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" setzte Lenin auseinander, daß der Parteitag einen Schritt vorwärts zur fester gefügten Parteiorganisation gemacht habe, aber die Bildung eines rechten Flügels mit eigenen organisatorischen Bindungen bringe die Partei zwei Schritte zurück. Gegen diese Schrift und gegen Lenins Auffassung, daß dem Proletariat eine viel größere Rolle in der Partei gesichert werden müsse, nahm Trotzki Stellung. In seiner von den Menschewiki (1904) herausgegebenen Broschüre „Unsere politischen Aufgaben", die er mit der Widmung „Dem treuen Lehrmeister Pawel Borissowitsch Axelrod" versah, schrieb Trotzki gegen Lenin:
„Welche Entrüstung erfaßt einen, wenn man diese unerhört skrupellosen, demagogischen Zeilen liest. Das Proletariat, dasselbe Proletariat, über das einem gestern noch gesagt wurde, daß es ,sich spontan dem Trade Unionismus hingibt' (Das richtet sich gegen Lenins .Was tun?'. D.V.), wird bereits heute aufgerufen, Lehrstunden politischer Disziplin zu geben. Und wem? Gerade jenen Intellektuellen, denen nach dem gestrigen Schema die Rolle zugesprochen wurde, von außen her in das Proletariat sein Klassenbewußtsein und sein politisches Bewußtsein hineinzutragen .... Und das nennt sich Marxismus. Das nennt sich sozialdemokratisches Denken. Wahrhaftig, man kann sich nicht mit größerem Zynismus dem besten ideellen Besitztum des Proletariats gegenüber verhalten, als das Lenin tut. Für ihn ist der Marxismus nicht eine Methode wissenschaftlicher Untersuchung, die große theoretische Verpflichtungen auferlegt, nein, er ist für ihn .... ein Scheuerlappen, wenn es notwendig ist, seine Spuren zu beseitigen, eine weiße Leinwand, wenn es notwendig ist, seine Größe zu demonstrieren, und ein zusammenlegbares Metermaß, wenn es erforderlich ist, sein Parteigewissen vorzuzeigen."
Diese Polemik Trotzkis gegen Lenin strotzt von persönlichen und politischen Beschimpfungen. Sie zeigt sehr deutlich, welcher scharfe Gegensatz nach 1903 zwischen Lenin und Trotzki bestand, wie verbissen und unsachlich Trotzki den Kampf gegen seinen „alten Kampfgenossen" führte. Der unsachliche Angriff charakterisiert sehr deutlich die scharfe Kampfstellung, die Trotzki gegen Lenin und die Bolschewiki bis zur Oktoberrevolution beibehielt. Im November 1904 schrieb Lenin in dem Artikel „Die Semstwokampagne und der Plan der Iskra" (Lenin, Gesammelte Werke, Band VII, Seite 20) gegen Trotzki:
„Das also sind die neuen taktischen Aufgaben, die neuen taktischen Ansichten der neuen „Iskra', die der ganzen Welt so feierlich durch den redaktionellen Balalaikin (gemeint ist damit Trotzki. D.V.) verkündet worden sind. In einer Hinsicht jedoch hat dieser Balalaikin ungewollt die Wahrheit gesagt: zwischen der alten und der neuen ,Iskra' klafft wirklich ein Abgrund. Die alte ,Iskra' hatte nur Worte der Verachtung und des Spottes übrig für Leute, die imstande sind, sich für eine theatralisch aufgemachte Klassenverständigung zu begeistern und darin einen „neuen Weg" zu sehen. Dieser neue Weg ist uns längst bekannt aus der Erfahrung jener französischen und deutschen ,Staatsmänner' des Sozialismus, die ebenfalls die alte revolutionäre Taktik für einen ,niederen Typus' halten und das ,planmäßige und unmittelbare Eingreifen in das öffentliche Leben' in Form von Vereinbarungen über ein friedliches und bescheidenes Auftreten der Arbeiterredner nach vorhergehenden Unterhandlungen mit dem linken Flügel der oppositionellen Bourgeoisie nicht genug preisen können."
In der Zeit nach dem II. Parteitag verschärfte sich auch der politische und ideologische Gegensatz zwischen Bolschewiki und Menschewiki. Trotzki bezog nach seiner Trennung von den Menschewiki seine Sonderstellung neben noch anderen kleinen Gruppen und Grüppchen. Sein organisatorischer Standpunkt in der Folgezeit war die angebliche Fraktionslosigkeit und das Bemühen, als „Fraktionsloser" mit seiner kleinen trotzkistischen Fraktion die entscheidenden Teile der russischen Sozialdemokratie, Menschewiki und Bolschewiki, zu überwinden und „unter Ausschaltung der Extreme" eine im Kern prinzipienlose Einheitspartei zu bilden. Im Kampfe um diese Konzeption traten auch die theoretischen und politischen Gegensätze zwischen Trotzkismus und Bolschewismus sehr deutlich zutage.
Nach der Spaltung auf dem II. Parteitag beschäftigten sich die Parteiorganisationen in Rußland mit der Situation. Es fanden mehrere Gebietskonferenzen statt, die die sofortige Einberufung eines neuen Parteitages forderten. Auf diesen Konferenzen der Örtlichen Organisationen wurden Büros der „Komitees der Mehrheit" gebildet, die — als der Parteirat und das menschewistisch gewordene Zentralorgan, die „Iskra", die Einberufung eines neuen Parteitags ablehnten — von sich aus den III. Parteitag einberiefen, der Mitte 1905 in London stattfand. Die Menschewiki lehnten die Teilnahme an diesem Parteitag ab, sie hielten zu gleicher Zeit in Genf eine allrussische Konferenz ab. Der dritte rein bolschewistische Parteitag nahm das Organisationsstatut an, auch den ersten Punkt des Statuts, den die Menschewiki auf dem II. Parteitag abgelehnt hatten. Der III. Parteitag bestimmte die revolutionäre Taktik nach den Vorschlägen Lenins. Noch vor dem Stattfinden des III. Parteitages begann das Büro der „Komitees der Mehrheit" — seit Ende 1904 anstelle der „Iskra" die Zeitung „Wperjod" („Vorwärts") als Zentralorgan der Partei herauszugeben. Die Zeitung erschien in Genf, zu ihrer Redaktion gehörte Lenin.
Im Anschluß an die revolutionären Kämpfe des Jahres 1905 fand eine Annäherung zwischen Bolschewiki und Menschewiki und eine Vereinigung der beiden statt. Nach langen Verhandlungen wurde ein gemeinsames Zentralkomitee gebildet, das im Jahre 1906 den IV. den Vereinigungsparteitag, nach Stockholm zusammenberief. Auf dem Stockholmer Parteitag hatten die Menschewiki die Mehrheit; die Beschlüsse fielen im wesentlichen im Sinne der Menschewiki aus. Die Einigung war aber nur eine formale, die ideologischen und politischen Gegensätze zwischen den beiden Fraktionen wurden nicht überwunden. Es wurde zwar ein gemeinsames Zentralkomitee gewählt, aber die Bolschewiki schufen sich auf diesem Kongreß ein illegales Zentralkomitee. 1907 fand in London der V. Parteitag statt, auf dem die Bolschewiki ein kleines Übergewicht hatten, das aber nicht für ihre Linie voll ausgenutzt werden konnte, weil die auf diesem Parteitag vertretenen schwankenden Elemente — unter anderem auch Trotzki — eine klare Mehrheitsbildung verhinderten. Trotz den gemeinsamen Parteitagen bestanden schon in jener Zeit innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Rußlands zwei Parteien. Zwei Versuche, — die Parteikonferenz im Jahre 1908 in Paris und die Vereinigungsplenarsitzung des Zentralkomitees Anfang 1910 — eine völlige Einigung herbeizuführen, blieben ergebnislos.
Inzwischen hatten sich in der Reaktionsperiode nach der Revolution von 1905 im menschewistischen Lager Veränderungen vollzogen. Eine Reihe Führer der Menschewiki vertrat die Auffassung, daß man auf dem Wege des illegalen Kampfes nicht zum Ziele komme. Es sei darum notwendig, die illegale Organisation zu liquidieren und eine legale Arbeiterpartei auf breiter Basis zu bilden, die sich an die Gesetzlichkeit des zaristisch-stolypinischen Regimes anpaßt. In dieser Frage entstand ein entscheidender Gegensatz zwischen Bolschewiki und Menschewiki. Die Bolschewiki nannten die Menschewiki, die die illegale Kampforganisation zugunsten einer Unrevolutionären, sich mit dem Zarismus versöhnenden legalen Partei aufgeben wollten, die Liquidatoren. Lenin nannte sie ironisch die stolypinsche Arbeiterpartei. Nach dem letzten Vereinigungsversuch beschlossen die Bolschewiki, mit den Liquidatoren nicht mehr zusammen zu arbeiten. In einer Betrachtung über die Einheit charakterisierte Lenin die Liquidatoren folgendermaßen (Lenin, Ausgewählte Werke, Band IV, Seite 217):
„Wenn wir vom Liquidatorentum sprechen, so stellen wir eine bestimmte ideologische Strömung fest, die im Laufe von Jahren aufgekommen ist, in einer zwanzigjährigen Parteigeschichte mit dem ,Menschewismus' und ,Ökonomismus' verwurzelt und mit der Politik und Ideologie einer bestimmten Klasse, der liberalen Bourgeoisie, verknüpft ist." Nicht alle Menschewiki waren Liquidatoren; Martow ist gelegentlich gegen sie aufgetreten, und Plechanow führte einen heftigen Kampf gegen sie. Auch bei den Bolschewiki hatte die Entwicklung zu Differenzen und zu Abspaltungen geführt. Eine besondere Strömung, die Otsowisten, vertrat den Standpunkt, die Wahlen zur Duma zu boykottieren und jede legale Tätigkeit abzulehnen. Die Linie der Bolschewiki unter Lenins Führung dagegen war dafür, eine zielbewußte, geschlossene illegale Organisation aufzubauen, den illegalen Kampf verschärft fortzuführen, dabei aber alle legalen Möglichkeiten auszunützen. Von den Bolschewiki spalteten sich noch andere Grüppchen ab, so u.a. die Ultimatisten. die Gottesbildner, die zusammen mit den Otsowisten sich nach dem Ausschluß durch die Bolschewiki in der sogenannten „Wperjod"-Gruppe zusammenfanden. Sie führten den 1904 von den Bolschewiki begründeten „Wperjod" („Vorwärts") fort. nannten sich linke Bolschewiki. vertraten ultralinke Auffassungen und warfen Lenin und seinen Anhängern vor, sie hätten sich nach rechts entwickelt und den Bolschewismus verraten. Trotzki sympathisierte auch mit dieser ultralinken Gruppe, die damals mit ähnlichen Argumenten Lenin bekämpfte, wie später die Trotzkisten Stalin.
Die entscheidenden Kämpfe der nächsten Jahre spielten sich zwischen den Bolschewiki und den menschewistischen Liquidatoren ab. In diesem Kampfe stand Trotzki zwischen den beiden Fronten. Praktisch unterstützte er die Liquidatoren im Kampf gegen die Bolschewiki.
Von 1908 ab spitzte sich der organisatorische Kampf immer mehr zu. Es ging dabei um die Bildung einer selbständigen, von den Liquidatoren vollkommen getrennten Bolschewistischen Partei. Lenin und die Bolschewiki organisierten zusammen mit allen parteitreugebliebenen Kräften eine Konferenz, die mit den liquidatorischen Elementen endgültig Schluß machen sollte. Diese Absicht bekämpfte Trotzki besonders heftig, in diesem Zusammenhang nannte er Lenin einen engherzigen Spalter. Trotzki publizierte in der deutschen sozialdemokratischen Presse (in der „Neuen Zeit" und im „Vorwärts") entstellte Berichte über die russische Arbeiterbewegung, in denen er behauptete, daß in Rußland weder die Bolschewiki, noch die parteitreuen Menschewiki eine Rolle spielen. Im Mai 1911 veröffentlichte Lenin einen Artikel „Der historische Sinn des innerparteilichen Kampfes in Rußland" gegen Trotzkis irreführende Berichte (Ausgewählte Werke, Band III, Seite 492 usf.):
„Es sei eine „Illusion“, zu glauben", erklärte Trotzki, „der Menschewismus und der Bolschewismus hätten in den Tiefen des Proletariats feste Wurzeln gefaßt". Dies ist ein Muster jener klingenden, aber hohlen Phrasen, in denen unser Trotzki Meister ist. Nicht in den ,Tiefen des Proletariats', sondern in dem ökonomischen Inhalt der russischen Revolution liegen die Wurzeln der Differenzen zwischen Menschewiki und Bolschewiki ... Trotzki entstellt den Bolschewismus, denn niemals vermochte Trotzki, sich einigermaßen bestimmte Ansichten über die Rolle des Proletariats in der russischen bürgerlichen Revolution zu machen...
Trotzki, der für seine Fraktion die Reklametrommel rührt, geniert sich nicht, den Deutschen zu erzählen, daß die ,Partei' zerfalle, daß beide Fraktionen zerfallen, während er, Trotzki, allein alles rette. In Wirklichkeit sehen wir jetzt alle — und die jüngste Resolution der Trotzkisten (im Namen des Wiener Klubs, vom 26. November 1910) beweist dies besonders anschaulich —, daß Trotzki lediglich bei den Liquidatoren und den ,Wpenod'-Leuten Vertrauen genießt. Bis zu welcher Ungeniertheit sich Trotzki versteigt, wenn er die Partei herabsetzt und sich selbst in den Augen der Deutschen herausstreicht, zeigt z.B. der folgende Fall: Trotzki schreibt, daß die ,Arbeitermassen' in Rußland die sozialdemokratische Partei als außerhalb ihres Kreises stehend (hervorgehoben von Trotzki) betrachten, und spricht von ,Sozialdemokraten ohne Sozialdemokratie'. Wie sollen denn da Herr Potressow (Führer der Liquidatoren. D.V.) und seine Freunde Trotzki für solche Reden nicht ans Herz drücken? ..."
Der scharfe Ton, den Lenin gegen Trotzki anschlug, entspricht der Schärfe von Trotzkis Angriff gegen die Bolschewiki. Trotzki setzte vor der deutschen Parteiöffentlichkeit die beiden parteitreuen Fraktionen herab. Er verkündete den Zerfall der Partei. Die weitere Entwicklung hat sich nicht nach der Prophezeiung Trotzkis gerichtet, aber in der damaligen Zeit hat er mit seiner Stellungnahme genug Verwirrung angerichtet. Trotzkis Angriffe gegen die Bolschewiki und die parteitreuen Menschewiki — also gegen die russische Partei — spielten auch in der russischen Delegation auf dem Kopenhagener internationalen Sozialistenkongreß eine Rolle. In dem vorstehend zitierten Artikel schrieb Lenin weiter (Seite 509):
„In Kopenhagen erhob Plechanow als Vertreter der parteitreuen Menschewiki und Delegierter der Redaktion des Zentralorgans gemeinsam mit dem Schreiber dieser Zeilen als dem Vertreter der Bolschewiki und einem polnischen Genossen entschieden Protest dagegen, wie Trotzki in der deutschen Presse unsere Parteiangelegenheiten darstellt." In „Mein Leben" nimmt Trotzki zu dem Zusammenstoß in Kopenhagen Stellung. Er erzählt dort (Seite 208 usf.), wie er auf der Reise von Wien nach Kopenhagen unterwegs auf einem Bahnhof, in dem man umsteigen mußte, ganz unerwartet den aus Paris kommenden Lenin traf:
„Wir mußten eine Stunde warten und es entspann sich zwischen uns ein großes Gespräch, das sehr freundschaftlich in seinem ersten und weniger freundschaftlich in seinem zweiten Teile war.“
Mit dieser Darstellung der Unterhaltung will Trotzki den Eindruck erwecken, daß damals gar kein so schlechtes Verhältnis zwischen ihm und Lenin bestanden habe. Er erzählt darum, daß der erste Teil der Unterhaltung „freundschaftlich" verlaufen sei. Und wie kommt Trotzki zu dieser Behauptung? Nach seiner eigenen Darstellung hat er zuerst von der Abspaltung der tschechischen Gewerkschaften erzählt, und in diesem ersten Teil der „Unterhaltung" hat Lenin kein Wort gesagt, sondern nur zugehört. Jedenfalls lag Lenin absolut nichts daran, diese Frage mit Trotzki zu besprechen, wichtiger war ihm, seine Meinung über Trotzkis Artikel in der deutschen Presse zu sagen. Und da war es mit der „Freundschaftlichkeit" aus. Trotzki selbst erzählt darüber in „Mein Leben" weiter:
„Das Gespräch nahm aber einen völlig anderen Charakter an, als ich Lenin von meinem letzten Artikel im ,Vorwärts' über die russische Sozialdemokratie erzählte. Der Artikel war zum Kongreß geschrieben worden und unterwarf sowohl die Menschewiki, wie die Bolschewiki einer scharfen Kritik .... Haben Sie das wirklich so geschrieben? fragte Lenin vorwurfsvoll . . . Wäre es nicht möglich, den Druck des Aufsatzes telegraphisch zurückzuhalten? ,Nein', erwiderte ich, .der Artikel sollte heute morgen erscheinen, und weshalb auch aufhalten? Der Artikel ist richtig."
Im Anschluß daran fährt Trotzki aber fort:
„In Wirklichkeit war der Artikel nicht richtig, denn er rechnete damit, daß eine Partei entstehen würde, durch Verschmelzung der Bolschewiki mit den Menschewiki, untei Wegfall aller Extreme, wahrend in Wirklichkeit eine Partei entstanden ist im schonungslosen Kampf der Bolschewiki gegen die Menschewiki."
In seiner Geschichtsschreibung hat Trotzki in vielen Fragen in denen er früher Lenin heftig bekämpfte, lange hinterher zu gegeben, daß Lenin recht hatte. Der Zweck dieser Geschichtsschreibung ist, den tatsächlich bestehenden scharfen Gegensatz harmlos erscheinen zu lassen. Die Frage aber, auf welchem Weg die revolutionäre Partei entstehen sollte, die in Rußland zielklare Führerin der Revolution wird, war in jener Zeit die aktuellste politische Frage. Und dabei vertrat Trotzki „konsequent" den trotzkistischen Standpunkt, der dem leninschen diametral gegenüber stand. Hätte in der russischen Arbeiterbewegung nicht der Leninismus, sondern der Trotzkismus sich durchgesetzt, dann hätte der Zusammenbruch des Zarismus in Rußland wahrscheinlich zu dem gleichen Ergebnis geführt wie die Novemberrevolution in Deutschland.
In dem Kampfe um die revolutionäre Partei betrachtete Lenin Trotzki als einen Feind, der noch schlimmer und gefährlicher ist, als die Liquidatoren. In dem Artikel »Aus dem Lager der stolypinschen Arbeiterpartei" schrieb Lenin im September 1911 (Sämtliche Werke, Band XV, russisch, Seite 218):
„Hieraus ergibt sich klar, daß Trotzki und die ihm Geistesverwandten ,Trotzkisten und Kompromißler' schädlicher als der ärgste Liquidator sind, denn überzeugte Liquidatoren legen ihre Ansicht offen dar, und die Arbeiter können ihre Fehlerhaftigkeit leicht erkennen; die Herren Trotzki aber betrügen die Arbeiter, verschleiern das Übel, machen es unmöglich, es aufzudecken und zu heilen. Jeder, der das Gruppchen Trotzkis unterstützt, unterstützt die Politik der Lüge und des Betrugs an den Arbeitern, die Politik der Verschleierung des Liquidatorentums. Volle Handlungsfreiheit für die Herren Potressow und Co. in Rußland, Verschleierung ihrer Taten durch ,revolutionäre' Phrasen im Ausland — das ist das Wesen der Politik des Trotzkismus." Im Januar 1912 fand in Prag die von Lenin und den Bolschewiki organisierte Konferenz statt, die vielleicht als die eigentliche Gründungskonferenz der selbständigen Bolschewistischen Partei bezeichnet werden kann. Der offizielle Einberufer dieser „Gesamtrussischen Parteikonferenz" war das Russische Organisationskomitee, an dem auch parteitreue Menschewiki beteiligt waren. Plechanow, der in jener Zeit sehr konsequent gegen die Liquidatoren auftrat, unterstützte die Konferenz. An ihr nahmen außer einigen antiliquidatorischen parteitreuen Menschewiki, die den Standpunkt Plechanows vertraten, nur Bolschewiki teil. Nach der Prager Konferenz begann eine Belebung und ein neuer Aufschwung der russischen Arbeiterbewegung. Es ist nicht ohne tieferen Sinn, daß Trotzki das Zustandekommen dieser Konferenz mit allen Mitteln zu verhindern suchte, und daß er nach der erfolgreichen Durchführung der Konferenz seinen Kampf gegen Lenin verschärft fortsetzte. Aber Trotzki begnügte sich nicht damit, die Prager Konferenz der Bolschewiki zu bekämpfen, er stellte sich an die Spitze einer „Organisationskommission", die eine Gegenkonferenz organisierte. Er schuf damals zusammen mit allen nichtbolschewistischen Elementen den sogenannten Augustblock, der nach dem Wunsche seiner Autoren eine gemeinsame Organisation aller nichtbolschewistischen Kräfte gegen den Leninismus und die Bolschewiki schaffen sollte.
Gegen Trotzkis Bemühungen, den antileninistischen Augustblock und eine Gegenkonferenz zu organisieren, schrieb Lenin im Januar 1911 in einem Artikel „Über die Lage der Dinge in der Partei" (Sämtliche Werke, Band XV, russisch, Seite 60): „Trotzkis Resolution, die die lokalen Organisationen zur Vorbereitung seiner .Konferenz der Gesamtpartei über den Kopf des ZK hinweg und gegen das ZK aufruft, ist ein Ausdruck eben dessen, was das Ziel der Golos-Leute (Anhänger eines Organs der Menschewiki. D.V.) ist: Zerstörung der den Liquidatoren verhaßten zentralen Institutionen und mit ihnen auch der Partei als Organisation. Es genügt nicht, diese parteifeindlichen Handlungen der Golos-Leute und Trotzkis ans Licht zu bringen, man muß sie bekämpfen. Die Genossen, denen die Partei und ihre Wiedergeburt am Herzen liegt, müssen aufs entschiedenste Stellung nehmen gegen alle diejenigen, die aus rein fraktionellen und zirkelpolitischen Erwägungen und Interessen bestrebt sind, die Partei zu zerstören...
Wenn Trotzki sagt, das Plenum habe die Tätigkeit der ,Prawda' (Trotzkis Blatt in Wien. D.V.) als nützlich anerkannt, so verschweigt er zu Unrecht die Tatsache, daß das Plenum einen Vertreter des ZK in die Redaktion der ,Prawda' entsandt hat. Das Verschweigen dieser Tatsache bei der Erwähnung der Beschlüsse des Plenums bezüglich der ,Prawda' kann man nicht anders bezeichnen, denn als Betrug an den Arbeitern. Und dieser Betrug Trotzkis ist um so gemeiner, als Trotzki im August 1910 den Vertreter des ZK aus der ,Prawda' entfernt hatte ... Solange das ZK nicht erneut zusammengetreten ist, gibt es keinen anderen Richter über das Verhalten der ,Prawda' gegenüber dem ZK, als den vom Plenum ernannten Vertreter des ZK, der das Verhalten Trotzkis für parteifeindlich erklärt hat .... Und wir erklären daher im Namen der Gesamtpartei, daß Trotzki eine parteifeindliche Politik betreibt; daß er die Parteilegalität zerstört, daß er den Weg des Abenteuers und der Spaltung betritt, wenn er in seiner Resolution mit keinem Ton das ZK erwähnt .... und im Namen einer einzigen ausländischen Gruppe die ,Organisierung' eines Fonds für die Einberufung einer Konferenz der SDAPR kundgibt ... Trotzki schreibt in seiner Resolution, daß der Kampf, den die ,Leninisten und Plechanowleute' führen (durch diese Hervorkehrung von Personen an Stelle der Strömungen des Bolschewismus und des parteitreuen Menschewismus will Trotzki seine Mißachtung zum Ausdruck bringen, aber er bringt damit nur seine Ignoranz zum Ausdruck), daß dieser Kampf gegenwärtig jeder prinzipiellen Grundlage entbehrt." Besonders erbost war Lenin darüber, daß Trotzki bei seinem Kampf gegen die Prager Konferenz die Liquidatoren unterstützte. Im Dezember 1911 schrieb er in einem Artikel über eine Plattform der Parteitreuen (Sämtliche Werke, Band XV, russisch, Seite 302 usf.):
„Trotzki weiß ausgezeichnet, daß die Liquidatoren in den legalen Publikationen gerade die Losung der ,Koalitionsfreiheit' vereinigen mit der Losung: Nieder mit der illegalen Partei, nieder mit dem Kampf für die Republik. Die Aufgabe Trotzkis besteht denn auch darin, das Liquidatorentum zu decken, indem er den Arbeitern Sand in die Augen streut ....
Mit Trotzki kann man nicht sachlich diskutieren, denn er hat keinerlei Anschauungen. Man kann und muß mit den überzeugten Liquidatoren und Otsowisten diskutieren, mit einem Menschen aber, der das Spiel treibt, die Fehler sowohl der einen als auch der anderen zu decken, diskutiert man nicht: man entlarvt ihn als .... einen Diplomaten schlimmster Prägung..."
Später hat Lenin Trotzkis Stellung zu den Liquidatoren noch öfter behandelt. Gegenüber dem von Trotzki erhobenen Vorwurf der Spalterei sagte Lenin, daß auf dem Schauplatz der Arbeiterbewegung Rußlands außer dem Liquidatorentum und den der illegalen Partei treuen Fraktionen nichts vorhanden sei. Lenins Meinung war, daß die Partei nur lebensfähig sein könne, wenn sie sich von den die Partei verneinenden Liquidatoren befreie. Er fragte Trotzki, ob er diese Stellung zum Liquidatorentum als Spalterei betrachte. Trotzki wich dieser Frage aus:
„Über seine grundlegenden Ansichten — schrieb Lenin (Ausgewählte Werke, Band IV, Seite 212 usf.) — suchte Trotzki in seiner neuen Zeitschrift möglichst wenig zu sagen. Die „Putl Prawda" (Nr. 37) hat bereits vermerkt, daß Trotzki weder über die Frage der Illegalität noch über die Losung des Kampfes für eine legale Partei usw. auch nur einen Ton geäußert hat. Eben deshalb sprachen wir unter anderem von schlimmstem Fraktionswesen in dem Falle, wenn eine abgesonderte Organisation ohne Jegliche ideologisch-politische Physiognomie entstehen will."
Die unklare Haltung, die Lenin Trotzki vorwarf, diente in der Praxis den Liquidatoren, sie entsprang der Absicht, auf jeden Fall einen opportunistischen, antileninistischen Block zustande zu bringen, unbeschadet seines ideologisch-politischen Inhalts. Trotzki erzählt in „Mein Leben", was ihn zu seinen Bemühungen um den opportunistischen Augustblock bewogen hat (Seite 215):
„Im Jahre 1912, als sich der neue politische Aufstieg klar zeigte, machte ich den Versuch, eine Vereinigungskonferenz von Vertretern aller sozialdemokratischen Fraktionen einzuberufen .... Unter den Bolschewiki selbst waren die versöhnlerischen Tendenzen in jener Periode sehr stark, und ich verlor die Hoffnung nicht, daß dieses auch Lenin veranlassen würde, sich an der Konferenz zu beteiligen. Lenin jedoch widersetzte sich der Vereinigung mit aller Kraft. Der ganze Verlauf der Ereignisse hat gezeigt, daß Lenin recht hatte. Die Konferenz versammelte sich im August 1912 in Wien, ohne die Bolschewiki, und ich geriet formell in einen ,Block' mit den Menschewiki und einzelnen Gruppen der Bolschewiki-Dissidenten. Eine politische Basis hatte dieser Block nicht..."
Trotzki behauptet, er wollte eine Vereinigungskonferenz aller Gruppen organisieren. Das ist eine Unwahrheit, denn er wußte ganz genau, mit welcher Heftigkeit Lenin diese opportunistische Absicht bekämpfte. Er wußte ferner, daß die berufenen Organe der Partei eine allrussische Konferenz einberufen hatten, und daß seine „Vereinigungs"- Veranstaltung eine Gegenkonferenz gegen die Parteikonferenz war. Trotzki war auch nicht im unklaren darüber, daß die Bolschewiki unter Lenins Führung seine „Vereinigungskonferenz" mit Liquidatoren grundsätzlich ablehnten, daß die Bolschewiki mit den „versöhnlerischen Tendenzen" ausgeschlossen waren und nicht mehr als Bolschewiki gelten konnten. Die nachträgliche Darstellung Trotzkis über seine Haltung zur Augustkonferenz und zum Augustblock ist ein Musterbeispiel für seine Art der Geschichtsschreibung. Natürlich fehlt dabei auch nicht die Feststellung, daß „der Verlauf der Ereignisse" Lenin recht gegeben habe. Was ist das für ein vorausschauender Politiker, — und Trotzki gibt vor, ein solcher zu sein - der mit Verbissenheit in der jeweils aktuellsten politischen Frage einen Standpunkt vertritt, den er dann nach Jahrzehnten — wenn es ihm opportun erscheint — als falsch bezeichnet.
Der Versuch Trotzkis, im Jahre 1912 einen ideologisch uneinheitlichen Block der verschiedensten Elemente gegen den Bolschewismus zu bilden, war eben nicht nur eine Augenblicksverirrung Trotzkis, sondern er entsprang den Organisationsauffassungen und der falschen theoretischen und politischen Konzeption des Trotzkismus, die Lenin wegen ihrer Gefährlichkeit so erbittert bekämpfte. Wenn Trotzki belehrungsfähig wäre (eben nicht der eine Meister neben dem anderen), dann hätten ihn die ernsthaften Argumente Lenins von der Verkehrtheit seines Beginnens überzeugt. „Um die Partei aufzubauen, genügt es nicht, zu rufen: ,Einheit!'" — schrieb Lenin gegen Trotzki — „man muß auch ein politisches Programm, auch ein Programm politischer Aktionen haben." Das aber hatte der Augustblock nicht, er hatte — wie Trotzki 1930 zugibt — keine politische Basis. Und daran ist er gescheitert. Lenin hat dieses Ergebnis vorausgesagt; er bekämpfte den Augustblock, weil er mit dem leninistischen Organisationsprinzip unvereinbar war. Trotzkis Augustblock verband nur die gemeinsame Gegnerschaft gegen den Leninismus; er bestand aus den verschiedenartigsten Elementen, die weder über Ziel noch Weg klar und einig waren.
In den Auseinandersetzungen um den Augustblock und die Prager Konferenz zeigte sich sehr deutlich der große Unterschied zwischen Leninismus und Trotzkismus. Lenin verlangte unerschütterlich als Voraussetzung für die siegreiche Durchführung der Revolution eine zielklare, auf einer gemeinsamen ideologischen Basis stehende zentralistische Partei; die praktische Tätigkeit Trotzkis bewies, daß er glaubte, mit einer äußerlich zusammengeklebten Mischmaschpartei in die Revolution gehen zu können. Das erwies sich als illusionär. Der Augustblock fiel bald nach seiner Gründung wieder auseinander. Trotzkis letzte Aktion gegen eine schlagkräftige Bolschewistische Partei brach kläglich zusammen. Die Bolschewistische Partei hat sich gegen die von Trotzki aufgerichteten Hemmungen durchgesetzt, sie hat in der Revolution die entscheidende Rolle gespielt, die Trotzki zur vorübergehenden Liquidierung seiner Sonderstellung zwang.
Die Prager Konferenz fand trotz allen Sabotageversuchen im Januar 1912 statt. Sie ist für die Bolschewiki besonders bedeutungsvoll, weil sie faktisch die Umwandlung der bolschewistischen Fraktion in eine selbständige Partei vollzog. Auf dieser Konferenz wurde ein aktionsfähiges Parteizentrum, ein festerer organisatorischer Zusammenhalt auf einer einheitlichen ideologischen Grundlage geschaffen. Die liquidatorischen Organisationen und die linksopportunistischen Elemente wurden aus der Partei ausgeschlossen; außerdem beschloß die Konferenz, alle Beziehungen zu Trotzkis „Prawda" abzubrechen. In das Zentralkomitee wurden Lenin, Stalin, Sinowjew, Ordshonikidse, Goloschtschekin Schwarzmann und Malinowski gewählt. Der letztgenannte, der auch bolschewistischer Duma-Abgeordneter war, wurde nach der Öffnung der zaristischen Polizeiarchive als Spitzel entlarvt und 1916 von den Bolschewiki wegen seiner Verräterei erschossen. Als Kandidaten für das Zentralkomitee wurden auf der Prager Konferenz noch Kalinin und die Stassowa gewählt, die heute ebenso wie Litwinow, der gleichfalls zu der ältesten Garde der Bolschewiki gehört, in der Sowjetunion hervorragende Funktionen ausüben. Dieser Hinweis ist in diesem Zusammenhange zweckmäßig, weil die Trotzkisten in neuerer Zeit immer wieder behaupten, daß in der Sowjetunion die ganze alte bolschewistische Garde ausgerottet werde. Auch Molotow war bereits während des Bürgerkrieges Mitglied des Zentralkomitees der Partei, ebenso haben Woroschilow und Meschlauk schon in der Revolution hervorragende Funktionen in der Partei und der Armee inne gehabt. Die heutigen Führer der Sowjetunion sind also — so weit sie nicht zur jüngeren Generation zählen — im Gegensatz zu Trotzki alte Bolschewiki. Aber schließlich ist bei der Beurteilung jedes Einzelnen sein Tun in der Gegenwart wichtiger als sein Verhalten in der Vergangenheit. Um sein Tun in der Gegenwart zu rechtfertigen, beruft Trotzki sich auf seine angebliche enge Gemeinschaft mit Lenin in der Vergangenheit. Die Analyse dieser Vergangenheit jedoch ergibt, daß Trotzki dazu keinesfalls berechtigt ist.
Nach der Prager Konferenz wurden die Angriffe Trotzkis gegen Lenin und die Bolschewiki besonders heftig. Anfang 1912 schreibt Trotzki in seiner Wiener „Prawda":
„Im Januar dieses Jahres fand im Ausland eine Beratung einiger russischer Praktiker mit dem leninschen Literaturzirkel statt. In der Darstellung der Leninisten ist diese Beratung eine ,Allrussische Konferenz der Partei' genannt worden, in der Resolution der Gruppe ,Wperjod' wurde sie ein ,Überfall auf die Partei' genannt. Alle Tatsachen und Umstände dieser Beratung veranlassen uns, anzuerkennen, daß die letztere Bezeichnung den Wesensinhalt der Sache weit genauer zum Ausdruck bringt. Wir zweifeln nicht daran, daß die Beschlüsse der leninschen Konferenz keinen irgendwie nennenswerten Einfluß auch auf die Arbeit der Leninisten in Rußland selbst ausüben können, denn kein ernster Parteiarbeiter wird seine Kräfte für ein sichtlich hoffnungsloses Zirkelunternehmen hergeben wollen." Die leninistische revolutionäre Organisation bezeichnet Trotzki als einen in den Massen einflußlosen Zirkel, der sich nicht mit realen politischen Dingen, sondern eben nur mit Literatur beschäftigt, der eine Literatur produziert, die in Rußland niemand beachtet. Darüber hinaus behauptet Trotzki, daß selbst die Leninisten in Rußland es ablehnen werden, für Lenins „hoffnungsloses Zirkelunternehmen" zu arbeiten. Die Geschichte hat sehr schnell die von Trotzki 1912 aufgestellten Behauptungen widerlegt. Die Leninisten und sehr viele andere revolutionäre Arbeiter in Rußland haben ihre Arbeit in den Dienst des „leninschen Literaturzirkels" gestellt. Als der Zarismus zusammenbrach, war die leninsche Partei die Macht, die allein die Massen vom Februar zum siegreichen Oktober führen konnte.
Als die Bolschewiki bald nach der Prager Konferenz in Rußland selbst eine Arbeiterzeitung unter dem Namen „Prawda" herausgeben wollten, schrieb Trotzki in seiner Wiener „Prawda" einen wütenden Artikel gegen Lenin und die Bolschewiki:
„In der Petersburger Zeitung ,Swjesda' erschien eine Ankündigung über das bevorstehende Erscheinen einer Arbeiter-Tageszeitung ,Prawda'. Die die Presse verfolgenden Arbeiter wissen, daß gerade unter dieser Bezeichnung ... unsere Zeitung bereits seit vier Jahren erscheint. Was soll das bedeuten? Hat die Redaktion der neuen Zeitung nach unserem Einverständnis gefragt? Nein, sie hat nicht gefragt. In welchem Verhältnis steht die Petersburger Zeitung zu unserer Zeitung? In keinem...
Der leninsche Zirkel, diese Verkörperung der Fraktionsreaktion und der spalterischen Willkür, hat nicht nur versucht, uns durch Aneignung der allgemeinen Parteimittel des Feuers und des Wassers zu berauben, sondern hat im Verlauf der letzten beiden Jahre auch alles getan, was möglich war, um den Namen „Prawda“ in den Augen der russischen Arbeiter zu beschmutzen und verhaßt zu machen.
Und jetzt, nach einem zweijährigen Kampfe des leninschen Zirkels gegen uns entsteht in Petersburg eine Zeitung, die sich den völligen Titel unserer Zeitung ... aneignet. Mit welchem Recht? Ohne jedes Recht. Wozu? Darauf ist nicht schwer zu antworten: dazu, um auf dem Wege der Fälschung das zu erreichen, was nicht gelang, auf dem Wege einer wilden Hetze zu erzielen; dazu, um die spalterischen Tendenzen als Schmuggelware unter der Flagge einer Zeitung fraktionslosen Charakters, der für die breiten Arbeiterkreise unzweifelhaft ist, einzuschmuggeln. Und dazu, um alle Karten zu vermischen, ein volles Chaos hervorzurufen und die Verwirrung aller, noch lange nicht durch Beständigkeit gekennzeichneten Begriffe in den breiten Kreisen der Partei hervorzurufen."
Auch an dieser Äußerung ist der gehässige Ton beachtlich, den Trotzki damals in seinem Kampfe gegen den Leninismus anschlug. Er spricht immer nur von dem „leninschen Zirkel”, der der Ausdruck der Fraktionsreaktion sei, der nur spalte, und den Trotzki hier auch der Fälschung und des Betruges bezichtigt. Mit der Aneignung der allgemeinen Parteimittel, die Trotzki in diesem Artikel dem „leninschen Zirkel” vorwirft, hatte es eine besondere Bewandtnis. In der damaligen Zeit fehlte in der russischen sozialdemokratischen Partei noch die allgemein anerkannte Zentralstelle, der alle eingehenden Geldmittel zur Verteilung zugeleitet werden konnten. Darum gingen die für den illegalen Kampf eingehenden Gelder einer Gruppe von Treuhändern zu, die über die Verteilung entschied. Diese Treuhänder waren Karl Kautsky, Franz Mehring und Klara Zetkin, die nach gründlicher sachlicher Prüfung der tatsächlichen Lage in der russischen Sozialdemokratie zu dem Ergebnis kamen, daß die Bolschewiki als die stärkste und einflußreichste Kraft in Rußland den berechtigtsten Anspruch auf die Parteigelder hätten. In den Augen der Treuhänder waren eben die Bolschewiki nicht nur ein „leninscher Literaturzirkel”, sondern ein entscheidender Teil der illegalen Bewegung. Im Gegensatz zu den Trotzkisten, die wirklich nur ein Zirkel ohne wesentlichen Einfluß auf die russischen Arbeiterwaren, und denen darum die Treuhänder Parteigelder zu überweisen ablehnten. Gegen Trotzkis Hetze wegen der Gelder schrieb Lenin in einem Briefe „An alle sozialdemokratischen Parteiorganisationen, Gruppen und Zirkel”:
„Man braucht kein Wort darüber zu verlieren, daß es Trotzki für seine Pflicht hält, alle Ammenmärchen der ausländischen Liquidatoren über die angebliche Aneignung der Parteigelder ... zu wiederholen. Habt wenigstens ein bißchen Scham, Herrschaften! - sagen wir Trotzki und den mit ihm Gehenden. Unternehmt nicht eine schändliche, lügnerische und klägliche Kampagne um das Geld!”
Doch wegen dieses Geldes hat Trotzki noch einen heftigeren Angriff gegen Lenin unternommen. In einem Brief an den menschewistischen Führer Tscheidse schrieb er am 1. April 1913:
„Die schmutzige Intrige, die systematisch von dem Meister für solche Sachen, von Lenin, dem berufsmäßigen Ausbeuter jeglicher Rückständigkeit in der russischen Arbeiterbewegung, entfacht wird, erscheint als unsinniges Hirngespinst. Kein geistig intakter europäischer Sozialist glaubt, daß auf Grund jener Margarine-Meinungsverschiedenheiten, die von Lenin in Krakau formuliert wurden, eine Spaltung nötig ist. Mit den „dunklen Geldern“, die Kautsky und Zetkin entrissen wurden, hat Lenin ein Organ geschaffen und sich für dasselbe die Firma einer populären Zeitung angeeignet. Er hat die „Einheit“ und die „Fraktionslosigkeit“ zu ihrer Fahne gemacht und Arbeiterleser gewonnen, die in dem Erscheinen einer Arbeiter-Tageszeitung überhaupt, natürlicherweise ihre eigene gewaltige Errungenschaft sahen. Aber dann, als die Zeitung sich befestigte, machte sie Lenin zum Hebel für das zirkelmäßige Intrigantentum und die prinzipienlose Spalterei ...
Das ganze Gebäude des Leninismus in der gegenwärtigen Zeit ist auf Lüge und Falschheit aufgebaut und trägt die giftigen Bestandteile der eigenen Zersetzung in sich.”
Trotzki bestätigt in „Mein Leben” (Seite 500), daß er tatsächlich diesen Brief an Tscheidse, der unter Kerensky eine große Rolle spielte und in der Revolution einer der Gegenspieler Lenins war, geschrieben hat. Nach Trotzkis Angaben wurde dieser Brief vom zaristischen Polizeidepartement abgefangen. Er ist erst nach der Oktoberrevolution durch die Öffnung der Polizeiarchive bekannt geworden. Trotzki verteidigt den Brief damit, „daß in den Jahren der Emigration mancherlei Briefe geschrieben" wurden. Da Trotzki die Wirkung dieses Briefes unangenehm war, versuchte er mit großen Worten und mit einer Schimpfkanonade abzulenken. Er nennt die spätere Veröffentlichung dieses Briefes durch die Bolschewistische Partei eines der „größten Betrugsmanöver in der Weltgeschichte. Die gefälschten Dokumente der französischen Reaktion im Dreyfus-Prozeß sind nichts im Vergleich mit diesem politischen Betrug Stalins und seiner Komplizen." („Mein Leben" Seite 500).
Das ist der gleiche Ton gegen Stalin wie in dem Brief an Tscheidse gegen Lenin. Wenn Trotzki die Bekanntgabe eines von ihm als echt zugegebenen Briefes mit den gefälschten Dokumenten im Dreyfuß-Prozeß vergleicht, dann beweist das nur die Unfähigkeit Trotzkis, sachlich und objektiv zu urteilen. Wieso aber die Bekanntgabe eines echten Briefes eines der größten Betrugsmanöver der Weltgeschichte sein soll, wird kein objektiv urteilender Mensch verstehen. Die Feststellung, daß Trotzki in all den Jahren der intensiven Vorbereitung der russischen Revolution in schroffer Gegnerschaft gegen Lenin und den Leninismus stand, ist kein Betrug, sondern die geschichtliche Wahrheit. Wenn etwas Betrug ist, so Trotzkis Bemühen, den Kampf zwischen Lenin und Trotzki, zwischen Leninismus und Trotzkismus, nachträglich aus der Welt zu lügen. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Strömungen der russischen Arbeiterbewegung ist eine historische Wahrheit, und der Brief Trotzkis an Tscheidse ist nur ein Beweis dafür, wie tief dieser Gegensatz war, wie feindselig Trotzki noch am Vorabend der Revolution Lenin gegenüberstand. Es zeugt wahrlich nicht von freundlichen Gefühlen — die auch eine Voraussetzung für eine enge Kampfgemeinschaft sind — wenn Trotzki Lenin einen Meister schmutziger Intrigen nennt, einen Politiker, der sich nicht auf die fortschrittlichen Teile der Arbeiterschaft stützt, sondern ein „berufsmäßiger Ausbeuter jeder Rückständigkeit in der russischen Arbeiterbewegung" ist. Trotzkis völliges Mißverstehen der leninschen Organisationskonzeption kommt auch darin zum Ausdruck, daß er Lenin vorwirft, wegen „Margarine - Meinungsverschiedenheiten" zu spalten, nur aus Freude an der Spaltung. Die große Feindschaft Trotzkis aber gegen den Leninismus beweist die Behauptung, daß der ganze Leninismus auf Lüge und Falschheit aufgebaut sei.
Der in der Tat sehr aufschlußreiche Brief Trotzkis an Tscheidse war Lenin in den Auseinandersetzungen vor der Revolution nicht bekannt geworden. Lenin kannte nur die publizierten Äußerungen Trotzkis in dem Meinungsstreit, und die genügten ihm schon, harte und vernichtende Urteile über das Wirken Trotzkis und des Trotzkismus zu fällen. Im Mai 1914 schrieb Lenin in einer längeren Arbeit „Über die Verletzung der Einheit, bemäntelt durch Geschrei über die Einheit" gegen seinen „Kampfgenossen" Trotzki (Lenin, Ausgewählte Werke, Band IV, Seite 201 usf.):
„Bei Trotzki dagegen gibt es keinerlei ideologisch-politische Bestimmtheit, denn das Patent auf die ,Fraktionslosigkeit' bedeutet lediglich ... das Patent auf die völlige Freiheit des Hinüberwechselns von einer Fraktion zur anderen und zurück. Das Fazit: 1. die historische Bedeutung der ideellen Differenzen zwischen den Richtungen und Fraktionen im Marxismus erklärt und versteht Trotzki nicht, obwohl diese Differenzen die zwanzigjährige Geschichte der Sozialdemokratie füllen und die Grundfragen der Gegenwart berühren, 2. die Hauptmerkmale des Fraktionswesens als einer Anerkennung der Einheit dem Namen nach und einer tatsächlichen Zersplitterung, hat Trotzki nicht verstanden, 3. unter der Fahne der ,Fraktionslosigkeit' vertritt Trotzki eine der besonders ideenlosen Fraktionen, denen der Boden in der Arbeiterbewegung Rußlands entzogen ist.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt. In den Phrasen Trotzkis ist viel Glanz und Getue, aber Inhalt haben sie keinen..."
Wenn es bei euch „Prawda“-Anhängern (gemeint sind damit die Anhänger der Petersburger ,Prawda' der Bolschewiki. D.V.) kein Fraktionswesen gibt, d.h. keine Anerkennung der Einheit dem Namen nach bei tatsächlicher Zersplitterung, so gibt es bei euch etwas Schlimmeres - die „Spalterei". entgegnet man uns. So spricht nämlich Trotzki, der außerstande seine Gedanken zu durchdenken und seine Phrasen miteinander in Einklang zu bringen, bald gegen das Fraktionswesen lamentiert und bald schreit: ,Die Spaltung macht eine selbstmörderische Eroberung nach der anderen.' (Nr. 1, Seite 6.)
Der Sinn dieser Erklärung kann nur der eine sein: „die Anhänger der ,Prawda' machen eine Eroberung nach der anderen (das ist eine objektive, überprüfbare Tatsache, die durch das Studium der proletarischen Massenbewegung Rußlands, sagen wir in den Jahren 1912 und 1913, festgestellt werden kann), aber ich, Trotzki, verurteile die „Prawda“- Anhänger erstens als Spalter und zweitens als Selbstmordpolitiker."
Wollen wir das untersuchen. Vor allem danken wir Trotzki: vor kurzem (vom August 1912 bis zum Februar 1914) folgte er Dan, der bekanntlich drohte und aufforderte, das Antiliquidatorentum zu „erschlagen“. Jetzt droht Trotzki nicht mit dem ,Erschlagen' unserer Richtung (und unserer Partei — seien Sie nicht böse, Bürger Trotzki, das ist doch die Wahrheit!), sondern prophezeit nur, daß sie sich selbst umbringen werde! Das ist weit milder, nicht wahr? Das ist fast ,fraktionslos', nicht wahr? Aber Spaß beiseite (obwohl Spaß die einzige Methode ist, auf die unerträgliche Phrasendrescherei Trotzkis milde zu reagieren). Das mit dem ,Selbstmord' ist einfach eine Phrase, eine hohle Phrase, bloßer ,Trotzkismus' ... Zu der Behauptung Trotzkis, daß zahlreiche vorgeschrittene Arbeiter „im Zustand völliger Kopflosigkeit" Anhänger der Bolschewiki werden, schrieb Lenin in dem gleichen Artikel weiter:
„... Trotzki liebt es sehr, mit der gelehrten Miene eines Kenners, mit üppigen und klangvollen Phrasen die historischen Erscheinungen auf eine für Trotzki schmeichelhafte Art zu erklären. Wenn ,zahlreiche vorgeschrittene Arbeiter' zu ,eifrigen Agenten' einer politischen und Parteilinie werden, die mit der Linie Trotzkis nicht in Einklang steht, so löst Trotzki, ohne sich zu genieren, die Frage auf einen Hieb und schnurstracks: diese vorgeschrittenen Arbeiter befinden sich ,im Zustande völliger politischer Kopflosigkeit', er aber, Trotzki, offenbar ,im Zustande' einer politisch festen, klaren und richtigen Linie! ... (Genau so wie 1914 behauptet Trotzki 1936, — z.B. in „La revolution trahie" — daß die fortgeschrittenen Arbeiter in der Sowjetunion hinter ihm stehen, während Stalin sich auf die rückschrittlichen Elemente stütze, oder daß die fortgeschrittenen Arbeiter, wenn sie Stalin folgen, sich im Zustande der politischen Verwirrung befinden. D.V.) Und der nämliche Trotzki donnert, sich in die Brust werfend, gegen das Fraktionswesen, gegen das Zirkelwesen, dagegen, daß die Intellektuellen den Arbeitern ihren Willen aufzwingen wollen! ... Wirklich, wenn man derartige Dinge liest, fragt man sich unwillkürlich, ob solche Stimmen nicht aus einem Irrenhaus ertönen? ..."
In der Auseinandersetzung mit Trotzki kommt Lenin in dem Artikel „Über die Verletzung der Einheit" schließlich zu folgendem Schluß (Lenin, Ausgewählte Werke, Band IV, Seite 216 usf.):
„Die alten Teilnehmer an der marxistischen Bewegung in Rußland kennen die Figur Trotzkis genau, und für sie lohnt es nicht, von ihr zu sprechen. Aber die junge Arbeitergeneration kennt sie nicht, und man muß von ihr sprechen, denn er ist eine Figur, die typisch ist für alle jene fünf Auslandsgrüppchen, die in Wirklichkeit ebenfalls zwischen dem Liquidatorentum und der Partei schwanken ... Trotzki war in den Jahren 1901—1903 ein rabiater „Iskra“- Anhänger und Rjasanow bezeichnete seine Rolle auf dem Parteitag von 1903 als die Rolle des ,leninschen Knüppels'. Ende 1903 war Trotzki rabiater Menschewik, d.h. er war von den „Iskra“- Anhängern zu den „Ökonomisten“ übergelaufen; er verkündete: ,zwischen der alten und der neuen ,Iskra' liegt ein Abgrund'. Im Jahre 1904/05 rückte er von den Menschewiki ab und nimmt eine schwankende Haltung ein, wobei er bald mit Martynow (dem ,Ökonomisten') zusammen arbeitet, bald die plump-linke (in anderen Übersetzungen heißt es „albern-linke" D.V.) „permanente Revolution” verkündet. 1906/07 nähert er sich den Bolschewiki und im Frühling 1907 erklärt er sich mit Rosa Luxemburg solidarisch. In der Periode des Zerfalls geht er, nach langen ,nichtfraktionellen' Schwankungen, wiederum nach rechts und im August 1912 geht er einen Block mit den Liquidatoren ein. Jetzt rückt er wiederum von ihnen ab, wobei er jedoch im Wesen der Sache ihre armseligen Gedanken wiederholt."
Die Stellung Lenins zu Trotzki war besonders im Kampfe um die revolutionäre Partei sehr eindeutig. Beim Kampf um die revolutionäre Partei, bei der Herausarbeitung der revolutionären Theorie und der erfolgreichen politischen Strategie stieß Lenin auf den Widerstand Trotzkis, begegnete ihm der Trotzkismus als erbitterter Feind. Im Kampfe gegen diesen Feind bildete sich die Bolschewistische Partei, die schon während des Krieges als selbständige Organisation auftrat. Jedoch erst nach der Revolution, auf dem VII. Kongreß im Jahre 1918, haben die Bolschewiki ihre frühere sozialdemokratische Parteibezeichnung geändert und sich nach dem Vorschlage Lenins „Kommunistische Partei" genannt. Während des Krieges hat Lenin sehr scharfe Polemiken gegen Trotzki geführt, und dabei bereits gegen Trotzkis These von der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Lande Stellung genommen.

TROTZKI UND DIE AKTIONSEINHEIT DER PARTEI

Im Anschluß an die Darstellung des Gegensatzes zwischen Leninismus und Trotzkismus in der Organisationsfrage muß noch einiges über Trotzkis Stellung zur Parteidisziplin gesagt werden. Der heftige Kampf, den Trotzki in der Vergangenheit gegen den Leninismus führte, beweist, — wie Lenin in seinen Polemiken öfter sagte — daß Trotzki die leninsche Auffassung von der revolutionären Partei nicht begriffen oder sich nicht zu eigen gemacht hat. Unerbittlich vertrat Lenin den Standpunkt, daß die revolutionäre Bolschewistische Partei eine einheitliche ideologische Grundlage, eine — wie man später sagte — Generallinie brauche, die alle, die Parteimitglieder sein wollen, anerkennen müssen. Auf der Basis dieser gemeinsamen ideologischen Grundlage gibt es innerhalb der Partei Meinungsfreiheit und Meinungsaustausch, aber nach der Entscheidung der Parteiorganisation müssen deren Beschlüsse geschlossen durchgeführt werden, jede Verletzung der Aktionseinheit steht im Widerspruch mit dem leninschen Organisationsprinzip. Als 1917 nach dem Beschluß des Zentralkomitees über den Oktoberaufstand die in der Minderheit verbliebenen Sinowjew und Kamenew — die im Gegensatz zu Trotzki frühere Mitarbeiter Lenins waren — öffentlich gegen den Beschluß der Partei Stellung nahmen, hat Lenin diese Störung der Aktionseinheit in der schärfsten Weise gebrandmarkt. Er nannte die beiden rücksichtslos Streikbrecher und Verräter, die aus der Partei entfernt werden müssen. Um das geschlossene Auftreten der revolutionären Partei in allen Situationen zu sichern, darf es in ihr keine Fraktionen geben. Niemand hat so energisch wie Lenin die Bildung selbständiger Fraktionen in der Bolschewistischen Partei als einen Verrat an der Partei und an der Revolution gebrandmarkt. Kurz vor seinem Tode — auf dem X. Parteitag — hat Lenin Beschlüsse durchgesetzt, die jede Fraktionsbildung in der Partei unmöglich machen sollten und die später gegen die trotzkistische Fraktion wirksam wurden. Gegen diese Beschlüsse sind später die Trotzkisten Sturm gelaufen. Sie bezeichneten die überwiegende Mehrheit der Partei als eine Fraktion, deren „fraktionelle Diktatur" nur dadurch beseitigt werden könne, daß die Beschlüsse des X. Parteitages aufgehoben und fraktionelle Gruppierungen in der Partei zugelassen werden. Es ist also vollkommen unberechtigt, wenn die Trotzkisten sich nach Lenins Tode bei ihrem Kampf gegen die überwiegende Mehrheit der Partei gegen die Durchführung der Parteitagsbeschlüsse auf Lenin berufen.
Trotzki fehlte die Fähigkeit, sich in die leninsche Partei einzufügen, sich ihrer straffen Disziplin unterzuordnen. Aus dem Gegensatz zu dem leninistischen Organisationsprinzip erwuchs und verschärfte sich in der vorrevolutionären Zeit seine ideologisch-politische Gegnerschaft zum Bolschewismus. Aus der gleichen Ursache entstanden nach der Oktoberrevolution seine Konflikte mit der Bolschewistischen Partei. Trotzki stellte seine Person über die Partei. Schon bald nach dem ersten organisatorischen Konflikt auf dem II. Parteitag im Jahre 1903 hat Lenin die besondere Eigenschaft Trotzkis, Parteitagsbeschlüsse nicht zu achten und die Parteidisziplin zu brechen, angegriffen. In einem Artikel „Von schönen Worten wird man nicht satt" (Januar 1905) schrieb Lenin (Band VII, Seite 69/70):
„Welche Garantien kann es dagegen geben, daß Revolutionäre, die gemeinsam einen Parteitag abgehalten haben, nachher, beleidigt, weil der Parteitag sie nicht gewählt hat, zu schreien anfangen, daß der Parteitag ein reaktionärer Versuch gewesen sei, die „Iskra“- Auffassung durchzusetzen (Trotzki in einer Broschüre, die unter der Redaktion der ,neuen Iskra' herausgegeben wurde), daß die Beschlüsse des Parteitags kein Heiligtum, daß auf dem Parteitag keine Arbeiter aus der Masse gewesen seien? Welche Garantien kann es dagegen geben, daß ein gemeinsamer Beschluß über die Formen und Normen der Parteiorganisation, ein Beschluß, der sich Organisationsstatut der Partei nennt ... - nachträglich von charakterlosen Leuten, soweit er ihnen nicht in den Kram paßt, in Fetzen gerissen wird, unter dem Vorwand, daß solche Dinge, wie Statuten, bürokratisch und formalistisch seien?"
Nach dem II. Parteitag nannte Trotzki Mehrheitsbeschlüsse, die ihm nicht in den Kram paßten, reaktionär, und reaktionäre Beschlüsse erkannte er nicht als bindend an. Im Mai 1914 schrieb Lenin in einem Beitrag über die Einheit zu Trotzkis disziplinlosem Verhalten (Lenin, Ausgewählte Werke, Band IV, Seite 217 usf.):
„Derartige Typen (Trotzki. D.V.) sind charakteristisch als Trümmer geschichtlicher Gestaltungen und Formationen von gestern, wo die proletarische Massenbewegung in Rußland noch schlief, und ein beliebiges Grüpplein genügend ,Platz hatte', um sich als Strömung, als Gruppe, als Fraktion, mit einem Wort als eine ,Macht' hinzustellen, die von Vereinigung mit anderen redet.
Es ist notwendig, daß die Junge Arbeitergeneration genau wisse, mit wem sie es zu tun hat, wenn mit unglaublichen Ansprüchen Leute auftreten, die weder mit den Parteibeschlüssen, die seit dem Jahre 1908 das Verhältnis zum Liquidatorentum bestimmt und festgesetzt haben, noch mit der Erfahrung der modernen Arbeiterbewegung Rußlands, welche die Einheit der Mehrheit in der Tat auf der Grundlage der restlosen Anerkennung der genannten Beschlüsse hergestellt hat, irgendwie rechnen wollen." Trotzki ist der von Lenin charakterisierten Eigenschaft, sich nicht nach den Beschlüssen der Partei zu richten, immer treu geblieben. Seine Verstöße gegen die Aktionseinheit und gegen die Parteidisziplin — deren strikte Innehaltung auch nach dem Tode Lenins das oberste Prinzip der Partei geblieben ist — waren die Ursache der scharfen Zusammenstöße zwischen Trotzki und der leninschen Organisation. In dem Bericht des Zentralkomitees, den Stalin im Januar 1924 auf der XIII. Parteikonferenz erstattete, referierte er über die Diskussion zur Frage der Demokratie in der Partei. In der ersten Periode habe die Opposition das Zentralkomitee heftig angegriffen, weil während der NEP-Periode dessen ganze Linie falsch gewesen sein soll. In der zweiten Periode schien eine gewisse Aussöhnung der Opposition mit der Linie des Zentralkomitees zustande zu kommen. Die Opposition legte Resolutionen vor, die sich nur wenig von der Resolution des Zentralkomitees unterschieden. Über die dritte Periode sagte Stalin in seinem Bericht:
„Diese Periode wurde eingeleitet durch den Vorstoß des Genossen Trotzki, durch sein Schreiben an die Rayons, ein Vorstoß, durch den im Nu die Versöhnungstendenzen liquidiert und alles auf den Kopf gestellt wurde. Mit diesem Vorstoß des Genossen Trotzki brach die Periode des schärfsten innerparteilichen Kampfes an, eines Kampfes, zu dem es nicht gekommen wäre, wenn Genosse Trotzki nicht, nachdem er für die Resolution des Politbüros gestimmt hatte, am nächsten Tage mit seinem Brief hervorgetreten wäre. Wie ihr wißt, folgte auf den ersten Vorstoß des Genossen Trotzki ein zweiter. Auf den zweiten ein dritter, und der Kampf spitzte sich im Zusammenhang damit noch mehr zu ....
Der erste Fehler des Genossen Trotzki bestand in der Tatsache des Hervortretens mit einem Artikel am Tage nach der Veröffentlichung der Resolution des Politbüros des ZK und der ZKK, mit einem Artikel, den man nicht anders einschätzen kann .... als neue Plattform, die der einstimmig angenommenen Resolution des ZK entgegengestellt wird. Bedenkt nur, Genossen: An dem und dem Tage kommt das Politbüro und das Präsidium der ZKK zusammen, die Frage der Resolution über die innerparteiliche Demokratie steht auf der Tagesordnung, die Resolution wird einstimmig angenommen und nach insgesamt einem Tage wird unabhängig vom ZK, ohne den Willen des ZK, über den Kopf des ZK hinweg an die Rayons ein Artikel des Genossen Trotzki gesandt — eine neue Plattform, die von neuem die Frage des Apparates und der Partei, der Kader und der Jugend, der Fraktionen und der Parteieinheit usw. aufrollt, eine Plattform, die von der ganzen Opposition aufgegriffen und der Resolution des ZK entgegengestellt wird .... Das heißt, daß Genosse Trotzki sich dem ganzen ZK offen und schroff entgegenstellt. Die Partei stand vor der Frage: Haben wir ein ZK als leitende Instanz oder haben wir keins mehr, gibt es ein ZK, dessen einstimmige Beschlüsse von den Mitgliedern dieses ZK respektiert werden, oder gibt es bloß einen Übermenschen, der über dem ZK steht, einen Übermenschen, für den keine Gesetze geschrieben sind, der sich erlauben kann, heute für die Resolution des ZK zu stimmen und morgen eine neue Plattform gegen diese Resolution zu veröffentlichen und aufzustellen? Genossen, man kann von den Arbeitern keine Unterwerfung unter die Parteidisziplin verlangen, wenn ein Mitglied des ZK offen, vor aller Augen das Zentralkomitee und seinen einstimmig gefaßten Beschluß ignoriert. Man kann nicht zwei Disziplinen, eine für die Arbeiter, die andere für große Herren einführen. Es kann nur eine Disziplin geben.
Der Fehler des Genossen Trotzki besteht eben darin, daß er sich dem ZK entgegenstellte und sich ein Übermensch dünkte, der über dem ZK, über seinen Gesetzen, über seinen Beschlüssen steht, womit er einem gewissen Teil der Partei Anlaß gegeben hat, in der Richtung einer Untergrabung des Vertrauens zu diesem ZK zu wirken ..." Im weiteren Verlauf der Parteidiskussion um den Disziplinbruch Trotzkis wurden in unzähligen Parteiorganisationen Resolutionen angenommen, die Trotzkis Verhalten verurteilten und die forderten, daß auf der im Januar 1925 stattfindenden Tagung des Plenums des Zentralkomitees das „Hervortreten des Genossen Trotzki" auf die Tagesordnung gesetzt wird. Das ist dann auch geschehen. Trotzki jedoch ist seltsamerweise nicht zu dieser Tagung des Zentralkomitees gegangen, um sich persönlich zu verantworten. Er hat sich damit begnügt, in einem Briefe zu behaupten, daß er keine Sonderstellung in der Partei anstrebe und sich der Disziplin füge. Das Zentralkomitee beschloß:
1. Trotzki eine kategorische Verwarnung zu erteilen unter Hinweis darauf, daß die Einhaltung der Parteidisziplin nicht nur in Worten, sondern auch in Taten notwendig sei;
2. Trotzki seines Amtes zu entheben und seine weitere Arbeit im revolutionären Kriegsrat als unmöglich zu erklären;
3. die Entscheidung über die Frage der weiteren Arbeit Trotzkis im Zentralkomitee bis zum nächsten Parteitag zu vertagen, Trotzki aber mitzuteilen, daß, falls er den Versuch machen sollte, die Parteibeschlüsse zu verletzen oder nicht durchzuführen, das Zentralkomitee sich gezwungen sähe, ohne den Parteitag abzuwarten, sein weiteres Verbleiben im politischen Büro der Partei als unmöglich zu betrachten und Antrag auf Entfernung von der Arbeit im Zentralkomitee zu stellen.
Der Beschluß, der Trotzki zur Niederlegung seines Amtes zwang, ist vom Plenum des Zentralkomitees der Partei einstimmig — bei zwei Stimmenthaltungen — gefaßt worden. Der Initiator des Beschlusses war aber nicht Stalin, sondern Sinowjew mit Unterstützung Kamenews. Wer heute die aus den Jahren 1925/26 stammende Literatur über den Konflikt mit Trotzki nachliest, wird zu seinem Erstaunen feststellen, daß gerade in den Publikationen der Freunde Trotzkis Stalin kaum eine Rolle spielte. Nicht Stalin wurde darin als der Gegenspieler Trotzkis genannt, sondern Sinowjew, von dem in diesen Schriften behauptet wurde, daß er Trotzki erschießen lassen werde.
Man beließ Trotzki trotz seiner Disziplinbrüche zunächst weiter im politischen Büro der Partei. Im weiteren Verlauf des innerparteilichen Kampfes hat Trotzki jedoch in der Tat noch oft die Disziplin gebrochen, gegen Parteitagsbeschlüsse gehandelt, Fraktionen gebildet, alles das getan, was mit dem leninistischen Organisationsprinzip unvereinbar ist. An seiner Art, ihm nicht passende Mehrheitsbeschlüsse als reaktionär zu erklären und sich mit dieser Begründung das Recht zu ihrer Bekämpfung zu nehmen; an seiner Unfähigkeit, sich einzuordnen; an seinem Bestreben, eine Sonderstellung einzunehmen und über der Partei zu stehen, ist Trotzki nach seiner kurzen Gastrolle in der Bolschewistischen Partei gescheitert.

TROTZKISMUS UND BOLSCHEWISMUS IM KRIEGE

Auch während des imperialistischen Krieges standen Lenin und Trotzki in verschiedenen Lagern. In den Jahren 1914 bis 1917 wurden ebenso wie in anderen Ländern auch in Rußland viele Sozialdemokraten (z. B. Plechanow) Patrioten, die für den Sieg ihres Vaterlandes wirkten. Trotzki war kein offener Sozialpatriot, aber seine Haltung unterstützte die Opportunisten und Sozialpatrioten. Deshalb stand Lenin auch im Kriege in scharfer Kampfstellung gegen Trotzki. Lenin gab im Kriege die in der Schweiz erscheinende bolschewistische Zeitung „Sozialdemokrat" heraus, die eine konsequente internationalistische, revolutionäre Politik verfocht; Trotzki war zu gleicher Zeit mit dem Menschewiken Martow und anderen zusammen in der Redaktion des in Paris erscheinenden „Nasche Slowo", in dem verschiedene Strömungen zu Worte kamen.
Die Bolschewiki unter Lenins Führung haben von Kriegsbeginn an gegen den imperialistischen Krieg und gegen die zaristisch-kapitalistischen Machthaber ihres Landes Stellung genommen und die Umwandlung des Krieges in den die zaristische Herrschaft stürzenden Bürgerkrieg propagiert. Die Dumafraktion der Bolschewiki wurde wegen dieser konsequenten Haltung gleich zu Beginn des Krieges verhaftet und eingekerkert, während die menschewistische Fraktion zunächst unbehelligt blieb. In dem Manifest, das das Zentralkomitee der Partei im September 1914 über den imperialistischen Krieg veröffentlichte, wird die Stellung der Bolschewiki formuliert:
„Der Sozialdemokratie fällt vor allem die Pflicht zu, diese wahre Bedeutung des Krieges aufzudecken und schonungslos die Lügen, die Sophismen und die ,patriotischen' Phrasen zu entlarven, die von den herrschenden Klassen, den Gutsbesitzern und der Bourgeoisie zugunsten des Krieges verbreitet werden... Man kann den Aufgaben des Sozialismus nicht gerecht werden, man kann den wirklichen internationalen Zusammenschluß der Arbeiter nicht verwirklichen, ohne entschlossen mit dem Opportunismus zu brechen, ohne den Massen die Unvermeidlichkeit seines Fiaskos klar zu machen ...
Die Oberleitung des jetzigen imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg ist die einzige richtige proletarische Lösung, die von den Erfahrungen der Kommune diktiert wird, die in der Basler Resolution (1912) vorgezeichnet ist, und die sich aus den ganzen Verhältnissen des imperialistischen Krieges zwischen den hochentwickelten bürgerlichen Ländern ergibt. So groß auch in diesem oder jenem Moment die Schwierigkeiten einer solchen Überleitung erscheinen mögen, die Sozialisten werden niemals auf die systematische, beharrliche, unentwegte Vorbereitungsarbeit in dieser Richtung verzichten, sobald der Krieg zur vollendeten Tatsache geworden ist ...“
In diesen Sätzen des Manifestes werden die Fragen angeschnitten, in denen sich im Kriege der Bolschewismus vom Trotzkismus unterschied. Politisch in der Frage der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg, taktisch und organisatorisch in der Frage der eindeutigen Scheidung von allen Strömungen des Opportunismus.
Den ideologisch-politischen Gegensatz, der zwischen Leninismus und Trotzkismus in der Kriegsfrage bestand, hat Lenin sehr klar in dem im Juli 1915 im „Sozialdemokrat" erschienenen Aufsatz „Über die Niederlage der eigenen Regierung im imperialistischen Kriege" dargestellt („Gegen den Strom", Seite 105 usf.):
„In einem reaktionären Kriege kann die revolutionäre Klasse nicht umhin, die Niederlage ihrer eigenen Regierung herbeizuwünschen.
Das ist ein Axiom. Und es wird nur von den bewußten Anhängern oder hilflosen Helfershelfern der Sozialchauvinisten bestritten. Zu den ersteren gehört z.B. Semkowski von der Organisationskommission. Zu den letzteren Trotzki und Bukwojed in Rußland, oder Kautsky in Deutschland. Der Wunsch nach der Niederlage Rußlands, schreibt Trotzki, ist ,ein durch nichts hervorgerufenes und durch nichts gerechtfertigtes Zugeständnis an die politische Methodologie des Sozialpatriotismus, der an Stelle des revolutionären Kampfes gegen den Krieg und die von ihm erzeugten Verhältnisse eine unter den gegebenen Verhältnissen höchst willkürliche Orientierung in der Richtung des kleinsten Übels setzt" (Nr. 105 von „Nasche Slowo").
Das ist ein Muster der aufgeblasenen Phrasen, mit denen Trotzki den Opportunismus stets rechtfertigte. ,Der revolutionäre Kampf gegen den Krieg' ist eine leere und inhaltlose Exklamation, auf die sich die Helfer der II. Internationale so meisterhaft verstehen, wenn man darunter nicht die revolutionären Aktionen gegen die eigene Regierung und während des Krieges versteht. Es genügt, ein Weilchen nachzudenken, um das einzusehen. Und revolutionäre Aktionen während des Krieges gegen die eigene Regierung bedeuten sicherlich und unzweifelhaft nicht nur den Wunsch nach ihrer Niederlage, sondern auch eine tatsächliche Förderung einer solchen Niederlage (für den ,scharfsinnigen' Leser: das bedeutet keineswegs, daß man ,Brücken sprengen', mißlungene militärische Streiks inszenieren und überhaupt der Regierung helfen soll, den Revolutionären eine Niederlage beizubringen).
Trotzki beschränkt sich auf Phrasen, aber verheddert sich dabei furchtbar. Er glaubt, eine Niederlage Rußlands wünschen, heißt, einen Sieg Deutschlands wünschen (Bukwojed und Semkowski drücken diesen ,Gedanken' oder richtiger: die Gedankenlosigkeit, die sie mit Trotzki gemeinsam haben, direkter aus). Und darin erblickt Trotzki die ,Methodologie des Sozialpatriotismus'! Um Leuten entgegenzukommen, die nicht denken können, hat die Berner Resolution erklärt: ,In allen imperialistischen Ländern muß das Proletariat eine Niederlage ihrer Regierung wünschen'. Bukwojed und Trotzki haben es vorgezogen, diese Wahrheit zu übergehen, und Semkowski (ein Opportunist, der der Arbeiterklasse am meisten dient durch eine offenherzig naive Wiederholung der bürgerlichen Weisheit), Semkowski sagte ,lieblich': ,Das ist Unsinn, siegen kann entweder Deutschland oder Rußland.“
Nehmen wir z.B. die Kommune. Deutschland hat Frankreich besiegt, und Bismarck besiegte mit Thiers die Arbeiter! Wenn Bukwojed und Trotzki nachgedacht hätten, so hätten sie gesehen, daß sie auf dem Standpunkt des Krieges der Regierungen und der Bourgeoisie stehen, d.h. daß sie vor der ,politischen Methodologie des Sozialpatriotismus' kriechen, — um mit Trotzkis gewählter Sprache zu sprechen: Die Revolution während des Krieges ist Bürgerkrieg, und die Überleitung des Krieges der Regierungen in den Bürgerkrieg wird einerseits durch die militärischen Mißerfolge (,die Niederlage') der Regierungen erleichtert; andererseits ist es unmöglich, in der Tat eine solche Überleitung anzustreben, ohne damit die Niederlage zu fördern.
Die Chauvinisten (mit der Organisationskommission und der Fraktion Tscheidse) wollen deshalb von der ,Losung' der Niederlage nichts wissen, weil diese Losung allein einen konsequenten Appell zu revolutionären Aktionen gegen die eigene Regierung während des Krieges bedeutet. Ohne solche Aktionen sind Millionen der allerrevolutionärsten Phrasen über den ,Krieg dem Kriege' usw. keinen Heller wert...
Die Gegner der Losung der Niederlage fürchten sich einfach vor sich selber und wollen nicht die offensichtliche Tatsache des unzweifelhaften Zusammenhanges zwischen der revolutionären Agitation gegen die Regierung mit dem Herbeirufen der Niederlage einsehen ... Das Übereinkommen über revolutionäre Aktionen, selbst in einem Lande, ganz zu schweigen von einer Reihe von Ländern, ist nur zu verwirklichen durch die Kraft des Beispiels ernsthafter revolutionärer Aktionen, ihrer Inangriffnahme und ihrer Fortentwicklung. Und eine solche Inangriffnahme ist wiederum unmöglich ohne den Wunsch der Niederlage und Förderung der Niederlage. Die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg kann nicht ,gemacht' werden, wie man nicht Revolutionen ,machen' kann, — sie erwächst aus einer ganzen Reihe vielgestaltiger Erscheinungen, Seiten, Züge, Eigentümlichkeiten und Folgen des imperialistischen Krieges. Und dieses Erwachsen ist unmöglich ohne eine Reihe militärischer Mißerfolge und Niederlagen derjenigen Regierungen, denen ihre eigenen unterdrückten Klassen Schläge versetzen.
Auf den Geist der Niederlage verzichten, heißt, den revolutionären Geist in eine leere Phrase oder bloße Heuchelei ausarten zu lassen.
Was wird uns an Stelle der ,Losung' der Niederlage vorgeschlagen? Eine Losung: ,Weder Sieg noch Niederlage' (Semkowski in Nr. 2 der „Iswestja". Ebenso die ganze Organisationskommission in Nr. 1). Aber das ist ja nichts anderes als eine Paraphrase der Losung der Vaterlandsverteidigung! Das ist ja eine Übertragung der Frage auf die Ebene des Krieges zwischen den Regierungen (die nach dem Inhalt der Losung in der alten Lage verbleiben, ,ihre Positionen beibehalten' sollen), aber nicht des Kampfes der unterdrückten Klassen gegen ihre Regierungen! Das ist eine Rechtfertigung des Chauvinismus aller imperialistischen Nationen, deren Bourgeoisien stets bereit sind, zu behaupten, — und es auch dem Volke sagen — daß sie ,bloß' gegen die Niederlage kämpfen... Der Sinn unserer Abstimmung vom 4. August ist: ,Nicht für den Krieg, sondern gegen die Niederlage', schreibt der Führer der deutschen Opportunisten, Eduard David, in seinem Buch. Die russischen Anhänger der ,Organisationskommission' zusammen mit Bukwojed und Trotzki stellen sich durchaus auf den Boden Davids, indem sie die Losung verfechten: Weder Sieg noch Niederlage! — Bei näherer Betrachtung bedeutet diese Losung den Burgfrieden und den Verzicht auf den Klassenkampf der unterdrückten Klasse in allen kriegführenden Ländern, denn der Klassenkampf ist unmöglich ohne Verletzung der eigenen Bourgeoisie und der eigenen Regierung, und eine Verletzung der eigenen Bourgeoisie im Kriege ist Hochverrat, ist Förderung der Niederlage des eigenen Landes. Wer die Losung: ,Weder Sieg noch Niederlage' anerkennt, der kann nur heuchlerisch für den Klassenkampf, den ,Bruch des Burgfriedens' eintreten, der verzichtet in der Tat auf eine selbständige proletarische Politik und unterwirft das Proletariat aller kriegführender Länder einer durchaus bürgerlichen Aufgabe, nämlich: die betreffenden imperialistischen Regierungen vor Niederlagen zu bewahren. Die einzige Politik eines wirklichen, nicht phrasenhaften Bruches des ,Burgfriedens' und der Anerkennung des Klassenkampfes ist die Politik der Ausnutzung der Schwierigkeiten der Regierung und der Bourgeoisie durch das Proletariat zum Zwecke deren Sturzes. Und das kann nicht erreicht werden, das kann nicht angestrebt werden, wenn man die Niederlage der eigenen Regierung nicht wünscht und diese Niederlage nicht fördert...
Wer für die Losung: ,Weder Sieg noch Niederlage' eintritt, der ist, bewußt oder unbewußt, ein Chauvinist, der ist bestenfalls ein versöhnlicher Kleinbürger, aber doch ein Feind der proletarischen Politik, ein Anhänger der jetzigen Regierungen und der jetzigen herrschenden Klassen...
Die Anhänger der Losung: ,Weder Sieg noch Niederlage' stehen faktisch auf Seiten der Bourgeoisie und der Opportunisten, ,glauben nicht' an die Möglichkeit internationaler revolutionärer Aktionen der Arbeiterklasse gegen ihre Regierungen und wünschen solche nicht: eine unzweifelhaft schwierige Aufgabe, aber die einzige sozialistische Aufgabe, die des Proletariats würdig ist..."
Lenins Artikel über die Niederlage der eigenen imperialistischen Regierung wurde ausführlicher zitiert, weil in ihm sehr klar der Standpunkt Lenins im Kriege und auch der Gegensatz zu Trotzki zum Ausdruck kommt. Den deutschen Sozialisten wird — nach dem Siege des Hitler-Faschismus — die 1914 von Lenin vorgeschlagene Losung, im Kriege der herrschenden Diktatur des eigenen Landes Schläge zu versetzen und den Krieg in den Bürgerkrieg umzuwandeln, als ganz selbstverständlich erscheinen. Jedoch als Lenin diese Losung mitten im Kriege propagierte, war ihre Richtigkeit noch nicht so klar erkennbar; sie war sehr umstritten und sie wurde von den meisten Sozialisten, auch von Trotzki, heftig bekämpft. Trotzki lehnte die leninistische Losung der Niederlage des eigenen Vaterlandes ab und er war gegen die von Lenin geforderte scharfe Abgrenzung von den Opportunisten, die während des Krieges direkt oder indirekt ihr zaristisches Vaterland unterstützten. Trotzki hat seinen Standpunkt in der Ende Oktober 1914 erschienenen Broschüre „Der Krieg und die Internationale" niedergelegt. Auf Seite 7 dieser Schrift sagt Trotzki, daß er die Befreiung Rußlands nicht durch den Sieg Deutschlands, das heißt nicht durch die Niederlage der zaristischen Regierung im Kriege erlangen wolle. Darum fordert er (auf Seite 83/84 der gleichen Schrift) einen sofortigen Frieden ohne Sieg und Niederlage. Seine Losung ist der sofortige Abbruch des Krieges und ein Frieden, in dem es „keine Kontributionen" gibt, „das Recht Jeder Nation auf Selbstbestimmung! Die Vereinigten Staaten Europas — ohne Monarchien, ohne ständige Heere, ohne regierende Feudalkasten, ohne Geheimdiplomatien!"
Lenin nannte die trotzkistische Losung, gegen den imperialistischen Krieg aufzutreten, ohne die Niederlage der eigenen Regierung zu fordern, eine leere Phrase. Seiner Meinung nach kann der revolutionäre Kampf gegen die herrschenden Klassen eines Landes im imperialistischen Kriege überhaupt nur dann geführt werden, wenn er auf die Untergrabung der militärischen Kampfkraft und die Herbeiführung der Niederlage abzielt. Auch in der Stellung zum Kriege offenbarte sich bereits der tiefe Gegensatz zwischen Leninismus und Trotzkismus in der Frage der Theorie des Sozialismus in einem Lande. Schon bei der Begründung seiner Auffassung, daß die Befreiung Rußlands nicht durch den Sieg Deutschlands herbeigeführt werden dürfe, ging Trotzki davon aus, daß „das Schicksal der russischen Revolution untrennbar mit dem Schicksal des europäischen Sozialismus verbunden ist." („Der Krieg und die Internationale", Seite 7). Wenn der Sturz des Zarismus aus der Niederlage Rußlands erwächst, so sei das kein Gewinn, denn es würde die Befreiung Rußlands mit der sicheren Zerstörung der Freiheit Belgiens und Frankreichs erkauft werden, „und — was noch wichtiger ist — die imperialistische Vergiftung in das deutsche und österreichische Proletariat tragen." (Trotzki ebenda.) Nach Trotzki sollte also — um Gefahren für die weitere Entwicklung zu verhindern — der Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft in allen Ländern gleichzeitig erfolgen. Da aber die Niederlage im Kriege — die in dem besiegten Lande Voraussetzungen für den Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft schaffen würde — nicht in allen am Kriege beteiligten Ländern erfolgen kann, darf kein Land besiegt werden, und der Krieg muß ohne Sieg und Niederlage enden. Diese trotzkistische Konzeption führte aber in der Konsequenz zu dem „Recht" der sozialistischen Parteien aller Länder, im Kriege ihre herrschenden Klassen zu unterstützen, um die Niederlage zu vermeiden. Trotzki sagte, wenn nicht alle gleichzeitig die Niederlage ihrer Machthaber und deren Sturz herbeiführen können, dürfen wir auch in unserem Lande nicht für die Niederlage wirken; Lenin dagegen sagte: unbeschadet dessen, ob in allen Ländern gleichzeitig der Sturz der herrschenden Klassen herbeigeführt werden kann, müssen wir (weil es die gleichzeitige Verpflichtung aller Sozialisten in ihren Ländern ist) für die Niederlage unserer Regierung arbeiten und durch unsere erfolgreiche revolutionäre Aktion die Proletarier der anderen Länder zur Nachahmung antreiben. Trotzki sagte, wir können nur voranmarschieren im Chor mit den anderen; Lenin dagegen sagte, wir müssen marschieren, auch wenn die anderen nicht gleich mitkommen; diejenigen, die am ehesten vorankommen, müssen die noch Stillestehenden mitreißen und nachziehen durch das Beispiel.
Nicht weniger scharf als der politische Gegensatz in der Kriegsfrage war in den Jahren von 1914 bis 1917 auch die organisatorische Meinungsverschiedenheit zwischen Lenin und Trotzki. In dem Manifest des Zentralkomitees zur Kriegsfrage wurde gesagt, daß der internationale Zusammenschluß der Arbeiter nur verwirklicht werden kann, wenn entschlossen mit dem Opportunismus gebrochen und dessen unvermeidliches Fiasko den Massen klar gemacht wird. Die Bolschewiki führten den schärfsten Kampf gegen alle Sozialisten, die während des Krieges Patrioten wurden und gegen alle schwankenden Elemente, die direkt oder indirekt die sozialchauvinistische Strömung unterstützten. Trotzki dagegen setzte seine alte organisatorische Linie des „Augustblock" fort. Er arbeitete auch im Kriege mit der auf der Augustkonferenz 1912 gewählten Organisationskommission, die bis zu der 1917 erfolgten Wahl eines Zentralkomitees der Menschewistischen Partei die dem bolschewistischen Zentralkomitee der Partei entgegengestellte Organisationsleitung der Menschewiki war. Trotzki wollte nach wie vor „einigen": Im Kriege die Bolschewiki und die internationalen Strömungen im Menschewismus, die zusammen mit den Liquidatoren und Sozialchauvinisten in der Organisationskommission saßen. Die Bolschewiki warfen Trotzki vor, er marschiere immer mit der Organisationskommission; er habe innerhalb der Fraktion der Liquidatoren seine eigene Unterfraktion, die „Fraktion der Nichtfraktionellen", die im Kriege „zwischen Internationalisten und Sozialchauvinisten balanciert, wie sie früher zwischen den Bolschewiki und den Liquidatoren balanciert hat". Der Trotzkismus bemühte sich auch im Kriege erfolglos, „die berühmte mittlere Linie durchzuführen"; er wurde in jener Zeit als ein Irrlicht bezeichnet, das in der russischen Arbeiterbewegung umhergeistert. Der „versöhnlerische" trotzkistische Standpunkt kam in fast allen Artikeln Trotzkis in „Nasche Slowo" zum Ausdruck. In Nr. 42 schrieb Trotzki:
„Wenn wir mit dem Opportunismus kämpfen, betrachten wir ihn als organischen Fehler der Arbeiterklasse selbst und nicht als etwas außerhalb stehendes ... Es ist nicht schwer, etwas in Stücke zu schlagen, aber man muß zuerst wissen, was abgeschlagen werden soll, damit nicht Teile des Organismus absterben."
Für Trotzki waren die Opportunisten ein Teil der Arbeiterklasse, den man nicht abschneiden dürfe, mit dem man irgendwie doch zusammenarbeiten müsse; Lenin dagegen betrachtete den unerbittlichen Kampf gegen den Opportunismus und dessen Überwindung als eine Voraussetzung für eine schlagfertige revolutionäre Partei. In einem Artikel „Über die Sachlage in der russischen Sozialdemokratie" schreibt Lenin am 26. Juli 1915 („Gegen den Strom", Seite 111 usf.): „Vor Publikum sind drei Teile des „Nasche Slowo" getreten, die erfolglos sieben oder acht Monate sich vereinigten: 1. zwei Unke Redaktionsmitglieder, die aufrichtig mit dem Internationalismus sympathisierten und zu dem ,Sozialdemokrat' tendieren. 2. Martow und die Leute von der OK (reichlich die Hälfte). 3. Trotzki, der wie immer prinzipiell in nichts mit den Sozialchauvinisten übereinstimmt, in der Praxis aber in allem mit ihnen übereinstimmt (nebenbei bemerkt, dank ,der glücklichen Vermittlung' — heißt das nicht so in der Sprache der Diplomaten? — der Fraktion Tscheidse) ...
Es ist nebenbei interessant, daß diese offenherzigen Sozialchauvinisten durchaus zufrieden sind, sowohl mit Tscheidse wie mit seiner ganzen Fraktion. Mit dieser Fraktion zufrieden sind auch die OK, Trotzki wie auch Plechanow, Alexinski und Konsorten — eine ganz natürliche Sache, denn die Fraktion Tscheidse hat durch Jahre hindurch ihre Fähigkeit bewiesen, die Opportunisten zu decken und ihnen zu dienen." Lenin verweist in dieser Charakterisierung auf das enge Verhältnis Trotzkis mit Tscheidse, über den das Band zu den Sozialchauvinisten läuft. Am 19. Februar 1916 schreibt Lenin in dem Artikel „Haben die OK und die Fraktion Tscheidse eine eigene Richtung?" („Gegen den Strom", Seite 320):
„Martow mag anstellen, was er will. Trotzki mag gegen unsere ,Fraktionalität' zetern und mit diesem Zetern die Tatsache bemänteln (das alte Rezept des Turgenewschen ... Phraseurs!), daß der und der aus der Fraktion Tscheidse mit Trotzki ,einverstanden' sei und auf die Linksorientierung, Internationalismus schwören. Tatsachen bleiben Tatsachen."
Lenin rechnete Trotzki im Kriege (wie er das in einem Brief an die Kollontai ausdrückte) zu den „schädlichsten ,Kautskianern' in dem Sinne, daß sie alle in verschiedenen Formen für die Einheit mit den Opportunisten sind, ... den Opportunismus beschönigen, daß sie alle ... den revolutionären Marxismus durch den Eklektizismus ersetzen ..." Und darum sagte Lenin im Oktober 1916 in dem Artikel „Ergebnisse der Diskussionen über das Selbstbestimmungsrecht" („Gegen den Strom", Seite 415) gewissermaßen zusammenfassend über die Hakung Trotzkis im Kriege:
„Was auch die subjektiven ,guten' Absichten Trotzkis und Martows sein mögen, objektiv unterstützen sie durch ihre Nachgiebigkeit den russischen Sozialimperialismus." Weil Trotzki objektiv den Sozialimperialismus unterstützte, hat Lenin auch im Kriege nicht weniger scharf gegen den Trotzkismus Stellung genommen als in den Kämpfen gegen den Augustblock und um die Bolschewistische Partei.

DIE PERMANENTE REVOLUTION

Der wesentlichste Bestandteil des Trotzkismus ist die Theorie der permanenten Revolution. Sie entstand 1905, begründet von Trotzki und Parvus, den Trotzki in seinem Buch die „Oktoberrevolution" folgendermaßen kennzeichnet: „Während des Krieges Haupttheoretiker des deutschen Sozialchauvinismus und Kriegslieferant." Als solcher hat Parvus von 1914 an zusammen mit dem später zu Stinnes übergegangenen Paul Lensch die Notwendigkeit des deutschen Sieges propagiert.
Trotzki und Parvus behaupteten, die Revolution von 1905 habe eine Ära von Revolutionen eingeleitet, die erst nach dem endgültigen Siege des Weltproletariats abgeschlossen werde. Die nicht erfolgreich ausgegangene Revolution von 1905 sei nicht beendet, sondern nur abgebrochen worden. Die russische Revolution sei nur ein Teil der Weltrevolution, ihr vollständiger Sieg werde darum nur im Zusammenhang mit dem Siege der internationalen Revolution erreicht werden. Im Vorwort zu dem Buche „1905" (im Verlag „Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten", Berlin, Seite 5 usf.) formulierte Trotzki seine Gedanken über die permanente Revolution folgendermaßen:
„Gerade in der Zeitspanne zwischen dem 22. Januar und dem Oktoberstreik 1905 haben sich beim Verfasser die Ansichten über den Charakter der revolutionären Entwicklung Rußlands gebildet, die die Bezeichnung der Theorie der ,permanenten Revolution' erhielten. Diese gelehrte Bezeichnung drückte den Gedanken aus, daß die russische Revolution, vor der unmittelbar bürgerliche Ziele stehen, in keinem Fall bei ihnen stehen bleiben kann. Die Revolution kann ihre nächsten bürgerlichen Aufgaben nicht anders lösen, als durch die Besitzergreifung der Macht durch das Proletariat. Hat es aber die Macht in seine Hand genommen, so kann es sich nicht auf den bürgerlichen Rahmen der Revolution beschränken. Im Gegenteil, gerade zur Sicherung ihres Sieges muß die proletarische Avantgarde schon in der ersten Zeit ihrer Herrschaft die tiefsten Eingriffe nicht nur in das feudale, sondern auch in das bürgerliche Eigentum machen. Hierbei wird das Proletariat zusammenstoßen nicht nur mit allen Gruppierungen der Bourgeoisie, die es am Anfang seines revolutionären Kampfes unterstützt hatte, sondern auch mit den breiten Massen des Bauerntums, mit dessen Hilfe es zur Macht gekommen war. Die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande, mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung können nur im internationalen Maßstabe gelöst werden, in der Arena der proletarischen Weltrevolution." Nach dieser Darstellung hat Trotzkis Theorie der permanenten Revolution zwei Seiten. Die eine ist die Forderung, im direkten Kampf des Proletariats die sozialistische Revolution durchzuführen. Die zweite jedoch ist die Behauptung, daß angesichts der zahlenmäßigen Schwäche der Arbeiterklasse und der angeblich zwangsläufigen Feindschaft der Bauernmassen gegen das Proletariat die sozialistische Revolution in Rußland nur zusammen mit der Weltrevolution siegreich sein kann. Aus dieser Theorie der permanenten Revolution hat Trotzki zwangsläufig seine Theorie von der Verneinung des sozialistischen Aufbaus in einem Lande entwickelt. Die positive Seite der permanenten Revolution stammt von Karl Marx. Trotzki hat aber dessen richtige Idee zu einer falschen (trotzkistischen) Theorie umgeformt. In einer 1850 gehaltenen Ansprache an den „Bund der Kommunisten" entwickelte Marx erstmalig die Idee der ununterbrochenen Revolution:
„Während die demokratischen Kleinbürger die Revolution möglichst rasch und unter Durchführung höchstens der obigen Ansprüche zum Abschluß bringen wollen, ist es unser Interesse und unsere Aufgabe, die Revolution permanent zu machen, solange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern der Welt so weit vorgeschritten ist, daß die Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört hat und daß wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert sind." Der Grundgedanke der marxschen permanenten Revolution ist demnach: die absolutistische Herrschaft wird durch die bürgerliche Revolution gestürzt, das Proletariat darf sich nach dem Siege der bürgerlichen Revolution nicht mit dem erreichten Ergebnis zufrieden geben (wie z.B. nach der Umwälzung in Deutschland 1918), sondern es muß weiter drängen, „bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind". Die revolutionäre Entwicklung muß ununterbrochen vorwärtsgetrieben werden bis zum Siege der proletarischen Revolution. Aber Karl Marx hat nicht den von Trotzki hinzugefügten Gedanken entwickelt — daß die ununterbrochene Fortentwicklung von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution im nationalen Rahmen eines Landes nicht möglich sei und nur durch die gleichzeitige proletarische Revolution in allen Ländern erfolgreich sein könne. Im Gegenteil. Im „Kommunistischen Manifest" erklären Marx und Engels:
„Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler, Das Proletariat eines Jeden Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden .... Indem das Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse erheben, sich selbst als Nation konstituieren muß, ist es selbst noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie.“ Das ist ganz eindeutig: das Proletariat muß den Kampf um die Fortentwicklung von der bürgerlichen zur sozialistischen Revolution zunächst im nationalen Rahmen führen, unbeschadet darum, ob diese Revolution gleichzeitig in allen Ländern durchgeführt werden kann. Lenin und die Bolschewiki haben den marxschen Gedanken der permanenten Revolution stets konsequent vertreten, sie haben dabei den Sieg der proletarischen Revolution in einem Lande als stärksten Antrieb für die revolutionäre Entwicklung in den anderen Ländern betrachtet. Darum auch hat Lenin die „albern-linke permanente Revolution" Trotzkis (so nannte sie der Führer der Bolschewiki), die im schärfsten Gegensatz zu der revolutionären Theorie der Bolschewiki stand, zu allen Zeiten heftig bekämpft. Erstens, weil sie entgegen der marxschen Lehre den Sieg der sozialistischen Revolution in Rußland abhängig machte von dem Siege der proletarischen Revolution in allen Ländern; zweitens weil sie in dem Agrarland Rußland — in dem Sieg und Festigung der proletarischen Revolution von dem Bündnis der Arbeiter- mit der Bauernklasse abhängig ist — die Möglichkeit dieses Bündnisses verneinte und behauptete, daß das Proletariat „feindlich zusammenstoßen" müsse „mit den breiten Massen des Bauerntums". Und drittens, weil Trotzki im Widerspruch zu Marx permanenter Revolution in Rußland direkt von der zaristischen Selbstherrschaft zur proletarischen Diktatur springen wollte. Marx hat in seiner Ansprache an den „Bund der Kommunisten" keineswegs vorgeschlagen, mit der proletarischen Machtergreifung zu beginnen; der Sieg des Proletariats sollte der Schlußstein der ununterbrochen fortgeführten bürgerlichen Revolution sein. Der Trotzkismus dagegen vertrat den Standpunkt, daß in Rußland keine bürgerliche Demokratie vorhanden sei, daß die Bauern keine revolutionäre Rolle spielen können, und daß darum der Sturz des Zarismus nicht durch eine bürgerliche, sondern unmittelbar durch die proletarische Revolution herbeigeführt werden müsse. Da aber das russische Proletariat keine Bundesgenossen im eigenen Lande habe, sei es zu schwach, die proletarische Revolution — ohne die Hilfe der gleichzeitigen proletarischen Revolution in den anderen Ländern — siegreich durchzuführen.
Im Gegensatz zum Trotzkismus sah Lenin in Rußland revolutionäre Kräfte auch im bürgerlichen und bäuerlichen Lager. Lenin bekämpfte Trotzkis radikaler scheinende These vom Überspringen der bürgerlichen Revolution, weil sie der realen Situation nicht entsprach. Lenin unterstützte die demokratische Revolution, weil er durch sie — in der Arbeiter, Bauern und demokratische Bürger zusammen kämpften — am schnellsten und sichersten den Sturz des Zarismus erwartete. Aber im Kampf um die demokratische Revolution bereitete er zielbewußt die ununterbrochene Fortentwicklung zur sozialistischen Revolution vor, deren Sieg im nationalen Rahmen Rußlands er durchaus für möglich hielt. Vor allem darum, weil er fest davon überzeugt war, daß die Arbeiterklasse mit der revolutionären Bauernschaft ein festes Bündnis schließen könne, und daß die Bauernschaft unter Führung des Proletariats marschieren werde. Über Trotzkis permanente Revolution und die verschiedene Beurteilung der Triebkräfte der russischen Revolution durch Lenin und Trotzki schrieb Martow, der Führer der Menschewiki, in seiner „Geschichte der russischen Sozialdemokratie" (Seite 11 6/117):
„Für Trotzki gab es in Rußland keine sozialen Kräfte, die stark genug waren, die Ereignisse anders als in der radikalsten Weise zu lösen: die Bauernschaft sei zersplittert, unfähig zu einer selbständigen Organisation und spiele nur die Rolle des zerstörenden Faktors; die fortschrittlichen Elemente der städtischen Bourgeoisie seien gezwungen, entweder dem Proletariat zu folgen, oder den bürgerlichen Liberalismus zu unterstützen, der seinem Wesen nach konterrevolutionär sei .... Unter diesen Umständen müsse ein entscheidender Sieg des Volkes über das alte Regime zum Übergang der politischen Macht in die Hände des Proletariats führen. ..."
Im Gegensatz zu Parvus und Trotzki betrachten Lenin und andere bolschewistische Autoren diese Bewegung der nichtproletarischen Massen nicht nur als einen elementar zerstörenden Faktor, der von dem klassenbewußten Proletariat einfach für seine Zwecke ausgenutzt werden konnte. Vielmehr sahen Lenin und seine Gesinnungsgenossen, unter weit richtigerer Einschätzung der tatsächlichen Kräfteverhältnisse im Jahre 1905, das Erscheinen einer ihrem Wesen nach kleinbürgerlichen, ungeheuer starken demokratischen Macht auf der politischen Bühne voraus, die die revolutionären, nicht proletarischen Elemente der Stadt mit den bäuerlichen Massen vereinigen und sich infolgedessen nicht, wie Parvus und Trotzki annahmen, in ein einfaches Anhängsel der proletarischen Bewegung verwandeln, sondern ein selbständiger politischer Faktor werden würde, der der ganzen gesellschaftlichen Umwelt seinen Stempel aufprägen mußte.
Dieses Schema unterschied sich von dem Schema Parvus-Trotzkis durch einen weit größeren Realismus und ein tieferes Eindringen in das Wesen des historischen Prozesses. Es berücksichtigte jene schnelle Herausbildung der Bauernbewegung und ihre Durchsetzung mit demokratisch-intellektuellen Kräften, die in den Jahren 1905/1907 vor sich ging und die ihren Ausdruck fand in der schnellen Entwicklung des Bauernbundes ....."
Martow weist in dem vorstehenden Zitat auf einige wesentliche Unterscheidungen zwischen Leninismus und Trotzkismus hin, ohne dabei jedoch die Auffassungen Lenins richtig darzustellen. Die reale Einschätzung der geschichtlichen Situation und der revolutionären Kräfte bestärkte nach 1905 die Bolschewiki in der Auffassung, daß die nächste Revolution eine bürgerlich-demokratische sein werde, die die Leibeigenschaft völlig liquidiert, die Bahn für die mächtige Entwicklung der unter dem Zarismus gefesselten kapitalistischen Verhältnisse frei macht und den günstigsten Kampfboden für die sozialistische Revolution schafft. Nach Lenins revolutionärer Theorie trat das Proletariat jedoch schon in der demokratischen Revolution nicht nur als selbständige Organisation auf, sondern als die entscheidende Antriebskraft. Das Proletariat marschierte darum nicht als Anhängsel der bürgerlichen revolutionären Bewegung, es war die leitende Kraft der Revolution. Sein Einfluß wurde um so größer, je fester sein Bündnis mit der revolutionären Bauernschaft war, je stärker die Bauern das Proletariat in der Fortentwicklung der demokratischen Revolution zur sozialistischen unterstützten. Die Bolschewiki betrachteten die demokratische Revolution nie als die Aktion, die die Befreiung bringt, sondern als die Einleitung der erst die Freiheit schaffenden sozialistischen Revolution. Allerdings als eine Einleitung, die nicht — wie es Trotzki in ultralinker Verkennung der realen Situation wollte — übersprungen werden kann, in der aber die klassenbewußten proletarischen Kräfte schon eine so führende Rolle spielen, daß sich aus der demokratischen Revolution die sozialistische entwickeln muß. Lenin forderte die Beteiligung des revolutionären Proletariats an der revolutionär-demokratischen Regierung, die nach dem Sturz des Zarismus durch die revolutionäre bewaffnete Macht die zaristische Herrschaft ablöst. Eine solche Regierung würde dann — so sagte Lenin — in ihrem Wesen nichts anderes sein als die Diktatur des Proletariats und der revolutionären Bauernschaft. Lenin bekämpfte die von Parvus und Trotzki aufgestellte unreale und darum in der Wirkung konterrevolutionäre Losung: „Keinen Zaren, her mit der Arbeiterregierung!" Lenins Arbeiter- und Bauernregierung war der der realen Situation entsprechende Ausdruck für die Diktatur des Proletariats und der revolutionären Bauernschaft.
Die Menschewiki wandten sich damals ebenso wie die Bolschewiki gegen das von Trotzki propagierte Überspringen der demokratischen Revolution. Aber in der Grundeinstellung unterschieden sich die beiden Fraktionen der russischen Sozialdemokratie sehr voneinander. Die Menschewiki unterschätzten die führende Rolle des Proletariats in der Revolution.
Sie unterschätzten ferner die revolutionäre Kraft der Bauernschaft, betrachteten diese als ein Anhängsel der bürgerlichen revolutionären Intelligenz und verneinten die Möglichkeit eines festen Bündnisses der Arbeiter- und Bauernklasse. Aus allen diesen Gründen betrachteten die Menschewiki die Bourgeoisie als die Haupttriebkraft, als die Führerin in der nicht zu überspringenden demokratischen Revolution, in der die Arbeiterklasse lediglich eine Hilfstruppe der gegen den Zarismus auftretenden bürgerlichen Demokraten sein könne. Die Vollendung der demokratischen Revolution erwarteten die Menschewiki von einer von der Bourgeoisie geführten demokratischen Regierung, die durch die stützende Opposition der Arbeiterklasse auf demokratischem Wege zur Erfüllung ihrer Aufgabe vorwärtsgedrängt wird. Die Bolschewiki dagegen waren der Meinung, daß die bürgerlichen Demokraten sehr schnell ihre Revolution verraten werden, daß darum die Arbeiterklasse bereits in der demokratischen Revolution die führende Kraft sein müsse, deren Aufgabe es sei, die demokratische Revolution zu vollenden und sie unmittelbar vorwärts zu treiben zur sozialistischen Revolution. In der Einschätzung der Rolle der Arbeiterklasse in der demokratischen Revolution und in der Frage der unmittelbaren Fortführung derselben zur sozialistischen unterschied sich Lenin also von den Menschewiki, mit denen er nur darin übereinstimmte, daß die demokratische Revolution in Rußland historisch notwendig sei. Die leninschen Gedanken sind in dem am 20. November 1915 im „Sozialdemokrat" veröffentlichten Artikel „Über zwei Richtlinien der Revolution" enthalten, in dem Lenin sich rückschauend mit den seit 1905 geführten Auseinandersetzungen und auch mit Trotzkis permanenter Revolution beschäftigt („Gegen den Strom", Seite 294 usf.):
„Die Erfahrung der russischen Revolution 1905 und der darauf folgenden konterrevolutionären Epoche sagen uns, daß bei uns zwei Richtlinien der Revolution wahrgenommen wurden im Sinne des Kampfes zweier Klassen, des Proletariats und der liberalen Bourgeoisie, um den leitenden Einfluß auf die Massen. Das Proletariat trat revolutionär auf und leitete das demokratische Bauerntum zum Sturz der Monarchie und der Gutsbesitzer. Daß das Bauerntum revolutionäre Bestrebungen im demokratischen Sinne offenbart hat, das haben in Massendimensionen alle großen politischen Ereignisse gezeigt: wo die Bauern sich nicht nur ,linker als die Kadetten' benahmen, sondern auch revolutionärer als die Intellektuellen, nämlich die Sozialrevolutionäre und Trudowiki ...
Die erste Linie der russischen bürgerlich-demokratischen Revolution, die den Tatsachen und nicht einem „strategischen“ Geschwätz entsprungen ist, bestand darin, daß das Proletariat entschlossen kämpfte, das Bauerntum aber ihm zaghaft folgte. Diese beiden Klassen kämpften gegen die Monarchie und gegen die Gutsbesitzer. Durch den Mangel an Kraft und die ungenügende Entschlossenheit dieser Klassen wurde die Niederlage hervorgerufen (obwohl teilweise eine Bresche im Absolutismus dennoch geschlagen wurde).
Die zweite Linie war das Verhalten der liberalen Bourgeoisie. Wir Bolschewiki behaupteten stets, besonders seit dem Frühling 1906, daß sie von den Kadetten und Oktobristen als einer einheitlichen Kraft dargestellt wird. Das Jahrzehnt 1905/1915 hat unsere Auffassung bestätigt. In den entscheidenden Momenten des Kampfes gaben die Kadetten zusammen mit den Oktobristen die Demokratie preis und leisteten dem Zaren und den Gutsbesitzern Hilfe. Die ,liberale' Linie der russischen Revolution bestand in der ,Beruhigung' und Zerbröckelung des Massenkampfes im Namen der Versöhnung der Bourgeoisie mit der Monarchie. Sowohl die internationale Situation der russischen Revolution wie die Kraft des russischen Proletariats machten ein solches Verhalten der Liberalen unvermeidlich.
Die Bolschewiki halfen bewußt dem Proletariat, die erste Linie zu verfolgen, mit selbstlosem Mut zu kämpfen und der Bauernschaft voranzuschreiten. Die Menschewiki rutschten beständig auf die zweite Linie hinab und korrumpierten das Proletariat durch die Anpassung der Arbeiterbewegung an die Liberalen..."
Nach der Feststellung, daß nur die bolschewistische und die menschewistische Strömung sich in der Politik der Massen offenbarte, fährt Lenin fort:
„Jetzt gehen wir wieder der Revolution entgegen. Das sehen alle, Chwostow selbst spricht von einer Stimmung der Bauern, die an die Jahre 1905/1906 erinnert. Und wieder haben wir es mit denselben zwei Linien der Revolution und demselben Wechsel der zwei Klassen zu tun, nur verändert durch die veränderte internationale Situation .... Aus dieser faktischen Sachlage ergibt sich die Aufgabe des Proletariats augenfällig. Restlos kühner revolutionärer Kampf gegen die Monarchie (die Losung der Konferenz vom Januar 1912, die drei Grundforderungen), ein Kampf, der alle demokratischen Massen, d.h. hauptsächlich die Bauernschaft mit sich risse...
Das Wechselverhältnis der Klassen in der kommenden Revolution festzustellen, darin besteht die Hauptaufgabe der revolutionären Partei. Dieser Aufgabe entzieht sich die OK, die in Rußland eine treue Verbündete des ,Nasche Djelo' bleibt und im Auslande mit ,linken' Phrasen herumwirft. Diese Aufgabe wird in „Nasche Slowo“ von Trotzki unrichtig gelöst, der seine ,originelle' Theorie von 1905 wiederholt und sich keine Gedanken darüber machen will, infolge welcher Ursachen das Leben ganze zehn Jahre an dieser großartigen Theorie vorbeiging.
Diese originelle Theorie Trotzkis nimmt von den Bolschewiki den Appell zum entschlossenen revolutionären Kampf des Proletariats und zur Eroberung der politischen Macht des Proletariats; und von den Menschewiki die ,Negation' der Rolle des Bauerntums. Das Bauerntum hätte sich geschichtet, differenziert; seine eventuelle revolutionäre Rolle habe immer mehr abgenommen; in Rußland sei eine „nationale“ Revolution unmöglich: ,Wir leben im Zeitalter des Imperialismus, und ,der Imperialismus stellt nicht die bürgerliche Nation dem alten Regime gegenüber, sondern das Proletariat der bürgerlichen Nation'.
Da haben wir ein kurioses Beispiel für das Spiel mit dem Wörtchen Imperialismus. Wenn in Rußland das Proletariat schon ,der bürgerlichen Nation' gegenübersteht, dann steht also Rußland direkt vor der sozialistischen Revolution! Dann ist die Losung .,Beschlagnahme des Großgrundbesitzes' (die von der Januarkonferenz 1912 aufgestellt und von Trotzki 1915 wiederholt wurde) unrichtig, dann muß man nicht von einer ,revolutionären Arbeiterregierung' reden, sondern von einer ,sozialistischen Arbeiterregierung'! Welche Grenzen der Wirrwarr bei Trotzki erreicht, sieht man aus seinem Satze, daß das Proletariat durch Entschlossenheit auch die ,nichtproletarischen(!) Volksmassen' mit sich reißen würde! Trotzki dachte nicht daran, daß, wenn das Proletariat die nichtproletarischen Dorfmassen zur Beschlagnahme des Großgrundbesitzes mit sich reißen und die Monarchie stürzen würde, dies eben die Vollendung der ,nationalen bürgerlichen Revolution' in Rußland bedeuten würde, dies eben die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und des Bauerntums bedeuten würde.
Das ganze Jahrzehnt — das große Jahrzehnt — 1905-1915 hat das Vorhandensein von zwei, und nur von zwei Klassenlinien der russischen Revolution erwiesen. Die Schichtung des Bauerntums hat den Klassenkampf innerhalb des Bauerntums verstärkt, hat sehr viele politisch schlafende Elemente geweckt und das ländliche Proletariat dem städtischen nahegebracht (auf einer besonderen Organisation des Landproletariats bestanden die Bolschewiki seit 1906 und setzten diese Forderung in die Resolution des Stockholmer menschewistischen Kongresses). Aber der Antagonismus zwischen dem Bauerntum und den Regierungskliquen hat sich verstärkt, zugespitzt, ist gewachsen. Das ist eine so offensichtliche Wahrheit, daß sogar Tausende von Phrasen in Dutzenden von Pariser Artikeln Trotzkis sie nicht widerlegen werden. In Wirklichkeit kommt Trotzki den liberalen Arbeiterpolitikern Rußlands entgegen, die unter der ,Negation' der Rolle des Bauerntums die Unlust verstehen, die Bauern aufzurütteln!
Und das ist jetzt der ganze Haken. Das Proletariat kämpft und wird restlos kämpfen für die Eroberung der Staatsgewalt, für die Republik, für die Konfiskation der Güter, das heißt, für die Heranziehung des Bauerntums, für die Ausschöpfung seiner revolutionären Kräfte, für die Beteiligung der ,nichtproletarischen Volksmassen' an der Befreiung des bürgerlichen Rußland vom militärisch-feudalen Imperialismus (Zarismus). Und diese Befreiung des bürgerlichen Rußland vom Zarismus, von der .... Herrschaft der Gutsbesitzer, wird das Proletariat unverzüglich ausnützen, nicht um den wohlhabenden Bauern in ihrem Kampf mit den Landarbeitern zu helfen, sondern — um die sozialistische Revolution zu vollziehen im Bunde mit den Proletariern Europas."
In diesem Artikel ist Lenins Theorie für das Handeln in der heranreifenden Revolution skizziert. Er widerlegt die falschen Elemente der trotzkistischen ,permanenten Revolution'; er weist nach, wie unter dem Druck der Verhältnisse die Bauern revolutioniert und für ein festes Bündnis mit der Arbeiterklasse reif werden. Er weist nach, daß — weil die Voraussetzungen für das Bündnis der führenden Arbeiterklasse mit den revolutionären Bauernmassen gegeben sind — die demokratische Revolution im nationalen Rahmen Rußlands möglich ist und zur sozialistischen Revolution fortentwickelt werden kann, auch wenn die proletarische Revolution nicht gleichzeitig in anderen Ländern siegt.
In einem im April 1909 veröffentlichten Artikel über „Das Kampfziel des Proletariats in unserer Revolution" schrieb Lenin:
„Der Hauptfehler des Genossen Trotzki ist das Ignorieren des bürgerlichen Charakters der Revolution, das Fehlen einer klaren Vorstellung von dem Übergang von dieser Revolution zur sozialistischen Revolution." Lenin betont im Anschluß daran wiederum, daß die Bauern, auch wenn sie keine festgefügte Partei haben wie die Arbeiterklasse, eine revolutionäre Kraft sind, und daß zwischen den Bauern als Klasse und der Arbeiterklasse feste Koalitionen zur Durchführung der demokratischen Revolution möglich sind. Auch in diesem Artikel setzt Lenin auseinander, daß aus der demokratischen Revolution um so schneller die sozialistische entwickelt werden kann, je fester das Kampfbündnis zwischen Arbeiter und Bauernklasse ist. Trotzkis „albern linke" permanente Revolution schien manchem vielleicht gerade darum — ebenso wie spätere ultralinke Forderungen von ihm — radikal, weil sie die These vom Überspringen der demokratischen Revolution enthielt. Aber diese Forderung war, wie Lenin nachwies, nicht radikal, sondern unreal und schädlich; auch dann, wenn mit ihr nicht die These, daß die proletarische Revolution in Rußland nur zusammen mit der proletarischen Revolution in den anderen Ländern siegen könne, verbunden gewesen wäre. Ein wesentlicher Bestandteil der revolutionären Theorie Lenins war: Immer das zu tun, was in der jeweiligen Situation notwendig und möglich ist und sicher zur Erreichung des sozialistischen Endzieles vorwärts führt. Der Subjektivist Trotzki dagegen orientierte seine Forderungen nicht nach den gegebenen objektiven Voraussetzungen. Sind unter der Herrschaft des Absolutismus die Voraussetzungen für die sozialistische Revolution noch nicht gegeben, wohl aber für die demokratische Revolution, so ist die revolutionäre Tagesaufgabe die Vorbereitung der demokratischen Revolution, deren siegreiche Durchführung erst den nächsten Schritt, die sozialistische Revolution, ermöglicht. Proklamiert man dagegen in der Situation, in der allein die demokratische Revolution Erfolgsaussichten hat, die sofortige Durchführung der nicht möglichen sozialistischen Revolution, dann sabotiert man damit nicht nur den nächsten revolutionären Schritt, sondern man verzögert die mit radikalem Pathos verkündete sozialistische Revolution oder macht sie ganz unmöglich. Lenin hat immer sehr fein unterschieden zwischen leeren revolutionären Phrasen und wirklichem Radikalismus. Darum vor allem hat er die dem oberflächlichen Beobachter vielleicht radikaler scheinende „permanente Revolution" Trotzkis als rückschrittlich und schädlich bekämpft, er hat ihr seine in der Wirkung tatsächlich revolutionäre Theorie gegenübergestellt, die über die demokratische Revolution zur siegreichen sozialistischen Revolution führte.
Trotzki hat in seiner späteren Geschichtsschreibung behauptet, Lenin und die Bolschewiki seien — ebenso wie die Menschewiki — nur für die Durchführung der bürgerlich-demokratischen Revolution gewesen, sie seien erst im Jahre 1917 jäh umgeschwenkt und haben nach der Februarrevolution plötzlich eine ideologische Umrüstung vorgenommen. Nach Trotzkis Erzählungen sollen die Bolschewiki ohne richtige revolutionäre Theorie in die Revolution geraten sein; was sie als ihre Theorie ausgaben, habe sich im Sturme der Revolution nicht bewährt, darum haben sie sich — gewissermaßen über Nacht — die trotzkistische Theorie der permanenten Revolution zu eigen gemacht, haben sich plötzlich für die sofortige Durchführung der sozialistischen Revolution entschieden, ohne vorher die bürgerlich-demokratische Revolution zu Ende zu führen. Die Behauptung, daß Lenin die Bolschewistische Partei im Jahre 1917 auf Trotzkis permanente Revolution „umgerüstet" habe, will Trotzki auch mit der an anderer Stelle wiedergegebenen Erzählung über seinen Freund Joffe beweisen. (Siehe Seite 71.) Auch in einem Briefe an Olminski, den Trotzki im Jahre 1921 geschrieben und im Jahre 1925 veröffentlicht hat, kommt er zu der gleichen Behauptung. Nach seiner Darstellung hat die Entwicklung ihm in der Einschätzung der menschewistischen Fraktion und in der Organisationsfrage unrecht gegeben, recht aber habe er mit seiner Theorie der permanenten Revolution behalten. Er schreibt in diesem Briefe: „Ich glaube, daß meine Einschätzung der treibenden Kräfte unbedingt richtig war ...“ Und weiter sagt er dann dem Sinne nach, daß die Stellung der Bolschewistischen Partei seit 1917 mit seiner Theorie der permanenten Revolution völlig übereinstimmte. Das heißt also wiederum, in dieser Frage nahmen die Bolschewiki 1917 einen Stellungswechsel vor und bekehrten sich zu dem vorher von Lenin so heftig bekämpften Standpunkt Trotzkis.
Mit Trotzkis Behauptung, daß die Bolschewistische Partei 1917 auf seine permanente Revolution „umgerüstet" habe, beschäftigte sich Stalin in seinem Schlußwort auf der XV. Parteikonferenz (1926):
„Wie konnte die Theorie der permanenten Revolution mit der Stellung unserer Partei übereinstimmen, wenn es feststeht, daß unsere Partei in Person Lenins eben diese Theorie die ganze Zeit hindurch bekämpft hat? Eins von beiden: entweder hat unsere Partei keine eigene Theorie und wurde dann, durch den Gang der Dinge gezwungen, die Theorie des Genossen Trotzki von der permanenten Revolution anzunehmen, oder sie hatte ihre eigene Theorie, diese aber wurde von der Theorie des Genossen Trotzki ,von 1917 an' auf unmerkliche Weise verdrängt.
Über diese „Bedenken“ klärte uns dann Genosse Trotzki in seinem im Jahre 1922 geschriebenen „Vorwort zum Buche“ ,1905 auf. Nach Darstellung des Wesens der Theorie der permanenten Revolution und einer Analyse der Einschätzung unserer Revolution vom Standpunkt der Theorie der permanenten Revolution gelangt Trotzki zu folgendem Schluß:
,Diese Einschätzung hat, wenn auch mit einer Unterbrechung von zwölf Jahren, ihre volle Bestätigung gefunden.'
.... Wie aber konnte sie ihre Bestätigung finden? Und die Bolschewiki, wo blieben denn die? Gingen sie denn wirklich ohne jegliche eigene Theorie in die Revolution? Waren sie denn wirklich bloß imstande, die revolutionäre Intelligenz, die revolutionären Arbeiter zusammenzuschließen? Und dann, auf welchem Boden, auf Grund welcher Prinzipien schlössen sie die Arbeiter zusammen? Hatten denn die Bolschewiki nicht irgendeine Theorie, eine Einschätzung der Revolution, eine Einschätzung ihrer treibenden Kräfte? Hatte denn unsere Partei wirklich keine andere Theorie als die Theorie der permanenten Revolution? ....
Über diese ,Bedenken' klärt uns Genosse Trotzki in der ,Anmerkung' zum Artikel ,Unsere Meinungsverschiedenheiten' auf. Man höre:
,Das trat bekanntlich nicht ein (Trotzki behauptete in diesem Artikel, die Bolschewiki hatten antirevolutionäre Züge, die in der Revolution zutage treten werden. D.V.), da der Bolschewismus unter der Führung des Genossen Lenin (nicht ohne inneren Kampf) seine ideologische Umrüstung in dieser höchst wichtigen Frage im Frühjahr 1917, d.h. vor der Eroberung der Macht, vollzog.“
Also: eine ,Umrüstung' der Bolschewiki ,von 1917 an' auf Grund der Theorie der permanenten Revolution, dadurch Rettung der Bolschewiki von den ,antirevolutionären Zügen des Bolschewismus', und endlich die Tatsache, daß die Theorie der permanenten Revolution auf diese Weise ihre ,volle Bestätigung gefunden hat' — das ist die Schlußfolgerung des Genossen Trotzki.
Wo aber ist der Leninismus geblieben, wo die Theorie des Bolschewismus, die bolschewistische Einschätzung unserer Revolution, ihrer treibenden Kräfte usw.? Sie haben entweder nicht ,ihre volle Bestätigung gefunden' oder haben überhaupt keine ,Bestätigung gefunden' oder sie haben sich verflüchtigt und zwecks ,Umrüstung' der Partei der Theorie der permanenten Revolution Platz gemacht.
Also, es waren einmal Bolschewiki, sie ,schlössen' ,von 1903 an' die Partei irgendwie ,zusammen', hatten aber keine revolutionäre Theorie, irrten ,von 1903 an' herum und erreichten irgendwie das Jahr 1917. Dann, als sie Trotzki mit der Theorie der permanenten Revolution in der Hand bemerkten, beschlossen sie ,umzurüsten' und als sie ,umgerüstet' hatten, verloren sie nach und nach die letzten Überreste des Leninismus, der leninschen Theorie der Revolution, wodurch sie eine ,vollständige Übereinstimmung' der Theorie der permanenten Revolution mit der ,Stellung' unserer Partei zustandebrachten. Das ist eine interessante Mär ....
Es ist .... so, daß nach Lenin die Theorie der permanenten Revolution eine halbmenschewistische Theorie ist, die die revolutionäre Rolle der Bauernschaft in der russischen Revolution ignoriert.
Unbegreiflich ist nur, wie diese halbmenschewistische Theorie mit der Stellung unserer Partei, wenn auch nur ,von 1917 an', ,völlig übereinstimmen' konnte .... Unbegreiflich ist nur, wie eine solche Theorie unsere Bolschewistische Partei ,umrüsten' konnte..."
Über die besonderen Punkte, deretwegen Lenin Trotzkis Theorie bekämpfte, sagt Stalin in „Die Grundlagen des Leninismus" (siehe „Probleme des Leninismus". Seite 96):
„Lenin bekämpfte also die Anhänger der ,permanenten' Revolution nicht wegen der Frage der Permanenz, denn Lenin selbst stand auch auf dem Standpunkt der ununterbrochenen Revolution, sondern wegen ihrer Unterschätzung der Rolle der Bauernschaft, die eine gewaltige Reserve des Proletariats bildet, wegen ihres Nichtbegreifens der Idee der Hegemonie des Proletariats.“
Wer nicht die von Trotzki mitgeteilten angeblichen, aber unkontrollierbaren Privatgespräche, sondern die nachprüfbaren Tatsachen und Öffentlichen Äußerungen Lenins zur Grundlage der Urteilsbildung über dessen Stellung zu Trotzkis permanenter Revolution nimmt, der kommt zu dem Ergebnis, daß sich Lenin in keiner Situation Trotzkis These zu eigen gemacht hat, sondern gerade 1917 nach seiner eigenen revolutionären Theorie handelte.
In dem in diesem Kapitel ausführlich zitierten Artikel über die zwei Richtlinien der Revolution sagt Lenin am Schlusse, daß das Proletariat die Befreiung des bürgerlichen Rußland vom Zarismus (die bürgerliche Revolution) „unverzüglich" ausnutzen muß, um die sozialistische Revolution zu vollziehen. Und so geschah es 1917. Die zaristische Macht wurde nicht unmittelbar abgelöst durch die sozialistische Revolution, sondern durch die demokratische, in der (entsprechend der theoretischen Forderung der Bolschewiki) die Arbeiterklasse allerdings schon in so weitgehendem Maße die entscheidende Macht war, daß sie in kurzer Zeit die Oktoberrevolution durchführen konnte. Bald nach der Februarrevolution — in den Aprilthesen — hat Lenin im Sinne seiner revolutionären Theorie die unverzügliche Fortführung der demokratischen Revolution zur sozialistischen als Tagesaufgabe bezeichnet. Die demokratische Revolution, die der Bourgeoisie die Macht gab, werde sehr schnell abgeschlossen, sie müsse — wenn sie nicht zum Stillstand und zur Konterrevolution führen solle — ohne Unterbrechung in die sozialistische Revolution übergeleitet werden, die alle Macht den Sowjets, das heißt den revolutionären Arbeitern und Bauern gibt. Lenin sagte in den Aprilthesen ohne Umschweife, daß die Februarrevolution zusammenbrechen werde, darum müsse ohne Konzessionen an schwankende Elemente eine Revolution vorbereitet und durchgeführt werden, die „1000mal stärker sei als die Februarrevolution." Im April 1917 charakterisiert Lenin in einem Artikel „Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution" die inzwischen erreichte Übergangsperiode (Lenin, Sämtliche Werke, Band XX, 1. Halbband, Seite 149/150):
„Dieser äußerst eigenartige, in dieser Form in der Geschichte noch nie dagewesene Umstand hat zwei Diktaturen miteinander zu einem Ganzen verflochten: die Diktatur der Bourgeoisie (denn die Regierung Lwow & Co. ist eine Diktatur, d.h. eine Regierung, die sich nicht auf das Gesetz und den vom Volk vorher kundgegebenen Willen stützt, sondern auf die gewaltsame Machtergreifung, und zwar durch eine bestimmte Klasse, durch die Bourgeoisie) und die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft (Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten).
Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß eine derartige ,Verflechtung' auf die Dauer nicht bestehen kann. Zwei Staatsgewalten können in einem Staate nicht bestehen. Eine von ihnen muß abtreten, und die ganze russische Bourgeoisie ist bereits mit aller Kraft am Werke, die Arbeiter und Soldatendeputierten mit allen erdenklichen Mitteln überall beiseite zu drängen, zu schwächen, zu einem Nichts herabzudrucken und die Alleinherrschaft der Bourgeoisie aufzurichten.
Die Doppelherrschaft ist nur ein Übergangsmoment in der Entwicklung der Revolution, wo sie zwar über die gewöhnliche bürgerlich-demokratische Revolution hinausgegangen, aber noch nicht bis zur reinen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft gelangt ist."
In Deutschland bestand nach dem November 1918 zwar nicht die hier charakterisierte Doppelherrschaft. Aber trotzdem waren nach dem Zusammenbruch der Monarchie die objektiven Voraussetzungen für die Machteroberung durch das Proletariat gegeben. Die Macht lag gewissermaßen auf der Straße, leider fehlte es der deutschen sozialistischen Bewegung an der Erkenntnis der Situation, am revolutionären Willen und an der notwendigen Zielbewußtheit, um die gegebene Chance ausnützen zu können und die Macht zu ergreifen. Wegen des Versagens der deutschen sozialistischen Bewegung gelang es den Feinden der Revolution sehr bald, die unklare Situation zugunsten der Herrschaft der Bourgeoisie zu liquidieren. Zur Sicherung ihrer Machtstellung mobilisierte die Bourgeoisie die konterrevolutionären Kräfte, deren Vorherrschaft allmählich in die faschistische Diktatur überleitete. In Rußland ist die Entwicklung anders verlaufen, weil die führende revolutionäre Partei eine klare revolutionäre Theorie hatte, für deren praktische Durchführung Lenin in den entscheidenden Monaten des Jahres 1917 konsequent eintrat. Die Bourgeoisie herrschte in der demokratischen russischen Revolution nicht unumschränkt, sie mußte die Herrschaft mit dem Proletariat teilen. Die Doppelherrschaft war jedoch nur erreicht worden durch die von den Bolschewiki immer geforderte und vorbereitete selbständige starke Stellung der im Bunde mit den revolutionären Bauern stehenden Arbeiterklasse. Da außerdem die Bolschewiki in all den Jahren der Vorbereitung der demokratischen Revolution ihre unverzügliche Fortentwicklung zur sozialistischen Revolution als unverrückbares Ziel vor Augen hatten, konzentrierten sie 1917 zielbewußt alle Kräfte auf die Liquidierung der Doppelherrschaft zugunsten der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. In seinen „Briefen über Taktik" (April 1917) schrieb Lenin über den Kampf für die Liquidierung der Doppelherrschaft zugunsten der revolutionären Vorwärtsentwicklung (Lenin, Sämtliche Werke, Band XX, 1. Halbband, Seite 136/137):
„Lauren wir aber nicht Gefahr, in Subjektivismus zu verfallen, in den Wunsch, ,hinüberzuspringen' (das richtete sich gegen die alte trotzkistische Auffassung in dieser Frage. D.V.) über die unvollendete Revolution bürgerlich-demokratischen Charakters, die die Bauernbewegung noch nicht zum Abschluß gebracht hat, in die sozialistische Revolution?
Hätte ich gesagt: ,Keinen Zaren, her mit der Arbeiterregierung!' so würde mir diese Gefahr drohen. Doch ich habe das nicht gesagt, ich habe etwas anderes gesagt. Ich habe gesagt, daß es eine Regierung in Rußland (von der bürgerlichen abgesehen) außer den Räten der Arbeiter-, Landarbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten nicht geben kann. Ich habe gesagt, daß die Macht in Rußland jetzt von Gutschkow und Lwow nur auf diese Sowjets übergehen kann. In diesen aber überwiegt gerade die Bauernschaft, überwiegen die Soldaten, überwiegt — um einen wissenschaftlichen marxistischen Terminus zu gebrauchen und statt der gewöhnlichen Berufsbezeichnungen des Alltagslebens den Klassencharakter zu betonen — das Kleinbürgertum.
Ich habe mich in meinen Thesen absolut gesichert gegen jedes Überspringen der noch nicht überwundenen bäuerlichen oder überhaupt kleinbürgerlichen Bewegung, gegen jedes Spiel mit der ,Machtergreifung' durch eine Arbeiterregierung, gegen jedes blanquistische Abenteuer, denn ich habe direkt auf die Erfahrung der Pariser Kommune hingewiesen. Diese Erfahrung aber hat, wie allgemein bekannt ist und wie Marx 1870 und Engels 1891 ausführlich nachgewiesen haben, gezeigte daß für den Blanquismus kein Platz da war, daß die direkte, unmittelbare, unbedingte Herrschaft der Mehrheit und die Aktivität der Massen nur in dem Maße gesichert war, wie die Mehrheit selbstbewußt auftrat.
Ich habe in den Thesen mit vollster Eindeutigkeit alles zugespitzt auf den Kampf um den Einfluß innerhalb der Räte der Arbeiter-, Landarbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten. Um auch nicht den kleinsten Zweifel in dieser Beziehung zuzulassen, habe ich in den Thesen zweimal die Notwendigkeit der geduldigen, beharrlichen, ,sich den praktischen Bedürfnissen der Massen anpassenden' „Aufklärungsarbeit“ betont ..."
Lenins „Briefe über Taktik" beweisen, wie peinlich Lenin 1917 darauf bedacht war, nicht mißverstanden zu werden, wie scharf er auch da noch eine Trennungslinie gegenüber der trotzkistischen These zog.
Lenins Aprilthesen und sein Handeln im Jahre 1917 sind nur die konsequente Durchführung der von den Bolschewiki seit 1905 vertretenen Linie. 1905 bereits — in der ersten russischen Revolution — bezeichnet Lenin in seiner Broschüre „Zwei Taktiken" die bürgerlich-demokratische und die sozialistische Revolution als zwei Glieder einer Kette, als einen einheitlichen Prozeß, in dem unmittelbar von der ersten Station zur zweiten übergegangen werden muß (Lenin, Sämtliche Werke, Band VIII, Seite 129):
„Das Proletariat muß die demokratische Umwälzung zu Ende fuhren, indem es die Masse der Bauernschaft zu sich heranzieht, um vereint den Widerstand des Absolutismus gewaltsam zu brechen und die schwankende Haltung der Bourgeoisie zu paralysieren. Das Proletariat muß die sozialistische Umwälzung vollziehen, indem es die Masse der halbproletarischen Elemente der Bevölkerung zu sich heranzieht, um vereint den Widerstand der Bourgeoisie gewaltsam zu brechen und die schwankende Haltung der Bauernschaft und der Kleinbourgeoisie zu paralysieren." Die geschichtliche Wahrheit also ist: die Bolschewiki haben sich 1917 nicht Trotzkis „permanente Revolution" zu eigen gemacht, sie haben in der entscheidenden Zeit genau nach der klaren revolutionären Theorie Lenins gehandelt. Lenin hat diese Theorie seit 1903 zu der unerschütterlichen ideologischen Grundlage entwickelt, auf der die festgefügte revolutionäre Partei erwuchs, die allein in der Lage war, in der revolutionären Situation das Proletariat zum Siege zu führen.
Trotzki hat natürlich des öfteren versucht, die „Umrüstung" der Bolschewiki und ihr von 1917 an erfolgtes Einschwenken in die Linie der trotzkistischen permanenten Revolution zu „beweisen". Zu diesem Zwecke wird in Trotzkis Geschichtsschreibung den Bolschewiki ein Standpunkt angedichtet, den sie nie vertreten haben. In der „Oktoberrevolution" (1932 erschienen) schrieb Trotzki (Seite 678):
„Die Bolschewistische Partei war seit dem Tag ihrer Entstehung eine Partei des revolutionären Sozialismus. Doch die nächste historische Aufgabe erblickte sie, notgedrungen, im Sturze des Zarismus und in der Errichtung des demokratischen Regimes. Hauptinhalt der Umwälzung sollte die demokratische Losung der Agrarfrage sein. Die sozialistische Revolution wurde in eine recht ferne, jedenfalls unbestimmte Zukunft gerückt. Es galt als unbestreitbar, daß sie praktisch auf die Tagesordnung gestellt werden könnte erst nach dem Siege des Proletariats im Westen. Diese Grundsätze, geschmiedet vom russischen Marxismus im Kampfe gegen Narodnitschestwo und Anarchismus, bildeten das eherne Inventar der Partei. Weiter folgen hypothetische Erwägungen: sollte die demokratische Revolution in Rußland machtvollen Schwung erreichen, dann könnte sie unmittelbaren Anstoß zur sozialistischen Revolution im Westen geben, und das wieder würde dann dem russischen Proletariat erlauben, in beschleunigtem Marsch zur Macht zu kommen.“ Richtig ist — wie sich aus der vorher erfolgten Darstellung der leninschen Theorie der Revolution ergibt — daß die Bolschewiki den Zarismus durch eine demokratische Revolution ablösen wollten. Falsch an der Schilderung Trotzkis jedoch ist, daß die Bolschewiki „die sozialistische Revolution ... in eine recht ferne, jedenfalls unbestimmte Zukunft" rückten. Alles was in diesem Kapitel zu diesem Thema zitiert wurde, beweist, wie unrichtig Trotzkis Erzählungen sind. Trotzki zitiert in der „Oktober-Revolution" (Seite 780) eine Äußerung Lenins aus dem Jahre 1905, mit der er selbst seine Behauptung widerlegt:
„Das Proletariat kämpfte bereits um die Erhaltung der demokratischen Errungenschaften namens der sozialistischen Umwälzung."
Trotzki hätte — wenn er objektiv sein könnte — noch sehr viele Zitate in Lenins seit 1905 geschriebenen Artikeln gefunden, die seine Erzählungen widerlegen, und die beweisen, daß die Bolschewiki mit einer klaren Theorie in die Revolution gegangen sind. In einem dieser Artikel „Sozialdemokratie und provisorische revolutionäre Regierung" (1905) schrieb Lenin am Schlusse zusammenfassend (Lenin, Sämtliche Werke, Band VII, Seite 268):
„Wenn der hohle Deklamator Trotzki jetzt schreibt, daß ein ,Priester Gapon nur einmal auftauchen konnte', daß es für einen zweiten Gapon keinen Platz gibt, so lediglich deshalb, weil er eben ein hohler Deklamator ist. Gäbe es in Rußland keinen Platz für einen zweiten Gapon, so würde es bei uns auch keinen Platz für eine wirklich „große“ bis ans Ende gehende demokratische Revolution geben ...
Sie (die Massen, d.V.) können nicht gleich, ohne eine Reihe revolutionärer Prüfungen durchgemacht zu haben, Sozialdemokraten werden, nicht nur infolge ihrer Unwissenheit (die Revolution klärt, wir wiederholen es, mit märchenhafter Geschwindigkeit auf), sondern deshalb, weil ihre Klassenlage keine proletarische ist, weil die objektive Logik der historischen Entwicklung sie im gegenwärtigen Augenblick vor die Aufgabe eines demokratischen und keineswegs eines sozialistischen Umsturzes stellt.
Und an diesem Umsturz wird das revolutionäre Proletariat mit aller Energie teilnehmen, den jämmerlichen Chwostismus der einen, wie die revolutionären Phrasen der anderen von sich weisend, klassenmäßige Bestimmtheit und Bewußtsein in den schwindelerregenden Wirbel der Geschehnisse hineintragend, unentwegt und mutig vorwärtsschreitend, die revolutionär-demokratische Diktatur nicht fürchtend, sondern sie vielmehr leidenschaftlich herbeisehnend, für die Republik und die volle republikanische Freiheit, für ernste ökonomische Reformen kämpfend, damit eine wirklich weite und des 20. Jahrhunderts wirklich würdige Arena geschaffen werde für den Kampf um den Sozialismus."
Danach war die nächste Aufgabe die Durchführung der demokratischen Revolution, an der sich das revolutionäre Proletariat führend beteiligen muß, um die „bessere Arena für den Kampf um den Sozialismus" zu schaffen. Aber nirgendwo ist die Rede davon, daß die Fortentwicklung der demokratischen Revolution „in eine ferne, unbestimmte Zukunft gerückt" wird. In dem vorstehend zitierten Artikel legt Lenin dar, daß die Massen ohne revolutionäre Prüfungen durchgemacht zu haben — noch nicht Sozialdemokraten sind, daß sie darum nicht sofort für eine sozialistische Revolution mobilisiert werden können. Aber er fügt hinzu, daß die Revolution mit märchenhafter Geschwindigkeit aufklart, das heißt, daß die durch die demokratische Revolution in Bewegung gesetzten Massen mit märchenhafter Geschwindigkeit über die Mängel der demokratischen Revolution und über die Notwendigkeit, diese zur sozialistischen fortzuführen, aufgeklärt werden. Rechnete Lenin schon 1905 mit einer so schnellen Aufklärung der Massen in der demokratischen Revolution, dann hat er eben die sozialistische Revolution nicht auf eine unbestimmte Zukunft vertagt, sondern ihre Durchführung als die ununterbrochene Folge der demokratischen Revolution betrachtet. Wie recht Lenin mit seiner Theorie und seiner Einschätzung der revolutionären Entwicklung hatte, bewies der Februar 1917. Die Februarrevolution hat die Massen in der Tat „mit märchenhafter Geschwindigkeit" aufgeklärt und die sofortige Fortentwicklung zur sozialistischen Revolution ermöglicht. Aber nur, weil die leninsche Theorie weit vorausschauend der Partei den revolutionären Weg von der demokratischen zur sozialistischen Revolution vorgezeichnet und die revolutionäre Partei geschaffen hat, die die Massen auf diesen Weg führen konnte.
Lenin hat aber nicht nur die ununterbrochene Weiterentwicklung der demokratischen zur sozialistischen Revolution propagiert, sondern zugleich die Mobilisierung der Kampfmittel gefordert, die erst die Erfüllung dieser Aufgabe möglich machen. Lenin, der zur Durchführung der demokratischen Revolution die Kampfbündnisse mit nichtproletarischen Kräften für notwendig hielt, hat dabei stets betont, daß es bei diesen Kampfbündnissen nicht auf schriftlich formulierte Bedingungen ankomme, sondern auf die praktische Verwirklichung des gemeinsamen Kampfes gegen den Zarismus. Vor allem aber darauf, daß die Arbeiterklasse stark genug sei und genügend Machtmittel in der Hand habe, um sich selbst gegen den Betrug seiner vorübergehenden Kampfgefährten zu schützen. Die wirksamste Sicherung gegen Betrugsversuche ist die Bewaffnung des Volkes, die der Arbeiterklasse die Möglichkeit gibt, nach der Eroberung der politischen Freiheiten die „bessere Arena" auch für den Kampf um den Sozialismus auswerten zu können. Dabei hat Lenin nie einen Zweifel darüber gelassen, daß die bürgerlichen Demokraten auch im Kampf um die Demokratie sehr unsichere Bundesgenossen seien. Am 24. Januar 1905 schrieb er in „Proletarische und bürgerliche Demokratie" (Lenin, Sämtliche Werke, Band VII, Seite 94):
„Nein, das Proletariat wird sich auf dieses Spiel mit Versprechungen, Erklärungen und Vereinbarungen nicht einlassen. Das Proletariat wird niemals vergessen, daß die bürgerlichen Demokraten keine verläßlichen Demokraten sein können. Das Proletariat wird die bürgerliche Demokratie unterstützen, nicht auf Grund irgendwelcher Abmachungen mit ihr, keinen panischen Schrecken hervorzurufen, nicht auf Grund des Glaubens an ihre Verläßlichkeit, sondern es wird sie dann und in dem Maße unterstützen, wenn und soweit sie tatsächlich gegen den Absolutismus kämpft. Eine solche Unterstützung ist im Interesse der Erreichung der selbständigen sozialen und revolutionären Ziele des Proletariats notwendig."
Also Unterstützung der bürgerlichen Demokratie, soweit sie wirklich kämpft, jedoch nicht nur um der demokratischen Revolution, sondern um der Erreichung der sozialistischen Revolution willen. Und weil diese nur von dem revolutionären Proletariat durchgeführt werden kann, hat Lenin als besondere Voraussetzung für die Unterstützung der demokratischen Revolution die selbständige marxistische Partei verlangt. Diese muß, ihren Weg gehend, bei allen Kampfbündnissen mit bürgerlich-demokratischen Kräften um die Hegemonie des Proletariats auch in der demokratischen Revolution kämpfen. Am 21. Februar 1905 schrieb Lenin in „Über ein Kampfbündnis für den Aufstand" (Lenin, Sämtliche Werke, Band VI I.Seite 166):
„Die Geschichte der revolutionären Epoche liefert viele, all zu viele Beispiele der ungeheuren Schädlichkeit übereilter und unreifer Experimente einer „Kampfeseinigung", die die ungleichartigsten Elemente in den Komitees des revolutionären Volkes zusammenleimte und nur zu gegenseitigen Reibereien und bitteren Enttäuschungen führte.
Wir wollen uns die Lehre dieser Geschichte zunutze machen. Wir sehen im Marxismus, der euch als ein enges Dogma erscheint, gerade die Quintessenz dieser geschichtlichen Lehre und Anleitung. Wir sehen in der selbständigen, unversöhnlich marxistischen Partei des revolutionären Proletariats die einzige Gewähr für den Sieg des Sozialismus und den von Schwankungen denkbar freiesten Weg zum Siege. Wir werden daher niemals, auch nicht in den revolutionärsten Augenblicken, auf die völlige Selbständigkeit der Sozialdemokratischen Partei, auf die völlige Unversöhnlichkeit unserer Ideologie verzichten.
... Wir glauben, daß wir der Sache künftiger Kampfbündnisse besser dienen, wenn wir, statt bittere, vorwurfsvolle Phrasen zu dreschen, die Bedingungen ihrer Möglichkeit und ihrer mutmaßlichen Grenzen, ihrer, wenn man so sagen darf, ,Kompetenzen' nüchtern und kühl wägen." Das selbständige Auftreten der unversöhnlich marxistischen Partei auch bei allen Kampfbündnissen im Kampf gegen den Zarismus erschien Lenin als unbedingte Notwendigkeit, um die demokratische Revolution im geeigneten Zeitpunkt zur sozialistischen Revolution fortzuführen. Es wäre ein geschichtliches Versäumnis schlimmster Art gewesen, wenn das russische Proletariat den Stoß für die sozialistische Umwälzung dogmatisch-mechanisch erst für die Zeit nach dem endgültigen Siege der demokratischen Revolution vertagt hätte, obwohl die Situation für die Durchführung der sozialistischen Revolution schon früher reif geworden war. Da das russische Proletariat „um die Erhaltung der demokratischen Errungenschaften" bereits „namens der sozialistischen Umwälzung" kämpfte, mußte es nach der Veränderung der Verhältnisse, nachdem die bessere „Arena für den Kampf um den Sozialismus" erreicht war, auch seine Kampfziele verändern.
Trotzki sagt in der „Oktoberrevolution" (Seite 677), daß sich die Bolschewistische Partei auf der Aprilkonferenz des Jahres 1917 „unter dem Druck der restlos enthüllten Situation" zum ersten Mal zu dem Ziel der „Machteroberung" bekannt habe. Die zitierten Äußerungen Lenins aus dem Jahre 1905 beweisen, daß diese Behauptung Trotzkis falsch ist, daß die Bolschewistische Partei schon vor 1905 die Frage der Machteroberung durch das Proletariat auch in der Zeit bejaht hat, in der sie angesichts der Verhältnisse die demokratische Revolution als die nächstliegende Aufgabe betrachtete. Der konzentrierte Kampf um die Erfüllung der nächsten Aufgabe schließt die Mobilisierung der Kräfte für die weiter gesteckten Ziele nicht aus. Die Machteroberung durch das Proletariat wurde nicht 1917 zum ersten Male als das Ziel proklamiert, sie trat nur damals in der inzwischen erreichten demokratischen Revolution als das nächste Kampfziel ganz deutlich in Erscheinung.
Trotzki bejahte das seiner Meinung nach 1917 zum ersten Mal erfolgte Bekenntnis zur proletarischen Revolution, weil „die restlos enthüllte Situation" es verlangte. Er war allerdings der Meinung, daß diese veränderte Stellungnahme nicht das Bekenntnis zum Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion enthalten habe. Die veränderte Situation, das Versagen der bürgerlich-demokratischen Kräfte in Rußland und das Ausbleiben der proletarischen Revolution in den fortgeschrittenen europäischen Ländern, stellte dem russischen Proletariat, als dem ersten in der Welt, die Aufgabe, den sozialistischen Aufbau in der Praxis zu beginnen. Das russische Proletariat war 1917 in der Zwangslage, entweder vor dem Versagen der demokratischen Revolution zu kapitulieren und der Konterrevolution die Bahn frei zu geben, oder für die sofortige Ablösung der demokratischen Revolution durch die sozialistische zu kämpfen. Nach schweren opfervollen Kämpfen eroberte das russische Proletariat als das erste in der Welt die politische Macht. Die Hoffnung war, daß dieser Sieg unverzüglich proletarische Revolutionen in den anderen Ländern auslösen und den sozialistischen Aufbau erleichtern würde. Das Ausbleiben der Revolution in Europa „enthüllte" wiederum „restlos eine neue Situation" und zwang zu Entscheidungen. Die siegreiche russische Revolution hatte nunmehr die Wahl, entweder (wie Stalin das formulierte) „auf dem Halm zu verfaulen" oder die eroberte politische Macht auszunützen und den sozialistischen Aufbau in dei Sowjetunion zu versuchen. Die aus dem Siege der sozialistischen Revolution sich konsequent ergebende Entscheidung für die Durchführung des sozialistischen Aufbaus in dem Lande der siegreichen. proletarischen Revolution bezeichnet Trotzki als Verrat an der Idee des internationalen Sozialismus.
So zeigte sich auch in der weiteren Entwicklung der russischen Revolution der grundlegende Gegensatz zwischen Trotzkis permanenter Revolution und Lenins revolutionärer Theorie. Trotzkis Theorie verschiebt den Aufbau des Sozialismus bis zum Siege der proletarischen Revolution in der ganzen Welt. Lenins revolutionäre Theorie verlangt die permanente, ununterbrochene Fortführung der revolutionären Entwicklung und die Ausnützung der siegreichen proletarischen Revolution zum sozialistischen Aufbau — weil die Erfolge des sozialistischen Aufbaus in einem Lande zum wirksamen Hebel für die revolutionäre Entwicklung in den anderen Ländern, für die Weltrevolution werden. Trotzkis permanente Revolution verneint den Aufbau des Sozialismus in einem Lande, der von der leninschen revolutionären Theorie eindeutig bejaht wird.

 

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DER TROTZKISMUS NACH DER OKTOBERREVOLUTION

 

TROTZKI, DIE OKTOBERREVOLUTION UND DER BÜRGERKRIEG

Das Verhalten Trotzkis in der Oktoberrevolution und im Bürgerkrieg spielt in der trotzkistischen Geschichtsschreibung eine entscheidende Rolle. Mit dem Hinweis auf diese Zeit wird hauptsächlich die angeblich so enge Kampfgemeinschaft Trotzkis mit Lenin begründet. Die Legende berichtet, daß Trotzki der entscheidende Führer des Oktoberaufstandes gewesen sei, daß ohne ihn die Oktoberrevolution nicht erfolgreich ausgegangen und der Bürgerkrieg nicht gewonnen worden wäre. Trotzki selbst erzählt in seinen Büchern, vor allem in der „Februarrevolution", der „Oktoberrevolution", in „Mein Leben", und auch in „Über Lenin", daß er von 1917 an die alles überragende treibende Kraft gewesen sei. Wer diese Darstellung anzweifelt, wer eine marxistische Analyse des Geschehens dieser Zeit zu geben versucht und dabei Trotzkis wirkliche Rolle in der Oktoberrevolution und im Bürgerkrieg feststellt, wird von den Trotzkisten als Geschichtsfälscher bezeichnet.
Trotzki war eine nicht unwichtige Persönlichkeit in der Oktoberrevolution — Stalin hat das in den früheren Parteidiskussionen um Trotzki und den Trotzkismus mehrmals festgestellt — aber Trotzki hat dabei nicht die überragende Rolle gespielt, von der die trotzkistische Geschichtsschreibung berichtet. Die Version, daß ohne Trotzki die proletarische Revolution in Rußland nicht gesiegt hätte, daß es ohne Trotzki keine Sowjetunion gäbe, ist eine törichte Geschichtsfälschung. Sie steht im schroffen Widerspruch zur materialistischen Geschichtsbetrachtung und zum Marxismus, sie ist der Ausfluß des Subjektivismus, der zum politischen und persönlichen Charakterbild Trotzkis gehört. Um seine angeblich überragende Rolle in der Oktoberrevolution glaubhaft zu machen, braucht Trotzki die Legende von der grundlegenden geistigen Umrüstung der Bolschewistischen Partei zwischen dem Februar und Oktober. Er behauptet darum, daß die Bolschewiki keine revolutionäre Theorie hatten. Nach Trotzkis Darstellung war die Bolschewistische Partei ein zielloser, direktionsloser Haufen, der von den revolutionären Ereignissen überrascht wurde und ihnen hilflos gegenüberstand. Wäre es so gewesen — dann allerdings hätte Trotzki den Bolschewiki als der Messias erscheinen können, dann hätte der bisher einsame Trotzki „der alles überragende Führer" werden müssen, dem die Bolschewistische Partei in ihrer Hilflosigkeit sich unterwarf.
Trotzkis „Februarrevolution" enthalt ein ganzes Kapitel über die „Umbewaffnung der Partei". Er schreibt dort u. a. (Seite 148):
„Hauptleiter der unterirdischen bolschewistischen Organisation in Petrograd waren damals drei Männer. Die ehemaligen Arbeiter Schlapnikow und Saluzki und der ehemalige Student Molotow. (Der also damals schon eine führende Rolle in der Bolschewistischen Partei hatte, d.V.) ... Doch das Trio war den Ereignissen nicht gewachsen. Bis zur allerletzten Stunde glaubten die Führer, es handle sich nur um eine revolutionäre Kundgebung, um eine von vielen, nicht aber um einen bewaffneten Aufstand."
Petrograd war 1917 die Hauptstadt Rußlands und das entscheidende Zentrum, in dem die wichtigsten revolutionären Entscheidungen fielen. In Petrograd hatten die Bolschewiki — wie überall in Rußland — zwar eine Organisation, aber diese war nach Trotzkis „Erzählungen" der Situation nicht gewachsen und ihre Führer waren unfähig. Die bolschewistische Organisation hatte keine Ahnung von dem Werden der Revolution, sie ist darum natürlich auch ohne Einfluß auf die revolutionäre Entwicklung gewesen. Das ist das Bild nach Trotzkis Darstellungen. Alle Bolschewiki erscheinen als halbe oder ganze Trottel, nur mit einem macht Trotzki eine Ausnahme — mit Lenin. Den streicht er gegenüber den anderen heraus, weil er die enge Kampfgemeinschaft mit Lenin für seine Legende braucht. Nach der Revolutionsgeschichte Trotzkis ist das Durcheinander in der bolschewistischen Organisation erst nach der Ankunft Lenins in Rußland überwunden worden. Diese Version hat Trotzki — mit der Spitze, gegen die Alten Bolschewiki in der Führung der Partei — auch schon versteckt, in seinen in Rußland veröffentlichten Schriften vertreten. In dem Buche „Über Lenin" (1924) schreibt er, daß ihn von dem Kurs, den die Partei „nach seiner (Lenins) Ankunft eingeschlagen hatte, nichts mehr trenne". Bis zu Lenins Ankunft war Trotzki nicht für den Kurs der Bolschewiki. Erst nach der nach Lenins Ankunft erfolgten geistigen „Umrüstung" war über Nacht eine revolutionäre Partei entstanden, mit der Trotzki nunmehr einverstanden sein konnte und der er sich anschließen wollte. Nach Trotzkis Angaben wurde die aktionsfähige revolutionäre Partei von Lenin nicht in langer, planmäßiger Arbeit seit 1903 aufgebaut, sondern erst mit Hilfe Trotzkis in einigen Wochen aus der Erde gestampft.
An unzähligen anderen Beispielen ließe sich noch beweisen, daß Trotzkis Geschichtsschreibung ganz und gar darauf eingestellt ist, die revolutionäre Unzulänglichkeit der Bolschewistischen Partei zu beweisen. In dem Kapitel über „Die Umbewaffnung der Partei" („Februarrevolution") behauptet Trotzki, daß die Bolschewiki sich im April plötzlich für die sofortige Durchführung der sozialistischen Revolution entschieden, die entgegen ihrer Einschätzung der Lage und entgegen ihren Vorstellungen und Vorbereitungen herangereift war. Trotzki erweckt den Eindruck, daß Lenin sich nunmehr ausdrücklich für das Überspringen der demokratischen Revolution entschlossen habe. Er bekehrte sich in dieser entscheidenden Frage angeblich vom Leninismus zum Trotzkismus, der demnach nunmehr der Wesensinhalt der Bolschewistischen Partei geworden war. Um dieses falsche Bild zu erzeugen, hat Trotzki absichtlich ignoriert, daß Lenin bei der Diskussion über seine Aprilthesen (siehe die Zitate in dem Kapitel „Die permanente Revolution") eindringlich nachwies, daß diese These über die unmittelbare Fortentwicklung der demokratischen zur sozialistischen Revolution nichts mit Trotzkismus zu tun haben Lenin stellte vielmehr ausdrücklich fest, daß er keinesfalls notwendige Zwischenetappen überspringen, sondern nur die bolschewistische Theorie verwirklichen wolle, die konsequent die schnellste Steigerung der revolutionären Entwicklung von der Februar- zur Oktoberrevolution verlange. An dieser Tatsache ändert auch nichts daß einige Bolschewisten — wie Trotzki schildert — z.B Sinowjew und Kamenew, Lenins Aprilthesen mit der Begründung bekämpften, daß sie im Widerspruch zum Leninismus ständen. Wenn die beiden späteren Freunde Trotzkis gegen den Oktoberaufstand auftraten, so ist das kein Beweis dafür, daß Lenin 1917 die Bolschewistische Partei geistig „umbewaffnete", es beweist vielmehr nur, daß Sinowjew und Kamenew die Konsequenzen des Leninismus scheuten und in entscheidenden Situationen zeigten, daß sie den Leninismus mißverstanden.
Trotzkis Erzählungen über die Umrüstung der Bolschewistischen Partei sind nichts als Zwecklegenden. Die historische Wahrheit ist, daß die Bolschewistische Partei — organisiert, geschult nach dem leninistischen Organisationsprinzip — unter Lenins Führung als aktionsfähige zielbewußte revolutionäre Kampftruppe in die Revolution ging. Die Bolschewistische Partei hat sich in der entscheidenden Situation durchaus den revolutionären Aufgaben gewachsen gezeigt. Sie hat nicht auf Trotzki warten müssen; im Gegenteil, Trotzki mußte im Juli 1917 sich ihr unterordnen, wenn er als einer neben den anderen seinen Teil an den revolutionären Kämpfen beitragen wollte.
Die Oktoberrevolution ist nicht das Verdienst Trotzkis oder einer anderen einzelnen Person, sondern der leninschen Partei, die von 1903 an im harten Kampfe gegen den Trotzkismus aufgebaut, eine ideologisch gefestigte, straff organisierte Kampforganisation mit einer klaren revolutionären Zielsetzung war, und die nur darum die Oktoberrevolution so erfolgreich organisieren und zu einem guten Ende führen konnte. Hätte sich Trotzki 1917 gegen die Bolschewistische Partei gestellt, dann hätte er später nicht einmal die Gelegenheit gehabt. Legenden über seine überragende Führerrolle in der Oktoberrevolution zu erzählen. Die Geschichtsschreibung Trotzkis über seine Rolle in der Oktoberrevolution und im Bürgerkrieg ist nicht nur ein Beweis für seinen Subjektivismus, sondern vor allem auch ein Beweis, daß Trotzki auch während seiner Mitgliedschaft in der Bolschewistischen Partei kein Bolschewik war. Er stand der leninschen Partei und der leninschen Theorie immer feindlich gegenüber, und auch in seiner besten Zeit ist er dem von Lenin so heftig bekämpften Trotzkismus treu geblieben. Trotzki will Lenin im Gegensatz zu den Alten Bolschewiki und der Bolschewistischen Partei herausstreichen.
Sein starker Subjektivismus hindert ihn schließlich sogar, seine eigene Absicht zu verwirklichen und Lenins führende Rolle in der Revolution zu würdigen. In allen Büchern, in denen Trotzki von der russischen Revolution erzählt, erscheint nicht Lenin, sondern Trotzki als der entscheidende Kopf, der alles dirigiert und gemacht hat. Trotzki schreibt immer wieder, wie er Lenin (von dem man den Eindruck bekommen soll, daß er wegen seiner Illegalität von Juli bis Oktober 1917 weit vom Schuß war) über seine Handlungen berichtete oder ihm Vorschläge machte, und wie Lenin stets freudig und begeistert zustimmte. Gewissermaßen wie einer, der froh ist, diesen Trotzki zu haben, der ihm das Denken und das Handeln abnimmt. Nur ein paar kleine Beispiele. In „Über Lenin" erzählt Trotzki (Seite 108), wie die Bezeichnung „Volkskommissare" entstanden ist. Lenin habe sich vergeblich den Kopf zerbrochen, wie man die revolutionäre Regierung nennen solle. Trotzki hat es sofort gewußt. Er hat vorgeschlagen, sie „Volkskommissare" zu nennen, und Lenin hat begeistert zugestimmt. Auf Seite 114 der gleichen Schrift schildert Trotzki, daß auf dieselbe Weise auch die Rote Armee zu ihren politischen Kommissaren gekommen sei. Aber wichtiger als diese „Leistungen" Trotzkis sind seine Schilderungen des Oktoberaufstandes. Wer darüber nur Trotzkis Schriften gelesen hat, muß glauben, daß die wesentlichen Handlungen unter Leitung Trotzkis und gegen den Willen Lenins durchgeführt wurden, und daß Lenin nur immer nachträglich erleichtert die Zustimmung zu Trotzkis Leistungen gab. In dem Buche „Über Lenin" erzählt Trotzki (diese Erzählung kehrt auch in „Mein Leben" und in der „Oktoberrevolution" wieder), daß er den Aufstand mit der Parole „Alle Macht den Räten" durchführen wollte, während Lenin angeblich hinter dem Rücken der Sowjets loszuschlagen beabsichtigt habe.
„Immerhin" — sagt Trotzki in „Über Lenin", Seite 78 — war aber die Partei nicht imstande, auf eigene Faust unabhängig vom Rätekongreß und hinter seinem Rücken die Macht zu ergreifen. Es wäre ein Fehler gewesen, der sogar auf die Haltung der Arbeiter nicht ohne Folgen geblieben wäre und hinsichtlich der Garnison außerordentlich schwerwiegend hätte werden können.
Aus Trotzkis weiterer Schilderung entsteht dann der Eindruck, daß der Oktoberaufstand glücklicherweise nicht nach dem Willen und Vorschlag Lenins, sondern nach den Direktiven Trotzkis gemacht wurde und nur darum gelungen sei. Auf Seite 82 der gleichen Schrift erzählt Trotzki, wie Lenin sich mit dem gegen seinen Willen glücklich durchgeführten Oktoberaufstand Trotzkis abgefunden habe:
„Nun gut, es geht auch so. Es handelt sich nur darum ,die Macht zu ergreifen'. Ich verstand, daß er sich in diesem Augenblick endgültig mit unserem Verzicht, die Macht durch eine konspirative Verschwörung zu ergreifen, ausgesöhnt hatte. Bis zur letzten Stunde hatte er befürchtet, der Feind möchte unsere Pläne durchkreuzen und uns überrumpeln. Erst jetzt, am Abend des 25. Oktober, beruhigte er sich und sanktionierte endgültig den Weg, den die Ereignisse eingeschlagen hatten."
Trotzki behauptet in dieser Erzählung, — um seine überragende Rolle in der Oktoberrevolution herauszustreichen — daß ausgerechnet Lenin die Macht „durch eine konspirative Verschwörung" ergreifen wollte, und nicht durch die Mobilisierung der Massen. Trotzki ließ zwar Lenin die Marotte von der „konspirativen Verschwörung", handelte aber nach seinem Kopfe, so daß Lenin schließlich nichts weiter zu tun übrig blieb, als die von Trotzki „gemachte" siegreiche Revolution zu „sanktionieren". So sieht in der Geschichtsschreibung Trotzkis Lenins Rolle bei dem entscheidenden Oktoberaufstand aus. In Wirklichkeit dachte Lenin nie an eine konspirative Verschwörung; er hat im Gegenteil jedes blanquistische Abenteuer abgelehnt und den revolutionären Aufstand immer als eine Aktion der Massen betrachtet. Die Behauptung Trotzkis, daß Lenin den Aufstand hinter dem Rücken der Sowjets durchführen wollte, ist schon darum vollkommen unsinnig, weil gerade Lenin es war, der als erster die Parole „Alle Macht den Arbeiter- und Bauernsowjets" aufgestellt und in allen seinen Publikationen seit Anfang 1900 vertreten hat. Unter dieser Parole wurde die Oktoberrevolution von der Bolschewistischen Partei unter Führung Lenins vorbereitet und durchgeführt. Richtig an der Darstellung Trotzkis ist überhaupt nur, daß auch in der Frage der Organisierung des Aufstandes zwischen ihm und Lenin Meinungsverschiedenheiten bestanden, daß also selbst bei der Durchführung der Oktoberrevolution keinesfalls eine enge Kampfgemeinschaft zwischen den beiden war. Wie scharf Lenin gerade am Vorabend der Oktoberrevolution Trotzki angegriffen hat, schildert dieser selbst in „Über Lenin" (Seite 77):
„,Wir dürfen nicht warten, wir dürfen nicht aufschieben', wiederholte Lenin immer wieder. Unter diesen Umständen fand Ende September oder Anfang Oktober die berühmte Nachtsitzung des Zentralkomitees in der Wohnung der Suchanows statt. Lenin kam dorthin, fest entschlossen, diesmal einen Beschluß durchzusetzen, in dem es für Zweifel, Schwanken, Hinausschieben, Passivität und Abwarten keinen Platz mehr gab. Jedoch, noch bevor er die Gegner des bewaffneten Aufstandes angriff, begann er auf die zu wettern, die den Aufstand mit dem Zweiten Rätekongreß in Verbindung brachten. Irgend jemand hatte ihm meine Worte berichtet: ,Wir haben bereits den Aufstand auf den 25. Oktober festgesetzt'."
In der Tat, Lenin hat am Vorabend des Oktober sehr heftig gegen Trotzki „gewettert". Am 29. September 1917 sagte Lenin in „Die Krise ist herangereift" (Sämtliche Werke, Band XXI, Seite 306 usf.):
„Was ist also zu tun? Man muß aussprechen, was ist, die Wahrheit zugeben, daß bei uns im ZK und in den Parteispitzen eine Richtung oder Meinung existiert, die für das Abwarten des Rätekongresses, gegen die sofortige Machtergreifung, gegen den sofortigen Aufstand ist. Diese Richtung muß niedergekämpft werden. Sonst würden sich die Bolschewiki mit Schmach bedecken und als Partei erledigt sein.
Denn einen solchen Augenblick zu verpassen und den Sowjetkongreß ,abzuwarten' wäre eine vollendete Idiotie oder vollendeter Verrat.
Ein vollendeter Verrat an den deutschen Arbeitern. Wir können doch nicht den Anfang ihrer Revolution abwarten!! Dann werden auch die Liber-Dan (Menschewiki, d.V.) für ihre Unterstützung sein. Sie kann aber nicht beginnen, solange Kerenski, Kirschkin und Co. an der Macht sind.
Ein vollendeter Verrat an der Bauernschaft. Die Niederwerfung des Bauernaufstandes dulden, obwohl wir beide hauptsächlichen Räte in Händen haben, heißt jedes Vertrauen der Bauern verlieren und verdient verlieren, heißt in den Augen der Bauern mit den Liber-Dan und übrigen Schuften auf einer Stufe stehen.
Den Räte-Kongreß ,abzuwarten' ist vollendete Idiotie, denn das heißt Wochen verlieren, Wochen und sogar Tage entscheiden aber jetzt alles. Das heißt feige der Machtergreifung entsagen, denn am 1.—2. November wird sie unmöglich sein (sowohl politisch als auch technisch: man wird für den Tag des einfältig ,angesetzten' Aufstandes Kosaken bereithalten.) Anmerkung Lenins: Den Sowjetkongreß zum 20. Oktober ,einzuberufen', damit er die Machtergreifung beschließe — wodurch unterscheidet sich das von der einfältigen ,Festsetzung' des Aufstandes?? Jetzt können wir die Macht nehmen, am 20.—29. Oktober wird man das nicht mehr zulassen.
Den Rätekongreß ,abzuwarten', ist Idiotie, denn dieser Kongreß wird nichts ergeben, kann nichts ergeben!
Die ,moralische' Bedeutung? Erstaunlich!! Die ,Bedeutung' von Resolutionen und von Unterhaltungen mit den Liber-Dan, wo wir doch wissen, daß die Räte für die Bauern sind und daß man den Bauernaufstand niederschlägt!! Dadurch degradieren wir diese Räte zu erbärmlichen Schwatzbuden. Schlagt erst Kerenski, dann beruft den Kongreß ein...
Der Sieg des Aufstandes ist den Bolschewiki jetzt sicher: 1. wir können (wenn wir nicht auf den Rätekongreß ,warten') plötzlich und von drei Stellen aus, in Petrograd, Moskau und der Baltischen Flotte, losschlagen; 2. wir haben Losungen, die uns Unterstützung gewährleisten: Nieder mit der Regierung, die den Aufstand der Bauern gegen die Gutsbesitzer unterdrückt!; 3. wir haben die Mehrheit im Lande; 4. die Menschewiki und Sozialrevolutionäre sind in voller Zersetzung; 5. wir haben die technische Möglichkeit, die Macht in Moskau zu ergreifen (Moskau könnte sogar anfangen, um den Feind durch Überraschung zu überrumpeln); 6. wir haben in Petrograd tausende bewaffnete Arbeiter und Soldaten, die mit einem Schlage den Winterpalast, den Generalstab, die Telefonzentrale und alle großen Druckereien besetzen können: wir sind dann nicht mehr zu vertreiben und in der Armee wird eine solche Agitation einsetzen, daß es nicht möglich sein wird, gegen diese Regierung des Friedens, des Landes für die Bauern usw. zu kämpfen.
Wenn wir auf einmal plötzlich von drei Stellen aus losschlagen, in Petrograd, Moskau und der Baltischen Flotte, so sind 99 von Hundert Chancen dafür, daß wir mit geringeren Opfern, als der 3.—4. Juli gekostet hat, siegen werden, denn die Truppen werden nicht gegen die Regierung des Friedens marschieren. Auch wenn Kerenski jetzt schon ,zuverlässige' Kavallerie usw. in Petrograd hat, wird er gezwungen sein, sich zu ergeben, wenn wir von zwei Seiten den Schlag führen und wenn die Armee mit uns sympathisiert. Wenn wir auch bei so günstigen Aussichten, wie sie jetzt bestehen, die Macht nicht ergreifen, so ist alles Reden über die Macht den Räten eine Lüge.
Jetzt die Macht nicht übernehmen, ,warten', im Z E K schwatzen, sich auf den ,Kampf um ein Organ' (des Rates), sich auf den Kampf für den Kongreß beschränken, heißt die Revolution zugrunde richten ...
... Es ist meine tiefste Überzeugung, daß wir die Revolution zugrunde richten, wenn wir den Rätekongreß ,abwarten' wollen und den Augenblick verpassen."
Lenins Angriffe gegen diejenigen, die den sofortigen Aufstand ablehnten, die gegen unverzügliche Machtergreifung und für das Abwarten des Sowjetkongresses waren, richteten sich einerseits gegen Trotzki und andererseits gegen Sinowjew und Kamenew. Die beiden Letzteren waren gegen den Aufstand und Trotzki war für die unbedingte Verbindung des Aufstandes mit dem Sowjetkongreß. Über die Differenzen, die zwischen Lenin und Trotzki in der Frage des Oktoberaufstandes bestanden, äußerte sich Stalin in einer Rede auf dem Plenum der Fraktion des Zentralrates der Gewerkschaften (am 19. November 1924):
„... Noch schlimmer ist es um den Genossen Trotzki bestellt, wenn er von Lenins Position in der Frage der Form des Aufstandes spricht. Bei Genossen Trotzki ist es so, daß nach Lenin die Partei im Oktober die Macht unabhängig von dem Sowjet und hinter seinem Rücken ergreifen sollte; hierauf kritisiert Genosse Trotzki diesen Unsinn, den er Lenin zuschreibt, und läßt hierbei ,alle seine Künste spielen, um schließlich zu dem nachsichtigen Urteil zu kommen: ,Das wäre ein Fehler gewesen.' Genosse Trotzki sagt hier die Unwahrheit über Lenin, er entstellt die Ansichten Lenins über die Rolle der Sowjets im Aufstand. Man könnte einen ganzen Haufen von Dokumenten anführen, die davon sprechen, daß Lenin vorschlug, die Macht durch die Sowjets, den Leningrader oder den Moskauer, nicht aber hinter dem Rücken der Sowjets zu ergreifen. Zu welchem Zwecke brauchte Genosse Trotzki diese mehr als seltsame Legende über Lenin?
Nicht besser ist es um Genossen Trotzki bestellt, wenn er die Position des ZK und Lenins in der Frage des Termins des Aufstandes ,untersucht'. Über diese berühmte Sitzung des ZK vom 10. Oktober behauptet Genosse Trotzki, in dieser Sitzung sei ,eine Resolution in dem Sinne gefaßt worden, daß der Aufstand spätestens am 15. Oktober zu erfolgen habe' (siehe ,Über Lenin', S. 72). Es ist demnach so, daß das ZK den Termin des Aufstandes auf den 15. Oktober festgesetzt und dann selbst diesen Beschluß durchbrochen habe, indem es den Termin des Aufstandes auf den 25. Oktober hinausschob. Ist das richtig? Nein, das ist nicht richtig ...
... Genosse Trotzki ist, was den Termin des Aufstandes und die Resolution des ZK über den Aufstand betrifft, von seinem Gedächtnis im Stich gelassen worden.
Genosse Trotzki ist völlig im Unrecht, wenn er behauptet, Lenin habe die Sowjetlegalität unterschätzt, Lenin habe die ernste Bedeutung der Machtergreifung durch den Gesamtrussischen Sowjetkongreß am 25. Oktober nicht verstanden und habe gerade aus diesem Grunde die Machtergreifung vor dem 25. Oktober gefordert. Das ist nicht richtig. Lenin schlug aus zwei Gründen vor, die Macht vor dem 25. Oktober zu ergreifen. Erstens, weil die Konterrevolutionäre Leningrad in jedem beliebigen Augenblick ausliefern konnten, was den anwachsenden Aufstand hatte verbluten lassen, und weil angesichts dessen jeder Tag teuer war. Zweitens, weil der Fehler des Leningrader Sowjets, der den Tag des Aufstandes offen angegeben und veröffentlicht hatte (25. Oktober), nicht anders korrigiert werden konnte als durch den faktischen Aufstand vor diesem legalen Aufstandstermin. Lenin betrachtete nämlich den Aufstand als eine Kunst, und deshalb mußte er wissen, daß der (durch die Unvorsichtigkeit des Leningrader Sowjets) über den Tag des Aufstandes unterrichtete Feind sich unbedingt Mühe geben würde, sich auf diesen Tag vorzubereiten, so daß es notwendig war, dem Feind zuvorzukommen, d.h. den Aufstand unbehelligt vor dem legalen Termin zu beginnen. Dadurch erklärt sich auch hauptsächlich die Leidenschaftlichkeit, mit der Lenin in seinen Briefen die Fetischisten des Datums des 25. Oktobers geißelte. Die Ereignisse haben bewiesen, daß Lenin völlig im Recht war. Bekanntlich wurde der Aufstand vor dem Gesamtrussischen Sowjetkongreß begonnen. Bekanntlich wurde die Macht faktisch vor der Eröffnung des Gesamtrussischen Sowjetkongresses ergriffen, und zwar nicht vom Sowjetkongreß, sondern vom Leningrader Sowjet, vom revolutionären Militärkomitee. Der Sowjetkongreß hat die Macht lediglich aus den Händen des Leningrader Sowjets empfangen. Deshalb sind die langatmigen Betrachtungen des Genossen Trotzki über die Bedeutung der Sowjetlegalität völlig überflüssig.
Eine lebendige und mächtige Partei an der Spitze der revolutionären Massen, die die bürgerliche Staatsmacht stürmen und stürzen — das war der Zustand unserer Partei in dieser Periode."
In der gleichen Rede beschäftigte sich Stalin auch sehr eingehend mit den Legenden von der überragenden Rolle Trotzkis im Oktoberaufstand:
„Die Trotzkisten verbreiten eifrig Gerüchte, daß der Inspirator und alleinige Führer des Oktoberaufstandes Genosse Trotzki gewesen sei. Diese Gerüchte werden besonders eifrig von dem sogenannten Redakteur der Werke des Genossen Trotzki, dem Genossen Lenzner, verbreitet. Genosse Trotzki selbst fördert mit oder ohne Absicht die Verbreitung der Gerüchte über die besondere Rolle des Genossen Trotzki im Aufstand, indem er systematisch die Partei, das ZK der Partei und das Leningrader Parteikomitee übergeht, die führende Rolle dieser Organisation beim Aufstand verschweigt und eifrig sich selbst als die zentrale Figur des Oktoberaufstandes in den Vordergrund stellt. Es liegt mir fern, die unzweifelhaft wichtige Rolle des Genossen Trotzki im Aufstand zu leugnen. Doch muß ich sagen, daß Genosse Trotzki keinerlei besondere Rolle im Oktoberaufstand gespielt hat und sie auch nicht spielen konnte, da er, als Vorsitzender des Petrograder Sowjets, lediglich den Willen der entsprechenden Parteiinstanzen ausführte, die jeden Schritt des Genossen Trotzki leiteten .....
Nehmen wir die Protokolle der Sitzung des ZK vom 16. Oktober 1917. Anwesend sind die Mitglieder des ZK plus Vertreter des Leningrader Komitees plus Vertreter der Militärorganisation, der Betriebsräte, der Gewerkschaften, der Eisenbahner. Unter den Anwesenden befinden sich außer den Mitgliedern des ZK die Genossen Krylenko, Schotman, Kalinin, Wolodarski, Schljapnikow, Lazis u.a.; insgesamt 25 Mann. Es wird die Frage des Aufstandes von der rein praktisch-organisatorischen Seite besprochen. Die Resolution Lenins über den Aufstand wird mit einer Stimmenmehrheit von 20 gegen 2, bei drei Stimmenthaltungen, angenommen. Man wählt ein praktisches Zentrum für die organisatorische Leitung des Aufstandes. Wer kommt nun in dieses Zentrum? In dieses Zentrum werden fünf Mann gewählt: Swerdlow, Stalin, Dsershinski, Bubnow, Uritzki. Die Aufgaben des praktischen Zentrums bestehen in der Leitung aller praktischen Organe des Aufstandes gemäß den Direktiven des Zentralkomitees. Wie man sieht, ist also in dieser Sitzung des ZK etwas ,Schreckliches' vorgefallen, nämlich der ,Inspirator', die ,Hauptfigur', der „alleinige Führer“ des Aufstandes, Genosse Trotzki, ist ,seltsamerweise' nicht in das praktische Zentrum gekommen, das berufen war, den Aufstand zu leiten. Wie läßt sich das mit der landläufigen Meinung von der besonderen Rolle des Genossen Trotzki vereinbaren? Ist das alles nicht etwas ,seltsam', wie Suchanow oder die Trotzkisten sagen würden? Indessen ist daran eigentlich nichts Seltsames, denn Genosse Trotzki, ein in der Periode des Oktober für unsere Partei verhältnismäßig neuer Mensch, hat irgendeine besondere Rolle weder in der Partei noch im Oktoberaufstand gespielt und konnte sie auch gar nicht spielen. Er war so wie alle verantwortlichen Funktionäre lediglich ein Vollstrecker des Willens des ZK und seiner Organe. Wer mit der Mechanik der Parteileitung der Bolschewiki vertraut ist, wird ohne besondere Mühe verstehen, daß es anders auch gar nicht sein konnte: Genosse Trotzki brauchte nur gegen den Willen des ZK zu handeln, um jeden Einfluß auf den Verlauf der Ereignisse einzubüßen. Das Gerede von der besonderen Rolle des Genossen Trotzki ist eine Legende, die von dienstbeflissenen Partei-Klatschbasen verbreitet wird.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, daß der Oktoberaufstand nicht seinen Inspirator gehabt hat. Ja, er hatte seinen Inspirator und Führer. Doch das war Lenin und kein anderer, derselbe Lenin, dessen Resolution vom ZK bei der Entscheidung über die Frage des Aufstandes angenommen wurde, derselbe Lenin, den die Illegalität nicht daran hinderte, entgegen der Behauptung des Genossen Trotzki, der wirkliche Inspirator des Aufstandes zu sein. Es ist dumm und lächerlich, heute durch Geschwätz über die Illegalität die unzweifelhafte Tatsache verwischen zu wollen, daß der Inspirator des Aufstandes der Führer der Partei, W. I. Lenin, war.
Das sind Tatsachen.
Zugegeben, sagt man uns, man könne aber nicht leugnen, daß Genosse Trotzki in der Periode des Oktober gut gekämpft habe. Ja, das stimmt. Genosse Trotzki hat im Oktober wirklich gut gekämpft. Doch in der Periode des Oktober hat nicht nur Genosse Trotzki gut gekämpft, nicht übel haben sogar solche Leute gekämpft, wie die linken Sozialrevolutionäre, die damals Schulter an Schulter mit den Bolschewiki standen. Überhaupt muß ich sagen, daß es in der Periode des siegreichen Aufstandes, wenn der Feind isoliert ist und der Aufstand anwächst, nicht schwer ist, gut zu kämpfen. In solchen Augenblicken werden sogar Rückständige zu Helden. Aber der Kampf des Proletariats ist nicht eine einzige Offensive, eine ununterbrochene Kette von Erfolgen. Der Kampf des Proletariats macht auch seine Prüfungen, seine Niederlagen durch. Ein wirklicher Revolutionär ist .... derjenige, .... der bei der siegreichen Offensive der Revolution gut zu kämpfen versteht, zugleich aber auch versteht, in der Periode des Rückzugs der Revolution, in der Periode der Niederlage des Proletariats Mut zu beweisen, der den Kopf nicht verliert .... Es ist äußerst traurig, aber eine unzweifelhafte Tatsache, daß es dem Genossen Trotzki, der in der Periode des Oktober gut gekämpft hat, in der Periode von Brest-Litowsk, in der Periode der zeitweiligen Mißerfolge der Revolution an dem nötigen Mut gebrach, in diesem schwierigen Augenblick genügend Standhaftigkeit zu beweisen und nicht in die Fußtapfen der linken Sozialrevolutionäre zu treten ....
.... Die Revolution erschöpft sich nicht mit dem Oktober. Der Oktober ist nur der Beginn der proletarischen Revolution. Schlimm, wenn man beim beginnenden Aufstand kneift. Noch schlimmer, wenn man bei schweren Prüfungen der Revolution nach der Machtergreifung kneift. Die Macht am Tage nach der Revolution zu behaupten, ist nicht minder wichtig als die Ergreifung der Macht ... Trotzki hat in der Oktoberrevolution seine Pflicht erfüllt, aber er war weder der Inspirator, noch der Führer der Oktoberrevolution. Er hat als Vorsitzender des Petrograder Sowjets im Auftrage der Partei gehandelt und deren Direktiven ausgeführt. Hätte er das abgelehnt, so hätte die Partei an die Spitze des Petrograder Sowjets einen anderen Mann gestellt und die Oktoberrevolution wäre nicht anders verlaufen." Genau so war es im Bürgerkrieg. Trotzki hat auch da keinesfalls die Überragende Rolle gespielt, wie von der die trotzkistische Legende berichtet. Er selbst berichtet in „Mein Leben" in einem besonderen Kapitel „Meinungsverschiedenheiten über Kriegsstrategie" (Seite 434 usf.) über die Differenzen, die er während des Bürgerkrieges mit dem Zentralkomitee der Partei, also auch mit Lenin hatte. In der vorher zitierten Rede vor den Gewerkschaftlern beschäftigt sich Stalin auch mit Trotzkis Rolle im Bürgerkrieg. Zu diesem Thema sagt er:
„Auch die sehr verbreitete Version, Genosse Trotzki sei der ,einzige' oder der ,Hauptorganisator' der Siege auf den Fronten des Bürgerkrieges gewesen, gehört zu diesen Legenden. Im Interesse der Wahrheit erkläre ich, daß diese Version durchaus nicht der Wahrheit entspricht. Einige Beispiele: Es ist bekannt, daß Koltschak und Denikin als die Hauptfeinde der Sowjetrepublik galten und daß unser Land erst nach der Niederlage dieser Feinde aufatmen konnte. Und jetzt berichtet die Geschichte, daß unsere Truppen diese beiden Feinde, sowohl Koltschak wie Denikin, dem Plan des Genossen Trotzki entgegen, niedergeworfen haben.
1. Angriff im Sommer 1919 gegen Koltschak. Unsere Truppen greifen Koltschak an und operieren vor Ufa. Sitzung des Zentralkomitees. Genosse Trotzki schlägt vor, den Angriff an der Linie des Flusses Bjalaja (vor Ufa) aufzuhalten, den Ural Koltschak zu überlassen, einen Teil unserer Truppen von der Ostfront wegzukommandieren und sie auf die Südfront zu werfen. Heiße Debatten finden statt. Das Zentralkomitee lehnt diesen Trotzki-Plan ab und erklärt, daß man Koltschak unmöglich den Ural mit seinen Werken, seinem Eisenbahnnetz überlassen kann, da er sich dort organisieren, Großbauern um sich sammeln würde, um wieder an die Wolga vorzustoßen; man müsse vor allem Koltschak über den Kamm des Ural in die sibirischen Steppen treiben und erst dann die Überführung der Truppen nach der Südfront in Erwägung ziehen. Das Zentralkomitee bleibt fest. Genosse Trotzki gibt seine Demission, das Zentralkomitee lehnt diese ab. Der Oberkommandant Vazetis, der für den Plan des Genossen Trotzki ist, tritt zurück. Genosse Kamenew (General S. Kamenew. D.V.) tritt an seine Stelle. Von diesem Augenblick an nimmt Genosse Trotzki an den Handlungen an der Ostfront nicht mehr direkt teil.
2. Die Kämpfe mit Denikin im Herbst 1919. Der Angriff gegen Denikin scheitert. Denikin nimmt Kurek, stößt dann auf Orel vor. Genosse Trotzki wird von der Südfront zur Sitzung des Zentralkomitees gerufen; das Zentralkomitee erklärt, die Lage sei beunruhigend, beschließt, Trotzki abzuberufen und an die Südfront neue Militärfunktionäre zu senden. Diese verlangen, Genosse Trotzki solle von jeder Aktivität an der Südfront ferngehalten werden, worauf Genosse Trotzki zurücktritt. Die Operationen an der Südfront bis zur Einnahme von Rostow am Don und Odessa erfolgen durch unsere Truppen, ohne Beteiligung des Genossen Trotzki."
In „Mein Leben" (Seite 435) bestätigt Trotzki im Wesentlichen die Darstellungen Stalins über die Differenzen um den Kampf gegen Koltschak. Er schreibt dort:
„Das Zentralkomitee nahm einen Beschluß gegen das Oberkommando und damit auch gegen mich an, da ich Vazetis unterstützte, geleitet von der Erwägung, daß die strategische Gleichung mehrere Unbekannte enthalte, unter denen die noch zu junge Autorität des Oberbefehlshabers eine wichtige Größe bilde. Der Beschluß des Zentralkomitees erwies sich als richtig. Die Ostfront machte einen Teil der Kräfte für die Südfront frei und rückte gleichzeitig siegreich nach Sibirien vor, Koltschak auf den Fersen folgend. Dieser Konflikt führte zum Wechsel des Kommandos. Vazetis wurde abgesetzt, seinen Platz nahm Kamenew ein." Das Wesentliche, was sich sowohl aus der Darstellung Stalins, wie auch aus Trotzkis Schilderung in dem ganzen Kapitel die „Meinungsverschiedenheiten über Kriegsstrategie" ergibt, ist die Tatsache, daß Trotzki auch im Bürgerkrieg nur die Direktiven des Zentralkomitees ausführte. Gab es Differenzen — und es gab solche auch in jener Zeit genug — so entschied nicht Trotzki, sondern das Zentralkomitee. Trotzki war nur das ausführende Organ der auch im Bürgerkrieg führenden Bolschewistischen Partei. Hätte er damals gegen diese zu handeln versucht, so wäre der Bürgerkrieg auch ohne die Mitwirkung Trotzkis siegreich beendet worden.

DIE GEGENSÄTZE ZWISCHEN LENIN UND TROTZKI NACH DER OKTOBERREVOLUTION

Trotzki war nur sehr kurze Zeit in der Bolschewistischen Partei. Obwohl von der Oktoberrevolution bis zum Tode Lenins — Januar 1924 — alle Kräfte stark auf die Niederwerfung der konterrevolutionären Gefahren konzentriert waren, ist Lenin in dieser kurzen Zeitspanne mehrmals sehr heftig mit Trotzki zusammengestoßen. Auch bei der Darstellung dieses Zeitabschnittes ist Trotzki seiner Methode der Geschichtsschreibung treu geblieben. So weit er Differenzen erwähnt, stellt er sie als verhältnismäßig harmlos hin. Im allgemeinen sei Lenin immer mit ihm und seinem Tun einverstanden gewesen, und wo Meinungsverschiedenheiten waren, hat sich in vielen Fällen — wie z.B. in der Stellungnahme zum polnischen Krieg und zur NEP — nachträglich herausgestellt, daß nicht Lenin, sondern Trotzki recht hatte. Der Eindruck, der nach Trotzkis Geschichtsschreibung über diese Zeit entstehen kann, ist ungefähr: Waren Lenin und Trotzki einer Meinung, so hatte Lenin recht, waren sie verschiedener Meinung, dann hatte Trotzki recht. Die Legende von der überragenden Führerrolle Trotzkis wird auch in seinem Bericht über diese Periode fortgesponnen.
Der erste Zusammenstoß zwischen Lenin und Trotzki erfolgte unmittelbar nach der Oktoberrevolution — Anfang 1918 — bei der Entscheidung über den Brest-Litowsker Frieden. In dieser Frage wurde über das Schicksal der eben erst siegreichen proletarischen Revolution entschieden. Die linken Sozialrevolutionäre, die damals noch neben den Bolschewiki marschierten und ein ultralinker Flügel der Bolschewiki, zu dem Bucharin und Radek gehörten, verlangten die Ablehnung der demütigenden Friedensvorschläge der deutschen Militaristen und die Organisierung des revolutionären Krieges gegen das eroberungslüsterne Deutschland. Trotzki vertrat auch in dieser Frage eine Sonderstellung. Er sympathisierte mit dem revolutionären Krieg der Ultralinken und schlug vor, den revolutionären Krieg zwar nicht offen zu erklären, aber das Brest-Litowsker Friedensdiktat nicht zu unterschreiben. Weder Krieg noch Frieden war seine Parole. Dies bezeichnete er als die beste Losung, weil er glaubte, daß die Deutschen nicht mehr marschieren können. Darum sei — so argumentierte er — die Nichtunterzeichnung des Friedensdiktats einerseits gefahrlos für die russische Revolution, andererseits aber beweise sie den Proletariern in den anderen Ländern, daß das proletarische Rußland in erbitterter Feindschaft dem deutschen Imperialismus gegenüberstehe.
Lenin trat den Auffassungen Trotzkis und der Ultralinken ganz entschieden entgegen. Nicht etwa, weil er prinzipiell gegen einen revolutionären Krieg war, sondern weil er in der gegebenen Situation nach dem Erlebnis und den Opfern des Krieges das russische Volk für unfähig hielt, einen revolutionären Krieg zu führen. Es fehlten alle materiellen Voraussetzungen für den erfolgreichen Widerstand gegen den noch ungeschlagenen deutschen Militarismus. Ohne diese materiellen Voraussetzungen war die Parole des revolutionären Krieges — nach Lenin — nichts als eine hohle, aber gefährliche Phrase.
Trotzki, die Ultralinken und die Sozialrevolutionäre, die brüske Ablehnung des Brester Friedensdiktates empfahlen, gingen — so argumentierte Lenin — von einer vollkommen falschen, illusionären Einschätzung der militärischen Lage aus. Die deutschen Generale könnten noch marschieren — und sie würden marschieren. Ihnen wäre die Ablehnung des Brester Friedensdiktates die willkommene Gelegenheit, Petrograd und Moskau zu besetzen und erfolgreich die imperialistische, konterrevolutionäre Intervention durchzuführen, die der proletarischen Revolution das Genick brechen sollte. Lenin vertrat darum den Standpunkt, daß Rußland unter den gegebenen Umständen auch den schlechtesten Frieden mit Deutschland unterzeichnen müsse, um den Sieg der proletarischen Revolution zu erhalten, um eine Atempause zu gewinnen, in der das Kräfteverhältnis geändert werden könne. Lenin hat dabei nie damit gerechnet, daß der Brest-Litowsker Vertrag ein unabänderliches, endgültiges Ergebnis schaffe. Seine reale Einschätzung der internationalen Situation und der Lage in Deutschland gab ihm die Überzeugung, daß die Mittelmächte früher oder später zusammenbrechen müßten und daß mit diesem Zusammenbruch auch der schlechte Brest-Litowsker Friede ausgelöscht würde. Die Entwicklung hat Lenin hundertprozentig recht gegeben. Hatte er jedoch vor Brest-Litowsk den Ultralinken und Trotzki nicht so heftigen Widerstand geleistet, hätte er seine richtige Auffassung nicht allmählich gegen alle Widerstände durchgesetzt, dann wäre noch vor dem Zusammenbruch des deutschen Militarismus von diesem die siegreiche proletarische Revolution in Rußland niedergeschlagen worden und die Sowjetunion, der erste machtvoile Arbeiterstaat, wäre nicht entstanden. In seinem Buche „Über Lenin" (Seite 88) berichtet Trotzki Über Lenins damalige Stellungnahme:
„Im Augenblick ist unsere Revolution wichtiger als alles andere; wir müssen sie sichern, koste es, was es wolle." In der Geschichtsschreibung Trotzkis wird natürlich auch seine Differenz mit Lenin in der Brest-Litowsker Frage als harmlos hingestellt. Jedoch selbst aus seinen Darstellungen geht hervor, daß er in der entscheidenden Situation Lenin offenen Widerstand leistete. In „Mein Leben" (Seite 373) erzählt Trotzki:
„In der Sitzung des Zentralkomitees vom 17. Februar stellte Lenin zur vorläufigen Abstimmung die Frage: ,Wenn der deutsche Angriff für uns zur Tatsache werden wird und kein revolutionärer Aufstand in Deutschland erfolgt, schließen wir dann Frieden?'"
Die Mehrheit des Zentralkomitees war für diese Formulierung. Aber Trotzki handelte in der entscheidenden Stunde nach eigenem Ermessen. Er selbst berichtet über sein Verhalten im Anschluß an das obige Zitat weiter:
„Am nächsten Morgen lehnte ich das sofortige Absenden des von Lenin vorgeschlagenen Telegramms über unsere Bereitschaft, den Frieden zu unterzeichnen, ab." Trotzki war zu jener Zeit Volkskommissar des Äußern, dessen Aufgabe die Durchführung der in das Gebiet der Außenpolitik fallenden Beschlüsse war. Das Telegramm an die Deutschen, das im Sinne des Beschlusses des Zentralkomitees die Bereitschaft zur Unterzeichnung des Friedensvertrages übermitteln sollte, mußte vom Volkskommissar des Äußern abgeschickt werden. Dieser jedoch verhinderte die rechtzeitige Absendung des Telegramms. Der entscheidende Augenblick wurde dadurch verpaßt, den eroberungslüsternen deutschen Generalen wurde die Möglichkeit zu der von ihnen gewollten Aktion gegeben. Die Deutschen marschierten, und sie konnten noch sehr gut marschieren. Sie besetzten u.a. auch die Ukraine und Finnland, von denen das Letztere dadurch endgültig aus dem Verband der Sozialistischen Sowjetrepubliken ausschied. Trotzki erzählt dann weiter, daß er sich am Abend des gleichen Tages, als einwandfrei feststand, wie gut die deutsche Kriegsmaschine noch funktionierte, zur Absendung des Telegramms bereit erklärte. Jetzt aber waren die deutschen Heere schon in Bewegung, sie marschierten unaufhaltsam vorwärts, sie scherten sich nicht mehr um die zu spät gekommene Unterzeichnungsbereitschaft. Die deutschen Generale diktierten nun neue, wesentlich schlechtere Bedingungen, die die russische Delegation dann erst am 3. März unterschreiben durfte, und — wie Trotzki berichtet — ungelesen unterschrieb. Es zeigte sich inzwischen ganz deutlich, wie sehr die materielle Lage des proletarischen Rußland durch Trotzkis Weigerung, die von Lenin verlangte Unterzeichnung des Friedens rechtzeitig durchzuführen, verschlechtert wurde. Im Zusammenhang mit dem Konflikt um die Unterzeichnung des Brest-Litowsker Friedensvertrages mußte Trotzki von seinem Posten als Volkskommissar des Äußern zurücktreten.
In den entscheidenden Stunden, als es um das Schicksal der russischen Revolution ging, ist Trotzki gegen Lenin aufgestanden. Die drohende Gefahr ist nur darum beseitigt worden, weil Lenin unbeugsam die richtige Linie gegen alle Widerstände durchsetzte. Später hat Trotzki zugeben müssen, daß im Kampf um den Brester Frieden nicht er, sondern Lenin recht hatte. In „Mein Leben" (Seite 379) schreibt er:
„Am 3. Oktober 1918 sagte ich auf der außerordentlichen Tagung der obersten Organe der Sowjetmacht: ,Ich betrachte es in dieser autoritativen Sitzung als eine Pflicht, zu erklären, daß in jener Stunde, als viele von uns, darunter auch ich, daran zweifelten, ob es nötig, ob es zulässig sei, den Brest-Litowsker Frieden zu unterschreiben, nur der Genosse Lenin hartnäckig und mit unvergleichlichem Scharfsinn gegenüber vielen von uns darauf bestand, daß wir durch dieses Joch hindurchgehen müßten .... Und jetzt müssen wir anerkennen, daß nicht wir recht gehabt hatten.'" Lenin selbst hat die Differenzen, die er mit Trotzki wegen des Brest-Litowsker Friedens hatte, nicht so harmlos angesehen, wie das später von Trotzki dargestellt wurde. In einer Rede über „Krieg und Frieden", die Lenin am 7. März 1918 auf dem VII. Parteitag hielt (also nach der am 3. März erfolgten „unbesehenen" Unterzeichnung des Friedensdiktats) legte er der Partei seinen Standpunkt dar. Er sagte dabei u.a. (Ausgewählte Werke, Band VII, Seite 296 usf.):
„Wir sagten, daß es eine leichtfertige Illusion sei, zu glauben, daß man die Armee zusammenhalten könne, die Gesundung des gesamten gesellschaftlichen Organismus um so schneller einsetzen werde, je schneller wir die Armee demobilisieren. Deshalb war es ein so schwerer Fehler, eine so bittere Überschätzung der Ereignisse, die revolutionäre Phrase zu prägen: ,Der Deutsche kann nicht angreifen', woraus sich eine zweite Phrase ergab: ,Wir können die Einstellung des Kriegszustandes erklären. Weder Krieg noch Unterzeichnung des Friedens!' Aber wenn der Deutsche doch angreifen wird? ,Nein, der Deutsche kann nicht angreifen.' Und ihr habt kein Recht, die internationale Revolution aufs Spiel zu setzen, ihr müßt euch vielmehr die konkrete Frage stellen, ob ihr euch nicht als Helfershelfer des deutschen Imperialismus erweisen werdet, wenn dieser Moment eintritt?" Diese Polemik richtet sich ausdrücklich gegen Trotzki, der die phrasenhafte Parole ausgegeben hatte: „Weder Krieg noch Unterzeichnung des Friedens!" In seinem Schlußwort zum Referat über „Krieg und Frieden", das Lenin auf dem gleichen Parteitag am Tage danach, am 8. März, hielt, griff er Trotzki nochmals an (Ausgewählte Werke, Band VII, Seite 313 usf.):
„... Ferner muß ich auf den Standpunkt des Genossen Trotzki eingehen. In seiner Tätigkeit muß man zwei Seiten unterscheiden. Als er die Verhandlungen in Brest-Litowsk aufnahm und sie ausgezeichnet zu Agitationszwecken ausnutzte, waren wir alle mit Genossen Trotzki einverstanden. Er hat einen Teil der Unterredung mit mir zitiert, aber ich muß hinzufügen, wir hatten ausgemacht, daß wir uns bis zum Ultimatum der Deutschen halten, dann nachgeben. Der Deutsche hat uns übers Ohr gehauen: von sieben Tagen hat er uns fünf gestohlen. Die Taktik Trotzkis war, insofern sie darauf ausging, die Dinge in die Länge zu ziehen, richtig; sie wurde unrichtig, als der Kriegszustand für beendet erklärt und der Frieden nicht unterzeichnet wurde. Ich schlug in der bestimmtesten Form vor, den Frieden zu unterzeichnen. Einen besseren Frieden als den von Brest-Litowsk konnten wir nicht bekommen. Es ist allen klar, daß wir dann eine Atempause von einem Monat gehabt, daß wir dabei nichts verloren hätten....
...Wenn Genosse Trotzki die neue Forderung aufstellt: ,Versprecht, daß ihr keinen Frieden mit Winnitschenko unterzeichnen werdet', so sage ich, daß ich eine solche Verpflichtung auf keinen Fall übernehme. Wenn der Parteitag diese Verpflichtung übernähme, so würden weder ich noch irgendeiner meiner Gesinnungsfreunde die Verantwortung dafür auf sich nehmen. Das würde bedeuten, daß man, anstatt eine klare Linie des Manövrierens zu verfolgen, ... sich abermals durch einen formalen Beschluß bindet. In einem Kriege darf man sich niemals durch formale Erwägungen binden. Es ist lächerlich, daß man die Kriegsgeschichte nicht kennt, nicht weiß, daß ein Vertrag ein Mittel ist, um Kräfte zu sammeln...
....Genosse Trotzki sagt, daß das Verrat im vollen Sinne des Wortes wäre. Ich behaupte, daß das ein ganz falscher Standpunkt ist. Um das konkret zu zeigen, will ich ein Beispiel anführen. Zwei Menschen gehen ihres Weges. Sie werden von zehn Menschen überfallen. Der eine kämpft, der andere flieht. Das ist Verrat. Aber nehmen wir an, zwei Armeen zu je Hunderttausend stehen fünf Armeen gegenüber. Die eine Armee ist von zweihunderttausend Mann umzingelt worden. Die andere Armee soll ihr zu Hilfe eilen, weiß aber, daß dreihunderttausend Mann so aufgestellt sind. daß das einer Falle gleichkommt. Kann man da zu Hilfe eilen? Nein, das kann man nicht. Das ist kein Verrat, keine Feigheit. Die einfache Vergrößerung der Zahl hat alle Begriffe verändert. Jeder Militär weiß das. Es handelt sich hier nicht um die eigene Person: indem ich so handle, erhalte ich meine Armee; mag auch die andere gefangen genommen werden, ich werde meine erneuern, ich habe Verbündete ich werde abwarten, die Verbündeten werden mir zu Hilfe kommen. Nur so darf man die Frage stellen. Wenn man aber die militärischen Erwägungen mit anderen vermengt, dann kommen dabei nichts als Phrasen heraus. So darf man nicht Politik treiben. Alles, was möglich war, haben wir getan. Durch Unterzeichnung des Vertrages haben wir Petrograd erhalten, wenn auch nur für einige wenige Tage..."
Trotzki hatte zu Lenins Resolution über Krieg und Frieden einige Abänderungsanträge eingebracht: Er beantragte:
a) das Wort „notwendig" am Anfang der Resolution durch das Wort „zulässig" zu ersetzen („der Parteitag erkennt die Unterzeichnung des überaus schweren, erniedrigenden Friedensvertrages mit Deutschland durch die Sowjetmacht als zulässig an!);
b) dort, wo von der Atempause bis zur Offensive der Imperialisten gegen Sowjetrußland die Rede ist, hinzuzufügen: „unvermeidlichen und nahen" Offensive, und weiter: „in jenen Teilen der russischen Föderation, wo diese Offensive gegenwärtig unterbrochen ist";
c) einen neuen Punkt hinzuzufügen: „Der Parteitag erachtet die Unterzeichnung eines Friedens mit der Kiewer Rada und mit der Regierung der finnischen Bourgeoisie als für die Sowjetmacht unzulässig."
Lenin ergriff in der Parteitagssitzung vom 8. März schließlich noch einmal das Wort zu Trotzkis Abänderungsanträgen (Lenin, Sämtliche Werke, Band XXII, Seite 377):
„Ich habe in meiner Rede bereits gesagt, daß weder ich noch meine Anhänger die Annahme dieses Abänderungsantrages für möglich halten. Wir dürfen bei keinem einzigen strategischen Manöver uns irgendwie die Hände binden...
Die Vollmacht zur Zerreißung der Verträge in jedem Augenblick müssen wir dem ZK erteilen, aber das bedeutet keineswegs, daß wir sofort, in der jetzigen Situation, die Verträge zerreißen .... Die Worte, deren Einfügung Genösse Trotzki beantragt, werden die Stimmen derjenigen auf sich vereinigen, die gegen die Ratifizierung überhaupt sind, die Stimmen für eine mittlere Linie, die wiederum eine Situation schafft, wo kein einziger Arbeiter, kein einziger Soldat, etwas von unserer Resolution verstehen wird...
Ich habe doch gesagt: Nein, das ist für mich nicht annehmbar. Dieser Abänderungsantrag bedeutet eine Anspielung, drückt das aus, was Genosse Trotzki sagen will: Anspielungen soll man nicht in Resolutionen hineinbringen ..." Aus den Reden Lenins auf dem VII. Parteitag ist ersichtlich, daß der Gegensatz zwischen Lenin und Trotzki in der Frage des Brest-Litowsker Friedensvertrages sehr schroff war. Lenin mußte sich gegen den von Trotzki erhobenen Vorwurf des Verrats zur Wehr setzen. Sein Vorstoß gegen Trotzki ist nicht minder scharf; er wirft ihm vor, daß er mit seinem Tun die internationale Revolution aufs Spiel gesetzt habe und Helfershelfer des deutschen Imperialismus wurde.
Eine weitere erhebliche Differenz zwischen Lenin und Trotzki gab es Ende 1920 über den Aufbau der Gewerkschaften. Über den Kampf, den Lenin in dieser Frage gegen Trotzki führen mußte, wird in einem anderen Zusammenhang — in dem Kapitel „Das Problem der Bürokratie" (Siehe Teil VI) — ausführlich berichtet. Es genügt darum hier die kurze Feststellung, daß Lenin in dieser Diskussion die ganze Art, wie Trotzki an diese Frage herangegangen ist, „politisch .... eine einzige Taktlosigkeit" nannte.
„Die .Thesen' des Genossen Trotzki — fuhr Lenin fort — sind eine politisch schädliche Sache. Seine Politik ist alles in allem eine Politik des bürokratischen Herumzerrens an den Gewerkschaften.“ Trotzki selbst schreibt über diesen Konflikt in „Mein Leben" (Seite 445):
„Zweifellos hat die sogenannte Diskussion über die Gewerkschaften unsere Beziehungen für einige Zeit getrübt. Wir waren beide zu ausgesprochene Revolutionäre und Politiker, um das Persönliche von dem Politischen trennen zu können oder trennen zu wollen. Während dieser Diskussion erhielten Stalin und Sinowjew sozusagen die legale Möglichkeit, den Kampf, den sie gegen mich hinter den Kulissen betrieben hatten, an die Öffentlichkeit zu tragen. Sie bemühten sich aus allen Kräften, die Konjunktur auszunützen." Trotzki erzählt dann weiter, daß er mit Lenin wegen der NEP in Differenzen gekommen sei. Er habe viel früher als Lenin auf die Umstellung zur NEP gedrängt, aber Lenin habe die Richtigkeit seines Wollens nicht eingesehen. Über diese Differenzen schreibt Trotzki in „Mein Leben" (Seite 447/448):
„Anfang 1920 trat Lenin entschieden gegen meine Vorschläge auf. Sie wurden im Zentralkomitee mit elf Stimmen gegen vier abgelehnt. Wie der weitere Gang der Ereignisse bewies, war der Beschluß des Zentralkomitees falsch. Ich brachte die Frage nicht vor das Forum des Parteitages, der vollständig im Zeichen des Kriegskommunismus verlief. Die Wirtschaft rang danach noch ein Jahr lang in einer Sackgasse mit dem Tode. Aus dieser Sackgasse heraus erwuchsen meine Differenzen mit Lenin." Und an anderer Stelle („Mein Leben", Seite 449):
„Am Vorabend des zehnten Parteitages gingen unsere Linien noch scharf auseinander. In der Partei entbrannte die Diskussion...
Lenin formulierte die ersten, sehr behutsamen Thesen für den Übergang zur neuen ökonomischen Politik. Ich schloß mich ihnen sofort an. Für mich waren sie nur die Wiederaufnahme jener Vorschläge, die ich vor einem Jahr eingebracht hatte."
Es gab also nach der Oktoberrevolution fast ununterbrochen Differenzen zwischen Lenin und Trotzki. Daß Lenin in dieser Zeit nicht von den freundschaftlichsten Gefühlen für Trotzki beseelt war — wie dieser später berichtete — beweisen eine Reihe Tatsachen. So sind zum Beispiel während dieser Zelt (in deutscher Sprache im Jahre 1921) die gesammelten Aufsätze Lenins und Sinowjews zur Kriegsfrage unter dem Titel „ Gegen den Strom" herausgegeben worden. In diesem Buche sind alle die scharfen Angriffe enthalten, die Lenin während des Krieges gegen Trotzki erhob und die diesen als einen Feind des Leninismus charakterisieren. Das Buch enthält außerdem ein nach der Oktoberrevolution geschriebenes Vorwort von Lenin. Hätte dieser nach dem Oktober seine Meinung über Trotzki geändert, dann hätte er sicher die scharfen Angriffe gegen Trotzki ausgemerzt, oder er hätte in seinem Vorwort zum Ausdruck gebracht, daß sie durch die grundsätzliche Wandlung Trotzkis ihren Sinn verloren hätten. Aber das hat Lenin nicht getan. Er konnte es nicht tun. weil er auf Grund der Erfahrungen nach der Oktoberrevolution sein Urteil über Trotzki kaum wesentlich geändert hat. Jedenfalls ist auch die mit einem Vorwort Lenins versehene Herausgabe des Buches „Gegen den Strom" ein Beweis gegen Trotzkis Behauptung, Lenin habe nach der Oktoberrevolution „in Wort und Tat" seine frühere Stellung zu Trotzki und dem Trotzkismus korrigiert.
Trotzki schildert in „Mein Leben" seine besondere Übereinstimmung mit Lenin in einer Frage, die nach der Ermordung Kirows und den Terrorakten in der Sowjetunion sehr aktuell wurde. Er schreibt dort, im Anschluß an die Terrorakte der Sozialrevolutionäre, bei denen auch Lenin schwer verwundet wurde, auf Seite 457 usf.:
„Sie hatten Wolodarski ermordet, Uritzki ermordet, Lenin schwer verwundet, zweimal ein Attentat auf meinen Zug geplant. Wir durften das nicht leicht nehmen ... Wir konnten die Augen nicht davor verschließen, welche Gefahr der Revolution drohte, ließen wir es zu, daß der Feind unsere gesamte Spitze abschoß?
Unsere humanen Freunde von der Art derer, die weder heiß noch kalt sind, erklärten uns wiederholt, sie könnten die Unvermeidlichkeit von Repressalien im allgemeinen begreifen; aber den gefangenen Feind zu erschießen, bedeute, die Grenzen der notwendigen Selbstverteidigung zu überschreiten. Sie forderten von uns Großmut! ... Sie schlugen uns vor, es bei Gefängnisstrafen zu belassen. Das schien das Einfachste zu sein. Aber die Frage der persönlichen Repressalien erhält in einer revolutionären Epoche einen ganz besonderen Charakter, an dem alle humanitären Gemeinplätze ohnmächtig abprallen. Der Kampf geht unmittelbar um die Macht, ein Kampf auf Leben und Tod — darin besteht eben die Revolution. Welche Bedeutung kann unter solchen Umständen Gefängnishaft haben für Menschen, die hoffen, in den nächsten Wochen die Macht zu erobern und dann jene ins Gefängnis zu setzen oder zu vernichten, die heute am Ruder stehen? Vom Standpunkt des sozusagen absoluten Wertes der menschlichen Persönlichkeit unterliegt die Revolution genau so der ,Verurteilung' wie der Krieg, wie übrigens die ganze Geschichte der Menschheit...
Im Sommer 1922 nahm die Frage der Repressalien eine um so schärfere Form an, als es sich diesmal um die Führer der Partei handelte, die seinerzeit neben uns den revolutionären Kampf gegen den Zarismus geführt und nach der Oktoberrevolution ihre Waffe des Terrors gegen uns umgekehrt hatten. Überläufer aus dem Lager der Sozialrevolutionäre hatten uns eröffnet, daß die wichtigsten terroristischen Akte nicht, wie wir anfangs zu glauben geneigt blieben, von einzelnen organisiert worden waren, sondern von der Partei, obwohl sie sich nicht entschließen konnte, die Verantwortung für die von ihr begangenen Morde offiziell zu übernehmen." Alles das, was Trotzki als unumgänglich notwendige scharfe Repressalie gegen die Führer der Sozialrevolutonäre „die seinerzeit neben uns den revolutionären Kampf gegen den Zarismus geführt ... hatten", vorschlug, gilt zu allen Zeiten im Kampf um die Macht gegen diejenigen, die auf die andere Seite der Barrikade übergegangen sind, und die immer die offizielle Verantwortung für ihre konterrevolutionären Handlungen ablehnen werden.
Ein ganz besonderes Kapitel in allen Erzählungen Trotzkis bildet die Frage, warum er, der überragende Führer, der in einem so engen Freundschafts- und Kampfgemeinschaftsverhältnis zu Lenin gestanden haben will, nicht dessen unbestrittener Nachfolger wurde. Warum hat Lenin — wenn er Trotzki so hoch schätzte — diesen nie zu seiner Stellvertretung herangezogen? Warum hat er in den Jahren vor seinem Tode die Position Trotzkis nicht so gestaltet, daß die Partei diesen als seinen selbstverständlichen Nachfolger anerkannte? Lenin hat das nicht getan, und er hatte seine guten Gründe. Trotzki gibt in „Mein Leben" zwar zu, daß ihn Lenin nie zu seiner Stellvertretung herangezogen habe. Er begründet das damit, daß Lenin sich aus Bequemlichkeit willigere Stellvertreter ausgesucht habe.
Der Subjektivist stellt alles so dar, wie er es braucht. Gewiß, Lenin stützte sich immer und viel lieber auf andere. Aber nicht — wie Trotzki „erklärt" — aus Bequemlichkeit, sondern weil er mit Trotzki zu viel Differenzen hatte, weil er wußte, daß Trotzki immer Schwierigkeiten machte und eben auf jeden Fall ein „Eigner", ein überragender Führer sein wollte, der sich nicht einordnen konnte. Die Alten Bolschewiki mit Parteitradition und Disziplin waren nicht nur „bequemer", sondern zuverlässiger. Darum stützte sich Lenin auf sie und nicht auf Trotzki.
In den Monaten vor Lenins Tode, während der Krankheit Lenins, habe es dann — nach dem Bericht von Trotzki — keine Meinungsverschiedenheiten mehr zwischen ihm und Trotzki gegeben. In dieser Zeit habe Lenin plötzlich seinen früheren Standpunkt über Bord geworfen und habe nur daran gedacht, wie er Trotzki zu seinem Stellvertreter und Nachfolger machen könne. Jetzt — wo er es doch am nötigsten hatte — habe er auf die „Bequemlichkeit" keine Rücksicht mehr genommen, jetzt wollte er sich unbedingt nur noch auf den unbequemen Trotzki stützen. In dieser Zeit beabsichtigte Lenin — wie Trotzki erzählt — einen „Block Trotzki-Lenin" zu bilden. Aber das „war damals nur Lenin und mir bekannt". („Mein Leben", Seite 465). Auch nur ihm und Lenin war bekannt, daß „die von Lenin begonnene Kampagne das unmittelbare Ziel hatte, die günstigsten Bedingungen für meine leitende Arbeit zu schaffen, entweder neben ihm, wenn er sich erholt haben würde, oder an seiner Stelle, wenn die Krankheit ihn überwinden sollte." („Mein Leben", Seite 472.) Aber all diese Pläne konnten nicht realisiert werden, denn Lenin war krank und Trotzki „war für einige Wochen durch einen Hexenschuß an das Bett gefesselt... Weder Lenin noch ich konnten ans Telephon gehen" („Mein Leben", Seite 466.) Die ganze Erzählung Trotzkis über sein Verhältnis zu Lenin in der letzten Zeit ist typisch kleinbürgerlich. Da ist keine Spur mehr von einer marxistischen Geschichtsbetrachtung. Trotzki kann keine Belege für die Behauptungen beibringen, die außer dem Erzähler niemandem sonst bekannt geworden sind. Das Ganze trägt deutlich den Stempel der Unwahrhaftigkeit auf der Stirn.
Nur die allerdümmsten zufälligen kleinen Umstände haben es verhindert, daß Lenin Stalin nicht mehr abgesetzt und Trotzki zu seinem Nachfolger ernannt hat. Wie töricht die von Trotzki vorgebrachten Gründe sind, wird sofort klar, wenn man sich vorstellt, daß der nach seinen eigenen Angaben sonst immer so aktive Trotzki plötzlich in der seiner Meinung nach entscheidenden Situation wegen eines Hexenschusses nicht zum Telephon gehen und nicht ermöglichen konnte, daß ihm als Volkskommissar in dieser Zeit das Telephon zum Bett gelegt wurde. Lenin wäre nicht Lenin gewesen, wenn er nicht trotz seiner Krankheit die Gelegenheit gefunden hätte, seinen Willen auszusprechen und öffentlich bekannt zu machen. Da er nichts dergleichen tat, da er die Gedanken und Absichten, die ihm Trotzki andichtet und um die niemand anders sonst als dieser wußte, keinem Dritten mitteilte, hat Lenin auch während seiner Krankheit nicht daran gedacht, Trotzki als seinen Stellvertreter oder Nachfolger in seine Partei- und Amtsfunktionen einzusetzen.
Was sind das überhaupt für Betrachtungen? Der Kleinbürger mag sich vorstellen, daß der Führer der proletarischen Revolution seinen Nachfolger ernennt, daß das Amt eines proletarischen Führers erblich ist. Der Marxist weiß, daß die Auslese der Führer in einer revolutionären Partei nach anderen Gesichtspunkten erfolgt. Trotzkis Erzählungen über das „Malheur", das ihn verhindert hat, Lenins Nachfolger zu werden, decken sich mit den Vorstellungen, die sonst höchstens Unpolitische von der Führerauswahl unter der Diktatur des Proletariats haben mögen. Trotzki negiert bei seiner „Geschichtsbetrachtung" vollkommen die realen Zustände, die Strömungen in den Massen, die treibenden sozialen Kräfte in der Geschichte, er negiert vor allem die organisatorische Struktur der leninschen Partei, in der Leitung und Führung nicht von einem Führer, sondern nach dem leninschen Organisationsprinzip bestimmt werden. Hätte Lenin noch lesen können, wie nach Trotzkis Erzählungen sein angeblicher Wille, Trotzki zu seinem Nachfolger zu machen, verhindert wurde, dann hätte er sicher dasselbe Urteil wie 1914 gefällt:
„Anderswoher als aus ,Privatgesprächen', d.h. einfach aus Klatsch, von dem Trotzki immer lebt, konnte er nicht Beweise ... sammeln."
Nicht auf Grund einer marxistischen Analyse, nicht auf Grund Öffentlicher Publikationen Lenins, sondern nur auf Grund angeblicher — nur ihm bekannter — unkontrollierbarer Privatgespräche hat Trotzki das geschichtliche Bild seines Verhältnisses zu Lenin „gestaltet".

DIE ENTWICKLUNG DES TROTZKISMUS NACH LENINS TODE

Der alte Gegensatz zwischen Bolschewismus und Trotzkismus ist noch vor Lenins Tode schärfer in Erscheinung getreten. Er wurde ganz besonders akut, als nach der siegreichen Beendigung des Bürgerkrieges die Frage des sozialistischen Aufbaus auf die Tagesordnung gestellt werden mußte. Die Konsequenz der trotzkistischen permanenten Revolution, die den Sieg des Sozialismus von dem Siege des Proletariats in den anderen Ländern abhängig machte, war die Verneinung des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion. Dagegen war die von Lenin begründete revolutionäre Theorie des Bolschewismus für die Ausnützung aller Möglichkeiten in dem Lande, in dem die proletarische Revolution — wenn auch zunächst nur allein — gesiegt hatte. Die leninistische revolutionäre Theorie forderte in einem ganz anderen Sinne als der Trotzkismus die ununterbrochene Fortführung der Revolution bis zum Siege des Proletariats in allen Ländern. In der Periode nach Lenins Tode wurde die Verneinung des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion zum hervorstechendsten sachlichen Wesenskern des Trotzkismus. Darum stieß der Bolschewismus in der Diskussion um die Theorie des Sozialismus in einem Lande besonders heftig mit dem Trotzkismus zusammen. Aus dem alten, in der neuen Situation in veränderter Form auftretenden prinzipiellen Gegensatz entwickelte sich der entscheidende Konflikt Trotzkis mit der Partei. Die große Bedeutung dieses Konfliktes zwingt darum zu einer besonderen Würdigung des ganzen Problems, zur Klarsteilung seines sachlich-praktischen Inhaltes und zu einer ausführlichen Darlegung der entgegengesetzten Standpunkte. Im III. Teil dieses Buches wird das für die weitere Entwicklung der Sowjetunion und für den Befreiungskampf der Weltarbeiterklasse entscheidend wichtige Problem erschöpfend behandelt, so daß in diesem Abschnitt der kurze Hinweis auf die entscheidende Bedeutung und den Ausgang des Kampfes zwischen Trotzkismus und Bolschewismus genügt.
Im Kampf um den sozialistischen Aufbau ist Trotzki allmählich zur permanenten Störung der Aktionseinheit übergegangen. Es hat sehr lange gedauert, bis die Partei schärfere Maßnahmen gegen Trotzki ergriff und seine Disziplinbrüche mit dem Ausschluß aus der Partei beantwortete. Trotzki hat gleich nach Lenins Tode in verstärktem Maße seine führende Sonderstellung in der Partei angestrebt. Er betrachtete sich als den berechtigten Nachfolger Lenins, und er schob es nur den verschiedenen angeblichen Intrigen und Schicksalsfügungen zu, daß er die „Erbfolge" nicht antreten konnte. In „Mein Leben" erzählt er darüber sehr seltsame Geschichten. Das Schicksal wollte es, daß er ausgerechnet auch in der entscheidenden Zeit nach Lenins Tode krank war.
„Die Ärzte verboten mir" — schreibt Trotzki in „Mein Leben", Seite 482 — „das Bett zu verlassen. So lag ich den Rest des Herbstes und des Winters. Das heißt, daß ich während der ganzen Diskussion 1923 gegen den ,Trotzkismus' krank lag. Man kann Krieg und Revolution voraussehen, man kann aber die Folgen einer herbstlichen Jagd auf Enten nicht voraussehen."
Dieser Mangel hat Trotzki um die Chance gebracht, die Nachfolge Lenins anzutreten. In der vorstehenden Darstellung aber gibt Trotzki zu, daß die Diskussion gegen den Trotzkismus schon 1923, also noch zu Lebzeiten Lenins, geführt wurde. Das böse Schicksal wollte es, daß Trotzki im Frühherbst 1923 bei einer Entenjagd in einen Sumpf geriet und sich erkältete. Wäre das Malheur mit dem Sumpf nicht gewesen, wäre die ganze Entwicklung in der Sowjetunion wahrscheinlich anders verlaufen. Doch es kam noch schlimmer. Trotzki ging, nachdem er das Bett verlassen konnte, zur Erholung nach dem Süden, nach Suchum. Die Nachricht von Lenins Tode erhielt er in Tiflis, unterwegs auf der Fahrt nach Suchum. Und nun kommt zu dem bösen Schicksal die böse „Intrige". Man „belog" Trotzki in einem Telefongespräch über den Tag der Beisetzung Lenins, so daß er nicht nach Moskau zurückfuhr und dadurch von der Leichenfeier „ausgeschaltet" wurde. Aus der Darstellung Trotzkis entsteht der Eindruck, daß seine Teilnahme an der Leichenfeier politisch von allergrößter Wichtigkeit war, und daß die Dinge irgendwie eine andere Wendung genommen hätten, wenn er bei der Leichenfeier zugegen gewesen wäre. In Suchum kam ihm dann die große Inspiration für die unabwendbare Notwendigkeit seines Kampfes gegen die Partei:
„In Suchum" — schreibt Trotzki in „Mein Leben", Seite 493 — „lag ich lange Tage auf dem Balkon mit dem Gesicht zum Meere. Trotz dem Januar brannte die Sonne hell und heiß am Himmel ... Mit dem Einatmen der Meeresluft sog ich mit meinem ganzen Wesen die Gewißheit ein, daß im Kampf gegen die Epigonen das historische Recht auf meiner Seite steht..."
Die Meeresluft hat Trotzki die nötige Klarheit gebracht. Sie wurde für den Marxisten ein untrügliches Zeichen. Nun wußte er ganz genau, daß er, und nur er recht habe, und daß er darum den Kampf gegen die „Epigonen", das heißt gegen die Parteibeschlüsse und damit gegen die Partei, auf alle Konsequenzen hin führen müsse. Der Inspiration durch die Meeresluft ist er auch getreu gefolgt; er hat den Kampf für seinen angeblich richtigen Standpunkt gegen die Entscheidungen der Partei so geführt, daß dieser schließlich gar keine andere Wahl blieb, als gegen ihn vorzugehen. In der Diskussion, die der Vorstoß Trotzkis 1924 auslöste, veröffentlichte auch G. Sokolnikow — der im Prozeß gegen Pjatakow, Radek und Genossen mit vor Gericht stand — einen Artikel. In diesem wies er darauf hin, daß Trotzki konsequent seine permanente Revolution vertrete und damit den Konflikt mit der Partei provoziere, Sokolnikow fuhr dann fort:
„Warum schwieg sich das Zentralkomitee bisher über diese wesentlichen Gegensätze aus? ... Das Zentralkomitee wollte die politische und parteiliche Autorität des Genossen Trotzki unter allen Umständen schonen. Das Zentralkomitee hatte die Überzeugung, daß die Aufrollung der Gegensätze, die Restaurierung der Geschichte der früheren Kämpfe nicht allein Genossen Trotzki, sondern auch der Partei selbst geschadet hätte. Das Zentralkomitee wollte ... die Initiative nicht ergreifen ..."
Das Zentralkomitee wollte den Konflikt immer noch beilegen, aber Trotzki ergriff die Initiative. Sinowjew und Kamenew waren es, die damals ihren späteren Bundesgenossen am schärfsten angriffen. Nicht Stalin, sondern Sinowjew und Kamenew forderten Repressalien gegen den Disziplinbrecher. Sinowjew schrieb Ende 1924 in einem Artikel über Trotzki:
„Reinigen wir die Angriffe des Genossen Trotzki von alldem, was ihnen an Persönlichem, Zufälligem oder Oberflächlichem anhaftet, und stellen wir uns selbst diesen Angriffen gegenüber auf den Boden der strengsten Objektivität, so wird der Sinn der Attacke im folgenden klar vor uns liegen: Genosse Trotzki war in unserer Partei alle diese Jahre hindurch für dasjenige, was nicht im reinsten Sinne des Wortes bolschewistisch war. Ihn, den Vertreter dieser nichtbolschewistischen Abweichungen, hat der Rahmen der alten leninschen Taktik beengt."
Sinowjew kam in diesem Artikel zu folgendem Schluß: „Genosse Trotzki kämpft in Wirklichkeit gegen die Fundamente des Bolschewismus. Er erweist ... dem Klassenfeinde unschätzbare Dienste" Im Januar 1925 beschäftigte sich auf Antrag vieler Parteiorganisationen das Plenum des Zentralkomitees mit Trotzkis Hervortreten. In dem Beschluß des Zentralkomitees wurde Trotzki ermahnt, künftig die Parteibeschlüsse einzuhalten und durchzuführen. Trotzki hat diese Ermahnung nicht befolgt. In einer im Februar 1925 in Leningrad gehaltenen Rede sagte Sinowjew:
„Sämtliche Mitglieder des Zentralkomitees haben Trotzkis Brief (den Trotzki, der nicht persönlich zur Sitzung erschien, zu seiner Rechtfertigung an das Zentralkomitee geschickt hatte. D.V.) sehr abfällig charakterisiert. Der Inhalt des Briefes ist: ,Ich habe Recht, ihr habt nicht Recht'. Aus einem Nichtbolschewik ist Trotzki ein gewöhnlicher Antibolschewik geworden. Die Maßnahmen des Zentralkomitees enthalten nur das Mindestmaß dessen, was getan werden mußte. Das letzte Wort wird in dieser Sache der Parteikongreß noch zu sagen haben. Wer jetzt noch kommunistische Politik zusammen mit Trotzki machen will, der wendet sich absichtlich gegen den Leninismus."
Sinowjew und Kamenew haben später zwar Politik mit Trotzki gemacht und sich damit selbst „absichtlich gegen den Leninismus" gewandt, aber 1925 haben sie mit aller Schärfe den Ausschluß Trotzkis aus der Partei gefordert. Stalin hat sich damals gegen diesen Vorstoß gewandt und Trotzki zu halten versucht. In dem von ihm erstatteten Tätigkeitsbericht des ZK an den XIV. Parteitag sagte Stalin (siehe „Probleme des Leninismus", Seite 412 usf.):
„Womit begannen unsere Differenzen? Sie begannen mit der Frage: ,Was mit dem Genossen Trotzki geschehen soll?' Das war Ende 1924. Die Gruppe der Leningrader (unter Führung Sinowjews. D.V.) schlug anfangs vor, Genossen Trotzki aus der Partei auszuschließen ... Das Leningrader Gouvernementskomitee nahm eine Resolution an, die den Ausschluß des Genossen Trotzki aus der Partei forderte. Wir, d.h. die Mehrheit des ZK waren damit nicht einverstanden ... und wir haben nach einem Kampfe die Leningrader Genossen davon überzeugt, daß sie in ihrer Resolution den Absatz über den Ausschluß streichen müssen. Nach einiger Zeit, als das Plenum des ZK tagte, haben die Leningrader mit Unterstützung des Genossen Kamenew den Antrag auf sofortigen Ausschluß aus dem Politbüro gestellt. Wir waren auch mit diesem Vorschlag der Opposition nicht einverstanden, wir erhielten die Mehrheit im ZK und beschränkten uns darauf, den Genossen Trotzki von seinem Posten als Volkskommissar für Kriegswesen zu entfernen. Wir waren mit den Genossen Kamenew und Sinowjew nicht einverstanden..."
Und bei anderer Gelegenheit hat Stalin, der sich gegen die von Sinowjew und Kamenew geforderte Absägung Trotzkis wandte, sehr deutlich gesagt, daß die Partei stark und kräftig genug sei, die Vorstöße des Trotzkismus zurückzuschlagen und eine Parteispaltung zu verhindern. „Was Repressalien betrifft, so bin ich entschieden gegen sie", sagte Stalin. „Wir brauchen jetzt keine Repressalien, sondern einen entfalteten Ideenkampf gegen den wiedererstehenden Trotzkismus."
Der Trotzkismus hat den Ideenkampf in der Bolschewistischen Partei heraufbeschworen. In der von Trotzki provozierten Diskussion hat sich die Partei so gut wie einmütig gegen ihn gestellt. Er war in allen seinen Phasen ein Kampf der leninistischen Partei gegen den Trotzkismus. Trotzki hat ihn zu einem Personenkampf umzudichten versucht. Erst waren Sinowjew und Kamenew die bösen persönlichen Feinde — und später Stalin. Wie Trotzki Stalin erkannt hat, schildert er in „Mein Leben" (Seite 496) in einer sehr kuriosen Art. Er erzählt dort, wie Skijanski, einer seiner militärischen Mitarbeiter im Bürgerkrieg, im Jahre 1925 bei ihm war.
„Sagen Sie mir", fragte Skijanski, „was stellt denn Stalin dar?" ... Ich dachte nach.
„Stalin“, sagte ich, „ist die hervorragendste Mittelmäßigkeit unserer Partei. Diese Bezeichnung erstand vor mir während unserer Unterhaltung zum erstenmal, nicht nur in ihrer psychologischen, sondern auch in ihrer sozialen Bedeutung. Nach dem Gesichtsausdruck Skijanskis erriet ich gleich, daß ich ihm geholfen hatte, etwas Wichtiges zu erkennen. Das ist die Reaktion nach der großen sozialen und psychologischen Anspannung der ersten Jahre der Revolution. Die siegreiche Konterrevolution kann ihre großen Männer haben. Aber ihre erste Stufe, der Thermidor, braucht Mittelmäßigkeiten, die nicht über ihre Nase hinaussehen können. Ihre Macht ist ihre politische Blindheit, es ist wie beim Mühlenpferd, dem es scheint, es gehe bergauf, während es in Wirklichkeit nur das sich drehende Triebrad hinunterstößt. Ein sehendes Pferd Ist für solche Arbeit ungeeignet." Plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, war ihm die Erkenntnis über Stalin gekommen. Von da an begann der persönliche Kampf des „hervorragenden Führers" gegen Stalin. Obwohl Trotzki „mit der Meeresluft" die Gewißheit eingeatmet hatte, daß er bei seinem Kampf gegen die Partei unbedingt „im Recht" war, mußte in diesem Kampfe zunächst Stalin siegen. Denn unweigerlich kam die Zeit des „Thermidor".
Inzwischen setzte Trotzki seinen Kampf gegen die Partei fort. Es wurde innerhalb der Partei eine eigene oppositionelle Organisation mit eigenen Veranstaltungen und Mitgliedsbeiträgen zu schaffen gesucht. Die Opposition organisierte ferner illegale Druckereien, und am 10. Jahrestag der Revolution — am 25. Oktober 1927 — versuchte sie in Leningrad und in Moskau — allerdings mißlungene — Gegendemonstrationen zu veranstalten. Das waren alles Dinge, die im schroffsten Widerspruch zu dem leninistischen Organisationsprinzip standen und die im entscheidenden Kampfe um den sozialistischen Aufbau die Aktionseinheit störten. Den Kampf Trotzkis gegen die Partei schildert Stalin zusammenhängend in einer Rede in der gemeinsamen Sitzung des ZK-Präsidiums und des ZKK am 27. September 1927:
„Genosse Trotzki versteht unsere Partei nicht. Er hat keine richtige Vorstellung von unserer Partei. Er betrachtet unsere Partei wie ein Junker den Pöbel oder wie ein Bürokrat seine Untergebenen. Sonst wurde er nicht behaupten, daß in einer Millionenpartei, in der KPdSU, einzelne Personen, einzelne Führer „die Macht an sich reißen", die Macht „usurpieren" können. Die Macht an sich reißen in einer Millionenpartei, die drei Revolutionen durchgemacht hat und jetzt die Grundlagen des Weltimperialismus erschüttert — bis zu dieser Dummheit hat sich Genosse Trotzki verstiegen! Kann man überhaupt in einer von revolutionären Traditionen erfüllten Millionenpartei die Macht ,an sich reißen'? Warum ist es dann Trotzki nicht gelungen, die Macht in der Partei ,an sich zu reißen', zur Führung in der Partei vorzudringen? ... Ist etwa der Genosse Trotzki dümmer ... als Bucharin oder Stalin? Hat etwa Genosse Trotzki nicht den Willen, den Wunsch zur Führung? Ist es etwa nicht Tatsache, daß nun schon Über zwei Jahrzehnte Genosse Trotzki gegen die Bolschewiki um die Führung in der Partei kämpft? Ist er etwa ein weniger hervorragender Redner als die gegenwärtigen Führer unserer Partei? Trifft es nicht vielmehr zu, daß Trotzki als Redner höher steht als viele gegenwärtige Führer unserer Partei? Wodurch ist es dann zu erklären, daß Genosse Trotzki trotz seiner Rednerkunst, trotz seines Willens zur Führung, trotz seiner Fähigkeiten von der Führung der großen Partei ... fortgeschleudert wurde? Genosse Trotzki ist geneigt, dies damit zu erklären, daß unsere Partei seiner Meinung nach eine Stimmherde ist, die blindlings Stalin und Bucharin folgt, so können aber über unsere Partei nur Leute sprechen, die sie verachten und als Pöbel ansehen. ...Wodurch ist es zu erklären, daß die KP volles Mißtrauen gegenüber der Opposition äußert? Das erklärt sich dadurch, daß die Opposition danach trachtete, den Leninismus durch den Trotzkismus zu ergänzen, ... zu „verbessern". Die Partei will aber dem Leninismus treu bleiben, trotz aller Schliche der heruntergekommenen Aristokraten in der Partei. Das also ist der Grund, weshalb die Partei ... es für nötig hielt, sich von Trotzki und von der Opposition überhaupt abzuwenden. Und die Partei wird in gleicher Weise mit jeglichen ,Rednern' und ,Führern' verfahren, die beabsichtigen werden, den Leninismus mit dem Trotzkismus zu übertünchen. Indem er unsere Partei als Stimmherde hinstellt, bringt Genosse Trotzki seine Verachtung gegenüber den Parteimassen der KPdSU zum Ausdruck. Ist es da noch verwunderlich, wenn die Partei ihrerseits darauf mit Verachtung und mit dem Ausdruck ihres vollen Mißtrauens gegenüber dem Genossen Trotzki antwortet?
Ebenso schlecht liegen die Dinge bei der Opposition in der Frage des Regimes in unserer Partei. Genosse Trotzki stellt die Sache so dar, daß das gegenwärtige Regime in der Partei, das der ganzen Opposition zuwider ist, sich irgendwie prinzipiell von dem Regime in der Partei unterscheide, das zur Zeit Lenins festgelegt wurde. Er will die Sache so darstellen, daß er gegen das Regime, das von Lenin nach dem X. Parteitag festgelegt wurde, nichts einzuwenden habe, und daß er im Grunde genommen einen Kampf gegen das gegenwärtige Regime in der Partei führe, das seiner Meinung nach nichts mit dem Regime gemein hat, das von Lenin festgelegt wurde. Ich erkläre, ... daß Genosse Trotzki hier die direkte Unwahrheit sagt. Ich erkläre, daß das gegenwärtige Regime in der Partei der genaue Ausdruck eben jenes Regimes ist, das in der Partei zur Zeit Lenins, zur Zeit des X. und XI. Parteitages unserer Partei festgelegt wurde. Ich behaupte, daß Genosse Trotzki einen Kampf gegen das leninsche Regime in der Partei führt, das zur Zeit Lenins und unter Führung Lenins festgelegt wurde. Ich behaupte, daß der Kampf der Trotzkisten gegen das leninsche Regime in der Partei bereits zu Lebzeiten Lenins begonnen hat, daß der gegenwärtige Kampf der Trotzkisten eine Fortsetzung jenes Kampfes ist ... Worin bestehen die Grundlagen dieses Regimes? Darin, daß bei der Durchführung der innerpolitischen, Demokratie und bei Zulassung einer sachlichen Kritik die Mängel und Fehler in der Partei gleichzeitig keinerlei Fraktionswesen zugelassen und jegliches Fraktionswesen unter Androhung des Ausschlusses aus der Partei vernichtet wird. Wann wurde dieses Regime in der Partei eingeführt? Auf dem X. und XI. Parteitag unserer Partei ... Wir haben ein solches Dokument wie die „Erklärung der 46", die von solchen Trotzkisten unterschrieben ist wie Pjatakow, Preobraschenski, Serebrjakow und andere und in der direkt davon gesprochen wird, daß das Regime, das in der Partei nach dem X. Parteitag festgelegt wurde, sich überlebt habe und für die Partei unerträglich geworden sei. Sie forderten die Zulassung von fraktionellen Gruppierungen in der Partei und die Aufhebung des entsprechenden Beschlusses des X Parteitages ... Ich behaupte, daß der gegenwärtige Kampf des Genossen Trotzki gegen das Regime in unserer Parte: eine Fortsetzung jenes antileninistischen Kampfes ist, von dem ich eben sprach...
Was bedeutet es denn, das Bestehen illegaler Druckereien aller und jeglicher Gruppierungen in der Partei zuzulassend Das bedeutet, das Bestehen einiger Zentren in der Partei zuzulassen, die ihre „Programme", ihre „Plattform", ihre „Linien" haben. Was bleibt dann übrig von der eisernen Disziplin in unserer Partei, die Lenin als die Grundlage der Diktatur des Proletariats betrachtete? Ist eine solche Disziplin möglich ohne ein einheitliches und einziges leitendes Zentrum? Versteht Genosse Trotzki, in welchen Sumpf er gerät, wenn er das Recht der oppositionellen Gruppierungen auf Organisierung illegaler parteifeindlicher Druckereien verteidigt?"
Obwohl Trotzki nur sehr kurze Zeit Mitglied der Bolschewistischen Partei war, hat er in seinem Tun zum Ausdruck gebracht: „Ich bin die Partei!" Und wenn die Partei nicht nach seinen Wünschen handelte, griff er sie und vor allem die Repräsentanten der Partei an. Früher Lenin, später Stalin. Fielen die Beschlüsse der Partei gegen ihn aus, nannte er diese Beschlüsse reaktionär, Und als „echter Revolutionär" nahm er sich das selbstverständliche Recht, die „reaktionären" Mehrheitsbeschlüsse abzulehnen und nach seiner eigenen persönlichen Erkenntnis zu handeln (die er mit der Meeresluft eingeatmet hatte). War in demokratischen Parteientscheidungen die Parteimitgliedschaft ganz eindeutig gegen seine Politik, so waren die Parteimitglieder willenloses Stimmvieh, das nach Belieben kommandiert werden konnte. In seinem Schlußwort auf dem Plenum des ZK am 5. März 1937 erinnerte Stalin an das Kräfteverhältnis, das bei einer Abstimmung innerhalb der Partei im Jahre 1927 festgestellt wurde:
„An und für sich waren die Trotzkisten in unserer Partei niemals eine große Kraft. Erinnert Euch der letzten Diskussionen in unserer Partei im Jahre 1927. Das war ein richtiges Parteireferendum. Von 854.000 Parteimitgliedern stimmten damals 730.000 Parteimitglieder ab. Davon stimmten für die Bolschewiki, für das Zentralkomitee der Partei, gegen die Trotzkisten 724.000 Parteimitglieder, für die Trotzkisten 4000, das heißt ungefähr ein halbes Prozent, und 2600 haben sich der Stimme enthalten. An der Abstimmung nicht teilgenommen haben 123.000 Parteimitglieder. Sie haben entweder deshalb nicht teilgenommen, weil sie auf Reisen waren oder deshalb, weil sie Schicht arbeiteten. Wenn man zu den 4000, die für die Trotzkisten gestimmt haben, alle jene hinzuzählt, die sich der Stimme enthalten haben — in der Annahme, daß sie gleichfalls mit den Trotzkisten sympathisierten — und wenn man zu dieser Summe nicht ein halbes Prozent derjenigen hinzuzählt, die an der Abstimmung nicht teilgenommen haben, wie man das richtigerweise tun müßte, sondern fünf Prozent derjenigen, die an den Wahlen nicht teilgenommen haben, — d.h. ungefähr 6000 Parteimitglieder — so ergeben sich ungefähr 12.000 Parteimitglieder, die so oder anders mit den Trotzkisten sympathisiert haben. Da habt Ihr die ganze Kraft der Herren Trotzkisten. Fügt den Umstand hinzu, daß viele davon vom Trotzkismus enttäuscht und sich von ihm abgewandt haben, und Ihr bekommt eine Vorstellung von der Geringfügigkeit der trotzkistischen Kräfte. Und wenn die trotzkistischen Schädlinge trotzdem unweit unserer Partei noch irgendwo Reserven haben, so deshalb, weil die unrichtige Politik einiger unserer Genossen in der Frage des Ausschlusses aus der Partei und der Wiederherstellung der Ausgeschlossenen, das seelenlose Verhalten einiger unserer Genossen gegenüber dem Schicksal der einzelnen Parteimitglieder und der einzelnen Funktionäre künstlich eine Anzahl Unzufriedener und Erbitterter züchtet und den Trotzkisten auf diese Weise Reserven schafft." Die These von der Entartung der Partei hat Trotzki schon in der ersten Zeit seiner Opposition in der Sowjetunion vertreten. Stalin hat ihm bereits damals (in einem Referat auf dem 7. Plenum des ZKs im Dezember 1926) entgegengehalten, „die Verneinung der Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus führt zur Perspektive der Entartung der Partei, die Perspektive der Entartung der Partei aber führt ihrerseits zum Aufgeben der Macht und zur Frage der Bildung einer neuen Partei ...", und eine neue Partei wird „den Weg für den sich restaurierenden Kapitalismus frei machen."
Trotzki ist folgerichtig diesen Weg gegangen. Von der Opposition innerhalb der Partei, zur Bekämpfung der „entarteten" Partei, von dort zur Gründung einer neuen Partei, die im Lande der Diktatur des Proletariats zwangsläufig eine konterrevolutionäre werden mußte. Der Weg, den der Trotzkismus nach Trotzkis offener Kriegserklärung gegen die leninistische Partei ging, wird ausführlich in all seinen Etappen im VI. Teil dieses Buches dargelegt. Als schon einmal in der Geschichte Ultralinke die Absicht hatten, in der Sowjetunion eine neue Partei, eine IV. Internationale zu gründen, schrieb Trotzki (damals noch in der Führung der Bolschewistischen Partei) in einer 1921 erschienenen Schrift „Die neue Etappe" (Seite 80):
„Wenn aber diese sektiererische Spaltung eintreten sollte, werden wir in der nächsten Zeit nicht nur zur rechten Hand eine Internationale 2 ½ haben, sondern auch von links eine Internationale Nr. 4, wo Subjektivismus, Hysterie, Abenteuerlust und revolutionäre Phrase in vollendeter Gestalt vertreten sein werden.“
Trotzki selbst hat dann diese IV. Internationale begründet, und sie hat in der Tat alle Eigenschaften, die er ihr vorausgesagt hat. Diese Eigenschaften, Subjektivismus, Hysterie und Abenteuerlust, haben Trotzkis IV. Internationale zum offenen Feind der Sowjetunion, zum Feind der geschlossenen Aktion der Weltarbeiterklasse und zum Helfershelfer der Konterrevolution und des Faschismus gemacht.

 

Zum Inhaltsverzeichnis

 


 

DER ENTSCHEIDENDE GEGENSATZ

 

DER KAMPF UM DEN AUFBAU DES SOZIALISMUS IN DER SOWJETUNION

Der Kampf um die Theorie des Sozialismus in einem Lande hat zum endgültigen Bruch Trotzkis mit der Bolschewistischen Partei geführt. Der entscheidende Konflikt erwuchs aus den seit dem Jahre 1903 ununterbrochen fortwirkenden theoretischen, organisatorischen und politischen Gegensätzen zwischen Lenin und Trotzki, insbesondere aus dem alten Streit zwischen Leninismus und Trotzkismus über Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Die theoretischen und politischen Prinzipien Trotzkis standen in unlösbarem Widerspruch zum Leninismus. Sie mußten — wenn sie von Trotzki nach dem Siege der proletarischen Revolution konsequent weiter vertreten wurden — unvermeidlich zu den schärfsten Zusammenstößen mit der Bolschewistischen Partei führen. Nachdem im harten Bürgerkrieg die alten Gewalten vernichtend geschlagen waren, wurde Lenins Theorie von der ununterbrochenen Fortführung der siegreichen Revolution in einem Lande bis zum Siege des sozialistischen Aufbaus aus einem abstrakten theoretischen Problem zu der aktuellen, realen Tagesaufgabe. Jetzt mußte entschieden werden: wird die eroberte politische Macht planmäßig und mächtig eingesetzt, um die Fundamente der Klassengesellschaft restlos zu zerschlagen und eine neue sozialistische Ordnung aufzubauen, oder muß die Erfüllung dieser schwierigen Aufgabe bis zum Siege der Weltrevolution zurückgestellt werden. Soll die Sowjetunion in der Hoffnung auf den baldigen Sieg der Weltrevolution untätig warten, bis die proletarische Revolution in den anderen Ländern gesiegt hat, oder soll sie nicht vielmehr versuchen, durch den Sieg des sozialistischen Aufbaus in ihrem Lande günstigere Voraussetzungen für die proletarische Revolution in den anderen Ländern und für den endgültigen Sieg des Sozialismus zu schaffen?
Da es bei dieser Entscheidung um die praktische Durchführung einer Aufgabe ging, von deren Lösung das Schicksal der Sowjetunion abhing, hatten die Auseinandersetzungen um den einzuschlagenden Weg zwangsläufig eine viel größere Bedeutung als die früher nur theoretischen Diskussionen. Die logische Folge davon war, daß gegen die Opposition, die in der viel schwierigeren Situation die Aktionseinheit der herrschenden Partei zu stören versuchte, zu schärferen Maßnahmen gegriffen werden mußte.
Im Kampf um den sozialistischen Aufbau im Lande der siegreichen proletarischen Revolution wurde das Schicksal der Sowjetunion und darüber hinaus die weitere Entwicklung des Sozialismus in der ganzen Welt entschieden. Die Entscheidung fiel nicht durch das Diktat eines Mannes, sie wurde nach einem gründlichen demokratischen Meinungsaustausch durch eindeutige Beschlüsse der überwiegenden Mehrheit der Bolschewistischen Partei herbeigeführt. Ausgelöst wurde der innerparteiliche Kampf durch das Auftreten Trotzkis. Dieser vertrat in der Situation, in der die Fortführung der russischen Revolution zum Sozialismus die aktuellste Tagesaufgabe geworden war, mit besonderer Energie seinen alten theoretischen Standpunkt von der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Lande. Über seine These wurde in der russischen Arbeiterbewegung wahrlich nicht nur kurze Zeit, sondern viele Jahre sehr ausführlich diskutiert. Den Höhepunkt erreichte diese Diskussion in den Jahren 1924 und 1925; einen gewissen Abschluß fand sie durch den Beschluß des XIV. Parteitages (Ende 1925), in dem es u. a. heißt:
„Der Kampf für den Sieg des sozialistischen Aufbaus ist die Tagesaufgabe der Partei. Eine der unerläßlichsten Bedingungen zur Lösung dieser Aufgabe ist die Bekämpfung des Unglaubens an den Aufbau des Sozialismus in unserem Lande."
Vor der Entscheidung auf dem XIV. Parteitag haben die Vernemer der Theorie des Sozialismus in einem Lande in ausgiebiger Weise ihren Standpunkt vertreten können. Das Für und Wider ist auf breitester Grundlage diskutiert worden. Dem Parteitag selbst lag eine ausführliche schriftliche Plattform der Opposition vor, die vor den Parteitagsdelegierten in einem Korreferat Sinowjews begründet wurde. Eine Diskussion kann nur dann fruchtbar sein und zu praktischen Ergebnissen führen, wenn sie nach einer gewissen Zeit durch Mehrheitsbeschluß beendet wird. Demokratie heißt nicht, endlos zu diskutieren, sondern nach der Mehrheitsentscheidung zu handeln. Demokratische Beschlüsse jedoch können nur dann erfolgreich durchgeführt werden, wenn die Minderheit die gefaßten Beschlüsse anerkennt und positiv an ihrer Verwirklichung mitwirkt. Trotzki aber hat nach den ganz eindeutigen Beschlüssen des XIV. Parteitages weiter seine These von der Unmöglichkeit des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion vertreten. Er hat die Aktionseinheit der Partei in der schwierigsten Situation gestört, hat dadurch die Verschärfung des Konfliktes heraufbeschworen und schließlich den Bruch erzwungen.
Angesichts der gewaltigen Aufgabe, die nach dem Mehrheitsbeschluß des XIV. Parteitages in Angriff genommen werden sollte, war es das Recht und die Pflicht der Bolschewistischen Partei und der Staatsmacht in der UdSSR, jeden Störungsversuch zu verhindern. Aufbau des Sozialismus in dem rückständigen Rußland inmitten der kapitalistischen Umwelt: das erschien 1925 noch als eine unlösbare Aufgabe. Sollte sie trotzdem bewältigt werden, dann mußte der geschlossene Einsatz aller Kräfte erreicht, mußten alle Hindernisse, gleichgültig von wem und aus welchen Motiven sie errichtet wurden, beseitigt werden. Aus der Größe der in Angriff genommenen Aufgabe ergab sich die Schärfe der Meinungsverschiedenheiten und die Härte gegen diejenigen, die nach der Entscheidung des Parteitages sich dem Mehrheitsbeschluß nicht fügten und die Aktionseinheit störten. In seinem Kampf gegen die Bolschewistische Partei ist Trotzki unterlegen. Im demokratischen Meinungsaustausch war die überwiegende Mehrheit der Partei gegen seinen Standpunkt, und die Ergebnisse des sozialistischen Aufbaus haben später eindeutig die Richtigkeit der Entscheidung des XIV. Parteitages bestätigt. Formal und in der Sache war Trotzki im Unrecht und die Bolschewistische Partei im Recht. Wie war die internationale Situation Ende 1925, als der XIV. Parteitag der Bolschewiki den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion zur Tagesaufgabe der Partei erklärte?
Die Hoffnung des russischen Proletariats auf die unmittelbare Unterstützung durch die Weltrevolution war nicht in Erfüllung gegangen. Die proletarische Revolution hatte in keinem anderen Lande der Welt gesiegt. In den kapitalistischen Ländern, und selbst in Deutschland, wo nach der militärischen Niederlage das Kaiserreich zusammenbrach, war die revolutionäre Bewegung zurückgeschlagen und die kapitalistischen und konterrevolutionären Kräfte stabilisierten sich. Die mittel- und westeuropäische Arbeiterbewegung, die schon vor 1914 zahlenmäßig stark war und die viel mächtiger erschien, als die unter dem Zarismus illegal wirkende russische revolutionäre Bewegung, vermochte die nach der Kriegskatastrophe vorhandene revolutionäre Situation nicht auszunützen. Ihr fehlten Zielklarheit, Festigkeit, Geschlossenheit und der revolutionäre Wille zum Umsturz. Der Reformismus hemmte ihre Kraftentfaltung.
Es mußte mit einer längeren Spanne Zeit bis zum Siege des Proletariats in den anderen Ländern gerechnet werden. Wenn die siegreiche russische Revolution in dieser Zeit nicht untätig, passiv sein und absterben wollte, mußte sie den sozialistischen Aufbau beginnen. Der Kampf um den Sozialismus in einem Lande. wurde durch das Ausbleiben der Weltrevolution erzwungen.

DIE LENINISTISCHE THEORIE DES SOZIALISMUS IN EINEM LANDE

Lenin ist die unbestrittene Autorität aller Kommunisten in der Welt. Bei allen Meinungsverschiedenheiten im kommunistischen Lager versuchen die streitenden Parteien Lenin als Kronzeugen für die Richtigkeit ihrer Auffassung ins Feld zu führen. Es ist darum kein Wunder, daß Trotzki immer wieder zu beweisen versucht, daß er in all seinen Konflikten mit der Bolschewistischen Partei allein den einzig wahren leninistischen Standpunkt vertrete. Trotzki behauptet, daß die Theorie des Sozialismus in einem Lande erst von Stalin nach Lenins Tode erfunden wurde, Trotzki sei in der entscheidenden Streitfrage der einzige wahre Verfechter des Leninismus. In der „Oktoberrevolution" (Seite 708) schrieb er:
„...Mochten wir noch einmal daran erinnern, daß in den Jahren 1904/1905 keiner von den russischen Marxisten den Gedanken an die Möglichkeit des Aufbaus der sozialistischen Gesellschaft in einem Lande überhaupt, und in Rußland im besonderen, verteidigte und aufstellte. Diese Konzeption wurde zum ersten Male in der Presse vertreten, etwa zwanzig Jahre später, im Herbst 1924." Trotzki behauptet also, daß in der russischen Arbeiterbewegung früher niemals von der Möglichkeit des sozialistischen Aufbaus in einem Lande gesprochen wurde, daß dieses Problem bis zum Herbst 1924 überhaupt nicht existierte. Dieselbe Behauptung ist auch in anderen Schriften und Reden Trotzkis des öfteren anzutreffen. Trotzkis Absicht ist klar. Er will den Eindruck erwecken, daß Lenin nichts mit der Theorie des Sozialismus in einem Lande zu tun gehabt, daß dieser universelle Geist sich mit der „völlig abwegigen“ Frage überhaupt nicht beschäftigt habe.
Diese Darstellung Trotzkis ist unwahr. Lenin war der erste russische Marxist, der ganz klar und eindeutig die Möglichkeit des sozialistischen Aufbaus in einem Lande bejahte, und niemand anders als Trotzki selbst hat damals gegen Lenins Auffassung polemisiert. Das war im Jahre 1915. Am 23. August dieses Jahres veröffentlichte Lenin im „Sozialdemokrat" — dem damals in der Schweiz erscheinenden Zentralorgan der Bolschewiki — einen gegen Trotzki gerichteten Artikel „Über die Losung der Vereinigten Staaten Europas". Darin schrieb Lenin (Siehe „Gegen den Strom", Seite 126):
„Als selbständige Losung wäre jedoch die Losung: Vereinigte Staaten der Welt kaum richtig; denn 1. verschmilzt sie mit dem Sozialismus und 2. deshalb, weil sie eine irrtümliche Auffassung über die Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande und über das Verhältnis eines solchen Landes zu den übrigen Ländern hervorrufen würde. Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unleugbares Gesetz des Kapitalismus.
Daraus folgt, daß ein Sieg des Sozialismus zuerst in wenigen oder sogar in einem einzigen Lande möglich Ist." Lenin erklärt aus der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der einzelnen Länder die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem einzelnen Lande. Als die Aufgabe des Proletariats in dem Lande, in dem es die politische Macht erobert hat, bezeichnet Lenin die Expropriierung der Kapitalisten und die Organisierung der sozialistischen Produktion. Lenin vertrat also schon 1915 unzweideutig die Theorie des Sozialismus in einem Lande, er bezeichnet es als ganz selbstverständlich, daß die eroberte politische Macht in einem Lande für die Organisierung der sozialistischen Produktion, für den Aufbau des Sozialismus eingesetzt werden muß. Nur dadurch — sagte Lenin — könne die revolutionäre Entwicklung und auch der Sieg des Sozialismus in den anderen Ländern wirksam unterstützt werden. Stalin schlußfolgerte in den „Problemen des Leninismus" aus dem vorstehend angeführten Zitat Lenins, daß „das Land der proletarischen Diktatur, von kapitalistischen Ländern umgeben, demnach nicht nur imstande ist, die inneren Widersprüche zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft aus eigenen Kräften aufzuheben, sondern es kann und soll auch den Sozialismus aufbauen, eine sozialistische Wirtschaft bei sich organisieren und eine bewaffnete Macht aufstellen..."
Stalin bezeichnet das als die Hauptthese des Leninismus über den Sieg des Sozialismus in einem Lande. Derselbe Trotzki, der später behauptet, daß vor dem Herbst 1924 niemand in der russischen Arbeiterbewegung die Möglichkeit des sozialistischen Aufbaus in einem Lande diskutiert habe, polemisierte schon 1915 gegen Lenins Artikel in „Nasch Golos":
„Die einzige einigermaßen konkrete Erwägung gegen die Losung der Vereinigten Staaten wurde im schweizerischen ,Sozialdemokrat' in folgendem Satz formuliert: ,Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus'. Daraus zog der ,Sozialdemokrat' den Schluß, daß der Sieg des Sozialismus auch in einem einzigen Lande möglich sei und daß es deshalb nicht notwendig sei, die Diktatur des Proletariats in jedem einzelnen Staate von der Errichtung der Vereinigten Staaten von Europa abhängig zu machen. Daß die kapitalistische Entwicklung der verschiedenen Länder ungleichmäßig ist, ist unbestreitbar. Aber diese Ungleichmäßigkeit selbst ist sehr ungleichmäßig. Das kapitalistische Niveau Englands, Österreichs, Deutschlands oder Frankreichs ist nicht dasselbe. Aber im Vergleich zu Afrika und Asien stellen alle diese Länder das kapitalistische ,Europa' dar, das für die soziale Revolution reif ist. Daß kein anderes Land in seinem Kampfe auf die anderen ,warten' soll, ist ein elementarer Gedanke, den zu wiederholen nützlich und notwendig ist, damit nicht anstelle der Idee der parallelen internationalen Aktion die Idee der abwartenden internationalen Untätigkeit unterschoben wird. Ohne auf die anderen zu warten, beginnen und setzen wir den Kampf auf nationalem Boden fort, in der vollen Überzeugung, daß unsere Initiative dem Kampf in den anderen Ländern einen Anstoß geben wird; wenn das aber nicht geschehen sollte, dann wäre es hoffnungslos, zu glauben — dafür zeugen sowohl die geschichtliche Erfahrung wie theoretische Erwägungen — daß z.B. das revolutionäre Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten oder ein sozialistisches Deutschland Isoliert in der kapitalistischen Welt bestehen könnte."
Diese Gegenüberstellung der Artikel Lenins und Trotzkis aus dem Jahre 1915 beweist, daß die Theorie des Sozialismus in einem Lande nicht erst nach Lenins Tode von Stalin „erfunden" wurde. Aus dieser Gegenüberstellung wird aber auch der sachliche Gegensatz klar, der zwischen Lenin und Trotzki in dieser entscheidenden Frage bestand. Es gibt außerdem noch viele Äußerungen Lenins, die Trotzkis Behauptung widerlegen. Trotzki selbst berichtet an anderer Stelle noch viel deutlicher, wie intensiv Lenin sich 1918 für den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion einsetzte („Über Lenin", Seite 119, 120):
„In den Thesen Lenins über den Frieden, die Anfang Januar 1918 geschrieben wurden, heißt es: ,Für den Erfolg des Sozialismus in Rußland ist eine gewisse Zwischenfrist von mindestens einigen Monaten' erforderlich. Jetzt muten einen diese Worte ganz unverständlich an: ist es nicht ein Schreibfehler, sind hier nicht einige Jahre oder Jahrzehnte gemeint? Aber nein, es ist kein Schreibfehler. Man könnte wahrscheinlich eine Reihe anderer Aussprüche Lenins in der gleichen Art finden. Ich erinnere mich sehr gut, wie Iljitsch in der ersten Periode auf den Sitzungen des Rats der Volkskommissare im Smolnij ständig wiederholte, binnen einem halben Jahre würde bei uns der Sozialismus herrschen und wir seien dann der mächtigste Staat überhaupt. Die linken Sozialrevolutionäre, und nicht nur sie allein, hoben fragend und befremdet den Kopf, schauten einander an, aber schwiegen. Es war dies ein System des Eintrichterns. Lenin wollte allen beibringen, von nun an sämtliche Fragen im Rahmen des sozialistischen Aufbaus zu behandeln, und zwar nicht in der Perspektive des ,Endziels', sondern des heutigen und morgigen Tages. Er griff bei dieser schroffen Umstellung zu der ihm so eigentümlichen Methode, das Extrem zu betonen: gestern sagten wir, der Sozialismus ist das ,Endziel'; aber heute heißt es so denken, daß die Herrschaft des Sozialismus binnen wenigen Monaten gewährleistet wird. Das heißt also, es wäre nur eine pädagogische Methode gewesen? Nein, nicht nur. Zu der pädagogischen Energie muß man noch etwas hinzufügen: den mächtigen Idealismus Lenins, seine angespannte Willenskraft, die bei dem jähen Umschwung zweier Epochen die Etappen verkürzte und die Termine zusammenrückte. Er glaubte an das, was er sagte. Und diese phantastische Halbjahrsfrist zur Verwirklichung des Sozialismus stellt ebenso eine Funktion des Leninschen Geistes dar, als sein realistisches Herantreten an jede Aufgabe des heutigen Tages. Die tiefe und unbeugsame Überzeugung an die gewaltigen Möglichkeiten der menschlichen Entwicklung, für die man jeden beliebigen Preis an Opfern und Leiden bezahlen könne und müsse, bildete stets die Hauptsprungfeder in Lenins geistiger Struktur." Trotzki erklärt, warum Lenin absichtlich eine „phantastische" kurze Zeit für den Sieg des Sozialismus in Rußland wählte. Das Entscheidende dabei aber ist: Trotzki gibt hier zu, daß Lenin unmittelbar nach der Oktoberrevolution — im Frühjahr 1918 - die sofortige Inangriffnahme des sozialistischen Aufbaus propagierte, damals schon den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion als die Tagesaufgabe der Partei bezeichnete.
Im Sinne der Auffassungen, die Lenin unmittelbar nach der Oktoberrevolution bei jeder Gelegenheit entschieden vertrat, wird schließlich ja auch in der ersten leninschen Verfassung, die Mitte 1918 vom V. Rätekongreß der RSFSR beschlossen wurde, gesagt, daß die grundlegende Aufgabe der Verfassung:
„in der Errichtung der Diktatur des städtischen und ländlichen Proletariats sowie der Armbauernschaft in der Form einer kraftvollen allrussischen Sowjetmacht besteht, zwecks restloser Unterdrückung der Bourgeoisie, Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und Einführung des Sozialismus, unter welchem es weder eine Scheidung in Klassen noch eine Staatsgewalt geben wird. Das ist ein deutliches Bekenntnis für die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft in dem Lande, in dem die proletarische Revolution eben den ersten entscheidenden Sieg errungen hat. Später (im April 1921) hat Lenin (in „Die Vorbedingungen und die Bedeutung der neuen Politik Sowjetrußlands") die Verfassung folgendermaßen kommentiert:
„Kein Kommunist hat, glaube ich, ferner bestritten, daß der Ausdruck ,Sozialistische Räterepublik' die Entschlossenheit der Rätemacht bedeutet, den Übergang zum Sozialismus zu verwirklichen.“
Am 14. Mai 1918 sagte Lenin in einer Rede über die internationale Lage:
„Ich weiß, daß es spitzfindige Leute gibt, die sich für sehr klug halten und die sich sogar Sozialisten nennen, die behaupten, daß man die Macht nicht hätte ergreifen sollen, solange die Revolution in allen Ländern nicht ausgebrochen ist. Sie ahnen es nicht, daß sie durch solche Reden von der Revolution abrücken und auf die Seite der Bourgeoisie übergehen. Warten, bis die werktätigen Massen die Revolution im internationalen Maßstabe vollbringen, heißt, daß alle in Erwartung erstarren sollen. Das ist Unsinn." Lenins Äußerung richtet sich ganz offensichtlich gegen Trotzkis Theorie von der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Lande, gegen die These, daß der sozialistische Aufbau in der Sowjetunion erst nach dem Siege der Weltrevolution möglich ist. Im Jahre 1919 schrieb Lenin in dem Aufsatz „Ökonomie und Politik in der Epoche der Diktatur des Proletariats" (Lenin ausgewählte Werke, Band VIII, Seite 6/7):
„Darum bleibt, wie die Bourgeoisie aller Länder und ihre offenen und versteckten Helfershelfer (die ,Sozialisten' der II. Internationale) auch lügen und uns verleumden mögen, eines zweifellos: vom Standpunkt des wirtschaftlichen Hauptproblems ist der Diktatur des Proletariats bei uns der Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus gesichert. Die Bourgeoisie der ganzen Welt tobt und wütet ja gerade deshalb gegen den Bolschewismus, organisiert militärische Invasionen, Verschwörungen u.ä. gegen die Bolschewiki, weil sie sehr wohl versteht, daß unser Sieg beim Umbau der gesellschaftlichen Wirtschaft unvermeidlich ist, wenn man uns nicht durch militärische Kraft erdrückt .... uns aber auf diese Weise zu erdrücken, wird ihr nicht gelingen!" Auch in diesem Artikel spricht Lenin wieder von dem Aufbau der sozialistischen Wirtschaft in der noch von kapitalistischen Ländern umgebenen Sowjetunion. Lenin hat also zu allen Zeiten die Möglichkeit des sozialistischen Aufbaus in einem Lande bejaht. Den Sieg des Sozialismus in Rußland hielt er für möglich, wenn durch, ein festes Bündnis der Arbeiter mit den Bauern diese für die aktive Mitarbeit am sozialistischen Aufbau gewonnen werden und wenn das rückständige agrarische Rußland in ein fortgeschrittenes Land mit starker Industrie umgestaltet wird. Auf dem VIII. Rätekongreß (im Jahre 1920) sagte Lenin:
„Vor uns liegt ein auf mindestens 10 Jahre berechnetes Programm, das beweist, wie Rußland eine wirkliche kommunistische Wirtschaftsbasis erreichen kann." Aus dieser Formulierung wird eindeutig erkennbar, daß Lenin die Schaffung der „kommunistischen Wirtschaftsbasis", den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion nicht nur wollte, sondern auch für möglich hielt. „Wir haben an der Kriegsfront erfolgreich gekämpft und gesiegt", fuhr Lenin in der zitierten Rede fort, und er zog daraus die Schlußfolgerung, daß der Sieg auch im Kampf um den sozialistischen Aufbau errungen werden kann. Schließlich sagte Lenin in der gleichen Rede:
„Kommunismus ist: Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes. Sonst bleibt das Land ein kleinbürgerliches Land, und es ist notwendig, daß wir dessen bewußt werden. Wir sind schwächer als der Kapitalismus, nicht nur im Weltmaßstabe, sondern auch innerhalb des Landes, das weiß Jedermann. Wir haben das erkannt und wir werden es soweit bringen, daß die wirtschaftliche Basis sich aus einer kleinbäuerlichen in eine große industrielle verwandelt. Erst wenn das Land elektrifiziert sein wird, wenn die Industrie, die Landwirtschaft und der Transport auf der technischen Basis der modernen Großindustrie beruhen werden — erst dann wird unser Sieg ein endgültiger sein."
Lenins Parole, daß Kommunismus Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes sei, ist zum geflügelten Wort in der Sowjetunion geworden. In „Die Vorbedingungen und die Bedeutung der neuen Politik Sowjetrußlands" sagte Lenin am 21. April 1921:
„Ist die Verwirklichung eines unmittelbaren Übergangs von diesem in Rußland vorherrschenden Zustand zum Sozialismus denkbar? Bis zu einem gewissen Grade ja, aber nur unter einer Bedingung, die wir jetzt dank einer gewaltigen und nunmehr abgeschlossen vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit genau kennen. Diese Vorbedingung ist die Elektrifizierung. Wenn wir Dutzende von Überlandzentralen erbaut haben werden (wir wissen jetzt, wie und wo wir sie bauen können und müssen), wenn wir elektrischen Strom nach allen Dörfern leiten, wenn wir eine genügende Menge Elektromotoren und sonstige Maschinen beschafft haben werden, wird es keiner Übergangsstufen, keiner Verbindungsglieder vom patriarchalischen Verhältnis zum Sozialismus mehr bedürfen. Wir wissen aber genau, daß diese eine Vorbedingung zum mindesten 10 Jahre zur Ausführung allein der Arbeiten erster Ordnung benötigt, und daß eine Abkürzung dieser Frist wiederum nur denkbar ist im Falle eines Sieges der proletarischen Revolution in solchen Ländern wie England, Deutschland und Amerika."
Hier betont Lenin wiederum, daß der Übergang zum Sozialismus in der Sowjetunion möglich ist, auch wenn die Revolution in anderen Ländern noch nicht gesiegt hat, deren Sieg jedoch kann den Aufbau beschleunigen, kann die Zeit der Aufbauperiode verkürzen. Noch vor der Oktoberrevolution hat Lenin die wirtschaftliche Aufgabe der proletarischen Diktatur folgendermaßen charakterisiert:
„Entweder zugrunde gehen oder die fortgeschrittenen Länder einholen und sie auch wirtschaftlich überholen ... Untergehen oder mit Volldampf vorausstreben. So ist die Frage von der Geschichte gestellt."
Vorwärtsstreben, den Untergang vermeiden, das heißt, die Umwandlung Rußlands aus einem rückständigen zu einem hochentwickelten Lande zu vollziehen. Gelingt das, so ist die erste entscheidende Voraussetzung für den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion geschaffen. Trotzki äußert in der 1931 geschriebenen Broschüre „Probleme der Entwicklung der USSR" die vollkommen entgegengesetzte Meinung. Er schreibt dort (Seite 31):
„Der Sturz der Weltbourgeoisie im revolutionären Kampf ist eine viel realere und unmittelbarere Aufgabe, als die Weltwirtschaft ,einzuholen und zu überholen'." Den Sturz der Weltbourgeoisie im „revolutionären Kampfe“ herbeizuführen, das ist, abstrakt gefordert, eine leere Deklamation. Das von Lenin empfohlene wirtschaftliche Einholen und Überholen der kapitalistischen Länder — gegen das sich Trotzki ausspricht — bewahrt dagegen die Sowjetunion vor dem Untergang und gibt ihr die materielle Kraft, tatsächlich „realer und unmittelbarer" für den Sturz der Weltbourgeoisie zu wirken.
Als die zweite Schwierigkeit für den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion bezeichnete Lenin die Widersprüche zwischen Arbeitern und Bauern. Es gab besonders auch in der Zeit des Kriegskommunismus Differenzen zwischen den beiden Klassen, aber Lenin vertrat in jeder Situation die Auffassung, daß es möglich sei, mit den im Innern des Landes vorhandenen Kräften auch die zweite Schwierigkeit zu losen und eine „richtige Regelung der Beziehungen" zwischen Arbeitern und Bauern zu erreichen. In der Broschüre „Über die Naturalsteuer" (1921) und in den zur gleichen Zeit gehaltenen Reden zu diesem Thema hat Lenin wiederholt zum Ausdruck gebracht, daß eine längere Zeit der richtigen Beziehungen der russischen Arbeiterklasse zur Bauernschaft den Sieg im Weltmaßstabe sichern werde.
Am 20. November 1922 sagte Lenin in einer Rede in der Plenarsitzung des Moskauer Sowjets:
„Der Sozialismus ist jetzt schon nicht mehr eine Frage der fernen Zukunft oder irgend einer Abstraktion, oder eines Heiligenbildes. Von wegen der Heiligenbilder sind wir bei der alten, sehr schlechten Meinung geblieben. Wir haben den Sozialismus in das Alltagsleben hineingezogen, und hier müssen wir uns zurechtfinden. Das ist die Aufgabe unseres Tages, das ist die Aufgabe unserer Epoche. Gestattet mir, mit dem Ausdruck der Überzeugung zu schließen, daß, so schwer die Aufgabe auch sein mag, so neu sie auch im Vergleich zu unseren früheren Aufgaben ist und so viele Schwierigkeiten sie uns zu bereiten vermag — wir alle zusammen, nicht morgen, aber in einigen Jahren, diese Aufgabe lösen werden. Um jeden Preis, so daß aus dem Rußland der NEP ein sozialistisches Rußland wird."
Auch in dieser Rede wieder bezeichnet Lenin den Aufbau des Sozialismus als die Tagesaufgabe der Partei, die erfolgreich gelöst werden kann, wenn alle vorhandenen Kräfte geschlossen für ihre Erfüllung eingesetzt werden. Am 16. und 17. Januar 1923 veröffentlichte Lenin in der „Prawda" zwei Artikel „Über unsere Revolution" (anläßlich der Aufzeichnungen N. Suchanows), in denen er sich eindeutig für die Notwendigkeit und die Möglichkeit des sozialistischen Aufbaus in einem Lande ausspricht. In diesem Artikel schrieb Lenin: „...So ist ihnen beispielsweise nicht einmal der Gedanke aufgedämmert, daß Rußland, an der Grenze stehend der zivilisierten Länder und jener, die erstmalig durch diesen Krieg endgültig in die Zivilisation einbezogen wurden, d.h. der Länder des Ostens, der nichteuropäischen Länder, — daß Rußland also aus diesem Grunde gewisse Eigenarten an den Tag legen konnte und mußte, die natürlich in der allgemeinen Entwicklungslinie liegen, seine Revolution aber von sämtlichen bisherigen Revolutionen in den westeuropäischen Ländern unterscheiden und beim Übergang auf die Ostländer gewisse partielle Neuerungen mit sich bringen müssen.
Unendlich schablonenhaft ist beispielsweise das von ihnen während der Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernte und darin bestehende Argument, daß wir für den Sozialismus nicht reif seien, daß wir — wie sich verschiedene „gelehrte“ Herren von ihnen ausdrücken — keine objektiven ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus hätten. Und niemand fällt es dabei ein, sich folgende Frage zu stellen: konnte nicht ein Volk, das eine revolutionäre Situation vor sich sah, eine Situation, die sich im ersten imperialistischen Krieg herangebildet hat, konnte es sich nichts unter dem Einfluß der Ausweglosigkeit seiner Lage, in einen Kampf stürzen, der ihm zumindest einige Chancen gab zur Eroberung von nicht ganz gewöhnlichen Bedingungen für ein weiteres Wachstum der Zivilisation?
,Rußland hat jene Höhe der Entwicklung der Produktivkräfte nicht erreicht, bei der der Sozialismus möglich ist.' Mit dieser These treiben alle Helden der II. Internationale, darunter natürlich auch Suchanow, wirklich und wahrhaftig einen Kult wie mit einem Götzenbild. Diese unbestreitbare These kauen sie auf tausend verschiedene Arten wieder und meinen, daß sie für die Einschätzung unserer Revolution ausschlaggebend sei.
Nun und was dann, wenn die Eigenart der Situation Rußland erstens in den imperialistischen Weltkrieg hineingestellt hat, in den alle einigermaßen einflußreichen westeuropäischen Länder verwickelt waren, was dann, wenn seine Entwicklung es an die Grenze der beginnenden und schon begonnenen Revolutionen des Ostens in solche Bedingungen gestellt hat, wo wir eben jenes Bündnis des ,Bauernkrieges' und der Arbeiterbewegung verwirklichen konnten, über das ein solcher ,Marxist' wie Marx im Jahre 1856 im Hinblick auf Preußen als über eine mögliche Perspektive geschrieben hat?
Was dann, wenn die völlige Ausweglosigkeit der Lage, die die Kräfte der Arbeiter und Bauern verzehnfachte, uns die Möglichkeit eines andersgearteten Übergangs zur Schaffung der grundlegenden Prämissen der Zivilisation eröffnet hat, als in allen übrigen westeuropäischen Ländern? Ist dadurch die allgemeine Entwicklungslinie der Weltgeschichte verändert worden? Sind dadurch die grundlegenden Wechselbeziehungen der Hauptklassen in jedem Staate, der in den allgemeinen Lauf der Weltgeschichte einbezogen wird und wurde, geändert worden?...
...Zur Schaffung des Sozialismus bedarf es — sagen sie - der Zivilisation. Sehr gut. Nun, warum konnten wir nicht zuerst solche Voraussetzungen der Zivilisation bei uns schaffen, wie die Verjagung der Großgrundbesitzer und die Verjagung der Kapitalisten Rußlands es ist, und dann erst die Bewegung zum Sozialismus anfangen? In welchen Schmökern haben sie gelesen, daß derartige Änderungen der üblichen historischen Reihenfolge unzulässig oder unmöglich seien? ... Gegenwärtig unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß wir im wesentlichen den Sieg davongetragen haben." Hatte das rückständige zaristische Rußland noch nicht „jene Höhe der Entwicklung der Produktivkräfte ... ereicht, bei der der Sozialismus möglich ist", so ist das durchaus kein Beweis gegen den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion. So wie das russische Proletariat im Sinne der Lehre von Karl Marx die proletarische Revolution im nationalen Rahmen vor allen anderen Ländern — in denen die Voraussetzungen dafür günstiger schienen — erfolgreich durchgeführt hat, so kann es durch die Entfaltung der Produktivkräfte das alte rückständige Rußland verändern und auf jene Höhe der Entwicklung bringen, die den Sozialismus ermöglicht. Im selben Jahre (1923) schrieb Lenin in der Broschüre „Über das Genossenschaftswesen" (Ausgewählte Werke, Band IX, Seite 437):
„In der Tat, alle großen Produktionsmittel im Besitze des Staates, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen der Klein- und Zwergbauern, Sicherung der Führerstellung dieses Proletariat gegenüber der Bauernschaft usw. — ist das denn nicht alles, was man braucht, um aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als krämerisch behandelt haben, und die wir in gewisser Hinsicht jetzt unter der NEP genau so zu behandeln berechtigt sind — ist das nicht alles, was notwendig ist, um eine vollständige sozialistische Gesellschaft aufzubauen? Das ist noch nicht der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu diesem Aufbau notwendig und hinreichend ist."
Das ist Lenins konkrete Erklärung für seine Theorie des Sozialismus in einem Lande. In der Sowjetunion ist alles vorhanden, um den Wirtschaftsruin zu überwinden, um das Land rückständiger Kleinbauern zu einem fortschrittlichen Industrieland zu entwickeln, um die Gegensätze zwischen Bauern und Arbeiterschaft zu überwinden. Es sind also alle Voraussetzungen für den Aufbau des Sozialismus im Lande gegeben.
Die Theorie des Sozialismus in einem Lande ist also entgegen der Behauptung Trotzkis von Lenin selbst begründet worden. Sie ergibt sich konsequent aus Lenins revolutionärer Theorie, die im Sinne der Lehre von Marx für die Durchführung der proletarischen Revolution im nationalen Rahmen eintrat, auch wenn die Voraussetzung für die proletarische Revolution in den anderen Ländern noch nicht gegeben war. Die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat in einem Lande, das heißt nach Marx und Lenin: Kampf um die völlige Vernichtung der kapitalistischen Klassenherrschaft, Kampf um die Schaffung einer neuen „gesellschaftlichen Wirtschaft", Aufbau des Sozialismus. Trotzki kann sich in dem entscheidenden Konflikt, der zum Bruch mit der Bolschewistischen Partei geführt hat, keinesfalls auf Lenin berufen. Selbst in den Lenin-Zitaten, die Trotzki zum Beweise dafür anführt, daß Lenin gegen die Theorie des Sozialismus in einem Lande gewesen sein soll, kommt überall sehr eindeutig zum Ausdruck, daß der Erfolg der sozialistischen Revolution in der Sowjetunion der internationalen sozialistischen Revolution einen stärkeren Anstoß geben werde. Das Beispiel, der tatsächliche Nachweis der Überlegenheit des sozialistischen Wirtschaftssystems über das kapitalistische, schafft nach Lenin die bessere Möglichkeit zur Revolutionierung der Proletarier in der ganzen Welt. Wenn dieses Beispiel wirken soll, muß der sozialistische Aufbau durchgeführt, müssen die inneren Schwierigkeiten überwunden werden, die dem sozialistischen Aufbau hemmend im Wege stehen.
Im Gegensatz zu Trotzki kann die Bolschewistische Partei — wie die Stellungnahme Lenins in den verschiedenen Phasen beweist — sich bei ihrem Kampf für den Aufbau des Sozialismus in einem Lande mit vollem Recht auf Lenin berufen. Der Leninismus ist genau wie der Marxismus eine Methode: Auf Grund theoretischer Erkenntnisse die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Wirklichkeit analysieren und in der jeweiligen Situation das tun, was zur Erreichung des sozialistischen Zieles vorwärts führt. Die reale Analyse der Wirklichkeit aber ergab nach der Festigung der proletarischen Herrschaft in der Sowjetunion auf der einen und nach dem Ausbleiben der Weltrevolution auf der anderen Seite die unbedingte Notwendigkeit, das mit der Oktoberrevolution begonnene Werk fortzuführen bis zum endgültigen Siege des Sozialismus. So hat Lenin gehandelt, so hat nach seinem Tode die Bolschewistische Partei das Werk ihres Begründers fortgeführt. Und ist Stalin, wie Trotzki behauptet, der Hauptschuldige an der Theorie des Sozialismus in einem Lande, dann gebührt ihm das historische Verdienst, die siegreiche russische Revolution im Geiste Lenins einen großen Schritt vorwärts geführt zu haben. Durch den sozialistischen Aufbau ist die Sowjetunion eine gewaltige Macht geworden. Ihr Vorhandensein erleichtert den Kampf um den endgültigen Sieg des Sozialismus.

TROTZKIS THEORIE DER UNMÖGLICHKEIT DES SOZIALISMUS IN EINEM LANDE

Im steten Gegensatz zu Lenin hat Trotzki seit 1905 konsequent seine Theorie von der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Lande vertreten, die er zwangsläufig aus seiner permanenten Revolution entwickelte. Wegen der entscheidenden Bedeutung des Kampfes um den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion, und um jedem die Möglichkeit zur objektiven Urteilsbildung zu geben, ist es zweckmäßig, Trotzkis Standpunkt nicht nur zusammenfassend darzustellen, sondern ihm selbst zur Begründung seiner Position ausführlicher das Wort zu geben. Anhand von Äußerungen Trotzkis soll gezeigt werden, wie und mit welchen Argumenten er seine Ablehnung des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion begründet. Die Grundlage für Trotzkis Theorie ist bereits in seiner unmittelbar nach der Revolution 1905 erschienenen Broschüre „Unsere Revolution" enthalten. Dort ist zu lesen:
„0hne direkte staatliche Unterstützung des europäischen Proletariats wird die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein, sich an der Macht zu halten und ihre zeitweise Herrschaft in eine dauernde sozialistische Diktatur zu verwandeln. Daran kann man auch nicht einen Augenblick zweifeln."
Dieser Auffassung ist Trotzki in allen seinen Schriften unerschütterlich treu geblieben. Weiter vertrat Trotzki auf Grund seiner Theorie der permanenten Revolution bekanntlich schon seit 1905 den Standpunkt, daß das Proletariat in Rußland nach der Eroberung der politischen Macht „mit den breiten Massen des Bauerntums, mit deren Hilfe es zur Macht gekommen ist", „feindlich zusammenstoßen" müsse. Weil Trotzki die Gegnerschaft zwischen Arbeitern und Bauern als eine unvermeidliche Tatsache betrachtete, kam er zu folgender Schlußfolgerung:
„Die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande, mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung können nur im internationalen Maßstabe gelöst werden, in der Arena der proletarischen Weltrevolution." (Vorwort zu „1905", Seite 6.) Trotzki verneine besonders für das rückständige Rußland die Möglichkeit des sozialistischen Aufbaus mit den im Lande vorhandenen, menschlichen, politischen und Ökonomischen Kräften. Die Überwindung der vorhandenen Schwierigkeiten, das heißt der sozialistische Aufbau könne auch in dem Lande, in dem die proletarische Revolution gesiegt hat, erst nach dem Siege der Weltrevolution gelingen. In konsequenter Fortführung dieser Theorie schreibt Trotzki in seiner Broschüre „Programm des Friedens", die er kurz vor dem Oktober — im Juni 1917 - neu herausgab, daß ein revolutionäres Rußland sich gegenüber einem konservativen Europa nicht behaupten könne, daß der Sieg kein wirklicher sei und in ganz kurzer Zeit wieder verloren gehen müsse, wenn der russischen Revolution nicht die Revolution in den anderen Ländern unmittelbar auf dem Fuße folge. Schon damals hat Trotzki allen, die wie Lenin an die Erhaltung der siegreichen Oktoberrevolution gegen alle Widerstände und an den sozialistischen Aufbau auch dann glaubten, wenn die Weltrevolution zunächst noch ausbleibt, „nationale Beschränktheit" und „Sozialpatriotismus" vorgeworfen. Die gleichen Vorwürfe hat er dann später gegen Stalin erhoben. Den Versuch, den Sozialismus in einem Lande allein aufzubauen, bezeichnet Trotzki als unmarxistisch. Der Kampf für den Sozialismus in der Sowjetunion, der ohne unmittelbare Verbindung mit dem Kampf der Arbeiter in den anderen Ländern geführt werde, widerspreche der marxistischen Grundidee. Weil die Weltwirtschaft — so argumentiert Trotzki — eine Einheit ist, so bleibe die Sowjetunion wegen der internationalen Verflechtung immer in Abhängigkeit von den kapitalistischen Ländern. Sie könne von diesen immer wieder in neue wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht werden. Darum müssen alle die Kräfte, die für den Aufbau des Sozialismus in einem Lande nutzlos vertan werden, für die Weltrevolution, für den Sieg der Revolution in allen Ländern eingesetzt werden. Das allein schaffe die Voraussetzungen für den erfolgreichen Aufbau des Sozialismus zugleich in allen Ländern, und damit auch in der Sowjetunion. Der Versuch, den Sozialismus in der Sowjetunion allein aufzubauen, müsse notwendigerweise zum Nationalsozialismus und zum Sozialpatriotismus führen, zu der Entartung der proletarischen Diktatur, die ihren Zusammenbruch und den Sieg der Konterrevolution vorbereitet.
Die Prophezeiung Trotzkis, daß die sozialistische Diktatur in Rußland ohne die unverzügliche Hilfe der Weltrevolution nicht dauerhaft sein könne, hat die Geschichte widerlegt. Seit zwei Jahrzehnten behauptet sich das revolutionäre Rußland erfolgreich gegenüber dem konservativen Europa. Trotzki aber hält unentwegt an seinem Standpunkt fest. Er versucht ihn immer wieder neu zu begründen. Im Jahre 1922 z.B. schreibt Trotzki in einem Nachwort zu dem „Programm des Friedens":
„Die im ,Programm des Friedens' sich mehrere Male wiederholende Behauptung, daß die proletarische Revolution im nationalen Rahmen nicht siegreich zu Ende geführt werden kann, wird manchem Leser vielleicht durch die fast fünfjährige Erfahrung unserer Sowjetrepublik als widerlegt erscheinen. Eine derartige Schlußfolgerung wäre aber unbegründet. Die Tatsache, daß der Arbeiterstaat sich in einem einzelnen und überdies rückständigen Lande gegen die ganze Welt behaupten konnte, zeugt von der kolossalen Macht des Proletariats, das in anderen, fortgeschritteneren, zivilisierteren Ländern fähig sein wird, wahrhafte Wunder zu vollbringen. Aber wenn wir uns politisch und militärisch als Staat behauptet haben, so sind wir doch zur Aufrichtung einer sozialistischen Gesellschaft noch nicht gekommen, ja nicht einmal an sie herangekommen .... Solange in den europäischen Staaten die Bourgeoisie an der Macht sitzt, sind wir gezwungen, im Kampf gegen die ökonomische Isolierung nach einer Verständigung mit der kapitalistischen Welt zu suchen; gleichzeitig kann mit Bestimmtheit gesagt werden, daß diese Verständigung uns bestens helfen kann, die einen oder die anderen ökonomischen Wunden zu heilen, den einen oder den anderen Schritt vorwärts zu machen, daß aber ein wirklicher Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland nur nach dem Siege des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird." 1922 verneint Trotzki kategorisch die Möglichkeit eines „wirklichen Aufschwungs der sozialistischen Wirtschaft in Rußland" ohne vorherigen Sieg des Proletariats in den wichtigsten europäischen Ländern. Fünfzehn Jahre später haben die Proletarier in den wichtigsten europäischen Ländern zwar noch immer nicht die Macht erobert, aber der gigantische Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in der Sowjetunion ist so deutlich, daß er in der ganzen Welt anerkannt werden muß, Im Jahre 1929, als die siegreiche Behauptung der proletarischen Revolution in der Sowjetunion unverkennbar war, erschien in deutscher Sprache Trotzkis Buch über „Die internationale Revolution und die Kommunistische Internationale". In diesem Buche, in dem der Verfasser sich mit dem im Jahre 1928 vom VI. Kominternkongreß angenommenen Programm der Kommunistischen Internationale auseinandersetzt, wiederholt Trotzki seine alte These. Er nennt dieses Programm das „Programm des Sozialismus in einem Lande" und die diesbezügliche Theorie eine reaktionäre und utopische, Trotzki schreibt in diesem Buche auf Seite 54 usf.:
„Die ungleichmäßige, sprunghafte Entwicklung des Kapitalismus bedingt zugleich den ungleichmäßigen, sprunghaften Charakter der sozialistischen Revolution, die überall zu verschiedenen Zeiten ausbricht. Die bis zur Höchstspannung gestiegene gegenseitige Abhängigkeit der verschiedenen Länder bedingt die Unmöglichkeit, den Sozialismus in einem Lande aufzubauen ....
Wir hatten seit Marx ständig wiederholt, daß der Kapitalismus unfähig ist, den von ihm herausgeforderten neuen Geist der Technik zu bändigen. Dieser zerstört nicht nur die reinen Rechtsgrenzen des bürgerlichen Eigentums, sondern, wie es der Krieg von 1914 uns gezeigt hat, auch die nationalen Grenzen des bürgerlichen Staates. Der Sozialismus soll nicht allein die vom Kapitalismus entwickelten Produktivkräfte übernehmen, sondern diese auch sofort über die kapitalistische Entwicklung weiter und höher hinaus- und hinaufführen. Wie soll nun aber der Sozialismus die Produktionskräfte wieder in den Rahmen des nationalen Staates zurückdrängen, welchen diese schon unter dem Kapitalismus längst gesprengt hatten? Oder sollten wir etwa auf diese ungebändigten Produktivkräfte verzichten, denen es in dem Rahmen des nationalen Staates, also auch im Rahmen der Theorie des Sozialismus, in einem Lande zu eng ist, und uns nur auf gezähmte, sozusagen Hausproduktionskräfte, also auf die Technik der wirtschaftlichen Rückständigkeit beschränken? Dann müßten wir aber nicht vorwärts gehen, sondern rückwärts. Selbst noch unter unser armseliges gegenwärtiges technisches Niveau, welches bereits das bürgerliche Rußland mit der Weltwirtschaft verbunden und zu dessen Beteiligung an dem imperialistischen Kriege geführt hatte." Die Entwicklung der letzten Jahre hat auch diese Voraussage Trotzkis widerlegt. Der Versuch, den Sozialismus in der Sowjetunion aufzubauen, hat nicht hinter das frühere technische Niveau des bürgerlichen Rußland zurückgeführt. Im Gegenteil, das technische Niveau der russischen Wirtschaft ist unvergleichlich höher als unter dem Zarismus. Trotzki setzt sich mit der Großzügigkeit eines Nichtmarxisten über eine „Kleinigkeit" hinweg: daß die Produktivkräfte im Sozialismus ganz andere Funktionen haben als im kapitalistischen Staat. Trotzki fährt (auf Seite 56 bis 61) fort:
„Wenn unter dem ,Sieg des Sozialismus' nur ein anderer Ausdruck der Diktatur des Proletariats zu verstehen wäre, dann wäre das eine unbestreitbare richtige Feststellung, die man nur hatte weniger zweideutig ausdrücken sollen. Doch die Verfasser meinen anders. Unter dem Sieg des Sozialismus verstehen sie nicht die Eroberung der Macht und die Verstaatlichung der Produktionsmittel, sondern den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in einem Lande, Wenn man diese Auslegung annehmen würde, so würden wir keine sozialistische Wirtschaft bekommen, die auf dem Prinzip der internationalen Arbeitsteilung bestehen würde, sondern eine Föderation von selbständigen sozialistischen Gemeinden im Sinne des Anarchismus seligen Angedenkens, nur daß hier die Gemeinden zur Größe der gegenwärtigen nationalen Staaten erweitert werden....
...Wenn man aber von der neuen Theorie Stalins, Bucharins, die sich in dem Programmentwurf überall eingenistet hat, ausgehen würde, so würde man folgendes Bild bekommen: Vor dem völligen internationalen Sieg des Proletariats wird in einer ganzen Reihe von Ländern bereits der sozialistische Aufbau vollständig durchgeführt. Und erst später wird aus diesen sozialistischen Ländern die sozialistische Weltwirtschaft aufgebaut, ungefähr so, wie die Kinder aus fertigen Bauklötzern Häuser zu bauen pflegen.
In Wirklichkeit wird sich die sozialistische Weltwirtschaft niemals aus einer Summe von nationalen sozialistischen Wirtschaftssystemen zusammensetzen. Sie kann nur in ihren Grundzügen auf dem Prinzip der internationalen Arbeitsteilung entstehen, die bereits von der vorangehenden kapitalistischen Entwicklung geschaffen wurde. Die Grundzüge der sozialistischen Weltwirtschaft werden im Sturm und Gewitter der proletarischen Revolution gebaut und geschaffen werden, und nicht nach einem ,vollständigen Aufbau des Sozialismus' in einer ganzen Reihe einzelner Länder. Die wirtschaftlichen Erfolge der ersten Länder der proletarischen Diktatur werden nicht nach dem Grade der Annäherung derselben an einem ,selbständigen vollständigen Sozialismus' gemessen werden, sondern nach dem Grade der politischen Festigkeit der Diktatur selbst und der erfolgreichen Vorbereitung der Elemente der zukünftigen sozialistischen Weltwirtschaft.
.... In seinem Bestreben, die Theorie des Sozialismus in einem Lande aufzunehmen, macht der Entwurf doppelte, dreifache und vierfache Fehler. Er überschätzt das Niveau der Produktionskräfte der UdSSR. Er schließt die Augen vor dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung der verschiedenen Industriezweige. Er übersieht die internationale Arbeitsteilung. Und er verneint endlich den in der imperialistischen Epoche herrschenden Widerspruch zwischen Produktionskräften und staatlichen Grenzen." Im Gegensatz zu der Darstellung Trotzkis vertrat Marx der Standpunkt, „das Proletariat eines jeden Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden". („Kommunistisches Manifest".) Mit der Bourgeoisie fertig werden heißt an Stelle der kapitalistischen Klassenherrschaft und Wirtschaf die sozialistische Wirtschaft zu setzen. Und wenn das Proletariat mit seiner Bourgeoisie fertig geworden ist, wenn in den einzelnen Ländern „der Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt", fällt „die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander" („Kommunistisches Manifest"). Das heißt, aus einer Summe vor; nationalen sozialistischen Staaten ergibt sich erst der sozialistische Welt-Staatenbund und damit der endgültige Sieg des Sozialismus. Aber es ist ganz selbstverständlich, daß das „Fertig werden mit der Bourgeoisie" in den einzelnen Ländern untereinander verbunden ist. Auch darum braucht nach dem Siege des sozialistischen Aufbaus In der Sowjetunion keiner der kommenden proletarischen Staaten mehr vom Standpunkt des Sozialismus in einen Lande auszugehen.
Trotzki kann nicht völlig bestreiten, daß der Beweis der Überlegenheit des sozialistischen Wirtschaftssystems über das kapitalistische — der nur nach Einführung sozialistischer Wirtschaftsmethoden praktisch geführt zu werden vermag — die revolutionäre Entwicklung in den anderen Ländern fördern wird. Auf Seite 64 der oben zitierten Schrift schreibt Trotzki:
„Doch die politische Gefahr der neuen Theorie besteht in der falschen vergleichenden Wertung der beiden Hebel des internationalen Sozialismus: des Hebels unserer wirtschaftlichen Errungenschaften und des Hebels der internationalen proletarischen Revolution. Ohne eine siegreiche internationale proletarische Revolution werden wir niemals den Sozialismus aufbauen können. Das müssen die europäischen Arbeiter der ganzen Welt klar begreifen. Gewiß hat der Hebel des wirtschaftlichen Aufbaus eine ungeheure Bedeutung. Bei einer falschen Leitung desselben würde die Diktatur des Proletariats geschwächt werden. Der Fall der Diktatur würde aber für die internationale Revolution einen solchen Schlag bedeuten, von dem sie sich im Laufe einer langen Reihe von Jahren nicht erholen würde. Allein die Entscheidung des grundsätzlichen historischen Streites zwischen der sozialistischen und der kapitalistischen Welt hängt von dem zweiten Hebel ab, d.h. also von der internationalen proletarischen Revolution. Die kolossale Bedeutung der Sowjetunion liegt darin, daß sie den Stützpunkt der Weltrevolution bildet, ganz unabhängig davon, ob sie imstande sein wird, den Sozialismus aufzubauen oder nicht." Aus diesen Sätzen wird die fehlerhafte trotzkistische Konzeption deutlich erkennbar. Trotzki meint, daß es vollkommen gleichgültig sei, ob die Sowjetunion den Sozialismus aufbaue oder nicht, sie sei auf alle Fälle der Stützpunkt der Weltrevolution. Das ist ein Trugschluß. Die Wirklichkeit beweist, daß es durchaus nicht gleichgültig ist, ob in der Sowjetunion der Sozialismus aufgebaut wird oder nicht. Die Sowjetunion wird nur dann Stützpunkt der Weltrevolution sein, wenn sie lebensfähig ist und wenn sie den Arbeitern in der ganzen Welt überzeugend klar machen kann, daß das sozialistische Wirtschaftssystem dem kapitalistischen überlegen ist. Lebensfähig und kräftig aber ist die Sowjetunion nur dadurch geworden, daß sie „nicht in Erwartung erstarrte", sondern den sozialistischen Aufbau vollzog. Der zweite Hebel, die internationale proletarische Revolution, kann viel wirksamer in Funktion gesetzt werden, wenn der erste Hebel, der des wirtschaftlichen Aufbaus, überzeugend funktioniert. Trotzki jedoch glaubt nicht daran, daß der Hebel der inneren wirtschaftlichen Anstrengungen den Hebel des internationalen Kampfes des Proletariats in Bewegung setzen kann. Er sagt vielmehr, daß die Voraussetzung für den wirklichen sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion der Sieg des Proletariats in den fortgeschrittenen Ländern ist. Auf Seite 67 in „Die Internationale Revolution und die Kommunistische Internationale" schreibt Trotzki dann weiter:
„Damit der Arbeiter, Landarbeiter oder der arme Bauer, der im elften Jahre nach der Revolution um sich herum nichts wie Armut, Arbeitslosigkeit, lange Brotschlangen, Analphabetentum, verwahrloste Kinder, Trunkenheit und Prostitution sieht, nicht die Hände sinken läßt, braucht man die harte Wahrheit und keine aufgeputzte Lüge. Anstatt daß man ihm vorlügt, daß wir den Sozialismus bereits zu neun Zehnteln verwirklicht haben, müßte man ihm sagen, daß wir gegenwärtig nach unserem Wirtschaftsniveau und nach unseren Daseins- und Kulturbedingungen noch viel näher zu einer kapitalistischen, dabei noch rückständigen und unzivilisierten Gesellschaft stehen, als zu einer sozialistischen Gesellschaft. Wir müssen ihnen sagen, daß wir nur dann auf den Weg eines wirklichen sozialistischen Aufbaues gelangen werden, wenn das Proletariat in den fortgeschrittenen Ländern die Macht ergreifen wird, und daß wir, ohne die Hände in den Schoß zu legen, unermüdlich daran arbeiten müssen. Und zwar müssen wir dabei mit zwei Hebeln arbeiten: sowohl mit dem kurzen Hebel unserer inneren wirtschaftlichen Anstrengungen, wie mit dem langen Hebel des internationalen Kampfes des Proletariats." Im Jahre 1928 sieht Trotzki nichts als Armut, Arbeitslosigkeit, Brotschlangen, Analphabetentum, verwahrloste Kinder usw. Das ist ihm Beweis, daß der sozialistische Aufbau nur nach der Machtergreifung des Proletariats in den fortgeschrittenen Ländern erreicht werden kann. Im Jahre 1937 haben die Proletarier noch in keinem Lande der Welt die Macht erobert. In der Sowjetunion aber sind Arbeitslosigkeit, lange Brotschlangen, verwahrloste Kinder und noch manches andere, was Trotzki 1928 als Charakteristikum für die Unmöglichkeit des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion anführt, verschwunden. Heute argumentieren nur noch die nationalsozialistischen Lügner mit dem Hunger und der Armut in der UdSSR. Alle objektiv urteilenden Menschen in der ganzen Welt müssen die gewaltigen Fortschritte des Aufbaus in diesem Lande anerkennen. Hätte die Sowjetunion trotz allen vorhandenen Schwierigkeiten nicht den ernsthaften Versuch gemacht, auch ohne den vorherigen Sieg der Weltrevolution den Sozialismus aufzubauen, dann könnte sie heute bereits nicht mehr als Stützpunkt, d.h. als Hebel für die internationale Revolution wirken. In der im Jahre 1931 in Berlin erschienenen Broschüre „Probleme der Entwicklung der UdSSR", die in ihrem Untertitel als „Plattform-Entwurf der internationalen Linksopposition zur russischen Frage" bezeichnet wird, nennt Trotzki die Bolschewiki, die am sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion arbeiten, Nationalsozialisten. In dieser Broschüre schreibt er über die „Widersprüche der Übergangsperiode" (Seite 6):
„Das kapitalistische Rußland bildete trotz seiner Rückständigkeit bereits einen untrennbaren Teil der Weltwirtschaft. Diese Abhängigkeit des Teiles vom Ganzen erbte die Sowjetrepublik von der Vergangenheit zusammen mit der geographischen, demographischen und ökonomischen Struktur des Landes. Die in den Jahren 1924 bis 1927 entstandene Theorie des selbstgenügsamen Nationalsozialismus widerspiegelte das erste, sehr niedrige Stadium der Wiederbelebung der Wirtschaft nach dem Kriege, als deren Weltbedürfnis noch keine Zeit gefunden hatte, zu erwachen. Der gegenwärtige angespannte Kampf um die Erweiterung des Sowjet-Exportes stellt eine anschauliche Widerlegung der Illusionen des Nationalsozialismus dar. Die Zahlen des Außenhandels werden immer mehr zu Kommandozahlen in Bezug auf Pläne und Tempo des sozialistischen Aufbaus. Indes beginnt das Problem des Außenhandels, oder anders gesagt, das Problem der Wechselbeziehungen zwischen Übergangs-Sowjet-Wirtschaft und Weltmarkt erst seine entscheidende Bedeutung zu offenbaren.
Akademisch läßt sich selbstverständlich innerhalb der Grenzen der UdSSR eine abgeschlossene und innerlich ausgeglichene sozialistische Wirtschaft konstruieren-, jedoch der lange historische Weg zu diesem „nationalen" Ideal würde über gigantische ökonomische Verschiebungen, soziale Erschütterungen und Krisen führen. Allein schon die Verdoppelung des heutigen Ernteertrages, d.h. seine Annäherung an den europäischen, würde die Sowjet-Wirtschaft vor die grandiose Aufgabe der Realisierung eines landwirtschaftlichen Überflusses von Aberzehnmillionen Tonnen stellen. Mit diesem, wie mit dem nicht weniger akuten Problem der zunehmenden Bevölkerung auf dem Lande fertig werden könnte man nur durch radikale Neueinteilung der gigantischen Menschenmassen auf verschiedene Wirtschaftszweige, und durch völlige Liquidierung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land. Aber diese Aufgabe — eine der grundlegenden Aufgaben des Sozialismus — würde ihrerseits eine Ausnützung des Weltmarktes in bisher ungeahntem Ausmaße erfordern."
1928 klagt Trotzki über die langen Brotschlangen, die ein Beweis für den Nahrungsmittelmangel und das Mißlingen des sozialistischen Aufbaus sind. 1931 fürchtet er die Verdoppelung des Ernteertrages der Sowjetwirtschaft, die Unmöglichkeit, den landwirtschaftlichen Überfluß von Aberzehnmillionen Tonnen zu realisieren. Trotzki fährt in der vorgenannten Broschüre fort (S. 7):
„Letzten Endes führen somit alle Widersprüche der Entwicklung der UdSSR auf den Widerspruch zwischen dem isolierten Arbeiterstaat und seiner kapitalistischen Umkreisung zurück. Die Unmöglichkeit des Aufbaus einer selbstgenügsamen sozialistischen Wirtschaft in einem Lande erzeugt die grundlegenden Widersprüche des sozialistischen Aufbaus in jedem neuen Stadium in immer größerem Maßstabe und immer bedeutenderer Tiefe. In diesem Sinne müßte die Diktatur des Proletariats in der UdSSR unvermeidlich zusammenbrechen, wäre das kapitalistische Regime in der ganzen Welt fähig, sich noch eine lange historische Epoche zu halten. Eine solche Perspektive jedoch für unvermeidlich oder auch nur für die Wahrscheinlichkeit halten können nur jene, die an die Unerschütterlichkeit des Kapitalismus oder an seine Langlebigkeit glauben. Die linke Opposition hat mit einem solchen kapitalistischen Optimismus nichts gemein. Aber ebensowenig kann sie sich mit der Theorie des Nationalsozialismus abfinden, die ein Ausdruck der Kapitulation vor dem kapitalistischen Optimismus ist." Auch hier begegnen wir der immer wiederkehrenden Prophezeiung Trozkis, daß die Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion unvermeidlich zusammenbrechen muß, wenn das kapitalistische Regime in der anderen Welt sich noch lange hält. Die Dauer der Lebensfähigkeit des kapitalistischen Regimes in der übrigen Welt jedoch wird nicht unwesentlich davon abhängen, ob durch das Gelingen des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion den Arbeitern in den anderen Ländern Rüstzeug zur Überwindung des Kapitalismus gegeben wird.
In der im Jahre 1932 in deutscher Sprache erschienenen „Oktoberrevolution" hat Trotzki in einem Anhang noch einmal ausführlich zusammenfassend seine Stellung zu dem Problem „Sozialismus in einem Lande" dargelegt. Er schreibt dort (Seite 676/706 usf.) unter anderem:
„Die Schaffung einer nationalen sozialistischen Gesellschaft, wäre ein solches Ziel überhaupt zu verwirklichen, wurde die äußerste Herabminderung der ökonomischen Macht des Menschen bedeuten; und gerade deshalb ist sie undurchführbar ... In Wirklichkeit bleibt das Wachsen der heutigen Sowjetwirtschaft ein antagonistischer Prozeß. Indem sie den Arbeiterstaat festigen, führen die ökonomischen Erfolge keinesfalls automatisch zur Schaffung einer harmonischen Gesellschaft. Im Gegenteil, sie bereiten auf einer höheren Grundlage die Zuspitzung der Widersprüche des isolierten sozialistischen Aufbaus vor. Das russische Dorf bedarf nach wie vor eines wirtschaftlichen Gesamtplanes mit der europäischen Stadt. Die internationale Arbeitsteilung steht über der Diktatur des Proletariats in einem Lande und schreibt ihr gebieterisch die weiteren Wege vor ... Der heutige Stand der Wirtschaft erlaubt es, ohne Bedenken zu sagen: Der Kapitalismus ist viel näher an die proletarische Revolution herangegangen, als die Sowjetunion an den Sozialismus...“ Die ökonomischen Erfolge des sozialistischen Aufbaus bestreitet Trotzki in der im November 1932 in Berlin herausgekommenen Broschüre „Sowjetwirtschaft in Gefahr". Dort schreibt er (Seite 22 usf.):
„Wenn das durch den ersten Fünfjahrplan beabsichtigte allgemeine wirtschaftliche Niveau anstatt in vier Jahren in sechs oder sieben erreicht worden wäre; wenn der Plan auch nur zu 50% verwirklicht worden wäre, so würde das an und für sich noch keinen Anlaß zur Sorge geben. Die Gefahr liegt nicht in der Verlangsamung des Wachstums, sondern in dem zunehmenden Mißverhältnis der verschiedenen Gebiete der Wirtschaft. Auch wenn a priori alle Bestandteile des Planes in volle Übereinstimmung gebracht worden wären, würde die Herabsetzung des die durchschnittliche Zunahme ausdrückenden Koeffizienten um 50% an sich große Schwierigkeiten zur Folge haben: an Stelle von zwei Millionen Paar Schuhe nur eine Million herzustellen, ist eines; eine Schuhfabrik nur zur Hälfte fertig bauen, das ist ein anderes. Aber die Wirklichkeit ist bei weitem verwickelter und widerspruchsvoller als unser angenommenes Beispiel. Die Disproportionen stammen noch aus der Vergangenheit. Die Programme des Plans enthalten unvermeidliche Mängel und Rechenfehler. Die Nichterfüllung des Plans vollzieht sich unter dem Einfluß der in jedem einzelnen Falle vorliegenden besonderen Ursachen nicht gleichmäßig. Eine durchschnittliche Zunahme der Wirtschaft um 50% kann bedeuten, daß im Gebiet von A der Plan zu 90% erfüllt ist, im Gebiet von B aber nur zu 10%; wenn A von B abhängig ist, so kann im folgenden Produktionszyklus das Gebiet von A auf unter 10% herabsinken.
Nicht darin liegt folglich das Unglück, daß sich die Unausführbarkeit des abenteuerhaften Tempos herausgestellt hat. Das Übel liegt darin, daß die Rekordrennen der Industrialisierung die verschiedenen Elemente des Planes in gefährliche Widersprüche zueinander gebracht haben: Das Übel liegt darin, daß die sozialen und politischen Instrumente zur Bestimmung des Nutzeffektes des Plans zerschlagen oder verstümmelt sind. Das Übel liegt darin, daß die keiner Kontrolle unterworfene Bürokratie ihr Ansehen mit der Anhäufung weiterer Fehler verbunden hat. Das Übel liegt darin, daß sich eine Krise mit einer Reihe solcher Folgen, wie die notgedrungene Schließung von Betrieben und die Arbeitslosigkeit, vorbereitet...
...Krisen sind bei uns nicht nur möglich, sondern unvermeidlich. Die kommende Krise hat die Bürokratie schon vorbereitet."
Die hier erneut angekündigte Wirtschaftskrise ist ausgeblieben, ebenso die Schließung von Betrieben und die prophezeite Arbeitslosigkeit. Die Sowjetwirtschaft ist frei von Krisen und Arbeitslosigkeit geblieben, die vermehrte Produktion hat nicht wie im kapitalistischen Wirtschaftssystem zur Stillegung der Betriebe geführt, sondern zur Vermehrung des Wohlstandes für das ganze Volk. Trotzki aber behauptet unentwegt in allen seinen Publikationen bis in die Gegenwart, daß der sozialistische Aufbau in einem Lande nicht möglich sei. Er hat seine Angriffe im Laufe der Zeit noch verschärft. Er behauptet, daß die Erfolge des Aufbaus in der Sowjetunion zu immer schlimmeren Entartungen führen, die die proletarische Diktatur untergraben und den Sieg der Konterrevolution ermöglichen. Und da Trotzki proklamiert, daß der Sieg der Konterrevolution nur durch den Sturz Stalins verhindert werden könne, predigt er den Putsch gegen die in der Sowjetunion herrschende Partei Lenins.

 

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RÜCKMARSCH ODER AUFBAU?

 

WAS TUN?

In konsequenter Fortführung der leninistischen Theorie vertrat die Bolschewistische Partei im Gegensatz zu Trotzki die Meinung, daß die Eroberung der politischen Macht überhaupt nur Sinn habe, wenn sie für den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion eingesetzt werde. In dem Kampf, der um die Durchführung der leninistischen Theorie des Sozialismus in einem Lande zwischen Trotzki und der Bolschewistischen Partei entbrannte, war Stalin als Repräsentant der Partei ihr Wortführer.
Was sollte die russische Revolution nach dem Ausbleiben der Weltrevolution tun? Sollte sie auf der Stelle treten, sollte sie passiv warten, bis die Situation für die proletarische Revolution im Westen reif geworden war? Als Konsequenz aus der Theorie Trotzkis ergab sich das Verlangen nach abwartender Passivität, die zum Untergang der russischen Revolution und zur Rückentwicklung der Sowjetunion in einen kapitalistischen Staat geführt hätte. Im Sinne der leninschen Theorie entschied sich die Bolschewistische Partei für den aktiven Aufbau der sozialistischen Gesellschaft, durch dessen Gelingen allein der Rückmarsch zu einem bürgerlichen Staat verhindert werden konnte. In den Äußerungen zu den Aufzeichnungen N. Suchanows („Prawda" vom 16. und 17. Januar 1923) setzte sich Lenin mit den Marxisten auseinander, die nicht begreifen wollten, daß es durchaus im Sinne der Marxschen Lehre war, die proletarische Revolution in einem Lande auch dann zu beginnen, wenn nicht gleichzeitig in anderen Ländern die Revolution durchgeführt werden kann.
„Sie alle nennen sich Marxisten" - schrieb Lenin zu den Aufzeichnungen Suchanows (Ausgewählte Werke, Band VI, Seite 521) — „doch fassen die den Marxismus bis zur Unmöglichkeit pedantisch auf. Das Entscheidende am Marxismus, nämlich seine revolutionäre Dialektik, haben sie ganz und gar nicht begriffen. Sogar Marx direkte Hinweise darauf, daß in den Augenblicken der Revolution maximale Elastizität erforderlich sei, haben sie absolut nicht verstanden..." Für die Durchführung der Revolutionen gibt es kein Schema. Die „maximale Elastizität", die in Zeiten der Revolution nötig ist, gebietet unterschiedliche Entscheidungen und nicht immer gleichartige Maßnahmen für die Erringung des Sieges. In „Die Grundlagen des Leninismus" schreibt Stalin („Probleme des Leninismus", Seite 97):
„Früher hielt man den Sieg der Revolution in einem einzelnen Lande für unmöglich, da man annahm, daß zum Siege über die Bourgeoisie ein gemeinsames Auftreten der Proletarier aller fortgeschrittenen Länder oder jedenfalls der Mehrzahl dieser Länder erforderlich sei. Heute entspricht dieser Standpunkt nicht mehr der Wirklichkeit. Heute muß man von der Möglichkeit eines solchen Sieges ausgehen, denn der ungleichmäßige und sprunghafte Charakter der Entwicklung der verschiedenen kapitalistischen Länder unter den Verhältnissen des Imperialismus, die unausbleiblich zu Kriegen führen, das Anwachsen der revolutionären Bewegung in allen Ländern der Welt — all das führt nicht nur zur Möglichkeit, sondern auch zur Notwendigkeit des Sieges des Proletariats in den einzelnen Ländern."
In voller Übereinstimmung mit Lenin hält Stalin den Sieg der proletarischen Revolution in einem Lande durchaus für möglich. Er wendet sich gegen die im reformistischen Lager weit verbreitete Auffassung, daß die proletarische Revolution auch in den fortgeschrittenen Ländern erst siegen könne, wenn die Voraussetzung für die revolutionäre Entwicklung in allen Ländern gleichmäßig gegeben sei. Aus der Erkenntnis aber, daß mit der Durchführung der Revolution in dem dafür reifen Lande nicht gewartet werden kann, bis es in allen Ländern so weit ist, ergibt sich konsequent die Notwendigkeit, in dem Lande der siegreichen proletarischen Revolution unverzüglich mit dem Aufbau des Sozialismus zu beginnen. Denn der Sieg des Sozialismus in einem Lande ist die wirkungsvollste Waffe im Kampf um den endgültigen Sieg des Sozialismus in der Welt.

DER SOZIALISTISCHE AUFBAU IN DER SOWJETUNION UND DER ENDGÜLTIGE SIEG DES SOZIALISMUS

Die bolschewistische Theorie des Sozialismus in einem Lande ist von den Trotzkisten sehr oft entstellt worden. Um gegen den „Stalinismus" polemisieren zu können, unterschob man Stalin, er wolle — losgelöst von dem revolutionären Kampf der Arbeiter in den anderen Ländern — nur durch den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion den endgültigen Sieg des Sozialismus erreichen. Stalin dagegen unterschied immer sehr klar zwischen dem Siege des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion und dem endgültigen Siege des Sozialismus. Der Sieg des Sozialismus in der Sowjetunion kann mit den im Lande vorhandenen Kräften erreicht werden, aber dieser Sieg ist kein endgültiger, solange noch kapitalistische Staaten existieren und die sozialistische Sowjetunion bedrohen. Stalin wendet sich scharf gegen diejenigen, die den mit Hilfe der proletarischen Revolution in den anderen Ländern zu erreichenden endgültigen Sieg des Sozialismus mit dem Siege des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion verwechseln. Eine Konsequenz der klaren Unterscheidung zwischen dem Siege des Sozialismus in der Sowjetunion und zwischen dem endgültigen Siege des Sozialismus ist die Außenpolitik der Sowjetunion, deren Tendenzen besonders nach dem Siege des Faschismus in Deutschland deutlicher erkennbar geworden sind.
Den Standpunkt der Bolschewistischen Partei hat Stalin in „Zu den Fragen des Leninismus" (siehe „Probleme des Leninismus", Seite 45) dargelegt:
„Worin besteht der Mangel dieser Formulierung? Ihr Mangel besteht darin, daß sie zwei verschiedene Fragen in eine Frage zusammenzieht: die Frage der Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus mit den eigenen Kräften eines einzelnen Landes — worauf eine bejahende Antwort gegeben werden muß; und die Frage, ob sich ein Land, in dem die Diktatur des Proletariats aufgerichtet ist, für vollständig gesichert gegen eine Intervention und folglich für gesichert gegen eine Restaurierung der alten Ordnung betrachten darf, ohne daß in einer Reihe anderer Länder eine siegreiche Revolution stattfände — worauf eine verneinende Antwort gegeben werden muß. Ich spreche schon garnicht davon, daß diese Formulierung zu dem Gedanken führen kann, daß die Organisierung der sozialistischen Gesellschaft mit den Kräften eines einzelnen Landes unmöglich sei, was natürlich unrichtig ist.
Aus diesem Grunde änderte ich, verbesserte ich diese Formulierung in meiner Broschüre „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten" (Dezember 1924), indem ich diese Frage in zwei zerlegte: in die Frage der vollständigen Garantie gegen eine Restaurierung der bürgerlichen Ordnung und in die Frage der Möglichkeit des Aufbaus der vollständigen sozialistischen Gesellschaft in einem einzelnen Lande. Das wurde erreicht, erstens, indem ich ,den vollen Sieg des Sozialismus' als ,die volle Garantie gegen die Wiederherstellung der alten Ordnung' auslegte, was nur durch die gemeinsame Anstrengung der Proletarier einiger Länder erreicht werden kann, und zweitens, indem ich auf Grund der Broschüre Lenins ,Über das Genossenschaftswesen' die unbestreitbare Wahrheit aussprach, daß wir alles Notwendige zum Aufbau der vollständigen sozialistischen Gesellschaft besitzen."
Diese Feststellung ist der Ausgangspunkt für das Handeln der Bolschewistischen Partei. Ist in Rußland alles Notwendige für den sozialistischen Aufbau vorhanden, so kann nach der Eroberung und Festigung der politischen Macht der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft erfolgreich in Angriff genommen werden — auch wenn die proletarische Revolution in den anderen Ländern noch nicht gesiegt hat. Allerdings besteht dann noch immer die Gefahr der Zerschlagung der sozialistischen Erfolge durch einen Interventionskrieg kapitalistischer Länder. Der entgültige, garantierte, nicht mehr über den Haufen zu werfende Sieg des Sozialismus ist erst erreicht, - wenn zumindest in einigen Ländern die Arbeiterklasse gesiegt hat, wenn durch den Sieg der Weltrevolution die Interventionsgefahr vollständig beseitigt ist. Um aber die für den endgültigen Sieg des Sozialismus notwendige siegreiche proletarische Revolution in den anderen Ländern zu fördern, müssen — so argumentiert Stalin — die in der Sowjetunion für den sozialistischen Aufbau gegebenen Voraussetzungen ausgenutzt werden. Das internationale Proletariat braucht die Unterstützung der Sowjetunion, diese wiederum braucht nicht minder die Unterstützung der Weltarbeiterklasse. Über die Notwendigkeit der Unterstützung der Sowjetunion durch das internationale Proletariat schrieb Stalin im Vorwort zu „Auf dem Wege zum Oktober" (Seite 16/17):
„Keine Frage, um den vollständigen Sieg des Sozialismus zu erreichen, um eine vollständige Garantie vor der Wiederherstellung der alten Ordnung zu haben, sind gemeinsame Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder notwendig. Keine Frage, daß ohne Unterstützung unserer Revolution durch das europäische Proletariat das Proletariat Rußlands sich gegen den allgemeinen Ansturm nicht hätte halten können, ebenso wie ohne Unterstützung der revolutionären Bewegung des Westens durch die russische Revolution diese Bewegung sich nicht in dem Tempo hätte entwickeln können, wie sie nach der proletarischen Diktatur in Rußland sich zu entwickeln begann. Keine Frage, daß wir Unterstützung brauchen. Aber was bedeutet Unterstützung unserer Revolution durch das westeuropäische Proletariat? Die Sympathie der europäischen Arbeiter für unsere Revolution, ihre Bereitschaft, die Interventionspläne der Imperialisten zu vereiteln, — ist das alles eine Unterstützung, eine ernste Hilfe? Unbedingt ja. Ohne eine solche Unterstützung, ohne solche Hilfe nicht allein von Seiten der europäischen Arbeiter, sondern auch von Seiten der kolonialen und abhängigen Länder wäre es der proletarischen Diktatur in Rußland recht schwer geworden. Reichte bisher diese Sympathie und diese Hilfe, im Verein mit der Kraft unserer Roten Armee und der Bereitschaft der Arbeiter und Bauern Rußlands, das sozialistische Vaterland tapfer zu verteidigen, aus — reichte das alles aus, um die Angriffe der Imperialisten abzuschlagen und die Voraussetzung für eine ernsthafte Aufbauarbeit zu erkämpfen? Ja, es reichte aus. Nimmt diese Sympathie zu oder nimmt sie ab? Sie nimmt unbedingt zu. Sind nun bei uns günstige Bedingungen vorhanden nicht nur, um das Werk der Organisierung der sozialistischen Wirtschaft vorwärts zu bringen, sondern auch dazu, daß wir unsererseits sowohl den westeuropäischen Arbeitern, als auch den unterdrückten Völkern des Ostens helfen können? Ja, sie sind vorhanden. Davon spricht in beredter Weise die siebenjährige Geschichte der proletarischen Diktatur in Rußland. Kann man das leugnen, daß bei uns ein mächtiger Arbeitsaufschwung bereits begonnen hat? Nein, das kann nicht geleugnet werden." Hier spricht Stalin deutlich aus, wie wichtig die Unterstützung der Arbeiter in den anderen Ländern für den Kampf um den Sozialismus ist. Aber Stalin widerspricht der These Trotzkis, daß „ohne direkte staatliche Unterstützung des europäischen Proletariats die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein wird, sich an der Macht zu halten". Die Unterstützung durch die Arbeiter in den anderen Ländern kann wirksam werden, auch wenn diese noch nicht die staatliche Macht in ihrem Lande erobert haben. In der Broschüre „Zu den Ergebnissen der Arbeiten der XIV. Parteikonferenz" (Mai 1925) schreibt Stalin über die zwei verschiedenartigen Aufgaben, die für den Aufbau des Sozialismus in einem Lande und für den endgültigen Sieg des Sozialismus zu erfüllen sind („Probleme des Leninismus", Seite 46):
„Auf unser Land wirken zwei Gruppen von Widersprüchen. Die eine Gruppe — das sind die inneren Widersprüche, die zwischen dem Proletariat und der Bauernschaft bestehen (hier ist die Rede von dem Aufbau des Sozialismus in einem einzelnen Lande). Die andere Gruppe — das sind die äußeren Widersprüche, die zwischen unserem Lande, als dem Lande des Sozialismus, und den übrigen Ländern, als den Ländern des Kapitalismus, vorhanden sind (hier ist die Rede von dem endgültigen Sieg des Sozialismus) .... Wer die erste Gruppe der Widersprüche, die mit den Kräften eines einzelnen Landes vollständig überwunden werden können, mit der zweiten Gruppe von Widersprüchen verwechselt, die zu ihrer Lösung die Anstrengung der Proletarier mehrerer Länder erfordern — der begeht den gröbsten Irrtum gegen den Leninismus, der ist entweder ein Wirrkopf oder ein unverbesserlicher Opportunist."
In der „Prawda" vom 12. November 1926 schreibt Stalin zu der Auffassung Trotzkis, daß auch die Gruppe der inneren Widersprüche nur durch die Weltrevolution gelöst werden könne:
„Die Meinungsverschiedenheit besteht hier darin, daß die Partei es für möglich hält, diese inneren Widersprüche und möglichen Konflikte voll und ganz aus der eigenen Kraft unserer Revolution heraus zu überwinden, während der Genösse Trotzki und die Opposition meinen, daß diese Widersprüche und Konflikte nur ,im internationalen Maßstabe, in der Arena der internationalen proletarischen Revolution' gelöst werden können."
Trotzki bestätigt in seinem Buche „Die internationale Revolution und die Kommunistische Internationale", daß die Meinungsverschiedenheit gerade in diesem Punkte bestehe. Er schreibt dort:
„Besser und genauer könnte man den Widerspruch zwischen dem Nationalreformismus und dem revolutionären Internationalismus gar nicht aufzeichnen. Wenn man diese, unsere inneren Schwierigkeiten, Widerstände und Widersprüche, die im Grunde den Spiegel der internationalen Widersprüche bilden, mit den ,eigenen Kräften unserer Revolution allein' lösen kann, ohne ,daß man in die Arena der internationalen Revolution steigt', so ist also die Internationale zum Teil lediglich eine Hilfsorganisation und zum Teil eine Prunkorganisation, deren Kongresse sich alle vier oder zehn Jahre oder überhaupt nicht zu versammeln brauchen." Die Entwicklung in den letzten zehn Jahren beweist, daß die Gruppe der inneren Widersprüche mit den Kräften in der Sowjetunion selbst gelöst werden können, sie beweist vor allem, daß es möglich ist, die Gegensätze zwischen Arbeitern und Bauern aus der eigenen Kraft der russischen Revolution ohne die „europäische Stadt" zu überwinden. Die äußeren Widersprüche werden um so schneller und erfolgreicher beseitigt, je energischer in der Sowjetunion alle Kräfte für die im Lande selbst zu lösenden Widersprüche mobilisiert werden. In dem Briefe an einen zweifelnden Genossen (im Januar 1925) begründet Stalin besonders eindringlich die Notwendigkeit des sozialistischen Aufbaus in der UdSSR („Probleme des Leninismus", Seite 224):
„Es handelt sich nicht um den vollständigen Sieg, sondern um den Sieg überhaupt, das heißt darum, die Gutsbesitzer und Kapitalisten zu verjagen, die Macht zu ergreifen, die Attacken des Imperialismus zurückzuschlagen und mit dem Aufbau der sozialistischen Wirtschaft zu beginnen. All dies kann dem Proletariat in einem einzelnen Lande vollständig gelingen, seine absolute Garantie gegen die Restauration kann jedoch nur das ,Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder' sein. Es wäre dumm, in Rußland eine Revolution zu beginnen in der Überzeugung, daß das siegreiche Proletariat Rußlands bei offener Sympathie seitens der Proletarier der anderen Länder, aber ohne den Sieg in mehreren Ländern ,einem konservativen Europa gegenüber nicht standhalten könnte'. Das ist kein Marxismus, sondern der flachste Opportunismus. Wäre eine solche Theorie richtig, dann hätte Lenin unrecht, wenn er behauptet, daß wir das Rußland der NEP in ein sozialistisches Rußland verwandeln werden, daß wir ,alles, was zum Aufbau der vollständigen sozialistischen Gesellschaft notwendig ist' haben ....
.... Das Gefährlichste in unserer politischen Praxis wäre, wenn wir das siegreiche proletarische Land als etwas Passives betrachten wollten, das bis zum Erscheinen der Hilfe seitens der siegreichen Proletarier der anderen Länder auf der Stelle treten muß. Angenommen, daß in fünf bis zehn Jahren die Revolution im Westen noch nicht gesiegt haben wird; angenommen, daß unsere Republik während dieser Periode dennoch fortbesteht als eine Republik, die unter den Verhältnissen der Neuen ökonomischen Politik an der sozialistischen Wirtschaft baut; glauben Sie denn, daß sich unser Land während dieser fünf bis zehn Jahre mit Wassertreten und nicht mit der Organisation der sozialistischen Wirtschaft beschäftigen wird? Es genügt, diese Frage zu stellen, um die ganze Gefährlichkeit der Theorie der Leugnung des Sieges des Sozialismus in einem einzelnen Lande zu begreifen.“
Aus all diesen Meinungsäußerungen Stalins geht hervor, daß die Bolschewistische Partei sehr eindeutig zwischen dem Siege des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion und dem endgültigen Siege des Sozialismus unterscheidet, und daß sie den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion bejaht, weil sie für möglich hält, die Gruppe der Inneren Widersprüche mit den im Lande vorhandenen Kräften zu lösen. Sie läßt aber keinen Zweifel, daß die Überwindung der zweiten, der Gruppe der äußeren Widersprüche, die zwischen der Sowjetunion, als dem Lande des Sozialismus, und allen übrigen Ländern, als den Ländern des Kapitalismus, bestehen, dagegen nur mit Unterstützung der Proletarier in den anderen Ländern möglich ist. Stalin beantwortet die Frage, worin diese Widersprüche der zweiten Gruppe bestehen, in der Broschüre „Die Ergebnisse der XIV. Reichskonferenz der KPR" („Probleme des Leninismus", Seite 222/223):
„Sie bestehen darin, daß, solange es eine kapitalistische Umgebung gibt, auch die Gefahr der Intervention seitens der kapitalistischen Länder vorhanden ist, und daß, solange eine solche Gefahr besteht, auch die Gefahr der Restauration, die Gefahr der Wiederherstellung der alten Ordnung, besteht.
Können diese Widersprüche für ein einzelnes Land als überwunden gelten? Nein, das ist nicht möglich, da die Anstrengungen eines einzelnen Landes, selbst wenn dieses Land das Land der Diktatur des Proletariats ist, nicht hinreichen, um es gegen die Gefahr einer Intervention zu sichern. Eine vollkommene Garantie gegen die Intervention und folglich auch der endgültige Sieg des Sozialismus ist infolgedessen nur im internationalen Maßstabe, nur als Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier in einer Reihe von Ländern, oder noch richtiger gesagt, nur als Ergebnis des Sieges der Proletarier einiger Länder möglich. Was bedeutet endgültiger Sieg des Sozialismus? Der endgültige Sieg des Sozialismus ist die volle Garantie gegen die Interventionsversuche und folglich auch gegen die Restauration; denn irgendein ernstzunehmender Versuch der Restauration kann nur mit ernster Unterstützung von außen, nur mit Unterstützung des internationalen Kapitals stattfinden. Infolgedessen ist die Unterstützung unserer Revolution durch die Arbeiter zumindest in einigen Ländern die unerläßliche Vorbedingung für die volle Sicherung des ersten siegreichen Landes gegen die Interventionsversuche und die Restauration, die unerläßliche Vorbedingung des endgültigen Sieges des Sozialismus."
Stalin widerlegt mit dieser Äußerung auch den ihm oft gemachten Vorwurf, durch die Theorie des Sozialismus in einem Lande die Weltrevolution preisgegeben zu haben. In dem Vorwort zu dem Buche „Auf dem Wege zum Oktober" (1926) schreibt Stalin über die „Oktoberrevolution als Beginn und Voraussetzung der Weltrevolution" (Seite 33/37):
„Es ist unzweifelhaft, daß die universelle Theorie von dem gleichzeitigen Siege der Revolution in den ausschlaggebenden Ländern Europas, die Theorie der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem einzelnen Lande, sich als künstlich geschaffene, lebensunfähige Theorie erwiesen hat. Die siebenjährige Geschichte der proletarischen Revolution in Rußland spricht nicht für, sondern gegen diese Theorie. Diese Theorie ist nicht nur als Entwicklungsschema der Weltrevolution unannehmbar, da sie im Widerspruch zu den offenkundigsten Tatsachen steht, sie ist noch unannehmbarer als Losung, da sie die Initiative der einzelnen Länder, die infolge gewisser historischer Bedingungen die Möglichkeit bekommen, die Front des Kapitals selbständig zu durchbrechen, fesselt, statt sie zu entfesseln; denn diese Theorie spornt nicht die einzelnen Länder zum aktiven Angriff gegen das Kapital an, sondern zum passiven Warten auf den Augenblick der ,allgemeinen Entscheidung'; sie kultiviert unter den Proletariern der einzelnen Länder nicht den Geist revolutionärer Entschlossenheit, sondern den Geist der Hamlet-Zweifel. ,Und wie, wenn die anderen plötzlich versagen?' Lenin hat vollkommen recht, wenn er sagt, daß der Sieg des Proletariats in einem einzelnen Lande den typischen Fall darstelle, während die ,gleichzeitige Revolution in mehreren Ländern' nur ,eine seltsame Ausnahme sein könne'....
Doch die leninsche Theorie der Revolution beschränkt sich bekanntlich nicht auf diese eine Seite der Frage. Sie ist gleichzeitig die Theorie der Entwicklung der Weltrevolution. Der Sieg des Sozialismus in einem einzelnen Lande ist nicht Selbstzweck, Die Revolution des siegreichen Landes darf sich nicht als eine sich selbst genügende Größe betrachten, sondern als Stütze, als Hilfsmittel zur Beschleunigung des proletarischen Sieges in allen anderen Ländern, Denn der Sieg der Revolution in einem Lande, im gegebenen Falle in Rußland, ist nicht nur das Produkt der ungleichmäßigen Entwicklung und des fortschreitenden Verfalls des Imperialismus. Er ist zugleich der Beginn und die Voraussetzung der Weltrevolution ....
Am wahrscheinlichsten ist es, daß die Weltrevolution sich so entwickeln wird, daß eine Reihe neuer Länder auf revolutionärem Wege vom imperialistischen Staatensystem sich lostrennen werden, wobei die Proletarier dieser Länder die Unterstützung des Proletariats der imperialistischen Staaten finden werden. Wir sehen, daß das erste Land, das sich losgetrennt und gesiegt hat, schon jetzt von den Arbeitern und überhaupt von den werktätigen Massen der anderen Länder unterstützt wird. Ohne diese Unterstützung hätte sich dieses Land nicht halten können. Es ist unzweifelhaft, daß diese Unterstützung noch wachsen und sich verstärken wird. Aber es ist ebenso unzweifelhaft, daß die Entwicklung der Weltrevolution selbst, der Prozeß der Lostrennung einer Reihe neuer Länder vom Imperialismus sich um so schneller und gründlicher vollziehen wird, je schneller dieses Land sich in eine Basis für die weitere Entfaltung der Weltrevolution, in einen Hebel zur weiteren Zersetzung des Imperialismus verwandelt.
Wenn es richtig ist, daß der endgültige Sieg des Sozialismus in dem ersten befreiten Lande ohne die gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder unmöglich ist, so ist ebenso richtig, daß die Weltrevolution sich um so schneller und gründlicher entfalten wird, je wirksamer die Hilfe des ersten sozialistischen Landes für die Arbeiter und die werktätigen Massen aller übrigen Länder sein wird ....
Die charakteristische Eigenschaft dieser Hilfe seitens des siegreichen Landes besteht nicht allein darin, daß sie den Sieg der Proletarier in den anderen Ländern beschleunigt, sondern auch darin, daß sie durch die Erleichterung dieses Sieges zugleich den endgültigen Sieg des Sozialismus in dem ersten siegreichen Lande gewährleistet.
Am wahrscheinlichsten ist es, daß im Verlauf der Entwicklung der Weltrevolution neben den Herden des Imperialismus in den einzelnen kapitalistischen Ländern und dem System dieser Länder in der ganzen Welt sich Herde des Sozialismus in einzelnen Sowjetländern und ein System dieser Herde in der ganzen Welt herausbilden werden, wobei dei Kampf zwischen diesen beiden Systemen die Geschichte dei Entfaltung der Weltrevolution ausfüllen wird. ,Denn' — sagt Lenin — ,eine freie Vereinigung der Nationen im Sozialismus ist unmöglich ohne einen mehr oder weniger langwierigen, hartnäckigen Kampf der sozialistischen Republiken gegen die rückständigen Staaten.' (Siehe „Gegen den Strom".)
Die universelle Bedeutung der Oktoberrevolution besteht nicht nur darin, daß sie die große Initiative eines einzelnen Landes darstellt, das imperialistische System zu durchbrechen, daß sie den ersten Herd des Sozialismus im Ozean der imperialistischen Länder bildet, sondern auch darin, daß sie die erste Etappe der Weltrevolution und eine mächtige Basis für deren weitere Entwicklung ist.
Deshalb haben nicht allein diejenigen Unrecht, die den internationalen Charakter der Oktoberrevolution vergessen, den Sieg der Revolution in einem Lande als eine rein nationale und nur nationale Erscheinung hinstellen. Unrecht haben auch diejenigen, die zwar den internationalen Charakter der Oktoberrevolution im Auge behalten, aber geneigt sind, diese Revolution als etwas Passives zu betrachten, das lediglich auf Unterstützung von außerhalb angewiesen ist. In Wirklichkeit braucht nicht nur die Oktoberrevolution die Unterstützung der Revolution in den anderen Ländern, sondern auch die Revolution in diesen Ländern braucht die Unterstützung der Oktoberrevolution, um das Werk der Niederwerfung des Weltimperialismus zu beschleunigen und vorwärts zu treiben."
Der erfolgreiche Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion unterstützt wirkungsvoll die Weltrevolution. Die Bolschewistische Partei hat auf dem XIV. Parteitag den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion als ihre Tagesaufgabe bezeichnet, weil ohne diesen Versuch die Oktoberrevolution, die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, sinnlos gewesen wäre. In der Broschüre „Die Ergebnisse der XIV. Reichskonferenz der KPR" schreibt Stalin weiter („Probleme des Leninismus", Seite 221):
„Denn wenn die Möglichkeit und die Notwendigkeit des Aufbaus der vollständigen sozialistischen Gesellschaft auf Grund dieser oder jener Erwägung ausgeschlossen wird, so verliert doch dadurch die Oktoberrevolution selbst ihren Sinn. Wer die Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande leugnet, der muß unbedingt auch die Berechtigung der Oktoberrevolution leugnen. Und umgekehrt, wer nicht an den Oktober glaubt, der kann auch die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus unter den Verhältnissen einer kapitalistischen Umgebung nicht anerkennen. Es besteht ein vollständiger und unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Unglauben an den Oktober und der Nichtanerkennung der sozialistischen Möglichkeiten in unserem Lande." Die Frage des Verhältnisses zwischen dem Kampf zur Überwindung der nationalen und der internationalen Bourgeoisie hat Stalin noch oft behandelt. So unter anderem auch in seinem Referat auf dem VII. Plenum des ZKs im Dezember 1926:
„Wenn die Frage der Errichtung des Sozialismus in der Sowjetunion eine Frage der Überwindung der eigenen nationalen Bourgeoisie ist, so ist die Frage des endgültigen Sieges des Sozialismus eine Frage der Überwindung der internationalen Bourgeoisie. Die Partei sagt, daß das Proletariat eines einzelnen Landes nicht imstande ist, aus eigenen Kräften die internationale Bourgeoisie zu überwältigen. Die Partei sagt, daß für den endgültigen Sieg des Sozialismus in einem Lande die Überwindung oder zumindest die Neutralisierung der internationalen Bourgeoisie erforderlich ist.
...Die Partei geht davon aus, daß die ,nationalen' und internationalen Aufgaben des Proletariats der Sowjetunion sich zu der einen gemeinsamen Aufgabe der Befreiung der Proletarier aller Länder vom Kapitalismus verschmelzen, daß sich die Interessen des Aufbaus des Sozialismus aller Länder zu dem einen gemeinsamen Interesse des Sieges der Revolution völlig verschmelzen...
...den Sozialismus in der Sowjetunion aufbauen heißt deshalb, die Sache der Proletarier aller Länder betreiben, heißt, den Sieg über das Kapital nicht nur in der Sowjetunion, sondern in allen kapitalistischen Ländern schmieden, denn die Revolution in der Sowjetunion ist ein Teil der Weltrevolution, ihr Anfang und die Basis für ihre Entfaltung."
Stalin hat sich bei seiner Begründung des Kampfes für den sozialistischen Aufbau vollkommen der leninistischen Theorie angepaßt. Aus Äußerungen Lenins, daß mit den revolutionären Kräften eines Landes nicht die internationale Bourgeoisie überwunden werden kann, hat Trotzki Beweise für die Richtigkeit seiner Theorie von der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Lande zu sammeln versucht. In der „Oktoberrevolution" zitiert Trotzki in einem besonderen Anhang über „Die Theorie des Sozialismus in einem Lande" Meinungsäußerungen von Lenin, die dessen Gegnerschaft gegen die Theorie des Sozialismus in einem Lande beweisen sollen. Aber selbst aus diesen von Trotzki aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten geht nur hervor, daß Lenin genau so wie Stalin sorgfältig zwischen dem Siege in der Sowjetunion und dem endgültigen Siege unterschieden hat. Auch in diesen Zitaten ist sehr oft von dem Siege in der Sowjetunion und dann von dem vollen, dem endgültigen Siege des Sozialismus, der erst das Ergebnis der Weltrevolution sein wird, die Rede. Aber Lenin hat aus der Erkenntnis, daß zum endgültigen Siege die Machteroberung des Proletariats in mehreren Ländern notwendig ist, keinesfalls die Schlußfolgerung gezogen, in der Sowjetunion auf die aktive Arbeit für den sozialistischen Aufbau zu verzichten. Er hat im Gegenteil die Erkämpfung des sozialistischen Sieges in der Sowjetunion als unbedingt erforderlich bezeichnet, um dem Proletariat in den anderen Ländern einen mächtigen Antrieb für seinen Kampf, für den Sieg der Weltrevolution zu geben.