Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 6/06

Herausgeber: Verein zur Förderung demokratischer Publizistik (e.V.)

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Ulrich Huar

Wider die Reinkarnation der faschistischen Präventivkriegslüge 

Literaturstudie und Dokumente


Inhalt


Redaktionsnotiz

 „Wir“ sind wieder im Krieg. Nach der „Durchsetzung der Menschenrechte“ in Afghanistan und der „Verhinderung eines neuen Hitlers“ in Jugoslawien wird die Bundeswehr nun die Wahlen im Kongo „absichern“. Größere Pläne liegen in den Schubladen. Der „Verteidigungs“minister der Bundesrepublik Deutschland äußert inzwischen öffentlich die Auffassung, dass man die „Anpassung der verfassungsrechtlichen an die tatsächliche Lage“ in Angriff nehmen müsse – sprich Einsatz der Bundeswehr im Innern und überall auf der Welt, und deshalb darf die Planung und Durchführung eines Angriffskrieges gegen andere Länder nicht länger unter grund-gesetzlicher Strafe stehen. Da sind Bedrohungslügen gern gesehene demagogische Hilfsmittel, um die Heimatfront zu formieren.

Was „uns“ heute bedroht? Da lässte sich einiges aufzählen: Zunächst sind das die so genannten „Despoten“ und „Autokraten“, die „autoritäre Regimes“ errichtet haben in den letzten Resten des besiegten Sozialismus in Europa und die nicht so wollen wie „wir“, sprich: die nicht bereit sind, „uns“ Land und Bevölkerung auf Gedeih und Verderben auszuliefern und die deshalb - so die bürgerliche Propaganda - einer wie der andere dem Hitler gleichen. Und dann ist da natürlich der internationale Terrorismus, zu dessen Bekämpfung alle „zivilisierten Völker“ zusammen stehen müssen, außerdem das Atomprogramm des Iran, das weder die EU noch die USA oder die NATO gutheißen können – und Du, Otto Normalverbraucher bitte auch nicht - , und nicht zu vergessen: die Populisten in Lateinamerika; die betrügen ihre Völker sowieso. Und wer sich jetzt noch nicht ausreichend beroht fühlt, dem führt die Bourgeoisie zusätzlich historische Szenarien vor: Stalins „Sowjetrussland“, „Enthüllungen“ über den Gulag, die Stasi, die DDR-Gefängnisse usw. Merke: es gibt keine Alternative zum Imperialismus. Und wer’s nicht glaubt ist ein Verbrecher.

Ziel der ganzen Propagada: Das imperialistische Deutschland muss kriegsfähig werden. An wirtschaftlicher und militärischer Kraft fehlt es der Bourgeoisie nicht, aber an der ideologischen Front hapert es, hat Deutschland doch so ein unangenehmes Erbe (jedenfalls für die Bourgeoisie): erst der Faschismus und der „verlorene“ Krieg und dann auch noch die DDR! Die ideologische Front ist die wunde Stelle, an der es noch nachzubessern gilt, soll aus den Großmachtplänen der Bourgeoisie etwas werden.

Gut, sie haben die Bild -“Zeitung“, die alltägliche bürgerliche Presse, die „Joy“- und „Fun“-Radios, die TV-Sender von ARD und ZDF bis in jeden Sumpf der Privaten. Und wir haben nur 1.500 Leserinnen und Leser. Aber wir tun unser Möglichstes, um dagegen zu halten.

Schaut Euch an, was damals war. Das kommt wieder, wenn wir uns nicht wehren!

 

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Red. Offensiv, Hannover

Ulrich Huar: Wider die Präventivkriegslüge

Ulrich Huar: Literaturstudie

Seitdem Ribbentrop am 22. Juni 1941 mit der Verkündung der von Hitler fabrizierten Lüge, einem unmittelbar bevorstehenden Angriff der Roten Armee zuvorgekommen zu sein, die These vom „Präventivschlag" der deutschen Wehrmacht in die Welt gesetzt hatte, wurde die Präventivkriegsthese zum Gegenstand kontroverser Diskussionen unter Historikern und Publizisten.

Nicht nur marxistisch-leninistische Historiker haben die Präventivkriegsthese von Anfang an als faschistische Lüge nachgewiesen, auch bürgerliche Historiker kamen angesichts des erdrückenden Beweismaterials für den Eroberungs- und Vernichtungskrieg des faschistischen deutschen Imperialismus, nicht umhin, die Präventivkriegsthese der Faschisten als ideologisch verklärte Lüge zurückzuweisen, unabhängig von ihren in den meisten Fällen antikommunistischen und speziell antistalinschen Vorurteilen, was zuweilen zu sehr merkwürdigen Erklärungen führte.

Ursprünglich hielt ich das Thema „Präventivkrieg" für endgültig geklärt.

Weit gefehlt! Im Zuge der Gorbatschowschen „Perestroika", der konterrevolutionären Zerstörung der Sowjetunion, begannen russische Historiker, die „neuen Russen", erneut die faschistische Lüge vom deutschen Präventivkrieg gegen die Sowjetunion aufzuwärmen, Hitler die Führung eines gerechten Verteidigungskrieges gegen den Bolschewismus zu bescheinigen. Solche Elaborate, die inhaltlich der Goebbels-Propaganda gleichkommen, fanden in der BRD unter rechtskonservativen und neofaschistischen Kreisen wohlwollende Aufnahme und Verbreitung.

Die in den 90er Jahren erschienenen Publikationen über die Präventivkriegsthese sind in ihrem Umfang kaum noch überschaubar. Das gibt Veranlassung, auf dieses Thema erneut einzugehen.

Im vom VEB Bibliographischen Institut in Leipzig am 1. August 1954 herausgegebenen Fremdwörterbuch heißt es unter dem Stichwort „Präventivkrieg": der; dem (geplanten oder auch nur vermuteten) Angriff des Gegners zuvorkommender Offensivkrieg.

Im Sachwörterbuch der Geschichte Deutschlands und der deutschen Arbeiterbewegung, Dietz Verlag Berlin 1970, Band 2, gibt es eine historisch erklärende Definition des Präventivkrieges als „Offensivkrieg, der einem vermuteten bzw. vorgeblichen Angriff des Gegners zuvorkommen soll. Im System der imperialistischen Kriegstheorie und -ideologie stellt die ... Theorie des P. den Versuch dar, die imperialistischen Aggressionspläne zu verschleiern und sie als Verteidigungsbestrebungen erscheinen zu lassen. Die Theorie des P. soll dazu beitragen, eine politisch-moralische Aggressionsbereitschaft der Volksmassen zu schaffen und die Militarisierung des gesamten gesellschaftlichen Lebens zu rechtfertigen…"

Es folgt der Hinweis auf die Behauptung des deutschen faschistischen Imperialismus, einen Präventivkrieg gegen die Sowjetunion zu führen, die von der imperialistischen Geschichtsschreibung weiterhin kolportiert wird.

Der Historiker Manfred Messerschmidt wies zu Recht darauf hin, daß die Idee des „Präventivkrieges" bereits im preußischen und später deutschen Generalstab eine Rolle spielte. „Der preußische Generalstab verstand seit den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts unter ,Präventivkrieg' einen Angriffskrieg ohne Vorliegen einer direkten Bedrohung, nämlich ein Unternehmen zwecks Sicherstellung künftiger Optionen oder zur Verhinderung des Aufbaus militärischer Überlegenheit der Nachbargroßmächte. Gedacht war vor allem an ein praevenire zur Vermeidung eines später möglichen Zweifrontenkrieges." Messerschmidt nennt Feldmarschall Helmuth v. Moltke (den alten M., UH), der einen derartigen Krieg 1877 gegen Rußland forderte, was von Bismarck abgelehnt wurde. Während des russisch-japanischen Krieges 1905/06 glaubte der Generalstabschef Graf v. Schlieffen, daß die Stunde für einen „Präventivschlag" gegen Frankreich gekommen sei.

Am 8. Dezember 1912 habe der Generalstabschef, der jüngere Moltke, erklärt: „Ich halte einen Krieg, für unvermeidbar und: je eher, je besser." (Manfred Messerschmidt, in: Pietrow-Ennker: Präventivkrieg…?, S.29)

Die Konzeption, einen Angriffskrieg gegen einen vermutlichen Gegner unter dem Deckmantel der Verteidigung, der Verhinderung eines feindlichen Angriffs zu führen, brauchten die deutschen Faschisten nicht erst zu erfinden.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Angriffskrieg völkerrechtlich als „internationales Verbrechen" geächtet. Im w.o. genannten Sachwörterbuch zur Geschichte..., Bd. 1 , wird der Briand-Kellogg-Pakt vom 27. August 1928 genannt. Dieses Abkommen wurde von 15 Staaten unterzeichnet, darunter Frankreich, USA, Großbritannien und Deutschland. „Nach Artikel 1 des Paktes verpflichteten sich die Signatarstaaten, ,den Krieg als Mittel für die Lösung internationaler Streitfälle (zu) verurteilen und auf ihn als Werkzeug nationaler Politik in ihren gegenseitigen Beziehungen (zu) verzichten'. Artikel 2 betonte die Notwendigkeit, alle Streitigkeiten und Konflikte mit friedlichen Mitteln zu lösen. Die UdSSR trat am 6. Sept. 1928 dem Pakt bei, ratifizierte ihn als erster Staat und empfahl ihren Nachbarn in Europa, ein Protokoll über die vorfristige Inkraftsetzung der Verpflichtungen des Paktes zwischen den Teilnehmern dieses Protokoll zu unterzeichnen, ohne eine allgemeine Ratifikation abzuwarten." Weitergehende Vorschläge der UdSSR, die Forderung nach „Verbot der Kriege" zu präzisieren und mit der „allgemeinen Abrüstung" zu verbinden, wurden von den bürgerlichen Staaten nicht angenommen. 44 Staaten hatten den Pakt ratifiziert. Er trat am 25. Juli 1929 in Kraft.

Das Verdienst, den Reigen derjenigen Perestroika-Historiker eröffnet zu haben, die Hitler bescheinigen, einen Präventivkrieg gegen die Sowjetunion geführt zu haben, kommt offenbar Viktor Suworow alias Wladimir Resun mit seinem Buch „Der Eisbrecher" zu. Resun, Jahrgang 1947, hatte diverse Offiziersschulen und -hochschulen absolviert. Er war seit 1970 Nomenklaturkader des ZK der KPdSU. Seit 1974 war er in der Genfer Residentur der Hauptverwaltung Aufklärung des Generalstabs der Sowjetarmee tätig. Nach dem Osteuropahistoriker Bernd Bonwetsch habe er sich 1983 nach Großbritannien „abgesetzt". In der Sowjetunion sei er in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. (Nach einer anderen Quelle habe er bereits 1978 in Großbritannien politisches Asyl erhalten.)

Suworow/Resun veröffentlichte sein Buch „Der Eisbrecher" 1989 in der BRD und fand damit, wie Bonwetsch schreibt, „große Resonanz. Noch größer war der Erfolg dieses Buches in Russland, wo es 1993 in Millionenauflage herauskam..." (Bonwetsch, in Pietrow-Ennker: Präventivkrieg?... S.173)

Suworow/Resuns Grundaussagen: Hitler habe einen Präventivkrieg geführt - der Partisanenkrieg sei völkerrechtswidrig gewesen - Leugnung von Verbrechen der Wehrmacht - Unterstellung schwerer Verbrechen der Sowjetarmee - Identifizierung von Weltrevolution mit militärischer Aggression, möglicherweise von Trotzki abgeschrieben und Stalin unterstellt - Hitler habe Europa vor dem Bolschewismus gerettet.

Die Methode der Darstellung: Lügen, Unterstellungen, Sophistereien, vermischt mit einigen Tatsachen - ohne Anführung von Tatsachen lassen sich Lügen nicht „glaubhaft" vermitteln. Die Kennzeichnung von Waffen der Roten Armee als „Aggressionswaffen", die Gleichsetzung von „Angriff" als militärstrategische und taktische Kategorie mit „Aggression", d.h. Eroberung von fremdem Territorium, sind Demagogie; als ehemaliger Offizier mit Militär-Hochschulbildung weiß Suworow/Resun natürlich, daß die strategische Verteidigung auch Gegenstöße, Gegenoffensiven und Angriffe kennt und demzufolge auch über „Angriffs"-Waffen verfügt, daß keine Armee der Welt allein durch Verteidigung einen Aggressor zurückschlagen kann.

Sollte er den in der sowjetischen militärtheoretischen Literatur sehr bekannten preußischen Militärtheoretiker Carl von Clausewitz nicht gekannt haben? Das ist unglaubhaft. Clausewitz schrieb über das Verhältnis von „Angriff und Verteidigung": „Da man aber, um wirklich auch seinerseits Krieg zu führen, dem Feinde seine Stöße zurückgeben muß, so geschieht dieser Aktus des Angriffs im Verteidigungskriege gewissermaßen unter dem Haupttitel der Verteidigung, d.h. die Offensive, deren wir uns bedienen, fällt innerhalb der Begriffe von Stellung und Kriegstheater. Man kann also in einem verteidigenden Feldzuge angriffsweise schlagen, in einer verteidigenden Schlacht angriffsweise seine einzelnen Divisionen gebrauchen, endlich in der einfachen Aufstellung gegen den feindlichen Sturm schickt man ihm sogar noch die offensiven Kugeln entgegen...."

„Hat der Verteidiger einen bedeutenden Vorteil errungen, so hat die Verteidigung das Ihre getan, und er muß unter dem Schutz dieses Vorteils den Stoß zurückgeben, wenn er sich nicht einem gewissen Untergang aussetzen will… Ein schneller, kräftiger Übergang zum Angriff ... ist der glänzendste Punkt der Verteidigung...", den man „gleich in den Begriff der Verteidigung" aufnehmen müsse. „Ferner ist es eine grobe Verwechslung, wenn man unter Angriff immer einen Überfall versteht und sich folglich unter Verteidigung nichts als Not und Verwirrung denkt." (Clausewitz, Vom Kriege, S. 369 und 384)

Insgesamt ist der „Eisbrecher" ein primitives antistalinsches Machwerk, ohne jeden wissenschaftlichen Wert. Bonwetsch ist zuzustimmen, wenn er meint, daß Suworows „Umgang mit Quellen und Literatur, der seine „Behauptungen aus Vermutungen in den Rang von Tatsachen erhebt", als „durchgängig unprofessionell und häufig sogar skandalös" zu bezeichnen ist, wobei Bonwetsch sich noch sehr höflich ausgedrückt hat. (Bonwetsch, a.a.O., S.173)

Sergej Slutsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Slawenkunde der Akademie der Wissenschaften Russlands, meint, ein „juristisches Gleichheitszeichen" zwischen Stalin und Hitler, den „beiden Aggressoren", setzen zu müssen, wobei „Stalin ... im gewissen Sinne weitergegangen sei als Hitler". (Pietrow-Enncker, Präventivkrieg?... S.106)

Solche aus der Luft gegriffenen Konstruktionen werden im rechtskonservativen Lager natürlich mit Behagen aufgegriffen.

Wenn Suworow/Resun ein Repräsentant der „neurussischen" Historiographie, für die Umschreibung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges ist, so kann man Ernst Topitsch als sein bundesdeutsches Pendant verstehen. Topitsch beruft sich in seinem Buch „Stalins Krieg. Moskaus Griff nach der Weltherrschaft. Strategie und Scheitern" ausdrücklich auf russische Autoren. Es gäbe eine „geradezu fugenlose Übereinstimmung deutscher und russischer Unterlagen" über die „wohl endgültig gesicherten Angriffsabsichten Stalins" (S.8)

Stalin habe Lenins „Langzeitstrategie zur Unterwerfung der ,kapitalistischen' Welt" gemäß in der „Verwirklichung dieses großangelegten Konzepts eine Rolle gespielt, die von der bisherigen Geschichtsforschung meist noch nicht in ihrer ganzen Bedeutsamkeit erfaßt worden ist." (S.24 f)

Offenbar haben bisher marxistisch-leninistische Historiker in Lenins Werken dessen „Langzeitstrategie" noch nicht entdecken können. Desgleichen muß ihnen in den Schriften, Reden und in der Politik Stalins dessen Rolle in der „Verwirklichung" dieses „großangelegten Konzepts" entgangen sein.

Topitsch würde sich verdient machen, wenn er auch nur einen einzigen Beweis für seine bemerkenswerten Äußerungen vorbringen könnte. In seinem Buch, immerhin 332 Seiten, habe ich keinen dafür gefunden.

Topitsch versichert uns, daß „nun verfügbare Unterlagen zeigen, daß für den Sommer (1941, UH) ein (sowjetischer, UH) Großangriff geplant war." Es seien „sogar ernstzunehmende Argumente dafür angeführt, daß Stalin

auf jeden Fall ... im Sommer (1941, UH) angreifen mußte." (S. 29) Die von Topitsch dafür angeführten Äußerungen von sowjetischen Generalen, Bagramjan, Merezkow, Shukow, Wassilewski, sowie andere Dokumente, beweisen nun gerade das Gegenteil von Topitschs Behauptungen.

Von besonders tiefer „Einsicht" zeugt seine geradezu epochale Entdeckung, daß Stalin „das Erbe des Imperialismus der Zaren mit den Grundsätzen eines Marx und Lenin verbunden" habe. (S.30)

Wie Stalin dieses Wunder vollbracht haben soll, bleibt Topitschs Geheimnis. Topitsch versichert uns, daß die „gegenständliche Streitfrage" über die Weisung 2 des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht vom 18. Dezember 1940, Plan „Barbarossa" (siehe Anhang) „wohl endgültig entschieden" sei: „...in objektiver Hinsicht trug ,Barbarossa' präventiven Charakter." Wenn auch „im engsten, unmittelbar militärischen Sinne" Barbarossa subjektiv nicht als Präventivkrieg bezeichnet werden könne, so „hegte Hitler schon im Sommer 1940 den begründeten Verdacht, England suche nach dem Ausscheiden Frankreichs die Sowjetunion als ,Festlanddegen' zu gewinnen... Der Diktator stand unter Zugzwang." (174 f)

Dieser „Verdacht" reicht also schon aus, Plan „Barbarossa" als Präventivkrieg auch „subjektiv" zu rechtfertigen.

Auf weitere Ausführungen Topitschs einzugehen, erübrigt sich. Sein Buch ist eine Legitimation des Eroberungs- und Vernichtungskrieges des faschistischen deutschen Imperialismus gegen die Sowjetunion. Als eine gewöhnliche antistalinsche Agitationsschrift ist es ohne jeden wissenschaftlichen Wert.

Neben diesen Schmähschriften von Autoren aus dem rechten Lager gibt es auch ernstzunehmende Publikationen zur Präventivkriegsthese von bürgerlichen Historikern, die trotz ihrer Vorbehalte gegenüber Stalin zu sachlichen Einschätzungen gelangen. Die kritische Distanz zur marxistisch-leninistischen Historiographie muß nicht zwangsläufig zu Geschichtsfälschungen führen.

Bianka Pietrow Ennker, Osteuropahistorikerin an der Universität Konstanz, weist die Präventivkriegsthese der Faschisten als unhaltbar zurück. Sie begründet ihren Standpunkt aus der Schwäche der Roten Armee zu diesem Zeitpunkt, die gar nicht in der Lage gewesen wäre, einen Aggressionskrieg gegen Deutschland zu führen. Diese Schwäche führt sie jedoch auf die Auswirkungen Stalinscher Politik zurück, wobei sie die Thesen von der „Zwangskollektivierung", der „Enthauptung der Roten Armee" unkritisch übernimmt. Nun war gerade die Kollektivierung der Landwirtschaft eine der sozial-ökonomischen Voraussetzungen für den Sieg des Sozialismus in der UdSSR und im Zweiten Weltkrieg über die faschistische deutsche Wehrmacht gewesen.

Sie war notwendiger Bestandteil der sozialistischen Revolution. Sozialistische Industrie und privatkapitalistische Landwirtschaft sind nicht miteinander zu vereinen. Die Entwicklungsmöglichkeiten kleiner landwirtschaftlicher Betriebe hatten sich erschöpft, wobei die vom Zarismus ererbte Rückständigkeit der russischen Landwirtschaft und das Kulturniveau der Bauernmassen, in der überwiegenden Mehrheit Analphabeten, zu berücksichtigen ist. Von den kapitalistisch wirtschaftenden Großbauern, den Kulaken, wurde Widerstand gegen die Kollektivierung geleistet, mit Aufständen, Ermordung von Sowjetfunktionären, Zurückhaltung von Getreide. Die Anwendung von Gewalt gegen die Kulaken war die notwendige revolutionäre Maßnahme der Sowjetmacht, das waren etwa 3 bis 5 % der Wirtschaften. Gegen die Masse der Klein- und Mittelbauern wurde keine Gewalt angewendet - aus dem einfachen Grunde, weil es gar nicht ging. Stalin hatte weder die Macht noch den Apparat, noch die erforderlichen bewaffneten Kräfte dafür, denn die Mehrheit der Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere der Roten Armee stammten aus Arbeiter- und Bauernfamilien. Die überwiegende Mehrheit der Sowjetsoldaten waren Söhne von Klein- und Mittelbauern, sogar noch zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Britische Offiziere, die mit sowjetischen Soldaten im Raum von Archangelsk zusammenkamen, wunderten sich darüber, daß sie Soldaten der Roten Armee antrafen, die weder schreiben noch lesen konnten. Der Ver-such, gegen die Masse der Bauern Gewalt anzuwenden, hätte das Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft zerstört, die politische Grundbedingung für die Existenz der Sowjetmacht. Wenn Stalin versucht hätte, gegen die Bauernmassen Gewalt anzuwenden, so hätte er das nicht überlebt. Die These von der „Zwangskollektivierung", der „Gewaltanwendung", reduziert sich auf die Klasse der Kulaken, die zum größten Teil umgesiedelt wurden. (Ulrich Huar, Stalins Beiträge zur politischen Ökonomie des Sozialismus … S.43)

Desgleichen empfiehlt es sich, zur These von der „Enthauptung der Roten Armee" die neueren aus russischen Archiven veröffentlichten Zahlen zu beachten. Andrea Schön dokumentiert dazu einige Zahlen: „Im Jahre 1937 gab es 144.300 Offiziere und politische Kommissare in Armee und Luftwaffe und 282.300 im Jahre 1939. Während der Säuberungen 1937/38 wurden 34.300 Offiziere und Kommissare aus politischen Gründen entlassen. Bis zum Mai 1940 wurden allerdings 11.596 rehabilitiert und wieder in ihre Posten eingesetzt. Das heißt, zu den Entlassenen zählten 22.705 Offiziere und Kommissare (davon 13.000 Armeeoffiziere, 4.700 Luftwaffenoffiziere und 5.000 andere (politische Gefangene, UH)). Das sind insgesamt 7,7 % aller Offiziere und Kommissare, wovon wiederum nur ein geringer Teil als Verräter verurteilt wurde, während der Rest ins zivile Leben zurückkehrte." (Andrea Schön, Geschichtslügen..., S.46 f)

Hans Wauer/Hans Jürgen Falkenhagen bestreiten die Behauptung von einer Massenhinrichtung sowjetischer Offiziere: „In der Roten Armee und Flotte wurden von 1937 - 1939 36.898 Offiziere aus Altersgründen, wegen unzureichender Gesundheit, Disziplinarverstößen, moralischer Verfehlungen und mangelndem politischen Bewußtsein sowie wegen politischen Strafverdachts entlassen. Von den aus politischen Gründen Entlassenen wurden 9.579 verhaftet, davon wurden etwa 2.000 wegen erwiesener Unschuld wieder entlassen oder, soweit sie verurteilt waren, rehabilitiert.

Von den entlassenen 36.898 Offizieren wurden bis zum 1.1.1941 insgesamt 15.000 wieder in die Reihen der Roten Armee und Flotte in Offiziersdienstgraden aufgenommen. Weitere Entlassungen und Rehabilitierungen erfolgten während des Großen Vaterländischen Krieges. Darüber liegen uns aber keine genauen Zahlen vor. Auf Grund von Paragraphen über konterrevolutionäre Verbrechen wurden 1937/38 70 Offiziere zum Tode durch Erschießen verurteilt, wobei die Urteile vollstreckt wurden. In den Reihen der Unteroffiziers- und Mannschaftsdienstgrade sind wegen konterrevolutionärer Verbrechen keine Todesurteile ergangen."

„Zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges dienten etwa 500.000 Offiziere in den Reihen der Roten Armee und Flotte und des NKWD. Die Anzahl der Offiziere im Generals- und Admiralsrang hatte sich seit 1937 mindestens vervierfacht. Von einer Enthauptung der Roten Armee kann also in der Tat keine Rede sein." (Wauer/Falkenhagen: Nikolai Bucharin... S.47f)

Man muß umgekehrt die Frage stellen, was wäre aus der Roten Armee geworden, wenn es konterrevolutionären Trotzkisten in den sowjetischen Streitkräften gelungen wäre, ihre Kommandohöhen zu besetzen? Zugegeben, diese Frage ist spekulativ, weil nicht zu beantworten. Daß es konterrevolutionäre Offiziere in den höchsten Kommandostellen gegeben hat, darüber besteht kein Zweifel. Es ist auch nicht auszuschließen, daß einige Offiziere Intrigen zum Opfer gefallen sind. Intrigen, Überspitzungen, Dummheiten hat es zur Genüge gegeben, unter denen Unschuldige zu leiden hatten. Sie sind auf menschliche Schwächen, Niederträchtigkeiten von Individuen zurückzuführen.

Lenin bemerkte auf dem VIII. Parteitag der KPR (B) (März 1919): „Wir sind nie Utopisten gewesen und haben uns nie eingebildet, daß wir die kommunistische Gesellschaft mit den fein säuberlichen Händen fein säuberlicher Kommunisten aufbauen werden, die in einer rein kommunistischen Gesellschaft geboren und erzogen werden müssen. Das sind Ammenmärchen ... hier und dort" haben sich „Karrieristen, Abenteurer an die Rockschöße gehängt, die sich Kommunisten nennen und uns betrügen, die sich an uns herangemacht haben, weil die Kommunisten jetzt an der Macht sind..." (Lenin; Werke, Bd.29, S.195 f)

Dem deutschen faschistischen Imperialismus stand das gesamte industrielle Potential West- und Südosteuropas zur Verfügung. Die deutsche Wehrmacht hatte Kampferfahrung und war waffentechnisch und zahlenmäßig der Roten Armee überlegen. Die Rüstungsproduktion Deutschlands erzeugte 1941 über 11.000 Flugzeuge, 5.200 Panzer und Panzerkraftwagen, 30.000 Geschütze verschiedenen Kalibers, rund 1,7 Millionen Karabiner, Gewehre, Maschinenpistolen. Hinzu kamen die von den unterworfenen Ländern geraubten Waffen sowie die Waffenproduktion der Satelliten. Die Gesamtstärke der deutschen Wehrmacht betrug im Juni 8.500.000 Mann, das waren 208 voll aufgefüllte Divisionen! (Shukow, Erinnerungen, S. 266 f)

General der Infanterie Kurt v. Tippelskirch gab exakte Angaben über die Stärke der bereitstehenden deutschen Truppen: „Bis zum 22. Juni, dem Tag des Angriffsbeginns, waren 81 Inf.-Div., 1 Kav.-Div., 17 Pz.-Div, 15 mot.Div., 9 Polizei- und Sicherungs-Div. in den Aufmarschräumen versammelt. Als Heeresreserven waren 22 Inf.-Div., 2 Pz.-Div., 2 mot. Div. und 1 Polizei-Div. noch im Antransport. Im ganzen verfügte das Heer also, von Sicherungs- und Polizei-Divisionen abgesehen, über 140 voll kampffähige Verbände.

Die Luftwaffe hatte etwa 1.800 Kampfmaschinen in drei Luftflotten bereitgestellt, die mit den drei Heeresgruppen zusammenwirken sollten...." (Tippelskirch ..., S. 175)

Die Gesamtstärke der Roten Armee betrug zu diesem Zeitpunkt rund 5 Millionen Mann. (Shukow, Gedanken... S.268.)

Am Vorabend des 22. Juni waren 170 sowjetische Divisionen „auf einem riesigen Territorium mit etwa viereinhalbtausend Kilometern Frontlänge zwischen der Barentsee und dem Schwarzen Meer in 400 km Tiefe verteilt." Einbezogen war in diese Frontlänge auch die gesamte Küste, „die lediglich von der Küstenverteidigung und der Seekriegsflotte geschützt wurde. Zwischen Tallin und Leningrad gab es an der Küste überhaupt keine Truppen. Daher standen unsere 170 Divisionen tatsächlich auf 3.375 Kilometer Frontlänge…" (Shukow, a.a.O. S. 306)

Das war das Kräfteverhältnis im Juni 1941, darin bestand die „Schwäche" der Roten Armee. Insofern hat Bianka Pietrow recht, bei einem solchen Kräfteverhältnis war eine Aggression der Roten Armee gegen Deutschland unmöglich.

Bianka Pietrow bestätigt einerseits richtig die sowjetische Sicherheitspolitik, die Politik der „kollektiven Sicherheit", andererseits behauptet sie dann, daß Stalin mit dem Abschluß des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes die sowjetische Sicherheitspolitik untergraben habe. Der Nichtangriffspakt „stand nicht mehr in der Tradition der kollektiven Sicherheitspolitik und früherer Nichtangriffsverträge. Vielmehr bedeutete er einen Bruch der Vertragspraxis, weil er im Wissen über den bevorstehenden deutschen Angriff auf Polen formuliert worden war. Es fehlte die Klausel, die den Vertragspartner von der vertraglichen Verpflichtung entband, wenn die andere Seite einen Akt der Aggression gegen einen dritten Staat unternahm. Damit begünstigte der Vertrag faktisch den Krieg; der Frieden war nun ,teilbar' geworden." (Bianka Pietrow, Präventivkrieg?... S. 80 f)

Abgesehen davon, daß bei der erwähnten „Klausel" der Nichtangriffsvertrag nicht zustande gekommen wäre, ist die Argumentation der Autorin zumindest recht merkwürdig.

Nicht der Vertrag „begünstigte" den Krieg, sondern die Politik der britischen und französischen Regierung, wobei die polnische und rumänische Regierung ihren verhängnisvollen Anteil geleistet haben - im Falle einer deutschen Aggression der Roten Armee den Durchzug über ihr Territorium nicht zu gestatten.

Nicht Stalin hat die Politik der „kollektiven Sicherheit" aufgegeben, sondern die britische und französische „appeasment"Politik gegenüber den Faschisten, in der Erwartung, den deutschen Imperialismus in einen Krieg gegen die Sowjetunion zu lenken. Diese Politik war seit dem Münchener Abkommen, der Preisgabe der CSR an die deutschen Faschisten, dokumentarisch belegt. (siehe Anhang, die Dokumente aus dem „Archiv Dirksens") Über die deutsch-britischen Kungeleien war Stalin bestens informiert. Über die sowjetisch-britisch-französischen Verhandlungen in Moskau über den Abschluß eines Militärabkommens gegen den faschistischen Aggressor im Sommer 1939 geben die Erinnerungen Admiral Kusnezows und Marschall Shukows Auskunft, wie auch das Archiv Dirksens.

Weder die Briten noch die Franzosen wollten ein bindendes Militärabkommen. (Siehe Anhang Kusnetzow und Shukow)

Selbst Churchill, der aus seiner antikommunistischen und speziell antisowjetischen Haltung nie einen Hehl gemacht hatte, bescheinigte in seinen Memoiren Stalin, daß ihm gar nichts anderes übrig geblieben war, als den Nichtangriffsvertrag mit Deutschland zu unterschreiben und machte dafür die Diplomatie der britischen und französischen Regierung verantwortlich. (Siehe Anhang, Churchill)

Bianka Pietrow identifiziert offenbar die Sicherheitspolitik der UdSSR mit der Politik der „kollektiven Sicherheit". Nach der Ablehnung dieser Politik durch die britische und französische Regierung, dem durch die beiden westlichen Regierungen gewollten und verursachten Scheitern der Politik der „kollektiven Sicherheit", erforderte die Sicherheit der Sowjetunion den Abschluß des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes.

Bianka Pietrow gibt noch eins drauf: „Die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit (?, UH) nach Abschluß der Verträge vom August und September 1939 sollte der Sowjetführung" die Möglichkeit zur Expansion geben. „Denn neben der Sicherheitsgarantie (?, UH), die die UdSSR vom Reich erhielt, eröffneten sich bei deutscher Rückendeckung Chancen zur Verschiebung der Grenzen und zum Export des Sowjetsystems." (BiankaPietrow, a.a.O. S. 83)

Diese These wird auch von anderen bürgerlichen Publizisten vertreten, aber weder diese noch die Autorin können für die Expansion und den „Export des Sowjetsystems" auch nur einen einzigen Beweis anführen. Auch hier kann man bei Churchill nachlesen, der, wenn auch in seiner antikommunistischen Diktion, erkannt hat, daß es die Sicherheit der UdSSR erforderte, die Grenzen soweit wie möglich nach Westen zu verschieben, namentlich im Baltikum, den westlichen Gebieten Weißrußlands, der Ukraine und Bessarabiens. (Siehe Anhang, Churchill)

Einerseits lehnt Bianka Pietrow die Präventivkriegsbehauptung des faschistischen deutschen Imperialismus ab, andererseits ist ihre „Begründung" dafür nicht haltbar.

Die baltischen Staaten und Finnland waren bereits in den deutschen Aufmarsch mit einbezogen, desgleichen Rumänien. Es sei daran erinnert, daß die demokratischen Revolutionen im Baltikum und in Finnland unter Einsatz deutscher Truppen 1918 niedergeschlagen wurden. Der Preis, den die finnischen und baltischen Bourgeois und Großgrundbesitzer dafür zu zahlen hatten, war die politische und militärische Unterwerfung unter die deutschen Imperialisten.

Die Handlungen der Sowjetregierung waren legitime Verteidigungsmaßnahmen, Maßnahmen revolutionärer Klassenpolitik, wie sie Kurt Gossweiler richtig bezeichnet hat. Man hätte Stalin kritisieren müssen, wenn er es nicht getan hätte. „Vor allem aber ... war dieser Schritt der Sowjetunion vom Klassenstandpunkt aus nicht nur berechtigt, sondern kühn und revolutionär. Er durchkreuzte nicht nur - wie sich bald zeigte - imperialistische Intrigen, sondern drängte mit dem Einflußgebiet des deutschen Faschismus auch zugleich das des Imperialismus zurück und dehnte das des Sozialismus aus, sprengte damit den ,cordon sanitaire', den der Imperialismus vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer um den Sowjetstaat gelegt hatte, und holte aus dem imperialistischen Herrschaftsbereich alle Gebiete zurück, die nach dem ersten Weltkrieg unter Ausnutzung der jungen Sowjetmacht dieser gewaltsam entrissen worden waren." (Gossweiler, S.183)

Zu diesen befreiten Gebieten gehörten die westlichen Gebiete der Belorussischen- und der Ukrainischen Sowjetrepublik bis zur Curzon-Linie, die 1920 von der Pilsudski-Regierung völkerrechtswidrig annektiert wurden. Die Ententemächte hatten Polen während des Interventionskrieges gegen Sowjetrußland mit umfangreichem Kriegsmaterial aufgerüstet. Von den USA erhielten die Polen im ersten Halbjahr 1920 200 Panzer, 300 Flugzeuge, 20.000 Maschinengewehre. Frankreich lieferte 2.000 Geschütze, 3.000 Maschinengewehre, 500.000 Gewehre und 350 Flugzeuge. Die Gesamtstärke der polnischen Armee betrug rund 740.000 Mann. Etwa 700 französische Offiziere, darunter 38 Generale und Oberste übernahmen die Rolle von Instrukteuren der polnischen Armee. Wie Churchill in seinen Memoiren schrieb, wurde die polnische Armee von dem französischen General Weygand beraten und von der britischen Mission unter Lord d'Abernon unterstützt. (Churchill, Der Zweite Weltkrieg, Berlin - München - Wien, Neuauflage 1989 S. 185)

Die von den „neuen Russen" im Zuge der konterrevolutionären Zerstörung der Sowjetunion verkündete These, wonach Hitler einen Präventivkrieg gegen einen bevorstehenden Angriff der Roten Armee geführt und damit Europa vor dem Bolschewismus gerettet habe, stößt bei anderen russischen Historikern und auch bei deutschen bürgerlichen Historikern als unhaltbar auf Widerspruch. Auch in den kürzlich aus russischen Archiven freigegebenen Dokumenten finden sich keine Beweise für einen geplanten Angriff der Roten Armee auf Deutschland. Umgekehrt finden sich Aggressionspläne gegen die UdSSR im politischen Programm Hitlers - die „Lebensraumgewinnung" im Osten - und in den militärischen Planungen des Krieges gegen die Sowjetunion des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), nicht nur und nicht erstmalig im Plan „Barbarossa". Es ist bemerkenswert, daß in keinem Dokument Hitlers und des OKW auch nur ein Hinweis auf eine Bedrohung durch die Rote Armee, über die Notwen

digkeit eines „Präventivkrieges" zu finden ist, dafür um so mehr aber über „vernichten", „ausrotten", „erschießen" und über die Deutschen als „Herrenmenschen" über die slawischen Völker. Die „Defensivvorstellungen" Hitlers, der Wehrmachtsführung und „Wehrwirtschaftsführer", d.h. des deutschen Monopol- und Bankkapitals, gingen davon aus, Rußland bis zu einer Linie von Archangelsk über die mittlere Wolga bis Astrachan zu besetzen.

Man kann Stalin vorwerfen, daß er trotz Kenntnis über die deutschen Aggressionsabsichten nur unzureichende Verteidigungsmaßnahmen hat durchführen lassen. Es gab einen „Präventivschlagsplan" vom Mai 1941, vorgelegt von Shukow, Chef des Generalstabs, und Timoschenko, Volkskommissar für Verteidigung, den Stalin sehr energisch abgelehnt hat. Unter Berufung auf Lev A. Bezymenskij zitiert Alexander I. Boroznjak eine Bemerkung Stalins gegenüber Shukow und Timoschenko auf deren „Offensivplan" sowie zu seiner Rede vom 5. Mai 1941 vor Absolventen der Militärhochschulen: „Ich habe dem Volk gesagt, daß die Wachsamkeit erhöht werden muß. Und Sie müssen wissen, daß Deutschland nie allein gegen Rußland kämpfen wird. Wenn Sie jedoch an der Grenze die Deutschen reizen und Truppen ohne Erlaubnis vorschieben, dann ziehen Sie in Betracht, daß Köpfe fallen werden." (Boroznjak, in Ueberschär/Bezymenskij... S. 122)

Stalin wolte auf keinen Fall den deutschen Faschisten auch nur den geringsten Anlaß für einen Überfall geben.

Sicher war der Präventivschlagsplan Shukows/Timoschenkos unter militärischem Gesichtspunkt richtig, solange sich die deutschen Truppen noch in der Formierung, in der Beziehung ihrer Ausgangsstellungen befanden.

Aber welche politischen Auswirkungen hätte ein solcher Präventivschlag gehabt? Darüber kann man nur spekulieren. Hätte man nicht die „gewünschten" Fakten gehabt, um die UdSSR - Stalin! - der Führung eines Aggressionskrieges gegen Deutschland zu bezichtigen?

Auf die Frage, was Stalin „im Sinne hatte", antwortet Bernd Bonwetsch: „Niemand weiß es, aber es spricht weiterhin vieles für die auf zahlreiche Indizien gestützte Vermutung, daß Stalins zögernde, unentschiedene Haltung im Mai und Juni 1941 von der Hoffnung bestimmt wurde, den drohenden Krieg mit Deutschland noch bis 1942 hinauszögern und unter Bedingungen führen zu können, die für die Sowjetunion günstiger waren als die von 1941. Eine wirkliche Klärung steht allerdings noch aus." (Bonwetsch, a.a.O. S. 185)

Dokumente

Dokument 1:

Stalin: Rechenschaftsbericht an den XVIII. Parteitag(B), März 1939. Auszug.

2. Die Verschärfung der internationalen politischen Lage, der Zusammenbruch des Nachkriegssystems der Friedensverträge, der Beginn des neuen imperialistischen Krieges

Hier eine Aufzählung der wichtigsten Ereignisse in der Berichtsperiode, die den neuen imperialistischen Krieg einleiteten. Im Jahre 1935 überfiel Italien Abessinien und annektierte es. Im Sommer 1936 organisierten Deutschland und Italien die militärische Intervention in Spanien, wobei Deutschland sich im Norden Spaniens und in Spanisch-Marokko und Italien im Süden Spaniens und auf den Balearen festsetzte. Im Jahre 1937 brach Japan, nach der Annexion der Mandschurei, in Nord- und Zentralchina ein, besetzte Peking, Tientsin, Schanghai und begann seine ausländischen Konkurrenten aus der Okkupationszone zu verdrängen. Anfang 1938 annektierte Deutschland Österreich und im Herbst 1938 das Sudetengebiet der Tschechoslowakei. Ende 1938 bemächtigte sich Japan Kantons und Anfang 1939 der Insel Hainan.

Somit zog der Krieg, der sich so unmerklich an die Völker herangeschlichen hat, mehr als 500 Millionen Menschen in seinen Bannkreis; der Krieg hat seine Aktionssphäre auf ein gewaltiges Gebiet ausgedehnt: von Tientsin, Schanghai und Kanton über Abessinien bis Gibraltar.

Nach dem ersten imperialistischen Kriege schufen die Siegerstaaten, hauptsächlich England, Frankreich und die USA, ein neues Regime der Beziehungen zwischen den Ländern: das Friedensregime der Nachkriegszeit. Die wichtigsten Grundpfeiler dieser Regimes waren im Fernen Osten der Neunmächtepakt und in Europa der Versailler Vertrag und eine ganze Reihe anderer Verträge. Der Völkerbund war dazu bestimmt, die Beziehungen zwischen den Ländern im Rahmen dieses Regimes auf der Grundlage einer Einheitsfront der Staaten, auf der Grundlage der kollektiven Verteidigung der Sicherheit der Staaten zu regeln. Die drei aggressiven Staaten und der von ihnen begonnene neue imperialistische Krieg haben jedoch dieses gesamte Friedensregime der Nachkriegszeit über den. Haufen geworfen. Japan hat den Neunmächtepakt, Deutschland und Italien haben den Versailler Vertrag zerrissen. Um freie Hand zu bekommen, sind alle diese drei Staaten aus dem Völkerbund ausgetreten.

Der neue imperialistische Krieg wurde zur Tatsache.

In unseren Zeiten ist es nicht so leicht, sich mit einem Male von der Kette loszureißen und sich geradewegs in den Krieg zu stürzen, ohne auf Verträge verschiedener Art und auf die öffentliche Meinung Rücksicht zu nehmen. Den bürgerlichen Politikern ist dies sehr wohl bekannt. Auch den faschistischen Machthabern ist das bekannt. Daher entschlossen sich die faschistischen Machthaber, bevor sie sich in den Krieg stürzten, die öffentliche Meinung in bestimmter Weise zu bearbeiten, d.h. sie irrezuführen, sie zu betrügen.

Ein Kriegsblock Deutschlands und Italiens gegen die Interessen Englands und Frankreichs in Europa? Gott bewahre! Ist das etwa ein Block? „Wir" haben keinerlei Kriegsblock. „Wir" haben lediglich eine harmlose „Achse Berlin-Rom", d.h. eine Art geometrische Formel für eine Achse. (Heiterkeit)

Ein Kriegsblock Deutschlands, Italiens und Japans gegen die Interessen der USA, Englands und Frankreichs im Fernen Osten? Nichts dergleichen! „Wir" haben keinerlei Kriegsblock. „Wir" haben lediglich ein harmloses „Dreieck Berlin-Rom-Tokio" - das ist ein kleiner geometrischer Zeitvertreib. (Allgemeine Heiterkeit).

Ein Krieg gegen die Interessen Englands, Frankreichs, der USA? Unsinn! „Wir" führen Krieg gegen die Komintern und nicht gegen diese Staaten. Glaubt ihr es nicht, so lest den „Antikomintern-Pakt", den Italien, Deutschland und Japan miteinander abgeschlossen haben.

So gedachten die Herren Aggressoren die öffentliche Meinung zu bearbeiten, obwohl es nicht schwer war zu begreifen, daß all dies eine plumpe, durchsichtige Maskerade war, denn es ist lächerlich, „Stützpunkte" der Komintern in den Wüsten der Mongolei, in den Bergen Abessiniens, in den Felsschluchten Spanisch-Marokkos zu suchen. (Heiterkeit).

Aber der Krieg ist unerbittlich. Man kann ihn hinter keinerlei Kulissen verstecken. Denn hinter keinerlei „Achsen", „Dreiecken" und „Antikomintern-Pakten" läßt sich die Tatsache verstecken, daß Japan während dieser Zeit ein gewaltiges Gebiet Chinas, Italien, Abessinien, Deutschland, Österreich und das Sudetengebiet, Deutschland und Italien gemeinsam Spanien an sich gerissen haben, all dies entgegen den Interessen der nichtaggressiven Staaten. Der Krieg blieb Krieg, der Kriegsblock der Aggressoren blieb ein Kriegsblock und die Aggressoren blieben Aggressoren.

Ein kennzeichnender Zug des neuen imperialistischen Krieges besteht darin, daß er noch nicht zu einem allgemeinen, zu einem Weltkriege geworden ist. Der Krieg wird von den aggressiven Staaten geführt, die die Interessen der nichtaggressiven Staaten, vor allem Englands, Frankreichs und der USA, in jeder Weise schädigen; die letzteren weichen jedoch zurück, treten den Rückzug an, machen den Aggressoren ein Zugeständnis nach dem anderen.

Somit vollzieht sich vor unseren Augen eine offene Neuaufteilung der Welt und der Einflußsphären auf Kosten der Interessen der nichtaggressiven Staaten, wobei diese keinerlei Versuche zur Abwehr unternehmen, in gewisser Weise sogar jene begünstigen.

Unglaublich, aber wahr.

Wodurch ist dieser einseitige und seltsame Charakter des neuen imperialistischen Krieges zu erklären?

Wie konnte es geschehen, daß die nichtaggressiven Länder, die über gewaltige Möglichkeiten verfügen, so leicht und ohne Widerstand zugunsten der Angreifer ihre Positionen preisgaben und sich von ihren Verpflichtungen lossagten?

Ist dies etwa durch die Schwäche der nichtaggressiven Staaten zu erklären? Natürlich nicht! Die nichtaggressiven, demokratischen Staaten sind zusammen unzweifelhaft stärker als die faschistischen Staaten, sowohl in ökonomischer als auch in militärischer Hinsicht.

Wodurch sind also in diesem Falle die systematischen Zugeständnisse dieser Staaten an die Aggressoren zu erklären?

Man könnte dies zum Beispiel mit der Furcht vor der Revolution erklären, die ausbrechen könnte, wenn die nichtaggressiven Staaten in den Krieg eintreten und der Krieg zu einem Weltkriege wird. Die bürgerlichen Politiker wissen natürlich, daß der erste imperialistische Weltkrieg den Sieg der Revolution in einem der größten Länder mit sich gebracht hat. Sie fürchten, der zweite imperialistische Weltkrieg könnte ebenfalls zum Siege der Revolution in einem oder in mehreren Ländern führen.

Aber das ist zur Zeit nicht die einzige und nicht einmal die wichtigste Ursache. Die wichtigste Ursache besteht darin, daß sich die meisten nichtaggressiven Länder und vor allem England und Frankreich von der Politik der kollektiven Sicherheit, von der Politik der kollektiven Abwehr der Aggressoren losgesagt haben, daß sie die Position der Nichteinmischung, die Position der „Neutralität" bezogen haben.

Formal gesehen könnte man die Politik der Nichteinmischung wie folgt charakterisieren: „Jedes Land möge sich gegen die Aggressoren verteidigen wie es will und wie es kann, wir scheren uns nicht darum, wir werden sowohl mit den Aggressoren als auch mit ihren Opfern Handel treiben." In Wirklichkeit bedeutet jedoch die Politik der Nichteinmischung eine Begünstigung der Aggression, die Entfesselung des Krieges und folglich seine Umwandlung in einen Weltkrieg. In der Politik der Nichteinmischung macht sich das Bestreben, der Wunsch geltend, die Aggressoren bei der Ausführung ihres dunklen Werkes nicht zu hindern, zum Beispiel Japan nicht zu hindern, sich in einen Krieg gegen China, noch besser aber gegen die Sowjetunion einzulassen, zum Beispiel Deutschland nicht zu hindern, sich in die europäischen Angelegenheiten zu verstricken, sich in einen Krieg gegen die Sowjetunion einzulassen, alle Kriegsteilnehmer tief in dem Morast des Krieges versinken zu lassen, sie im stillen dazu anzuspornen, dazu zu bringen, daß sie einander schwächen und erschöpfen, dann aber, wenn sie genügend geschwächt sind, mit frischen Kräften auf dem Schauplatz zu erscheinen und, natürlich, „im Interesse des Friedens" aufzutreten, um den geschwächten Kriegsteilnehmern die Bedingungen zu diktieren.

Wie billig und wie nett!

Nehmen wir zum Beispiel Japan. Es ist charakteristisch, daß alle einflußreichen französischen und englischen Zeitungen vor dem japanischen Einfall in Nordchina schreiend verkündeten, daß China schwach sei, daß es unfähig sei, Widerstand zu leisten, daß Japan mit seiner Armee in zwei, drei Monaten China unterwerfen könnte. Daraufhin nahmen die europäischen und amerikanischen Politiker eine abwartende Stellung ein und spielten den Beobachter. Und dann, als Japan die Kriegshandlungen entfaltete, trat man ihm Schanghai ab, das Herz des ausländischen Kapitals in China, trat man Kanton ab, den Stützpunkt des englischen Monopoleinflusses in Südchina, trat man Hainan ab, ließ man Hongkong einkreisen. Nicht wahr, all das sieht einer Ermunterung der Aggressoren sehr ähnlich: Mögen sie sich weiter in den Krieg verstricken, man wird dann schon sehen.

Oder nehmen wir zum Beispiel Deutschland. Man trat Deutschland Österreich ab, ungeachtet der Verpflichtung, die Selbständigkeit Österreichs zu verteidigen, man trat ihm das Sudetengebiet ab, überließ die Tschechoslowakei ihrem Schicksal, womit man allen und jeden Verpflichtungen zuwiderhandelte, und begann dann in der Presse lärmend zu lügen, daß die „russische Armee schwach", die „russische Luftflotte zersetzt" sei, daß es in der Sowjetunion „Unruhen" gebe, wodurch man die Deutschen anstachelte, weiter nach Osten vorzustoßen, ihnen leichte Beute versprach und ihnen zuredete: Fangt nur den Krieg gegen die Bolschewiki an, weiter wird alles gut gehen. Man muß zugeben, daß dies ebenfalls einem Antreiben, einer Ermunterung des Aggressors sehr ähnlich sieht.

Kennzeichnend ist der Lärm, den die englische, französische und nordamerikanische Presse um die Sowjetukraine erhob. Die Vertreter dieser Presse schrien sich heiser, daß die Deutschen gegen die Sowjetukraine marschieren, daß sie gegenwärtig die sogenannte Karpato-Ukraine in Händen haben, die etwa 700.000 Einwohner zählt, und daß die Deutschen nicht später als im Frühling dieses Jahres den Anschluß der Sowjetukraine mit mehr als 30 Millionen Einwohnern an die sogenannte Karpato-Ukraine vollziehen würden. Es hat den Anschein, als ob dieser verdächtige Lärm den Zweck hatte, bei der Sowjetunion Wut gegen Deutschland zu erregen, die Atmosphäre zu vergiften und einen Konflikt mit Deutschland zu provozieren, ohne daß dazu sichtbare Gründe vorliegen.

Es ist allerdings sehr wohl möglich, daß es in Deutschland Verrückte gibt, die davon träumen, einen Elefanten, d.h. die Sowjetukraine, einer Mücke, d.h. der sogenannten Karpato-Ukraine, anzugliedern. Wenn es dort wirklich solche wahnwitzigen Leute gibt, so ist nicht daran zu zweifeln, daß sich in unserem Lande in genügender Zahl Zwangsjacken für solche Verrückten finden würden. (Beifallssturm). Lassen wir aber die Verrückten beiseite und wenden wir uns normalen Menschen zu: Ist es etwa nicht klar, daß es lächerlich und dumm wäre, im Ernst von einem Anschluß der Sowjetukraine an die sogenannte Karpato-Ukraine zu sprechen? Man bedenke nur. Die Mücke kommt zum Elefanten und sagt zu ihm, die Hände in die Seiten gestemmt: „He, du, mein lieber Bruder, wie tust du mir doch leid... Du lebst dahin ohne Gutsbesitzer, ohne Kapitalisten, ohne nationale Unterdrückung, ohne faschistische Machthaber, was ist das für ein Leben... Ich schaue dich an und kann nicht umhin zu bemerken: Es gibt keine Rettung für dich, als dich mir anzuschließen... (Allgemeine Heiterkeit). Wohlan denn, ich erlaube dir, dein kleines Gebiet meinem unermeßlichen Territorium anzuschließen..." (Allgemeine Heiterkeit und Beifall).

Noch kennzeichnender ist es, daß gewisse Politiker und Pressevertreter in Europa und in den Vereinigten Staaten, die in Erwartung eines „Feldzugs gegen die Sowjetukraine" die Geduld verloren haben, selber dazu übergehen, die wahren Hintergründe der Nichteinmischungspolitik zu enthüllen. Sie erklären geradeheraus und geben es schwarz auf weiß zu, daß sie von den Deutschen schwer „enttäuscht" seien, da diese, statt weiter nach Osten, gegen die Sowjetunion, vorzustoßen, sich - man denke nur - nach Westen wenden und Kolonien verlangen. Der Gedanke liegt nahe, man habe den Deutschen Gebiete der Tschechoslowakei als Kaufpreis für die Verpflichtung gegeben, den Krieg gegen die Sowjetunion zu beginnen, daß sich aber die Deutschen nunmehr weigern, den Wechsel einzulösen, und den Gläubigern die Türe weisen.

Ich bin weit davon entfernt, über die Nichteinmischungspolitik zu moralisieren, von Verrat, von Treubruch und dergleichen zu sprechen. Es wäre naiv, Leuten, die die menschliche Moral nicht anerkennen, Moral zu predigen. Politik ist Politik, wie die alten durchtriebenen bürgerlichen Diplomaten sagen. Es ist jedoch notwendig zu bemerken, daß das große und gefährliche politische Spiel, das die Anhänger der Nichteinmischungspolitik begonnen haben, für sie mit einem ernsten Fiasko enden kann. So sieht in Wirklichkeit die heute herrschende Nichteinmischungspolitik aus.

Das ist die politische Lage in den kapitalistischen Ländern.

3. Die Sowjetunion und die kapitalistischen Länder

Der Krieg hat eine neue Lage in den Beziehungen zwischen den Ländern geschaffen. Er hat in diese Beziehungen eine Atmosphäre der Unruhe und Unsicherheit hineingetragen. Der Krieg hat die Grundlagen des Friedensregimes der Nachkriegszeit untergraben, die elementarsten Begriffe des Völkerrechts über den Haufen geworfen und dadurch den Wert internationaler Verträge und Verpflichtungen in Frage gestellt. Pazifismus und Abrüstungsprojekte sind begraben worden. An ihre Stelle ist das Rüstungsfieber getreten. Alle Staaten, die kleinen wie die großen, rüsten auf, darunter vor allem diejenigen Staaten, die Nichteinmischung betreiben. Niemand glaubt mehr den salbungsvollen Reden, daß die Münchener Zugeständnisse an die Aggressoren und das Münchener Abkommen eine neue Ära, eine Ära der „Befriedung", eingeleitet hätten. Auch die Teilnehmer des Münchener Abkommens selbst, England und Frankreich, schenken ihnen keinen Glauben; sie steigern ihre Rüstungen nicht weniger als die anderen.

Es ist klar, daß die Sowjetunion über diese unheilschwangeren Ereignisse nicht hinwegsehen konnte. Es ist nicht zu bezweifeln, daß jeder, selbst der kleinste Krieg, der irgendwo in einem entfernten Weltwinkel von den Aggressoren begonnen wird, für die friedliebenden Länder eine Gefahr darstellt. Eine um so ernstere Gefahr bedeutet der neue imperialistische Krieg, der bereits mehr als 500 Millionen Menschen in Asien, Afrika und Europa in seinen Bannkreis gezogen hat. Infolgedessen hat unser Land, das unbeirrt die Politik der Erhaltung des Friedens betreibt, gleichzeitig auch eine große Arbeit zur Stärkung der Kampfbereitschaft unserer Roten Armee und unserer Roten Kriegsmarine entfaltet.

Zugleich entschloß sich die Sowjetunion im Interesse der Festigung ihrer internationalen Positionen, auch einige andere Schritte zu unternehmen. Ende 1934 trat unser Land dem Völkerbund bei, ausgehend davon, daß er sich, ungeachtet seiner Schwäche, als eine Stätte zur Entlarvung der Aggressoren eignen und als ein gewisses, wenn auch schwaches, Friedensinstrument dienen könne, das imstande wäre, die Entfesselung des Krieges zu hemmen. Die Sowjetunion ist der Ansicht, daß man in so unruhigen Zeiten auch eine so schwache internationale Organisation wie den Völkerbund nicht ignorieren soll. Im Mai 1935 wurde zwischen Frankreich und der Sowjetunion ein Beistandsvertrag für den Fall eines eventuellen Angriffs von Seiten der Aggressoren abgeschlossen. Gleichzeitig wurde ein analoger Vertrag mit der Tschechoslowakei unterzeichnet. Im März 1936 schloß die Sowjetunion einen Beistandsvertrag mit der Mongolischen Volksrepublik ab. Im August 1937 wurde ein auf Gegenseitigkeit beruhender Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und der Chinesischen Republik abgeschlossen.

Unter diesen schwierigen internationalen Verhältnissen führte die Sowjetunion ihre Außenpolitik durch, die Sache der Erhaltung des Friedens verfechtend.

Quelle: Stalin: Werke, Bd. 14. Verlag Roter Morgen, Dortmund 1976


Dokument 2:

Winston S. Churchill: Der Zweite Weltkrieg…

Vom ersten Augenblick an, da Molotow Außenkommissar geworden war, verfolgte er die Politik einer Vereinbarung mit Deutschland auf Kosten Polens. Die russisch-britischen Verhandlungen schleppten sich hin. Am 19. Mai kam das ganze Problem im Unterhaus zur Sprache. Die Debatte, kurz und ernst, blieb auf die Parteiführer und einige prominente frühere Minister beschränkt. Lloyd George, Eden und ich wiesen die Regierung nachdrücklich auf die lebenswichtige Notwendigkeit hin, mit Rußland unverzüglich ein Abkommen umfassendster Art zu treffen, einen Vertrag zwischen zwei gleichberechtigten Mächten. Der Premierminister antwortete und gab uns zum erstenmal seine Ansichten über das Angebot der Sowjetunion bekannt. Die Aufnahme, die er ihm bereitete, war ausgesprochen kühl, ja verächtlich, und deutete auf den nämlichen Mangel an Gefühl für die Bedeutung der Dinge, wie wir ihn schon ein Jahr früher bei der Ablehnung der Vorschläge Roosevelts erlebt hatten. Attlee, Sinclair und Eden sprachen über die unmittelbare Gefahr im allgemeinen und über die Notwendigkeit der russischen Allianz. Es steht wohl außer Zweifel, daß dies alles jetzt zu spät war. Unsere Bemühungen waren auf einem anscheinend unüberwindlichen toten Punkt festgefahren. Die Regierungen von Polen und Rumänien nahmen zwar die britische Garantie an, waren aber nicht bereit, eine ähnliche Verpflichtung in der gleichen Form von der russischen Regierung entgegenzunehmen. Eine ähnliche Haltung herrschte in einem andern strategisch lebenswichtigen Gebiet - in den baltischen Staaten. Die Sowjetregierung gab unmißverständlich zu verstehen, daß sie einem gegenseitigen Beistandspakt nur dann beitreten werde, wenn Finnland und die baltischen Staaten in eine allgemeine Garantie miteinbezogen würden. Alle die vier Staaten weigerten sich aber, eine derartige Bedingung anzunehmen, und vielleicht würden sie sich vor lauter Schrecken noch lange geweigert haben. Finnland und Estland erklärten sogar, daß sie eine Garantie, die ohne ihre Zustimmung auch auf sie ausgedehnt würde, als einen Angriffsakt betrachten würden. Am 7. Juni unterzeichneten Estland und Lettland Nichtangriffspakte mit Deutschland. Auf diese Weise drang Hitler mühelos in die letzten gebrechlichen Verteidigungswerke der unentschlossenen Koalition ein, die sich viel zu spät gegen ihn gebildet hatte.

Die britische und die französische Regierung unternahmen nochmals einen Versuch zur Verständigung mit Sowjetrußland. Es wurde beschlossen, einen Sondergesandten nach Moskau zu schicken. Eden, der einige Jahre vorher mit Stalin wertvolle Beziehungen angeknüpft hatte, stellte sich dafür zur Verfügung. Dieses hochherzige Angebot wurde vom Premierminister abgelehnt. Statt dessen wurde am 12. Juni ein tüchtiger Beamter, der aber außerhalb des Foreign Office kaum bekannt war, William Strang, mit dieser ungemein wichtigen Mission betraut. Das war ein weiterer Fehler. Die Entsendung einer so untergeordneten Figur wurde geradezu als Beleidigung empfunden. Es ist zweifelhaft, ob es ihm auch nur gelang, die äußere harte Schale des Sowjetorganismus aufzubrechen. Übrigens war es jetzt ohnedies zu spät. Seit im September 1938 Maiskij zu mir nach Chartwell geschickt worden war, hatte sich manches ereignet. Vor allem München. Die Heere Hitlers hatten sich ein weiteres Jahr vorbereiten können. Seine durch die Skodawerke ergänzten Rüstungsbetriebe arbeiteten durchwegs mit Hochdruck. Der Sowjetregierung hatte viel an der Tschechoslowakei gelegen, aber die Tschechoslowakei war verschwunden. Benesch war im Exil. In Prag herrschte ein deutscher Reichsprotektor.

Polen dagegen stellte Rußland eine ganz andere Reihe uralter politischer und strategischer Probleme. Zum letztenmal hatte Rußland 1920 in der Schlacht um Warschau gegen Polen gekämpft, als die von Kamenew geführten bolschewistischen Invasionsarmeen von Pilsudski, der von General Weygand beraten und von der britischen Mission unter Lord d'Abernon unterstützt wurde, zurückgeschlagen und daraufhin mit blutiger Rache verfolgt worden waren. Seither war Polen immer ein starker Exponent des Antibolschewismus gewesen. Mit der linken Hand hielt es die Verbindung und Unterstützung der antisowjetischen baltischen Staaten aufrecht. Mit der rechten aber hatte es in den Tagen von München bei der Ausplünderung der Tschechoslowakei mitgewirkt. Die Sowjetregierung war überzeugt, daß die Polen sie haßten, aber auch davon, daß Polen einem deutschen Überfall nicht standzuhalten vermöchte. Sie war sich jedoch auch der sie bedrohenden Gefahren vollkommen bewusst. Unter diesen Verhältnissen bestanden keine großartigen Aussichten für Strangs Mission.

Die Verhandlungen drehten sich immer wieder um die Frage der Abneigung Polens und der baltischen Staaten, sich von Sowjetrußland vor Deutschland retten zu lassen. In diesem Punkt wurde kein Fortschritt erzielt. Den ganzen Juli hindurch kam man immer wieder auf dieses Problem zurück. Schließlich machte die Sowjetregierung den Vorschlag, die Besprechungen auf militärischer Grundlage mit französischen und britischen Vertretern fortzusetzen. Die britische Regierung schickte daraufhin am 10. August Admiral Drax mit einer Mission nach Moskau. Die Offiziere hatten keine schriftliche Ermächtigung zu Verhandlungen. An der Spitze der französischen Mission stand General Doumenc. Auf russischer Seite amtete Marschall Woroschilow. Es ist jetzt bekannt, daß zur nämlichen Zeit die Sowjetregierung ihre Zustimmung zur Reise eines deutschen Unterhändlers nach Moskau gab. Die Militärkonferenz scheiterte rasch an der Weigerung Polens und Rumäniens, den Durchmarsch russischer Truppen zu gestatten. Die polnische Haltung lief darauf hinaus: „Mit den Deutschen riskieren wir, unsere Freiheit einzubüßen, mit den Russen verlieren wir unsere Seele." (Zitiert in Reynaud, La France a sauve l'Europe, Bd. I, S. 587.)

Im August 1942 setzte mir Stalin im Kreml in einer frühen Morgenstunde einen Aspekt der Stellungnahme der Sowjets auseinander. „Wir gewannen den Eindruck", meinte Stalin, „daß die britische und die französische Regierung nicht zum Krieg entschlossen waren, wenn Polen überfallen würde, daß sie aber hofften, die diplomatische Demonstration Englands, Frankreichs und Rußlands werde Hitler einschüchtern. Wir waren vom Gegenteil überzeugt." „Wieviele Divisionen", hatte damals Stalin gefragt, „wird Frankreich gegen Deutschland mobilisieren können?" Die Antwort lautete: „Etwa hundert." Darauf fragte er: „Wieviele schickt England ins Feld?" Die Antwort lautete: „Zwei und später noch zwei." „So, so, zwei und später noch zwei", hatte Stalin wiederholt. „Wissen Sie", fragte er dann, „wieviele Divisionen wir auf der russischen Front aufstellen müssen, wenn es zum Krieg mit Deutschland kommt?" Nach einer Pause: „Mehr als dreihundert." Stalin sagte mir nicht, wann und mit wem diese Unterredung stattgefunden hatte. Man muß zugeben, daß Stalin dabei auf festem Boden stand, der aber für Strang und für das Foreign Office nicht vorteilhaft war.

Stalin und Molotow hielten es aus Verhandlungsgründen für notwendig, ihre wahren Absichten bis zum letzten Augenblick zu verheimlichen. Beiden Seiten gegenüber bewiesen Molotow und die ihm untergeordneten Beamten eine beachtenswert geschickte Doppelspurigkeit in ihrer Haltung. Am Abend des 19. August unterrichtete Stalin das Politbureau über seine Absicht, einen Pakt mit Deutschland zu unterzeichnen. Am 22. August blieb Marschall Woroschilow bis zum Abend für die alliierten Missionen unerreichbar. Am folgenden Tag traf Ribbentrop in Moskau ein. In einer Geheimabmachung erklärte Deutschland, daß es an Lettland, Estland und Finnland politisch nicht interessiert sei, Litauen jedoch als in seiner Einflußsphäre liegend betrachte. …

In den baltischen Staaten beanspruchte Deutschland nur wirtschaftliche Interessen. Der deutsch-russische Nichtangriffspakt und die Geheimabmachung wur-den am 23. August spät in der Nacht unterzeichnet. (Nuremberg Documents, Pt. 10, S. 210 ff.)

Es ist fraglich, ob Hitler oder Stalin das Ganze mit größerem Abscheu betrachtete. Beide wußten genau, daß es sich nur um ein zeitweiliges Behelfsmittel handelte. Die Gegensätze zwischen den beiden Reichen und den beiden Systemen waren unüberbrückbar. Unzweifelhaft hatte Stalin das Gefühl, daß Hitler nach einem Jahr Krieg mit den Westmächten für Rußland ein weniger lebensgefährlicher Gegner sein würde. Hitler befolgte einfach seine Methode, einen nach dem andern zu erledigen. Die Tatsache aber, daß der Abschluß eines derartigen Abkommens überhaupt möglich war, stellt den Höhepunkt der diplomatischen Mißerfolge dar, welche die britische und die französische Außenpolitik seit mehreren Jahren zu verzeichnen hatten.

Vom Standpunkt der Sowjetregierung aus muß gesagt werden, daß es für sie lebenswichtig war, das Aufmarschgebiet der deutschen Armeen so weit wie möglich im Westen zu halten, damit die Russen mehr Zeit gewinnen konnten, ihre Streitkräfte aus allen Teilen des ungeheuren Reiches zusammenzuziehen. Sie erinnerten sich noch lebhaft an das Verhängnis, das 1914 über ihre Armeen gekommen war, als sie eilig zum Angriff auf die Deutschen vorgestoßen waren, obschon sie erst eine Teilmobilmachung vollzogen hatten. Jetzt aber lagen ihre Grenzen viel weiter östlich als im vorhergehenden Krieg. Sie mußten daher die baltischen Staaten und einen großen Teil von Polen ... besetzen, bevor sie selbst angegriffen wurden. Wenn ihre Politik kaltblütig war, so war sie jedenfalls damals auch im höchsten Maße realistisch.

Quelle: Winston S. Churchill: Der Zweite Weltkrieg… von Churchill selbst bearbeitete einbändige Fassung seines 12-bändigen Memoirenwerkes. Frankfurt am Main, 2003.


Dokument 3:

Bericht des deutschen Botschafters in London, Dirksen, an Staatssekretär Weizsäcker, 1. 8. 1939, Luftposttelegramm

LUFTPOST-TELEGRAMM, Auswärtig Berlin, Nr. 278 vom 1. 8. 1939. Auf Telegramm Nr. 289 vom 31. 7.  Für Staatssekretär persönlich.

1.) Hinsichtlich Unterhaltung Wohltat/Sir Horace Wilson und meiner Stellungnahme hierzu verweise auf Drahtbericht Nr. 277 vom 31.7. Dass Wohltat bei Unterhaltung Preisgabe Einkreisungspolitik nicht ausdrücklich angeregt hat, ist auf seine Verabredung mit mir zurückzuführen, sich im allgemeinen rezeptiv zu verhalten.

2.) Trotzdem das Gespräch nach der politischen Seite hin nicht vertieft wurde, habe ich den Eindruck, dass uns auf dem Wege über wirtschaftspolitische Fragen ein umfassendes konstruktives Programm nahegebracht werden sollte. Die Schwierigkeiten der Durchführung dieses Programms für britische Regierung bei gegenwärtig herrschender Stimmung Öffentlichkeit habe ich in meinem Bericht vom 24.7 -A. 2974- geschildert.

3.) Dass ein Ausgleich mit Deutschland nicht mit gleichzeitiger Durchführung Einkreisungspolitik zu vereinbaren wäre, ist hiesigen leitenden Persönlichkeiten klar. Die hierfür maßgebenden Gedankengänge bewegen sich etwa in folgender Richtung:

a) Ein Ausgleich mit Deutschland würde das Problem Danzig gewissermaßen chemisch auflösen und den Weg für eine deutsch-polnische Regelung, an der England nicht mehr interessiert zu sein brauchte, freimachen.

b) Der Fortgang der Paktverhandlungen mit Russland wird trotz - oder gerade wegen - der Entsendung einer Militärmission skeptisch beurteilt. Dafür spricht die Zusammensetzung englischer Militärmission: Der Admiral, bisher Kommandant von Portsmouth, ist praktisch im Ruhestand und war nie im Admiralstab; der General ist ebenfalls reiner Frontoffizier; der Fliegergeneral hervorragend als Flieger und Fluglehrer, aber nicht als Stratege. Dies spricht dafür, dass Militärmission mehr den Auftrag hat, Gefechtswert der Sowjetarmee festzustellen, als operative Abmachungen zu treffen. Ein hoher Offizier Luftfahrtministeriums äusserte kürzlich Luftattache gegenüber die Überzeugung, dass weder britische noch russische Seite Abschluss Abkommens ernstlich wolle.

c) Hinsichtlich militärischer Bewertung Polens bestehen weiterhin Zweifel, die in finanzieller Zurückhaltung Ausdruck finden. Auch soll Bericht General Ironsides keineswegs übermässig positiv gewesen sein.

d) Der über beste Beziehungen verfügende, der Arbeiterpartei angehörende Politiker Rhoden Buxton (Bruder von Lord Noel Buxton) hat im Gespräch mit Botschaftsrat ähnliche Gedankengänge wie Wilson entwickelt und Aufgabe Einkreisungspolitik als selbstverständliche Folge Ausgleichs mit Deutschland bezeichnet. Aufzeichnung über Unterhaltung mit Buxton folgt mit gleicher Luftpost.

4.) Der Eindruck, dass die Möglichkeiten einer prinzipiellen Einigung mit Deutschland im Laufe der nächsten Wochen festgestellt werden sollen, um Klarheit über Wahlparole zu gewinnen (vergleiche Bericht vom 24.7.2 -A. 2974), verstärkt sich immer mehr. Man hofft, dass die mit Ferieneintritt zu erwartende politische Beruhigung Voraussetzungen schaffen wird, um Verhandlungsprogramm festzustellen, das Aussicht auf Verwirklichung hat.

Quelle: Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR. Dokumente und Materialien der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Band II. Das Archiv Dirksens (1938 - 1939)


Dokument 4:

Bericht des deutschen Botschafters in London, Dirksen, an Staatssekretär Weizsäcker, 1. 8. 1939, Berichtsdurchschläge, 1. Anlage, Inhalt: Deutsch-englische Beziehungen

SOFORT Herrn Staatssekretär vorzulegen.

Ich überreiche hiermit Abschrift einer Aufzeichnung, die Botschaftsrat Kordt über eine Unterredung gefertigt hat, die er am vergangenen Sonnabend mit dem Labourpolitiker Mr. Charles Roden Buxton hatte. Wenn auch Herr Roden Buxton nicht der Regierungspartei angehört und mit seinen aussenpolitischen Ideen im Gegensatz zu der Mehrheit der Arbeiterpartei steht, so glaube ich doch, dass seine Ausführungen einiges Interesse beanspruchen können. Der Begriff „Interessensphäre" im Sinne einer Abgrenzung der Grossräume der Hauptmächte ist auch von Sir Horace Wilson in seiner Unterredung mit Herrn Staatsrat Wohlthat gebraucht worden. Es ist ferner bemerkenswert, dass Chamberlain - ebenso wie Buxton - in seiner gestrigen Unterhausrede den britisch-französischen Ausgleichsvertrag aus dem Jahre 1904 und den britisch-russischen Vertrag aus dem Jahre 1907 ausdrücklich erwähnt hat, allerdings in anderem Zusammenhang: Der Ministerpräsident wies darauf hin, dass 1904 neun Monate und 1907 fünfzehn Monate Ver-handlungen notwendig waren, um zum erfolgreichen Abschluss zu gelangen. Chamberlain wollte damit den Vorwurf einer übermässig langen Hinauszögerung der Verhandlungen mit der Sowjetregierung entkräften.

gez. von Dirksen

Heute, am 29. Juli 1939, suchte mich nach vorheriger Anmeldung der frühere Labour-Abgeordnete, Mr. Charles Roden Buxton, Bruder des bekannten Labour-Peers, Lord Noel Buxton, zu einer privaten Rücksprache auf. Herr Roden Buxton, der jetzt kein Mandat mehr innehat, ist in der Leitung der Labour-Party in einer Stellung tätig, die man etwa mit der eines leitenden Generalstabsoffiziers in der Operationsabteilung vergleichen könnte. Er hat ein besonderes Büro im House of Commons und arbeitet politische Gutachten für die Labour-Party aus. In Deutschland sind er und seine Frau bekannt geworden durch ihr mutiges Eintreten für die deutschen Zivileinwohner während der französischen Besetzungen des oberschlesischen und des Ruhrgebiets. Mr. Roden Buxton ist Quäker und geniesst wegen seiner Kenntnis der europäischen Probleme und seiner ausgezeichneten Charaktereigenschaften auch bei seinen politischen Gegnern einen besonders guten Ruf.

Herr Roden Buxton begann mit dem Hinweis darauf, dass er weder für die Labour-Party noch für die Regierung zu mir spreche. Er wünsche mir aber seine Gedanken über die Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die sich nach seiner Ansicht noch bieten, um einer Konflagration zu entgehen. Er habe sich davon überzeugen müssen, dass die öffentliche Erörterung von Möglichkeiten, den Frieden zu erhalten, heute nicht mehr zum Ziele führen könne. Die Erregung der Völker sei derart angestiegen, dass jeder Ansatz zu einer vernünftigen Regelung in der Öffentlichkeit sofort sabotiert würde. Es werde also nötig sein, zu einer Art Geheimdiplomatie zurückzukehren. Die massgebenden Kreise Deutschlands und Grossbritanniens müssten versuchen, in Besprechungen, die völlig unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattzufinden hätten, einen Weg zu finden, der aus den unerträglichen Schwierigkeiten herausführe. Er habe hier einen Weg im Auge, der es seinerzeit im Jahre 1904 Lord Landsdowne ermöglicht habe, die Spannung mit Frankreich zu überwinden, und der sich auch 1907 bei der Ausräumung der Spannung mit Russland durchaus bewährt habe. 1904 und 1907 habe England im Grunde vor den gleichen Problemen gestanden wie heute. In der Zeit von 1898 bis 1904 habe Frankreich jede Gelegenheit benutzt, um dem Britischen Empire in der Welt Schwierigkeiten zu bereiten, weil es der Ansicht war, dass es keinen Ausweg aus den bestehenden Spannungen gebe als den, für den bevorstehenden Krieg möglichst viele Bundesgenossen zu gewinnen. Die unter Ausschluss jeder Öffentlichkeit eingeleiteten Besprechungen hätten dann zu dem Abkommen von 1904 geführt, das Frankreich auf Nordwestafrika und Grossbritannien auf Nordostafrika verwies. Dasselbe sei der Fall gewesen vor 1907. Damals habe Russland das Empire in Südpersien, in Afghanistan und in Tibet zu unterminieren versucht. Durch das Abkommen von 1907 sei wiederum im Wege der Schaffung von Interessengebieten der Gegensatz ausgeräumt worden.

Er frage sich, ob es nicht möglich sein würde, dasselbe Verfahren heute Deutschland gegenüber zur Anwendung zu bringen. Der vom Führer geprägte Begriff des Lebensraumes verweise ja schon in diese Richtung. Ich unterbrach hier Herrn Roden Buxton, um ihn darauf hinzuweisen, dass die britische Politik gerade das Gegenteil getan habe. Sie habe sich in Angelegenheiten gemischt, die in keinem Fall in ihre Interessengebiete fielen. Sie habe sogar Garantien an Staaten gegeben, die dieser Garantien gar nicht bedürften, und sie habe die Polnische Regierung zu einem völlig intransigenten Verhalten vernünftigen deutschen Vorschlägen gegenüber ermutigt. Aus der Antwort des Herrn Roden Buxton ging hervor, dass er diese Politik, obwohl selbst Anhänger der Labourparty, in keiner Weise gutheisst. Das sei aber gerade der Grund, weshalb er zu mir gekommen sei. Die Gegensätze hätten sich so verschärft, dass eigentlich nur noch die Alternative Krieg oder vernünftige Verständigung übrigbliebe. Herr Roden Buxton skizzierte dann folgenden Plan: Grossbritannien erkläre sich bereit, mit Deutschland ein Abkommen über die Abgrenzung von Interessensphären zu schliessen. Unter Abgrenzung von Interessensphären verstehe er einerseits die Nichteinmischung anderer Mächte in diese Interessensphäre, andererseits die Aktivlegitimation für die begünstigte Grossmacht, die in ihrem Interessengebiet gelegenen Staaten davon abzuhalten, eine Politik gegen sie zu betreiben. Konkret angewandt würde das bedeuten:

1) Deutschland verspricht, sich nicht in die Angelegenheiten des britischen Empire einzumischen.

2) Grossbritannien verspricht, die deutschen Interessensphären in Ost- und Südosteuropa voll zu respektieren. Das würde zur Folge haben, dass Grossbritannien auf die gewissen Staaten in der deutschen Interessensphäre gegebenen Garantien verzichtet. Ferner verspricht Grossbritannien dahin zu wirken, dass Frankreich sein Bündnis mit der Sowjetunion und seine Bindungen in Südosteuropa löst.

3) Grossbritannien verspricht, die zurzeit laufenden Paktverhandlungen mit der Sowjetunion aufzugeben. - Sonderbarerweise erwähnte Herr Roden Buxton in diesem Zusammenhang auch das Fallenlassen des tschechisch-sowjetrussischen Vertrages.

Dagegen soll Deutschland, ausser der vorerwähnten Nichteinmischung, versprechen:

1) sich zu einer europäischen Zusammenarbeit bereitzuerklären (Herr Roden Buxton erwähnte in diesem Zusammenhang Ideen ähnlich dem Viermächte-pakt Mussolinis),

2) in einem späteren Stadium den Ländern Böhmen und Mähren eine Art von Autonomie zu gewähren (ich wies darauf hin, dass diese Kulturelle Autonomie ja bereits bestände, worauf Herr Roden Buxton den Gedanken nicht weiter vertiefte),

3) in eine allgemeine Herabsetzung der Rüstungen einzuwilligen. Diese Rüstungsherabsetzung solle keinesfalls einseitig Deutschland zugemutet werden; es komme darauf an zu erreichen, dass die Ausgaben für Rüstungen nicht alle Völker völlig ruinierten. Auf meine Frage meinte Roden Buxton, dass das Rüstungspotentiale der Staaten das gleiche bleiben könne, nur auf einem herabgesetzten Niveau.

So wie etwa eine Familie, die bisher im fünften Stock eines modernen Wohnhauses gelebt habe, sich - um Miete zu sparen - mit den gleichen Räumen im zweiten Stock zufrieden gebe. Ein derartiges Zugeständnis sei erforderlich, um es Chamberlain und Lord Halifax überhaupt zu ermöglichen, in vernünftige und realpolitische Besprechungen mit uns einzutreten.

Es sei klar, dass ein so weitreichendes Programm, das im übrigen auch die Kolonialfrage in einem für Deutschland positiven Sinn regeln würde, nur ganz vertraulich besprochen und in einer Atmosphäre gebesserten Vertrauens durchgeführt werden könnte.

Ich habe mich im wesentlichen rezeptiv verhalten, zum Schluss aber nachdrücklich auf die Reden des Führers verwiesen, der bekanntlich schon vor langem England ermahnt habe, sich nicht in Dinge einzumischen, die es nichts angingen.

Zum Schluss fragte ich Mr. Roden Buxton, ob er seine Gedanken mit Mitgliedern der Britischen Regierung erörtert habe. Herr Roden Buxton wollte nicht recht mit der Sprache heraus. Ich glaube aber, seinen etwas gewundenen Ausführungen entnehmen zu können, dass Sir Horace Wilson, und demnach auch der Ministerpräsident Chamberlain, sich mit derartigen Gedanken beschäftigen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Herr Roden Buxton einen Fühler ausstrecken wollte. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass die Gedankengänge des Herrn Roden Buxton auf einer genauen Durcharbeitung der Materie beruhen.

London, den 31. Juli 1939. gez. Th. Kordt

Quelle: Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR. Dokumente und Materialien der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Band II. Das Archiv Dirksens (1938 - 1939)


Dokument 5:

Vermerk des deutschen Botschafters in London, Dirksen, über eine Unterhaltung mit Lord Kemsley, 2. 8. 1939

Lord Kemsley, bei dem ich heute Tee trank, sagte mir über die Eindrücke seiner Reise nach Deutschland Folgendes: Er ist einen Tag in Berlin gewesen, war zum Frühstück bei Reichsleiter Rosenberg eingeladen, ist dann im Auto über Leipzig nach Bayreuth gefahren und hat unterwegs ein Arbeitsdienstlager besucht, war im „Parsifal", wurde mit seiner Frau in der Pause dem Führer vorgestellt und hatte dann eine mehr als einstündige Unterhaltung mit dem Führer. Er hat auch Reichsminister Goebbels längere Zeit gesprochen und ist dann über Ostende nach England zurückgefahren.

Lord Kemsley war sehr beeindruckt von dem Enthusiasmus (keenness) aller der deutschen Persönlichkeiten, mit denen er zusammenkam; insbesondere nannte er auch den Gauleiter Waechtler, der ihm die Bauten von Nürnberg zeigte, bis hinunter zu den jüngeren Beamten. Er sagte wiederholt, dass ihm dies sehr grossen Eindruck gemacht hätte. Dann hob er auch sehr stark hervor, dass es eigentlich eine Unmöglichkeit sei, wenn das deutsche und das englische Volk in einen Krieg miteinander verwickelt würden.

Über seine Unterhaltung mit dem Führer sprach er mit einiger Zurückhaltung. Er sagte, dass der Führer ihn auch sehr ausgiebig habe zu Worte kommen lassen und dass er Gelegenheit gehabt hätte, den englischen Standpunkt eingehend darzulegen. Er habe die hier herrschende Stimmung geschildert und sei sich mit dem Führer darüber einig gewesen, dass eine gefährliche Spannung bestünde, die man zu beseitigen versuchen müsse. Er habe dem Führer auch auseinandergesetzt, dass ebenso wie eine von Chamberlain im Unterhause mitgeteilte Kriegserklärung die einstimmige Zustimmung des Parlaments finden würde, die Ankündigung Chamberlains, dass er einen Ausgleich mit Deutschland für bevorstehend und erreichbar halte, die gleiche Zustimmung finden würde. Er hatte den Eindruck, dass der Führer besonders frisch und gesundheitlich kräftig ausgesehen habe.

Sehr erfreut sprach sich Lord Kemsley auch über seine Unterhaltung mit Reichsleiter Rosenberg (charming Personality - charmante Persönlichkeit) aus, dem er auseinandergesetzt habe, dass Chamberlain in seiner Art der Führer Englands sei, ebenso wie Hitler und Mussolini. Das habe auf Rosenberg sichtlich Eindruck gemacht.

Auch von der Persönlichkeit des Reichministers Goebbels, der ein sehr kluger und vielseitig gebildeter Mann sei, sei er stark beeindruckt worden.

Mit dem Reichspressechef Dr. Dietrich habe er natürlich auch längere Unterhaltungen gehabt; dieser habe ihm auseinandergesetzt, dass jetzt nicht der rich-tige politische Augenblick zum Austausch der ursprünglich in Aussicht genommenen Zeitungsartikel sei; es sei besser, eine politisch günstigere Zeit dafür abzuwarten, die vielleicht schon bald eintreten könne. Lord Kemsley schien sich diesen Argumenten nicht zu verschließen und zeigte keine besondere Verstimmung über diesen Aufschub.

Er sagte dann noch, dass er zum Parteitag eingeladen worden sei, aber noch nicht wisse, ob er die Zeit habe, der Einladung Folge zu leisten.

London, den 2. August 1939. [Dirksen]

Quelle: Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR. Dokumente und Materialien der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Band II. Das Archiv Dirksens (1938 - 1939)


Dokument 6:

Bericht des deutschen Botschafters in London, Dirksen, an das Auswärtige Amt, 3. 8. 1939,

MIT ANLIEGENDER AUFZEICHNUNG ÜBER EINE UNTERHALTUNG MIT HORACE WILSON

Ganz geheim!

1 Anlage (3fach) Politischer Bericht. Inhalt: Aufzeichnung über eine Unterhaltung mit Sir Horace Wilson.

In der Anlage lege ich mit Bezugnahme auf meine anderweitige drahtliche Berichterstattung vom 31.7. -Nr. 277- und vom 1.8. -Nr. 278- eine Aufzeichnung über eine Unterhaltung vor, die ich am 3. August d. J. mit Sir Horace Wilson gehabt habe.

gez. von Dirksen

An das Auswärtige Amt Berlin, ANLAGE ZUM BERICHT V. 3.8.1939.

Nachdem sich in der Unterhaltung von Herrn Kordt mit Mr. Butler ergeben hatte, dass Sir Horace Wilson mich im Anschluss an seine Unterhaltung mit Herrn Wohlthat gern sprechen möchte, wurde verabredet, dass ich ihn heute um 4 Uhr in seiner Wohnung aufsuchen würde. Die Unterhaltung hat dann stattgefunden und fast zwei Stunden gedauert.

Ich habe Wert darauf gelegt, mir von Sir Horace Wilson die Notizen bestätigen zu lassen, die ich auf Grund meiner Besprechungen mit Herrn Wohlthat über dessen Gespräche mit Sir Horace Wilson gemacht hatte. Es erschien mir wesentlich, diese Feststellungen zu treffen, um über diese wichtigen Punkte volle Klarheit zu haben, zumal da seitdem die Hudson-Indiskretion vorgekommen war und eine neue Kampagne gegen die Chamberlainsche Befriedungspolitik eingesetzt hatte. Es ergab sich, dass die Basis der Unterhaltung Wohlthat/Wilson dieselbe geblieben ist. Sir Horace Wilson bestätigte mir, daß er Herrn Wohlthat folgendes Verhandlungsprogramm an die Hand gegeben hat:

1.) Abschluß eines „Non-Aggression"-Vertrages, in dem beide Parteien sich verpflichten, auf einseitiges aggressives Vorgehen als Methode ihrer Politik zu ver-zichten. Die innere Absicht der englischen Regierung bei diesem Punkt erklärte mir Sir Horace Wilson, als ich ihn im Laufe der Unterhaltung fragte, wie sich denn ein Abkommen mit Deutschland in Einklang mit der Einkreisungspolitik der englischen Regierung bringen ließe. Er sagte hierauf, dass ein deutsch-englisches Abkommen mit dem Verzicht auf die Aggression gegenüber dritten Mächten die britische Regierung von den von ihr jetzt übernommenen Garantie-Verpflichtungen gegenüber Polen, Türkei usw. los und ledig werden lassen würde; diese Verpflichtungen seien nur für den Fall des Angriffs übernommen und in ihrer Formulierung darauf abgestellt. Mit dem Wegfall dieser Gefahr würden auch die Verpflichtungen hinfällig.

2.) Eine deutsch-englische Erklärung des Inhalts, dass beide Mächte die poli-tische Lage entspannen (improve) wollten, um die Möglichkeiten eines Zu-sammenwirkens bei der Verbesserung der wirtschaftlichen Weltlage zu schaffen.

3.) Besprechungen über die Hebung des Außenhandels.

4.) Besprechungen über die Wirtschaftsinteressen Deutschlands im Südosten.

5.) Besprechungen der Rohstoff-Frage. Sir Horace Wilson betonte, dass hierunter auch die Kolonialfrage fallen solle. Es sei im gegenwärtigen Augenblick nicht zweckmässig, sich in diese Materie zu vertiefen, da es eine sehr delikate Frage sei. Es genüge die Feststellung, dass die Kolonialfrage behandelt werden solle.

6.) Nichteinmischungsabrede. Sir Horace Wilson führte aus, dass die deutscherseits erforderliche Erklärung schon in der Rede des Führers vom 28. April enthalten sei. Englischerseits würde man bereit sein, eine Nichteinmischungserklärung für Gross-Deutschland (Greater Reich) abzugeben. Hierunter werde zum Beispiel auch die Danzig-Frage fallen. Sir Horace Wilson vermied es hinsichtlich der deutschen Interessensphäre sich so klar auszusprechen, wie gegenüber Herrn Wohlthat, oder wie dies Mr. Roden Buxton gegenüber Herrn Kordt getan hat, wenn man auch aus seiner Gesprächsführung entnehmen konnte, dass die deutsche Forderung unter diesem Programmpunkt behandelt werden könnte.

7.) Rüstungen (armaments). Sir Horace Wilson sagte hierbei, dass er ausdrücklich hervorheben wolle, es sei nicht Abrüstung gemeint, sondern Besprechungen über Rüstungen im allgemeinen. Aus dem weiteren Verlauf des Gesprächs ging hervor, dass er sich der Schwierigkeiten aller Abreden über Rüstungsbegrenzung wohl bewußt war. ebenso auch der Tatsache, dass sich dies erst über Jahre hinaus ankurbeln und auswirken würde.

8.) Ich bat bei dieser Gelegenheit Sir Horace Wilson auch um eine Mitteilung, wie die Zeitungsgerüchte über die von Mr. Hudson in Aussicht gestellte grosse „Abrüstungsanleihe" entstanden seien, da Herr Wohlthat mir gegenüber nichts davon erwähnt hätte. Sir Horace Wilson meinte, dass der Gedanke, wie die mit einer Rüstungsbeschränkung zu befürchtenden finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten behoben werden könnten, wiederholt erörtert worden sei. Hudson habe diesen Gedanken vielleicht aufgegriffen und weiter ausgebaut. Diese Frage sei aber jetzt erledigt und käme nicht mehr in Betracht. Er persönlich glaube, dass gegebenenfalls eine Periode von 3 - 6 Monaten eintreten werde, in der finanzielle Schwierigkeiten entstehen würden, die aber mehr auf währungstechnischem Gebiet zu suchen seien.

Im Anschluss an die Rekapitulation der Unterhaltung Wohlthat/Sir Horace Wilson führte dieser eingehend aus, dass die Anknüpfung vertraulicher Besprechungen mit der deutschen Regierung für Chamberlain mit grossem Risiko verbunden sei. Wenn etwas davon bekannt würde, so würde es einen Riesen-Skandal geben und Chamberlain wahrscheinlich zum Rücktritt gezwungen werden. Der Labour-Abgeordnete Dalton habe schon gestern im Unterhaus auf die Gerüchte von neuen „Befriedungsversuchen" Chamberlains hingewiesen und er - Wilson - habe soeben selbst ein anonymes Schreiben bekommen, in dem er bezw. Chamberlain vor solchen Manövern gewarnt werde.

Auf meinen Einwand, dass es mir fraglich erschiene, ob es überhaupt einer englischen Regierung bei der jetzt hier vorherrschenden Geistesverfassung - es werde ja ein jeder, der für einen Ausgleich mit Deutschland eintrete, für einen Verräter gehalten und als solcher beschimpft - möglich sei, zu irgendwelchen bindenden Abmachungen mit Deutschland zu gelangen.

Sir Horace Wilson erwiderte, dass dies zwar möglich sei, aber es bedürfe des ganzen Geschicks der englischerseits beteiligten Persönlichkeiten, um bei diesem Vorhaben nicht zu scheitern. Vor allem sei im gegenwärtigen Stadium strengste Geheimhaltung erforderlich. Es stelle sich die Frage, wie und in welcher Form denn später die Öffentlichkeit mit den Plänen der Regierung bekanntgemacht werden könne. Hierbei wies Wilson darauf hin, dass auf englischer Seite - ob zu Recht oder zu Unrecht lasse er dahingestellt - das Vertrauen in Deutschland und dessen friedliche Absichten erschüttert sei, es käme vor allem darauf an, der britischen Öffentlichkeit die Überzeugung, beizubringen, dass sie Vertrauen haben könne. Dazu komme die Befürchtung, dass in den nächsten Wochen oder Monaten sich Entwicklungen vollziehen könnten, die eine neue Krise herbeiführen würden. Der britischen Regierung lägen Berichte vor, dass demnächst 2 Millionen Mann deutscher Truppen zu den Fahnen einberufen werden sollten; dass an der polnischen Grenze für Polen bedrohliche Manöver mit zahlreichen Flugzeugen abgehalten werden sollten; ziehe man weiter die noch kürzlich von Reichsminister Goebbels getane Äusserung von dem fortzusetzenden Nervenkrieg in Betracht, so könne sich eine Lage ergeben, die weitere Besprechungen nicht aussichtsreich erscheinen lassen würde. Es hätte ja keinen Sinn, über einen Ausgleich zu verhandeln, wenn eine neue gefährliche Krise in Aussicht stehe. Es sei zu zugeben, dass sich ein gewisser circulus vitiosus insofern ergäbe, als man einerseits die Öffentlichkeit nicht durch die Erklärung von bevorstehenden Verhandlungen beruhigen könne (weil man dadurch die Verhandlungen gefährde), während man andererseits auf deutscher Seite ablehne, beruhigende Erklärungen abzugeben, bevor man nicht ein klareres Bild hinsichtlich der Verhandlungen hätte. Für Chamberlain sei es infolge der demokratischen Verfassung Englands schwer, mit einer Befriedungserklärung an die Öffentlichkeit zu treten, da er dann voraussichtlich mit dem Kabinett zum Rücktritt gezwungen werden würde. Der circulus vitiosus würde sich daher vielleicht eher brechen lassen, wenn der Führer, der keine innerpolitischen Angriffe zu fürchten habe, seinerseits die Initiative zu einer solchen Befriedungserklärung ergreifen würde. Er könne dies umso eher tun, als er nicht nur ein grosser, sondern auch erfolgreicher Staatsmann sei, der aus dem Gefühl der Stärke und der errungenen Vorteile ohne Prestigegefährdung oder innere Erschütterungen das Wort ergreifen könne.

Ich wies demgegenüber darauf hin, dass die deutscherseits geplanten umfangreichen Manöver in keinem Vergleich mit den von den anderen Mächten getroffenen militärischen Maßnahmen stünden: die Polen hätten seit vier Monaten eine Million Mann mobil gemacht und an unseren Grenzen stehen (Sir Horace Wilson bestritt, dass es noch so viele wären, erhob aber keinen Widerspruch gegen die Zahl 900.000); die englischen Streitkräfte zu Lande, zu Wasser und in der Luft seien mehr oder weniger mobil; Frankreich habe umfassende Mobilmachungsmassnahmen getroffen. Man könne doch unmöglich von uns verlangen, dass diese Maßnahmen rückgängig gemacht oder die Manöver abgesagt würden.

Sir Horace Wilson erwiderte, dass ihm dies auch nicht vorgeschwebt habe; es bestünden aber doch wesentliche Unterschiede in der Art, in der Manöver abgehalten würden; man könne sie so anlegen, dass die andere Seite sie als eine unmittelbare Bedrohung und Herausforderung auffasse, man könne sie aber auch anders, und zwar als gewöhnliche Friedensmanöver aufziehen.

Ich fuhr fort, darauf hinzuweisen, dass wir hinsichtlich der Frage des angeblich getäuschten Vertrauens durchaus anderer Meinung seien als die englische Seite; jedenfalls sei es aber Tatsache, dass die englische Politik in den letzten Monaten die Bildung einer gegen Deutschland gerichteten Weltkoalition zum Ziel gehabt habe und bis heute die einzelnen Glieder der Koalition finanziell und militärisch zu einem eventuellen Vorgehen gegen Deutschland in den Stand setze. Wir müssten Gewißheit darüber haben, wie die englische Regierung diese Politik mit der Möglichkeit eines Ausgleichs mit Deutschland in Einklang bringe. Für den Führer käme es sicherlich nicht in Frage, beruhigende oder freundliche Erklärungen abzugeben, ohne zu wissen, mit welcher Stellungnahme englischerseits gegenüber den berechtigten deutschen Forderungen er zu rechnen habe.

Sir Horace Wilson gab hierauf hinsichtlich der englischen Einkreisungspolitik die oben bereits erwähnte Erklärung ab, dass diese durch den Abschluss eines NonAggression-Vertrages mit Deutschland hinfällig werden würde. Was nun die Frage betreffe, wie weit der Führer Gewißheit über englischerseits zu machende Konzessionen haben müsse, bevor er gewissermaßen die Friedenspalme zeigen könne, so bestehe eben auch hier die Schwierigkeit, vorweg zu konkreten Resul-taten zu kommen; es müsse aber doch für die deutsche Seite eine gewisse Sicher-heit sein, über das Verhandlungsprogramm Bescheid zu wissen; man sei ja eng-lischerseits bereit, über alle deutscherseits vorgebrachten Punkte zu sprechen. Wie weit sich eine Einigung ermöglichen lassen würden könne jetzt allerdings noch nicht gesagt werden.

Das Gespräch wandte sich dann der Frage zu, in welcher Form die mit Herrn Wohlthat begonnene Unterhaltung fortgesetzt werden solle, vorausgesetzt, dass auf deutscher Seite der Wunsch nach ihrer Fortsetzung bestünde. Sir Horace Wilson sagte hierbei, dass es für die englische Seite eine schwere Enttäuschung bedeuten würde, wenn der Faden von uns nicht weitergesponnen würde. Dann bliebe eben nichts weiter übrig, als der Katastrophe entgegenzutreiben (heading on to the catastrophe). Es sei daher für ihn von grossem Interesse zu wissen, wie seine Unterhaltung mit Wohlthat in Berlin aufgenommen worden sei.

Ich erwiderte, dass ich ihm hierüber keine bestimmten Angaben machen könnte. Ich selber könne mir kein richtiges Bild machen, wie, rein technisch gesehen, eine Fortsetzung dieser Besprechungen möglich sei; zum Beispiel käme eine erneute Reise von Herrn Wohlthat nach London wegen der Indiskretion von Hudson nicht mehr in Frage.

Sir Horace Wilson meinte, dass sich da schon ein Ausweg finden lassen würde; man könne darüber sprechen, wenn es so weit sei. Es wäre möglich, dass die beiden Abgesandten sich in der Schweiz oder anderswo träfen.

Aus den vorstehend skizzierten Ausführungen schälten sich allmählich einige festere Punkte heraus, die Sir Horace Wilson dahin zusammenfaßte:

1.) Welche Instruktionen hat der Führer gegeben hinsichtlich der weiteren Behandlung des von Wohlthat erstatteten Berichts und was sind die Gedanken der deutschen Regierung hinsichtlich des nächsten, jetzt zu ergreifenden Schrittes?

2.) Wird es dem Führer möglich sein, die Ereignisse in den nächsten Wochen, soweit es an ihm liegt, so zu bestimmen, dass sie keine Verschärfung der Lage herbeiführen?

3.) Vorausgesetzt, dass das Programm und die einzelnen zu behandelnden Punkte ausgearbeitet sind, wodurch würde der Führer dann seinen Entschluß kundgeben können, die Initiative zu ergreifen, um eine Atmosphäre zu schaffen, dass das Verhandlungsprogramm mit Aussicht auf Erfolg erörtert werden könnte?

Auf meine Frage, was denn die englische Vorleistung sei, die eine solche Vorleistung deutscherseits rechtfertigen würde, erwiderte Sir Horace Wilson, dass die britische Regierung ihren guten Willen und ihre Initiative ja dadurch gezeigt hätte, daß sie die vorerwähnten Punkte mit Herrn Wohlthat erörtert und dadurch der deutschen Regierung ihre Bereitschaft zu Verhandlungen bekannt gegeben hätte.

Aus der ganzen Gesprächsführung von Sir Horace Wilson ging hervor, dass er das Herrn Wohlthat gegebene und mir gegenüber bestätigte Verhandlungsprogramm als einen offiziellen englischen Fühler ansah, auf den nun eine deutsche Antwort erwartet werde. Unverkennbar war die schwere Sorge, die auf der englischen Seite über die schwierige Lage besteht, in der sich die britische Regierung befindet, bezw. in die sie sich hineinmanövriert hat: Auf der einen Seite eine durch ihre Politik und ihre Beeinflussung gegen Deutschland aufgepeitschte öffentliche Meinung, auf der anderen Seite der Wunsch, durch einen Ausgleich mit Deutschland einen sonst für unvermeidbar gehaltenen Krieg zu verhindern. Die Besorgnis, dass ihre Einkreisungspolitik Schaden erleiden könne, schien mir demgegenüber in zweiter Linie zu stehen; hier war wohl das Gefühl voherrschend, dass gegenüber einem wirklichen Ausgleich mit Deutschland die in den letzten Monaten ins Leben gerufenen Bindungen mit anderen Mächten nur Behelfsmittel seien, die hinfällig werden, wenn das allein wichtige und erstrebenswerte Ziel der Einigung mit Deutschland einmal wirklich erreicht sei. Auch die Zuziehung Frankreichs und Italiens spielte nur eine untergeordnete Rolle in der Unterhaltung. Sir Horace Wilson sagte beiläufig, dass die Abmachung zwischen Deutschland und England zu treffen sei; natürlich könne man auch, wenn es für erwünscht gehalten würde, Italien und Frankreich hinzuziehen.

London, den 3. August 1939. gez. von Dirksen

Quelle: Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR. Dokumente und Materialien der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Band II. Das Archiv Dirksens (1938 - 1939)


Dokument 7:

Aufzeichnung des deutschen Botschafters in London, Dirksen, über eine Unterhaltung mit Lord Halifax, 9. 8. 1939

Geheim!

Nachdem ich Lord Halifax den Zweck meines Besuchs - Verabschiedung vor Urlaubsantritt - mitgeteilt hatte, kam er bald auf die Lage in Danzig zu sprechen und fragte, ob ich Anhaltspunkte für die Verschärfung in der Sprache der beiderseitigen Presse hätte. Ich bejahte dies, wies auf den provozierenden Artikel des „Czas" hin und fügte hinzu, dass darüber hinaus auf deutscher Seite zweifellos Besorgnis und Erbitterung über die Äusserung des polnischen Generalkommissars Chodacki bestünde, der dem Völkerbundskommissar Burckardt gesagt hatte, eine Öffnung der Zollgrenzen Danzigs gegenüber Ostpreußen bedeute den Krieg. Dies zeige erneut die Berechtigung der Besorgnis, dass eine Gefährdung des Friedens durch lokale polnische Stellen jederzeit erfolgen könne.

Lord Halifax erwiderte hierauf, ich möge versichert sein, dass er und die britische Regierung ihr Möglichstes täten, um die Polen zur Mäßigung zu veranlassen. Er sei auch der Überzeugung, dass sowohl Beck wie Rydz-Smigly keinen Konflikt mit Deutschland wollten.

Ich entgegnete, dass eine Vielfalt von politischen Äusserungen und Ansichten stets die innere Schwäche Polens gebildet habe; dies sei auch jetzt der Fall. Der friedlichen Gesinnung verschiedener Persönlichkeiten stünden kriegerische Strömungen anderer politischer Gruppen gegenüber.

Auf die Bemerkung von Lord Halifax, dass es höchst erwünscht sei, wenn beiderseits Mäßigung gezeigt würde, damit Beruhigung einträte und die Möglichkeit einer Einigung auf dem Wege der Verhandlungen sich eröffnete, erwiderte ich, dass wir unsererseits diese Ruhe und Mäßigung weitgehend gezeigt hätten, wie z.B. durch die Haltung des Senats (Gemeint ist der Danziger Senat.) während der letzten Tage und durch die Dementis, mit denen wir beunruhigenden Nachrichten der Weltpresse entgegengetreten wären.

Ich setzte Lord Halifax im Anschluss daran auseinander, dass die Gefahr der Weltlage weniger in der unmittelbaren Notwendigkeit eines direkt bevorstehenden gewaltsamen Ausbruchs beruhe, als darauf, dass auf allen Seiten die Möglichkeiten einer Entwirrung der Gegensätze auf dem Verhandlungswege blockiert seien. Der Komplex Danzig sei durch die einengenden Erklärungen Chamberlains vom 12. Juli für Verhandlungen so gut wie unzugänglich gemacht worden, ganz abgesehen von der polnischen Haltung und der Erregtheit der Weltpresse durch Lügennachrichten. Eine Beruhigung der Weltlage im allgemeinen sei durch die Aufrichtung der Nichtangriffsfront unmöglich gemacht worden, dauernd wechselten beunruhigende Nachrichten von der Entsendung von Militärkommissionen nach Polen oder nach Moskau ab mit Nachrichten über finanzielle Stärkung potentieller Gegner Deutschlands. Es sei selbstverständlich, dass wir diese Entwicklung sorgfältig und entschlossen beobachteten und unsere Folgerungen daraus zögen. Der Komplex der deutsch-englischen Beziehungen schliesslich sei dadurch blockiert, dass die englische öffentliche Meinung jeden Versuch eines Ausgleichs seitens der englischen Regierung mit einem Aufschrei der Empörung über angeblich begangenen Verrat beantworte.

Lord Halifax wiederholte hierauf seinen schon bekannten Standpunkt, dass durch den deutschen Einmarsch in Prag, für den sich zweifellos, ebenso wie für die anderen deutschen überraschenden Akte, viel sagen ließe, das Vertrauen, insbesondere des englischen Volkes sehr erschüttert worden sei; und ehe nicht eine Beruhigung bezw. Wiederherstellung des Vertrauens erfolgt sei, müsse auch diese Spannung anhalten. Der Führer sei der einzige Mann in der Welt, der dieses Vertrauen wiederherstellen könne, indem er gewissermaßen das Zeichen zur Entspannung gäbe. Er - Halifax - habe den Sinn der englischen Politik in seiner Rede im Chatham House darzulegen versucht, und anscheinend mit Erfolg, denn er habe zahlreiche Zustimmungserklärungen aus allen Teilen des Landes bekommen. Die englische Politik verfolge ein doppeltes Ziel: einerseits die Abwehr von künftigen Angriffsakten urch Zusammenschluß einer Mächtegruppe, andererseits die Herstellung bessrer Beziehungen zu Deutschland durch Erörterung von dessen Forderungenund Beschwerden auf dem Verhandlungswege. Er sei sicher, dass wenn das Eis erst einmal gebrochen sei, man englischerseits sehr weit gehen werde, um einen Ausgleich mit Deutschland zu finden.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs sagte Lord Halifax mir, er wolle mir jetzt seine Gedanken und Ansichten schildern, wie sie nach München bestanden und sie sich seitdem geändert hätten. Nach München sei er der Überzeugung gewesen, dass ein 50jähriger Weltfriede etwa auf folgender Basis gesichert sei: Deutschland die vorrherrschende Macht auf dem Kontinent mit vorwiegenden Rechten im europäischen Südosten, besonders handelsüblischer Art; England würde nur in bescheidendem Umfange dort Handel treiben; England und Frankreich in Westeuropa vor Konflikten mit Deutschland durch die beiderseitigen Festungslinien geschützt und bestrebt, defensiv ihren Besitz festzuhalten und zu entwickeln; Freundschaft mit Amerika; Freundschaft mit Portugal; Spanien ein vorläufig unbestimmter Faktor, der für die nächsten Jahre jedenfalls notwendigerweise sich aus allen Mächtekombinationen heraushalten müsse; Russland ein abseits gelegenes grosses und schwer überschaubares Gebiet; Bestreben Englands, seinen Weg durch das Mittelmeer über Aden, Colombo, Singapore nach den Dominien und dem Fernen Osten hin zu sichern. Dann sei der Einmarsch in Prag gekommen, der alles geändert und vor allen Dingen die Vorstellung von der Stabilität des erreichten Weltbildes zerstört hätte. Dann seien die Zweifel entstanden, und ob Deutschland Halt machen werde, und der Wunsch, sich gegen weitere Überraschungen zu sichern.

Ich erwiderte, dass sich naturgemäss vom deutschen Standpunkt aus diese Entwicklung völlig anders ausnehme; ich wolle nicht davon sprechen, wie oft unser Vertrauen getäuscht worden sei und durch welche trüben Erfahrungen wir gezwungen worden wären, uns statt auf Verhandlungen auf schnelle eigene Entschlüsse zu verlassen. Die Darstellung Lord Halifax' von einer bezw. der britischen Politik sei mir geläufig, andererseits aber müsse er sich in die Mentalität eines deutschen Staatsmannes versetzen. Dieser sehe nur, wie eine immer grössere Koalition gegen Deutschland zustande gebracht werde und wie die Zahl des Kriegspotentiells gegenüber Deutschland sich ständig zu dessen Ungunsten verändere und vergrössere. Im günstigsten Falle könne man die Politik Englands mit der eines Mannes vergleichen, der einem anderen ein Fischnetz über den Kopf wirft und ihm sagt, wenn er still halte, geschehe ihm nichts, sobald er sich aber bewege, zöge er sich schwere Nachteile zu. Es sei kein Wunder, dass Deutschland auf Grund näherer Überlegung die Erklärungen englischer Staatsmänner über den Willen zu einer Berücksichtigung der deutschen Forderungen freiwillig und im Verhandlungswege recht skeptisch ansähe. Ich könne auch die dauerndes Bezugnahmen auf das zerstörte Vertrauen nicht für berechtigt halten. Vertrauen und Glauben an die Ehrlichkeit des Vertragspartners stellten sich erst im Laufe langer und nicht enttäuschter Geschäftsbeziehungen ein. Das brauche aber nicht das Vertrauen auszuschliessen, das zum Abschluss eines Vertrages erforderlich sei; dieses Vertrauen werde durch die Kenntnis der eigenen Stärke erzeugt. Sicherlich könne England auf Grund der hinter ihm stehenden Mächtekombination dieses Vertrauen aufbringen. Statt dessen aber rege sich die öffentliche Meinung aufs äusserste auf, wenn einmal ein deutsch-englisches Gespräch zur Erörterung über die Bereinigung der deutsch-englischen Beziehungen, wenn auch nur auf wirtschaftlichem Gebiet geführt werde, wie dies bei der Unterhaltung Wohlthat/Hudson der Fall gewesen sei. Dies schiene mir zu zeigen, dass auf der englischen Seite, insbesondere bei dem dem demokratischen System und der ungeschulten Haltung der Presse die Voraussetzungen für eine solche friedliche Bereinigung fehlten.

Lord Halifax setzte mir auseinander, dass wenn Chamberlain im Unterhaus aufstünde und erklärte, infolge bestimmter Vorgänge Deutschlands bliebe nichts anderes übrig als der Krieg, so würde ihm das Parlament einmütig folgen; ebenso aber würde dies ihm zustimmen, wenn er erklärte, dass er die Möglichkeiten für einen Ausgleich mit Deutschland sähe. Diesen Ausgleich wolle im Grunde jeder Englander. Er habe kürzlich bei einem Gartenfest auf seinen Landsitz Unterhaltungen mit vielen Bergarbeitern und deren Sekretären gehabt. Diese hätten ihm einstimmig bestätigt, dass die Labour-Abgeordneten der Opposition im Unterhause nicht die wahre Meinung des arbeitenden Mannes darstelle. Das hätte sich auch anlässlich der Reise des Premierministers nach Südwales gezeigt; dies sei ein schwieriges Gebiet; trotzdem aber habe der Premierminister einen geradezu enthusiastischen Empfang gehabt, Es sei ihm - Halifax - auch hierbei bestätigt worden, dass die Bergarbeiter, mit denen er sprach, die Politik der Regierung verstünden und teilten: keine weitere Aggression mehr, aber der Wunsch nach friedlicher Beilegung der bestehenden Schwierigkeiten. Er müsse mir zugeben, dass jetzt die öffentliche Meinung sehr erregt sei und mißtrauisch gegenüber Besprechungen mit Deutschland. Die von mir genannten Schwierigkeiten seien wohl zurzeit unlösbar. Ebenso sicher aber sei es, dass eine Periode der Ruhe zur Befriedung der öffentlichen Meinung ein ganz anderes Bild ergeben würde als das bisherige; dann werde es zweifellos möglich sein, Befriedungsfragen zu diskutieren. Die britische Regierung habe den lebhaften Wunsch, dass es dazu kommen möge und werde dann sehr weit gehen, um dieses Ziel zu erreichen.

London, den 9. August 1939. gez. von Dirksen

Quelle: Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR. Dokumente und Materialien der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Band II. Das Archiv Dirksens (1938 - 1939)


Dokument 8:

Brief des deutschen Botschafters in London, Dirksen, an Staatssekretär Weizsäcker mit anliegender Aufzeichnung über die voraussichtliche Haltung Englands im Falle eines deutsch-polnischen Konflikts, 19. 8. 1939

Persönlich und Vertraulich.

Lieber Herr von Weizsäcker! Auf Grund unserer letzten Unterhaltung in Berlin habe ich mich entschlossen, meine Auffassung über die Haltung Englands in einem deutsch-polnischen Konflikt in einer Aufzeichnung für Herrn von Ribbentrop niederzulegen. Hierdurch wird der Zweck, mich zu Gehör zu bringen, wohl noch sicherer erreicht, als durch ein Schreiben an den Herrn Reichsaußenminister, in dem ich mich nochmals um einen Vortrag bei ihm bemühen würde.

In der Anlage lege ich Ihnen daher die Aufzeichnung mit der Bitte vor, sie an den RAM weiterleiten zu wollen, wenn Sie keine Bedenken gegen den Inhalt haben. Sollte dies der Fall sein, so wäre ich für entsprechende Mitteilung dankbar. Ich hoffe aber, daß Sie einverstanden sein werden, da ich mich bemüht habe - im Bewußtsein meiner Verantwortlichkeit - mich möglichst klar und abgewogen auszudrücken.

Schließlich wäre ich dankbar, wenn Ihr Büro die für den Geschäftsgang erforderlichen Durchschläge herstellen und einen davon an die Botschaft London gelangen lassen wollte. Ich habe diese Durchschläge aus Mangel an den technischen Voraussetzungen hier und im Interesse möglichster Beschleunigung nicht selbst angefertigt.

Zu den mir gestern von Ihnen telefonisch übermittelten Mitteilungen habe ich nicht Stellung genommen, da ich den Inhalt der mir zugeschriebenen Aeußerungen nicht kenne und beim besten Willen nicht weiß, was1 an den wenigen Worten zu beanstanden wäre, die ich in dieser kaum 5 Minuten währenden Unterhaltung getan habe.

Mit den besten Grüßen und Heil Hitler stets Ihr Dirksen

1 Im Original ist der weiter unten angeführte ursprüngliche Schluß des Briefes von Dirksen durchgestrichen und handschriftlich durch die oben gebrachten Worte ersetzt. Der durchgestrichene Schlußteil des Briefes lautete: „daran beanstandet werden könnte. Auf die Mitteilung A[ttolico]s, daß man bei uns an die Teilnahme Englands im Konfliktfalle nicht glaube, habe ich lediglich in einigen Worten meinem Zweifel an der Richtigkeit dieser Mitteilung Ausdruck gegeben, da diese höchst wahrscheinliche Möglichkeit bei uns sicherlich in Betracht gezogen würde. Und als A[ttolico] hinzufügte, daß ich aufklärend wirken müsse, sagte ich, ich würde selbstverständlich meinen Bericht erstatten. Die ganze Unterhaltung dauerte kaum 5 Minuten." Siehe die Aufzeichnung über eine Unterhaltung Dirksens mit Attolico, Dokument Nr. 26. (Nicht aufgenommen, da ohne Bedeutung. U.H.)

ANLAGE

Geheim

AUFZEICHNUNG ÜBER DIE VORAUSSICHTLICHE HALTUNG ENGLANDS IM FALLE EINES DEUTSCH-POLNISCHEN KONFLIKTS.

I). Angesichts der zunehmenden Spannung in den deutsch-polnischen Beziehungen gewinnt die Frage nach der voraussichtlichen Haltung Englands im Fall eines deutsch-polnischen Konflikts steigende Bedeutung. Die Beantwortung dieser Frage muß sich aus einer Analyse der Gründe ergeben, die Großbritannien zu einer so engen Bindung an Polen veranlaßt haben.

II). Die außenpolitischen Gründe für diese Bindung sind bekannt und bedürfen nur einer schlagwortartigen Zusammenfassung: die schon in den Jahren 1933-1936 lebendige Sorge Englands wegen der Erstarkung Deutschlands wurde weiter gesteigert durch den Anschluß Oesterreichs und die Rückkehr des Sudetenlands zum Reich. Die Ergebnisse von München wurden als eine diplomatische Niederlage empfunden. Die zunehmende Sorge um eine Bedrohung der britischen Weltstellung brachten nach der Angliederung Böhmens und Mährens im März d. Js. den Entschluß zur Reife, weiteren, einseitig vorgenommenen Machtverschiebungen zugunsten Deutschlands entgegenzutreten. Dies sollte durch eine Neuauflage der alten Konzeption von der kollektiven Sicherheit mit der neuen Firmierung der „Bildung einer Nichtangriffsfront" - d.h. also durch eine Einkreisung Deutschlands - erreicht werden. Der Eckstein dieser Nichtangriffsfront ist Polen geworden, das durch eine verlogene Pressekampagne im März zum nächsten „Opfer" der deutschen „Aggression" gestempelt wurde. Solange England an der Einkreisungspolitik festhält, wird es die Erfüllung der an Polen gegebenen Zusicherungen als eine Frage ansehen müssen, von der sein außenpolitischer Ruf weitgehend abhängt.

III). Ueber das außenpolitische Gebiet hinaus wirken noch andere wichtige Faktoren psychologischer Art auf die Haltung Englands gegenüber Polen ein. Die lange Reihe diplomatischer Niederlagen Englands in den vergangenen Jahren (Ostasien, Abessinien, Spanien, Oesterreich, München, Böhmen-Mähren, Zusammenbruch der Völkerbundspolitik) wirkten je länger desto mehr auf das englische Selbstgefühl deprimierend ein. Die Preisgabe des Negus, Sehuschniggs, Beneschs wurde allmählich als moralische Minderwertigkeiten empfunden, die England in den Augen der Welt als schwach, unzuverlässig und politischen Kredits unwürdig erscheinen lassen mußten. Mit dem außenpolitischen Ruck, den sich England nach dem 15. März durch die Neu-Orientierung seiner Politik gab, ging ein moralischer Ruck Hand in Hand. England will nunmehr an Hand der neu eingegangenen Verpflichtungen seine Vertragstreue, seine Kraft und seinen politischen guten Ruf unter Beweis stellen. Es will auch gleichzeitig vor sich selbst seinen Minderwertigkeits-Komplex überwinden. Dies ist der innere Grund für die dauernde, fast hysterisch anmutende Wiederholung des Satzes durch Chamberlain und andere britische Staatsmänner, daß Großbritannien einer gegen den Willen Polens erfolgenden Angliederung Danzigs an Deutschland - ganz zu schweigen von weiteren Rückgliederungen ehemaliger deutscher Gebiete - nicht tatenlos zusehen könne, sondern dann den Bündnisfall als gegeben ansehen müsse. Danzig ist daher der Punkt, auf den die englische Oeffentlichkeit hypnotisiert und wie von einer fixen Idee befangen hinsieht.

Die Berücksichtigung dieses psychologischen Faktors ist von Bedeutung, weil sie Rückschlüsse auf die Haltung Englands bei der weiteren Entwicklung des deutsch-polnischen Verhältnisses zuläßt.

IV). Ein weiterer, vom außenpolitischen Gebiet abliegender Umstand spielt bei der Haltung Englands gegenüber dem deutsch-polnischen Fragenkomplex eine große Rolle: die Unkenntnis Englands von Polens wahrem Gesicht. Die dem Deutschen aus jahrhunderte langer Nachbarschaft geläufige Kenntnis der Brüchigkeit des polnischen Staats, seines Größenwahnsinns, seiner Eroberungslust und der rücksichtslosen Unterdrückung der nationalen Minderheiten ist dem Engländer aus verschiedenen Gründen fremd geblieben: wegen seiner angeborenen Abneigung, sich in fremde Verhältnisse und Gedankengänge zu vertiefen; wegen seiner gegenwärtigen Verstocktheit gegenüber allen für Deutschlands Forderungen vorteilhaften Beweisgründen; und schließlich deswegen, weil während des fünfjährigen Waffenstillstandes in der deutsch-polnischen Auseinandersetzung 1934-1939 die der deutschen Minderheit zugefügten Unbilden nicht mit vollem Nachdruck ausgewertet konnten. Daher herrscht gegenwärtig in der englischen Oeffentlichkeit Zurückhaltung und Mißtrauen gegenüber deutschen und danziger Meldungen über die unerhörten polnischen Gewaltakte vor, und es besteht die Neigung im Zweifelsfall zugunsten Polens Partei zu ergreifen.

V). Auf Grund der vorstehenden Darstellung der wägbaren und der stimmungsmäßigen Momente in der Einstellung Englands zum deutsch-polnischen Fragenkomplex kann die Frage jetzt gestellt werden, welche Haltung England voraussichtlich in einem deutsch-polnischen Konflikt einnehmen wird.

1). Die allgemeine Bemerkung ist vorauszuschicken, daß Großbritannien sich nicht im Vorhinein zu 100