Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 04/08

Herausgeber: Verein zur Förderung demokratischer Publizistik (e.V.)

Spendenempfehlung: 3,00 €


Die Recherchen des Commissario Pallotta:

Warum Aldo Moro sterben musste

Eine Kriminalgeschichte nach Tatsachen von Gerhard Feldbauer


Inhalt

Die Handlung beruht auf wahren Begebenheiten, die dokumentarisch belegt sind. Pallotta, Antonella und Maurizio sind fiktive, jedoch ebenfalls der Realität entnommene Personen. Bei ihrer Gestaltung hat der Autor von üblichen publizistischen Freiheiten Gebrauch gemacht. Alles, was sie ausführen, darlegen, analysieren, ist jedoch in den Quellen nachzulesen.

Redaktionsnotiz

Wir veröffentlichen mit diesem Heft etwas für uns recht Untypisches: eine historische Kriminalerzählung. Die Fakten, Zusammenhänge und Hintergründe, die in der Erzählung genannt werden, sind historisch belegt. Die Form der Erzählung macht das Lesen spannend. Das sind die einfachen Gründe, die uns dazu bewogen haben, auf Gerhard Feldbauers Angebot, eine solche historische Kriminalerzählung für uns zu verfassen, einzugehen.

Das Heft erscheint zum 30. Jahrestag des Komplotts, das von der CIA und ihrer Stay- behind-Truppe, die in Italien Gladio hieß, inszeniert wurde, um den christdemokratischen Politiker zu liquidieren, weil er ein Regierungsbündnis mit den Kommunisten geschlossen hatte. Obwohl diese Zusammenarbeit die KP politisch geschwächt und ideologisch der  Großbourgeoisie unterworfen hätte - wie es in den folgenden Jahren auch geschah – hatten die führenden USA-Kreise panische Angst, es könnte insbesondere die NATO und ihre Strategie zur Beseitigung des Sozialismus durcheinander bringen.

Am 16. März 1978 wurde Moro entführt und am 9. Mai ermordet. Der Fall Moro ist ein Beispiel dafür, dass die reaktionären Kreise der Bourgeoisie stets auch Gegner bürgerlicher Reformer sind, die auf den Grundlagen ihrer Gesellschaftsordnung agieren.

Besonders interessant erscheint uns unter heutigen Gesichtspunkten die Darstellung der „Spannungsstrategie“, mittels derer die USA in Griechenland das Obristenregime an die Macht brachten, in Chile Pinochet und in Italien eine reaktionäre Wende bewirkten, die bis in die Gegenwart reicht und den Hitlerbewunderer Berlusconi zusammen mit dem AN-Faschisten Fini an die Regierung brachte. Das reicht bis in die Gegenwart. Wer dies Heft liest, bekommt eine klare Antwort auf die Frage nach der heutigen Verfasstheit in Italien, die erneut zum Sturz der jetzigen Mitte Links-Regierung führte und zur wieder herrschenden Angst vor einem neuen Wahlsieg der profaschistisch-rassistischen Koalition Berlusconis

Gerhard Feldbauer war im Verlaufe seiner sechsjährigen Korrespondentenarbeit in Italien während der Zeit der Entführung und Ermordung Moros vor Ort. Die Figuren Palotta, Antonella und besonders Maurizio gehörten gleich mehrfach zu seinen Bekannten.

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                                                                                      Redaktion Offensiv, Hannover

Warum Aldo Moro sterben musste

Der Mord

Für Pietro Pallotta war der Fall Moro nie endgültig aufgeklärt, nie bis zu Ende gelöst worden; trotz der geführten Prozesse, der Geständnisse der Angeklagten, der ergangenen Urteile. Das hing ursächlich mit der Arbeit zusammen, mit der er anfangs im Fall Moro befasst war.

Unmittelbar nachdem der Vorsitzende der Democrazia Cristiana am morgen des 16. März 1978 entführt worden war, hatte man ihn in der römischen Questura beauftragt, die Fahndungsergebnisse auszuwerten. Abend für Abend fasste er diese zu einem Tagesrapport zusammen.

Routinearbeit, eher eine administrative Funktion.

Dem Commissario aber, der von seinem Vater, einem Offizier der Resistenza und späteren Historiker der Zeitgeschichte, etwas von dessen analytischem Scharfsinn geerbt hatte, gewährte sie brisante Einblicke in diese größte Tragödie der italienischen Nachkriegsgeschichte. 

Die ersten Meldungen, die auf dem Schreibtisch Pallottas landeten, befassten sich mit dem Hergang bis zur Entführung. Aldo Moro, Führer der Democrazia Cristiana (DC = Christliche Demokratie, Christ­demokratische Partei), hatte am Morgen kurz vor neun Uhr seine Wohnung in der Via di Forte trionfale verlassen, um sich in den Montecitorio  zu begeben. Dort sollte am Vormittag die Debatte über das neue Kabinett eröffnet werden, das zum ersten Mal seit 1947 wieder die Kommunisten in die Regierungsverantwortung einbezog.

Moro war in seinen Dienstwagen, einen blauen FIAT 130, gestiegen. Der Chef der Eskorte hatte vorn neben dem Fahrer Platz genommen. Dem Fahrzeug des Parteichefs folgte ein weißer Alfetta mit drei weiteren Polizisten. Moro hatte zunächst die Kirche Santa Chiara, in der er fast täglich betete, besuchen wollen. Vor der Kreuzung Via Fani-Stresa fuhr plötzlich ein weißer FIAT 128 rückwärts auf Moros Wagen zu. Sein Fahrer konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und stieß auf ihn. Das folgende Fahrzeug mit dem Begleitkommando fuhr auf den Wagen des Politikers.

Der Überfall danach spielte sich zwischen 9.05 Uhr und 9.15 Uhr ab. Einer der Entführer stand an einem Blumenstand links der Kreuzung. Vier weitere in Uniformen der italienischen Fluggesellschaft „Allitalia“ hatten vor einer geschlossenen Bar Posten bezogen. Die übrigen, unter ihnen eine Frau, saßen in fünf PKWs und auf einem Honda-Krad. Einer der Wagen hatte ein diplomatisches Nummernschild. Wie sich später herausstellte, stammte es von einem früheren Fahrzeug der venezolanischen Botschaft in Rom. Nachdem Moro und seine Eskorte gestoppt worden waren, eröffneten die Attentäter das Feuer und schossen die fünf Leibwächter nieder. Nur einem gelang es, seine Pistole zu ziehen und drei Schüsse abzugeben, die aber niemanden trafen. Vier der Polizisten waren sofort tot. Der fünfte starb während der Operation im Krankenhaus.

Der Parteivorsitzende wurde aus seinem Wagen gezerrt und in einen PKW der Entführer, einen FIAT 130, gestoßen. Aus Moros Aktentasche wurden zwei Mappen entnommen. Eine enthielt, wie Rückfragen ergaben, geheime Dokumente. Die zweite Medikamente, die der kranke Politiker regelmäßig einnehmen musste. Drei weitere Mappen blieben unbeachtet zurück.

Eher routinemäßig vermerkt Pallotta, dass die Entführer die Fahrstrecke des DC-Führers gekannt haben mussten. Diese wechselte täglich und war nur den Sicherheitsbeamten bekannt. Der Chef des Begleitkommandos erfuhr sie jeweils erst am Morgen. Auffällig erscheint ihm auch, dass die Attentäter nicht die Aktentasche Moros mit sich nahmen, sondern mit sicherem Griff aus ihr die Mappe mit den Geheimdokumenten und die mit den Medikamenten herausnahmen. Die Angaben über die Zahl der Entführer schwankten zwischen neun und elf Personen.

Der Commissario vermerkt weiter, dass die Telefonverbindungen im Stadtbezirk des Tatorts kurz nach dem Anschlag für etwa eine Stunde ausfielen. Das verzögerte eine sofortige und koordinierte Fahndung. Unter anderem führte es dazu, dass Straßensperren teilweise erst eine Stunde nach dem Überfall errichtet wurden.

Höchstwahrscheinlich hatten die Entführer zu diesem Zeitpunkt mit ihrem Opfer bereits das vorbereitete Versteck erreicht. Denn um 10.05 Uhr erhielten gleich mehrere Zeitungen folgenden Text: „Heute Morgen haben wir den Vorsitzenden der Democrazia Cristiana entführt und seine Eskorte, die ‚Ledernacken’ Cossigas, eliminiert. Ein Kommunique folgt.“

Die Mitteilung ist mit „Brigate Rosse“ unterzeichnet.

Pallotta war, wie viele seiner Kollegen, einigermaßen überrascht. Die 1970 entstandenen „Brigate Rosse“ hatten seitdem den bewaffneten Kampf gegen den Staat propagiert und vor allem durch spektakuläre Entführungen von Industriellen und Richtern von sich reden gemacht. Trotz zahlreicher tödlicher Anschläge wurden sie seit der 1976 erfolgten Verhaftung des so genannten „Historischen Kerns“ mit dem Brigate-Rosse-Gründer Renato Curcio und seinem Stellvertreter Alberto Franceschini an der Spitze nicht mehr als eine ernsthafte Gefahr gesehen. Die Ausschaltung der BR-Führung galt als Werk des Chefs der Anti-Terrorabteilung, des Carabinieri-Generals Alberto Dalla Chiesa. Curcio und Genossen standen zur Zeit in Turin vor Gericht.

Italienische und ausländische Zeitungen, beileibe nicht nur linke, waren voll von Berichten über Geheimdienst- und Polizeiagenten, die in linksradikale Organisationen einschließlich der BR eingeschleust worden seien. Die seriöse Pariser Zeitung „Le Monde“ sprach 1972 gar davon, dass zehn Prozent der Linksradikalen Polizeiagenten seien. Belegt war, auch wenn es nicht im Polizeicomputer stand, dass Curcio und Genossen von einem Agenten namens Silvano Girotti, Sohn eines Carabinieri-Offiziers und selbst ehemaliger Fremdenlegionär, „ans Messer geliefert worden waren.“ Danach hieß es, man habe die BR und ihre Ableger „unter Kontrolle“. Dafür schien zu sprechen, dass die Abteilung des Generals Anfang 1976 aufgelöst wurde.

Wer da was und wie „unter Kontrolle“ haben wollte, wurde für den Commissario in den kommenden Tagen und Wochen seiner Arbeit im Fahndungsstab mehr und mehr fragwürdig. Den Ausfall des Telefonnetzes unmittelbar nach dem Überfall hatte Pallotta für einen verhängnisvollen Zufall gehalten. Als kurze Zeit später während zweier Telefongespräche der Entführer mit der römischen Tageszeitung „Il Messagero“ wieder die Telefonleitungen unterbrochen werden, kommen ihm Zweifel, dass auch das ein Zufall sein soll. Denn dadurch ist es nicht möglich, über die polizeilich abgehörten Leitungen möglicherweise festzustellen, woher die Anrufe kommen.

In der Presseübersicht, die Pallotta am Morgen nach der Entführung auf den Tisch kommt, fällt ihm als erstes die Schlagzeile von „Il Giornale“ auf. „Moro Gefangener der Roten Brigaden / Freilassung gefangener Terroristen gefordert“, schreibt das rechts stehende Blatt. Der ebenfalls in Mailand erscheinende „Corriere della Séra“ titelt seinen Bericht: „Das Land hat die Erpressung der Roten Brigaden zurückgewiesen.“ Der Commissario vergewissert sich in den Nachtmeldungen, dass seit der telefonischen Durchgabe der Entführer am Vortage keine weiteren Nachrichten von den BR vorliegen. Das „Comunicato N I“ der BR trifft erst am nächsten Tag, dem 18. März ein. Es enthält keinerlei Forderungen, auch nicht die über die Freilassung politischer Gefangener, die erst später erhoben wird. „N I“ teilt zunächst nur mit, dass dem DC-Vorsitzenden in einem „Prigione del Pòpolo“ der Prozess gemacht würde, denn er sei „der `Theoretiker´, der unbestrittene `Stratege´ dieses christdemokratischen Regimes, das seit dreißig Jahren das italienische Volk unterdrückt. Beigefügt ist ein mit einer Polaroid-Kamera aufgenommenes Foto, das Moro vor einem Plakat mit dem roten Stern, dem BR-Symbol, und der Aufschrift „Brigade Rosse“ zeigt.

Pallotta vermerkt: „Betreffende Berichte entsprechen nicht der Sachlage. Woher stammen die Informationen, was bezwecken die Zeitungen damit?“

Er bittet die Kollegen der Presseabteilung, dem nachzugehen. Als er zwei Tage später auf einer Dienstbesprechung nachhakt, wird er ungehalten angefahren, sich um seine Aufgaben zu kümmern. Die Journalisten des „Giornale“ seien „sicher auf der richtigen Spur“.

Pallotta liegt eine scharfe Réplica auf der Zunge, ob „Il Giornale“ oder „Il Corriere“ nun auch schon ihre V-Leute in den BR hätten, hält es aber dann doch für geraten, besser zu schweigen.

Den gut gemeinten Rat, sich in die „seltsame Linie der Ermittlungen“ besser nicht einzumischen, gibt ihm ein paar Tage darauf sein Freund Maurizio, der mit ihm im selben Ressort arbeitet, bei einem Glas Vino nach Dienstschluss. Mit Maurizio verbindet ihn eine lange Freundschaft, die in der ihrer Väter wurzelt, die in der Resistenza gemeinsam in einer Partisanenbrigade „Gerechtigkeit und Freiheit“ der radikaldemokratischen Aktionspartei kämpften.

Die Charakteristik „seltsam“ reicht indes für nicht wenige der Fahndungsergebnisse, die Kommissar Pallotta im weiteren Verlauf der „Jagd auf die Entführer“ - so ein gern benutzter Slogan auf den Einsatzbesprechungen - zu Gesicht bekommt, schon bald nicht mehr aus. Darunter fällt die Mitteilung, dass von den 92 am Tatort gefundenen Patronenhülsen 39 mit einem Speziallack überzogen sind, mit dem die Munition „nichtkonventioneller Armee-Einheiten“ - so werden Spezial-Truppenteile der NATO bezeichnet - präpariert wird, um sie auch in Erd-Depots vergraben zu können. Pallotta entschließt sich, das brisante Thema diesmal nicht auf der täglichen Dienstbesprechung zur Sprache zu bringen. Er begibt sich direkt zum leitenden Offizier und fragt, ob diesbezügliche Diebstähle aus Heeresbeständen bekannt seien. Dieser sagt zu, das zu klären und bedankt sich, dass der Commissario die Angelegenheit „diskret“ an ihn herantrug.

Denn das sei ein Thema, das strikter Geheimhaltung unterliege, keine Erwähnung im Abendbericht. 

Pallotta erfährt nicht, ob seiner Frage nachgegangen wird. Sie spielt in den laufenden Untersuchungen keine Rolle. Er stellt bald fest, dass derartige Themen tabu sind, bei den Ermittlungen ausgeklammert werden. Begründungen, wenn sie denn einmal nicht zu umgehen sind, lauten: Damit befassen sich die „zuständigen Dienste“.

Angesichts der „seltsamen" Haltung bei der Fahndung wundert es im römischen Polizeipräsidium kaum noch jemanden, dass der die Ermittlungen führende Staatsanwalt Luciano Infelisi erst 14 Tage nach der Entführung einen Termin zur kriminaltechnischen Rekonstruktion am Tatort festlegt. Obendrein wird bekannt, dass in diesem in der italienischen Nachkriegsgeschichte einmaligen politischen Kriminalfall Infelisi allein ermittelt. Schon für weniger gewichtige Fälle wurden dazu in der Vergangenheit Sonderkommissionen von Staatsanwälten und Untersuchungsrichtern gebildet. Wie erst später durch die parlamentarischen Untersuchungen der Moro-Kommission bekannt wird, war die Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft für die Ermittlungen im Fall Moro entscheidend eingeschränkt und deren Leitung vom Innenministerium übernommen worden. 

Die Abgeordnetenkammer und anschließend der Senat verzichten angesichts der dramatischen Situation auf die angesetzte Debatte über das Regierungsprogramm und sprechen noch am Tag der Entführung der von Giulio Andreotti geführten Regierung mit einer in der Nachkriegsgeschichte nicht gekannten Mehrheit von 95 Prozent das Vertrauen aus.

Die Kommunisten votieren einstimmig für Andreotti, in dessen Kabinett Christdemokraten, Sozialisten und Sozialdemokraten sowie die Republikaner vertreten sind.

Die Liberalen treten nach kurzer Zeit ebenfalls bei.

Gegen die Regierung Andreotti stimmen die Neofaschisten der Sozialbewegung Movimento Sociale Italiano. Ihr Parteiführer Giorgio Almirante bezichtigt die Christdemokraten des „Paktierens mit den Kommunisten" und beschuldigt sie, unfähig zu sein, „Sicherheit und Ordnung" zu garantieren. Er fordert den Staatspräsidenten auf, zurückzutreten, ein Präsidialregime einzuführen, den Ausnahmezustand zu verhängen, Notstandsgesetze zu erlassen und Militärs in die Regierung aufzunehmen. Entsprechende Ausnahmegesetze werden fünf Tage später verabschiedet. Sie erlauben Polizeiverhöre ohne Anwalt, längere Festnahmezeiten ohne Haftprüfungstermine, Telefonüberwach-ungen ohne richterliche Verfügung. Damit werden die umstrittenen Repressivmaßnah-men erweitert, die Cossiga seit seinem Amtsantritt als Innenminister 1976 bereits erlassen hat: Einführung des Paragraphen über „terroristische Vereinigungen", Hochsicherheits-trakte nach dem Vorbild von Stammheim, Anhebung der Höchstdauer der Unter-suchungshaft.

Der Commissario ist kein Sympathisant der Kommunisten, steht mehr den Sozialisten nahe und stimmt bei Wahlen meist für sie. Aber er teilte die Meinung seines Vaters, der als Aktionist in der Resistenza kämpfte, deren führende Kraft die IKP war. Der Vater blieb seinen antifaschistischen Überzeugungen treu und trat Angriffen gegen die einstigen Kampfgefährten stets entgegen. Pietro Pallotta fragt sich wieder einmal, wie ein Almirante, der unter dem „Duce“ als Staatssekretär einen Genickschusserlass gegen Partisanen unterschrieb, nach 1945 nicht nur ungestraft davonkommen, sondern in Gestalt des MSI die faschistische Partei wiedergründen, mit ihr schon 1947 ins Parlament der Republik, die sich in der Verfassung auf die Resistenza berief, einziehen und noch heute agieren konnte.

Die Kommunisten treten vorerst nicht in die Regierung ein.

Das geschieht vor allem, um die Amerikaner, die strikt dagegen sind, zu beruhigen.

Bereits ein Jahr vorher hatte Berlinguer, der Führer der IKP, dazu das Einverständnis seiner Partei zur NATO-Mitgliedschaft und zur Bündnistreue Italiens erklärt.

Mit Moro ist der Regierungseintritt der IKP für einen späteren Zeitpunkt bereits vereinbart worden, was jedoch tunlichst zunächst nicht publik gemacht wird. Bereits jetzt stehen den Kommunisten gegenüber dem Kabinett jedoch Kontrollrechte zu.

Die erste Amtshandlung des Ministerpräsidenten besteht in einer von Rundfunk und Fernsehen wiedergegebenen Erklärung, gegen die Entführer mit „Fermezza" und „Intransigenza" vorzugehen. Die Linie „unnachgiebiger Härte" bedeutet, dass im Gegensatz zu allen früheren Fällen und auch zu der nach dem Fall Moro wieder gängigen Praxis Verhandlungen mit den Entführern abgelehnt werden. Alle Parteien der Regie-rungskoalition stimmen dieser Linie zu.

Am entschiedensten vertritt sie die IKP, die befürchtet, anderenfalls als Komplize der BR hingestellt zu werden, was seitens der Neofaschisten und äußersten Rechten trotzdem nicht aus­bleibt. 

Am 15. April verkünden die BR das „Ende des Prozesses" gegen Moro und das gegen ihn „verhängte Todesurteil“. Am 24. April verlangen sie in ihrem „Comunicato N 8" im Austausch gegen den DC-Chef 13 politische Gefangene freizulassen. Moro schreibt Briefe an den Sekretär und weitere hohe Funktionsträger seiner Partei einschließlich Staatspräsident Leone und Ministerpräsident Andreotti sowie an den Parlamentspräsi-denten Ingrao von der IKP, in denen er inständig für den Austausch plädiert. Das Regime bleibt bei seiner „Intransigenza" auch dann, als die BR am 5 Mai im „Comunicato N 9" „die Vollstreckung des Urteils" ankündigen.

Als Modell der „unnachgiebigen Härte" dient der Regierung Andreotti die „Lösung", die von der deutschen Bundesregierung unter dem sozialdemokratischen Kanzler Helmut Schmidt ein Jahr vorher im Fall des von der Roten Armeefraktion entführten Präsidenten des Unternehmerverbandes, Hans Martin Schleyer, praktiziert worden war: Nicht verhandeln, allenfalls hinhalten, Befreiungsaktionen ankündigen, den Tod der Geisel in Kauf nehmen. Im Ergebnis dieser Linie deutscher „Intransigenza" exekutierte die RAF ihre Geisel. Als Andreottis „Intransigenza" zu kippen drohte, weil die Sozialisten ankündigten, aus der Phalanx auszuscheren, kommt kein geringerer als US-Präsident Jimmy Carter seinem italienischen Kollegen zu Hilfe und stellt sich „voll und ganz" hinter ihn.

Zur Unterstützung des von Innenminister Cossiga gebildeten Krisenstabes, dem die höchsten Vertreter der Geheimdienste, der Polizei und des Militärs angehören, reisen aus der Bundesrepublik scharenweise Beamte des Bundeskriminalamtes, des Innenminis-teriums und des Bundesnachrichtendienstes an. Aus den USA wird ein gewisser Steve Pieczenik eingeflogen, ein Havardabsolvent, Chef des Antiterrorismus-Ressorts im State Department und Außenminister Kissingers Spezial-Assistent. Er wird als „erfahrener Krisenmanager" gehandelt und avanciert umgehend in Cossigas Krisenstab zum Berater des Innenministers. Der römische Polizeicomputer sagt allerdings nichts über Pieczeniks Erfolge aus. Sie werden eher in der hauseigenen subversiven Arbeit in Südamerika, besonders gegen das Chile Allendes vermutet, bei der Kissinger seinerzeit eine unrühmliche Rolle spielte.

In der römischen Questura ist natürlich zur Genüge bekannt, dass die Amerikaner entschiedene Gegner der von Moro betriebenen Politik des „Compromesso Stòrico" mit den Kommunisten sind. Kissinger persönlich hatte den DC-Vorsitzenden erst kurz vor der Entführung bezichtigt, „Italien in kommunistische Abhängigkeit" zu steuern. Das Agieren seines Assistenten im Krisenstab in Rom vermittelt denn auch zunehmend den Eindruck, dass man in Washington frohlocken würde, wenn die BR mit ihrer Geisel „kurzen Prozess" machten. So gibt Pieczenik den „Rat", die Fahndung auf keinen Fall „zu forcieren". Einen anderer seiner „aufmunternden" Sprüche, den Pallotta in der „New York Times" vom 29. April wiederfindet, lautet: „Kein Mensch ist für das Leben eines Nationalstaates unentbehrlich." Den Gipfel der Unverfrorenheit amerikanischer „Standpunkte" erklimmt der Kolumnist William F. Buckley, der am 7. Mai in der „Washington Post" den christdemokratischen Parteiführer und strenggläubigen Katholiken Moro auffordert, Selbstmord zu begehen. Der Papst solle ihn überreden, „mutig zu sterben".

Als die Ausgabe der Zeitung erscheint, hat Moro nur noch zwei Tage zu leben.

Am 9. Mai wird das Urteil der BR vollstreckt.

Nach einem anonymen Telefonanruf findet man seine Leiche im Kofferraum eines im Stadtzentrum Roms in der Via Caetani abgestellten roten Renault R 4. Die Obduktion der Leiche ergibt elf Einschüsse in der linken Brusthälfte. Sie sind aus nächster Nähe vom Rücksitz des PKW auf ihn abgefeuert worden. Zehn Kugeln stammen aus einer 7,65er Beretta, eine aus einem Colt 9 mm. Die linke Hand Moros, mit der er sich instinktiv zu schützen suchte, ist an zwei Stellen durchschossen. Es ergibt sich ferner, dass er weder gefesselt noch betäubt war oder unter Drogen gestanden hatte.

Der Abendbericht über die Fahndung macht Kommissar Pallotta am 9. Mai mehr zu schaffen als alle anderen in den vorangegangenen 55 Tagen der Entführung. Der Tod des DC-Vorsitzenden geht ihm menschlich sehr nahe, vor allem, weil er bereits zu dieser Zeit ahnt, dass ein Urteil vollstreckt wurde, das letzten Endes einflussreiche Männer des Staates gefällt haben.

Nach der Zusammenfassung der spärlichen Fakten hebt er hervor, dass es sich bei dem roten R 4 um einen fabrikneuen und gestohlenen Wagen handelt, dessen Tacho erst 15 km anzeigte. Da kaum anzunehmen ist, dass die Attentäter von ihrem Versteck aus einen Wagenwechsel vorgenommen haben, muss sich dieses im Stadtzentrum nur wenige Kilometer von der Via Caetano entfernt befunden haben. Der R 4 war in fast gleicher Entfernung zum Parteisitz der Democrazia Cristiana und dem der Kommunistischen Partei abgestellt worden. Das sollte verdeutlichen, dass Moro für seine Zusammenarbeit mit den Kommunisten bestraft wurde, schreiben die meisten Zeitungen am nächsten Tag. Pallotta vermerkt weiter, dass aus der Benutzung von zwei verschiedenen Waffen zu schlussfolgern ist, dass zwei Attentäter den Mord ausführten.

Einige Tage nach der Ermordung legt Innenminister Cossiga einen umfangreichen Bericht seines Krisenstabes über die Aktivitäten der Polizeikräfte vor. Danach wurden zwischen dem 16. März und dem 10. Mai 510.724 Polizisten landesweit eingesetzt, davon 172.270 in Rom; 104.417 Fahrzeuge, davon 21.399 in Rom; 70 Flugzeuge und Hubschrauber, 570 Schiffe; 72.460 Straßensperren errichtet, davon 6.296 in Rom; 75.251 Streifen eingesetzt, davon 17.756 in Rom, 1.986 Razzien landesweit durchgeführt; 37.702 Hausdurchsuchungen vorgenommen, davon 6.933 in Rom; 106 Luftbewegungen und 852 Bewegungen zu Wasser kontrolliert; 6.413.713 Personen insgesamt überprüft, davon 167.109 in Rom, sowie 3.303.123 Kraftfahrzeuge, davon 96.572 in Rom.

Der groß aufgemachte Bericht soll offensichtlich über den völligen Misserfolg der Fahndung nach den Entführern hinwegtäuschen und den Eindruck erwecken, es sei alles getan worden, um den DC-Vorsitzenden zu retten.

Die parlamentarische Moro-Kommission kommt zwei Jahre später bei der Einschätzung der Effektivität der Fahndung zu einem völlig anderen Ergebnis. Sie hält nach Anhörung der Verantwortlichen der Polizeikräfte in ihrem Bericht fest, dass es „für die Stadt Rom keine wirkliche Blockade im Sinne eines dauerhaften und undurchdringlichen Sicherheitsgürtels gegeben hat", dass „viele Personen in die Stadt hinein und heraus konnten, ohne kontrolliert zu werden".

Innenminister Cossiga tritt angesichts der massiven Kritik in der Öffentlichkeit am „Versagen des Staatsapparates" im Fall Moro im Mai 1978 zurück. Das erweist sich vordergründig als ein geschicktes Manöver, denn dadurch werden weitere Ablösungen von Verantwortlichen, besonders der Geheimdienstchefs, vermieden. Das katastrophale Versagen im Fall Moro hat für den DC-Politiker indessen keine weiteren Folgen, im Gegenteil: 1979 wird er in den Senat gewählt, steigt zu dessen Präsidenten auf, wird im selben Jahr Ministerpräsident und erklimmt 1985 schließlich das Amt des Staats-präsidenten.

Während der Fall Moro sich für die offiziellen Ermittlungen bald erledigt hat, ergibt sich für Kommissar Pallotta die interessante Perspektive, ihn für längere Zeit weiter zu verfolgen.

Allerdings haben seine Dienstherren dabei keine Ermittlungen im Auge. Sie wollen vielmehr auf dem laufenden darüber sein, was Journalisten, Publizisten oder Politologen und dergleichen unliebsame Beobachter dazu weiter äußern könnten. Einige Vorgesetzte haben bemerkt, dass der Commissario während der Fahndung mehr als gewöhnlich üblich, über das informierte, was man „Presseecho" nennt. Auch benutzte er für seine täglichen Berichte fleißig den Polizeicomputer, ein relativ junges Informationsinstrument, dessen Beherrschung den meisten Beamten noch ungewohnt war.

So kommt es, dass der Leiter des Polizeicomputers ihn für das Ressort „Caso Moro" in der Sektion Presseauswertung vorschlägt. Freudige Zustimmung könnte misstrauisch machen, und so erbittet sich Pallotta einige Tage Bedenkzeit aus, ehe er, nicht ohne einige Vorbehalte zu äußern, zustimmt. Je tiefer er in dieser Funktion in Tatsachen, Hintergründe und Zusammenhänge eindringt, um so mehr verbeißt er sich in die Affäre, deren Aufklärung für ihn zu einer Lebensaufgabe wird.

Neben Maurizio, der sich ebenfalls mehr und mehr des Falles annimmt, trägt die Beziehung zu Antonella das ihre dazu bei. Dass diese Frau ihn in seinen Recherchen bestärkt und hilft, ergibt sich aus ihrem Beruf als Journalistin bei der römischen „Repùbblica", deren Herausgeber, der Abgeordnete Eugenio Scalfaro, zu den bekanntesten Journalisten gehört, der sich auf linksliberalen Positionen strikt der Wahrheit verpflichtet fühlt.

Wohlweislich verschweigt Pallotta bei der ersten Begegnung seinen Beruf.

Nicht zu Unrecht vermutet er, eine links engagierte Journalistin, die Rossana Rossanda verehrt, ein bekanntes früheres Mitglied der IKP, würde mit einem Poliziotto (Polizisten)  nichts im Sinne haben.

Als sie sich am Fuße des Gianicolo in einem Café kennen lernen und Pallotta von Garibaldi schwärmt, der hier im Juni 1849 seine Freischaren zum Sturm auf den von den päpstlichen Truppen besetzten Hügel führte, tippt Antonella auf Historiker. Als er sich einige Zeit später "offenbart", ist die gegenseitige Zuneigung und die Kenntnis von den Auffassungen des anderen schon so weit gediehen, dass sie sich auf eine Probezeit verständigen, aus der eine feste Beziehung entsteht.

Die Feinde

Es ging schon auf 23.00 Uhr zu, als Pallotta in seinem Appartamento am Prato della Signora eintraf. Im Büro war es wieder einmal spät geworden. Auf dem Nachhauseweg hatte er in seiner Stamm-Tratoria an der Piazza Vescovio etwas gegessen. Der Digestivo war für zu Hause reserviert geblieben.

Nun schenkte er sich einen großen Vecchia Romana ein und tat etwas Eis dazu. Eine barbarische Sitte, den edlen Cognac so zu verwässern, nannte sein Freund Maurizio das immer. Dafür sei der billigste Whisky gerade gut genug. Pallotta aber hatte diese Art Digestivo von seinem Vater übernommen. Wie diesem mundete ihm der eisgekühlte Romana wegen seines auch in diesem Zustand gut erhaltenen kräftigen Aromas besser als der teuerste schottische Whisky.

Er schaltete den Fernseher ein, um noch die Spätnachrichten der RAI zu sehen und machte es sich dann in seinem alten Plüschsessel bequem. Die Nachrichten gingen gerade zu Ende. Pallotta ließ den Apparat weiterlaufen, er wollte etwas abschalten, ehe er sich schlafen legte. Er genoss noch einen Schluck seines Romana. Die Eiswürfel schepperten, als er das Glas auf den Tisch zurückstellte und lenkten ihn vom Bildschirm ab. Er hörte nur mit halbem Ohr hin, als die Ansagerin die nächste Folge einer spannenden Giallo-Serie ankündigte. Es begann die Fortsetzung einer amerikanischen Serie „Colombo", benannt nach dem immer erfolgreich agierenden Film-Inspektor. Wie viele seiner Kollegen hielt Pallotta nichts von den in den meisten solcher Krimis gebotenen Superlösungen ausgeklügelter Fälle.

Das Spezielle bei „Colombo" bestand darin, dass der Mörder von Anfang an bekannt war. Man sah, wie er sein Opfer umbringt und dann die Spuren in eine falsche Richtung lenkt. Diesmal sollte es nach einem Unfall aussehen. Der Killer war ein General, Kommandeur einer Kadettenanstalt. Sein Opfer war Aufsichtsratsmitglied einer Stiftung, welche die Lehranstalt finanzierte. Der wollte dem General den Geldhahn zudrehen. Ziemlich simpel, denn damit wurde das Problem des Generals ja nicht gelöst, sinnierte Pallotta und wollte gerade abschalten, als dem Film-Inspektor erste Zweifel kamen und er die aus dem kleinen Einmaleins der Tätersuche bekannten Fragen stellte. Wer war der Ermordete, welche Rolle spielte er im Tatumfeld, hatte er Feinde, wurde er bedroht, welche Tatmotive konnte der Täter haben, wer zog Nutzen aus dem Tod des Opfers.

Bei der „Computerfütterung" in den vergangenen Wochen war Pallotta schon einige Male aufgefallen, dass diese Kardinalfragen bei der Fahndung nach den Mördern Moros keine Rolle spielten, so wie sie auch bereits nach der Entführung nie gestellt worden waren. Die Täter kamen aus den Brigate Rosse, sie waren aufzuspüren und dann vor Gericht zu stellen. Fragen nach dem Umfeld, nach Hintergründen und Zusammenhängen richteten sich ausschließlich nach links, insbesondere ins linksradikale Spektrum. Alles andere galt als unerheblich, uninteressant, nicht relevant.

Pallotta nahm sich vor, endlich, wie er es sich nach dem schrecklichen Ende des DC-Führers vorgenommen hatte, seine Erkenntnisse Schritt für Schritt zu Papier zu bringen, sein eigenes "Dossier Moro" anzulegen. Am liebsten hätte er sofort Antonella, die in der Redaktion Nachtdienst hatte, angerufen, um sie zu bitten, alles über Moro in ihrem Redaktionsarchiv aufzustöbern. Er lässt es aber dann doch sein. Das musste man in Ruhe besprechen. Er ruft in ihrer Wohnung an und hinterlässt auf dem Anrufbeantworter eine Einladung in ein kleines Ristorante in der Nähe des Präsidiums. Vor dem Einschlafen denkt er noch an die Kuriosität, dass ihn der "Film-Inspektor" an eigene Versäumnisse erinnert hat, und er nimmt sich vor, spannende Krimis in Zukunft nicht ganz so kritisch zu sehen.

Am nächsten Wochenende beginnt Pallotta mit seinem „Dossier Moro". Er hat einen ansehnlichen Stapel Material zur Biographie des DC-Politikers vor sich liegen und versucht, sich hindurchzuarbeiten. Es dauert einige Wochen, ehe er sich an ein erstes Resümee macht. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass ihn der Caso Jahre beschäftigen und er sich in dieser Zeit über den Kriminalisten hinaus zum geschätzten Rechercheur entwickeln wird. Über Jahre verteilt kommen neue Erkenntnisse, Indizien und Beweise hinzu, die verdeutlichten, dass Moro nicht einfach von den BR umgebracht, sondern Opfer eines heimtückischen Komplotts seiner politischen Feinde geworden war.

Wer war der Ermordete? Der 1916 in der Kleinstadt Maglie im südlichen Apulien geborene Moro kam aus den einfachen Verhältnissen einer ländlichen Pädagogenfamilie. Der Vater war Schulinspektor, die Mutter Elementarschullehrerin. Der sehr begabte Schüler studierte Jura an der Universität von Bari, an der er anschließend promovierte, sich habilitierte und später eine Professur für Strafrecht übernahm, die er auch während seiner politischen Laufbahn bis zu seinem Tod ausübte. Seit 1943 gehörte er der am antifaschistischen Widerstand teilnehmenden Democrazia Cristiana an, die nach dem Sturz Mussolinis zusammen mit Kommunisten, Sozialisten, Aktionisten, Liberalen und Monarchisten eine antifaschistische Einheitsregierung bildete. Innerhalb der Partei zählte er zu den führenden Köpfen der „Initiative Democratica", einer Gruppe von DC-Politikern, die für eine soziale Erneuerung der italienischen Gesellschaft auf christdemo-kratischen Grundlagen eintrat.

Der sehr gebildete Jurist reift frühzeitig zu einem fähigen Politiker mit Realitätssinn für die Probleme sowohl des eigenen Landes als auch internationaler Fragen heran. Er gilt als volksverbunden und ist, geradezu ein Novum in der italienischen Politik, niemals in einen Bestechungsskandal verwickelt. 1946 zieht er in die Verfassungsgebende Versammlung ein und ist danach ununterbrochen Mitglied der Abgeordnetenkammer. Fünfmal steht er an der Spitze der Regierung, ist mehrmals Außenminister und Chef anderer Kabinettsressorts. Für die 1979 anberaumten Präsidentenwahlen gilt er als aussichts-reichster Bewerber.

In der Abgeordnetenkammer sitzt Moro mit dem zehn Jahre älteren Enrico Mattei auf einer Bank. Der frühere Chemieunternehmer gehörte nach Kriegsende zu den wenigen herausragenden Persönlichkeiten des wirtschaftlichen Establishment, die sich entschieden der massiven Bevormundung ihres Landes durch die USA entgegenstellten. Als einer der führenden katholischen Antifaschisten kommandierte er in der Resistenza eine Partisanenbrigade. Der im Klima des kalten Krieges herbeigeführten konservativen Restauration des kapitalistischen Systems steht er kritisch gegenüber, ebenso der Mitgliedschaft im Nordatlantikpakt. Ihm schwebt eine Jugoslawien ähnliche Position für Italien vor. Im Algerienkonflikt unterstützt er die antikoloniale Befreiungsbewegung gegen Frankreich. Ende der 50er Jahre ist er selbst als Kandidat für die nächsten Präsidentschaftswahlen im Gespräch.

Als Regierungsbeauftragter steht Mattei an der Spitze des staatlichen Erdölunternehmens AGIP. Ab Anfang der 50er Jahre baut er die Energiebehörde Ente Nationale Idrocarburi auf, mit der er dem Staat die Monopolstellung sichert,1953 wird er Präsident der ENI. In dieser Funktion stellt er sich der Beherrschung des italienischen Energiesektors durch die in der Standard Oil zusammengeschlossenen Sette Sorelle, den sieben amerikanischen Erdölgesellschaften, entgegen. Um Italien aus der einseitigen Abhängigkeit von der Erdölversorgung durch die USA zu lösen, schließt Mattei Lieferverträge mit der Sowjetunion und mit arabischen Staaten, die 30 Prozent des Landesbedarfs decken sollen. Das aber berührt die Versorgung der in Italien dislozierten NATO-Verbände und der im Mittelmeer operierenden 6. USA-Flotte.

Innenpolitisch tritt der ENI-Präsident der Ausgrenzung der Kommunisten, die Anfang der 50er Jahre bereits über 22 Prozent Wählerstimmen verfügen, entgegen. Aufschlussreich ist der Vermerk, den die USA-Botschaftern, Claire Booth Luce, über ein Gespräch, das sie im Jahre 1955 mit Mattei führte, anfertigte. Antonella hat ihn „besorgt“, was heißt, er stammt nicht, wie sonst üblich, aus dem Archiv der „Repùblica".

Der Konzernchef äußerte für die USA-Diplomatin höchst ketzerische Gedanken: „Das Problem des Antikommunismus kann nicht durch die Polizei gelöst werden. Die Confindustria und die privilegierten Klassen sehen es als ihr einziges Ziel, hierin Positionen zu bewahren, die jedoch nicht mehr vertretbar sind. Die Lösung des Kommunismus in Italien ist über kraftvolle soziale und ökonomische Reformen herbeizuführen." Antonella hat an den Rand geschrieben: „Das ist in etwa die Linie, die Moro mit Berlinguer einschlagen wollte. Nur nicht mehr so radikal, wie das vielleicht 1955 möglich gewesen wäre."

Am 27. Oktober 1962 kommt der unbequeme Industrielle beim Absturz seines Privatflugzeugs bei Pavia in Norditalien ums Leben. Seitdem sind die Stimmen nicht verstummt, die von einem  Anschlag sprechen. Fest steht, dass es bereits im Januar 1962 einen Attentatsversuch gab. Im Düsentriebwerk der Privatmaschine des Erdöl-industriellen war ein Schraubenzieher gefunden worden, der während des Fluges eine Explosion hätte auslösen können. Antonella hat ihm ein paar ,Seiten aus der von Giorgio Galli verfassten Mattei-Biographie, die 1976 erschien, kopiert. Der Starpublizist stellte darin den ENI-Chef in die Reihe der Persönlichkeiten, die von der CIA eliminiert wurden, weil sie sich „gegen die Interessen mächtiger amerikanischer Industrieller stellten." Als einen Drahtzieher nennt Galli den Milliardär und Aktionär der Standard Oil, John McCone, der lange Jahre Resident der CIA in Rom war und später zum Chef des Geheimdienstes aufstieg. 1973 inszenierte McCone, der inzwischen auch Präsident des ITT-Konzerns war, der unter der Regierung der Unidad Popular in Chile enteignet wurde, den Militärputsch, der zur Ermordung Allendes und zum Sturz seiner Regierung führte.

Auch im Falle Mattei waren die Probleme für Washington mit dessen Tod gelöst. Mit der von ihm verfolgten Linie der wirtschaftlichen Unabhängigkeit war es vorbei. Sein Nachfolger wurde Eugenio Cefis, der später als Finanzier der Neofaschisten Aufsehen erregte. Bereits im März 1963 regelte er die italienische Energieversorgung durch einen langfristigen Vertrag wieder ganz im Sinne der Standard Oil.

Als Pallotta auf einen Artikel von Flaminio Piccoli, Moros Nachfolger als DC-Vorsitzender, stößt, fallen ihm Matteis Pläne ein, Italien aus den Konflikten der Großmächte herauszuhalten. Verfolgte Moro fünfzehn Jahre später in einer weiter zugespitzten internationalen Situation etwa ähnliche Ziele? Piccolis Beitrag, der in der Südtiroler Zeitung „L'Alto Adige" am 6. August 1978 erschien, deutet es jedenfalls an. Es heißt: „Ich bin überzeugt, dass, wenn die Wahrheit über die Entführung und Tötung Moros herauskommt, wir entdecken werden, dass er ausgeschaltet wurde, weil er nicht wollte, dass Italien der Schauplatz von Konkurrenzkämpfen geheimer Mächte wird, wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg; er wurde ausgeschaltet, weil er in den letzten drei Monaten in Gesprächen mit Amerikanern und den Russen seine Fähigkeit gezeigt hat, Initiativen zur Herstellung des nationalen Ausgleichs zu ergreifen."

Mit seinen weiteren Notizen berührt Pallotta bereits die Frage, ob der Ermordete Feinde hatte. Die Brigate Rosse hatten die Entführung und Ermordung, „Hinrichtung“ genannt, Moros beansprucht und galten in den polizeilichen Ermittlungen als die alleinigen Täter. Es war zu bezweifeln, dass sie das wirklich waren. Der Commissario hält es aber für zweckmäßig, das widersprüchliche und komplizierte Thema  für später aufzusparen. Das auch deshalb, weil die Frage nach Feinden fast drei Jahrzehnte zurückführt, in eine Zeit, in der es noch keine BR gab. Es war am 4. April 1949, als Moro, inzwischen Staats-sekretär für Auswärtige Angelegenheiten, demonstrativ der Sitzung des Parlaments, auf der Italiens Beitritt zur NATO beschlossen wurde, fernblieb. Ministerpräsident De Gasperi schloss ihn wegen dieser „Eigenmächtigkeit" aus dem Kabinett aus. In dieser Zeit, so geht es Pallotta durch den Kopf, dürfte die Feindschaft bestimmter Kreise in Washington gegenüber Moro begonnen haben.

1963 wird Moro zum ersten Mal zum Ministerpräsidenten berufen. Die DC ist bei den Parlamentswahlen von 48,5 Prozent 1948 auf 38,3 Prozent abgesunken und nicht mehr in der Lage, mit ihren Koalitionspartnern eine mehrheitliche Regierung zu bilden. Will man nicht auf die Neofaschisten zurückgreifen, gibt es nur einen Ausweg: die sogenannte apertura a sinistra, ein Kabinett mit den Sozialisten, die De Gasperi 1947 zusammen mit den Kommunisten aus seiner Regierung ausgeschlossen hatte. Moro entscheidet sich für diesen Weg. Vor der Kabinettsbildung hat er sich in Washington der Billigung John F. Kennedys versichert. Doch als er am 4. Dezember seine Regierung vorstellt, sind seit den Schüssen von Dallas bereits zwölf Tage vergangen. Die USA haben ihren 35. Präsidenten verloren, die Welt den sicher liberalsten amerikanischen Staatschef der Nachkriegs-geschichte und Moro die Rückendeckung für seine Öffnung nach Links.

Pallotta erinnert sich dunkel, dass es Staatsstreichpläne gegen die Moro-Regierung gab. Er könnte den Computer im Präsidium befragen. Aber da er gerade ein paar Tage Urlaub hat, würde es auffallen, wenn er dort erscheint. Antonella ist auf Reportagereise und kommt erst in einer Woche zurück. Er beschließt, eine Pause zu machen. Für den Abend verabredet er sich mit Maurizio in einem Gartenristorante an der Via Salaria im Norden am Stadtrand. Im Bivaco gibt es das beste Fiorentiner Steak, das Maurizio unter den Fleischspeisen als Sécondo bevorzugt.

Pallotta hat einen Tisch im Hintergrund im Schatten der Bäume reservieren lassen. Sie bestellen einen Valpolicella 73, einen ausgesprochen guten Jahrgang. Maurizio sieht eine Möglichkeit zu helfen. Ein entfernter Verwandter von ihm arbeitet im Gramsci-Institut der IKP. War unter Mussolini Offizier, ging nach dessen Sturz 1943 zur Resistenza, kam in eine Garibaldibrigade und so in die Partei. Pallotta weiß nicht recht, ob er sich darauf einlassen soll.

„Also, ich verstehe Dich da nicht", erwidert Maurizio. „Du willst die Hintergründe aufklären, die mit der Ermordung Moros zusammenhängen. Er hat mit den Kommunisten ein Regierungsabkommen geschlossen, sie gehören jetzt quasi zur Regierung, und Du willst noch nicht einmal von einem ihrer Historiker ein paar Informationen einholen. Und im Übrigen, Berlinguers Eurokommunismus, das ist gar kein richtiger Kommunismus mehr. Sie haben sogar die NATO anerkannt."

Maurizio nimmt einen Schluck Valpollicella und fährt fort: „So groß sind die Unterschiede zu unseren Sozialisten gar nicht mehr. Und Berlinguer", er hält einen Moment inne, „weißt Du, dass der mit einer praktizierenden Katholikin verheiratet ist? Sozusagen der Compromesso in Famiglia. Moro hat diese Entwicklung ganz richtig erkannt. Nur die Amerikaner, diese Idioten, haben nichts kapiert."

Er hat eigentlich recht, überlegt Pallotta und bedankt sich. Mit einem Grappa Stravecchia Bocchino beschließen sie den Abend.

Schon zwei Tage später kommt Maurizio mit einem umfangreichen Materialstapel auf einen Sprung bei ihm am Prato vorbei. Auf einem Deckblatt steht „De Lorenzo - piano solo". Das meiste sind Zeitungsberichte, Agenturmeldungen, dazwischen Notizen, die auf Hintergründe und Zusammenhänge verweisen, auch Wertungen enthalten. Ein Bulletin fasst die Ergebnisse eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zusammen. Schon beim ersten Durchblättern beeindruckt Pallotta die Akribie, mit der das zusammengestellt wurde. Zugleich ist er etwas enttäuscht. Irgendwie hat er Interna erwartet, eine Art geheime Parteiberichte.

„Arbeite erst mal alles gründlich durch, dann wirst Du den Informationsgehalt zu schätzen wissen", bemerkt Maurizio lakonisch und fügt hinzu: „Selbst von der CIA wird behauptet, dass sich 80 Prozent der Berichte ihrer Agenten aus Zeitungsmeldungen zusammensetzen."

Der Wert des Materials lässt sich kaum leugnen. Dennoch fällt es dem Commissario nicht leicht, sich mit den Realitäten vertraut zu machen. Er erfährt Dinge über die Rolle des amerikanischen Geheimdienstes in der italienischen Politik und die fast totale Abhängigkeit der italienischen Partner, die Missachtung der Souveränität seines Landes durch die NATO und die Gefügigkeit der eigenen Militärs, die von der Leitung seines Präsidiums immer als kommunistische Propaganda abgetan werden. Immer wieder sträubt sich etwas in Pallotta, die Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Aber die Fakten lassen an Deutlichkeit kaum etwas zu wünschen übrig. Außerdem scheinen den Leuten im Gramsci-Institut solche Zweifel nicht unbekannt zu sein, denn ihr Material stützt sich durchweg auf nichtkommunistische oder nichtlinke Quellen, darunter selbst solche rechter Provenienz.

Als er ein Konspekt beginnt, kommt es ihm streckenweise vor, als erarbeite er das Drehbuch für einen Politkrimi a la James Bond. Bereits im Vorfeld der Bildung der linken Zentrumsregierung durch Moro fasste man im Pentagon und in Langley den Sturz eines solchen Kabinetts durch einen Militärputsch ins Auge. Entsprechende Vereinbarungen zwischen der Central Intelligence Agency und dem italienischen Servicio Informazione Forze Armate über den sogenannten "Einzelplan" datieren bereits vom Juni 1962. Chef des SIFAR war zu dieser Zeit General Giovanni De Lorenzo, ein neofaschistisch orientierter General, Mitglied der Monarchistischen Partei, der Ende der 60er Jahre zu Almirantes Sozialbewegung überwechselte. Auf Betreiben der CIA übernahm er Anfang 1963 das Kommando über das Carabinieri-Korps, mit dem der Putsch bewerkstelligt werden sollte.

Die militärische Leitung vor Ort lag in den Händen des amerikanischen Militärattachés, Oberst Vernon Anthony Walters, der Italien bereits aus der Zeit des zweiten Weltkrieges kannte. Er war damals Adjutant bei General Mark Clark. Walters vertrat den Standpunkt - hier folgte ein wörtliches Zitat – „dass, wenn die Sozialistische Partei in die Regierung eintritt, die Vereinigten Staaten ohne zu zögern das Land militärisch besetzen müssten."

An den Rand war gekritzelt „siehe Faenza".

Wie ihm Antonella mitteilt, handelt es sich um einen Historiker Roberto Faenza, der gerade ein brisantes Buch, „Die verrufenen Geschäfte", über die Einmischungspolitik der USA, unter anderem in Italien, veröffentlicht hat. Antonella kennt sich wieder einmal bestens aus und ergänzt, dass besagter Faenza bereits 1976 mit einem Marco Fini einen ebenso hochexplosiven Rapport über „Gli Americani in Italia" herausgebracht hat. Nicht genug damit hat sie ihm noch einen höchst aktuellen langen Artikel beigefügt, der gerade in der Mailänder Wochenschrift „Giorni vie nuove" erschienen war. Das linksliberale Journal schien, wie Pallotta auch, der Frage nachzugehen, ob der Ermordete Feinde hatte und begann bei dem  „Piano solo". Einen Bestandteil stellte die „psychologische Kriegführung" dar, die Oberst Walters persönlich leitete. Ziel war, nachzuweisen, dass Moros „Öffnung nach links" angeblich in eine „kommunistische Machtergreifung" münden werde.

Zu dieser Zeit führten die CIA und der SIFAR 34 einflussreiche Journalisten auf ihren Gehaltslisten, die in ihrem Sinne entsprechende Artikel schrieben, darunter im „Corriere della Séra", „Rèsto del Carlino", „La Nazione", „Il Tempo", „Il Sóle 24 Ore" und „Lo Spechio".

Der Commissario hält einen Augenblick inne. Er erinnert sich der Falschmeldungen des „Corriere" und des „Giornale" über die „Erpressung der Roten Brigaden" nach der Entführung Moros und wie er auf der Dienstbesprechung abgekanzelt wurde, als er diesbezügliche Fragen stellte.

Er vertieft sich wieder in seinen Konspekt und hält fest, dass damals ein SIFAR-Oberst Renzo Rocca nach Instruktionen der CIA „beunruhigende Berichte" über „gefährliche Aktivitäten" der Kommunisten und der Gewerkschaften verfasste, die dem Staatspräsidenten, dem Verteidigungsminister, dem Innenminister und anderen hohen Politikern übermittelt wurden. In einem Bericht erfand Rocca eine „Sitzung der kommunistischen Führer", auf der „die Revolution und die Machtübernahme vorbereitet" worden sei. Den Politikern sollte damit, so hieß es in dem „Giorni"-Bericht, „ein so schweres Bild vor Augen geführt werden, das jede Gewaltaktion rechtfertigen konnte“. Der Beitrag gipfelte in der Schlussfolgerung, dass es der CIA darum ging, „Italien an den Rand einer Gewaltlösung zu führen, die von rechts und in Übereinstimmung mit Regierungskräften durchgeführt werden sollte." Unter „Regierungskräften" waren besagte Carabinieri De Lorenzos zu verstehen.

Aus dem Urlaub zurückgekehrt fragt Pallotta in der Presseabteilung nach, ob es zu dem „Giorni"-Artikel ein Dementi gäbe. Davon sei nichts bekannt, lautete die lapidare Antwort. Nach bekannten Spielregeln der Öffentlichkeitsarbeit wird damit der Wahrheitsgehalt des Beitrages bestätigt, zumindest nicht in Frage gestellt. Wie nicht anders zu erwarten, gab es auch im Dokumentationsarchiv zu den beiden Büchern keinerlei Einschätzungen.

Von Maurizio, der am Wochenende am Prato vorbeikommt, erfährt er, dass er mit seinen Anfragen wieder einmal unangenehm aufgefallen ist.

„Sei in Zukunft vorsichtiger", meint Maurizio. „Der Caso Moro ist ein ganz heißes Eisen. Neugierige Fragen sind da völlig fehl am Platz."

Pallotta nickt zustimmend und nimmt sich vor, den Rat zu beherzigen. Er reicht dem Freund seine Notizen zum Piano De Lorenzos. Während dieser sie durchsieht, schenkt er ihm einen Rosso antico ein und sich selbst den üblichen Romana.

„Gab es zu De Lorenzo nicht einen Untersuchungsausschuss des Parlaments?“, fragt Maurizio.

Pallotta reicht ihm seinen Drink, ehe er antwortet. „Es gab Indiskretionen. Der Piano wurde publik, ehe der General losschlagen konnte. Wahrscheinlich gab es unter den Militärs auch Leute, die zur Verfassung standen, und so bekam Moro Wind von der Sache. Einzelheiten drangen aber erst ab 1966 an die Öffentlichkeit, als auf Forderung der Kommunisten und Sozialisten der Parlamentsausschuss, den Du eben erwähntest, eingesetzt werden musste.“

Der Commissario blättert in seinen Aufzeichnungen.

„Ich nenne Dir mal ein paar gravierende Fakten: Über den SIFAR hatte De Lorenzo die Spitzen des Staates und der Parteien bespitzeln lassen, beileibe nicht nur die Sozialisten und Kommunisten. Selbst im Quirinal waren 'Wanzen' installiert worden. Von über 150.000 Personen existierten Dossiers, ja, Du hörst richtig, 150.000! Bei nicht wenigen waren dunkle Seiten des Lebens, Fälle von Korruption, Erpressung, Unterschlagung erfasst worden, mit denen diese zum Mitmachen gezwungen werden sollten."

Maurizio gießt sich noch einen Rosso ein. „Kaum zu glauben", entfährt es ihm.

„Warte, es kommt noch schlimmer", erwidert Pallotta. „Für den Tag X hatte der General `schwarze Listen´ von 'verdächtigen' Funktionären der linken Parteien, der Gewerkschaften, von Antifaschisten, Parteipolitikern aller Couleur, ausgenommen nur die Rechten und Neofaschisten, anlegen lassen. Hier handelte es sich um die ungeheuerliche Zahl von fast 175.000 Personen, unter ihnen Minister, als 'unzuverlässig' eingestufte Offiziere und sogar Bischöfe. Sie alle sollten bei Auslösung des Putsches auf zwei Sardinien vorgelagerte Inseln gebracht und dort in Konzentrationslager eingesperrt werden. In Zeitungsberichten, nicht nur der Linken, war davon die Rede, dass eine Anzahl der Festgenommenen auch gleich umgebracht werden sollte."

„Wurde De Lorenzo nicht abgelöst?" fragt Maurizio.

"Ja, aber das war auch die einzige Konsequenz. Er blieb ansonsten völlig ungeschoren. 1972 kandidierte er für den MSI bei den Parlamentswahlen und zog als Abgeordneter in die Kammer ein. Der SIFAR wurde 'reorganisiert’, was aber, wie sich später zeigte, eine reine Namensänderung blieb. Er hieß von nun an Servizio Informazione Difesa, SID."

 Nach einer kurzen Pause fährt Pallotta fort: „Bei der Vertuschung des Piano solo kamen gut ein halbes Dutzend Kameraden, alles höhere Dienstgrade, auf mysteriöse Weise ums Leben. Darunter Oberst Rocca und die beiden Generäle Giorgio Manes und De Lorenzos Nachfolger Carlo Ciglieri. Die beiden Generäle waren vor die Parlamentskommission geladen worden und man befürchtete, dass sie über die Staatsstreichpläne aussagen würden. Ciglieri kam bei einem Autounfall ums Leben, bei dem seine Aktentasche mit geheimen Unterlagen über De Lorenzos Putschplan spurlos verschwand. Manes erlitt unmittelbar, nachdem er in der Abgeordnetenkammer einen Kaffee getrunken hatte, einen tödlichen Herzinfarkt."

Der Commissario nippt an seinem Drink.

„Der Piano solo war übrigens nicht der letzte Staatsstreichversuch."

Er nennt einige Fakten: Im Dezember 1970 wollte der frühere MSI-Präsident Valerio Borghese losschlagen, ein ehemaliger Mussolini-Kommodore, der nach Kriegsende wegen 800-fachen Mordes an Partisanen von einem italienischen Gericht als Kriegsverbrecher abgeurteilt, von den alten Kameraden in der Justiz aber bald begnadigt wurde. Der SID kannte die Pläne, der Generalstab des Heeres wusste Bescheid, NATO-Stäbe hatten Rückendeckung zugesagt. Borghese schlug jedoch eigenmächtig früher als geplant los und wurde von der CIA zurückgepfiffen, die den Zeitpunkt für verfrüht hielt. Borghese floh nach Spanien. Seine Nachfolge in der Reihe der Putschisten trat der neue Geheimdienstchef, SID-General Vito Miceli, an.

Anlass für das Handeln Micelis und seiner Komplizen war das Ansteigen der kommunistischen Stimmen bei den Wahlen 1972 auf über 27 Prozent. Moro begann danach mit dem Gedanken einer zweiten apertura a sinistra zu spielen, der Einbeziehung der Kommunisten in die Regierung, wie sie seinem Freund Enrico Mattei vorgeschwebt hatte. Der von Moro angeführte linke Flügel in der Democrazia Cristiana hatte seine Positionen inzwischen gefestigt, auch unter demokratisch gesinnten Offizieren in der Armee und Polizei.

Darauf war es offensichtlich zurückzuführen, dass ab November 1973 die neuen Putschpläne, wenn auch nur teilweise, in den Medien aufgedeckt wurden. Sie liefen unter dem Code „Windose". Ziel der Generäle war, in Rom eine Junta wie in Griechenland oder Chile an die Macht zu bringen. Wenigstens 15 Generäle und Dutzende weitere hohe Offiziere befanden sich unter den Putschisten. Dazu zählten fünf Geheimdienstgeneräle, weiter der Chef des Generalstabes, Admiral Eugenio Henke, der Generalstabschef der Luftwaffe, General Dulio Fanali und der Befehlshaber der Militärregion von Salerno, General Ugo Ricci.

„Ich spare mir weitere Einzelheiten", unterbricht Pallotta seine Rede. „Vieles glich dem Szenarium De Lorenzos wie ein Ei dem anderen. Nur dass jetzt die seit Ende der sechziger Jahre begonnene sogenannte Strategie der Spannungen eine gewichtige Rolle spielte. Aber darauf komme ich später zurück, vor allem auf ihre 'linke Variante', denn die scheint auch bei Moro hineinzuwirken. Nur noch diesen Fakt: Es existierten Todeslisten mit den Namen von 1.617 Personen, darunter Enrico Berlinguer und Luigi Longo, Sandro Pertini, damals Präsident der Abgeordnetenkammer, und sein sozialistischer Partei-Chef Francesco De Martino sowie die Schriftsteller Alberto Moravia und Paolo Pasolini. Angesichts der zu erwartenden Kampfaktionen der Arbeiter sollten Armee und Polizei gegen die 'rote Gefahr' vorgehen."

Pallotta geht in die Küche, um zwei Espressi anzusetzen.

Als er zurückkommt, fährt er fort: „Diesmal ging es zunächst nicht ganz so glimpflich ab wie bei De Lorenzo. In der Öffentlichkeit schlugen die Wellen der Empörung hoch. Die Staatsanwaltschaft musste eine Untersuchung einleiten. Über 90 Rädelsführer wurden verhaftet, gegen mehrere Hundert ermittelt. Viele der Verschwörer waren allerdings vor der Verhaftung geflohen."

Der Commissario reicht Maurizio einen Zeitungsbericht des „Paese Séra" vom 1. November 1974, der den Haftbefehl gegen Miceli veröffentlicht hatte. Man beschuldigte den General, `eine Geheimorganisation von Militär- und Zivilpersonen mit dem Ziel gegründet zu haben, einen bewaffneten Staatsstreich auszulösen.´ Ziel der Verschwörung sei `die Beseitigung der gegenwärtigen Staatsordnung und der Regierung Italiens unter Verwendung eines Teils der Streitkräfte´ gewesen.

„Trotzdem gingen die meisten straffrei aus. Allenfalls kam es zu 'Strafversetzungen' oder Kommandoenthebungen", bemerkt Pallotta mit Resignation in der Stimme.

„Es waren offizielle USA-Kreise, die massiven Druck auf unsere Regierung ausübten, um zu verhindern, dass die Putschisten vor Gericht kamen. Kein geringerer als Außenminister Kissinger kam extra nach Rom und drängte, mit Miceli 'vorsichtig zu verfahren'. Die Leute in Washington befürchteten, der General könnte sonst, um seine Haut zu retten, über die Rolle der CIA, des Pentagon oder der NATO aussagen. Kurze Zeit nach Kissingers Besuch wurde der General denn auch prompt aus der Untersuchungshaft entlassen."

Pallotta macht eine kleine Pause, ehe er abschließt: „Und mit Kissinger bin ich wieder bei den 'Feinden  Moros'. Doch damit muss ich mich erst noch etwas näher befassen, ehe ich dazu genaueres sagen kann."

Es dauert ziemlich lange, ehe der Commissario wieder Zeit findet, seinem „Nebenjob", wie Antonella es nennt, nachzugehen.

Das Jahresende `78 war mit allerlei Abschlussberichten ausgefüllt. Einige beschäftigten ihn noch die ersten Wochen des Neuen. Hinzu kam, dass sich der erste Jahrestag der Entführung bzw. Ermordung Moros näherte und diverse Abteilungen des Hauses in ihm den Spezialisten sahen, der Auskunft geben konnte. Das war zwar schmeichelhaft für ihn, barg aber auch das Risiko, zuviel von seinem Insiderwissen preiszugeben und damit aufzufallen.

Aber nun hatte er etwas Luft und konnte sich wieder einmal seinen persönlichen Recherchen widmen. Er wollte den Komplex „Feinde Moros" abschließen. An die Spitze hatte er Kissinger gesetzt. Der langjährige Chef des State Department war seit jeher ein erbitterter Gegner der linksorientierten Politik Moros. Er billigte bereits 1970 das Vorgehen der italienischen Obristen unter dem Kriegsverbrecher Borghese zum Sturz der verfassungsmäßigen Ordnung. Sein Botschafter in Rom, Graham Martin, übergab damals zur Unterstützung der Putschisten zwei Millionen Dollar.

Als Moro sich im September 1974 in Begleitung von Staatspräsident Leones in Washington befand, wurde er wegen seiner links orientierten Politik von Kissinger persönlich massiv unter Druck gesetzt. Moro ist zu dieser Zeit Außenminister. Aber im State Department rechnet man angesichts einer schwelenden Regierungskrise mit seiner erneuten Berufung zum Regierungschef, die dann nach der Rückkehr aus Washington auch erfolgt. Kurz vor dem Eintreffen der Italiener rechtfertigt Präsident Ford auf einer Pressekonferenz unverhüllt die Rolle der Amerikaner beim Putsch Pinochets, der seinen Präsidenten und Oberbefehlshaber brutal ermorden ließ und ein auf blutigen Terror gestütztes militärfaschistisches Regime errichtete.

Pallotta notiert aus Fords Rede wörtlich: „Wir haben dort das getan, was die Vereinigten Staaten tun, um ihre Interessen im Ausland zu verteidigen."

In einer jeglicher diplomatischen Etikette hohnsprechenden Weise wird die italienische Delegation anschließend mit der Aussage, die Kissinger soeben vor dem Kongress zur USA-Einmischung in Chile abgegeben hat, konfrontiert: „Sie machen uns Vorwürfe wegen Chile. Sie würden uns noch härtere Vorwürfe machen, wenn wir nichts dafür tun würden, die Beteiligung der Kommunisten an der Machtausübung in Italien oder in anderen Ländern Westeuropas zu verhindern."

Moro reist nach diesem Affront gegen seine Politik vorzeitig aus Washington ab. Offiziell gibt er „gesundheitliche Gründe" an.

Pallotta fischt die Agentur- und Zeitungsmeldungen heraus, die Äußerungen Kissingers und anderer zuständiger Leute aus Washington über Moro enthalten. Kissinger folgt Moro fast auf den Fersen und ist im November bereits wieder in Rom. In einem Interview äußert er sich zur Aufgabe der CIA, die „Realitäten zu schaffen" habe, was der Korrespondent Ray Cline in der „New York Time" so sieht: „Ich bin mir so gut wie sicher, dass die verwirrende Situation in Italien durch Geheimaktivitäten der CIA gelöst werden wird."

Die Meinung verwundert nicht, wenn man weiß, dass Cline auf den Gehaltslisten der CIA geführt wird und das zur Company gehörende Center of Strategies and International Studies leitet. Zu den Studienschwerpunkten des der Georgetown Universität in Washington angeschlossenen CSIS gehört, antikommunistische Strategien gegen Moros Koalitionspolitik mit den Kommunisten auszuarbeiten.

Bei den Landtagswahlen 1975 erreicht die IKP sagenhafte 33 Prozent. Ein Jahr später legt sie bei den Parlamentswahlen noch etwas zu und kommt auf über 34 Prozent.

Moro stützt sich mit einer Minderheitsregierung im Parlament auf die Unterstützung der Kommunisten - vorerst durch Stimmenthaltung. Aber ihre Einbeziehung in die Regierung wird nunmehr bereits in aller Offenheit erörtert.

Kissingers Angriffe auf Moro werden noch schärfer. Immer wieder wertet er dessen politische Linie als „äußerst negativ", nennt Moro den „Allende Italiens", einen „Kommunisten, der gefährlicher als Castro" sei und Italien „in kommunistische Abhängigkeit" steuere.

Kissingers Botschafter in Rom, John Volpe, erklärt offiziell, eine Regierungsbeteiligung der IKP stünde „in grundsätzlichem Widerspruch zur NATO".

Sein Nachfolger Richard Gardner bezeichnet Moro noch nach der Entführung und wenige Tage vor seiner Ermordung als den „gefährlichsten Politiker Italiens".

Zu den erbitterten Feinden Moros gehörten Outerbridge Horsey und William Nigt, die in den fünfziger und sechziger Jahren die Politische Abteilung der USA-Botschaft in Rom leiten und nach ihrer Rückkehr in die Staaten die Italien-Sektion des State Department. 

Pallotta resümiert, dass die Schuldigen an der Entführung und Ermordung Moros - die nicht mit den ausführenden Tätern identisch sein müssen - unter denen zu suchen sind, die sich gegen das Programm des DC-Führers gestellt hatten.

Das waren Geheimdienstler, Militärs und Politiker bis in die höchsten Kreise, wie die Beispiele Ford und Clinton zeigten, in den USA und im eigenen Lande, hier selbst in den Reihen der Partei des Ermordeten. Mit dem Tod des DC-Vorsitzenden waren für sie ihre Probleme gelöst.

Bis auf wenige Ausnahmen waren selbst Moros Anhänger vom Compromesso stòrico abgerückt. Das mit den Kommunisten geschlossene Regierungsabkommen war ad acta gelegt worden. Der IKP war nichts anderes übrig geblieben, als die parlamentarische Koalition mit der DC aufzukündigen. Die Gegner der zweiten apertura a sinistra Moros waren also Nutznießer seines Todes.

Blieb die Frage ihres Verhältnisses zu den Tätern.

Waren sie nur Beobachter geblieben, die Moro in den Händen der BR seinem Schicksal überließen, oder hatten sie selbst Einfluss auf sie genommen.

Hatten undercover agents, wie es bereits bei der Verhaftung Curcios und Franchescchinis der Fall gewesen war, auch bei der Entführung Moros mitgemacht? Waren sie vielleicht auch bei den Todesschüssen zugegen gewesen?

Und wenn, hatten sie eigenständig gehandelt - oder bestimmte Weisungen erhalten? Wer hatte sie gegeben?

Auf jeden Fall war klar, dass so oder so alles unternommen würde, das nicht ans Licht der Öffentlichkeit dringen zu lassen.

Ihm fielen die am Tatort gefundenen Patronenhülsen aus NATO-Beständen ein und wie der leitende Offizier, als er ihn darauf hinwies, entgegnete, das unterliege „strikter Geheimhaltung" und dürfte nicht im Fahndungsbericht erwähnt werden. Dann die ständig wiederkehrenden Hinweise, dass sich mit solchen Fragen die „entsprechenden Dienste" befassten, woraus eigentlich nur geschlussfolgert werden konnte, die verdeckten Operationen lagen in den Händen der Geheimdienste.

Tote Zeugen

Unerwartet erweist sich Pallottas Arbeit im Präsidium zwar wieder einmal als sehr strapaziös und zeitaufwendig, aber zugleich als vorteilhaft für seinen „Nebenjob".

Seit dem Mord an Moro sind die Terroranschläge weiter angestiegen. Wenige Wochen vor dem für Februar 1980 anberaumten Parteitag der Christdemokraten wird am 6. Januar deren Präsident des Landtages von Sizilien, Piersanti Mattarella, vor seinem Haus erschossen. Die Killer werden in Mafiakreisen vermutet. Für die Ermittlungen ist die Staatsanwaltschaft von Palermo zuständig. Insgeheim aber hat Innenminister Rognoni die Angelegenheit unter seine Kontrolle genommen. Einige Mitarbeiter aus dem Stab der Moro-Fahndung, der inzwischen aufgelöst worden ist, werden beauftragt, den Caso Mattarella zu beobachten. Der Minister verlangt täglich Rapport. Dazu sind auch Pallottas Kenntnisse wieder gefragt. Er hat das Presseecho zu verfolgen. Bei Bedarf täglich zu berichten, außerdem eine Zusammenfassung der terroristischen Aktivitäten seit dem Tod Moros vorzulegen.

Mehr als von seinen Kollegen in der Presseabteilung erfährt Pallotta von Antonella über die jüngsten Ereignisse.

Am Telefon spricht man darüber grundsätzlich nicht. Er hält das für etwas übertrieben, aber Maurizio hat dazu gelegentlich lakonisch bemerkt:

„Du würdest dich wundern, wenn du wüsstest, was da alles mitgehört wird, vor allem bei Leuten, die solch brisante Themen bearbeiten, wie du sie auf den Schreibtisch bekommst. Glaube nur nicht, dass sich seit De Lorenzos Zeiten da viel geändert hat.“

Antonella teilt Maurizios Meinung.

Seit der Ermordung Mattarellas hat er noch keine Gelegenheit gehabt, sie zu sehen.

Auch heute würde es wieder nichts aus einem gemeinsamen Abend werden. Sie hatte einen Termin in der Abgeordnetenkammer und danach konnte es in der Redaktion spät werden.

Sie vereinbaren, sich nach ihrem Termin vor der Kammer zu treffen. Als sie kurz nach 18 Uhr anruft, fährt er los. Vom Präsidium an der Via Nazionale zum Montecitorio ist es nur ein Katzensprung. Sie beschließen, zur Tazza d´Oro zu gehen, die gleich hinter der Kammer liegt, und wo es den besten Café von ganz Rom gibt. Sie finden noch ein freies Tavolino und setzen sich. Er bestellt für Antonella einen Cappuccino und ein Cornetto, für sich nur einen Espresso.

„Weißt Du, wen ich im Montecitorio getroffen habe?" Er merkt ihr an, dass sie es kaum erwarten kann, ihm das zu sagen.

“Sciascia, Leonardo Sciascia"!

 Er erinnert sich. Erst kürzlich hatten sie sich über den bekannten Schriftsteller unterhalten, der nicht schlechthin politische Kriminalromane schrieb, die spannend und unterhaltend waren, sondern auch soziale und politische Hintergründe aufzeigten. Über die Entführung und Ermordung des DC-Politikers hatte er ein Büchlein geschrieben, die „Affäre Moro", das mit seinen Enthüllungen über politische Intrigen wie der berüchtigte Stich ins Wespennest wirkte und verdeutlichte, dass Moro von den höchsten Spitzen seiner Partei und des von ihr beherrschten Staates kaltblütig seinem Schicksal, das heißt der Exekution durch die Brigate Rosse, überlassen worden war. Nach Sciascia gab es im Caso Moro zwei Tätergruppen, einmal jene, die ein Interesse an der Ermordung des DC-Vorsitzenden hatten, die den Mord begünstigten, herbeiwünschten, aber nicht identisch mit den ausführenden Tätern, den BR, waren,

„Mittelbare" und „unmittelbare" Täter hatte sich Pallotta in seinen Aufzeichnungen notiert. Bei allem war der Autor ohne Zweifel höllisch auf der Hut, sich keinen juristischen Anschuldigungen auszuliefern, wie sie dem satirischen Stückeschreiber Dario Fo zu Dutzenden angehängt worden waren. Unter anderem, weil er sich mit deutlicher Anspielung auf den Tod des Anarchisten Pinelli, in „Zufälliger Tod eines Anarchisten" mit den diesbezüglichen anrüchigen Polizeipraktiken befasst hatte.

Sciascia charakterisiere den Mord als „politisch mafiosen Terrorismus", beginnt Antonella ihren kurzen Überblick über die Rolle Mattarellas auf der Insel. Er hatte - im Mezzogiorno fast eine Normalität - mit Mafiosi Kontakte unterhalten, die seiner Partei die erforderliche Stimmenmehrheit auf der Insel sicherten. Gegen „kleine Gefälligkeiten", verstand sich. Mal ein lukrativer Bauauftrag aus öffentlicher Hand, mal „ein Auge zudrücken", wenn „übereifrige" Juristen einem Mitglied der „ehrenwerten Gesellschaft" zu sehr auf die Pelle rückten.

Aber trotz mafioser Hilfe konnte die Democrazia Cristiana auch in Sizilien bald nicht mehr ohne die Unterstützung der Kommunisten regieren. Mit beiden Seiten konnte man schwerlich kooperieren.

So schlug sich Mattarella auf Moros Seite und versuchte, sich aus der Umklammerung der Mafia zu lösen.

Die Warnung, die der Tod seines Parteifreundes Michele Reina sein sollte, schlug er offenkundig in den Wind. Der Sekretär der DC-Leitung von Palermo war am 9. März 79 erschossen worden. Zweifelsohne durch Mafia-Killer, denn Reina war gegen die Vergabe öffentlicher Bauaufträge an Mafiosi aufgetreten und hatte sich ebenfalls für ein Bündnis mit den Kommunisten in der Landeshauptstadt ausgesprochen.

Im Gegensatz zu seiner Parteiführung in Rom hielt Mattarella weiterhin an Moros Compromesso stòrico fest und wollte mit der IKP eine Regionalregierung bilden.

„Das wurde ihm wohl zum tödlichen Verhängnis", meint Antonella.

„Sicher“, stimmt Pallotta ihr zu. "Das Strickmuster ähnelt dem bei Moro. Ein weiterer Befürworter des Compromesso mit den Kommunisten ist ausgeschaltet worden, offensichtlich ein besonders hartnäckiger, den man mit Moros Tod nicht abschrecken konnte.” Er wirkt sehr nachdenklich.

„Kannst du eine kleine 'Zuarbeit' für mich machen", bittet Pallotta sie zum Abschluss.

„Was brauchst du denn diesmal?"

„Rognoni hat eine Zusammenfassung der terroristischen Aktivitäten seit Moros Tod angefordert, und das hat man mir aufgehalst. Da wäre es gut, wenn ich etwas mehr wüsste, als wir im Computer haben."

„Ich habe mir schon gedacht, dass du demnächst damit kommen wirst. Es ist fast fertig", antwortet die Freundin etwas schelmisch.

„Du bist einfach ein Schatz, ohne dich hätte ich das ganze schon längst aufgegeben", bedankt er sich.

In seinem Ufficio wundert sich Pallotta längst nicht mehr, dass er von den Informationen, die er von Antonella zum „Fall Mattarella" erhalten hat, nichts erfährt. Dafür fällt ihm auf, dass der Minister anfragt, ob der Terrorbericht fertig ist, und das am Freitag-nachmittag. Mit Mühe kann er ihn überzeugen, die Sache bis Montag aufzuschieben.

Antonella hat ein freies Wochenende, was in ihrer Zeitung selten ist. Obwohl es ein Arbeitswochenende werden wird, kommt sie zu ihm an den Prato. Der Commissario freut sich. Nicht nur, weil die Freundin eine ausgezeichnete Cucina a la Casalinga serviert, sondern ihm auch bei der Vorbereitung seines Berichts an den Minister behilflich sein wird. Aus dem „Repùbblica"-Archiv hat sie ihm einen umfangreichen Packen Kopien zum Thema mitgebracht.

„Fang mit der Piazza Fontana an", empfiehlt sie ihm. „Übrigens habe ich Maurizio zum Essen eingeladen. Ich hoffe, Du hast nichts dagegen."

„Ganz im Gegenteil. Der alte Junggeselle wird sich freuen, wieder einmal bei uns zu sein und dazu noch Deine Kochkunst zu genießen. Und dann konnte ich mich schon lange nicht mehr in Ruhe mit ihm über meinen 'Caso' unterhalten."

Natürlich kennt Pallotta die schrecklichen Vorgänge am 12. Dezember 1969 auf der Piazza Fontana in Milano. An diesem Tag explodierte dort gegen 16.30 Uhr in der Schalterhalle der Landwirtschaftsbank eine Bombe. Sie tötete 16 Menschen und verletzte über achtzig. Dutzende weitere Verletzter gab es bei noch vier Bombenanschlägen, die sich innerhalb der folgenden Stunde an anderen Plätzen der Wirtschaftsmetropole ereigneten. Das Dossier, das ihm Antonella zusammengestellt hat, vermittelt jedoch bedeutend gründlichere und vor allem den tatsächlichen Ereignissen entsprechende Kenntnisse.

Bei den Attentaten handelte es sich, wie später bekannt wurde, um Anschläge der von Pino Rauti, der Nummer zwei der Sozialbewegung, angeführten Terrororganisation Ordine Nuòvo. Als weitere Rädelsführer agierten die hinlänglich bekannten Neofaschisten Franco Freda und Giovanni Ventura sowie ein Guido Giannettini. Rautis Credo lautete: „Die Demokratie verseucht den Geist." Die von ihm schon 1954 gegründete “Neue Ordnung” bekannte sich in ihrem Programm zur Salò-Republik sowie zum “Dritten Reich”. Sie propagierte den „Kampf für die Vorherrschaft der weißen Rasse". Ihren Wahlspruch entlehnte sie dem der deutschen SS: „Unsere Ehre heißt Treue", und ihr Organisationssymbol war das keltische Kreuz. Rauti war mit dreizehn seiner Ordensmänner in der Parteiführung des MSI vertreten.

Amerikanische und italienische Geheimdienstkreise sowie mit ihnen liierte Polizeibeamte versuchten, die Ermittlungen nach links zu lenken.

In den ersten beiden Tagen nach den Anschlägen verhaftete die Polizei über 300 Personen aus linken Kreisen, darunter zwei bekannte Anarchisten: den Eisenbahner Giuseppe Pinelli und den Balletttänzer Pietro Valpreda. Die Untersuchungen leitete in der Mailänder Questura der Kommissar Luigi Calabresi.

Pinelli stürzte nach dreitägigem Verhör in der Nacht zum 16. Dezember aus dem Fenster des im fünften Stock gelegenen Zimmers Calabresis in den Tod. Auf einer noch in derselben Nacht durchgeführten Pressekonferenz erklärte die Polizei, Pinelli habe Selbstmord begangen.

Zehntausende, vor allem von der außerparlamentarischen Linken, demonstrierten mit dem Sprechchor „Calabresi Mörder" durch die Straßen von Mailand und forderten die Freilassung Valpredas und der anderen Inhaftierten.

In der Protestbewegung und bei der Aufdeckung der Machenschaften der Polizei und der Geheimdienste spielte die Gruppe Lòtta Continua von der außerparlamentarischen Linken eine gewichtige Rolle. Die Organisation zählte etwa 20.000 Mitglieder, gab eine Tageszeitung gleichen Namens und eine Informationsschrift „Contre-Informazione" heraus.

Es kamen folgende Beweise bzw. Indizien ans Licht: Ein Krankenwagen, der zur angeblichen Ersten Hilfe für den angeblich aus dem Fenster gestürzten Pinelli erschien, war von der Polizei bereits vor dem Fenstersturz gerufen worden. Der Anarchist war bei den Verhören schwer gefoltert worden und bereits tot, als er in die Tiefe stürzte.

Calabresi wurde am 17. Mai 1972 in Mailand auf offener Straße erschossen. Als der Tat dringend verdächtig suchte die Polizei zunächst einen gewissen Gianni Nardi, der nach Spanien geflohen war. Wiederum handelte es sich um einen bekannten Neofaschisten, der 1970 Mitglied des Putschistenstabes von Borghese gewesen war. 1976 kam er bei einem Autounfall auf Mallorca ums Leben.

Für einen Agenten immer ein fragwürdiger Tod, denkt Pallotta und sieht, dass auch Antonella ein Fragezeichen gesetzt hat.

„Was hat es mit Calabresis Tod auf sich?"

Zunächst findet Pallotta darauf keine Antwort. Er muss wohl laut gedacht haben, denn Antonella ruft ihm aus der Küche zu: „Das findest Du unter dem Stichwort 'tote Zeugen', etwas weiter hinten in dem Material."

Pallotta wird bald klar, was es mit den „toten Zeugen" auf sich hat. Nicht alle Ermittler haben sich auf die „linke Spur" festlegen lassen. Eine Anzahl Untersuchungsrichter ist den Neofaschisten auf die Schliche gekommen.

Zwei Namen tauchen immer wieder auf: Ugo Paolillo und Gherardo D'Ambrosio. Während Paolillo der Fall entzogen wurde und seine Berichte spurlos verschwanden, gelang es D'Ambrosio, beträchtliche Beweise für die neofaschistische Täterschaft vorzulegen. Unter anderem wies er nach, dass die Aktentaschen, in denen die Bomben in Mailand explodierten, von Franco Freda zwei Tage vor den Anschlägen gekauft worden waren. D'Ambrosios Ermittlungen führten zur Verhaftung Giannettinis.

1974 musste Giulio Andreotti als Verteidigungsminister unter dem Druck der Enthüllungen in den Medien eingestehen, dass Guido Giannettini ein Agent des SID war. Nicht zugegeben wurde, dass er aber vor allem als Mann der CIA handelte.

Im gleichen Jahr begannen die ersten Prozesse, die 1979 vorerst abgeschlossen wurden. Fredda und Ventura konnten nur in Abwesenheit verurteilt werden. Sie waren in die Bundesrepublik Deutschland geflohen, wo sie sich bezeichnenderweise unbehelligt in Bad Tölz aufhalten konnten, obwohl sie von Interpol per Haftbefehl gesucht wurden. Sie residierten im ersten Hotel der Stadt, dem „Hof zur Jodquelle", einem Treffpunkt der Offiziere vom benachbarten US-Stützpunkt in Garmisch Partenkirchen.

„Ein Zufall konnte dieser Zufluchtsort wohl kaum gewesen sein", meint Antonella, die gerade an seinem Schreibtisch vorbeischaut, um das Mittagessen anzukündigen. „Dort gab es sicher auch eine CIA-Station, die sich um die beiden kümmerte."

Sie hat  ihm einen Absatz aus dem römischen „Messaggero" angestrichen, in dem die Flucht der beiden Attentäter am 26. Januar 1978 wie folgt kommentiert worden war: „In der Bundesrepublik haben italienische Neofaschisten schon immer den notwendigen Beistand, alle Mittel und auch die Pässe erhalten, um sicher weiter fliehen zu können.“ Weiter hieß es; „Es ist kein Geheimnis, dass gerade Bayern in der Vergangenheit zahlreiche flüchtige italienische Neofaschisten aufgenommen hat."

„Die beiden Typen sind übrigens inzwischen aus der Bundesrepublik ausgeflogen worden. Wohin ist noch nicht bekannt", ergänzt Antonella.

„In einer halben Stunde ist das Essen fertig“, schließt sie und entfernt sich in die Küche, aus der es bereits ganz verführerisch duftet.

Pallotta wandte sich wieder den „toten Zeugen" zu. Das waren elf Personen, die in den Prozessen gegen die Neofaschisten aussagen sollten, zumindest vorgeladen worden waren.

Sie kamen alle ums Leben, bevor sie vernommen werden konnten.

Eine Anneliese Borth aus Deutschland, die als Komplizin Valpredas angeklagt worden war, und vier Anarchisten aus Reggio Calabria fanden bei einem Autounfall den Tod. Sie hatten an einer Dokumentation über die neofaschistischen Täter auf der Piazza Fontana und an anderen Orten gearbeitet. Unter den Toten befanden sich auch Leute aus dem rechten Lager, die als unsichere Kantonisten galten. Ein Taxifahrer Cornelio Rolandi, Kronzeuge der Anklage gegen Valpreda, kam in seiner Wohnung in der Badewanne ums Leben. Er hatte ausgesagt, Valpreda vor dem Attentat zur Landwirtschaftsbank gefahren zu haben. Für die Aussage war er präpariert worden. Man hatte ihm vor der Gegenüberstellung ein Foto des Anarchisten gezeigt. Die Verteidigung hatte das herausbekommen und man befürchtete, Cornelio werde seine Aussage widerrufen. Der Rechtsanwalt Vittorio Ambrosini, Bruder des ehemaligen Präsidenten des Verfassungs-gerichts, stürzte aus dem siebten Stock einer römischen Klinik in den Tod. Als ehemaliger Mitarbeiter des Geheimdienstes wusste er, dass der Anschlag in Mailand von der Ordine Nuòvo verübt worden war und wollte dazu aussagen.

Wie nun war Calabresi in den Kreis der „toten Zeugen" geraten?

Der Kommissar war 1966, als er einen Fortbildungskurs in New York besuchte, von der CIA angeworben worden. Den Geheimdienst der USA bei der Abwehr der kommunis-tischen Gefahr zu unterstützen, hatte er ohne Probleme zu sehen, zugestimmt. Zumal die Angelegenheit mit den italienischen Diensten abgestimmt schien. Auch in der Questura in Rom tuschelte man schon mal hinter vorgehaltener Hand, dass sich dieser oder jener Kollege mit solcherart „Bündnistreue" das nicht gerade üppige Gehalt etwas aufbesserte. Maurizio hatte  einmal erzählt, wie ein etwas unbedarfter Kollege, der für eine Mitarbeit in der amerikanischen Company angesprochen worden war, sich an seinen Abteilungs-leiter um Rat gewandt hatte. Auf seine Frage, ob das zulässig sei, habe er von seinem Chef die beruhigende Antwort erhalten, unter Freunden der Allianz sei das geradezu eine „vaterländische Pflicht". Maurizio war sich sicher gewesen, dass der noch recht junge Abteilungsleiter seine rasche Karriere zweifelsohne auch der Protektion seiner „Allianzfreunde" aus Langley verdankte. Was Calabresi betraf, so machte er jedenfalls nach seiner Rückkehr vom Fortbildungskurs in den USA ebenfalls einen Sprung nach oben. Er avancierte zum stellvertretenden Leiter des politischen Dezernats.

Was damit auf ihn zukam, hatte Calabresi bei seiner Verpflichtung wohl kaum voraus-gesehen. Das politische Dezernat war für die seit Mitte der sechziger Jahre zunehmenden terroristischen Umtriebe zuständig. So war auf Calabresi die Untersuchung des Anschlags auf der Piazza Fontana zugekommen. Der erfahrene Kriminalist war sicher bald dahinter gekommen, dass er mit der Verfolgung der Anarchisten auf eine falsche Fährte gehetzt wurde. Im Frühjahr 1972 stieß der Kommissar dann auch noch auf ein neofaschistisches Waffenlager größten Ausmaßes. Es wurde publik, dass es Karabiner, Maschinenpistolen, Maschinengewehre, Handgranaten, Minen und selbst Artillerie-geschosse umfasste. Vermutlich war es für den „Windrose"-Putsch angelegt worden. Bei seinen Recherchen stellte der Kommissar fest, dass ein Großteil der Waffen aus der Bundesrepublik Deutschland stammte. Die Lieferanten verfügten über Kontakte zum Bundesnachrichtendienst. Einer ihrer Verbindungsleute war der frühere SS-Standarten-führer Skorzeny, der im September 1943 Mussolini in einem spektakulärem Kommando-unternehmen aus der Haft vom Gran Sasso geholt hatte, wohin dieser nach seinem Sturz im Juli gebracht worden war. Nach dem Krieg hatte er in Spanien eine Waffenexportgesellschaft gegründet, zu deren bevorzugten Kunden die neuen Schwarzhemden Italiens gehörten.

Beim Weiterblättern stößt Pallotta auf ein Foto aus dem römischen „Europeo" aus dem Jahre 1974. Es zeigt Pino Rauti und Guido Giannettini. Sie sitzen lachend auf einem Panzer. Aus dem Text geht hervor, dass es sich um den „Leopard" handelte einen Panzertyp der deutschen Bundeswehr. Das Foto stammte vom Herbst 1969 und der Panzer war damals noch „streng geheim". Nicht aber für die beiden römischen Neofaschisten, die zu dieser Zeit an einem Lehrgang für psychologische Kriegführung an der Bundeswehrschule in Euskirchen teilnahmen. Anschließend besuchten beide die Bundeswehrschule der Panzertruppen, wo das Foto mit dem „Leopard" geschossen wurde. Die freundschaftlichen Beziehungen zu den Kameraden der Bundeswehr hinderten Giannettini nach seiner Verhaftung 1974 nicht, auszusagen, Calabresi sei wegen der Aufdeckung der Waffenlieferungen aus der Bundesrepublik von Leuten des Bundesnachrichtendienstes umgebracht worden.

Giannettinis Aussage konnte ebenso ein Ablenkungsmanöver gewesen sein, überlegt Pallotta.

Denn es war auch ganz im Interesse der italienischen Neofaschisten und ihrer Hintermänner im SID und in der CIA, dass Calabresi beseitigt wurde.

Antonella hatte ihm die Recherchen eines Wiener Publizisten, eines Experten in Fragen des Terrorismus zusammengefasst. Der Mann namens Harald Irnberger hatte sie bereits 1976 unter dem Titel „Terrormultis" veröffentlicht. Er schrieb: „Die im Prozess aufgedeckten Spuren zeigten, welch prominente Mächte hinter den blutigen Faschistenumtrieben standen - und dass Calabresi nun wohl etliche sehr bekannte Namen auszuplaudern gehabt hätte, wenn er zu sprechen begonnen hätte. Das wurde verhindert durch die am 17. Mai auf Luigi Calabresi abgefeuerten Schüsse."

Pallotta hatte die Liste der „toten Zeugen" gerade abgeschlossen, als es klingelte.

„Lass mal, ich gehe schon öffnen", ruft er Antonella zu. Routinemäßig schaut er durch den Sehschlitz, ehe er Maurizio hereinlässt.

Maurizio ist wieder einmal des Lobes voll über das, was Antonella auftafelt. Nach der Pasta, Spaghetti al tartuffo néro, serviert sie das Lieblings Sécondo der beiden Männer, Saltimbócca a la romana, eine Spezialität der Hauptstadt, die Maurizio als gebürtigem Römer besonders mundet.

„Selten eine so gute Kalbsroulade gegessen", schwelgt er und bringt einen Toast auf „die beste Köchin der Welt" aus.

Sie stoßen mit einem fruchtigen Frascati an. Den leichten trockenen Weißen bezieht Antonella von der Mutter einer Kollegin direkt vom Weingut in den Albaner Bergen.

Nun sitzen sie in den plüschigen, schon etwas abgewetzten Sesseln, die Antonella am liebsten auf den Müll befördern möchte, trinken Capuccino und lassen sich eine Torta mandorle schmecken.

Pallotta hat sich seinen „verwässerten" Romana gemixt, Maurizio bevorzugt wie immer einen Grappa, und Antonella hat sich einen Amaretto di Saronna einschenken lassen. 

Nun aber möchte Maurizio wissen, wie die Arbeit vorangeht.

„Ich habe mich zunächst mit dem Anschlag auf der Piazza Fontana befasst", beginnt Pallotta. „Denn damit beginnt das, was man in der Presse gewöhnlich Spannungsstrategie nennt. Die Grundzüge sind - dazu hast Du mir ja eine Menge Material besorgt - bereits beim Piano solo sichtbar geworden. Das Ziel ist, die Linken auszuschalten, in erster Linie die Kommunisten, die Sozialisten gelten inzwischen nicht mehr als gefährlich, sind sozusagen integriert worden. Die Opposition, die Gewerkschaften, aber auch Politiker der Regierungsparteien, die mit den Kommunisten liebäugeln, sollen eingeschüchtert, mundtot gemacht werden. Beginnend mit der Piazza Fontana sind die Terroranschläge sprunghaft angestiegen. Das schafft ein Klima, in dem ein Militärputsch möglich wird, eine Situation, in der die Armee, wenn notwendig, als 'Ordnungsfaktor' eingreifen kann."

Pallotta reicht dem Freund die Notizen, auf denen er die Fakten und gravierenden Ereignisse zusammengefasst hat.

Vor 1969 gab es jährlich einige Dutzend Anschläge, keine Toten. 1969 sind es dann rund 150, darunter die Explosion in der Mailänder Landwirtschaftsbank. Im Mai 1974 werden bei einem Attentat auf eine Gewerkschaftskundgebung in Brescia acht Menschen getötet und 94 verletzt. Im Dezember explodiert im Italicus-Express von Rom zum Brenner im Apenninentunnel hinter Florenz eine Bombe, zwölf Tote und 48 Verletzte. Die Zündung sollte ursprünglich auf dem immer sehr belebten Bahnhof von Bologna erfolgen, wo sie nicht nur im Zug, sondern auch unter den Reisenden auf den Bahnsteigen ein regelrechtes Massaker angerichtet hätte. Für die angeführten Anschläge wurden neofaschistische Attentäter ermittelt, obwohl es auch in diesen Fällen immer wieder Versuche gab, linke Terroristen zu präsentieren. 1978, im Jahr der Entführung und Ermordung Moros, stiegen die Terrorakte dann auf fast 2.400 an. In diesem Jahr gab es 37 Todesopfer, 1979 noch drei mehr. Für den Januar 1980 liegen noch keine Zahlen vor, es dürften aber bereits mehr als 10 Tote sein, darunter Mattarella als prominentestes Opfer. Symptomatisch ist, dass es seit 1969 zunehmend linke Attentate gibt, deren Echtheit in vielen Fällen fraglich ist bzw, bei denen agents provocateurs am Werk sind. Den letzten Satz hat Pallotta unterstrichen und am Rande angemerkt: siehe Merlino.

„Was bedeutet `Merlino?´”, fragt Maurizio.

„Der Name eines typischen agent provocateur, der vom SID bei dem Anschlag auf der Piazza Fontana eingesetzt wurde", antwortet Pallotta und reicht ihm eine Karteikarte.

Unter dem Stichwort Personaggi ist vermerkt: Merlino, Mario: Philosophiestudent, Ausbildung in der Ordine Nuòvo, danach rechte Hand von Stefano Delle Chiaie, des Chefs der Avanguardia Nazionale. 1965/66 Teilnahme an einem Sechsmonate-Lehrgang der neonazistischen Europäischen Union in der Bundesrepublik Deutschland. Unter Leitung Rautis nimmt Merlino 1968 zusammen mit etwa 20 Neofaschisten in Griechenland an einer Schulung zum Studium der Erfahrungen der Obristen bei der Infiltration linksradikaler Gruppen teil. Zurückgekehrt gründet er einen Anarchistenzirkel, der MolotowCocktails wirft und Autos anzündet. Die rechte Presse berichtet daraufhin über „blinde Gewaltakte der von der IKP manipulierten linken Extremisten." Merlino wirbt Valpreda für seinen Zirkel an.

„So ist Valpreda durch Manipulierung und falsche Aussagen zum Haupträdelsführer des Anschlags auf der Piazza Fontana gestempelt worden", ergänzt Pallotta.

„Der Provokateur Merlino aber wurde 1977 im Prozess freigesprochen."

„Mammamìa", entfährt es Maurizio. „Das ist ja schon keine Kriminalstatistik mehr. Du betreibst hier wissenschaftliche Arbeit. Es fehlt nicht mehr viel, und du kannst das als Doktorarbeit einreichen."

„Dagegen wäre nichts einzuwenden", meint Pallotta. „Aber wenn ich mich so mit dem Thema exponiere, werden sie mich anschließend in der Questura sicher rausschmeißen und ich kann mich unter die arbeitslosen Akademiker einreihen."

„Das würde so schlimm nicht sein", äußert Antonella. „Wenn ich ein gutes Wort für dich einlege, kannst Du bei uns im Archiv anfangen. Einen Dokumentalisten mit Insiderwissen über Polizeipraktiken, den würden sie sicher nehmen."

„Du vergisst", wendet Pallotta ein, „dass ich beim Ausscheiden aus dem Dienst unterschreiben muss, nie ein Wort darüber zu verlieren, was ich in der Polizeiarbeit erfahren habe."

„Ach", bedeutet ihm Antonella mit freundschaftlichem Spott in der Stimme, „bei uns kannst du verdeckt arbeiten. Niemand erfährt, dass du da ermittelst. Du erhältst einen Decknamen. Pseudonym heißt das bei uns."

Maurizio hat dem Geplänkel, das er  ausgelöst: hat, belustigt zugehört.

Nun fragt er, ob man sich noch ein paar ernsthaften Fragen zuwenden könne.

Nach zustimmendem Nicken nennt er die Manipulierung der radikalen Linken im Konzept der Spannungsstrategie und fragt nach Parallelen zum Putsch der Obristen in Athen.

Pallotta schlägt vor, dass er zur ersten Frage demnächst einmal informieren wird, da er sich erst noch näher sachkundig machen müsse.

Antonella sagt zu, dazu etwas aus dem Archiv ihrer Zeitung zu beschaffen. Bei der Spannungsstrategie handele es sich um keine ausschließlich italienische Angelegenheit, fährt sie fort.

In Griechenland sei 1967 ein Wahlsieg der Linken so gut wie sicher gewesen. Also hätten die Obristen einen Präventivschlag geführt und bereits vorher ihr profaschistisches Regime errichtet. Die von den Experten der CIA und der NATO konzipierte Operation lief unter dem Decknamen OPLAN 100-1 ab. Sie sucht eine Zeitungsmeldung heraus, sie stammt aus dem „Los Angeles Herald Examiner" vom Juni 1972. Kurz nach den Parlamentswahlen, die den Kommunisten  mit  über 27 Prozent einen starken zweiten Platz brachten, fragte die amerikanische Zeitung unverblümt, ob das Obristenregime von Athen nicht „ein gutes Modell" für Rom sei. „Das Problem besteht heute darin, zu entscheiden, ob unser NATO-Verbündeter Italien in der Lage ist, allein gegen eine rote Revolution ungeahnten Ausmaßes vorzugehen, oder ob die Situation nicht besser von den Carabinieri, den bewaffneten Kräften, der Armee in die Hand genommen werden sollte", hieß es.

Antonella erwähnt noch frappierende Parallelen zu Chile, wo die Unidad Popular unter dem Sozialisten Allende durch freie Wahlen an die Macht gekommen und dabei gewesen war, die Vorherrschaft der USA-Konzerne zu brechen. Auswirkungen auf ganz Süd-amerika waren zu erwarten. So wurde auch hier die Spannungsstrategie inszeniert, welche die Unfähigkeit der linken Regierung belegen und das Eingreifen der Generäle rechtfertigen sollte. Tankstellen explodierten, Pipelines fielen aus, Brücken stürzten ein, die Versorgung der Bevölkerung brach zusammen. Im September 1973 schlug Pinochet zu.

Der Mann, der ihm unter dem Code „Centaurio" den Putschplan ausarbeitete, war der inzwischen zum General aufgestiegene Vernon Walters, der für De Lorenzo den Piano Solo entworfen hatte. Selbst der Mörder Allendes und seiner Sekretärin, Miriam Ruppert, ein gewisser Hauptmann Roberto Garrido, hatte seine Ausbildung an der Special Force School in dem in der US-Zone von Panama liegendem Fort Kulick erhalten. Die Anstalt wird allgemein nur Putschistenakademie genannt. Die speziellen Vorlesungen dort hielt General Walters.

Im November reiste eine MSI-Delegation mit dem Abgeordneten Mirko Tremaglia nach Chile, um Junta-Chef Pinochet eine Botschaft „der Solidarität und des Verständnisses im Namen der Italiener" zu überbringen. Für Italien forderte die Sozialbewegung danach offen „eine chilenische Lösung."

Schließlich möchte Maurizio erfahren, was Pallotta dem Minister berichten wird. Der Commissario informiert ihn in Stichpunkten: Die Fakten über die Attentate, ihre Zunahme vor Moros Entführung und jetzt vor dem DC-Parteitag. Mögliche Parallelen zwischen Mattarella und Moro, dazu Hinweis auf Sciascia, dessen Äußerung ja in den Zeitungen stand.

„Erwähne doch ruhig sein Büchlein über die 'Affäre Moro', das kann nicht schaden", meint Maurizio.

„Ja, gut", stimmt Pallotta zu. „Ich habe aber ein viel brisanteres Thema. Im März 79 gab es einen Mordfall, der im Zusammenhang mit unserem Caso Moro steht. Ich überlege, ob ich das erwähnen soll."

„Wer ist es?", fragt Maurizio.

„Ein gewisser Mino Pecorelli, ein Enthüllungsjournalist, dessen Spezialstrecke das Geheimdienstmilieu war. Politisch nicht fest angesiedelt, keinesfalls links, eher rechts. Verdiente mit seinen Enthüllungen einen Haufen Geld. Vielleicht hat er manchmal auch Schweigegeld angenommen. Er gab ein eigenes Nachrichtenbulletin heraus, den 'Osservatore politico'. Antonella hat ein paar aufschlussreiche Berichte ausfindig gemacht. Schauen wir sie uns mal an, denn ich bin auch noch nicht dazugekommen, sie zu lesen."

Nachdem Antonella ihnen ein paar kopierte Seiten gereicht hat, vertiefen sich die beiden in die Berichte. Der erste stammt vom 13. September 1975. Pecorelli berichtet über den Besuch Präsident Fords kurz vorher in Rom, in dessen Verlauf er Moro, der zu dieser Zeit Ministerpräsident war, wie schon ein Jahr vorher in Washington erneut Konsequenzen für den Fall einer Regierungsbeteiligung der Kommunisten angedroht hatte. Was dann folgt, kann man eigentlich als eine verschlüsselte Vorhersage des Todes Moros interpretieren. Pecorelli zitierte einen Beamten, der in Anspielung auf die Ermordung John F. Kennedys und seiner Witwe davon gesprochen habe, dass es „in der Zukunft unseres Landes eine Jacqueline geben werde."

Am 2. Mai 1978, eine Woche vor der Ermordung Moros, befasst sich der „Osservatore" mit den Hintergründen der Entführung des DC-Führers und den Brigate Rosse. Es heißt: „Die Gefangennahme Moros stellt eine der größten politischen Operationen dar, die in den letzten Jahrzehnten in einem industrialisierten Land, das in das westliche System integriert ist, durchgeführt wird. Das oberste Ziel ist es, die Kommunistische Partei vom Bereich der politischen Macht zu entfernen, und zwar in dem Moment, wo sie sich anschickt, an der Regierungsgewalt teilzuhaben. Es ist eine Tatsache, dass man dies unter keinen Umständen zulassen kann."

Zu den Roten Brigaden schreibt Pecorelli: „Das leitende, die Gefangenschaft Moros organisierende Hirn, hat nichts mit den traditionellen Roten Brigaden zu tun. Das Kommando in der Via Fani drückte in nicht gewohnter, aber effizienter Weise die neue politische Strategie in Italien aus. Die Entführer Moros haben nichts mit den gemeinhin bekannten Roten Brigaden zu tun."

Vier Monate nach Moros Tod, am 12. September 1978, kommt Pecorelli erneut auf die zwielichtige Rolle der Roten Brigaden zurück. Er schreibt: „Die BR stellen nicht den Hauptmotor der Rakete dar, sie reagieren als Hilfsmotor für eine Korrektur der Richtung des Raumschiffes Italien." In derselben Ausgabe seines „Politischen Beobachters" vertritt auch Pecorelli die Meinung, dass die Schuldigen an der Entführung und Ermordung Moros unter denen zu suchen sind, die sich gegen das Programm des DC-Vorsitzenden gestellt haben. „Es gibt ausreichende Indizien dafür, dass die Roten Brigaden im Auftrag Dritter, Italiener oder Ausländer, gehandelt haben."

„Da hat der Mann starkes Geschütz aufgefahren", kommentiert Maurizio. „Ein Schuss ist wahrscheinlich nach hinten losgegangen. Du kannst den Pecorelli auf die Liste deiner 'toten Zeugen' setzen. Ich erinnere mich jetzt auch an den Vorfall. Typische Mafia-Exekution. Schuss in den Mund, direkt vor seiner Haustür, er wollte. gerade aus seinem Wagen steigen."

„Es war vor den Räumen seiner Redaktion", präzisiert Antonella. „In der Via Tacito, unweit des Castel S. Angelo. Und es waren zwei Killer. Sie gaben vier Schüsse ab, einen davon in den Mund. Ich erinnere mich so genau, weil ich Chef vom Dienst war und wir zwei Reporter losschickten."

„Aber die Berichte im 'Osservatore' allein dürften kaum seinen Tod herbeigeführt haben", meint Maurizio.

„Da bist du sicher auf der richtigen Fährte", wirft Antonella ein. „Aber das, was Pecorelli enthüllt hat, ist nur die Spitze des Eisberges. Ihr wisst ja, dass die Ermordung Moros von einer Parlamentskommission untersucht wird. Cossiga, der für die 'Intransigenza' im Komplott gegen Moro mit dem Amt des Premiers belohnt wurde, hat sich der Einsetzung des Ausschusses bis zuletzt widersetzt. Eine Mehrheit der DC-Führung hat ihn unterstützt. Die ganze Wahrheit wird bestimmt nicht ans Licht kommen. Aber einige Aufschlüsse sind sicher zu erwarten. Unser Chef äußerte dieser Tage, dass Andreotti den bevorstehenden Anhörungen mit sehr gemischten Gefühlen entgegensieht."

„Jedenfalls bestätigt sich, dass Moro einem regelrechten Komplott zum Opfer gefallen ist", fasst Pallotta die Meinung zusammen. „Die 'traditionellen Roten Brigaden', wie Pecorelli sie nennt, sind allem Anschein nach in eine Falle getappt. Wie, das bleibt zu klären“.

Pallotta kommt nochmals auf die von Pecorelli erwähnte internationale Einwirkung auf die BR zurück. „Ist es möglich, dass die Sowjets oder andere Ostblockstaaten Einfluss ausübten?"

„Das kann zweifelsfrei ausgeschlossen werden", antwortet Maurizio. „So wird das auch bei unseren 'Diensten' gesehen. Denn die CIA hätte sich dann kaum die Gelegenheit entgehen lassen, dem KGB eine überzubraten."

„Auf eine derart abenteuerliche Sache hätte man sich in Moskau auch kaum eingelassen", meint Antonella. „Ganz abgesehen davon, dass unsere Brigadisten Anhänger Mao Zedongs und seiner Theorie sind, 'die Revolution kommt aus den Gewehrläufen', die von den Sowjets entschieden abgelehnt wird."

„Aber die Moskauer KP war doch auch gegen den historischen Kompromiss der IKP", wirft Pallotta ein.

„Das stimmt nur zum Teil", entgegnet Antonella. „Breshnew lehnte insbesondere Berlinguers These ab, dass die Linken bei einem Wahlsieg die Regierung nicht allein übernehmen, sondern auch dann ein Bündnis mit den Christdemokraten schließen sollten. Berlinguer meinte dagegen, dass eine Linksregierung ähnlich wie in Chile ohne Einbeziehung der Christdemokraten dazu führen könnte, dass die Democrazia Cristiana einen militärfaschistischen Putsch toleriert."

„Von Andreotti und seinem Anhang wäre etwas anderes kaum zu erwarten gewesen", entgegnet Maurizio.

„Es gibt noch einen weiteren Gesichtspunkt", ergreift Antonella wieder das Wort. „Gegen einen Eintritt der Kommunisten in eine Koalitionsregierung mit unserer DC und anderen Parteien hätten sie in Moskau generell nichts einzuwenden gehabt, denn sie erwarteten, dass das der NATO ziemliche Probleme bereiten würde. Aber insgeheim ging Breshnew wohl davon aus, dass  das Projekt Moros zum Scheitern verurteilt war. Es verstieß gegen den von beiden Blöcken stillschweigend respektierten Status quo. Die Amerikaner haben auch nichts unternommen, als die Sowjets ihren Status in Prag gewahrt haben."

„Aber Dubcek ist nicht wie Moro umgebracht worden", bemerkt Pallotta. „Bei uns sind die Amerikaner mit ihren Truppen nach Kriegsende eben gleich hier geblieben. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätten wir unser 'Prag’ hier schon viel früher erlebt. Abgesehen davon, dass wir angesichts der ständigen Einmischung von CIA und Pentagon, vom Weißen Haus und dem State Departmenteine permanente Intervention erleben."

Maurizio fällt noch ein guter Rat ein. „Benutze den Terminus 'Spannungsstrategie' nicht. Der ist bei uns als 'kommunistischer Propagandaslogan' gebrandmarkt."

Bevor sie sich am Wagen auf dem Parkplatz vor dem Haus verabschieden, vertraut Maurizio dem Freund an, dass sein Onkel ins Sicherheitsbüro des Innenministeriums versetzt worden ist, zuständig für Kontakte zum SISMI.

„Er ist ein verfassungstreuer Mann, verabscheut Methoden wie sie gegen Moro angewendet wurden, steht Dalla Chiesa nahe", erläutert er. „Manchmal sucht er den Gedankenaustausch, und ich bin der einzige, mit dem er sich dann unterhalten kann. So erfahre ich, wie du schon bemerkt hast, hin und wieder einiges, was für unsere Recherchen nützlich ist. Das muss natürlich unter uns bleiben. Wenn Antonella etwas zum Schreiben verwendet, muss sie andere Quellen dafür nennen."

„Darauf kannst Du Dich verlassen", erwidert Pallotta, ehe sie sich mit einem festen Händedruck verabschieden.

Entgegen gehegten Befürchtungen kommt Pallotta mit seinem Bericht an den Minister problemlos über die Runden. Obwohl größere Erfolge in der Fahndung nach den BR noch immer ausstehen, scheint das Thema vorerst keine prioritäre Rolle zu spielen.

Das hängt mit dem Christdemokratischen Parteitag zusammen, der den Compromesso stòrico mit der IKP endgültig beendet hat. Der einst von Moro angeführte starke linke Parteiflügel besitzt keinen nennenswerten Einfluss mehr. Die Rechten beherrschen die Partei und gewinnen weiter an Einfluss. Auf Sizilien kann die Mafia wieder ungeschoren ihren Geschäften nachgehen.

Die Sozialisten sind unter dem rechten und korrupten Bettino Craxi inzwischen zum anerkannten Partner auch in Washington aufgestiegen. Sie besiegeln im April 1980 mit ihrem Wiedereintritt in die Regierung ebenfalls den Bruch mit dem Compromesso.

Die Kommunisten haben bei den Wahlen 1979 vier Prozent ihrer Wähler verloren. Das Scheitern ihrer Kompromisspolitik mit den Christdemokraten stellt eine schwere Niederlage dar, von der sie sich nicht mehr erholen.

Die „Korrektur der Richtung des Raumschiffes Italien", von der im „Osservatore politico" die Rede war, ist vollzogen worden, schlussfolgert Pallotta.

Trotzdem scheint es, dass die Spannungsstrategen sich ihres Sieges noch nicht ganz sicher sind. Im August kommt es im „roten Bologna" zum bis dahin blutigsten Terroranschlag. Auf dem Hauptbahnhof  explodiert eine Bombe, die 85 Menschen tötet und über 200 verletzt. Die hektischen Fahndungsaktionen führen zu keinen Ergebnissen, obwohl die neofaschistische Herkunft der Attentäter und die geheimdienstliche Urheberschaft wieder offensichtlich sind. Maurizio bekommt heraus und informiert ihn "top secret", dass zu den Rädelsführern ein gewisser Joachim Fiebelkorn aus Deutschland  gehört. Er ist ein enger Vertrauter des berüchtigten Kriegsverbrechers Klaus Barbie, den die Amerikaner nach 1945 vor der Bestrafung in Sicherheit brachten. Wie Barbie arbeitet  Fiebelkorn für die CIA und auch noch für den BND. Bologna war nicht zufällig Ziel des furchtbaren Massakers. Die Regionalhauptstadt wird, wie die meisten Städte und Gemeinden der Emilia Romagna und auch das Land selbst von Kommunisten und Sozialisten mit hoher Dominanz der IKP regiert. Es ist unschwer zu erkennen, dass die linke Stadtverwaltung als unfähig zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung für die Bürger diffamiert werden soll.

Das Feldhandbuch

Der Anschlag in Bologna veranlasst Pallotta, endlich das Kapitel Spannungsstrategie zu vollenden. Seit geraumer Zeit liegt bereits ein ansehnlicher Materialpacken bereit, den ihm Antonella zum linksradikalen Spektrum aufbereitet hat. Sie hebt hervor, dass das linksradikale Potenzial eigenständig entstanden ist und erst dann von den Spannungsstrategen benutzt wurde. Aber auch das könne man nicht durchgängig voraussetzen, es blieben eigenständige Aktionen. Des weiteren handele es sich um eine linksradikale Minderheit, die den bewaffneten Kampf, wie sie ihre Aktionen nennt, führte. Diese Gruppen grenzten sich entschieden von der herkömmlichen Linken ab, für die vornehmlich die IKP steht. Es sind die Rechten, in erster Linie die Neofaschisten mit ihren Komplizen in Armee, Polizei und Geheimdiensten, die für die linksradikalen Anschläge die IKP verantwortlich machen, sie als Urheber ausgeben.

Pallotta befasst sich nun bereits seit Jahren mit dem, was in der Polizeiarbeit Terrorismusbekämpfung genannt wird. Jetzt lernt er Aspekte, Hintergründe und Zusammenhänge kennen, die in den Ermittlungen nicht oder kaum eine Rolle spielen.

Die radikale Linke ist keineswegs ein italienisches Phänomen. Ähnliche Gruppen gab es seit den 60er Jahren in den USA, in Lateinamerika, weiteren Staaten Westeuropas, in Japan und einigen Ländern der dritten Welt. Anfang der 70er Jahre begannen diese Gruppen auch in Westeuropa teilweise den bewaffneten Kampf  gegen das herrschende System. Auf die größtenteils aus jungen Menschen, überwiegend Intellektuellen und Studenten, bestehende Bewegung wirkten viele Faktoren ein: der mörderische  Krieg der USA in Vietnam, die Black Power in Nordamerika, die Guerilla im Süden des Kontinents, der vielerorts erfolgreiche bewaffnete Befreiungskampf in Asien und Afrika, der Widerstand der Palästinenser im Nahen Osten. Einen Höhepunkt bildete die studentische Protestbewegung 1968. Unter dem Stichwort „Leitbilder" hat Antonella einige Persönlichkeiten aufgeführt, an denen sich diese neue Linke, wie sie sich auch nannte, orientierte: Che Guevara, Ho Chi Minh und Mao Zedong, Patrice Lumumba, Jean Paul Sartre und Franz Fanon, aber auch die deutsche RAF-Kämpferin Ulrike Meinhof.

Es folgen Angaben zu den bekanntesten Organisationen: Lòtta Continua und Potére Operàio. Anhänger beider Organisationen, denen deren Kurs nicht radikal genug war, gründeten Mitte der 70er Jahre die Autonomia Operàia. Den extremen Flügel bildeten die Brigate Rosse, eine Prima Linea und die Nùclei Armati Proletari. Lòtta Continua und Potére Operàio praktizierten Gewalt und bewaffnete Auseinandersetzungen, verfielen jedoch nicht dem Extremismus der drei letztgenannten Gruppen. Das ist, wie Antonella vermerkt hat, im Zusammenhang damit zu sehen, dass vor allem diese Gruppen und hier in erster Linie die Brigate Rosse durch die Geheimdienste infiltriert wurden.

Im nächsten Abschnitt hat die Freundin einiges zur Herkunft der italienischen Linksradikalen aus der kommunistischen, teilweise auch aus der sozialistischen Partei zusammengestellt.

Es ist ein Aspekt, der in anderen westeuropäischen Ländern keine solche Rolle spielte. Nicht wenige Linksradikale, darunter auch Mitglieder der BR, kamen aus den Arbeiterparteien, waren Söhne, Töchter oder Enkel von deren Mitgliedern, darunter auch von früheren Partisanen der Resistenza. Viele Linksradikale glaubten, mit dem bewaffneten Kampf im antifaschistischen Geist zu handeln und wie die Resistenza in der Tradition des Volkshelden Garibaldi zu stehen, wie überhaupt vom Recht der Unterdrückten auf bewaffneten Widerstand gegen eine Ausbeutergesellschaft Gebrauch zu machen. Diese Positionen brachten die radikalen Linken nahezu zwangsläufig in scharfe Opposition zur Politik des Compromesso stòrico der IKP unter Enrico Berlinguer, den sie als Verrat an den revolutionären Zielen der kommunistischen Bewegung ablehnten. 1968/69 wurden Tausende dieser Opponenten aus der IKP ausgeschlossen. Herausragende Linke wie Rossana Rossanda und Luigi Pintor gründeten danach die Zeitung „Manifèsto“, um die sich eine kommunistische Gruppierung sammelte. Wenn die Zeitung streckenweise an die Hunderttausend Exemplare vertrieb, dann zeugte das von einem beträchtlichen Einfluss.

Antonella sympathisiert noch heute mit „Manifèsto“ und ist eine regelrechte Verehrerin von Rossanda. Sie ist der Ansicht, dass die IKP, während sie sich sozialdemokratischen Ideen öffnete, sich gleichzeitig von diesen oppositionellen Linken in der Partei trennte, ein gerüttelt Maß an Verantwortung für die Radikalisierung auf der linken Seite trägt.

Dass der soziale Faktor eine Triebkraft des Linksradikalismus darstellt, ist Pallotta erst durch die gemeinsamen Recherchen mit Antonella sichtbar geworden.

Durch ihre Herkunft aus dem Mezzogiorno bringt die Freundin auch noch starke eigene Erlebnisse ein. „Wenn dort Jugendliche von 25 oder 30 Jahren noch nie eine feste Arbeit gehabt haben, dahinvegetieren, keine Zukunft haben, dann sehen viele nur noch einen Ausweg: die Mafia, die Unterwelt oder den radikalen Protest", hat sie ihm kürzlich erläutert und einige Zahlen genannt: 1978 wurden rund zwei Millionen Arbeitslose und drei Millionen Kurzarbeiter gezählt. Unter den Arbeitslosen waren die Hälfte Jugendliche, die meisten seit Jahren auf der Suche nach einer ersten Beschäftigung. 350.000 Arbeitslose besaßen einen Hochschulabschluss. Seit 1972 fanden etwa die Hälfte aller Hochschulabgänger keinen Arbeitsplatz. Von denen, die eine Arbeitsstelle fanden, waren 55 Prozent unterbeschäftigt. 50 Prozent der Akademiker ging einer Arbeit nach, die weit unter ihrer Qualifikation lag. Sie arbeiteten als Verkäufer, Sekretäre, Taxifahrer, Busschaffner, ja selbst als Straßenkehrer. Trotzdem nahmen Zehntausende Jugendliche weiterhin ein Studium auf. Die Universitäten wurden so zu „Parkplätzen" für Arbeitslose und gleichzeitig zu Zentren „linksradikaler“ Umtriebe. Anhänger fanden die radikalen Studenten vor allem unter den Jugendlichen in den Armenvierteln der Großstädte. Die Mailänder Zeitschrift  „Panorama", die gewiss nicht den linken Medien zuzuordnen ist, schrieb 1977  über die Zusammensetzung der linksradikalen Gruppen: „In Rom ist ein großer Teil des ärmsten Proletariats der Vorstadtghettos in der Autonomia  Operàia gelandet."

Am Ende des Materials liegen ein paar Archivseiten, die Antonella mit dem Stichwort „staatliche Repression und Linksradikalismus" überschrieben hat.

Pallotta kommt nicht umhin, zu schlussfolgern, dass die Praktiken von Polizei- und Justizorganen, anarchistische und linke Kreise für neofaschistische Anschläge wie den auf der Piazza Fontana verantwortlich zu machen, eine weitere Radikalisierung dieser Kräfte bewirkte. Der Tod Pinellis, die Inhaftierung und jahrelange juristische Verfolgung des unschuldigen Valpreda und später anderer Lòtta-Leute sowie die Schützenhilfe für neofaschistische Mörder, brachte viele Linksradikale dazu, dem System mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Nachdem Pallotta sich zum linksradikalen Potenzial sachkundig gemacht hat, befasst er sich mit dessen Infiltration. Der amerikanische Geheimdienst hatte dazu ein umfangreiches Programm ausgearbeitet, das er mit Hilfe der italienischen Dienste verwirklichte. Maurizio hat ihm einige Informationen gegeben, Antonella gewichtige Pressestimmen aus ihrem Zeitungsarchiv zusammengestellt. Das Material ist wieder einmal brisant. So hat der zuständige Ausschuss des Repräsentantenhauses der USA bereits 1968 allen Geheimdienstorganen der USA empfohlen, bei ihren Aktionen stärker linksextreme Kräfte zu nutzen. Das Pentagon erließ dann im November 1970 ein sogenanntes „Field manuel 30-31“ mit detaillierten Weisungen für „Stabilisierung-aktionen" in Staaten der atlantischen Allianz. Das Dokument mit der kriegsmäßigen Bezeichnung „Feldhandbuch“ enthielt auch Instruktionen zur Einschleusung von Agenten in linksradikale Organisationen.

Die Schlüsselfigur dieser Untergrundarbeit war bis zu seiner Verhaftung 1974 der Staragent Guido Giannettini. Er wurde geopfert, um Schlimmeres für die CIA und den SID zu verhindern.

Giannettini kennt Pallotta bereits von seinen Recherchen zum Attentat auf der Piazza Fontana. Auf einem der ihm schon bekannten Personaggi-Karteiblättchen hat Antonella weitere höchst interessante Fakten über ihn festgehalten: Jahrgang 1930, Journalist, schreibt für MSI-Parteiblatt „Secolo d'Italia", Tageszeitung „Il Tempo", „Rivista Militare" (Hg. Generalstab des Heeres). Experte für Militärfragen, akkreditiert bei diversen Kommandostellen der NATO, regelmäßiger Teilnehmer an Pakt-Tagungen. Vermutlich seit 1960 oder 1961 als Agent für die CIA und den SIFAR, später den SID tätig. Spezialist für Agenteneinschleusung in linksradikale Organisationen. Bei mehreren Operationen persönlich von den Geheimdienstchefs Admiral Henke und General Miceli geführt.

Antonella, die Deutsch spricht, hat einen Artikel des sozialdemokratischen „Vorwärts“ aus Bonn vom Jahre 1974 herausgesucht, in dem Giannettini wie folgt zitiert wurde: „Ich bin Nazifaschist. Männer wie ich arbeiten, um in Italien zu einem Militärputsch oder zum Bürgerkrieg zu kommen."

Aus weiteren Angaben geht hervor, dass Giannettini als Putschspezialist bereits 1961 an der Schule der US-Marines Vorlesungen über „Techniken und Möglichkeiten eines Staatsstreiches in Europa" hielt. 1964 gründete der Agent einen „weltweiten Geheimapparat für revolutionäre Aktionen", der neofaschistische Terroristen instruierte, links getarnte Anschläge durchzuführen. Im Mai 1965 hielt er in Rom auf einer Tagung führender Militärs und Geheimdienstmitarbeiter das Hauptreferat zum Thema „subversiver Kampf gegen die Kommunisten". Den zweiten Vortrag belegte Rauti. Zu den Teilnehmern gehörten der Generalstabschef Aloja, der Kommandeur der Fallschirmjäger, General Nulli, und General De Lorenzo. Anschließend hielt Giannettini dasselbe Referat an der Militärakademie in Modena. Im Auftrag des SID fabrizierte  er zusammen mit Rauti eine Broschüre „Rote Hände über den Streitkräften", die dem Offizierskorps vor Augen führen sollte, dass die Armee „kommunistisch unterwandert" sei und die „rote Machtergreifung" unmittelbar bevorstünde.

Rauti und Giannettini sind keineswegs Einzeltäter aus kleinen Gruppen unverbesserlicher Altfaschisten, als die manche Blätter sie gern hinstellen, sondern Exponenten einer gut organisierten und zahlenmäßig außerordentlich starken neofaschistischen Bewegung.

Antonella hat mit ihrer gewohnten Akribie einige Fakten zu diesem Potenzial zusammengestellt, auf das sich die Spannungsstrategie stützt.

Pallotta kennt sich nicht schlecht aus. Trotzdem ist er wieder einmal entsetzt, feststellen zu müssen, welch neofaschistischer Apparat sich nach 1945 über die Niederlage des Mussolini-Faschismus hinwegretten konnte und über drei Jahrzehnte danach