Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 7/06

Herausgeber: Verein zur Förderung demokratischer Publizistik (e.V.)

Spendenempfehlung: 3,00 €


Kurt Gossweiler

Brief an Robert Steigerwald

Inclusive vorhergehender und nachfolgender Korrespondenz


zwischen
Kurt Gossweiler und Robert Steigerwald


Inhalt


„Ich habe mich mit dem Faschismus und mit dem Revisionismus vor allem deshalb beschäftigt, weil ich die Ursachen für unsere tiefen Niederlagen begreifen musste“; so hat Kurt Gossweiler im März dieses Jahres beim Auftaktseminar unseres marxistisch-leninistischen Fernstudiums in Strausberg bei Berlin Motivation und Ziel seiner historischen Forschungstätigkeit umrissen.

Wer ihn kennt weiß, dass geschichtliche Analysen für ihn kein Selbstzweck sind, sondern dass er sie für politische Schlussfolgerung nutzt.

So auch in diesem Heft:

Weil „der Sozialismus nicht vom `Stalinismus`, sondern vom Revisionismus zugrunde gerichtet wurde“ (Brief an Steigerwald vom 27.3.06), „kann die Lehre … nur lauten: Keine Revision des Marx-Leninschen `Partei- und Machtkonzepts`, sondern konsequenter Kampf gegen alle Versuche, es durch ein `modernes`, angeblich `demokratischeres`, zu ersetzen!“

(Brief an Steigerwald vom 10. 12. 05) 

Redaktionsnotiz

Es war geplant, dass der Brief von Kurt Gossweiler an Robert Steigerwald mit der darauf folgenden Korrespondenz der beiden in den „Marxistischen Blättern“ erscheinen sollte, weil er, wie Kurt Gossweiler am 9.3.06 an Robert Steigerwald schrieb, „da natürlich eigentlich hingehört“. Indes, man wollte ihn dort nicht.

Als Kurt Gossweiler uns fragte, ob wir ihn bringen würden, zögerten wir nicht lange. Schließlich ist der „Brief an Robert Steigerwald“ unserer Meinung nach eine ausgezeichnete Darstellung der Geschichte des Niedergangs des Sozialismus. In konzentrierter und straffer Form dargelegt und dabei trotzdem ausführlich an konkreten Fakten abgesichert, das macht die Qualität dieser Arbeit aus, die wir mit für das Beste halten, was es zum Thema zur Zeit gibt. Besonders positiv ist neben der Klarheit und Präzision der Argumentation die Art der Ansprache, handelt es sich doch nicht um einen eher abstrakten Artikel, sondern um einen persönlichen Brief. Dieser Stil bekommt dem doch recht komplizierten Thema sehr gut.

Des weiteren freuen wir uns sehr, dass Robert Steigerwald die Zustimmung zur Veröffentlichung des nachfolgenden Briefwechsels gab, denn die konkrete Diskussion und Auseinan-dersetzung, Reaktion und Gegenreaktion sind immer interessant und lehrreich.Wir haben das Heft in vier Teile gegliedert: es gibt als Erstes unter der Überschrift „Vorausgehendes“ einen Brief von Robert Steigerwald incl. eines Zusatzes und eines Anhangs, nämlich eines Textes von Kurt Gossweiler und eines Artikels von Robert Steigerwald über den XX. Parteitag der KPdSU aus der UZ, der der Auslöser für die an zweiter Stelle abgedruckte ausführliche Antwort Kurt Gossweilers, den – eigentlichen - „Brief an Robert Steigerwald“ war. Diesen Brief veröffentlichen wir hier mit seinem Begleitschreiben als zweiten Teil des Heftes. Darauf folgt als dritter Teil der Dokumentenanhang dazu und schließlich als Viertes die sich anschließende Korrespondenz zwischen Kurt Gossweiler und Robert Steigerwald. Dieses Heft kostet uns in Herstellung und Vertrieb rund 1.100,00 € - und das außerplanmäßig! Wir hoffen, dass Ihr es für ebenso wertvoll haltet wie wir und uns deshalb mit den Kosten nicht alleine lasst!Spendenkonto „Offensiv“:

Spendenkonto Inland: Konto Frank Flegel, 30 90 180 146 bei der Sparkasse Hannover, BLZ 250 501 80; Kennwort „Offensiv“

Spendenkonto Ausland: Konto Frank Flegel,

Internat. Kontonummer (IBAN): DE10 2505 0180 0021 8272 49,

Bankidentifikation (BIC): SPKHDE2HXXX; Kennwort „Offensiv“

                                                                                                                     Redaktion Offensiv, Hannover

Vorhergehendes

Robert Steigerwald

Brief an Kurt Gossweiler vom 11. 9. 2002

Lieber Genosse Kurt,

ich habe Deine Sache zu Schirdewan[1] und die Revisionismus-Kritik gelesen.

Zu Schirdewan: Möglich ist, dass er tatsächlich „damals“ so dachte, wie er sich im Interview äußerte und dass er das Referat „damals“ entsprechend der „Körperschaftsdiziplin“ so hielt, wie er es hielt, also im Widerspruch zu seiner wirklichen Meinung. Möglich ist aber genau so, dass er sich heute als ein Opfer und (verhinderter) Märtyrer hinstellen will (wollte). Ersteres ist problematisch und zum zweiten meine ich, er hätte den Mund halten sollen. Es gibt einen nicht unwichtigen Punkt, da befinde ich mich nicht auf dem Boden von Parteibeschlüssen. Komme ich (selten) in die Lage, mich dazu äußern zu müssen, sage ich, worin die Position der Partei besteht und dass ich sie nicht teile, erst auf Nachfragen sage ich dann, was ich für richtig halte. Ich könnte mir vorstellen, in einer Rede die Position der Partei darzustellen, aber nicht, sie zu verteidigen. Einmal habe ich, auch öffentlich, etwas verteidigt und hatte dabei das Gefühl, die Gegenposition könne auch stimmen. Vertrauend auf die sowjetischen Informationen habe ich deren Darstellung des Falls Katyn gerechtfertigt. Das geschah ohne Zwang, aus freien Stücken. Ich kann mich an keinen Fall erinnern, wo die Partei einen Genossen gezwungen hätte, öffentlich für etwas einzustehen, hinter dem er nicht stand.

Zu Deiner Kritik an mir:

Ich habe sicherheitshalber meinen „UZ“-Beitrag zum XX. Parteitag jetzt nochmals gelesen und habe keinen Grund, Deine Kritik zu akzeptieren. (Vorsorglich hänge ich diesen Aufsatz meinem Brief an.)

Du führst am Ende Deines Vortrags eine Art Redetext ein, wie man mit den Dingen hätte umgehen können. Dem Wesen nach sagst Du: Was passiert ist, war als Reaktion, als Vorsichtsmaßnahme angesichts der vom deutschen Faschismus ausgehenden tödlichen Gefahr notwendig[2]. Das bedeutet zunächst, dass Du die Fakten (Lager usw.) nicht leugnest, sondern sie nur anders erklärst, deutest. Ich stimme Dir zu, dass es vielfache Aktivitäten gegeben hat, fünfte Kolonnen aufzubauen, dass für den Kriegsfall bestimmte Bevölkerungsgruppen sich als besonders anfällig für antisowjetische Aktivitäten erweisen konnten (und darum deportiert oder inhaftiert werden mussten – die USA haben während des Krieges gegen Japan „ihre“ Japaner auch interniert), auch – dazu sagst Du zwar nichts, aber das dürfte zwischen uns kein Problem sein – dass es stets auch Versuche gegeben haben dürfte, Stalin zu entmachten usw. Dabei dürften die Motive andere gewesen sein als jene, die Du annimmst (Wiederherstellung des Kapitalismus). Warum sollten Leute, die an der Revolution, am Bürgerkrieg teilgenommen hatten und in hohe und höchste Funktionen gelangt waren, sich den Ast absägen, auf dem sie saßen? Da haben sicher andere Motive gewirkt, deren Existenz ich unter Kommunisten früher nicht für möglich gehalten hätte: übertriebener Ehrgeiz, Selbstüberschätzung usw. Aber ich kann Dir auch noch zustimmen, dass, wo es solche Aktivitäten gibt, zugeschlagen werden muss.

Dennoch enthält Dein Rede-Text-Vorschlag ein paar Fehler:

Erstens begann das System der Lager vor dem Machtantritt der Nazis mit den teilweise bürgerkriegsähnlichen Zuständen während der Kollektivierung. Da wäre dann zu fragen, in wie weit die Art und Weise der Durchführung dieser zweiten Revolution zu solchen Zuständen geführt hat, also die Frage von Ursache und Wirkung. Aber das ist für mich nicht mal so wichtig.

Selbst wenn ich all die Maßnahmen hinnehmen könnte, die mit dem Kampf gegen die fünfte Kolonne für nötig erachtet wurden, stellt sich ja die Frage: Warum wurden diese Maßnahmen nach der Zerschlagung des Hitler-Faschismus beibehalten? „Deine“ Rede, die hätte doch Stalin oder sonst wer auf dem XIX. Parteitag halten können, und das wäre dann auch immerhin sieben Jahre nach dem Ende des Hitler-Staates gewesen. Und es gingen dann noch einmal vier Jahre ins Land, ehe mit dem XX. Parteitag die Dinge geändert wurden.

Aber auch das ist noch nicht alles, was man gegen Deinen Rede-Vorschlag einwenden muss! Stalin hat nämlich eine solche Rede, als das – vorausgesetzt, man akzeptiert Deine Begründung für den Terror – angängig gewesen wäre, nicht nur nicht gehalten, sondern er hat, als diese Maßnahmen einem Höhepunkt zusteuerten, ganz andere Reden vorgetragen, Du kennst sie natürlich.

Völlig zutreffend betont er 1936, dass die Arbeiterklasse des Sowjetlandes kein Proletariat mehr sei, da sie die Produktionsmittel besitze. Er betonte sowohl 1936 in der Verfassungsrede als auch in seiner Rede auf dem XVIII. Parteitag (1939, im Abschnitt über Fragen der Theorie), dass die Ausbeuterklassen verschwunden seien (meines Erachtens hat er da die langfristigen ideologischen, politischen und auch sozialen Nachwirkungen überwundener Klassen unterschätzt, aber das spielt jetzt hier keine Rolle). Da es keine Ausbeuter mehr gebe, gebe es auch niemanden mehr, der zu unterdrücken wäre!! (Fragen des Leninismus, Moskau 1947, S. 727). Man habe jetzt, „wie ihr seht … einen völlig neuen, sozialistischen Staat, wie ihn die Geschichte noch nicht gekannt hat…“ (S. 728). Na, ist es von da zur These Chruschtschows vom Volksstaat ein großer Schritt?? In der Rede zur Verfassung setzte er sich mit Vorschlägen zur Änderung der Verfassung auseinander. Da kommen denn auch die Geistlichen, die ehemaligen Weißgardisten, alle „Ehemaligen“ und Personen, die sich nicht mit gemeinnütziger Arbeit befassen (S. 643), zur Sprache. Es gab Zeiten, wo sich diese Elemente im offenen Kampf gegen die Sowjetmacht befunden hätten. „Seitdem ist nicht wenig Zeit verstrichen“ (S. 643). Er geht der Frage nach, ob sich solche Elemente nicht in die obersten (!) Organe des Landes einschleichen könnten und weist diese Vermutung mit recht gründlichen Argumenten zurück!

Das war gesagt, als Hitler an der Macht war und teilweise sogar erst im März 1939, da Stalin doch schon davon sprach, dass der zweite Weltkrieg bereits begonnen, dass er sich schon an 500 Millionen Menschen herangeschlichen habe! (S. 685) Damals wäre eine Rede in etwa von der Art, wie Du sie skizziertest, denkbar, möglich gewesen. Man hätte sie den meisten Menschen verständlich halten können, aber es wurden ganz andere Reden gehalten – und zugleich Maßnahmen ergriffen, die solchen Reden direkt widersprachen.

Was die Frage der fünften Kolonnen angeht, möchte ich an Namen unserer erschossenen Genossen erinnern. Den Genossen Hugo Eberlein kannst Du nicht unter die Kategorie der fünften Kolonne einreihen. Nicht alle ehemaligen führenden Genossen der KPD, die erschossen wurden, mögen eine reine Weste gehabt haben, das kann man mit dem uns zur Verfügung stehenden Material weder behaupten noch widerlegen. Aber dass sie allesamt Agenten gewesen sein sollen, stellte der Partei, die solche Leute in ihre Führung nahm, ein schlechtes Zeugnis aus. Zumal bekannt ist, dass den Verurteilungen in nicht wenigen Fällen Folter vorausging, um „Geständnisse“ zu erlangen, die dann einfach als Grundlage für andere Prozesse dienten. Harry Schmidt, er schrieb es mir, hatte Dir Namen von noch lebenden Genossen benannt, die Du als Zeugen hättest befragen können, Harry schrieb, Du hättest das nicht getan! Oder wie steht es um solche unserer Genossen, die dann nach dem Krieg an die Reihe kamen: Fritz Sperling, Erich Jungmann, Alfred Drögemüller (unser Jupp Schleifstein hatte „nur“ Glück) usw. usf. Das fällt alles nicht unter Deine Entschuldigungsrede.

Ich bleibe also bei meiner den Aufsatz zum Parteitag einleitenden These. Sie bezieht sich auf Terror, nicht auf die politischen Thesen des XX. Parteitages, die Ihr als revisionistisch einschätzt. Im Zeitungsbeitrag habe ich solche Punkte nur „wertneutral“, „objektivistisch“ benannt, weil der Raum, sie zu erörtern, da fehlte und ich sie nicht umstandslos so bewerte wie Ihr.

Du willst dann den von mir formulierten Widerspruch wegwischen, meinst, ich machte es mir zu leicht. Wirklich? Zunächst, der XX. Parteitag hatte ja zwei Teile, einen öffentlichen und offenen und einen geheimen. Der geheime war von einem Kollektiv vorbereitet worden, ich habe im Aufsatz die Namen genannt. Guck sie Dir an, das sind alles altgediente Genossen! Der öffentlich stattgefundene war ja auch nicht allein Chruschtschows Werk. Ich nannte Namen, und das waren alles Genossen, die entweder schon an der Revolution teilgenommen hatten oder doch zumindest durch die „Schule“ Stalins gegangen waren. Sie wurden auf dem XIX. Parteitag gewählt. Da wirkte Stalin noch. Und sie hatten die Partei in der Hand, mussten nicht erst mittels des Parteitags versuchen, sie in die Hand zu kriegen, wie Du schreibst. Wenn ihre Thesen im Referat des ZK revisionistisch waren, so war ihr Revisionismus bereits in der Periode ihres Werdens zu Parteiführern in der Stalin-Zeit entstanden.

Ich denke also, wenn es sich einer von uns beiden zu leicht macht, so bin ich es bestimmt nicht.

Was mir bei der ganzen Argumentation Deinerseits besonders aufstößt, das ist die Verschwörungs- und Agententheorie. Da wird Browder zum Ursprungsherd des modernen internationalen Revisionismus, den Tito in den Sozialismus beförderte. Merkst Du nicht, dass Du da Leute überhöhst? Muss man sich nicht vielmehr fragen – ich tue es –: wieso sind nach dem zweiten Weltkrieg Prozesse in Gang gekommen, nicht nur in der SU, nicht nur in sozialistischen Ländern, die zu einem solchen weit verbreiteten neuen Revisionismus geführt haben? Hat das nur persönliche Gründe und Hintergründe? Gibt es da nicht eine massenhaft herausgebildete soziale Basis für solchen neuen Opportunismus und Revisionismus? Und worin haben sie bestanden? Ich habe in meinem Beitrag für die „Weißenseer Blätter“ (Über die Gründe für das Entstehen von Meinungsverschiedenheiten zwischen Kommunisten) ein wenig über diese Frage nachgedacht und meine, das müsste man fortsetzen und vertiefen. Jedenfalls reicht das Verrotten dieser oder jener Persönlichkeit allein nicht aus, solche Prozesse zu verstehen. Ideologische Deformation dieses Ausmaßes gelang nur, weil es dafür einen sozialen Boden gab (und gibt). Wenn wir nicht diese objektiven und subjektiven Faktoren beachten, stoßen wir mit unserem Kampf ins Leere. Mit der Verschwörungs- und Agententheorie erreichen wir nicht die wirklichen Gründe.

Lieber Kurt, ich habe nicht wenig gestaunt, wie Du nach Ende der Konferenz mit dem Auto losgeflitzt bist, Du bist doch noch ein paar Jahre älter als ich, fahren tust Du aber wie ein junger Kerl. Offensichtlich bist Du noch bei guter Gesundheit (ich auch). So möge es noch lange bleiben.

Mit kommunistischem Gruß,
Robert Steigerwald


Zusatz zum Brief von Robert Steigerwald

Kurt Gossweiler: Redetext, wie man mit den Dingen hätte umgehen können

(…) Wäre Chruschtschows Ziel nicht gewesen, mit seiner „Geheimrede“ Stalins Autorität ein für alle mal zu zertrümmern, um nicht ständig an ihm gemessen zu werden und um für seine konterrevolutionäre Kursänderung freie Bahn zu haben; und hätte zu seinen Absichten nicht auch gehört, der Überzeugung der Sowjetbürger in die Gerechtigkeit ihrer Sache und dem Stolz auf ihre Sowjetmacht einen tödlichen Schlag zu versetzen; hätte er wirklich nur im Sinn gehabt, den unschuldigen Opfern der „Säuberungen“ Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und die geschichtliche Wahrheit über die Zeit der Repression darzulegen, dann hätte in seinem Bericht etwa das Folgende gesagt werden müssen:

„1936, nach der Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland, nach der Aufrüstung des faschistischen Deutschlands unter Duldung und sogar mit Hilfe der Westmächte, nach dem Verrat der Westmächte an der Spanischen Republik, standen wir vor der Gefahr, vom faschistischen Deutschland – möglicherweise sogar im Einvernehmen mit den Westmächten -, überfallen zu werden und uns allein der stärksten Militärmacht der ganzen Kriegsgeschichte gegenübergestellt zu sehen, von der wir aus dem Spanienkrieg schon wussten, was sich dann in Norwegen und Frankreich später wiederholte, nämlich, dass der faschistischen Wehrmacht im Hinterland der überfallenen Länder „fünfte Kolonnen“ von Quislingen und Verrätern zu Hilfe kamen.

Wie groß die Gefahr des Überfalles war, zeigte sich noch viel deutlicher mit dem Münchner Abkommen der Westmächte mit Hitler und der Auslieferung der Tschechoslowakei an ihn, mit der Weigerung der Westmächte, mit uns einen Vertrag über kollektive Sicherheit und gegenseitigen Beistand zur Bändigung Hitlerdeutschlands abzuschließen.

Unsere Vorbereitungen auf den faschistischen Überfall mussten also auch der Verhinderung der Bildung einer „fünften Kolonne“ in unserem Hinterland gelten. Noch gab und gibt es bei uns Feinde der Sowjetmacht, einst von uns enteignete Kulaken und ihre Nachkommen, Reste der zerschlagenen Gruppen der Trotzkisten und andere Oppositionsgruppen – hatte doch Trotzki mehrfach in seinen Veröffentlichungen dazu aufgerufen, im Kriegsfalle den Aufstand gegen den „Stalinismus“ zu beginnen; ferner Leute, die mit den Deutschen sympathisierten, z.B. unter den Wolgadeutschen oder bei bestimmten Nationalitäten wie den Krimtataren oder den Tschetschenen.

Also mussten wir angesichts der tödlichen Bedrohung alles tun, um es möglichen Feinden der Sowjetunion unmöglich zu machen, im Hinterland mit „fünften Kolonnen“ den faschistischen Überfall zu unterstützen.

Dabei mussten wir in Rechnung stellen und in Kauf nehmen, dass es bei Säuberungen so großen Ausmaßes, wie wir sie für notwendig erachteten, nicht auszuschließen war, dass auch Unschuldige – sei es wegen absichtlicher Falschbeschuldigungen durch feindliche Elemente, sei es aus Übereifer örtlicher Organe, sei es durch Anlegen eines zu pauschalen Rasters – in erheblichem Umfange von den Maßnahmen betroffen sein würden, wie es dann auch der Fall war.

Aber wir hatten damals abzuwägen, was schwerer wog: wenn wegen ungenügender Sicherungsmaßnahmen die Sowjetmacht zugrunde ging, oder wenn bei unseren Sicherungsmaßnahmen nicht nur echte Feinde, sondern auch unschuldige und sogar eigene Leute getroffen würden.

Die Partei hat sich für die Sicherung der Sowjetmacht als der allem anderen übergeordneten Pflicht entschieden.

Jetzt aber ist es an der Zeit, dabei begangenes Unrecht aufzuklären und wiedergutzumachen.“

So oder so ähnlich hätte eine ehrliche, kommunistische Stellungnahme zu der für jeden Kommunisten schmerzlichsten Seite der Geschichte der Sowjetunion lauten müssen.

Eine kommunistische, das heißt wahrheitsgemäße Schuldzuweisung auch für diese Opfer hätte darüber hinaus klar aussprechen müssen, dass auch ihre Leiden und ihr Tod wie der von 25 Millionen Sowjetsoldaten und der von 50 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges auf das Konto derer geht, die die Führung der Sowjetunion vor eine solch grausame Entscheidung stellten – auf das Konto Hitlers und des deutschen Imperialismus in erster Linie, in zweiter aber auch auf das Konto derer, die Hitlerdeutschland aufrüsteten, um es als Stoßkeil gegen die Sowjetunion zu lenken und seine Bändigung durch ein kollektives Sicherheitsbündnis sabotierten.

In dem Chruschtschow statt dessen Stalin als Massenmörder hinstellte, übernahm nun der Führer der KPdSU die bisher nur über die westlichen Medien verbreiteten antisowjetischen Hetz-Lügen aus den Küchen der imperialistischen Spezialisten für psychologische Kriegsführung und verkündeten sie als Wahrheit.

Von daher kommt es, dass ehrliche und überzeugte Kommunisten auch heute noch bedenkenlos die giftige Verleumdung weitergeben, Stalin habe mehr Kommunisten umgebracht als Hitler.

Die Wahrheit ist, dass alle Kommunisten, alle Kämpfer gegen den Faschismus und alle Juden, die im vom Faschismus besetzten Europa überlebt haben, dies vor allem der Sowjetunion, der Roten Armee und damit auch Stalin verdanken.

Dessen waren sich damals die Menschen weltweit bewusst. (…)

Kurt Gossweiler,
Vortrag bei einer Veranstaltung von DKP, KPD und PDS
am 27. März 2004 in Bernburg


Robert Steigerwald

Vor 45 Jahren: XX. Parteitag der KPdSU

Im Februar vor 45 Jahren fand in Moskau der XX. Parteitag der KPdSU statt, ohne Zweifel ein Ereignis, bedeutender als die meisten KPdSU-Parteitage. Er brach mit einer ganzen Periode der Entwicklung von Partei und Gesellschaft. So beendete er das System schwerer Verletzungen sozialistischen Rechts und sozialistischer Ideale, wie es sich, beginnend gegen Ende der 20er Jahre, in der Sowjetunion herauszubilden begann. Millionen Menschen kamen aus Lagern und Verbannung frei. Viele andere konnten zumeist erst postum rehabilitiert werden. Im Umgang mit der Theorie, mit der Darstellung der Parteigeschichte kam es zu einer Wende. Auf wichtigen Gebieten wurden neue Einschätzungen getroffen. Diese Wende hatte tief greifende Auswirkungen nicht nur auf die sowjetische, sondern auf alle kommunistischen Parteien, auf ihre Beziehungen untereinander und, darüber hinaus, auf die Beziehungen zwischen den Staaten.

Warum kam es zu einer solchen durchaus grundlegenden Wende? Es gab hierfür mehrere Gründe, die teilweise auf eigenartige Weise miteinander verschränkt waren.

Zunächst ging es darum, das Willkür-Regime zu überwinden, wenigstens eine Reihe elementarer Bedingungen von Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit einzuführen, also dem Land und seiner Bevölkerung eine bedrückende Last abzunehmen.

Von völlig anderer Art war ein anderer Grund. In der gleichen Zeit und trotz aller schweren Willkür-Handlungen war die Sowjetunion ökonomisch, sozial, politisch und auch ideologisch zu einer mächtigen Kraft herangewachsen. Anders als das vorrevolutionäre Russland erwies sie sich in einem Weltkrieg als siegreich. Sie war im Stande, der bis dahin stärksten Militärkoalition entgegenzutreten, Hitler das Genick zu brechen, zur zweiten Weltmacht emporzustreben. Wenige Monate nach dem XX. Parteitag trat das vor aller Welt sichtbar in Erscheinung: die Sowjetunion hinderte während der Suez-Krise England und Frankreich an einer Intervention gegen Ägypten. Die Sowjetunion war nicht mehr das einzige sozialistische Land, denn die chinesische Volksrevolution hatte gesiegt, und es war eine Gruppe Staaten entstanden, die das Tor zur sozialistischen Entwicklung aufbrachen. Überdies war das alte imperialistische Kolonialsystem zerbrochen.

Diese Hintergründe ermöglichten es der Partei, mit einem neuen Selbstbewusstsein, aus eigener Kraft, ohne Druck von außen, mit den Fehlern und schweren Verstößen der eigenen Geschichte abzurechnen. Auf die Art, mit der dies geschah, auf den Inhalt der gefassten Beschlüsse und auf die Kritik daran komme ich noch zu sprechen.

Welche hauptsächlichen Beschlüsse fasste der Parteitag?

Er forderte die Festigung der Beziehungen zwischen den sozialistischen Staaten, die Entwicklung solidarischer Beziehungen zu den vom Kolonialjoch befreiten Staaten, die Unterstützung der revolutionären Bewegungen in der Welt, das Festhalten an der Lenin’schen Politik der friedlichen Koexistenz von Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen, die entschlossene Verteidigung des Friedens und die Stärkung der Verteidigungskraft des Landes.

Friedliche Koexistenz sei Form des Klassenkampfs auf internationalem Gebiet, schließe eine Versöhnung von sozialistischer und imperialistischer Ideologie aus. Sie diene dazu, einen atomar geführten Krieg zu vermeiden, was auch bedeute, Streitfragen möglichst durch Verhandlungen zu lösen. Das Recht eines jeden Volkes, über seine Entwicklung selbst zu entscheiden, wurde unterstrichen, Export der Revolution nach wie vor abgelehnt, der Sozialismus könne nur aus der Entwicklung der inneren Widersprüche eines Staates hervorgehen.

Neu – und in der Folge heftig umstritten – war die These, dass es unter den neuen Kräfteverhältnissen möglich sei, einen Weltkrieg zu verhüten. Angesichts des Wirkens der Entwicklungsgesetze des sozialistischen Lagers seien jene des Imperialismus nicht länger allein bestimmend. Folglich bestehe die Möglichkeit, den Imperialismus an der Auslösung eines imperialistischen Krieges zu hindern. Die Aggressivität des Imperialismus sei nicht zu leugnen, nur kann er nicht mehr allein den Gang der Weltentwicklung bestimmen. Allerdings erfordere dies, dass die Friedenskräfte in der ganzen Welt mit aller Kraft den Kampf gegen den imperialistischen Krieg entfalten.

Wichtig war auch die These, dass es durchaus unterschiedliche Formen und Wege des Übergangs zum Sozialismus geben könne, es nicht unbedingt eines Bürgerkrieges bedürfe. Das Lager der in den Kampf gegen den Imperialismus, für den gesellschaftlichen Fortschritt einzubeziehenden Klassen und Schichten könne so ausgeweitet werden, dass es zur Isolierung der imperialistischen Kräfte kommen könne. Das bedeute nicht, das Vorhandensein von Bedingungen zu leugnen, da der Kampf für den gesellschaftlichen Fortschritt auf den bewaffneten Widerstand reaktionärer Kräfte stoßen und folglich zum Bürgerkrieg führen könne. Die Kommunisten müssten darum fähig sein, die unterschiedlichsten Kampfformen zu beherrschen, darunter auch die parlamentarischen. Die Kommunistische Partei Großbritanniens hatte bereits Jahre zuvor (noch zu Stalins Lebzeit) ein Parteiprogramm beschlossen, das den parlamentarischen Weg zum Sozialismus akzeptierte.

Was diese Beschlüsse angeht, so ist Kritik hauptsächlich wegen einer sie prägenden voluntaristischen Tendenz angebracht. Diese trat freilich erst auf dem XXII. Parteitag in den Beschlüssen zum neuen Parteiprogramm mit aller Deutlichkeit zu Tage.

Das betrifft die Einschätzung der internationalen Lage. Im Vollgefühl der eigenen Stärke wurde jene des Imperialismus und dessen Bereitschaft, sich mit den gegebenen Bedingungen keinesfalls abzufinden, jetzt und vor allem später sträflich unterschätzt. Aber auch die eigenen Entwicklungsressourcen wurden viel zu optimistisch eingeschätzt. Eine Reihe von großspurig verkündeten Grundsätzen – etwa jene über das Recht jedes Volkes, seinen eigenen Weg bestimmen zu können, eigenen Wege des Übergangs zum Sozialismus auszuarbeiten, aber auch die Thesen, die sich auf die Gestaltung der Beziehungen zwischen den kommunistischen Parteien beziehen – wurden missachtet. Gewisse Entwicklungen in der Dritten Welt wurden nicht in ihrer Kompliziertheit eingeschätzt, sondern ohne weiteres als Weg nichtkapitalistischer Entwicklung bewertet. Die Darstellung der Parteigeschichte wurde von allzu groben Entstellungen und Fälschungen bereinigt, dennoch wurde dies nur halbherzig vorgenommen.

Solche Mängel sollten sich in der weiteren Arbeit auf dem Felde der Theorie und Ideologie negativ auswirken: Die Unterschätzung der Potentiale des Imperialismus behinderte die Wissenschaft daran, tiefgründige Analysen des heutigen Imperialismus zu erarbeiten. Die – trotz gegenteiliger Versicherungen – beibehaltene Position , es gebe im Grunde nur den sowjetischen Entwicklungsweg des Sozialismus (Ablehnung beispielsweise des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung in der DDR) bewirkte, dass es keine wirkliche Analyse der Wege des Aufbaus des Sozialismus gab. Die unterschiedlichen revolutionären Prozesse etwa in Volksdemokratien, in vom Kolonialjoch befreiten Ländern wurden nicht gründlich untersucht.

Nicht in der öffentlichen Beratung des Parteitags, aber in seiner am Ende und überraschend durchgeführten geheimen Beratung spielten die Fragen der Auseinandersetzung mit der Stalin-Zeit die entscheidende und das Land erschütternde Rolle. Die damals von Chruschtschow gehaltene Rede ist inzwischen international bekannt, ich gehe auf Einzelheiten dieses Referats und desjenigen, das dann Jahre später auf dem XXII. Parteitag gehalten wurde, nicht ein. Ich wende mich nur einigen Argumenten zu, die gegen dieses Referat vorgebracht worden sind.

Erstens wird kritisiert, dass es nicht genügend theoretisch begründet sei. Ihm mangele es an einer gründlichen geschichtlichen Erforschung der Bedingungen, die zu den kritisierten Verhältnissen geführt hätten. Auch sei die im Referat benannte Zeit von 1934 bis 1953 zu sehr begrenzt. Einige Mängel dieser Art wurden in einem Beschluss des ZK vom Juni 1956 korrigiert: Es wurde auf objektive Entwicklungsbedingungen des Landes, auf den dadurch mit bedingten Charakter der Partei verwiesen und das Wirken Stalins in dieses Bedingungsgeflecht eingefügt.

Zweitens wurde kritisiert, dass dieses Referat nur eine geheim gehaltene Abrechung gewesen sei, eine öffentliche Selbstreinigung wäre in ihrer Wirkung viel positiver gewesen. Allerdings wurde das Referat nach dem Parteitag im ganzen Land in Parteiversammlungen, bei Beteiligung auch von Nicht-Parteimitgliedern, im vollen Umfang verlesen, so dass von einer völligen Geheimhaltung der Rede vor der Öffentlichkeit keine Rede sein kann.

Drittens wird hinsichtlich der Motive diskutiert, die Chruschtschow zu seinem Vorgehen geführt haben könnten: Er habe ja nur bestimmte, vom System protegierte Schichten von der Sorge um ihre Positionen befreien, also nicht wirklich mit den schlimmen Exzessen der Stalin-Zeit Schluss machen wollen. Auch habe er von seiner (und der anderer führender Vertreter der Partei) Verstrickung in die kritisierten Untaten ablenken wollen. In dieser Hinsicht, was also die Verstrickung führender Genossen in die Taten und Untaten der Vergangenheit angeht, wurde auf dem XXII. Parteitag einiges nachgeholt.

Was diese Kritiken angeht, muss man sich in die damalige Lage versetzen. Es wäre unmöglich gewesen, eine solche Kritik an der Geschichte der Partei und des Staates in breiter Öffentlichkeit vorzubereiten und dann auch zu entwickeln. Der unmittelbare Apparat der Partei und des Staates war noch fest in der Hand von Kräften, die an den Untaten selbst aktiv beteiligt waren. Unter solchen Bedingungen war eine gründliche wissenschaftliche, theoretische Analyse und Vorbereitung der Rede gar nicht zu denken – ganz davon abgesehen, ob Chruschtschow und jene, mit denen er sein Vorhaben vorbereitete (Bulganin, Schukow, Furzewa, Serow etwa, bei Benutzung der bereits ein Jahr vor dem Parteitag durch eine Kommission unter Leitung von Molotow und Pospelow erarbeiteten Materialien), dazu überhaupt fähig gewesen wären. Chruschtschow ging genau mit jenen Methoden ans Werk, die sich in den letzten Jahrzehnten der Führung des Landes durch Stalin (kein Parteitag von 1939 bis 1952 ohne Beispiel!) herausgebildet hatten. Es ist auch schwer nachvollziehbar, dass eine Selbstkritik in breiter Öffentlichkeit das Ansehen der KPdSU mehr gestärkt hätte als die Vorgehensweise Chruschtschows.

Es kann gar kein Zweifel daran bestehen, dass der XX. Parteitag, seine Enthüllungen, dem Ansehen der KPdSU und, darüber hinaus, der gesamten kommunistischen Bewegung schwer geschadet hat. Nur darf man Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Haben die kritisierten Untaten oder deren Kritik der Partei geschadet? Die Kritik war notwendig, die kritisierten Probleme auf Dauer zu verschweigen war nicht nur nicht möglich, das hätte auch zutiefst dem moralischen Anspruch der Kommunisten widersprochen.

Der Parteitag bewirkte zweifelsohne auch, dass sich in einigen kommunistischen Parteien zunächst Tendenzen, später regelrechte Bewegungen weg von der KPdSU, weg von der internationalen Zusammenarbeit der Kommunisten, schließlich die Orientierung auf den sog. Eurokommunismus und auf die nationale Borniertheit hin ausbildeten.

Es wird der Vorwurf erhoben, der XX. Parteitag sei ein Akt der Konterrevolution gewesen, durchgeführt von revisionistischen Kräften, denen es um die Zerstörung der ruhmreichen, von Stalin geprägten Partei gegangen sei. Diese Argumentation zerbricht an ihrer inneren Widersprüchlichkeit. Wenn es möglich war, dass innerhalb von drei Jahren (nach Stalins Tod waren drei Jahre vergangen) eine solche Partei und der durch sie geprägte Staat durch einen solchen Parteitag konterrevolutionär überrumpelt werden konnte, so war diese Partei schon vorher nicht mehr das, wofür ihre Verteidiger sie halten. Dann hat der Zersetzungsprozess der Partei nicht erst 1956 begonnen. Oder aber, das wäre die andere Seite des Widerspruchs, der XX. Parteitag war, obwohl eine scharfe Wende in der Parteigeschichte, eben kein Akt der Konterrevolution. Das bedeutet nicht, von den Mängeln und Fehleinschätzungen des Parteitages einfach weg zu sehen, nur darf man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

Robert Steigerwald,
Manuskript des Artikels in der UZ vom 9. 2. 2001

Brief an Robert Steigerwald

Kurt Gossweiler

Anschreiben an Robert Steigerwald vom 10. 12. 2005

Lieber Genosse Steigerwald, im Juli – nachdem ich mich von den Strapazen des Umzuges einigermaßen erholt hatte,- habe ich den beiliegenden Brief an Dich angefangen, jetzt endlich bin ich so weit, ihn abzuschicken.

Lieber Robert, ich kann Dich trösten: es gibt wirklich noch Schlimmeres als diesen meinen über-, überlangen Brief an Dich[3]. Ein weiterer Trost mag Dir meine Versicherung sein, dass dies mit Sicherheit der letzte Brief dieser ausschweifenden Länge an Dich – und wohl auch überhaupt – sein wird, erstens aus Altersgründen; sodann aber, weil ich mit diesem Brief nun so ziemlich alles das an Fakten zusammengetragen habe, was Deine und anderer gutgläubige Chruschtschow-Verteidigung widerlegt und was für jeden, für den „Tatsachen höher stehen als jede autoritative Äußerung“, und der diese Tatsachen nüchtern und vorurteilslos – marxistisch eben – beurteilt, keinen anderen Schluss zulässt als den, dass dieser Chruschtschow an der Spitze der KPdSU das Oberhaupt der modernen Revisionisten und – ebenso wie sein Nachfolger Gorbatschow – ein Komplize des Imperialismus, insbesondere des USA-Imperialismus geworden ist. So lange aus der kommunistischen Bewegung das Erbe des Chruschtschow-Revisionismus nicht vollständig ausgetrieben ist, wird sie zersplittert und ohnmächtig bleiben. Und so lange die DKP-Führung sich den Hué und Baier und den Parteien der ELP näher verbunden fühlt als der „stalinistischen“ KKE und ihresgleichen, wird sie ihre innere Spaltung nicht überwinden und darauf beschränkt bleiben, die größte unter den kommunistischen Parteien in Sektengröße zu sein. Lieber Robert, nimm bitte diesen Brief und seine 13 Anlagen als Beleg dafür, wie viel mir daran liegt, dass der DKP gelingt, das Haupthindernis für ihre Wiedergeburt zu einer m/l-Massenpartei zu überwinden.

Mit kommunistischem Gruß,
Kurt Gossweiler


Kurt Gossweiler

Brief an Robert Steigerwald vom 10. 12. 2005

Lieber Genosse Steigerwald, nun sind es schon fünf Jahre her, dass du mein Buch „Wider den Revisionismus“ in den ‚Blättern‘ besprochen hast und ich dir ankündigte, dir darauf zu antworten, wozu ich aber bis zum heutigen Tage nicht kam, und auch nicht mehr kommen werde – umstände- und altershalber. Umständehalber: wir mussten aus unserer im zweiten Stock liegenden Wohnung in eine Parterre-Wohnung umziehen – die Kniegelenke wollten es so. Aber von einem Umzug mit Bibliothek und Archiv erholt man sich erst in Monaten. Und altershalber: wenn man noch Etliches vorhat, aber nicht weiß, wieviel Zeit einem noch bleibt, dann muß man viele Striche machen.  Außerdem wäre es inzwischen sinnlos, darauf noch einmal zurückzukommen. Besser, ich schicke dir beiliegende Hefte, in denen Vieles von dem steht, was ich dir geschrieben haben würde.

Ich nutze die Gelegenheit zu einigen Bemerkungen zu deinem „Einspruch“ in der „Jungen Welt“ v.11. April d. J.

Du machst darauf aufmerksam, dass es schon viele nützliche Veröffentlichungen zur Erklärung historischer Prozesse, „etwa die Stalinzeit umfassend“, gibt, und nennst dann als Beispiel den Beschluß des ZK der KPdSU drei Monate nach dem XX. Parteitag.

Du schreibst dann: „Eigentlich hätten wir uns schon damals fragen müssen, wieso mußte denn schon wenige Monate nach einem solchen einschneidenden Parteitag das ZK einen derart grundlegenden Beschluß fassen,...wozu sich doch der vorangegangene Parteitag – vor allem in der sogenannten Geheimrede – schon geäußert hatte?“

Diese Frage gefällt mir.

Du sagst dann weiter: „Das kann doch nur so verstanden werden, daß das ZK mit der Art und Weise, wie sich der XX. Parteitag des Themas angenommen hatte, zumindest nicht zufrieden war.“

Diese Formulierung ist sehr merkwürdig. Sie läßt vermuten, dass du über „die Art und Weise“, wie der XX.Parteitag durch Chruschtschow mit der „Geheimrede“ überrumpelt wurde, nicht richtig informiert bist, (was allerdings sehr verwunderlich wäre). Denn wenn du darüber Bescheid wüßtest, dann hättest du sagen müssen: „Das kann doch nur so verstanden werden, dass das ZK mit der Art und Weise, wie sich Chruschtschow des Themas angenommen hat, zumindest nicht zufrieden war.“

Für den Fall, daß Du darüber tatsächlich nicht Bescheid weißt, lege ich Dir eine Kopie des Berichtes von Kaganowitsch, der Mitglied des Parteitags-Präsidiums war, zu diesem Vorgang bei, den ich in meiner „Taubenfußchronik“ (Bd. I, S.18) abgedruckt habe.(Anl. I)

Aber egal, ob du das wußtest oder nicht: du hättest dir auf jeden Fall eine weitere Frage unbedingt stellen müssen – und die habe ich in deiner Zuschrift vermisst:

Für dich ist doch, wie du oft geschrieben hast, der XX. Parteitag der „Parteitag der Wiederherstellung der innerparteilichen Demokratie“. Wenn dem wirklich so gewesen wäre, dann hätte doch dem Parteitag von Chruschtschow kein anderer als ein vom ganzen ZK beschlossener Text vorgetragen werden können, oder?

Dann mußt du dir doch aber auch die Frage stellen: Wieso sieht sich das ZK nach drei Monaten gezwungen,  mit seiner eigenen Stellungnahme auf dem XX. Parteitag unzufrieden zu sein und sie zu korrigieren?

Du hast dir diese Frage offenbar nicht gestellt, aber sie drängt sich dem Leser deiner Zuschrift auf, aber er bekommt von dir darauf keine Antwort.

Doch die Antwort auf die Frage, warum sich das ZK der KPdSU veranlaßt sah, den von dir so lobend erwähnten Beschluß zu veröffentlichen, kennst du doch sicherlich; du hast sie aber leider nicht erwähnt; der Grund für diesen Beschluß war das scharfe kritische Echo aus verschiedenen kommunistischen Parteien, - von Thorez, Togliatti bis MaoTse-tung - auf die Chruschtschow-Rede und auf die äußerst verdächtigen Umstände ihrer Veröffentlichung. Ich rufe dir diese Stellungnahmen in Erinnerung, indem ich sie als Kopien aus meinem Buche (Bd. I, S. 59-65)  beilege.(Anl.II)

16.Juli.

Ich mußte unterbrechen und habe inzwischen in unserem Briefwechsel nochmals geblättert und dabei auch deinen UZ-Artikel zum 45. Jahrestag des XX. Parteitages v. 9. Februar 2001 (siehe oben; d.Red.) wiederentdeckt, zu dem ich dir schon damals einige kritische Bemerkungen geschrieben hatte, die du in einem Brief v. 11.Sept. 02 als unbegründet zurückgewiesen hast. Diesen Brief hatte ich aufgehoben in der Absicht, auf ihn zu antworten, aber er ging – wie viele andere von anderen Briefpartnern – in einem wachsenden Stapel „sobald als möglich“ zu beantwortender Briefe unter und fiel mir erst jetzt wieder in die Hände.

Wenn ich unsere damalige Diskussion nach drei Jahren wieder aufnehme, dann deshalb, weil das Thema, um das es dabei geht, uns und die Kommunisten der nächsten und übernächsten Generation mit Sicherheit noch längere Zeit beschäftigen wird.

Und ich führe sie mit dir auch deshalb über dieses Thema weiter, weil ich glaube feststellen zu können, dass die Argumente der „Stalinisten“ vom Schlage Vellay, Gossweiler und anderer zwar deine Grundposition bisher nicht zu ändern vermochten, aber dich doch veranlasst haben, diese Argumente ernster zu nehmen als früher, was sich daran zeigt, dass du zum einen nun bei Nikita auch Kritikwürdiges benennst - wobei du, wie nicht anders zu erwarten, im Rahmen dessen bleibst, was nach Chruschtschows Absetzung parteioffiziell und verharmlosend als kritikwürdig und nicht länger tragbar benannt wurde - seinen „Voluntarismus“. Und: du hast dich in deinem UZ-Artikel sehr darum bemüht, die grundsätzliche Kritik an Chruschtschow - allerdings beschränkt auf die Kritik an der „Geheimrede“ und ohne Berücksichtigung der viel gewichtigeren Kritik an seiner gesamten Politik - zu widerlegen.

Das alles läßt mich hoffen, dass es ganz nützlich sein könnte, wenn ich dir sage, in welchen Punkten ich deine Argumentation für nicht überzeugend halte.

Zu Chruschtschows Geheimrede

Nach diesem UZ-Artikel zu urteilen, hast du 2001 wirklich noch nicht gewußt, wie es zur „Geheimrede“ kam und was danach geschah. Du schreibst nämlich, „am Ende“ habe eine „überraschend durchgeführten Beratung“ über die Auseinandersetzung mit der Stalin Zeit- stattgefunden. Woher hast du das? Bei Kaganowitsch lese ich: „Nach dem Vortrag (Chruschtschows) fand keinerlei Aussprache statt, der Parteitag beendete seine Arbeit.“ (S. Anlage I.)  Also nichts von einer „Beratung!

Ferner schreibst du, schon ein Jahr vor dem Parteitag habe eine Kommission unter Leitung von Molotow und Pospelow Material (zu eben diesem Thema) ausgearbeitet.

Bei Kaganowitsch lese ich dazu: “Schon vor dem XX. Parteitag hatte das Präsidium die Frage ungesetzlicher Repressalien und begangener Fehler behandelt. Das Präsidium des ZK bildete eine Kommission, die beauftragt wurde, die Angelegenheiten von Repressierten an Ort und Stelle zu untersuchen... und konkrete Vorschläge zu formulieren. Nach der Beratung dieser Fragen im Präsidium war vorgesehen, nach dem Parteitag ein ZK-Plenum einzuberufen, um den Vortrag der Kommission mit entsprechenden Vorschlägen anzuhören.“

An diesem Beschluß hatte Chruschtschow mitgewirkt, er hat aber eigenmächtig diesen Beschluß mißachtet und nach Kaganowitschs Zeugnis dem Parteitag seine Geheimrede überfallmäßig aufgezwungen.

Meine Frage: auf welche Quellen stützt du dich bei deiner Darstellung? Etwa auf die Medwedjew und Wolkogonow und andere traurige Produkte der Gorbatschow-Ära?

Im UZ-Artikel nimmst du dir „einige Argumente“ vor, „die gegen dieses Referat vorgebracht worden sind“.

„Erstens“ – schreibst du, „wird kritisiert, dass es nicht genügend theoretisch begründet sei.“

Offenbar hast du dabei – ohne sie zu nennen –  auch die Kritiker Thorez und Togliatti im Sinn gehabt. Die Berechtigung ihrer Kritik magst du nicht in Zweifel ziehen. Aber – so stellst du fest -, „einige dieser Mängel“ seien ja „in einem Beschluss des ZK vom Juni 1956 korrigiert“ worden.

Aber selbst wenn der Beschluß nicht nur „einige Mängel korrigiert“ hätte – (in der Tat hat er den Grundmangel keineswegs behoben und konnte das auch nicht) - die Frage bleibt: warum denn nicht gleich so? Wieso wagte man es, dem höchsten Organ der Partei in dieser für die Partei schicksalsentscheidenden Frage ein so liederlich verfasstes und korrekturbedürftiges Referat vorzulegen?  

Du fährst fort: “Zweitens wurde kritisiert, dass dieses Referat nur eine geheim gehaltene Abrechnung gewesen sei, eine öffentliche Selbstreinigung wäre in ihrer Wirkung viel positiver gewesen.“

Dazu gibst du eine entlastende Bemerkung: das Referat sei doch „im ganzen Land in Parteiversammlungen, bei Beteiligung auch von Nicht-Parteimitgliedern, im vollen Umfang verlesen worden, so dass von einer völligen Geheimhaltung vor der Öffentlichkeit keine Rede sein“ könne.

Ob es zutrifft, dass in der KPdSU das Referat in Parteiversammlungen „im vollen Umfange“ verlesen wurde, vermag ich nicht zu sagen (wenn ja – dann wäre dazu nur zu sagen: umso schlinmmer!). Die Praxis bei uns in der SED – die natürlich einer „Empfehlung“ aus Karlshorst  Folge leistete – war, daß nur Auszüge aus dem Referat vorgelesen wurden, und zwar gerade jene Passagen, die Stalin in den finstersten Farben malten. (Was in meiner Grundorganisation an der Humboldt-Uni vorgetragen wurde, habe ich in Bd. I der Taubenfußchronik, S.87-90, wiedergegeben.)

Wie dem auch gewesen sein mag – Tatsache bleibt, dass Chruschtschow sein Referat im Mai 1957 verleugnete und als Produkt von Allan Dulles bezeichnete, als ihn der New York Times-Korrespondent Turner Catledge fragte, ob der in der New York Times veröffentlichte Text seiner Rede irgendwelche Auslassungen oder Entstellungen enthielt. (Ich habe diese Passage des Interviews in der Taubenfußchronik abgedruckt (Bd. I, S. 299 f.) und lege sie als Kopie bei. (Anl. III.) Ich meine, dieser Sachverhalt hätte bei Behandlung des Punktes Zwei der Kritiken doch auch Erwähnung finden sollen.

Der Hinweis Chruschtschows auf Allan Dulles als des Verfassers des in der New York Times veröffentlichten Textes, - der – wie ein Vergleich zeigt -, mit dem Chruschtschow-Referat  identisch ist, – charakterisiert ziemlich treffend dessen politischen Gehalt .

Das leitet gleich zu dem Punkt drei deiner Kritik-Aufzählung über.

Du schriebst:„Drittens wird hinsichtlich der Motive diskutiert, die Chruschtschow zu seinem Vorgehen geführt haben könnten.“.

Dabei erwähnst du u.a. die Vermutung, Chruschtschow habe „von seiner (und anderer führender Vertreter der Partei) Verstrickung in die kritisierten Untaten ablenken wollen.“, was dir offenbar gar nicht abwegig erscheint, denn du stellst befriedigt fest, „in dieser Hinsicht“ sei „auf dem XXII.. Parteitag einiges nachgeholt“ worden.

Du meinst damit offenbar auch den Ausschluß Molotows und Kaganowitschs als „Parteifeinde“ aus der Partei. (Der Ausschluß Woroschilows war auch gefordert, aber von der Mehrheit abgelehnt worden).

Das hatte aber nichts mit den „Verstrickungen in die Untaten“ zu tun – wäre es das gewesen, dann hätte Chruschtschow an erster Stelle betroffen sein müssen -, sondern das war zum einen die Rache der Chruschtschowianer für die fast geglückte Absetzung Chruschtschows auf der Juni-Sitzung des ZK-Präsidiums 1957, und das war zum anderen geboren aus der Furcht, bei dem seit der Konterrevolution in Ungarn im Oktober 1956 wachsenden Mißtrauen im Volke gegen Chruschtschow könnten sie zu Führern einer wachsenden Opposition innerhalb der Partei und zu einer Gefahr für den Machterhalt der Chruschtschowianer werden..

Du beläßt es bei der Nennung dieser drei Kritiken an Chruschtschows Rede und läßt andere, erheblich schwerer wiegende unerwähnt.

Da ist an erster Stelle zu nennen, wovon ich schon sprach: Chruschtschow hat dem Parteitag entgegen allen vorher gefassten Beschlüssen seine Rede überfallartig aufgezwungen.

Und da ist an zweiter Stelle zu nennen, daß Chruschtschow nicht davor zurückschreckte, seine Rede mit faustdicken Lügen zu spicken, um Stalin der Partei, dem Volk und den Kommunisten in der ganzen Welt nicht nur als machtgierigen Blutsäufer, sondern auch als unfähigen Blödling und Versager hinzustellen. Um nur die dicksten und giftigsten dieser Lügen in Erinnerung zu rufen:

Ad 1: Haltlose Verdächtigung, Stalin habe den Mord an Kirow initiiert.

Ad 2: Stalin habe Hitler vertraut und deshalb alle Warnungen vor dem Überfall in den Wind geschlagen. Die Wahrheit ist in dem Artikel „Fakten wider Behauptungen“ im ND v. 8./9. 6.96 nachzulesen, (von mir zitiert in einem Vortrag „Zur Rolle Stalins und zum Anteil des Chruschtschow-Revisionismus an der Zerstörung der Sowjetunion“, S.23, s. Anlage IV. Aber sogar Chruschtschow selbst widerlegte diese seine Behauptung im Frühjahr 1960 in eine Rede vor französischen Parlamentariern, s. u.)

Ad 3: Stalin sei nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion völlig zusammengebrochen und habe alles für verloren gehalten... (Auch dazu s. Anlage IV).

Ad 4: Stalin sei ein militärischer Ignorant gewesen und habe den Kriegsverlauf am Globus verfolgt... 

Ich habe, ohne die Rede noch einmal durchzusehen, nur die Beispiele genannt, die mir ohne nachzusehen noch gegenwärtig sind, und das sind bestimmt nicht alle; aber schon die müßten eigentlich ausreichen, um vorurteilslos Urteilende zu der Frage zu veranlassen: Kann es denn dem, der solche Lügen kolportiert und der uns „enthüllt“, dass die KPdSU und der Sowjetstaat rund 30 Jahre von einer Mischung aus Dummkopf und Ausgeburt der Hölle geleitet und geprägt wurde, damit wirklich um die Verkündung der Wahrheit gehen?

Muß man nicht eher vermuten, daß, was er damit erreicht hat – nämlich die Partei und die Sowjetmacht im eigenen Lande und erst recht im Ausland in Verruf zu bringen -, sein wirkliches Ziel war?

Solche Überlegungen sind für dich Ausdruck einer abwegigen „Verschwörungs- und Agententhorie“. (Darauf komme ich noch zurück). Du kommst in deinem Urteil über die Kritiker der Chruschtschow-Rede zu einem genau entgegengesetzten Ergebnis, wenn du schreibst: „Was diese Kritiken angeht, muss man sich in die damalige Lage versetzen. Es wäre unmöglich gewesen, eine solche Kritik an der Geschichte der Partei und des Staates in breiter Öffentlichkeit vorzubereiten und dann auch zu entwickeln. Der unmittelbare Apparat der Partei und des Staates war noch fest in der Hand von Kräften, die an den Untaten selbst aktiv beteiligt waren. Unter solchen Bedingungen war an eine gründliche wissenschaftliche theoretische Analyse und Vorbereitung der Rede gar nicht zu denken – ganz davon abgesehen, ob Chruschtschow und jene, mit denen er sein Vorhaben vorbereitete (Bulganin, Schukow, Furzewa, Serow etwa, bei Benutzung der bereits ein Jahr vor dem Parteitag durch eine Kommission unter Leitung von Molotow und Pospelow erarbeiteten Materialien) dazu überhaupt fähig gewesen wären.“

Lieber Robert, mit dem Rat, sich „in die damalige Lage zu versetzen“, hast Du ja so recht. Ich mache das als gelernter Historiker in jedem Falle und allen „Tätern“ gegenüber in gleichem Maße, - ob sie nun Chruschtschow oder Stalin heißen.

Aber genau so wichtig ist es für die Urteilsfindung, sich auch die Folgen einer Politik vor Augen zu halten. Darauf komme ich auch noch einmal zu sprechen.

Bei deinem Versetzen in die Lage vom Februar 1956 kommst du zu einem ganz und gar nicht überzeugenden Ergebnis: alle Kritiken am Referat Chruschtschows sind unberechtigt – anders, als er es gemacht hat, ging es unter den damaligen Umständen nicht:

1. „Es wäre unmöglich gewesen, eine solche Kritik an der Geschichte der Partei und des Staates in breiter Öffentlichkeit vorzubereiten und zu entwickeln.“ Du hältst Chruschow also zugute, er habe gar nicht anders handeln können in der damaligen Situation. Das kannst du doch im Ernst nicht meinen! Wieso konnte man nicht so vorgehen, wie beschlossen: die vom ZK – auch mit den Stimmen Chruschtschows und seiner von dir als seine Helfer genannten ZK-Mitglieder! - gebildete Kommission legt dem ZK zu dem vorgesehenen Termin nach dem Parteitag ihren Bericht zur Beratung vor.

Welche Katastrophe hätte denn der Sowjetunion damit gedroht?  Dir zufolge dies:

2. „Der unmittelbare Apparat der Partei und des Staates war noch fest in der Hand von Kräften, die an den Untaten selbst aktiv beteiligt waren.“ Gewiß doch, denn alles, was damals an exzessiven Maßnahmen in Vorbereitung auf den faschistischen Überfall geschah, war nicht Sache einer oder mehrerer einzelner Personen, sondern die Politik der „Säuberung“ war kollektiver Beschluß. Der Grad und Umfang des Beteiligtseins des Einzelnen hing zum einen von seiner Funktion, zum anderen von seinem persönlichen Eifer ab – und da gab es sicher große Unterschiede. Chruschtschow z. B. gehörte bekanntermaßen 1938 in seiner Zeit als 1. Sekretär des ZK der KP der Ukraine zu den eifrigsten Trotzkistenjägern. Wie auf kaum einen anderen trifft auf ihn deine Kennzeichnung zu, „zu den Kräften“ zu gehören, „die den Partei- und Staatsapparat fest in der Hand hatten und an den Untaten selbst aktiv beteiligt waren.“ Du meinst damit allerdings nur seine Gegner und folgerst daraus:

3. „Unter solchen Bedingungen war an eine gründliche, wissenschaftliche, theoretische Analyse und Vorbereitung der Rede gar nicht zu denken.“ Wieso denn nicht? Woher willst du das denn wissen?Für dich ist aus dieser unbegründeten Annahme gerechtfertigt, daß der Partei, dem Sowjetvolk und der kommunistischen Weltbewegung eine unwissenschaftliche, auf „Schockwirkung“ und die Erregung negativer Emotionen angelegte, die kommunistische Bewegung in eine Krise stürzende Rede vorgesetzt wurde!

Als zusätzliches Argument führst du ins Feld: „...ganz davon abgesehen, ob Chruschtschow und jene, mit denen er sein Vorhaben vorbereitete..., bei Benutzung der ... durch eine Kommission unter Leitung von Molotow und Pospelow erarbeiteten Materialien dazu überhaupt fähig gewesen wären.“

Wiederum: Wieso denn? Wären etwa Chruschtschow und seine Parteigänger nicht in der Lage gewesen, selbst entsprechende Nachforschungen anzustellen und ein eigenes Material auszuarbeiten und es in die Diskussion in der Kommission einzubringen? Natürlich hätten sie das gekonnt!

Aber genau das – die Diskussion ihres Referates in der Kommission - mußte verhindert werden, denn genau das, worauf es Chruschschow und den Seinen ankam, das würde einer sachlichen Kritik, wie sie dann später von Thorez, Togliatti, Mao - und schließlich in Teilen sogar von Robert Steigerwald - geübt wurde, nicht standhalten und wäre aus dem Bericht entfernt worden. Aber genau darauf kam es ihnen an, genau dies waren die Passagen, die unbedingt und undiskutiert als „Wort der Partei“ in die Öffentlichkeit gebracht werden mußten, sollte es die gewünschte Wirkung tun.

Denn ohne „Entstalinisierung“, ohne die Zerstörung der Autorität Stalins und die Verkehrung des Stalinbildes aus dem des „Lenin unserer Tage“ in den des schlimmsten „Antileninisten“ und „Kommunistenverfolgers“ hätte die Ersetzung der Generallinie der Partei vom Kampf gegen den Imperialismus durch die Generallinie der „Verständigung“ und Zusammenarbeit mit dem Imperialismus, wie sie unter Chruschtschow - verhüllt, aber bei genauem Hinsehen doch unübersehbar, bei Gorbatschow dann aber ganz offen - propagiert und praktiziert wurde, nicht durchgesetzt werden können. 

Übrigens scheinst du übersehen zu haben, daß bereits das Juli-Plenum im Jahre 1953 - auf dem der „Fall Berija“ verhandelt wurde -, eine Entschließung angenommen hat, welche  – die dicken Chruschtschowschen Lügen zur Verteufelung Stalins ausgenommen - wesentliche Punkte der Kritik des XX. Parteitages schon enthielt. („Der Fall Berija. Protokoll einer Abrechnung. Das Plenum des ZK der KPdSU Juli 1953. Hgg. v. Viktor Knoll und Lothar Kölm, Berlin 1993, S. 327-333. Ich lege dir auch dies - als Anlage V – bei.)

Dass auf diesem Plenum im Juli 1953 Chruschtschow auf der Linie operierte, Stalin als von Berija irregeleitetes Opfer darzustellen, erklärt sich daraus, dass er keinen Kampf um  Prinzipien, sondern einen Kampf um die Macht führte. Erst wenn er die besaß, konnte er die von Anfang an fest beabsichtigte Kursänderung durchführen. Zunächst aber mußte der gefährlichste Konkurrent aus dem Wege geräumt werden – Berija. Der war der gefährlichste nicht deshalb, weil er etwa Gegner einer solchen Kursänderung gewesen wäre und sie zu verhindern gesucht  hätte, - nein, er war es ja gerade, der eine solche sofort nach Stalins Tod forderte und sich, gestützt auf den von ihm beherrschten Machtapparat des Innenministeriums und der Staatssicherheit, als radikalster Verfechter der Reformierung von Partei und Staat die Spitzenposition in der „kollektiven Führung“ erobern wollte. Sondern: wenn einer aus der „kollektiven Führung“ zu diesem Zeitpunkt Chruschtschow den Weg an die Spitze versperren konnte, dann war dies nicht Molotow oder Malenkow oder Bulganin, sondern Berija. Der mußte deshalb als erster aus dem „Leitungskollektiv“ herausgeschossen werden, und dazu mußte Chruschtschow als Verbündete gerade die gewinnen, von denen er wußte, daß sie auf seinem weiteren Weg zumindest hinderlich werden, wenn nicht gar – wie Molotow – gefährlichen Widerstand leisten würden. (Wie einer nach dem anderen von Chruschtschow auf dem Wege zur „Ein-Mann-Diktatur“ aus dem Wege geräumt wurde, ist ja erinnerlich; übrigens auch in der „Taubenfußchronik“ nachzulesen.)

Lieber Robert, wer immer, deinem Rat folgend, sich in die damalige Lage – so, wie sie wirklich war!- versetzt, der kann dir nicht folgen in deinem Urteil, unter den damaligen Umständen sei eine stichhaltige, wissenschaftlich fundierte Einschätzung der „Stalin-Zeit“ nicht möglich gewesen.

Umgekehrt: weil eine solche Einschätzung zwar eine Kritik an Stalin, aber keine Verurteilung, sondern wahrheitsgemäß die Bestätigung der Richtigkeit der Grundlinie der Stalinschen Politik, ihrer Übereinstimmung mit den von Lenin ausgearbeiteten Grundsätzen des Aufbaus des Sozialismus zum Inhalt gehabt hätte sowie die Feststellung, dass dies die Ursache für den erfolgreichen Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion und für ihren Sieg im Zweiten Weltkrieg gewesen ist, - deshalb mußte sie verhindert und mußten die Delegierten des XX. Parteitages überrumpelt werden mit Chruschtschows Coup der „Geheimrede“.

Wer seine vielen Reden aufmerksam las, dem konnte nicht entgehen, dass solche Überrumpelungen und Abweichungen vom gemeinsam beschlossenen oder vorher festgelegten Text bei ihm Methode waren. Als er einmal auf einem Kongress des Weltgewerkschaftsbundes (des V.WGB-Kongress 1961; s. ND v. 11. 12. 1961) auftrat, war ihm offenbar vorher das Versprechen abgenommen worden, nicht vom vorgelegten Text abzuweichen. Natürlich hielt er sich nicht daran, beließ es aber diesmal bei einem belanglosen Einbringsel, um dann eine Erklärung folgen zu lassen, mit der er bestätigte, dass man bei ihm immer mit „Abweichungen vom Text“ rechnen mußte: „Ich muss mich bei Ihnen, Genosse Frachon, entschuldigen, denn... ich versprach, nicht vom Text abzugehen, obwohl Sie mir keine Beschränkungen auferlegten. Sie sehen jedoch, dass mein Versprechen nicht stichhaltig war. Ich denke, Freunde und Genossen, Sie werden deshalb mit mir nicht hart ins Gericht gehen.“

Hier, wo seine „Abweichungen“ harmlos blieben, kokettierte er mit ihnen; mit den schwerwiegenden „Abweichungen“ oder solchen Überrumpelungen, wie auf dem XX. Parteitag, stellte er aber die Partei jedes Mal vor vollendete Tatsachen, mit denen sie nun recht oder schlecht zurecht kommen musste.

Bei genauem Studium seiner Reden ist es zumeist nicht schwer, festzustellen, wo der vereinbarte parteioffizielle Text aufhört und  der Chruschtschowsche Eigentext anfängt und endet.

Abschließend zu dem Punkt „Chruschtschows Geheimrede“

möchte ich auf deine kritischen Bemerkungen in deinem Brief vom September 02 zu einem Text von mir  zu dieser Rede eingehen.

Du nimmst dabei Bezug auf einen Vortrag von mir, in dem ich gesagt hatte, wenn es Chruschtschow in seiner Rede auf dem XX. Parteitag um die historische Wahrheit und darum gegangen wäre, den unschuldigen Opfern der „Säuberungen“ Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und nicht darum, die Autorität Stalins im In- und Ausland zu zerstören, dann hätte er sagen müssen, dass der Beschluss zu diesen Säuberungen ein Beschluss nicht eines Einzelnen, sondern der Partei- und Staatsführung war, um das Land angesichts des drohenden faschistischen Überfalls vor der Gefahr der Hilfeleistung für die faschistischen Aggressoren durch feindliche und verräterische Elemente und die Bildung „Fünfter Kolonnen“ im Lande zu bewahren.

Dazu hast du kritisch angemerkt: „Selbst wenn ich all die Maßnahmen hinnehmen könnte, die mit dem Kampf gegen die fünften Kolonnen für nötig erachtet wurden, stellt sich ja die Frage: Warum wurden diese Maßnahmen nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus beibehalten? ‚Deine‘ Rede, die hätte Stalin oder sonst wer auf dem XIX. Parteitag halten können, und das wären dann auch immerhin sieben Jahre nach dem Ende des Hitler-Staates gewesen. Und es gingen dann noch einmal vier Jahre ins Land, ehe mit dem XX. Parteitag die Dinge geändert wurden. Aber auch das ist noch nicht alles, was man gegen Deinen Rede-Vorschlag einwenden muss. Stalin hat nämlich eine solche Rede, als das – vorausgesetzt, man akzeptierte Deine Begründung für den Terror – angängig gewesen wäre, nicht nur nicht gehalten, sondern er hat, als diese Maßnahmen einem Höhepunkt zusteuerten, ganz andere Reden vorgetragen. Du kennst sie natürlich. Völlig zutreffend betonte er 1936, dass die Arbeiterklasse des Sowjetlandes kein Proletariat mehr sei, da sie die Produktionsmittel besitze. Er betonte sowohl in der Verfassungsrede als auch in seiner Rede auf dem XVIII. Parteitag (1939, im Abschnitt über Fragen der Theorie), dass die Ausbeuterklassen  verschwunden seien. (meines Erachtens hat er da die langfristigen ideologischen, politischen und auch sozialen Nachwirkungen überwundener Klassen unterschätzt) Da es keine Ausbeuter mehr gebe, gebe es auch niemanden mehr, der zu unterdrücken wäre!! (Fragen des Leninismus, Moskau 1947, S.727). Man habe jetzt, ‚wie ihr seht, ... einen völlig neuen, sozialistischen Staat, wie ihn die Geschichte noch nicht gekannt hat....‘ (S.728). Na, ist es von da zur These Chruschtschows vom Volksstaat ein großer Schritt??  In der Rede zur Verfassung setzte er sich mit Vorschlägen zur Änderung der Verfassung auseinander. Da kommen denn auch die Geistlichen, die ehemaligen Weißgardisten, alle ‚Ehemaligen‘ und Personen, die sich nicht  mit gemeinnütziger Arbeit befassen (S.643), zur Sprache. Es gab Zeiten, wo sich diese Elemente im offenen Kampf gegen die Sowjetmacht befunden hätten. ‚Seitdem ist nicht wenig Zeit verstrichen.‘  (S.643) Er geht der Frage nach,  ob sich solche Elemente nicht in die obersten (!) Organe des Landes einschleichen könnten und weist diese Vermutung mit recht gründlichen Argumenten zurück! Das war gesagt, als Hitler an der Macht war und teilweise sogar erst im März 1939, da Stalin doch schon davon sprach, dass der zweite Weltkrieg begonnen, dass er sich schon an 500 Millionen Menschen herangeschlichen habe! (S.685) Damals wäre eine Rede in etwa von der Art, wie Du sie skizziertest, denkbar, möglich gewesen. Man hätte sie den meisten Menschen verständlich machen können, aber es wurden ganz andere Reden gehalten – und zugleich Maßnahmen ergriffen, die solchen Reden direkt widersprachen.“

Lieber Robert, ich war überrascht und durchaus davon angetan, dass du dieser Passage meines Vortrages so viel kritische Aufmerksamkeit gewidmet hast.

Laß‘ mich dazu das Folgende sagen: Deine Auswahl der Stalin-Zitate ist sehr unvollständig. Du hast alle jene Teile seiner Reden zwischen 1936 und 1939 weggelassen, in denen die Notwendigkeit der fortdauernden Wachsamkeit und des Kampfes gegen innere Feinde betont wurde. Sogar das von Chruschtschow in seiner Parteitagsrede zum Beleg für Stalins willkürliche und unangebrachte Verschärfung des Kampfes nach innen angeführte und seitdem auch in Dokumenten der DKP gegen Stalins Politik angeführte Zitat aus der Rede auf dem März-Plenum des ZK 1937 mit dem Thema „Über die Mängel der Parteiarbeit und die Maßnahmen zur Liquidierung der trotzkistischen und sonstigen Doppelzüngler“ hast du offenbar vergessen. Du kennst es natürlich, aber weil es in deiner Zitaten-Auswahl fehlte, rufe ich dir dies und weitere, die in genau der Rede enthalten sind, die du als Beweis des Gegenteils angeführt hast, in Erinnerung:

„Es ist notwendig, die faule Theorie zu zerschlagen und beiseite zu werfen, dass der Klassenkampf bei uns mit jedem Schritt unseres Vormarsches mehr und mehr erlöschen müsse, dass der Klassenfeind in dem Maße, wie wir Erfolge erzielen, immer zahmer werde. ... Im Gegenteil, je weiter wir vorwärtsschreiten, je mehr Erfolge wir erzielen werden, um so größer wird die Wut der Überreste der zerschlagenen Ausbeuter werden, um so eher werden sie zu schärferen Kampfformen übergehen, um so mehr Niederträchtigkeiten werden sie gegen die Sowjetunion begehen, um so mehr werden sie zu den verzweifeltsten Kampfmitteln greifen, als den letzten Mitteln zum Untergang Verurteilter. Man muß im Auge behalten, dass die Reste der zerschlagene Klassen in der UdSSR nicht allein dastehen. Sie genießen die direkte Unterstützung unserer Feinde jenseits der Grenzen der UdSSR.“ (Zit. nach J.W.Stalin, Werke, Bd. 14, S. 136).

Aus der von dir ebenfalls zitierten Rede auf dem XVIII. Parteitag hast du erstaunlicherweise offenbar die folgenden Passagen übersehen (Fragen des Leninismus, S.722 f, 727 f.): „In diesen Fragen kommt nicht nur die Unterschätzung des Bestehens der kapitalistischen Umwelt zum Ausdruck. In ihnen offenbart sich ebensowohl die Unterschätzung der Rolle und Bedeutung der bürgerlichen Staaten und ihrer Organe, die in unser Land Spione, Mörder und Schädlinge entsenden und nur auf den Moment lauern, um einen militärischen Überfall auf unser Land zu unternehmen; ebenso offenbart sich in ihnen die Unterschätzung der Rolle und Bedeutung unseres sozialistischen Staates und seiner Militär-, Straf- und Abwehrdienstorgane, die zum Schutze unseres Landes des Sozialismus gegen Überfälle von außen notwendig sind. ... Dieses Versagen erklärt sich aus der Unterschätzung der Kraft und Bedeutung des Mechanismus der uns umgebenden bürgerlichen Staaten und ihrer Spionageorgane, die bestrebt sind, die Schwächen der Menschen, ihre Eitelkeit, ihre Charakterlosigkeit auszunutzen, um sie in ihre Spionagenetze zu verstricken und diese Netze um die Organe des Sowjetstaates zu ziehen. Es erklärt sich aus der Unterschätzung der Rolle und Bedeutung des Mechanismus unserer sozialistischen Staates und seines Abwehrdienstes, aus der Unterschätzung dieses Abwehrdienstes, aus dem Geschwätz, dass der Abwehrdienst im Sowjetstaat nebensächlich und bedeutungslos sei, dass man den sowjetischen Abwehrdienst ebenso wie den Sowjetstaat selber, bald in ein Museum für Altertümer abschieben müsse.“

„...Ausbeuter gibt es keine mehr und daher auch niemanden, der zu unterdrücken wäre. An Stelle der Funktion der Unterdrückung erhielt der Staat die Funktion, das sozialistische Eigentum vor Dieben und Plünderern des Volkseigentums zu schützen. Die Funktion des militärischen Schutzes des Landes vor Überfällen blieb völlig erhalten, es blieben folglich auch die Rote Armee, die Kriegsmarine, ebenso wie die Straforgane und der Abwehrdienst, die notwendig sind zur Aufdeckung und Bestrafung von Spionen, Mördern und Schädlingen, die von ausländischen Spionagediensten in unser Land geschickt werden.“

Nachdem du Stalin mit den Worten aus dem Rechenschaftsbericht auf dem XVIII. Parteitag: vom „völlig neuen sozialistischen Staat, wie ihn die Geschichte noch nicht gekannt hat“ zitiert hast, knüpfst du daran die Frage, ob es von da noch ein große Schritt zu Chruschtschows „Volksstaat“ sei. Lieber Robert, die Frage zeigt, dass dir die Verteidigung Chruschtschows noch immer ein Herzensanliegen ist Die Antwort musst du dir aber nach deinem gründlichen Studium der Rede zur Verfassung selbst geben, sagt dort Stalin doch sehr nachdrücklich, dass es bei der Diktatur des Proletariats bleibt und bleiben muss. (Fragen des Leninismus, S.632 f.)

Aus der gleichen Rede führst du an, dass Stalin sogar die Vermutung, dass sich ehemals feindliche Elemente in die „obersten Organe“ des Landes einschleichen könnten, „mit recht gründlichen Argumenten“ zurückweist. Für das Verständnis dieser Zurückweisung muß allerdings auch gesagt werden, dass es um die Frage geht, ob in die neue Verfassung ein Artikel aufgenommen werden soll, der allen Bürgern das gleiche Stimmrecht gewährt, während in der alten Verfassung bestimmte Kategorien von Bürgern das Wahlrecht entzogen war - und dass Stalin mit seinen „gründlichen Argumenten“ dafür eintritt, das schon von Lenin als nur vorübergehende Maßnahme erklärte ungleiche Wahlrecht jetzt durch das gleiche Wahlrecht abzulösen.

Diese Ergänzungen der Stalin-Zitate aus den von dir genannten Reden stellen - um das Mindeste zu sagen -, deine abschließende Feststellung, die ergriffenen Maßnahmen hätten den Reden widersprochen, in ein zweifelhaftes Licht.

Du hattest mich in deinem Brief auch gefragt, warum die Maßnahmen nach der Zerschlagung des Hitler-Faschismus beibehalten wurden, und gemeint, „Deine Rede hätte doch Stalin auf dem XIX. Parteitag“ halten können“.  Etwas weiter meinst du sogar, eine Rede, wie ich sie skizziert hätte, sei auch im März 1939 denkbar gewesen.

Mir scheint, Robert, als du diese Zeilen geschrieben hast, hast du für einen Augenblick vergessen, welchen guten Rat du den Kritikern der Chruschtschow-Rede entgegengehalten hast: „Man muss sich in die damalige Lage versetzen.“

Wieso soll März 1939 – also eine Zeit, in der die Sowjetführung voll damit beschäftigt war, einen Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion - sei es als Speerspitze des Weltimperialismus oder auf eigene Rechnung -, abzuwenden, für eine solche Rede ein geeigneter Zeitpunkt gewesen sein?

Und wieso 1952, auf dem XIX. Parteitag? Mitten im Kalten Krieg, der von den USA und ihren südkoreanischen Handlangern 1950 in Korea schon in den heißen Krieg überführt worden war?

Aber der Kern des Problems ist ja nicht der Zeitpunkt einer Rede, oder deren Wortlaut, sondern dass die im Zuge der Sicherungsmaßnahmen für den Kriegsfall zu Unrecht Verurteilten wieder frei kamen und die zu Unrecht zum Tode Verurteilten oder im Lager Verstorbenen rehabilitiert wurden.

Ich bedaure, dass dies zu Lebzeiten Stalins nicht geschah. Aber wenn ich deinem Rat und deinem Beispiel bei deiner Verteidigung der Chruschtschow-Rede folge und die Umstände bis 1953 bedenke, - Zuspitzung des Kalten Krieges durch die USA und ihre Verbündeten, unterstützt durch Tito-Jugoslawiens Bemühungen zur Schaffung eines antisowjetischen Gegenzentrums im sozialistischen Lager, bis hin zu USA-Waffenlieferungen an Jugoslawien und dessen Beitritt zum mit der NATO verbundenen Balkan-Pakt -, dann kann ich mir zumindest erklären, dass Stalin den Zeitpunkt noch nicht für gekommen hielt für eine entsprechende Aktion, und die anderen Mitglieder der Führung wohl auch nicht, zumindest haben sie keinen entsprechenden Vorschlag gemacht – sonst hätte Chruschtschow das auf dem XX. Parteitag lauthals verkündet. 

1955 wurde dann – wie auch von dir in deinem Brief erwähnt – die Kommission gebildet mit der Aufgabe, eine entsprechende Aktion vorzubereiten. Weil Chruschtschow eigenmächtig diesen Parteibeschluß mit seiner ihrem Wesen und ihrer Wirkung nach sowjetfeindlichen, die Geschichte verfälschenden „Geheimrede“ sabotierte, habe ich in meinem Vortrag einen Redetext formuliert und gesagt: so oder ähnlich hätte er sprechen müssen, wenn sein Ziel gewesen wäre, die Wahrheit zu sagen. Es ging mir also nicht darum, einen Rede-„Verbesserungsvorschlag“ zu machen, sondern die Unwahrhaftigkeit Chruschtschows und die wirklichen Ziele, die er mit dieser Rede verfolgte, deutlich zu machen. 

Verschwörungs- und Agententheorie?

In deinem Brief vom September 02 schreibt du, was dir bei meiner Argumentation „besonders aufstößt“, das sei „die Verschwörungs- und Agententheorie.“

Nun, dass jede antiimperialistische Bewegung, und nun gar ein sozialistischer Staat ständig gegen Agenten und Verschwörungen des Imperialismus ihre Existenz verteidigen müssen, das ist ja keine Theorie, sondern Wahrheit, die jeder neue Tag vielfach vor Augen führt.

Aber im Falle Chruschtschow war ich bei seinem Beginn genau so vertrauensvoll, wie du. Nichts lag mir ferner als anzunehmen, der Nachfolger von Lenin und Stalin könne etwas anderes als ein vertrauenswürdiger, erprobter Bolschewik sein. Wodurch sich das bei mir geändert hat, das habe ich in der Einleitung zur „Taubenfußchronik“ ausführlich geschildert. Ich nehme an, du kennst sie nicht, sonst wäre dir vielleicht die „Verschwörungs- und Agententheorie“ nicht so sauer aufgestoßen. Ich schicke sie dir deshalb als Kopie. (Bd. I, S.10-23, Anl. VI).

Natürlich wirst du auch nach deren Lektüre dein Chruschtschow-Bild nicht zu ändern bereit sein. Es geht mir im folgenden also nicht so sehr darum, eine solche Änderung bei dir zu bewirken, als darum, dir nachzuweisen, dass meine Kennzeichnung Chruschtschows als bewußtem Helfershelfer der imperialistischen Feinde des Sozialismus nicht grundlos und leichtfertig und bei objektiver Beurteilung nicht, als „Agenten- und Verschwörungstheorie“ abzuqualifizieren ist.

Dass Agenten des Klassenfeindes bis in die Führungsspitze der Partei der Bolschewiki einzudringen vermochten – dafür gibt es ja doch mehrere Beispiele: das erste ist – noch zu Zeiten Lenins - der „Fall Malinowski“; das zweite der „Fall Berija“, zu dem es in der dazu gefassten Resolution heißt, man dürfe nicht die kapitalistische Umkreisung ignorieren, „die ihre Agenten in unsere Mitte einschleust und nach Leuten sucht, die bereit sind, die Interessen der Heimat zu verraten und auf die Unterminierung der Sowjetgesellschaft gerichtete Aufträge der Imperialisten zu übernehmen.“

Und das dritte ist der Fall Gorbatschow, der, nachdem erreicht war, worauf er hingearbeitet hatte, freimütig und Anerkennung heischend erklärte: „Mein Lebensziel war die Zerschlagung des Kommunismus“  (UZ v. 8.Sept. 2000).

Das sagte er natürlich nicht, bevor er dieses Lebensziel - wenigstens in der Sowjetunion - erreicht hatte. So etwas kann man erst offenbaren, wenn man am Ziel angelangt ist.

Das ist der entscheidende Unterschied zu Chruschtschow: Dem war noch rechtzeitig das Handwerk gelegt worden. Dadurch kann er noch immer als von bösen Stalinisten gestürzter „Reformer zum Guten“ verkannt und verteidigt werden. Aber seinen Aufstieg hat er genau so zielstrebig wie Gorbatschow bewerkstelligt – nur hat er die Station nicht erreicht, an der man, wie Gorbatschow, rückblickend sich rühmend so offenbaren kann, wie der. Der nämlich plauderte weiter aus: „Am meisten konnte ich dafür in den höchsten Funktionen tun.“

In die muß man aber erst einmal kommen. Und das kann man nicht als erklärter Feind des Kommunismus, sondern nur als “treuer Schüler Lenins.“

„Deswegen empfahl meine Frau Larissa mir, mich um immer höhere Funktionen zu bemühen.“

Aber wenn man den Kommunismus erledigen will, dann muss man nicht nur die eigene Partei und den eigenen Staat zugrunde richten, sondern auch alle anderen kommunistischen Parteien und alle anderen sozialistischen Staaten. Gorbatschow widmete sich dem zielstrebig und mit großer  Energie: „Ich musste die gesamte Führung der KPdSU und der UdSSR entfernen. Ich mußte auch die Führung in allen sozialistischen Staaten beseitigen.“

Dazu ist er sogar nach China gegangen: „Ich war in Peking zur Zeit der Studentenunruhen 1998, als es schon den Anschein hatte, dass der Kommunismus in China zusammenbricht. Ich wollte zu den Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens sprechen und ihnen sagen, dass sie durchhalten sollen, dass wir mit ihnen sympathisieren und dass es auch in China eine Perestroika geben muss.“

In Peking wußte man aber sehr gut, mit wem man es zu tun hatte; hatten sie sich doch schon von seinem Vorgänger Chruschtschow nicht über dessen wahre Rolle täuschen lassen: „Die chinesische Führung wünschte das nicht. Das war ein unermeßlicher Schaden.“

Warum?

„Wäre der Kommunismus in China gefallen, wäre die Welt weiter auf dem Wege zu Frieden und Gerechtigkeit.“ Na gewiss doch! Denn dann wären die USA-Truppen auch in China, und folglich auch China ein befriedetes, glückliches Land wie der Irak, und Rußland wäre dann lückenlos rundum von USA- Stützpunkten freundschaftlich umringt.

Nun,  nach Gorbatschows sogar in der UZ veröffentlichtem  ruhmredigen Eingeständnis  seiner Verschwörung  - (oder war auch das keine?) - zur Zerschlagung des Kommunismus solltest du mit der abschätzigen Verwerfung einer „Verschwörungs- und Agententheorie“ auch in Bezug auf Chruschtschow doch etwas vorsichtiger sein.

Wegen der hartnäckigen Weigerung vieler meiner Genossen, Chuschtschow nach seinen Taten zu beurteilen, - was für einen Kommunisten, der sich an Marx, Engels und Lenin und an den Bibelspruch hält: An ihren Früchten sollst ihr sie erkennen! selbstverständlich sein müsste undgar kein anderes Urteil zuließe als: wer so handelt, kann nur ein Feind sein! – habe ich gesagt und geschrieben: Euch reichen offenbar die Handlungen eines Menschen nicht aus, um die Wahrheit über seine politische Position herauszufinden, Euch überzeugt wohl nur ein Dokument, in dem Chruschtschow mit seiner Unterschrift bestätigt, ein Agent des Imperialismus zu sein!

Ich habe mich geirrt. Du hast mich davon überzeugt, dass für dich - wie vermutlich auch für viele andere - selbst ein solches Dokument nicht ausreicht. Denn: Gorbatschow hat ja selbst bezeugt, dass er ein Feind der Ordnung und der Partei war, an deren Spitze er stand.

Wie aber nimmst du das auf? Du schreibst in deinem Buch „Kommunistische Stand- und Streitpunkte“ auf den Seiten 34/35: „Die Gorbatschow-Gruppe war mit dieser Sackgassen-Konstellation konfrontiert. Heute brüsten sich ihre wichtigsten Vertreter dessen, bewusst und mit Anleihen bei der Sozialdemokratie den Weg der Zerstörung der Sowjetunion eingeschlagen zu haben. Ich halte sogar das noch für Schwindel, den sie erfinden, um ihr Fiasko als ihr Verdienst hinzustellen und sich im Westen Lieb Kind zu machen.“ 

Das heißt erstens: Du hast nicht bemerkt, dass diese Gruppe mit Gorbatschow (und vorher mit Chruschtschow) an der Spitze schon längst „Lieb Kind“ „im Westen“ und Hoffnungsträger für einen erwünschten Wandel in der Sowjetunion war. Das haben damals zwar viele nicht bemerkt, aber inzwischen liegt ja genug Material vor, das nicht nur erlaubt, sondern eigentlich dazu zwingt, wenigstens nachträglich damalige Erkenntnis-Versäumnisse nachzuholen. (S. Anl. XII).

Und das heißt zweitens: Du hast nicht erkannt, dass, wer wie Gorbatschow handelte, nur ein Feind sein konnte. Du willst das sogar heute noch nicht wahrhaben!

Wie ist eigentlich ein so großes Maß an Gutgläubigkeit bei einem so erfahrenen Parteifunktionär, wie du es bist, zu erklären? Spielt da nicht eventuell im Unterbewußtsein die Furcht mit, anerkennen zu müssen, dass die „Agenten- und Verschwörungstheoretiker“ zumindest im Falle Gorbatschow doch recht haben, - und wenn da, dann möglicherweise auch im Falle Chruschtschow?

Sehen wir uns diesen Fall doch noch einmal näher an. Dazu  stelle ich zwei Fragen.

Frage 1: Wie würdest du ein Mitglied deiner Parteiorganisation beurteilen, das hartnäckig darauf besteht, man müsse den Friedensbeteuerungen der Imperialisten Vertrauen entgegenbringen, denn den Frieden könne man nur in Zusammenarbeit mit dem Imperialismus sichern?

Klar, du würdest dem sagen: du magst ja alles sein, naiv oder auch sonst was, eins aber bist du bestimmt nicht: ein Kommunist! Deshalb hast du in unserer Partei nichts zu suchen.

Warum aber kommst du bei Chruschtschow, der genau diese Vertrauenswerbung für den - nach dem deutschen - mörderischsten und brutalsten Imperialismus, den USA-Imperialismus - in Gestalt seines Präsidenten Eisenhower – betrieb, nicht zum gleichen Urteil?

Du kennst doch seine Rede an seine Moskauer nach der Rückkehr von seiner USA-Reise 1959, sie war ja in unserer Presse abgedruckt, und ich habe sie auch in meinem von dir rezensierten Buch „Wider den Revisionismus“ zitiert (S.115 f, 121 ff.). Ich rufe dir einiges davon noch einmal ins Gedächtnis zurück ( Quelle: Presse der Sowjetunion, genaue Angaben in „Wider den Revisionismus“.): „Von dieser hohen Tribüne aus muß ich vor den Moskauern, vor meinem ganzen Volk, vor der Regierung und der Partei sagen, daß der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Dwight Eisenhower, staatsmännische Klugheit bei der Einschätzung der gegenwärtigen Lage gezeigt, daß er Mut und Willen bewiesen hat. Ungeachtet der komplizierten Lage, die in den Vereinigten Staaten zu beobachten ist, machte er, der Mann, der das absolute Vertrauen seines Volkes genießt, (So,so! Auch der Kommunisten? – Oder gehören die nicht zum Volk?) den Vorschlag, daß die Regierungschefs unserer Länder Besuche austauschen. Wir zollen dieser wichtigen Initiative, die die Festigung des Friedens zum Ziele hatte, alle Anerkennung....

Ich sage Ihnen,...liebe Genossen, in aller Offenheit, daß ich nach den Aussprachen und der Erörterung konkreter Fragen mit dem USA-Präsidenten den Eindruck gewonnen habe, daß er  aufrichtig den Zustand des Kalten Krieges beseitigen, normale Beziehungen zwischen unseren Ländern schaffen und zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen allen Ländern beitragen will...

Liebenswürdigerweise lud mich der Präsident auf seine Farm ein. ...Ich muß... sagen, daß diese Farm für einen Präsidenten nicht groß ist, wenn man die Ausmaße dieses riesigen und reichen Staates in Betracht zieht. Es ist eine nicht besonders reiche Farm, und auch der Boden ist nicht sehr gut. Der Präsident sagte mir aber, er bemühe sich, den Boden zu verbessern und sich dadurch ein gutes Andenken zu schaffen. ...

Ich möchte Ihnen, liebe Genossen, sagen, daß ich nicht an der Bereitschaft des Präsidenten zweifle, seinen Willen und seine Bemühungen geltend zu machen, um eine Verständigung zwischen unseren Ländern herbeizuführen, freundschaftliche Beziehungen zwischen unseren Völkern zu schaffen und eine Lösung der herangereiften Fragen im Interesse des Friedens herbeizuführen.“

Der antikommunistische, konterrevoluionäre Charakter dieser Vertrauenswerbung für den Mann, der Ethel und Julius Rosenberg auf den elektrischen Stuhl schickte, wird vollends offenbar, wenn wir uns daran erinnern, mit welch hasserfüllten Beschimpfungen der gleiche Chruschtschow über den Führer der größten kommunistischen Partei und des nach der Sowjetunion mächtigsten sozialistischen Staates, Mao Tse-tung herfiel. Du wirst dich daran erinnern, dass er nach dem von ihm herbeigeführten Bruch mit China verkündete, „die Hauptgefahr eines neuen Weltkrieges gehe jetzt nicht mehr vom US-Imperialismus, sondern von China aus“, und auch daran, dass dies die Mehrheit unserer Mitglieder, von der übrigen Bevölkerung ganz zu schweigen, tatsächlich auch geglaubt hat!

So bemühte sich Chruschtschow, - leider mit großem Erfolg! - den Kommunisten in seinem Einflussbereich das Klassenbewusstsein und die Solidarität mit allen sozialistischen Ländern auszutreiben und den Glauben an die Friedensfähigkeit des Imperialismus und an die Friedfertigkeit des Führers des aggressivsten Imperialismus anzunehmen.

Soviel zur Frage: Kann ein Vertrauenswerber für Imperialisten ein Kommunist sein?

Frage 2 zum Vorwurf der „Verschwörungstheorie“: Wie würdest du ein Mitglied deiner Parteiorganisation beurteilen, das darauf drängt, einen Menschen in die Partei aufzunehmen, von dem jeder, auch er selbst, weiß, dass der ein Agent des Verfassungsschutzes ist?

Klar, du würdest dich zumindest sehr wundern und dir sagen: wer bewußt einen Agenten des Gegners in die Partei einschleust, der kann nur selbst ein Gegner sein, und würdest daraus deine Schlußfolgerungen ziehen, oder etwa nicht?

Wiederum stellt sich mir die Frage: Weshalb legst du bei Chruschtschow einen andern Maßstab an, obwohl du wissen musst, dass er gerade das wiederholt getan hat?

Ich spreche von Chruschtschows höchst merkwürdigem Verhältnis und Verhalten zu Tito:

In der UZ v. 27. Mai dieses Jahres (2005) schreibst du in dem Überblick „KPD/DKP – 1945 bis 2005“, Stalin habe die „Tito-Affäre“ herbeigeführt(!), weil er befürchtet habe, eine von Tito und Dimitroff geplante Balkanföderation könnte zur Schwächung der antiimperialistischen Kräfte führen. Ich finde ja bemerkenswert, dass du in diesem Zusammenhang Stalin ehrenwerte Motive zubilligst. Aber die von dir so genannte „Tito-Affäre“ wurde nicht durch Stalin, sondern durch die Schwenkung der jugoslawischen Partei unter Führung Titos auf einen sowjetfeindlichen Kurs verursacht. Das geht mit aller Klarheit aus den Fakten hervor, die in den Briefen angeführt werden, die das ZK (nota bene: also auch Chruschtschow!) an das ZK der jugoslawischen KP ab März bis Mai 1948 geschrieben hat. (Stalin, Werke, Bd. 15, Anhang, S.398-423, Dortmund 1979).

Im folgenden liste ich entscheidende Fakten der von dir so genannten „Tito-Affäre“ auf, die für Kommunisten keinen Zweifel daran zulassen dürften, dass dieser Tito das war, als was er sogar von Chruschtschow bezeichnet wurde – ein „trojanisches Pferd des Imperialismus“, - und Chruschtschow war sein Förderer und Beschützer!

1947/48: Die Führung der KPdSU schreibt mehrere Briefe an die Führung der KP Jugoslawiens mit Kritik an einigen der gemeinsamen Linie der kommunistischen Parteien widersprechenden, insbesondere sowjetfeindlichen Tendenzen. Chruschtschow, zum engsten Führungskreis der KPdSU gehörend, kennt zumindest deren Inhalt, wenn er – was wahrscheinlicher – nicht sogar an ihrer Abfassung aktiv beteiligt ist. Das Gleiche gilt für die Resolutionen des Informations-Büros der Kommunistischen Parteien von 1948 und 1949.

26. Mai 1955: Chruschtschows berüchtigte Flugplatzrede bei der Ankunft der sowjetischen Delegation in Belgrad: „Teurer Genosse Tito! ... Wir bedauern aufrichtig, was geschehen ist und fegen entschlossen alles beiseite, was sich in dieser Periode abgelagert hat. Unsererseits rechnen wir zu diesen Ablagerungen ohne Zweifel die provokatorische Rolle, die die nunmehr entlarvten Volksfeinde Berija, Abakumow und andere in den Beziehungen zwischen Jugoslawien und der UdSSR gespielt haben..“

(Das war selbst dem über Chruschtschows „Tauwetter“ begeisterten Ilja Ehrenburg zuviel. Über diese Passage in Chruschtschows Flugplatzrede in Belgrad schrieb er (in „Menschen, Jahre, Leben, Bd. IV, S.36): „Ende Mai begab sich eine sowjetische Regierungsdelegation nach Jugoslawien. Chruschtschow drückte sein tiefes Bedauern über die jüngste Vergangenheit aus und maß Berija einen Teil Schuld zu Er hatte wohl vergessen, dass man Berija neben anderen und gerechtfertigten Beschuldigungen zwei Jahre zuvor des Versuchs bezichtigt hatte, sich Tito zu nähern“.)

Doch weiter mit Chruschtschows Flugplatzrede: „Wir haben das Material, worauf die schweren Beschuldigungen und Beleidigungen beruhen,... sorgfältig geprüft.“ (!!!) „Die Tatsachen zeigen, dass dieses Material von den Feinden des Volkes, den verachtungswürdigen Agenten des Imperialismus, die sich durch Betrug in die Reihen unserer Partei eingeschlichen haben, fabriziert worden sind.“ (Da hast du, lieber Robert, die „Agententheorie“, lange, bevor ich auf die meinige kam!)

Wie ging es weiter?

25. September 1956:

Chruschtschow zu Gesprächen bei Tito auf der Insel Brioni.

28. September:

Tito zu Gesprächen mit Chruschtschow auf der Krim

15. Oktober:

Imre Nagy wird – als Ergebnis der Chruschtschow-Tito-Gespräche wieder in die ungarische Partei aufgenommen

19.-21. Oktober:

Gomulka wird auf dem 8. Plenum der Polnischen Partei zum 1. Sekretär gewählt

21.10.  bis 4.11:

Konterrevolution in Ungarn,  beginnend  am 21. Oktober mit Studentenunruhen.

24. Oktober:

Imre Nagy wird - auch als Ergebnis der Tito-Chruschtschow-Gespräche - Ministerpräsident und in ZK und Politbüro aufgenommen.
Die Regierung verhängt Ausnahmezustand und ersucht die im Lande befindlichen sowjetischen Truppen um Hilfe.

25. Oktober:

Ernö Gerö wird als 1. Sekretär abgelöst durch Janos  Kadar.
(Noch eine Folge der Tito-Chruschtschow-Übereinkunft!)

28. Oktober:

Imre Nagy gibt über Rundfunk bekannt, dass er von der Sowjetregierung den sofortigen Abzug der Sowjettruppen fordert.

28. Oktober:

In einer Sitzung des Sicherheitsrates der UNO verurteilt  der Vertreter Jugoslawiens das Eingreifen der Sowjettruppen gegen die Konterrevolutionäre.

30. Oktober:

Janos Kadar wird Staatsminister in der Regierung Nagy

31. Oktober:

Die Sowjettruppen haben sich in ihre Standorte außerhalb Budapests zurückgezogen. Die Folge: Erneuerung und Verstärkung des Mordterrors gegen Kommunisten. Die Sowjettruppen haben Befehl, nicht einzugreifen.

1. November:

Imre Nagy erklärt Austritt Ungarns aus dem Warschauer Vertrag und Neutralität Ungarns und ruft die UNO und die Großmächte um Hilfe bei der Verteidigung der Neutralität Ungarns an.

2. November:

Der neue Vorstand der Partei der Ungarischen Werktätigen mit Janos Kadar, Imre Nagy, und Georg Lukacz benennt die Partei um in „Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei“ (USAP)

4. November, 2.30 Uhr:

Endlich beenden die Sowjettruppen ihre Duldung des weißgardistischen Mordterrors, rücken in Budapest ein und beenden die blutige Konterrevolution. Imre Nagy flüchtet in die jugoslawische Botschaft.

4. November:

Janos Kadar bildet (nach Rücksprache mit dem sowjetischen Botschafter Andropow) eine neue Regierung.

11. November:

Tito in einer Rede in Pula über seine Gespräche mit Chruschtschow auf Brioni und auf der Krim:
„Sie wissen, dass Chruschtschow auf Urlaub in Jugoslawien war. Dabei haben wir uns auch hier unterhalten... Die Gespräche wurden auf der Krim fortgesetzt. Wir haben gesehen, daß die Angelegenheit in Bezug auf andere Länder ziemlich schwer gehen würde... Aber wir haben das nicht so tragisch genommen, denn wir haben gesehen, dass das nicht die Haltung der gesamten Sowjetführung ist, sondern nur eines Teiles, der diese Haltung dem anderen Teil bis zu einem gewissen Grade aufgezwungen hatte. Wir haben gesehen, dass diese Haltung von den Leuten aufgezwungen wurde, die ziemlich stark auf den Stalinschen Positionen standen und auch heute noch immer stehen, dass es aber noch immer Möglichkeiten gibt, dass in der Führung der Sowjetunion in einer inneren Evolution die Elemente siegen, die für eine kraftvollere und schnellere Entwicklung in Richtung auf eine Demokratisierung, für eine Aufgabe aller Stalinschen Methoden und für die Schaffung neuer Beziehungen unter den sozialistischen Staaten sind.....Als wir in Moskau waren, wurde selbstverständlich auch über Polen und Ungarn und andere Länder gesprochen. Wir haben gesagt, dass das Rakosi-Regime und Rakosi selbst keinerlei Voraussetzungen besäßen, den ungarischen Staat zu leiten und ihn zur inneren Einheit zu führen, sondern dass sie ihn vielmehr zu sehr schweren Folgen führen könnten....Wir haben uns bei den sowjetischen Staatsmännern nicht genügend dafür eingesetzt, ein solches Gespann, wie Rakosi und Gerö sind, abzusetzen.“  (Unterstr. v. mir, K.G.)

(Das ist er also, Tito, der Vorkämpfer für „Nichteinmischung“ und den „eigenen Weg“ jedes Landes! Im übrigen: wieso: „nicht genügend eingesetzt“? Beide, Rakosi und Gerö wurden auf seinen Wunsch und auf Chruschtschows Forderung hin abgesetzt!)

Chruschtschow, der Wandelbare

Die Rolle Jugoslawiens in der Konterrevolution in Ungarn hatte die Verurteilung des Kurses der Tito-Führung durch die Resolution des Inform-Büros von 1948 und zu großen Teilen auch durch jene von 1949 als zutreffend bestätigt. Und Chruschtschows enge vertrauliche Kungelei mit Tito am Vorabend der Konterrevolution hatte seine Stellung erheblich erschüttert. Titos Offenbarungen über die vertraulichen Gespräche mit Chruschtschow in der Phase ihrer Vorbereitung in seiner Pula-Rede brachte Chruschtschow zusätzlich in eine Situation, in der er seine Stellung an der Spitze der Partei nur erhalten konnte, wenn er eine Wendung um 180 Grad vornahm und sich nun an die Spitze der Verurteiler Titos  und des Revisionismus stellte. Das machte ihm, der jahrzehntelang die Rolle eines treuen Stalin-Gefolgsmannes gespielt hatte, keine Mühe.

Ja, er wurde sogar, als habe irgendwer, aber nicht er, die Geheimrede gehalten, zum Vorkämpfer gegen die Verleumder Stalins! Das ist weitgehend - und vielleicht auch bei dir - in Vergessenheit geraten oder verdrängt worden, deshalb sei hier daran erinnert:

Chruschtschow auf der Oktoberfeier am 6. November 1957: Die Partei hat „alle bekämpft und wird dies auch weiterhin tun, die Stalin verleumden und unter der Flagge der Kritik am Personenkult die ganze historische Periode der Tätigkeit unserer Partei falsch und verzerrt darstellen, in der J.W. Stalin an der Spitze des Zentralkomitees stand. Als treuer Marxist und Leninist und standhafter Revolutionär nimmt Stalin einen würdigen Platz in der Geschichte ein. Unsere Partei und das Sowjetvolk werden Stalins gedenken und ihm die gebührende Ehre erweisen. ... Manche ‚Kritiker‘ ... bezeichnen dem Leninismus treu ergebene Funktionäre, die, ohne ihre Kräfte zu schonen, für die Interessen des Volkes, für die Sache des Sozialismus kämpften und kämpfen, als Stalinisten und geben dem Begriff einen negativen Sinn. Auf diese Weise wollen sie die Funktionäre der kommunistischen und der Arbeiterparteien herabsetzen und kompromittieren, die der Sache des Marxismus-Lleninismus und den Prinzipien des proletarischen Internationalismus ergeben sind. Kritiker dieser Art sind entweder Erzverleumder oder Menschen, die auf die faulen Positionen des Revisionismus abgeglitten sind und mit ihrem Geschrei über den Stalinismus den Versuch unternehmen, ihre Abkehr von den Prinzipien des Marxismus-Leninismus zu bemänteln.“ (Wäre dieses Chruschtschow- Zitat nicht etwas für die UZ, sagen wir, am 6. November oder zu Stalins Geburtstag am 21. Dezember dieses Jahres? - Du findest es auch in meinem Bd. II der Taubenfußchronik, die du vielleicht schon erhalten hast, auf den Seiten 30/31.)

Als Chruschtschow im Frühjahr 1960 in Frankreich war, hielt er vor französischen Parlamentariern eine Rede, in der er in ähnlicher Weise gegen seine eigenen Ausführungen in der „Geheimrede“ polemisierte: „Frankreich und England wollten damals (1939) den Schlag Deutschlands auf die Sowjetunion lenken und wiesen unumwunden den Weg: Mag Hitlerdeutschland die Ukraine und Belorußland nehmen, mag es bis zum Ural vorstoßen. Alle Versuche der Regierung der Sowjetunion, sich mit den Regierungen Englands und Frankreichs zu verständigen, waren völlig fruchtlos. ... Hitler merkte das und sandte Ribbentrop nach Moskau zu Stalin. Damals wurde der Nichtangriffsvertrag zwischen der Sowjetunion und Deutschland unterzeichnet. Glauben Sie etwa, dass Stalin die aggressiven Schritte Hitlers nicht sah? Er sah sie und erkannte die ernste Gefahr eines neuen Weltkrieges. Er sah, dass England und  Frankreich Hitler gegen die Sowjetunion stoßen. Doch unter jenen Umständen gab es für Stalin keinen anderen Ausweg. ... Was später vor sich ging, wissen Sie. Deutschland wandte sich gegen Frankreich und England, gegen Polen. Stalin wußte, dass es danach gegen Rußland vorgehen wird. Unser Land tat alles, um den Krieg zu verhüten; als er aber entbrannte, kämpfte das Sowjetvolk heroisch gegen die faschistischen Eindringlinge.“ (Presse der Sowjetunion Nr. 38/1960, als Anl. VII beigelegt. )

So Chruschtschow also 1960, als er -  schwer kompromittiert durch seine Komplizenschaft mit Tito – unter starkem Druck stand und sich drehen und winden musste, um nicht schon damals gestürzt zu werden.

Ganz anders drei Jahre später, 1963, nachdem es ihm auf dem XXII. Parteitag gelungen war, wieder in die Offensive zu gehen. Auf dem Juni-Plenum des ZK 1963 haben wir es wieder mit dem Chruschtschow des XX. Parteitages zu tun: „Wir bestreiten keineswegs die Bedeutung und die Rolle von Führern und leitenden Funktionären. Wir sind aber gegen solche Führer, die sich über das Volk, über die Partei stellen, die meinen, sie seien geradezu von Gott gesandt, und das Volk sei nur eine Masse, die lediglich auf sie zu hören und ihnen Beifall zu zollen habe. Das war charakteristisch für Stalin. Stalin liebte das Volk nicht. Wann ist er einmal in Fabriken gewesen? Das letzte Mal wahrscheinlich 1924 in der Fabrik ‚Dynamo‘. Später ist er dann fast nirgends mehr hingefahren.“ (Presse der Sowjetunion Nr. 77/1963, S. 1708)

Aber noch ist es nicht so weit. Ich habe vorgegriffen. Noch sind wir im Jahr 1957.

Den zum Vorkämpfer gegen Tito, den Revisionismus und den ‚Nationalkommunismus‘ gewandelten Chruschtschow erleben wir – ebenfalls in der Rede am 6. November 1957 – so: „Die Ideologen des Imperialismus und ihre Agenturen sind bemüht, den giftigen Samen des Chauvinismus und bürgerlichen Nationalismus auszusäen, um die sozialistischen Länder gegeneinander auszuspielen. ...Einige suchen die Leninschen Thesen und die Beschlüsse des XX. Parteitages der KPdSU über die Mannigfaltigkeit der Formen des Übergangs zum Sozialismus und der Methoden des sozialistischen Aufbaus auszunutzen. Sie legen diese Thesen auf ihre Art aus: ‘...folglich ist eine Einheit der sozialistischen Länder nicht erforderlich‘. Die Anhänger einer solchen Auffassung erklären, jedes Land könne angeblich auf eigenen, besonderen Wegen zum Sozialismus gelangen, die nichts mit den anderen sozialistischen Ländern gemeinsam hätten. (Unterstr. v. mir, K.G.)...

Die kommunistischen und Arbeiterparteien haben die Pläne der Feinde des Sozialismus durchschaut und erteilen ihnen eine entschiedene Abfuhr. ... Die Versuche, die sozialistische Bewegung von innen zu untergraben, die sozialistischen Länder und Parteien zu zersetzen und gegeneinander aufzubringen, sind eine der raffiniertesten Formen des Kampfes des Imperialismus und seiner Agenturen gegen das sozialistische Weltsystem. Das ist eine der Hauptgefahren, und wir müssen gegen sie den entschiedensten Kampf führen.“

Verständlicherweise präziser und eindeutiger als Chruschtschow in seiner Rede nimmt die auf der Moskauer Konferenz von 1957 beschlossene Erklärung der dort versammelten kommunistischen und Arbeiterparteien zum Revisionismus Stellung; dieser Erklärung zuzustimmen konnte Chruschtschow nicht umhin.

„Während die kommunistischen Parteien den Dogmatismus verurteilen, sehen sie unter den gegenwärtigen Umständen die Hauptgefahr im Revisionismus oder mit anderen Worten im rechten Opportunismus als einer Ausdrucksform der bürgerlichen Ideologie, die die revolutionäre Energie der Arbeiterklasse lähmt und die Erhaltung oder Restauration des Kapitalismus fordert.  ...

Der moderne Revisionismus ist bemüht, die große Lehre des Marxismus-Leninismus in Verruf zu bringen, er erklärt sie für ‚veraltet‘, behauptet, sie habe heute ihre Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung verloren. Die Revisionisten sind bestrebt, die revolutionäre Seele des Marxismus auszumerzen und den Glauben der Arbeiterklasse und des werktätigen Volkes an den Sozialismus zu erschüttern. Sie wenden sich gegen die historische Notwendigkeit der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats beim Übergang  vom Kapitalismus zum Sozialismus, sie leugnen die führende Rolle der marxistisch-leninistischen Partei, sie lehnen die Prinzipien des proletarischen Internationalismus ab, sie fordern Verzicht auf die grundlegenden Leninschen Prinzipien des Parteiaufbaus und vor allem auf den demokratischen Zentralismus, sie fordern, dass die kommunistische Partei aus einer revolutionären Kampforganisation in eine Art Diskutierklub verwandelt wird.

Die gesamte Erfahrung der internationalen kommunistischen Bewegung lehrt, dass die unerläßliche Gewähr für die erfolgreiche Lösung der Aufgaben der sozialistischen Revolution, des Aufbaus des Sozialismus und des Kommunismus darin liegt, dass die kommunistischen und Arbeiterparteien die marxistisch-leninistische Einheit ihrer Reihen entschlossen verteidigen und keine Fraktionen und Gruppierungen dulden, die diese Einheit untergraben.“

Bekanntlich reagierte die Tito-Partei auf diese Kritik auf ihrem Ljublianaer Parteitag im April 1958 mit der Annahme eines Programms, in dem die Grundthesen des „modernen“ Revisionismus massiv gebündelt waren. Das war eine Kampfansage an die Parteien der Moskauer Beratung, vor allem aber an die Partei Lenins, die den Mann an der Spitze dieser Partei, wenn er an der Spitze bleiben wollte, erneut zwang, entgegen seinem innersten Wunsche als entschlossener Gegner des Tito-Revisionismus aufzutreten.

Noch nie seit dem ZK-Präsidiumsbeschluß im Juni 1957, ihn abzusetzen, war die Gefahr, gestürzt zu werden, so groß wie jetzt. Wenn er an der Spitze bleiben und diese Sturmflut des Anti-Revisionismus in der kommunistischen Bewegung überstehen wollte, damit er bei günstigerer politischer Großwetterlage das mit dem XX. Parteitag begonnene, durch die Ungarnereignisse aber unterbrochene und zurückgeworfene Werk wieder aufnehmen und fortsetzen konnte, dann musste er als Chefankläger gegen den Tito-Revisionismus ein Meisterstück an Doppelzüngigkeit, Demagogie und Heuchelei vollbringen. Und er vollbrachte es mit einer Rede auf dem  VII. Parteitag der KP Bulgariens im Juli 1958 und mit der Zustimmung zur Verurteilung der Tito-Partei durch die Moskauer Beratung der Kommunistischen und Arbeiterparteien im November 1960.  

Die Rede auf dem VII. Parteitag der KP Bulgariens ist besonders kennzeichnend für seine ausgefeilte Methode, in ein und derselben Rede die von ihm verlangte Verurteilung des Tito-Revisionismus scharf und scheinbar unversöhnlich vorzutragen und zugleich doch zu verstehen zu geben, dass alles nicht so ernst gemeint ist und eine neuerliche Versöhnung von ihm erstrebt wird. Die folgenden Zitate sind dem ND vom 5. Juni 1958 entnommen. Es lohnt sich, die Zeitung noch einmal in die Hand zu nehmen und die von der ND-Redaktion gewählten Zwischenüberschriften mit dem anschließenden Text zu vergleichen: Das ND setzt Überschriften, die keinen Zweifel an der prinzipiellen Verurteilung der Tito-Revisionisten durch die SED-Führung zulassen, wie: „Falsche Behauptungen der jugoslawischen Führer“

„Warum gewähren die USA-Imperialisten Jugoslawien finanzielle Unterstützung?

„Jugoslawiens Führer spalten die Arbeiterbewegung“.

Das läßt scharfe Attacken Chruschtschows auf die jugoslawischen Führer erwarten.

Was jedoch an Ausführungen Chruschtschows unter diesen Überschriften folgt, war im Gegenteil eine Bestätigung für Tito, dass Chruschtschow alles ihm unter den gegebenen Umständen Mögliche tun würde, um es nicht zu einem unheilbaren Bruch kommen zu lassen.

Nach der ND-Überschrift „Warum gewähren die USA-Imperialisten Jugoslawien finanzielle Unterstützung?“ folgt ein sehr zahmer Text Chruschtschows, mit dem er bestätigt, dass er Jugoslawien selbstverständlich zum Lager der sozialistischen Staaten zählt: „Ich möchte  niemanden kränken, aber zugleich kann ich nicht umhin, eine Frage zu stellen, die überall die ehrlichen Kommunisten bewegt. Warum finanzieren die imperialistischen Machthaber, die bestrebt sind, die sozialistischen Staaten vom Erdboden zu tilgen und die kommunistische Bewegung zu unterdrücken, gleichzeitig eines der sozialistischen Länder, geben ihm bevorzugte Kredite und kostenlose Almosen?“

In der Antwort, die Chruschtschow auf diese Frage gibt, greift er nicht etwa, wie das ND, Jugoslawien oder die „jugoslawischen Führer“ an, sondern er spricht nur anonym von „einigen Funktionären,“ „die sich als Kämpfer für den Sozialismus bezeichnen“, aber versuchen, „den Willen der Arbeiterklasse im Kampf gegen den Kapitalismus zu lähmen und die Vortrupps der Arbeiterklasse, die kommunistischen und Arbeiterparteien, zu schwächen, ihre Wachsamkeit einzuschläfern und die Einheit der sozialistischen Länder zu untergraben" .

Dann geht Chruschtschow  zu scharfen Angriffen auf „den Revisionismus“ über, die jeder Zuhörer  wie jeder Leser nicht anders als auf  Tito und seine Partei gemünzt verstehen kann, die aber von Chruschtschow eben nicht beim Namen  genannt werden:

„Die kommunistischen Parteien hüten und wahren die Einheit ihrer Reihen wie ihren Augapfel. Sie führen einen unversöhnlichen Kampf gegen Revisionismus und Dogmatismus. In diesem Kampf richtet sich das Hauptfeuer der kommunistischen Parteien naturgemäß gegen die Revisionisten als die Kundschafter des imperialistischen Lagers. Die antike Sage vom trojanischen Pferd ist weit bekannt. ...Der moderne Revisionismus ist eine Art trojanisches Pferd. Die Revisionisten versuchen, die revolutionären Parteien von innen zu zersetzen, die Einheit zu unterminieren und Verwirrung und Durcheinander in die marxistisch-leninistische Ideologie zu tragen. ...“

Dann folgt eine Passage, bei deren Lesen sich mir immer wieder die Frage aufdrängt: wie erklären sich die Verteidiger Chruschtschows, dass, dies wissend, Chruschtschow 1955 erklären konnte, alle Vorwürfe gegen  Tito und seine Politik hätten sich „nach gründlicher Prüfung der Materialien“ als „pure Erfindungen von imperialistischen Agenten“ erwiesen?

Diese Passage lautet: “Im Jahre 1948 nahm die Konferenz des Informationsbüros eine Resolution über die Lage in der KP Jugoslawiens an, die eine berechtigte Kritik an der Tätigkeit der KP Jugoslawiens in einer Reihe von Fragen enthielt. Diese Resolution war im wesentlichen richtig und entsprach den Interessen der revolutionären Bewegung.“

Die daran anschließende Erklärung Chruschtschows kann aber nicht anders denn als ein demagogischer Versuch zur Spurenverwischung zugunsten Titos und seiner eigenen Bemühungen bezeichnet werden, dieses „trojanische Pferd des Imperialismus“ wieder in die eigene Festung hereinzuholen.

„Später, in den Jahren 1949 bis 1953 entstand ein Konflikt zwischen der KP Jugoslawiens und den anderen Bruderparteien, als im Laufe des Kampfes Fehler gemacht wurden und Komplikationen entstanden, die unserer gemeinsamen Sache Schaden zufügte.“

Welche gemeinsame Sache kann es für einen Kommunisten mit einem „trojanischen Pferd“,  einem „Kundschafter des imperialistischen Lagers“ geben? Aber Chruschtschow will mit diesem trojanischen Pferd des Imperialismus partout immer wieder freundschaftliche Verhältnisse herstellen - warum wohl? Er behauptet: „Im vollen Bewußtsein der Verantwortlichkeit vor unseren Ländern und Völkern und vor der internationalen kommunistischen Bewegung unternahm die KPdSU Schritte, um diesen Konflikt zu liquidieren.“

Das soll der wirkliche Grund gewesen sein für die immer wieder neuen Bemühungen Chruschtschows, die Kundschafter des Imperialismus wieder ins eigene Lager hereinzuholen?   Wo war denn dieses „volle Bewußtsein der Verantwortlichkeit“ bei der Herbeiführung des Bruches mit Volkschina und bei Chruschtschows 1964 unternommenen Versuch der endgültigen „Exkommunizierung“ Chinas aus der Familie der kommunistischen Parteien?

Dagegen schrieb Togliatti bekanntlich seine Denkschrift, die zu seinem politischen Testament werden sollte, weil er auf dem Wege zu der internationalen Beratung in Jalta, auf der er dieses Memorandum vortragen wollte, plötzlich und unerwartet verstarb.

 Es ist gerade in der heutigen Zeit, wo noch immer um die Einheit der Kommunisten - sogar innerhalb nicht weniger kommunistischer Parteien - gerungen wird, sehr nützlich und hilfreich, sich dieses Memorandum Togliattis wieder in Gänze vorzunehmen. Gegen die Absicht Chruschtschows, nun endlich die Zustimmung der mit der KPdSU verbundenen Parteien zum völligen und endgültigen Bruch mit China durchzusetzen, schrieb Togliatti:

Die Einheit aller sozialistischen Kräfte in einer gemeinsamen Aktion gegen die reaktionärsten Gruppen des Imperialismus, auch über die ideologischen Divergenzen hinweg, ist eine unabweisbare Notwendigkeit. Man kann sich nicht vorstellen, dass aus dieser Einheit China und die chinesischen Kommunisten ausgeschlosen werden könnten. ...

Im Zusammenhang mit dem Zusammentritt der vorbereitenden Konferenz am 15. Dezember (1964) könnte man bereits an einige besondere Initiativen denken. Zum Beispiel an die Entsendung einer Delegation, bestehend aus Vertretern einiger Parteien, die den chinesischen Genossen unser Ziel darlegt, vereint zu sein und im Kampf gegen den gemeinsamen Feind zusammenzuarbeiten, und vor ihnen das Problem aufrollt, den Weg und die konkrete Form für diese Zusammenarbeit zu finden. Man muss außerdem im Auge behalten, dass, wenn all unser Kampf gegen die chinesischen Standpunkte als ein Kampf um die Einheit geführt werden muss – und es ist unsere Meinung, dass dies notwendig ist,- die Resolutionen selbst, die man beschließen sollte, dieser Tatsache Rechnung tragen, allgemeine negative Qualifizierungen beiseite lassen und statt dessen einen starken und vorwiegend positiven und einheitlichen politischen Inhalt haben müssen....

Auch aus diesem Grunde und obwohl wir stets die chinesischen Standpunkte als irrig und verhängnisvoll betrachteten, haben wir stets die stärksten Vorbehalte gehabt – und haben sie auch weiterhin – bezüglich der Nützlichkeit einer internat