
Wieso konnte der Imperialismus den Sozialismus in Europa besiegen? Weshalb gab es diesen in den 80er Jahren unübersehbaren Niedergang der sozialistischen Länder in Europa? Warum waren die KPdSU und die kommunistischen Parteien Osteuropas nicht in der Lage, dieser Bedrohung erfolgreich zu begegnen?
Die Briefe, die Kurt Gossweiler in der Zeit der Konterrevolution, die so harmlos „Wende“ genannt wird, schrieb, beschäftigen sich genau mit diesen Fragen. Sie sind ein lebendiges Geschichtsbuch, immer klar und präzise, dabei kenntnisreich und historisch-konkret. Die persönliche Ansprache und die direkte Argumentation machen sie besonders eindringlich und spannend.
Kurt Gossweiler hat alle eventuell unbekannten oder in Vergessenheit geratenen Vorkommnisse, Begriffe und Bezeichnungen in Fußnoten erklärt und ein Personenregister angefügt, damit man sich ein ungefähres Bild von den Adressaten der Briefe machen kann.
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Redaktion Offensiv, Hannover
Lieber Peter Gingold,
durch einen Bekannten erhielt ich einige Nummern der UZ zur Information über die innerparteiliche Diskussion in der DKP. Ich las sie am 71. Jahrestag des Roten Oktober und konnte nicht anders, als zur Schreibmaschine zu greifen und die folgenden Gedanken an meinen Bekannten zu schreiben, die natürlich nichts anderes als meine ganz persönliche Ansicht zum Ausdruck bringen. Hier also der Auszug:
<< Ich finde, dass die `Mehrheitler` in der DKP in der Tat Mehrheitler (Bolschewiki) und die `Minderheitler` in der Tat Minderheitler (Menschewiki) sind, was ihre Positionen betrifft. Der aufschlussreichste Satz der Minderheitler scheint mir die Feststellung im Artikel von Thomas Harms (UZ v. 20.10.1988) zu sein: „Der wahrscheinlich wichtigste politisch-ideologische Streitpunkt der Diskussion ist die Frage nach der Beziehung von globalen Problemen und Arbeiterklasse, von Menschheitsinteressen und Klassenkampf.“
Dies ist wohl ein Echo auf bestimmte Veröffentlichungen in der Sowjetunion, in denen eine scharfe Trennung zwischen den Interessen der Arbeiterklasse und den „Menschheitsinteressen“ vorgenommen und postuliert wird, die Klasseninteressen müssten den „Menschheitsinteressen“ untergeordnet werden. Genau diese – für meine Begriffe grundfalsche, unleninistische Auffassung – war für mich Anlass, in meiner Erwiderung anlässlich meiner Ehrenpromotion gegen eine solche Auffassung zu polemisieren.
Eine solche Sicht der Dinge stützt sich – allerdings ganz zu Unrecht – auf Lenin, nämlich auf ein bis vor kurzem total unbekanntes, inzwischen aber berühmt gewordenes Zitat aus Bd. 4, S. 230 der „Werke“: „…denn vom Standpunkt der Grundidee des Marxismus stehen die Interessen der gesellschaftlichen Entwicklung höher als die Interessen des Proletariats, die Interessen der ganzen Arbeiterbewegung in ihrer Gesamtheit höher als die Interessen einer einzelnen Arbeiterschicht oder einzelner Momente der Bewegung.“
Es mutet mich wie einen Taschenspielertrick an, wenn die Leninsche Formulierung „die Interessen der gesellschaftlichen Entwicklung“ kurzweg mit „Menschheitsentwicklung“ übersetzt wird, worunter dann ein universales, alle Klassen und Schichten, also auch die Imperialisten einschließendes Interesse verstanden wird.
Aber diese „Menschheitsinteressen“ bestehen wirklich nur in einem einzigen Punkt: im Interesse des Überlebens durch Verhinderung eines das Leben auf der Erde vernichtenden Kernwaffenkrieges. Aber schon hier sind große Einschränkungen zu machen: während die einen davon ausgehen, es gäbe ein „Menschheitsinteresse“ an der Ausschließung jedes Kernwaffenkrieges, sind auf der anderen Seite Vorstellungen und Planungen von begrenzten Kernwaffenkriegen und von Kernwaffen-Erstschlägen vorhanden, die einen Gegenschlag der anderen Seite ausschließen, so dass sich selbst die Vorstellung von der Existenz eines die ganze Menschheit umfassenden Interesses an der absoluten Verhinderung des Kernwaffenkrieges als Illusion – als eine möglicher Weise sehr gefährliche Illusion – erweist.
Aber davon ganz abgesehen: Was Lenin und überhaupt jeder Marxist unter „Interessen der gesellschaftlichen Entwicklung“ versteht, dem das (engere) Klasseninteresse untergeordnet sei, ist völlig klar: es ist dies das Interesse an der Entwicklung der Gesellschaft von einer kapitalistischen zu einer sozialistischen; und um diese Entwicklung zum Sozialismus zu gewährleisten, ist es erforderlich, dass die Arbeiterklasse es versteht, wann und wo notwendig, ihre (engeren) Klasseninteressen der Entwicklung der gesamten Gesellschaft unterzuordnen. Beispiele dafür bieten die Geschichte des Kampfes um den Sozialismus und des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion zu Genüge (z.B. in der Periode der NÖP, der „Neuen Ökonomischen Politik“, die von manchen Leuten in der Sowjetunion heute idealisiert und geradezu als Modell eines „erneuerten“ Sozialismus dargestellt wird).
Man muss Lenin Gewalt antun, um ihn zu einem Kronzeugen für das Abgehen von der proletarischen Klassenposition und für den Übergang auf eine klassenindifferente „Menschheitsposition“ anzurufen.
Sein ganzes Werk – nicht nur seine Schriften, genau so sehr auch seine Handlungen – ist durchdrungen von dem Grundgedanken: der Klassenkampf des Proletariats muss so geführt werden, dass er die jeweils günstigsten Bedingungen für das Vorankommen auf dem Wege der Entwicklung der ganzen Gesellschaft zum Sozialismus gewährleistet.
Von einem Verzicht auf dieses Ziel – Entwicklung der Gesellschaft zum Sozialismus – um angeblich höherer „Menschheitsinteressen“ ist bei Lenin nirgendwo die Rede und sollte auch bei uns heute nicht die Rede sein, weil auch die Verhinderung des Kernwaffenkrieges nicht anders als durch eine Stärkung des Sozialismus, niemals aber durch Konzessionen, die das Kräfteverhältnis zwischen Imperialismus und Sozialismus zu Ungunsten des Sozialismus verändern, zu erreichen ist.
Neuerdings liest man in manchen Veröffentlichungen nur noch solche Lenin-Zitate, aus denen man – nimmt man nur sie zur Kenntnis – den Eindruck gewinnen muss, bei Lenin habe es sich um einen „Dutzendliberalen“ gehandelt, um einen Verfechter grenzenloser „Freiheit“, um einen Mann, der jede Form der Gewaltanwendung verdammt und jegliches „Administrieren“, jede Anweisung von oben, scharf abgelehnt habe.
Wer die Geschichte der Revolution und des Bürgerkrieges in Russland und die Geschichte der Aufbaujahre zu Lebzeiten Lenins kennt und seine Arbeiten wirklich studiert hat (und sich nicht nur mit einer zweckbestimmten Zitate-Auswahl zufrieden gibt), der weiß natürlich, wie weit ein solches Leninbild von der Wirklichkeit entfernt ist.>>
So weit der Auszug aus dem Brief an meinen Bekannten.
Ich habe natürlich keine Ahnung davon, wie Du selbst zu den geäußerten Gedanken stehst.
Wünschen möchte ich natürlich schon, dass manche meiner Argumente einleuchten und vielleicht einigen Nutzen stiften können in der Auseinandersetzung um die richtige Linie und für das Verständnis der Dialektik von „Bewahren und Verändern“.
Kurt Gossweiler
Lieber Peter Gingold!
Mich zerreißt fast die Spannung zwischen dem enthusiastischen Reform- und Erneuerungs-glauben und der „Gesamteuropäisches-Haus“-Euphorie und dem tatsächlichen desolaten Zustand des sozialistischen Hauses, dessen Baufälligkeit einige Mieter glauben nur noch mit Hilfe der Übergabe der Reparatur an kapitalistische Restauratoren beheben lassen zu können. Statt immer engeren Zusammenstehens – immer weiteres Auseinanderdriften; statt Kräftigung des proletarischen Internationalismus – aufschießender Nationalismus.
Während die einen sich in einem Kampf auf Leben und Tod mit dem USA-Imperialismus befinden (Kuba, Nikaragua) – begeistern sich andere an dem Beginn einer „Ära globaler Vertrauensbildung“. Wer hätte je gedacht, dass die sozialdemokratischen Parteien einen stärkeren internationalen Zusammenhalt als die kommunistischen Parteien und diesen eine einheitliche Weltsicht voraus haben würden!
Der bejammernswerte Zustand der kommunistischen Weltbewegung spiegelt sich in jeder einzelnen kommunistischen Partei wider, nicht zuletzt in der DKP.
Es mag Euch beruhigen, dass eine so pessimistische Weltsicht bei uns nicht sehr verbreitet ist. Ich bin im Grunde auch immer noch Optimist: ich glaube auch, dass der Sozialismus siegt. Aber im Gegensatz zu den Erneuerungs-Optimisten bin ich der Ansicht, dass er zunächst vor seinen schwersten Prüfungen und Belastungen steht, und dass er gefährdeter ist als zu der Zeit, da die deutschen Truppen vor Moskau standen. Die Taktik der „Wandlung durch Annäherung“ bietet der anderen Seite offensichtlich – wenn ich an Ungarn und Polen denke – viel größere Erfolgschancen als die Konfrontationspolitik kalter Krieger.
Kurt Gossweiler
Lieber Peter Gingold,
Deine Antwort auf meinen Brief hat mir große Freude gemacht; auf ein solches Echo war ich gar nicht gefasst.
Natürlich habe ich nicht das Mindeste dagegen, dass Du meine Gedanken als Argumente einsetzt, wo immer Du das für richtig hältst. Ob die Bekanntgabe des Urhebers sie überzeugender macht, das wage ich allerdings zu bezweifeln. Damit gleich zu einer Deiner Fragen: Natürlich bin ich bereit, wann und wo Ihr es für richtig haltet, als Diskussionspartner aufzutreten, muss dem aber gleich hinzufügen, dass wir unter unseren jüngeren Kollegen vom Fach hoch qualifizierte Leute – wie etwa den Dir sicherlich gut bekannten Prof. Kurt Pätzold – haben, die den jungen Leuten schon deshalb glaubwürdiger sind, weil sie einer anderen, jüngeren Generation angehören.
Da ich Abonnent der DVZ[1] bin, bin ich ein wenig darüber im Bilde, was im linken Spektrum in der Diskussion ist. Was die Sputnik-„Affaire“[2] betrifft, so hat die für mich verschiedene Aspekte. Mehr als alles andere bekümmert mich, dass unsereins, der sein Leben lang – und besonders in den Zeiten, in denen es das Leben kosten konnte – Freund der Sowjetunion war, jetzt in sowjetischen Publikationen Dinge lesen muss, die ich nicht anders denn als einen Schlag in den Rücken empfinden kann. Ich kann es nicht als eine hinzunehmende Konsequenz wirklich sozialistischer Demokratie akzeptieren, dass Verunglimpfungen meiner Partei durch eine der Wahrheit ins Gesicht schlagenden Geschichtsverfälschung nicht mehr nur vom Gegner, sondern nun auch von sowjetischen Autoren und Presseorganen verbreitet werden. Eine andere, zweite Frage ist, wie man auf eine solch absolut anormale Situation reagiert. Wie wir reagiert haben, besser: wie bei uns darauf reagiert wurde, stellt ungefähr die am wenigsten intelligente und von der – vorhersehbaren! – Wirkung schädlichste Reaktion dar. Ich wäre aber wirklich überfragt, wenn man von mir wissen wollte, wie es zu so einer Reaktion kommen konnte.
Dass die Marburger Veranstaltung ein Erfolg war, freut mich sehr. Mein langjähriger Freund Bernhelm Booß hat mir schon im voraus seinen für dort bestimmten Beitrag zur Kenntnisnahme geschickt, als Fortsetzung einer – in manchem kontroversen – Diskussion, die ich im Sommer vergangenen Jahres in Kopenhagen als sein Gast mit ihm führen konnte.
Ich stimme Dir völlig zu in der positiven Beurteilung der Tatsache, dass mit so viel Engagement über alte und neue Probleme diskutiert und um Klarheit und Wahrheit gerungen wird. Du hast auch völlig Recht mit der Bemerkung über die große Schwierigkeit in der Diskussion wegen des ahistorischen Herangehens vieler junger Leute. Ich möchte ergänzen: die Schwierigkeit wird noch dadurch vergrößert, dass sie – ohne sich dessen bewusst zu sein – autoritätsgläubiger sind als unsereins: wir haben in einem für viele sehr schmerzlichen Prozess ein Verhalten überwunden, bei dem es genügte, eine Sache für richtig zu halten, wenn sie mit einem Namen in Verbindung gebracht wurde; wir haben inzwischen gelernt, uns weder von Namen noch von Reden und Absichtserklärungen zu kritikloser Bejahung verleiten zu lassen, sondern – um mit Brecht zu sprechen – den Finger auf jeden Posten zu legen und Fragen nach dem Woher und Wozu zu stellen und dabei als Maßstab die von der Praxis bestätigten theoretischen Leitsätze anzuwenden. Um dahin zu kommen, werden viele der jungen Leute, die heute der Meinung sind, die alten Genossen, die in Hitlers KZ und Zuchthäusern für ihren antifaschistischen Kampf eingesperrt waren oder die in der Emigration diesen Kampf führten, dürften heute keine Funktion mehr ausüben, noch sehr viele Erfahrungen sammeln müssen, und es kann schon jetzt gesagt werden: es werden auch für sie sehr bittere Erfahrungen darunter sein. Leider, möchte ich hinzufügen. Wer von uns würde nicht wünschen, dass der Weg des Sozialismus endlich weniger mühevoll und von Rückschlägen betroffen sein wird und dass die Überlegenheit der neuen Gesellschaftsordnung sich vor aller Augen unzweifelhaft entfalten möge. Aber mir scheint, dass sich großer Illusionen hingibt, wer angesichts des jetzigen Zustandes Derartiges in naher Zukunft erwartet. Die härtesten Prüfungen dürften uns erst noch bevorstehen.
Ja, das ist ja nun geradezu schwarze Prophetie an der Schwelle des neuen Jahres. Sie würde aber gleich weniger schwarz, wenn ich mich auch noch mit den Problemen der Gegenseite beschäftigen würde. Das Weltbild der Kommunisten bleibt optimistisch – und das mit Recht, denke ich.
In diesem Sinne Dir, lieber Peter, und Deiner Familie die besten Wünsche zum neuen Jahr
und herzlichen Gruß, Kurt Gossweiler
[1] Die „Deutsche Volkszeitung“ wurde 1953 gegründet, einer der Gründer war der Altreichskanzler (1921-1922) Dr. Josef Wirth, (1879-1956) - (bekannt durch seinen Ausspruch im Reichstag am 25. Juni 1922 nach der Ermordung Walter Rathenaus einen Tag zuvor: „Der Feind steht rechts!“). In der BRD war er Gegner von Adenauers Politik der Spaltung Deutschlands und gründete 1953 den „Bund der Deutschen für Frieden, Einheit und Freiheit“, dessen Organ die DVZ war. 1953 vereinigten sich die DVZ und „die tat“, die Zeitschrift der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) zur „Deutsche Volkszeitung/die tat“. Nach dem Sieg der Konterrevolution vereinigte sie sich 1990 mit der DDR-Wochenzeitung „Sonntag“ zur Wochenzeitung „Freitag“.
[2] Die sowjetische Zeitschrift „Sputnik“ erschien auch in deutscher Sprache; sie war in der DDR mit Recht sehr beliebt und hatte viele Abonnenten. Die Nummer 10 im Jahre 1988 wurde aber weder an den Handel noch an die Abonnenten ausgeliefert. Der Grund dafür war, dass dieses Heft angefüllt war mit giftigster antikommunistischer Hetze, nach außen hin vor allem gegen Stalin, in Wahrheit aber gegen die kommunistische Bewegung überhaupt. Dafür nur ein Beispiel: einer der Autoren, ein gewisser Julian Semjonow, schrieb in dieser Sputnik-Nummer: „Die deutschen Kommunisten wagten es nicht, sich mit den Sozialdemokraten im Kampf gegen die Nazis zu vereinigen. Hätten sie dies getan, so wäre es Hitler nicht gelungen, die Reichstagswahlen zu gewinnen, und die weitere europäische Geschichte hätte höchstwahrscheinlich einen völlig anderen Verlauf genommen.“ Und an anderer Stelle sudelte der gleiche Autor: „Nach China und später nach Japan wurde (Richard) Sorge offenbar deshalb geschickt, weil man befürchtete, in Deutschland könne er sich um den Zusammenschluß von Kommunisten und Sozialdemokraten, um die Herstellung einer Einheitsfront bemühen. Das aber hätte für die Begriffe jener Schreckenszeit einen Verrat an jener Stalinschen Maxime bedeutet...“
Der wirklich bestürzende Skandal war also die Tatsache, dass aus der Gorbatschow-Sowjetunion eine antikommunistische Hetzschrift in alle Welt verschickt wurde. Da aber die Bezieher des Sputnik dieses Heft nicht bekamen, blieb ihnen dieser Skandal unbekannt. Ihnen wurde statt dessen in einer dürren Zeitungsnotiz mitgeteilt, der Sputnik sei auf Beschluß des Postministeriums aus der Liste der zugelassenen Zeitschriften herausgenommen worden, weil sein Inhalt mit den Grundsätzen des sozialistischen Internationalismus nicht vereinbar sei. (Den genauen Text der Verlautbarung habe ich leider nicht vorliegen.) Das empfanden die Leser verständlicherweise als eine administrative Bevormundung, die noch dazu als unaufrichtig empfunden wurde – denn seit wann entschied über solche Eingriffe nicht die politische Instanz, sondern der Postminister? So wurde aus dem Sputnik-Skandal der Gorbatschow-Führung dank der unglückseligen Medien-Politik der DDR-Führung die „Sputnik-Affäre“, die ganz erheblich zu ihrer weiteren Diskreditierung in breiten Kreisen der DDR-Bevölkerung beitrug.
Erich Honecker hat in seiner Stellungnahme vom 1. Dezember 1989 an die Zentrale Parteikontrollkommission zur Sputnik-Affäre ausgeführt:“Wenig Interesse, das sage ich offen, hatte ich an der Verbreitung von Materialien, die weder der Verbesserung des Sozialismus in der UdSSR noch dem in der DDR dienten. Ich gebe zu, dass die Veranlassung der Streichung des „Sputnik“ von der Postzeitungsliste ein Beispiel dafür ist, dass man nicht aus Emotionen Entscheidungen treffen darf, die sich später als falsch erweisen. Aber es ist doch recht seltsam, dass diese Streichung mehr Empörung auslöste, als die in dem bewußten Artikel behauptete „Schuld“ der KPD am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, weil sie es nicht vermochte, durch eine Einheitsfront dem Faschismus den Weg zu versperren.“ (Die Stellungnahme Erich Honeckers wurde im Wortlaut wiedergegeben in einer Sondernummer des „Roten Morgen“ der KPD (ML), o.Datum,. o. Nummernangabe.)
Liebe Gertrud,
verzeih, wenn ich Dir erst jetzt meine Neujahrswünsche in die Maschine schreibe, aber Dein so ausführlicher und mit innerster Anteilnahme geschriebener Brief kann nicht mit einer simplen Neujahrskarte beantwortet werden. Zuerst einmal wünsche ich Dir, dass Du so aufgeschlossen, Anteil nehmend und lebendig reagierend bleiben mögest, wie Dich Dein Brief offenbart. Nach Deinem Brief verlangt es mich auch, mich so bald als möglich mündlich mit Dir aussprechen zu können. Die Gelegenheit kann sich Anfang Februar bieten. (…)
Obwohl wir uns ja hoffentlich Anfang Februar ausführlich unterhalten können, doch schon – als Diskussionsgrundlage gewissermaßen – ein paar Gedanken zu Bemerkungen von Dir in Deinem Brief:
Du schreibst, in der Prawda würde nachgewiesen, wie das Bauersein bei der Kollektivierung vergewaltigt wurde. In Taliza[3] habe ich gelernt – was mir einleuchtete – dass die Kollektivierung erstens für den Sieg des Sozialismus notwendig, zweitens ein erbitterter Kampf gegen die letzte kapitalistische Klasse war, die ihrerseits mit Mord und Brandstiftung usw. die Kollektivierung verhindern wollte, drittens, dass es bei dieser Revolution auf dem Lande Übergriffe und Entstellungen gab, gegen die die Partei (Golowo-Krushenie-Artikel) nach gewisser Zeit vorging. Wenn ich mir vorstelle, dass die Sowjetmacht damals 10 – 15 Jahre alt war, dass in der ganzen Welt die Imperialisten alles taten, um alle dem Sozialismus feindlichen Kräfte – und das waren 1928 bis 1932 noch relativ starke Kräfte! – zum Widerstand anzustacheln, wenn ich mir zum Vergleich vor Augen halte, wie eine andere revolutionäre Macht, nämlich in Nikaragua, heute in einer imperialistischen Umkreisung mit gewaltsamen Aktionen gehindert werden soll, sich zu konsolidieren, dann kann ich mich nur darüber wundern, dass es Leute gibt, die die Gewalt der antisozialistischen Kräfte von damals mit keinem Wort mehr erwähnen, um so mehr aber die Gewaltanwendung der eigenen, sozialistischen Macht benutzen, um diese Macht in den Augen der eigenen Leute und der ganzen Welt als blutige Diktatur hinzustellen.
Die Daten der Industrialisierung seien gefälscht worden – wird ebenfalls in der Prawda „nachgewiesen“. Also erstens: ich bin ziemlich sicher, dass es kein Land der Erde gibt, wo man nicht Manipulierungen von Statistiken nachweisen kann, die heutige Sowjetunion eingeschlossen. Wiederum kann ich mich nur darüber wundern, dass es Leute gibt, deren Hauptinteresse darin besteht, die Industrialisierung in schwarzes Licht zu setzen. Für mich ist entscheidend die eine Frage: Haben die Kollektivierung und die Industrialisierung die Bewährungsprobe der Geschichte bestanden? Und da steht für mich außer Zweifel: Der Zweite Weltkrieg war die härteste Prüfung, der jemals ein Regime und ein System unterworfen wurde. Wenn all das, was heute sowjetische Medien über die eigene Vergangenheit schreiben, wahr wäre, dann wäre das Sowjetland bei den ersten Stößen der faschistischen Armee zusammengebrochen. Dass dies nicht geschah, ist vor allem der rechtzeitigen Kollektivierung und Industrialisierung zu verdanken. (Wie wäre ohne sie z.B. die Verlagerung der Industrie in den Osten möglich gewesen – so jedenfalls habe ich in Taliza gelernt – und es hat mir eingeleuchtet.)
Nun aber kommen ganz Schlaue und sagen: Ja, das hat das Sowjetvolk gegen Stalin und seine Bande (ja, so wird in sowjetischen Organen die Sowjetführung von damals heute bezeichnet) zu Stande gebracht. Ich muss Dir sagen: Leute, die einerseits die Verhältnisse in der Sowjetunion unter Stalin als „Gewaltherrschaft“ darstellen, die niemandem frei zu atmen erlaubte, und die mir gleichzeitig erzählen, dass der Sozialismus in der Sowjetunion trotz und gegen Stalin „vom Volk“ aufgebaut wurde, sind für mich die unglaubwürdigsten Geschichtsdeuter. Sie wollen mich nämlich an Wunder glauben machen, an das Wunder des Aufbaus des Sozialismus gegen die regierende Partei einfach so, „durch das Volk“. Eher glaube ich an die unbefleckte Empfängnis!
Du fragst: Wie würde der Sozialismus heute dastehen, wenn er nicht den Umweg über Stalin(ismus) gemacht hätte? Ich würde darauf erstens sagen: Es hat keiner einen anderen Weg zeigen können. Doch, sagen nun wieder einige Leute in der SU, Bucharin hat einen besseren Weg gezeigt! Und sie tun dann gleich so, als sei Bucharin nur durch seine Hinrichtung daran gehindert worden, diesen besseren Weg zu führen. Geschichtlich wahr ist aber, dass sein Weg – und das mit Recht! – von der Partei nach ausgiebiger Diskussion, in der die besseren Argumente und nicht etwa die Gewalt entschieden, verworfen wurden. Leider werden aber – statt die Protokolle der Parteitage und der ZK-Sitzungen zu veröffentlichen und damit jedermann die Möglichkeit zu geben, sich ein objektives Urteil zu bilden, in den sowjetischen Medien fast nur emotional gefärbte Erinnerungen oder tendenziöse „Enthüllungen“ veröffentlicht. Bucharin eignet sich für einige Publizisten, die jetzt in der SU schreiben dürfen, was sie wollen, so lange es nur in Richtung „Abrechnung“ geht, vor allem deshalb zum neuen Idol, weil es das Leninwort vom „Liebling der Partei“ gibt; und für diese Sorte Publizisten, für die der einzige Maßstab zur Beurteilung einer historischen Persönlichkeit ist, ob sie zu Stalins Gegnern gehörte, um sie zu rehabilitieren, ist wohl das einzige Hemmnis dafür, auch Trotzki zum guten Leninisten zu machen, die Tatsache, dass es zu viele negative Urteile Lenins über ihn gibt.
Ich bin weit davon entfernt, Stalin gegen Kritik zu verteidigen – vorausgesetzt, sie stützt sich auf einwandfreies Tatsachenmaterial und dient nicht einfach nur der Stimmungsmache und – zumindest objektiv – der Diskreditierung des Sozialismus. Aber ich halte den umgestülpten Personenkult für genauso schädlich und unwürdig wie den anderen.
Es bleiben die Fragen, die Du auch berührt hast, die Fragen nach den Opfern der „Reinigungen“. Was bisher an Antworten angeboten wurde, ist für mich unzureichend. Unter anderem schon deshalb, weil schon unter Chruschtschow die Aufdeckung der Repressalien und jener, die sie begingen, so unvollständig war. Über seine eigene Säuberungstätigkeit, z.B. in der Ukraine, verliert Chruschtschow kein Wort, und auch heute wird darüber konsequent geschwiegen; mehr noch, Chruschtschow wird – trotz seiner berüchtigten Familien- und Vetternwirtschaft, trotz des unmöglichen Schlags mit dem Schuh in der UNO, trotz seiner sprunghaften, abenteuerlichen Kursänderungen, die alles durcheinander brachten – als verhinderter Reformator gelobt und aufgewertet.
Ich sagte vorhin, dass Bucharins Landwirtschaftskonzeption mit Recht abgelehnt wurde; ich sage das deshalb, weil nicht nur die Kollektivierung, sondern auch Bucharins Weg von der Geschichte erprobt wurde: in Polen nämlich. Dort wurde sie sofort nach dem Machtantritt Gomulkas proklamiert – mit dem Ergebnis, das wir heute vor uns sehen: die Genossenschaftsbewegung ging kaputt, die kleine Warenwirtschaft, aus der – wie wir von Lenin wissen – täglich und stündlich und im Massenmaßstab Kapitalismus hervorwächst, wurde in Polen verewigt und erhielt sogar im Parteiprogramm ewige Existenzberechtigung und Schutz. (Gomulka hatte auf dem 8. ZK-Plenunm 1956, das ihn zum 1. Sekretär wählte, erklärt: „Nur gesunden Genossenschaften sollte mit zurückzahlbaren Investitionskrediten geholfen werden. … Der Beitritt zur Genossenschaft ist freiwillig. Das heißt, … dass auch ökonomischer Zwang ausgeschlossen ist. Steuerliche Maßnahmen - gegen einzelbäuerliche Wirtschaften - und die Festsetzung einer Höhe der Ablieferungsquoten wären ebenfalls als Zwangsmittel anzusehen.“ Ganz wie bei Bucharin, der die These vertrat, die Landwirtschaft werde „im Selbstlauf“ der sozialistischen Industrialisierung folgen.) Warum eigentlich wird das polnische Beispiel nicht theoretisch analysiert? Warum erhofft man sich vielmehr von der Verpachtung von Kolchosland an Familien die Festigung der sozialistischen Landwirtschaft? Offenbar bleibt es nicht ohne Folgen, wenn man sich auf Bucharin beruft! Wie Du Dich erinnern wirst, gab es auch bei uns Befürworter des Gomulka-Weges (Vieweg). Zum Glück für die Landwirtschaft unseres Landes und für das ganze Land widerstand unsere Partei solchen Ratschlägen.
Du hast noch Gorbatschows Rede vor der UNO berührt. Ihr ging ja schon die Rede Schewardnadses voraus, über die ich sehr verwundert war. Ich kann nur hoffen, dass so viel Vertrauen in die „Vernunft“ der politischen Führer des Landes der mächtigsten und räuberischsten Monopole uns nicht eines Tages teuer zu stehen kommt. Fidel Castros Einschätzung des US-Imperialismus scheint mir realistischer zu sein. (Vergleiche sein Interview für die amerikanische Fernsehgesellschaft NBC, in: Informations-Bulletin. Materialien und Dokumente kommunistischer und Arbeiterparteien, Wien; über die Post zu abonnieren; Nr. 6/88, S. 25-52)
Ich hoffe, ich habe Dir nicht zu viel zugemutet in Länge und Inhalt, und Du bist noch bereit, mich Anfang Februar zu empfangen.
Herzliche Grüße, Kurt Gossweiler
[3] Gemeint ist die zentrale Antifaschule 2041 in Taliza, einer kleinen Ortschaft westlich von Gorki. Die meisten Lehrer des deutschen Sektors dieser Schule waren Emigranten aus Deutschland, auch die Genossin Dürr. Einen Kurs lang war ich ihr Assistent bei der Leitung einer Klasse (zu deren Schülern auch Jupp Angenfort gehörte).
Lieber Peter Gingold,
in Gedanken habe ich auf Deinen für mich so erfreulichen Brief – erfreulich vor allem wegen der aus ihm zu ersehenden gleichen oder zumindest ähnlichen Empfindungen und Gedanken - schon oft geantwortet, aber jedes Mal dann schließlich gemerkt, dass dieser Gedankendialog sich nicht dafür eignet, der Bundespost anvertraut zu werden. Aber es wäre sehr schön, wenn wir unser Briefgespräch auch einmal von Mann zu Mann mündlich führen könnten.
Heute nun war im ND die Information über die 5. Tagung des PV der DKP abgedruckt, und nun will ich endlich wenigstens einen Zwischenbescheid geben.
Zunächst zu Deinen Bemerkungen über Jupp Angenfort und die absurden Vorwürfe gegen ihn: ich kenne Jupp schon seit 1944, er war „mein“ Schüler, als ich erstmals als Assistent an der Antifaschule eingesetzt wurde, und auf seinem Kopf befindet sich noch immer eine Narbe von dem Zahn, den er mir abgebrochen hat – natürlich unfreiwillig, beim Handballspiel. Ich werde ihn nie vergessen, wie er in seinem Lebensbericht – das war auch so eine „dogmatische“ Einrichtung: jeder Kursant musste am Anfang des Lehrganges vor dem Seminar einen kurzen Bericht seines bisherigen Lebens geben – erzählte, wie er in Gefangenschaft geriet. Vermutlich kennst Du die Geschichte, wenn nicht, lass sie Dir von ihm erzählen, es lohnt sich als Beispiel dafür, wie die Rote Armee jene, die Hitler zur Vernichtung des Sozialismus bedenkenlos verheizen ließ, dem Leben erhielt. (Die Vorwürfe, die die „Erneuerer“ gegen ihn erheben, treffen mich, wie Du siehst, mit noch viel größerer „Berechtigung“.)
Für mich ist es wirklich sehr die Frage, ob in der gegenwärtigen Situation es die richtige Verhaltensweise wäre, die Bewahrung der Einheit zur obersten Maxime zu machen. Mindestens seit Mitte der 50er Jahre ist die kommunistische Bewegung auch da, wo sie organisatorisch noch formal einheitlich blieb, innerlich gespalten. Und je mehr man sich bemühte, nach außen Einheitlichkeit zu demonstrieren, desto erfolgreicher konnte sich die innerliche Zersetzung verbreitern. Was nicht nur Lenin, sondern schon Marx und Engels lehrten und was die Geschichte der II. Internationale so nachdrücklich bekräftigte, bestätigt sich erneut an unserer Bewegung: wo auf den prinzipiellen Kampf um die Grundsätze um der Erhaltung der Einheit willen verzichtet wird, gehen die Grundsätze und die Einheit flöten. Wichtig ist nur, dass klar bleibt, wer spaltet: nämlich jene, die die von der Geschichte als richtig bestätigten Grundsätze preisgeben oder an Konjunkturschwankungen anpassen wollen. Selbst wenn es zeitweilig so scheint, als ob der Erfolg ihnen Recht gibt, eine auf einer falschen Analyse der gesellschaftlichen Kräfte und Perspektiven aufgebaute und daher illusionäre „Harmonisierungs“-Politik hat auf Dauer keine andere Zukunft vor sich als eine Bruchlandung.
Leider erweist sich die Nachfolgerin der „tat“ - je länger desto mehr – als so etwas wie ein Zentralblatt einer solchen illusionären „Erneuerungspolitik“. Wie dort die Demontage des Sozialismus in einigen Ländern als „Erneuerung“ und Herstellung eines „humanen Sozialismus“ gefeiert wird, ist ebenso erstaunlich wie beängstigend.
Wenn Angehörige einer Generation, für die die Zeit vor 1945 graue Vorzeit ist, nicht im Stande sind zu unterscheiden, wo berechtigte Kritik an Stalin und der Politik der KPdSU aufhört und wo der „Antistalinismus“ beginnt, nur eine Tarnung von Antileninismus zu sein, dann kann man ihnen daraus kaum einen Vorwurf machen. Wenn das aber Leute betrifft, die immerhin schon vor 1945 politische Erfahrungen in der kommunistischen Bewegung sammeln konnten, dann ist das etwas, was anders zu beurteilen ist.
Und eine kommunistische Partei, die nicht Selbstmord begehen will, darf nicht zulassen, dass das Bild ihrer eigenen Geschichte von solchen Leuten mit schlechtem Gedächtnis und mangelhafter Analysefähigkeit geprägt wird. In diesem Punkt bin ich sehr froh, dass unsere Partei gegen die Verfälschungen der Geschichte so entschieden ankämpft (womit ich allerdings nicht den Artikel von Hanna Wolf meine, den ich für schädlich halte ob seiner demonstrativen Weigerung, echte Probleme überhaupt auch nur zur Kenntnis zu nehmen, wenngleich ich mit ihrem Grundanliegen sympathisiere, sondern z.B. die Ausführungen Kurt Hagers in verschiedenen Referaten und bei verschiedenen Gelegenheiten).
Wie verheerend diese tendenziöse Geschichtsklitterung ist, wurde mir besonders deutlich, als ich in der „DVZ“ in einem Artikel eines wohl jüngeren, aber doch sicherlich nicht unbelesenen Autoren las, „wahrscheinlich“ habe es in der ganzen Geschichte der UdSSR keine Zeit gegeben, in der sie größere Resonanz gefunden habe als jetzt. Hat der Mann nie etwas erfahren über die „Resonanz“ der SU 1941-45? Offensichtlich hat die primitive Schwarzmalerei, die früher das Privileg der Monopol- und der Rechtspresse war, sich jetzt auch in die „progressive“ Linkspresse schon so eingefressen, dass ein realistisches Bild der Geschichte der SU bei jüngeren Linken kaum noch vorzufinden ist.
Zum Schluss: Physisch bin ich gottlob noch reise- und strapazierfähig, also natürlich bereit, mich an Streitgesprächen etc. zu beteiligen.
Herzliche Grüße, Kurt Gossweiler
Lieber Peter Gingold,
heute nur eine kleine Zwischenmeldung, um mich erstens für Deinen Brief und für die beigelegten Materialien zu bedanken und zugleich eine Bitte anzuhängen. Ich habe über die Rede Gorbatschows in der Sorbonne nur aus westlichen Kanälen etwas erfahren, und was dort als Äußerung von ihm zitiert wurde, klingt so unwahrscheinlich, dass ich die Rede gerne schwarz auf weiß hätte. Es geht dabei um folgendes: wir haben mit Marx und Lenin bisher die Begrenztheit der Französischen Revolution in ihrer Beschützung des Privateigentums an den Produktionsmitteln gesehen, wodurch die Losung „Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit“ dazu verurteilt war, Phrase zu bleiben. Jetzt soll Gorbatschow gesagt haben, der Fehler der Oktoberrevolution sei „die Trennung des Menschen vom Besitz“ gewesen. Ich kann nicht glauben, dass der Führer der Partei Lenins etwas so Unleninistisches, Falsches, Nebulöses von sich gegeben haben soll. Was soll denn damit gemeint sein? Etwa die Verstaatlichung des Grund und Bodens, von der Gorbatschow doch gesagt hat, sie sei die Garantie dafür, dass die von ihm so nachdrücklich propagierten landwirtschaftlichen Familienbetriebe im Rahmen des Sozialismus blieben? Also, lieber Peter, ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du mir den Wortlaut der Sorbonne-Rede senden könntest.
Übrigens: ich habe Dir im letzten Brief aus der DVZ nicht ganz richtig zitiert. Der Artikel stammt von Erich Rudolf, erschien in der Nr. 19 vom 5. 5. 89 und war überschrieben: „Die Perestroika der Weltpolitik“. Darin hieß es: „Wahrscheinlich hat die Sowjetunion … noch nie in ihrer wechselreichen Geschichte so viel Einfluss auf die Weltpolitik gehabt wie heute.“ Ich muss mich wiederholen: Es ist kaum zu fassen, welches Ignorantentum sich heute in den Spalten der DVZ breit machen darf! Was bedeutet in den Augen des Erich Rudolph schon der Sieg der Roten Armee über den Faschismus, die Rolle der Sowjetunion in Teheran, Jalta und Potsdam, bei der Ausarbeitung der Grundlagen der UNO, bei der Befreiung der Kolonialvölker vom kolonialen Joch usw. usf. gegenüber dem INF-Abkommen[4] und dem triumphalen Empfang Gorbatschows in der Bundesrepublik und anderswo! Wenn der Mann nicht so kurzsichtig wäre, hätte er die Kehrseite der Medaille nicht mit solcher Leichtigkeit übersehn können, die man in Abwandlung seines dubiosen Satzes etwa so formulieren könnte: Noch nie in ihren Jahrzehnte langen Bemühungen, in den sozialistischen Ländern einen Wandel in Richtung Restauration der kapitalistischen bürgerlichen Demokratie durch Annäherung zu erreichen, haben die Imperialisten und ihre Politiker solch bergrutschartige Erfolge erzielt, noch nie war der Einfluss des Imperialismus auf die Entwicklung in den sozialistischen Ländern größer als heute. Darüber mag jubeln, wer will. Leider jubeln darüber zu viele, die es eigentlich nicht sollten.
Schluss für heute, ich muss meinen Vortrag über den Nichtangriffsvertrag (den ich kürzlich in Buchenwald hielt) fertig machen. Ich schicke Dir eine Kopie des Manuskripts.
Mit herzlichen Grüßen, Kurt Gossweiler
[4] INF-Abkommen: Abkommen zwischen den USA und der Sowjetunion über die Liquidierung von Raketen mittlerer und kürzerer Reichweite, abgeschlossen auf dem 4. Gipfeltreffen Reagan-Gorbatschow vom 29. 5. – 2. 6. 1988 in Moskau.
Liebe Gertrud,
endlich komme ich dazu, auf Deine beiden Briefe zu antworten. Zuerst: Wie geht es Dir, hast Du Deinen Vortrag halten können? Falls Dich das Problem des Monopolkapitals im Kriege noch beschäftigt, noch folgender Hinweis: das beste, was es darüber überhaupt gibt, ist die bisher zweibändige, auf drei Bände berechnete Arbeit meines Kollegen Dietrich Eichholtz, „Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft“.
Seit ich Deine Briefe erhalten habe, befinde ich mich fast täglich in einer Gedankendiskussion mit Dir und ich muss Dir endlich schreiben, um den Kopf wieder für anderes frei zu bekommen. Dabei bin ich mir auch jetzt noch nicht klar, ob es überhaupt sinnvoll ist, eine solche Diskussion schriftlich zu führen. Am einfachsten wäre es, Dir zu sagen: Lassen wir es dabei bewenden, dass mir Dialektik fehlt.[5] Wir können, auch wenn wir noch so hitzig oder auch kühl unsere Meinungen austauschen, am Gang der Dinge doch gar nichts ändern, wozu also sich gegenseitig der Gefahr aussetzen, missverstanden zu werden oder dem anderen das Herz schwer zu machen. Aber andererseits: der Mensch ist nun mal so ein merkwürdiges Wesen, das nach Kommunikation verlangt, und ganz besonders dann, wenn quälende Gedanken in ihm rumoren. Am besten, Du nimmst meine folgenden Ausführungen als eine Dir von mir gelieferte Bestätigung und Bekräftigung Deiner Diagnose mangelnden dialektischen Denkens entgegen. (Ich darf darauf später noch zurückkommen.)
Vielen Dank für Deine Zeitungsausschnitte aus der Prawda. Allerdings rufen sie bei mir nicht die von den Autoren beabsichtigte Wirkung hervor. Papier ist bekanntlich geduldig, und es ist hinreichend bekannt, dass jedes Ding mindestens zwei Seiten hat. Schon seit Jahrtausenden haben Philosophen festgestellt, dass man ein und dieselbe Sache in der verschiedensten Weise sehen, beleuchten und bewerten kann, und in der Literatur und sogar im Film ist dieses Phänomen schon künstlerisch gestaltet worden. Und ich selber habe ja – genau wie Du – im Falle der Geschichte der Sowjetunion und der KPdSU dieses Phänomen auf eindringlichste Weise erlebt. Wie gut und eindringlich habt Ihr uns doch geschildert, wie schwer, aber großartig, wie hart, aber unter den Bedingungen der feindlichen kapitalistischen Umkreisung notwendig die rasche Industrialisierung und Kollektivierung war, wie voller Bewunderung spracht Ihr über die Weitsicht und unbeugsame Entschlossenheit der Partei, das Land in der ihm belassenen Atempause so stark zu machen, dass es sich als einziges der vom Faschismus angegriffenen Mächte als stark genug erwies, dem faschistischen Aggressor das Rückgrat zu brechen. Dies war die eine Sicht.
Sie wurde auch zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution nicht zurückgenommen, an der Richtigkeit und Notwendigkeit der Industrialisierung und Kollektivierung wurden keine Zweifel geäußert, lediglich eine zurückhaltende Kritik an Methoden der Durchführung geübt.
Jetzt aber dominiert eine zweite, andere Sichtweise in den sowjetischen Medien. Jetzt wird die Periode ab 1924 zunehmend mit einem Geist der Feindseligkeit gegenüber allem beurteilt, wie seinerzeit die Leute des Ancién Régime[6] und die Thermidorianer[7] die Jakobinerherrschaft beurteilten. Dafür ein Beispiel, das ich in der Prawda vom 23. Juli 1989 gefunden habe, als wir – Edith und ich – vom 22. bis 29. Juli in Tbilisi[8] waren. Auf S. 3 macht die Prawda in dieser Nummer Reklame für eine neue Zeitschrift namens „Rodina“ und druckt einige Artikel aus dieser Zeitschrift ab, darunter einen über die „Entkulakisierung“. Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn bei der Darstellung der Geschichte der Sowjetunion auch darüber berichtet wird, dass es beim Aufbau des Sozialismus auch Willkür, Unrecht, unnötige Gewaltanwendung gab. Aber ich habe alles gegen eine Darstellung, in der der Aufbau des Sozialismus als eine einzige Kette von Unrecht und Verbrechen dargestellt wird und eine einseitige Parteinahme für die Gegner der Sowjetmacht erfolgt – wie in diesem Artikel. Früher, noch vor der Oktoberrevolution, war nicht nur für Lenin und seine Mitkämpfer, sondern auch für die fortschrittliche russische Intelligenz die grausame, unmenschliche Ausbeutung der Dorfarmut durch die Kulaken ein ständiger Gegenstand ihrer Empörung. Davon findet sich nichts im „Rodina“-Artikel. Stattdessen eine solche Formulierung: „Dies war das Schicksal dieser Bauernfamilien, unserer und Eurer Großväter und Urgroßväter…“ Mag sein, dass in der Redaktion von „Rodina“ nur Leute sitzen, deren Großväter und Urgroßväter Kulaken waren, aber alle ihre Leser auch als Kulaken-Enkel und –urenkel anzusprechen – dass dies in einer Sowjetzeitung möglich sein würde, hätte sich Lenin wohl niemals träumen lassen!
Brauchen wir vielleicht heute keine Erziehung zum Klassenbewusstsein mehr, sondern nur noch die Erregung „allgemeinmenschlicher“ Mitleidsgefühle, die, bei Lichte besehen, aber absolut nicht klassenindifferent sind, sondern sehr selektiv auf alle gelenkt, denen die Revolution und das Sowjetsystem „Unrecht“ – mit oder ohne Anführungsstriche – tat. Die Kehrseite der Medaille besteht in der vornehmen Zurückhaltung, wenn es um die Anprangerung imperialistischer Gewaltakte und Verbrechen geht, und die wohlwollende, anpreisende Schilderung westlicher Kultur und Zivilisation; - und das alles zu einer Zeit, da der Klassengegner so zielstrebig und hoffnungsfroh wie nie – weil auf Unterstützung aus dem kommunistischen Lager selbst rechnend – auf die endgültige Vernichtung des Sozialismus und die Wiedergewinnung der an den Sozialismus verlorenen Länder hinarbeitet.
Liebe Gertrud, Du hast mir, um die von mir kritisierten Maßnahmen als notwendig zu beweisen, ein Zitat Lenins aus dem Jahr 1921 in Erinnerung gebracht. Was beweist denn ein Zitat, auf eine Situation gemünzt, wie sie nach vier Jahren imperialistischen Krieges und vier Jahren Bürgerkrieg bestand, für eine Situation des Sowjetlandes nach 40 Friedensjahren (1945 – 1985)? Du argumentierst, die Lebensmittelsituation sei in der Sojus heute „leider der von Anfang der 20er Jahre ähnlich.“ Nehmen wir einmal an, das sei wirklich so, dann ist doch zu fragen: was haben denn die Führer des Sowjetstaates in den letzten 40 Jahren getan oder vielmehr versäumt, dass ihnen in diesem langen Zeitraum nicht gelang, was in den wenigen Jahren von 1921 – 1939 möglich gemacht wurde – nämlich die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen? (Wie Ihr uns erzählt habt, hat die SU damals so viel Getreide erzeugt, dass schon erwogen wurde, Brot umsonst abzugeben.) Auf diese Frage gibt es zwei mögliche Antworten.
Die erste wird im Westen gegeben, und sie findet Nachsprecher auch in den sozialistischen Ländern: „Die Kolchosordnung ist nicht im Stande, die Ernährung sicher zu stellen; nur auf Grundlage des Privateigentums kann eine effektive Landwirtschaft entwickelt werden.“ Wer dieser Antwort zustimmt, sollte konsequent sein und erklären, dass der Aufbau des Sozialismus eine Utopie ist. Denn Rosa Luxemburg hatte Recht, als sie auf dem Gründungsparteitag der KPD ausführte: „Es wäre ein Wahn, den Sozialismus ohne Landwirtschaft zu verwirklichen. Vom Standpunkt der sozialistischen Wirtschaft lässt sich überhaupt die Industrie gar nicht umgestalten ohne die unmittelbare Verquickung mit einer sozialistisch umorganisierten Landwirtschaft.“ Diese Feststellung ist längst durch die Praxis im positiven wie negativen Sinne bewahrheitet: im positiven Sinne in der SU, ganz besonders in den Vorkriegs- und Kriegsjahren, ferner bei uns, in der CSSR und anderen Ländern. Im negativen Sinne in Polen. Dort hat Gomulka 1956, als die Genossenschaft in Polen noch in den ersten Anfängen steckten, diese verantwortlich gemacht für die Notwendigkeit, Getreide zur Sicherung der Ernährung einzuführen und eine Politik der Verewigung der einzelbäuerlichen Betriebe eingeleitet. Hier liegt der Ursprung für die Entwicklung, die aus dem sozialistischen Polen den kranken Mann an der Weichsel machte, der das sozialistische Lager ökonomisch und politisch wie ein Mühlstein am Halse belastete, obwohl Polen alle Voraussetzungen dafür besitzt, (mehr als die DDR!) eine blühende Wirtschaft aufzubauen. Also: Entweder - eine sozialistische Landwirtschaft ist möglich - oder der Sozialismus ist überhaupt unmöglich. Dass die obige erste Antwort also falsch und unakzeptabel ist, ist durch die Geschichte bewiesen.
Bleibt nur die zweite Antwort: Wenn und wo die sozialistische Landwirtschaft nicht im Stande ist, die Lebensmittelversorgung sicher zu stellen, muss das daran liegen, dass die Entfaltung der Möglichkeiten der Kollektivwirtschaften behindert wird, und dann muss herausgefunden werden, worin diese Behinderung liegt. Für die sowjetische Landwirtschaft haben viele Plenen in der Vergangenheit viele solche Behinderungen beim Namen genannt: sie sind alle auf den einen Nenner zu bringen, dass trotz aller dahin zielender Beschlüsse der Übergang zur intensiven Bewirtschaftung nicht zu Stande kam. Gorbatschow hat in früheren Reden auch gesagt, warum, wenn er feststellte, dass zwar viele richtige Beschlüsse gefasst wurden, aber sie nicht durchgeführt wurden. Das Naheliegendste wäre nun, diese richtigen Beschlüsse – wie z.B. die Steigerung der Hektarerträge durch verbesserte Düngung, die Vermeidung von Verlusten durch verstärkten Bau von Silos und Verbesserung von Transportmöglichkeiten – endlich ins Leben umzusetzen. Ein weiterer, kaum zu überschätzender Grund für die Verschleppung der notwendigen Intensivierung der sowjetischen Landwirtschaft war die gigantische Fehlinvestition in die abenteuerliche „Neulandgewinnungsaktion“ in Kasachstan, von der alle wirklichen Fachleute voraussagten, dass sie Milliarden kosten würde, ohne dem Land das versprochene Getreide liefern zu können. Erinnere Dich nur an die großmäuligen Versprechungen des Nikita Chruschtschow, mit der Neulandgewinnung sei das Getreideproblem für immer gelöst!
Warum wird eigentlich in den gegenwärtigen Diskussionen über die Gründe der Defizite der sowjetischen Landwirtschaft kein Wort verloren? Vielleicht, weil Molotow einer derjenigen war, der vor diesem größenwahnsinnigen Unternehmen warnte und dafür – auch dafür – als Parteifeind aus der Partei geworfen wurde?
Zu erinnern wäre in diesem Zusammenhang auch an die „subjektivistischen“ Aktionen des Nikita Chruschtschow hinsichtlich des forcierten Maisanbaus („weil man das in den USA auch so macht!“), an die Offenställe[9], an die Auflösung der MTS[10] und anderes. Was die letztgenannte Aktion betrifft: heute wird zugegeben, dass einer der Gründe für die Unrentabilität mancher Kolchosen die Verschuldung wegen des Ankaufs der Landmaschinen ist. Als – noch vor Chruschtschow – der Vorschlag der Auflösung der MTS in der SU diskutiert wurde, wurde auch folgende Meinung geäußert: Die MTS den Kollektivwirtschaften durch Verkauf zu übereignen würde bedeuten, „den Kollektivwirtschaften große Verluste zuzufügen und sie ruinieren, die Mechanisierung der Landwirtschaft gefährden und das Tempo der kollektivwirtschaftlichen Produktion herabsetzen.“ Wer das äußerte, war Stalin in seinen „Ökonomische(n) Probleme(n) des Sozialismus in der UdSSR“. (S. 91f.) Lassen wir beiseite, dass er die Auflösung der MTS nicht nur wegen der finanziellen Lasten für die Kolchosen ablehnte, sondern auch wegen der Auffassung, man müsse den Übergang zum Kommunismus durch die Einschränkung der Warenzirkulation beschleunigen, dann bleibt doch die Notwendigkeit, bei einer ernsthaften Analyse der Ursachen für das Zurückbleiben der sowjetischen Landwirtschaft auch den erstgenannten Gesichtspunkt nicht von vornherein außerhalb jeder Betrachtung zu lassen. Der Einwand, das wir ja schließlich auch unsere MAS[11] aufgelöst hätten und dennoch unsere LPGs voran kamen, muss natürlich genau so ernst genommen werden, dabei aber auch in Rechnung gestellt werden, dass sowohl von den Größenverhältnissen her als auch vom durchschnittlichen Niveau der Produktivität her die DDR es sehr viel leichter hat, mit solchen Problemen fertig zu werden.
Nochmal zur Neulandaktion: Auf dem Dezemberplenum von 1958 gab Chruschtschow einen Bericht über die Ergebnisse der Neulandaktion (ND vom 17.12.1958), wonach die Bruttogetreideernte 1958 8,5 Mrd. Pud[12] betragen habe. Dazu folgende Berechnung: 1937 waren es 7,3 Mrd. Pud. Also eine Steigerung von 1,2 Mrd. Pud. Durch die Neulandaktion wurden nach Chruschtschows Bericht 30 Millionen Hektar Neuland unter den Pflug genommen. Selbst, wenn wir annehmen, dass der gesamte Zuwachs von 1,2 Mrd. Pud vom Neuland kamen, dann ergibt sich daraus eine Durchschnittsernte je Hektar von kläglichen 6,5 DZtr pro Hektar. Das ist weniger als die Hälfte des Durchschnittsertrags der Sowjetunion und weniger als ein Drittel des (damaligen) Ertrags der DDR. Dennoch behauptete Chruschtschow, das Neuland habe nicht nur die 30 Mrd. Rubel Investitionen bereits amortisiert, sondern darüber hinaus noch einen Reingewinn von mehr als 18 Mrd. Rubel erbracht!
Es fehlt mir auch hier sicherlich „an dialektischem Denken“, wenn ich solche Aussagen für – milde ausgedrückt – Kindermärchen halte. Und ich geben ferner unumwunden zu: wenn der Zweifel daran, dass der Sozialismus durch Rückgriff auf die Methoden des Kapitalismus und durch die „Hilfe“ solcher Samariter-Institutionen wie Weltbank und Weltwährungsfonds „erneuert“ werden kann, einen Mangel an dialektischem Denken beweist, dann leide ich an dieser Mangelkrankheit in extremem Maße. Allerdings sprechen die Beispiele Jugoslawien, Polen und Ungarn nicht gerade dafür, dass solch ein Zweifel unberechtigt ist.
Deshalb beunruhigt es mich, wenn ich festzustellen meine, dass viele der von der jetzigen sowjetischen Führung verfolgten Reformen in die gleichen Bahnen lenken, die Ungarn und Polen voran gegangen sind, einschließlich der verkündeten Absicht des Beitritts zum Weltwährungsfonds. Es scheint mir eine unheilvolle Illusion, zu glauben, durch Beitritt einer dringend um Hilfe bittenden, ökonomisch schwer angeschlagenen Sowjetunion könne diese aus Instrumenten der raubgierigsten und stärksten Imperialisten ein Instrument zur Verbreitung „allgemeinmenschlicher“ Wohltaten oder zur Errichtung einer neuen, gerechten Weltwirtschaftsordnung machen. Ich vermag nicht zu sehen, wieso für die Sowjetunion Reformen gut sein sollen, die in Jugoslawien, Ungarn und Polen den Weg in die Katastrophe nicht nur nicht verhindert, sondern bewirkt und damit den Sozialismus als Wirtschaftssystem so diskreditiert haben – und zwar nicht nur bei ihrer eigenen Bevölkerung, sondern weltweit – dass, wie die Wahlen in Polen gezeigt haben und die Wahlen in Ungarn zeigen werden – die überwiegende Mehrheit der Bürger von der Partei und vom Sozialismus nichts mehr wissen will. Aber auch in der Sowjetunion selbst ist – wie von verschiedenen Genossen auf dem April-Plenum der KPdSU festgestellt wurde und wie ich selbst in Tbilisi festgestellt habe und wie ja auch die Wahlen zum Kongress der Volksdeputierten sehr deutlich gemacht haben – ein Prozess des Autoritätsverlustes und der Diskreditierung der Partei in Besorgnis erregender Weise vorangeschritten. Und ich kann es nur als eine – im besten Falle – naive Argumentation ansehen, wenn angesichts dieser Sachlage argumentiert wird, die Wahlen seien doch sehr gut verlaufen, seien doch jetzt sogar 80 Prozent Parteimitglieder gewählt worden statt der 60 Prozent nach dem früheren Wahlmodus. Das scheint mir eine genau solch merkwürdige Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse zu sein wie die Kennzeichnung eines Jelzin und seiner Fraktion als „Linke“: wer eine raschere Einführung eines Parlamentarismus nach westlichem Vorbild fordert, soll ein „Linker“ sein?
Ich muss noch einmal zum Ausgangspunkt unserer Meinungsverschiedenheiten, auf die Beurteilung der Schaffung von Familienbetrieben auf der Grundlage des Pachtsystems, zurückkommen, wo der “Mangel an dialektischem Denken“ bei mir ja am ausgeprägtesten ist. In der Tat werde ich da mit einigen Widersprüchen dieser Politik zu bestimmten theoretischen Leitsätzen, vor allem aber auch zu Fakten und historischen Erfahrungen, nicht fertig.
Nehmen wir als Ausgangspunkt die Rede Gorbatschows vor den Vertretern der Massenmedien am 29. März 1989 (ND vom 1./2. April 1989): „Die Lebensmittel sind das Grundproblem unserer Wirklichkeit.“ Ich halte das zwar für keine zutreffende Analyse – nach meiner Ansicht ist das Grundproblem die Frage: Wie ist das sozialistische System zu festigen und vor den verstärkten Angriffen seiner inneren und äußeren Gegner zu sichern, und erst von dieser Frage abgeleitet erhält die Lebensmittelfrage ihren – allerdings vordringlichen – Platz. Aber lassen wir das einmal beiseite, halten wir nur fest: gesagt wird: weil das Land so dringend Lebensmittel braucht, müssen wir auch durch Stimulierung persönlicher (privater) Initiative auf Pachtland die Lebensmittelproduktion so rasch wie möglich erhöhen, um die Versorgung zu verbessern. Genau das ist ja auch Deine Argumentation.
Aber sehr schnell erweist sich, dass diese erste Begründung von einer zweiten, die erste ad absurdum führenden Begründung abgelöst wird: „Ich habe im Blick, dass es sich dabei um eine grundsätzliche Wandlung unserer Einstellung sowohl zur Entwicklung im Agrarsektor als auch in der gesamten Wirtschaft handelt. Deshalb gehen die Ergebnisse des Plenums, seine politischen Schlussfolgerungen und Zielstellungen über den Rahmen der Agrarfrage hinaus, sind von prinzipieller allgemein-theoretischer und allgemein-politischer Bedeutung.“ Weiter: „Der Agrarsektor wird die Rolle eines Wegbereiters, eines Pioniers bei der Aneignung entsprechender Formen des Wirtschaftens und der Leitung erfüllen. … Ein Maximum an Unterstützung für alles, was die Selbständigkeit, das Gefühl, Herr auf Grund und Boden zu sein, festigt.“ Offenbar soll der Einzelne, der Einzelbauer, nicht das Kollektiv, ein solches „Gefühl“ gewinnen.
Ich will aus allem keine weiteren Schlussfolgerungen ziehen als diese: es geht – so viel ist eindeutig – nicht in erster Linie um die Lebensmittel – es geht um die „Reform“ des Eigentums in allen Wirtschaftszweigen.
Wenn es wirklich um die Lebensmittelfrage ginge, dann hätten vor allem die Ursachen der Lebensmittelkalamitäten viel gründlicher und umfassender untersucht werden müssen, dann hätten z.B. auch solche Tatsachen eine Rolle spielen müssen, wie sie der 1. Sekretär des Regionskomitees der KPdSU Krasnodar, I. F. Poloskow, auf dem April-Plenum bekannt gab: „Die Lieferbetriebe senden mit erstaunlicher Leichtigkeit Telegramme mit der Weigerung, die geplanten Warenlieferungen zu tätigen. … Nehmen wir das Kombinat `Asot´ in Beresniki, Gebiet Perm. Seit ewigen Zeiten liefert es Harnstoff nach dem Kuban als Zusatzdünger für Hartweizen. In diesem Jahr weigert es sich, die volle Menge … zu liefern. Wen haben wir nicht alles angerufen! Wir erhielten immer die gleiche Antwort: `Asot` habe den Posten an ein kapitalistisches Land vorteilhaft verkauft.“ (Presse der SU, Nr.6/1989, S. 16)
Auf diesem Plenum wurden derartig viele ähnliche Beispiele unglaublicher Sabotage der Planwirtschaft aufgeführt, dass ich sicher war, in seinem Schlusswort würde Gorbatschow darauf eingehen und entschiedene Maßnahmen gegen die Verantwortlichen ankündigen. Nun, Du hast ja das Heft 6 sicher selbst auch gelesen und weißt, dass er bedauerlicher Weise auf all dies nicht einging.
Auf Grund meines Mangels an dialektischem Denken bin ich der Ansicht, dass es im Rahmen sozialistischer Landwirtschaft, der Kolchosen und Sowchosen, in der Sowjetunion noch sehr viele ungenutzte Möglichkeiten der Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion gibt. (Übrigens dürfte es nicht so ganz zufällig sein, dass im ND vom 29./30. Juli ein Artikel über die „Potenzen und Perspektiven des genossenschaftlichen Eigentums“ erschien, der zwar verbal in eine Richtung, tatsächlich aber in die entgegen gesetzte polemisierte.) Ich bin ferner der Ansicht, dass der Weg der Verpachtung von Kolchosland an Familien ein Weg der katastrophalen Verschärfung der Lebensmittelknappheit ist. Und zwar aus folgenden Gründen:
Erstens: Familienbetriebe liefern nach der Erfahrung aller Zeiten und aller Länder nicht mehr, sondern weniger Produkte auf den Markt als selbst schlecht arbeitende Großbetriebe. Polen ist da ein solch drastisches Beispiel, dass mir unbegreiflich ist, weshalb es in der Diskussion um die Agrarpolitik in der Sowjetunion überhaupt keine Rolle spielt. Wenn man also meint, man müsse das Lebensmittelproblem auf dem Wege des „Wettbewerbs der Eigentumsformen“ lösen, dann müsste man konsequenter Weise sofort Kurs nehmen auf Privatbetriebe in einer Größenordnung, die erlaubt, den Großteil der Produktion auf den Markt zu bringen, also mindestens auf Großbauernwirtschaften, wenn nicht auf Getreidefabriken westeuropäischen bzw. amerika-nischen Ausmaßes. Da man dies jedoch nicht kann, wird durch den Übergang zu Familienbetrieben auf Pachtland die Lebensmittelversorgung nicht verbessert, sondern noch schwieriger.
Zweitens: Dies auch deshalb, weil jede Abgabe von Land und Arbeitskräften seitens der Kolchosen und Sowchosen deren Möglichkeiten zur Vergrößerung ihrer eigenen Marktproduktion verschlechtert.
Drittens: Nach dem alten Leninschen Dogma bringt die kleine Warenwirtschaft – und die Familienbetriebe auf Pachtland sind Betriebe der kleinen Warenwirtschaft – „täglich, stündlich und im Massenumfang“ Kapitalismus hervor, ein „Dogma“, dessen Gültigkeit wiederum in Polen eindrucksvoll bestätigt wurde: es ist zwar ein ganz kümmerlicher, zwergenhafter Kapitalismus, der sich da entfaltet hat und von einer Schicht von Schiebern und Schwarzhändlern vor allem repräsentiert wird, aber er hat ausgereicht, den Sozialismus nicht nur ökonomisch, sondern auch ideologisch von der Wurzel her verfaulen und entarten zu lassen. Ferner: Je größer der Anteil der privaten Wirtschaften an der landwirtschaftlichen Produktion, desto mehr landwirtschaftliche Produkte werden den normalen Versorgungswegen entzogen und auf Wege umgeleitet, die vor allem der Bereicherung Einzelner auf Kosten der Gesamtheit – z.B. durch inflationäre Preissteigerungen – führen. Der Einwand, dass ja in der Sowjetunion der Boden nationalisiert, das Pachtland also sozialistisches Eigentum sei – und auf dem könne ja kein Kapitalismus entstehen – zeugt von erstaunlicher Unkenntnis: War etwa der Boden der Kulakenwirtschaften nicht auch nationalisiert?
Allein schon wegen dieser drei Erwägungen halte ich den Weg der „Konkurrenz der Eigentumsformen“ für einen Weg, der für den Sozialismus nicht nur nichts Gutes bringt, sondern der auf eine abschüssige Bahn führt; und ich habe Gründe, dies für erwiesen zu halten.
Beim Kramen in alten Sachen fiel mir ein Brief in die Hand, den ich vor 30 Jahren an Genossen Wanja Majatschenkov – Lehrer in Taliza – geschrieben habe. Es war also im Jahre 1959, und die ganze Welt war voller Zuversicht auf immer raschere und größere Abrüstungserfolge und auch voller Illusionen über die guten Absichten der Imperialisten. Ich habe damals geschrieben, dass die zur Schau getragene Verständigungsbereitschaft ihrerseits nur zum kleinen Teil dem Friedenswillen der Völker, zum größeren Teil der Hoffnung geschuldet sei, dadurch in den sozialistischen Ländern Kräfte zu ermuntern und zu stärken, die eine evolutionäre Entwicklung zurück zu bürgerlichen Verhältnissen vorantreiben könnten. Über den Grund solcher damals Vielen ganz aberwitzig erscheinenden Hoffnungen hatte ich geschrieben: „Kein Rauch ohne Feuer. Erstens einmal betrachten sie – die Imperialisten – die Ereignisse in Ungarn 1956 als Beweis dafür, dass es mit dieser Taktik möglich ist, kommunistische Parteien von innen her aufzuweichen. Zweitens gibt es in einem Land der Volksdemokratien -(gemeint war Polen)- gewisse Erscheinungen, die bei den Imperialisten derartige Hoffnungen zu nähren geeignet sind. In diesem Land ist der Antisowjetismus noch in großer Blüte; was schlimmer ist – der Kampf dagegen wird so wenig entschieden geführt, dass es bisher nur gelungen ist, die antisowjetischen Äußerungen aus dem offiziellen Bild zu verbannen, nicht jedoch aus den Köpfen der Bevölkerung, die mehr als die jedes anderen Landes Grund hat, der Sowjetunion grenzenlos dankbar zu sein. In diesem Land erstreckt sich die Koexistenz ganz legal auch auf das ideologische Gebiet. Man kann an jedem Zeitungskiosk die westlichen Presseorgane erstehen, die sich vor allem bei der Intelligenz dieses Landes großer Beliebtheit erfreuen. (Für dieses Opium muss mit harter Währung bezahlt werden. Das Land, das sich diesen Luxus leistet, gehört aber zu denen, die von allen Volksdemokratien die größten wirtschaftlichen Schwierig-keiten haben!) Das ist indessen nur Ausdruck für die viel schlimmere Tatsache, dass in diesem Land eine breite Sympathie für den imperialistischen Westen, eine widerwärtige, sklavische Bewunderung vor allem alles dessen verbreitet ist, was aus den USA kommt.“
Vor 30 Jahren habe ich diese Eindrücke in Polen gewonnen. Heute, von einer Reise in die Sowjetunion, genauer aus der Unionsrepublik Georgien zurück, könnte ich fast buchstäblich das Gleiche über die dortigen Verhältnisse schreiben. Da fand eine Woche lang immer an der gleichen Stelle eine nationalistische Kundgebung statt, geschmückt mit den Fahnen des menschewistischen Georgien von 1919 und mit Plakaten in englischer Sprache: „Freedom for Georgia!“ Da wurden Flugblätter verteilt, Zeitungen an die Häuserwende geklebt von den Anhängern dieser Nationalisten, ohne dass es irgendein Einschreiten der Miliz gab. Die Kundgebung war „nicht genehmigt“, aber die Miliz hat zuvorkommender Weise den Verkehr aus der Straße, in der sie täglich nachmittags stattfand, in andere Straßen umgeleitet, damit die Herrschaften, die für ein „freies Georgien“ demonstrieren, auch ja nicht gestört werden. Von einem in Tiflis geborenen Russen, den ich kennen lernte, erfuhr ich, dass der Veranstalter der Kundgebung eine „Volksfront Georgiens“ war, die sich zu ihrem Zeichen die menschewistische Fahne erkor. Jeden Nachmittag sauste eine Autokolonne junger Leute, diese Fahne schwenkend und ununterbrochen hupend durch die Hauptstraßen der Stadt als Auftakt für die Kundgebung. Ich habe mir überlegt: unter solchen Bedingungen kann sich die Konterrevolution ungestört organisieren, sie kann sogar aus den vielen jungen Anhängern, die sie schon gewonnen hat, eine militärische Formation aufbauen, die eines Tages auf ein Signal hin in Aktion treten kann. Und dies ist offenbar nicht nur in Georgien so.
Auf den Straßen, besonders in den Straßenunterführungen, werden ganz legal T-Shirts mit nationalistischen Aufschriften, wird die Flagge des menschewistischen Georgien als Anstecknadel verkauft, als Fähnchen, mit dem viele Autos „geschmückt“ sind – so, wie eben in den baltischen Staaten die Farben der bürgerlichen Zeit (der halbfaschistischen Republiken) wieder zu den offiziellen Staatsflaggen geworden sind. Auch in Tiflis hat man die alte Vorsowjetfahne z. T. schon auf öffentlichen Gebäuden anstelle der Sowjet-Georgien-Fahne gehisst. Die Georgier und Georgierinnen, mit denen ich sprach, waren ausnahmslos antirussisch eingestellt; die größte Erbitterung hat bei ihnen das bewaffnete Vorgehen von Abchasiern gegen Georgier und deren Verlangen, an die RSFSR angeschlossen zu werden, erweckt.[13] „Wir haben immer friedlich und freundschaftlich zusammengelebt, woher kommt all das plötzlich?“ Das betraf auch ihr Verhältnis zu den Russen. Ich habe einen Russen gesprochen, einen jungen Mann, der in Georgien, Tiflis, geboren ist. Er zeigte mir Bilder seiner georgischen Freunde. Niemals habe es zwischen ihm und ihnen in der Vergangenheit nationalen Streit gegeben. Jetzt aber, so seine Frau, hätten sie Angst, lebten in ständiger Unsicherheit vor der Zukunft.
Es wird von offizieller Seite immer gesagt, all dies sei die Spätfolge von jahrzehntelangen Sünden. Was mir die Leute in Georgien sagten, sprach eindeutig davon, dass dies nicht stimmt. Die nationalistische Woge hat meiner Ansicht nach ihre Ursache erstens darin, dass man den Nationalismus nicht mehr bekämpft, sondern eher fördert („Selbstverwaltung“), und zweitens darin, dass durch die drastische Verschlechterung der Versorgungslage in den letzten Jahren das Gefühl, vom Zentrum ausgeplündert zu werden, ganz stark ist. (Ein Georgier: „Die Russen wollen Georgien als Ort der Erholung und als Lieferant von Früchten.“) Dabei wird einfach nicht zur Kenntnis genommen, dass die Versorgungslage in der RSFSR kein bisschen besser ist, eher schlechter.
Dass das Argument von den „jahrzehntelang aufgestauten Problemen“, die jetzt, wo man den Druck weggenommen habe, zum Ausbruch kämen, nicht sticht, dafür spricht auch, dass es gerade die am gründlichsten „entstalinisierten“ Länder Jugoslawien, Polen und Ungarn sind, in denen diese Probleme – nationalistischer Zwist, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Verlust der Glaubwürdigkeit des Sozialismus und der Partei – zuerst auftraten und chronische Begleiter des Modells des „menschlichen“ Sozialismus sind. Es muss doch wirklich nachdenklich stimmen, dass die „Liberalisierung“ überall die antisozialistischen Kräfte gestärkt und die sozialistische Ordnung untergraben hat. Das spricht nicht dafür, dass der Sozialismus auf diesem Wege „erneuert“ werden kann.
Wo bleibt die kollektive Auswertung der Erfahrungen der verschiedenen Wege des Aufbaus des Sozialismus? Es gibt zwar eine Internationale der sozialdemokratischen Parteien, aber die kommunistischen Parteien, zu deren Lebenselement der Internationalismus gehört, die driften immer weiter auseinander und haben als Parteien kein vereinendes Dach mehr. Das ist vielleicht das deutlichste und alarmierendste Zeichen dafür, wie weit die Entfernung vom Leninismus schon geworden ist, vor allem, wenn man berücksichtigt, dass dies schon gar nicht mehr als anormal empfunden, sondern als Normalität hingenommen und dargestellt wird.
In Georgien fiel mir außerdem noch auf, wie stark und ebenfalls offiziell gefördert die Wiederbelebung der Religion und der Kirche ist: alle drei Kirchen, die ich besichtigte, waren bis vor kurzem Museums- oder Konzertgebäude oder in anderer Weise weltliche Kultur-einrichtungen, wurden aber jetzt der Kirche zurückgegeben, auch wenn sie ganz abgelegen auf einem Berggipfel stehen und außer Touristen kaum Besucher empfangen. In einer Kirche wurden während meines Besuches gerade Aufnahmen der Kirche und ihres Popen für das Fernsehen Tiflis gemacht. Auf den Straßen und in den Geschäften blüht das Geschäft mit Heiligenbildern und Postern mit religiösen Motiven. Ich brauche Dir nicht zu sagen, dass ich kein militanter Atheist bin; aber ich bin auch kein Freund einer staatlich geförderten Reaktivierung der Kirche und der Religion in einem Land, das seine Jugend siebzig Jahre lang im Geiste des wissenschaftlichen Materialismus erzogen hat.
Nun reicht es aber, ich wollte nur „ganz kurz“ schreiben, aber: wes das Herz voll ist!
Dir alles Gute und herzliche Grüße, auch von Edith, Kurt Gossweiler
[5] Genossin Dürr hatte in ihrem Brief geschrieben, es fehle mir „an Dialektik“ zum Verständnis der Gorbatschow-Politik der Verpachtung von Kolchos-Land zur privaten Nutzung.
[6] Die Leute des durch die französische Revolution gestürzten „alten Regimes“.
[7] „Thermidorianer“: die bourgeoisen Konterrevolutionäre, die am 9. Thermidor (im französischen Revolutionskalender begann der Thermidor – zu deutsch Hitzemonat – am 19. Juli und endete am 17. August) die Jakobinerherrschaft durch eine Verschwörung stürzten und am gleichen Tage Robbespierre hinrichteten.
[8] Tiflis, Hauptstadt der – damals noch – Sowjetrepublik Grusinien (Georgien).
[9] Chruschtschow propagierte mit Nachdruck die Übernahme der angeblich in der Sowjetunion erfolgreichen Haltung von Kühen auch im Winter in sog. „Offenställen“ statt in den traditionell geschlossenen Ställen. Als dieser „Empfehlung“ des „großen Bruders“ in der DDR gefolgt wurde, hatte dies katastrophale Verluste zur Folge.
[10] MTS = Maschinen-Traktoren-Station. Der im Jahre 1948 wegen Begünstigung der Großbauern und Gegnerschaft zu den bäuerlichen Genossenschaften als 1. Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei abgesetzte, im Zuge der konterrevolutionären Entwicklung in Polen nach dem XX. Parteitag der KPdSU aber wieder an die Spitze der Partei lancierte Gomulka ließ bald danach die meisten Landwirtschaftlichen Genossenschaften zu Grunde gehen und die Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS) auflösen. Nach einem Treffen Chruschtschows mit Gomulka im Januar 1958 verkündete Chruschtschow die Notwendigkeit, die MTS in der Sowjetunion aufzulösen. (Näheres dazu in „Offensiv Heft 10/2001, Genosse Domenico Losurdos „Flucht aus der Geschichte“, S. 27-31.)
[11] Maschinen-Ausleih-Station.
[12] Ein Pud = 16,3805 Kilogramm
[13] Es gehörte zum Programm Gorbatschows, alle Kräfte zu entfesseln, die geeignet waren, die Liquidierung der Sowjetmacht voranzutreiben: dazu gehörte auch das Anfachen des Nationalismus in allen Teilen der Union, vom Baltikum bis in den Kaukasus und in Zentralasien. Als in Grusinien die Tendenzen zur Trennung von der Sowjetunion immer stürmischer wurden, entstand in der zu Georgien gehörenden autonomen Republik Abchasien eine Gegenbewegung, die die Trennung von Georgien und den Anschluss an die RSFSR, an die Russische Sowjetrepublik, anstrebte. Dieser Konflikt mündete in bewaffnete Kämpfe und dauert noch immer an.
Lieber Peter,
hab vielen Dank für Deine so rasche Antwort auf meine Anfrage. Hoffentlich gelingt es noch, den Wortlaut der Rede aufzutreiben. Was das Informationsmaterial betrifft, so bin ich selbstverständlich sehr an weiteren Sendungen interessiert. Die Information über die 5. Tagung des PV war die aufregendste Lektüre seit langem. In vollster Empörung über den Stürmann-Beitrag habe ich mich gleich hingesetzt und einen Brief an Dich geschrieben, den ich dann aber doch nicht abschickte: zu viele Emotionen, zu wenig nüchterne Argumentation. Am meisten empörte mich der demagogische Versuch, Engels zum Kronzeugen für seine Position zu machen. Wer aber den ganzen Artikel, aus dem Stürmann sein Zitat herausgefischt hat, kennt, der weiß, dass Engels darin genau gegen die Positionen polemisiert, die Stürmann vertritt: Engels wendet sich gegen das opportunistische „Züricher Dreigestirn“ und dessen Bestrebungen, den Klassencharakter der Partei zu verwischen!
Was mir an der 5. Tagung als Mangel auffiel, war, dass es vordergründig um Verfahrensfragen und nicht um die politischen Grundfragen ging. Das hat auch Jupp Schleifstein in seinem Brief an den PV völlig zu recht kritisiert. Sein Vorschlag, sich um eine Kompromissformel zu bemühen, um in sachlicher Weise die politischen Standpunkte der verschiedenen Seiten klar heraus zu arbeiten, hat viel für sich. Seine Verwirklichung stößt aber auf viele Schwierigkeiten. Das Dilemma aller, die erkennen, dass der Weg der „Erneuerer“ ein Weg der Liquidierung der Partei als kommunistischer Partei und ihre Umwandlung in eine verwaschene „Linkspartei“ sozialdemokratischer Couleur ist, besteht zur Zeit darin, dass die „Erneuerer“ für sich in Anspruch nehmen können, nur das zu wollen, was anderswo von Führern kommunistischer Parteien schon nicht nur propagiert, sondern schon praktiziert wird. So berichtet z.B. die DVZ voller Wohlwollen und Zustimmung über die Ansichten des neuen Führers der USAP, Reszö Nyers, in der Nr. 29 vom 14.7.89: „Ich bin Reformkommunist. Was mir vor allem vorschwebt, ist eine kommunistisch-sozialdemokratische Synthese. Auf der Suche nach neuen Wegen nähern sich die europäische Sozialdemokratie und die ost- und mitteleuropäische reformkommu-nistische Richtung an, entfalten sie eine Konvergenz.“ Dass eben auf diesem Weg vor 70 Jahren schon die erste ungarische Räterepublik kaputt gemacht wurde – wer weiß das heute noch?
Die Schwierigkeit besteht also darin, dass die notwendige Grundsatzdiskussion in keinem Land als „interne“, nur die eigene Partei betreffende Diskussion geführt werden kann, wobei die „Erneuerer“ nicht versäumen werden, die für sie vorteilhaft erscheinende Situation auszunutzen, um den Verteidigern der Leninschen Positionen vorzuwerfen, sie stellten sich gegen die breite Reformbewegung in den sozialistischen Ländern.
Dennoch sehe ich keinen anderen Weg für die Leninisten, als die Grundfragen in ihrer ganzen Breite und Tragweite aufzurollen: Ist die Welt von heute und ist der Imperialismus von heute qualitativ etwas anderes als zu Lenins Zeiten? Ist der Klassenkampf – national und international – schon eine überholte Angelegenheit? Wenn nicht – worum wird er geführt? Ist der Kampf um Sozialismus noch das Ziel des Klassenkampfes? Und wie ist der Sozialismus zu definieren – noch so, wie von Marx und Lenin definiert, oder wie sonst? In welchem Verhältnis stehen Klassenkampf und Friedenskampf? Und so weiter. Und es muss dabei klar sein, dass die jeweilige Position weder durch Klassikerzitate noch durch bloße Behauptungen über eine grundlegend veränderte Welt noch durch illusionäre Wunschgebilde, wie sie sich etwa in dem Artikel von Frank Benseler in der DVZ Nr. 32 vom 4. 8. 89 („1789 – Anbruch einer Epoche – 1917 – eine neue Etappe“), der eine ganz merkwürdige Mischung von Richtigem und Falschem darstellt, finden, begründet werden darf, sondern nur durch den ernsthaften Versuch einer wissenschaftlichen, d.h. marxistischen Analyse.
Dabei wird auch eine große Rolle spielen, dass die „Erneuerer“ uns sagen, wann die Prozesse einsetzen, die die Leninschen Analysen veralten ließen, und welche Prozesse das genau sind. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht ganz interessant, daran zu erinnern, dass bereits vor 32 Jahren der jugoslawische Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten, K. Popovic, in der Bundesskupeina von der „objektiven Tendenz zu einer immer größeren allgemeinen gegenseitigen Abhängigkeit und Zusammenarbeit aller Länder auf der Basis ihrer Unabhängigkeit und Gleichberechtigung zur Schaffung eines einheitlichen Weltmarktes“ sprach. So weit zurück liegen die Wurzeln des „Neuen Denkens“!
Damit ist natürlich noch nichts über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer solchen Aussage gesagt. Man sollte aber nicht glauben, dass sie die Widerspiegelung von Prozessen ist, die sich erst in den letzten Jahren vollzogen haben. Nein, eine solche Weltsicht ist sogar bis in die Jahre des Zweiten Weltkrieges zurückzuverfolgen: sie war z.B. auch Grundlage für eine solche Erscheinung wie den “Browderismus“ in der KP der USA.
Das alles macht aber erst recht deutlich, wie delikat und kompliziert heute eine Diskussion um politische Grundfragen ist. Ich meine auch, dass Schleifstein Recht hat, wenn er sagt, dass die Spaltung unvermeidlich ist, aber dass sie besser später als jetzt erfolgt. Dies auch deshalb, weil, je später sie erfolgt, um so mehr Erfahrungen gesammelt werden können z.B. über die Ergebnisse eines Kurses, wie er von Nyers verkündet wurde.
Die DVZ gibt mit jeder neuen Nummer Anlass zu neuem Ärger und Kopfschütteln. (Natürlich gibt es auch manches, das ich mit Gewinn und Zustimmung lese.) Mit besonderer Spannung mache ich mich immer an die Artikel von E. Högmann-L. Aus ihrem Artikel in Nr. 32 („Linksradikale im Obersten Sowjet“) glaube ich entnehmen zu können, dass sie ihren Hoffnungsträger gewechselt hat: der ist jetzt Boris Jelzin, den sie allen Ernstes als Träger „besten linken Gedankengutes“ bezeichnet. Es ist zum Weinen! Aber was rege ich mich über Elvira auf: da gab es doch ein Interview von Jürgen Kuczynski, das die UZ brachte, von dem ich nicht weiß, welcher seiner Schwächen ich es zuschreiben soll: seiner Altersschwäche oder seinem noch immer jugendlichen Drang, das Publikum mit immer neuen Überraschungen zu verblüffen oder…oder…
Auf jeden Fall hat er sich damit in die Front jener eingereiht, die bei uns möglichst bald polnische oder ungarische Verhältnisse erreichen wollen und dazu von außen Druck machen und im Innern den Kessel anheizen. Ob die Wände stark genug sind, weiß keiner.
Herzliche Grüße, Kurt Gossweiler
Lieber Peter,
Du wirst vielleicht denken, nun hat den Kurt auch die Sprachlosigkeit erfasst: aber in Gedanken bin ich schon lange im Zwiegespräch mit Dir. Eine „Einmischung“ in Eure Diskussion von uns aus würde sich jetzt jedoch genau so gespenstisch ausnehmen, wie die nur einen Monat zurückliegende Feier zum 40. Jahrestag der DDR, heute auf dem Bildschirm vorgeführt. Was von hier aus jetzt erwartet wird, ist eine Erklärung, wie es zu dem jetzigen Zustand kommen konnte und ob und wie es mit dem Sozialismus in der DDR weitergehen soll und kann.
Natürlich hat mich wie jeden die Plötzlichkeit und Geschwindigkeit der Entwicklung überrascht: aber der letzte Satz meines letzten Briefes an Dich hat meine große Beunruhigung und Sorge über die Zukunft wohl deutlich werden lassen.
Ich fange diesen Brief an – einen Tag nach dem Rücktritt des Politbüros. Was jetzt kommt, wird ein letzter Versuch sein, eine Basis für eine Konsolidierung zu finden, die dem Sozialismus auf deutschem Boden noch eine Chance lässt.
Wie konnte sich das äußere Bild der Stabilität der DDR in so kurzer Zeit so radikal wandeln? Natürlich müssen wir, wenn ein solcher Vertrauensverlust sich offenbart wie jetzt, die Schuld zu allererst bei uns selbst suchen. Und da gibt es Vieles, Allzuvieles zu nennen. Wir haben einen paternalistischen Sozialismus praktiziert, der zwar ehrlich sich zum Ziel setzte, dem Wohl des Volkes zu dienen, dessen Praxis aber zugleich die Einstellung zum Ausdruck brachte, dass die Führung besser als das Volk selbst weiß, worin sein Wohl besteht, weshalb man es denn gar nicht erst über seine Ansichten und Wünsche zu befragen braucht. Daher jetzt der elementar losbrechende aufgestaute Zorn der Bürger über ihre Entmündigung.
Über das alles ist in den letzten Tagen und Wochen schon so viel gesagt und geschrieben worden – Richtiges, aber auch in ganz bestimmter Absicht unglaublich Übertriebenes -, dass ich es nicht zu wiederholen brauche. Die Kluft, die sich zwischen den Massen und der Führung auftat und deren Ursache zu einem sehr großen Teil in der geradezu schwachsinnigen Medienpolitik lag, in der Kluft zwischen dem DDR-Bild, das die Medien zeichneten und das in den Reden ausgemalt wurde und dem DDR-Alltag, den die Menschen im Betrieb und beim Einkaufen erlebten, diese Kluft wurde von den Genossen an der Basis immer schmerzhafter empfunden. Seit Jahren gab es in meiner Parteigruppe kaum eine Versammlung, in der nicht gefordert wurde, mit dieser unsinnigen, nichts außer Zorn und Empörung bewirkenden Schönfärberei Schluss zu machen. Weshalb sie dennoch so hartnäckig beibehalten wurde, dafür habe ich zwar Erklärungen gesucht, aber keine gefunden; und gebilligt habe ich sie so wenig wie alle Genossen, die ich kenne.
Ich werde nie in die Hass- und Hohngesänge einstimmen, die gegen Erich Honecker – und vielleicht auch bald gegen Egon Krenz – angestimmt werden. Aber ich war doch seinerzeit sehr erschrocken über das Maß an Wirklichkeitsferne und Ahnungslosigkeit über die Stimmung im Lande, die aus Erichs Erklärung sprachen, die Mauer werde noch 100 Jahre stehen, wenn nötig. Und fast noch unfassbarer ist mir, dass auch der neue Generalsekretär Egon Krenz eine solch katastrophale Rede zum 72. Jahrestag der Oktoberrevolution zuließ, wie die von Krolikowski gehaltene: sowohl der Mann, der sie hielt, als auch der Inhalt wirkten wie eine gewollte Provokation der Bevölkerung und machten bei allen, die sie zur Kenntnis nahmen, die Beteuerungen über den ernsthaften Willen zu den notwendigen Veränderungen unglaubwürdig. Nur zwei Beispiele, aber man könnte die Reihe leider noch um viele verlängern.
In meiner Stellung zur Honecker-Führung war ich gespalten: gegen die Medienpolitik, gegen die starre Wirtschaftspolitik und die selbstbetrügerischen Erfolgs- und Planerfüllungsberichte hatte ich die gleiche allergische Ablehnung wie alle meine Genossen und die Bevölkerung überhaupt. Aber ihr entschlossenes Auftreten gegen Illusionen über den Charakter des Imperialismus und gegen die Ansichten vom angeblichen Verschwinden des Klassenkampfes, ihre erklärte Absicht, gegen das Vordringen der Konterrevolution einen Sperrriegel zu bilden und ihre unbeirrbare internationalistische solidarische Unterstützung der nationalen Befreiungsbewegungen fanden meine volle Billigung und Unterstützung.
Die Entwicklung in Polen und Ungarn hätte eigentlich jedem Kommunisten deutlich vor Augen führen müssen, dass wir uns keineswegs in einer Periode sich abschwächenden Klassenkampfes befinden, sondern in einer entscheidenden Phase des Kampfes „Wer–Wen?“, da der Imperialismus vor aller Welt das Ziel verkündet hatte, den Sozialismus bis zum Jahr 2000 vom Erdball zu tilgen. Weil ich sah, dass unsere Führung dies genau so sah und einschätzte und deshalb so hartnäckig darauf beharrte, die Umbaupolitik Gorbatschows nicht zu kopieren, musste ich sie in dieser Frage ebenso sehr unterstützen, wie ich ihr auf anderem Gebiet kritisch gegenüber stand.
Das Dilemma, das ich zwar sah, aber in seiner Sprengkraft unterschätzte, war dies, dass man keinen haltbaren Sperrriegel aufbauen kann ohne festen Rückhalt in den Massen. Die andere Seite, die den „Osten“ in den Kapitalismus zurückholen will – und dazu gehört auch die Sozialdemokratie einschließlich der in ihre alte, wahre Gestalt zurückverwandelten ungarischen Sozialdemokraten vom Schlage eines Nyers – kannte natürlich dieses Dilemma und beeilte sich, die innere Schwäche des Sperrriegels offenkundig zu machen – durch die Öffnung der ungarischen Grenze nach Österreich für die „Übersiedler“, vertragsbrüchig, aber gut belohnt.
Mit dieser Maßnahme wurde dem zuvorgekommen, was sicherlich für den 12. Parteitag geplant war – eine Wachablösung und vorsichtige Korrektur vor allem der Wirtschaftspolitik, aber nicht nur dieser, ohne Gefährdung der Fundamente des Sozialismus. Gerade das aber wollten bestimmte Kräfte nicht und kamen dem zuvor. Der befürchtete Dammbruch wurde mit der Grenzöffnung zu Österreich eingeleitet, und jetzt zeigt sich, dass das lange – zu lange – Zögern mit der Durchführung notwendiger, Vertrauen wieder herstellender Veränderungen einen Rückstau anwachsen ließ, der das Fundament unterspült.
Der jetzige ideologische Zustand unserer Partei ist – so würde ich einschätzen – dem der DKP entsprechend.
Alle bewegt die eine Frage: Wie konnte es so weit kommen?
Darauf wird heute bei uns – vor allem von den Intellektuellen, aber natürlich nicht nur von ihnen – die gleiche Antwort gegeben wie bei Euch: dies alles sei die Folge der Deformation des Sozialismus durch den Stalinismus. Deshalb wird es nun bei uns an den verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen Institute zur Erforschung des Stalinismus geben.
Mir ist diese Antwort zu einfach und zu bequem, und sie wirft außerdem Probleme und Fragen auf, die auf der Grundlage dieser Allerweltserklärung nicht zu beantworten sind, z.B.: Wieso hat das ökonomische System am wenigsten funktioniert und zuerst versagt gerade in den Ländern, in denen am frühesten und gründlichsten „entstalinisiert“ wurde: Jugoslawien, Polen, Ungarn? Wieso steht gerade in diesen Ländern der Mensch am wenigsten im Mittelpunkt der staatlichen Fürsorge? Und warum gefällt der dort praktizierte „Sozialismus“ den Feinden des Sozialismus so gut?
11. 12. – Bis hierher war ich vor vier Wochen gediehen. Ich lasse es bei diesem Fragment.
Herzliche Grüße, Kurt Gossweiler
Lieber Peter,
heute erhielt ich Deinen Brief vom 6. 12. und beeile mich, Dir gleich zu antworten. Allerdings wird diese Antwort Stückwerk sein: ich schicke Dir zum ersten den Brief, den ich am 8. November an Dich angefangen, aber nicht beendet hatte, zweitens Auszüge aus Briefen an andere, die sich zu den Punkten äußern, über die ich Dir auch schreiben wollte, die also gewissermaßen die Ergänzung meines angefangenen Briefes an Dich darstellen. Aber diese Ergänzungen bedürfen selbst schon wieder der Ergänzung, so schnell ändert sich die Szenerie und die Rolle der agierenden Kräfte. Nur ganz kurz zu einigen von Dir berührten Fragen:
Erstens: Ja, unsere Generation (ich denke, so sehr weit sind wir gar nicht auseinander, ich bin Jahrgang 17) hat es besonders schwer, weil wir wohl am meisten verloren haben – an Hoffnungen, an bereits Erreichtem – und an Vertrauen bei der jungen Generation. Wenn es einer schwerer hat als wir, dann ist es die heutige Jugend, die unsere Ideale teilte und die jetzt Gefahr läuft, fürs ganze Leben unfähig zu werden, sich noch einmal mit der ganzen Person für eine Sache, und sei sie noch so gerecht, einzusetzen.
Zweitens: Du irrst sehr, wenn Du meinst, ich könnte Dir mehr sagen als Du mir. Ich kam mir in den letzten Wochen ziemlich hilflos und überflüssig vor und beneidete die jungen Genossen bei uns, die, in der festen Überzeugung, der Erneuerung, ja der Rettung der Partei und des Sozialismus zu dienen, mit wahrer Berserkerwut und stürmischem Elan sich bemühten, an die Spitze derer zu gelangen, die die alte Partei, die alten Strukturen und die alten Überzeugungen demontierten. Und ich konnte – so neidisch ich auf ihren revolutionären Elan war – nicht mitmachen, sondern bremste, weil ich überzeugt davon war, dass sie das Gegenteil von dem bewirken würden, was sie wollten.
Drittens: Die Perspektive. Auch ich verliere den Optimismus nicht – soweit damit der historische Optimismus auf lange, auf eine sehr lange Sicht gemeint ist. Für die nächste absehbare Zeit sehe ich aber keine Kraft, die die konterrevolutionäre Welle am völligen Ausrollen – zumindest in Europa – hindern oder gar sie zurückrollen könnte. Und die vor allem deshalb nicht, weil wir uns selbst durch eine meiner Ansicht nach nicht bis zu den wirklichen Ursachen vordringende oberflächliche Analyse noch mehr Schuld aufladen, als wirklich auf unser Konto gehört, uns außerdem noch weiter vorantreiben auf dem Weg in die falsche, revisionistische, reformistische Richtung, die uns nur zu einem Wettbewerb mit der Sozialdemokratie in Sachen Reform bringt, den wir von vornherein nicht gewinnen können.
Viertens: Die Partei. Du hast sicherlich unseren Sonderparteitag vom letzten Freitag verfolgt, und die Materialien in seinem Vorfeld. Noch vor wenigen Tagen hörte ich Genossen sagen: Wir sind eine Partei von 2 Millionen, das ist eine Kraft, an der kann niemand vorbei. Über so viel blauäugige Naivität konnte ich nur staunen. Haben sich denn diese Genossen nie darüber Gedanken gemacht, wie viel Kroppzeug sich an eine regierende, Macht ausübende Partei anhängt, das wie Spreu im Winde davonfliegt, wenn die Macht entschwindet? Wer jetzt zur Partei hält, dem geht’s wieder – wie einst in Weimar – wirklich um die Sache, nicht um die Position. Aber die große Frage für mich ist: ist das noch eine kommunistische Partei? Und ich kann Dir jetzt noch nicht sagen, was am Ende des außerordentlichen Parteitages für eine Partei herauskommen wird. Davon wird sehr abhängen, wer sich dafür entscheiden wird, in dieser Partei zu bleiben, oder ob es früher oder später zur Bildung anderer Parteien neben ihr kommen wird.[14] Ich schildere Dir damit nur eine Situation, vor der Ihr auch steht.
Fünftens: In einem Punkt möchte ich Dir widersprechen, nämlich, wenn Du sagst: Die tiefe Krise in meiner Partei ist schließlich doch nur ein Reflex auf die Erschütterungen in der DDR. Nein, da bin ich anderer Meinung. Sie ist ein Reflex der Krise des Sozialismus überhaupt, die sich äußerte 1956 in Polen und Ungarn, 1968 in der CSSR, 1970, 1980, 1981 bis heute in Polen, seit längerem in Ungarn, seit 1985 offen auch in der Sowjetunion; und gerade von hier gingen die stärksten Impulse für die Formierung der latent schon länger vorhandenen „zweiten Partei“ in der Partei aus. Ich würde eher sagen: dass die DKP so lange von der Welle des Eurokommunismus so wenig berührt wurde, das hing zu einem großen Teil damit zusammen, dass die DDR so lange als der stabilste, auf gesundem Fundament stehende sozialistische Staat gelten konnte.
Schließlich: Zum Problem der alten Genossen wie Honecker, Axen, Sindermann. Ich habe dazu in meinem ersten Brief an Dich schon etwas gesagt. Mir ging es genau wie Dir. Aber etwas anderes konnte es nicht geben. Es war Pflicht dieser Genossen, sich ständig die Frage vorzulegen: können wir, was wir tun, vor der Partei, vor den Massen verantworten? (Ganz besonders dann, als Solidarnosc in Polen die Kampagne gegen Gierek und Genossen wegen Korruption begann und damit die Partei bei den Massen unmöglich machte.) Unbegreiflich, dass sie alle Signale missachteten.
Euch beiden die besten Wünsche zum neuen Jahr und herzliche Grüße, Kurt und Edith
[14] Der Außerordentliche Parteitag der SED fand im Dezember 1989 statt. Auf ihm wurde beschlossen, die Partei umzubenennen in SED – PDS, (Partei des Demokratischen Sozialismus), ein neues Programm und Statut anzunehmen und mit dem „Stalinismus“, (gemeint war und wurde vollzogen: mit dem Marxismus-Leninismus), zu brechen. Zum neuen Parteivorsitzenden wurde der Rechtsanwalt Gregor Gysi gewählt.
Lieber I. L. Popeljucher,
verzeihen Sie, dass ich so lange Ihren letzten Brief unbeantwortet ließ, aber die bestürzenden Ereignisse bei uns haben andere Dinge in den Vordergrund gerückt. Dennoch verfolgte und verfolge ich mit wachsender Sorge, ja Verzweiflung, die Entwicklung in Ihrem Lande. Die „Perestroika“ erweist sich – daran kann niemand mehr zweifeln, der nicht absichtlich die Augen vor der schrecklichen Wahrheit verschließt – als Umbau des Sowjetstaates in eine ordinären bürgerlichen Staat, als Auslieferung des Leninschen Erbes an das internationale Kapital. Nicht die versprochene „Erneuerung des Sozialismus“ hat Gorbatschow gebracht, sondern dessen Liquidierung, nicht einen „sozialistischen Rechtsstaat“, sondern mörderischen Bruderkrieg der einstmals brüderlich vereinten Völker der Sowjetunion, Entfesselung aller konterrevolutionären Kräfte, Zerfall und Anarchie.
Ich erlebe mit Trauer und Zorn den Untergang des Landes der Hoffnung meiner Jugend, der sozialistischen Sowjetunion. Und auch ihr geliebter Puschkin wird es sich gefallen lassen müssen, in der Zukunft von den Kräften der Reaktion für ihre finsteren Zwecke missbraucht zu werden.
Bleiben wird aber unsere solidarische Verbundenheit mit allen Kommunisten-Leninisten Ihres Landes.
Mit freundlichem Gruß, Kurt Gossweiler
Lieber Pavel,
vielen Dank auch für Deine erneute Einladung. Es tut mir sehr leid, sie ablehnen zu müssen, und es fällt mir nicht leicht, Dir den Grund – oder besser: die Gründe – dafür zu nennen. Zum einen befürchte ich, dass unser freundschaftliches Verhältnis gegenwärtig sehr schnell zerbrechen würde an unseren sehr gegensätzlichen Ansichten über die Perestroika.
Was für Dich – wie für die meisten meiner Kollegen hier – eine erfreuliche Erneuerung des Sozialismus darstellt, ist meiner Überzeugung nach ein Prozess der Zerstörung der Grundlagen des Sozialismus und der Verwandlung der Sowjetmacht in einen ordinären bürgerlichen Staat. Dieser Prozess ist schon so weit vorangetrieben worden, dass es – wie in Polen, Ungarn bei uns und in allen ehemals sozialistischen Ländern Europas keine Umkehr mehr geben kann; wer aber glaubt, dass der Zug an einer Station „Präsidentschaftskandidat Gorbatschow“ Halt machen wird, der gibt sich erstaunlichen Illusionen hin.
Selbst eine Präsidentschaft des noch weiter rechts stehenden Jelzin – (er steht rechts von Gorbatschow, nicht links, wie man in Euren Zeitungen lesen kann) – würde nur eine Durchgangsstation sein zu einem „kommunistenfreien“ Russland; und es steht sehr zu befürchte, dass die soziale Rache der wieder an die Macht gebrachten Konterrevolution bürgerlicher Observanz sich nicht mit der Wiederherstellung einer Art Kerenski-Regierung[15] zufrieden gibt, sondern die rabiatesten Antikommunisten und Antisemiten von der Leine lässt, die sich heute ja schon nicht mehr nur in den baltischen und kaukasischen Randstaaten offen zeigen, sondern bereits im Herzen Moskaus.
Dies mag Dir jetzt noch als eine absurde Horrorvision eines in Panik geratenen „Konservativen“[16] erscheinen; aber von Panik sind solche Visionen in keiner Weise hervorgebracht, sondern allein von der Gewissheit, dass die Zeiten des Klassenkampfes keineswegs der Vergangenheit angehören, sondern dass wir gegenwärtig Zeugen und Betroffene des schärfsten Klassenkampfes und des Triumphes des Imperialismus über die antiimperia-listischen Kräfte sind, der die Menschheit hinter den Oktober 1917 zurückwirft und alle seit 1917 gebrachten Opfer für den sozialen Fortschritt zu vergeblich gebrachten Opfern macht.
Der Klassenkampf hat seine eigenen Gesetze: wer die gebändigten Kräfte der Konterrevolution entfesselt, kommt durch sie um. Vorläufig erhalten diese Kräfte aus dem Westen noch den Ratschlag, sich zurückzuhalten und ihren Rachedurst zu zügeln, weil man dort, in Washington, London, Paris und Bonn fürchtet, bei einem zu raschen und brutalen Vorprellen könnten sich in der Sowjetarmee noch Kräfte finden, die den Prozess der Selbstauflösung und des Zerfalls durch Errichtung einer Militärdiktatur zu stoppen versuchen. Wenn sie aber die Gewissheit erlangt haben, dass eine solche Gefahr nicht mehr besteht, dann werden sie auch nicht mehr darum bangen, dass Gorbatschow sich an der Spitze halten kann, dann werden sie selbst die modernen „Schwarzhunderter“[17] von der Leine lassen, und dann – so ist zu befürchten – wirst Du im eigenen Lande genügend Material finden, in dem der Zusammenhang von Konservatismus und Schwarzhundertertum zu studieren sein wird.
Der andere Grund dafür, dass ich Deiner Einladung nicht folgen kann, hängt natürlich mit dieser meiner Einschätzung zusammen. Ich will und kann nicht mehr in die Sowjetunion reisen, weil es mich zu tief schmerzt, die Rückverwandlung dieses Landes der Hoffnung meiner Jugend, der Hoffnung aller nach Befreiung vom Imperialismus strebenden Menschen und Völker, in ein kapitalistisches, vom Imperialismus wieder erobertes Land auch noch aus allernächster Nähe zu erleben. Es ist schon schlimm genug, dies im eigenen Land, in der DDR, erleben zu müssen.
Lieber Pavel, ich hoffe sehr, dass wir trotz solch tiefer Meinungsverschiedenheiten zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Verbindung bleiben
und grüße Dich herzlich, Kurt Gossweiler.
[15] Nach dem Sturz des Zarismus in der Februar-Revolution wurde zunächst eine Provisorische Regierung gebildet aus Vertretern der Menschewiki (Sozialdemokraten) und der Sozialrevolutionäre, deren Führer A.F. Kerenski war. Als die Provisorische Regierung im Juli 1917 umgebildet wurde, um den Krieg trotz des wachsenden Widerstandes im Volk und in der Armee weiter zu führen, rückte Kerenski vom Minister zum Ministerpräsidenten auf.
[16] Die Bezeichnung der am Marxismus-Leninismus Festhaltenden als „Konservative“ war gängiger Brauch bei Gorbatschow und den Perestroika-Anhängern und ist es auch heute noch bei „demokratischen Sozialisten“, „Erneuerern“ in den Kommunistische Parteien.
[17] „Schwarzhunderter“ – vom Zarismus geschaffene bewaffnete Formationen zur Ergänzung des Polizeiterrors gegen die fortschrittlichen und revolutionären Bewegungen. Dazu schrieb Lenin (Werke, Bd. 8, Berlin 1958, S. 193): „Die Sprungfedern der Polizeimaschine haben nachgelassen, militärische Kräfte allein genügen nicht. Man muss … aus den Reihen der am wenigsten aufgeklärten Schichten der städtischen (und später selbstverständlich auch der ländlichen) Kleinbourgeoisie „Schwarzhundertschaften“ rekrutieren, man muss versuchen, alle reaktionären Elemente in der Bevölkerung selbst zur Verteidigung des Throns zusammen zu schließen, man muss den Kampf der Polizei gegen Zirkel in einen Kampf des einen Teils des Volkes gegen den anderen Teil des Volkes verwandeln.“
Lieber Peter,
kaum zu glauben, seit Deinem letzten Brief sind schon wieder über zwei Monate vergangen – und was für welche! Du hattest darin noch geschrieben: „…denn von Euch hängt viel Entscheidenderes ab, als von uns – ob wir uns behaupten oder nicht – von Euch erfahren wir aber auch Ermutigendes…“ Wenn man das heute liest, nach diesem Wahlergebnis! „An D-Mark hängt, zur D-Mark drängt doch alles“ – frei nach Goethe.
Aber abgesehen von diesem „schwarzen“ Wahlergebnis war doch seit November klar, dass die Entwicklung hin zum „Anschluss“ nicht mehr aufzuhalten ist; die Preisgabe der Kontrolle über die Grenze ist gleichbedeutend mit der Preisgabe der Kontrolle über die Wirtschaft.
Ich danke Dir für den Vermittlungsdienst zu Jupp Schl., der mir inzwischen auch schon eine Antwort zukommen ließ, wie Du sicher schon weißt. In Gedanken bin ich schon seit langem dabei, die begonnene Diskussion mit ihm fortzusetzen, aber es ist einfach unmöglich, die Zeit zu finden, die eigenen Gedanken zu Papier zu bringen. Jeder Tag bringt neues Material, das verarbeitet werden muss, ganz besonders Bedenkenswertes über die Ergebnisse der immer fragwürdiger werdenden „Erneuerung des Sozialismus“, Perestroika genannt, deren Erstaunlichstes ja wohl darin besteht, dass der „Demokratisierungsprozess“ nun darin gipfelt, ein Präsidentenamt hervorgebracht zu haben mit bisher nie da gewesener diktatorischer Machtvollkommenheit.
Übrigens ist die DVZ nun doch wiedererstanden, ich werde sie aber abbestellen, sie ist erstens zu teuer geworden, zweitens kann ich das intellektuelle Linksertum mit seiner besserwisserischen Ahnungslosigkeit nur schwer ertragen. – Gerade habe ich mir die Nummern 11 und 12 nochmals angesehen: ich werde mit dem Abbestellen noch warten; einiges Lesenswertes, das man woanders nicht findet, ist doch in jeder Nummer.
Ich habe in alten Sachen gekramt, und da fand ich u.a. den Brief, von dem ich Dir einen Ausschnitt beilege. Er ist gerichtet an einen sowjetischen Freund – er war Lehrer an der Antifaschule in Taliza, und ich war sein Assistent – und datiert vom 18. Februar 1957. (Ich hätte ihn gelegentlich gern zurück.) Du magst daraus ersehen, wie alt (und verhärtet, versteinert?) meine Ansichten über die Wurzeln und Ursachen der Katastrophe sind.
Preisfrage: Hat die Katastrophe diese Ansichten bestätigt oder widerlegt? Vorläufig und für länger bleibts eine Streitfrage.
Herzliche Grüße, Kurt Gossweiler
Lieber Mietek,
es wird Zeit, wieder einmal ein Lebenszeichen nach Torun zu senden und nach Deinem und Deiner Familie Ergehen zu fragen. Aus Deinem letzten Brief habe ich zu meiner Beruhigung gesehen, dass Du von den Wogen der Konterrevolution (noch?) nicht aufs Trockene gesetzt wurdest, ich hoffe, es bleibt bei Dieser Normalität in diesen – wie Du zu Recht schreibst – „komplizierten Zeiten“.
Ich bin da natürlich in einer „privilegierten“ Stellung – weil bereits emeritiert. Jene meiner Genossen, die sich nicht schnell „gewendet“ haben – es sind das allerdings nur ganz wenige, die meisten haben eine große Wendigkeit in der Einstellung auf die neuen Herren gezeigt – haben es da sehr viel schwerer.
Als sich unsere Partei ein neues Programm und Statut gab, habe ich auch sehr überlegt, ob diese Mischung aus Sozialdemokratie und Restbeständen an Marxismus noch meine Partei sein kann; ich habe mich aber dann doch entschlossen, in der PDS zu bleiben, weil sie die einzige Partei ist, in der unsereins überhaupt noch Gleichgesinnte findet, und weil ich mit den Genossen, mit denen ich seit Jahrzehnten verbunden bin, verbunden bleiben möchte. Aber der ideologische Wirrwarr ist ungeheuer, und die Nebel werden sehr, sehr langsam weichen. Hochkonjunktur hat die einseitigste Schwarzmalerei der Vergangenheit.
Dabei ist unbestritten, dass es Kritikwürdiges in großen Mengen gab; aber wer die Hauptursache des Unterganges des Sozialismus in unserem Land allein sucht, hat ein viel zu sehr eingeengtes Blickfeld: schließlich erfolgt der Zusammenbruch nicht in einem einzigen Land allein, sondern in ganz Osteuropa, die Sowjetunion eingeschlossen; und es ist die Politik der jetzigen dortigen Führung, die ganz offensichtlich auf die Restauration bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse Kurs genommen und damit grünes Licht gegeben hat für alle restaurativen Kräfte in den volksdemokratischen Ländern, während sie gleichzeitig all jenen Kräften den Boden unter den Füßen entzog, die wirklich den Sozialismus erhalten und verbessern wollten.
In gesundheitlicher Hinsicht geht es uns beiden normal, will sagen, lediglich mit den unvermeidlichen Abnutzungserscheinungen belastet, die eben auftreten, wenn man mehr als 70 Jahre auf dieser Erde herumkrabbelt. In der wissenschaftlichen Arbeit habe ich mich jetzt – privat – ganz der Ursachenforschung für den Zusammenbruch des Sozialismus zugewandt, also den letzten 40 Jahren. Was dabei herauskommt, wird allerdings zu meinen Lebzeiten kaum publiziert werden, dazu steht es zu sehr quer zu den jetzt geläufigen Erklärungen.
Lieber Mietek, ich lege Dir wieder einige Briefmarken bei. Ich denke, Deine DDR-Sammlung wird an Wert enorm steigen, da natürlich die Briefmarken eines untergegangenen Staates eine besondere Rarität darstellen… (Ich würde allerdings auf eine derartige Wertsteigerung gern verzichtet haben.)
Für heute mag es genug sein.
Wir grüßen Dich und Deine Familie ganz herzlich,
Dein Kurt Gossweiler
Lieber Professor Uesugi,
vielen Dank für Ihre letzten beiden Briefe, die mir wertvolle Beweise ihrer fortwährenden Verbundenheit mit der DDR sind – mit einer DDR, die es ab jetzt aber nicht mehr gibt.
Sie möchten meine Ansichten kennen lernen zu den Uraschen, die zum Untergang des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden führten. Ich glaube, das werden Sie am besten den Briefen und Aufzeichnungen entnehmen können, die ich diesem Brief beilege. …Zur Erläuterung nur einige Bemerkungen:
Obwohl ich mir darüber klar bin, dass es auch innere Ursachen für den Zusammenbruch des sozialistischen deutschen Staates gibt, sehe ich die Hauptursachen dafür in den äußeren Einwirkungen: Es ist ja kein Zufall, dass kein einziger sozialistischer Staat in Europa übrig bleiben wird – nicht einmal Albanien, das sich mit am konsequentesten immun hielt gegen die revisionistischen Krankheitskeime, deren Hauptherd seit Mitte der fünfziger Jahre die Chruschtschow-Fraktion in der UdSSR, sodann die polnische und die ungarische Führung waren. Gar nichts halte ich von den beigelegten Erklärungen, die besagen, es seien die „stalinistischen Strukturen“ gewesen, die zum Zusammenbruch geführt hätten, denn das wirft folgende Fragen auf:
Mit einem Wort: Den sozialistischen Staaten, die aus den Parteien der III. Internationale hervorgegangen sind, wurde das gleiche Schicksal zuteil wie der II. Internationale: sie sind daran zu Grunde gegangen, dass sie von innen her vom Revisionismus zerfressen wurden, weil seit der Mitte der 50er Jahre in einigen von ihnen, besonders in der KPdSU, jene Kräfte die Oberhand gewannen, die vor den Schwierigkeiten des ungleichen Kampfes gegen den gewaltig – ökonomisch – überlegenen Imperialismus zurückschreckten und deshalb - wie Bucharin schon in den 20er Jahren - nach einem weniger schwierigen, weniger mühsamen und weniger opferreichen Weg suchten - nämlich, indem sie propagierten, man könne den Sozialismus am besten dadurch zum Siege führen, indem man seinen Aufbau der Hilfe und der Zusammenarbeit mit den Imperialisten anvertraut. Indem die kommunistischen Parteien das Rezept der Sozialdemokratie übernahmen, konnte nichts anderes dabei herauskommen als das, was seit je-her das Ergebnis sozialdemokratischer Politik ist: die Restauration des Kapitalismus.
Jetzt muss alles noch einmal von vorn gelernt werden: das ABC des Klassenkampfes, und es wird Jahrzehnte dauern, bis Generationen herangewachsen sind, die auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen das Gift des Revisionismus, das jetzt den Organismus fast aller kommunistischer Parteien zersetzt hat, wieder ausgeschieden haben und dadurch im Stande sein werden, unter den hoffentlich günstigeren Bedingungen das sozialistische Ziel zu erkämpfen.
Kurt Gossweiler
Lieber Peter,
morgen werden wir für eine Woche in die Berge (nur in die Sächsische Schweiz) fahren, vorher möchte ich noch einige Gedanken zu zwei Artikeln, die mich sehr bewegten, loswerden. Zunächst aber vielen Dank für Deine letzten beiden Sendungen. Was meinen Brief an meinen sowjetischen Bekannten betrifft, so wirst Du ja richtig verstanden haben, dass für mich das Wichtigste nicht die Einschätzung des Klassenbewusstseins unserer Leute war, sondern das Lob für unsere Parteiführung dafür, dass sie die revisionistische Politik, wie sie in Polen und Ungarn praktiziert wurde, nicht mitgemacht hat.
Und damit bin ich schon bei meinem heutigen Thema. Aus gegebenem Anlass – nämlich der in Mode gekommenen Bucharin-Glorifizierung – habe ich in den Sämtlichen Werken Lenins dessen Referat auf der Sitzung des Allrussischen Exekutivkomitees vom 29. April 1918[18] nachgelesen, in dem er sich ausführlich mit den „Linken Kommunisten“ auseinandersetzt, deren Führer damals Bucharin war. Sie hatten Lenin scharf attackiert, und zwar erstens wegen des Abschlusses des Brester Friedens[19] (sie verlangten dagegen als einzig mögliche „revolutionäre“ Politik die Erklärung des heiligen revolutionären Krieges zur Vernichtung des Imperialismus in Europa), zweitens, weil Lenin erklärte, die kleinbürgerliche Anarchie müsse mit Hilfe des „Staatskapitalismus“ überwunden werden. Es ist dies eine lohnende, geradezu aktuelle Lektüre, wenngleich etwas beschwerlich ohne Kenntnis der damaligen Situation.
Besonders bemerkenswert fand ich folgende Ausführungen Lenins: „Das wichtigste Kampffeld gegen uns ist für unsere Gegner aus dem kleinbürgerlichen Lager das Gebiet der inneren Politik und des wirtschaftlichen Aufbaus. Ihre Waffe ist – die Untergrabung all dessen, was das Proletariat dekretiert und beim Aufbau der organisierten sozialistischen Wirtschaft durchzuführen sucht. Hier tritt die kleinbürgerliche Anarchie – die Anarchie der kleinen Eigentümer und des zügellosen Egoismus – als entschiedener Feind des Proletariats auf.“ (S. 540) Lenin hat mehrfach betont, dass es leichter ist, die Bourgeoisie zu stürzen, als diese Elementargewalt der kleinbürgerlichen Anarchie zu bändigen. Die Erfahrungen, die wir von 1941-1945 und von 1955-1990 machen konnten und machen mussten, zeigen die Umkehrung dieser Feststellung: Den Sozialismus zu stürzen ist viel schwerer durch einen offenen konterrevolutionären Angriff als durch die Wiederbelebung und Entfesselung dieser kleinbürgerlichen Elementargewalt. Gerade auf diesem Wege wurde in Gomulka-Polen und im Imre-Nagy- und Kadar-Ungarn der Sozialismus verfälscht, Jahrzehnte lang unterminiert und ausgehöhlt, ohne dass jemals möglich war, die Verderblichkeit dieser Politik öffentlich zu diskutieren, denn wir hatten ja seit 1955 das Prinzip der „Nichteinmischung“ in die „besonderen nationalen Wege“ diktiert bekommen. Aber damit nicht genug: ab 1985 wurden die polnischen und ungarischen „Reformen“ sogar als vorbildlich gelobt und zur Nachahmung empfohlen und in der Sowjetunion auch mit allem Nachdruck eingeleitet. Das Ergebnis ist genau der Zustand, den Lenin als kleinbürgerliche Anarchie gekennzeichnet hat. Aber Schuld daran hat natürlich einzig und allein der Georgier…
Auf S. 544 stellt Lenin fest, nicht die Massen, sondern „die deklassierte Intelligenz“ habe den Brester Frieden abgelehnt, den sie „nicht nur für eine Schande, sondern für nutzlos“ hielt. Muss man Lenin etwa auch der „Intelligenzfeindlichkeit“ beschuldigen?
S. 549: „In der Frage der Außenpolitik (haben wir) vor uns zwei Hauptlinien: die proletarische Linie, die besagt, dass die sozialistische Revolution höher als alles steht … und die andere Linie, - die bürgerliche Linie - die besagt, dass die Großmachtstellung und die nationale Unab-hängigkeit wichtiger ist als alles andere.“ (Muss man hier noch näher erläutern, von welcher Position aus die heute übliche Kritik am Nichtangriffsvertrag[20] geübt wird?)
Die letzten Ausführungen Lenins sind eine gute Überleitung zu der zweiten Leseempfehlung, zu dem beigelegten Artikel des Herrn G.V.Batenin, „Generalmajor und Militärexperte des ZK der KPdSU“. Wenn man heute Kommunisten fragt, welche Ereignisse des politischen Lebens in Europa sie für die wichtigsten hielten, dann dürfte wohl von keinem eine andere Antwort kommen als: `Das Scheitern des Sozialismus in Europa, dessen letzten Akt wir in der Sowjetunion erleben´. Anders Herr Batenin (Militärexperte des ZK der KPdSU!). Seine Antwort: „Von allen Ereignissen des politischen Lebens in Europa ist die Vereinigung Deutschlands das wichtigste.“ Hurra, wir sind wieder da! Wir haben noch nachträglich den Zweiten Weltkrieg gewonnen! Der Sozialismus ist für Herrn Batenin (Militärexperte des ZK der KPdSU!) kein Thema. In seinem ganzen Artikel kommt er nur einmal vor – als „Kasernen-sozialismus“.
Fragt man Kommunisten nach der Bedeutung von Jalta und Potsdam, dann dürfte von jedem, der die Geschichte kennt, nur eine Antwort kommen: Das war die von der Sowjetunion in zähem Ringen erkämpfte Legitimation für die Entmachtung der Naziaktivisten und Kollaborateure, also für den demokratischen Neubeginn im Nachkriegseuropa, die