Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 02/08

Herausgeber: Verein zur Förderung demokratischer Publizistik (e.V.)

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Geschichte
und
Klassenkampf

Historische Lügen
und
revolutionäres Wissen

Mit Beiträgen von
Horst Schneider, Michael Opperskalski und Harpal Brar


Inhalt

Redaktionsnotiz

Imperialismus, das wissen wir, heißt Krieg nach außen und Repression nach innen. Genau das spielt sich gerade vor unseren Augen ab. Eigenartig dabei ist, dass das, was wir so klar sehen, im alltäglichen Bewusstsein von nicht marxistisch gebildeten Menschen kaum vorkommt.

Wir wissen, dass der Kapitalismus die fatale Eigenschaft hat, sein Wesen hinter „dem falschen Schein der Oberfläche“ (Marx) zu verbergen, uns eine schillernde Welt der Warenzirkulation vorzuführen, in der das Glück nur von der Konsumqualität abhängt.

Dieser falsche Schein wird brüchig. Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit, Entwurzelung, Gewalt, Krieg und Tod sind überall spürbar. Der Imperialismus ist auf Lügen angewiesen. (Zur Klärung: der Begriff „Lüge“ wird hier nicht im moralischen Sinne gebraucht, sondern vielmehr als ein Begriff, der verdeutlicht, dass der Imperialismus für sein Überleben Unwahrheit, Umdeutung, Vernebelung und Verteufelung notwendig braucht.)

Drei wesentliche Bereiche lassen sich unterscheiden:

In diesem Heft widmen wir uns diesen historischen Lügen des Imperialismus.

Natürlich kann das im Rahmen unserer Zeitschrift und gemäß unserer Möglichkeiten nur ausschnittsweise und beispielhaft geschehen.

Aber auch exemplarisches lässt sich einiges klären.

Redaktion „offen-siv“, Hannover 

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Statt eines Vorworts

Harpal Brar:
Der Imperialismus muss die Geschichte fälschen
Beispiel Sowjetunion

Einleitung

„Die Bourgeoisie macht alles zu einer Ware, also auch die Geschichtsschreibung. Es gehört zu ihrem Wesen, zu ihren Existenzbedingungen, alle Waren zu verfälschen: sie verfälscht die Geschichtsschreibung. Und diejenige Geschichtsschreibung wird am besten bezahlt, die im Sinn der Bourgeoisie am besten verfälscht ist."[1]

Diese scharfsinnige Beobachtung von Engels sollte nicht vergessen werden bei der Beurteilung der Diskussionen, die zwischen dem proletarischen und dem bürgerlichen Lager hinsichtlich der Interpretation der Gründe und der Ereignisse wüten, die zum zweiten Weltkrieg führten, der Rolle des imperialistischen Lagers auf der einen Seite und der sozialistischen Sowjetunion auf der anderen Seite in diesem Krieg und schließlich die Resultate dieses Krieges. Diese Diskussionen befassen sich nicht nur mit unserer Ansicht der Vergangenheit, obwohl das wichtig ist. Noch wichtiger, sie beabsichtigen, die Zukunft zu beeinflussen und zu gestalten.

Von der imperialistischen herrschenden Klasse kann man kaum erwarten, daß sie anerkennt, daß der moderne Krieg ein Produkt des Imperialismus ist; daß dutzende Millionen Menschen während des Krieges abgeschlachtet worden waren für die Entscheidung, welche der Gruppen der imperialistischen Banditen – anglo-amerikanisch-französische oder deutsch-italienisch-japanische – den größten Anteil an der Ausplünderung der Welt erhalten sollten; daß die Beseitigung der Kriege nur durch die komplette Beseitigung der Teilung der Gesellschaft in Klassen möglich ist; „Man kann dem imperialistischen Krieg und der ihn unvermeidlich erzeugenden imperialistischen Welt nicht anders entrinnen, man kann dieser Hölle nicht anders entrinnen, als durch den bolschewistischen Kampf und durch die bolschewistische Revolution“.[2]

Außerdem machen sich die herrschenden Klassen der imperialistischen „Demokratien“ alle mitschuldig am Wachsen und Erstarken des Faschismus, ein Fakt, den sie aus offenkundigen Gründen nicht zugeben werden. Deshalb muß die herrschende Klasse jedes imperialistischen Staates wohl oder übel die Geschichtsschreibung fälschen, weil die tatsächliche Geschichte die genozidale und mörderische Natur des Imperialismus deutlich zum Vorschein bringt - dieses blutdurstigen Monsters, das solche kolossalen Mengen von Blut vergossen hat, die Menschheit entwürdigt zum Hungertod, Elend und Entartung, und das Schicksal der menschlichen Zivilisation gefährdet.

Der sowjetische Sieg im Zweiten Weltkrieg war eine Katastrophe für den Imperialismus. Während der Erste Weltkrieg die Große Sozialistische Oktoberrevolution in Gang brachte und die mächtige UdSSR entstehen ließ, brachte der Zweite Weltkrieg ein komplettes sozialistisches Lager hervor, welches ein Drittel des Globus und ein Viertel der Weltbevölkerung umfaßte, und welches den Imperialismus in seinen Grundfesten erschütterte. Gerade weil der Krieg selbst ein Produkt des Imperialismus war, führte der Sieg der Sowjetunion in diesem gigantischen Kampf direkt zum System des Sozialismus. Gerade deshalb gab es das unaufhörliche Bemühen der imperialistischen Bourgeoisie, die Geschichte des Zweiten Weltkrieges zu verbiegen und zu fälschen – mit dem einzigen Zweck, die Natur und die Rolle des Imperialismus zu verschleiern und die der Sowjetunion zu verleumden.

Das imperialistische anti-sowjetische Propagandafeuer wuchs in der Folgezeit nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der osteuropäischen Volksdemokratien an. Während der fünfzigste Jahrestag des Sieges über den Faschismus die Gelegenheit für eine bösartige ideologische Kampagne gegen die ehemalige Sowjetunion, ihre Führung und das sozialistische System benutzt wurde, brachte der sechzigste Jahrestag arrogante Forderungen von der imperialistischen Bourgeoisie und ihren hochbezahlten ideologischen Schmierern, daß die heutigen bourgeoisen Führer von Rußland sich nicht nur für die sowjetischen Erfolge bei der Zerschlagung der antisowjetischen Pläne der imperialistischen „Demokratien“ und für ihre Rolle bei der Befreiung der Völker der UdSSR, Ost- und Mitteleuropas vom Joch des Faschismus durch die fast im Alleingang geleistete Zerschlagung der mächtigen faschistischen Kriegsmaschine zu entschuldigen habe, sondern auch für ihre Existenz überhaupt.

Bei seinem Besuch in Georgien am 10. Mai 2005 hatte George W. Bush, der widerlichste Kopf der blutdürstigsten imperialistischen Macht, die gegenwärtig Afghanistan und Irak besetzt, die in Partnerschaft mit dem britischen Imperialismus mehr als 150.000 unschuldige Iraker ermordet hat und Folterkammern in Irak, auf Guantanamo und anderenorts für die brutale Behandlung von irakischen und afghanischen Patrioten errichtet hat, die Kühnheit zu erklären, daß für die „meisten in Ost- und Mitteleuropa der Sieg [im Zweiten Weltkrieg] die eiserne Herrschaft eines anderen Empires brachte. Der Tag der Kapitulation bezeichnet das Ende des Faschismus, aber nicht das Ende der Unterdrückung“.

Die Europäische Kommission, der ausführende Arm der EU, gab am 6. Mai eine Erklärung ab, daß der Fall der Berliner Mauer – nicht die Zerschlagung Hitlerdeutschlands – das „Ende der Diktatur“ in Europa markierte. „Wir erinnern“, sagte die Kommission, „an die vielen Millionen, für welche das Ende des Zweiten Weltkrieges nicht das Ende der Diktatur war, und für welche echte Freiheit erst mit dem Fall der Berliner Mauer kommen sollte.“

Als Ende April 2005 der russische Präsident Wladimir Putin mit überwältigender öffentlicher Zustimmung in der russischen Förderation erklärte, daß der Zerfall der Sowjetunion „die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“ sei, wurde das der Anlaß für wahrhaft reaktionäre Zornesausbrüche seitens der Ideologen des Imperialismus und der konterrevolutionären Strohmannregimes in Polen, Georgien und den baltischen Staaten. Estland und Litauen boykottierten die Feierlichkeiten am 9. Mai in Moskau zu Ehren des 60. Jahrestages des Sieges über den Faschismus, während Lettlands Präsidentin Vaira Vike-Freiberga lediglich teilnahm, um die russische Interpretation der Geschichte zu bezweifeln, indem sie behauptete, daß das Eintreffen der Roten Armee im Jahre 1945 weniger eine Befreiung der baltischen Staaten als der Ersatz einer Okkupation (Nazi) durch eine andere (Sowjet) gewesen sei, was vorgeblich noch schlimmer war. Gemäß der Lesart der halb-faschistischen Regimes der heutigen baltischen Staaten ist die Zerschlagung der Sowjetunion und die resultierende Unabhängigkeit (oder besser, die Rekolonisierung durch die US- und EU-Imperialisten) der ehemaligen Republiken der UdSSR eine Wundertat und keine Katastrophe.

Die Financial Times ging in einer Ausgabe vom 07. Mai 2005 mit einem Lippenbekenntnis zum „größten Opfer bei der Bekämpfung Hitlers ... das von der ehemaligen Sowjetunion bezahlt wurde, welche 27 Millionen Leben verlor – mehr als das Doppelte verglichen mit den Verlusten der westlichen Alliierten und Deutschlands zusammengenommen“ zur äußersten Respekt-losigkeit über, welche allen bekannten Fakten und der historischen Wahrheit ins Gesicht schlägt, daß Rußland „die Rolle der Sowjetunion bei der Kollaboration mit Hitler bei der Okkupation von Osteuropa in den Jahren 1939-40 und bei der Ausübung ihrer Herrschaft in dem Gebiet ab 1945 anerkennen müsse“ und fügte hinzu, daß „die Soldaten der Roten Armee selten als Befreier von denen gesehen werden, die sie zu befreien suchten“. Selbst ein oberflächlicher Blick auf die Berichte dieser Zeit und das Filmmaterial, welches die Rote Armee zeigt, wie sie von einem zum anderen Land, in denen die Menschen durch die Okkupation der Nazis Tortur, Brutalität, Erniedrigung und Hunger gelitten hatten, als Befreier begrüßt wurde, würde alsbald die völlige Unrichtigkeit der Behauptung der Financial Times beweisen.

Der unheilbar reaktionäre Kommentator Martin Wolf wagte in der Financial Times vom 11. Mai 2005, angetrieben zu reißerischer Ekstase durch Putins Bemerkung, die Behauptung, daß „die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts eigentlich nicht die Auflösung der Sowjetunion gewesen sei, sondern deren Gründung“, und er fügte hinzu, daß der „Sowjetische Parteienstaat das organisatorische Modell und die negative Inspiration für Hitlers Nationalsozialismus gewesen“ sei. Wie alle bourgeoisen Scharlatane muß er auch seine Bewunderung für den „Heroismus der Menschen der Sowjetunion“ vortäuschen, welche „dieses widerwärtige [Nazi] Regime zerstörten“, denen „die Menschheit ewig dankbar sein muß“. Das ist jedoch lediglich eine List, ein Vorspiel zu seiner irren Erklärung, daß „der Psychopath, welcher den Sowjetstaat kontrollierte, diesen Krieg weit eher möglich und weitaus kostspieliger machte, als er hätte sein müssen, nicht zuletzt für seine eigenen Leute“.

Der Schreiber des gerade erwähnten Urteils glaubt offensichtlich, daß Behaupten gleich Beweisen ist, weil er nicht einen Fetzen Beweis für diese Anschuldigung liefert. Aber seine wilde Behauptung ist Beweis genug dafür, daß nicht J. W. Stalin der Psychopath ist, auf den sein giftiger Angriff zielte, sondern der Journalist Martin Wolf selbst, der durch sein söldnerisches Bekennertum zur Verteidigung des mörderischen Monopolkapitalismus alle Wesenszüge einer psychopathischen Persönlichkeit erworben hat (wie Horden von anderen seines Berufes, deren Geldbörsen mit Geld aus imperialistischer Kriegsbeute vollgestopft sind und die bezahlt werden, um den Sozialismus zu verleumden und die imperialistische Ausbeutung und das Räuberunwesen in strahlenden und wunderschönen Farben zu schildern). Nur so ist seine weitere Behauptung zu erklären: „Was die von der Roten Armee Befreiten erhielten, war nicht Freiheit, sondern viereinhalb Jahrzehnte Gefangenschaft. Für die Sowjetunion selbst führte das Experiment zum Tod von mehreren 10 Millionen und am Ende zu Armut.“

Nur ein gewinnsüchtiger Schmierfink, dem Ehrlichkeit und Respekt vor den Fakten fehlen, und der all die Armut, Kriminalität, das Sinken der Lebenserwartung und der kulturellen Standards auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR ignoriert, kann Behauptungen wie die eben zitierte aufstellen. Es war nicht die Sowjetunion, sondern ihr Zusammenbruch, der die Not, das Elend und das Unglück zur Folge hatte, welches die Völker der ehemaligen UdSSR heute von allen Seiten einhüllt.

Während er heuchlerisch seine „Bewunderung für die Courage der russischen Menschen“ zum Ausdruck bringt und seinen „Dank für ihre Beiträge zu unserer Kultur“ ausspricht, offenbart Mr. Wolf seine ungetrübte „Freude über den Zusammenbruch des Sowjetregimes“ in der Hoffnung auf „das Entstehen eines modernen, wohlhabenden und demokratischen Rußlands“ – alles Schlüsselworte für die Heiligkeit des Privateigentums, die intensivierte Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und einer Nation durch eine andere – alles im Namen von „Demokratie“, „Freiheit“, „Menschenrechten“ und dergleichen Phrasen.

Mr. Wolf kann nicht einmal den Gedanken ertragen, daß die Völker der ehemaligen Sowjetunion traurig sind über das unheilvolle Verschwinden ihres einst großen und ruhmvollen sozialistischen Staates. Er will solche Empfindungen verbieten, indem er sagt: „Rußland wird nur ein normales Land [das heißt ein bourgeoises Höllenloch] sein, wenn seine Menschen ihre Freiheit eher begrüßen als dem Verschwinden ihrer Staatsmacht nachzutrauern.“

Die Menschen der einstigen Sowjetunion wissen es jedoch besser, weil sie wissen, was sie verloren haben. Deshalb sehen sie ganz selbstverständlich mit Zuneigung und Wehmut zurück auf die Tage der Sowjetunion, welche ihnen Sicherheit des Lebens und wachsende Lebens- und kulturelle Standards garantierte, und welche so überragende Siege auf jedem Gebiet erreichte – ökonomisch, wissenschaftlich, kulturell, diplomatisch und militärisch – unter der Führung der KPdSU, an deren Spitze 30 lange Jahre dieser unerschrockene Revolutionär und Verteidiger des Sozialismus, Josef Stalin, stand.

Das ist es, was die bourgeoisen Ideologen, die dem Antikommunismus erliegen und in ihrer Sichtweise vom Haß auf die proletarische Herrschaft geblendet sind, unmöglich verstehen können. Kein Wunder also, daß der Economist vom 7. Mai schrieb: „Das Überraschende der russischen Sicht auf Stalin ist nicht, daß der skurril exzentrische Stadtrat ein offizielles Angebot gemacht hat, ihn zu rehabilitieren, oder daß einige andere ihm zu Ehren Statuen errichten wollen“, sondern daß ein beträchtlicher Anteil der Einwohner ihn positiv sehen. „Der Respekt für Stalin“, heißt es weiter, „ist am stärksten bei den Alten, den Armen ... sowie bei den verbliebenen Kommunisten, von denen einige an seinen Geburtstag und Todestag noch Blumen an seinem Denkmal niederlegen.“

Es ist diese Erinnerung der russischen Menschen, ihr Verlangen nach dem sowjetischen System und ihre Liebe zu den zwei Giganten, Lenin und Stalin, die die sowjetischen Menschen erfolgreich zu solchen heldenhaften Bemühungen wachriefen, die erklären, warum die Regierung Wladimir Putins gezwungen war, den 60. Jahrestag des sowjetischen Sieges über den Faschismus mit solcher Fanfare zu begehen. Fünfzig Weltführer beobachteten die Parade von 7.000 Soldaten, darunter 2.600 Veteranen, die in 130 umgebauten Kriegslastwagen am Leninmuseum im Kreml vorbeifuhren. Die Hälfte der Soldaten trug Uniformen und Waffen der 1940-er Jahre, Kampflieder singend trugen sie Transparente von Lenin und Stalin und winkten mit der sowjetischen Hammer-und-Sichel-Flagge. Es ist also unter anderem diese Rückbesinnung, die zum Wachsen der kommunistischen Bewegung auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion beiträgt.

Die Niederlage des Sozialismus ist fast ausschließlich auf den Verrat des chrustschowschen Revisionismus zurückzuführen, welcher durch seine Revision und völlige Entstellung des Marxismus auf den Gebieten der Politischen Ökonomie, der Philosophie und des Klassenkampfes in einer Periode von drei Jahrzehnten, beginnend mit dem XX. Parteitag 1956, die Bedingungen für die Restauration des Kapitalismus unter der Führung der Gorbatschow-Clique vorbereitete. Indem sie von dieser Niederlage lernen, kommen die Menschen der früheren sozialistischen Länder wie auch die Menschen andernorts nicht umhin (und haben in der Tat schon damit begonnen), sich neu zu organisieren und für den Sozialismus zu kämpfen.

Ungeachtet all der Rückschläge, die der Sozialismus zweifellos erleiden mußte, wird die Menschheit nicht von den imperialistischen Schlächtern zerbrochen werden, noch wird sie verwirrt und demoralisiert von der Revision, Entstellung und Fälschung der Geschichte, wie das von der imperialistischen Bourgeoisie und ihren Gefolgsmännern versucht wird. Im Gegenteil, sie wird sich als siegreich erweisen. Laßt die Bourgeoisie rasen und toben, laßt ihre ideologischen Müllkutscher die Geschichte fälschen nach ihres Herzens Lust; das Proletariat und die unterdrückten Menschen werden durch diese Fälschungen hindurchsehen und lernen, sie mit der Verachtung zu behandeln, die sie verdienen.

Die Artikel in dieser Broschüre sind ein Teil unseres Beitrages zum Kampf gegen die bürgerlichen Geschichtsfälscher, unseres Kampfes für Wahrheit, unseres Kampfes für die Überwindung des Imperialismus, der „unweigerlich und bald sterben wird, wie ungeheuer bestialisch die Erscheinungsformen der Raserei vor seinem Tode auch sein mögen.“[3]

Harpal Brar, London, Juni 2005. Übersetzung aus dem Englischen: Andrea Vogt

Erinnerungsschlacht

Horst Schneider:
Anmerkungen zur „Erinnerungsschlacht“ in Deutschland 2007

Mit der Entstehung und Entwicklung der beiden deutschen Staaten bildeten sich für die Bürger zwei unterschiedliche, zum Teil sich ausschließende Geschichtsbilder heraus.

Wenige Beispiele machen das jedem sichtbar: die unterschiedliche Bewertung des Tages der Befreiung 1945, das Urteil über den 17. Juni 1953, der in der BRD bis 1990 sogar als staatlicher Feiertag begangen wurde, der Bau der „Mauer“ 1961, die in der DDR offiziell und mit einigem Recht „ antifaschistischer Schutzwall“ genannt wurde.

Hier werden nicht die Ursachen, die Funktion und die Wirkung unterschiedlicher Geschichtsbilder untersucht, sondern hier wird von deren Existenz ausgegangen. (1)

In der DDR wurde der Antifaschismus („verordnete“?) Staatsdoktrin, in der BRD wirkte der Antikommunismus, z.T. als Antitotalitarismus vernebelt, als ideologische Doktrin fort. (2)

Mit dem Anschluss der DDR an die BRD waren radikale Folgen auch für die Geschichtsschreibung der DDR verbunden. Historiker wurden massenhaft abgewickelt, renommierte Institute geschlossen, bundesdeutsche Historiker okkupierten die Kommandohöhen der Geschichtsschreibung. Ein bestimmter Typ von Historikern feierte das noch als Sieg, ohne zu fragen, was dieser Sieg kostet. (3)

Die Totalitarismus – Doktrin und der antitotalitäre Konsens wurden schon im Oktober 1990 durch Innenminister Schäuble staatlich dekretiert, der Antifaschismus geächtet.(4)

Die „Erinnerungsschlacht“, vor allem um das DDR-Bild, begann, sie hat sich seitdem ständig verschärft und auch das Fernsehen immer stärker einbezogen.

Aktivitäten im Jahre 2007

Im vergangenen Jahr 2007 vollzogen sich beachtenswerte und alarmierende Entwicklungen auch auf dem Gebiet der Erinnerungspolitik, die im Zusamenhang zur Gesamtpolitik stehen. Richard Schroeder fragte Anfang 2007 „Brauchen wir ein nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal?“(6) Aus ungezählten Mündern erscholl die Antwort: Wir brauchen nicht nur eins, sondern viele, und möglichst in jedem Ort.

Erika Steinbach werkelte fleißig weiter an ihrer Idee zu einem „Vertreibungs“-Denkmal, ungeachtet des Porzellans, das sie auf dem Parkett der internationalen Beziehungen zerschlägt.

Zwar fragte der Nestor der juristischen Abrechnung mit der DDR, Karl Wilhelm Fricke, in einer Rezension scheinbar sorgenvoll „Aufarbeitung gescheitert? “(7), aber in der gleichen Zeitschrift wurde er postwendend beruhigt: „Von Schlussstrich keine Spur“.(8) Und die Frickes und Wilkes wissen natürlich, was gespielt wird.

Anfang Juli 2007 veröffentlichte der Beauftragte der Bundesregierung für Gedenkstättenpolitik, Staatssekretär Naumann, eine „Fortschreibung“ des Gedenkstättengesetzes von 1999. Am 7. November beriet der Kulturausschuss des Bundestages darüber mit Geschichtsexperten (Sabrow, Henke, Wilke u.a.).

Am 1. Oktober 2007 fabulierte Pfarrer Rainer Eppelmann in der Berliner Nikolaikirche über seine Vorstellungen zum „Freiheits- und Einheitsdenkmal“, am 3. Oktober hielt sein Amtskollege Joachim Gauck die Festrede im Dresdner Landtag und forderte abermals eine verstärkte Diffamierung der DDR-Geschichte, insbesondere ihres Alltags. (9)

Jede dieser Reden bedürfte einer Analyse und die Antwort auf die Frage, warum gerade Pfarrer in der „Erinnerungsschlacht“ um die Deutung der DDR-Geschichte zu Schlachtenlenkern avancieren wollen. Immerhin erinnern wir uns, dass Bundeskanzler Helmut Kohl als „Kanzler der Einheit“ am 3. Juli 2003 im Dresdner Landtag anlässlich des zehnten Jahrestages der Gründung des Hannah-Arendt-Instituts die Totalitarismusforscher verpflichtet hat, neben dem 17. Juni 1953 sich der „Revolution“ von 1989 anzunehmen, was natürlich inzwischen geschehen ist.(10)

Angesichts der Hektik des Geschehens sollten wir zunächst prüfen, was Denkmäler im „Normalfall“ bezwecken sollen. Ihnen wurde die Aufgabe zugewiesen, an wichtige Ereignisse und/oder Personen zu erinnern und Identifikationen heute Lebender mit ihnen zu ermöglichen. Die Art der Denkmäler hängt natürlich von der jeweiligen Gesellschaftsordnung ab. Prüfen wir zwei Extreme. Die Flut der Bismarck-Denkmäler nach 1871 im Ergebnis der durch eine mit „Blut und Eisen“ hergestellte deutschen Einheit und das Buchenwald-Denkmal in der DDR, das symbolisch für den Antifaschismus in der DDR stand, symbolisieren die jeweilige Politik. Woran soll das „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ erinnern? Welche Tradition soll entstehen? Womit sollen sich Deutsche in Ost und West identifizieren? Besonders klar antwortete Dorothea Wilms, Ministerin a.D., in ihrer Rede am 17. Juni(!) 2007 in der Berliner Nikolaikirche: „Der Ruf der Menschen in der DDR in ihren großen friedlichen Demonstrationen lautete bekanntlich: `Wir sind das Volk`- das war der Ruf nach Freiheit, `Wir sind ein Volk`- das war der Ruf nach Einheit.“ Es gibt also durchaus eine direkte Traditionslinie hin zu 1832 und 1848.“(11) Dorothea Wilms verbiegt hier historische Fakten, dass sich die Balken biegen. Die Demonstranten 1989 waren nicht das „Volk“, sondern eine Minderheit, wie sogar Joachim Gauck gleich am Anfang seiner Rede in Dresden am 3. Oktober 2007 hervorgehoben und begründet hat. Derjenige, der die Losungen produziert hat, die über die (vor allem West-)Medien verbreitet wurden, ist bisher noch nicht auf den Heldenthron gesetzt worden.

Wer die Reden vom Herbst 1989 liest, z.B. die 26 Reden vom 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz (von der SED sprachen Markus Wolf und Günter Schabowski), weiß, dass keiner der Redner die Beseitigung der DDR gefordert hat. Und das, was die „Hambacher“ 1832 und die„48er“ gefordert haben (warum lässt Wilms die November-Revolution von 1918 aus?) ist 1990 keineswegs verwirklicht worden.

Deutschland hat nicht einmal eine vom Volk erörterte und bestätigte Verfassung (wohl aber die volksfeindliche EU-Bürokratie). Deutschland führt wieder Aggressionskriege und bereitet ein Denkmal für deren „Opfer“ bei der Bundeswehr vor.

Parallel zum Streit um die Notwendigkeit und Funktion eines Denkmals für „Freiheit und Einheit“ läuft eine theoretische Auseinandersetzung um das Wesen der Veränderungen 1989. 

Es geht nicht nur um den Begriff

Zur Debatte stehen bei Totalitarismusforschern vor allem zwei Varianten, die Begriffe „Wende“ und „friedliche Revolution“. Am Streit im „Deutschland Archiv“ 5/2007 und 6/2007 beteiligten sich u.a. Michael Richter vom Hannah-Arendt-Institut, Klaus Schroeder aus Berlin, Jochen Staadt und der Leipziger Rainer Eckert. Tonangebend ist bei diesem Thema seit Jahren Michael Richter. Rainer Eckert aus Leipzig lehnt den Begriff „Wende“ als „dreist und falsch“ deshalb ab, weil dieser Begriff aus dem Segelsport stamme und von Egon Krenz verwendet worden war. Von Helmut Kohl sei er schon 1983 benutzt worden.(12)

Wenn das ein Argument ist, wird Rainer Eckert bald Mühe haben, sich zu äußern. Er müsste prüfen: Welchen (politischen) Begriff haben Kohl und Krenz schon benutzt?

Michael Richters Vorschlägen kommt besondere Bedeutung zu, denn er hat das Hannah-Arendt-Institut in seinem Rücken und in früheren Arbeiten Arnold Vaatz zum Helden der sächsischen Revolution ernannt.(13)

Das Ergebnis des Streits um den Begriff dürfte feststehen: friedliche Revolution (parallel zu den „sanften“, „samtenen“, „orangenen“ und anderen blumigen „Revolutionen“ in Osteuropa) entspricht den politischen Bedürfnissen der politischen Klasse am besten. Nicht zufällig hat Steffen Heitmann als Justizminister schon 1994 im Zentralorgan der Großbourgeoisie ganzseitig gewettert: „Die Revolution verkommt zur `Wende`.“(14)

Es reizt, seine damalige Argumentation zu prüfen.(15) Manches ist hochaktuell. z.B., dass Heitmann das Glück und die Leistung derer würdigte, „die mit Kerzen und Gesängen eine Diktatur wegfegten.“ Wo in der Geschichte gab es solch eine „Revolution“? Ob sich im Herbst 2009 Ähnliches - auf Kommando - wiederholt? Erich Kästner würde wohl urteilen: Nie dürft ihr soweit sinken, den Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.

Kehren wir zur Debatte um Definitionen zurück. Michael Richter urteilt abschließend: „Ich selbst meine, dass die von mir vorgetragenen Zitate Anlass sind, den Begriff `Wende` neu zu bewerten. Auch ich habe mich ja bisher geweigert, die friedliche Revolution als `Wende` zu bezeichnen. Aber die Fakten zeigen ein anderes, differenzierteres Bild: `Wende` war zuerst ein Kampfbegriff der SED-Führung, wurde aber dann von der revoltierenden Bevölkerung erobert und aus der ideologischen Knechtschaft befreit. Deswegen finde ich es völlig legitim, `Wende` in der Alltagskommunikation synonym mit `Revolution` für den ostdeutschen Transformationsprozess 1989/90 zu verwenden. (16)

Darauf muss einer kommen: Der Begriff „Wende“ wurde „von der revoltierenden Bevölkerung (nicht dem revolutionären Volk, H.S.) erobert und aus der ideologischen Knechtschaft befreit“. Aber Richter bestreitet nicht, dass es sich 1989/90 um einen „Transformationsprozess“ gehandelt habe. Ein Historiker könnte fragen: Was wurde denn wohin transformiert? Die Eigentumsverhältnisse, die Machtverhältnisse, der Sozialaufbau, die Kultur und Bildung usw.? Jemand, der sehen und hören kann, wird kaum bestreiten, dass ein Anschluss der DDR an den Kapitalismus stattgefunden hat.(17)

Wie könnte das in einem Begriff gefasst werden, wenn nicht in den Begriff Konterrevolution? Dass auch „Volk“, sogar die „Vorhut“ in der Person von „Reformern“ unter den SED-Mitgliedern, als Demonstranten mitwirkten, steht dem nicht entgegen.

Erstens wurden viele Aktionen der DDR-Feinde „unter falscher Flagge“ gestartet („Reform“ der DDR, „Schwerter zu Pflugscharen“ usw.), Bürger wurden also getäuscht, und viele ließen sich täuschen. Zweitens änderte eine faschistische Armee auch dann nicht ihren Charakter, wenn biedere Bürger mitmarschierten. Hatten frühere Konterrevolutionen nur „Generale“?

Wenn Dorothea Wilms fragte: „Was soll ein Freiheits- und Einheitsdenkmal versinnbildlichen?“, wäre manche Antwort möglich: den Verlust der friedlichen Außenpolitik der DDR, die Abschaffung des Rechts auf Arbeit für alle, den Austausch der Krauses mit den Krupps als Besitzer der Produktionsmittel. Die Reihe negativer „Transformationen“ ist lang, und die Wirkungen sind für viele fürchterlich. Denkmale werden das nicht ändern. Aber sie können Nachdenken fördern oder verhindern, z.B. darüber, ob das aus heutiger Sicht scheinbar Unvermeidliche („Es gab keine Alternative“) das war, was Konterrevolutionäre in– und außerhalb der DDR gewollt und geplant haben oder das, was Demonstranten gefordert hatten. Auch darüber, warum das ansonsten aufmüpfige Volk zum Helden ernannt werden soll, für das sogar schon ein Denkmal für gefallene Helden der Bundeswehr in Aussicht steht, müsste stutzig machen.

1989/90 gab es keine Toten, und das schreiben Heitmann, Eppelmann und Co. ihrer mutigen Politik zu. Eppelmann großmäulig: „Ohne einen einzigen Schuss hatten wir (!)… die Allmacht des Regimes in einer friedlichen Revolution hinweggefegt.“(18) Einige „Revolutionäre“ hätten sich „Opfer“ (Märtyrer) gewünscht. Hatten Eppelmann, Gauck und ihresgleichen zu entscheiden, ob geschossen wird?

Steffen Heitmann erklärte: „Die entscheidende Frage im Herbst 1989 war, ob und wie lange sich das Regime mit gewaltsamen Methoden zurückhalten würde.“ Die Sowjetarmee habe sich schließlich nicht aus den Kasernen „getraut“.(19) „Revolutionäre“ wie Pfarrer Heitmann scheinen zu glauben, sie hätten die Sowjetarmee besiegt und garantiert, dass diese „Revolution“ unblutig verlief. Sie scheinen vorher gewusst zu haben, wie sich der Kreml und die DDR-Führung entscheiden. Bescheidenheit oder gar christliche Demut scheint nicht ihre Stärke zu sein. Niemand von den Eppler und Co. - im Unterschied zu Peter Michael Diestel als Innenminister der DDR 1990 - hat sich über deren tatsächlichen Opfer der „Revolution“ geäußert.(20)

Ziehen wir einen ersten Schluss: Die Ankündigung des Denkmals für Freiheit und Einheit löst einen Streit aus, der niemand unberührt lassen wird und darf, denn es geht nicht nur um das Verständnis dafür, was 1989 geschehen ist, nicht nur um das Bild der Sieger, die nun auch als Helden auf den Sockel gehoben werden wollen, es geht in erster Linie um den Weg in die friedliche Zukunft, den die „Revolutionäre“ ein für allemal versperren wollen.

Für Allida Assmann steht die Frage im Mittelpunkt, „ob mit den jüngsten Plänen von Museumsgründungen in Deutschland auch ein neues Geschichtsbild verbreitet werden soll.“(21) Tatsächlich zieht die Verfasserin den Schluss, „historische Ausstellungen dienen dem Staat zum Aufbau, zur Vorbereitung und Konservierung bestimmter nationaler Geschichtsbilder…“(22) Zu fragen ist also: Wie soll das „ nationale“ Geschichtsbild des (welchen?) Staates aussehen? Wer diktiert es? Weiß es Marianne Birthler?

Streit um die Zukunft der Birthler-Behörde

Der Streit um die „Fortschreibung“ des Gedenkstättengesetzes wurde im Verlaufe des Jahres 2007 von einigen Auseinandersetzungen begleitet, die einer besonderen Beachtung bedürfen. Dazu gehören das Gefecht um das Schicksal der Birthler-Behörde und die Diskussion um den theoretischen Nutzen der Verwendung der Totalitarismus-Doktrin: „Im Kontext der Berliner Aufarbeitungslandschaft wurde schließlich auch über die Zukunft der Birthler-Behörde diskutiert. Zu diesem Punkt divergierten die Meinungen der Experten am deutlichsten.“(23) Wie konnte es dazu kommen, dass die Birthler-Behörde, die jahrelang staatlich genehmigte Narrenfreiheit gehabt hatte, nun ins Visier öffentlicher Kritik geriet?

Aus unterschiedlicher Sicht haben sich im Deutschland-Archiv namhafte Autoren - Michael Kubina, Manfred Wilke und Roger Engelmann - geäußert.(24) Aus deren „Anatomie der Kampagne“ ergibt sich, dass einige Fakten - vor allem das Arbeitsverhältnis früherer Mitarbeiter des MfS in der Birthler-Behörde - von einigen Journalisten der „Welt“ und der „Zeit“ missbraucht worden seien, um Marianne Birthler und ihre Behörde zu diskreditieren und zu demontieren. Öffentliche Kritik hat es auch an der Monopolstellung der „Behörde“ bei der Verwendung (dem Missbrauch) von „Akten“ gegeben. Die „Akten“ sollten wie andere nach geltenden Gesetzen behandelt werden und öffentlich allgemein zugänglich sein.

Roger Engelmann, der selbst Mitarbeiter der „Behörde“ ist, attackierte die Kritiker mit Namen und Adresse, behauptete aber zugleich, nichts gegen Kritik zu haben. Aber die Kritik an seinem Brötchengeber sei „instrumentell und damit beliebig und unfruchtbar“.

Wenn Birthler und ihre Mitarbeiter selbst entscheiden, was beliebig und unfruchtbar ist, besteht für die Mitarbeiter dieser Behörde kein Anlass für Existenzangst.

Die Totalitarismus-Formel: Wissenschaft oder Doktrin?

Wichtiger sind die Widersprüche und Probleme, die in den letzten Monaten beim Streit um die Frage sichtbar geworden sind, welchen Erfolg/Nutzen oder Misserfolg/Schaden die Totalitarismus–Doktrin bringt. Weitgehend unbestritten ist, dass rechtslastige Publizisten, konservative Politiker und Historiker vom Schlage Arnulf Baring und Hubertus Knabe für jene Gruppierung stehen, die die Totalitarismus–Doktrin seit 1990 zum roten Faden der Interpretation der jüngsten deutschen Geschichte machen. Dabei stehen sowohl sie in der Tradition des Konservatismus faschistischer Prägung als auch in der geistigen Nähe der Neofaschisten von heute. Ludwig Elms Analyse bietet erschreckendes Material. (26)

Die Totalitarismus–Doktrin ist in den letzten 15 Jahren mit den Mitteln staatlicher Macht in Schulen, Medien, Filmen, der historischen Literatur und über den Weg der zwei Enquete–Kommissionen Pfarrer Eppelmanns, die „ Behörde“ Gauck–Birthlers und solche Institutionen wie das Hannah–Arendt-Institut in Dresden durchgesetzt worden. (27)

Die Doktrin unterstellt in der Regel die Wesensgleichheit von Nazi–Diktatur und DDR, und das schien den Verfechtern lange Zeit leichte Siege zu bescheren: Die Freiheit musste (Mit Nato und Atomwaffen) gegen die „ totalitäre Diktatur“ verteidigt werden. 1989/90 sei an die Stelle des „SED–Unrechtsstaats“ die freiheitliche Demokratie getreten. Die Stereotype lassen sich lange fortsetzen.

Nach 1990 trat Erstaunliches ein. Obwohl die DDR nach Ansicht der Sieger unwiderruflich mausetot ist, wird der Kampf gegen sie erbarmungslos fortgesetzt. Totalitarismusforscher interessiert vor allem eine Frage: Ist das sozialistische „Experiment“ unwiderruflich gescheitert, oder besteht - für wen? - die „Gefahr“ der Wiederholung? Das ist auch die Gretchenfrage für die Wertung des Geschichtsbildes verschiedener Kräfte über die DDR.

Die politische Frage nach der Zukunft bestimmt die Fragen nach der Vergangenheit.

Selbst die Forderung nach Mindestlohn kann da für Westerwelle ein „schleichender Prozess für die DDRisierung“, ein Bettler auf dem Dresdner Weihnachtsmarkt 2007 für den Chefredakteur der Sächsischen Zeitung ein Argument gegen die DDR sein.

Die DDR gibt es nicht mehr, aber manche machen sie für nahezu jeden Mangel verantwortlich. Eine solche Methode, die DDR pauschal zu verdammen, stößt auch bei einigen Totalitarismusforschern auf Kritik. Klaus–Dieter Henke, vormaliger Direktor des Hannah–Arendt–Instituts in Dresden, hat seine Bedenken im Kulturausschuss des Bundestages am 7. November 2007 vorgetragen und im Deutschland-Archiv abdrucken lassen.(28) Henke betrachtet als „Kardinalfrage“ die historisch–politische Einordnung der nationalsozialistischen und kommunistischen Diktatur und deren jeweiligen „Stellenwert“ in unserer (wessen?) Erinnerungskultur. Zwei seiner Erkenntnisse hebe ich hervor: „Realhistorisch“ sei es verfehlt, „beide Diktaturen in dieselbe Schublade des Totalitarismus zu stecken.“ „Aus einsichtigen Gründen ist es jedoch nicht die Aufgabe deutscher Gedenkstättenarbeit, sich stellvertretend für andere umfassend mit der stalinistischen Vergangenheit der einstigen Sowjetunion auseinander zu setzen.“

Henke weiß, wovon er spricht, denn er hat in seinen beiden Dissertationen, die gedruckt sind, die Besatzungspolitik der USA und Frankreichs untersucht.

Für die Praxis der Gedenkstättenarbeit könnte das bedeuten, dass auf den „Diktaturenvergleich“(29) wie am Münchner Platz in Dresden, der sich als undurchführbar erweist, verzichtet wird.

Henke warnte auch vor dem „Alarmismus“ in der Erinnerungspolitik, weil die „Unglaubwürdigkeit der Auseinandersetzung mit dem SED–Regime“ mehr schade als nutze. Der „Alarmismus“ erreiche nur einige „ Bürgerrechtler.“

Auch Martin Sabrow, der Vorsitzende der von Naumann eingesetzten Kommission, kritisiert die Anwendung der Totalitarismus–Doktrin. (30) Er hält Begriffe wie „die beiden totalitären Diktaturen“, „Geschichtsverbund SED–Unrecht“ und ähnliche für wissenschaftlich unhaltbar und verallgemeinert: „Eine Reduzierung der DDR–Diktatur auf den Begriff `SED–Unrecht` beraubt die Aufarbeitung der wissenschaftlichen Seriosität und fördert die geschichts–politische Spaltung der Gesellschaft in unterschiedliche Erinnerungslager. Sie tradiert kommenden Generationen ein naives Schwarz–Weiß–Bild diktatorischer Herrschaft.“ Sabrow diagnostizierte die Gefahr einer „Spaltung in eine antitotalitäre Offizialkultur und eine mehr oder minder ostalgische Privatkultur.“

Auch Gerhard Besier, als Nachfolger Henkes Direktor des Hannah–Arendt–Instituts, hatte in der „Welt“ vom 19. Dezember 2006 begründet: „Die Totalitarismustheorie ist gescheitert.“ Er hatte sich dabei auf das Vermächtnis Hannah Arendts berufen.

Zu prüfen wäre, warum einige Totalitarismusforscher zu einer differenzierteren Sicht auf die DDR gelangen und sogar Korrekturen in der Erinnerungspolitik anmahnen. Hauptgrund dürfte sein, dass die Verteufelung der DDR bei einem Vergleich mit der BRD zum Bumerang wird. Einer der Forscher fragte: „Wie frustiert sind die Deutschen?“(31) Eine der Antworten lautet: Lediglich 34% der Ostdeutschen sind mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. Andere Ergebnisse sind für die Herrschenden ähnlich erschreckend. Da ist guter Rat teuer.

„Geschichtsbegradigung“?

Im Heerlager bürgerlicher Ideologen nimmt die Aufregung angesichts der verheerenden Folgen der „Wiedervereinigung“ zu. Der Vorschläge gibt es viele. Klaus Schröder und Jochen Staadt schlagen eine „Geschichtsbegradigung“ vor.(32 ) Sie soll die Ergebnisse der DDRologie aus der Zeit vor 1989 einschließen. Der Begriff erinnert an die „Frontbegradigungen“ beim Rückzug der faschistischen Truppen, die die endgültige Niederlage des Faschismus verzögern sollten, aber das Kriegsleiden verlängerten. Schröder und Staadt „übersehen“, dass Geschichte immer Vergangenes ist, also nicht verändert werden kann. Veränderlich ist das Geschichtsbild, und eben um das Bild der DDR geht es im Streit. Wer will warum welche Veränderungen? heißt die Frage.

Die „Sieger der Geschichte“ diktieren die Fragen, vor allem: Wie ist eine neue DDR zu verhindern? Das verlangt zwangsläufig, ein DDR–Bild zu malen, das Angst und Schrecken auslöst. Es könnte mit der Formel benannt werden: Nie mehr totalitäre Diktatur! Alle Deutschen vereint im „ antitotalitären Konsens!“ Unter dieses Dach lassen sich auch Linke wie Petra Pau bringen, die sich öffentlich in der Sendung der Anne Will der DDR–Vergangenheit schämen. Die zitierten Formeln erlauben auch, den kommunistischen Widerstand gegen die Hitlerbarbarei mit der Behauptung zu diffamieren,er habe nur eine Diktatur durch die andere ersetzen wollen.

Im Hinblick auf die mögliche Wirkung des „Diktaturenvergleichs“ wird oft, auch von Klaus–Dietmar Henke in dem zitierten Beitrag, die „Faulenbachsche Formel“(33) zitiert, wonach weder die „nationalsozialistischen Verbrechen relativiert, noch das von der SED–Diktatur verübte Unrecht bagatellisiert“ werden sollten. Das klingt schön, führt aber in die Irre. Der Vergleich von „Verbrechen“ und „Unrecht“ ist eine sprachliche Nuance, de facto ein Synonym, also eine Gleichsetzung. Auch „relativieren“ und „bagatellisieren“ ist kein Gegensatz, schließen einander nicht aus. Entscheidend ist: Faulenbach und seine Nachbeter sprechen einen (frommen?) Wunsch aus, der aber in der Praxis der Verfechter des „Diktaturenvergleichs“ kaum Beachtung findet: „Entscheidend ist, was hinten heraus kommt“. (Helmut Kohl)

Seit einiger Zeit fordert Joachim Gauck die Hinwendung zum DDR-Alltag, und „Der Spiegel“ stellte ihm im Sommer 2006 Platz zur Begründung seiner Forderung zur Verfügung.(34) Gauck erfand auch gleich seine eigenen Figuren, gegen die er polemisierte.

Zu prüfen ist, ob die Hinwendung mancher DDRologen zur „Alltagsgeschichte“ der DDR auch zur „Geschichtsbegradigung“ gehört, oder ob sie auf eine wirksamere Strategie bei der Manipulation der Zuschauer, Hörer und Leser abzielt. Wenn wir Gaucks Rede im sächsischen Landtag vom 3. Oktober 2007 berücksichtigen, darf der Schluss erlaubt sein, dass es sich um eine Strategie der langfristigen und planvollen Manipulation von Millionen Bürgern handelt. Auch die Filme, in denen Ulrich Mühe und Monika Ferres den DDR–Alltag mit Geschick und Erfolg (für wen?) verteufelten, erhalten dann einen „Sinn“. Die Tatsache, dass Gauck nach seinen eigenen Angaben das Kommando gab und als einziger auch im Dokument Naumanns zitiert wird (35), zwingt manchen Leser, über die Rolle bestimmter Pfarrer nicht nur 1989/90, sondern auch bei der „Geschichtsbewältigung“ nachzudenken.

Es fällt auf: Nicht westdeutsche Historiker, sondern DDR-Pfarrer besetzten die Kommandohöhen der Geschichtsschreibung. Rainer Eppelmann leitete die beiden Enquete–Kommissionen des Bundestages, die mit riesigem personellem und finanziellem Aufwand ein verbindliches Geschichtsbild erarbeiteten. Eppelmann war mit Neubert Autor im „Schwarz -buch des Kommunismus.“ Joachim Gauck war der monopolistische „Verwalter“ der „Akten“, deren Missbrauch zur schärfsten Waffe in der Geschichtsauseinandersetzung wurden. Heitmann, Eggert, Schorlemmer (der auch ein Tribunal forderte und sich 2007 im ND korrigierte) und andere drapierten sich als Zeitzeugen und unfehlbare Historiker, agierten aber als Ankläger und Richter, vor denen es keine Gnade gab (und bei manchen gibt).

Moderne Inquisition? Wie erklärt sich dieses Novum? Könnte es sein, dass bundesdeutsche Ideologen diese „Drecksarbeit“ nicht leisten wollten? Könnte es sein, dass es sich um ein Wechselspiel hinter den Kulissen zwischen Politikern in Bonn/Berlin und Pfarrern handelt?

Warum kommen den Eppelmännern die Worte Friede, Versöhnung, Gnade nicht mehr über die Lippen? Warum lassen sie sich in nahezu jedem Streit instrumentalisieren?

Wie die Vorgänge um die Würdigung der „Opfer des Stalinismus“ an der Gedenkstätte Friedrichsfelde zeigen, hat der Streit um die Erinnerungskultur nicht nur akademischen Charakter, sondern berührt und entscheidet politische Grundfragen.

Die „Erinnerungsschlacht“ beeinflusst auch den Kampf um Frieden und sozialen Fortschritt. Die Linken sollten das bei ihren Entscheidungen gut bedenken und eine eigene Strategie entwickeln, die prinzipienfest marxistische Erkenntnisse verteidigt.

Horst Schneider, Dresden

Anmerkungen:

  1. Christoph Kleßmann: Doppelte Staatsgründung, Schriftenreihe für politische Bildung Band 298, 5. Auflage Bonn 1991
  2. Gerhard Lozek (Hrsg.): Unbewältigte Vergangenheit, Berlin 1977
  3. Iko – Sascha Kowalczuk: Legitimation eines neuen Staates. Parteiarbeit an der ideologischen Front. Geschichtswissenschaft in der SBZ/ DDR 1945 bis 1961, Berlin 1997 S. 342 f.
  4. Bedeutung und Funktion des Antifaschismus. Texte zur inneren Sicherheit, mit einem Vorwort von Wolfgang Schäuble, Bonn Oktober 1990
  5. Horst Schneider: „Erinnerungsschlacht“ ohne Ende, Berlin 2005
  6. Deutschland Archiv 4/2007 S. 617f.
  7. Deutschland Archiv 4/2007 S. 617f.
  8. Michel Kubiza und Manfred Wilke, Deutschland Archiv 5/2007 S.776 f.
  9. Festakt zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2007. Veranstaltungen des sächsischen Landtags, Heft 39
  10. Horst Schneider:Das Hannah-Arendt-Institut im Widerstreit politischer Interessen, Berlin 2004, S.71
  11. Deutschland Archiv 5/2007 S.871
  12. Rainer Eckert: Gegen die Wende – Demagogie - für den Revolutionsbegriff, Deutschland Archiv 6/2007 S.1084f.
  13. Michael Richter: Die Bildung des Freistaates Sachsen. Friedliche Revolution, Föderalisierung, deutsche Einheit 1989/90, Köln/Weimar 2003
  14. Frankfurter Allgemeine Zeitung 2. September 1994
  15. Horst Schneider: Steffen Heitmann. Über Recht und Gerechtigkeit, Eigentum, Geschichte und Revolution, Selbstverlag Dresden 1997, S.7 f.
  16. Michael Richter im Deutschland Archiv 6/2007 S.1087
  17. Horst Schneider: Hysterische Historiker. Vom Sinn und Unsinn eines verordneten Geschichtsbildes, Böklund 2007
  18. Rainer Eppelmann: Wo und wie können das Anliegen… Deutschland Archiv 6/2007, S.1080
  19. Horst Schneider: Steffen Heitmann a.a. O. S.8f.
  20. Im Icarus 4/2006 erhalten sie Namen und Gesicht
  21. Aus Politik und Zeitgeschichte 49/2007, 3. Dezember 2007 S.15
  22. Ebenda S.19
  23. Marc-Dietrich Ohse: Aufarbeitung und Gedenken, Deutschland Archiv 6/2007 S.966
  24. Manfred Kubina/Manfred Wilke: Von Schlussstrich keine Spur, Deutschland Archiv 5/2007; Roger Engelmann: Die herbeigeschriebene „Legitimationskrise“, Deutschland Archiv 6/2007
  25. Deutschland Archiv 6/ 2007 S. 1078
  26. Ludwig Elm: Der deutsche Konservatismus nach Auschwitz, Köln 2007
  27. Horst Schneider: Hysterische Historiker. Vom Sinn und Unsinn eines verordneten Geschichtsbildes, Böklund 2007
  28. Klaus – Dietmar Henke. Grundsätzliche Bemerkungen zum Gedenken an deutsche Diktaturen, Deutschland Archiv 6/ 2007 S. 1050 f.
  29. Norbert Haase, Bert Pampel (Hrsg.): Doppelte Last. Doppelte Vergangenheit, Frankfurt a.M. Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1998
  30. Erklärung Sabrows vom 7. November 2007 S.4
  31. Markus Linden in Deutschland Archiv 6/ 2007 S. 977 f.
  32. Deutschland Archiv 5/ 2007
  33. Bernd Faulenbach ist Vorsitzender der Historikerkommission der SPD und hat intensiv am Streit um die Gedenkstättenpolitik teilgenommen.
  34. Joachim Gauck: Wir brauchen eine zweite Phase der Aufarbeitung, Der Spiegel 25/ 2006 S. 38 f.
  35. Gauck wird wie folgt zitiert: „Darstellungswürdig sind nicht die `Bindungskräfte` der DDR, sondern das `Angst–Anpassungssyndrom` des Alltags.“

Wer schreibt die Geschichte?

Harpal Brar:
Der Sieg über den Faschismus - das größte Problem für die bürgerlichen Geschichtsfälscher

Der Zweite Weltkrieg, wie auch der Erste, war das Produkt der Zunahme der inner-imperialistischen Widersprüche. Er begann als ein Krieg um die Neuaufteilung und Vorherrschaft in der Welt. Der Zusammenbruch von 1929 und die Wirtschaftskrise, die folgte, machten einen inner-imperialistischen Krieg zur Gewißheit. Zur gleichen Zeit waren alle imperialistischen Länder vereint im Haß auf die Sowjetunion und suchten nach einer Möglichkeit, sie zu vernichten. In dieser komplizierten Situation stellte die Sowjetunion durch den Ausbau ihrer ökonomischen und militärischen Stärke sowie durch einige sehr geschickte diplomatische Feinarbeit sicher, daß der folgende Krieg, anstatt einem Krieg der vereinten Kräfte des Imperialismus gegen die Sowjetunion zu einem Krieg zwischen zwei Gruppen von imperialistischen Blutsaugern wurde. Erst nach der Nazi-Invasion in der SU im Juni 1941 nahm der Krieg einen antifaschistischen Charakter an. Und dann, wie dieser Bericht klar demonstriert, war es die Sowjetunion allein (mit der Unterstützung und Sympathie von Hunderten Millionen von Menschen auf der ganzen Welt, eingeschlossen die Völker der imperialistischen Länder), die gegen den Faschismus kämpfte, während ihre Alliierten, Großbritannien und die USA, ganz und gar entschlossen waren, ihre jeweiligen imperialistischen Interessen zu verteidigen und bereit waren, sich mit Nazideutschland zu arrangieren. Nur der Vormarsch der Roten Armee vereitelte ihre Pläne.

Der 8. Mai 2005 ist der 60. Jahrestag des Sieges über den deutschen Hitlerfaschismus, der in Westeuropa allgemein bekannt ist als VE Day (Victory in Europe / Sieg in Europa). Er ist in der Tat ein Fest für die progressive Menschheit, welches begangen werden kann, weil Dutzende Millionen Menschen aus der ganzen Welt diesen Sieg mit ihrem Leben bezahlten.

Während Menschen überall gegen Hitlers faschistisches Deutschland kämpften, Opfer brachten und zum Endsieg beitrugen, wurde der herausragendste Beitrag ohne Zweifel von den Völkern der UdSSR unter dem siegreichen Banner des Marxismus-Leninismus und der Führung der Bolschewistischen Partei geleistet, geführt vom legendären Josef Stalin, der alle imperialistischen Komplotts und Verschwörungen gegen die Sowjetunion zerschmetterte, die sowjetischen Menschen – und auch die Menschen der Welt – im erfolgreichen Kampf gegen die Hitlerseuche führte. Bei der Befreiung der Menschheit von der Plage des Faschismus und im Interesse des Sozialismus und der demokratischen Freiheit verloren die sowjetischen Menschen nicht weniger als 27 Millionen Männer, Frauen und Kinder.

Die Fälschung der Geschichte

Dieser Jahrestag, dieses Festival der progressiven Menschheit, bot Gelegenheit für die bürgerliche Geschichtsfälschung. Westliche bourgeoise Ideologen, von trotzkistischen Verleumdern bis hin zu Zeilenschinder-Journalisten, sind sehr damit beschäftigt, Fakten zu jonglieren und Ereignisse zu verfälschen. Es gibt eine Art Kräfteteilung zwischen der trotzkistischen Spielart der bürgerlichen Ideologen auf der einen Seite und den gewöhnlichen („gewöhnlich“ weil gestützt auf „marxistische“ und „linke“ Terminologie und deshalb leichter zu erkennen und weniger gefährlich) bürgerlichen Ideologen auf der anderen Seite.

Dieser 60. Jahrestag[4], wie es auch der Fall war beim 60. Jahrestag der D-Day Landungen im Jahr zuvor, wurde mit einer Sturzflut von eklig schmierigen und heuchlerischen Phrasen in den imperialistischen Druck- und elektronischen Medien begrüßt - mit dem alleinigen Zweck, die wirkliche Bedeutung, den Inhalt und die Gründe des Zweiten Weltkriegs zu verbergen und den ausschlaggebenden Beitrag der sozialistischen UdSSR zur Zerschlagung der vermeintlich unbesiegbaren Nazi-Kriegsmaschine zu schmälern.

Vor zehn Jahren[5], aus Anlaß des 50. Jahrestages des Sieges gegen den Faschismus, wurden uns Schalgworte angeboten wie „Deutschlands Schicksal lag im Atlantik“, „Wie Hitler von seinem eigenen Wahnsinn besiegt wurde“ usw., während Tatsache ist, wie jede gutinformierte Person weiß, daß das Schicksal Nazideutschlands an der Ostfront besiegelt wurde, in den gigantischen Schlachten von Moskau, Leningrad, Stalingrad und Kursk. Hier ist ein Beispiel, welches die Hauptrichtung der gesamten imperialistischen Propagandamaschine, genau jene Art von Geschichtsfälschung, auf die weiter oben hingewiesen wurde, versinnbildlicht:

Sunday Times, 7. Mai 1995: „Die Britische Demokratie ist lebendig und gesund. Das ist die Nachricht der Menschen dieses Landes an diesem Jubiläumswochenende. Weil die, welche kämpften, um vor 50 Jahren Hitlers Drittes Reich zu zerstören, durch mehr als nur Vaterlandsliebe inspiriert, leidenschaftlich waren. Sie gingen in den Krieg und gewannen den Sieg über den Faschismus für ein höheres Ziel. Das durchzog ihren Patriotismus und verlieh ihnen unsterbliche Größe. Das gewöhnliche Volk wußte in seinen Herzen, daß nicht weniger als das Überleben der elementaren, ehrbaren Werte auf dem Spiel stand: ihr Recht, gehört zu werden, ihre Gedanken auszusprechen ohne Angst vor dem Klopfen an der Tür in der Dämmerung, ihr eigenes Leben zu führen. Leben und leben lassen, ihr tägliches Geschäft in Freiheit und im Einklang mit dem Gesetz gestalten. Vor allem, die Regierungen in ihrem Namen zu wählen und wieder abzuwählen. Der Kampf und die Aufopferung derjenigen, welche im europäischen Krieg kämpften, ermöglichte es Britannien, eine souveräne Nation zu bleiben. Laßt uns nie vergessen, daß die rot-weiß-blaue Unionsflagge, die wir an diesem Wochenende wehen lassen, allein ins Gesicht einer alles erobernden Nazi-Tyrannei flog, bis das Blatt sich im Jahre 1942 wendete. Wir kämpften für unsere eigene Freiheit und für die Befreiung Europas von despotischer Herrschaft.“[6]

Natürlich würde keiner außer den böswilligsten Personen abstreiten, daß die gewöhnlichen britischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg kämpften, angesichts der Gefahr des Faschismus von den Idealen der Menschlichkeit angeleitet wurden. Das ist jedoch nicht die Frage. Der strittige Punkt ist der Grund, warum die herrschenden Klassen von Britannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten in den Krieg gegen Deutschland gingen. Alle objektiven Beobachter stimmen überein, daß der britische Imperialismus in den Krieg gegen Nazideutschland nicht im Interesse der Freiheit und des Kampfes gegen den Faschismus eintrat, sondern um ihre eigenen kolonialistischen und imperialistischen Interessen zu schützen, nachdem alle Bestrebungen, dieselben durch Beschwichtigungspolitik (das heißt durch Tauschgeschäfte mit der Freiheit anderer Völker zum Schutz ihrer eigenen Haut und materiellen Interessen) zu schützen, mit einem schmählichen und schändlichen Scheitern endete.

Hier sind kurz die Fakten, die zur Unionsfahne führten, die allein „ins Gesicht einer alles erobernden Nazi-Tyrannei flog, bis das Blatt sich im Jahre 1942 wendete“.

Der Haß des Imperialismus auf die UdSSR

Alle Imperialisten, nationalsozialistischer oder demokratischer Art gleichermaßen, und alle imperialistischen Politiker, Sozialdemokraten nicht weniger als Konservative, wurden angetrieben von einem heftigen Haß auf die UdSSR, den einzigen sozialistischen Staat – aus dem einfachen Grund, weil dieser durch den geplanten sozialistischen Aufbau ein neues Leben für ihre Menschen errichtete, frei von Ausbeutung, Unterdrückung, Arbeitslosigkeit, Not und Entehrung. Und das zu einer Zeit, wo die gesamte kapitalistische Welt im eisernen Griff der bisher schlimmsten Rezession war, welche 50 Millionen arbeitende Menschen auf den Schrotthaufen trieb, sie arbeitslos, obdachlos und hungrig machte. Die Sowjetunion allein stand als Leuchtturm und Beispiel für die Arbeiter der Welt, wie auch ihr Leben qualitativ verbessert werden könnte, wenn nur die Staatsmacht in den Händen der Arbeiterklasse wäre. Eingekreist von den blutdurstigen Imperialisten, war die UdSSR sich der Gefahr bewußt, der sie ausgesetzt war. Ihre Führung befolgte eine extrem komplizierte, außerordentlich wissenschaftliche Politik in der Frage des Krieges gegen den Imperialismus, was wie folgt zusammengefaßt werden kann.

Die Sowjetische Position im Krieg gegen den Imperialismus

Erstens war es das Bestreben der Sowjetunion, sich nicht selbst in einen Krieg gegen den Imperialismus zu verwickeln.

Zweitens - weil sie es nicht völlig beeinflussen konnte, einen Krieg zu verhindern - wollte sie sich dann, wenn der Imperialismus ihr einen Krieg aufzwingen sollte, nicht in der Position befinden, allein kämpfen zu müssen, allein dem vereinten Ansturm der hauptsächlichen imperialistischen Länder gegenüber zu stehen.

Drittens waren zu diesem Zweck Differenzen zwischen den faschistischen imperialistischen Staaten auf der einen Seite und den „demokratischen“ imperialistischen Staaten auf der anderen voll auszunutzen. Diese Aufteilungen waren real, basierend auf den wesentlichen Interessen der zwei Staatengruppen. Die ungleiche Entwicklung des Kapitalismus sorgte dafür, daß Deutschland, Italien und Japan, die in der kapitalistischen Entwicklung vorwärts schnellten (eine Entwicklung, welche die alte Teilung der Welt obsolet machte), eine Neuaufteilung forderten, welche nicht anders geschehen konnte, als in die maßgeblichen Interessen der „demokratischen“ imperialistischen Staaten einzugreifen. Es gab so einen realen Handlungsspielraum für diesen Interessenkonflikt, der von der sozialistischen UdSSR ausgenutzt werden konnte.

Viertens, führte die UdSSR zu diesem Zweck eine sehr komplizierte Außenpolitik fort. Sie tat ihr bestes, um einen kollektiven Sicherheitspakt mit den „demokratischen“ imperialistischen Ländern abzuschließen, der für den Fall, daß solch eine Aggression stattfinden sollte, eine kollektive Aktion gegen die Aggressoren ermöglichte.

Fünftens, wenn die „demokratischen“ imperialistischen Staaten, überwältigt von ihrem Haß auf den Kommunismus, einen kollektiven Sicherheitspakt mit der UdSSR ablehnten und ihre Beschwichtigungspolitik mit den faschistischen Staaten, besonders mit Nazideutschland fortsetzten, um deren Aggression ostwärts gegen die Sowjetunion zu lenken, würde letztere gezwungen, einige andere Methoden zu versuchen, um die Interessen des sozialistischen Mutterlandes und des internationalen Proletariats zu schützen. In einer Adresse zum XVIII. Parteitag der KPdSU im März 1939 stellte Stalin die Motive für die Politik der Nichteinmischung, die von den „demokratischen“ imperialistischen Ländern, besonders Britannien und Frankreich, angewendet wurde, folgendermaßen heraus: „In der Politik der Nichteinmischung macht sich das Bestreben, der Wunsch geltend ... Deutschland nicht zu hindern, ... sich in einen Krieg mit der Sowjetunion einzulassen, alle Kriegsteilnehmer tief in dem Morast des Krieges versinken zu lassen, sie im stillen dazu anzuspornen, dazu zu bringen, daß sie einander schwächen und erschöpfen, dann aber, wenn sie genügend geschwächt sind, mit frischen Kräften auf dem Schauplatz zu erscheinen und, natürlich, „im Interesse des Friedens“ aufzutreten, um den geschwächten Kriegsteilnehmern die Bedingungen zu diktieren. Wie billig und wie nett!“[7]

Ferner, bezugnehmend auf die Münchner Vereinbarung, welche die Tschechoslowakei an die Nazis auslieferte (der oben zitierte führende Schreiber der Sunday Times, der eine monumentale Vergeßlichkeit zeigte, vermied geflissentlich jede Erwähnung dieses Paktes, weil er richtig befürchtete, daß solch ein Hinweis sofort die heuchlerische Behauptung entlarven würde, daß die britische herrschende Klasse in den Krieg gegen Nazideutschland im Interesse des Kampfes gegen den Faschismus und für „ehrbare Werte“ eintrat), fuhr Stalin fort: „Der Gedanke liegt nahe, man habe den Deutschen Gebiete der Tschechoslowakei als Kaufpreis für die Verpflichtung gegeben, den Krieg gegen die Sowjetunion zu beginnen ...“[8]

Unter Betonung der Aufgaben der sowjetischen Außenpolitik, als auch mit verhüllter Warnung an die herrschenden Klassen in den „demokratischen“ imperialistischen Ländern fuhr Stalin fort, die Notwendigkeit zu betonen, „mit Vorsicht zu beobachten und den Kriegsprovokateuren, die es gewohnt sind, sich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, nicht die Möglichkeit zu geben, unser Land in Konflikte hineinzuziehen.“[9]

Daher kam es, angesichts der kompromißlosen Ablehnung von Seiten Britanniens und Frankreichs, einen kollektiven Sicherheitspakt abzuschließen, und als Nachwirkung der Münchner Vereinbarung, wozu die Sowjetunion nicht einmal befragt worden war, daß letztere den Spieß der Außenpolitik von Britannien und Frankreich umdrehte und am 23. August 1939 den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt unterzeichnete.

Sechstens sicherte die UdSSR durch die Unterzeichnung dieses Paktes sowohl, daß sie nicht allein gegen Deutschland kämpfen mußte, als auch, daß es (Deutschland) gegen die Kräfte kämpfen würde, die mit ihrer Ablehnung einer kollektiven Sicherheit versucht hatten, die UdSSR in einen Krieg mit Deutschland zu verwickeln. Am 1. September 1939 überfiel Hitler Polen. Zwei Tage später lief das englisch-französische Ultimatum ab und Britannien und Frankreich befanden sich im Krieg mit Deutschland.

Natürlich ist es verständlich, daß der Imperialismus die UdSSR und Stalin gerade heute wegen des Abschlusses des Nichtangriffspaktes mit Deutschland angreifen und des „Vertrauensbruchs“ anklagen (wobei sie völlig „vergessen“, daß der wirkliche Verrat ein Jahr zuvor in München stattgefunden hat), weil dieser Pakt die Sache des Sozialismus und die Befreiung der Menschheit vom Joch des Faschismus voranbrachte. Aber diese traurigen Marxisten, die nach einem Wink des Imperialismus immer noch fortfahren, die UdSSR für den Abschluß des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspaktes zu kritisieren, müssen ihre Köpfe überprüfen. Sie könnten kaum besseres tun, als dem rechts stehenden österreichischen Professor Topitsch zuzuhören.

Im Buch Professor Topitschs, dessen antikommunistischer Berechtigungsnachweis und pro-imperialistische Sympathien unfehlbar sind und dem man deswegen nicht vorwerfen kann, nachgiebig gegen Stalin oder die von ihm geführte UdSSR zu sein, ist dazu folgendes zu lesen: „Doch ein gründlicheres Durchdenken der Zusammenhänge hat ihn [Topitsch] zu der Überzeugung geführt, daß ... Stalin nicht nur der wirkliche Sieger, sondern auch die Schlüsselfigur des Krieges war; ja der einzige Staatsführer, der damals klare und weitgespannte Zielvorstellungen hatte.“[10]

Ferner: „Überdies zeigen die Vorgänge des Sommer 1939 mit aller Deutlichkeit, in wie verhängnisvollem Maße es dem deutschen Diktator an staatsmännischen Fähigkeiten und weltpolitischem Blick gefehlt hat – einem Maße, das ihn im Vergleich mit seinem russischen Kollegen als geradezu inferiore Gestalt erscheinen läßt. Im Hinblick auf politische Intelligenz und politischen Stil verhalten sich die beiden etwa wie ein Hasardeur zu einem Schachmatador, und die Behauptung mag kaum übertrieben sein, daß der „Führer“ wie ein Schuljunge in die ihm von Moskau gestellte Falle hineingetappt ist.“[11]

Zum Hitler-Stalin-Pakt schreibt derselbe Autor: „Hitler und Ribbentrop mochten sich nach dem Abschluß dieser Verträge als Staatsmänner von historischem Format gedünkt haben, in Wirklichkeit aber verriet ihr Vorgehen nur ein geradezu erschreckendes Defizit an politischer Intelligenz. Während Stalin den Inhalt und Wortlaut der Vereinbarungen gründlich überlegt hatte, waren seine Partner offenbart nicht in der Lage, die Konsequenzen zu durchdenken, welche sich aus jenen verhängnisvollen Dokumenten für Deutschland ergeben konnten. Tatsächlich entsprachen die beiden Verträge in geradezu idealer Weise den Zielen der sowjetischen Langzeitstrategie, Deutschland in einen Krieg mit Briten und Franzosen zu verwickeln, es in Abhängigkeit zu bringen und gegebenenfalls schließlich als selbständige Macht auszulöschen. Als weitblickender Staatsmann war Stalin bedacht, schon jetzt eine günstige Ausgangsposition für die Verwirklichung solcher Pläne zu schaffen.“[12]

Durch den Regierungsvertrag über Neutralität von April 1941 schaffte die Sowjetunion erfolgreich im Osten, was sie im Westen mit dem Nichtangriffspakt mit Deutschland erreicht hatte.

Siebentens gingen die Klauseln des zusätzlichen geheimen Protokolls weit genug, um die sowjetischen „Interessensphären“ zu schützen, welche sich für die sowjetische Abwehr als entscheidend erwiesen haben, als der Krieg sie tatsächlich erreicht hatte.

Schließlich brachte der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffspakt der Sowjetunion eine äußerst wertvolle Periode von knapp zwei Jahren zur Stärkung ihrer Verteidigungsbereitschaft, bevor sie in einen Krieg eintrat, von dem sie wußte, daß sie ihn nicht für immer vermeiden konnte.

Als der Krieg schließlich die Sowjetunion erreichte, leistete sie den heldenhaftesten Beitrag zum glänzenden und glorreichen Sieg der Alliierten gegen Nazideutschland. Die Rote Armee und die sowjetischen Menschen zeigten die Zuverlässigkeit und Überlegenheit des sozialistischen Systems, indem sie die Nazis in der UdSSR besiegten und sie den ganzen Weg bis Berlin verfolgten und dabei Land für Land von der Okkupation der Nazistiefel befreiten und den Sozialismus nach Osteuropa brachten.

Alle revolutionären und aufrichtigen bürgerlichen Historiker und Politiker stimmen in diesem Resümee überein. Nur die eingefleischtesten Antikommunisten, besonders die Trotzkisten, wagen es immer, das zu bestreiten.

Die bourgeoisen Vorhersagen des Scheiterns der Sowjets

Bis zum Sommer 1941 hatten Hitlers Armeen durch eine Kombination von Glück und einigen dreisten Schlägen die Briten aus dem Festland Europas gejagt und wurden so zum Vorsteher von West- und Zentraleuropa, dessen Menschen unter der faschistischen Besetzung stöhnten. Hitler war endlich in einer Position, in der er den Krieg gegen die UdSSR führen konnte, welchen er unter dem Namen Barbarossa am 22. Juni 1941 um 3:30 Uhr startete.

Als an diesem verhängnisvollen Tag die deutsche Armee die Grenze zur UdSSR überschritt, gaben ihr angesichts der mächtigen deutschen bewaffneten Kräfte die meisten westlichen Politiker und Militärstrategen nicht mehr als 6 Wochen bis zum von ihnen erwarteten unvermeidbaren Sturz. Ihr Urteilsvermögen war offenbar gefärbt von dem Geschick der Länder wie Polen und Frankreich, die beide innerhalb weniger als zwei Wochen nach der Invasion der deutschen Armee darniederlagen. Sie waren auch beeinflußt vom Schicksal der britischen Armee, die im Fiasko vom Mai 1940 so beschämend vom Kontinent vertrieben worden war, welches „Dunkirk spirit“ genannt wird. Ferner glaubten die bürgerlichen Ideologen der eigenen antisowjetischen Propaganda, daß die sowjetische Armee als Ergebnis der Gerichtsverhandlungen und Erschießungen von Tuchatschewski und anderen Armeeoffizieren, die des Hochverrates angeklagt waren, „dezimiert“ und „enthauptet“ worden sei und daß sie (die Armee) deshalb nicht in der Lage sei, einen Krieg zu führen; daß die Bolschewistische Partei infolge der drei Moskauer Prozesse gegen führende Trotzkisten und Bucharinisten, welche für Hochverrat, Mord, Sabotage und Schädlingsarbeit verantwortlich waren, der Führung „beraubt“ sei; daß das Landvolk als Ergebnis der „forcierten“ Kollektivierung widerspenstig sei und deshalb sehr wahrscheinlich unter den Bedingungen des Krieges gegen das sowjetischen Regime revoltieren würde. In all dem hatten sich die bürgerlichen Ideologen gründlich getäuscht.

Gerade bevor der Krieg gegen die Sowjetunion begann, machte der imperialistische Chefideologe namens Leo Trotzki mit böswilliger Freude eine Anzahl von Voraussagen über die „unvermeidliche“ Niederlage der UdSSR im kommenden Krieg. In seinem Buch „Verratene Revolution“ schrieb er: „Kann man jedoch erwarten, daß die Sowjetunion aus dem kommenden großen Krieg ohne Niederlage hervorgehen wird? Auf diese deutlich gestellte Frage wollen wir ebenso deutlich antworten: Bliebe der Krieg nur ein Krieg, dann wäre die Niederlage der Sowjetunion unvermeidlich. Technisch, wirtschaftlich und militärisch ist der Imperialismus unvergleichlich stärker. Wenn die Revolution im Westen ihn nicht lähmt, wird er das aus der Oktoberrevolution hervorgegangene Regime auslöschen.“[13]

1940, nahe am Ende seines Lebens – eines Lebens voller unversöhnlicher Feindschaft gegen den Leninismus – hat Trotzki wieder mit einem Eifer, der besser einer anderen Sache wert gewesen wäre, die Niederlage der UdSSR und den Triumph Hitlerdeutschlands prophezeit: „Wir sind immer davon ausgegangen, daß die internationale Politik des Kreml von der neuen Aristokratie bestimmt wird ... die unfähig ist, einen Krieg zu führen ... Die herrschende Kaste ist nicht länger fähig, über morgen nachzudenken. Ihre Formel ist die aller dem Untergang geweihten Regimes „Nach uns die Sintflut“ ... Der Krieg wird viele Dinge und viele Individuen stürzen. List, Betrügerei, Steigbügel und Verrat werden sich als nutzlos erweisen, seinem strengen Urteil zu entkommen.“[14] „Stalin kann keinen Krieg mit unzufriedenen Arbeitern und Bauern und mit einer enthaupteten Roten Armee machen.“[15] „Der Stand der Produktivkräfte gestattet keinen großen Krieg. ... Vor Ablauf dieser Frist wäre eine Beteiligung der Sowjetunion an einem großen Krieg aber auf jeden Fall ein Kampf mit ungleichen Waffen. Der moralische Faktor, der nicht weniger wichtig ist als der materielle, hat sich in den letzten Jahren sehr zum Schlechteren verändert. ... Er [Stalin] kann einen Angriffskrieg nicht mit Aussicht auf Erfolg führen, und er braucht das auch nicht. Falls die UdSSR sich in den Krieg mit all seinen unermeßlichen Opfern und Entbehrungen hineinziehen läßt, wird das Volk, das in diesem Jahrhundert bereits dreimal Revolutionen gemacht hatte, dem offiziellen System all die Beleidigungen, Gewalttaten und die ganze Verlogenheit heimzahlen! ... Genauso kann der gegenwärtige Krieg zum Sturz der Kremlbürokratie führen, lange bevor die Revolution in irgendeinem der kapitalistischen Länder ausbricht.“[16]

Die bourgeoisen Vorhersagen wurden Lügen gestraft

Nicht nur Trotzki, sondern auch die imperialistische Bourgeoisie (welche Trotzki so gut bezahlte und für den sie ihre Pressezeilen öffnete, um solchen Unsinn zu schreiben und so viele antisowjetische Bosheiten auszuspucken) glaubte an diese unbegründeten Behauptungen. Deshalb war es eine große Überraschung für die Imperialisten, als die Sowjetunion, die weit entfernt davon war, unter der Nazi-Attacke zusammenzubrechen, bewies, daß sie die einzige Kraft war, die nicht nur widerstehen, sondern auch siegen und die Nazi-Kriegsmaschine in tausend Stücke schlagen konnte.

Wie üblich, und zum Glück für die Menschheit, wurden alle Vorhersagen Trotzkis ganz und gar Lügen gestraft. Nach anfänglichen Niederlagen in den ersten Wochen des Krieges, vor allem zurückzuführen auf den Überraschungsangriff der Nazis, verfestigte sich die sowjetische Abwehr. Binnen kurzem stieß sie zurück. Der Rest der Welt hat wie Trotzki der UdSSR nur ein paar Wochen bis zum Zusammenbruch angesichts des Ansturms der angeblich unbesiegbaren Nazi-Kriegsmaschine gegeben. Die Rote Armee und die sowjetischen Menschen, vereint als eins unter der Führung der KPdSU und ihres Oberkommandierenden Josef Stalin, sprengten diesen Mythos der Unbesiegbarkeit. Die sowjetischen Siege in den gigantischen Schlachten von Moskau, Stalingrad, Kursk, Leningrad und Berlin werden nicht nur von den Völkern der früheren, großen und ruhmvollen Sowjetunion, sondern auch von der gesamten fortschrittlichen Menschheit ewig in Ehren gehalten werden.

Jede dieser Schlachten involvierte Millionen Menschen auf jeder Seite und, mit den Worten von Harrison E. Salisbury: „Jede fügte den Deutschen Verluste zu, die nachhaltige Spuren nicht nur in der Armee, sondern in der Nation hinterlassen.“[17]

„Die Schlacht von Moskau war ein Heldenereignis ... An ihr waren mehr als zwei Millionen Mann, 2.500 Panzer, 1.800 Flugzeuge und 25.000 Geschütze beteiligt. Das Ausmaß der Opfer war entsetzlich. Für die Russen endete sie im Sieg. Sie mußten den vollen Schlag der deutschen „Blitzkrieg“-Offensive erleiden und ungeachtet ihrer Verluste ... waren sie in der Lage, einen effektiven Gegenangriff aufzustellen. Sie haben begonnen, den Mythos von der deutschen Unbesiegbarkeit zu zerstören...“[18]

Und so bewertet Marschall Shukow die Bedeutung der Schlacht von Moskau: „Die Gesamtergebnisse der großen Schlacht vor Moskau waren für das Sowjetland begeisternd und für den Gegner betrüblich. Der ehemalige Nazigeneral Westphal ... mußte nach Kriegsende eingestehen, daß die faschistischen Streitkräfte, die vordem als unbesiegbar gegolten hatten, am Rande der Vernichtung standen ... In der Schlacht bei Moskau haben die Faschisten insgesamt über eine halbe Million Mann, 1.300 Panzer, 2.500 Geschütze, mehr als 15.000 Kraftfahrzeuge und vieles andere Material verloren ... Unsere Gegenoffensive im Winter 1941/42 erfolgte unter den komplizierten Bedingungen des Winters und vor allem ohne zahlenmäßige Überlegenheit ... Die Rote Armee hatte in der Schlacht vor Moskau zum ersten Mal in den sechs Kriegsmonaten der Hauptgruppierung der faschistischen Wehrmacht eine äußerst schwere Niederlage zugefügt. Bis zur Schlacht vor Moskau hatten die sowjetischen Streitkräfte bereits größere Operationen durchgeführt, die den Vormarsch des Gegners an den drei Hauptrichtungen verlangsamten. Dennoch stehen alle diese Operationen in ihrem Umfang und ihren Ergebnissen hinter der großen Schlacht vor den Mauern der Sowjethauptstadt zurück. Die geschickte Führung der Verteidigungskämpfe, die erfolgreichen Gegenstöße und der rasche Übergang zur Gegenoffensive haben die sowjetische Kriegskunst wesentlich bereichert und größere strategische und operativ-taktische Reife der sowjetischen Heerführer, das größere Können der sowjetischen Soldaten und Offizieren aller Waffengattungen gezeigt.

Die Zerschlagung der faschistischen Truppen vor Moskau besaß große internationale Bedeutung. In allen Ländern der Antihitlerkoalition nahmen die Volksmassen die Kunde von diesem außerordentlichen mit großer Begeisterung auf. Die ganze fortschrittliche Menschheit verband ihre Hoffnungen auf die Erlösung aus der faschistischen Sklaverei mit dem Sieg der Roten Armee. Die Mißerfolge der faschistischen Truppen vor Leningrad, Rostow, im Raum Tichwin und in der Schlacht bei Moskau wirkten auf die reaktionären Kreise Japans und der Türkei ernüchternd und zwangen sie, zu einer vorsichtigeren Politik gegenüber der Sowjetunion. Der Gegner war gezwungen, zur Verteidigung überzugehen. ... Nach der Zerschlagung der faschistischen Truppen vor Moskau hatten sich nicht nur die einfachen deutschen Soldaten, sondern auch viele Offiziere und Generale von der Macht des Sowjetstaates von der Tatsache überzeugt , daß die sowjetischen Streitkräfte ein unüberwindliches Hindernis auf dem Weg zur Erreichung der Ziele darstellen, die sich der Faschismus gesteckt hatte.“[19]

Marschall Shukow beschließt seinen Bericht über die Schlacht von Moskau mit der folgenden Frage und seiner Antwort darauf: „Ich werde häufig nach der Rolle Stalins während der Schlacht bei Moskau gefragt. Um jene Zeit war Stalin immer in Moskau. Er organisierte die Kräfte und Mittel zur Zerschlagung des Gegners. Er hat an der Spitze des Staatlichen Verteidigungskomitees, auf die leitenden Kader der Volkskommissariate gestützt, eine kolossale Arbeit zur Organisation der notwendigen strategischen Reserven und materiell-technischen Mittel geleistet. Durch seine äußerst harten Ansprüche setzte er, das kann man schon sagen, fast Unmögliches durch.“[20]

Hier nun eine andere Einschätzung vom entgegengesetzten Ende des politischen Spektrums über die sowjetische Stärke, welche die Hitleristen, betäubt von ihrer eigenen irreführenden Propaganda und den leichten Siegen im Westen, in Betracht zu ziehen regelrecht vergessen hatten.

Topitsch betont richtig, daß die Operation Barbarossa auf einer Überschätzung der deutschen und einer Unterschätzung der sowjetischen Militärkraft sowie anderer Annahmen gegründet war, welche in dem Moment begannen entzwei zu gehen, als die deutsche Armee die sowjetische Grenze überschritt: „... als die Deutschen die Grenze nach dem Osten überschritten, beschlich sie – vom „Führer“ bis zum einfachen Soldaten – oft das Gefühl, ein Tor ins Unbekannte aufzustoßen, hinter dem Stalin böse Überraschungen bereithalten und am Ende in den grenzenlosen russischen Weiten das Verhängnis lauern könnte.“[21] „Nach ihren anfänglichen Erfolgen, welche sie durch den taktischen Vorteil ihres Überraschungsangriffs auf die UdSSR erreicht hatten, begannen die Nazis zu glauben, daß der Sieg schon ihrer sei und ergingen sich in fantastischen Zukunftsplänen. Aber allmählich wurde erkennbar, daß die Sowjetunion alles andere war als ein „Koloß mit tönernen Füßen“. Trotz enormer Verluste konnte dieses riesige Reich den Eindringlingen immer neue Massen an Männern und Material entgegenwerfen, und bald tauchten auch die modernen Panzertypen und die gefürchteten Raketenwerfer in steigender Anzahl auf den Schlachtfeldern auf. Aus dem vermeintlich in 14 Tagen zu erkämpfenden Sieg wurde ein fast vierjähriger, auf beiden Seiten mit der größter Anspannung geführter Krieg, und die dramatischen Erfolge der ersten Wochen waren in Wirklichkeit der Anfang vom Ende des „Dritten Reiches“.[22] „Die rücksichtslose Tatkraft Stalins sorgte für die Mobilisierung aller Reserven in der Tiefe des Raumes. Ja, in dieser furchtbaren Auseinandersetzung ist die Sowjetunion über sich hinausgewachsen und hat einen entscheidenden Schritt auf dem Wege zur Supermacht getan. Demgegenüber verfügte Deutschland letzten Endes doch nur über die beschränkten Mittel eines europäischen Nationalstaates.“[23] (in der englischen Übersetzung lautet der letzte Satz: „Im Gegensatz dazu hat sich Deutschland gewissermaßen selbst geschwächt mit jedem Schritt seines erschöpfenden Feldzugs im Osten.“) „Die Kapitulation am 1. Februar 1943 in Stalingrad durch den faschistischen General von Paulus und 23 weitere Generale hypnotisierte die Welt. Der Sieg der Roten Armee in Stalingrad war so unglaublich wie heldenhaft. Die Nazi-Verluste im Gebiet von Wolga-Don-Stalingrad waren 1,5 Mill. Mann, 3.500 Panzer, 12.000 Geschütze und 3.000 Flugzeuge. Nie zuvor hat die Nazi-Kriegsmaschine, welche gewöhnt war, in Tagen und Wochen über die Länder zu rennen, solch eine schmachvolle Niederlage erleiden müssen, eine Niederlage, in der „die Elite der deutschen Wehrmacht zugrunde ging. An den Orten, an denen diese fürchterlichen Schlachten geschlagen wurden, ... erhob sich hier vor den Augen der Welt seine [Stalins] Gestalt zu beinahe gigantischer Größe.“[24]

Von nun an gab es für die Deutschen ständig Niederlagen und führte sie der ganze Weg zurück bis zum Eintreffen der Roten Armee in Berlin und der Erstürmung des Reichstages am 30. April 1945 – dem selben Tag, an dem Hitler Selbstmord beging. Sechs Tage später kapitulierte Feldmarschall Wilhelm Keitel im Auftrag des deutschen Oberkommandos an Marschall Shukow.

Gründe für den sowjetischen Sieg

Wie war es für die UdSSR möglich, erfolgreich zu sein, während andere so erbärmlich scheiterten? Es gibt verschiedene Gründe für diesen Erfolg.

1. Eliminierung der Fünften Kolonne

Erstens, weil die KPdSU und die Sowjetregierung schonungslos die Partei, den Staat und das Militär von den Elementen der Fünften Kolonne reinigten.

Zusätzlich zu den Zeugnissen der Angeklagten der oben erwähnten Verhandlungen – und für diese Zeugenaussagen gibt es keinen Ersatz – bestätigen unfehlbare bürgerliche Quellen, die nicht im mindesten als parteilich für die Sowjetordnung verdächtigt werden können, aktenkundig die Schuld der Angeklagten dieser Prozesse. Joseph E. Davies, zu dieser Zeit amerikanischer Botschafter in Moskau, der, von einem Übersetzer begleitet, dem Fortgang der Moskauer Prozesse aufmerksam folgte, war tief beeindruckt.

Am 17. Februar 1937, einen Monat nach dem zweiten Prozeß, berichtete der Botschafter Davies in einer vertraulichen Botschaft an US Staatssekretär Cordell Hull, daß fast alle ausländischen Diplomaten in Moskau seine Meinung zur Rechtmäßigkeit der Urteilssprüche teilten: „Ich habe mit vielen, ja mit fast allen Mitgliedern des hiesigen Diplomatischen Korps gesprochen, und mit vielleicht einer einzigen Ausnahme waren alle der Auffassung, die Verhandlungen hätten deutlich das Vorhandensein eines politischen Geheimplans und einer Verschwörung zum Zweck der Beseitigung der Regierung bewiesen.“[25]

Mächtige antisowjetische Kräfte sorgten dafür, daß diese Wahrheit über die Fünfte Kolonne in der UdSSR weder in den USA noch anderswo in der westlichen Welt veröffentlicht wurde. Am 11. März 1937 berichtete Botschafter Davies in seinem Tagebuch: „Ein anderer Diplomat, der ----- Gesandte, machte mir gestern eine sehr aufschlußreiche Bemerkung. Wir sprachen über den Prozeß und er äußerte, die Angeklagten seien zweifellos schuldig; wir alle, die die wir den Verhandlungen beiwohnten, seien uns darüber einig. Die Außenwelt hingegen schiene den Presseberichten zufolge zu denken, daß der Prozeß die reine Aufmachung sei (er nannte es eine Fassade); er wisse zwar, daß dies nicht zutreffe, es sei jedoch wahrscheinlich ebenso gut, wenn die Außenwelt dies annehme.“[26]

Während des dritten Moskauer Prozesses (der von Bucharin und anderer), schrieb Botschafter Davies am 8. März 1938 an seine Tochter Emlen folgendes: „Die höchst merkwürdigen Aussagen Krestinskis, Bucharins und der übrigen sind geeignet, einen glauben zu lassen, daß die Befürchtungen des Kremls gerechtfertigt waren. Denn es hat sich jetzt herausgestellt, daß Anfang November 1936 eine Verschwörung zur Herbeiführung eines Staatsstreichs bestand, der im Mai des folgenden Jahres ausgeführt werden sollte, und daß Tuchatschewski an der Spitze stand. Augenscheinlich stand es damals auf des Messers Schneide, ob der Anschlag tatsächlich ausgeführt würde oder nicht. Die Regierung aber ging mit äußerster Energie und Raschheit vor. Die Generäle der Roten Armee wurden erschossen und die ganze Parteiorganisation gesäubert und mit eisernem Besen ausgekehrt. Dann kam ans Tageslicht, daß eine kleine Zahl von führenden Persönlichkeiten von dem Gift des Verschwörungsgeistes angesteckt war und tatsächlich mit den Organisationen des deutschen und japanischen Geheimdiensts zusammenarbeitete.“[27]

Anstatt die Sowjetordnung oder die Rote Armee zu schwächen, halfen diese Prozesse, genau jene Elemente zu eliminieren, die mit den Nazis kollaboriert und als Fünfte Kolonne gehandelt hätten. Im Sommer 1941, kurz nach dem Einfall der Nazis in die UdSSR, schrieb Davies die folgende Beurteilung der historischen Bedeutung der Moskauer Prozesse: „Es gab keinen sogenannten „inneren Angriff“ in Rußland im Kontakt mit dem deutschen Oberbefehl. Der Einmarsch in Prag 1939 vollzog sich unter aktiver militärischer Unterstützung durch die Organisation Henleins in der Tschechoslowakei. Dasselbe traf beim Einfall in Norwegen zu. Im heutigen Bilde der Sowjet-Union fehlen die Sudeten Henleins, die slowakischen Tisos, die belgischen Degrelles und die norwegischen Quislinge.“[28] „Die Geschichte war in den sogenannten Landesverrats- oder Säuberungsprozessen von 1937 und 1938 dargelegt worden, und ich hatte diesen selbst als Zuhörer beigewohnt. Als ich nun von diesem neuen Gesichtswinkel aus die Verhandlungsberichte und meine eigenen Bemerkungen dazu aus jener Zeit wieder durchlas, fand ich, daß so gut wie alle Kniffe und Umtriebe der deutschen Fünften Kolonne, wie wir sie seither kennen gelernt haben, durch die Geständnisse und Zeugenaussagen jener Prozesse gegen die „bekennenden“ Quislinge Rußlands enthüllt und bloßgelegt worden sind. ... All diese Prozesse, Säuberungen und Liquidierungen, die zu ihrer Zeit so gewalttätig erschienen und die Welt empörten, zeigen sich nunmehr ganz deutlich als ein Teil einer energischen und entschlossenen Anstrengung der Stalin-Regierung, sich nicht nur vor Revolution von innen, sondern auch vor einem Angriff von außen zu schützen. Sie machten ganze Arbeit mit dem Aufräumen und fegten das Land von sämtlichen verräterischen Elementen im Innern rein. Alle Zweifel waren zugunsten der Regierung behoben. 1941 gab es in Rußland keine Fünfte Kolonne – alle waren erschossen. Die Säuberung hat das Land gründlich gereinigt und von Verrat befreit.“[29]

Ein maßgeblicher bürgerlicher Korrespondent schloß, daß „die Säuberung Rußlands Fünfte Kolonne eliminiert hat. Ich habe in Rußland keinen britischen oder amerikanischen Korrespondenten gefunden, der dachte, daß die bekannten Schuldgeständnisse von Radek, Tuchatschewski, Rykow, Krestinski, Pletnjow, Rosengolz und anderen durch Folter gewonnen worden seien.“[30]

George Sava soll unser letzter bürgerlicher Zeuge sein. In seinem „Krieg ohne Waffen“, wo er erklärt, daß „Rußlands großartiger Widerstand viele Diplomaten der demokratischen Länder überraschte, die davon überzeugt waren, daß Rußland nicht länger als 10 Wochen widerstehen könne“, fährt er fort mit der folgenden scharfsinnigen Beobachtung: „Wir können die Komplexität des Marxismus nicht verstehen, aber wir sollten wissen müssen, daß das Grab, welches Hitler für Konservative und Demokraten gleichermaßen gegraben hatte, groß genug war, um auch die Russen darin zu beerdigen. Anders als unsere Diplomaten erkannten die Russen glücklicherweise die Gefahren, und das ist der Grund für ihre unnachgiebige Unterdrückung der Fünften Kolonne. Die Exekutionen, die uns so sehr entsetzten und die rätselhaft und barbarisch genannt wurden, sollten von einer intelligenten Diplomatie in einem anderen Licht gesehen werden, besonders wenn sie das Schicksal von Norwegen und Frankreich berücksichtigen und die Rolle, welche die Fünfte Kolonne in diesen beiden Ländern spielte. Ein kluger Diplomat könnte gerne eingestehen, daß eine kleine gezielte Erschießung in Frankreich und Belgien nach dem russischen Modell Brüssel, Oslo, Amsterdam und Paris gerettet haben könnte.“

Es kann also gesehen werden, daß die westlichen Länder, sobald sie in den tödlichen Konflikt mit Nazideutschland eingebunden und Alliierte der UdSSR wurden, ihre tief verwurzelten anti-Komintern und anti-bolschewistischen Vorurteile überwinden und in der Öffentlichkeit die Wahrheit über die Moskauer Prozesse wie über viele andere Probleme aussprechen mußten; sie mußten der Öffentlichkeit eingestehen, daß diese Prozesse die KPdSU, die sowjetische Regierung oder die Rote Armee alles andere als schwächten, sondern durch die Liquidierung der Fünften Kolonne in der UdSSR die Partei, die Regierung und die Rote Armee gestärkt wurden. Durch diese verspätete Anerkennung haben sie nur die historische Bedeutung dieser Prozesse als wesentlichen Bestandteil des Kampfes der UdSSR – in der Tat, des Kampfes der Welt als Ganzes – gegen die Gefahr der nazistischen Weltherrschaft bestätigt.

Stalin antwortete in seinem Bericht zum XVIII. Parteitag auf den Blödsinn, der zu dieser Frage von der bürgerlichen Presse in den imperialistischen Ländern verbreitet wurde, folgendes: „Einige Vertreter der ausländischen Presse schwatzen davon, die Säuberung der Sowjetorganisationen von Spionen, Mördern und Schädlingen vom Schlage eines Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Jakir, Tuchatschewski, Rosenholz, Bucharin und anderen Ungeheuern hätte das Sowjetsystem „erschüttert“, hätte „Zersetzung“ in dieses hineingetragen. Dieses alberne Geschwätz ist nur wert, daß man sich darüber lustig macht. Wie kann die Säuberung der Sowjetorganisationen von schädlichen und feindlichen Elementen das Sowjetsystem erschüttern und zersetzen? Das trotzkistisch-bucharinsche Häuflein von Spionen, Mördern und Schädlingen, das vor dem Ausland auf dem Bauche kroch, von dem sklavischen Gefühl devoter Ergebenheit gegenüber jeder ausländischen Beamtenkreatur durchdrungen und bereit war, für sie Spionagedienste zu leisten, dieses Häuflein von Leuten, das nicht begriff, daß der letzte Sowjetbürger, frei von den Ketten des Kapitals, turmhoch über jeder ausländischen hochgestellten Beamtenkreatur steht, die das Joch der kapitalistischen Sklaverei auf ihren Schultern trägt – wer braucht diese jämmerliche Bande käuflicher Sklaven, welchen Wert kann sie für das Volk darstellen und wen vermag sie zu „zersetzen“? Im Jahre 1937 wurden Tuchatschewski, Jakir, Uborewitsch und andere Ungeheuer zur Erschießung verurteilt. Danach fanden die Wahlen zum Obersten Sowjet der UdSSR statt. Die Wahlen brachten der Sowjetmacht 98,6 Prozent der Stimmen aller Wahlteilnehmer. Anfang 1938 wurden Rosenholz, Rykow, Bucharin und andere Ungeheuer zur Erschießung verurteilt. Danach fanden die Wahlen zu den Obersten Sowjets der Unionsrepubliken statt. Die Wahlen brachten der Sowjetmacht 99,4 Prozent aller Stimmen der Wahlteilnehmer. Es fragt sich, wo sind denn hier die Anzeichen einer „Zersetzung“, und warum kam diese „Zersetzung“ nicht in den Wahlergebnissen zum Ausdruck? Hört man diese ausländischen Schwätzer, dann könnte man zu dem Schluß gelangen, daß die Sowjetorganisationen bei weitem fester und stabiler wären, wenn man die Spione, Mörder und Schädlinge auf freiem Fuß gelassen und nicht gehindert hätte, zu schädigen, zu morden und zu spionieren. (Heiterkeit.) Verraten sich diese Herrschaften, die die Spione, Mörder, Schädlinge so unverfroren verteidigen, nicht allzu früh? Wäre es nicht richtiger zu sagen, daß die Säuberung der Sowjetorganisationen von Spionen, Mördern, Schädlingen zu einer weiteren Festigung dieser Organisationen führen mußte und geführt hat?“

Bezugnehmend auf den blutigen, aber unerklärten Krieg am Chassan-See an der Grenze der mandschurischen maritimen Provinzen, der zwischen der UdSSR und dem japanischen Imperialismus gekämpft wurde – ein Krieg, in welchem die Japaner sich eine blutige Nase holten, welche sie hinderte, die UdSSR erneut anzugreifen – fügte Stalin hinzu: „Was besagen zum Beispiel die Ereignisse am Chassan-See anderes, als daß die Säuberung der Sowjetorganisationen von Spionen und Schädlingen das sicherste Mittel zur Festigung dieser Organisationen ist?“[31]

Demnach zwingt uns die Annäherung der ehrlichen bürgerlichen und proletarischen Ansichten gleichermaßen zur einzig möglichen Schlußfolgerung, nämlich, daß die Beschuldigten der Moskauer Prozesse zu Recht vor Gericht gestellt und zu Recht bestraft worden sind und daß die Liquidierung der Angeklagten die Fünfte Kolonne in der UdSSR ausgeschaltet hat, was wiederum die Sowjetmacht und ihre Streitkräfte befähigte, zu widerstehen und die vermeintlich unbesiegbare Wehrmacht zu bezwingen und zu zerschmettern.

Wenn wir den bourgeois-trotzkistischen Gerede glauben sollen, daß die Streitkräfte der UdSSR nach den Prozessen ihrer Generale beraubt gewesen seien, wie sollen wir dann die Existenz solch großartiger und legendärer Generale wie Shukow, Tschuikow, Schtemenko, Jeremenko, Timoschenko, Wasiljewski, Sokolowski, Rokossowski, Koniew, Woroschilow, Budjonni, Mechlis, Kulik und vieler, vieler anderer in der Roten Armee erklären, deren Heldentaten rund um die Welt bekannt sind?

2. Sozialismus

Zweitens war die UdSSR erfolgreich, weil sie ihre Industrie aufgebaut und ihre Landwirtschaft sozialistisch kollektiviert hatte. Die Durchsetzung eines solchen Programms, verbunden mit dem Ausbau der materiellen Stärke der UdSSR, brachte ein Wiederaufleben des proletarischen Stolzes auf die Errungenschaften, ein leidenschaftliches Vertrauen in die glänzende Zukunft des Sozialismus und eine unerbittliche Entschlossenheit, die Früchte des Sozialismus gegen die äußeren und inneren Feinde gleichermaßen zu verteidigen. Aber dieses Programm fiel nicht zufällig vom Himmel. Es mußte mit Händen und Füßen gegen die „linken“ (trotzkistischen) und „rechten“ (bucharinistischen) Gegner verteidigt werden; es mußte die Schädigungen, Sabotage und verräterischen Verschwörungen der trotzkistischen und bucharinistischen Kapitulanten und verachtenswerten Lakaien des Imperialismus bestehen. In einem Wort, es war ein Programm, das geboren wurde aus und inmitten von Bedingungen des heftigsten Klassenkampfes.

Obwohl die Sowjetunion lieber in Frieden gelassen worden wäre, um den Prozeß des sozialistischen Aufbaus fortsetzen zu können, war sich ihre Führung der Gefahren und der Tatsache, daß der Imperialismus sie in den Krieg hineinziehen würde, sehr bewußt. Es lag deshalb nicht in der sowjetischen Macht, eine Verwicklung in einen Krieg mit dem Imperialismus abzuwenden, denn, wie ein chinesisches Sprichwort sagt, „Der Baum kann die Ruhe bevorzugen, aber der Wind wird nicht nachlassen“. Genau deswegen, in Anbetracht des bevorstehenden Krieges, hat es die Führung der KPdSU abgelehnt, unter dem Zähneknirschen der Opposition aus dem Lager der bucharinistischen Kapitulanten, das Tempo der Industrialisierung zu verlangsamen. Auf der Konferenz der Funktionäre der sozialistischen Industrie am 4. Februar 1931 unterstrich Stalin diesen Punkt in seiner charakteristischen offenen und unmißverständlichen Art und Weise: „Zuweilen wird die Frage gestellt, ob man nicht das Tempo etwas verlangsamen, die Bewegung zurückhalten könnte. Nein, das kann man nicht, Genossen! Das Tempo darf nicht herabgesetzt werden! Im Gegenteil es muß nach Kräften und Möglichkeiten gesteigert werden. Das fordern von uns unsere Verpflichtungen gegenüber den Arbeitern und Bauern der UdSSR. Das fordern von uns unsere Verpflichtungen gegenüber der Arbeiterklasse der ganzen Welt. Das Tempo verlangsamen, das bedeutet zurückbleiben. Und Rückständige werden geschlagen. Wir aber wollen nicht die Geschlagenen sein. Nein, das wollen wir nicht! Die Geschichte des alten Rußlands bestand unter anderem darin, daß es wegen seiner Rückständigkeit fortwährend geschlagen wurde. Es wurde geschlagen von den mongolischen Khans. Es wurde geschlagen von den türkischen Begs. Es wurde geschlagen von den schwedischen Feudalen. Es wurde geschlagen von den polnisch-litauischen Pans. Es wurde geschlagen von den englisch-französischen Kapitalisten. Es wurde geschlagen von den japanischen Baronen. Es wurde von allen geschlagen wegen seiner Rückständigkeit. Wegen seiner militärischen Rückständigkeit, seiner kulturellen Rückständigkeit, seiner staatlichen Rückständigkeit, seiner industriellen Rückständigkeit, seiner landwirtschaftlichen Rückständigkeit. Es wurde geschlagen, weil das einträglich war und ungestraft blieb. Erinnern Sie sich der Worte des vorrevolutionären Dichters: „Du bist armselig und reich, mächtig und ohnmächtig zugleich, Mütterchen Rußland.“ Diese Worte des alten Dichters haben sich diese Herrschaften gut gemerkt. Sie schlugen zu und sprachen dabei: „Du bist reich“ - also kann man sich auf deine Kosten bereichern. Sie schlugen zu und sprachen dabei: „Du bist armselig, ohnmächtig“ - also kann man dich ungestraft schlagen und plündern. Das ist nun einmal das Gesetz der Ausbeuter - die Rückständigen und Schwachen werden geschlagen. Das ist das Wolfsgesetz des Kapitalismus. Du bist rückständig, du bist schwach - also bist du im Unrecht, also kann man dich schlagen und unterjochen. Du bist mächtig - also hast du Recht, also muß man sich vor dir hüten.

Das ist der Grund, warum wir nicht länger zurückbleiben dürfen.

In der Vergangenheit hatten wir kein Vaterland und konnten keins haben. Jetzt aber, da wir den Kapitalismus gestürzt haben und die Macht uns, dem Volke, gehört, haben wir ein Vaterland und werden seine Unabhängigkeit verteidigen. Wollen Sie, daß unser sozialistisches Vaterland geschlagen wird und seine Unabhängigkeit verliert? Wenn Sie das nicht wollen, dann müssen Sie in kürzester Frist seine Rückständigkeit beseitigen und ein wirkliches bolschewistisches Tempo im Aufbau seiner sozialistischen Wirtschaft entwickeln. Andere Wege gibt es nicht. Darum sagte Lenin am Vorabend des Oktober: `Entweder Tod oder die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder einholen und überholen.´ Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zuwege, oder wir werden zermalmt.“[32]

Im Ergebnis dieser gigantischen Anstrengung war die Produktionsleistung der sowjetischen Industrie 1940 insgesamt 8,5-mal höher als die Industrieproduktion des zaristischen Rußland von 1913, während der Ertrag der Großindustrie um das 12-fache und der des Maschinenbaus um das 35-fache stieg.

Durch und durch voreingenommen, wie er gegen Stalin war, mußte der Trotzkist Isaac Deutscher dennoch in seiner Biografie über Stalin folgende Zugeständnisse über für den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg bestimmende Faktoren machen: „Es ist eine nicht zu übersehende Tatsache, daß Rußland den Krieg ohne die vorausgehende Industrialisierung, insbesondere der Ostprovinzen und vor allem Sibiriens, unmöglich hätte gewinnen können. Der Krieg hätte auch nicht ohne die Kollektivierung eines großen Teils der Landwirtschaft gewonnen werden können. Der Muschik von 1930, der nie zuvor einen Traktor oder eine andere Maschine gesehen oder angefaßt hatte, wäre in einem modernen Krieg von geringem Nutzen gewesen. Die Kollektivfarmen mit ihren über das ganze Reich verteilten Traktorenstationen waren für die Bauern vorbereitende Schulen für die mechanisierte Kriegsführung gewesen. Durch die rapide Hebung des allgemeinen Bildungsstandards konnte die Rote Armee auf eine erhebliche Reserve intelligenter Offiziere und Mannschaften zurückgreifen. „Wir sind fünfzig bis hundert Jahre hinter den fortschrittlichen Ländern zurück. Wir müssen diesen Abstand in zehn Jahren aufholen. Entweder das gelingt uns, oder sie werden uns zermalmen“ – hatte Stalin genau zehn Jahre vor dem Angriff Hitlers ausgerufen. Diese Worte mußten dem rückblickenden Betrachter als eine großartig erfüllte Prophezeiung erscheinen, durch die das russische Volk zeitgerecht zum Handeln aufgerufen worden war. Und tatsächlich hätte eine Verzögerung der Modernisierung Rußlands um ein paar Jahre zwischen Sieg und Niederlage anders entscheiden können.“[33]

Ebenso verbannte Deutscher jeden Gedanken an die übliche Feindschaft zum Sowjetsystem und malte ein korrektes Bild der sowjetischen Menschen, die von einem starken moralischen Antrieb, einem festen Sinn für ökonomischen und politischen Fortschritt und einer unerbittlichen Entschlossenheit, ihre Errungenschaften zu verteidigen beseelt waren: „... darf man sich nicht der Meinung hingeben, daß die Mehrheit des russischen Volkes ihrer Regierung gegenüber feindselig eingestellt war. Wenn die Lage so gewesen wäre, dann hätten alle Appelle an das Vaterlandsgefühl, alles Bitten und aller Zwang nichts geholfen, und der Sowjetstaat wäre praktisch zusammengebrochen, worauf Hitler sehr gehofft hatte. Die tiefgreifenden Veränderungen, die vor dem Krieg in Rußland vor sich gingen, hatten ... die moralische Widerstandskraft des russischen Volkes gestärkt. Die Mehrheit des Volkes hatte eine feste Vorstellung von den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritten, die in Rußland verwirklichet worden waren und die es gegen jede von außen zu kommende Gefahr zu verteidigen galt.“[34]

3. Die Kommunistische Partei der Sowjetunion (Bolschewiken)

Der dritte Grund für den Sieg der Sowjetunion war, daß sie geführt wurde von solch einer revolutionären proletarischen Partei wie der KPdSU(B), deren Führung wie auch die unteren Ebenen von einem offenen Geist der Hingabe zur Sache des Proletariats und einem aufopfernden Heroismus charakterisiert waren und die über die Achtung der parteilosen Massen verfügten. Von 27 Millionen sowjetischen Menschen, die im Krieg starben, gehörten 3 Millionen der Kommunistischen Partei an. David Hearst vom Guardian, war in seinem Artikel in Verbindung mit den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des VE Days der voller üblichen Anti-Stalinismus war (ohne den kein bourgeoiser Journalist hoffen kann, seinen Job zu halten und seinen Geldbeutel gefüllt zu bekommen), genötigt, dieses Zugeständnis zu machen: „Alle zeitgemäßen Berichte von Kriegsveteranen beweisen einen hohen Grad an ideologischer Bindung aller Ebenen der Gesellschaft, sich nach dem Juni 1941 freiwillig zu melden, die Gebildeten und Ungebildeten gleichermaßen. Warum? In wessen Namen gingen so viele, der Kommunistischen Partei vertrauend, voran in den sicheren Tod? Im Namen des Mutterlandes? Im Namen der Sowjetunion, ungeachtet Stalins übler Führung, wodurch sie selbst unter den ersten Opfern waren?“[35]

Die Pfeffersäcke, denen der Guardian gehört und den Herausgeber durch einen Hinweis auf „Stalins übler Führung“ gleichermaßen befriedigend, und das als seinen makellosen bourgeoisen journalistischen Befähigungsnachweis begründend, stolperte Mr. Hearst trotzdem in die Wahrheit, als er fortfuhr, seine eigene Frage zu beantworten: „Zeitgemäße Augenzeugenberichte deuten auf das Gegenteil. Eine typische Reaktion ist die von Veteran Iwan Martinow: `Jeder von uns weiß, daß es die Kommunistische Parte war, die zu dieser Zeit alles geführt hat. Die Partei bildete die Basis der Staatsmaschine. Jeder wußte, daß wenn unsere Soldaten gefangen genommen wurden, der Nazi-Befehl lauten würde: Kommunisten, Juden und Kommandeure einen Schritt nach vorn!, und sie würden erschossen werden. Deshalb bedeuteten die zahlreichen Eintritte in die Partei nur eins – Heroismus und Glaube in die Sache der Partei.´“[36]

Es wird ihm nicht gefallen, aber wie David Hearst wissen muß, ist es eine Tatsache, daß Millionen von Sowjetsoldaten, Partisanen und Zivilisten mit den Worten: „ Für das Mutterland und für Genossen Stalin“ auf ihren Lippen starben – so war die Liebe und Zuneigung, mit der die sowjetischen Massen ihr sozialistisches Mutterland und ihren Steuermann in Ehren hielten, so war die Ausstrahlung („der üblen Führung“, wenn das die bourgeoisen Schmierer und weitere solcher anti-proletarischen Leute erfreut) von Josef Stalin, der die sowjetischen Menschen zu beispiellosen Heldentaten anregte.

„Bis November 1942 besetzten die Deutschen ca. 1,8 Millionen Quadratkilometer des sowjetischen Territoriums mit einer Vorkriegsbevölkerung von 80 Millionen Menschen. Millionen von sowjetischen Einwohnern wurden gezwungen, ihre Städte, Dörfer, Betriebe und Fabriken zu verlassen und ostwärts umzuziehen, um der Besetzung zu entgehen. Sowjetische Truppen waren durch die extrem schwierige militärische Situation gezwungen, mit beträchtlichen Verlusten an Männern und Material ins Landesinnere zurückzuweichen. Doch auch in dieser schweren Zeit verloren das Sowjetvolk und unsere Streitkräfte nicht den Glauben, daß der Gegner zerschlagen werden würde. Die tödliche Gefahr ließ unser Volk sich noch enger um die Kommunistische Partei zusammenschließen, und trotz der Schwierigkeiten wurde der Gegner in allen Richtungen endgültig aufgehalten. ... Im Zuge dieser erbitterten Schlachten bestätigte sich der Massenheroismus der sowjetischen Soldaten und die Tapferkeit ihrer von unserer Leninschen Partei erzogenen Kommandeure und Generale. Eine besonders große Rolle spielte das persönliche Vorbild der Kommunisten und Komsomolzen, die bereit waren, sich selbst zu opfern, um den Sieg zu erringen.“[37]

4. Die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken

Der vierte Grund für den sowjetischen Sieg war die Existenz dieser in der Geschichte der Menschheit einzigartigen Institution, und zwar der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) – ein multinationaler Staat, der nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution folgerichtig vom siegreichen Proletariat errichtet wurde und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen innerhalb jedes seiner einzelnen Teile sowie die Ausbeutung einer Nation durch die andere beseitigt hatte. In Wahrheit war das eine freie und brüderliche Gemeinschaft von Nationen, die zusammen lebten, um eine gemeinsame strahlende Zukunft zu errichten, und wo der Schaden eines einzelnen als Schaden für alle angesehen wurde.

David Hearst zitierte in dem oben angeführten Artikel Professor Juri Poljakow, einen Historiker und Mitglied der Akademie der Wissenschaften, der alle Gründe, die die sowjetischen Menschen zum heroischen Widerstand und Sieg im Großen Vaterländischen Krieg anregten, zusammenführte: „Die Arbeiter und Bauern kämpften für ihren sozialistischen Staat. Ein Kasache oder Kirgise, die im sowjetischen Reich das erste Mal in ihrer Geschichte ihre Eigenstaatlichkeit erhielten, kämpften für ihr Mutterland, Kasachstan oder Kirgisien. Die deutsche Invasion rief ein sehr starkes Gefühl für die Gefahr hervor, in der sich die Sowjetunion befand. Jeder verstand, daß die Union unter deutscher Herrschaft zerstört werden würde. Aber die Ideologie spielte auch ihre Rolle ... Die Generale und die Offiziersklasse waren einfache Menschen, die an die Gerechtigkeit des Kampfes und des Staates, den sie verteidigten, glaubten. In großem Maß war dieser Glauben verbunden mit dem Glauben an die sowjetische Macht, als die Kraft, die der ganzen Union wirtschaftliche Entwicklung gebracht hatte.“[38]

Und das sind die Worte eines Professors aus Jelzins überaus antikommunistischem Rußland, wo den „Historikern“ große Bestechungsgelder gezahlt wurden für „Geschichten“, die die frühere Sowjetunion und ihre Führung in den dunkelsten Farben malen, wo, vom armen Stalin ganz zu schweigen, Biografien zum großen Lenin herausgebracht wurden, die ihn in diesen schmeichelhaften Tönen beschrieben: „Lenin war der Anti-Christ ... alle großen Unruhen Rußlands stammten von ihm.“

Haben wir nicht immer gesagt, daß der Anti-Stalinismus nur eine Hülle für den Anti-Leninismus ist? Seit der sowjetische Staat zerstört und der Kapitalismus wiederhergestellt ist, müssen die Nachfolger Chrustschows nicht länger in verschlüsselter äsopscher Sprache sprechen.

Nach der Aufführung von Professor Poljakow schloß David Hearst seinen Artikel mit der passenden Beobachtung: „Wenn diese Erklärung richtig ist, haben die Motive hinter den immensen Bemühungen und hohen Kosten, die Deutschen zu vertreiben, beunruhigende Konsequenzen für die heutige postkommunistische Führung: der Große Vaterländische Krieg ist ein Denkmal für die drei Institutionen, die Jelzin zerstört hat – die Kommunistische Partei als die organisierende Kraft, den Sozialismus als die Staatsideologie und die Sowjetunion als die tätige kollektive Instanz. Sogar die Entscheidung, den 50. Jahrestag des D-Days mit einem eindrucksvollen Staatsakt feierlich zu begehen, ist eine Änderung der Politik. Vor vier Jahren nahm nicht ein einziger Staatsführer an der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Schlacht von Moskau teil. Vergangenes Jahr war es die Befreiung der eher bescheidenen Stadt Nowgorod: eine relativ kleine Befreiung im Vergleich zu den massiven Verlusten von Moskau, aber Jelzin war darum besorgt, seine Grüße an die Einwohner zu schicken. Die Kampagne von 1995, den Großen Vaterländischen Krieg für Rußland kulturfähig zu machen, anstatt der Geschichte der Sowjetunion, hatte begonnen. Es ist unbestreitbar, daß die heutigen Völker der früheren Sowjetunion in Anbetracht des 60. Jahrestages ihres Sieges im Großen Vaterländischen Krieg, wie gewiß 10 Jahre zuvor aus Anlaß des 50. Jahrestages, mit der Ehrung der Tapferkeit, des Heldenmutes, der Aufopferung, der Standhaftigkeit und dem unerschütterlichen Gefühl für die Sache ihrer sowjetischen Väter und Großväter in dem gigantischen Kampf (mehrere 10 Millionen erinnern sich an ihren eigenen Beitrag darin), gar nicht anders können, als sich an ihr sozialistisches Mutterland zu erinnern und ihre gegenwärtige Misere (die Großzügigkeit der Wunder der kapitalistischen Restauration mit ihrer Mafiawirtschaft, Prostitution, illegalem Drogenhandel, Straßenkriminalität, Mord an alten Menschen, um deren Wohnungen zu ergattern, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Unterwerfung unter den ausländischen Imperialismus) mit dem Leben unter der früheren glänzenden Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zu vergleichen. All das kann nichts Gutes verheißen für die heutigen Zaren Rußlands.“

Anfängliche sowjetische Rückschläge

Dem faschistischen deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 folgten erhebliche sowjetische Rückschläge und der Verlust von großen Teilen des sowjetischen Gebietes. Wie sind diese Rückschläge zu erklären? Die bürgerlich-trotzkistische Erklärung für diese Rückschläge läuft auf eine schamlose Verzerrung der Geschichte hinaus, wie das für diese Leute kennzeichnend ist. Das geht ungefähr so: Stalin vertraute Hitler, daß er die UdSSR nicht angreifen würde, und deshalb, so argumentieren sie, wurde der sowjetisch-deutsche „Nichtangriffspakt“ unterzeichnet; Stalin hat „die Armeetruppen dezimiert, unter anderen Marschall Tuchatschewski („möglicherweise der hervorragendste russische Soldat dieses Jahrhunderts“) hingerichtet; es gab keine erfahrene kommunistische Führung, seit Stalin sie alle „entweder getötet oder eingesperrt“ hat; Stalin hat militärische Vorbereitungen unterlassen; er hat das Landvolk gegen sich aufgebracht durch „aufgezwungene Kollektivierung“ und so weiter und so fort, widersinnig in jedem Fall. Wir haben diese bedeutenden Fragen weiter oben behandelt, aber sollten dennoch nebenbei erwähnen, daß die Leute, welche die sowjetischen Rückschläge auf ein Fehlen an Führung zurückführen, eben dieselben Leute sind, die die nachfolgenden sowjetischen Erfolge den führungslosen sowjetischen Menschen zuschreiben! Nein, die Märchen und Verleumdungen dieser hysterischen bürgerlichen Trotzkisten, verkleidet als historische Erklärungen, werden keine genaue seriöse Prüfung bestehen.

Hier sind nun also die wahren Gründe für die sowjetischen Rückschläge.

1. Überraschungsangriff

Zuallererst hatten die Hitleristen den Vorteil eines Überraschungsangriffs. Die Überraschung hat keinesfalls jene Bedeutung, welche ihr in diesem Zusammenhang von den Trotzkisten und anderen bürgerlichen Ideologen gegeben wird, nämlich, daß Stalin Hitlers Angriff auf die Sowjetunion nicht erwartet hätte. Was für Witzbolde diese Leute sind! Natürlich wußte er, daß die Hitlerfaschisten die Sowjetunion mehr als jedes andere Land haßten und daß sie darauf aus waren, den Kommunismus zu zerstören. Jeder Dummkopf, auch die der trotzkistischen Sorte, war gut unterrichtet zu diesem Fakt. Obwohl die faschistischen Vorhaben so klar waren, wie es klarer nicht geht, konnte dennoch das tatsächliche Datum des Angriffs eine Überraschung