Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 4/06

Herausgeber: Verein zur Förderung demokratischer Publizistik (e.V.)

Spendenempfehlung: 2,50 €

März / April 2006

Schwerpunkt: Geschichte und Klassenkampf


Inhalt


Redaktionsnotiz

Wir hatten, wie Ihr ja wisst, das Jahr 2005 mit einem Defizit von etwas mehr als 2.500,00 € abgeschlossen, ein Defizit, das uns fast in die Knie zwang. Eure Reaktion darauf war großartig, ja fast schon überwältigend: es sind in den ersten drei Monaten des Jahres 2006 mehr als 6.000,00 € an Spenden für die „Offensiv“ eingegangen. Auch wenn das noch nicht das ganze Jahr absichert, so sind wir doch unendlich froh darüber, dass die Finanzkrise zunächst einmal überwunden ist und wir wie gewohnt sowohl Sonderhefte herausbringen als auch alles das, was uns an interessanten und wichtigen Artikeln zugeht, tatsächlich drucken zu können[1]. Wir danken allen, die uns unterstützt haben, möchten an dieser Stelle aber, ohne den Dank an die vielen Leserinnen und Leser, die uns mit kleinen und mittleren Beträgen geholfen haben, zu schmälern, vier Spenden ganz besonders hervorheben: Da kamen aus Köln vom Genossen Leo Kever 2.000,00 €, aus Berlin erhielten wir eine Einzelspende von 550,00 € und eine weitere von 300,00 € und aus Österreich erreichte uns eine Spende von 350,00 €. Wir sagen nochmals herzlichen Dank! Ohne Euch, ohne die Unterstützung durch unsere Leserinnen und Leser wären wir verloren.

Trotz dieses aktuell sehr guten Spendenaufkommens haben wir uns natürlich Gedanken gemacht, wie denn eine ähnliche Notsituation in Zukunft zu vermeiden oder wenigstens abzumildern wäre. Der Genosse Robert Medernach aus Luxemburg hatte die Idee, dass die Bildung eines Förderkreises für die Offensiv ein guter Weg sein könnte. Er schlug vor, einen Kreis von Personen zu bilden, die sich für mindestens ein Jahr verpflichten, einen beliebigen Beitrag monatlich mittels Dauerauftrag für die „Offensiv“ aufzubringen und auf einem gesonderten Konto zu parken, um in Notsituationen helfend eingreifen zu können. Wer sich einem solchen „Offensiv-Förderkreis“ anschließen möchte, melde sich bitte brieflich bei Robert Medernach, Postfach 78, L-2010 Luxembourg in Luxemburg. (Leider gibt es einen Wermutstropfen bei der Sache: da uns für das Herausgebergremium der „Offensiv“ bisher die Gemeinnützigkeit vorenthalten wird, werden auch Spenden für den Förderkreis nicht steuerabzugsfähig sein.) Trotzdem hoffen wir, dass wir bis zum Sommer einen Förderkreis aufbauen können. Also, wer sich angesprochen fühlt: Robert Medernach wartet auf Post!

Dieses Haft hat Überlänge, und das ist gut so. Wir haben unterschiedliche Themen, unterschiedliche Anlässe und durchaus Diskussionswürdiges in diesem Heft. Wir würden uns sehr freuen, wenn Diskussionen tatsächlich schriftlich stattfinden könnten, und Ihr könnt Euch sicher sein, dass wir die Rubrik „Resonanz“ nun wieder regelmäßig bringen. Leider war das aus finanziellen Gründen vorher nicht immer möglich, was sicherlich den einen oder anderen Leserbriefschreiber geärgert hat. Aber jetzt gilt: Nur munter hergeschrieben, wir wünschen uns zu mehreren Artikeln einen Gedankenaustausch.

Wir nennen Euch das Spendenkonto, denn natürlich sind wir weiterhin auf Spenden angewiesen: wir brauchen rund 11.000,00 …€ pro Jahr. Eure Spendentätigkeit darf also nicht erlahmen.

Spendenkonto Offensiv:

Inland:
Konto Frank Flegel,
Kt.Nr.: 30 90 180 146 bei der Sparkasse Hannover,

BLZ 250 501 80,
Kennwort: Offensiv

Ausland:
Konto Frank Flegel,
Internat. Kontonummer(IBAN): DE 10 2505 0180 0021 8272 49,
Bankidentifikation (BIC): SPKHDE2HXXX;
Kennwort: „Offensiv“.
 

Redaktion Offensiv, Hannover

Unser marxistisch-leninistisches Fernstudium

Michael Kubi: Das Fernstudium von offen-siv. Ein Erlebnisbericht.

Am 4. und 5. März fand das Anfangsseminar des Fernstudiums von offen-siv statt. Strausberg, eine kleine Ortschaft mit 26.000 Einwohnern, 30 km östlich von Berlin war Tagungsort des Anfangsseminars. Auch wenn die Ortschaft klein und unscheinbar zu wirken scheint, hat sie eine Besonderheit: Viele Straßen und Plätze sind nach großen Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung benannt; so gibt es eine Ernst-Thälmann-Straße, eine August-Bebel-Straße etc. Das heißt also, dass Straußbergs Straßen und Plätze im Großen und Ganzen vor einer Umbenennung in Folge der Annektion der DDR durch den deutschen Imperialismus verschont geblieben sind, was nicht zuletzt daran liegt, dass die PDS die stärkste Partei in Strausberg ist.

Aufmerksam auf das Fernstudium bin ich geworden, als ich die Homepage von offen-siv besuchte. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich da mitmachen wollte oder es doch lieber sein lassen würde. Gründe dafür waren, ob ich mir das leisten könnte und ob ich Zeit dafür hätte; aber ein Interesse bestand allemal. Kurz vor Weihnachten 2005 entschied ich mich dann doch, am Fernstudium teilzunehmen, eine Entscheidung, die ich nicht bereut habe.

Im Januar kriegte ich das erste Schreiben von offen-siv. Neben der Information, wann und wo das Anfangsseminar stattfindet, erhielt ich auch einen Fragebogen über meinen Wissensstand und Literaturbestand, den es auszufüllen und zurückzuschicken galt.

Was versprach ich mir vom Fernstudium? Ich würde zwar nicht sagen, dass ich in Grundfragen des Marxismus-Leninismus ungebildet bin. Dennoch bestehen in manchen Fragen Wissenslücken, die es zu füllen gilt. Da ist das Fernstudium eine optimale Hilfe, meine Unkenntnis in gewissen Themenbereichen zu füllen. Zum anderen war das Fernstudium eine Möglichkeit neue Genossen kennenzulernen und sich mit diesen auszutauschen. Meine Vorstellungen wurden zu 100 Prozent erfüllt.

Das Seminar begann am 4. März um 14 Uhr. Es kamen ca. 40 Leute aus allen Ecken Deutschlands, sogar das stockkonservative Bayern war stark vertreten. Zuerst erfolgte die Begrüßung, die Einteilung in die Unterkünfte, die Einsammlung der Finanzen, sowie die Verteilung des Schulungsmaterials. Die KPD(B) war so freundlich, für uns das Material kostenlos zu drucken, was die Finanzierung des Fernstudiums um einige Euros billiger machte. Hier möchte ich noch mal meinen Dank an die Genossen der KPD(B) ausrichten.

Danach folgte die Einteilung in die Lerngruppen. Eine Gruppe fing mit dem Bereich Ökonomie an, welcher von Frank Flegel geführt wurde. Die andere Gruppe begann mit dem politischen Teil, zu dem auch ich gehörte. Die Teamer des politischen Teils sind Michael Opperskalski und Andrea Schön. Nach einem Jahr Lernzeit werden die Lerngruppen ihre Teamer wechseln.

Gegen 16.30 Uhr fand dann ein großes Ereignis statt. Kurt Gossweiler stattete uns einen Besuch ab und hielt einen spannenden Vortrag über sein politisches Leben, über seine Zeit in der Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln, im Sozialistischen Schüler Bund SSB, seiner antifaschistischen Widerstandsarbeit im KJVD, sein Überlaufen zur Roten Armee, seine Arbeit als Historiker in der DDR, um nur einiges zu nennen. Ich möchte hier nicht zu ausschweifend werden, wer aber ein Interesse an der Biographie Gossweilers hat, der kann sie unter http://www.kurt-gossweiler.de/bio.htm nachlesen. Kurt Gossweiler ist zwar schon 88, aber immer noch mit Leib und Seele Kommunist, einer von dem man viel lernen kann und das gibt einem jungen Genossen wie mir (ich bin grade mal 21 Jahre jung) viel Kraft und Hoffnung. Als Schlusswort sagte Gossweiler in seinem ca. 2 Stunden langen Vortrag, dass, wenn er solche und ähnliche Veranstaltungen besucht, diese doch von „Grauköpfen“ dominiert werden, hier dies aber ganz anders sei, die jungen Leute überwiegen (die Hälfte der Teilnehmer oder mehr waren junge Leute unter 30) und das gäbe ihm viel Hoffnung – mir auch!

Den Sonntag verbrachte man dann hauptsächlich in den einzelnen Lerngruppen; bei mir also in der Politik-Gruppe. Es gab eine Einführung in das gesamte erste Jahr und eine Einführung in den ersten Vier-Monats-Abschnitt. Auch hier möchte ich nicht ins Detail gehen, aber kurz gesagt werden folgende Themen behandelt werden: Grundlegende strategische Maximen der Kommunisten im Kampf gegen das Kapital, Lenins Parteitheorie, Bündnispolitik, Revisionismus, Trotzkismus im ersten 4-Monatsabschnitt, Aufbau des Sozialismus, Sozialismus als 1. Phase des Kommunismus, Diktatur des Proletariats, Klassenkampf im zweiten 4-Monatsabschnitt und die aktuelle Situation in der BRD, EU, den Trikontstaaten etc., Befreiungskämpfe, Strategie der kommunistischen Bewegung etc. im letzen 4-Monatsabschnitt der Politik-Gruppe. Zwischen den einzelnen 4-Monatsabschnitten finden Zwischenseminare statt.

Es wird dann ein weiteres Einführungsseminar stattfinden, in dem der Stoff des zweiten Jahres mit den jeweils neuen Teamern besprochen wird. Das wäre für mich also das ökonomische Jahr. Hier geht es um Grundlagen der Dialektik, Materialismus, Mehrwerttheorie, den Überblick über die Gesellschaftsformationen, die kapitalistische Akkumulation. Lenins Imperialismustheorie usw.

Wie man sieht ist es eine Menge Stoff, folglich gibt es viel zu lernen. Aber sowohl bei mir, als auch bei den anderen Teilnehmern gibt es eine große Bereitschaft, dies zu lernen und zu verstehen.

Zum Abschluss möchte ich noch sagen: oft wurde behauptet, dass so ein Fernstudium nicht machbar sei. Ich sage, es ist machbar, weil ich selber mit großem Enthusiasmus dabei bin und genauso geht es allen anderen Teilnehmern. Das offen-siv-Fernstudium ist das erste Studium einer Art, um die Grundlagen des Marxismus-Leninismus verständlich zu machen. Zwar organisieren einzelne Gruppen und Parteien ihre Studiengänge, jedoch decken sie entweder nur einzelne Themenbereiche ab oder dienen der Parteipropaganda. Aber – seit dem zweiten Weltkrieg, oder sogar früher – hat es in Deutschland noch niemals solch ein Projekt gegeben, den Menschen alle Grundlagen des Marxismus-Leninismus beizubringen und ich bin froh, dazu zu gehören!

Es wird uns viel Kraft und Zeit kosten, weil es eine Menge ist, die wir in zwei Jahren lernen müssen, aber diese Zeit und Kraft nehme ich gerne auf, denn es geht um eine gerechte Sache!

Rotfront!

Michael Kubi, Frankfurt/Main


Klaus Müller: Der Aufprall einer Stecknadel hätte in den Ohren geschmerzt

Über den Beginn des marxistisch-leninistischen Fernstudiums der Zeitschrift „offen-siv“

Am 4. und 5. März 2006 fand in Strausberg bei Berlin das Einführungsseminar des marxistisch-leninistischen Fernstudiums der Zeitschrift „offen-siv“ statt. Über vierzig Interessierte waren unter zum Teil widrigen Bedingungen aus allen Teilen der Republik angereist.

Die Einstimmung auf das Seminar gestaltete der Genosse Kurt Gossweiler mit lebendigen Schilderungen über prägende Ereignisse und Erlebnisse seines Lebens. Lange habe ich keine ähnliche Veranstaltung erlebt, in der dreiundvierzig wissbegierige vorwiegend junge Genossinnen und Genossen zwischen achtzehn und zwanzig Jahren sowie einige „ältere Semester“ so die Ohren spitzten. Genosse Kurt Gossweiler ließ seine Schülerjahre an der Karl Marx Schule in Berlin, den Widerstand gegen den Faschismus, an dem er schon als 17-jähriger teilnahm, die Ermordung seiner Freunde durch die Nazis, den Überfall der faschistischen Wehrmacht auf Frankreich und kurze Zeit später auf die Sowjetunion, das Elend seiner Einberufung in die faschistische deutsche Armee und seinen Übertritt auf die sowjetische Seite wie in einem Film vor unseren Augen erstehen. Er beschrieb, wie er nach dem Krieg an der Antifa-Schule in Tula in der Sowjetunion zunächst lernte und dann lehrte, dann, zurück nach Deutschland, ungläubig das Treiben eines Chruschtschow in Presseberichten verfolgte, bis ihm die Ereignisse die Gewissheit gaben, dass sich ein Revisionist und Verräter in die Führungsspitze der Sowjetunion geschlichen hatte.

Danach bereiteten die Teamer die Teilnehmer im Plenum und in zwei Lerngruppen auf die Methoden und Inhalte des Fernstudiums vor. Eine Lerngruppe wird sich im ersten Jahr des Studiums die ökonomischen Grundlagen des Marxismus erarbeiten, die zweite Lerngruppe wird mit der Politik beginnt und sich mit den Grundlagen des Leninismus vertraut machen. Im zweiten Jahr werden die Studieninhalte zwischen den Lerngruppen getauscht.

Beeindruckend war für mich, mit welcher Selbstverständlichkeit und mit welcher Selbstlosigkeit die verantwortlichen Genossen ihre Arbeit gemacht haben, wie sie uns eingestimmt und angespornt haben, welcher kameradschaftliche Geist herrschte.

Wir Teilnehmer sind sehr motiviert nach Hause gefahren. Wir haben gleich mit der Lektüre begonnen und unsere Kontakte vertieft, denn wir Fernstudenten bleiben auch nach dem  Einführungsseminar regional durch Treffen in Kontakt. Zur Unterstützung des Studiums steht ein speziell für uns eingerichtetes Internet-Forum zur Verfügung, das, wie die Beteiligung nach nunmehr gut drei Wochen zeigt, rege genutzt wird. 

Das lässt auf gute Ergebnisse hoffen. Es ist das erste und bisher einzige Fernstudium mit solch umfangreichen Inhalten und in dieser Art.

Klaus Müller, Niedersayn


Cuba

Heinz W. Hammer: »Smokin’ Gun« oder Rohrkrepierer?

Anmerkungen zum Film »Rendezvous mit dem Tod« (1)

Es ist seit jeher staatsterroristische Praxis aller US-Regierungen, ausländische Staatsoberhäupter ermorden zu lassen (2). Trifft’s den eigenen Präsidenten, wie 1963 John Fitzgerald Kennedy, legt sich für Jahrzehnte ein »nationales Trauma« über das Land. Doch war denn die Ermordung J.F.Kennedys überhaupt vom Ausland gesteuert? Dies will nun, Anfang des Jahres 2006, der Bremer Filmemacher Wilfried Huismann bewiesen haben.

Ein Wendehals

Wenden wir uns zunächst dem Autor zu. Wer ist dieser Filmemacher, der die »Sensation« enthüllt hat? Der am 3.1.1951 im niedersächsischen Godens geborene dreifache Grimmepreisträger ist gelernter Sozialwissenschaftler, Geschichts- und Spanischlehrer. Seit 1981 arbeitet er als Journalist (u.a. für das TV-Magazin »Monitor«) und Autor mit dem Länderschwerpunkt Lateinamerika und speziell Cuba. Er galt lange als »linker Autor« und bewegte sich bis Mitte/Ende der 80er Jahre in der internationalistischen Szene der Bundesrepublik. Doch das ist (spätestens seit der Liquidierung der sozialistischen Staaten Europas) längst Geschichte. Wie so viele andere hat Herr H. seither die Seiten gewechselt. So outet er sich im »Welt«-Interview als früher Kennedy-Anhänger (3) und offenbart gerade dem Springerblatt sein gewandeltes Verhältnis zu Cuba (4). So ganz nebenbei erklärt er auch die US-Blockade für nicht existent (5). Ganz in diesem Geiste machte H. im Jahre 2000 mit seinem anticubanischen Film »Lieber Fidel – Maritas Geschichte«, einer Sex & Crime-Story (6) von sich reden. Doch die Darstellung der angeblich »dunklen Seite Cubas« reicht ihm nicht aus. In seinem Streifen »Verrat in Santiago – Wer erschoss Salvador Allende?« (2003) betätigt er sich als Weißwäscher der CIA, deren »Agenten in Santiago die ausdrückliche Anweisung [hatten], sich nicht an dem Putsch zu beteiligen. Außerdem widerspricht der Film der Vorstellung, Pinochet habe den Putsch von langer Hand geplant und vorbereitet. In Wirklichkeit sei der General Allendist gewesen, einer seiner treuesten Anhänger, jedoch mit zwiespältigem Charakter. In letzter Minute beging er Verrat.« (7) Im Interview behauptet Huismann entgegen jeglicher historischer Realität, »dass die CIA nicht hinter dem Putsch steht [stand], sondern erst zwölf Tage vorher davon erfahren hat, und dass es sogar einen Beschluss der Nixon-Regierung gibt, dass CIA-Agenten in Santiago keinerlei Kontakt aufnehmen durften mit den Putsch-Offizieren. (…) Und ohne die Verbrechen der Militärs zu relativieren glaube ich, dass die chilenische Linke einen großen Teil der Verantwortung am Militärputsch mitträgt, durch politische Fehler, durch das Nicht-Respektieren des Mehrheitswillens (…) Er [Allende] ist genauso an seiner eigenen Partei, an den Linksradikalen in der Unidad Popular, gescheitert wie am Widerstand er Rechten.« (8) Na, das muss einem doch mal gesagt werden, dass an der chilenischen faschistischen Barbarei zumindest zu 50% die Opfer selbst Schuld waren und der Widerstand eigentlich von der Rechten geleistet wurde… Hier entsorgt Huismann nicht nur die Geschichte des chilenischen antifaschistischen Widerstandes, sondern direkt auch seine eigene: »(…) als Allende starb, starben auch unsere Hoffnungen auf eine Versöhnung von Sozialismus und Demokratie. Mit Allende war es ja das erste Mal in der Menschheitsgeschichte [!], dass ein marxistisches Projekt mehrheitsfähig war und eine Mehrheit gewonnen hatte (…) Für mich war das, was mit Allende passierte, eines der Schlüsselerlebnisse und eigentlich der letzte Versuch [!] der marxistisch-leninistischen Bewegung, politisch Erfolg zu haben – ein gescheiterter Versuch:« (9).

In dieses Selbstbildnis passt der Umstand, dass H. sich laut der Tageszeitung »junge Welt« für seinen jüngsten Propaganda-Coup Zugang zu cubanischen Stellen unter Vortäuschung falscher Tatsachen verschafft haben soll (10).

Der Hype

Mit reißerischen Anklagen gegen Cuba wurde zum Jahreswechsel 2005/2006 eine intensive Medienkampagne gestartet, auf den propagandistischen Punkt gebracht von »WDR print« mit dem ganzseitigen Titel »Kuba gab den Mordauftrag« (11) und von »BBC NEWS« über den »SPIEGEL« bis hin zur »ZEIT« aufgegriffen. Wohl gemerkt: Die aggressive Kampagne wurde nicht etwa von den üblichen Verdächtigen der BLÖD-Zeitung, sondern von den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten ARD, Radio Bremen, MDR usw. mittels intensivster Pressearbeit sowie Vorab-Vorführungen für die Medien, u.a. in Bremen [»Welturaufführung mit dem Autor« (12)] und Berlin veranstaltet. Das Produkt, eine WDR-Kooperation mit Radio Bremen, dem SWR, NHK Japan und der Anakonda International Film, Bremen, hat schließlich erst mal Kosten verursacht (die Produktion habe € 850.000,- verschlungen), die amortisiert werden wollen (13). Ergebnis: »Schließlich taten sich 2,1 Millionen TV-Konsumenten den reißerisch als Duell zwischen Castro und Kennedy verkauften Präsidentenmord von 1963 an. Ein „wenig überzeugender“ Zuschaueranteil von 7,8 Prozent, wertete das Medienmagazin DWDL am Samstag.« (14)

Das Konzentrat

Der Inhalt des 90-Minuten-Films ist schnell zusammengefasst: Huismann will gefunden haben, wonach Heerscharen sämtlicher staatlicher US-Regierungsstellen, FBI, CIA usw. usf. jahrzehntelang vergeblich gesucht haben – die Beweise für die Hintergründe des Kennedy-Mordes am 22.11.1963 in Dallas/Texas. Der später selbst ermordete Attentäter Lee Harvey Oswald habe den Auftrag vom cubanischen Auslandsgeheimdienst, und damit quasi von Fidel persönlich, erhalten bei einem einwöchigen Mexico-Aufenthalt im September 1963. Diesem Aufenthalt sei bis zur Recherche von Huismann in den vergangenen 43 Jahren von niemandem nachgegangen worden. Und also stehe nunmehr fest, dass es »Castros Rache war für den Versuch der CIA, ihn mit einem vergifteten Kugelschreiber zu ermorden«, »ein tödliches Duell zwischen Kennedy und Castro um die Vorherrschaft in Lateinamerika« und die These, dass die CIA Kennedy ermordet haben könnte, »liege außerhalb der Möglichkeiten< (15). Angekündigt wird das Ganze großkotzig als »das Ende aller Verschwörungstheorien« und serviert wird stattdessen wieder eine der ältesten und immer wieder widerlegte Verschwörungstheorien. Filmisch umgesetzt wird der kalte Kaffee mit Bildern von halb geschwärzten, in krakeliger Handschrift verfassten sog. »Dokumenten«, Aufnahmen von Doppel- u.a. Agenten im Halbschatten, im Taxi usw. Natürlich darf auch die obligatorische »KGB-Connection«, mit dem schon Ian Fleming’s James Bond große Erfolge feierte, nicht fehlen und man fühlt sich unversehens versetzt in einen mittelmäßigen Agentenfilm der 60er Jahre: »Der Agent, der aus der Hitze kam…« Und natürlich gelten die z.T. widersprüchlichen Aussagen der Dunkelmänner und Exilcubaner allemal als glaubwürdiger als etwa die souveränen Stellungnahmen des ehemaligen Geheimdienstgenerals Fabián Escalante. Geradezu krampfhaft versucht Huismann, diesem persönlich eine aktive Rolle beim Kennedy-Attentat zuzuweisen. Und bereits nach 5 Minuten postuliert er im Film aus dem Off: »Wenn sich dieser Verdacht bestätigt, muss die Geschichte des Kalten Krieges umgeschrieben werden.«

Das erinnert fast wörtlich an eine andere »Mediensensation«, als das Magazin »Stern« mit den sog. »Hitler-Tagebüchern« eine ähnlich aggressive Kampagne entfachte und damit nach wenigen Wochen jämmerlich einbrach. Damals hieß es zunächst ebenfalls großspurig: »Nach der Auswertung der Tagebücher muss  (…) die Geschichte des NS-Staates in großen Teilen neu geschrieben werden. (16) Knapp zwei Wochen später wurden die »Tagebücher« als Fälschung entlarvt und die Blase platzte.

Huismann jedoch gibt sich davon überzeugt, endlich die »Smokin’ Gun« (17) gefunden zu haben, mit der die cubanische Revolutionsregierung an den Pranger gestellt werden kann. Die Anklage lautet auf nicht weniger als Ermordung eines ausländischen Staatsoberhauptes, ein perfektes Kriegsargument.

Eine differenzierte Rezeption

Wie bereits erwähnt und nicht anders zu erwarten, wurde die öffentlich-rechtliche Kampagne (in der relativ nachrichtenarmen Zeit zum Jahreswechsel günstig platziert) von Dutzenden nationalen und internationalen Medien aufgegriffen. Interessanterweise wurde die cubafeindliche Propaganda, denn um nichts anderes handelt es sich, von den bürgerlichen Zeitungen durchaus differenziert behandelt:

Die »Berliner Zeitung« beispielsweise eröffnet ihren Beitrag »Spur nach Havanna« durchaus ironisch: »Der so oft zitierte Mantel der Geschichte wehte am Mittwochmittag durch den dritten Stock eines Hinterhauses am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte. Im dortigen Kino wurde ein Jahrhundertverbrechen gelöst.« (18) An sachlicher Kritik wurde dann nicht gespart. Die Huismann-Version klinge zwar plausibel, sei aber »auch nicht mehr als eine neue Verschwörungstheorie. Denn an wirklich harten Beweisen mangelt es dem Film (…) Es ist auch denkbar, dass die Kubaner den Wirrkopf [L.H.Oswald] anfeuerten, für politische Unruhe in den USA zu sorgen. Dass sie Oswald aber gezielt mit der Ermordung des US-Präsidenten beauftragt und diese Operation ausgerechnet in Mexico-City, dem damaligen Tummelplatz westlicher und östlicher Geheimdienste, mit ihm vorbereitet haben sollen, ist sehr zweifelhaft. Huismanns Dokumentation jedenfalls kann diese Zweifel nicht ausräumen.« (19)

Im Deutschlandradio wird als Antwort auf die Huismann-These ausführlich auf die aktuellen Recherchen eines kompetenten US-Amerikaner eingegangen: »Daran [Cubas Mordauftrag] glaubt Washington Post Reporter Jefferson Morley allerdings nicht. Castro und seine Berater hätten von Mord als politischer Taktik nichts gehalten, schrieb er November letzten Jahres. Morley vermutet, dass die CIA die Ermordung Kennedys durch Oswald ausschlachten wollte, um auf diese Weise den Sturz Castros zu beschleunigen. Zu diesem Zweck habe ein verdeckt in Miami arbeitender CIA-Agent eng mit kubanischen Exilstudenten zusammengearbeitet. Sie waren die ersten, die am Tag nach dem Mord Oswald und Castro in einer Sonderausgabe ihrer Monatszeitschrift als „Mutmaßliche Attentäter“ anprangerten. CIA-Agent George Joannides habe die Veröffentlichung finanziert. Morleys Antrag auf Freigabe der Unterlagen zu Joannides wurde von der CIA noch in diesem Sommer [2005!] aus Gründen der nationalen Sicherheit abgelehnt. Damit, so schrieben knapp zwei Dutzend Publizisten und Journalisten im August in einem offenen Brief an die Monatszeitschrift „The New Yorker Review of Books“ verstoße die CIA gegen den Willen des Kongresses und fördere die Zunahme von Verschwörungstheorien. Soviel steht fest: solange die CIA, mehr als 40 Jahre nach dem Kennedy-Attentat, etwas zu verbergen hat, wird auch die Wahrheit im Verborgenen bleiben.« (20)

Und selbst die großbürgerliche »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FASZ)« sieht sich befleißigt, trotz sonstiger Unterstützung (»In seinem Dokumentationsfilm … bringt er die Auflösung des spektakulärsten Mordes der Nachkriegszeit … einen entscheidenden Schritt voran.«) auf offenkundige Widersprüche hinzuweisen und muss bedauernd feststellen: »In der Rekonstruktion von Oswalds Zeit zwischen seiner Rückkehr aus der Sowjetunion und dem Attentat auf Kennedy gerät Huismann freilich in einen kuriosen Selbstwiderspruch. In seinem vielbeachteten Film „Lieber Fidel“ über die Lebensgeschichte von Fidel Castros deutscher Freundin Marita Lorenz war schon einmal von Oswald die Rede gewesen. Im Sommer ’63 habe sie mit „Ozzie, der Nervensäge“ an einem Trainingslager der CIA für eine Anti-Castro-Guerrilla teilgenommen. So hieß es in dem Film aus dem Jahr 2000. Huismann hatte es ihr geglaubt, damals. Heute hingegen ist er sich sicher: „Das war schlicht gelogen“ «. (21) So bastelt und biegt man sich seine Wahrheiten zurecht. Doch die FASZ wäre nicht sie selbst, würde hier nicht auch strategisch und langfristig gedacht: »Es gibt, selbst im unendlich ausgefransten Mordfall JFK, eine Wahrheit. Noch ist das Gesamtblld nicht klar erkennbar, aber der Film formuliert eine Reihe von konkreten Fragen, die etwa eine kubanische Gauck-Behörde [!!] eines Tages beantworten könnte. Es ist wieder Bewegung in die Ermittlungen gekommen. Dass hieran ausgerechnet die ARD beteiligt ist, dafür kann man ihr so manchen Stadl verzeihen« (22). Und so sind sie wieder miteinander versöhnt, der unerbittliche Ankläger, seine Auftraggeber und die medialen Einpeitscher – vorwärts zur cubanischen Gauck-Behörde…

Für die »Frankfurter Rundschau«, ehedem mal als linksliberal und aufklärerisch respektiert, handelt es sich, in einem Jubelbeitrag bar jeder Kritik, um einen »überaus spannenden Film (…) von durchaus verblüffender Evidenz (…), ein Glanzstück des investigativen TV-Journalismus.« (23) Bemerkenswert an dem Beitrag ist allenfalls der Hinweis, dass der Autor wegen seiner Auszeichnungen »einigermaßen unverdächtig« sei, ein Verschwörungstheoretiker zu sein. Auf diese »Unverdächtigkeit« machten auch die FASZ und andere Medien aufmerksam, begründet allerdings ausdrücklich mit seiner »linken Vergangenheit«, die für den Autor nun also doch noch nützlich wird…

Wesentlich distanzierter dagegen der »Spiegel«, der in seinem Beitrag zunächst die ARD-Kampagne skizziert: »Geradezu hymnisch feiert die ARD den anderthalbstündigen Doku-Film (…): Bei Huismanns Werk handele es sich um „eine politisch brisante Recherche, die den Mord des Jahrhunderts aufklärt“. Die bisherige Kennedy-Forschung werde durch sie „revolutioniert und die zahlreichen Verschwörungstheorien ad absurdum geführt.“«, um direkt anschließend deutlich zu kritisieren: »Ob die Ermordung des charismatischen US-Präsidenten dank Huismann endgültig aufgeklärt ist, daran darf zwar gezweifelt werden (…) hier beginnt wieder das Feld der vagen Vermutungen und der üblichen Verschwörungstheorien (…) Die Kette der offenen Fragen, die von Huismann Recherchen weg- und ins Nirgendwo hineinführen, scheint unendlich (…)« Der Autor macht auf einen zentralen Punkt, die Huismanns Phantasien ad absurdum führen, aufmerksam: »17 Tage vor dem Attentat sprach Kennedy mit seinem nationalen Sicherheitsberater McGeorge Bundy über Möglichkeiten, die Beziehungen zwischen Washington und Havanna zu normalisieren. In dem auf Band mitgeschnittenen Gespräch berichtet Bundy seinem Präsidenten von einer höchst denkwürdigen Einladung: Castro wollte den amerikanischen UNO-Diplomaten William Attwood zu sich bitten, um über eine solche Normalisierung zu sprechen. Bereits im Mai 1963 hatte Castro in einem Interview mit dem Sender ABC seine Verhandlungsbereitschaft angedeutet. Dem National Security Archive zufolge war Kennedy der Wandel willkommen. In Dokumenten des Weißen Hauses heißt es nach Archiv-Angaben: Der Präsident teile die Position, dass wir „anfangen sollten, flexibler zu denken“, und dass „der Präsident offenbar an der Perspektive interessiert ist, mit Castro Verhandlungen aufzunehmen“. Nach zwei blutrünstigen Staatschefs, die sich Attentäter auf den Hals schicken müssen, klingt das nicht [!]. Die Akte Kennedy wird wohl noch eine Weile offen bleiben.« (24)

Ein weiterer »Spiegel«-Autor ergänzt diese Kritik mit weiteren Aspekten. Zunächst wird süffisant über die Protagonisten gespottet: »Die Rechercheergebnisse haben nicht nur Huismann, sondern auch die ARD-Fernsehverantwortlichen in Entzücken versetzt: „Die bisherige Kennedy-Forschung wird durch die neuen Recherchen revolutioniert“, behauptet der WDR auf seiner Website zum Film: „Lee Harvey Oswald war das finale Werkzeug in einem mörderischen Kampf zwischen den Brüdern Kennedy und Fidel Castro.“ Und der Autor selbst bilanziert: „Für mich ist jetzt das Wesentliche geklärt“« um dann selbst einiges Wesentliche zu beleuchten: »Und in der Tat wirken die von ihm gesammelten Indizien auf den ersten Blick überwältigend (…) Doch bei genauerem Hinsehen erweisen sich die Glieder der Beweiskette als wenig belastbar. Keiner der Zeugen Huismanns war an der angeblichen Operation persönlich beteiligt. Unklar bleibt, auf welche Weise die Kubaner dem Attentäter Oswald geholfen haben sollen. Viele Zeugen sind – obwohl Huismann einen gegenteiligen Eindruck erweckt – der Kennedy-Forschung bekannt und ihre Aussagen von verschiedenen Untersuchungskommissionen und Historikern verworfen worden. Und was Huismann an neuem zusammengetragen hat, wirft zu viele Fragen auf, als dass sich damit die Geschichte umschreiben ließe.« Die angeblichen Kontakte des cubanischen Geheimdienstes zu Oswald beruhten »auf Hörensagen«; die Schilderung des angeblichen KGB-Telegramms vom 18.07.1962 könne »man glauben oder auch nicht«. »Zu Huismanns Fundstücken zählt auch ein Vermerk eines Mitarbeiters Johnsons – Martin Underwood (…) in dem Papier wird behauptet, dass Fabián Escalante, ein Mitarbeiter Castros und in den siebziger Jahren hochrangiger Geheimdienstoffizier, am Tag der Ermordung in Dallas gewesen und abends ausgeflogen sei, was Escalante – von Huismann befragt – in dem Film abstreitet, wohl zu Recht. Underwood hat in der Kennedy-Forschung einen schlechten Ruf. Mehrere seiner Angaben haben sich in der Vergangenheit als falsch erwiesen [!].« (25)

Und »Spiegel Online« begegnet den Huismannschen Schwurbeleien mit richtig schwerem Geschütz, nämlich einem Interview mit dem US-»amerikanischen Kennedy-Experten Lamar Waldron, 51, hat im November 2005 nach 17-jähriger Recherche zusammen mit Tom Hartmann in den USA das Buch „Ultimate Sacrifice: John and Robert Kennedy, the plan for a coup in Cuba, and the murder of JFK“ veröffentlicht (...) F: Sind diese [Huismanns] spektakulären Neuigkeiten schon bis nach USA durchgedrungen? A: Allerdings. In Fachkreisen wird bereits viel über den deutschen Film diskutiert. F: Was halten die amerikanischen Kennedy-Forscher von den Recherche-Ergebnissen, dass Fidel Castro hinter dem Anschlag steckt? A: Wir sind eher skeptisch, was Huismanns These angeht (…) Die Behauptung, dass Fidel Castro hinter der Ermordung von Kennedy steckt, ist 40 Jahre alt und wurde inzwischen mehrmals glaubhaft von Untersuchungsausschüssen des US-Kongresses und in Geheimdokumenten widerlegt, die in den neunziger Jahren veröffentlicht wurden. Selbst die CIA, die Castro noch heute als einen der Erzfeinde der USA einstuft, hat schon vor Jahren erklärt, dass die Kubaner nicht an dem Mordkomplott beteiligt waren (…) Derzeit werden viele der alten Theorien, die bereits vor Jahrzehnten als falsch entlarvt wurden, mit neuen Zeugenaussagen wiederbelebt. Die meisten dieser Zeugen sind Leute, die (…) aber heute nichts mehr mit dem kubanischen Präsidenten zu tun haben wollen. Sie haben oft noch alte Rechnungen zu begleichen, und das macht ihre Aussagen nicht gerade glaubhafter. Ich bin mir sicher, Castro hatte nichts mit der Ermordung von John F. Kennedy zu tun. (…) F: Auch 42 Jahre danach scheint es noch immer mehrere rivalisierende Theorien zur Ermordung von JFK zu geben… A: Wenigstens eine Gewissheit kann ich Ihnen ganz bestimmt geben: Wenn George W. Bush tatsächlich glauben würde, das Castro den Mord an Kennedy zu verantworten hätte, dann wäre er sicherlich schon längst in Kuba einmarschiert.« (26)

Auch der »Tagesspiegel« geht auf Distanz und erinnert – in inhaltlicher Ergänzung zu der »Spiegel«-Rezension von Roman Heflik – an die verbürgte Begebenheit, wie Fidel Castro von dem Kennedy-Attentat erfuhr, nämlich per Telephon in Anwesenheit des französischen Journalisten Jean Daniel: »Der Kubaner zeigt sich bestürzt. Wenig später wird im Radio der Tod des US-Präsidenten gemeldet, alle im Raum gedenken schweigend des ermordeten Erzfeindes. „Jetzt“, sagt Castro schließlich, „werden sie den Attentäter schnell finden müssen, aber sehr schnell, sonst werden sie uns die Schuld an dieser Sache in die Schuhe zu schieben versuchen“.« Zu Huismann/Russo merkt der Autor an »Ihr Film wird die Debatte zweifellos neu beleben. Doch dass Castro und der kubanische Geheimdienst G-2 wirklich die Täter sind, können auch sie nicht beweisen (…) der Film basiert auf der Einzeltäter-These: Alle anderen Indizien lässt er außen vor (…) Aber wieso sollte sich Castros Geheimdienst, der als einer der besten der Welt galt, ausgerechnet eines von sowjetischen, kubanischen und amerikanischen Agenten als psychisch instabil eingeschätzten Mannes mit wirren politischen Vorstellungen bedienen? (…) Wieso Castro für die Ermordung des US-Präsidenten einen solch unsicheren Kantonisten ausgesucht haben soll, dafür bleibt der Film die Erklärung schuldig (…) Der Film (…) ist also eine Bereicherung für alle Verschwörungstheoretiker.« (27)

Sogar die betont wohlwollende Rezension in des Filmemachers Heimatzeitung, dem Bremer »Weser Kurier«, kommt nicht umhin, ihm schlechte Noten auszustellen für einen Film, der als »Lösungsversuch« klassifiziert wird und kritisiert: »Wie glaubwürdig er [der angebliche „Kronzeuge“ Marino] ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Andere Zeugen bleiben in der Anonymität; Dokumente werden zitiert, sind aber nicht einzusehen. So wirft der Film am Ende eher neue Fragen auf, als eine abschließende Lösung zu präsentieren und liefert einige neue Puzzlestücke, aber kein Gesamtbild (…) Für eine erschöpfende Aufklärung des Jahrhundertmordes bedürften Huismanns Belege aber noch einiger Erhärtung«. (28)

Abschließend sei noch die nicht unwichtige »Zeit« erwähnt, die bereits im ersten Absatz Stellung bezieht: »Nach 42 Jahren soll es heute um 21.45 Uhr soweit sein. Der Kennedy-Mord wird aufgeklärt. Das jedenfalls verspricht die ARD (…) der Autor Wilfried Huismann behauptet, mit seinen Recherchen zu belegen, dass Lee Harvey Oswald den Auftrag zum Mord des amerikanischen Präsidenten vom kubanischen Geheimdienst erhalten habe. Um es vorweg zu nehmen: Diesen Beweis erbringt der Film nicht. Zudem geht die ganze Geschichte von einer Prämisse aus, die in Wahrheit selbst eine Hypothese ist: dass nämlich Lee Harvey Oswald der Kennedy-Mörder war. In Wahrheit ist schon dies bis heute umstritten. Immerhin konnten die besten Scharfschützen des FBI nicht nachspielen, was dem mittelmäßigen Schützen Oswald am 22. November 1963 in Dallas gelungen sein soll: John F. Kennedy mit drei Schüssen aus einem Karabinergewehr von einem Lagerhaus aus in einer fahrenden Limousine zu erschießen. Doch an diese Zweifel erinnert der Filmemacher den Zuschauer nicht einmal. Huisman bezeichnet Oswald von Anfang an „den Kennedy-Mörder“. Und auch im übrigen bleibt seine Beweisführung eher suggestiv denn stringent.« Die Beurteilung des zentralen Interviews mit Fabián Escalante: »Erkenntnisgewinn des Interviews: nahe Null.« Über die 650 US-$, die Oswald in Mexico von der cubanischen Botschaft zwecks Finanzierung des Attentats erhalten haben soll: »Das Geld habe zur Finanzierung der „Operation Kennedy“ gedient, „zur Vorbereitung des Attentats“ durch den „G2-Agenten Oswald“. Belege für diesen Kausalzusammenhang: Fehlanzeige.« Schließlich: »Zum Abschluss lässt Huismann den Kronzeugen Marino noch einmal reichlich syntaktische Soße über den Indizienbrei gießen (…) Was bleibt? Ein neues Puzzlestück in Kennedy-Mord. Und eine Gewissheit. Die nämlich, dass Oswald mit all seinen Verbindungen zu den Kubanern ein geradezu idealer Sündenbock gewesen wäre. Für möglicherweise ganz andere Verschwörer.« (29)

Schlußfolgerungen

Die großspurigen Ankündigungen der Produzenten (30) sowie die vom Autor gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung der tatsächlichen Aufklärung des Kennedymordes wird also selbst von den wohlwollendsten Rezensenten ausdrücklich nicht bestätigt. Und es waren ja keinesfalls in erster Linie die cubafreundlichen Medien und Fachleute, die Huismanns Thesen widerlegt haben. In der Rezeption seines Propagandafilms durch die meisten Zeitungen erweist sich dieser also eher als Rohrkrepierer.

Allerdings wurde von allen Medien der politische Hintergrund, ohne den die Intention einer solchen Kampagne kaum eingeordnet werden kann, komplett ausgeblendet.

So sind es ja eben nicht die USA, die seit 45 Jahren unter einer umfassenden Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade (31) (begleitet von Spionage, Subversion, Sabotage, biologischer Kriegsführung, Organisierung und Unterstützung bewaffneter Banden sowie über 600 Plänen und Versuchen, den Präsidenten zu ermorden) mit einem ökonomischen Schaden von über 75 Milliarden US-$ seitens der Republik Cuba leiden (32), sondern es ist genau umgekehrt. Nicht die USA haben seit 1959 über 300 cubanische Anschläge mit 3.478 Toten und 2.099 Invaliden zu beklagen (33), sondern umgekehrt!

Aktuelle Zusammenhänge

* Zeitgleich mit dem Erscheinen des Films intensivierten die USA zum Jahreswechsel 2005/2006 ihre Provokationen gegen Cuba durch zunehmende Verletzungen des bilateralen Migrationsabkommens, dem Versuch, einen Abbruch der minimalen diplomatischen Bezie-hungen zu erzwingen u.a. Maßnahmen (34).

* Knapp vier Wochen nach Erscheinen des Films verabschiedete das EU-Parlament eine höchst aggressive cubafeindliche Entschließung (35), in welcher EU-Rat und –Kommission u.a. (»dringend«!) aufgefordert werden, »weiterhin alle in dieser Hinsicht [Freilassung angeblicher politischer Gefangener auf Cuba; hwh] erforderlichen Schritte zu unternehmen (…) entsprechend zu handeln (…) weiterhin alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen [!] (…).«, die schändlicherweise auch von einigen sog. »linken« EU-Abgeordneten unterstützt wurde (36).

* Schließlich muss in diesem Zusammenhang auch erinnert werden an die Anfang 2003 von Bush persönlich installierte »Kommission zur Unterstützung eines freien Cuba«, dessen 500seitigen Bericht (37) er am 06.05.04 der internationalen Öffentlichkeit mit den Worten präsentierte, dass ein zentrales Ziel der US-Politik darin bestünde, durch die in dem Papier festgelegten Maßnahmen »schneller den Tag herbeizuführen, an dem Cuba ein freies Land ist« (38). Dieser, für 2004-2005 mit 59 Millionen US-$ ausgestattete Aktionskatalog zum Sturz der cubanischen Regierung und Zerschlagung des sozialistischen Gesellschaftsmodells Cubas wird weiterhin aktiv umgesetzt. Folgende Maßnahmen sind (neben anderen, geheimen Artikeln) u.a. ausgewiesen:

„11. Verstärkung der Anstrengungen zur Einbeziehung von Regierungen dritter Länder in die Kampagne gegen die cubanische Revolution – wie es gerade das EU-Parlament beispielhaft vorgeführt hat (s.o.).

1.a) die Schaffung eines internationalen Fonds für die Entwicklung der »Zivilgesellschaft« in Cuba. Mit diesem Fonds soll »freiwilliges« Personal aus Drittländern gewonnen werden.

1.e) Aufrechterhaltung und Intensivierung öffentlicher anticubanischer Kampagnen im Ausland, in denen angebliche Menschenrechtsverletzungen in Cuba, »Spionage gegen andere Länder«, »subversive Handlungen gegen demokratisch gewählte lateinamerikanische Regierungen« und andere Aktivitäten angeprangert werden sollen, die eine Bedrohung für die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika darstellten.“  (39).

In genau dieses Schema passt der Huismann-Film – Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die Reaktionen aus Cuba jedenfalls waren eindeutig. Präsident Castro wurde mit den Worten zitiert, es handele sich bei dem Film um eine »Auftragsarbeit der CIA: Man muss sehen, was das für ein schräger Vogel ist, wo er herkommt und wer ihn bezahlt« (40).

Und »Granma«-Chefredakteur Gabriel Molina konstatiert in seinem Beitrag »Kennedy, conspiración en Hamburgo«, der eigentliche Skandal sei nicht eine angebliche cubanische Beteiligung an der Ermordung des US-Präsidenten, sondern das Verschleudern der Rund-funkgebühren durch die ARD für eine alberne Propagandakampagne gegen Cuba (41).

Die seltsame Ruhe nach dem Sturm

Der Streifen wurde am 06.01.06 ausgestrahlt. Der Mediensturm dauerte exakt eine Woche und die Berichterstattung war mit dem 07.012.06 wie abgeschnitten. So what? Es war sehr schnell klar, dass Mehrzahl der hiesigen großen Medien, die für die weitere Aufblähung des »Skandals« offenbar fest eingeplant waren, nicht mitspielten (s.o.). In einem weiteren öffentlichen Diskurs wäre die Seifenblase zunächst vollends geplatzt und der »Kaiser« Huismann als nackt entlarvt worden. Wohl um dies zu verhindern, wurde die Kampagne zunächst abgebrochen.

Allerdings war bereits vorher angekündigt worden, dass »nach entsprechender Bearbeitung« (42) der Film in die Kinos kommen solle. Es bleibt abzuwarten, ob und mit welchen »Überarbeitungen« die Kampagne in der BRD nach einer gewissen zeitlichen Schamfrist fortgeführt und damit endlich richtig Kasse gemacht werden wird.

Ein weiteres Ziel der Aktion war laut WDR-Chefredakteur Jörg Schönenbohm, dass »der Film heftige Wellen in den USA auslösen wird« (43).Nun wurde schon dargestellt, dass auch die seriöse Kennedyforschung in den USA sich als nicht über dieses Stöckchen zu springen bereit zeigte (44).

Allerdings handelt es sich dennoch um ein »Himmelsgeschenk« und eine Steilvorlage für die militaristische US-Administration, worauf sich diese zu geeigneter Zeit berufen kann, wenn es gelten könnte, der Weltpresse »Argumente« für einen militärischen Überfall auf Cuba zu präsentieren. Schließlich waren die (u.a. von General Colin Powell, dem Namensgeber des Anti-Cuba-Drehbuchs!) gebrachten »Gründe« für den Überfall auf den Irak kaum stichhaltiger… 

Bis dahin werden – das politische Gedächtnis der Menschen ist bekanntlich kurz – alle Entlarvungen des Films bereits wieder vergessen sein und die US-Regierung könnte genüsslich darauf hinweisen, dass der Autor nicht nur aus dem sonst doch angeblich so renitenten Germany kommt, sondern dazu noch mit einer »linken Vergangenheit« gesegnet , also völlig unverdächtig sei (siehe »FASZ« und »FR«).

Es gilt also weiterhin, höchst wachsam zu sein und das revolutionäre Cuba gegen alle nationalen und internationalen Haß- und Hetzkampagnen zu verteidigen. Wer sich außerdem noch mit den tatsächlichen Hintergründen des Kennedy-Attentats beschäftigen will, dem/der sei empfohlen, sich nochmals den akribisch recherchierten Oliver Stone-Film »JFK« auf Video anzusehen oder zu einem guten Buch zu greifen, z.B.: »Im Fadenkreuz: Kuba« von Horst Schäfer (45).

                                                                                                          Heinz-W. Hammer, Essen, 28.02.06

Anmerkung des Autors: Dieser Beitrag erschien zuerst in der geheimdienstkritischen Quartalszeitschrift »Geheim«; www.geheim-magazin.de; Probehefte unter Tel.: 0221 – 28 39 996 und abo-probeexemplar@geheim-magazin.de

Fußnoten:

1. Ein Film von Wilfried Huismann und Gus Russo; Redaktion: Herbert Blondiau und Jan Furukawa

2. »Die Mordliste der US-Geheimdienste: Die Ermordung ausländischer Staatschefs gehörte von Beginn an zu den Praktiken der geheimdienstlichen US-Außenpolitik. Die folgende Liste von Anschlägen, die versucht oder erfolgreich durchgeführt worden sind, wurde von einem Mitarbeiter von Untersuchungsausschüssen des US-Kongresses zusammengestellt:

* 1949: Kim Koo, Oppositionsführer in Korea

* 1950-1952: CIA-Neonazi-Liste auszuschaltender SPD-Politiker in Westdeutschland

* 1955: José Antonio Remón, Präsident von Panama

* 1950 ff: Sukarno, Präsident von Indonesien

* 1950 ff: Zhou Enlai, Premierminister von China, mehrere Attentate

* 1951: Kim Il Sung, Präsident von Nordkorea

* 1950 ff: Claro M. Recto, Oppositionsführer auf den Philippinen

* 1955: Jawahrlal Nehru, Premierminister von Indien

* 1957: Gamal Abdul Nasser, Präsident von Ägypten

* 1959/63: Norodom Sihanouk, Führer von Kambodscha

* 1960: Abdul Karim Kassem, Führer des Irak

* 1950/70: José Figueras, Präsident von Costa Ricas, zwei Mordversuche

* 1961: Francois Duvalier, Führer von Haiti

* 1961: Patrice Lumumba, Premierminister von Kongo (Zaire)

* 1961: General Rafael Trujillo, Führer der Dominikanischen Republik

* 1963 ff.: Fidel Castro, Präsident von Kuba, 24 Mordversuche nach kubanischen Angaben, mindestens acht nach Berichten des US-Kongresses

* 1963: Ngo Dinh Diem, Präsident von Südvietnam

* 1960 ff.: Raùl Castro, Verteidigungsminister in Kuba

* 1965: Francisco Caamano, Dominikanische Republik, Oppositions-führer

* 1965: Pierre Ngendandumwe, Premierminister von Burundi

* 1965/6: Charles de Gaulle, Präsident Frankreich

* 1967: Che Guevara, Führer in Kuba

* 1979/73: Salvador Allende, Präsident in Chile

* 1970: General René Schneider, Oberbefehlshaber der chilenischen Armee

* 1970 ff/81: General Omar Torijos, Führer von Panama

* 1972: General Manuel Noriega, Geheimdienstchef von Panama

* 1975: Mobuto Sese Seko, Präsident von Zaire

* 1976: Michael Manley, Premierminister von Jamaica

* 1980/86: Muammar al Gaddafi, Führer von Libyen, zahlreiche Attentatsversuche

* 1982: Ayatollah Khomeini, Führer des Iran

* 1983: General Ahmed Dlimi, Kommandeur der marokkanischen Armee

* 1983: Miguel d’Escoto, Außenminister von Nicaragua

* 1984: Neun Kommandanten des Sandinistischen Nationalen Direktoriums Nicaragua

* 1985: Scheich Mohammed Hussein Fadlallah, libanesischer Schiitenführer, Anschlag mit 80 Toten

* 1991:Saddam Hussein, Führer des Irak«

(aus: »konkret«, 11/2001)

 

3. »Ich habe John F. Kennedy immer sehr bewundert«; »Die Welt«: »Das hier ist kein Fake«, Interview mit W. Huismann, 04.01.06; http://www.welt.de/ data/2006/01/04/826499.html

4. »Ich war früher selbst in Kuba, habe in Entwicklungsbrigaden Häuser gebaut und hatte große Sympathien für das kubanische Gesellschaftssystem (…) aber ich habe im Laufe der Zeit auf Kuba auch mit vielen Menschen gesprochen und so die dunkle Seite des Systems kennen gelernt«; »Die Welt«, 04.01.06; a.a.O.

5. »An einer Destabilisierung Kubas besteht aus US-Sicht kein Interesse mehr, schon aus Angst vor den Flüchtlingsströmen. Die US-Regierung wartet ab, bis sich das Thema Fidel Castro von allein erledigt hat. «; »Die Welt«, 04.01.06; a.a.O.

6. Laut dem Filmverleih Pegasos ein »dokumentarischer Liebesthriller«.

7. Anneke Schaefer in der Einleitung zu einem Interview mit H. in der Zeitschrift »Matice – Zeitschrift zu Lateinamerika, Spanien und Portugal«, 2003; http://www.matices .de/38/seinerzeitvoraus/

8. »Matice«, a.a.O.

9. »Matice«, a.a.O.

10. »Für seinen neuen Film (…) beantragte er ein Interview mit dem ehemaligen Geheimdienst-chef Fabián Escalante zu dessen 2003 erschienenen Buch „La Guerra Secreta“ (Der geheime Krieg). Das Buch dokumentiert die aggressive US-Politik gegen den sozialistischen Inselstaat. Auch in seinem Film,. So gab Huismann damals an, ginge es um die Mordkomplotte gegen den einstigen kubanischen Botschafter bei den UN, Carlos Lechuga, und Staatschef Fidel Castro. Dies Story hat sich in einem halben Jahr rasant verändert. Voilà, Fidel Castro ist auf einmal nicht mehr Opfer, sondern Täter, verantwortlich für den Mord an John F. Kennedy«; Harald Neuber in »junge Welt«, 06.01.06.

11. »WDR print«, Januar 2006

12. »Duell Castro-Kennedy«, in »die tageszeitung«, 04.01.06; http://www.taz.de/pt/2006/ 01/04/a0237.1/textdruck

13. Im österreichischen Internetforum »KURIER.AT FORUM«, in dem Anfang Januar 2006 unter dem Titel »Ließ Castro Kennedy ermorden?« zu dem Film debattiert wurde, merkte ein Diskutant treffend an: »Ließ Mickey Maus Bambis Mutter ermorden? – Freilich! Damit Walt Disney wahnsinnig verdienen könnte damit.« http://forum.kurier.at/showthreated.php/Cat/0/ Number/2411786/page/0/vc/1

14. »Quotenjäger des Tages – ARD«, in »junge Welt«, 09.01.06

15. W. Huismann in diversen Interviews (hier: »Kurier«, 03.01.; »taz«, 04.01. und »Welt«, 04.01.06)

16. »Stern«, 22.04.1983

17. Mit »smoking gun« ist umgangssprachlich das nach dem soeben abgefeuerten Schuss noch rauchende Gewehr (auch: »Rauchender Colt«) gemeint, anhand dessen der Täter unwiderruflich überführt ist. Sehr oft benutzt wurde dieser Begriff im Vorfeld des US-Überfalls auf den Irak, als die UN-Emissäre Beweise für das angebliche Vorhandensein vom Massen-vernichtungswaffen, also einer »smoking gun«, suchten – aber niemals fanden.

18. »Spur nach Havanna«, Andreas Förster in »Berliner Zeitung«, 05.01.06; http://www.,berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2006/0105/politik/0

19. »BZ«, a.a.O.

20. »Hartnäckige Zweifel«, USA-Korrespondent Siegfried Buschlüter in Deutschlandradio, 05.01.06; http://www.dradio.de/aktuell/453559/

21. »Die Kuba-Connection«, Nils Minkmar in »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FASZ)«, 01.01.06

22. »FASZ«, a.a.O.

23. »Spur nach Mexiko«, Reinhard Lüke in »Frankfurter Rundschau«, 07.01.06; http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/medien/?cnt=781390

24. »Kennedy-Attentat, Oswalds Kuba-Connection«, Roman Heflik in »Spiegel«, 04.01.06; http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,393483,00.html

25. »ARD-Doku über Kennedy-Mord – Steile These, schwache Belege«, Klaus Wiegrefe in »Spiegel«, 06.01.06; http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,393636,00.html

26. »Kennedy-Film: US-Experte hält Kuba-These für falsch«; Kirsten Grieshaber: Interview mit Lamar Waldron, in: »Spiegel Online«, 06.01.06; http://www.spiegel.de/politik/ ausland/0,1518,393762,00.html

27. »Wer hat Angst vor Kennedy? Chronik einer Legende: Das Attentat von 1963 bleibt mysteriös. Nun weiß eine TV-Doku: Castro war’s«; Volker Skierka in »Tagesspiegel«, 05.01.06 / V. Skierka ist Autor von »Fidel Castro - Eine Biographie« und Co-Autor des ARD-Films »Fidel Castro – Ewiger Revolutionär« (2004)

28. »Weiße Flecken auf der historischen Karte – Mit dem Dokumentarfilm „Rendezvous mit dem Tod“ will Wilfried Huismann den Kennedy-Mord aufklären«; Gabriela M. Koller in »Weser-Kurier«, 06.01.06

29. »Verschwörungstheorien – Ließ Castro Kennedy ermorden?«; Jochen Bittner in »Die Zeit«, 06.01.,06; http://www.zeit.de/online/2006/02/kennedy

30. »Der Film (…) präsentiert neue Fakten zur Ermordung von John F. Kennedy. Fazit der Recherchen: Der kubanische Geheimdienst rekrutierte damals den Mörder« (MDR-Ankündigung, 03.01.06; http://www.mdr.de/artour/2360953. html); »Die bisherige Kennedy-forschung wird durch die neuen Recherchen revolutioniert und die zahlreichen Verschwörungstheorien ad absurdum geführt. Zum ersten Mal, seit die Warren-Kommission im Jahre 1964 ihren Abschlußbericht vorlegte, gibt es eine neue Faktenlage (WDR-Ankündigung«; http://wdr.de/tv/dokumentation/rendezvous_mit_dem_tod.phtml)

31. Diese Blockade wurde vom damaligen US-Präsidenten am 3. Februar 1962 offiziell verkündet und seitdem zahlreiche Male verschärft.

32. http://www.cuba-si.de/cuba-si-intern/veroeffentlichungen/info-conflict-us-cub.html

33. http://www.cuba-si.de… a.a.O.

34. Eine 10-Punkte-Liste führte Präsident Castro bei einer Massendemonstration am 24.01.06 vor der US-Interessenvertretung in Havanna auf; siehe: »Worte des Präsidenten der Republik Kuba, Fidel Castro Ruz, gerichtet an das Volk Kubas, das edle Volk der Vereinigten Staaten und die Weltöffentlichkeit, zur Eröffnung des Marsches des kämpfenden Volkes vor der Interessen-vertretung (SINA), 24. Januar 2006«; http://www.botschaft-kuba.de/pdf/Discurso% 20en%20Marcha%20Combatiente%2924%20de%20enero%202006.pdf und »junge Welt«, 26.01.06

35. Kenn-Nr.: RC\600027DE.doc; siehe auch »junge Welt«, 09.02.06

36. Für die Entschließung stimmten die GUE/NGL-Abgeordneten Brie, Liotard, Markov, Seppänen, Sjöstedt und Zimmer; Enthaltungen kamen aus dieser Fraktion von den Abgeordneten Kaufmann, Papadimoulus, Portas, Uca, Verges und Wurtz

37. Nach dem Kommissionsleiter auch »Powell-Report« benannt; siehe auch die ausführliche Besprechung »USA vs. Cuba – Der offene und geheime Krieg gegen Cuba, Eine Bestands-aufnahme zum Jahreswechsel 2004/2005« in »Geheim«, Nr. 4/2004, 28.12.2005; www.geheim-magazin.de

38. http://www.cuba-si.de… a.a.O.

39. http://www.netzwerk-cuba.de/archiv/netzwerk/terrorkatalog/netzwerk-text.html

40. AFP, jW, ND, 24.01.2006

41. http://www.granma.cu/espanol/2006/enero/vier6/3kennedy-e.html, zitiert nach: http://www redglbe.de/index.php?option=com_content&task=blogcategory&id=130&ltemid=72

42. http://www.mdr.de/artour/2360953.html und »NRZ«, 06.01.06

43. »Neues Deutschland«, 07./08.01.06

44. siehe Lamar Waldron, im »Spiegel Online« - Interview

45. Neben anderen empfehlenswerten Aspekten behandelt das Buch auch die Kennedy-Ermordung: »Kapitel II.7 – Die verhinderte Verständigung« und »Kapitel II.10 – Wer erschoss JFK?«. Der Autor hat 11 Jahre als Journalist in den USA gearbeitet, war im Weißen Haus akkreditiert und hat vorwiegend Originaldokumente der CIA sowie offizieller Regierungsstellen über den Krieg gegen Cuba untersucht und dokumentiert.

Der europäische Imperialismus

Socialist Unity Center of India (SUCI): Schritte zu den „Vereinigten Staaten von Europa“ oder: Anstrengungen für eine Veränderung der imperialistischen Kräfteverhältnisse; 2. Teil

(Der erste Teil des Artikels ist erschienen in offen-siv Nr. 10/2005. In der Ausgabe 1/2006 konnten wir die Fortsetzung leider nicht bringen. Hier jetzt also Teil 2 und Schluss des Artikels. Redaktion Offensiv)

Die Auseinandersetzungen um die europäische Verfassung und die Ablehnung derselben durch das französische und das niederländische Volk haben einmal mehr deutlich werden lassen, dass es in den die EU konstituierenden Ländern starke nationalistische Gefühle gibt, die sich auf das jeweils eigene Land beziehen und in keiner Weise eine europäische Ausrichtung besitzen. Dieser Prozess wird verschärft durch die EU-Aufnahme osteuropäischer, früher sozialistischer Länder, deren Wirtschaft zerstört wurde und die nun auf den Arbeitsmarkt in ganz Europa drücken. Diese Situation verschärft die nationalistischen Ressentiments und es sind diese Gefühle, die die Völker daran hindern, ihre nationale Souveränität aufzugeben und das monopolkapitalistische Projekt eines vereinten Europa zu unterstützen.

Zur Geschichte des Entstehens und auch Verschwindens des Nationalismus und der Nationalstaaten und deren Wirkung auf die EU

In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass der Nationalismus als eine ideologisches Glaubensbekenntnis zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte entstand. Er entwickelte sich in den Grenzen eines bestimmten geographischen Territoriums während des Kampfes der dort lebenden Menschen gegen die Feudalherren bzw. Monarchien und später im antiimperialistischen Kampf gegen die herrschenden kolonialistisch-imperialistischen Mächte. Dolche Kämpfe gegen die Feudalherrschaft bzw. gegen den Kolonialismus, die auch „demokratische Revolution“ genannt werden, riefen eine allgemeine Verbundenheit der Kämpfenden hervor, und dies meist unabhängig von ihrer Klassenlage, ihrer Sprache oder Religion, so dass auf dieser Grundlage ein Nationalgefühl entstehen konnte. Inzwischen leben wir jedoch im Zeitalter der proletarischen Revolution, die grundsätzlich über den Nationalismus hinauswächst; trotzdem können nationalistische Kämpfe auf der einen oder anderen Grundlage und unter bestimmten Bedingungen noch immer auftauchen.

Als auf dieser Entwicklungsstufe der menschlichen Geschichte Karl Marx der Arbeiterklasse der Welt die Theorie des Kommunismus gab, formulierte er die Parole: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!“ Er zeigte damit, dass die Arbeiterbewegung sich auf der Grundlage eines grundsätzlichen proletarischen Internationalismus bewegen muss, nicht aber auf der Grundlage des Nationalismus. Was ist die Bedeutung dieser Aussagen? Die Arbeiterklasse kämpft in den unterschiedlichen Ländern gegen ihre jeweilige herrschende Klasse. In diesem Kampf bemüht sie sich um größtmögliche Gemeinschaftlichkeit und Solidarität der Arbeiter und der werktätigen Massen der unterschiedlichen Länder, um das gemeinsame Ziel, die Ausbeutung und die Unterdrückung zu beenden, zu erreichen. Dadurch wird die Einheit gefordert und gefördert. Marx wusste genau, dass die Arbeiterklasse nicht von heute auf morgen, wie durch einem Handstreich, vom bürgerlichen Nationalismus befreit und unmittelbar unter den Idealen des proletarischen Internationalismus vereint werden kann. Dieser Prozess ist langwierig, braucht harte und vor allem von der Arbeiterklasse geführte Kämpfe, denn diese Kämpfe werden, auch wenn sie in den nationalen Grenzen einzelner Staaten stattfinden, nicht auf der Grundlage des Nationalismus geführt. In solchen Kämpfen werden die Massen an die Theorie des Marxismus und den proletarischen Internationalismus herangeführt. Nur auf diesem Weg kann die proletarische Revolution erfolgreich sein, indem der Kapitalismus in einem Land nach dem anderen überwunden wird, der sozialistische Staat, die Diktatur des Proletariats als Übergangsphase zum Kommunismus aufgebaut wird. Der Sozialismus, begründet und geführt durch den Marxismus-Leninismus wird vollständig und mit Sicherheit den proletarischen Internationalismus durchsetzen und damit die Grundlage legen, um die Schwelle zur Gesellschaft des Weltkommunismus zu überschreiten, mit anderen Worten: die weltweite klassenlose Gesellschaft zu errichten. Die Aufhebung der Klassen wird selbstverständlich den Staat als Unterdrückungsinstrument der einen Klasse gegen die andere überflüssig machen. Diese Art von Staaten, Klassenstaaten in nationalen Grenzen, werden dann keine Rolle mehr spielen und aus der Geschichte der Menschheit verschwinden. Diese Art Staat wird, um Engels zu zitieren, nicht „abgeschafft“, er „stirbt ab“.

Demgegenüber spielte früher und spielt noch heute der Nationalismus eine große Rolle für die Herrschaft der jeweiligen Kapitalistenklasse. Aber alle Anstrengungen der Imperialisten der europäischen Länder hin zu einem vereinten Europa unter ihrer Herrschaft können die Befreiungskämpfe gegen den Feudalismus bzw. den Kolonialismus, die ja das Nationalgefühl hervorbrachten, nicht ersetzen. Es gibt keine gemeinsame Richtung, kein gemeinsames Ziel für die Menschen in den europäischen Ländern, es gibt keinen gemeinsamen Kampf um eine neue Art von Gemeinwesen und Staat. Und deshalb wird es keinen europäischen Nationalstaat mit einem europäischen Nationalgefühl seiner Bürger geben. Allerdings zeigen sich in einigen europäischen Ländern Vorbehalte gegen den US-Imperialismus. Unter der Herrschaft der europäischen Imperialisten entstehen diese Vorbehalte aus Widersprüchen bei der Kontrolle des Weltmarktes und der Krisenbewältigung. Auf der anderen Seite, bei den werktätigen Massen, bilden sich diese Verhältnisse als ein Gefühl gegen die US-amerikanische Dominanz ab. Aber diese Gefühle bleiben auf der nationalen Ebene, erreichen nicht das Niveau Europas als Ganzes. Hätte es eine direkte Herrschaft des US-Imperialismus über ganz Europa gegeben und einen gemeinsamen europäischen Kampf gegen diese Herrschaft, dann wäre die Entwicklung eines einheitlichen europäischen Nationalismus möglich gewesen. Aber die geschichtliche und die aktuelle Situation kommt einem solchen Szenarium in keinster Weise nahe. Und deshalb hindern die jeweiligen Nationalismen in den europäischen Ländern die Völker daran, einen neuen europäischen Staat zu begrüßen, stattdessen lehnen sie ihn ab. Ihre Opposition äußern sie in ihren nationalen Grenzen, sie verweigern die Union vor allem aus ihrem Nationalgefühl heraus, sie wollen ihre nationale Unabhängigkeit verteidigen. Das ist die Crux der aktuellen Situation.

Das Problem der nationalen Unterdrückung wird sich in der EU verstärken

Die Monopolisten der verschiedenen europäischen Länder versuchen krampfhaft, eine Bewegung für die europäische Einigung hervorzurufen, haben aber nur das Ziel, mit einer stärkeren EU ihre Wettbewerbsbedingungen gegenüber den US-Imperialisten zu verbessern. Neben diesem Ziel müssen sie natürlich auch vorbereitet sein auf die Niederschlagung der wachsenden Abwehrkämpfe der Arbeiterklasse – und dazu nutzen sie das Nationalgefühl der Massen und spielen es aus gegen das Klassenbewusstsein. Das alles aber macht den Prozess der europäischen Imperialisten für ein vereintes Europa sehr widersprüchlich. Außerdem werden sie die Krisentendenzen des Weltkapitalismus nicht mittels einer von ihnen geschaffenen EU überwinden können. Die Union wird nur die Ausbeutung und die Unterdrückung in allen beteiligten Ländern verschärfen. Für die Völker birgt dieser von den herrschenden Kapitalisten der unterschiedlichen Länder initiierte Prozess nichts als Gefahren. Zunächst, so lange die nationalen Gefühle der Völker noch andauern und sogar anwachsen, werden die Imperialisten der europäischen Länder ausreichend Spielraum finden, um auf dieser Klaviatur zu spielen und damit die Völker vom Klassenkampf abzuhalten. In ihrem Bestreben, die Menschen immer stärker auszubeuten, werden sie einen Teil des Volkes gegen den anderen Teil des Volkes und die eine Nation gegen die andere aufstacheln. Mit anderen Worten: das Problem des Nationalismus und der nationalen Unterdrückung wird gefährliche Ausmaße annehmen, indem die Herrschenden Zwietracht sähen, Uneinigkeit unter die Völker bringen und damit in den dominierenden Staaten einen aggressiven nationalen Chauvinismus entstehen lassen werden. Die Völker der unterdrückten Länder werden, falls sie den Klassencharakter der Unterdrückung nicht sehen, ihren Zorn gegen die Völker der privilegierten Staaten wenden und dabei vergessen, dass es nicht die Völker sind, sondern eine Handvoll Imperialisten und Kapitalisten und deren Regierungen, die die verschärfte Unterdrückung und Ausbeutung über sie brachten.

Im Resultat werden die Vereinigten Staaten von Europa die Einheit der Völker gefährden, und falls sie die Frage der Macht und der revolutionären Umgestaltung der Verhältnisse nicht stellen, wird es sogar schwierig werden, überhaupt eine einheitliche demokratische Massenbewegung der Werktätigen gegen die schlimmsten Folgen der Union aufzubauen. Unter diesen Umständen können Marxisten-Leninisten diesen Prozess der europäischen Einheit niemals unterstützen, begrüßen, begleiten oder gar verbessern wollen. Ein Marxist-Leninist, ein Revolutionär, der unter Revolution die Emanzipation der Menschheit von Ausbeutung und Unterdrückung versteht, beurteilt historische Prozesse als gut oder schlecht allein nach der Frage, ob sie dem revolutionären Prozess nützen oder nicht.

SUCI, Kalkutta, Indien (Übersetzung aus dem Englischen: Redaktion Offensiv)

Zur Geschichte des Sozialismus

Fritz Dittmar: 50 Jahre danach - zu Chruschtschows „Geheimrede“ auf dem XX. Parteitag der KPdSU

Seit der „Wende“ suchen die Linken nach den Ursachen für den ruhmlosen Untergang des Realsozialismus in Europa, aber die Diskussion ist nach meinem Eindruck nicht wirklich weit vorangekommen, geschweige abgeschlossen. Deshalb ist es vielleicht nützlich, die Auf-merksamkeit auf eine „Gelenkstelle“ in der Geschichte des Realsozialismus zu richten, den XX. Parteitag der KPdSU vor 50 Jahren, wo der neue Generalsekretär, Nikita Chruschtschow[2], in seiner „Geheimrede“ mit Stalin und seiner Zeit „abrechnete“, und der als Parteitag der „Entstalinisierung“ in die Geschichte einging.(Zitate aus http//www.stalinwerke.de/sonstiges/ geheimrede.de.vu/)

C.s Rede folgte einem klassischen Vorbild, der Grabrede des Marc Anton in Shakespeares „Julius Cäsar“, einem berühmten Beispiel für Demagogie, wie Brecht im „Arturo Ui“ schreibt. Marc Anton beginnt seine Rede so:

„Mitbürger, Freunde, Römer, hört mich an!
Begraben will ich Cäsar, nicht ihm preisen.
Was Menschen Böses tun, das überlebt sie,
das Gute wird mit ihnen oft begraben.
So wollen wir es auch mit Cäsar halten…“

Im Folgenden zählt Marc Anton ohne Ende die Verdienste auf, die Cäsar um Rom hat, und hetzt die Römer gegen die Mörder Cäsars auf.

Dieses Konzept wendete C. an, indem er es umkehrte. Seine Rede begann etwa so:

„Genossen, Kommunisten, hört mich an!
Begraben will ich Stalin, nicht ihn schmähen.
Was Menschen Gutes tun, das sei erinnert,
Das Böse sei von uns gerecht gewertet.
So wollen wir es auch mit Stalin halten.“

Na gut, so hat er es nicht gesagt. Es ist auch gut möglich, dass er allein auf sein Konzept gekommen ist; vielleicht kannte er den „Julius Cäsar“ nicht einmal. Aber immerhin sagte er zu Beginn seiner Rede: „Über Stalins Verdienste wurde noch zu seinen Lebzeiten eine völlig ausreichende Anzahl von Büchern, Broschüren, Studien verfasst. Allgemein bekannt ist die Rolle Stalins bei der Vorbereitung und Durchführung der sozialistischen Revolution, während des Bürgerkrieges sowie im Kampf um die Errichtung des Sozialismus in unserem Lande. Darüber wissen alle gut Bescheid.“

Dabei fällt zweierlei auf: Das allgemein Bekannte, nämlich Stalins Verdienste um den Sozialismus, wird hier scheinbar bekräftigt. C. sagte, es sei deshalb „eine allseitige Beurteilung des Lebens und der Tätigkeit Stalins“ nicht nötig. Im Folgenden stellte C. aber dar, wie falsch angeblich dieses „Bescheid Wissen“ ist, wie die Darstellungen Stalins insgesamt durch den „Personenkult“ verzerrt war.

So wie Marc Anton behauptet, dass er nicht preisen will, und dann unendlich lobhudelt, so bekräftigte C. das, was „alle wissen“, um es später als Schönfärberei zu „entlarven“.

Zum anderen rechnete C. den „Aufbau des Sozialismus“ bis zum Beginn der Dreißiger Jahre, Aber auch über die folgenden zwanzig Jahre Stalins wussten „alle gut Bescheid“. C. sagte aber hier zunächst kein Wort darüber, dass er Stalins Wirken in dieser Zeit ganz anders sah als „alle“, nämlich ausschließlich negativ.

Zu C.s Enthüllungen über Stalin ist meines Wissens in den folgenden fünf Jahren nichts Wesentliches mehr hinzugefügt worden. Wenn C. aber fünf Jahre später Stalins Leichnam aus dem Mausoleum entfernen und Stalingrad umbenennen lassen wollte, so hätte es sich für einen ehrlichen Kommunisten gehört, genau auf dem XX. Parteitag Stalins Leben und Wirken insgesamt zu beurteilen.

Wenn ich also C.s Rede werte, muss ich auch darauf eingehen, was über Stalin zu sagen gewesen wäre, aber in der Rede übergangen wird. Ich stelle dabei C.s Darstellung den Aus-führungen aus dem dtv–Lexikon 1997 gegenüber, das einer Voreingenommenheit zugunsten Stalins wohl nicht verdächtigt werden kann. Dort heißt es über Stalin: „…Im März 1917 aus Sibirien nach Petrograd zurückgekehrt, wurde er ins Politbüro der Partei kooptiert. Im Bürgerkrieg trat S. als polit. Kommissar der Roten Armee hervor und leitete zus. mit K.J.Woroschilow 1918 erfolgreich die Verteidigung von Zaryzin. 1917-23 fungierte er als Volkskommissar für die Nationalitätenpolitik…1919 wurde S. zugleich Mitgl. des Polit- und Organisationsbüros. Als Volkskommissar für die Arbeiter- und Bauerninspektion(1919-22) bestimmte er auch die personelle Zusammensetzung des Staatsapparates. 1922 übernahm er das neu geschaffene Amt eines Gen. Sekr. der Partei…Zwischen 1924 und 1929 konnte S. seine innerparteil. Gegner nacheinander aus den führenden Partei- und Staatsämtern ausschalten: L.D.Trotzki, dann G.J.Sinowjew und L.B.Kamenew, N.I.Bucharin und A.I.Rykow….Seit 1929 übte S. unangefochten die Alleinherrschaft aus und führte durch eine von ihm selbst so genannte „Revolution von oben“ eine wirtschaftl. und soziale Umwälzung durch. Unter Anwendung schärfster Gewalt kollektivierte er die Landwirtschaft und baute eine Industrie auf, die sich v.a. auf den Bergbau, die Schwer- und Rüstungsindustrie erstreckte, während die Konsumgüter-industrie weit zurückblieb“. Soweit besteht Konsens mit C. und soweit Billigung seiner Politik durch C. Für diesen Zeitraum beschränkte sich C. auf kleinliche Beckmesserei. Er führt „Lenins Testament“ an, wo dieser der Partei nahe legte, Stalin wegen seiner Grobheit als Generalsekretär abzulösen. Allerdings hatte sich Stalin um diesen Posten keineswegs gedrängt, und die Partei hat auch damals keine bessere Lösung gefunden, als ihn im Amt zu belassen. Dann führt C. Stalins Grobheit gegen die Krupskaja, Lenins Lebensgefährtin, an, die, so unverständlich sie bleibt, in C.s Rede dennoch nichts beiträgt als Stimmungsmache.

Was über die Zeit damals „alle wissen“, worüber C. zu reden nicht nötig fand, war die Weltlage und die Konsequenz möglicher strategischer Entscheidungen, die 1924 nach Lenins Tod zu treffen waren. Der Bürgerkrieg in der Sowjetunion war gewonnen und das Land nach der Phase der „Neuen ökonomischen Politik“ auf niedrigem Niveau stabilisiert. Gleichzeitig war die revolutionäre Nachkriegskrise beendet, es war klar, dass in absehbarer Zukunft nicht mehr mit weiteren Revolutionen in den entwickelten Industrieländern zu rechnen war. Es gab somit im Wesentlichen drei Einschätzungen für die Zukunft und daraus folgend drei mögliche Strategien:

Die linke Abweichung sah als einzige Überlebensmöglichkeit den „Export der Revolution“, ihr künstliches Anstacheln mit Hilfe der Roten Armee. Nachdem Trotzki und seine Anhänger damit von der Partei zurückgewiesen und entmachtet waren, gab Trotzki die Revolution verloren, er erklärte es für unvermeidlich, dass die Imperialisten sich zur Vernichtung der SU vereinigen würden. (Siehe: Die verratene Revolution, von L. Trotzki) Beides, erst verzweifelter Aktio-nismus und später tatenlose Verzweiflung, hätten die SU vernichtet. Beides ist Ausdruck von kleinbürgerlichem Schwanken zwischen Selbstüberhebung und Panik.

Die rechte Abweichung sah die Bedrohung durch den Imperialismus nicht realistisch und plante den Aufbau des Sozialismus in einem Tempo, dass den wirklich zur Verfügung stehenden Zeit-raum für den Aufbau nicht berücksichtigte. Mit Bucharins Linie der Verlängerung der NÖP und des gebremsten Aufbaus wäre die SU zum Zeitpunkt von Hitlers Überfall dem Angriff nicht gewachsen gewesen.

Stalin war als Generalsekretär Repräsentant der dritten Richtung, die als einzige nicht unmittel-bar zum Untergang des Sozialismus führen musste. Er war sich klar darüber, dass die Vertei-digung gegen einen Angriff der Imperialisten in der Zukunft unvermeidlich war. Und er schätzte realistisch 1929 die verbleibende Zeit auf 10 Jahre ein, und bestimmte daran das Tempo des sozialistischen Aufbaus. Unter seiner Führung wurde diese Linie in der Partei durchgesetzt und in der Gesellschaft verwirklicht. Allein dass Stalin diese Richtung repräsentierte, müsste ihm gerechterweise einen anderen Platz in der Geschichte sichern, als C. ihm zubilligte. Dem gegenüber sind dann C.s Überlegungen über den tatsächlichen persönlichen Anteil Stalins an dieser Politik kleinlich und unwesentlich, ebenso wie C.s Kritik an einer vielleicht überzogenen Darstellung von Stalins Anteil durch ihn selbst und seine Bewunderer.

Dabei kann sich C. nicht einmal festlegen, was er Stalin nun eigentlich vorwirft: Zum einen behauptet C., dass Stalin „Kollektivität in der Führung und in der Arbeit absolut nicht ertrug“  (S.5) und den Menschen seine Konzeption aufzwang. „Stalin dachte, dass er…selbst in allen Angelegenheiten entscheiden konnte“(S.12). Auf der anderen Seite stellt C. fest: „Nicht Stalin, sondern die Partei als ganzes, die sowjetische Regierung, unsere heldenhafte Armee.., das ganze sowjetische Volk – das ist es, das den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gewähr-leistete.“(S.29) Also: Stalin entschied alles allein, und das Volk hat trotz Stalins Führung gesiegt. Wie absurd diese Darstellung ist, zeigen allein die Beispiele, wie weit schwächere, unfähige Regierungen die Sache des Volks ruinieren konnten. Ich nenne hier als Beispiele Gorbatschow, Jelzin, Honecker, Tito und nicht zuletzt Chruschtschow selbst, wie ich weiter unten belegen will.

Inhaltliche Kritik an Stalin beginnt bei C. für die Zeit nach dem XVII. Parteitag 1934. Was in dieser Zeit Positives geleistet wurde und wofür Stalin als Repräsentant stand, kommt in C.s Rede nicht vor: Die Fünfjahrpläne mit ihrer Schaffung einer industriellen und militärischen Basis für den Weltkrieg, der Geländegewinn und der Zeitgewinn von fast zwei Jahren durch den Nichtangriffspakt mit Deutschland, das Bündnis mit Britannien und den USA, die Verteidigung und dann die Befreiung der Heimat, die Befreiung Osteuropas, die Vernichtung des deutschen Faschismus, die Standhaftigkeit im beginnenden kalten Krieg, auch unter dem US–Atom-bombenmonopol, die Beschaffung der eigenen Bombe. Dies alles sind bei weitem gewichtigere Gründe, die für Stalin sprechen, als Marc Anton sie je zugunsten Cäsars hätte anführen können. Für diesen Zeitraum führt C. ausschließlich negative Fakten und Ansichten über Stalin an.

Nun möchte ich auf Marc Anton zurückkommen:

Doch Chruschtschow sagt, dass er voll Herrschsucht sei,
und Chruschtschow ist ein ehrenwerter Mann.

Aber was ist dran an den Vorwürfen? Was ist mit der „Herrschsucht“? Und was ist mit Fehlern und Verbrechen?

Zu den Verbrechen: Ich will nicht verhehlen, dass ich beim Studium der Rede von neuem erschüttert war vom Schicksal der Genossen, die im Zuge der „Säuberungen“ vernichtet wurden, obwohl sie der Partei und dem Sozialismus treu gedient hatten. C.s Vorwurf der „Verletzung der sozialistischen Gesetzlichkeit“ trifft zu. C. verschweigt aber die reale Lage, den Vorabend des Kampfes auf Leben und Tod mit dem Imperialismus in seiner inhumansten Variante, dem deut-schen Faschismus. („In einer blutigen Säuberung (1935-39)…vernichtete (Stalin) alle vermeintlichen und tatsächlichen (!) Gegner in Partei, Armee, Staat u.a.“ dtv)

In dieser Situation musste die Frage der Einhaltung von Recht und Gesetz hinter der Frage des Überlebens zurückstehen.

C. stellte es so dar, dass die Notwendigkeit von Terror nur in Stalins Wahnvorstellungen existierte. Er bezeichnete Stalins Theorie von der Zuspitzung des Klassenkampfs bei der Entwicklung des Sozialismus als falsch, ohne zu argumentieren. Dabei liegt es auf der Hand, dass die Aggressivität des Imperialismus zunimmt, wenn der Sozialismus erstarkt. Die Frage der Zuspitzung des Klassenkampfs auf die Klassen innerhalb der SU zu reduzieren, den internationalen Klassenkampf zu ignorieren, bedeutete, dass C. den Fehler Bucharins wiederholte.

C.s Auffassung findet ihre direkte Fortsetzung in Gorbatschows angeblicher Friedensfähigkeit des Kapitalismus. Und die inneren Feinde waren weitgehend entmachtet, aber noch vorhanden. Das belegt C. selbst an seinem Beispiel des Genossen Eiche, der der Verleumdung von Trotzkisten zum Opfer fiel. Nach den „Säuberungen“ haben die inneren Feinde während des Kriegs nicht gewagt, fünfte Kolonnen zu bilden. Vorhanden waren sie aber noch, und in den besetzten Gebieten drängten sich viele Kollaborateure zum Kampf an der Seite der Faschisten gegen die Sowjetmacht: Hier seien nur die Baltischen SS-Einheiten genannt, die  Wlassow - Armee, und die Weißgardisten in der Ukraine, die noch nach Hitlers Niederlage über Jahre weiter Terror ausgeübt haben. Welche Rolle hätte z.B. ein Sinowjew oder Trotzki unter Hitler spielen können? Vergessen wir nicht die Rolle anderer ehemaliger Linker, wie Mussolini oder Laval im faschistischen Machtapparat! Wollte Stalin im Krieg ein sicheres Hinterland haben, so musste er  die Feinde der Sowjetmacht unschädlich machen.

Eine weitere Verletzung sozialistischer Gesetzlichkeit führt C. an, die Umsiedlung „unzuver-lässiger Völker“ aus dem Frontbereich. (Siehe S.30) So bitter es war für die loyalen Sowjet-bürger dieser Nationalitäten, nicht in ihrer Individualität gerecht gewertet zu werden, so war ein anderes Vorgehen während der aufs äußerste angespannten Verteidigung nicht zu leisten. So gab es zum Beispiel neben den loyalen Staatsbürgern deutscher Nationalität eben auch massenhaft Deutsche, die in der Waffen–SS für Hitler kämpften, und die Mitgliedschaft in der SS war noch in jüngster Zeit eine Grundlage für den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft bei den Um-siedlern. Auch hierbei ging es nicht um Gerechtigkeit, sondern ums Überleben. Eine Bitte um Vergebung bei den unschuldigen Opfern dieser Maßnahmen bzw. bei ihren Hinterbliebenen sowie deren Rehabilitierung auf dem XX. Parteitag wäre richtig und revolutionär gewesen. Die Verurteilung dieser Maßnahmen insgesamt war unmarxistisch, war ein Fehler und ein Dienst an den Imperialisten.

Zu Stalins Fehlern: C. führt auf, dass alles ohne die Fehler besser gelaufen wäre. Wahrhaft eine Binsenweisheit! Die Frage ist: Waren die Fehler vermeidbar? Für C. ist das einfach. Alle Fehler Stalins führt er auf dessen Unfähigkeit und Selbstüberschätzung zurück. C. hat viel über Lenins Bescheidenheit ausgeführt, um Stalin herabzusetzen. Erinnern wir uns, was Lenin zum Problem der Fehler sagt: „Klug ist nicht, wer keine Fehler macht. So einen Menschen gibt es nicht und kann es nicht geben. Klug ist, wer keine wesentlichen Fehler macht, und die Fehler, die er macht, leicht korrigiert.“ „Wesentliche Fehler“ sind, wie der Begriff sagt, im Kampf auf Leben und Tod solche Fehler, die zum Untergang führen. Und die anderen Fehler, selbst wenn sie Hunderttausende von vermeidbaren Opfern fordern, sind keine wesentlichen Fehler. Das klingt schrecklich und ist es auch, aber der Schrecken liegt nicht begründet im Wesen desjenigen, der diese Fehler macht, sondern in der Lage, die solche Entscheidungen erzwingt. In diesem Sinn hat Stalin keine wesentlichen Fehler gemacht.

Zu Stalins Fehlern rechne ich unter anderen die Abschwächung der antifaschistischen Propa-ganda von 1939 bis 1941, die Überschätzung der eigenen Kampfkraft, die sich in der Losung ausdrückte: Wenn Krieg, dann mit geringen Verlusten und auf feindlichem Territorium, und die falsche Einschätzung über den Beginn des deutschen Angriffs. Aber gerade an diesem letzten Beispiel zeigt sich die Unlauterkeit in C.s Argumentation. Er führt die Warnungen Churchills und seines Botschafters Cripps an, als hätten nicht die Britischen Imperialisten ein vitales Interesse gehabt, Krieg zwischen Hitlerdeutschland und der UdSSR zu provozieren, als wäre Stalin nicht verpflichtet gewesen, die Möglichkeit einer Provokation mit zu berücksichtigen. Dann führt C. Warnungen der eigenen Militärs und Diplomaten an, die sämtlich falsche Termine für den deutschen Angriff angeben. Diese Fehlalarme mussten eigentlich bei jedem Menschen außer bei C. Verständnis dafür erzeugen, dass Stalin den richtigen Termin dann auch nicht akzeptierte. Das Ergebnis war ein folgenschwerer Fehler Stalins, aber man muss schon sehr von sich eingenommen sein, um auszuschließen, dass einem selbst in Stalins Lage dieser Fehler auch hätte unterlaufen können. Wenn C. Stalin wegen dieser Fehler verurteilt, so musste er überzeugt sein, dass ihm als Stalins Nachfolger keine so schweren Fehler unterlaufen würden. Schaun wir mal:  „Mit welchem Maße ihr messet, damit sollt ihr gemessen werden!“ heißt es in der Bibel.

Lenin stellte dem Sozialismus die Aufgabe: „Den Kapitalismus ökonomisch überholen oder untergehen!“ Dieser Satz schließt die unaufhebbare Feindschaft zw. Kapitalismus und Sozialismus ein. Indem C. die These Stalins von der Verschärfung der Widersprüche verurteilte, bestritt er diese Leninsche Aussage. Aus Lenins Aussage ergab sich für die Ökonomie zwingend das Gebot, in der Investitionstätigkeit das Schwergewicht auf die Investitionsgüter statt auf die Konsumgüter zu legen. Indem C. diesen selbstverständlichen Grundsatz der sozialistischen Ökonomie unter den Bedingungen der Koexistenz aufgab, stellte er die Weichen für Lenins Alternative:“…oder untergehen!“ Im Grunde wiederholte C. hiermit in der Praxis, was er mit der Verurteilung der These von der Zuspitzung der Widersprüche bereits in der Theorie getan hatte, den wesentlichen, strategischen Fehler von Bucharin, den Feind zu unterschätzen und die notwendigen Schritte für den raschen ökonomischen Fortschritt zu sabotieren.

Ein Mensch, der wesentliche, tödliche politische Fehler beging, maßte sich an, seinen Vorgänger wegen nicht wesentlicher Fehler zu verurteilen!

Hatte er denn wenigstens mehr von der Bescheidenheit, deren Fehlen er Stalin so wortreich vorwarf? C. propagierte den Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus innerhalb von 20 Jahren, eine Veränderung, für die Marx und Engels nicht nur reicheres Fließen der Quellen der Produktivkraft voraussetzten, sondern auch einen veränderten Charakter der Massen, Menschen, die sich wirklich als soziales Wesen begreifen und denen Arbeit zum ersten Lebensbedürfnis geworden ist. Wenn das erreicht ist, soll es möglich sein, die Menschen nach ihren Bedürfnissen statt nach ihrer Leistung zu versorgen. Das in 20 Jahren erreichen zu wollen war absurd. Schon C.s Ankündigung, den Lebensstandard der USA in kurzer Zeit zu überholen, war eine haltlose Prahlerei, an die keine einzige Selbstbeweihräucherung Stalins je heranreichte.

Indem C. so die sowjetische Vergangenheit als eine Geschichte ausschließlich von Willkür, Not und Terror diffamierte und unhaltbare Versprechungen für die nahe Zukunft machte, errichtete er ein Kartenhaus, nach dessen notwendigem Zusammenbruch bei den Menschen Entmutigung, Ent-täuschung und Zynismus vorherrschen und sich durch die falsche Wirtschaftspolitik weiter zuspitzen mussten. Die Stagnation und der Untergang des Realsozialismus in Europa war wesentlich das Ergebnis von Chruschtschows Politik.

Ich denke, nach den Erfahrungen mit dem Untergang des europäischen Realsozialismus sollten die Kommunisten zu einer gerechteren Beurteilung Stalins finden.

Kurzfristig werden sie sich damit nicht beliebt machen, aber das ist auch nicht ihre Aufgabe. Marx nennt als revolutionäre Tugend: „Aussprechen, was ist!“

Auf dem XX. Parteitag hat ein lebendiger Esel einen toten Löwen getreten.

Oder, wie Peter Hacks Chruschtschows Umgang mit Stalin noch schärfer charakterisierte:

Der plumpe Narr Nikita
Zog ihn aus dem Betrieb.
Er tat es seinem Gebieter
In Washington zulieb.

Fritz Dittmar, Hamburg


Kurt Gossweiler: Chruschtschow und die Kuba- Krise

In seinen Erinnerungen (Chuschtschow erinnert sich, Rowohlt  1971) prahlt Chr., er habe Kuba vor der USA-Intervention bewahrt. „Schaun mer mal!“

1.

Im Kapitel „Fidel Castro und die Kuba-Krise“  (S.492-502) schildert er zu Beginn, dass er über Castro nach dessen Sieg über Batista nichts wusste. Als dann nach der Niederlage der Interventen in der Schweinebucht Castro erklärte, dass Kuba einen sozialistischen Kurs verfolgen werde, äußert sich Chr. dazu wie folgt:

„Wir hatten Mühe zu verstehen, warum er gerade diesen Zeitpunkt für diese Verlautbarung wählte.... Was Castros persönlichen Mut betraf, so war seine Haltung bewundernswert und richtig. Aber vom taktischen Standpunkt aus betrachtet war sie wenig sinnvoll.“

Sollte man vom Führer der Partei der Weltrevolution nicht eine andere Reaktion erwarten, wenn der Sozialismus nunmehr auch auf dem amerikanischen Kontinent Einzug hält? Nämlich eine solche, wie sie die Pariser Commune bei Marx und Engels auslöste? Allerdings: für einen, der sich zum Ziel gesetzt hat, Freundschaft mit dem Präsidenten der USA zu schließen, konnte ein Castro nur ein unerwarteter und unerwünschter Störfaktor sein. Das konnte er natürlich nicht offen zum Ausdruck bringen. Daher nur: „Taktisch wenig sinnvoll.“ Aber das drückt deutlich genug aus, dass er sich gestört fühlte.

2.

„Wir waren sicher, dass die Amerikaner sich niemals mit der Existenz von Castros Kuba abfinden würden. ... Wir waren verpflichtet, alles zu tun, was in unserer Macht stand, um Kubas Existenz als sozialistisches Land und als praktisches Beispiel für die anderen Länder Lateinamerikas zu schützen.“ 

Damit kann man voll einverstanden sein, das klingt nach sozialistischem Internationalismus. Aber was dann folgt, ist Nationalismus pur: „Es war mir klar, dass wir („wir“!) Kuba sehr wohl verlieren könnten, falls wir nicht einige entscheidende Schritte zu seiner Verteidigung unternahmen.“ Und dann: „Als ich zu einem offiziellen Besuch in Bulgarien war, hämmerte ... ununterbrochen ein bestimmter Gedanke auf mein Gehirn ein: Was passiert, wenn wir Kuba verlieren?“  

Wenig glaubhaft, denkt man daran, dass dies der Mann sagt, der bedenkenlos dem sehr viel näher liegende sozialistische Albanien die Unterstützung der Sowjetunion entzog und der sogar den Bruch mit Volkschina vollzog!

„Ich wusste, es wäre ein schrecklicher Schlag für den Marxismus-Leninismus gewesen.“ Das aus dem Munde des Mannes, der durch seine „Geheimrede“ auf dem XX. Parteitag die ganze kommunistische Bewegung in eine Krise stürzte, die schließlich mit dem Untergang der Sowjetunion und ihrer europäischen Bruderländer endete, ist noch um vieles unglaubwürdiger!

3.

„Wir mussten ein greifbares und wirksames Abschreckungsmittel schaffen gegen eine ameri-kanische Einmischung in der Karibischen See. Aber was für eines? Die logische Antwort waren Raketen.“

Nein! Das war keine logische, sondern eine abenteuerliche Antwort! Oder etwa nicht? Er sagt es selbst: „Ich hatte Wert darauf gelegt, dass meine Genossen die Entscheidung mit reinem Gewissen akzeptierten und unterstützten und im vollen Bewußtsein, welche Folgen sich aus der Stationierung von Raketen auf Kuba ergeben konnten -  nämlich Krieg mit den Vereinigten Staaten.“ 

Man kann sich nur darüber wundern, dass  „seine Genossen“ einem solch abenteuerlichen Vorhaben ihre Zustimmung gegeben haben sollen. Aber das hatten sie offenbar gar nicht. Denn Chruschtschows mehrfache Beteuerung, „Jeder Schritt, den wir unternommen haben, ist vom Kollektiv sorgfältig erwogen worden“, haben die Herausgeber seiner Erinnerungen mit folgender Fußnote versehen: „Eine Anspielung Chruschtschows auf die Vorwürfe bei seinem Sturz, er sei auch im Falle Kubas eigenmächtig vorgegangen.“ (S.499).

So, wie wir Chruschtschow kennen, besteht kein Grund, an der Berechtigung dieses Vorwurfes  zu zweifeln. Demnach war die „Kuba-Krise“ ein Ergebnis eines der zahlreichen Beispiele des „Subjektivismus“ und der eigenmächtigen Aktionen Chruschtschows, derentwegen er schließlich von „seinen Genossen“ abgesetzt wurde.

4.

Was aber wäre eine wirklich „logische“, d. h. politisch richtige Antwort gewesen? Eine solche Antwort wäre z. B. ein Beistandspakt gewesen, in dem sich die Sowjetunion verpflichtet, im Falle eines Angriffes auf Kuba diesem mit allen seinen Mitteln Beistand zu leisten, oder auch die Anlage eines sowjetischen Militärstützpunktes (ohne Raketen) auf Kuba, nicht dagegen eine „Antwort“, die mit Leichtigkeit von der US-Regierung aller Welt als sowjetische Provokation vorgeführt werden konnte und dadurch die Handhabe bot für die Entfesselung einer Kampagne, die, statt Kuba zu schützen, es im höchsten Maße gefährden konnte, wie es ja in der Tat der Fall war. Was die Anlage einer sowjetischen Militärbasis auf Kuba betrifft, so gibt es dazu ein sehr aufschlußreiches us-amerikanisches Dokumente, das Horst Schäfer in seinem Buch: „Im Fadenkreuz: Kuba“  (2. Aufl., Berlin 2005) gedruckt hat. Dort ist auf  S. 182/83 zu lesen:

„Robert Kennedy hatte bereits am 22. März 1962 – also sieben Monate vor der Raketenkrise – dazu aufgefordert, über die Frage nachzudenken, wie die USA auf die Errichtung einer sowjetischen Militärbasis reagieren könnten. General Edward Lansdale, der Chef der Operation Mongoose und Verfasser des Planes zum Sturz Castros im Oktober 1962 antwortete darauf am 31. Mai in einem Memorandum: <Da die SGA (Special Group Augmented = Erweiterte Spezialgruppe) davon ausgeht, dass der offene Einsatz von US-Streitkräften notwendig ist, um die kommunistische Kontrolle Kubas zu beenden, ist Mr. Kennedys Frage besonders sachdienlich. Sollten die Sowjets nämlich ihre Option wahrnehmen und ... eine Militärbasis in Kuba errichten, dann kann dieser Vorgang jede künftige Entscheidung verhindern, mit US-Streitkräften zu intervenieren, ebenso wie die Sowjets sich jeder Anwendung von militärischer Gewalt gegen Länder enthalten haben, in denen US-Basen errichtet wurden.>“

5.

Chruschtschows Beschreibung seiner Überlegungen zeugen von einer unfassbaren Verant-wortungslosigkeit und wirklich kriminellem Abenteurertum: „Während meines Besuches in Bulgarien kam mir der Gedanke, auf Kuba Raketen mit nuklearen Sprengköpfen zu installieren und ihre Anwesenheit dort vor den Vereinigten Staaten so lange geheimzuhalten, bis es für sie zu spät war, irgend etwas dagegen zu unternehmen.“

Wenn er schon selber nicht soviel Sachverstand hatte, um zu wissen, dass dies im Zeitalter der Satelliten-Überwachung des ganzen Globus rund um die Uhr eine primitive Illusion war – hat ihm das keiner der Militärs gesagt? Aber muss man ihm überhaupt glauben, dass er tatsächlich diese Illusion hegte? Es kommt aber noch abenteuerlicher und verantwortungsloser!

„Meine Gedanken gingen in folgende Richtung: wenn wir die Raketen heimlich installieren und wenn die Vereinigten Staaten erst entdecken, dass sich Raketen dort befanden, wenn diese bereits auf ihr Ziel gerichtet und abschussbereit waren, dann würden die Amerikaner es sich zweimal überlegen, bevor sie versuchten, unsere Einrichtungen mit militärischen Mitteln zu vernichten. Ich wußte, dass die Vereinigten Staaten zwar einige unserer Einrichtungen zerstören konnten, aber nicht alle. Wenn ein Viertel oder auch nur ein Zehntel unserer Raketen erhalten blieb – oder wenn auch nur eine oder zwei übrigblieben -, dann konnten wir noch immer New York treffen und dann würde von New York nicht mehr viel da sein.“

Bleibt zu fragen: und in welche Richtungen gingen seine Überlegungen für den wahr-scheinlichsten Fall, nämlich den, dass die Installierung der Raketen viel früher entdeckt werden würde? Darüber schreibt er nichts, aber das ist gerade der Fall, mit dem er mit Sicherheit rechnen mußte und ebenso sicher auch gerechnet hat. Was für diesen Fall vorgesehen war, dürfte genau das sein, was dann nach der sehr frühen „Entdeckung“ der Einfuhr der Raketen und ihrer begonnenen Installierung geschah – ein diplomatischer Notenwechsel, mit der US-Forderung nach Abbau der Raketen und der Kontrolle des Abbaus durch eine „UNO“- (sprich USA)- Kontrollkommission, der Chruschtow dann ohne Befragung Castros zustimmte und Kennedy das billige Versprechen abgab, Kuba nicht anzugreifen.

Hätte Castro die Ausführung dieser hinter seinem Rücken zwischen Chruschtschow und Kennedy getroffenen Abmachung zugelassen, dann hätten die USA außer ihren Truppen in Guantanomo auch noch eine Kommission im Lande gehabt, der es nicht schwer gefallen wäre, einen Vorwand zu finden, um Castro irgendwelcher Regelverstöße, die Sanktionen rechtfertigen, nachzuweisen. Castro aber fand den klügsten Weg, diese zweiseitige Intrige zu durchkreuzen: er stimmte der Untersuchungskommission zu, aber nur unter der Bedingung, dass Kuba seinerseits eine Untersuchungskommission in die USA, nach Miami, schickt zur Untersuchung der Machenschaften der dortigen Exil-Kubaner gegen Kuba. Damit war die Frage einer Untersuchungskommission in Kuba erledigt.

6.

Chruschtschow rühmt sich  in prahlerischster Weise, das Überleben des sozialistischen Kuba gesichert zu haben.

„Mein Brief an Castro beendete eine Episode der Weltgeschichte: Indem wir die Welt an den Rand eines Atomkrieges brachten (!),gewannen wir ein sozialistisches Kuba. ... Die Karibische Krise war ein Triumph der sowjetischen Außenpolitik und ein persönlicher Triumph in meiner eigenen Laufbahn als Staatsmann und als Mitglied der kollektiven Führung.“

Chruschtschow rühmt sich zu Unrecht! Die vier Jahrzehnte seit der von Chruschtschow ausgelösten Kuba-Krise haben eindeutig bewiesen: um Kubas Überleben zu sichern, bedarf es keiner an den Rand des Atom-Krieges führenden Aktion á la Chruschtschow! Die Sowjetunion und ihre europäischen Verbündeten sind untergegangen –  die USA haben aber dennoch keinen Krieg gegen Kuba begonnen, und Castros Kuba hat allem Druck und allen Erdrosselungs-versuchen, sogar denen eines so kriegssüchtigen Präsidenten wie des Bush jr., standgehalten!

Das erste und Hauptverdienst dafür haben das kubanische Volk und seine Führung: Fidel Castro und die Kommunistische Partei Kubas! An zweiter Stelle zu nennen ist die weltweite Solidaritätsbewegung für Kuba, an dritter Stelle der wachsende Widerstand von immer mehr Völkern und Staaten auf allen Kontinenten der Erde gegen den Weltausbeuter und Weltpolizisten, den USA-Imperialismus.

7.

Chruschtschow dagegen rühmt in echter Revisionisten-Manier als zweiten Friedensretter niemanden anders, als den USA-Präsidenten Kennedy, (der nach der Karibik-Krise fortfuhr,  Pläne zu schmieden für Sabotage- und Diversionsakte in Kuba und für neue Interventionen gegen Kuba und Mordanschläge auf Fidel Castro! (Nachzulesen bei Horst Schäfer: Im Fadenkreuz: Kuba!, S.183 ff.) Als ob ihm das nicht durch die eigenen Geheimdienste berichtet worden wäre, schweigt sich Chruschtschow darüber aus.

Statt dessen lobt er - so überschwänglich wie früher den Präsidenten Eisenhower für dessen angebliche Friedensliebe - jetzt den Präsidenten Kennedy: „Die Episode endete mit einem Triumph des gesunden Menschenverstandes. Ich werde mich an den verstorbenen Präsidenten immer mit tiefem Respekt erinnern, da er sich letzten Endes als besonnener Mann erwies, entschlossen, einen Krieg zu vermeiden. Er ließ sich weder erschrecken, noch wurde er leichtsinnig. Er überschätzte Amerikas Macht nicht, und er hielt sich einen Ausweg aus der Krise offen. Er bewies wirkliche Klugheit und echtes staatsmännisches Können, als er den rechtsgerichteten Kräften in den Vereinigten Staaten, die ihn zu einer militärischen Aktion gegen Kuba aufzustacheln versuchten, den Rücken kehrte.“ 

8.

Man mag fragen: lobte Chruschtschow hier Kennedy nicht zu recht? Haben die beiden die Welt nicht vor dem Inferno eines Atomkrieges gerettet? So stellte Chruschtschow es dar, und so wird es bis heute geglaubt und in die Geschichtsbücher geschrieben. Aber muß man das glauben? Ich hatte daran schon damals meine Zweifel. In mein politisches Tagebuch schrieb ich am 30. Oktober 1962:

„Die Westpresse und die reaktionärsten Politiker sind sich alle im Lob Chruschtschows als des „Realisten“, der den Weltfrieden gerettet hat, einig. Diese Seite der Angelegenheit wirft die Frage auf, in welchem Maße die Kuba-Krise nicht überhaupt ein abgekartetes Spiel war, dazu bestimmt, die Welt durch die Aussicht eines Atomkrieges in Angst und Schrecken zu versetzen, um sie dazu bereit zu machen, den Friedensbringern auf den Knien zu danken. In dieser Hinsicht hat die ganze Geschichte verdammt viele Parallelen zu München! Es wird vorläufig in der SU sehr schwer sein (in der Parteiführung), gegen Chruschtschow aufzutreten, solange nicht die Ereignisse ihr Urteil gegen ihn gefällt haben.“ Wenige Seiten weiter vermutete ich, was ich erst später durch Chruschtschow selbst, in seinen Erinnerungen, bestätigt fand: Chruschtschow, schrieb ich, „hat offenbar gegen den Aufbau sowjetischer Raketen in Kuba keinerlei Einwendungen erhoben; es würde durchaus in sein Konzept passen, wenn er sogar der treibende Teil bei der ganzen Angelegenheit gewesen wäre.“ (Taubenfußchronik Bd. II, S. 371 f., S.378).

9.

Der Hintergrund, vor dem sich die Karibik-Krise ebenso wie die Berlin-Krise abspielte, war die zunehmende Unsicherheit der Position Chruschtschows an der Spitze von Partei und Staat, und das Interesse auch der Westmächte daran, Chruschtschow, den Stalin-Bekämpfer, und Tito-Rehabilitierer, den Mann, der mit dem roten China gebrochen hatte und seit Jahren die Versöhnung mit den USA  betrieb, an der Macht zu halten. Wie aber sollte das geschehen? Durch unveränderte Fortführung dieser Politik, die zur Schwächung und Gefährdung seiner Position geführt hatte?

Nein, seine schon nach der ungarischen Konterrevolution erfolgreich angewandte Methode zur Festigung seiner erschütterten Position war es, sich zum eifrigsten und „radikalsten Vorkämpfer“ der in der Sowjetunion, in der kommunistischen Welt und in der damaligen Weltfriedensbewegung dringendsten und populärsten Forderungen aufzuspielen.

Das waren Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre  zwei Forderungen:

- In Europa: die Beendigung der Rolle Westberlins als „Frontstadt“ des kalten Krieges, als „Pfahl im Fleische der Deutschen Demokratischen Republik“, als „billigste Atombombe des Westens“ gegen die Welt des Sozialismus.

- In Amerika: Die Sicherung Kubas vor einer USA-Intervention.

10.

Vor diesem Hintergrund spielte sich auch das „Gipfeltreffen“ Kennedy - Chruschtschow in Wien am 3./4.Juni 1961 ab. Beide Fragen – Westberlin und Kuba – dürften bei diesem Treffen im Mittelpunkt gestanden haben, fand es doch statt etwa anderthalb Monate nach dem us-gesteuerten, aber schmählich gescheiterten Interventionsversuch von Exilkubanern in der Schweinebucht, und auf dem Höhepunkt der Krise um Westberlin, zehn Tage vor deren Beendigung durch die Schließung der Grenzen der DDR nach Westberlin am 13. August 1961.

Dass die Frage Westberlin in Wien Gegenstand der Besprechung war, wurde durch das Memorandum der UdSSR „Über die Frage des Abschlusses eines Friedensvertrages mit Deutschland und die Regelung des Westberlin-Problems“ der Öffentlichkeit mitgeteilt. (Taubenfußchronik II, S.285 ff.) Später wurde bekannt, dass damals Kennedy die Versicherung abgab, sich gegenüber der Grenzschließung auf verbale Proteste zu beschränken. Das heißt, er hatte Verständnis dafür, daß es Chruschtschow nicht länger möglich war, die Grenzschließung weiter hinauszuzögern.

Dagegen wurde nichts darüber mitgeteilt, ob auch Kuba Gegenstand der Besprechungen war. Doch spricht der ganze Ablauf der „Karibik-Krise“ dafür, dass beide Seiten sich darauf geeinigt haben, dass, was immer in der nächsten Zeit sich dort abspielen würde, beide Gesprächs-teilnehmer alles in ihrer Macht Stehende tun würden, um es nicht zu einem kriegerischen Zusammenstoß kommen zu lassen, wie zugespitzt und hochgespannt die Situation auch werden mochte. Das hieße, Kennedy hatte auch Verständnis dafür, dass Chruschtschow nicht umhin konnte, Entschlossenheit zum Schutz Kubas vor äußeren Angriffen zu demonstrieren.

Für die Annahme einer solchen Verständigung spricht Kennedys Weigerung während der ganzen Zeit der Kuba-Krise, der Forderung seiner Militärs nach bewaffnetem Einsatz nach-zukommen, selbst dann noch, als ein US-Spionageflugzeug am 27. Oktober über Kuba abgeschossen wurde, wobei der Pilot seinen Tod fand und die Militärs in Kennedy drangen, dies „mit vermehrten Einsätzen der Luftwaffe und sofortigen Bombardements der Raketenstellungen zu beantworten.“ (Schäfer, S. 179).

Auch Chruschtschow erwähnt diesen Vorfall in seinen Erinnerungen und lobt dabei die Zurückhaltung Kennedys (S.499): „Wir machten uns Sorgen, dass die Amerikaner, sobald wir uns zurückzogen, zur Offensive übergehen konnten. Aber nein, der gesunde Menschenverstand behielt die Oberhand. Ihre Schiffe verließen die kubanischen Hoheitsgewässer, aber ihre Flugzeuge umkreisten weiterhin die Insel. Castro gab den Befehl, das Feuer zu eröffnen, und die Kubaner schossen ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Typ U-2 ab. So wurde ein weiterer amerikanischer Spion – ebenso wie Gary Powers – von einer unserer Raketen heruntergeholt. Der Vorfall rief wildes Geschrei hervor. Zuerst waren wir besorgt, ob Präsident Kennedy die Demütigung auch würde verdauen können. Glücklicherweise jedoch geschah nichts, außer dass die Amerikaner mit ihrer Propaganda unverschämter wurden als je zuvor.“.

11.

Der beiden erwähnten Forderungen – Beendigung der Rolle Westberlins als Störzentrum gegen die DDR und Sicherung Kubas gegen feindliche Interventionen - nahm sich Chruschtschow in einer Weise an, die in kürzester Frist zu einer Spannung zwischen der Sowjetunion und den USA führte, die - so sollte es der Weltöffentlichkeit scheinen und so empfand es diese auch - beide Supermächte an den Rand des Atomkrieges brachte. In beiden Fällen erreichte er das dadurch, dass er die gerechten Forderungen der eigenen Seite der Gegenseite in ultimativer oder provokativer Form präsentierte und ihr dadurch die Begründung dafür lieferte, in gleicher oder noch schärferer Weise zu antworten.

In beiden Fällen nützten Chruschtschows „Vorstöße“ der Gegenseite mehr als der eigenen. Wenn dennoch die Gegenseite ihre Ziele nicht voll erreichte, dann war das in beiden Fällen nicht das Verdienst Chruschtschows. Wie das im „Fall Kuba“ verlief, haben wir schon gesehen.

Im Falle Westberlin forderte er in einer Rede am 10. November 1958 überraschend die Westmächte auf, einen Friedensvertrag mit Deutschland abzuschließen, der auch den Viermächtestatus von Berlin beenden und den Abzug aller vier Mächte aus Berlin festlegen sollte. Westberlin würde eine Freie Stadt sein, und die Kontrolle aller Zugänge zu Westberlin würde die Sowjetunion in die Hände der DDR legen. Als Frist für die Unterzeichnung eines solche Friedensvertrages nannte er 6 Monate. Sollten die Westmächte bis dahin dem Abschluß des Friedensvertrages nicht zugestimmt haben, werde die Sowjetunion einen separaten Friedensvertrag mit der DDR abschließen und ihr die Kontrolle über alle Zugangswege nach Westberlin übergeben..

Das sah nach einem engagierten Eintreten für die DDR aus. Das wäre es auch gewesen, wenn die SU tatsächlich nach sechs Monaten oder etwas später mit der DDR den angekündigten Friedensvertrag geschlossen hätte. Das hatte Chruschtschow im Ernst aber nie beabsichtigt, wie sein Handeln in den folgenden Jahren bewies: Chruschtschow fand immer wieder neue Gründe, die angekündigten Maßnahmen hinauszuschieben und einen neuen Termin anzukündigen. Jede dieser neuen Ankündigungen hatte für die DDR eine ganz böse Wirkung: sie löste jedesmal eine neue Welle der Republikflucht aus, schadete also in bedrohlicher Weise der DDR und nützte der Gegenseite. Dieses üble Spiel dauerte fast zwei Jahre, bis zur Grenzschließung am 13. August 1961, mit der - vor allem auf den Druck der Bruderparteien hin - der Verzögerungspolitik schließlich ein Ende bereitet wurde. (Ausführlich dazu: Taubenfußchronik II, S. 258-303.) Chruschtschow aber stellte sich dar als einer, der unermüdlich für die DDR und die Sicherung ihrer Grenzen gekämpft und dies schließlich auf friedlichem Wege erreicht habe.

Nicht anders Gorbatschow zu Beginn seines Weges, der über Jahre der Irreführung über seine wahren Absichten erst gegen Schluß erkennen ließ und es danach sogar offen aussprach, dass das Ziel seines Weges nicht nur die Preisgabe der DDR, sondern das Ende der Sowjetunion als sozialistischer Staat, die Liquidierung des Sozialismus in Europa und sogar in China war.

Kurt Gossweiler, Berlin


Kurt Gossweiler: Warum Rückgriff auf „Die Zwiebel Gorbatschow“? Einleitende Bemerkungen zur Wiederveröffentlichung - 15.3.06

Ist der Michail Gorbatschow seit Veröffentlichung seines Artikels im „Spiegel“ im Januar 1993 - (s.. „Zwiebel“, Punkt VIII) - , spätestens jedoch seit Veröffentlichung seines Vortrages in Ankara im Oktober 1999 (s. Punkt IX) in der Zeitung der DKP „Unsere Zeit“ vom 8. September 2000 nicht längst von allen Kommunisten und Sozialisten dahin befördert worden, wohin solche Leute gehören – auf den Müllhaufen der Geschichte?

Davon war ich bisher fest überzeugt, aber das war – wie ich zu meiner maßlosen Überraschung feststellen mußte, ein Irrtum. Maßlos war meine Überraschung deshalb, weil sie mir von einer Zeitung und einem ihrer Mitarbeiter bereitet wurde, von der ich solches nie erwartet hätte – nämlich von der einzigen konsequent antiimperialistischen Tageszeitung in Deutschland – der „Jungen Welt“ -  und ihrem Mitarbeiter Werner Pirker, der mir bislang  mit seinen Beiträgen fast immer aus dem Herzen gesprochen hatte.

Ausgerechnet zum 50. Jahrestag jenes Parteitages der KPdSU, der als erster Parteitag dieser Partei die Feinde der Sowjetunion und des Sozialismus mit erwartungsvoller Hoffnung erfüllte, die kommunistische Bewegung jedoch in eine sich ständig vertiefende Krise stürzte, - also zum XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, - und zum 20. Jahrestag des Parteitages dieser Partei, der den Auftakt zur Endkrise der Sowjetunion und ihrer europäischen Verbündeten gab, - also zum 27. Parteitag im Februar 1986 - erschien die „Junge Welt“ mit mehreren Ausgaben und mehreren Artikeln aus der Hand von Werner Pirker zur positiven Würdigung dieser Parteitage und ihrer Organisatoren, Chruschtschow und Gorbatschow.

An dieser Stelle soll nur von Gorbatschow die Rede sein. Seine von Pirker vorgenommene unbegreifliche Ehrenrettung in den Artikeln in der „Jungen Welt“ vom 28. Februar und 1. März  d. J. kann um der historischen Wahrheit willen nicht unwidersprochen bleiben 

Im ersten Artikel zum 27. Parteitag - in der „Jungen Welt“ vom 28. Februar -,stellt Pirker an den Anfang gleich die These, mit der alle Verrats-Beschuldigungen pauschal vom Tisch gewischt werden: Die KPdSU war nicht dem Ansturm feindlicher Kräfte erlegen, sondern ist an sich selbst zugrunde gegangen“.

Gorbatschow hatte in seinem Ankara-Vortrag offen heraus gesagt: „Mein Lebensziel war die Zerschlagung des Kommunismus“.

Das weiß Pirker aber besser. Über Gorbatschows Auftreten auf dem 27. Parteitag belehrt er uns: “Michail Gorbatschow versuchte erst gar nicht, die Delegierten mit einem radikal erneuerten Parteiprogramm zu konfrontieren. Weil er nicht den Mut aufbrachte, den Chruschtschow 1956 bewiesen hatte? Oder weil er – Perestroika hin, Glasnost her – die Delegierten über seine wirklichen Absichten in Unklarheit lassen wollte? Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, dass er selbst noch nicht wusste, wohin die Reise zu gehen hat“. (Meine Unterstreichung, K.G.)