"Zeitschrift für Sozialismus und Frieden"


 

 

Max Seydewitz

Stalin oder Trotzki

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VORWORT

 

 

Es ist notwendig, diesem Buche einige persönliche Bemerkungen vorauszuschicken. Seit meiner frühesten Jugend, fast dreißig jähre lang, habe ich aktiv in der Deutschen Sozialdemokratie gearbeitet, — als Funktionär, als Redakteur und als Reichstagsabgeordneter — und ich bin ihr auch heute aufs engste verbunden. Erschüttert von dem furchtbaren Zusammenbruch der einst so stolzen und starken deutschen Arbeiterbewegung, aufgeschlossen durch das Geschehen, habe ich versucht, die Ursachen der kampflosen Niederlage zu erforschen. Dabei bin ich ganz zwangsläufig auf das Studium der ersten siegreichen proletarischen Revolution gestoßen, deren gründliche Kenntnis notwendig ist, um den rechten Weg für die Überwindung der Hitler-Diktatur und die Verhinderung einer faschistischen Weltherrschaft zu finden.
Ein großes Versäumnis in der Vergangenheit war, daß man sich außerhalb der Sowjetunion viel zu wenig mit der Geschichte der russischen Revolution, mit den ihr zugrundeliegenden theoretischen Auseinandersetzungen und mit dem gewaltigen Ringen um den Aufbau des ersten sozialistischen Arbeiterstaates beschäftigt hat. Die im Kriege erfolgte Spaltung teilte die Internationale Arbeiterbewegung in zwei feindliche Lager. Sozialdemokraten und Kommunisten lebten getrennt voneinander wie in selbstgeschaffenen geistigen Ghettos, unfähig zum sachlichen, fruchtbaren Meinungsaustausch. Die Mauern, die das sozialdemokratische und kommunistische Lager trennten, waren so hoch, daß die einen die Probleme, um die die anderen rangen, überhaupt nicht sahen, geschweige denn sich mit ihnen ernsthaft auseinandergesetzt hätten. Nur zu viele Sozialdemokraten übersahen den engen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Sowjetunion und dem internationalen Befreiungskampf der Arbeiterklasse. Sie sahen die Sowjetunion nur als eine Sache der Kommunisten, denen sie in ihrem Lande in erbitterter Feindschaft gegenüberstanden. Sie waren — befangen in der Vorstellung, daß die Arbeiterklasse nur auf evolutionärem Wege, friedlich, in die Macht hineinwachsen werde — Gegner der von der Partei Lenins siegreich durchgeführten Revolution. Sie waren überzeugt davon, daß der in der Sowjetunion beschrittene Weg mit dem Siege der Konterrevolution enden müsse.
Die Folge dieser Einstellung war die Negation des gewaltigen Ringens im Osten. Die Sozialdemokratie war der Meinung, daß sie aus der Oktoberrevolution keine positiven Lehren für ihren Kampf ziehen könne; und sie hielt es darum für überflüssig, die Geschichte und die Probleme der russischen Revolution zu studieren. Ihr Interesse an den Vorgängen in der Sowjetunion war durchaus befriedigt, wenn sie diese oder jene Mängel agitatorisch gegen die kommunistische Bewegung ausspielen konnte. Viele Sozialdemokraten wurden in diesem Verhalten bestärkt, weil die kommunistischen Parteien die Sowjetunion viel zu wenig als eine Sache der gesamten Arbeiterklasse herausstellten.
Das Verhalten der deutschen Nachkriegssozialdemokratie in diesen Fragen wird treffend durch eine Äußerung Eduard Bernsteins charakterisiert. Im Jahre 1925 über seine Meinung zu den Vorgängen in der Sowjetunion befragt, antwortete er:
„Ich muß — um aufrichtig zu sein — gestehen, daß ich über die Lage in Rußland im allgemeinen und über den Fall Trotzki im besonderen nur in sehr unzureichendem Maße unterrichtet bin."
Eduard Bernstein war der bedeutendste Theoretiker des reformistischen Flügels der Sozialdemokratie. Es war eine besondere Wesensart dieses Mannes, aufrichtig seine Meinung auszusprechen. Diese Ehrlichkeit veranlaßte ihn, das zu sagen, was für beinah die gesamte sozialdemokratische Bewegung galt: sie hatte sich über die Lage in der Sowjetunion und über die Konflikte der Bolschewistischen Partei mit Trotzki sehr unzureichend unterrichtet. Was wußten Sozialdemokraten von den Differenzen zwischen Lenin und Trotzki? Von den Auseinandersetzungen um die Organisationsprinzipien der Partei, um die permanente Revolution? Was wußten sie von der Bedeutung des Kampfes um die Theorie des Sozialismus in einem Lande? War es da ein Wunder, daß — unter der Einwirkung der Schriften Trotzkis — in sozialistischen Kreisen mancherlei Legenden entstanden, unter anderen die, daß der „beste Kampfgenosse Lenins" durch persönliche Intrigen Stalins aus der Macht gedrängt worden sei.
Die Legendenbildung wurde noch erleichtert, weil es damals in deutscher Sprache keine plastischen Darstellungen der Geschichte und der Probleme der Oktoberrevolution gegeben hat.
Als Sozialdemokrat hatte ich in der Vergangenheit viele Auseinandersetzungen mit den Kommunisten, übte Kritik an ihrer Politik und auch an Vorgängen in der Sowjetunion. Wir sind auch jetzt nicht in allem gleicher Meinung, — aber kann man heute zur Sowjetunion Stellung nehmen, ohne sie im Zusammenhang mit dem weltgeschichtlichen Geschehen zu betrachten, als die stärkste Macht in der Friedensfront, als die entscheidende Kraft gegen die Weltherrschaftspläne des Faschismus!
Einer der Führer der Französischen Sozialistischen Partei, Jean Zyromski, schrieb anläßlich des XX. Jahrestages der russischen Revolution:
„Es ist mir nicht unbekannt, daß man in 'revolutionären Kreisen', die sich als die 'äußerste Linke' bezeichnen, ziemlich häufig auf die Meinung stößt, daß die russische Revolution in voller Entartung begriffen sei und daß sich das Sowjetrußland von 1937 inmitten einer bürokratischen Entartung befinde. Manche gehen sogar noch weiter und werfen den Faschismus und den 'Stalinismus' in einen Topf.
Eine geschickte Kampagne, die weitgehende Verzweigungen hat, wird zu dem Zweck betrieben, die Arbeiterklasse der Westländer davon zu überzeugen, daß Sowjetrußland nicht mehr das Rußland der Arbeiter- und Bauernrevolution sei.
Man muß sich energisch gegen derartige Manöver erheben und die schöpferische Bilanz der Sowjetunion auf den verschiedenen Gebieten ihrer Betätigung aufzeigen.
Man darf nicht blindlings die Unvollkommenheiten und die Fehler abstreiten; noch sind große Hindernisse da. Man muß sie aber sowohl vom Ausgangspunkt wie auch von den vorhanden gewesenen Schwierigkeiten aus einschätzen....
Die Sowjetunion ist eine neue Welt im Werden. Mehr denn je gehören ihre Verteidigung und ihre Beschützung zur internationalen Klassenpflicht des Weltproletariats."
Aber es handelt sich nicht allein um Interessen des Weltproletariats. Das Schicksal der Menschheit steht auf dem Spiel. Plutokratie und Faschismus — das bedeutet den furchtbarsten Krieg aller Zeiten, Vertiefung und Verewigung des geistigen und physischen Elends. Demokratie und Sozialismus — das bedeutet Frieden, Rettung vor dem Untergang in die Barbarei, Entfaltung aller wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte. Die Völker aller Erdteile stehen vor dieser gewaltigen geschichtlichen Alternative. Und alle Länder sind durch sie innerlich zerrissen und geschwächt. Nur die UdSSR nicht. Dort gibt es keinen Faschismus, ihre Völker sind eine geschlossene Einheit angesichts der drohenden Gefahren und im Kampf um den Aufstieg der Menschheit. Das Spuren mehr oder minder bewußt die freiheitsliebenden Kreise aller Schichten in allen Ländern: Arbeiter und Angestellte, Handwerker und Bauern, Intellektuelle und Gewerbetreibende — kurz, alle jene, die den großen Organismus der Gesellschaft lebendig erhalten. Aber viel zu wenige haben ein wirklich klares Bild vom Wesen und von den Lebensnotwendigkeiten der Sowjetunion. Schuld daran trägt nicht zuletzt der Trotzkismus, der, obwohl arm an Parteigängern, Verwirrung anzurichten vermag, weil bürgerliche und oft sogar sozialdemokratische Zeitungen ihm ihre Stimme leihen.
Um so notwendiger ist es, sich mit dem Trotzkismus auseinanderzusetzen. Diese Aufgabe soll das vorliegende Buch erleichtern. Ich habe mich bemüht, zum Trotzkismus mit sachlichen Argumenten Stellung zu nehmen, weil ich überzeugt davon bin, damit der Klärung am besten zu dienen.


Der Verfasser


 

 

Inhalt:

Erster Teil: DIE FRONTEN


DIE WELTGESCHICHTLICHE ALTERNATIVE

  1. Faschismus oder Sozialismus?
  2. Die Bedrohung der modernen Zivilisation
  3. Die veränderte weltpolitische Situation


FÜR ODER WIDER DIE SOWJETUNION

  1. Zwischen Kriegs- und Friedensfront
  2. Die schwankende Politik der demokratischen Großmächte
  3. Die Aufgaben der internationalen Arbeiterbewegung
  4. Die Sowjetunion und die Sozialdemokratie

 

Zweiter Teil: DER TROTZKISMUS


TROTZKISMUS UND BOLSCHEWISMUS

  1. Lenin und Trotzki
  2. Was ist Trotzkismus?
  3. Trotzkismus und leninistisches Organisationsprinzip
  4. Trotzki und die Aktionseinheit der Partei
  5. Trotzkismus und Bolschewismus im Kriege
  6. Die permanente Revolution


DER TROTZKISMUS NACH DER OKTOBERREVOLUTION

  1. Trotzki, die Oktoberrevolution und der Bürgerkrieg
  2. Die Gegensätze zwischen Lenin und Trotzki nach der Oktoberrevolution
  3. Die Entwicklung des Trotzkismus nach Lenins Tode

 

Dritter Teil: DIE THEORIE DES SOZIALISMUS IN EINEM LANDE


DER ENTSCHEIDENDE GEGENSATZ

  1. Der Kampf um den Aufbau des Sozialismus in der SU
  2. Die leninistische Theorie des Sozialismus in einem Lande
  3. Trotzkis Theorie der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Lande


RÜCKMARSCH ODER AUFBAU?

  1. Was tun?
  2. Der sozialistische Aufbau in der Sowjetunion und der endgültige Sieg des Sozialismuse
  3. Die Voraussetzungen für den Sieg des Sozialismus in der Sowjetunion

 

Vierter Teil: VON DER THEORIE ZUR PRAXIS


HISTORISCHE ENTSCHLÜSSE

  1. Die Aufgabe
  2. Die Generallinie


DIE WIRTSCHAFTLICHE UMWANDLUNG DER SOWJETUNION

  1. Der industrielle Aufbau
  2. Das Verhältnis der Sowjetunion zu den anderen Ländern
  3. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Sowjetunion
  4. Die Erstarkung der Arbeiterklasse


DIE LÖSUNG DER WIDERSPRÜCHE ZWISCHEN ARBEITERN UND BAUERN

  1. Gegensätze und Übereinstimmungen
  2. Die Mechanisierung der Landwirtschaft
  3. Die Kollektivierung
  4. Die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion
  5. Die Einbeziehung der Bauern in den sozialistischen Aufbau


OPFER UND ERFOLGE DES SOZIALISTISCHEN AUFBAUS

  1. Die Anforderungen der Aufbauperiode
  2. Opfer für wen und für was?
  3. Die Erfolge
  4. Der Mensch steht im Mittelpunkt


SOZIALISMUS IN DER SOWJETUNION

  1. Die Liquidierung der kapitalistischen Einflüsse
  2. Die Grundlage der Sowjet-Gesellschaft
  3. Die verschiedenen Klassen in der Sowjetunion
  4. Auf dem Wege zur klassenlosen Gesellschaft


DIE SOZIALISTISCHE DEMOKRATIE

  1. Die neue Verfassung
  2. Was ist Demokratie?
  3. Zur Demokratie - über die Diktatur des Proletariats
  4. Der Unterschied zwischen proletarischer und faschistischer Diktatur
  5. Die wahre Freiheit
  6. Das Recht auf Arbeit
  7. Einwände gegen die neue Verfassung
  8. Sozialistische Demokratie - unter der Diktatur der Arbeiterklasse

 

Fünfter Teil: DIE UdSSR UND DIE WELTREVOLUTION


DIE WELTREVOLUTION

  1. Sozialistischer Aufbau und Weltrevolution
  2. Das tragikomische Mißverständnis


DIE AUSSENPOLITIK DER SOWJETUNION

  1. Die Sicherung der Sowjetunion gegen Interventionen
  2. Der Kampf um die Verhinderung des Krieges
  3. Interessen der Weltarbeiterklasse und die Interessen der Sowjetunion

 

Sechster Teil: TROTZKIS KAMPF GEGEN DIE UdSSR


DAS PROBLEM DER BÜROKRATIE

  1. Gibt es in der Sowjetunion eine Diktatur der Bürokratie?
  2. Trotzkis Standpunkt
  3. Die Mängel der Bürokratie und ihre Überwindung


NEUE KLASSENBILDUNG?

  1. Karl Marx und die "neue Klassenbildung" in der Sowjetunion
  2. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität
  3. Die Heranbildung qualifizierter Kader
  4. Der sozialistische Ansporn als Mittel zur Steigerung der Arbeitsproduktivität


KONFORMISMUS UND MEINUNGSFREIHEIT

  1. Unterdrückung der Meinungsfreiheit?
  2. Wer entscheidet?
  3. Die Entwicklung der Demokratie in der Bolschewistischen Partei
  4. Der Konformismus und die junge Generation


REVOLUTION UND KONTERREVOLUTION

  1. Trotzki und der Rückmarsch zum Kapitalismus
  2. Trotzkis Wahlspruch
  3. Der Weg der Sowjetunion




Um das Lesen zu erleichtern, sind Fußnoten weggelassen worden. Anmerkungen und Quellenangaben sind im Text selbst vermerkt.
Soweit bei den Zitaten nicht besondere Quellen angegeben sind, wurden sie Broschüren oder (bei Reden) autorisierten Berichten entnommen.
Hervorhebungen in den zitierten Äußerungen sind ausnahmslos vom Verfasser veranlaßt worden; was jedoch nicht ausschließt, daß die Hervorhebungen oft mit denen übereinstimmen, die von den Zitierten selbst veranlasst wurden.

 


 

DIE WELTGESCHICHTLICHE ALTERNATIVE

 

FASCHISMUS ODER SOZIALISMUS?

Die Menschheit steht an einem Wendepunkt. Krieg und Krise haben die Grundfesten der kapitalistischen Welt erschüttert. In der Periode des Niederganges der kapitalistischen Klassenherrschaft ist der Faschismus mobilisiert worden, um als direkt eingesetzte Gewaltherrschaft oder als drohende Gefahr die wirtschaftliche Diktatur der Trusts und des Monopolkapitals gegen alle Stürme zu sichern. Der Faschismus ist keine aus der sozialen Entwicklung zwangsläufig erwachsende neue Kraft, die zur Höherentwicklung der Menschheit notwendig wäre. Die bürgerliche Revolution, die die Herrschaft des Feudalismus zerbrach, hatte eine neue Epoche eingeleitet. Ebenso wird die proletarische Revolution eine neue höhere Form der menschlichen Gesellschaft schaffen. Der Faschismus Jedoch hat durch seinen Sieg in Italien und in Deutschland an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen nichts geändert. Weder Mussolinis Schwarzhemdenmarsch auf Rom, noch Hitlers „nationale Revolution" haben die herrschende kapitalistische Gesellschaftsordnung beseitigt. Das faschistische Regime ist nur die letzte, die gewalttätigste Form zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Klassenherrschaft; seine Funktion ist, durch brutale Zerschlagung der Arbeiterbewegung und durch Unterbindung jeder freiheitlichen Regung den Fortbestand der vom Monopolkapital dirigierten kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu garantieren. Der Faschismus führt die Menschheit in ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht eine Stufe hinauf, er wirft sie im Gegenteil weit zurück; er will eine zur Ablösung reife Gesellschaftsordnung gewaltsam aufrechterhalten.
Im Jahre 1907 hat Jack London in der „Eisernen Ferse" mit einem am Marxismus geschulten dichterischen Seherblick den Faschismus vorausgesagt. In diesem Buche schildert der Dichter die Herrschaft der Oligarchie, das blutige Gewaltregime der „Eisernen Ferse" bis in die Einzelheiten genau so, wie es der Faschismus uns heute praktisch vorführt. In Jack Londons visionärer Schilderung kann aber auch die „Eiserne Ferse" nicht auf die Dauer den Sieg des Sozialismus verhindern. Der Dichter schickt seinem heute nicht mehr wie eine Vision anmutenden Roman eine Betrachtung voraus, in der rückschauend von der hohen Warte der sozialistischen Gesellschaft Über die Periode der „Eisernen Ferse" gesagt wird:
„Die Erhebung der Oligarchie wird stets der Anlaß geheimer Verwunderung für Historiker und Philosophen bleiben. Andere große historische Ereignisse haben ihren Platz in der sozialen Entwicklung. Sie waren unvermeidlich, und ihr Kommen hätte mit derselben Sicherheit vorausgesagt werden können, wie Astronomen heute die Bewegung der Sterne voraussagen. Ohne diese anderen großen Ereignisse hätte die soziale Entwicklung sich auch nicht vollziehen können. Primitiver Kommunismus, Besitzsklaverei, Leibeigenschaft und Lohnsklaverei waren die notwendigen Meilensteine auf dem Wege der menschlichen Entwicklung. Es wäre jedoch lächerlich, zu behaupten, daß die Eiserne Ferse ein solcher notwendiger Meilenstein gewesen sei. Heute wird sie vielmehr als ein Fehltritt oder Rückschritt zu der gesellschaftlichen Tyrannei beurteilt, die die Erde früher zur Hölle machte, die aber für die Zeit ebenso notwendig, wie die 'Eiserne Ferse' unnötig war.
So schwarz der Feudalismus auch war, sein Kommen war doch unvermeidlich. Was sonst als Feudalismus konnte dem Zusammenbruch der großen zentralisierten Regierungsmaschine folgen, die man als Römisches Kaiserreich kennt? Nicht so jedoch die Eiserne Ferse. In dem ordnungsgemäßen Vorwärtsschreiten der sozialen Entwicklung war kein Platz für sie. Sie war weder notwendig, noch unvermeidlich. Sie wird immer die größte Merkwürdigkeit der Geschichte bleiben, eine Laune, eine Phantasie, eine Erscheinung, etwas Unerwartetes, Ungeahntes; und sie sollte den übereiligen politischen Theoretikern von heute, die mit Gewißheit von sozialen Prozessen sprechen, zur Warnung dienen.
Nach dem Urteil der Soziologen jener Zeit bedeutete der Kapitalismus den Höhepunkt der bürgerlichen Gesellschaft, die reife Frucht der bürgerlichen Revolution. Und wir können dieses Urteil nur unterschreiben. Selbst geistige Riesen und Kämpfer wie Herbert Spencer glaubten, daß auf dem Schutt des selbstsüchtigen Kapitalismus die Blume des Zeitalters, die Brüderlichkeit der Menschheit, erblühen werde. Statt dessen gebar der Kapitalismus, zum Entsetzen für uns, die wir heute auf jene Zeit zurückblicken, wie für die, die damals lebten, in seiner Überreife einen ungeheuren Sproß, die Oligarchie."
Die Herrschaft der Oligarchie, der „Eisernen Ferse", oder — wie wir heute sagen — des Faschismus, ist wahrlich keine geschichtliche Notwendigkeit. Sie kann verhindert werden. Aber sie ist nicht unmöglich, weil es in der Geschichte keine zwangsläufigen Lösungen gibt. Der Niedergang einer Gesellschaftsordnung führt nur dann zu Ihrem völligen Zusammenbruch, wenn die geschichtlich zu ihrer Ablösung berufenen Kräfte sich dieser Berufung würdig erweisen; wenn sie stark genug sind, in revolutionären Kämpfen die überholte Ordnung zu stürzen und die Bahn für eine neue, höhere Gesellschaftsform freizumachen. Der fatalistische Glaube von dem automatischen Zusammenbruch des Kapitalismus, von der zwangsläufig erfolgenden unmittelbaren Ablösung der kapitalistischen Klassenherrschaft durch den Sozialismus ist durch die Siege des Faschismus in einzelnen Ländern widerlegt worden. Aber andererseits ist durch den Sieg der proletarischen Revolution in dem ehemaligen Zarenreich ebenso widerlegt, daß der Faschismus unvermeidlich, daß er geschichtlich notwendig sei. Der Beweis ist erbracht, daß der Faschismus verhindert, daß es dem Kapitalismus unmöglich gemacht werden kann, seine wankende Herrschaft in veränderter Form durch den Einsatz des Faschismus aufrechtzuerhalten. Wo die zum Bau einer neuen, höheren Gesellschaftsordnung berufene geschichtliche Kraft — die Arbeiterklasse — sich in entscheidenden Situationen als zielbewußt und stark genug erwies, hat sie das Aufkommen des Faschismus verhindert und die kapitalistische Klassenherrschaft gestürzt. In den Ländern jedoch, in denen die Arbeiterklasse in den für die kapitalistische Klassenherrschaft kritischen Situationen ihrer geschichtlichen Aufgabe nicht gewachsen war, hat der Faschismus gesiegt.
Die objektive Situation in unserer Zeit ist also: die Arbeiterklasse kann ebenso siegen wie der Faschismus. Beiden war es möglich, Teilsiege zu erringen. Der endgültige Ausgang der nächsten Phase des Kampfes wird von der Zielklarheit und der Stärke der miteinander ringenden entscheidenden Gegner abhängen. Nach den Teilsiegen der Arbeiterklasse auf der einen, und des Faschismus auf der anderen Seite spitzen sich die Gegensätze zwangsläufig immer mehr zu. Die Entwicklung drängt zu einer endgültigen, die Zukunft der ganzen Menschheit bestimmenden Entscheidung. Die Frage, die die Geschichte den Menschen unserer Epoche stellt, ist eindeutig: Soll die eiserne Ferse des Faschismus Freiheit und Fortschritt zerstampfen, um die Diktatur des Trust- und Monopolkapitals über entrechtete, in die Hölle der Barbarei gepferchte Sklavenherden gewaltsam aufrechtzuerhalten, — oder soll nach dem Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft die Bahn für den Sozialismus, für eine neue, höhere Gesellschaftsform, freigemacht werden, die die Menschheit befreit und zu Glück und Wohlstand führt.
In allen kapitalistischen Ländern wird darum gekämpft, ob die niedergehende kapitalistische Klassenherrschaft vom Faschismus oder vom Sozialismus abgelöst wird. Der historische Kampf zwischen Faschismus und Sozialismus wird aber nicht in einem Lande entschieden, die endgültige Entscheidung fällt in der Arena der Weltpolitik. Sie wird zugunsten des Sozialismus ausfallen, wenn die Arbeiterbewegung aller Länder in diesem Kampfe zusammenwirkt, wenn sie einig ist und zielbewußt handelt. Der Kampf für den Sozialismus ist nicht die Sache eines Landes und einer Partei, er ist vielmehr die Sache der gesamten internationalen Arbeiterbewegung, ohne Rücksicht auf ihre Partei- und Fraktionsunterschiede.

DIE BEDROHUNG DER MODERNEN ZIVILISATION

„Die moderne Zivilisation kann sich eine neue Depression so wenig leisten, wie einen neuen Krieg. Sie würde unter jener so sicher zusammenbrechen wie unter dieser!"
Anfang 1937 standen diese Sätze in der „Times", dem führenden konservativen Organ Englands. Trotz den furchtbaren Lehren, die der letzte „große Krieg" der Menschheit erteilte, sind die Ursachen der Kriege nicht beseitigt worden. Der Brand wurde nicht völlig gelöscht, der Brandherd nur zugedeckt. Die Glut schwelte weiter, breitete sich aus, und es bedarf nur eines scharfen Windstoßes, um aus der Glut ein loderndes, sengendes Flammenmeer zu entfachen, das die Welt verbrennt. „Europa gleicht einem Pulvermagazin, in dem die Diktatoren ununterbrochen Fackelzüge veranstalten." So hat Lloyd George die Situation unserer Zeit charakterisiert. Die faschistischen Diktatoren haben die Welt erst durch ihre wahnsinnige Aufrüstung in ein Pulvermagazin verwandelt.
Sie sind die aggresivsten subjektiven Faktoren, die durch ihr Handeln die objektiven Voraussetzungen dafür geschaffen haben, daß der Funke einer Fackel genügt, um ganz Europa in die Luft zu sprengen. Es wird unter dem Druck der akuten Kriegsgefahr in der Öffentlichkeit viel darüber orakelt, ob die faschistischen Diktaturen überhaupt Krieg führen können, ob sie für eine kriegerische Auseinandersetzung fertig sind. Alle diese Betrachtungen sind müßig. Kriegsfertig ist ein Land nur, wenn es allen seinen Gegnern militärisch absolut überlegen ist. Ob ein Land in diesem Sinne kriegsfertig ist, hängt jedoch nicht nur von seinem Tun, sondern auch von dem Handeln seiner eventuellen Kriegsgegner ab. Kriegsfertig sind die faschistischen Diktaturen nicht; aber das ist nicht die geringste Garantie für die Erhaltung des Friedens. Die Wahrheit ist, daß durch das Treiben der aggressivsten Kräfte die objektive Situation für den Kriegsausbruch so reif geworden ist, daß der Zeitpunkt des Losschlagens nicht einmal mehr von den subjektiven Faktoren bestimmt werden kann, die Europa in ein Pulvermagazin verwandelt haben. Wenn nicht stärkere Mächte die faschistischen Diktatoren endlich an der Fortführung ihrer Fackelzüge im Pulvermagazin hindern, dann wird ein Funke eines Tages zünden, und die Menschheit wird von dem furchtbarsten aller Kriege heimgesucht werden.
Nicht minder groß ist die Krisengefahr. Hinter einer glänzenden Fassade der Riesenprofite des Monopolkapitals lauert das Gespenst der neuen Krise. Der konjunkturelle Aufschwung, der der tiefsten wirtschaftlichen Krise des kapitalistischen Systems folgte, hat keine stabilen Verhältnisse geschaffen. Währungsexperimente, Aufrüstung und Warenaufspeicherung für den Krieg haben das Tempo der Konjunktur bestimmt oder beschleunigt. Die Steigerung der Produktion erwächst auf einer schwachen, kranken Grundlage. Obwohl die industrielle Produktion der kapitalistischen Länder im Jahre 1936 großer war als im letzten Konjunkturjahr vor der großen Krise, war der Welthandel 1936 noch um 14% niedriger als 1929. Auch die Zahl der Beschäftigten war 1936 noch erheblich geringer als im letzten Konjunkturjahre. 1936 gab es in den kapitalistischen Ländern, die Arbeitslose registrieren, schätzungsweise immer noch 18 Millionen Erwerbslose. Die Spekulation prosperiert mehr als die Produktion. Börsenkrachs inmitten der Konjunktur sind Symptome für die Unsicherheit des kapitalistischen Systems, das es seinen Anhängern immer schwerer macht, stabilen, garantierten Reichtum zu schaffen. Unter der Oberfläche gärt und brodelt es. Der Ausbruch des Vulkans kann über Nacht das ganze schöne Gebäude der Konjunktur verschütten, und die Welt in eine neue tiefe und nachhaltige Wirtschaftskrise stürzen.
Krieg oder neue Wirtschaftskrise — die nach dem Urteil eines der führenden Blätter des Kapitalismus den Untergang der modernen Zivilisation bringen würden — können täglich wie ein verheerendes Sturmgewitter über die Völker losbrechen. Der wachsende Druck der im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung unlösbaren Widersprüche hat die Welt so in Unruhe und Unsicherheit versetzt, daß die Menschen nur mit Bangen an die Zukunft denken.
Die herrschenden kapitalistischen Klassen fürchten zwar die unvermeidlichen Auswirkungen ihrer einseitigen Klassenherrschaft, aber sie haben weder den Mut, noch den Willen, noch die Fähigkeit, die Ursachen, die Krieg und Krise heraufbeschwören, auszumerzen. Denn die beiden Übel, die die moderne Zivilisation bedrohen, können nur durch weitgehenden Umbau der bestehenden Gesellschaftsordnung beseitigt werden. Die Mächtigen dieser Erde aber wehren sich gegen alle Änderungen, die ihre Herrschaftsstellung bedrohen. Ihr Machtapparat, der zu schwach ist, Kriegs- und Krisengefahr zu bannen, ist aber noch stark genug, die für den ruhigen, friedlichen Aufstieg der Menschheit lebensnotwendigen Änderungen der bedrohten Gesellschaftsordnung zu verhindern. Das eben ist die besondere Zwiespältigkeit in unserer Epoche, die die Welt in eine stete Unruhe versetzt: der Kapitalismus kann sich nur an der Macht halten, wenn er die einzig wirksamen Mittel zur Beseitigung der beiden Übel unterbindet, deren Vorhandensein seine Herrschaftsstellung ständig in wachsendem Maße bedroht.

DIE VERÄNDERTE WELTPOLITISCHE SITUATION

Seit dem Jahre 1914 hat sich das Gesicht der Welt wesentlich verändert. Die Erschütterungen, die der letzte Krieg auslöste, waren gewaltig, aber doch nicht so tiefgehend, daß aus dem Chaos des Krieges in stürmischem Tempo eine neue bessere Welt herausgewachsen wäre. Die Periode der Nachkriegszeit bekräftigt die Richtigkeit der marxschen Lehre, daß es keine permanente Krise gibt, die automatisch zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems führen muß. Der Kapitalismus hat in allen seinen Krisen Auswegmöglichkeiten; sein Ende kann nur herbeigeführt werden, wenn die Arbeiterklasse stark genug ist, ihm die Auswege zu versperren und ihn im Kampfe zu überwinden. Die sozialistische Gesellschaft entsteht nicht wie ein Phönix aus der Asche; sie entwickelt sich nur mühselig, in harten, schweren Kämpfen aus dem Schoße der kapitalistischen Gesellschaft. Der Weg zum Sozialismus ist nicht gradlinig.
„Proletarische Revolutionen ...", schrieb Karl Marx im 18. Brumaire, „kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge, und sich riesenhafter ihnen gegenüber wiederaufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: hie rhodus, hie salta!"
Die Nachkriegsperiode ist erfüllt von harten Kämpfen um den Weg in die Freiheit. Und wahrlich: in diesen Kämpfen gab es Siege und Niederlagen, gab es Aufstieg und Absturz, Vormarsch und Rückzug, — und allmählich erst bilden sich festere Fronten für die unausweichlichen entscheidenden Kämpfe. Die Teilsiege, die Arbeiterklasse und Faschismus an verschiedenen Frontstellen errangen, sind wichtige Ergebnisse, die den weiteren Verlauf der Kämpfe entscheidend beeinflussen.
In dem Teil der Welt, in dem die Arbeiterklasse zielbewußt die proletarische Revolution vorbereitete, in dem sie die Erschütterungen der kapitalistischen Klassenherrschaft durch den Krieg für ihren revolutionären Machtkampf auswertete, hat das Proletariat die politische Macht erobert und in harten Kämpfen gegen alle Widerstände und Interventionen gehalten. Der Sieg des russischen Proletariats ermöglichte den Aufbau des ersten Arbeiterstaates. Die Verwirklichung sozialistischer Prinzipien machte die Sowjetunion zu einem kräftigen, sich planmäßig aufwärts entwickelnden Land, das zu einem mächtigen Faktor in der Weltpolitik wurde.
Neben der gesunden UdSSR steht die kranke kapitalistische Welt. Die nach dem Kriege in den kapitalistischen Ländern einsetzende, trotz vorübergehenden Konjukturen sich immer mehr verschärfende Wirtschaftskrise hat die strukturellen Fehler des kapitalistischen Systems aufgezeigt. Voraussetzungen für die proletarische Revolution waren auch in anderen Ländern gegeben, aber die Uneinigkeit und Zerrissenheit der Weltarbeiterklasse, der erbitterte Kampf, den die einzelnen Gruppen gegeneinander führten, haben die proletarische Bewegung in den Nachkriegsjahren aktionsunfähig gemacht. Ihr fehlte in entscheidenden Situationen die Kraft, den herrschenden kapitalistischen Mächten den Ausweg aus der tiefsten und nachhaltigsten Krise ihres Systems zu versperren. So war es dem Kapitalismus — über alle seine Krisen hinweg — möglich, in wichtigen Ländern seine Herrschaftsstellung zu behaupten.
In einzelnen dieser Länder, in denen die Erschütterung der Nachkriegskrisen die tiefsten Wirkungen auslöste, in denen die objektive Situation für die soziale Revolution am reifsten war, versagte die Arbeiterklasse; dort waren aber auch die monopolkapitalistischen Mächte unfähig, ihre Herrschaft mit normalen Mitteln zu behaupten. Sie haben darum den Faschismus mobilisiert und zur Macht geführt, um mit Hilfe des faschistischen Terrorregimes den offenen Widerstand der Arbeiterklasse gewaltsam zu zerbrechen und den Fortbestand der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu sichern.
Die Stabilisierung eines wirtschaftlich und militärisch mächtigen sozialistischen Arbeiterstaates auf der einen, das Auftreten von rücksichtslos die Arbeiterklasse niederknüppelnden faschistischen Diktaturen auf der anderen Seite — das sind die neuen Fakten, die die weltpolitische Situation gegenüber 1914 wesentlich verändert haben.

 

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FÜR ODER WIDER DIE SOWJETUNION

 

ZWISCHEN KRIEGS- UND FRIEDENSFRONT

Die veränderte weltpolitische Situation bestimmt die Frontenbildung und die Haltung der verschiedenen Mächtegruppen. Der Sieg des Faschismus in einzelnen Ländern hat zwar keine Epoche einer neuen gesellschaftlichen Ordnung eingeleitet, aber er hat doch eine andere Note in die Weltpolitik gebracht. Er bedroht durch die Entfesselung hemmungsloser imperialistischer Tendenzen die nationalen Interessen aller nichtfaschistischen Staaten; er hat durch seine aggressive provokatorische Außenpolitik die Welt in eine Waffenfabrik verwandelt und die Menschheit an den Abgrund des Krieges geführt. Die nächsten Entscheidungen fallen darum im Kampfe um die Verhinderung des von den faschistischen Diktaturen systematisch vorbereiteten großen Krieges. Die endgültigen Fronten für diesen Kampf sind noch nicht formiert. Fest stehen jedoch bereits ihre tragenden Grundpfeiler: in der Friedensfront die UdSSR, in der Kriegsfront die faschistischen Diktaturen. Zwischen diesen beiden schwankt die Gruppe der demokratisch-kapitalistischen Staaten unsicher hin und her.
Fest und unerschütterlich wie ein Fels im tosenden Meer steht der Friedenswille der Sowjetunion in dieser von Kriegsgefahr umdrohten Zeit. Die Friedenspolitik der UdSSR ist ehrlich und eindeutig. Ihre Außenpolitik ist weder aggressiv, noch imperialistisch. Sie bedroht an keiner Stelle die nationalen Interessen anderer Völker. Die UdSSR verfügt in ihrem riesigen Gebiete über unerschöpfliche Rohstoffquellen. Sie produziert alles, was zur Befriedigung der Bedürfnisse aller Bürger ihres Landes notwendig ist. Der Sozialismus, dessen Beispiel die kapitalistischen Klassen in den anderen Ländern als eine Bedrohung ihrer Herrschaftsstellung empfinden, hat die Welt von dem Druck der im zaristischen Rußland stark vertretenen imperialistischen Tendenzen befreit. Die Vernichtung der ausbeutenden Klassen und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel haben die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß alle in der Sowjetunion erzeugten Güter von den Erzeugern selbst verbraucht werden können. Die Produktionsüberschüsse, die der Kapitalismus in anderen Ländern um meines Profits willen nicht vom eigenen Volk verbrauchen laßt, und für die er Absatzmärkte in den kapitalistisch noch nicht völlig erschlossenen Ländern zu erzwingen versucht, werden in der Sowjetunion dem eigenen Volke zugänglich gemacht. Für die UdSSR entfällt der aus dem kapitalistischen System erwachsende Zwang, sich mit anderen Staaten um die Absatzmärkte zu raufen. Außerdem hat die Umwandlung des ehemals rückständigen Agrarlandes in ein fortgeschrittenes Industrieland mit einer hochmechanisierten Landwirtschaft es der Sowjetunion ermöglicht, die gewaltigen Rohstoffquellen ihres Riesengebietes auszuwerten, durch stete Steigerung der industriellen und agrarischen Produktion die Menge der Lebens- und Bedarfsgüter zu erhöhen. Die UdSSR kann aus eigener Kraft, nur mit den in ihrem Lande vorhandenen Mitteln, die wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse der innerhalb ihrer Grenzen lebenden Menschen in wachsendem Maße befriedigen. Das sozialistische Wirtschaftssystem, unter dem die kapitalistischen Profitinteressen völlig ausgeschaltet werden, ermöglicht zugleich mit der planmäßigen ungestörten Vermehrung der Güter auch die gerechte Verteilung derselben. Der Beweis ist erbracht, daß unter dem Sozialismus ein Volk glücklich und reich leben kann, ohne andere Völker zu bedrohen; der Beweis ist erbracht, daß unter der Herrschaft des Sozialismus der Imperialismus, der eine ständige Bedrohung für den Frieden der Welt ist, seine Lebensbasis verliert und sterben muß. Die sozialistische Sowjetunion ist frei von allen imperialistischen Interessen; sie braucht weder neuen Raum, noch Rohstoffquellen zu erobern, sie braucht keinen ihrer Nachbarn mit Krieg zu bedrohen. Die UdSSR kann den Wohlstand der auf ihrem Gebiet lebenden Völker ständig und am sichersten dann steigern, wenn der Frieden erhalten bleibt, wenn sie ihre friedliche sozialistische Aufbauarbeit ungestört fortsetzen kann. Der sozialistische Staat, der die kapitalistische Klassenherrschaft überwunden hat, kann im Frieden für sein Volk und die Menschheit viel größere Siege erringen als in dem erfolgreichsten Kriege. Die Sowjetunion ist darum aus ureigenem Interesse der stärkste Garant des Friedens; sie wirft ihre ganze Macht in die Wagschale, um der Welt den Frieden zu erhalten.
Nicht zuletzt darum betrachten die faschistischen Diktaturen die UdSSR als ihren gefährlichsten Gegner. Weil sie — gebunden an die kapitalistische Gesellschaftsordnung — unfähig sind, in friedlicher Aufbauarbeit die wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse der Arbeiter, Bauern und Mittelständler ihrer Länder zu befriedigen, suchen sie die Unruhe und Unzufriedenheit der von ihnen beherrschten Volksmassen durch siegreiche Eroberungskriege zu Überwinden. Nach Hitlers Erzählungen ist die Ursache aller Leiden des deutschen Volkes der Mangel an Raum und an eigenen Rohstoffquellen. Die Wahrheit dagegen ist, daß auch Deutschland über genug Siedlungsland, über große Reichtümer verfügt, und daß ein friedfertiges Deutschland im friedlichen Güteraustausch mit anderen Völkern alle von ihm benötigten Rohstoffe bekommen kann. Das deutsche Volk leidet nicht darum Mangel, weil es in seinem Vaterlande an Lebens- und Bedarfsgütern fehlt, sondern weil unter der faschistischen Diktatur mit den brutalsten terroristischen Mitteln ganz einseitig nur die monopolkapitalistischen Klasseninteressen vertreten werden. In Deutschland fehlen nicht Raum und Güter, es fehlen nur die richtige Verteilung des Bodens und die gerechte Verteilung des Ertrages der von dem arbeitsamen deutschen Volke geleisteten Arbeit. Die Anwendung sozialistischer Wirtschaftsmethoden würde in dem wirtschaftlich und kulturell hochentwickelten Deutschland viel schneller noch und viel reichlicher als in dem ehemals so rückständigen Zarenreich ermöglichen, die Bedürfnisse Aller zu befriedigen. Nur die gewaltsame Verhinderung der gerechten Verteilung schafft den Mangel, den das faschistische Regime nicht durch Maßnahmen im Innern des Landes beseitigen kann und den es darum durch das Hinübergreifen über die Landesgrenzen, durch Eroberungen, beheben will.
Der Ruf nach Siedlungsland und nach Kolonien bedroht unmittelbar die nationalen und imperialistischen Interessen der anderen Staaten. So scharf auch der Gegensatz zwischen der kriegswütigen Hitlerdiktatur und der friedenswilligen Sowjetunion im Kampf um die Verhinderung des Krieges ist, Hitlers Eroberungspläne bedrohen viel unmittelbarer den Südosten und Westen Europas wie auch das englische Imperium. Die „Verständigungs"-reden an die Westmächte sind nichts als taktische Winkelzüge, die ebenso über die nächsten Absichten hinwegtäuschen sollen, wie die ständigen Aufrufe zum heiligen Krieg gegen den Bolschewismus. Könnte Hitler zuerst die ukrainische Kornkammer holen und die in „Mein Kampf" aufgezählten Eroberungsabsichten im Osten verwirklichen, so würde er angesichts seines abgrundtiefen Hasses gegen den sozialistischen Arbeiterstaat seine Zeit nicht mit Hetzreden gegen die Sowjetunion vergeuden; er hätte seinen Ritt gen Osten schon längst durchgeführt. Aber das heißt nicht, daß Hitler seinen imperialistischen Raubkrieg gegen die Sowjetunion aufgibt. Er hat ihn nur vertagt, weil die große militärische, wirtschaftliche und ideologische Macht der UdSSR ihm zunächst noch als ein zu großes Hindernis erscheint. Die Generale der Bendlerstraße wissen, daß ein nur auf die Kräfte des faschistischen Deutschland gestützter Überfall auf die Sowjetunion an dem gewaltigen Widerstand der Roten Armee und der sowjetischen Völker scheitern würde. Darum will Hitler vorerst die - Hegemonie in Europa erzwingen, um ganz Europa für seinen Kriegszug gegen den „Erbfeind" des Faschismus zu mobilisieren. Der Drang zur faschistischen Vormachtstellung in Europa aber bedroht unmittelbar alle anderen Länder.
Hitler und seine Paladine sehen in der Verwirklichung ihrer Eroberungspläne die Voraussetzung für die Stabilisierung ihrer Diktatur in Deutschland. Sie hoffen, vieles von ihren weitgehenden außenpolitischen Zielen durch Drohungen und Provokationen zu erreichen. Aber sie werden — wenn Drohungen allein nicht mehr genügen — losschlagen. Der Krieg ist ein unablösbares Kampfmittel der faschistischen Diktaturen; sie sind die aggressivsten Verfechter imperialistischer Eroberungspolitik, sie sind die Träger der Kriegsfront. Die Durchsetzung ihrer Absichten kann nur durch die Bildung eines übermächtigen Friedensblockes verhindert werden.

DIE SCHWANKENDE POLITIK DER DEMOKRATISCHEN GROSSMÄCHTE

Zwischen Kriegs- und Friedensfront schwanken die demokratischen Großmächte. Ihr Schwanken schafft eine unklare, völlig unberechenbare Situation in der internationalen Politik. So fest und zuverlässig — allerdings aus völlig entgegengesetzten ökonomischen, politischen und ethischen Interessen — die Sowjetunion in der Friedensfront und die faschistischen Diktaturen in der Kriegsfront stehen, so unsicher ist die Haltung der demokratischen Großmächte. Die Haltung aller demokratischen Staaten wird weitgehend von England beeinflußt, von dem Frankreich sich nicht trennen will, und von dem die kleineren Staaten die Garantie ihres Bestandes gegenüber faschistischen Vorstößen erwarten. Englands schwankende Politik wirkt gegen die Bildung eines festen Friedensblockes; es wird wahrscheinlich bis zum letzten Augenblick unklar bleiben, in welcher Front England kämpft, wenn es den für den Frieden wirkenden Kräften nicht gelingt, den Krieg zu verhindern.
Die demokratischen Staaten wollen in der gegenwärtigen Situation keinen Krieg; ihre schwache Haltung gegenüber den faschistischen Provokationen wird nicht unwesentlich auch von dem Wunsche bestimmt, den Frieden zu erhalten. Die demokratischen Großmächte haben für ihre kriegsgegnerische Haltung andere Gründe als die Sowjetunion. Das ist jedoch nicht entscheidend. Wichtiger ist die Tatsache, daß in der aktuellsten Frage der Weltpolitik, im Kampf um die Verhinderung des Krieges, ein übereinstimmender Wille als gemeinsame Grundlage für das Zusammengehen der demokratischen Großmächte mit der Sowjetunion gegeben ist. Die demokratischen Staaten wissen, daß die faschistischen Diktaturen den Weltkrieg vorbereiten, den sie vermeiden wollen, und den sie fürchten, weil er ihren Bestand und die in ihren Ländern herrschende Ordnung bedroht. Trotzdem sträuben sich die nichtfaschistischen Staaten, eindeutig an die Seite der Sowjetunion zu treten und sich in die Friedensfront gegen die faschistischen Kriegstreiber einzureihen; und so mußten sie Schritt um Schritt vor den außenpolitischen Provokationen der faschistischen Diktaturen zurückweichen; sie haben diese dadurch zu immer neuen Provokationen ermuntert.
Das schwächliche Verhalten der demokratischen Großmächte stärkt die Position der faschistischen Kriegstreiber, es vergrößert die Kriegsgefahr, die die moderne Zivilisation bedroht. Die Wirkung der schwankenden Politik Englands und Frankreichs ist der Welt bei dem imperialistischen Vorstoß Mussolinis gegen Abessinien und im Krieg um die Freiheit des spanischen Volkes plastisch demonstriert worden. Das aktive Eingreifen der faschistischen Mächte in den von ihnen entfachten spanischen Bürgerkrieg, die unverkennbaren imperialistischen Eroberungsabsichten des italienischen und deutschen Faschismus im Mittelmeer und in Marokko; der Versuch, sich durch den Sieg des Vasallen Franco Rohstoffe zu sichern, Spanien mit seinem afrikanischen Hinterland zu einer Kolonie und zu einer Aufmarschbasis der faschistischen Staaten für weitere imperialistische Vorstöße zu machen, — das alles bedroht nicht nur den Weltfrieden, sondern ist eindeutig gegen die nationalen Interessen Englands und Frankreichs gerichtet. Vor 1914 hätte eine so offenkundige Attacke zweifellos zu energischen Gegenmaßnahmen geführt, und, wenn diese nicht den gewünschten Erfolg gehabt hätten, zum Abwehrkrieg. 1937 aber haben England und Frankreich die früher selbstverständlich gewesene Energie vermissen lassen; sie haben alle Vorstöße gegen ihre Interessen ohne tatkräftige Gegenwehr hingenommen.
Was aber sind die Gründe dafür, daß die demokratischen Großmächte sich die faschistischen Vorstöße gefallen lassen, ohne sofort zu energischen Gegenaktionen zu greifen? Warum schwanken die demokratischen Staaten noch am Vorabend weltgeschichtlicher Entscheidungen unsicher hin und her?
Diese Fragen können nur dann zuverlässig beantwortet werden, wenn man den Dingen auf den Grund geht. wenn man die inneren Zusammenhänge der weltpolitischen Situation und der Herrschaftsverhältnisse in den demokratischen Ländern klarlegt. Über die Ursache der Schwankungen wird viel orakelt. Einmal soll die zeitweise Vernachlässigung der Rüstung und die dadurch bedingte militärische Schwäche Großbritanniens zum Ausweichen gezwungen haben. Natürlich ist die militärische Schlagkraft eines Landes nicht unwichtig für sein außenpolitisches Handeln, aber sie ist nicht die letzte entscheidende Ursache für Englands schwankende Haltung. Ein andermal sollen besonders raffinierte Versprechungen und geschickte taktische Schachzüge der faschistischen Diktatoren das Einschwenken der demokratischen Staaten in die Friedensfront verhindern. Jedoch alle diese spekulativen Betrachtungen über die endgültige Stellung der zwischen Kriegs- und Friedensfront hin- und herpendelnden Staaten sind müßig. Die Analyse der internationalen Situation ergibt, daß das Schwanken der demokratischen Staaten nicht nur taktischen Erwägungen entspringt, sondern tiefere, grundsätzliche Ursachen hat, die nicht durch taktische Winkelzüge aufgehoben werden können.
Das Entscheidende ist, daß sich seit dem letzten Kriege die weltpolitische Situation grundlegend geändert hat, und daß auf dieser neuen Basis die demokratischen Staaten, in denen der Kapitalismus noch herrscht, ihre außenpolitischen Entscheidungen nach neuen, der veränderten Situation angepaßten Prinzipien treffen. Vor 1914 war die Situation für die kapitalistischen Staaten wesentlich unkomplizierter als heute; sie ließen ihre Aussenpolitik eindeutig nur von ihren nationalen und imperialistischen Interessen bestimmen. Nach dem Auftreten zweier neuer Fakten in der Weltpolitik — der faschistischen Diktaturen auf der einen, und des sozialistischen Arbeiterstaates auf der anderen Seite — spielen andere, auch weltanschauliche Interessen eine größere Rolle; heute sind die kapitalistischen Machthaber in den demokratischen Staaten unsicher, ob sie die Entscheidung ihrer Aussenpolitik von ihrem nationalen und imperialistischen, oder von ihren engeren, besonderen kapitalistischen Klasseninteressen bestimmen lassen sollen. Die Konsequenz, die die kapitalistischen Machthaber in den demokratischen Staaten aus der veränderten weltpolitischen Situation gezogen haben, ist ihr Schwanken zwischen Kriegs- und Friedensfront. Die Konsequenz, die die Volker der demokratischen Staaten aus der veränderten weltpolitischen Situation ziehen müssen, ist ihr festes und einiges Auftreten für die Friedensfront, für das eindeutige Eintreten ihrer Vaterländer in die Kampffront gegen die faschistischen Kriegstreiber.
Vor dem letzten Weltkrieg herrschte in allen Ländern der Kapitalismus. Die verschiedenen Formen, unter denen er in den entscheidenden Staaten — in England, Deutschland, Frankreich, Rußland und den USA — seine Herrschaft ausübte, änderte nichts an der Tatsache, daß sich die wesentlichen Gegensätze der Großmächte aus dem Kampf der Kapitalisten um den Weltmarkt herausbildeten. Die Parolen, „Gegen den Zarismus", oder „Gegen den wilhelminischen Absolutismus" Krieg zu führen, entsprangen nicht weltanschaulichen Gegensätzen, sondern dem Bedürfnis, durch Vortäuschung weltanschaulicher Gegensätze die Arbeitermassen der verschiedenen Länder leichter für die gegenseitige Bekämpfung auf den Schlachtfeldern mobilisieren zu können. Die blutige Knute des Zarismus hat die deutschen Kapitalisten ebensowenig gestört, wie das undemokratische Regime des wilhelminischen Deutschland die Kapitalisten der westeuropäischen Demokratien störte. Die Entente gegen Deutschland war gewiß nicht aus weltanschaulichen Gründen zustande gekommen, den Anstoß zu ihrer Bildung gab die imperialistische Politik des wilhelminischen Deutschland, die — fast ebenso aggressiv wie Hitlers Außenpolitik — andere Großmächte bedrohte. Damals führte diese Bedrohung zum Zusammenschluß und schließlich zum Kriege. Der Feind wurde ganz eindeutig nur nach den nationalen und imperialistischen Interessen der kapitalistischen Länder bestimmt. Gegen das Land, das diese bedrohte, schlössen sich die anderen zusammen. Gleichgültig, welche Staatsform in den feindlichen und in den verbündeten Ländern herrschte. Da die Herrschaft der Regierenden in allen Ländern auf der gleichen ökonomischen Basis beruhte, war die verschiedene Staatsform kein Hindernis für die klare Bildung der Fronten nur nach den nationalen und imperialistischen Interessen. Darum war es gar nicht verwunderlich, daß das zaristische Rußland und das wilhelminische Deutschland sich im Kriege als Gegner gegenüber standen, während die Entente zwischen dem republikanischen Frankreich und dem zaristischen Rußland ohne große Schwierigkeiten wirksam werden konnte.
Die Geschichtsepoche, in der die kapitalistischen Staaten ihre außenpolitischen Entscheidungen ausschließlich nach ihren nationalen und imperialistischen Interessen bestimmten, ist mit dem endgültigen Siege der proletarischen Revolution in einem Lande abgeschlossen. Jetzt beruht die Herrschaft der Regierenden nicht mehr In allen Ländern auf der gleichen ökonomischen Basis. Auf einem Sechstel der Erde existiert die kapitalistische Klassenherrschaft nicht mehr. In einem riesigen Gebiet herrscht der Sozialismus, der aus dem alten morschen Zarenreich einen wirtschaftlich und militärisch starken Staat gemacht hat. Der erste Arbeiterstaat repräsentiert in der Weltpolitik eine gewaltige Macht, mit der die Großmächte in allen Kontinenten ernsthaft rechnen müssen. Der Sieg des Sozialismus in einem Lande hat aber nicht nur das Zarenreich umgestaltet, die Funktion Rußlands in der Weltpolitik und damit die weltpolitische Situation, er hat auch die Rolle der Arbeiterklasse in der Weltpolitik entscheidend verändert.
Die internationale Arbeiterbewegung war ohne Zweifel auch schon vor 1914 eine Macht, mit der die Kapitalisten bei den Klassenkämpfen in ihren Ländern ernsthaft rechnen mußten. Jedoch die Weltarbeiterklasse war noch nicht reif und stark genug, um selbständige internationale Politik zu betreiben und als handelnde Macht in die weltpolitischen Ereignisse unmittelbar einzugreifen. Der Zusammenbruch der sozialistischen Arbeiterinternationale im August 1914 bewies, daß es ihr damals noch an theoretischer Klarheit, an Zielbewußtheit und an Kraft fehlte, um die der Weltarbeiterklasse von der Geschichte gestellte Aufgabe zu erfüllen. Die Voraussetzungen für die Überwindung der 1914 hemmenden Mängel sind jetzt gegeben. Mit dem Auftreten eines mächtigen sozialistischen Arbeiterstaates in der Weltpolitik ist die Arbeiterklasse weit über ihre Bedeutung von 1914 hinausgeschritten. Erst jetzt wurde sie — zum ersten Male in der Geschichte — zu einer unmittelbar geschichtsbildenden Kraft, die ihre Macht auch in der internationalen Politik direkt einzusetzen vermag. Die Weltarbeiterklasse kann heute den weiteren Verlauf der Weltgeschichte entscheidend mitbestimmen. Die herrschenden kapitalistischen Mächte haben die neue geschichtliche Rolle der Arbeiterklasse in der Weltpolitik viel besser begriffen als viele Sozialisten; sie lassen darum bei ihren außenpolitischen Entscheidungen neuerdings auch ihre unmittelbaren inneren Klasseninteressen und weltanschauliche Gründe mitsprechen. Die internationale Arbeiterbewegung muß aus den veränderten Verhältnissen ebenso Lehren ziehen wie ihr kapitalistischer Gegenspieler.
Es ist nicht zwangsläufig, daß die Arbeiterklasse den weiteren Verlauf der weltgeschichtlichen Entscheidung ausschlaggebend bestimmen muß; sie kann das nur. wenn sie einig und geschlossen ist und in unzertrennlicher Verbundenheit mit dem ersten sozialistischen Arbeiterstaat handelt. Nur dann wird sie ihre volle Kraft ausnützen und die ihr von der Geschichte gestellte Aufgabe erfüllen können: den Weltsieg des Faschismus zu verhindern, die niedergehende Klassenherrschaft des Kapitalismus direkt abzulösen und die Menschheit auf eine höhere Stufe der Entwicklung zu führen.
Die kapitalistischen Mächte in den demokratischen Staaten empfinden das Vorhandensein eines mächtigen Arbeiterstaates als eine Bedrohung ihrer Klasseninteressen. Sie wissen, daß die bedeutende Rolle, die die Sowjetunion als immer mächtiger werdender Staat in der Weltpolitik spielt, auch die ideologische Wirkung der UdSSR auf die Arbeitermassen in allen Ländern erhöht hat. Der gewaltige Aufstieg, der sich in der UdSSR inmitten der Weltwirtschaftskrise vollzog, bewies in der Praxis die Überlegenheit des sozialistischen Systems über das kapitalistische. Der erste Arbeiterstaat hat bewiesen, daß der Sozialismus die Krise überwinden und die Produktion steigern kann, ohne daß die Mehrproduktion zu neuen Krisen führt. Während in der kapitalistischen Welt die Aufspeicherung des unverbrauchten Verdienstes der Kapitalisten immer schwerere Wirtschaftskrisen erzeugte und so Millionen Menschen arbeitslos machte und zum Hungern verurteilte, konnte die UdSSR alle Hände beschäftigen und eine neue, bessere Wirtschaft aufbauen. Die Sowjetunion hat die Richtigkeit der marxschen Theorie bewiesen, daß erst die Befreiung der Produktionsmittel aus den Händen der Kapitalisten die gewaltigen Fortschritte der Technik und des Geistes dem ganzen Volke dienstbar macht. Darum wirken die Erfolge des sozialistischen Aufbaus in dem ersten Arbeiterstaat in steigendem Maße revolutionierend auf die Proletarier in der ganzen Welt. Die bange Sorge der Kapitalisten ist, daß die Arbeiter in ihren Ländern immer deutlicher das aus dem Osten kommende Licht wahrnehmen und die aus der erfolgreichen sozialistischen Wirklichkeit tönende Mahnung beherzigen: in ihrer Heimat ebenso wie in dem damaligen Zarenreich den Kapitalismus zu überwinden, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen und die Bahn frei zu machen für einen stabilen, zukunftssicheren wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg.
Der Sieg des Faschismus in Deutschland hat die Situation für die demokratisch-kapitalistischen Staaten noch mehr kompliziert. Während vor dem Auftreten Hitlers normale, gleichwertige imperialistische Interessen der imperialistischen Großmächte gegeneinander stießen, bedroht jetzt der gesteigerte Überimperialismus machtlüsterner Diktatoren auf Schritt und Tritt und in allen Ecken Europas die nationalen Interessen der demokratischen Staaten. Würde die außenpolitische Stellungnahme der demokratischen Staaten nicht auch noch von anderen als nationalen Interessen beeinflußt, so würden sie zusammen mit der Sowjetunion den übermächtigen Friedensblock bilden, der jeden Friedensstörer zur sicheren Niederlage verurteilt, der ihn zwingt, den Angriff zu unterlassen, und den Frieden zu wahren. Die viel verbreitete Meinung, daß die demokratischen Großmächte in den entscheidenden Situationen zwangsläufig im demokratischen Staatenblock gegen den faschistischen stehen werden, beruht auf trügerischen und darum gefährlichen Hoffnungen. Die demokratische Staatenfront ist eine fiktive. Die noch so ernst gemeinte demokratische Verfassung eines kapitalistischen Staates ist keine Garantie für die Stellungnahme der demokratischen Staaten gegen die faschistischen Diktaturen. Die Politik der kapitalistischen Klassen richtet sich nicht nach den in ihrem Vaterland publizierten, und von ihnen auch anerkannten politischen Ideen, sondern nach ihren materiellen Interessen.
Die demokratischen Staaten haben eine durchaus ehrliche Abneigung gegen die zum Krieg treibende Politik der faschistischen Diktaturen. Ihre nationalen Interessen verlangen ihre eindeutige Stellungnahme für die Friedensfront. Wäre die Sowjetunion der aggressive Kriegstreiber, und wären die faschistischen Diktaturen die Stützen der Friedensfront, so würden die kapitalistischen Machthaber der demokratischen Staaten hemmungslos die Friedensfront verstärken. Weil aber unzweifelhaft die faschistischen Diktaturen die Friedensstörer sind, muß die Friedensfront naturnotwendig antifaschistisch sein. Die Identität der Friedensfront mit der antifaschistischen Front erschwert den kapitalistischen Machthabern in den demokratischen Staaten die eindeutige Stellungnahme. In der antifaschistischen Front ist die Sowjetunion die stärkste Kraft. Die Staatsmänner — besonders Englands — fürchten, daß die Sowjetunion zusammen mit den ihr ideologisch oder (ohne Unterschied der Parteirichtung) gefühlsmäßig verbundenen Arbeitermassen in der antifaschistischen Friedensfront eine unüberwindbare Macht wird, die nach Niederwerfung der faschistischen Diktaturen — auf die sie zunächst alle Kraft konzentriert — nicht stehen bleibt. Sie fürchten, daß diese Macht nach der Erreichung des ersten entscheidenden Zieles weiter vorwärts schreiten wird, um auch die Ursache von Krieg und Faschismus — die kapitalistische Gesellschaftsordnung — zu überwinden.
Die kapitalistischen Mächte in den demokratischen Staaten wollen um jeden Preis ihre herrschende Stellung behaupten. Aber sie wissen nicht, durch welche Entscheidung sie das am besten erreichen. Das eben ist der Zwiespalt, in den sie die veränderte weltpolitische Situation gebracht hat. Sie sind unsicher, ob sie ihre Herrschaftsstellung behaupten können, wenn sie in einer Front mit der Sowjetunion zunächst den imperialistischen Vorstoß der aggressiven faschistischen Diktaturen gegen ihre nationalen Interessen entscheidend zurückschlagen und dadurch den Sturz der faschistischen Diktaturen herbeiführen helfen — oder wenn sie in der Front mit Hitler und Mussolini den ersten Stoß gegen den ihre Machtstellung ideologisch bedrohenden sozialistischen Arbeiterstaat führen. Sie sind unsicher, wie sich bei der Entscheidung für die zweite Möglichkeit ihre Völker verhalten werden, ob deren Auftreten an der Seite der Sowjetunion nicht gleichfalls zum Sturz ihrer Herrschaft führt. Sie fürchten außerdem, daß die überspitzte Gewaltherrschaft des Faschismus nach einer kurzen Übergangszeit schneller und sicherer zum endgültigen Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft führt. Für welchen Weg sie sich auch entscheiden, sie fürchten, später von dem Bundesgenossen erdrückt zu werden, mit dem zusammen sie den gefährlichsten Gegner niedergeworfen haben.
Die Männer und Mächte, die zum Beispiel Englands Politik bestimmen, sind gewiß nicht für Hitlers machtlüsternes Diktaturregime, das die ganze Welt beunruhigt, — aber sie fürchten den Sieg der Arbeiterklasse. Sie möchten sich gern für das kleinere Übel entscheiden, aber sie sind im Zweifel, was im entscheidenden Augenblick das kleinere Übel sein wird. Sie wissen nicht, ob es ihnen nach der Niederwerfung der einen „ideologischen Front" gelingen wird, dem von ihnen ausgewählten kleineren Übel gegenüber die Entscheidung zugunsten ihrer nationalen kapitalistischen Interessen herbeizuführen.
England will sich — wie die englischen Regierungsmänner in allen außenpolitischen Reden erklären — weder in eine weltanschauliche Front einreihen, noch an einem Weltanschauungskrieg beteiligen. Diese Erklärungen richten sich ebenso gegen die Bildung einer demokratischen Friedensfront, wie gegen Hitlers antibolschewistische Staatenfront für den heiligen Krieg gegen die Sowjetunion. Hitler und Mussolini rechnen bei der Durchführung ihrer provokatorischen Außenpolitik mit der Angst der kapitalistischen Machthaber in den demokratischen Staaten vor der ideologischen Fernwirkung des ersten Arbeiterstaates. Hitler propagiert seine weltanschauliche Front nur, um die kapitalistischen Interessen in den demokratischen Ländern für die Erreichung seiner — die demokratischen Staaten bedrohenden — imperialistischen Ziele auszunützen. Es ist darum zweifellos notwendig. Hitlers Spekulationen zu stören und seinen Bemühungen, eine Front der kapitalistischen Staaten gegen die Sowjetunion zu bilden, entschieden entgegenzuwirken. Aber trotzdem ist kaum zu bezweifeln, daß bei den weltpolitischen Entscheidungen unserer Zeit, im Gegensatz zu 1914, weltanschauliche Interessen hineinspielen werden. Im gewissen Sinne entscheiden auch bei der Problemstellung Krieg oder Frieden, faschistische Diktatur oder Demokratie, weltanschauliche Gesichtspunkte mit. Die konsequente Verneinung dieser Tatsache durch die Staatsmänner der demokratischen Staaten führt zu ihrer unrealen, illusionären Politik, die letzten Endes nicht der Erhaltung des Friedens, sondern den Kriegstreibern dient.
Aus der Identität der antifaschistischen Front mit dem Friedensblock ergibt sich die widerspruchsvolle, schwankende Haltung der demokratischen Großmächte, die ihren Willen und ihre Aktionen zur Verhinderung des Krieges durch die Ablehnung der antifaschistischen Friedensfront selbst sabotieren. Die herrschenden kapitalistischen Mächte der demokratischen Staaten wollen die Quadratur des Kreises lösen: sie wollen den Frieden erhalten, aber die faschistischen Diktaturen nicht stürzen; sie wollen die aggressive, zum Krieg treibende Politik der faschistischen Diktaturen liquidieren, aber sich nicht für die antifaschistische Front entscheiden.
Das Lebensinteresse der Völker in den demokratischen Staaten erfordert Stellungnahme für die antifaschistische Friedensfront, das egoistische Sonderinteresse der kapitalistischen Klassen hindert die eindeutige Frontstellung der demokratischen Großmächte gegen die faschistischen Kriegstreiber.

DIE AUFGABEN DER INTERNATIONALEN ARBEITERBEWEGUNG

Wir stehen vor Entscheidungen von weltgeschichtlicher Bedeutung. Wie diese Entscheidungen ausfallen, ob die Menschheit unter die „eiserne Ferse" des Faschismus gezwungen oder die Bahn für den Aufstieg zu einer höheren Gesellschaftsform freimachen wird, in der alle Menschen in Frieden und Wohlstand leben können, das hängt vor allem davon ab, ob die Weltarbeiterklasse als gewaltige Macht unmittelbar in die Weltpolitik einzugreifen vermag.
Alle Voraussetzungen für das Auftreten der Arbeiterklasse als machtvolle geschichtsbildende Kraft sind gegeben. Das ist das positive Ergebnis der veränderten weltpolitischen Situation. Die negative Nebenwirkung des Machtzuwachses der Arbeiterklasse ist die schwankende Haltung der demokratisch-kapitalistischen Staaten gegenüber der den Frieden bedrohenden Politik Hitlers und Mussolinis. Zwei Seelen wohnen doch, in der Brust der herrschenden Mächte dieser Staaten. Auf welche Seite sie sich endgültig stellen, das wird sich wahrscheinlich erst in der letzten Stunde entscheiden. Die konkrete Aufgabe der Arbeiterklasse in allen Ländern ist es, ihre Vaterländer zu einer eindeutigen Stellungnahme zu veranlassen: zum Beitritt in den dann übermächtig werdenden Friedensblock, der den faschistischen Diktaturen den Ausweg in den Krieg versperrt und den Untergang der modernen Zivilisation verhindert.
Wann und wie die endgültige Entscheidung der demokratischen Staaten fällt, wird im wesentlichen von zwei Faktoren bestimmt werden:
Erstens davon, ob die faschistischen Diktaturen bei der fortgesetzten Steigerung ihrer aggressiven imperialistischen Politik die Grenze überschreiten, die die demokratischen Großmächte bei der Wahrnehmung ihrer nationalen Lebensinteressen ziehen müssen. Diese Grenze ist — wie die Geschehnisse in den letzten Jahren beweisen — sehr elastisch, sie ist immer weiter rückwärts verlegt worden. Aber sie wird den Punkt erreichen, an dem die Überschreitung durch faschistische Provokationen die demokratischen Großmächte zur Gegenwehr zwingt.
Zweitens davon, wie groß die Einsicht, der Wille und der Einfluß der Arbeiterklasse in den demokratischen Ländern ist, um diese zur eindeutigen Stellungnahme für die demokratische, antifaschistische Friedensfront zu bringen.
Die provokatorische Außenpolitik der faschistischen Diktaturen hat in allen von ihr bedrohten Ländern günstige Voraussetzungen für erfolgreiche Aktionen zur Stärkung der Friedensfront geschaffen. Der entscheidende subjektive Faktor, der diese günstige objektive Situation zielbewußt ausnutzen muß, ist die Arbeiterbewegung. Die Größe ihrer Macht und ihres Einflusses, die sie in den einzelnen Ländern für die Erfüllung ihrer nächsten Aufgabe einzusetzen vermag, wird nicht zuletzt von dem Grad ihrer Einigkeit und Geschlossenheit bestimmt. Die Bildung einer aktionsfähigen Einheits- und Volksfront ist darum sowohl im nationalen, wie im internationalen Rahmen eine unablösbare Pflicht. Wer heute noch die gemeinsame antifaschistische Kampffront als Parteimanöver behandelt oder betrachtet, verkennt die bedeutende geschichtliche Rolle der Arbeiterklasse am Vorabend weltgeschichtlicher Entscheidungen. Die Volksfront und die Voraussetzung für diese, die Einheitsfront, dienen nicht egoistischen Interessen eines Teiles der Arbeiterbewegung, sie sind vielmehr Kampfmittel aller Werktätigen für ihren Kampf um Freiheit und Fortschritt, für den Aufstieg der Menschheit aus den Niederungen der steten Bedrückung und Bedrohung. Die Arbeiterparteien der verschiedenen Länder können die Frage der gemeinsamen antifaschistischen Kampffront nicht mehr nur nach innerpolitischen Gesichtspunkten entscheiden, sie müssen ihre Entscheidung nach den Bedürfnissen des umfassenden internationalen Befreiungskampfes des Proletariats treffen. Von dem Tempo, in dem die Einheits- und Volksfront in den einzelnen Ländern zustande kommt, von dem Tempo, in dem die Weltarbeiterklasse zu einem entscheidenden Machtfaktor in der internationalen Politik wächst, wird es abhängen, ob den Völkern der furchtbarste aller Kriege erspart werden kann, ob — wenn die Verhinderung des Krieges trotz aller Anstrengungen nicht gelingt — in diesem Kriege der Faschismus vernichtend geschlagen wird, und ob die Ursachen von Krieg und Faschismus beseitigt werden können. Die geschichtliche Entwicklung wird die Richtigkeit dieser Behauptung erweisen. Hoffentlich müssen Historiker nicht einmal feststellen, daß diese Erkenntnis sich erst zu spät in den einzelnen Arbeiterparteien durchgesetzt hat.
Die Einheits- und Volksfront, die in den demokratischen Ländern starken Einfluß besitzt, kann diese zur Entscheidung für die antifaschistische Friedensfront zwingen. Ist ihr Druck jedoch noch nicht stark genug, um ihr Land eindeutig in den Friedensblock zu führen, so kann sie — wenn sie im Volke fest verankert ist — doch das Einschwenken ihres Vaterlandes in die faschistische Front verhindern. Auf jeden Fall wird es von der Einheits- und Volksfront abhängen, ob die herrschenden kapitalistischen Mächte der einzelnen Länder vor dem Kriege an der Seite der faschistischen Diktaturen zurückschrecken werden. Wenn nicht für die Staatsmänner, so gewiß für die Völker der demokratischen Staaten, wird im Kriege die gesinnungsmäßige Frontenbildung davon bestimmt werden, daß auf der einen Seite die faschistische Diktatur, auf der anderen Seite der sozialistische Arbeiterstaat steht. Ebenso wie die Situation, ist auch die Stimmung der Volksmassen eine wesentlich andere als 1914. Die zielbewußte Ausnutzung dieser Tatsache ist die Pflicht der antifaschistischen Bewegung. Müssen die Herrschenden aller Länder damit rechnen, daß in einem Kriege, den sie an der Seite der faschistischen Diktaturen führen wollen, große Volksmassen gegen sie auftreten werden, so wird die Angst vor dem Risiko dieses Krieges ihre endgültige Entscheidung nicht unwesentlich beeinflussen. Eine mächtige, einig handelnde antifaschistische Kampffront kann unmittelbar oder mittelbar den Friedensblock so stark machen, daß die faschistischen Kriegstreiber den Überfallkrieg gegen einzelne Staaten nicht mehr wagen können.
Die nächsten großen Entscheidungen fallen auf dem Boden der internationalen Politik. Brennend wichtig ist darum die internationale Einheitsfront aller demokratischen Kräfte — ohne Unterschied der Parteirichtung — mit der Sowjetunion. Die neue internationale Situation fordert klare Frontenbildung; sie verlangt besonders von allen Teilen der internationalen Arbeiterbewegung eine eindeutige Stellungnahme. Das gemeinsame Interesse der Weltarbeiterklasse gebietet, daß in dem gewaltigen Ringen unserer Zeit alle Teile der internationalen Arbeiterbewegung Schulter an Schulter mit der Sowjetunion kämpfen. Nur dann wird die Arbeiterklasse das positive Ergebnis der veränderten weltpolitischen Situation, als geschichtsbildende Kraft die nächsten Entscheidungen zu bestimmen, auch positiv auswerten können.

DIE SOWJETUNION UND DIE SOZIALDEMOKRATIE

Von der Parteien Haß und Liebe gezeichnet, schwankt das Bild der Sowjetunion in den zeitgenossischen Betrachtungen. Kein Land hat in den letzten zwei Jahrzehnten die Aufmerksamkeit der Menschen aller Erdteile so auf sich gelenkt wie die UdSSR. Die Einen bejahen mit Begeisterung das neue Werden im Osten. Die Anderen verfluchen es als ein Teufelswerk der Hölle. Die Dritten schwanken zwischen diesen beiden Extremen hin und her, finden Fehler und Mängel, mit denen sie ihre unschlüssige Haltung begründen. Alle aber bekunden — durch positive oder negative Stellungnahme — die große Bedeutung der UdSSR in den Kämpfen unserer Zeit. Und in der Tat; künftige objektive Historiker werden feststellen, daß mit dem Siege der proletarischen Revolution in einem Lande und mit der Sicherung und Festigung dieses Sieges der Durchbruch in eine neue Epoche gelungen ist:
daß der Aufbau des ersten sozialistischen Arbeiterstaates die größte geschichtliche Leistung der Vergangenheit war, der erste entscheidende Schritt, der auf dem Wege zur Verwirklichung des Sozialismus, zu einer höheren, vollkommeneren menschlichen Gesellschaft vorwärts gemacht wurde.
Jedoch nicht nur der rückschauende Historiker, auch der in der Geschichte aktiv handelnde politische Mensch muß die Kräfte und Mächte in der Weltpolitik, die großen Ereignisse und Veränderungen in ihrem geschichtlichen Zusammenhange betrachten. Dann aber wird er erkennen, daß die Sowjetunion zu einem Machtfaktor in der Weltpolitik geworden ist, von dessen Bestand und Stärke es entscheidend mit abhängt, ob die Menschheit durch den Sieg des Faschismus weit zurückgeworfen wird, in einen Zustand tiefster Barbarei — der dem heutigen Stand der Entwicklung vollkommen widerspricht — oder ob die zum Sturz reife kapitalistische Klassenherrschaft durch den Sozialismus abgelöst wird. Das Große, für den Befreiungskampf der Menschheit Bedeutungsvolle jedoch ist: die auf den Trümmern des alten morschen Zarenreiches entstandene Sowjetunion ist nur darum zu einem entscheidenden Machtfaktor in der Weltpolitik geworden, weil die siegreiche proletarische Revolution die kapitalistische Klassenherrschaft rücksichtslos vernichtete, die Produktionsmittel vergesellschaftete, und mit sozialistischen Wirtschaftsmethoden in atemberaubendem Tempo einen gewaltigen ökonomischen Aufbau vollzog. Erst die Entfesselung der vom kapitalistischen Profitinteresse niedergehaltenen Produktivkräfte, erst die Befreiung der Menschen aus der kapitalistischen Sklavenfron hat die Sowjetunion befähigt, alle wirtschaftlichen und menschlichen Kräfte für den Aufstieg und für die Verteidigung der Heimat zu mobilisieren. Ohne den sozialistischen Aufbau wäre die UdSSR nie die große wirtschaftliche und militärische Macht in der Weltpolitik geworden, die auch die Waffen zu gebrauchen versteht, mit denen die kapitalistische Klassenherrschaft noch heute über fünf Sechstel der Erde aufrechterhalten wird, und vor denen allein die Herren der kapitalistischen Weltordnung Respekt haben.
Von manchen aus den Reihen der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Kritikern der Sowjetunion wird bestritten, daß die in harten Kämpfen unter großen Opfern aufgebaute Macht der UdSSR auch tatsächlich für den Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt wirkt. Die Geschichte der russischen Revolution, die objektive Analyse der Entwicklung und der Politik der Bolschewistischen Partei beweist, daß die Zweifel der Kritiker unberechtigt sind. Die endgültige Sicherung des ersten Arbeiterstaates ist eng verbunden mit dem sozialistischen Vormarsch in den anderen Ländern. Das ureigenste Interesse gebietet der Sowjetunion, für den Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt zu wirken. Aber der Weltsieg des Sozialismus kann nicht ohne den Machteinsatz der Weltarbeiterklasse erfochten werden. Die internationale Arbeiterbewegung ist der entscheidende Machtfaktor im Weltkampf um den Sozialismus; ihre Kraft und die Festigkeit ihres Bündnisses mit der Sowjetunion wird den Ausgang des Kampfes um eine neue Weltordnung bestimmen. Die internationale Arbeiterbewegung kann eine große, gewaltige Kampfkraft entfalten. Aber die ideologische Verwirrung in ihren Reihen, ihre Uneinigkeit und die gegenseitige Bekämpfung der verschiedenen Gruppen machen sie zeitweise aktionsunfähig, hindern nur zu oft in entscheidenden Situationen den vollen Einsatz ihrer Macht.
Es ist unbestreitbar, daß die Kampffront für den Sozialismus in den kapitalistischen Ländern heute noch nicht so stark ist wie die Sowjetunion. Jedoch auch die internationale Machtposition der UdSSR ist in weitgehendem Maße abhängig von der Stärke der internationalen Arbeiterbewegung. Ist diese aktionsunfähig, wird dadurch auch die Stoßkraft der Sowjetunion geschwächt. Gerade die durch Uneinigkeit verschuldete Schwäche der internationalen Arbeiterbewegung ist es, die oft den von ungeduldigen Kritikern geforderten Einsatz der Sowjetmacht an allen Kampffronten erschwert. Wie schicksalhaft die zwei entscheidenden Faktoren in der Kampffront für den Sozialismus miteinander verbunden sind, wird am deutlichsten dadurch charakterisiert, daß die Größe der Aktionsfähigkeit des einen von der des anderen bedingt wird, daß die Stoß- und Wirkungskraft beider von ihrem gegenseitigen Verhältnis abhängt. Steht die internationale Arbeiterbewegung einig und geschlossen in enger Kampfgemeinschaft, sieht sie in dem ersten Arbeiterstaat mehr noch als einen Verbündeten, so wird sie dadurch gewaltig erstarken und in der Wechselwirkung auch die Aktionskraft der Sowjetunion bedeutend steigern; andererseits wird durch die erhöhte Aktionskraft der Sowjetunion die Machtposition der Internationalen Arbeiterbewegung vergrößert. Außerdem wird der von einer mächtigen, einigen internationalen Arbeiterbewegung unterstützte Arbeiterstaat manche zeitweilig notwendigen Konzessionen und Kompromisse unterlassen können und damit vielen Kritikern die Möglichkeit zu ihrer verwirrenden Kritik nehmen. Die ideologische Klärung wird sich viel rascher vollziehen, und auch dadurch wird die internationale Arbeiterbewegung unvergleichlich stärker, mächtiger und einflußreicher werden, als sie heute ist. Der Ausgangspunkt für die Überwindung aller vorhandenen Schwierigkeiten und Schwächen ist jedoch die gemeinsame Kampffront der gesamten internationalen Arbeiterbewegung und ihre unerschütterliche Kampfgemeinschaft mit der Sowjetunion. Darum ist es eine unumgängliche Pflicht, alle proletarischen Kräfte zum einheitlichen Handeln zusammenzufassen und den festen Kampfblock der Weltarbeiterklasse mit der Sowjetunion zu schmieden. Das unerschütterliche Zusammenwirken der beiden entscheidenden geschichtlichen Kräfte in der Front gegen Krieg und Faschismus wird den Weltsieg des Sozialismus wesentlich beschleunigen.
Es geht um Sein oder Nichtsein. Wir stehen vor dem großen Kampf, dem keiner sich entziehen kann. Die herannahende Entscheidung verlangt gebieterisch die Geschlossenheit aller proletarischen Kräfte und deren klare, eindeutige Stellungnahme zur Sowjetunion. Die geschichtliche Situation duldet in dieser Frage kein Ausweichen mehr. Wer den Faschismus schlagen will, kann nicht mehr „Ja aber" oder „Ja und Nein", der muß eindeutig Ja zur Sowjetunion sagen. Wer dieses klare Ja verweigert oder abschwächt, gerät — wenn er nicht schon dort steht — auf die falsche Seite der Barrikade.
Die faschistischen Feinde der Arbeiterklasse haben die große geschichtliche Bedeutung der Sowjetunion in den Kämpfen unserer Epoche klarer erkannt als große Teile der Weltarbeiterklasse. Die Faschisten fürchten in dem von ihnen vorbereiteten Kriege nicht nur die gewaltige militärische und wirtschaftliche Macht der Sowjetunion, sondern auch die ideologische Fernwirkung des sozialistischen Arbeiterstaates auf ihre eigenen Volksgenossen. Darum betreiben sie eine ununterbrochene systematische Hetze gegen die Sowjetunion; sie wollen durch Lügen und Verleumdungen die Sympathien der freiheitlich gesinnten Massen ihrer Länder für die UdSSR zerstören. Endlos werden Märchen von dem verhungernden russischen Volke aufgetischt, entrüstet wird berichtet, daß in der Sowjetunion zehntausende edler Menschen in besonders fürchterlichen unterirdischen Gefängnissen schmachten, daß die Zahl der täglich zu Erschießenden generell auf 150 festgesetzt ist. Die Hetze gegen die Sowjetunion erfolgt nach dem in „Mein Kampf" von Hitler niedergeschriebenem Rezept, daß eine Lüge nur groß genug sein muß, um geglaubt zu werden. Die Mehrheit der deutschen Arbeiterschaft fällt auf die faschistischen Hetzreden gegen die Sowjetunion nicht mehr herein. Aber es gibt trotzdem noch genug Arbeiter, und vor allem Angehörige anderer Klassen, die von den Lügen der Faschisten zumindest so weit beeindruckt werden, daß sie, auch wenn sie dem Faschismus gegenüber bereits eine negative Haltung einnehmen, zu keiner positiven Kampfstellung gelangen. Schon allein darum ist die Widerlegung dieser Märchen und die sachliche Aufklärung der Massen über die wirkliche Entwicklung in der Sowjetunion dringend notwendig. Mehr noch als durch die Lügen der Faschisten werden die Volksmassen in den kapitalistischen Ländern bei der Stellungnahme zum ersten Arbeiterstaat durch die oft unsachliche Kritik angeblicher Freunde der UdSSR verwirrt. Diese Kritik wird überall von den Faschisten als „wichtiges Material" für ihre Lügen aufgegriffen und aufgebauscht.
Die Kritik der angeblichen Freunde der Sowjetunion stützt sich auf Fehler oder Mängel, die sich zeitweise ergaben, und die — aufgebauscht — als Dauererscheinungen und als entscheidendes Charakteristikum der Sowjetgesellschaft dargestellt werden. Diese Kritiker haben die große geschichtliche Tat, die der Aufbau des ersten Arbeiterstaates inmitten der kapitalistischen Umwelt ist, nicht begriffen. Es gibt in der Geschichte keine epochemachende Leistung, die in ihrem Entfaltungsprozeß nicht mit Mängeln behaftet gewesen wäre. Niemand anders als Karl Marx hat immer wieder darauf hingewiesen, daß die proletarische Revolution unvergleichlich schwierigere Aufgaben zu lösen hat als die bürgerlichen Revolutionen. Die größten Schwierigkeiten der proletarischen Revolution beginnen erst nach dem ersten siegreichen Vorstoß, nach der politischen Machteroberung, — wenn nach der Zerschlagung des kapitalistischen Machtapparates ein vollständig neuer Machtapparat aufgebaut und die grundlegende Umwälzung der ökonomischen Fundamente der Gesellschaft durchgeführt werden muß. Die bürgerlichen Revolutionen, die auf den für ihren Sieg herangereiften Verhältnissen nur weiter zu bauen brauchten, hatten es leichter, — und trotzdem weist ihre Geschichte unzählige Mängel und Fehler auf. Aber kein fortschrittlicher Mensch macht seine Stellung zu dem Ergebnis dieser Revolutionen, die eine neue Epoche in der Geschichte einleiteten, von den vielfältigen Fehlern abhängig. Wäre aber schon die Durchführung der proletarischen Revolution, wenn sie gleichzeitig in mehreren hochentwickelten Industrieländern gesiegt hätte, viel schwieriger als jede bürgerliche Revolution gewesen, so mußten die Schwierigkeiten unermeßlich sein, da der Sieg der proletarischen Revolution auf ein einziges rückständiges Agrarland beschränkt blieb.
Die siegreiche proletarische Revolution in dem rückständigen Zarenreich, die inmitten der kapitalistischen Umwelt den sozialistischen Aufbau beginnen mußte, hatte darum nach dem Ausbleiben der proletarischen Revolution in anderen Ländern unendlich viel größere Schwierigkeiten zu überwinden als jede andere geschichtliche Umwälzung in der Vergangenheit. Unter den gegebenen Umständen konnte es im Ringen um die Erhaltung der Oktoberrevolution nicht gradlinig aufwärts gehen. Es waren zeitweise Rückzüge, Konzessionen und Kompromisse ebenso notwendig wie harte Maßnahmen gegen diejenigen, die sich aus Feindschaft oder Kurzsichtigkeit, aus Verärgerung oder Ungeduld der planmäßigen Entwicklung zur neuen Gesellschaft entgegenstellten. Der Marxist weiß, daß die Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische nicht über Nacht, durch einen alles bisherige Sein auf den Kopf stellenden einmaligen Akt, vollbracht werden kann. Selbst unter den günstigsten objektiven Voraussetzungen — bei gleichzeitigem Siege der proletarischen Revolution in mehreren fortgeschrittenen Ländern — entwickelt sich die neue sozialistische Gesellschaft nur in langwierigen, schweren Kämpfen aus dem Schöße der kapitalistischen Gesellschaft; und sowohl die Verhältnisse, wie die Menschen sind in den ersten Stadien der sozialistischen Gesellschaft noch mit den Muttermalen der kapitalistischen Gesellschaft behaftet.
Unter den besonders schwierigen und komplizierten Verhältnissen, unter denen nach der Oktoberrevolution der Aufbau des Sozialismus in einem Lande in Angriff genommen werden mußte, sind Fehler und Mängel unvermeidlich gewesen. Es ist begreiflich, daß der marxistisch ungeschulte Mensch in der Entwicklung der Sowjetunion unklare und verwirrende Bilder sah, seinen Blick an diesen haften ließ und darüber hinaus nicht die geschichtliche Leistung des Aufbaus des ersten sozialistischen Arbeiterstaates erkannte. Bis zum endgültigen Siege des Sozialismus in der ganzen Welt werden allen siegreichen proletarischen Revolutionen Mängel anhaften, werden aus der Situation inmitten der kapitalistischen Umwelt und im Zusammenhang mit den Aktionen der Gegner taktische Maßnahmen notwendig sein, die wie Rückzüge aussehen oder als Fehler erscheinen. Das Entscheidende jedoch ist, ob die Bewegung, die an der Spitze der siegreichen proletarischen Revolution steht, das revolutionäre Ziel immer vor Augen hat und unerschütterlich an ihm festhält. Das Entscheidende ist, daß sie die Macht und die Fähigkeit besitzt, notwendig gewesene Konzessionen aufzuheben — sobald sie im Zuge der Entwicklung nicht mehr notwendig sind oder dem revolutionären Ziel gefährlich werden könnten. Die zwanzigjährige Geschichte der Sowjetunion hat bewiesen, daß die leninsche Partei als Führerin der russischen Revolution in jeder Situation unverrückbar am revolutionären Ziel festgehalten hat, und daß sie mit dem Blick darauf — getreu der Lehre ihres Begründers — immer das nächste Kettenglied packte und alle zeitweisen Konzessionen rechtzeitig wieder zu liquidieren vermocht hat. Zwei Jahrzehnte nach dem Siege der Oktoberrevolution ist der Sozialismus das unbestritten herrschende Wirtschaftsprinzip in der Sowjetunion. Die Stabilisierung der siegreichen proletarischen Revolution und der erfolgreiche sozialistische Aufbau in einem Lande sind eine epochemachende Leistung, die kein objektiver Kritiker und Historiker mehr bestreiten kann. Im Vergleich zu diesem Ergebnis sind Notfehler, die weniger durch die siegreiche Partei in der Sowjetunion, als durch das Ausbleiben der proletarischen Revolution in den anderen Ländern verschuldet sind, belanglos.
Die Sozialdemokratie, die viel zu lange die Sowjetunion als die Sache einer gegnerischen Partei und nicht als die Sache der internationalen Arbeiterklasse betrachtete, hat die in den Jahren mühseligen Ringens um den sozialistischen Aufbau entstandenen Mängel und Fehler maßlos übertrieben und zur Propaganda gegen die in der Sowjetunion verwirklichte Lösung benutzt. Die kritische, die oft mehr als kritische, ablehnende Haltung der sozialdemokratischen Bewegung gegenüber dem heroischen Kampf der russischen Arbeiterklasse hat wesentlich die Haltung der sozialdemokratischen Arbeitermassen in den kapitalistischen Ländern beeindruckt und ihre positive Einstellung zum ersten Arbeiterstaat erschwert. Die gegen alle Widerstände durchgesetzten großen unbestreitbaren Erfolge des sozialistischen Aufbaus haben entscheidende Teile der sozialdemokratischen Kritik an der UdSSR widerlegt. Noch mehr aber hat die krisenhafte Zuspitzung der weltpolitischen Situation, die durch das Auftreten der faschistischen Diktaturen erfolgte, die große Bedeutung der Sowjetunion klargemacht. Unter dem Druck der geschichtlichen Entwicklung haben die Argumente reformistischer Kritiker ihre Wirkung auf große Teile der sozialdemokratischen Anhängerschaft verloren. Tatsachen sprechen eine zu deutliche Sprache. Auch die sozialdemokratischen Arbeiter haben trotz oft sehr entstellenden Berichten ihrer Presse über die Sowjetunion allmählich die grundsätzliche Bedeutung des ersten Arbeiterstaates erkannt. Besonders nach dem Siege Hitlers haben sie begriffen, daß nur der konsequent revolutionäre Weg einer proletarischen Partei den Übergang von der kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaftsordnung ermöglichen und dem Volke die furchtbare Herrschaft des Faschismus ersparen kann. Trotzdem ist die offizielle sozialdemokratische Kritik nicht verstummt. Aber ihre Form und die Objekte ihres Angriffes sind andere geworden. Es scheint wie ein Witz, daß dieselben Reformisten, die früher die leninsche Partei wegen der radikalen, konsequenten Durchführung der sozialen Revolution und der sich daraus ergebenden Konsequenzen angriffen, heute derselben Bolschewistischen Partei Preisgabe der Weltrevolution, angeblichen Verrat der Oktoberrevolution und die Vernichtung der „alten bolschewistischen Garde" vorwerfen. Die offiziellen sozialdemokratischen Kritiker der Sowjetunion grenzen sich zwar mehr oder weniger scharf von Trotzki ab; aber sie gebrauchen die Argumente der Trotzkisten als angeblichen Beweis dafür, daß die UdSSR nicht den Wünschen und Vorstellungen der unter dem Druck des Kapitalismus leidenden Massen entspricht. Aus der Situation innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung, aus der Zuspitzung der weltpolitischen Gegensätze erhält der Trotzkismus ein