
"Zeitschrift für Sozialismus und Frieden"
Max Seydewitz
VORWORT
Es ist notwendig, diesem Buche einige persönliche Bemerkungen vorauszuschicken.
Seit meiner frühesten Jugend, fast dreißig jähre lang, habe ich aktiv in der Deutschen
Sozialdemokratie gearbeitet, — als Funktionär, als Redakteur und als
Reichstagsabgeordneter — und ich bin ihr auch heute aufs engste verbunden.
Erschüttert von dem furchtbaren Zusammenbruch der einst so stolzen und starken
deutschen Arbeiterbewegung, aufgeschlossen durch das Geschehen, habe ich
versucht, die Ursachen der kampflosen Niederlage zu erforschen. Dabei bin ich
ganz zwangsläufig auf das Studium der ersten siegreichen proletarischen
Revolution gestoßen, deren gründliche Kenntnis notwendig ist, um den rechten
Weg für die Überwindung der Hitler-Diktatur und die Verhinderung einer
faschistischen Weltherrschaft zu finden.
Ein großes Versäumnis in der Vergangenheit war, daß man sich außerhalb der
Sowjetunion viel zu wenig mit der Geschichte der russischen Revolution, mit den
ihr zugrundeliegenden theoretischen Auseinandersetzungen und mit dem gewaltigen
Ringen um den Aufbau des ersten sozialistischen Arbeiterstaates beschäftigt
hat. Die im Kriege erfolgte Spaltung teilte die Internationale Arbeiterbewegung
in zwei feindliche Lager. Sozialdemokraten und Kommunisten lebten getrennt
voneinander wie in selbstgeschaffenen geistigen Ghettos, unfähig zum
sachlichen, fruchtbaren Meinungsaustausch. Die Mauern, die das
sozialdemokratische und kommunistische Lager trennten, waren so hoch, daß die
einen die Probleme, um die die anderen rangen, überhaupt nicht sahen,
geschweige denn sich mit ihnen ernsthaft auseinandergesetzt hätten. Nur zu
viele Sozialdemokraten übersahen den engen Zusammenhang zwischen der Entwicklung
der Sowjetunion und dem internationalen Befreiungskampf der Arbeiterklasse. Sie
sahen die Sowjetunion nur als eine Sache der Kommunisten, denen sie in ihrem
Lande in erbitterter Feindschaft gegenüberstanden. Sie waren — befangen in der
Vorstellung, daß die Arbeiterklasse nur auf evolutionärem Wege, friedlich, in
die Macht hineinwachsen werde — Gegner der von der Partei Lenins siegreich
durchgeführten Revolution. Sie waren überzeugt davon, daß der in der
Sowjetunion beschrittene Weg mit dem Siege der Konterrevolution enden müsse.
Die Folge dieser Einstellung war die Negation des gewaltigen Ringens im Osten.
Die Sozialdemokratie war der Meinung, daß sie aus der Oktoberrevolution keine
positiven Lehren für ihren Kampf ziehen könne; und sie hielt es darum für
überflüssig, die Geschichte und die Probleme der russischen Revolution zu
studieren. Ihr Interesse an den Vorgängen in der Sowjetunion war durchaus
befriedigt, wenn sie diese oder jene Mängel agitatorisch gegen die
kommunistische Bewegung ausspielen konnte. Viele Sozialdemokraten wurden in
diesem Verhalten bestärkt, weil die kommunistischen Parteien die Sowjetunion
viel zu wenig als eine Sache der gesamten Arbeiterklasse herausstellten.
Das Verhalten der deutschen Nachkriegssozialdemokratie in diesen Fragen wird
treffend durch eine Äußerung Eduard Bernsteins charakterisiert. Im Jahre 1925
über seine Meinung zu den Vorgängen in der Sowjetunion befragt, antwortete er:
„Ich muß — um aufrichtig zu sein — gestehen, daß ich über die Lage in Rußland
im allgemeinen und über den Fall Trotzki im besonderen nur in sehr
unzureichendem Maße unterrichtet bin."
Eduard Bernstein war der bedeutendste Theoretiker des reformistischen Flügels
der Sozialdemokratie. Es war eine besondere Wesensart dieses Mannes, aufrichtig
seine Meinung auszusprechen. Diese Ehrlichkeit veranlaßte ihn, das zu sagen,
was für beinah die gesamte sozialdemokratische Bewegung galt: sie hatte sich
über die Lage in der Sowjetunion und über die Konflikte der Bolschewistischen
Partei mit Trotzki sehr unzureichend unterrichtet. Was wußten Sozialdemokraten
von den Differenzen zwischen Lenin und Trotzki? Von den Auseinandersetzungen um
die Organisationsprinzipien der Partei, um die permanente Revolution? Was
wußten sie von der Bedeutung des Kampfes um die Theorie des Sozialismus in
einem Lande? War es da ein Wunder, daß — unter der Einwirkung der Schriften
Trotzkis — in sozialistischen Kreisen mancherlei Legenden entstanden, unter
anderen die, daß der „beste Kampfgenosse Lenins" durch persönliche Intrigen
Stalins aus der Macht gedrängt worden sei.
Die Legendenbildung wurde noch erleichtert, weil es damals in deutscher Sprache
keine plastischen Darstellungen der Geschichte und der Probleme der
Oktoberrevolution gegeben hat.
Als Sozialdemokrat hatte ich in der Vergangenheit viele Auseinandersetzungen
mit den Kommunisten, übte Kritik an ihrer Politik und auch an Vorgängen in der
Sowjetunion. Wir sind auch jetzt nicht in allem gleicher Meinung, — aber kann
man heute zur Sowjetunion Stellung nehmen, ohne sie im Zusammenhang mit dem
weltgeschichtlichen Geschehen zu betrachten, als die stärkste Macht in der
Friedensfront, als die entscheidende Kraft gegen die Weltherrschaftspläne des
Faschismus!
Einer der Führer der Französischen Sozialistischen Partei, Jean Zyromski,
schrieb anläßlich des XX. Jahrestages der russischen Revolution:
„Es ist mir nicht unbekannt, daß man in 'revolutionären Kreisen', die sich als
die 'äußerste Linke' bezeichnen, ziemlich häufig auf die Meinung stößt, daß die
russische Revolution in voller Entartung begriffen sei und daß sich das
Sowjetrußland von 1937 inmitten einer bürokratischen Entartung befinde. Manche
gehen sogar noch weiter und werfen den Faschismus und den 'Stalinismus' in
einen Topf.
Eine geschickte Kampagne, die weitgehende Verzweigungen hat, wird zu dem Zweck
betrieben, die Arbeiterklasse der Westländer davon zu überzeugen, daß
Sowjetrußland nicht mehr das Rußland der Arbeiter- und Bauernrevolution sei.
Man muß sich energisch gegen derartige Manöver erheben und die schöpferische Bilanz
der Sowjetunion auf den verschiedenen Gebieten ihrer Betätigung aufzeigen.
Man darf nicht blindlings die Unvollkommenheiten und die Fehler abstreiten;
noch sind große Hindernisse da. Man muß sie aber sowohl vom Ausgangspunkt wie
auch von den vorhanden gewesenen Schwierigkeiten aus einschätzen....
Die Sowjetunion ist eine neue Welt im Werden. Mehr denn je gehören ihre
Verteidigung und ihre Beschützung zur internationalen Klassenpflicht des
Weltproletariats."
Aber es handelt sich nicht allein um Interessen des Weltproletariats. Das
Schicksal der Menschheit steht auf dem Spiel. Plutokratie und Faschismus — das
bedeutet den furchtbarsten Krieg aller Zeiten, Vertiefung und Verewigung des
geistigen und physischen Elends. Demokratie und Sozialismus — das bedeutet
Frieden, Rettung vor dem Untergang in die Barbarei, Entfaltung aller
wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte. Die Völker aller Erdteile stehen vor
dieser gewaltigen geschichtlichen Alternative. Und alle Länder sind durch sie
innerlich zerrissen und geschwächt. Nur die UdSSR nicht. Dort gibt es keinen
Faschismus, ihre Völker sind eine geschlossene Einheit angesichts der drohenden
Gefahren und im Kampf um den Aufstieg der Menschheit. Das Spuren mehr oder
minder bewußt die freiheitsliebenden Kreise aller Schichten in allen Ländern:
Arbeiter und Angestellte, Handwerker und Bauern, Intellektuelle und
Gewerbetreibende — kurz, alle jene, die den großen Organismus der Gesellschaft
lebendig erhalten. Aber viel zu wenige haben ein wirklich klares Bild vom Wesen
und von den Lebensnotwendigkeiten der Sowjetunion. Schuld daran trägt nicht
zuletzt der Trotzkismus, der, obwohl arm an Parteigängern, Verwirrung
anzurichten vermag, weil bürgerliche und oft sogar sozialdemokratische
Zeitungen ihm ihre Stimme leihen.
Um so notwendiger ist es, sich mit dem Trotzkismus auseinanderzusetzen. Diese
Aufgabe soll das vorliegende Buch erleichtern. Ich habe mich bemüht, zum
Trotzkismus mit sachlichen Argumenten Stellung zu nehmen, weil ich überzeugt
davon bin, damit der Klärung am besten zu dienen.
Der Verfasser
DIE WELTGESCHICHTLICHE ALTERNATIVE
FÜR ODER WIDER DIE SOWJETUNION
DER TROTZKISMUS NACH DER OKTOBERREVOLUTION
DIE WIRTSCHAFTLICHE UMWANDLUNG DER SOWJETUNION
DIE LÖSUNG DER WIDERSPRÜCHE ZWISCHEN ARBEITERN UND BAUERN
OPFER UND ERFOLGE DES SOZIALISTISCHEN AUFBAUS
SOZIALISMUS IN DER SOWJETUNION
DIE AUSSENPOLITIK DER SOWJETUNION
KONFORMISMUS UND MEINUNGSFREIHEIT
REVOLUTION UND KONTERREVOLUTION
Um das Lesen zu erleichtern, sind Fußnoten weggelassen worden. Anmerkungen und
Quellenangaben sind im Text selbst vermerkt.
Soweit bei den Zitaten nicht besondere Quellen angegeben sind, wurden sie
Broschüren oder (bei Reden) autorisierten Berichten entnommen.
Hervorhebungen in den zitierten Äußerungen sind ausnahmslos vom Verfasser
veranlaßt worden; was jedoch nicht ausschließt, daß die Hervorhebungen oft mit
denen übereinstimmen, die von den Zitierten selbst veranlasst wurden.
Die Menschheit steht an einem Wendepunkt. Krieg und Krise haben
die Grundfesten der kapitalistischen Welt erschüttert. In der Periode des
Niederganges der kapitalistischen Klassenherrschaft ist der Faschismus mobilisiert
worden, um als direkt eingesetzte Gewaltherrschaft oder als drohende Gefahr die
wirtschaftliche Diktatur der Trusts und des Monopolkapitals gegen alle Stürme
zu sichern. Der Faschismus ist keine aus der sozialen Entwicklung zwangsläufig
erwachsende neue Kraft, die zur Höherentwicklung der Menschheit notwendig wäre.
Die bürgerliche Revolution, die die Herrschaft des Feudalismus zerbrach, hatte
eine neue Epoche eingeleitet. Ebenso wird die proletarische Revolution eine
neue höhere Form der menschlichen Gesellschaft schaffen. Der Faschismus Jedoch
hat durch seinen Sieg in Italien und in Deutschland an den bestehenden
gesellschaftlichen Verhältnissen nichts geändert. Weder Mussolinis
Schwarzhemdenmarsch auf Rom, noch Hitlers „nationale Revolution" haben die
herrschende kapitalistische Gesellschaftsordnung beseitigt. Das faschistische
Regime ist nur die letzte, die gewalttätigste Form zur Aufrechterhaltung der
kapitalistischen Klassenherrschaft; seine Funktion ist, durch brutale
Zerschlagung der Arbeiterbewegung und durch Unterbindung jeder freiheitlichen
Regung den Fortbestand der vom Monopolkapital dirigierten kapitalistischen
Gesellschaftsordnung zu garantieren. Der Faschismus führt die Menschheit in
ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht eine Stufe hinauf, er wirft sie im
Gegenteil weit zurück; er will eine zur Ablösung reife Gesellschaftsordnung
gewaltsam aufrechterhalten.
Im Jahre 1907 hat Jack London in der „Eisernen Ferse" mit einem am
Marxismus geschulten dichterischen Seherblick den Faschismus vorausgesagt. In
diesem Buche schildert der Dichter die Herrschaft der Oligarchie, das blutige
Gewaltregime der „Eisernen Ferse" bis in die Einzelheiten genau so, wie es
der Faschismus uns heute praktisch vorführt. In Jack Londons visionärer Schilderung
kann aber auch die „Eiserne Ferse" nicht auf die Dauer den Sieg des
Sozialismus verhindern. Der Dichter schickt seinem heute nicht mehr wie eine
Vision anmutenden Roman eine Betrachtung voraus, in der rückschauend von der
hohen Warte der sozialistischen Gesellschaft Über die Periode der „Eisernen
Ferse" gesagt wird:
„Die Erhebung der Oligarchie wird stets der Anlaß geheimer Verwunderung für
Historiker und Philosophen bleiben. Andere große historische Ereignisse haben
ihren Platz in der sozialen Entwicklung. Sie waren unvermeidlich, und ihr
Kommen hätte mit derselben Sicherheit vorausgesagt werden können, wie
Astronomen heute die Bewegung der Sterne voraussagen. Ohne diese anderen großen
Ereignisse hätte die soziale Entwicklung sich auch nicht vollziehen können.
Primitiver Kommunismus, Besitzsklaverei, Leibeigenschaft und Lohnsklaverei
waren die notwendigen Meilensteine auf dem Wege der menschlichen Entwicklung.
Es wäre jedoch lächerlich, zu behaupten, daß die Eiserne Ferse ein solcher
notwendiger Meilenstein gewesen sei. Heute wird sie vielmehr als ein Fehltritt
oder Rückschritt zu der gesellschaftlichen Tyrannei beurteilt, die die Erde
früher zur Hölle machte, die aber für die Zeit ebenso notwendig, wie die
'Eiserne Ferse' unnötig war.
So schwarz der Feudalismus auch war, sein Kommen war doch unvermeidlich. Was
sonst als Feudalismus konnte dem Zusammenbruch der großen zentralisierten
Regierungsmaschine folgen, die man als Römisches Kaiserreich kennt? Nicht so
jedoch die Eiserne Ferse. In dem ordnungsgemäßen Vorwärtsschreiten der sozialen
Entwicklung war kein Platz für sie. Sie war weder notwendig, noch
unvermeidlich. Sie wird immer die größte Merkwürdigkeit der Geschichte bleiben,
eine Laune, eine Phantasie, eine Erscheinung, etwas Unerwartetes, Ungeahntes;
und sie sollte den übereiligen politischen Theoretikern von heute, die mit
Gewißheit von sozialen Prozessen sprechen, zur Warnung dienen.
Nach dem Urteil der Soziologen jener Zeit bedeutete der Kapitalismus den
Höhepunkt der bürgerlichen Gesellschaft, die reife Frucht der bürgerlichen
Revolution. Und wir können dieses Urteil nur unterschreiben. Selbst geistige
Riesen und Kämpfer wie Herbert Spencer glaubten, daß auf dem Schutt des
selbstsüchtigen Kapitalismus die Blume des Zeitalters, die Brüderlichkeit der Menschheit,
erblühen werde. Statt dessen gebar der Kapitalismus, zum Entsetzen für uns, die
wir heute auf jene Zeit zurückblicken, wie für die, die damals lebten, in
seiner Überreife einen ungeheuren Sproß, die Oligarchie."
Die Herrschaft der Oligarchie, der „Eisernen Ferse", oder — wie wir heute
sagen — des Faschismus, ist wahrlich keine geschichtliche Notwendigkeit. Sie
kann verhindert werden. Aber sie ist nicht unmöglich, weil es in der Geschichte
keine zwangsläufigen Lösungen gibt. Der Niedergang einer Gesellschaftsordnung
führt nur dann zu Ihrem völligen Zusammenbruch, wenn die geschichtlich zu ihrer
Ablösung berufenen Kräfte sich dieser Berufung würdig erweisen; wenn sie stark
genug sind, in revolutionären Kämpfen die überholte Ordnung zu stürzen und die Bahn
für eine neue, höhere Gesellschaftsform freizumachen. Der fatalistische Glaube
von dem automatischen Zusammenbruch des Kapitalismus, von der zwangsläufig
erfolgenden unmittelbaren Ablösung der kapitalistischen Klassenherrschaft durch
den Sozialismus ist durch die Siege des Faschismus in einzelnen Ländern
widerlegt worden. Aber andererseits ist durch den Sieg der proletarischen
Revolution in dem ehemaligen Zarenreich ebenso widerlegt, daß der Faschismus
unvermeidlich, daß er geschichtlich notwendig sei. Der Beweis ist erbracht, daß
der Faschismus verhindert, daß es dem Kapitalismus unmöglich gemacht werden
kann, seine wankende Herrschaft in veränderter Form durch den Einsatz des
Faschismus aufrechtzuerhalten. Wo die zum Bau einer neuen, höheren Gesellschaftsordnung
berufene geschichtliche Kraft — die Arbeiterklasse — sich in entscheidenden
Situationen als zielbewußt und stark genug erwies, hat sie das Aufkommen des
Faschismus verhindert und die kapitalistische Klassenherrschaft gestürzt. In
den Ländern jedoch, in denen die Arbeiterklasse in den für die kapitalistische
Klassenherrschaft kritischen Situationen ihrer geschichtlichen Aufgabe nicht
gewachsen war, hat der Faschismus gesiegt.
Die objektive Situation in unserer Zeit ist also: die Arbeiterklasse kann
ebenso siegen wie der Faschismus. Beiden war es möglich, Teilsiege zu erringen.
Der endgültige Ausgang der nächsten Phase des Kampfes wird von der Zielklarheit
und der Stärke der miteinander ringenden entscheidenden Gegner abhängen. Nach
den Teilsiegen der Arbeiterklasse auf der einen, und des Faschismus auf der
anderen Seite spitzen sich die Gegensätze zwangsläufig immer mehr zu. Die
Entwicklung drängt zu einer endgültigen, die Zukunft der ganzen Menschheit
bestimmenden Entscheidung. Die Frage, die die Geschichte den Menschen unserer
Epoche stellt, ist eindeutig: Soll die eiserne Ferse des Faschismus Freiheit
und Fortschritt zerstampfen, um die Diktatur des Trust- und Monopolkapitals
über entrechtete, in die Hölle der Barbarei gepferchte Sklavenherden gewaltsam
aufrechtzuerhalten, — oder soll nach dem Sturz der kapitalistischen
Klassenherrschaft die Bahn für den Sozialismus, für eine neue, höhere
Gesellschaftsform, freigemacht werden, die die Menschheit befreit und zu Glück
und Wohlstand führt.
In allen kapitalistischen Ländern wird darum gekämpft, ob die niedergehende
kapitalistische Klassenherrschaft vom Faschismus oder vom Sozialismus abgelöst
wird. Der historische Kampf zwischen Faschismus und Sozialismus wird aber nicht
in einem Lande entschieden, die endgültige Entscheidung fällt in der Arena der
Weltpolitik. Sie wird zugunsten des Sozialismus ausfallen, wenn die
Arbeiterbewegung aller Länder in diesem Kampfe zusammenwirkt, wenn sie einig
ist und zielbewußt handelt. Der Kampf für den Sozialismus ist nicht die Sache
eines Landes und einer Partei, er ist vielmehr die Sache der gesamten
internationalen Arbeiterbewegung, ohne Rücksicht auf ihre Partei- und
Fraktionsunterschiede.
„Die moderne Zivilisation kann sich eine neue Depression so wenig
leisten, wie einen neuen Krieg. Sie würde unter jener so sicher zusammenbrechen
wie unter dieser!"
Anfang 1937 standen diese Sätze in der „Times", dem führenden
konservativen Organ Englands. Trotz den furchtbaren Lehren, die der letzte
„große Krieg" der Menschheit erteilte, sind die Ursachen der Kriege nicht
beseitigt worden. Der Brand wurde nicht völlig gelöscht, der Brandherd nur
zugedeckt. Die Glut schwelte weiter, breitete sich aus, und es bedarf nur eines
scharfen Windstoßes, um aus der Glut ein loderndes, sengendes Flammenmeer zu
entfachen, das die Welt verbrennt. „Europa gleicht einem Pulvermagazin, in dem
die Diktatoren ununterbrochen Fackelzüge veranstalten." So hat Lloyd
George die Situation unserer Zeit charakterisiert. Die faschistischen
Diktatoren haben die Welt erst durch ihre wahnsinnige Aufrüstung in ein
Pulvermagazin verwandelt.
Sie sind die aggresivsten subjektiven Faktoren, die durch ihr Handeln die
objektiven Voraussetzungen dafür geschaffen haben, daß der Funke einer Fackel
genügt, um ganz Europa in die Luft zu sprengen. Es wird unter dem Druck der
akuten Kriegsgefahr in der Öffentlichkeit viel darüber orakelt, ob die
faschistischen Diktaturen überhaupt Krieg führen können, ob sie für eine
kriegerische Auseinandersetzung fertig sind. Alle diese Betrachtungen sind
müßig. Kriegsfertig ist ein Land nur, wenn es allen seinen Gegnern militärisch
absolut überlegen ist. Ob ein Land in diesem Sinne kriegsfertig ist, hängt
jedoch nicht nur von seinem Tun, sondern auch von dem Handeln seiner
eventuellen Kriegsgegner ab. Kriegsfertig sind die faschistischen Diktaturen
nicht; aber das ist nicht die geringste Garantie für die Erhaltung des
Friedens. Die Wahrheit ist, daß durch das Treiben der aggressivsten Kräfte die
objektive Situation für den Kriegsausbruch so reif geworden ist, daß der
Zeitpunkt des Losschlagens nicht einmal mehr von den subjektiven Faktoren
bestimmt werden kann, die Europa in ein Pulvermagazin verwandelt haben. Wenn
nicht stärkere Mächte die faschistischen Diktatoren endlich an der Fortführung
ihrer Fackelzüge im Pulvermagazin hindern, dann wird ein Funke eines Tages
zünden, und die Menschheit wird von dem furchtbarsten aller Kriege heimgesucht
werden.
Nicht minder groß ist die Krisengefahr. Hinter einer glänzenden Fassade der
Riesenprofite des Monopolkapitals lauert das Gespenst der neuen Krise. Der
konjunkturelle Aufschwung, der der tiefsten wirtschaftlichen Krise des
kapitalistischen Systems folgte, hat keine stabilen Verhältnisse geschaffen.
Währungsexperimente, Aufrüstung und Warenaufspeicherung für den Krieg haben das
Tempo der Konjunktur bestimmt oder beschleunigt. Die Steigerung der Produktion
erwächst auf einer schwachen, kranken Grundlage. Obwohl die industrielle
Produktion der kapitalistischen Länder im Jahre 1936 großer war als im letzten
Konjunkturjahr vor der großen Krise, war der Welthandel 1936 noch um 14%
niedriger als 1929. Auch die Zahl der Beschäftigten war 1936 noch erheblich
geringer als im letzten Konjunkturjahre. 1936 gab es in den kapitalistischen
Ländern, die Arbeitslose registrieren, schätzungsweise immer noch 18 Millionen
Erwerbslose. Die Spekulation prosperiert mehr als die Produktion. Börsenkrachs
inmitten der Konjunktur sind Symptome für die Unsicherheit des kapitalistischen
Systems, das es seinen Anhängern immer schwerer macht, stabilen, garantierten
Reichtum zu schaffen. Unter der Oberfläche gärt und brodelt es. Der Ausbruch
des Vulkans kann über Nacht das ganze schöne Gebäude der Konjunktur
verschütten, und die Welt in eine neue tiefe und nachhaltige Wirtschaftskrise
stürzen.
Krieg oder neue Wirtschaftskrise — die nach dem Urteil eines der führenden
Blätter des Kapitalismus den Untergang der modernen Zivilisation bringen würden
— können täglich wie ein verheerendes Sturmgewitter über die Völker losbrechen.
Der wachsende Druck der im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung
unlösbaren Widersprüche hat die Welt so in Unruhe und Unsicherheit versetzt,
daß die Menschen nur mit Bangen an die Zukunft denken.
Die herrschenden kapitalistischen Klassen fürchten zwar die unvermeidlichen
Auswirkungen ihrer einseitigen Klassenherrschaft, aber sie haben weder den Mut,
noch den Willen, noch die Fähigkeit, die Ursachen, die Krieg und Krise
heraufbeschwören, auszumerzen. Denn die beiden Übel, die die moderne
Zivilisation bedrohen, können nur durch weitgehenden Umbau der bestehenden
Gesellschaftsordnung beseitigt werden. Die Mächtigen dieser Erde aber wehren
sich gegen alle Änderungen, die ihre Herrschaftsstellung bedrohen. Ihr
Machtapparat, der zu schwach ist, Kriegs- und Krisengefahr zu bannen, ist aber
noch stark genug, die für den ruhigen, friedlichen Aufstieg der Menschheit
lebensnotwendigen Änderungen der bedrohten Gesellschaftsordnung zu verhindern.
Das eben ist die besondere Zwiespältigkeit in unserer Epoche, die die Welt in
eine stete Unruhe versetzt: der Kapitalismus kann sich nur an der Macht halten,
wenn er die einzig wirksamen Mittel zur Beseitigung der beiden Übel
unterbindet, deren Vorhandensein seine Herrschaftsstellung ständig in
wachsendem Maße bedroht.
Seit dem Jahre
1914 hat sich das Gesicht der Welt wesentlich verändert. Die Erschütterungen,
die der letzte Krieg auslöste, waren gewaltig, aber doch nicht so tiefgehend,
daß aus dem Chaos des Krieges in stürmischem Tempo eine neue bessere Welt
herausgewachsen wäre. Die Periode der Nachkriegszeit bekräftigt die Richtigkeit
der marxschen Lehre, daß es keine permanente Krise gibt, die automatisch zum
Zusammenbruch des kapitalistischen Systems führen muß. Der Kapitalismus hat in
allen seinen Krisen Auswegmöglichkeiten; sein Ende kann nur herbeigeführt
werden, wenn die Arbeiterklasse stark genug ist, ihm die Auswege zu versperren
und ihn im Kampfe zu überwinden. Die sozialistische Gesellschaft entsteht nicht
wie ein Phönix aus der Asche; sie entwickelt sich nur mühselig, in harten,
schweren Kämpfen aus dem Schoße der kapitalistischen Gesellschaft. Der Weg zum
Sozialismus ist nicht gradlinig.
„Proletarische Revolutionen ...", schrieb Karl Marx im 18. Brumaire,
„kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem
eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von
neuem anzufangen, verhöhnen grausam gründlich die Halbheiten, Schwächen und
Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur
niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge, und sich riesenhafter
ihnen gegenüber wiederaufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der
unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation
geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst
rufen: hie rhodus, hie salta!"
Die Nachkriegsperiode ist erfüllt von harten Kämpfen um den Weg in die
Freiheit. Und wahrlich: in diesen Kämpfen gab es Siege und Niederlagen, gab es
Aufstieg und Absturz, Vormarsch und Rückzug, — und allmählich erst bilden sich
festere Fronten für die unausweichlichen entscheidenden Kämpfe. Die Teilsiege,
die Arbeiterklasse und Faschismus an verschiedenen Frontstellen errangen, sind
wichtige Ergebnisse, die den weiteren Verlauf der Kämpfe entscheidend
beeinflussen.
In dem Teil der Welt, in dem die Arbeiterklasse zielbewußt die proletarische
Revolution vorbereitete, in dem sie die Erschütterungen der kapitalistischen
Klassenherrschaft durch den Krieg für ihren revolutionären Machtkampf
auswertete, hat das Proletariat die politische Macht erobert und in harten
Kämpfen gegen alle Widerstände und Interventionen gehalten. Der Sieg des
russischen Proletariats ermöglichte den Aufbau des ersten Arbeiterstaates. Die
Verwirklichung sozialistischer Prinzipien machte die Sowjetunion zu einem
kräftigen, sich planmäßig aufwärts entwickelnden Land, das zu einem mächtigen
Faktor in der Weltpolitik wurde.
Neben der gesunden UdSSR steht die kranke kapitalistische Welt. Die nach dem
Kriege in den kapitalistischen Ländern einsetzende, trotz vorübergehenden
Konjukturen sich immer mehr verschärfende Wirtschaftskrise hat die
strukturellen Fehler des kapitalistischen Systems aufgezeigt. Voraussetzungen für
die proletarische Revolution waren auch in anderen Ländern gegeben, aber die
Uneinigkeit und Zerrissenheit der Weltarbeiterklasse, der erbitterte Kampf, den
die einzelnen Gruppen gegeneinander führten, haben die proletarische Bewegung
in den Nachkriegsjahren aktionsunfähig gemacht. Ihr fehlte in entscheidenden
Situationen die Kraft, den herrschenden kapitalistischen Mächten den Ausweg aus
der tiefsten und nachhaltigsten Krise ihres Systems zu versperren. So war es
dem Kapitalismus — über alle seine Krisen hinweg — möglich, in wichtigen
Ländern seine Herrschaftsstellung zu behaupten.
In einzelnen dieser Länder, in denen die Erschütterung der Nachkriegskrisen die
tiefsten Wirkungen auslöste, in denen die objektive Situation für die soziale
Revolution am reifsten war, versagte die Arbeiterklasse; dort waren aber auch
die monopolkapitalistischen Mächte unfähig, ihre Herrschaft mit normalen
Mitteln zu behaupten. Sie haben darum den Faschismus mobilisiert und zur Macht
geführt, um mit Hilfe des faschistischen Terrorregimes den offenen Widerstand
der Arbeiterklasse gewaltsam zu zerbrechen und den Fortbestand der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu sichern.
Die Stabilisierung eines wirtschaftlich und militärisch mächtigen
sozialistischen Arbeiterstaates auf der einen, das Auftreten von rücksichtslos
die Arbeiterklasse niederknüppelnden faschistischen Diktaturen auf der anderen
Seite — das sind die neuen Fakten, die die weltpolitische Situation gegenüber
1914 wesentlich verändert haben.
Die veränderte weltpolitische Situation bestimmt die
Frontenbildung und die Haltung der verschiedenen Mächtegruppen. Der Sieg des
Faschismus in einzelnen Ländern hat zwar keine Epoche einer neuen
gesellschaftlichen Ordnung eingeleitet, aber er hat doch eine andere Note in
die Weltpolitik gebracht. Er bedroht durch die Entfesselung hemmungsloser
imperialistischer Tendenzen die nationalen Interessen aller nichtfaschistischen
Staaten; er hat durch seine aggressive provokatorische Außenpolitik die Welt in
eine Waffenfabrik verwandelt und die Menschheit an den Abgrund des Krieges
geführt. Die nächsten Entscheidungen fallen darum im Kampfe um die Verhinderung
des von den faschistischen Diktaturen systematisch vorbereiteten großen
Krieges. Die endgültigen Fronten für diesen Kampf sind noch nicht formiert.
Fest stehen jedoch bereits ihre tragenden Grundpfeiler: in der Friedensfront
die UdSSR, in der Kriegsfront die faschistischen Diktaturen. Zwischen diesen
beiden schwankt die Gruppe der demokratisch-kapitalistischen Staaten unsicher
hin und her.
Fest und unerschütterlich wie ein Fels im tosenden Meer steht der Friedenswille
der Sowjetunion in dieser von Kriegsgefahr umdrohten Zeit. Die Friedenspolitik
der UdSSR ist ehrlich und eindeutig. Ihre Außenpolitik ist weder aggressiv,
noch imperialistisch. Sie bedroht an keiner Stelle die nationalen Interessen
anderer Völker. Die UdSSR verfügt in ihrem riesigen Gebiete über
unerschöpfliche Rohstoffquellen. Sie produziert alles, was zur Befriedigung der
Bedürfnisse aller Bürger ihres Landes notwendig ist. Der Sozialismus, dessen
Beispiel die kapitalistischen Klassen in den anderen Ländern als eine Bedrohung
ihrer Herrschaftsstellung empfinden, hat die Welt von dem Druck der im zaristischen
Rußland stark vertretenen imperialistischen Tendenzen befreit. Die Vernichtung
der ausbeutenden Klassen und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel haben
die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß alle in der Sowjetunion erzeugten
Güter von den Erzeugern selbst verbraucht werden können. Die
Produktionsüberschüsse, die der Kapitalismus in anderen Ländern um meines
Profits willen nicht vom eigenen Volk verbrauchen laßt, und für die er
Absatzmärkte in den kapitalistisch noch nicht völlig erschlossenen Ländern zu
erzwingen versucht, werden in der Sowjetunion dem eigenen Volke zugänglich
gemacht. Für die UdSSR entfällt der aus dem kapitalistischen System erwachsende
Zwang, sich mit anderen Staaten um die Absatzmärkte zu raufen. Außerdem hat die
Umwandlung des ehemals rückständigen Agrarlandes in ein fortgeschrittenes
Industrieland mit einer hochmechanisierten Landwirtschaft es der Sowjetunion
ermöglicht, die gewaltigen Rohstoffquellen ihres Riesengebietes auszuwerten,
durch stete Steigerung der industriellen und agrarischen Produktion die Menge
der Lebens- und Bedarfsgüter zu erhöhen. Die UdSSR kann aus eigener Kraft, nur
mit den in ihrem Lande vorhandenen Mitteln, die wirtschaftlichen und
kulturellen Bedürfnisse der innerhalb ihrer Grenzen lebenden Menschen in
wachsendem Maße befriedigen. Das sozialistische Wirtschaftssystem, unter dem
die kapitalistischen Profitinteressen völlig ausgeschaltet werden, ermöglicht
zugleich mit der planmäßigen ungestörten Vermehrung der Güter auch die gerechte
Verteilung derselben. Der Beweis ist erbracht, daß unter dem Sozialismus ein
Volk glücklich und reich leben kann, ohne andere Völker zu bedrohen; der Beweis
ist erbracht, daß unter der Herrschaft des Sozialismus der Imperialismus, der
eine ständige Bedrohung für den Frieden der Welt ist, seine Lebensbasis
verliert und sterben muß. Die sozialistische Sowjetunion ist frei von allen
imperialistischen Interessen; sie braucht weder neuen Raum, noch
Rohstoffquellen zu erobern, sie braucht keinen ihrer Nachbarn mit Krieg zu bedrohen.
Die UdSSR kann den Wohlstand der auf ihrem Gebiet lebenden Völker ständig und
am sichersten dann steigern, wenn der Frieden erhalten bleibt, wenn sie ihre
friedliche sozialistische Aufbauarbeit ungestört fortsetzen kann. Der
sozialistische Staat, der die kapitalistische Klassenherrschaft überwunden hat,
kann im Frieden für sein Volk und die Menschheit viel größere Siege erringen
als in dem erfolgreichsten Kriege. Die Sowjetunion ist darum aus ureigenem
Interesse der stärkste Garant des Friedens; sie wirft ihre ganze Macht in die
Wagschale, um der Welt den Frieden zu erhalten.
Nicht zuletzt darum betrachten die faschistischen Diktaturen die UdSSR als
ihren gefährlichsten Gegner. Weil sie — gebunden an die kapitalistische
Gesellschaftsordnung — unfähig sind, in friedlicher Aufbauarbeit die
wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse der Arbeiter, Bauern und
Mittelständler ihrer Länder zu befriedigen, suchen sie die Unruhe und
Unzufriedenheit der von ihnen beherrschten Volksmassen durch siegreiche Eroberungskriege
zu Überwinden. Nach Hitlers Erzählungen ist die Ursache aller Leiden des
deutschen Volkes der Mangel an Raum und an eigenen Rohstoffquellen. Die
Wahrheit dagegen ist, daß auch Deutschland über genug Siedlungsland, über große
Reichtümer verfügt, und daß ein friedfertiges Deutschland im friedlichen
Güteraustausch mit anderen Völkern alle von ihm benötigten Rohstoffe bekommen
kann. Das deutsche Volk leidet nicht darum Mangel, weil es in seinem Vaterlande
an Lebens- und Bedarfsgütern fehlt, sondern weil unter der faschistischen
Diktatur mit den brutalsten terroristischen Mitteln ganz einseitig nur die
monopolkapitalistischen Klasseninteressen vertreten werden. In Deutschland
fehlen nicht Raum und Güter, es fehlen nur die richtige Verteilung des Bodens und
die gerechte Verteilung des Ertrages der von dem arbeitsamen deutschen Volke
geleisteten Arbeit. Die Anwendung sozialistischer Wirtschaftsmethoden würde in
dem wirtschaftlich und kulturell hochentwickelten Deutschland viel schneller
noch und viel reichlicher als in dem ehemals so rückständigen Zarenreich
ermöglichen, die Bedürfnisse Aller zu befriedigen. Nur die gewaltsame
Verhinderung der gerechten Verteilung schafft den Mangel, den das faschistische
Regime nicht durch Maßnahmen im Innern des Landes beseitigen kann und den es
darum durch das Hinübergreifen über die Landesgrenzen, durch Eroberungen,
beheben will.
Der Ruf nach Siedlungsland und nach Kolonien bedroht unmittelbar die nationalen
und imperialistischen Interessen der anderen Staaten. So scharf auch der
Gegensatz zwischen der kriegswütigen Hitlerdiktatur und der friedenswilligen
Sowjetunion im Kampf um die Verhinderung des Krieges ist, Hitlers
Eroberungspläne bedrohen viel unmittelbarer den Südosten und Westen Europas wie
auch das englische Imperium. Die „Verständigungs"-reden an die Westmächte
sind nichts als taktische Winkelzüge, die ebenso über die nächsten Absichten
hinwegtäuschen sollen, wie die ständigen Aufrufe zum heiligen Krieg gegen den
Bolschewismus. Könnte Hitler zuerst die ukrainische Kornkammer holen und die in
„Mein Kampf" aufgezählten Eroberungsabsichten im Osten verwirklichen, so
würde er angesichts seines abgrundtiefen Hasses gegen den sozialistischen
Arbeiterstaat seine Zeit nicht mit Hetzreden gegen die Sowjetunion vergeuden; er
hätte seinen Ritt gen Osten schon längst durchgeführt. Aber das heißt nicht,
daß Hitler seinen imperialistischen Raubkrieg gegen die Sowjetunion aufgibt. Er
hat ihn nur vertagt, weil die große militärische, wirtschaftliche und
ideologische Macht der UdSSR ihm zunächst noch als ein zu großes Hindernis
erscheint. Die Generale der Bendlerstraße wissen, daß ein nur auf die Kräfte
des faschistischen Deutschland gestützter Überfall auf die Sowjetunion an dem
gewaltigen Widerstand der Roten Armee und der sowjetischen Völker scheitern
würde. Darum will Hitler vorerst die - Hegemonie in Europa erzwingen, um ganz
Europa für seinen Kriegszug gegen den „Erbfeind" des Faschismus zu
mobilisieren. Der Drang zur faschistischen Vormachtstellung in Europa aber
bedroht unmittelbar alle anderen Länder.
Hitler und seine Paladine sehen in der Verwirklichung ihrer Eroberungspläne die
Voraussetzung für die Stabilisierung ihrer Diktatur in Deutschland. Sie hoffen,
vieles von ihren weitgehenden außenpolitischen Zielen durch Drohungen und
Provokationen zu erreichen. Aber sie werden — wenn Drohungen allein nicht mehr
genügen — losschlagen. Der Krieg ist ein unablösbares Kampfmittel der
faschistischen Diktaturen; sie sind die aggressivsten Verfechter
imperialistischer Eroberungspolitik, sie sind die Träger der Kriegsfront. Die
Durchsetzung ihrer Absichten kann nur durch die Bildung eines übermächtigen
Friedensblockes verhindert werden.
Zwischen Kriegs- und Friedensfront schwanken die demokratischen
Großmächte. Ihr Schwanken schafft eine unklare, völlig unberechenbare Situation
in der internationalen Politik. So fest und zuverlässig — allerdings aus völlig
entgegengesetzten ökonomischen, politischen und ethischen Interessen — die Sowjetunion
in der Friedensfront und die faschistischen Diktaturen in der Kriegsfront
stehen, so unsicher ist die Haltung der demokratischen Großmächte. Die Haltung
aller demokratischen Staaten wird weitgehend von England beeinflußt, von dem
Frankreich sich nicht trennen will, und von dem die kleineren Staaten die
Garantie ihres Bestandes gegenüber faschistischen Vorstößen erwarten. Englands
schwankende Politik wirkt gegen die Bildung eines festen Friedensblockes; es
wird wahrscheinlich bis zum letzten Augenblick unklar bleiben, in welcher Front
England kämpft, wenn es den für den Frieden wirkenden Kräften nicht gelingt,
den Krieg zu verhindern.
Die demokratischen Staaten wollen in der gegenwärtigen Situation keinen Krieg;
ihre schwache Haltung gegenüber den faschistischen Provokationen wird nicht
unwesentlich auch von dem Wunsche bestimmt, den Frieden zu erhalten. Die
demokratischen Großmächte haben für ihre kriegsgegnerische Haltung andere
Gründe als die Sowjetunion. Das ist jedoch nicht entscheidend. Wichtiger ist
die Tatsache, daß in der aktuellsten Frage der Weltpolitik, im Kampf um die
Verhinderung des Krieges, ein übereinstimmender Wille als gemeinsame Grundlage
für das Zusammengehen der demokratischen Großmächte mit der Sowjetunion gegeben
ist. Die demokratischen Staaten wissen, daß die faschistischen Diktaturen den
Weltkrieg vorbereiten, den sie vermeiden wollen, und den sie fürchten, weil er
ihren Bestand und die in ihren Ländern herrschende Ordnung bedroht. Trotzdem
sträuben sich die nichtfaschistischen Staaten, eindeutig an die Seite der
Sowjetunion zu treten und sich in die Friedensfront gegen die faschistischen
Kriegstreiber einzureihen; und so mußten sie Schritt um Schritt vor den
außenpolitischen Provokationen der faschistischen Diktaturen zurückweichen; sie
haben diese dadurch zu immer neuen Provokationen ermuntert.
Das schwächliche Verhalten der demokratischen Großmächte stärkt die Position
der faschistischen Kriegstreiber, es vergrößert die Kriegsgefahr, die die
moderne Zivilisation bedroht. Die Wirkung der schwankenden Politik Englands und
Frankreichs ist der Welt bei dem imperialistischen Vorstoß Mussolinis gegen
Abessinien und im Krieg um die Freiheit des spanischen Volkes plastisch
demonstriert worden. Das aktive Eingreifen der faschistischen Mächte in den von
ihnen entfachten spanischen Bürgerkrieg, die unverkennbaren imperialistischen
Eroberungsabsichten des italienischen und deutschen Faschismus im Mittelmeer
und in Marokko; der Versuch, sich durch den Sieg des Vasallen Franco Rohstoffe
zu sichern, Spanien mit seinem afrikanischen Hinterland zu einer Kolonie und zu
einer Aufmarschbasis der faschistischen Staaten für weitere imperialistische
Vorstöße zu machen, — das alles bedroht nicht nur den Weltfrieden, sondern ist
eindeutig gegen die nationalen Interessen Englands und Frankreichs gerichtet.
Vor 1914 hätte eine so offenkundige Attacke zweifellos zu energischen
Gegenmaßnahmen geführt, und, wenn diese nicht den gewünschten Erfolg gehabt
hätten, zum Abwehrkrieg. 1937 aber haben England und Frankreich die früher
selbstverständlich gewesene Energie vermissen lassen; sie haben alle Vorstöße
gegen ihre Interessen ohne tatkräftige Gegenwehr hingenommen.
Was aber sind die Gründe dafür, daß die demokratischen Großmächte sich die
faschistischen Vorstöße gefallen lassen, ohne sofort zu energischen
Gegenaktionen zu greifen? Warum schwanken die demokratischen Staaten noch am
Vorabend weltgeschichtlicher Entscheidungen unsicher hin und her?
Diese Fragen können nur dann zuverlässig beantwortet werden, wenn man den
Dingen auf den Grund geht. wenn man die inneren Zusammenhänge der
weltpolitischen Situation und der Herrschaftsverhältnisse in den demokratischen
Ländern klarlegt. Über die Ursache der Schwankungen wird viel orakelt. Einmal
soll die zeitweise Vernachlässigung der Rüstung und die dadurch bedingte
militärische Schwäche Großbritanniens zum Ausweichen gezwungen haben. Natürlich
ist die militärische Schlagkraft eines Landes nicht unwichtig für sein
außenpolitisches Handeln, aber sie ist nicht die letzte entscheidende Ursache
für Englands schwankende Haltung. Ein andermal sollen besonders raffinierte
Versprechungen und geschickte taktische Schachzüge der faschistischen
Diktatoren das Einschwenken der demokratischen Staaten in die Friedensfront
verhindern. Jedoch alle diese spekulativen Betrachtungen über die endgültige
Stellung der zwischen Kriegs- und Friedensfront hin- und herpendelnden Staaten
sind müßig. Die Analyse der internationalen Situation ergibt, daß das Schwanken
der demokratischen Staaten nicht nur taktischen Erwägungen entspringt, sondern
tiefere, grundsätzliche Ursachen hat, die nicht durch taktische Winkelzüge
aufgehoben werden können.
Das Entscheidende ist, daß sich seit dem letzten Kriege die weltpolitische
Situation grundlegend geändert hat, und daß auf dieser neuen Basis die
demokratischen Staaten, in denen der Kapitalismus noch herrscht, ihre
außenpolitischen Entscheidungen nach neuen, der veränderten Situation
angepaßten Prinzipien treffen. Vor 1914 war die Situation für die kapitalistischen
Staaten wesentlich unkomplizierter als heute; sie ließen ihre Aussenpolitik
eindeutig nur von ihren nationalen und imperialistischen Interessen bestimmen.
Nach dem Auftreten zweier neuer Fakten in der Weltpolitik — der faschistischen
Diktaturen auf der einen, und des sozialistischen Arbeiterstaates auf der
anderen Seite — spielen andere, auch weltanschauliche Interessen eine größere
Rolle; heute sind die kapitalistischen Machthaber in den demokratischen Staaten
unsicher, ob sie die Entscheidung ihrer Aussenpolitik von ihrem nationalen und
imperialistischen, oder von ihren engeren, besonderen kapitalistischen
Klasseninteressen bestimmen lassen sollen. Die Konsequenz, die die
kapitalistischen Machthaber in den demokratischen Staaten aus der veränderten
weltpolitischen Situation gezogen haben, ist ihr Schwanken zwischen Kriegs- und
Friedensfront. Die Konsequenz, die die Volker der demokratischen Staaten aus
der veränderten weltpolitischen Situation ziehen müssen, ist ihr festes und
einiges Auftreten für die Friedensfront, für das eindeutige Eintreten ihrer
Vaterländer in die Kampffront gegen die faschistischen Kriegstreiber.
Vor dem letzten Weltkrieg herrschte in allen Ländern der Kapitalismus. Die
verschiedenen Formen, unter denen er in den entscheidenden Staaten — in
England, Deutschland, Frankreich, Rußland und den USA — seine Herrschaft
ausübte, änderte nichts an der Tatsache, daß sich die wesentlichen Gegensätze
der Großmächte aus dem Kampf der Kapitalisten um den Weltmarkt herausbildeten.
Die Parolen, „Gegen den Zarismus", oder „Gegen den wilhelminischen
Absolutismus" Krieg zu führen, entsprangen nicht weltanschaulichen
Gegensätzen, sondern dem Bedürfnis, durch Vortäuschung weltanschaulicher
Gegensätze die Arbeitermassen der verschiedenen Länder leichter für die
gegenseitige Bekämpfung auf den Schlachtfeldern mobilisieren zu können. Die
blutige Knute des Zarismus hat die deutschen Kapitalisten ebensowenig gestört,
wie das undemokratische Regime des wilhelminischen Deutschland die Kapitalisten
der westeuropäischen Demokratien störte. Die Entente gegen Deutschland war
gewiß nicht aus weltanschaulichen Gründen zustande gekommen, den Anstoß zu
ihrer Bildung gab die imperialistische Politik des wilhelminischen Deutschland,
die — fast ebenso aggressiv wie Hitlers Außenpolitik — andere Großmächte
bedrohte. Damals führte diese Bedrohung zum Zusammenschluß und schließlich zum
Kriege. Der Feind wurde ganz eindeutig nur nach den nationalen und
imperialistischen Interessen der kapitalistischen Länder bestimmt. Gegen das Land,
das diese bedrohte, schlössen sich die anderen zusammen. Gleichgültig, welche
Staatsform in den feindlichen und in den verbündeten Ländern herrschte. Da die
Herrschaft der Regierenden in allen Ländern auf der gleichen ökonomischen Basis
beruhte, war die verschiedene Staatsform kein Hindernis für die klare Bildung
der Fronten nur nach den nationalen und imperialistischen Interessen. Darum war
es gar nicht verwunderlich, daß das zaristische Rußland und das wilhelminische
Deutschland sich im Kriege als Gegner gegenüber standen, während die Entente
zwischen dem republikanischen Frankreich und dem zaristischen Rußland ohne
große Schwierigkeiten wirksam werden konnte.
Die Geschichtsepoche, in der die kapitalistischen Staaten ihre außenpolitischen
Entscheidungen ausschließlich nach ihren nationalen und imperialistischen
Interessen bestimmten, ist mit dem endgültigen Siege der proletarischen
Revolution in einem Lande abgeschlossen. Jetzt beruht die Herrschaft der
Regierenden nicht mehr In allen Ländern auf der gleichen ökonomischen Basis.
Auf einem Sechstel der Erde existiert die kapitalistische Klassenherrschaft
nicht mehr. In einem riesigen Gebiet herrscht der Sozialismus, der aus dem
alten morschen Zarenreich einen wirtschaftlich und militärisch starken Staat gemacht
hat. Der erste Arbeiterstaat repräsentiert in der Weltpolitik eine gewaltige
Macht, mit der die Großmächte in allen Kontinenten ernsthaft rechnen müssen.
Der Sieg des Sozialismus in einem Lande hat aber nicht nur das Zarenreich
umgestaltet, die Funktion Rußlands in der Weltpolitik und damit die
weltpolitische Situation, er hat auch die Rolle der Arbeiterklasse in der
Weltpolitik entscheidend verändert.
Die internationale Arbeiterbewegung war ohne Zweifel auch schon vor 1914 eine
Macht, mit der die Kapitalisten bei den Klassenkämpfen in ihren Ländern
ernsthaft rechnen mußten. Jedoch die Weltarbeiterklasse war noch nicht reif und
stark genug, um selbständige internationale Politik zu betreiben und als
handelnde Macht in die weltpolitischen Ereignisse unmittelbar einzugreifen. Der
Zusammenbruch der sozialistischen Arbeiterinternationale im August 1914 bewies,
daß es ihr damals noch an theoretischer Klarheit, an Zielbewußtheit und an
Kraft fehlte, um die der Weltarbeiterklasse von der Geschichte gestellte
Aufgabe zu erfüllen. Die Voraussetzungen für die Überwindung der 1914 hemmenden
Mängel sind jetzt gegeben. Mit dem Auftreten eines mächtigen sozialistischen
Arbeiterstaates in der Weltpolitik ist die Arbeiterklasse weit über ihre
Bedeutung von 1914 hinausgeschritten. Erst jetzt wurde sie — zum ersten Male in
der Geschichte — zu einer unmittelbar geschichtsbildenden Kraft, die ihre Macht
auch in der internationalen Politik direkt einzusetzen vermag. Die
Weltarbeiterklasse kann heute den weiteren Verlauf der Weltgeschichte
entscheidend mitbestimmen. Die herrschenden kapitalistischen Mächte haben die
neue geschichtliche Rolle der Arbeiterklasse in der Weltpolitik viel besser
begriffen als viele Sozialisten; sie lassen darum bei ihren außenpolitischen
Entscheidungen neuerdings auch ihre unmittelbaren inneren Klasseninteressen und
weltanschauliche Gründe mitsprechen. Die internationale Arbeiterbewegung muß
aus den veränderten Verhältnissen ebenso Lehren ziehen wie ihr kapitalistischer
Gegenspieler.
Es ist nicht zwangsläufig, daß die Arbeiterklasse den weiteren Verlauf der
weltgeschichtlichen Entscheidung ausschlaggebend bestimmen muß; sie kann das
nur. wenn sie einig und geschlossen ist und in unzertrennlicher Verbundenheit
mit dem ersten sozialistischen Arbeiterstaat handelt. Nur dann wird sie ihre
volle Kraft ausnützen und die ihr von der Geschichte gestellte Aufgabe erfüllen
können: den Weltsieg des Faschismus zu verhindern, die niedergehende
Klassenherrschaft des Kapitalismus direkt abzulösen und die Menschheit auf eine
höhere Stufe der Entwicklung zu führen.
Die kapitalistischen Mächte in den demokratischen Staaten empfinden das
Vorhandensein eines mächtigen Arbeiterstaates als eine Bedrohung ihrer
Klasseninteressen. Sie wissen, daß die bedeutende Rolle, die die Sowjetunion
als immer mächtiger werdender Staat in der Weltpolitik spielt, auch die
ideologische Wirkung der UdSSR auf die Arbeitermassen in allen Ländern erhöht
hat. Der gewaltige Aufstieg, der sich in der UdSSR inmitten der
Weltwirtschaftskrise vollzog, bewies in der Praxis die Überlegenheit des
sozialistischen Systems über das kapitalistische. Der erste Arbeiterstaat hat
bewiesen, daß der Sozialismus die Krise überwinden und die Produktion steigern
kann, ohne daß die Mehrproduktion zu neuen Krisen führt. Während in der
kapitalistischen Welt die Aufspeicherung des unverbrauchten Verdienstes der
Kapitalisten immer schwerere Wirtschaftskrisen erzeugte und so Millionen
Menschen arbeitslos machte und zum Hungern verurteilte, konnte die UdSSR alle
Hände beschäftigen und eine neue, bessere Wirtschaft aufbauen. Die Sowjetunion
hat die Richtigkeit der marxschen Theorie bewiesen, daß erst die Befreiung der
Produktionsmittel aus den Händen der Kapitalisten die gewaltigen Fortschritte
der Technik und des Geistes dem ganzen Volke dienstbar macht. Darum wirken die
Erfolge des sozialistischen Aufbaus in dem ersten Arbeiterstaat in steigendem
Maße revolutionierend auf die Proletarier in der ganzen Welt. Die bange Sorge
der Kapitalisten ist, daß die Arbeiter in ihren Ländern immer deutlicher das
aus dem Osten kommende Licht wahrnehmen und die aus der erfolgreichen
sozialistischen Wirklichkeit tönende Mahnung beherzigen: in ihrer Heimat ebenso
wie in dem damaligen Zarenreich den Kapitalismus zu überwinden, die Ausbeutung des
Menschen durch den Menschen zu beseitigen und die Bahn frei zu machen für einen
stabilen, zukunftssicheren wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg.
Der Sieg des Faschismus in Deutschland hat die Situation für die
demokratisch-kapitalistischen Staaten noch mehr kompliziert. Während vor dem
Auftreten Hitlers normale, gleichwertige imperialistische Interessen der
imperialistischen Großmächte gegeneinander stießen, bedroht jetzt der
gesteigerte Überimperialismus machtlüsterner Diktatoren auf Schritt und Tritt
und in allen Ecken Europas die nationalen Interessen der demokratischen
Staaten. Würde die außenpolitische Stellungnahme der demokratischen Staaten
nicht auch noch von anderen als nationalen Interessen beeinflußt, so würden sie
zusammen mit der Sowjetunion den übermächtigen Friedensblock bilden, der jeden
Friedensstörer zur sicheren Niederlage verurteilt, der ihn zwingt, den Angriff
zu unterlassen, und den Frieden zu wahren. Die viel verbreitete Meinung, daß
die demokratischen Großmächte in den entscheidenden Situationen zwangsläufig im
demokratischen Staatenblock gegen den faschistischen stehen werden, beruht auf
trügerischen und darum gefährlichen Hoffnungen. Die demokratische Staatenfront
ist eine fiktive. Die noch so ernst gemeinte demokratische Verfassung eines
kapitalistischen Staates ist keine Garantie für die Stellungnahme der
demokratischen Staaten gegen die faschistischen Diktaturen. Die Politik der
kapitalistischen Klassen richtet sich nicht nach den in ihrem Vaterland
publizierten, und von ihnen auch anerkannten politischen Ideen, sondern nach
ihren materiellen Interessen.
Die demokratischen Staaten haben eine durchaus ehrliche Abneigung gegen die zum
Krieg treibende Politik der faschistischen Diktaturen. Ihre nationalen
Interessen verlangen ihre eindeutige Stellungnahme für die Friedensfront. Wäre
die Sowjetunion der aggressive Kriegstreiber, und wären die faschistischen
Diktaturen die Stützen der Friedensfront, so würden die kapitalistischen
Machthaber der demokratischen Staaten hemmungslos die Friedensfront verstärken.
Weil aber unzweifelhaft die faschistischen Diktaturen die Friedensstörer sind,
muß die Friedensfront naturnotwendig antifaschistisch sein. Die Identität der
Friedensfront mit der antifaschistischen Front erschwert den kapitalistischen
Machthabern in den demokratischen Staaten die eindeutige Stellungnahme. In der
antifaschistischen Front ist die Sowjetunion die stärkste Kraft. Die
Staatsmänner — besonders Englands — fürchten, daß die Sowjetunion zusammen mit
den ihr ideologisch oder (ohne Unterschied der Parteirichtung) gefühlsmäßig
verbundenen Arbeitermassen in der antifaschistischen Friedensfront eine
unüberwindbare Macht wird, die nach Niederwerfung der faschistischen Diktaturen
— auf die sie zunächst alle Kraft konzentriert — nicht stehen bleibt. Sie
fürchten, daß diese Macht nach der Erreichung des ersten entscheidenden Zieles
weiter vorwärts schreiten wird, um auch die Ursache von Krieg und Faschismus —
die kapitalistische Gesellschaftsordnung — zu überwinden.
Die kapitalistischen Mächte in den demokratischen Staaten wollen um jeden Preis
ihre herrschende Stellung behaupten. Aber sie wissen nicht, durch welche
Entscheidung sie das am besten erreichen. Das eben ist der Zwiespalt, in den
sie die veränderte weltpolitische Situation gebracht hat. Sie sind unsicher, ob
sie ihre Herrschaftsstellung behaupten können, wenn sie in einer Front mit der
Sowjetunion zunächst den imperialistischen Vorstoß der aggressiven
faschistischen Diktaturen gegen ihre nationalen Interessen entscheidend zurückschlagen
und dadurch den Sturz der faschistischen Diktaturen herbeiführen helfen — oder
wenn sie in der Front mit Hitler und Mussolini den ersten Stoß gegen den ihre
Machtstellung ideologisch bedrohenden sozialistischen Arbeiterstaat führen. Sie
sind unsicher, wie sich bei der Entscheidung für die zweite Möglichkeit ihre
Völker verhalten werden, ob deren Auftreten an der Seite der Sowjetunion nicht
gleichfalls zum Sturz ihrer Herrschaft führt. Sie fürchten außerdem, daß die
überspitzte Gewaltherrschaft des Faschismus nach einer kurzen Übergangszeit
schneller und sicherer zum endgültigen Sturz der kapitalistischen
Klassenherrschaft führt. Für welchen Weg sie sich auch entscheiden, sie
fürchten, später von dem Bundesgenossen erdrückt zu werden, mit dem zusammen
sie den gefährlichsten Gegner niedergeworfen haben.
Die Männer und Mächte, die zum Beispiel Englands Politik bestimmen, sind gewiß
nicht für Hitlers machtlüsternes Diktaturregime, das die ganze Welt beunruhigt,
— aber sie fürchten den Sieg der Arbeiterklasse. Sie möchten sich gern für das
kleinere Übel entscheiden, aber sie sind im Zweifel, was im entscheidenden
Augenblick das kleinere Übel sein wird. Sie wissen nicht, ob es ihnen nach der
Niederwerfung der einen „ideologischen Front" gelingen wird, dem von ihnen
ausgewählten kleineren Übel gegenüber die Entscheidung zugunsten ihrer
nationalen kapitalistischen Interessen herbeizuführen.
England will sich — wie die englischen Regierungsmänner in allen
außenpolitischen Reden erklären — weder in eine weltanschauliche Front
einreihen, noch an einem Weltanschauungskrieg beteiligen. Diese Erklärungen
richten sich ebenso gegen die Bildung einer demokratischen Friedensfront, wie
gegen Hitlers antibolschewistische Staatenfront für den heiligen Krieg gegen
die Sowjetunion. Hitler und Mussolini rechnen bei der Durchführung ihrer
provokatorischen Außenpolitik mit der Angst der kapitalistischen Machthaber in
den demokratischen Staaten vor der ideologischen Fernwirkung des ersten
Arbeiterstaates. Hitler propagiert seine weltanschauliche Front nur, um die
kapitalistischen Interessen in den demokratischen Ländern für die Erreichung
seiner — die demokratischen Staaten bedrohenden — imperialistischen Ziele
auszunützen. Es ist darum zweifellos notwendig. Hitlers Spekulationen zu stören
und seinen Bemühungen, eine Front der kapitalistischen Staaten gegen die
Sowjetunion zu bilden, entschieden entgegenzuwirken. Aber trotzdem ist kaum zu
bezweifeln, daß bei den weltpolitischen Entscheidungen unserer Zeit, im
Gegensatz zu 1914, weltanschauliche Interessen hineinspielen werden. Im
gewissen Sinne entscheiden auch bei der Problemstellung Krieg oder Frieden,
faschistische Diktatur oder Demokratie, weltanschauliche Gesichtspunkte mit.
Die konsequente Verneinung dieser Tatsache durch die Staatsmänner der
demokratischen Staaten führt zu ihrer unrealen, illusionären Politik, die
letzten Endes nicht der Erhaltung des Friedens, sondern den Kriegstreibern
dient.
Aus der Identität der antifaschistischen Front mit dem Friedensblock ergibt sich
die widerspruchsvolle, schwankende Haltung der demokratischen Großmächte, die
ihren Willen und ihre Aktionen zur Verhinderung des Krieges durch die Ablehnung
der antifaschistischen Friedensfront selbst sabotieren. Die herrschenden
kapitalistischen Mächte der demokratischen Staaten wollen die Quadratur des
Kreises lösen: sie wollen den Frieden erhalten, aber die faschistischen
Diktaturen nicht stürzen; sie wollen die aggressive, zum Krieg treibende
Politik der faschistischen Diktaturen liquidieren, aber sich nicht für die
antifaschistische Front entscheiden.
Das Lebensinteresse der Völker in den demokratischen Staaten erfordert
Stellungnahme für die antifaschistische Friedensfront, das egoistische
Sonderinteresse der kapitalistischen Klassen hindert die eindeutige
Frontstellung der demokratischen Großmächte gegen die faschistischen
Kriegstreiber.
Wir stehen vor Entscheidungen von weltgeschichtlicher Bedeutung.
Wie diese Entscheidungen ausfallen, ob die Menschheit unter die „eiserne
Ferse" des Faschismus gezwungen oder die Bahn für den Aufstieg zu einer
höheren Gesellschaftsform freimachen wird, in der alle Menschen in Frieden und
Wohlstand leben können, das hängt vor allem davon ab, ob die Weltarbeiterklasse
als gewaltige Macht unmittelbar in die Weltpolitik einzugreifen vermag.
Alle Voraussetzungen für das Auftreten der Arbeiterklasse als machtvolle
geschichtsbildende Kraft sind gegeben. Das ist das positive Ergebnis der
veränderten weltpolitischen Situation. Die negative Nebenwirkung des
Machtzuwachses der Arbeiterklasse ist die schwankende Haltung der
demokratisch-kapitalistischen Staaten gegenüber der den Frieden bedrohenden
Politik Hitlers und Mussolinis. Zwei Seelen wohnen doch, in der Brust der
herrschenden Mächte dieser Staaten. Auf welche Seite sie sich endgültig
stellen, das wird sich wahrscheinlich erst in der letzten Stunde entscheiden. Die
konkrete Aufgabe der Arbeiterklasse in allen Ländern ist es, ihre Vaterländer
zu einer eindeutigen Stellungnahme zu veranlassen: zum Beitritt in den dann
übermächtig werdenden Friedensblock, der den faschistischen Diktaturen den
Ausweg in den Krieg versperrt und den Untergang der modernen Zivilisation
verhindert.
Wann und wie die endgültige Entscheidung der demokratischen Staaten fällt, wird
im wesentlichen von zwei Faktoren bestimmt werden:
Erstens davon, ob die faschistischen Diktaturen bei der fortgesetzten
Steigerung ihrer aggressiven imperialistischen Politik die Grenze
überschreiten, die die demokratischen Großmächte bei der Wahrnehmung ihrer
nationalen Lebensinteressen ziehen müssen. Diese Grenze ist — wie die
Geschehnisse in den letzten Jahren beweisen — sehr elastisch, sie ist immer
weiter rückwärts verlegt worden. Aber sie wird den Punkt erreichen, an dem die
Überschreitung durch faschistische Provokationen die demokratischen Großmächte
zur Gegenwehr zwingt.
Zweitens davon, wie groß die Einsicht, der Wille und der Einfluß der
Arbeiterklasse in den demokratischen Ländern ist, um diese zur eindeutigen
Stellungnahme für die demokratische, antifaschistische Friedensfront zu
bringen.
Die provokatorische Außenpolitik der faschistischen Diktaturen hat in allen von
ihr bedrohten Ländern günstige Voraussetzungen für erfolgreiche Aktionen zur
Stärkung der Friedensfront geschaffen. Der entscheidende subjektive Faktor, der
diese günstige objektive Situation zielbewußt ausnutzen muß, ist die
Arbeiterbewegung. Die Größe ihrer Macht und ihres Einflusses, die sie in den
einzelnen Ländern für die Erfüllung ihrer nächsten Aufgabe einzusetzen vermag,
wird nicht zuletzt von dem Grad ihrer Einigkeit und Geschlossenheit bestimmt.
Die Bildung einer aktionsfähigen Einheits- und Volksfront ist darum sowohl im
nationalen, wie im internationalen Rahmen eine unablösbare Pflicht. Wer heute
noch die gemeinsame antifaschistische Kampffront als Parteimanöver behandelt
oder betrachtet, verkennt die bedeutende geschichtliche Rolle der
Arbeiterklasse am Vorabend weltgeschichtlicher Entscheidungen. Die Volksfront
und die Voraussetzung für diese, die Einheitsfront, dienen nicht egoistischen
Interessen eines Teiles der Arbeiterbewegung, sie sind vielmehr Kampfmittel
aller Werktätigen für ihren Kampf um Freiheit und Fortschritt, für den Aufstieg
der Menschheit aus den Niederungen der steten Bedrückung und Bedrohung. Die
Arbeiterparteien der verschiedenen Länder können die Frage der gemeinsamen
antifaschistischen Kampffront nicht mehr nur nach innerpolitischen
Gesichtspunkten entscheiden, sie müssen ihre Entscheidung nach den Bedürfnissen
des umfassenden internationalen Befreiungskampfes des Proletariats treffen. Von
dem Tempo, in dem die Einheits- und Volksfront in den einzelnen Ländern zustande
kommt, von dem Tempo, in dem die Weltarbeiterklasse zu einem entscheidenden
Machtfaktor in der internationalen Politik wächst, wird es abhängen, ob den
Völkern der furchtbarste aller Kriege erspart werden kann, ob — wenn die
Verhinderung des Krieges trotz aller Anstrengungen nicht gelingt — in diesem
Kriege der Faschismus vernichtend geschlagen wird, und ob die Ursachen von
Krieg und Faschismus beseitigt werden können. Die geschichtliche Entwicklung
wird die Richtigkeit dieser Behauptung erweisen. Hoffentlich müssen Historiker
nicht einmal feststellen, daß diese Erkenntnis sich erst zu spät in den
einzelnen Arbeiterparteien durchgesetzt hat.
Die Einheits- und Volksfront, die in den demokratischen Ländern starken Einfluß
besitzt, kann diese zur Entscheidung für die antifaschistische Friedensfront
zwingen. Ist ihr Druck jedoch noch nicht stark genug, um ihr Land eindeutig in
den Friedensblock zu führen, so kann sie — wenn sie im Volke fest verankert ist
— doch das Einschwenken ihres Vaterlandes in die faschistische Front
verhindern. Auf jeden Fall wird es von der Einheits- und Volksfront abhängen,
ob die herrschenden kapitalistischen Mächte der einzelnen Länder vor dem Kriege
an der Seite der faschistischen Diktaturen zurückschrecken werden. Wenn nicht
für die Staatsmänner, so gewiß für die Völker der demokratischen Staaten, wird
im Kriege die gesinnungsmäßige Frontenbildung davon bestimmt werden, daß auf
der einen Seite die faschistische Diktatur, auf der anderen Seite der
sozialistische Arbeiterstaat steht. Ebenso wie die Situation, ist auch die
Stimmung der Volksmassen eine wesentlich andere als 1914. Die zielbewußte
Ausnutzung dieser Tatsache ist die Pflicht der antifaschistischen Bewegung.
Müssen die Herrschenden aller Länder damit rechnen, daß in einem Kriege, den
sie an der Seite der faschistischen Diktaturen führen wollen, große Volksmassen
gegen sie auftreten werden, so wird die Angst vor dem Risiko dieses Krieges
ihre endgültige Entscheidung nicht unwesentlich beeinflussen. Eine mächtige,
einig handelnde antifaschistische Kampffront kann unmittelbar oder mittelbar
den Friedensblock so stark machen, daß die faschistischen Kriegstreiber den
Überfallkrieg gegen einzelne Staaten nicht mehr wagen können.
Die nächsten großen Entscheidungen fallen auf dem Boden der internationalen
Politik. Brennend wichtig ist darum die internationale Einheitsfront aller
demokratischen Kräfte — ohne Unterschied der Parteirichtung — mit der
Sowjetunion. Die neue internationale Situation fordert klare Frontenbildung;
sie verlangt besonders von allen Teilen der internationalen Arbeiterbewegung
eine eindeutige Stellungnahme. Das gemeinsame Interesse der Weltarbeiterklasse
gebietet, daß in dem gewaltigen Ringen unserer Zeit alle Teile der
internationalen Arbeiterbewegung Schulter an Schulter mit der Sowjetunion
kämpfen. Nur dann wird die Arbeiterklasse das positive Ergebnis der veränderten
weltpolitischen Situation, als geschichtsbildende Kraft die nächsten
Entscheidungen zu bestimmen, auch positiv auswerten können.
Von der Parteien
Haß und Liebe gezeichnet, schwankt das Bild der Sowjetunion in den
zeitgenossischen Betrachtungen. Kein Land hat in den letzten zwei Jahrzehnten
die Aufmerksamkeit der Menschen aller Erdteile so auf sich gelenkt wie die
UdSSR. Die Einen bejahen mit Begeisterung das neue Werden im Osten. Die Anderen
verfluchen es als ein Teufelswerk der Hölle. Die Dritten schwanken zwischen
diesen beiden Extremen hin und her, finden Fehler und Mängel, mit denen sie
ihre unschlüssige Haltung begründen. Alle aber bekunden — durch positive oder
negative Stellungnahme — die große Bedeutung der UdSSR in den Kämpfen unserer
Zeit. Und in der Tat; künftige objektive Historiker werden feststellen, daß mit
dem Siege der proletarischen Revolution in einem Lande und mit der Sicherung
und Festigung dieses Sieges der Durchbruch in eine neue Epoche gelungen ist:
daß der Aufbau des ersten sozialistischen Arbeiterstaates die größte
geschichtliche Leistung der Vergangenheit war, der erste entscheidende Schritt,
der auf dem Wege zur Verwirklichung des Sozialismus, zu einer höheren,
vollkommeneren menschlichen Gesellschaft vorwärts gemacht wurde.
Jedoch nicht nur der rückschauende Historiker, auch der in der Geschichte aktiv
handelnde politische Mensch muß die Kräfte und Mächte in der Weltpolitik, die
großen Ereignisse und Veränderungen in ihrem geschichtlichen Zusammenhange
betrachten. Dann aber wird er erkennen, daß die Sowjetunion zu einem
Machtfaktor in der Weltpolitik geworden ist, von dessen Bestand und Stärke es
entscheidend mit abhängt, ob die Menschheit durch den Sieg des Faschismus weit
zurückgeworfen wird, in einen Zustand tiefster Barbarei — der dem heutigen
Stand der Entwicklung vollkommen widerspricht — oder ob die zum Sturz reife
kapitalistische Klassenherrschaft durch den Sozialismus abgelöst wird. Das
Große, für den Befreiungskampf der Menschheit Bedeutungsvolle jedoch ist: die
auf den Trümmern des alten morschen Zarenreiches entstandene Sowjetunion ist
nur darum zu einem entscheidenden Machtfaktor in der Weltpolitik geworden, weil
die siegreiche proletarische Revolution die kapitalistische Klassenherrschaft
rücksichtslos vernichtete, die Produktionsmittel vergesellschaftete, und mit
sozialistischen Wirtschaftsmethoden in atemberaubendem Tempo einen gewaltigen
ökonomischen Aufbau vollzog. Erst die Entfesselung der vom kapitalistischen
Profitinteresse niedergehaltenen Produktivkräfte, erst die Befreiung der
Menschen aus der kapitalistischen Sklavenfron hat die Sowjetunion befähigt,
alle wirtschaftlichen und menschlichen Kräfte für den Aufstieg und für die
Verteidigung der Heimat zu mobilisieren. Ohne den sozialistischen Aufbau wäre
die UdSSR nie die große wirtschaftliche und militärische Macht in der
Weltpolitik geworden, die auch die Waffen zu gebrauchen versteht, mit denen die
kapitalistische Klassenherrschaft noch heute über fünf Sechstel der Erde
aufrechterhalten wird, und vor denen allein die Herren der kapitalistischen
Weltordnung Respekt haben.
Von manchen aus den Reihen der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Kritikern der
Sowjetunion wird bestritten, daß die in harten Kämpfen unter großen Opfern
aufgebaute Macht der UdSSR auch tatsächlich für den Sieg des Sozialismus in der
ganzen Welt wirkt. Die Geschichte der russischen Revolution, die objektive
Analyse der Entwicklung und der Politik der Bolschewistischen Partei beweist,
daß die Zweifel der Kritiker unberechtigt sind. Die endgültige Sicherung des
ersten Arbeiterstaates ist eng verbunden mit dem sozialistischen Vormarsch in
den anderen Ländern. Das ureigenste Interesse gebietet der Sowjetunion, für den
Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt zu wirken. Aber der Weltsieg des
Sozialismus kann nicht ohne den Machteinsatz der Weltarbeiterklasse erfochten
werden. Die internationale Arbeiterbewegung ist der entscheidende Machtfaktor
im Weltkampf um den Sozialismus; ihre Kraft und die Festigkeit ihres Bündnisses
mit der Sowjetunion wird den Ausgang des Kampfes um eine neue Weltordnung
bestimmen. Die internationale Arbeiterbewegung kann eine große, gewaltige
Kampfkraft entfalten. Aber die ideologische Verwirrung in ihren Reihen, ihre
Uneinigkeit und die gegenseitige Bekämpfung der verschiedenen Gruppen machen
sie zeitweise aktionsunfähig, hindern nur zu oft in entscheidenden Situationen
den vollen Einsatz ihrer Macht.
Es ist unbestreitbar, daß die Kampffront für den Sozialismus in den
kapitalistischen Ländern heute noch nicht so stark ist wie die Sowjetunion.
Jedoch auch die internationale Machtposition der UdSSR ist in weitgehendem Maße
abhängig von der Stärke der internationalen Arbeiterbewegung. Ist diese
aktionsunfähig, wird dadurch auch die Stoßkraft der Sowjetunion geschwächt.
Gerade die durch Uneinigkeit verschuldete Schwäche der internationalen
Arbeiterbewegung ist es, die oft den von ungeduldigen Kritikern geforderten
Einsatz der Sowjetmacht an allen Kampffronten erschwert. Wie schicksalhaft die
zwei entscheidenden Faktoren in der Kampffront für den Sozialismus miteinander
verbunden sind, wird am deutlichsten dadurch charakterisiert, daß die Größe der
Aktionsfähigkeit des einen von der des anderen bedingt wird, daß die Stoß- und
Wirkungskraft beider von ihrem gegenseitigen Verhältnis abhängt. Steht die
internationale Arbeiterbewegung einig und geschlossen in enger
Kampfgemeinschaft, sieht sie in dem ersten Arbeiterstaat mehr noch als einen
Verbündeten, so wird sie dadurch gewaltig erstarken und in der Wechselwirkung
auch die Aktionskraft der Sowjetunion bedeutend steigern; andererseits wird
durch die erhöhte Aktionskraft der Sowjetunion die Machtposition der
Internationalen Arbeiterbewegung vergrößert. Außerdem wird der von einer
mächtigen, einigen internationalen Arbeiterbewegung unterstützte Arbeiterstaat
manche zeitweilig notwendigen Konzessionen und Kompromisse unterlassen können
und damit vielen Kritikern die Möglichkeit zu ihrer verwirrenden Kritik nehmen.
Die ideologische Klärung wird sich viel rascher vollziehen, und auch dadurch
wird die internationale Arbeiterbewegung unvergleichlich stärker, mächtiger und
einflußreicher werden, als sie heute ist. Der Ausgangspunkt für die Überwindung
aller vorhandenen Schwierigkeiten und Schwächen ist jedoch die gemeinsame
Kampffront der gesamten internationalen Arbeiterbewegung und ihre
unerschütterliche Kampfgemeinschaft mit der Sowjetunion. Darum ist es eine
unumgängliche Pflicht, alle proletarischen Kräfte zum einheitlichen Handeln
zusammenzufassen und den festen Kampfblock der Weltarbeiterklasse mit der
Sowjetunion zu schmieden. Das unerschütterliche Zusammenwirken der beiden
entscheidenden geschichtlichen Kräfte in der Front gegen Krieg und Faschismus
wird den Weltsieg des Sozialismus wesentlich beschleunigen.
Es geht um Sein oder Nichtsein. Wir stehen vor dem großen Kampf, dem keiner
sich entziehen kann. Die herannahende Entscheidung verlangt gebieterisch die
Geschlossenheit aller proletarischen Kräfte und deren klare, eindeutige
Stellungnahme zur Sowjetunion. Die geschichtliche Situation duldet in dieser
Frage kein Ausweichen mehr. Wer den Faschismus schlagen will, kann nicht mehr
„Ja aber" oder „Ja und Nein", der muß eindeutig Ja zur Sowjetunion
sagen. Wer dieses klare Ja verweigert oder abschwächt, gerät — wenn er nicht
schon dort steht — auf die falsche Seite der Barrikade.
Die faschistischen Feinde der Arbeiterklasse haben die große geschichtliche
Bedeutung der Sowjetunion in den Kämpfen unserer Epoche klarer erkannt als
große Teile der Weltarbeiterklasse. Die Faschisten fürchten in dem von ihnen
vorbereiteten Kriege nicht nur die gewaltige militärische und wirtschaftliche
Macht der Sowjetunion, sondern auch die ideologische Fernwirkung des
sozialistischen Arbeiterstaates auf ihre eigenen Volksgenossen. Darum betreiben
sie eine ununterbrochene systematische Hetze gegen die Sowjetunion; sie wollen
durch Lügen und Verleumdungen die Sympathien der freiheitlich gesinnten Massen
ihrer Länder für die UdSSR zerstören. Endlos werden Märchen von dem
verhungernden russischen Volke aufgetischt, entrüstet wird berichtet, daß in
der Sowjetunion zehntausende edler Menschen in besonders fürchterlichen
unterirdischen Gefängnissen schmachten, daß die Zahl der täglich zu
Erschießenden generell auf 150 festgesetzt ist. Die Hetze gegen die Sowjetunion
erfolgt nach dem in „Mein Kampf" von Hitler niedergeschriebenem Rezept,
daß eine Lüge nur groß genug sein muß, um geglaubt zu werden. Die Mehrheit der
deutschen Arbeiterschaft fällt auf die faschistischen Hetzreden gegen die
Sowjetunion nicht mehr herein. Aber es gibt trotzdem noch genug Arbeiter, und
vor allem Angehörige anderer Klassen, die von den Lügen der Faschisten zumindest
so weit beeindruckt werden, daß sie, auch wenn sie dem Faschismus gegenüber
bereits eine negative Haltung einnehmen, zu keiner positiven Kampfstellung
gelangen. Schon allein darum ist die Widerlegung dieser Märchen und die
sachliche Aufklärung der Massen über die wirkliche Entwicklung in der
Sowjetunion dringend notwendig. Mehr noch als durch die Lügen der Faschisten
werden die Volksmassen in den kapitalistischen Ländern bei der Stellungnahme
zum ersten Arbeiterstaat durch die oft unsachliche Kritik angeblicher Freunde
der UdSSR verwirrt. Diese Kritik wird überall von den Faschisten als „wichtiges
Material" für ihre Lügen aufgegriffen und aufgebauscht.
Die Kritik der angeblichen Freunde der Sowjetunion stützt sich auf Fehler oder
Mängel, die sich zeitweise ergaben, und die — aufgebauscht — als
Dauererscheinungen und als entscheidendes Charakteristikum der
Sowjetgesellschaft dargestellt werden. Diese Kritiker haben die große
geschichtliche Tat, die der Aufbau des ersten Arbeiterstaates inmitten der kapitalistischen
Umwelt ist, nicht begriffen. Es gibt in der Geschichte keine epochemachende
Leistung, die in ihrem Entfaltungsprozeß nicht mit Mängeln behaftet gewesen
wäre. Niemand anders als Karl Marx hat immer wieder darauf hingewiesen, daß die
proletarische Revolution unvergleichlich schwierigere Aufgaben zu lösen hat als
die bürgerlichen Revolutionen. Die größten Schwierigkeiten der proletarischen
Revolution beginnen erst nach dem ersten siegreichen Vorstoß, nach der
politischen Machteroberung, — wenn nach der Zerschlagung des kapitalistischen
Machtapparates ein vollständig neuer Machtapparat aufgebaut und die
grundlegende Umwälzung der ökonomischen Fundamente der Gesellschaft
durchgeführt werden muß. Die bürgerlichen Revolutionen, die auf den für ihren Sieg
herangereiften Verhältnissen nur weiter zu bauen brauchten, hatten es leichter,
— und trotzdem weist ihre Geschichte unzählige Mängel und Fehler auf. Aber kein
fortschrittlicher Mensch macht seine Stellung zu dem Ergebnis dieser
Revolutionen, die eine neue Epoche in der Geschichte einleiteten, von den
vielfältigen Fehlern abhängig. Wäre aber schon die Durchführung der
proletarischen Revolution, wenn sie gleichzeitig in mehreren hochentwickelten
Industrieländern gesiegt hätte, viel schwieriger als jede bürgerliche
Revolution gewesen, so mußten die Schwierigkeiten unermeßlich sein, da der Sieg
der proletarischen Revolution auf ein einziges rückständiges Agrarland
beschränkt blieb.
Die siegreiche proletarische Revolution in dem rückständigen Zarenreich, die
inmitten der kapitalistischen Umwelt den sozialistischen Aufbau beginnen mußte,
hatte darum nach dem Ausbleiben der proletarischen Revolution in anderen
Ländern unendlich viel größere Schwierigkeiten zu überwinden als jede andere
geschichtliche Umwälzung in der Vergangenheit. Unter den gegebenen Umständen
konnte es im Ringen um die Erhaltung der Oktoberrevolution nicht gradlinig
aufwärts gehen. Es waren zeitweise Rückzüge, Konzessionen und Kompromisse
ebenso notwendig wie harte Maßnahmen gegen diejenigen, die sich aus Feindschaft
oder Kurzsichtigkeit, aus Verärgerung oder Ungeduld der planmäßigen Entwicklung
zur neuen Gesellschaft entgegenstellten. Der Marxist weiß, daß die Umwandlung
der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische nicht über Nacht, durch
einen alles bisherige Sein auf den Kopf stellenden einmaligen Akt, vollbracht
werden kann. Selbst unter den günstigsten objektiven Voraussetzungen — bei
gleichzeitigem Siege der proletarischen Revolution in mehreren
fortgeschrittenen Ländern — entwickelt sich die neue sozialistische
Gesellschaft nur in langwierigen, schweren Kämpfen aus dem Schöße der
kapitalistischen Gesellschaft; und sowohl die Verhältnisse, wie die Menschen
sind in den ersten Stadien der sozialistischen Gesellschaft noch mit den Muttermalen
der kapitalistischen Gesellschaft behaftet.
Unter den besonders schwierigen und komplizierten Verhältnissen, unter denen
nach der Oktoberrevolution der Aufbau des Sozialismus in einem Lande in Angriff
genommen werden mußte, sind Fehler und Mängel unvermeidlich gewesen. Es ist
begreiflich, daß der marxistisch ungeschulte Mensch in der Entwicklung der
Sowjetunion unklare und verwirrende Bilder sah, seinen Blick an diesen haften
ließ und darüber hinaus nicht die geschichtliche Leistung des Aufbaus des
ersten sozialistischen Arbeiterstaates erkannte. Bis zum endgültigen Siege des
Sozialismus in der ganzen Welt werden allen siegreichen proletarischen
Revolutionen Mängel anhaften, werden aus der Situation inmitten der
kapitalistischen Umwelt und im Zusammenhang mit den Aktionen der Gegner
taktische Maßnahmen notwendig sein, die wie Rückzüge aussehen oder als Fehler
erscheinen. Das Entscheidende jedoch ist, ob die Bewegung, die an der Spitze
der siegreichen proletarischen Revolution steht, das revolutionäre Ziel immer
vor Augen hat und unerschütterlich an ihm festhält. Das Entscheidende ist, daß
sie die Macht und die Fähigkeit besitzt, notwendig gewesene Konzessionen
aufzuheben — sobald sie im Zuge der Entwicklung nicht mehr notwendig sind oder
dem revolutionären Ziel gefährlich werden könnten. Die zwanzigjährige
Geschichte der Sowjetunion hat bewiesen, daß die leninsche Partei als Führerin
der russischen Revolution in jeder Situation unverrückbar am revolutionären
Ziel festgehalten hat, und daß sie mit dem Blick darauf — getreu der Lehre
ihres Begründers — immer das nächste Kettenglied packte und alle zeitweisen
Konzessionen rechtzeitig wieder zu liquidieren vermocht hat. Zwei Jahrzehnte
nach dem Siege der Oktoberrevolution ist der Sozialismus das unbestritten
herrschende Wirtschaftsprinzip in der Sowjetunion. Die Stabilisierung der
siegreichen proletarischen Revolution und der erfolgreiche sozialistische
Aufbau in einem Lande sind eine epochemachende Leistung, die kein objektiver
Kritiker und Historiker mehr bestreiten kann. Im Vergleich zu diesem Ergebnis
sind Notfehler, die weniger durch die siegreiche Partei in der Sowjetunion, als
durch das Ausbleiben der proletarischen Revolution in den anderen Ländern
verschuldet sind, belanglos.
Die Sozialdemokratie, die viel zu lange die Sowjetunion als die Sache einer
gegnerischen Partei und nicht als die Sache der internationalen Arbeiterklasse
betrachtete, hat die in den Jahren mühseligen Ringens um den sozialistischen
Aufbau entstandenen Mängel und Fehler maßlos übertrieben und zur Propaganda
gegen die in der Sowjetunion verwirklichte Lösung benutzt. Die kritische, die
oft mehr als kritische, ablehnende Haltung der sozialdemokratischen Bewegung
gegenüber dem heroischen Kampf der russischen Arbeiterklasse hat wesentlich die
Haltung der sozialdemokratischen Arbeitermassen in den kapitalistischen Ländern
beeindruckt und ihre positive Einstellung zum ersten Arbeiterstaat erschwert.
Die gegen alle Widerstände durchgesetzten großen unbestreitbaren Erfolge des
sozialistischen Aufbaus haben entscheidende Teile der sozialdemokratischen
Kritik an der UdSSR widerlegt. Noch mehr aber hat die krisenhafte Zuspitzung
der weltpolitischen Situation, die durch das Auftreten der faschistischen
Diktaturen erfolgte, die große Bedeutung der Sowjetunion klargemacht. Unter dem
Druck der geschichtlichen Entwicklung haben die Argumente reformistischer
Kritiker ihre Wirkung auf große Teile der sozialdemokratischen Anhängerschaft
verloren. Tatsachen sprechen eine zu deutliche Sprache. Auch die sozialdemokratischen
Arbeiter haben trotz oft sehr entstellenden Berichten ihrer Presse über die
Sowjetunion allmählich die grundsätzliche Bedeutung des ersten Arbeiterstaates
erkannt. Besonders nach dem Siege Hitlers haben sie begriffen, daß nur der konsequent
revolutionäre Weg einer proletarischen Partei den Übergang von der
kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaftsordnung ermöglichen und dem
Volke die furchtbare Herrschaft des Faschismus ersparen kann. Trotzdem ist die
offizielle sozialdemokratische Kritik nicht verstummt. Aber ihre Form und die
Objekte ihres Angriffes sind andere geworden. Es scheint wie ein Witz, daß
dieselben Reformisten, die früher die leninsche Partei wegen der radikalen,
konsequenten Durchführung der sozialen Revolution und der sich daraus
ergebenden Konsequenzen angriffen, heute derselben Bolschewistischen Partei
Preisgabe der Weltrevolution, angeblichen Verrat der Oktoberrevolution und die
Vernichtung der „alten bolschewistischen Garde" vorwerfen. Die offiziellen
sozialdemokratischen Kritiker der Sowjetunion grenzen sich zwar mehr oder
weniger scharf von Trotzki ab; aber sie gebrauchen die Argumente der
Trotzkisten als angeblichen Beweis dafür, daß die UdSSR nicht den Wünschen und
Vorstellungen der unter dem Druck des Kapitalismus leidenden Massen entspricht.
Aus der Situation innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung, aus der
Zuspitzung der weltpolitischen Gegensätze erhält der Trotzkismus ein