Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 3/05
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Stalins Beiträge

zur

marxistisch-leninistischen Militärtheorie und -politik

 

Das Jahr Fünfundvierzig

 

Von

Ulrich Huar

 

Inhalt

  Redaktionsnotiz 

„Das Jahr Fünfundvierzig" - Teil 1 

  „Das Jahr Fünfundvierzig" 

  l. Rück- und Ausblick 1944/45 

  2. Die „Endphase" des Krieges 

  3. Ardennenoffensive 

  4. Weichsel - Oder - Operation 

  5. Ostpreußen - Kurland 

  6. Karpaten 

  7. Malta 

  8. Jalta 

Eröffnung 

Anmerkungen 

„Das Jahr Fünfundvierzig" - Teil 2 

  Die Berliner Operation 

  Die Befreiung Berlins 

  „Theorie der Teilkapitulationen" 

  „Der Krieg ist noch nicht beendet..." 

Anmerkungen zu Teil 2 

„Das Jahr Fünfundvierzig" - Teil 3 

Zwischen heißem und kaltem Krieg

  Potsdam - Eröffnung 

  „Was bedeutet jetzt Deutschland?" 

  Aufteilung der deutschen Flotte 

  Polen 

  Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Finnland 

  Reparationen 

  Antisowjetische Aktionen 

  Fernost 

Anmerkungen zu Teil 3 

ANHANG 

  MITTEILUNG ÜBER DIE BERLINER .KONFERENZ DER DREI MÄCHTE 

  II. DIE ERRICHTUNG EINES RATES DER AUSSENMINISTER 

  III. DEUTSCHLAND 

  A. POLITISCHE GRUNDSÄTZE 

  B. WIRTSCHAFTLICHE GRUNDSÄTZE 

  IV. REPARATIONEN VON DEUTSCHLAND 

  V. DIE DEUTSCHE KRIEGS- UND HANDELSMARINE 

  VI. STADT KÖNIGSBERG UND DAS ANLIEGENDE GEBIET 

  VII. KRIEGSVERBRECHER 

  VIII. ÖSTERREICH 

  IX. POLEN 

  X. DER ABSCHLUSS DER FRIEDENSVERTRÄGE UND ZULASSUNG ZUR ORGANISATION DER VEREINTEN NATIONEN 

  XI. TERRITORIALE TREUHANDSCHAFT 

  XII. REVISION DES VERFAHRENS BEI DEN ALLIIERTEN KONTROLLKOMMISSIONEN IN RUMÄNIEN, BULGARIEN UND UNGARN 

  XIII. GEREGELTE UMSIEDLUNG DEUTSCHER BEVÖLKERUNG 

  XIV. MILITÄRISCHE BESPRECHUNGEN 

  XV. UNTERSCHRIFTEN 


 

Redaktionsnotiz

Dieses Heft ist doppelt bedeutsam.

Es ist erstens unser – wie wir meinen durchaus würdiger – Beitrag zum 60. Jahrestag des 8. Mai 1945, eine Erinnerung an die Zerschlagung des Faschismus und die ungeheure Leistung der Sowjetunion. Worauf wir besonders hinweisen wollen, ist die Kompliziertheit der Lage und der Entscheidungen, sind die historischen Bedingungen und ist der erworbene Handlungsspielraum des Sozialismus durch seine stärkste Kraft, die Sowjetunion.

Und zweitens bildet es den krönenden Abschluss der Stalin-Reihe von Ulrich Huar. Wir sagen ihm hiermit vielmals Dank für die Mühe und die Konsequenz. Eine Arbeit, die in so konzentrierter und präziser Form die Analyse eines Geschichtsprozesses von fast 30 Jahren, nämlich die Epoche des Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion incl. aller inneren und äußeren Probleme darstellt, ist uns bisher nicht bekannt. Es handelt sich um folgende Hefte:

… Stalins Beiträge zur Theorie der nationalen Frage

… Stalins Beiträge zur politischen Ökonomie des Sozialismus

… Stalins Beiträge zur Parteitheorie I

… Stalins Beiträge zur Parteitheorie II

… Stalins Beiträge zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und –politik. 1918 – 1940

… Stalins Beiträge zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und –politik. 1941 – 1942/43

… Stalins Beiträge zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und –politik. 1943

… Stalins Beiträge zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und –politik. 1944

… Stalins Beiträge zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und –politik. Das Jahr 45

 

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„Das Jahr Fünfundvierzig" - Teil 1

„Das Jahr Fünfundvierzig"

So lautet der Titel des zweiten Erinnerungsbandes von Iwan Stepanowitsch Konew, Marschall der Sowjetunion, FOB der 1. Ukrainischen Front, den ich für den letzten Teil meiner Studie über den Beitrag Stalins zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und -politik gewählt habe.

Nun lassen sich militärische Operationen im Kriege schwerlich nach Ende eines alten und Beginn eines neuen Jahres periodisieren, und die Bestimmung des Jahres 1945 als Zäsur trägt somit etwas willkürlichen Charakter. Aber Zäsuren werden ohnehin immer nach dem einen oder anderen Ereignis oder Datum bestimmt und dienen lediglich als methodische Orientierungshilfen für die Untersuchung historischer Prozesse.

l. Rück- und Ausblick 1944/45

Ausgangspunkt für das „Jahr 45" ist die Rede Stalins zum 27. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution vom 6. November 1944,1) in der er einmal im Rückblick auf die ersten drei Jahre des Großen Vaterländischen Krieges den erreichten Stand der „allgemeinen Offensive", die als die „Strategie der zehn Schläge" in die Kriegsgeschichte eingegangen ist, die militärpolitische Ausgangssituation für das Jahr 1945 sowie die Grundzüge der Politik der Sowjetregierung für die Gestaltung der internationalen Nachkriegsordnung darlegte, wie er sie dann auf der Krimkonferenz im Februar 1945 gegenüber Roosevelt und Churchill vertrat.

Stalin unterschied zwischen drei Perioden des bisherigen Krieges. Zur ersten Periode gehörten die „beiden ersten Kriegsjahre", der Offensive der deutschen Truppen, deren Vordringen in die Sowjetunion, die Verteidigungskämpfe der Roten Armee.

Das dritte Kriegsjahr als die zweite Periode war das „Jahr des grundlegenden Umschwungs", in dem die Rote Armee mächtige Offensiven führte, zwei Drittel des sowjetischen Bodens befreite. In dieser Zeit führte die Rote Armee den Krieg gegen die deutschen Truppen „immer noch einer gegen einen, ohne ernstliche Unterstützung von seiten der Verbündeten..."

Als dritte Periode benannte er das „vierte Kriegsjahr" als „einem Jahr entscheidender Siege der Sowjetarmeen und der Armeen unserer Verbündeten...."

Die Deutschen mußten nun einen Zweifrontenkrieg führen. Die deutschen Truppen wurden aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien und Mittelitalien vertrieben, die Kriegshandlungen griffen auf deutschen Boden über.

Es folgt die Aufzählung der „Zehn Schläge" mit ihren Ergebnissen sowie den personellen und materiell-technischen Verlusten der Deutschen und ihrer Verbündeten.

Die Teheraner Konferenz (28. November - 1. Dezember 1943) sei „nicht ohne Ergebnisse geblieben. Der Beschluß der Teheraner Konferenz über den gemeinsamen Schlag gegen Deutschland von Westen, Osten, Süden gelangte mit auffallender Pünktlichkeit zur Durchführung."2)

Stalin würdigte die Invasion der angloamerikanischen Verbündeten vom 6. Juni 1944 als eine „Massenlandungsoperation", „die ihrer Orga-nisiertheit und ihrem Ausmaß nach in der Geschichte einzig dasteht und überwanden meisterhaft die Befestigungen der Deutschen."3)

Ohne die Errichtung der zweiten Front in Europa, die 75 deutsche Divisionen gebunden habe, hätten die sowjetischen Truppen „nicht in so kurzer Zeit den Widerstand der deutschen Truppen brechen und sie aus der Sowjetunion hinaushauen können." Und umgekehrt, „ohne die wuchtigen Offensivoperationen der Roten Armee im Sommer dieses Jahres, die an 200 deutsche Divisionen gebunden haben", hätten die angloamerikanischen Truppen „nicht so rasch mit den deutschen Truppen ... fertig werden ... können."4)

Es waren dies sehr diplomatische Ausführungen, mit denen Stalin zu verstehen gab, wer auch nach der Invasion im Westen die Hauptlast des Krieges trug.

Es kann hinzugefügt werden, daß die Erfolge der sowjetischen Armeen, die sich als fähig erwiesen hatten, auch allein die Befreiung Europas vom faschistischen deutschen Imperialismus durchzuführen, die westlichen Alliierten veranlaßten, die Invasion durchzuführen, um „den Russen zuvorzukommen."

Natürlich wußte Stalin das auch, worauf er mit dem Hinweis auf die 200 deutschen Divisionen an der deutsch-sowjetischen Front sehr diskret hinwies. Etwas deutlicher war er dann mit dem Hinweis: „Heute erkennen alle an, daß das Sowjetvolk durch seinen aufopfernden Kampf die Zivilisation Europas vor den faschistischen Pogromhelden gerettet hat. Darin besteht das große Verdienst des Sowjetvolkes vor der Geschichte der Menschheit."5)

Dies hervorzuheben scheint mir 60 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus angesichts wiederholter Behauptungen, daß Europa von den Amerikanern befreit worden sei, notwendig zu sein. Die Hervorhebung des weltgeschichtlichen Verdienstes des Sowjetvolkes bedeutet keinesfalls, die hervorragenden Leistungen der angloamerikanischen Truppen bei der Invasion, in Italien und an anderen Frontabschnitten herabzusetzen oder zu leugnen. Sie haben einen bedeutenden Anteil an der Niederringung des faschistischen Deutschlands gehabt, der zu würdigen ist.

Man spreche über Meinungsverschiedenheiten unter den Verbündeten. Die gab es und die würde es auch in Zukunft geben. Es ginge nicht um Meinungsverschiedenheiten, sondern darum, daß sie nicht „über den Rahmen des im Interesse der Einigkeit der drei Großmächte Zulässigen hinausgehen und zu guter Letzt im Interesse dieser Einheit gelöst werden."6)

Die Hitlerfaschisten unternahmen mehrfache Versuche, die Vereinten Nationen zu spalten und gegeneinander auszuspielen. Dies sei verständlich. Die Einheit der Verbündeten sei für die Faschisten die größte Gefahr, deren Entzweiung wäre der größte militärische und politische Erfolg für sie. Die Bemühungen der faschistischen Politiker in dieser Richtung seien ergebnislos verlaufen. Dem Bündnis der Sowjetunion, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten lägen „nicht zufällige und vorübergehende Motive zugrunde..., sondern lebenswichtige und dauernde Interessen." Dieses Bündnis werde „die Prüfungen der Endphase des Krieges bestehen."7)

Stalin vermied es, in seinen Ausführungen die entgegengesetzten Klasseninteressen innerhalb der Antihitlerkoalition zwischen der Sowjetunion und den westlichen Verbündeten zu nennen. Zu diesem Zeitpunkt war das gemeinsame Interesse an der Niederwerfung des faschistischen Deutschlands - und Japans! - noch dominierend gegenüber den Klassenwidersprüchen. Die Spekulationen Hitlers und Goebbels, daß die Klassengegensätze letztendlich zur Spaltung der Antihitlerkoaltion führen mussten, waren zu diesem Zeitpunkt völlig unrealistisch. Hitler und Goebbels haben wiederholt das „Wunder der göttlichen Vorsehung"7a) in Reden und Proklamationen beschworen. In seinem Neujahrsaufruf an das deutsche Volk vom 1. Januar erklärte Hitler, daß das Jahr 1945 „das Jahr einer geschichtlichen Wende sein" werde.7b) Im Tagebuch Goebbels von 1945 finden sich mehrere Eintragungen über die Erwartung eines politischen „Wunders", einer Wiederholung des „Mirakels des Hauses Brandenburg" im Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763), des Verhaltens der Römer während der Belagerung ihrer Stadt durch die Truppen Hannibals im 2. Punischen Krieg. (218 - 201 v.u.Z.) 8)

„Aus welchem Grunde" schrieb Goebbels noch am 24. März in sein Tagebuch, „sollten wir nicht auf eine ähnliche wunderbare Wandlung der Dinge hoffen können."9) Am 5. März glaubte Goebbels unter Berufung auf Hitler noch an eine Wende in der Kriegspolitik durch „Gespräche mit Stalin."10)

Die Kungeleien hochrangiger faschistischer Führer, darunter Himmler, mit den Westmächten, scheiterten letztendlich an der Stärke und Autorität der Sowjetunion. Selbst Churchill, der alles erdenkliche unternahm, um die „Russen draußen" zu lassen, konnte eine derartige „Wende" in seiner Kriegspolitik nicht durchführen.

So bemerkte denn auch Stalin: „Den Krieg gegen Deutschland gewinnen bedeutet, ein großes historisches Werk vollbringen. Den Krieg gewinnen bedeutet aber noch nicht, den Völkern einen dauerhaften Frieden und eine verläßliche Sicherheit für die Zukunft gewährleisten. Die Aufgabe besteht nicht nur darin, den Krieg zu gewinnen, sondern auch darin, die Entstehung einer neuen Aggression und eines neuen Krieges wenn nicht für immer, so doch wenigstens für einen längeren Zeitraum unmöglich zu machen."11)

Um Frieden und Sicherheit der Völker zu schaffen, gebe es nur ein einziges Mittel: „zum Schutze des Friedens und der Garantie der Sicherheit eine besondere Organisation aus Vertretern der friedliebenden Nationen zu schaffen, dem leitenden Organ dieser Organisation das notwendige Mindestmaß an Streitkräften zur Verfügung zu stellen, das zur Verhütung einer Aggression erforderlich ist, und diese Organisation zu verpflichten, notwendigenfalls zur Verhütung oder Liquidierung der Aggression und zur Bestrafung der an der Aggression Schuldigen diese Streitkräfte unverzüglich einzusetzen."12)

Eine solche internationale Organisation dürfe jedoch keine Wiederholung des Völkerbundes „unseligen Angedenkens" sein. Stalin schloß mit der Frage: „Ist darauf zu rechnen, daß das Vorgehen dieser internationalen Organisation hinreichend wirksam sein wird? Es wird wirksam sein, wenn die Großmächte, auf deren Schultern die Hauptlast des Krieges gegen Hitlerdeutschland geruht hat, auch weiterhin im Geiste der Einmütigkeit und des Einvernehmens vorgehen werden. Es wird unwirksam sein, wenn diese notwendige Voraussetzung beeinträchtigt wird.13)

Die Wirksamkeit einer solchen internationalen Organisation ist also an die genannten Bedingungen gebunden. Ob ein solches „Einvernehmen" der drei Großmächte auch nach dem Krieg fortgesetzt werden kann, diese Frage ließ Stalin offen.


 

2. Die „Endphase" des Krieges

Diese Formulierung bedeutet nicht, daß der Krieg schon zu Ende war, daß nicht mehr an den Fronten erbittert gekämpft wurde. Nach den DDR-Militärhistorikern Gerhard Förster und Richard Lakowski produzierte die deutsche Rüstungsindustrie im Januar 1945 immer noch mehr als das Doppelte wie im Januar 1942. Allerdings zeigte die Kurve der Rüstungsproduktion seit August 1944 eine stetig sinkende Tendenz, wenn auch die Waffenproduktion noch bis Dezember 1944 anstieg, bei einzelnen Waffenarten sogar bis Februar/März 1945.13a)

Der Widerstand der faschistischen deutschen Wehrmacht war noch nicht endgültig gebrochen, im Gegenteil, an einigen Abschnitten der ausgedehnten Fronten in Ost und West verstärkte er sich noch. Mit „ausgesprochenen Verzweiflungsmaßnahmen versuchte der Faschismus, die unvermeidliche Katastrophe hinauszuzögern", schrieb Marschall Shukow. „Doch Ende 1944 war Deutschland noch zu Verteidigungskämpfen fähig und leistete aktiven Widerstand. Seine Streitkräfte verfügten immer noch über rund 7,5 Millionen Mann, davon 5,3 Millionen in der Einsatzarmee. Ebenso wie früher behielt das faschistische Oberkommando jetzt, in der entscheidenden Etappe, den größten Teil seiner Kräfte an der sowjetisch-deutschen Front, und zwar 3,1 Millionen Mann, 28.500 Geschütze und Granatwerfer, rund 4.000 Panzer und Selbstfahrlafetten, rund 2.000 Flugzeuge.

Dabei muß berücksichtigt werden, daß die sowjetisch-deutsche Front fast um 50 Prozent kürzer geworden war, so daß die Verteidigungsdichte ziemlich groß war."14) Die sowjetischen Truppen und die der Verbündeten in Frankreich waren den deutschen Truppen gegenüber „in jeder Hinsicht überlegen." Die Einsatzarmee der sowjetischen Streitkräfte zählte Ende 1944 etwa 6 Millionen Mann, verfügte über 91.400 Geschütze und Granatwerfer, etwa 11.000 Panzer und Selbstfahrlafetten (SFL), mehr als 14.500 Flugzeuge. Hinzu kam noch eine Verstärkung durch polnische, tschechoslowakische, rumänische und bulgarische Truppen mit einer Personalstärke von 320.000 Mann, sowie französische Flieger des Jagdfliegerregiments „Normandie-Njemen", die im Verband der 3. Belorussischen Front kämpften.

An der Westfront standen 87 gut bewaffnete Divisionen amerikanischer, britischer und französischer Truppen, mit 6.500 Panzern und über 10.000 Flugzeugen. In Italien verfügten die Alliierten über 21 Divisionen und 9 Brigaden, denen 31 unvollständig aufgefüllte deutsche Divisionen gegenüberstanden.15)

Nach Marschall Konew, FOB der 1. Ukrainischen Front, bestanden die Kräfte der deutschen Truppen an seinem Frontabschnitt am Oberlauf der Weichsel, nördlich des oberschlesischen Industriegebietes vor dem Brückenkopf Sandomierz auf dem Westufer der Weichsel im Januar 1945 aus etwa 100.000 Mann; 9 Infanterie- und 2 Panzerdivisionen, mehrere Kampfgruppen, (aus Versprengten und Resten von zerschlagenen Truppenteilen zusammengestellte Kampfeinheiten) 2 selbständige Brigaden, 6 selbständige Regimenter und 22 selbständige Bataillone. Mit dem Eintreffen weiterer zwei oder drei Infanteriedivisionen mußte gerechnet werden.16)

Das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) war entschlossen, das oberschlesische Industriegebiet auf jeden Fall zu halten. Seinem Produktionsumfang nach folgte es dem Ruhrgebiet, das von den westlichen Alliierten bereits bedroht war.17)

Konew gab eine sehr vorsichtige Einschätzung der Moral der ihm gegenüberstehenden deutschen Soldaten. Nicht alle Deutschen wären sich schon über den Untergang des faschistischen Deutschlands klar gewesen. „Die schwierige Lage beeinflußte das Verhalten des deutschen Soldaten auf dem Schlachtfeld vorläufig noch nicht wesentlich. Wie eh und je schlug er sich tapfer und zeichnete sich, vor allem in der Verteidigung, zuweilen durch geradezu fanatische Standhaftigkeit aus. Die Organisation des Heeres war immer noch auf der Höhe; die Divisionen waren aufgefüllt und verfügten nahezu über ihre gesamte strukturmäßige Bewaffnung und Ausrüstung.

Von einem moralischen Zusammenbruch der faschistischen Wehrmacht konnte ebenfalls noch keine Rede sein. Konew führte dies auf die Wirkungen der Goebbelspropaganda und auf die schweren Repressalien zurück, denen die deutschen Soldaten ausgesetzt waren. „Die Ardennenoffensive bewirkte sogar einen spürbaren moralischen Aufschwung. Nach Gefangenenaussagen war unter Soldaten und Offizieren die Meinung weit verbreitet, die deutsche Führung werde die Alliierten in den Ardennen schlagen, sie zu einem Separatfrieden zwingen und dann die Kräfte von allen Fronten gegen die Sowjetunion einsetzen. Solche Gerüchte gingen selbst dann noch um, als die Ardennenoffensive zusammengebrochen war."18)

Shukow dagegen schrieb: „Unter allen Kriegsgefangenen, die wir zu jener Zeit verhörten, fand sich keiner, der noch an einen Sieg glaubte.

Mit härtesten Maßnahmen unterdrückten die Faschisten alle Andersdenkenden und gingen erbarmungslos auch gegen jeden Zweifler an ihrem Regime vor."19)

Diese Einschätzung von Shukow bezog sich auf die Zeit vor der Ardennenoffensive. Marschall Bagramjan, FOB der 1. Baltischen Front, berichtete ebenfalls über den starken Widerstand der deutschen Truppen Ende 1944, Anfang 1945 in Ostpreußen und in Kurland. „Über dreißig vollwertige faschistische Divisionen würden sich, zusammengedrängt auf engstem Raum (in Kurland, UH) verzweifelt zur Wehr setzen. Außerdem hofften sie noch immer auf eine Evakuierung über See und würden also den Gedanken an einen Weg in die Gefangenschaft weit von sich weisen. Die Goebbelspropaganda wirkte noch."20)

Marschall Moskalenko, Armeeoberbefehlshaber (AOB) der 38. Armee der 4. Ukrainischen Front, meinte, daß die Moral der faschistischen deutschen Truppen an seinem Kampfabschnitt in der östlichen Slowakei bereits erschüttert gewesen sei. „Die Zahl der deutschen Soldaten, die sich gefangen gaben oder überliefen, nahm zu. Ihre Aussagen demonstrierten äußerste Depression." Er zitiert Aussagen von Gefangenen nach Archivmaterialien: „‘Für welche Verbrechen sind wir verpflichtet, hier zu sein’, fragen die deutschen Soldaten... Außer Grünschnäbeln glaubt niemand an einen Sieg Deutschlands. Die Soldaten denken nur daran, wie sie ihre Haut retten können... Die Stimmung der Soldaten an der Front, hier, in den Karpaten, ergibt sich aus dem ständigen körperlichen Unwohlsein und der Ermüdung... Um ehrlich zu sein, ist bei den Soldaten die Hoffnung auf den Sieg schon längst zum Teufel gegangen. Und deshalb gibt es immer wieder, trotz strengster Disziplin, Fälle von Fahnenflucht. Im November wurde bei uns im Regiment ein Soldat der 4. Kompanie erschossen. Er war des Verrats und der Wehrkraftzersetzung beschuldigt worden."21)

In einem Brief des Chefs des Generalstabes der Heeresgruppe Weichsel, SS-Gruppenführer und General der Polizei Heinz Lammerding an Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weichsel vom 5. Februar 1945 hieß es: „Der Gesamteindruck, den ich in den letzten Tagen, ... gewonnen habe ist der, daß wir in der Wehrmacht in einer Führungskrise größten Ausmaßes uns befinden. Das Offizierskorps hat die Truppe nicht mehr fest in der Hand. Bei der Truppe selbst zeigen sich Auflösungserscheinungen übelster Art. Es sind keine Einzelerscheinungen, daß Soldaten ihre Uniformen ausziehen und sich mit allen möglichen Mitteln Zivilkleider zu verschaffen suchen, um wegzukommen. Ebenso ist einwandfrei festgestellt, daß auf vielen Treckwagen sich Soldaten in Zivil versteckt gehalten haben, um mit den Trecks mitzuziehen."21a)

Auf einer Frontlinie von 1.200 Kilometer Länge standen im Januar 1945 die Armeen der sowjetischen Streitkräfte bereit, das faschistische Regime in Deutschland endgültig zu zerschlagen. Den Hauptstoß hatten die drei Belorussischen Fronten und die 1. Ukrainische Armee zu führen. Die 1. Belorussische Front, FOB Shukow, und die 1. Ukrainische Front, FOB Konew, in Richtung Berlin und Wien die 3. Belorussische Front, FOB Tschernjachowski, und Teile der 2. Belorussischen Front, FOB Rokossowski, in Richtung Ostpreußen.

Die Offensiven der Fronten sollten am 20. Januar 1945 beginnen. Auf Befehl Stalins mußten die Angriffstermine in den Hauptrichtungen um fünf Tage vorverlegt werden, trotz sehr ungünstiger Wetterlage, die den Einsatz von Fliegerkräften ausschloß. Die angloamerikanischen Truppen an der Westfront waren durch die Ardennenoffensive in eine schwierige Lage geraten. Ein direktes Ersuchen um eine Vorverlegung der Offensive an der deutsch-sowjetischen Front gab es nicht, aber in seiner Botschaft an Stalin vom 6. Januar gab Churchill zu verstehen, daß er Stalin „dankbar" wäre, wenn er ihm mitteilen könnte, „ob wir im Januar mit einer größeren russischen Offensive an der Weichselfront oder anderswo rechnen können,..." Er betrachte die Angelegenheit als „dringend".22)

In seiner Antwort an Churchill vom 7. Januar erklärte Stalin: „Wir bereiten uns auf die Offensive vor, doch begünstigt im Augenblick das Wetter unseren Angriff nicht. Das Hauptquartier hat jedoch angesichts der Lage unserer Verbündeten an der Westfront beschlossen, in verstärktem Tempo die Vorbereitungen zu beenden und, ohne Rücksicht auf das Wetter, umfangreiche „Angriffsoperationen gegen die Deutschen am gesamten Mittelabschnitt der Front spätestens in der zweiten Januarhälfte einzuleiten. Zweifeln Sie nicht daran, daß wir alles nur mögliche tun werden, um die ruhmreichen Truppen unserer Verbündeten zu unterstützen."23)


 

3. Ardennenoffensive

Am 16. Dezember 1944 begann das OKW auf Befehl Hitlers eine Offensive an der Westfront mit dem Ziel, die Maas zu forcieren und nach Antwerpen durchzubrechen. Nachdem die deutschen Truppen etwa 100 Kilometer vorgedrungen waren, ihre Spitzen bis auf 6 Kilometer an die Maas herangekommen waren, wurden sie von amerikanischen Truppen zum Stehen gebracht. Am 28. Dezember mußte Hitler in einer Lagebesprechung eingestehen, daß dieser Durchbruch nach Antwerpen gescheitert sei.24)

Trotz dieses Fehlschlags begann das OKW am 31. Dezember eine neue Offensive, diesmal im Elsaß unter der Bezeichnung „Nordwind". Am 1. Januar 1945 hatte das OKW mit der Offensive im Elsaß einen Luftschlag gegen die alliierten Flugplätze in Belgien und Holland durchgeführt. Für dieses Unternehmen hatte das OKW alle noch einsatzfähigen Flugzeuge, insgesamt etwa 1000 Flugzeuge, eingesetzt. Sie haben 260 Flugzeuge der westlichen Alliierten zerstört, gegen nur 93 Flugzeuge an eigenen Verlusten. Die Amerikaner und Briten konnten ihre Verluste allerdings rasch ersetzen, was für die deutsche Luftwaffe schon nicht mehr so einfach war. Auf dem Rückflug gerieten die deutschen Flugzeuge in das Feuer der eigenen Flak und verloren 200 Maschinen. So war auch dieser Luftangriff der deutschen Luftwaffe im Endresultat ein höchst zweifelhafter Erfolg.25)

Wenn auch die Ziele der deutschen Offensive nicht erreicht werden konnten, so trat für die Lage der angloamerikanischen Truppen an der Westfront „eine unangenehme Wandlung" ein26), wie Churchill in seinen Erinnerungen schrieb. Die westlichen Alliierten hätten „einen strategischen Rückschlag erlitten."27) Mit der Ardennenoffensive hatte „uns ein schwerer Schlag" getroffen. Es „brach eine Krise über uns herein."28) Der Ardennendurchbruch „bereitete ... uns keine geringe Besorgnis. Er schob unseren eigenen Vormarsch hinaus, ..."29) Am 7. Januar erklärte General Eisenhower den Vereinigten Stabschefs der westlichen Alliierten: „Hinter den gegenwärtigen Operationen scheint eine Art Fanatismus oder ‘deutsche Furie’ zu stehen; und ich bezweifle nicht, daß die Deutschen ihre Kräfte aufs äußerste und entschlossen anspannen, um in kürzester Zeit einen Sieg im Westen zu erringen. Die Schlacht in den Ardennen stellt meiner Ansicht nach nur eine Episode dar, und wir haben Versuche in anderen Gebieten zu erwarten."30)

Eisenhower verfügte nicht über größere Reserven. Er mußte in Washington zusätzliche Truppenkontingente nach Westeuropa anfordern, die aber erst Anfang bis Mitte Februar eintreffen sollten. In einem Schreiben an die Vereinigten Stabschefs schrieb Eisenhower: „Die angespannte Lage könnte wesentlich erleichtert werden, wenn die Russen eine große Offensive unternähmen..."31) Das war die Situation, die zu dem w.o. genannten Briefwechsel zwischen Churchill und Stalin geführt hatte. Am 14. Januar sandte Eisenhower an den Chef des Generalstabs der sowjetischen Streitkräfte ein Telegramm: „Die wichtige Nachricht, daß die großartige Rote Armee in einem neuen kraftvollen Feldzug vorwärts gestoßen ist, wurde von allen Alliierten Armeen im Westen begeistert aufgenommen. Ich erlaube mir, Ihnen und allen, die diese großartige Offensive leiten sowie daran teilnehmen, meine Gratulation und die besten Wünsche auszusprechen."32)

Churchill bemerkte vor dem Unterhaus am 18. Januar: „Marschall Stalin ist sehr pünktlich. Er ist lieber zu früh als zu spät in der Zusammenarbeit mit den Alliierten."33)

Die sowjetischen Offensiven zwangen das OKW, vom 15. bis 31. Januar 8 Divisionen, darunter 4 Panzerdivisionen und 1 Panzergrenadierdivision mit 800 Panzern an die deutsch-sowjetische Front zu verlegen. Die Westfront erhielt nur geringen Ersatz, im Januar 291 Panzer, die deutsch-sowjetische Front 1.328.34)

Die sowjetischen Offensiven hatten das OKW veranlaßt, auf weitere aktive Handlungen an der Westfront zu verzichten.


 

4. Weichsel - Oder - Operation

Die Vorbereitung auf die Winteroffensive begann im Oktober 1944 mit einer Aussprache im HQ zwischen Stalin, Shukow, Rokossowski, Molotow und Antonow, wobei unter anderem Meinungsverschiedenheiten über Fortsetzung der Offensive nordwestlich von Warschau am Abschnitt Modlin-Warschau zu klären und zu entscheiden waren. Shukow und Rokossowski wiesen darauf hin, daß die vor Warschau stehenden Armeen der 1. und 2. Belorussischen Front nach der langen Offensive und den Kämpfen zur Unterstützung der Aufständischen in Warschau erschöpft waren, sich ausruhen und aufgefüllt werden mußten. Der Gegner hatte seine Verteidigung inzwischen ausgebaut und Reserven herangeführt. Shukow erklärte: „Der Gegner schlägt jetzt unsere Angriffe erfolgreich zurück. Wir aber haben dabei Verluste, die nicht zu rechtfertigen sind".35)

Rokossowski war der gleichen Meinung.

Stalin argumentierte gegen eine solche von Shukow und Rokossowski vorgeschlagene Atempause: „Ich denke, der Gegner wird die Atempause nicht schlechter nutzen als Sie." Er fragte, ob eine Unterstützung der angreifenden 47. Armee mit Fliegerkräften und deren Verstärkung durch Panzer und Artillerie nicht erfolgreich sein würde. Das sei schwer zu sagen, meinte Rokossowski, und Shukow wiederholte, „daß diese Offensive uns nichts als Opfer bringen kann."36)

Letztendlich stimmte Stalin zu, daß die sowjetischen Truppen an diesem Abschnitt „zur Verteidigung übergehen."37)

Einen Tag später beriet sich Stalin mit Shukow über Leitungsfragen.

Stalin wollte die Leitung der Fronten dem HQ direkt übertragen, die an den Fronten eingesetzten Vertreter des HQ abberufen. Da die Zahl der Fronten zurückgegangen, ihre Gesamtlänge ebenfalls geringer und die Leitung der Fronten einfacher geworden seien, wäre es durchaus möglich, die Fronten direkt aus dem HQ zu leiten, meinte Shukow. Im Zuge der Veränderung der Leitung der Fronten nahm Stalin Umbesetzungen an den Fronten vor.

Shukow sollte als FOB die 1. Belorussische Front übernehmen, die in direkter Richtung Berlin stand und Berlin nehmen sollte. Shukow blieb nach wie vor Stellvertreter des Obersten Befehlshabers, Rokossowski, der bisherige FOB der 1. Belorussischen Front, übernahm die 2. Belorussische Front, an der rechten Flanke der 1. Belorussischen Front. An deren linken Flanke stand die 1. Ukrainische Front unter Konew als FOB. Die drei Fronten bildeten die Hauptstoßkraft in der Berliner Richtung. (Rokossowski mußte wenige Tage nach Beginn der Offensive mit den Hauptkräften seiner Front in Richtung Ostpreußen abschwenken, wie noch zu zeigen sein wird.) Diese drei Fronten wurden vor allem mit Reserven, Waffen und Ausrüstungen aufgefüllt, was zum Teil auf Kosten der Nebenfronten geschah, deren Operationen für den raschen Vormarsch ins Zentrum des faschistischen Deutschlands jedoch nicht unterbewertet werden sollten.

Die Entscheidung Stalins, Shukow als seinen Stellvertreter an die Spitze der 1. Belorussischen Front zu stellen, dürfte vor allem politische Gründe gehabt haben. Ende Oktober 1944 wurden im HQ die abschließenden Operationen des Großen Vaterländischen Krieges beraten.

Der Plan des HQ sah vor, zwischen dem 15. und 20. Januar an den strategischen Schwerpunkten mächtige Offensiven durchzuführen. Die deutsche Gruppierung in Ostpreußen sollte aufgerieben, Ostpreußen genommen werden. Die deutschen Truppen in Polen, der CSR, Ungarn und Österreich sollten zerschlagen werden. Es sollte eine Linie erreicht werden, die von der Weichselmündung über Bydgoszcs - Posen - Breslau - Moravska-Ostrava bis Wien führte.

Die 1. und 2. Baltische Front sollten die starke deutsche Kurlandgruppierung zerschlagen, auf jeden Fall verhindern, daß sie nicht über die Ostsee abgezogen und an anderen Fronten eingesetzt werden konnte. Die Hauptrichtung war Warschau - Berlin, in der die 1. Belorussische Front angreifen sollte.

Berlin befand sich Ende 1944 fast ebensoweit von der sowjetischen wie von der westlichen Front entfernt. Wie bereits in der Schrift „Das Jahr 1943" vermerkt, wollte Churchill unbedingt „vor den Russen" in Berlin sein.38) Wer Berlin einnahm, war von großer politischer Bedeutung. Es war dies keineswegs nur eine Prestigefrage.

Die Ausarbeitung der Pläne für die Operationen in der Endphase des Krieges erfolgte wie auch die großen Operationen von Stalingrad, Kursk u.a. im Kollektiv. Shukow erwähnt die höchsten Offiziere der operativen Verwaltung des Generalstabs, Antonow, Schtemenko, Gryslow und Lomow, „die sich in allen Etappen der Arbeit der Operativen Verwaltung als hervorragende Kenner der operativen Planung erwiesen" haben.39)

Es wäre geradezu ein Wunder gewesen, wenn es in der Ausarbeitung des Planes, der Verteilung der Tuppen, Ausrüstungen, Nachschub, Flankendeckung etc. keine Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen gegeben hätte. In der Festlegung der Hauptrichtungen und Aufgaben der Fronten war man sich einig, aber der Teufel steckt nun mal im Detail und der Teufel machte da auch in den Beratungen des HQ keine Ausnahme.

Ein ernstes Problem war die große Gruppierung deutscher Truppen in Ostpreußen, die dort über starke Befestigungen in schwer passierbarem Gelände verfügten. Diese Gruppierung konnte beim Vormarsch in der Hauptrichtung nach Berlin die rechte Flanke der sowjetischen Armeen ernsthaft gefährden. Stalin hatte schon im Sommer 1944 den Vorschlag des Generalstabs, die Fronten in der ostpreußischen Richtung zu verstärken, abgelehnt. Das wiederholte sich auch bei der Planung im Januar. Der Oberste Befehlshaber hielt „es nicht für nötig, unserem Vorschlag zur Verstärkung der 2. Belorussischen Front mit noch einer Armee zur Zerschlagung der ostpreußischen Gruppierung zuzustimmen."40)

Mit dieser Kritik an Stalins Entscheidung ist aber nichts ausgesagt über die Gründe für die Ablehnung dieser Forderung. Eine Erklärung für Stalins Entscheidung findet sich, wenn auch hier auf den Bezug der Kurlandgruppe, in der Bemerkung von Marschall Bagramjan, warum sie die Kurlandgruppe nicht zerschlagen konnten. Dazu wären sehr starke Kräfte und Mittel erforderlich gewesen. „Aber gerade zu dieser Zeit (Januar 1945, UH) benötigte das HQ starke Kräfte für die Vorbereitung des letzten, alles entscheidenden Angriffs in der Westrichtung. Dazu waren ... bereits bald nach der Befreiung der lettischen Hauptstadt und noch einmal Ende 1944 beträchtliche Kräfte aus dem Baltikum abgezogen worden."41)

Die Westrichtung - Berlin - war die Hauptstoßrichtung, militärisch und politisch! Darin ist der Grund zu suchen, warum Stalin den in der ostpreußischen Richtung kämpfenden Armeen keine zusätzliche Verstärkung durch eine Armee zubilligte. Die personellen und materiellen Kräfte der sowjetischen Streitkräfte waren nicht unbegrenzt. Verstärkung einer Front durch eine Armee bedeutete, sie von einer anderen Front abzuziehen oder aus der Reserve des HQ einzusetzen, die dann bei einer prikären Lage an einer Front nicht eingesetzt werden konnte.

Shukow urteilte hier aus der Sicht eines FOB und hatte unter militärischem Gesichtspunkt - Sicherung der rechten Flanke der 1. Belorussischen Front - sicherlich recht, Stalin entschied unter Berücksichtigung der Erfordernisse aller Fronten und unter politischem Aspekt und hatte auch recht. Entscheidungen sind im Kriege eben nie ganz einfach.

Wie bereits w.o. erwähnt, wurde mit Rücksicht auf die schwierige Lage der westlichen Alliierten die Offensive um fünf Tage vorverlegt, wobei die genauen Angriffstermine der Fronten differierten.

Die 1. Ukrainische Front begann am 12. Januar, die 1. und 2. Belorussische Front begannen am 14. Januar.

Die Armeen der 2. Belorussischen Front hatten am 16. Januar die deutsche Frontlinie von Lomza bis zur Narewmündung (nördlich von Warschau, UH) durchbrochen. Am 20. Januar erhielt Rokossowski Befehl vom HQ, die 3. und 48. Armee, die 2. Stoßarmee und die 5. Panzerarmee der 2. Belorussischen Front nach Norden und Nordosten einzuschwenken, um an der Operation gegen die Gruppierung in Ostpreußen teilzunehmen.42)

Damit war eine Bedrohung des rechten Flügels der 1. Belorussischen Front durch die Ostpreußen-Gruppierung erst einmal beseitigt. Nach Rokossowski bewies dieses Einschwenken der genannten Armeen „die Wendigkeit und operative Führung des Hauptquartiers. Als es feststellte, daß die Truppen der 3. Belorussischen Front zurückblieben, korrigierte es sofort den ursprünglichen Plan."43)

Am 20. Januar überschritt die 3. Armee die polnische Grenze und betrat Ostpreußen, desgleichen die 48. Armee. Ein Kavalleriekorps (natürlich nicht zu Pferde, sondern mit Artillerie und Maschinengewehren.) drang in Allenstein (Olsztyn) ein. Im Stadtgebiet entbrannten erbitterte Kämpfe.

Rokossowski betonte, daß die 2. Belorussische Front an der Weichsel - Oder - Operation, der Hauptstoßrichtung, „eine wichtige Rolle zu spielen hatte", die jedoch in fast allen Werken über den Großen Vaterländischen Krieg „aus irgendeinem Grunde" verschwiegen wird. Es werde der Eindruck erweckt, als ob die 2. Belorussische Front vom 14. Januar an auf die Zerschlagung der ostpreußischen Gruppierung des Gegners angesetzt gewesen sei. Das stimmt nicht. Die Direktive des HQ und die persönlichen Anweisungen Stalins „zielten auf ein enges Zusammenwirken der 2. und 1. Belorussischen Front ab."44) Wie Rokossowski ergänzt, schwenkten die Hauptkräfte der 2. Belorussischen Front erst am 20. Januar, also sechs Tage nach Beginn der Offensive, nach Norden ab.

Ein Problem in den Darstellungen scheint darin zu liegen, daß die „Nebenfronten", in diesem Falle Ostpreußen, gegenüber den Operationen in der Hauptstoßrichtung von den Autoren der Kriegsliteratur nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Ohne die Abriegelung der starken deutschen Kräfte in Ostpreußen und in Kurland wäre der Vormarsch der 1. Belorussischen Front in der Hauptrichtung an die Oder nicht so schnell vorangekommen.

Die Winteroffensiven der sowjetischen Armeen an einer Frontlinie von der Ostsee bis an die Karpaten mit einer Länge von 1.200 Kilometern verlief erfolgreich.

Die Armeen der 1. Belorussischen Front hatten bereits am ersten Tage ihrer Offensive die deutschen Frontlinien durchbrochen. Tippelskirch resümiert: „Am Abend des 15. Januar war von der Nida bis zur Pilica keine zusammenhängende, organische deutsche Front mehr vorhanden. Die noch an der Weichsel bei und südlich Warschau stehenden Teile der 9. Armee waren aufs schwerste bedroht. Reserven waren nicht mehr vorhanden." Shukow „hatte bei seinem nach Westen gerichteten Stoß kaum mehr Widerstand gefunden und Lodz erreicht..."45)

Am 19. Januar nahm die 1. Belorussische Front Lodz, am 23. Januar Bydgoszcz und am 25. Januar Posen.46)

Am 31. Januar forcierte die 5. Stoßarmee der 1. Belorussischen Front unter Generalleutnant Bersarin die Oder und bildete auf deren Westufer einen Brückenkopf im Raum Kienitz - Groß-Neuendorf – Rehfeld, etwa 70 Kilometer vor Berlin. Bis zum 4. Februar erweiterte die 5. Stoßarmee nach der Abwehr heftiger Gegenangriffe den Brückenkopf, von dem aus der Angriff der Stoßgruppen der 1. Belorussischen Front auf Berlin erfolgte.47)

Die 1. Ukrainische Front unter Konew eröffnete ihre Offensive auf Befehl Stalins aus den genannten Gründen bereits am 12. Januar. Es bestand eine ungünstige Wetterlage, die den Einsatz von Fliegerkräften ausschloß. Konew bemerkt in diesem Zusammenhang, „daß unsere westlichen Verbündeten ihre Pläne und Termine zur Eröffnung der zweiten Front sehr von der Witterung abhängig gemacht haben. Das zeigt sehr deutlich den Unterschied zu unserer Kriegführung. Das Hauptquartier faßte den Entschluß zur Vorverlegung der Operation, ohne auf die meteorologischen Bedingungen Rücksicht zu nehmen."48)

Die Offensive der Armeen der 1. Ukrainischen Front begann um 05.00 Uhr mit einem gewaltigen zweistündigen Artillerieschlag. Die deutschen Verbände erlitten hohe Verluste. Obwohl die deutsche Armeeführung „im großen und ganzen richtig" gehandelt habe, indem „sie sich entschloß, alle noch erhaltenen Kräfte zurückzunehmen", konnte sie „nur einen geringen Teil der Truppen retten..."49)

Das Gelände, das unter dem Artillerieschlag lag, „war buchstäblich umgepflügt, ...Alles war eingestürzt, verschüttet und das Oberste zu unterst gekehrt... Hier hatten ... 250 bis 280, stellenweise sogar 300 Geschütze je Frontkilometer den Gegner eingedeckt."50)

Tippelskirch beschrieb den ersten Tag der Offensive der 1. Ukrainischen Front: „Am 12. Januar brachen sie (die Armeen der 1.Ukrainischen Front, UH) aus dem großen Brückenkopf Sandomierz-Baranow nach einer gewaltigen, fünfstündigen Artillerievorbereitung in die Front der 4. Panzerarmee ein. Der Stoß hatte eine derartige Wucht, daß nicht nur die Stellungsdivisionen überrannt, sondern auch die hinter der Front stehenden, relativ starken beweglichen Reserven, die auf Hitlers ausdrücklichen Befehl ganz dicht herangehalten waren, bereits durch das russische Vorbereitungsfeuer gefaßt und in den nachfolgenden Strudel hineingerissen wurden, so daß sie zu keinem planmäßigen Einsatz kamen. Die tiefen Einbrüche in die deutsche Front waren so zahlreich, daß es unmöglich war, sie zu beseitigen oder nur abzuriegeln. Die Russen führten durch die geschlagenen Lücken sofort ihre operativen Panzerverbände hindurch, die mit der Masse nach Westen auf die Nida vorstießen, mit ihrem Nordflügel auf Kielce eindrehten."51)

Am 15. Januar nahmen die Truppen Konews Kielce. Bis zum 17. Januar hatten sie die deutsche Verteidigung in einer Tiefe von 120 - 140 Kilometer durchbrochen.52)

Am 19. Januar befreiten die sowjetischen Armeen Krakau, wobei sie taktisch so vorgingen, daß die historischen Bauwerke der alten polnischen Königsstadt nicht ernsthaft beschädigt wurden. Am 20. Januar bildeten die sowjetischen Armeen einen Brückenkopf auf dem linken Ufer der Oder in der Nähe von Oppeln. Am 23. Januar standen sie vor dem oberschlesischen Industriegebiet, von Stalin in einem Gespräch mit Konew bei der Ausarbeitung des Planes mit einem Wort kurz als „Gold" bezeichnet.53) Dieses „Gold" sollte nach dem Krieg an Polen abgetreten werden. Es ging also auch hier darum, dieses Industriegebiet in einem möglichst gut erhaltenen Zustand einzunehmen. Im oberschlesischen Industriegebiet standen etwa 100.000 Mann starke deutsche Streitkräfte, die gut bewaffnet waren. Konew stand vor der Frage, das Gebiet einschließen, im Sturm nehmen, die deutschen Truppen zerschlagen - oder? - dem Gegner einen Korridor zum Abzug seiner Truppen offen lassen. Die erste Variante hätte auch zu hohen Verlusten der sowjetischen Truppen und zu großen Zerstörungen geführt. „In den vier Kriegsjahren hatten wir ohnehin schon genug Menschen verloren", meinte Konew.54) Seine Entscheidung für die zweite Variante, dem Gegner den Abzug zu ermöglichen, sei ihm nicht leicht gefallen. Aber: „Die Praxis bestätigte die Richtigkeit meines Entschlusses."55) Konjew faßte die Ergebnisse der Offensive der 1. Ukrainischen Front zusammen: „Die Truppen der 1. Ukrainischen Front säuberten im Verlauf der Operation Südpolen mit seiner alten Hauptstadt Krakow vom Gegner, besetzten das schlesische Industriegebiet und schufen durch die Bildung operativer Brückenköpfe am Westufer der Oder günstige Voraussetzungen für anschließende Stöße in Richtung Berlin und Dresden.

In den dreiundzwanzigtägigen Kampfhandlungen schlug die 1. Ukrainische Front eigenen Berechnungen nach 21 Infanterie- und 5 Panzerdivisionen, 27 selbständige Infanterie-, 9 Artillerie- und Granatwerferbrigaden sowie eine Vielzahl verschiedener Spezialeinheiten und selbständiger Bataillone. Dabei machten wir 43.000 Gefangene; über 150.000 Soldaten und Offiziere fanden den Tod. Unter der Kriegsbeute befanden sich über 5.000 Geschütze und Granatwerfer, 300 Panzer, 200 Flugzeuge sowie eine große Menge technischer Kampfmittel und andere Ausrüstungsstücke."56)


 

5. Ostpreußen - Kurland

Auf die Bedeutungen der „Nebenrichtungen" wurde bereits w.o. hingewiesen. Im Januar führten die Armeen der 3. Belorussischen Front (FOB Armeegeneral Tschernjachowski) und der 1. Baltischen Front (FOB Marschall Bagramjan) heftige und verlustreiche Kämpfe im Norden gegen die deutsche „Heeresgruppe Kurland"57) und die starke deutsche Gruppierung in Ostpreußen. Die Mannschaftsstärke der Kurlandgruppe betrug etwa 300.000 Mann und war stark bewaffnet mit Panzern, Artillerie und Flugzeugen.58)

Die 3. Belorussische Front sollte die deutschen Truppen bei Tilsit und Insterburg zerschlagen und dann weiter auf Königsberg vorrücken.

Die 1. Baltische Front sollte den Abzug der Kurlandgruppe verhindern, damit sie nicht an anderen Fronten eingesetzt werden konnte. Generaloberst Guderian, Chef des Oberkommandos des Heeres (OKH) hatte eine solche Absicht, die auf Befehl Hitlers nicht durchgeführt werden durfte.58a)

„Die an die Marine gestellten Aufgaben", schrieb Großadmiral Dönitz, „abgeschnittene Teile der deutschen Heeresfront über See mit Personal und Material zu versorgen oder sie abzutransportieren, nahmen mit Vordringen der russischen Front ständig zu..."

Bei diesen Seetransporten spielte die Versorgung ... „der Kurlandarmee eine besondere Rolle."58b)

Ob ein Abzug der Kurlandgruppe gelungen wäre, bleibt dabei offen. Bagramjan hätte da wohl nicht ruhig zugesehen.

Am 22. Januar gelang es der 3. Belorussischen Front, nach Königsberg durchzubrechen, die 2. Belorussische Front (Rokossowski) erreichte östlich von Elbing die Ostsee.59)

Am 27. Januar begann der Angriff der Armeen der 1. Baltischen Front auf Memel, am 28. Januar war die Stadt eingenommen. Anschließend setzte die 1. Baltische Front ihre Angriffe Richtung Liepaja fort. Die deutsche Ostpreußengruppe war von der Kurlandgruppe getrennt.

Beim Kampf um Memel hatte die Kurlandgruppe allein etwa 5.000 Soldaten und Offiziere an Toten, 40 Panzer, 70 Geschütze, 188 Granatwerfer, über 180 Maschinengewehre und anderes Gerät verloren.60)

Bagramjan wie auch das HQ glaubten, daß die Heeresgruppe Kurland von den Hauptkräften der Wehrmacht völlig isoliert gewesen sei, was sich als Irrtum erwies. Im Unterschied zur 6. Armee von Paulus in Stalingrad, die sich in einem „eisernen Ring" befunden habe, war die Kurlandgruppe „von drei Seiten durch die See" geschützt. Die Kurlandgruppe konnte „alle Kräfte auf einen nur 200 Kilometer breiten Verteidigungsabschnitt" einsetzen, wobei die operative Dichte mit nur 6 Kilometer je Division außerordentlich hoch war. „Auf diese Weise konnte der Gegner die Verteidigung tief staffeln und gründlich ausbauen. Seine zweiten und in den wichtigsten Richtungen auch dritten Staffeln und starken Reserven waren in der Lage, wuchtige Gegenangriffe zu führen.

Die Ostsee war die Tür, durch die die Truppen bis Kriegsende alles für ihren Einsatz Notwendige erhielten." Von Oktober bis Dezember 1944 erhielt die Kurlandgruppe über See etwa 3.570.000 Bruttoregistertonnen an Nachschub. Der Kurlandgruppe fehlte es weder an Munition, noch an Treibstoff und Lebensmitteln. Die Baltische Rotbannerflotte verfügte nicht über die Kräfte, um die Kurlandgruppe von See aus zu blockieren.61)

Bei Kämpfen an der Küste ließ das Oberkommando in der Regel starke und gut vorbereitete Landungskräfte gleichzeitig von See her angreifen. So bei der Befreiung der Krim von Novorossisk aus.

Das HQ hatte beabsichtigt, durch den Irben-Sund im Rücken der Kurlandgruppierung Seelandungskräfte anzulanden, aber die Baltische Flotte war auf derartige Operationen nicht vorbereitet, wie Bagramjan schrieb.62) Eine solche Landung ließ das Kräfteverhältnis auf der Ostsee zu dieser Zeit nicht zu.

Anfang 1945 bestand die Baltische Rotbannerflotte aus einem Schlachtschiff, zwei Kreuzern, 12 Zerstörern, 28 U-Booten (davon 20 einsatzfähig) 78 Torpedoschnellbooten, 5 Küstenschutzschiffen, 73 Räumschiffen, 220 kleinen U-Jägern und Küstenschutzbooten 204 Räum- und 47 Panzerbooten. Das scheint eine große Seestreitmacht gewesen zu sein. Die Mehrheit der U-Jäger, Räumboote, Küstenschutzboote waren umgebaute Fischtrawler und -kutter.63) Die Fliegerkräfte der Baltischen Flotte waren mit 781 Kampfflugzeugen stärker, die Landungsoperationen zwar unterstützen, aber die Landungsschiffe nicht ersetzen können.

Auf Grund starker Zerstörungen der befreiten Flottenbasen und -stützpunkte sowie der Minenlage im Finnischen Meerbusen blieben die großen Überwasserschiffe in Kronstadt und Leningrad und nahmen nicht an Kampfhandlungen teil. Den Hauptanteil am Seekrieg in der Ostsee 1945 leisteten die Torpedoschnellboote (TSB), die U-Boote und Seefliegerkräfte. „Auf Grund der großen Entfernungen der Basen ihrer Schiffs- und Fliegerkräfte, der beschränkten Anzahl an Untersee- und Torpedoschnellbooten sowie der Unmöglichkeit, ihre großen Überwassereinheiten einzusetzen, vermochte die Baltische Flotte die Kurlandgruppierung und die anderen isolierten Gruppierungen des Gegners nicht völlig zu blockieren und dessen Seeverbindungen in der Ostsee zu unterbrechen.64)

Die deutsche Kriegsmarine verfügte in der Ostsee über überlegene Kräfte: zwei alte Linienschiffe, die „Schlesien" und „Schleswig-Holstein", die mit moderner Artillerie und Flak umgerüstet waren, vier schwere und vier leichte Kreuzer, darunter „Prinz Eugen", „Admiral Scheer", „Lützow", „Admiral Hipper", „Leipzig", (Diese Großkampfschiffe waren nicht immer zur gleichen Zeit im Einsatz, UH) über 200 U-Boote, die allerdings nicht alle frontfähig waren, über 30 Zerstörer und Torpedoboote, 70 Schnellboote, 64 Räumboote, etwa 200 Landungsboote und über 300 Vorposten-, Sicherungsschiffe und Räumboote, letztere ebenfalls in der Mehrheit umgebaute Fischdampfer und Kutter.65) Unter einem solchen Kräfteverhältnis wäre der Versuch einer Anlandung von Truppen im Rücken der Kurlandarmee ein verlustreiches Unternehmen mit sehr unsicheren Erfolgsaussichten gewesen.


 

6. Karpaten

Die Hauptkräfte der 4. Ukrainischen Front, FOB General Jeremenko, nahmen am linken Flügel der 1. Ukrainischen Front an deren Offensive Richtung Krakow vom 12. Januar teil, begannen mit ihren Kampfhandlungen allerdings erst am 15. Januar. Am Morgen des 16. Januar nahmen Truppen der 38. Armee, AOB General Moskalenko, den Verkehrsknotenpunkt Jaslo ein. Auch die anderen Armeen der 4. Ukrainischen Front hatten hartnäckigen Widerstand der deutschen Truppen in schweren Kämpfen zu brechen, wenn auch, wie Moskalenko mehrfach erwähnte, die Moral der ihm gegenüberstehenden deutschen Soldaten bereits erschüttert gewesen sei. Die 38. Armee hatte bis zum 29. Januar innerhalb von 15 Tagen „im Zusammenwirken mit dem linken Flügel der 1. Ukrainischen Front die Verteidigung des Gegners durchbrochen, den Angriff längs des Nordausläufers der Karpaten entwickelt, aus der Bewegung sieben Flüsse - die Wisloka, Ropa, Biala, den Dunajec, die Raba, Skawa und Sola - forciert und war dem Gegner an seinen frühzeitig vorbereiteten Verteidigungsstellungen zuvorgekommen. Wir waren 205 Kilometer nach Westen vorgestoßen und hatten den Raum Bielsko-Biala erreicht."66)

„Nebenfronten" hatten also einen bedeutenden Anteil an den Erfolgen der sowjetischen Armeen in der Hauptrichtung. Die Kämpfe an den Nebenfronten waren nicht weniger schwer als in der Hauptrichtung.

Nachdem die 4. Ukrainische Front den Raum Bielsko-Biala erreicht hatte, war ihr Beitrag an der Weichsel-Oder-Operation abgeschlossen und das HQ stellte ihr eine neue Aufgabe: in Richtung Moravska-Ostrava anzugreifen, eines der größten Industriegebiete der CSR zu befreien und damit der Rüstungsproduktion der Faschisten neue, empfindliche Ausfälle zuzufügen. Auch eine „Nebenrichtung"?

Die Ergebnisse der Weichsel - Oder - Operation faßte Konew zusammen: „... die 1. Belorussische und 1. Ukrainische Front" drangen „unter aktiver Mitwirkung der 2. Belorussischen und 4. Ukrainischen Front in 23 Tagen etwa 600 Kilometer in die Tiefe vor, erweiterten den Durchbruch auf 1.000 Kilometer, überwanden aus der Bewegung die Oder und bildeten eine Reihe von Brückenköpfen. So stand die 1. Belorussische Front im Küstriner Brückenkopf jetzt 60 Kilometer vor Berlin."67)

Die Führung der Fronten direkt durch das HQ hatte sich bewährt.

In den erbitterten Schlachten des Durchbruchs fanden auch neue Methoden in der sowjetischen Kriegsführung Anwendung. Das betraf die Einführung von Panzerverbänden in den Durchbruch sowie Fragen der „doppelten" Front, einer „inneren", in Gestalt von in Kesseln eingeschlossenen gegnerischen Truppen, und einer „äußeren", die Frontlinie des Gegners im Angriffsstreifen.

Natürlich gab es um die Einführung neuer Methoden auch Diskussionen zwischen den Generalen. Operationen im Kriege betreffen nunmal immer Menschenleben. Kein General, schon gar nicht ein Oberbefehlshaber, werden es sich in der Entscheidung über die Erfolge neuer Methoden leicht machen, von bisher bewährten Methoden zu neuen überzugehen. So war, wie Konew schrieb, im HQ die Meinung über die Einführung von Panzerverbänden vom ersten Tage des Durchbruchs an „schwankend" gewesen. Nach Auffassung des HQ - Konew nennt Stalin nicht direkt - sollten die Panzerverbände nicht im Kampf um die vorderste Linie, gegen den Hauptverteidigungsstreifen des Gegners eingesetzt werden, um die Panzer nicht „hohen Verlusten" auszusetzen. Konew meinte, diese Methode des „Durchbeißens" der Infanterie durch die Verteidigung des Gegners stamme noch aus dem ersten Weltkrieg. In der zweiten Hälfte des Großen Vaterländischen Krieges hätten die sowjetischen Truppen jedoch „alle Möglichkeiten", leistungsfähige Panzer und ausgezeichnete SFL vom ersten Tage an in den Durchbruch des Hauptverteidigungsstreifen vorrücken zu lassen, wie sie es in der Weichsel - Oder - Operation auch mit Erfolg getan hatten.68)

Eine Besonderheit der Weichsel - Oder - Operation bestand darin, eingeschlossene gegnerische Gruppierungen, selbst wenn es sich um „bedeutende Kräfte" handelte, nicht erst zu liquidieren, damit sie nicht im Rücken der vorrückenden Truppen angreifen konnten, sondern weiter vorzurücken und den Kessel der zweiten Staffel zu überlassen. Solche eingeschlossenen gegnerischen Verbände könnten nicht mehr gefährlich werden.

Eine Ausnahme machte Konew, wenn es sich bei den eingeschlossenen Truppen um „bewegliche Panzer- und motorisierte Truppen" handelte; die „wandernde(n) Kessel im Hinterland" konnten durchaus noch gefährlich werden. Wer diese „wandernden Kessel" nun zerschlagen sollte, ließ Konew offen.69)

Förster und Lakowski bestätigten die Wirksamkeit dieser Taktik: „Weit hinter den sowjetischen Vorausabteilungen suchten zwei deutsche Kampfgruppen, die Reste zweier Panzerkorps, denen sich abgesplitterte Kräfte verschiedener Truppenteile angeschlossen hatten, das rettende Westufer der Oder zu erreichen, was ihnen Ende Januar/Anfang Februar gelang, allerdings unter beträchtlichen Verlusten. Von der 9. Armee und der 4. Panzerarmee konnten sich nur einige Divisionen und Truppenteile der völligen Vernichtung entziehen. Ende Januar/Anfang Februar trafen sie zersplittert, dezimiert und abgekämpft an der Oder ein. Die Wehrmacht verlor zwischen Weichsel und Oder rund 400.000 Mann."69a)

„Rezepte" gibt es im Krieg ohnehin nicht. Die deutschen Verbände in Kurland und Ostpreußen - wenn auch keine „Kessel" - konnten im Rücken der sowjetischen Armeen durchaus noch gefährlich werden. Zumindest banden sie noch starke sowjetische Armeen, die nicht an den Hauptfronten eingesetzt werden konnten, um den Krieg schneller zu beenden und Menschenleben dadurch zu erhalten.

Insgesamt waren die Kräfte der Sowjetarmeen in den Hauptrichtungen denen der faschistischen deutschen Wehrmacht überlegen. Das traf aber nicht an jedem Abschnitt der Fronten zu. Die Kräfteverhältnisse an den „Nebenfronten" waren für die sowjetischen Truppen nicht immer zu ihren Gunsten. Moskalenko berichtet darüber, daß an einem Abschnitt der 38. Armee an der Karpatenfront das personelle Kräfteverhältnis 1 : 0,55 zugunsten des Gegners bestand.70) Moskalenko wandte eine Methode an, die „schon seit den Kriegen der alten Griechen bekannt" war, nämlich die Konzentration der zur Verfügung stehenden Truppen an einem bestimmten Flügel des Gegners, um an diesem einen Abschnitt eine Kräfteüberlegenheit herzustellen, die den Sieg bewirkten. Dabei berief sich Moskalenko auf den thebanischen Feldherrn Epaminondas, der die zahlenmäßig überlegenen Spartaner in der Schlacht bei Leukra (371 v.u.Z.) und ein zweites Mal bei Mantineia (362 v.u.Z.) mit dieser Methode schlug.

Moskalenko zitiert Friedrich Engels, den ersten marxistischen Militärtheoretiker, der über die Schlacht bei Leukra schrieb: „Espaminondas erkannte als erster das große taktische Prinzip, das bis zum heutigen Tag fast alle regelrechten Schlachten entscheidet: die ungleichmäßige Verteilung der Truppen auf der Frontlinie, um den Hauptangriff auf einen entscheidenden Punkt zu konzentrieren."71)

Diese Methode war also nicht neu, aber ihre Kenntnis und Anwendung zeugen von dem hohen theoretischen Niveau der sowjetischen Generale, deren Kenntnisse der Kriegsgeschichte. Neu waren jedoch die Bedingungen, unter denen sie Anwendung fand, die sich ja wohl von denen, unter denen sie Epaminondas als erster angewandt hatte, etwas unterschieden. So schrieb denn auch Moskalenko: „In den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges, als Millionen von Menschen mit leistungsstarker Technik und Bewaffnung an den Kampfhandlungen beteiligt waren, wurde das Problem der Kräftekonzentrierung unermeßlich schwieriger; dieses Prinzip bekam einen neuen Inhalt. Unser Oberkommando hat es bei Front- und Armeeoperationen sehr oft angewendet und damit immer großartige Erfolge erzielt. Ganz deutlich wurde dies bei der Schlacht bei Stalingrad, wo die Rote Armee beim Gleichstand der Kräfte die deutsche Gruppierung einschloß und liquidierte.

Die Konzentrierung der Kräfte haben unsere Truppen fast in allen folgenden Operationen erfolgreich praktiziert, ohne daß es dem faschistischen Oberkommando jemals gelang, dem irgend etwas Wirksames entgegenzusetzen. Im Laufe der Zeit ging unser Oberkommando immer selbstbewußter daran, einige Abschnitte zu schwächen, um dafür an anderen Truppen zu massieren. Obgleich dabei immer die Gefahr bestand, daß der Gegner zuerst, und zwar am geschwächten Frontabschnitt, zustieß, war er nicht ein einzigesmal dazu in der Lage, denn in den meisten Fällen konzentrierten unsere Kommandeure die Truppen sachkundig, gedeckt und im letzten Moment, nachdem der Gegner durch Scheinmaßnahmen getäuscht war.

Die Generalität Hitlers, die eine Niederlage nach der anderen erlitt, wollte nicht zugeben, daß ihre Mißerfolge in der wachsenden Kunst unserer Heerführer, im militärischen Können unserer Soldaten begründet waren. Zu ihrer Rechtfertigung beriefen sich die Nazigenerale neben anderen Gründen auf das vielfache Kräfteübergewicht der Roten Armee, das tatsächlich in den Hauptstoßrichtungen entscheidend und durch sachkundige Kräftekonzentrierung geschaffen worden war."72)

Letzteres ist der Grund, warum die kriegstheoretischen Ausführungen Moskalenkos ausführlich dokumentiert wurden.

Die Soldaten der sowjetischen Armeen hatten mit dem erfolgreichen Abschluß der Weichsel - Oder - Operation eine starke militärpolitische Position für die Verhandlungen Stalins auf der Krimkonferenz mit den Obersten Befehlshabern der Verbündeten geschaffen, die er auch auszunutzen verstand.


 

7. Malta

Churchill und Roosevelt bereiteten sich in der Konferenz auf Malta (30. Januar bis 2. Februar 1945) auf das Treffen mit Stalin in Jalta vor. Die Grundeinstellung Churchills über das weitere militärische Vorgehen der angloamerikanischen Truppen brachte er Roosevelt gegenüber mit der Bemerkung zum Ausdruck, daß sie „unbedingt in der Lage sein" müssten, „eine deutsche Kapitulation in Italien augenblicklich auszunützen, um ... einen möglichst großen Teil Österreichs zu besetzen, ‘DA ES NICHT WÜNSCHENSWERT IST; DIE RUSSEN TIEFER ALS UNBEDINGT NÖTIG IN MITTELEUROPA EINDRINGEN ZU LASSEN.’"73)

In Churchills Denken und Handeln hatte der Kampf gegen die Sowjetunion bereits Priorität gegenüber dem Krieg gegen die deutschen Faschisten in der Endphase des Krieges gewonnen. Daraus machte er in seinem Memoiren-Werk „Der Zweite Weltkrieg" auch keinen Hehl, wobei er vor Entstellungen und Unterstellungen der sowjetischen Kriegs- und Nachkriegspolitik nicht zurückschreckte.74)

Auf der Maltakonferenz kam es dann auch zu Auseinandersetzungen über die Hauptstoßrichtung der angloamerikanischen Streitkräfte. Eisenhowers Plan zielte in Richtung Mitteldeutschland, Kassel - Leipzig - Dresden, während Churchill im Norden, Richtung Berlin angreifen wollte. Er hatte dies wiederholt gefordert, so Ende März auch noch nach der Krimkonferenz in einem Brief an Roosevelt, in dem er unter Fettdruck betonte: „Es ist daher meine Meinung, daß wir vom politischen Standpunkt aus so weit wie möglich nach dem Osten Deutschlands marschieren und Berlin unbedingt nehmen müssen, sollte es in unserem Zugriff liegen."75)

Noch im Nachhinein kritisierte er die US-Administration, „daß damals vor allem Washington mehr Weitsicht hätte an den Tag legen müssen."76)

Churchill bedauerte, daß er seine haßerfüllte, antisowjetische Strategie gegen Eisenhower und Roosevelt nicht durchsetzen konnte. „Obschon immer noch mächtig, vermochte Großbritannien allein doch nicht ausschlagbebend zu handeln."77)

Die Frage ist spekulativ: Wie wäre der Geschichtsprozeß dann wohl verlaufen, wenn Churchill sich gegenüber Roosevelt hätte durchsetzen können?

Die strategischen Ziele der „Großen Drei" waren klar, bevor sie zu „freundschaftlichen" Gesprächen im Liwadija-Palast in Jalta am 4. Februar zur ersten Sitzung zusammenkamen.


 

8. Jalta

Man könnte fragen, was hat die Krimkonferenz - wie auch die Konferenzen von Teheran und Potsdam - mit Militärtheorie und -politik zu tun? Sind die Konferenzen nicht Gegenstand der Geschichte der Diplomatie? Das sind sie unzweifelhaft, aber nicht nur. Wenn der Krieg Fortsetzung der Politik/Diplomatie mit anderen, gewaltsamen, Mitteln ist, dann ist umgekehrt die Politik/Diplomatie auch Fortsetzung des Krieges mit anderen, nicht gewaltsamen, Mitteln. Was im Krieg von den Siegern erreicht wurde, soll politisch gefestigt, und was nicht erreicht werden konnte, sollte nachträglich gewonnen werden. Die Konferenzen sind in diesem Sinne diplomatische Reflektion des Krieges. Sie konnten einen langfristigen Frieden bringen - oder auch Vorbereitung neuer Kriege sein. Insofern sind die Konferenzen auch Gegenstand der Militärtheorie und -geschichte.

Auf den Konferenzen kollidierten die entgegengesetzten Klasseninteressen zwischen der sozialistischen Sowjetunion und den beiden imperialistischen Mächten bei noch übgergreifenden gemeinsamen Interessen an der Niederwerfung des faschistischen Deutschlands. Die endgültige Niederlage Deutschlands war nur noch eine Frage von Monaten. Kaum noch verhüllt durch die diplomatische Sprache und Höflichkeit wurden die Klasseninteressen auf der Krimkonferenz schärfer deutlich als auf der Konferenz in Teheran. Der militärpolitsche Aspekt verschwand nicht aus den Konferenzberatungen; er bezog sich jedoch zunehmend auf die Nachkriegszeit.

 

Eröffnung

Auf Bitte Stalins eröffnete Roosevelt die Konferenz mit den Worten, daß die „Führer der drei Mächte" sich bereits gut verstünden und „das Verständnis zwischen ihnen wachse."78)

Ob diese freundliche Bemerkung ironisch gemeint war oder nicht, spielt hier keine Rolle.

Nach einem zusammenfassenden Bericht Armeegeneral Antonows über die Erfolge der Weichsel - Oder - Operation stellte Churchill, offenbar äußerst besorgt um das Wohl der sowjetischen Truppen, unter anderem die Frage, was „getan werden" müsse, um eine Verlegung von acht deutschen Divisionen von Italien an die sowjetische Front zu verhindern. Er hatte auch gleich einen entsprechenden Vorschlag: „Vielleicht sollte man einen Teil der alliierten Truppen (aus Italien, UH) abziehen und über die Straße nach Ljubijana werfen, damit sie sich mit der Roten Armee vereinigten?"79)

Ein Blick auf die Karte genügt, um zu fragen, warum Churchill denn nicht gleich Wien gesagt hat.

Es gehört nicht viel dazu, hinter den „Besorgnissen" Churchills um „Entlastung" der Roten Armee dessen wirkliches Ziel zu erkennen. Im Januar, kurz vor der Konferenz, erhielt Elliot Roosevelt, der seinen Vater auf den Konferenzen begleitete, von Henry Hopkins die Information über Churchills „Invasionsplan vom Süden her, ..." als „letzten Versuch, alliierte Soldaten vor den Russen in den Balkan zu schmuggeln..."80)

Nach Austausch der Ergebnisse der sowjetischen Winteroffensive und den Ergebnissen der Abwehr der Ardennenoffensive im Westen erklärte Stalin, daß die Sowjetunion nach den Beschlüssen der Teheraner Konferenz „nicht verpflichtet gewesen" sei, „die Winteroffensive zu unternehmen.

Der Präsident habe ihn gefragt, ob er, Stalin, einen Vertreter General Eisenhowers empfangen könne. Er, Stalin, habe natürlich ja gesagt. Churchill habe ihm eine Botschaft geschickt, in der gefragt wurde, ob er, Stalin, die Absicht habe, im Laufe des Januars zur Offensive überzugehen. Er, Stalin, habe verstanden, daß weder Churchill noch Roosevelt ihn direkt um eine Offensive ersuchten. Er schätze dieses Feingefühl der Alliierten, doch habe er erkannt, daß eine solche Offensive für die Alliierten notwendig sei. Das Sowjetkommando habe die Offensive begonnen, sogar vor dem festgesetzten Termin. Die Sowjetregierung habe das als ihre Pflicht, als Pflicht des Verbündeten, aufgefaßt, obwohl sie keine formellen Pflichten in dieser Hinsicht hatte. Er, Stalin, möchte, daß die Führer der alliierten Mächte wissen, daß die sowjetischen Führer nicht nur ihre Pflichten erfüllen, sondern auch bereit seien, ihrer moralischen Pflicht nach Möglichkeit nachzukommen. Nach den Wünschen habe er deshalb gefragt, weil Tedder den Wunsch geäußert hatte, die sowjetischen Truppen sollten ihre Offensive bis Ende März nicht abbrechen. Er, Stalin, habe das so aufgefaßt, daß dies vielleicht nicht nur der Wunsch Tedders, sondern auch anderer Militärführer der Alliierten sei. Wir, sagt Stalin, werden unsere Offensive fortsetzen, wenn das Wetter und der Zustand der Straßen es gestatten.81)

Zwei nebenbei gemachten Äußerungen am Ende des 1. Konferenztages sollten beachtet werden. Bezüglich der Zukunft Deutschlands meinte Churchill, „falls dieses überhaupt eine Zukunft haben wird." Stalin antwortete lakonisch: „Deutschland wird eine Zukunft haben."82)

Ging es in der ersten Sitzung um eine Art „Bestandsaufnahme" über die Lage an den Fronten, Austausch von Erfahrungen aus den bisherigen Kämpfen, ging es auf den folgenden Sitzungen, insgesamt dreizehn, um Fragen der Nachkriegsordnung, die zumeist unter einem bestimmten Thema diskutiert und, soweit eine Einigung erzielt werden konnte, entschieden wurden.

Zur Deutschlandfrage. 2. und 6. Sitzung, 5. und 9. Februar

Sollte Deutschland aufgeteilt werden? Diese Frage ist nicht zu verwechseln mit der Bildung von Besatzungszonen der Alliierten. Roosevelt meinte allerdings, daß diese Zonen vielleicht „der erste Schritt zur Aufteilung Deutschlands sein" könnten.83)

Die Frage der Aufteilung wurde ausführlich diskutiert, aber nicht entschieden. Churchill befürwortete seinen alten Plan der Schaffung eines „neuen großen deutschen Staates im Süden, dessen Hauptstadt Wien sein könnte, eine Wasserscheide zwischen Preußen und dem übrigen Deutschland sichern würde." Eine weitere Frage für ihn sei, ob Preußen „noch weiter aufgeteilt werden sollte."84) Roosevelt sah „unter den heutigen Verhältnissen keinen anderen Ausweg als die Aufteilung..."85) Stalin erklärte, daß die Frage „im Prinzip" entschieden und „im Rahmen der bedingungslosen Kapitulation fixiert werden" müsse86), äußerte sich jedoch nicht konkret, nicht bindend, dazu. Die Frage der Aufteilung sollte nicht in den Text der Kapitulationsurkunde aufgenommen werden. Stalin ließ die Entscheidung der Sowjetregierung bezüglich der Aufteilung offen. Im Kommunique über die Konferenz hieß es dann auch, daß sie „übereingekommen" seien, die „Bestimmungen der bedingungslosen Kapitulation" erst nach der „endgültigen Niederwerfung Deutschlands" bekanntzugeben.86a)

Bezüglich der Besatzungszonen hieß es, daß „die Streitkräfte der drei Mächte je eine Zone Deutschlands besetzen." Wichtig ist die Festlegung, daß der Plan der drei Mächte eine „koordinierte Verwaltung und Kontrolle durch eine Zentralkontrollkommission mit Sitz in Berlin" vorsah, die „aus den Oberbefehlshabern der drei Mächte bestehen" sollte.86b) Frankreich sollte eingeladen werden, eine Besatzungszone zu übernehmen und als viertes Mitglied an der Kontrollkommission teilnehmen.86c) Im Abschlußkommunique wurde unmißverständlich gesagt: Es sei „der unbeugsame Wille" der drei Mächte, „den deutschen Militarismus und Nazismus zu vernichten und dafür Sorge zu tragen, daß Deutschland nie wieder imstande ist, den Weltfrieden zu stören..." Es sei nicht ihre Absicht, „das deutsche Volk zu vernichten. Nur dann, wenn der Nazismus und Militarismus ausgerottet sind, wird für das deutsche Volk Hoffnung auf ein würdiges Leben und einen Platz in der Völkergemeinschaft bestehen."86d)

Reparationen

Zur Frage der Reparationen hatte die Sowjetregierung einen Plan ausgearbeitet, dessen Prinzipien Maiski87) auf der Konferenz vortrug. Die Reparationen sollten in Deutschland nicht in Form von Geld erhoben werden, wie nach dem ersten Weltkrieg, sondern in Sachleistungen in zwei Formen: einmal in Form einmaliger Leistungen aus dem Nationalvermögen Deutschlands (Fabriken, Werke, Maschinen, Schiffe, rollendes Eisenbahnmaterial, Anlagen in ausländischen Betrieben usw.) und zum andren in jährlichen Warenlieferungen. 80 Prozent der Entnahmen sollten aus der Schwerindustrie Deutschlands entnommen werden (Hüttenwesen, Maschinenbau, Metallbearbeitung, Elektrotechnik, Chemie usw.) Bei Flugzeugbau und Produktion synthetischen Treibstoffs sei eine hundertprozentige Entnahme vorgesehen, desgleichen bei spezialisierten Rüstungsbetrieben (Waffenwerken, Munitionsfabriken, u.a.)

Die in Deutschland verbleibenden 20 Prozent der Vorkriegsindustrie wurde als ausreichend für die Deckung des inneren Bedarfs betrachtet. Die Reparationsleistungen seien auf eine Dauer von zehn Jahren festzulegen. Eine strenge englisch - sowjetisch - amerikanische Kontrolle über die Wirtschaft Deutschlands sei vorgesehen. Diese Kontrolle sei auch nach Ablauf der Frist der Reparationsleistungen weiter beizubehalten.

Da die zu erhebenden Reparationsleistungen die von der deutschen Aggression angerichteten Schäden - deren Berechnungen hätten astronomische Zahlen ergeben - nicht beseitigen können, sollte eine gewisse Reihenfolge der Schadenersatzerhebung zwischen den Ländern festgelegt werden, die ein Anrecht auf Reparationen haben, nach zwei Kriterien, einmal nach der Größe des Beitrages des jeweiligen Landes zum Sieg über den Feind, zum anderen nach der Größe der direkten materiellen Verluste. Die UdSSR halte es für gerecht, Reparationsleistungen in Höhe von 10 Milliarden $ zu erhalten. Dies sei ein sehr geringer Teil der erlittenen materiellen Direktverluste der UdSSR.

Eine besondere Reparationskommission sollte aus Vertretern der drei Mächte mit Sitz in Moskau gebildet werden.88)

Churchill bezweifelte nicht den Anspruch der Sowjetunion auf Reparationen, jedoch den Erfolg, „eine solche Anzahl von Werten" aus einem zerstörten Deutschland zu erhalten. Es erhebe sich das „Gespenst eines hungernden Deutschlands mit seinen 80 Millionen Einwohnern ... vor seinen Augen." Wer würde sie ernähren, wer dafür bezahlen. Würde es nicht dazu kommen, „daß die Alliierten zumindest einen Teil der Reparationen aus eigener Tasche würden aufbringen müssen?"89)

In den Diskussionen spielten die unterschiedlichen Erfahrungen mit den Reparationsforderungen an Deutschland nach dem ersten Weltkrieg eine Rolle. Roosevelt erklärte, daß die USA nach dem ersten Weltkrieg viel Geld verloren hätten. Sie hätten Deutschland mehr als 10 Milliarden $ geliehen. Viele deutsche Guthaben und deutsches Eigentum in den USA sei den Deutschen zurückgegeben worden. Nach diesem Kriege werde man wahrscheinlich ein „spezielles Gesetz" erlassen müssen, „nach dem das gesamte deutsche Eigentum in den Vereinigten Staaten bei den Amerikanern bliebe". Trotz der „Großmütigkeit" der USA, die „anderen Ländern" helfe, „könnten die Vereinigten Staaten die Zukunft Deutschlands nicht garantieren."90)

Maiski antwortete: Das Versagen der Reparationen nach dem ersten Weltkrieg hatte daran gelegen, daß sie nicht in Waren, sondern vor allem in Geld gefordert worden seien. Ein weiterer Grund wäre gewesen, daß die USA, England und Frankreich viel Kapital in Deutschland investiert und damit die Deutschen ermuntert hätten, ihren Reparationsverpflichtungen nicht nachzukommen. Deutschland habe den Alliierten etwa ein Viertel der Summe zurückerstattet, die diese in den ersten Nachkriegsjahren Deutschland geliehen hatten. (Maiski vermied offenbar zu sagen, warum die drei Westmächte Deutschland mit Krediten so reichlich versehen hatten. Er verzichtete auch auf einen Hinweis auf den Rapallo-Vertrag, in dem Deutschland und Sowjetrußland gegenseitig auf Reparationen verzichtet hatten.)

Nunmehr werde vorgeschlagen, die Reparationen in Waren zu erheben, damit Transferschwierigkeiten wie nach dem ersten Weltkrieg vermieden werden. Es sei zu hoffen, „daß die USA und England jetzt Deutschland nach Kriegsende nicht finanzieren werden."

Roosevelt und Churchill gaben zu verstehen, daß sie „nichts dergleichen beabsichtigten." (Vom Marshallplan war ja noch nicht die Rede.)

Churchill habe angedeutet, daß die Summe der von der UdSSR geforderten Reparationen „für Deutschland untragbar" wären. Dies dürfte kaum stimmen. Maiski rechnete vor: 10 Milliarden $ seien nur 10 Prozent des Budgets der USA für 1944/45, das wären 1¼ des US-Budget in Friedenszeiten. Bezüglich Englands entsprächen 10 Milliarden $ lediglich den Kriegsausgaben in 6 Monaten oder dem 2½fachen seines Budgets in Friedenszeiten (1936-1938). In diesem Falle könne man nicht von einer „Übermäßigkeit" der sowjetischen Forderung sprechen, eher von einer „übermäßigen Bescheidenheit dieser Forderungen..."

Auf Einwände Roosevelts und Churchills, „man müsse einen Hunger in Deutschland verhüten", erwiderte Maiski: „Die Sowjetregierung beabsichtige keinesfalls, Deutschland in ein hungriges, abgerissenes und barfüßiges Land zu verwandeln." Bei der Ausarbeitung des Reparationsplanes sei es der Sowjetregierung darum gegangen, „Bedingungen zu schaffen, unter denen das deutsche Volk in den Nachkriegsjahren den mitteleuropäischen Lebensstandard habe." Es gäbe keine Begrenzungen für Landwirtschaft und Leichtindustrie in Deutschland, die erweitert werden könnten. Deutschland wäre auch von allen Rüstungsausgaben frei, da es vollständig abgerüstet werde.91)

In der weiteren Diskussion waren Churchill und Roosevelt ausweichend. Übereinstimmung bestand nur darin, eine Kommission für Reparationen zu bilden.

Stalin meinte, daß die Konferenz Richtlinien für die Arbeit der Reparationskommission beschließen müßte. Das Hauptprinzip müsse sein, daß in erster Linie die Staaten Reparationen erhielten, „die die Hauptlast des Krieges getragen und den Sieg über den Feind organisiert haben". Diese Staaten seien die UdSSR, die USA und Großbritannien. Es müßte „unverrückbar festgelegt werden, daß das Recht auf Reparationen vor allem denjenigen zusteht, die den größten Beitrag zur Zerschlagung des Feindes geleistet haben."

Roosevelt erklärte, er sei einverstanden, Churchill hatte keine Einwände. Die Reparationsfrage wurde an die drei Außenminister verwiesen. Churchill verkündete nun noch sein Prinzip: „Jedem nach seinen Bedürfnissen, von Deutschland aber nach dessen Kräften. Dieses Prinzip sollte dem Reparationsplan zugrunde gelegt werden."

Mit anderen Worten, er war nicht einverstanden mit Stalins Hauptprinzip. Stalin antwortete dann auch, daß er ein anderes Prinzip vorziehe: „Jedem nach seinen Verdiensten."92)

Auf der 6. Sitzung am 9. Februar berichtete US-Außenminister Stettinius, daß die Außenminister den Punkten 1 und 2 des vorgelegten amerikanischen Planes zugestimmt haben. Es war ein Kompromiß zwischen den von Stalin und Churchill vorgetragenen Prinzipien.

1. Reparationen erhalten in erster Linie Länder, die die größten Lasten getragen, die schwersten Verluste erlitten, den Sieg über den Feind gestaltet haben. 2. Die Frage der Nutzung deutscher Arbeitskräfte als einer Form der Reparationsleistung wurde zurückgestellt. Die Reparationen seien von Deutschland in Sachleistungen zu erbringen, einmal durch einmalige Entnahme nach Kriegsende, zum anderen durch jährliche Warenlieferungen. Die einmalige Entnahme innerhalb von 2 Jahren nach Kriegsende, die Warenlieferungen im Verlauf von 10 Jahren nach Kriegsende.

Über Punkt 3 sei ein Kompromiß erfolgt, wonach der Gesamtumfang der Reparationen in beiden Formen insgesamt 20 Milliarden $ betragen soll. Davon solle die UdSSR 50 Prozent erhalten.

Der britische Außenminister Sir Anthony Eden habe dazu den Vorbehalt gemacht, daß er noch keine Weisung aus London habe.93)

Auf der 7. Sitzung am 10. Februar meinten Churchill und Roosevelt, daß man keine Reparationssumme nennen sollte. Stalin widersprach, daß es unrichtig sei, den Eindruck zu erwecken, daß die Reparationen in Geldform zu erbringen seien. „Es handle sich nicht um Geld, sondern um Waren im Werte von 20 Milliarden US-$."

Stalin fragte direkt: „Oder möchte die Konferenz vielleicht, daß die Russen überhaupt keine Reparationen erhalten?" Churchill „verneinte" natürlich, mit dem bekannten „aber...!!" „...die Konferenz dürfe sich durch keine Zahlen binden." Er zitierte ein Telegramm des Kriegskabinetts, das er gerade erhalten habe, daß es die Engländer „für unmöglich" halten, „schon jetzt irgend einen Umfang der Reparationen zu nennen..." Die Engländer messen der Fähigkeit der Deutschen, für ihren Import zu zahlen, „besondere Bedeutung" bei. „Sonst", meinte Churchill, „würden wir in eine Lage geraten, daß wir an Deutschland zahlen müssten, während die anderen Reparationen erhalten würden."94)

Abgesehen davon, daß sich solche „Telegramme" immer zur rechten Zeit einstellen, hieß das in undiplomatischem Klartext, daß die UdSSR nichts erhalten sollte.

Lediglich ein „Beschlußentwurf" Stalins, wonach Deutschland den Schaden, den es den alliierten Ländern während des Krieges zugefügt hat, in Sachwerten ersetzen muß und daß die Reparationskommission die Frage des Umfangs der zu ersetzenden Schäden erörtern sowie über ihre Schlußfolgerungen den Regierungen Bericht erstatten sollten, fand das Einverständnis von Roosevelt und Churchill. Stalin fragte ironisch: „Werden Sie es morgen nicht widerrufen?"95)

Im Abschlußkommunique gab es dann auch keine Festlegung bezüglich Reparationen. Es wird lediglich „für Recht befunden", daß Deutschland in „größtmöglichem Umfang in Sachleistungen Ersatz für den verursachten Schaden zu leisten" habe.96)

Andrej Gromyko, der als Mitglied der sowjetischen Delegation an der Krimkonferenz teilnahm, schrieb in seinen Erinnerungen, daß „die Frage der deutschen Reparationen an die UdSSR nie geregelt" wurde. „Stalin und die übrige sowjetische Delegation fragten sich, was sich Roosevelt und Churchill gedacht haben mochten, als sie diese Frage ausklammerten. Hatten sie nicht begriffen, daß es nicht mehr als ein Tropfen im Ozean war, wenn die Deutschen 20 oder sogar 30 Milliarden Dollar zahlen mußten? Der Schaden, den sie unserem Lande zugefügt hatten, wurde später auf 2.600 Milliarden Rubel geschätzt. Sollten unsere Verbündeten etwa gedacht haben, die sowjetische Wirtschaft dürfe sich nicht zu schnell erholen?

Jeder der Großen Drei äußerte sich mehrmals zu diesem Thema, der Präsident weniger als die anderen. War er auch bereit, die Möglichkeit einer nominellen Entschädigung ins Auge zu fassen, so konnte er doch keinen Betrag nennen. Desgleichen ging er einer direkten Auseinandersetzung mit Churchill aus dem Weg, der der UdSSR nicht einmal eine symbolische Reparationsgeste einzuräumen bereit war."97)

In einem Gespräch mit Gromyko nach solchen Auseinandersetzungen äußerte sich Stalin: „Möglicherweise haben sich die USA und England in dieser Frage schon geeinigt." Dieser Verdacht, so Gromyko, habe sich später bestätigt.98)

Fragen der internationalen Sicherheit

Probleme der zu schaffenden Organisation der Vereinten Nationen (nach dem englischen Text im weiteren als „UNO" bezeichnet, auch wenn diese erst am 25. April 1945 konstituiert wurden.) wurden mehrfach kontrovers diskutiert, auf der 3., 4., 5. und 8. Sitzung am 6., 7., 8. und 11. Februar. In den Diskussionen wurden die entgegengesetzten Klassenpositionen trotz ihrer Verhüllung durch die diplomatischen Redewendungen deutlich, besonders in den Kontoversen zwischen Stalin und Churchill. Roosevelt erweckte den Eindruck eines „Vermittlers" zwischen den Fronten, wobei er die Klassenpositionen Churchills in sehr geschickter Weise unterstützte. Gromyko ist zuzustimmen, wenn er bezüglich Roosevelts von einem „bewußt vagen Lavieren in Jalta" spricht.99)

Churchill gerierte sich als Anwalt der „kleinen Staaten", wenn er meinte, daß der Frieden zwar von der Freundschaft und Zusammenarbeit der drei Großmächte abhänge, doch müsse man den kleinen Staaten die Möglichkeit geben, ihre Ansprüche „frei zu äußern". Die drei Großmächte müßten „eine gewisse Bereitschaft zeigen, sich den Interessen der gemeinsamen Sache zu unterwerfen."100)

Was er nicht sagte, aber was dahinter steckte, war folgendes: Die Mehrheit der Kleinen Staaten waren kapitalistische oder feudal-kapitalistische Staaten. Es würde nicht schwierig sein, durch diverse Formen der Einwirkung auf die Regierungen dieser Staaten je nach Lage (Gewalt, Bestechung, Ausnutzung der ökonomischen und politischen Abhängigkeit von den großen kapitalistischen Staaten, vor allem den USA nach dem Kriege) eine „Mehrheit" von Staaten in der UNO herbeizuführen, wie es später dann ja auch in Gestalt der US-hörigen „Abstimmungsmaschine" in der UNO geschah, um Druck auf die UdSSR auszuüben, die sich ja dann den „Interessen der gemeinsamen Sache" - im undiplomatischen Klartexte: der Hegemonie der „angelsächsichen" Staaten mit den USA als ihrer Hauptmacht, - „zu unterwerfen" hätte.

Churchill meinte weiter, um „ein Beispiel zu nennen", daß, wenn China nach dem Vorschlag des Präsidenten um die „Rückerstattung" Honkongs bitten würde, hätten sowohl Großbritannien als auch China das Recht, sich dazu zu äußern.101) Demnach gehörte China wohl auch zu den kleinen Staaten?!

Stalin wählte darauf hin ein weiteres „Beispiel", den Suezkanal, der auf ägyptischem Territorium liege.

Auch Ägypten stand Churchill dieses Recht zu, diese Frage zu erörtern. Großbritannien habe da keine Sorge, da die britischen Interessen durch § 3 des Entwurfs der Verfassung der UNO gesichert seien.102) Paragraph 3 war das Vetorecht der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates.

Stalin erklärte, „ihm scheine, daß die in Dumbarton Oaks103) gefaßten Beschlüsse darauf abzielten, den verschiedenen Ländern nicht nur das Recht auf Meinungsäußerung zu sichern. Dieses Recht koste nicht viel.

Es wurde von niemandem abgestritten.

Die Sache sei jedoch viel ernster. Wenn eine Nation eine für sie sehr wichtige Frage erhebt, tut sie es nicht, um nur die Möglichkeit der Meinungsäußerung wahrzunehmen, sondern um eine Entscheidung der Frage herbeizuführen. Unter den Anwesenden gebe es niemanden, der einer Nation das Recht der Meinungsäußerung in der Versammlung absprechen würde. Doch nicht das sei der Kern der Sache. Churchill meine offenbar, falls China die Frage Hongkong stellen würde, so nur deshalb, um sich äußern zu können. Das treffe nicht zu. China wird eine Entscheidung fordern. Genauso würde Ägypten, wenn es die Frage der Rückerstattung des Suezkanals stellt, sich nicht damit zufrieden geben, seine Meinung dazu zu äußern. Ägypten würde eine Entscheidung der Frage fordern. Deshalb gehe es jetzt nicht einfach um die Gewährleistung der Möglichkeit, die eigene Meinung zu äußern, sondern um viel wichtigere Dinge."104)

Stalin erwies sich in seiner Argumentation als weitsichtig. Curchill habe gesagt, ‘’es bestehe keine Ursache, etwas Unerwünschtes zu befürchten, ... Ja, solange wie wir alle leben, brauche man nichts zu befürchten. Wir werden keine gefährlichen Divergenzen zwischen uns zulassen. Wir werden eine neue Aggression gegen eines unserer Länder nicht dulden. Doch in 10 oder vielleicht noch weniger Jahren werden wir nicht mehr da sein. Es wird eine neue Generation kommen, die durch all das nicht gegangen ist, was wir erlebt haben, die wahrscheinlich viele Fragen anders sehen wird als wir. Was wird dann geschehen? Haben wir uns nicht vorgenommen, den Frieden für eine Dauer von mindestens 50 Jahren zu sichern? Oder denke er, Stalin, vielleicht aus Naivität so? „Man müsse überlegen, wie sich die Einheitsfront der drei Mächte, denen Frankreich und China hinzuzufügen seien, am besten sichern ließe."105)

„Ja, solange wie wir alle leben..." Roosevelt starb acht Wochen nach der Krimkonferenz am 12. April, und Churchill hielt seine berüchtigte Fulton-Rede dreizehn Monate später, am 5. März 1946. Damit endete die Einheitsfront noch schneller, als Stalin angenommen haben mag. Aber er deutete es bereits als möglich an.

Stalin antwortete auf den Vorwurf Churchills, daß er, Stalin, die Frage der Abstimmung im Sicherheitsrat zuspitze. Stalin schenkte der Abstimmungsfrage tatsächlich „große Aufmerksamkeit", denn die UdSSR „sei an den vom Sicherheitsrat zu treffenden Entscheidungen am stärksten interessiert. Alle Entscheidungen werden doch durch Abstimmung getroffen. Man könne 100 Jahre diskutieren und dabei nichts entscheiden. Für uns ... sind die Entscheidungen wichtig. Übrigens seien sie es nicht nur für uns."106)

Stalin wies noch einmal auf die „Beispiele" - China/Honkong und Ägypten/Suezkanal - hin. Wenn beide die Rückerstattung, Honkong resp. Suezkanal, verlangen würden, würde darüber in der Versammlung und im Sicherheitsrat abgestimmt werde. Er, Stalin, „könne seinem Freund Churchill versichern, daß China und Ägypten dabei nicht allein stehen werden. Sie würden in der internationalen Organisation Freunde finden. Das stehe in direkter Beziehung zur Frage der Abstimmung."

Churchill erklärte kurz, Großbritannien würde „nein" sagen.107)

Bemerkenswert ist die Erklärung des britischen Außenministers Eden, „die Länder könnten reden, streiten, doch die Entscheidung könnte nicht ohne die Zustimmung der drei Hauptmächte getroffen werden"108)

Es ging um die Veto-Frage. Mit dem Veto einer der Großmächte gab es keine Entscheidung der UNO. Stalin wies noch auf eine andere Gefahr hin: „...seine Kollegen hätten wohl nicht vergessen, daß die Engländer und Franzosen während des russisch-finnischen Kriegs den Völkerbund gegen die Russen aufgestachelt, die Sowjetunion isoliert und sie aus dem Völkerbund ausgeschlossen und alles gegen die UdSSR mobilisiert haben. Einer Wiederholung solcher Geschehnisse müsse in Zukunft ein Riegel vorgeschoben werden."109)

Churchill und Eden erklärten, daß eine solche Gefahr nicht bestehen würde. Molotow lakonisch, „das hören wir zum ersten Mal."110)

Stalin verwies darauf, daß wenn auch der Ausschluß eines Mitgliedes unmöglich sei, daß „die Möglichkeit einer Mobilisierung der öffentlichen Meinung gegen eines der Mitglieder" gegeben sei.

Churchill konnte (wollte?, UH) nicht ausschließen, daß „gegen ein Mitglied eine breite Agitation" beginne, doch gleichzeitig würde auch die Diplomatie wirken. Es folgen Floskeln, daß Roosevelt nicht gegen England auftreten würde, oder Stalin gegen England. Er, Churchill, „sei überzeugt, daß sich immer ein Weg zur Beilegung von Konflikten finden lasse. Jedenfalls könne er, was seine Person betreffe, dafür bürgen."111)

Diese „Bürgschaft" dürfte Stalin nach den bisherigen Erfahrungen mit Churchill schon zu werten gewußt haben. Die bereits w.o. erwähnte Fulton-Rede112) konnte er ja noch nicht gekannt haben. So schlug Stalin denn auch vor, die Erörterung dieser Frage am anderen Tage fortzusetzen.

Die sowjetische Delegation wiederholte die bereits in Dumbarton Oaks von ihr erhobene Forderung, daß drei, mindestens zwei Sowjetrepubliken als Gründungsmitglieder der Vereinten Nationen anerkannt werden müßten, und zwar die Ukraine, Belorußland und Litauen.

Roosevelt fand die Frage über die drei Sowjetrepubliken „sehr interessant." Er meinte, Großbritannien habe mehrere Dominien, die Sowjetunion, mehrere Republiken, aber die USA als „homogenes" Land hätten nur einen Außenminister. Falls eine der Großmächte mehr als eine Stimme haben sollte, wäre „die Regel verletzt", wonach „jedes Mitglied" nur eine Stimme haben sollte.113)

Churchill sah in dem Vorschlag Stalins einen „großen Schritt" in Richtung eines Einvernehmens. Er „habe den Vorschlag der Sowjetregierung mit großer Sympathie aufgenommen. Er sei gerührt und sein Herz sei dem großen Rußland zugewandt, das verblute, aber den Tyrannen zerschlage." Er „würde sich sehr freuen" wenn Roosevelt der sowjetischen Delegation eine Antwort gäbe, die man nicht als Ablehnung auffassen könnte."

Nach diesen salbungsvollen Ergüssen erklärte Churchill sein berühmtes „aber", daß er „die Grenzen seiner Vollmachten nicht überschreiten" könne und man es ihm nicht übel nehmen solle, „daß er auf den Vorschlag der sowjetischen Delegation nicht auf der Stelle die Antwort der britischen Regierung geben könne."114)

Bei diesem Problem der Gründungsmitglieder - wie später auch - ging es um Mehrheiten in Abstimmungsfragen, wobei nach dem Prinzip, jeder Großmacht eine Stimme, unter Klassenaspekt die Sowjetunion gegenüber den USA und Großbritannien in der „Minderheit" sein würde. Wenn China, d.h. das China der von den USA abhängigen Tschiang Kai-schek-Regierung, und Frankreich hinzukämen, wäre die „Mehrheit" der kapitalistischen und abhängigen Staaten gegenüber der UdSSR noch stärker, die UdSSR isoliert, ganz „demokratisch" nach dem alten Spiel „Mehrheit" und „Minderheit", wobei die „Minderheit" sich der „Mehrheit" unterzuordnen habe.

Natürlich durchschaute Stalin dieses rund 200 Jahre alte parlamentarische Spiel. Mit der Einbeziehung von zwei oder drei Sowjetrepubliken als Gründungsmitglieder wären die Bestrebungen der US- und britischen Regierung wenigstens teilweise paralysiert.

Die Frage der Gründungsmitglieder landete dann auch wieder auf dem Tisch der Außenminister. Die Ergebnisse ihrer Beratung trug Eden auf der 5. Sitzung vor. Danach sollte die Konferenz zum 25. April 1945 einberufen, mit der UdSSR sollten zugleich zwei Sowjetrepubliken, Ukraine und Belorussland, als Erstmitglieder aufgenommen werden.115)

Es gab noch weitere Probleme. So gab es Staaten, die keine diplomatischen Beziehungen zur UdSSR unterhielten, obwohl sie Deutschland den Krieg erklärt hatten, andere, wie Ägypten, hatten Deutschland auf Anraten der britischen Regierung nicht den Krieg erklärt. Ähnlich Island, das jedoch amerikanische Truppen ins Land eingelassen und zur Sicherung der Verbindungswege der Allierten auf dem Nordatlantik beigetragen hatte. Dänemark habe aber die Unabhängigkeit Islands nicht anerkannt. Auf diese, für die betreffenden Staaten zwar wichtigen, Fragen kann hier aber nicht eingegangen werden.

Bei der Diskussion des amerikanischen Entwurfs des Kommuniques erklärte Roosevelt, daß der Beschluß der Konferenz, die Ukraine und Belorußland als Erstmitglieder der internationalen Sicherheitsorganisation einzuladen, ihm „politische Schwierigkeiten" in den USA bereiten würde. Churchill schlug in die gleiche Kerbe. Roosevelt schlug dafür eine andere, unverbindliche, Formulierung vor, „daß die Amerikaner den Vorschlag über die Einberufung der beiden Sowjetrepubliken als Erstmitglieder der Organisation unterstützen werden."116)

Stalin zog daraufhin den Vorschlag der sowjetischen Delegation zurück. Im Kommunique über die Konferenz wurde vermerkt, daß „in der wichtigen Frage des Abstimmungsverfahren keine Einigung erzielt" wurde.117)

Im Protokoll der Arbeit der Krimkonferenz hieß es, daß „die Delegierten des Vereinigten Königreiches und der Vereinigten Staaten von Amerika den Vorschlag unterstützen, als Erstmitglieder zwei Sozialistische Sowjetrepubliken zuzulassen, und zwar die Ukraine und Belorussland..."118)

Polen

In den Diskussionen auf der Konferenz über Polen traten die unversöhnlichen Klassengegensätze zwischen der UdSSR und den beiden Westmächten in besonders krasser Weise zutage.

Wenn Churchill in seinen Memoiren schrieb, daß „Polen in der Tat der dringlichste Grund für die Abhaltung der Jalta-Konferenz gewesen" sei, und sich „in der Folge auch als die erste der Hauptursachen für den Zerfall der Großen Allianz"118a) erwies, so kann man ihm partiell sogar zustimmen. Der Kampf um die Gesellschaftsordnung in Polen - und darum ging es - war das konkrete Erscheinungsbild des Klassenkampfes auf der internationalen Bühne, denn die Frage der Gesellschaftsordnung in Polen war eine Klassenfrage.

Schon wenige Wochen vor der Eröffnung der Konferenz wurde sie im Briefwechsel zwischen Stalin und Roosevelt deutlich.

In seiner Botschaft an Roosevelt vom 27. Dezember 1944 informierte Stalin den Präsidenten, daß die Sowjetregierung, „falls sich das Polnische Komitee der Nationalen Befreiung in eine Provisorische Polnische Regierung umbildet, ... keinen ernsthaften Grund" habe, „ihre Anerkennung hinauszuschieben". Andererseits gäbe es „unter den in Polen entstandenen Verhältnissen keinen Grund, die Politik der Exilregierung weiterhin zu unterstützen, ..."119)

Roosevelt erklärte in seiner Antwort, die am 31. Dezember in Moskau eingegangen war, daß er über Stalins Botschaft „beunruhigt und tief enttäuscht" sei. Er stellte seinerseits fest, daß er „keine Aussicht dafür sehe, daß unsere Regierung ... der Londoner Regierung die Anerkennung entzieht..." Er ersuchte Stalin, die Anerkennung der Provisorischen Regierung noch hinauszuzögern bis zu ihrem Treffen auf der Krim.120)

Am 1. Januar 1945 hatte sich das Polnische Komitee der Nationalen Befreiung (PKWN) in die Provisorische Polnische Regierung umgebildet. Stalin teilte Roosevelt in seiner Botschaft vom 1. Januar mit kurzer Begründung mit, daß er den Wunsch des Präsidenten nicht erfüllen könne.121)

Am 4. Januar erfolgte die diplomatische Anerkennung der Provisorischen Polnischen Regierung durch die Sowjetregierung. Stalin hatte vor der Konferenz Tatsachen geschaffen. Damit waren die Positionen der beiden Seiten vor der Krimkonferenz abgesteckt.

Von den insgesamt 96 Seiten des Protokolls der Beratungen einschließlich des Abschlußkommuniques entfallen 30 Seiten allein auf die Diskussionen über Polen. Die britischen Protokolle enthielten nach Churchill „annähernd achtzehntausend Worte, die zwischen Stalin, Roosevelt und mir über dieses Thema gewechselt wurden."121a) Im Protokoll über die Arbeit der Krimkonferenz ist über Polen jedoch nichts enthalten.

Die Curzon-Linie als Ostgrenze Polens wurde von allen drei Mächten anerkannt, mit einigen kleineren Gebietserweiterungen zugunsten Polens. Bezüglich der Westgrenze Polens waren sich die drei Mächte einig, daß Polen einen bedeutenden Gebietszuwachs erhalten sollte. Die Westgrenze sollte von der Odermündung, einschließlich Swinemünde und Stettin, der Oder entlang bis zur Einmündung der Neiße in die Oder und dann weiter an der Neiße bis an die Grenze der CSR führen. Stalin bestand dabei auf der westlichen, der Lausitzer Neiße, Roosevelt und Churchill auf der östlichen Neiße, die nördlich von Oppeln in die Oder fließt. Damit wäre der westliche, größere Teil Schlesiens bei Deutschland verblieben. Darüber gab es keine Einigung.

Am 6. Juli 1950 unterzeichnete der Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik Otto Grotewohl, in Zgorzelec die Markierung der Staatsgrenze an Oder und Lausitzer Neiße. Die Regierung der DDR hatte seit ihrer Gründung die Rechtmäßigkeit der Oder-(Lausitzer)Neiße-Grenze als unabdingbare Voraussetzung für die Überwindung des langwährenden deutsch-polnischen Haders und als Voraussetzung jeder deutsch-polnischen Freundschaft als Friedensgrenze anerkannt.121b)

Die Grenzfrage blieb jedoch gegenüber der Frage der inneren Ordnung Polens, d.h. der Gesellschaftsordnung, von zweitrangiger Bedeutung. Auch hier kann man Churchill zustimmen, wenn er meinte: „Weit wichtiger als bestimmte Grenzziehungen war, ... daß ein starkes, freies und unabhängiges Polen entstand."121c) Mit dem heutigen bürgerlichen in NATO und EU eingebundenen Polen wäre Churchills Wunsch erfüllt worden.

Die entscheidende Frage, um die der Kampf entbrannte, war die nach der Gesellschaftsordnung in Polen, die Klassenfrage, obwohl in den Diskussionen die Begriffe Klassen, Klasseninteressen, Klassenkampf verbal nicht verwendet wurden. Auch nicht von Stalin. Wozu auch? Die beiden Seiten verstanden auch so sehr gut, worum es ging. Von Churchill und auch von Roosevelt um die Restauration der alten Macht- und Eigentumsverhältnisse der Großbourgeoisie und Großgrundbesitzer, um Polen als Bestandteil eines „Cordon sanitaire" gegen die Sowjetunion wieder herzustellen - „die Russen von Europa abzublocken". Stalin wollte ein starkes, demokratisches, friedliches Polen, Sicherheit an der Westgrenze der Sowjetunion.

Beiden Seiten war klar, daß erst die Machtfrage in Polen entschieden werden mußte, bevor „freie Wahlen" stattfinden konnten. Machtfragen werden nun mal nicht mit dem Wahlzettel entschieden.

Während Churchill und Roosevelt ihre Klassenpolitik unter der Losung der „freien Wahlen" betrieben, enthüllte Stalin die reaktionäre Politik der Londoner Exilregierung in zwar höflich-diplomatischen Formulierungen, jedoch in aller Deutlichkeit.

Roosevelt eröffnete die Diskussion - oder deutlicher: die klassenmäßige Auseinandersetzung auf dem Felde der Diplomatie - um die polnische Frage auf der 3. Sitzung am 6. Februar.

Zunächst wies der Präsident auf fünf bis sechs Millionen US-Bürger polnischer Abstammung hin. Seine Position stimme mit der überwiegenden Mehrheit der in den USA lebenden Polen überein. Die Polen seien „immer sehr besorgt, ihr ‘Gesicht zu wahren’".122)

Stalin fragte, „welche Polen gemeint seien: die echten oder die Emigranten? Die echten Polen lebten in Polen."123)

Roosevelt wurde gleich deutlich: „Der wesentliche Teil der polnischen Frage sei die Bildung einer ständigen Regierung in Polen." Die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten sei gegen eine Anerkennung der „Lubliner Regierung."124) Wie die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten erzeugt wird, darüber sagte Roosevelt natürlich nichts.125)

Roosevelt schlug vor, „einen Präsidentschaftsrat aus einigen hervorragenden Polen zu gründen, der die Aufgabe hätte, eine provisorische Regierung Polens zu bilden." Er hoffe, „daß Polen ... denkbar freundschaftliche Beziehungen zur Sowjetunion unterhalten werde."126)

Churchill betonte nach seinen üblichen süßen Floskeln, daß Rußland nach der „Tragödie", die es durchgemacht habe und den „Anstrengungen", die es zur Befreiung Polens unternommen habe, die Ansprüche Rußlands auf die Curzon-Linie als Grenze „auf Recht" gründeten.

„Doch sei es ihm mehr um die Frage der polnischen Souveränität, um die Freiheit und Unabhängigkeit Polens zu tun als um die Präzisierung seiner Grenzen. Er möchte, daß die Polen eine Heimat haben, wo sie leben könnten, wie es ihnen am besten scheint... Großbritannien sei in den Krieg eingetreten, um Polen gegen die deutsche Aggression zu verteidigen. Großbritannien interessiere sich für Polen, weil das für Großbritannien eine Frage der Ehre sei..."127)

Diese Behauptung Churchills, daß England in den Krieg eingetreten sei, um „Polen gegen eine deutsche Aggression zu verteidigen", die er auch in seinen Memoiren wiederholt127a), hält einer sachlichen Prüfung nicht stand. Vor dem Nürnberger Militärgerichtshof erklärte der ehemalige faschistische Generalstabschef General Alfred Jodl: „Wenn wir nicht schon im Jahre 1939 zusammenbrachen, so kommt das nur daher, daß die rund 110 französischen und englischen Divisionen im Westen sich während des Polenfeldzuges gegenüber 23 deutschen Divisionen völlig untätig verhielten."127b)

Die britische und französische Regierung hofften 1939 noch immer, die faschistische Aggression gegen die Sowjetunion lenken zu können. Selbstverständlich wußte das Churchill, genauso wie Stalin es wußte.

Nach weiteren Phrasen fragte Churchill, „ob man hier nicht eine polnische Regierung bilden könnte, wie die, von der der Präsident gesprochen" hätte.127c)

Nebenbei: Die langatmigen Agitationsreden Churchills haben nach Berichten des Foreign Office in London selbst Roosevelt ermüdet. An Außenminister Stettinius gewandt habe er erklärt: „Jetzt bekommen wir das eine halbe Stunde lang zu hören."128)

Stalin hat den Standpunkt der Sowjetregierung ausführlich begründet dargelegt. Da dieser historisch bedeutsame Beitrag wenig bekannt ist, wird er nach dem Protokoll in ungekürztem Wortlaut dokumentiert:

„Stalin sagt, Churchill habe soeben erklärt, daß die Frage Polen für die britische Regierung eine Ehrenfrage sei. Stalin verstehe das. Doch müsse er bemerken, daß die Frage Polen für die Russen nicht nur eine Frage der Ehre, sondern auch eine Frage der Sicherheit sei. Eine Frage der Ehre, weil die Russen in der Vergangenheit viele Sünden gegenüber Polen begangen haben. Die Sowjetregierung sei bemüht, diese Sünden wieder gutzumachen. Eine Frage der Sicherheit aber sei es, weil sehr wichtige strategische Probleme des Sowjetstaates mit Polen zusammenhängen.

Es handle sich nicht nur darum, daß Polen eine gemeinsame Grenze mit uns hat. Das sei natürlich von Bedeutung, doch liege das Problem viel tiefer. Im Laufe der Geschichte sei Polen immer ein Korridor gewesen, der von den Feinden benutzt wurde, die Rußland überfielen. Man brauche sich nur die letzten 30 Jahre ins Gedächtnis zu rufen. In dieser Zeit seien die Deutschen zweimal durch Polen marschiert, um unser Land anzugreifen. Warum konnten die Feinde bisher so leicht durch Polen marschieren? Vor allem, weil Polen schwach war. Der polnische Korridor könne nicht durch russische Kräfte allein mechanisch von außen abgeriegelt werden. Er könne nur durch die eigenen Kräfte Polens sicher von innen her abgeriegelt werden. Dazu müsse Polen stark sein. Deshalb sei die Sowjetunion an der Schaffung eines starken, freien und unabhängigen Polens interessiert. Die Frage Polen sei für den Sowjetstaat eine Frage von Tod und Leben. Das erkläre unsere schroffe Abkehr von der Politik des Zarismus gegenüber Polen. Die zaristische Regierung wollte bekanntlich Polen assimilieren. Die Sowjetregierung habe diese unmenschliche Politik von Grund auf verändert, sie sei den Weg der Freundschaft mit Polen und der Gewährleistung seiner Unabhängigkeit gegangen. Das sei der Grund, warum die Russen für ein starkes, unabhängiges und freies Polen eintreten.

Jetzt, sagt Stalin, möchte er auf einige Teilfragen eingehen, die in der Diskussion berührt wurden und über die Meinungsverschiedenheiten bestehen.

Da sei vor allem die Curzonlinie. Er, Stalin, möchte bemerken, daß die Curzonlinie nicht von den Russen erfunden wurde. Ihre Urheber seien Curzon, Clemenceau und die Amerikaner gewesen, die an der Pariser Konferenz 1919 teilgenommen hatten. Russen habe es auf dieser Konferenz nicht gegeben. Die Curzonlinie sei auf der Grundlage ethnographischer Daten gegen den Willen der Russen angenommen worden. Lenin sei mit dieser Linie nicht einverstanden gewesen. Er habe Polen Bialystok, Stadt und Gebiet, nicht abtreten wollen, wie es die Curzonlinie vorsah.

Die Sowjetregierung sei von der Position Lenins bereits abgegangen. Was, fragt Stalin, wollen Sie jetzt: Daß wir weniger Russen sind als Curzon und Clemenceau? Damit würden Sie uns zur Schmach treiben. Was würden die Ukrainer sagen, wenn wir Ihren Vorschlag akzeptieren? Sie würden wohl sagen, Stalin und Molotow hätten sich als weniger verläßliche Verteidiger der Russen und Ukrainer erwiesen als Curzon und Clemenceau. Mit welchem Gesicht würde er, Stalin, nach Moskau zurückkehren? Nein, möge lieber der Krieg gegen die Deutschen etwas länger dauern, doch wir müssen uns als fähig zeigen, Polen auf Kosten Deutschlands im Westen zu entschädigen.

Bei seinem Aufenthalt in Moskau habe Mikolajczyk Stalin gefragt, welche Grenze Polens im Westen die Sowjetregierung anerkenne. Mikolajczyk sei sehr erfreut gewesen, als er hörte, daß wir die Neiße-Linie als Westgrenze Polens anerkennen. Zur Erklärung müsse man sagen, daß es zwei Flüsse mit dem Namen Neiße gibt: der eine verläuft östlicher, bei Breslau, der andere westlicher. Stalin sei der Ansicht, daß die Westgrenze Polens an der Westlichen Neiße verlaufen müsse, und er bitte Roosevelt und Churchill ihn dabei zu unterstützen.

Eine andere Frage, zu der Stalin einiges sagen möchte, sei die Bildung einer polnischen Regierung. Churchill schlage vor, die polnische Regierung hier auf der Konferenz zu bilden.

Stalin nehme an, Churchill habe sich versprochen: Wie könnte man eine polnische Regierung ohne Teilnahme der Polen bilden? Viele nennen ihn, Stalin, einen Diktator, halten ihn nicht für einen Demokraten, doch besitze er hinreichend demokratisches Gefühl, um nicht zu versuchen, eine polnische Regierung ohne die Polen zu bilden. Eine polnische Regierung könne nur mit Teilnahme der Polen und mit ihrer Einwilligung gebildet werden.

Einen geeigneten Zeitpunkt dafür habe es im vergangenen Herbst gegeben, als Churchill nach Moskau kam und Mikolajczyk, Grabski und Romer mitbrachte. Nach Moskau seien damals auch die Vertreter der Lubliner Regierung eingeladen worden. Er habe für eine Begegnung zwischen den Londoner und den Lubliner Polen gesorgt. Es hatten sich sogar gewisse Punkte für ein Übereinkommen abgezeichnet. Churchill dürfte sich daran erinnern. Dann sei Mikolajczyk nach London gefahren mit der Absicht, bald nach Moskau zurückzukehren, um die Schritte zur Organisierung einer polnischen Regierung abzuschließen. Stattdessen sei aber Mikolajczyk aus der polnischen Regierung in London ausgestoßen worden, weil er für ein Abkommen mit der Lubliner Regierung eintrat. Die heutige polnische Regierung in London, der Arciszewski vorsteht und die von Raczkiewicz geleitet wird, sei gegen ein Abkommen mit der Lubliner Regierung. Mehr noch: Sie verhalte sich feindselig zu einem solchen Abkommen. Die Londoner Polen nennen die Lubliner Regierung eine Verbrecher- und Räuberbande. Selbstverständlich bleibe die ehemalige Lubliner und jetztige Warschauer Regierung ihnen nichts schuldig und bezeichne die Londoner Polen als Verräter und Renegaten. Wie solle man sie unter diesen Verhältnissen vereinigen? Er, Stalin, wisse das nicht.

Die Führer der Warschauer Regierung, Bierut, Osubka-Morawski und Rola-Zymierski, wollten von einer Vereinigung mit der polnischen Regierung in London nichts hören. Er, Stalin, habe die Warschauer Polen gefragt, zu welchen Zugeständnissen sie bereit seien. Die Antwort habe gelautet: Die Warschauer Polen könnten in ihren Reihen Personen aus der Mitte der Londoner Polen wie Grabski und Zeligowski dulden, doch von einem Mikolajczyk als Ministerpräsidenten wollten sie nichts hören. Stalin sei bereit, jeden beliebigen Versuch zu einer Vereinigung der Polen zu unternehmen, doch nur, wenn ein solcher Versuch Erfolgschancen hat. Was solle man also tun? Vielleicht die Warschauer Polen zu dieser Konferenz einladen? Oder vielleicht solle man sie nach Moskau einladen und dort mit ihnen sprechen?

Zum Schluß möchte Stalin noch eine andere, sehr wichtige Frage berühren, über die er jetzt als Militär sprechen wolle. Was verlange er, als Militär, von der Regierung eines Landes, das von der Roten Armee befreit wurde? Er verlange nur eins: daß diese Regierung Ruhe und Ordnung im Hinterland der Roten Armee gewährleiste, daß sie den Ausbruch eines Bürgerkrieges hinter unserer Frontlinie verhindere. Für die Militärs sei es letztlich gleichgültig, was das für eine Regierung ist. Den Militärs komme es darauf an, daß man ihnen nicht in den Rücken schieße. In Polen gebe es die Warschauer Regierung. In Polen gebe es auch Agenten der Londoner Regierung, die mit den Untergrundkreisen verbunden seien, welche sich „Kräfte des inneren Widerstands" nennen. Als Militär vergleiche er, Stalin, die Tätigkeit der einen und der anderen und komme dabei unvermeidlich zu dem Schluß, daß die Warschauer Regierung ihren Aufgaben bei der Sicherung der Ruhe und Ordnung im Hinterland der Roten Armee gerecht werde, während die ,"Kräfte des inneren Widerstands" uns nur Schaden zufügen. Diese „Kräfte" hätten bereits 212 Angehörige der Roten Armee ermordet. Sie überfallen unsere Lager, um Waffen zu rauben. Sie verstoßen gegen unsere Befehle, die Rundfunkstationen auf dem von der Roten Armee befreiten Territorium zu registrieren. Die „Kräfte des inneren Widerstands" verletzten alle Gesetze des Krieges. Sie beschweren sich, daß wir sie verhaften. Er, Stalin, müsse direkt erklären, falls diese „Kräfte" ihre Überfälle auf unsere Soldaten fortsetzen, werden wir sie erschießen.

Letzten Endes erweise sich vom rein militärischen Standpunkt aus, daß die Warschauer Regierung nützlich, die Londoner Regierung und ihre Agenten in Polen aber schädlich sind. Natürlich werden die Militärs eine Regierung unterstützen, die die Ruhe und Ordnung im Hinterland sichert, da sonst Erfolge der Roten Armee nicht möglich seien. Ruhe und Ordnung im Hinterland sei eine Voraussetzung für unsere Erfolge. Das verstünden nicht nur Militärpersonen, sondern auch Zivilisten. So stehen die Dinge."129)

Roosevelt schlug vor, die Diskussion am nächsten Tage fortzusetzen und bemerkte salomonisch, daß „die polnische Frage ... der Welt fünf Jahrhunderte lang Kopfschmerzen bereitet" habe.130)

Die weiteren Diskussionen auf den folgenden Sitzungen über Polen gingen um Details, wobei von Roosevelt und Churchill die Forderung nach „freien Wahlen" in den Vordergrund gerückt wurde. Roosevelt und Churchill spekulierten dabei auf noch vorhandene antisowjetische Vorbehalte in der Bevölkerung. Die polnische Gesellschaft war eine Klassengesellschaft. Die Goebbelspropaganda und der Einfluß des katholischen Klerus spielten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Hinzu kam die Propaganda der Londoner Exilregierung. Sollte die Anders-Armee in Stärke von 150.000 Mann, die unter dem Einfluß eines antikommunistischen Offizierskorps stand, nach Polen zurückkehren, waren die Bedingungen für einen Bürgerkrieg gegeben. Roosevelt und Churchill übersahen oder wollten übersehen, daß in der polnischen Bevölkerung