
Zeitschrift
für Sozialismus und Frieden 8/2004
Herausgeber: Verein zur Förderung
demokratischer Publizistik (e.V.)
Spendenempfehlung: 2,50 Euro
Stalins
Beiträge zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und –politik
Kooperation und Klassenkampf in der Antihitlerkoalition
1944
Von Ulrich Huar
Kooperation und Klassenkampf 1944
Die Befreiungsmission der Roten Armee
Zur „Methode der aufeinanderfolgenden Stöße“
Der Warschauer Aufstand - 1. August - 2. Oktober 1944
Der Slowakische Nationalaufstand
Petsamo - Kirkenes - Operation
Anmerkungen (Quellennachweise)
Wir setzen die Reihe von Ulrich Huar fort. Es geht um das Jahr 1944.
Diese Reihe wird geliebt und gehasst. Das war auch nicht anders zu erwarten.
Wir haben aber Erfreuliches zu vermelden: gerade für junge Genossinnen und Genossen – das beweisen die zahlreichen schriftlichen, elektronischen und telefonischen Rückmeldungen – sind diese Hefte aufschlussreich und wertvoll.
Wir würden viel dafür geben, wenn auch diejenigen etwas älteren Genossinnen und Genossen, die mit der so genannten „Entstalinisierung“ und dem daraus entstandenen Anti-Stalinismus aufgewachsen und von dieser Geisteshaltung geprägte wurden („Fehler und Verbechen der Stalinzeit“ – „Entstellung und Diskreditierung der sozialistischen Idee“ – „Mit Stalin begann die Konterrevolution in der UdSSR“ - „Stalin hat mehr Kommunisten umgebracht als Hitler“ usw.), sich ebenso vorurteilslos den Fakten nähern könnten wie die junge Generation.
Wie auch die schon vorliegenden Hefte dieser Reihe erscheint das jetzt vorliegende bei uns und bei der KPD. Wir danken den Genossinnen und Genossen der KPD herzlich für die Arbeit der Texterfassung und die Kooperation.
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Redaktion Offensiv, Hannover
Im Zuge ihrer Frühjahrsoffensiven drangen die sowjetischen Truppen bis an ihre westlichen Grenzen vor. Bis April 1944 erreichten sie die Ausläufer der Karpaten, die Grenzen zur CSR und zu Rumänien auf einer Breite von 200 km. Am 21. Juli erreichte die Rote Armee die Grenze zu Polen, befreite am 22. Juli Chelm, am 24. Juli Lublin.
Was sich bereits 1943 nach Stalingrad und Kursk abzeichnete, das Aufbrechen der Klassengegensätze in der Antihitlerkoalition, wurde 1944 offensichtlich, zunächst auf dem Balkan und in Polen.
Die Klassengegensätze innerhalb der Antihitlerkoalition kennzeichneten auch den antifaschistischen Widerstandskampf in den von den Faschisten besetzten Ländern bzw. innerhalb der Satellitenstaaten des faschistischen Deutschlands, wobei die Klassenkräfteverhältnisse in den betreffenden Staaten unterschiedlich und wechselhaft waren. In den südosteuropäischen Ländern1) waren die vor dem Krieg herrschenden ausbeutenden Klassen mit ihren despotischen Regierungen, die jegliche demokratische Bewegung der Arbeiter, Bauern, Intellektuellen und selbst Teilen des liberalen Bürgertums brutal unterdrückten, bei den Volksmassen verhaßt. Die Kommunistischen Parteien, als die entschiedensten demokratischen Kräfte in den antioligarchischen bzw. antifaschistischen Bewegungen, agierten unter den Bedingungen der Illegalität. Ihre Mitglieder befanden sich zum großen Teil in Gefängnissen oder in Lagern. Eine Ausnahme bildete lediglich die CSR, in der die Bourgeoisie ihre Macht in Form einer parlamentarischen Demokratie ausübten.
Neben der in sich widersprüchlichen Klassenstruktur gab es noch nationale Unterschiede bis Gegensätze in Rumänien, Ungarn, der CSR, Griechenland, Bulgarien, besonders in Jugoslawien. Insofern waren die antifaschistischen Widerstandsbewegungen wohl einheitlich in ihrem Kampf gegen die Okkupanten, aber klassenmäßig heterogen zusammengesetzt. So gab es in der Regel neben den demokratischen Volksbewegungen bürgerliche, royalistische und nationalistische Widerstandsgruppen. Dies trifft auch auf die Partisanenbewegung zu.
Der Einfluß der Sowjetunion auf die antifaschistischen Widerstandsbewegungen war in den einzelnen Ländern ebenfalls unterschiedlich. Besonders nach Stalingrad und Kursk verfügte die Sowjetunion über ein hohes Ansehen unter der Bevölkerung Südosteuropas, beflügelte sie die antifaschistische Befreiungsbewegung, besonders den Partisanenkrieg, der von der Roten Armee tatkräftig unterstützt wurde.
Bei Bulgaren, Serben und Griechen kam hinzu, daß sie schon seit den Türkenkriegen traditionell russenfreundlich eingestellt waren. Dies traf auch auf große Teile der Slowaken zu. In Polen waren historisch ererbte antirussische, antisowjetische und starke nationalistische Gefühle auch unter den Volksmassen vorhanden, die von den restaurativen Kräften für reaktionäre Ziele ausgenutzt werden konnten.
Mit den Siegen der Roten Armee wuchsen zugleich auch Ansehen und Einfluß der Kommunistischen Parteien, auch in Polen.
Die Niederlagen der faschistischen deutschen Armeen und der mit ihnen kollaborierenden reaktionären Kräfte in den besetzten Ländern schufen günstige Vorausetzungen für revolutionär-demokratische Umgestaltungen, die von den Kommunisten und anderen fortschrittlichen Kräften nichtproletarischer Schichten ausgenutzt werden konnten. Die Rote Armee, dort, wo sie hinkam, konnte diese Volksbewegungen vor Interventionen von außen schützen. Besonders auf dem Balkan war die Gefahr der Intervention von außen gegeben, vor allem von Seiten der britischen Regierung. In solchen Interventionsbestrebungen hat namentlich Churchill eine bestimmende Rolle gespielt. Churchill, als politischer Repräsentant des britischen Imperialismus, war an einer Restauration der alten Machtverhältnisse auf dem Balkan und in Polen interessiert.
Im nationalen Befreiungskampf gegen die deutschen Okkupanten entbrannte zugleich der Kampf zwischen Restauration und sozialem Fortschritt. Kompromisse zwischen den von den Kommunisten geführten Volksbewegungen mit den bürgerlich-restaurativen Kräften waren solange möglich, wie der Kampf gegen die deutschen Okkupanten geführt wurde. War die nationale Befreiung vollbracht, brach der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat offen aus.
Selbst nach Quellen des Foreign Office (Außenministerium) Großbritanniens, das kommunistischer Sympathien unverdächtig ist, waren die Regierungen in Jugoslawien und Griechenland unter großen Teilen der Bevölkerung verhaßt.2)
Die Kommunisten, in beiden Ländern von den despotischen Regimes in den Untergrund getrieben, gewannen nach Kriegseintritt Rußlands in den Krieg (lies: nach dem Überfall der faschistischen deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, UH) an Autorität. Sie waren dominierend in den Widerstandsbewegungen.3)
Der König von Griechenland, Georg II., und seine Regierung waren unmittelbar nach dem Einfall deutscher Truppen in Griechenland (6. April 1941) nach Ägypten geflohen und hatten dort eine Exilregierung gebildet. Auf Initiative der Kommunistischen Partei schlossen sich die demokratischen Kräfte aus allen Schichten des Volkes in der nationalen Befreiungsbewegung (nach der griechischen Sprache EAM) am 27. September 1941 zusammen.
Die faschistischen deutschen Okkupanten errichteten eine Marionettenregierung unter General G. Tsolakogen, der 1943 aus der griechischen Bevölkerung Truppen ausheben ließ und sie gegen die Sowjetunion einsetzte.
In den Kämpfen gegen die faschistischen deutschen Okkupanten und der landesverräterischen Marionettenregierung Tsolakogon vereinigten die Patrioten Griechenlands unter Führung der KP Griechenlands im Dezember 1941 die verschiedenen Partisanenabteilungen zur Nationalen Volksbefreiungsarmee (ELAS), die bis Mitte 1943 ein Drittel des griechischen Festlandes befreite. Dies wäre ohne die energische Unterstützung von der Mehrheit des Volkes nicht möglich gewesen. Am 10. März 1944 bildeten die griechischen Patrioten das Politische Komitee der Nationalen Befreiung (PEEFA). An den Wahlen zum Nationalrat des PEEFA beteiligten sich 1,8 Millionen Bürger, über 80 Prozent der in dieser Zeit wahlberechtigten Bürger. Im Nationalrat waren Repräsentanten aller Schichten des Volkes vertreten. Unter Druck der britischen Regierung stimmte die PEEFA im Mai 1944 zu, eine gemeinsame Regierung mit der in Ägypten gebildeten Emigrantenregierung unter Leitung des Sozialdemokraten G. Papandreou zu bilden. Am 2. September 1944 kam es zur Konstituierung dieser Regierung in Kairo.
Den im PEEFA vereinigten Kommunisten und Vertretern der ELAM waren 25 Prozent der Mandate zugesagt worden. Dies entsprach in keiner Weise den tatsächlichen Mehrheitsverhältnissen im Volk. Durch diesen erzwungenen Kompromiß des PEEFA erhielten die bürgerlichen Parteien, die nicht am Widerstandskampf teilgenommen teilgenommen hatten und bezüglich der deutschen Besatzungsmacht sich abwartend bis kooperativ verhalten hatten, in der „Regierung der nationalen Einheit“ die absolute Mehrheit.
Durch den zügigen Vormarsch der Roten Armee auf dem Balkan waren die deutschen Besatzungstruppen gezwungen, sich aus Griechenland zurückzuziehen. Die ELAS verstand es, trotz aller Intrigen von Seiten der konservativen, restaurativen Parteien und des britischen Armeekommandos, den Rückzug der deutschen Truppen auszunutzen und Griechenland bis auf einige Inseln bis Anfang November 1944 zu befreien. Nach dem von der Mehrheit des Volkes unterstützten Programm der Nationalen Befreiungsfront (EAM) sollte nunmehr die antiimperialistisch-demokratische Revolution zu Ende geführt werden. Dadurch wäre die Hegemonie des britischen Imperialismus über Griechenland und das östliche Mittelmeer zumindest eingeschränkt, wenn nicht sogar beseitigt worden. Dies galt es von britischer Seite mit aller Macht zu verhindern. Mit Bedauern stellte das Foreign Office fest, daß eine bewaffnete Intervention in Jugoslawien gegen Tito nicht möglich gewesen sei, aber dafür in Griechenland. Die britische Regierung mußte nach Auffassung des Foreign Office Gewalt anwenden, aber, so versichert uns Sir Liewellyn Woodward, es gäbe keinerlei Zweifel, daß die große Mehrheit der griechischen Nation die Einmischung begrüßt habe.4)
Um die Rechtfertigung imperialistischer Interventionen war die britische Regierung noch nie verlegen.
Am 13. Oktober 1944 landeten britische Truppen in Athen und Piräus. Provokationen von Seiten der britischen Interventionsarmee unter General Scobie und griechischen restaurativen Politikern und Offizieren führten zu Aufständen der ELAS.
Nun war Churchill in seinem Element. In der Nacht vom 4. zum 5. Dezember autorisierte er General Scobie telegrafisch, die Volksbewegung mit Gewalt zu unterdrücken.
In seinen Memoiren rühmt sich Churchill rückblickend, wie er in die Kämpfe in Griechenland persönlich eingegriffen habe. Welche Weisungen er an General Scobie erteilt hatte, wird aus dem Telegramm sichtbar; darum werden die haßerfüllten Ausführungen Churchills in ihrer antikommunistischen Diktion, mit denen er seine barbarischen Weisungen, die jedem orientalischen Despoten zur Ehre gereicht hätten, durch Verleumdungen der Kommunisten und Volksmassen als „Mob“ noch nachträglich zu legitimieren suchte, dokumentiert:
„Jetzt schaltete ich mich in die Leitung der
Angelegenheit direkt ein. Als ich erfuhr, daß die Kommunisten fast alle
Polizeiwachen in Athen besetzt und den Großteil der nicht mit ihnen im
Einverständnis stehenden Polizisten ermordet hatten und nur wenig über einen
Kilometer von den Regierungsgebäuden entfernt standen, erteilte ich General
Scobie und seinen fünftausend britischen Soldaten - die nur zehn Tage zuvor von
der Bevölkerung als Befreier bejubelt worden waren - Befehl, zu intervenieren
und mit Waffengewalt gegen die verräterischen Angreifer vorzugehen. Es hat
keinen Sinn, solche Dinge mit halbem Herzen zu tun. Der Gewalttätigkeit des
Mobs, mit dessen Hilfe sich die Kommunisten der Stadt bemächtigen wollten, um
sich der Welt als die vom griechischen Volk gewünschte Regierung zu
präsentieren, konnte nur mit Feuerwaffen entgegengetreten werden. Zur
Einberufung einer Kabinettssitzung blieb keine Zeit.
Eden und ich blieben bis ungefähr zwei Uhr
morgens zusammen; wir waren uns völlig einig, daß nur Waffengewalt helfen
könne. Ich sah, wie sehr er erschöpft war, und sagte: ‘Wenn Sie zu Bett gehen
wollen, überlassen Sie es mir.’ Er zog sich zurück, und etwa um drei entwarf
ich folgendes Telegramm an General Scobie:
‘...Sie sind für die Aufrechterhaltung von
Ruhe und Ordnung in Athen verantwortlich und haben alle EAM-ELAS-Verbände, die
sich der Stadt nähern, am Einmarsch zu hindern und eventuell zu vernichten. Sie
können alle Ihnen nötig erscheinenden Vorschriften zur Kontrolle der Straßen
und Festnahme von widerspenstigen Elementen erlassen. Die ELAS wird natürlich,
wo die Gefahr einer Schießerei besteht, versuchen, Frauen und Kinder
vorauszuschicken. In solchen Fällen müssen Sie geschickt vorgehen und Fehler
vermeiden. Aber zögern Sie nicht, auf alle Bewaffneten im Stadtgebiet zu
schießen, die sich gegen unsere oder die von uns anerkannte griechische
Autorität auflehnen. Es wäre selbstverständlich gut, wenn sich die griechische
Regierung mit ihrer Autorität hinter Ihre Kommandogewalt stellen würde, und
Leeper wirkt in diesem Sinn auf Papandreou ein. Zögern Sie aber nicht, so zu handeln, als befänden Sie sich in einer
eroberten Stadt, in der ein örtlicher Aufstand ausgebrochen ist....
3. Sollten sich ELAS-Banden der Stadt von
außen nähern, sind Sie bestimmt in der Lage, ihnen mit Ihren Panzern eine
Lektion zu erteilen, die andere von weiteren Versuchen abschrecken wird. Sie
dürfen darauf zählen, daß ich Sie bei jeder derartigen wohlüberlegten,
vernünftigen Aktion decken werde. Wir
müssen unsere Position und Autorität in Athen behaupten. Sie würden sich das
größte Verdienst erwerben, wenn es Ihnen ohne Blutvergießen gelänge,
nötigenfalls aber auch mit Blutvergießen.’
Dieses Telegramm wurde am 5. um 4 Uhr 50 abgesandt. Ich muß zugeben, daß es etwas scharf formuliert war. Ich verspürte jedoch die dringende Notwendigkeit, dem Befehlshaber eine feste Anleitung zu geben, so daß ich mit Vorbedacht die stärksten Wendungen gebrauchte. Mit einem solchen Befehl in seinen Händen würde er den Mut haben, energisch zu handeln, da er ihm die Gewißheit verlieh, daß ich jede wohlüberlegte Aktion decken würde, welche Konsequenzen sie auch hätte. Die ganze Entwicklung bereitete mir ernstliche Sorgen, doch war ich überzeugt, daß es hier weder Schwäche noch Bedenken geben dürfe. Ich erinnerte mich an das berühmte Telegramm Arthur Balfours in den achtziger Jahren an die britischen Behörden in Irland: ‘Zögern Sie nicht, zu schießen.’ Jenes Telegramm ging über die öffentlichen Telegraphenämter und erregte im damaligen Unterhaus einen Sturm der Entrüstung, doch hat es bestimmt Blutvergießen verhindert. Der Vorfall erwies sich als eine der wichtigsten Etappen in Balfours Aufstieg zur Macht. Die Dinge lagen jetzt freilich anders; nichtsdestoweniger klang mir dieses ‘Zögern Sie nicht, zu schießen’ wie eine Einflüsterung aus fernen Tagen im Ohr.“5)
„Zögern Sie nicht, zu schießen!“ General Scobie zögerte nicht. Die einschränkenden Vorbehalte Churchills in seinem Telegramm hatten nur eine Alibifunktion.
Der schmutzige Interventionskrieg gegen die griechische Volksbefreiungsarmee - einem aktiven Mitglied der Antihitlerkoalition! - stieß auf harsche Kritik in Großbritannien, was Sir Liewellyn Woodward damit erklärte, daß die englische Bevölkerung nicht richtig informiert sei über „pöbelhafte Gewalt und kommunistische Diktatur“.6) Die britische Regierung half über ihre Medien nach, diesen beklagenswerten Mangel an Aufklärung rasch zu überwinden.
Aber auch in den USA stieß das Vorgehen der britischen Armee gegen die griechische Volksbefreiungsarmee auf Kritik. Offenbar war auch Präsident Roosevelt unzureichend informiert über die „kommunistische Diktatur“ des „Pöbels“. Wie sich sein Sohn Elliot Roosevelt erinnerte, war der Präsident äußerst empört über den Kampf englischer Truppen gegen die Guerillas in Griechenland, „die vier Jahre lang tapfer gegen die Nazis gekämpft haben...“
„Ich würde mich nicht wundern“, habe Präsident Roosevelt gesagt, „wenn Winston (Churchill, UH) uns einfach mitgeteilt hätte, er wolle die griechischen Royalisten unterstützen. Das würde seinem Charakter entsprechen. Aber griechische Guerilla töten! Englische Truppen für eine derartige Sache zu benützen!“7)
Roosevelt kritisierte kurz vor seinem Tode die „englische Fähigkeit, andere Länder in einen Block gegen die Sowjetunion zusammenzubringen.“8)
Im Januar 1945 informierte Harry Hopkins, ein Vertrauter des Präsidenten, Elliot Roosevelt über einen „Invasionsplan vom Süden her“ von Churchill, als „letzten Versuch, alliierte Soldaten vor den Russen in den Balkan zu schmuggeln, ...“ 9)
Damit dürften die Ambitionen Churchills in Griechenland und auf dem Balkan hinreichend gekennzeichnet zu sein.
Natürlich hat Stalin diese perfide Politik, die Brutalitäten der britischen Interventen in Griechenland durchschaut. Aber die Sowjetregierung konnte den griechischen Patrioten nicht zu Hilfe kommen. Davon abgesehen, daß unter dem bestehenden Kräfteverhältnis im Süden, der Balkanhalbinsel ein Eingreifen gegen die britischen Truppen riskant gewesen wäre, hätte ein solcher Schritt gegen einen Koalitionspartner zum Bruch der Antihitlerkoalition führen können. Churchill wußte, daß Stalin gegen die britische Intervention nichts unternehmen würde, um einen solchen Bruch zu vermeiden. Auch Roosevelt vermied eine öffentliche Verurteilung Churchills aus den gleichen Gründen.
Die Einmaligkeit der historischen Situation bestand darin, daß die Partner der Antihitlerkoalition aufeinander angewiesen, andererseits durch Klassengegensätze gespalten waren, die nach dem Krieg ausgefochten werden mußten. Eine schwierige Entscheidung für Stalin, den Klassengenossen in Griechenland seinem Schicksal zu überlassen, um die Antihitlerkoalition aufrechtzuerhalten. 1944/45 hatte der Krieg gegen den deutschen Faschismus und gegen Japan gegenüber einzelnen, lokal begrenzten Kampfaktionen Priorität. Die deutschen Armeen kämpften noch immer mit fanatischer Verbissenheit an der deutsch-sowjetischen Front. Ein Bruch der Antihitlerkoalition selbst in der Endphase des Krieges hätte unübersehbare militärische Auswirkungen gehabt. Die Entscheidung mochte Stalin schwer gefallen sein, aber eine andere Möglichkeit gab es für ihn nicht. So konnte Churchill denn auch noch zynisch bemerken, daß „in all den Wochen, die die Straßenkämpfe in Athen andauerten, ...kein Wort des Vorwurfs von der Prawda und Iswestija“ kam.10)
Nachtrag zu Griechenland
Churchill und die griechischen Obristen haben auf ihre Art die marxistisch-leninistische Staats- und Revolutionstheorie verifiziert: Erst klärt man die Machtfrage, wenn nötig, per Blutbad, danach „freie“ Wahlen, und siehe, nun haben die bürgerlichen Parteien die Mehrheit. An den „freien“ Wahlen am 31. März 1946 konnten die KP Griechenlands, die EAM und andere demokratische Parteien nicht teilnehmen. Tausend Widerstandskämpfer gegen die faschistischen Besatzer wurden von den konterrevolutionären Truppen ermordet, 75.000 wurden verhaftet und über 100.000 aktive Kämpfer der Befreiungsbewegung verfolgt und in die Illegalität getrieben. Am 1. September 1946 fand unter den Bajonetten reaktionärer Truppen eine „freie“ „Volksbefragung“ statt, die für die Rückkehr des König Georgs II. stimmte, und in „freier Selbstbestimmung“ war die Hegemonie des britischen Imperialismus über Griechenland wiederhergestellt, im Februar 1952 der „freie“ Eintritt in die NATO vollzogen. Allerdings war und ist damit der Kampf der griechischen Demokraten noch nicht beendet.
Nach dem Sieg bei Stalingrad glaubten Stalin und einige Mitglieder des HQ, daß nunmehr der Zeitpunkt gekommen sei, eine allgemeine Offensive an der gesamten Front von der Ostsee bis ans Asowsche Meer durchführen zu können. Es wurde bereits darauf verwiesen, daß diese Idee der allgemeinen Offensive sich als ein tragischer Fehler erwies, der auf einer Unterschätzung der noch immer starken deutschen Truppenverbände beruhte.10a)
Waren Anfang des Jahres 1943 noch nicht die Bedingungen für eine allgemeine Offensive gegeben, so hatte sich das Kräfteverhältnis Ende 1943, Anfang 1944 grundlegend zugunsten der Roten Armee verändert. Was sich Anfang 1943 als eine Fehleinschätzung erwies, war ein knappes Jahr später eine strategisch richtige Entscheidung.
In seinem Befehl zum 1. Mai 1944 faßte Stalin die Aufgaben der Roten Armee zusammen, „unsere ganze Heimat von den faschistischen Eindringlingen zu säubern und die Staatsgrenze auf ihrer gesamten Ausdehnung, vom Schwarzen Meer bis zur Barentsee, wiederherzustellen.“10b)
Die Idee der „allgemeinen Offensive“ erläuterte Stalin in einer Botschaft an Churchill vom 6. Juni 1944. Danach werde die Sommeroffensive der sowjetischen Truppen Mitte Juni an „einem wichtigen Frontabschnitte eröffnet“ werden. „Die allgemeine Offensive der sowjetischen Truppen wird in Etappen eingeleitet werden. Zu diesem Zweck werden die Armeen nacheinander zu Angriffsoperationen übergehen. Ende Juni und im Laufe des Monats Juli werden sich diese Angriffsoperationen zu einer allgemeinen Offensive der sowjetischen Truppen entwickeln.“10c)
Drei Tage später verständigte Stalin Churchill darüber, daß am 10. Juni „die erste Phase unserer Sommeroffensive an der Leningrader Front“ beginne.10d) In einer weiteren Botschaft an Churchill vom 21. Juni informierte Stalin die Verbündeten, daß „spätestens“ in einer Woche, „die zweite Phase der Sommeroffensive der sowjetischen Truppen“ beginne.10e) Gemeint war die Offensive in Belorußland in der Hauptrichtung.
In einem weiteren Brief an Churchill vom 27. Juni erklärte Stalin, „daß wir den Deutschen keine Atempause gönnen werden, sondern die Front unserer Angriffsoperationen ausweiten und die Wucht unseres Ansturms gegen die deutschen Armeen verstärken werden.“10f)
Die Idee der Führung aufeinanderfolgender Schläge in unterschiedliche Richtungen bezeichnete Marschall der Sowjetunion K.S. Moskalenko als eine „neue Erkenntnis“ der sowjetischen Kriegskunst, geboren „in den Kämpfen unserer Truppen in der Südwestrichtung in der ersten Hälfte des Jahres 1944.“10g)
„In der ersten Januarhälfte griffen ... zwei
und im Februar schon alle vier Ukrainische Fronten an. Diese Operationen waren
Glieder einer Kette und trotz ihrer räumlichen und zeitlichen Distanz operativ
miteinander verbunden. Kaum ging eine Operation zu Ende, begann schon die
nächste.
Diese Methode hat sich gut bewährt. Sie
ermöglichte es, die Truppen des Gegners fast an der gesamten Front zu binden
und ihm das Aufstellen starker Reserven und das Manöver mit ihnen zu
erschweren. Das deutsche Oberkommando versuchte zwar trotzdem, mit Reserven zu
manövrieren, aber die mußten von einem Frontabschnitt zum andern ‘hin und her
hasten’ und kamen doch überall zu spät. Als so Anfang März die gegnerischen
Reserven aufgesplittert und gebunden waren, gingen die ersten drei Ukrainischen
Fronten mit allen Kräften gleichzeitig zur Offensive über. Das war die Krönung
der glänzend verwirklichten Idee zur Zerschlagung und Vertreibung des Gegners
aus der Ukraine westlich des Dnepr und zum Vorstoß an die Staatsgrenze im
Westen und Südwesten.
Und nun hatte sich das Hauptquartier entschlossen, die erprobte Methode der aufeinanderfolgenden Stöße durch eine Gruppe von Fronten während des Sommer-Herbst-Feldzuges 1944 an der gesamten sowjetisch-deutschen Front zu praktizieren. Der Plan dieses Feldzuges war bereits im Frühjahr ausgearbeitet worden.“10h)
Die Methode der aufeinanderfolgenden Schläge wurde vom HQ bis Ende des Krieges durchgehalten. Die ersten Schläge Anfang 1944 wurden nur in der Südwestrichtung von den vier Ukrainischen Fronten geführt. Ab Frühjahr/Sommer kamen aber noch die anderen Fronten hinzu, deren Kampfgebiet sich bis zum Polarkreis erstreckte.
Nach Armeegeneral S.M. Schtemenko, Chef der operativen Verwaltung des Generalstabs, ist zwischen der „Hauptstoßrichtung“ und „Nebenrichtungen“ zu unterscheiden.
Der militärische Begriff „Hauptstoßrichtung“ widerspiegelt die Hauptaufgaben eines Krieges, einer Operation oder eines Gefechts für die man die stärksten und besten Kräfte einsetzt und der man besondere Aufmerksamkeit widmet. Jeder Soldat, Offizier oder Heerführer möchte hier eingesetzt werden. Die Aufgaben in den Nebenrichtungen sind bescheidener, die Kräfte und Mittel geringer. Obwohl sie nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, ist hier der Kampf jedoch nicht leichter, sondern eher schwerer.10i)
Die Nebenrichtungen dürfen dabei nicht unterschätzt werden. Sie müssen im Maßstab der Hauptrichtung vorankommen, da sonst die Flanken der Armeen der Hauptstoßrichtung ungedeckt sind, was der Gegner zu Gegenoffensiven ausnutzen kann. Die Nebenrichtungen waren von enormer politischer Bedeutung, wie sich an den Fronten auf dem Balkan, in Ungarn, Österreich, der Tschechoslowakei und an der Karelischen Front zeigte.
Als Oberbefehlshaber mußte Stalin alle Fronten, Haupt- und Nebenrichtungen, vom Balkan bis zum Polarkreis im Auge behalten. Es ist klar, daß er allein das gar nicht konnte, sondern sich auf ein Kollektiv erfahrener Generale im HQ, der FOB und AOB stützen mußte, so daß die Entscheidungen Stalins stets das Ergebnis der kollektiven Erfahrung der führenden Generale der Roten Armee waren, bei persönlicher Verantwortung als Oberbefehlshaber. Mit Überschreiten der Staatsgrenzen waren zunehmend außenpolitische Entscheidungen zu treffen, die kollektive Beratungen mit den Genossen des Volkskommisariats für Äußeres, vor allem mit Genossen Molotow erforderten.
Aus der Strategie der aufeinanderfolgenden Schläge ergibt sich ein methodisches Problem der Darstellung: entweder chronologisch, nebeneinander, oder nach Fronten und innerhalb der Fronten chronologisch. Beide Methoden haben ihre Vorzüge und Nachteile. Ich habe mich für die Darstellung nach Fronten entschieden, dabei die Nachteile durch Verweis auf gleichzeitige Operationen an anderen Fronten zu kompensieren gesucht.
In Polen bestanden besonders komplizierte Verhältnisse, die vom sowjetischen Hauptquartier (HQ) sowie den Front- und Armeeoberbefehlshabern (FOB und AOB) beim Überschreiten der Staatsgrenzen zu berücksichtigen waren. Die über zwanzigjährige antisowjetische Politik und Propaganda der Pilsudskis, Rydz-Smiglys, Becks u.a., unterstützt vom katholischen Klerus, hatte im Zusammenwirken mit der restaurativen, gleichermaßen sowjetfeindlichen Tätigkeit und Ideologie der Londoner Exilregierung, wohlwollend gefördert von der britischen Regierung, beträchtliche Auswirkungen auf die polnische Bevölkerung gehabt. Wie Generalleutnant Antipenko, Stellvertreter (für Rückwärtige Dienste) von General Rokossowski, FOB der 1. Belorussischen Front, schrieb, begrüßte die polnische Bevölkerung die Rote Armee als Befreier, aber ein gewisses Mißtrauen war unverkennbar.11) Dieser Sachverhalt wird auch von anderen sowjetischen Autoren bestätigt.
Die polnische Widerstandsbewegung war in sich klassenmäßig tief gespalten. Es gab zwei politische Zentren in Polen. Das war für die antifaschistisch-demokratisch-revolutionären Kräfte das am 21. Juli 1944 gebildete Polnische Komitee der Nationalen Befreiung, „Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego“ (PKWN). Dem PKWN gehörten an: Die Polnische Arbeiterpartei, „Polska Partia Rabotnica“ (PPR), im Januar 1942 auf Initiative der in der Sowjetunion lebenden Kommunisten und illegal in Polen wirkender kommunistischer Organisationen als marxistisch-leninistische Partei gegründet; die Polnische Sozialistische Partei, „Polska Partia Socjalistyczna“ (PPS); die Polnische Bauernpartei, „Polski Stronnictwo Ludowe“ (PSL); die Demokratische Partei, „Stronnictwo Demokratyczne“ (SD) und Parteilose.
Das PKWN war die Keimzelle der späteren volksdemokratischen Regierung Polens. Es hatte seinen Sitz zunächst im befreiten Lublin.
Die feudal-bourgeois-restaurativen Kräfte hatten ihre politische Repräsentanz in der polnischen Exilregierung in London und deren Vertretung im polnischen Untergrund, der sogenannten Delegatur.
1944 gab es mehrere polnische Armeen und bewaffnete Einheiten. Nach einem Abkommen der Sowjetregierung mit der polnischen Exilregierung in London begann am 30. Juli 1941 die Aufstellung einer polnischen Armee auf sowjetischem Territorium. 1942 erfolgte auf ihren Wunsch ihre Evakuierung nach dem Iran. Sie wurde nach dem Namen ihres Befehlshaber als „Anders-Armee“ bekannt. Sie nahm an der Seite britischer Truppen an den Kämpfen in Nordafrika, Italien und Griechenland teil.
Im Februar 1942 begann die polnische Exilregierung in London mit der Aufstellung einer Landesarmee in den von den deutschen Faschisten besetzten polnischen Gebieten, der „Armija Krajowa“ (AK).
Sowohl die Anders-Armee als auch die AK standen unter Führung von in ihrer Mehrheit reaktionärer Generale und Offiziere mit General Kazimierz Sosnkowski als Obersten Befehlshaber an der Spitze. Sosnkowski gehörte der Exilregierung in London an. Ziel der beiden polnischen Armeen war, nach der Vertreibung der deutschen Okkupanten die alte kapitalistische Klassenherrschaft wiederherzustellen.
Aus der antifaschistischen Widerstandbewegung bildeten sich unter Führung der PPR die Volksarmee, die „Armia Ludowa“ (AL) und Bauernbataillone, „Bataliony Chlopskie“ (BCH) heraus. Die PPR schuf mit Beginn des Jahres 1942 noch ihre eigene militärische Organisation, die Volksgarde, „Gwardia Ludowa“ (GL). Auf sowjetischem Territorium begann der Bund Polnischer Patrioten, „Zwiazek Patriotow Polskich“ (ZPP) mit dem Aufbau regulärer polnischer Streitkräfte, deren 1. Division bereits im Oktober 1943 an der Seite der Roten Armee an den Kämpfen teilnahmen. An der Befreiung Lublins am 24. Juli 1944 beteiligten sich bereits Einheiten der 1. Polnischen Armee, die sich am 21. Juli 1944 mit der AL zum Polnischen Heer, „Wojsko Polski“ (WP) vereinigte.
Neben diesen militärischen Verbänden und Armeen existierten noch Partisaneneinheiten.
Der polnische Widerstand gliederte sich also in zwei Hauptgruppen, einmal die antifaschistisch-demokratischen Organisationen und Verbände und zum anderen bürgerlich-nationalistische Organisationen und Verbände. Wollten die ersteren die nationale Befreiung von den faschistischen deutschen Okkupanten mit der volksdemokratischen Revolution, der Beseitigung von Großgrundbesitz und Großkapital verbinden, so beschränkten die von der polnischen Exilregierung in London und deren Delegatur ihren Widerstand auf die nationale Befreiung unter Restaurierung der alten Macht- und Eigentumsverhältnisse und führten zugleich den Klassenkrieg gegen die antifaschistisch-demokratischen Verbände und die Rote Armee.
Diese klassenbedingte Grobeinteilung in zwei politische Gruppierungen und Streitkräfte bedeutet nicht, daß sie in „reiner“ Form so getrennt in der Praxis zu unterscheiden waren, nach dem Schema, hier die progressiven Volkskräfte, „die Guten“, da die nationalistisch-restaurativ-bürgerlichen Kräfte, „die Bösen“! Innerhalb der reaktionären Verbände kämpften nicht wenige polnische Patrioten, die mit Mut und Entschlossenheit unter Einsatz ihres Lebens gegen die deutschen Faschisten um die Befreiung ihres Landes kämpften, die aber zugleich Vorbehalte gegenüber den Kommunisten und der Sowjetunion hatten. Umgekehrt kämpften in den von der PPR geführten Organisationen und Verbänden wiederum polnische Patrioten die zwar keine Antikommunisten waren, aber den Kommunisten gegenüber auch nicht frei von Vorbehalten waren. Es ist immer wieder zu berücksichtigen, daß eine Nation, die von 1772 bis 1918 drei Teilungen überlebt hat, deren staatliche Unabhängigkeit erst vor 25 Jahren wiederhergestellt worden war, die also im Erfahrungsbereich der noch lebenden und kämpfenden Generation lag, Mißtrauen gegenüber ihren starken Nachbarn hegte. Die deutschen Faschisten gingen ihrer Niederlage entgegen, die wurden die Polen los, aber wie würde sich die Sowjetregierung verhalten, deren siegreiche Armeen nunmehr polnisches Territorium betreten mußten? War an den Gerüchten und antisowjetischen Verleumdungen der Exilregierung in London sowie ihrer Delegatur wie auch der Goebbelspropaganda vielleicht nicht doch ein bißchen was dran, daß die Sowjets den Polen ihren Willen, ihr System aufzwingen würden? So bewegten sich viele Polen in dem Widerspruch, einerseits ist die Rote Armee der Befreier von den deutschen Faschisten, insofern muß man sie unterstützen, ihnen helfen, andererseits, werden sie die staatliche Souveränität Polens, das Selbstbestimmungsrecht der polnischen Nation respektieren?
Auf ausdrücklichen Befehl Stalins hatte sich die Rote Armee auf ihre Kampfaufgaben gegen die deutschen Armeen zu konzentrieren, sich nicht in die inneren Angelegenheiten des polnischen Volkes einzumischen, sich gegenüber der polnischen Bevölkerung höflich zu benehmen, hilfsbereit zu sein, Hilfeleistungen im Rahmen des Möglichen zu gewähren.
Die Verwaltung der befreiten Gebiete unterstand dem PKWN. Die Rote Armee hatte das PKWN zu unterstützen, hatte aber keine Weisungsbefugnis. Vom HQ, von den FOB und AOB wurden Übergriffe von Angehörigen der Roten Armee streng bestraft.
Die Politische Hauptverwaltung der Roten Armee hatte in ihrer Direktive vom 19. Juli 1944 auf die neue Lage hingewiesen, die mit dem Vorstoß der Roten Armee über die Staatsgrenze hinaus entstanden sei. Daraus ergaben sich entsprechende Anforderungen der parteipolitischen Bildung und Erziehung der Soldaten der Roten Armee.
Stalin hatte im Juli 1944 General Krainjukow, Erstes Kriegsratsmitglied der 1. Ukrainischen Front, die Generale Mechlis und Subottin, Mitglieder von Kriegsräten, zu einer Beratung ins Staatliche Verteidigungskomitee nach Moskau einberufen, um einen Beschlußentwurf über Verhaltensregeln für die Rote Armee im Ausland auszuarbeiten, „denn dort sei jeder Kämpfer berufen, Ehre und Ansehen des Sowjetlandes hochzuhalten sowie die Souveränität und Würde der befreiten Völker zu achten.“12)
In
dieser Beratung entwickelte Stalin seine Gedanken über Polen, „seine Gegenwart und Zukunft. Er erinnerte
daran, daß die Polen in der Vergangenheit nicht nur das Joch der zaristischen
Selbstherrschaft hätten tragen müssen, sondern auch von den eigenen
Gutsbesitzern und Kapitalisten und den bürgerlichen Mächten des Westens brutal
ausgebeutet worden seien. In den Händen der Imperialisten sei Polen häufig ein
Stein des Anstoßes, ein Herd der Widersprüche, Konflikte und militärischen
Zusammenstöße gewesen. Stalin betonte, daß in diesen historischen Tagen, wo die
Rote Armee das polnische Volk vom faschistischen Joch befreie, die Grundlagen
für eine brüderliche, unzerstörbare Freundschaft zwischen dem sowjetischen und
dem polnischen Volk gelegt würden. Die Kriegsräte müßten sich darum kümmern,
daß sich diese Freundschaft entwickle und festige, damit sie über Jahrhunderte
fortdauern könne.
‘Wir Bolschewiki’, fuhr Stalin fort, ‘haben
vom ersten Tag des Großen Vaterländischen
Krieges an auf die historische Befreiungsmission der Roten Armee verwiesen.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Völker Europas aus der faschistischen
Knechtschaft zu befreien. Es ist unsere internationalistische Pflicht, dem
polnischen Volk bei der Wiedergeburt eines starken, unabhängigen,
demokratischen Polens beizustehen.’
Der Vorsitzende des Staatlichen
Verteidigungskomitees erklärte, daß wir keinerlei eigene Administration auf
polnischem Boden bilden und dort auch unsere Ordnung nicht errichten würden.
Wir hätten uns nicht in die inneren Angelegenheiten des befreiten Landes
einzumischen. Diese fielen allein in die souveräne Kompetenz der Polen. Es habe
sich das Polnische Komitee der Nationalen Befreiung gebildet, und das werde
auch seine eigene Verwaltung aufbauen. Mit dem Komitee sei enge Verbindung zu
halten, andere Machtorgane seien nicht anzuerkennen.
‘Ich wiederhole, keinerlei andere Macht ist
anzuerkennen außer dem Polnischen Komitee der Nationalen Befreiung!’
Stalin schlug den Kriegsräten der Fronten,
deren Truppen polnischen Boden betreten hatten, vor, einen Aufruf an das
polnische Volk herauszugeben. Er empfahl, dem Aufruf die Erklärung der
Sowjetregierung und den Beschluß des Staatlichen Verteidigungskomitees zugrunde
zu legen und darin zu erläutern, zu welchem Zweck und mit welchen Aufgaben sich
die Rote Armee auf dem Territorium Polens aufhalte.
Damit war die Beratung beendet. Stalin trat auf uns zu, drückte jedem die Hand und wünschte uns viel Erfolg.“13)
Auf Weisung des ZK der KPdSU (B) und des Staatlichen Verteidigungskomitees beschloß der Kriegsrat der Front einen Aufruf an das polnische Volk. Darin hieß es:
„Die Rote Armee stellt sich nicht die Aufgabe, irgendeinen Teil polnischen Bodens der Sowjetunion einzuverleiben oder in Polen die Sowjetordnung einzuführen. Die historische Stunde ist gekommen, wo das polnische Volk selbst sein Geschick in die Hände nimmt. Das kürzlich gebildete Polnische Komitee der Nationalen Befreiung ist die einzige rechtmäßige Macht auf dem Territorium Polens, die die Interessen des polnischen Volkes zum Ausdruck bringt. In dieser Stunde müssen Sie der Roten Armee in jeder Weise helfen, damit sie die faschistischen Armeen zerschlagen kann und die Normalisierung des Lebens auf dem freien Boden des unabhängigen Polens beschleunigt wird.“14)
Der Kriegsrat und die Politverwaltung der 1. Ukrainischen Front gaben eine Zeitung in polnischer Sprache unter dem Namen „Neues Leben“ heraus. Sie erschien in einer Auflage von 20.000 Exemplaren.
Es wurden Gruppen von polnisch sprechenden Agitatoren zusammengestellt, die zur massenpolitischen Arbeit in den befreiten Gebieten eingesetzt wurden.15)
Das PKWN als neue Volksmacht in Polen veröffentlichte am 22. Juli 1944 ihr programmatisches Manifest. Darin hieß es: „Das Nationaleigentum, das sich gegenwärtig in den Händen des deutschen Staates und einzelner deutscher Kapitalisten befindet, und zwar von Großindustrie-, Handels-, Bank- und Transportunternehmen, so wie die Wälder werden vorläufig unter staatliche Verwaltung gestellt.“ Das „Eigentum von Bürgern, Bauern, Kaufleuten, Handwerkern, kleinen und mittleren Unternehmern sowie von Einrichtungen und von der Kirche, das die Deutschen an sich gerissen hatten“, wird „dem gesetzmäßigen Eigentümer zurückgegeben...“16)
Wie ersichtlich, handelte es sich in den Zielen des PKWN nicht um sozialistische Forderungen.
Am 26. Juli 1944 erfolgte in Moskau die Abstimmung über die Befugnisse zwischen dem PKWN und dem Oberbefehlshaber der Roten Armee. In frontnahen Gebieten übte das sowjetische Oberkommando, das war der jeweilige FOB, in dem Maße die oberste Gewalt aus, wie es für die militärischen Erfordernisse notwendig war. In den nicht mehr zur Kampfzone gehörenden befreiten Gebieten ging die gesamte Macht an das PKWN über. Es nahm praktisch Regierungsfunktionen wahr, wenn es auch noch nicht offiziell die Bezeichnung einer provisorischen Regierung annahm.
Am 1. August 1944 bestätigte Molotow als Volkskommisssar für Auswärtige Angelegenheiten in einem Schreiben an den Vorsitzenden des PKWN, Edward Boleslaw Osobka-Morawski, dessen Anerkennung durch die Sowjetunion. Nach Bildung der „Provisorischen Regierung der Polnischen Republik“ am 31. Dezember 1944 nahm die Regierung der UdSSR am 5. Januar 1945 diplomatische Beziehungen zu ihr auf. Wie Stalin nachdrücklich erklärt hatte, war das PKWN, die Provisorische Regierung das einzige Machtorgan Polens, das zu unterstützen war. Alle anderen Organisationen, die sich als „Machtorgane“ ausgaben, seien als illegal zurückzuweisen. Das galt ausdrücklich für die polnische Exilregierung in London - Stalin sprach meistens von einer Emigrantenregierung - und ihrer Delegatur in Polen. Alle innenpolitischen Fragen sowie Probleme der polnischen Außenpolitik seien grundsätzlich an die Provisorische Regierung zu verweisen als der einzigen rechtmäßigen Regierung Polens.
Solche Weisungen Stalins waren klassenmäßig und sicherheitspolitisch bestimmt. Die Sowjetregierung war nach den Erfahrungen mit den alten feudal-kapitalistischen, sowjetfeindlichen Regimes Pilsudskis und Becks daran interessiert, ein demokratisches und friedfertiges Polen als Nachbarn zu haben. Stalin hat zu keiner Zeit die Forderung nach Errichtung einer sozialistischen Ordnung in Polen oder in einem anderen Land, auch nicht in Deutschland bzw. der DDR gestellt. Die Frage der Gesellschaftsordnung hatten die Volksmassen selbst zu entscheiden. Revolutionen, speziell die sozialistische Revolution, sind keine Exportartikel.
Stalin hatte nach den Erfahrungen der 20er und 30er Jahre jedoch keine Illusionen über die polnischen Großgrundbesitzer und Großkapitalisten. Daraus folgte, daß er und die anderen Mitglieder der Sowjetregierung die ersten Organe einer demokratischen Volksmacht in Polen, in denen nicht die Pans den Ton angaben, unterstützten und nach außen gegen eine militärische Intervention wie in Griechenland sicherte. Diese Politik hat natürlich Churchill, und nicht nur ihm, gar nicht gefallen, der die alten Machtverhältnisse der Pans restaurieren und Polen in einen neuen „cordon sanitaire“ gegen die Sowjetunion einbinden wollte. Aus dieser Zeit stammt auch der bis in die heutige bürgerliche Geschichtsschreibung und politische Publizistik reichende diffamierende Terminus von sowjetischer „Satelliten-Regierung“ für Polen, wie später auch für die anderen osteuropäischen Voksdemokratien und die DDR. Daß Arbeiter, Bauern, Intellektuelle und andere Werktätige eine sozialistische Gesellschaftsordnung, die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, die Errichtung ihrer eigenen politischen Herrschaft wollen könnten, stößt an die sozialen Schranken des Bourgeoisverstandes.
Die bürgerliche Demokratie, hervorgegangen aus „freien Wahlen“ zum Parlament als angeblicher Ausdruck der Volkssouveränität war seit ihrer geschichtlichen Existenz nichts anderes als die Form bürgerlicher Klassenherrschaft und politischer Reflektion der Konkurrenz unter den Bourgeois gewesen. Das ist zumindest seit 150 Jahren bekannt. In seiner 1850 verfaßten Schrift „Die Klassenkämpfe in Frankreich“ schrieb Marx: „Die Bourgeoisherrschaft als Ausfluß und Resultat des allgemeinen Stimmrechts, als ausgesprochener Akt des souveränen Volkswillens, das ist der Sinn der Bourgeoiskonstitution.“17)
Aber was, wenn die Kommunisten in den Wahlen die Mehrheit erringen? Das Wahlrecht will „das Vernünftige“, und das Vernünftige ist die Klassenherrschaft der Bourgeoisie. Wenn „der Inhalt dieses Stimmrechts... nicht mehr die Bourgeoisherrschaft ist“, hat die Konstitution ihren Sinn verloren. „Ist es nicht Pflicht der Bourgeoisie, das Stimmrecht so zu regeln, daß es das Vernünftige will, ihre Herrschaft?“18)
Churchill wollte das „Vernünftige“ in Polen, und das „Vernünftige“ repräsentierte die polnische Exilregierung in London, und dieses „Vernünftige“ hat Stalin verworfen und nur die Provisorische Regierung in Lublin als einzig rechtmäßige Regierung anerkannt, das „Unvernünftige“, und alle Polen betreffende Fragen an diese Regierung verwiesen.
Im Demokratieverständnis Churchills und anderer Bourgeoisideologen war die durch Gewalt der britischen Armee gebildete und in Terrorwahlen bestätigte Regierung in Griechenland das „Vernünftige“, eine durch „freie Wahlen“ legitimierte Macht. Die Provisorische Regierung in Lublin als Repräsentant der Arbeiter, Bauern, Intellektuellen und anderen Werktätigen unter Ausschluß der Großgrundbesitzer und Großkapitalisten war das „Unvernünftige“. Und wenn diese Volksmacht auch noch durch die Rote Armee vor Intervention von außen geschützt war, war sie eben nur eine „Satelliten-Regierung“ der Sowjets. Antisowjetismus, Antikommunismus sind a priori „demokratisch“, und umgekehrt, Sozialismus, sozialistische Demokratie sind „Diktatur“, Satelliten-Regimes, das „Unvernünftige“, etc. So einfach ist das Schema, und danach wurde und wird verfahren. Es kommt nur darauf an, daß diese Version oft genug und möglichst in den gleichen Worten wiederholt wird, um einen nicht geringen Teil der Volksmassen selbst daran zu hindern, die Herrschaftsmethoden der Diktatur der Kapitalistenklasse zu durchschauen.
Die Delegatur entfachte in Polen einen wütenden Kampf gegen die vom PKWN bzw. der Provisorischen Regierung errichteten Verwaltungen in den befreiten Gebieten, führte terroristische Anschläge gegen sowjetische Armee-Einheiten, Truppentransporte, Nachschubgüter durch und schreckte auch vor Mordanschlägen nicht zurück. Teilnahme von Bürgern an den Verwaltungen wurde als „Landesverrat“ gebrandmarkt, die nach Wiederherstellung der Macht der Londoner Exilregierung strafrechtlich verfolgt werden würden. Die Delegatur führte einen regelrechten Klassenkrieg gegen die Partisanenabteilungen, die zum Teil von sowjetischen Offizieren ausgebildet, in einigen Fällen auch geführt wurden. Ermordung von Partisanen, Sowjetsoldaten und -offizieren, Sabotageanschläge gegen rückwärtige Verbindungen der kämpfenden Roten Armee waren an der Tagesordnung.
Die mehr als fünfjährige Besetzung Polens durch die deutschen Faschisten hatte neben der Vernichtung von sechs Millionen Menschen - 25 Prozent der gesamten Bevölkerung! - auch zu einer umfassenden Zerstörung der Industrie und kultureller Einrichtungen geführt. „Während der Okkupation wurden in Polen 10.200 (64 Prozent!) Industriebetriebe, 2.677 Krankenhäuser, 6.000 Schulen, 3.337 Museen und Theater, 300.000 Gebäude in Städten und über 450.000 Häuser in Dörfern zerstört. Viele polnische Städte bestanden nur noch aus Ruinen und Brandstätten.“19)
Die sowjetische Regierung und die Rote Armee halfen mit allem, womit sie helfen konnten. „Tausende Waisen mußten eingekleidet und ernährt werden. Auf Antrag der polnischen Regierung stellte die Front für diese Kinder Mehl, Graupen, Zucker und kondensierte Milch für ein ganzes Jahr sowie Bettzeug zur Verfügung. Auf persönliche Weisung Stalins übergab die 1. Belorussische Front aus ihren Beständen 500 Lastkraftwagen sowie einige hundert Tonnen Treibstoff an die polnische Regierung. Das fiel damals keineswegs leicht.“20)
Der Aufbau einer neuen Verwaltung durch das PKWN, die Provisorische Regierung bedurfte ebenfalls der Unterstützung durch sowjetische Dienste. Die sowjetischen Finanzfachleute standen vor schwierigen Problemen, wie der Festsetzung des Goldkurses unter den neuen Bedingungen, Regelungen, wie Lieferungen an die Rote Armee abzurechnen und wie die Löhnung an die Militärangehörigen auszuzahlen waren. Es sollten gleichzeitig zwei Währungen, die polnische und sowjetische, gültig sein. Fragen des Geldumlaufs, die ausgesprochen politischen Charakter trugen, waren zu klären.21)
Das galt für die befreiten Gebiete. Aber noch war Krieg auf polnischem Territorium und auch über die Westgrenzen Polens hinaus, wobei es zu Widersprüchen zwischen militärischen Erfordernissen und politischen Rücksichten kam. Generalleutnant Antipenko verwies auf das Problem der für die Offensive der Roten Armee in der Hauptrichtung Weichsel - Oder - Berlin strategisch wichtigen Ost-West-Bahnlinie. Die Bahn in Polen hatte die in Westeuropa übliche Spurbreite. Ein Umnageln der polnischen Gleisanlagen auf die sowjetische Norm war aus militärischen Gründen geboten, politisch aber bedenklich. Mit dem Umnageln wurde begonnen, aber Stalin gab Befehl, die Schienen sofort wieder auf die westeuropäische Spur umzunageln. Erst nach mehreren Überlegungen zwang die militärische Lage das auf Initiative Stalins geschaffene Transportkomitee, dem Antrag Antipenkos auf Umnageln auf die sowjetische Spur wenigstens auf einer Strecke im Oktober/November stattzugeben. Anders war der Transport von Truppen und Militärgütern für die Offensive Weichsel - Oder - Berlin nicht zu bewältigen, was zu einer Verlängerung des Krieges geführt hätte.22)
Der Warschauer Aufstand war Ausdruck und Ergebnis des sich dramatisch zuspitzenden Klassenkampfes innerhalb der Antihitlerkoalition. Valentin Falin gebührt das Verdienst, unter den sowjetischen Wissenschaftlern zu den ersten zu gehören, wenn nicht sogar der erste gewesen zu sein, auf den inneren Zusammenhang von drei auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun habenden Ereignissen hingewiesen zu haben: den Plan „Rankin“, das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 und den Warschauer Aufstand.
Der Plan „Rankin“ wurde auf der Quebec-Konferenz (19. - 24. August 1943) von Roosevelt und Churchill bestätigt, am 8. November 1943 noch präzisiert. Er sah unter anderem vor, bei einem möglichen Zusammenbruch der deutschen Verteidigung, einer bedingungslosen Kapitulation vor den angloamerikanischen Truppen folgende Städte mit Umgebung „unverzüglich“ zu besetzen: In Deutschland: Bremen, Lübeck, Hamburg, das Ruhrgebiet, Köln, Berlin, Dresden, Stuttgart und München; in Italien: Turin, Mailand, Rom, Neapel und Triest; in Südosteuropa sollten Budapest, Bukarest und Sofia besetzt werden. „Symbolische Kräfte“ sollten in Den Haag, Brüssel, Lyon, Prag, Warschau, Belgrad und Zagreb abgesetzt werden. Schließlich sollten auch Dänemark, der Raum Kiel, Saloniki, die Insel Rhodos unter Kontrolle gestellt werden. Das Leitmotiv lautete überall: ‘den Russen zuvorkommen’.
Kein koordiniertes Vorgehen mit der UdSSR, sondern Gegenmaßnahmen. Bedingungslose Kapitulation Deutschlands nicht vor der Anti-Hitler-Koalition, sondern vor den USA und Großbritannien.23)
Offiziell wurde Stalin von diesen Beschlüssen nichts mitgeteilt. Inwieweit er aus anderen Quellen, durch Indiskretionen oder durch die sowjetische Aufklärung Kenntnis von diesen Plänen erhielt, muß ich offen lassen. Über Churchill und dessen edlen Absichten hatte Stalin jedenfalls keinerlei Illusionen.
Das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 war nicht nur eine einzelne Aktion, Ergebnis einer Verschwörung einiger Militärs und Beamten des faschistischen Staatsapparates, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden politischen Krise des faschistischen Deutschlands. Die Kungeleien von hochrangigen Repräsentanten des faschistischen Staates mit Vertretern der Westmächte, Himmler, Schellenberg, Papen u.a., ließen einen Zusammenbruch der deutschen Wehrkraft im Westen, eine Kapitulation nur vor den Westmächten bei Fortsetzung des Krieges gegen die Sowjetunion als möglich erscheinen.23a) Dieser Aspekt läßt das politische Motiv der für den Warschauer Aufstand verantwortlichen Führer deutlich werden: „Den Russen zuvorkommen!“
Denn diese Absicht lag dem Plan „Burza“, Deckname für den Aufstand, zugrunde: Wenigstens 12 Stunden vor dem Eintreffen sowjetischer Truppen in Warschau die Stadt durch den Aufstand von den faschistischen Besatzern zu befreien und die Delegatur der polnischen Exilregierung in London als legitime polnische Regierung zu proklamieren. Bei Erfolg des Aufstandes konnte dann ein symbolisches, britisches Armeekontingent Warschau besetzen.24)
Die von interessierter Seite in die Publizistik lancierte Version, daß der Aufstand „spontan“ nach einem Kommentar des Moskauer Rundfunks vom 29. Juli ausgebrochen sei, der so interpretiert wird, als habe er die Warschauer Bevölkerung zum Aufstand aufgerufen, ist angesichts des umfangreichen zugänglichen Faktenmaterials nicht haltbar, obwohl noch längst nicht alle Archivdokumente veröffentlicht sind. Diese antisowjetische Behauptung stammt von General Bor-Komorowski, der damit sein verbrecherisches Unternehmen zu rechtfertigen suchte, nachdem auch für ihn erkennbar war, daß der Aufstand zum Scheitern verurteilt war. Der Ministerpräsident der polnischen Exilregierung in London, Stanislaw Mikolajczyk, bediente sich seinerseits dieser Lüge in seinem Telegramm an Roosevelt vom 18. August, um die verantwortungslose Handlungsweise seiner Regierung und der Delegatur in Polen zu begründen. Die Methode war und ist nicht neu, die eigenen Verbrechen der Sowjetunion - Stalin - anzulasten.
Bedienen wir uns einer Dokumentation des britischen Foreign Office, die - zwar unter Weglassung wichtiger Fakten - eindeutig aussagen, daß der Aufstand vom 1. August 1944 „keine spontane Erhebung“ war.25)
Der „polnische Untergrund“ (gemeint waren die Delegatur und die AK, UH) wurde von der polnischen Exilregierung in London „kontrolliert“, d.h. angeleitet.26) Der Befehlshaber der AK, Bor-Komorowski, war wiederum dem Oberbefehlshaber der polnischen Streitkräfte (Anders-Armee und AK, UH), General Sosnkowski, unterstellt. Sosnkowski war Mitglied der Exilregierung in London. Die britische Regierung ließ keinen Zweifel daran, daß die polnische Exilregierung in London für sie die „legitime Regierung in Polen“ sei.27)
Die polnische Exilregierung hatte „fertig ausgearbeitete Pläne für einen allgemeinen Aufstand“. Sie habe „um britische Unterstützung ersucht“, was jedoch abgelehnt worden sei mit der Empfehlung, „daß ein Aufstand nur dann erfolgreich sein würde, wenn er in Übereinstimmung mit und in Kooperation mit den Russen erfolgen würde.“28) Es muß erwähnt werden daß auch General Sosnkowski Bor-Komorowski vor einem Aufstand gewarnt hat, wenn er nicht vorher mit dem sowjetischen Oberkommando abgestimmt sei.
Die Aufstandspläne waren fertig, noch bevor die Russen in einem raschen Vormarsch die Vororte von Warschau am 29. Juli erreicht hatten.29)
Diese letztere Aussage ist ungenau und kann zu dem falschen Schluß führen, als wenn die sowjetischen Streitkräfte unmittelbar vor Warschau standen und nur noch einmarschieren mußten. Vielleicht war ein solcher falscher Schluß auch beabsichtigt?!
Tatsächlich befanden sich die Hauptkräfte der 1. Belorussischen Front unter dem FOB Marschall Rokossowski noch 200 Kilometer von Warschau entfernt. Lediglich die 2. Panzerarmee der 1. Belorussischen Front war bis auf etwa 10 - 12 Kilometer vor Praga, einem Außenbezirk von Warschau auf dem Ostufer der Weichsel, vorgestoßen. Dort stand sie in Abwehrkämpfen gegen Angriffe starker deutscher Panzerverbände. Warschau war durch die Weichsel von Praga getrennt. Ein Forcieren des Flusses war bei dem bestehenden Kräfteverhältnis zu diesem Zeitpunkt unmöglich. Offenbar spekuliert man auf die Unwissenheit des Lesers. Über die Gefechtsbereitschaft der 1. Belorussischen Front im Juli 1944 wird noch zurückzukommen sein.
In der Dokumentation des Foreign Office folgt dann die Version vom „Kommentar“ des Moskauer Rundfunks vom 29. Juli, der angeblich Bor-Komorowski veranlaßt habe, den Befehl zum Aufstand am 1. August zu geben. Die Russen wären „nur 10 Kilometer von Warschau entfernt gewesen“, aber General Bor-Komorowski wäre nicht in der Lage gewesen, mit dem sowjetischen Oberkommando in Verbindung zu treten, bevor er seinen Aufstandsbefehl gegeben habe.30)
Den Kontakt zum sowjetischen Oberkommando, konkret zum FOB der 1. Belorussischen Front, Marschall Rokossowski, hätte Bor-Komorowski herstellen können, wenn er ihn hätte haben wollen.
In einer Fußnote versteckt wird von Llewellyn Woodward die These vom „Aufstandsaufruf“ des Moskauer Rundfunks relativiert, mit der Bemerkung, daß die Sowjets bestreiten, einen solchen Aufruf erlassen zu haben. Dem Leser wird damit die Interpretation des Kommentars vom 29. Juli überlassen.
In der gleichen Fußnote kommt der Verfasser der Wahrheit jedoch ein Stückchen näher, wenn er eingesteht, daß die Polen selbst Warschau befreien, eine arbeitsfähige Regierung einsetzen wollten, bevor die Russen die Stadt einnehmen würden, was bedeutete, daß sie wenigstens zwölf Stunden vor dem Eintreffen der Russen die Kontrolle über Warschau haben müßten.31) Wenn wir an die Stelle „die Polen“ Bor-Komorowski und die Exilregierung setzen, dann stimmt es. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, daß am 27. Juli Mikolajczyk und Begleitung nach Moskau abgereist waren, also unmittelbar vor dem Aufstand in Moskau waren.
Aus dem Sachverhalt ergeben sich einige Fragen: Mikolajczyk hatte von dem in London ausgearbeiteten Aufstandsplan als Ministerpräsident der Exilregierung nichts gewußt? Er hatte keine Möglichkeit gehabt, Stalin, Molotow oder einen anderen hochrangigen Sowjetfunktionär oder General über den unmittelbar bevorstehenden Aufstand zu informieren, auch wenn er die genaue Stunde nicht wissen mußte? (Bor-Komorowski hatte ihn mehrfach verschoben, wie noch zu zeigen sein wird) Er konnte sich nicht darüber informieren, ob die Rote Armee in der Lage war, den Aufständischen rasch zu Hilfe zu kommen? Er konnte nicht einen Kontakt zwischen Bor-Komorowski und Marschall Rokossowski vermitteln?
Die britische Regierung - also auch Churchill - haben von dem Aufstand gewußt. Sie waren vorsichtig genug, irgendwelche Hilfen, Unterstützungen in Aussicht zu stellen. Churchill verfuhr nach der bekannten Devise: macht nur, geht es gut, können wir helfen, dann haben wir die Sowjets draußen, geht es schief, tragen wir keine Verantwortung dafür, wir haben ja empfohlen, mit den Sowjets vorher Kontakte aufzunehmen (in dem guten Wissen, daß sie gerade dies nicht tun würden). Darüber hinaus bot eine Niederlage der Aufständischen die Möglichkeit, die Verantwortung für das vorauszusehende Blutbad, das die Faschisten unter der Warschauer Bevölkerung anrichten würden, den Sowjets - Stalin! - anzulasten, wie es ja dann auch geschah.
General der Infanterie Kurt von Tippelskirch bezeugte als Militär eine im wesentlichen richtige Einsicht in die Ereignisse in Warschau, als er schrieb:
„Als sich Rokossowskis Armeen Ende Juli anscheinend unaufhaltsam der polnischen Hauptstadt näherten, hielt die polnische Untergrundbewegung die Stunde der Erhebung für gekommen. Auch an einer Aufmunterung von englischer Seite hat es wohl nicht gefehlt. Gehörte es doch zu den schon vorher in Rom und bald darauf in Paris von den Engländern angewandten Gepflogenheiten, die Bevölkerung der Hauptstädte, deren Befreiung unmittelbar bevorzustehen schien, zur Erhebung aufzurufen. Der Aufstand brach am 1. August aus, als die Kraft des russischen Vorstoßes bereits gebrochen war und die Russen den Versuch, die Hauptstadt im Handstreich zu nehmen, einstellten. So blieben die polnischen Aufrührer sich selbst überlassen. Sie hatten zunächst überraschend große Erfolge. Die meisten deutschen Dienststellen in der großen Stadt wurden von der Außenwelt abgeschnitten, die Bahnhöfe von den Aufständischen, die über Granatwerfer, 2-cm-FIak und Panzerbekämpfungsmittel verfügten, besetzt und alle Durchgangsstraßen gesperrt. Nur die Brücken über die Weichsel konnten von deutschen Sicherungen gehalten werden. Hätten die Russen ihre Angriffe an der Front des Brückenkopfes fortgesetzt, so wäre die Lage in der Stadt wohl unhaltbar geworden. Nun konnten in und um Warschau genügend Kräfte zusammengebracht werden, um wenigstens die deutschen Dienststellen zu befreien, die Bahnhöfe wieder in die Hand zu bekommen und zu verhindern, daß die volle Gewalt über die Stadt in die Hände der Aufständischen geriet. Es bedurfte aber noch eines harten und zähen Kampfes, der sich bis in den Oktober hinzog, bis die deutsche Besatzung des Aufstandes Herr wurde. Für eine schnelle, durchgreifende Säuberung fehlte es ständig an Kräften.“32)
Stalin, das HQ, der FOB der 1. Belorussischen Front, Marschall Rokossowski wurden von dem Aufstand überrascht. Es bestand weder von Seiten der polnischen Exilregierung noch von Bor-Komorowski die Absicht, die sowjetische Führung zu informieren oder gar zu konsultieren. Das widersprach ihren politischen Intentionen, nämlich: „den Russen zuvorzukommen!“
Es mutet schon befremdlich an, wenn Churchill an Stalin am 4. August telegrafierte, daß die Polen „um russische Hilfe bitten, die sehr nahe scheint. Sie werden von anderthalb deutschen Divisionen angegriffen. Das könnte für Ihre eigenen Operationen von Nutzen sein.“33) Churchill berief sich dabei auf Informationen, die er von den Polen erhalten habe.
Die Antwort Stalins vom 5. August fiel dann auch sehr kurz aus. Er meinte, daß er die „von den Polen übermittelte Information ... für nicht sehr vertrauenswürdig“ hielt. „Die Armia Krajowa der Polen besteht aus einigen Abteilungen, die sich fälschlicher Weise als Divisionen bezeichnen. Sie haben weder Artillerie, Flugzeuge noch Panzer. Ich kann mir nicht vorstellen, wie solche Abteilungen Warschau einnehmen wollen, das die Deutschen mit vier Panzerdivisionen, darunter die Division ‘Hermann Göring’, verteidigen.“34)
Wie dieser Aufstand unter dem von Stalin genannten Kräfteverhältnis „von Nutzen“ für die Rote Armee sein könnte, blieb wohl das Geheimnis des britischen Premierministers.
Nach Untersuchungen von Falin bestand die offizielle Mannschaftsstärke der AK (in Polen insgesamt, UH) aus 175.000 Mann, die unter „direkter Aufsicht britischer Berater mit britischem Geld aufgebaut und mit Waffen ausgerüstet“ waren. Die Waffen wurden von britischen Flugzeugen abgeworfen.
Nur ein kleiner Teil der AK kam bei Operationen gegen die faschistischen Okkupanten zum Einsatz. „Alle übrigen warteten auf den Tag X“35), das heißt, auf den Einsatz gegen die Rote Armee.
Trotz ihrer Erkenntnisse über die tatsächlichen Absichten der polnischen Exilregierung in London und ihrer Delegatur und Führung der AK sowie der Churchill-Regierung haben Stalin, das HQ und der FOB der 1. Belorussischen Front, Marschall Rokossowski, alles nur menschenmögliche getan, um die Aufständischen zu unterstützen.
Der Aufstand trug einen doppelten Charakter. Er war einmal das Werk unverantwortlicher Abenteurer mit antisowjetischer Zielstellung, insofern ein Verbrechen am polnischen Volk. Zum anderen beteiligten sich nach Beginn des Aufstandes auch Einheiten der AL (Armia Ludowa) die ebenfalls von Bor-Komorowski nicht informiert waren und der auch jeden Kontakt von Einheiten der AK zur AL verbot! Desgleichen unterstützte die Warschauer Bevölkerung den Aufstand gegen die verhaßten deutschen Faschisten; insofern trug der Aufstand den Charakter einer antifaschistischen Volkserhebung. Das war der Grund, warum Stalin und das HQ alles taten, was in ihren Kräften stand, um der Warschauer Bevölkerung zu helfen.
Der ehemalige FOB der 1. Belorussischen Front, Marschall Rokossowski, erinnert sich: Die Armeen der 1. Belorussischen Front gehörten zu den ersten, die polnischen Boden betraten. Sie stießen bis an Praga, am Ostufer der Weichsel gelegen, vor. Praga wird unterschiedlich mal als Vorort, mal als Stadtteil, von Warschau bezeichnet. Wichtig für das Verständnis der strategischen Situation ist, daß Praga durch die Weichsel von den anderen Stadtteilen Warschaus getrennt ist. Rokossowskis Armeen standen also Warschau am nächsten.
Um Wiederholungen zu vermeiden, beschränke ich mich hier auf die Ausführungen Rokossowskis über die militärische Lage, die militärischen Aktivitäten der 1. Belorussischen Front und seine Erfahrungen mit den Offizieren der AK.
Von der polnischen Bevölkerung wurden die Armeen der 1. Belorussischen Front begrüßt. Die 1. Polnische Armee, die zur 1. Belorussischen Front gehörte, erhielt zunehmende Verstärkungen von Freiwilligen aus der Bevölkerung, von Einheiten der GL (Gwardia Ludowa), der AL und anderen Widerstandskräften. Befremden erregte die Verhaltensweise der AK.
„Schon die erste Begegnung mit Vertretern dieser Armee hinterließ einen unangenehmen Eindruck. Als wir erfahren hatten, daß sich in den Wäldern nördlich Lublin ein polnischer Verband befand, der sich 7. Division der AK nannte, entschlossen wir uns, durch einige Offiziere unseres Stabes die Verbindung aufzunehmen. Bei dem Treffen lehnten die AK-Offiziere, die polnische Uniformen trugen, unseren Vorschlag, im Kampf gegen die faschistischen Truppen zusammenzuwirken, arrogant ab. Sie erklärten, daß die AK nur die Weisung der Londoner Exilregierung und deren Bevollmächtigten befolge. Ihre Haltung uns gegenüber definierten sie vielsagend wie folgt: ‘Wir werden gegen die Rote Armee keine Waffengewalt anwenden, wünschen aber auch keinen Kontakt mit ihr’“.36)
Am 2. August erhielt Rokossowski von der eigenen Aufklärung die Nachricht vom Aufstand in Warschau. Alles war überraschend gekommen, sie waren auf Vermutungen angewiesen. Rokossowski nahm zunächst an, daß es sich um ein vom Gegner verbreitetes Gerücht handelte.
„Der Zeitpunkt des Beginns war so ungünstig
gewählt, daß es schien, der Aufstand sei absichtlich jetzt ausgelöst worden, um
ihn scheitern zu lassen. Zu dieser Zeit kämpften die 48. und die 65. Armee über
100 Kilometer ost- und nordostwärts der polnischen Hauptstadt. Unser rechter
Flügel war durch den Abzug zweier Armeen in die Reserve des Hauptquartiers
geschwächt. Er mußte noch einen starken Gegner zerschlagen, den Narew erreichen
und Brückenköpfe an seinem Westufer bilden. Die 70. Armee hatte eben erst Brest
genommen und säuberte den Raum von Resten der dort eingeschlossenen
gegnerischen Truppen. Die 47. Armee kämpfte im Raum Siedlce mit Front nach
Norden. Die 2. Panzerarmee kämpfte im Vorfeld von Praga, einem Warschauer
Vorort am Ostufer der Weichsel, und wehrte die Gegenangriffe faschistischer
Panzerverbände ab. Die 1. Polnische Armee, die 8. Gardearmee und die 69. Armee
forcierten die Weichsel südlich Warschau bei Magnuszew und Pulawy und hatten
Brückenköpfe an deren Westufer zu bilden und zu erweitern. Das war die
Hauptaufgabe des linken Flügels, die unbedingt gelöst werden mußte.
In der Westpresse warf man mir damals vor, die Warschauer Aufständischen wären absichtlich von uns nicht unterstützt und damit dem Untergang preisgegeben worden. Dazu muß folgendes gesagt werden: Die Belorussische Operation war in ihrer Tiefe beispiellos. Der rechte Flügel der Front hatte eine Entfernung von über 600 Kilometern zurückgelegt. Unsere Truppen setzten nach den pausenlosen Kämpfen ihre letzten Kräfte ein, um die vom Hauptquartier gestellte Aufgabe noch lösen zu können. Die Befreiung Warschaus hätte aber eine neue große Angriffsoperation erfordert - die dann später ja auch durchgeführt wurde. Aber im August 1944 hätten wir ohne umfangreiche Maßnahmen Warschau nicht einmal als großen Brückenkopf nehmen können.“37)
Warschau lag in nächster Nähe, die Truppen der 1. Belorussischen Front kämpften bereits im Vorfeld von Praga. „Aber jeder Schritt kostete ungeheure Anstrengungen.“38) Es gab noch immer keine Verbindung zu den Aufständischen. „Alle Bemühungen unserer Aufklärungsorgane, Kontakte aufzunehmen, waren gescheitert.“39)
Rokossowski
lernte sehr schnell den Unterschied zwischen den Initiatoren des Aufstandes,
General Bor-Komorowski als dessen Befehlshaber sowie General „Monter“ als
dessen Gehilfen, Befehlshaber des Militärbezirks Warschau und den „patriotisch gesinnten Warschauer
Einwohner(n)“ kennen. Letztere, die sich von den faschistischen Okkupanten
befreien wollten, griffen zu den Waffen und schlossen sich dem Aufstand an. „Sie hatten dabei keine Hintergedanken.
Diejenigen aber, die die Bevölkerung von Warschau unter so ungünstigen
Umständen zum Aufstand aufriefen, hätten alle Folgen dieses Schrittes vorher
bedenken müssen.
Aus allem, was ich von den polnischen
Genossen und aus dem umfangreichen Material des Stabes der Front erfuhr, ergab
sich die Schlußfolgerung, daß die Leiter des Aufstands bestrebt waren, jegliche
Kontakte der Aufständischen mit der Roten Armee strikt zu unterbinden.
Allmählich wurde jedoch der Bevölkerung klar, daß sie betrogen worden war. Erst
als sich die Lage in der Hauptstadt immer mehr verschärfte und unter den
Aufständischen Zwistigkeiten ausbrachen, entschlossen sich die Anführer der
Armia Krajowa, über London an das sowjetische Oberkommando heranzutreten.
Nach Erhalt eines entsprechenden Funkspruchs
leitete der Chef des Generalstabes, Antonow, die offizielle Verbindung zwischen
uns und den Aufständischen ein. Schon zwei Tage später, am 18. September,
meldete der britische Rundfunk, General Bor-Komorowski hätte die Koordinierung
der Handlungen mit dem Stab Rokossowskis bekanntgegeben und berichtet, daß
sowjetische Flugzeuge laufend Waffen, Munition und Verpflegung für die
Aufständischen in Warschau abwürfen.
Daraus sieht man, wie leicht eine Verbindung
zum Oberkommando der 1. Belorussischen Front aufzunehmen war, wenn man diese
wünschte. Doch General Bor-Komorowski entschloß sich erst dazu, als der Versuch
der Briten, die Aufständischen aus der Luft zu versorgen, gescheitert war.
Eines Tages hatten nämlich 80 ‘Fliegende Festungen’ in Begleitung von
‘Mustang’-Jägern Warschau in 4500 Metern Höhe gruppenweise überflogen und ihre
Lasten abgeworfen. Infolge der durch die Höhe bedingten Streuung verfehlten die
Abwürfe ihr Ziel. Außerdem schoß die gegnerische Flak zwei Flugzeuge ab.
Daraufhin stellten die Briten ihre Versuche ein.“40)
„Der Gegner, der unsere schwache Stelle
zwischen Praga und Siedlce erkannt hatte, entschloß sich, von hieraus in die
Flanke und den rückwärtigen Raum der Truppen zu stoßen, die südlich der
polnischen Hauptstadt die Weichsel forciert hatten. Dazu konzentrierte er am
Ostufer im Raum Praga die 4. Panzerdivision, die 1. Panzerdivision ‘Hermann Göring’,
die 19. Panzer- und die 73. Infanteriedivision. Diese Kräfte begannen am 2.
August einen Gegenstoß, wurden jedoch im Vorfeld von Praga von den aus Süden
anrückenden Truppenteilen unserer 2. Panzerarmee gestellt. Es kam zu einem
hartnäckigen Begegnungsgefecht, in dem sich die faschistischen Truppen in einer
günstigeren Lage befanden, da sie sich auf den stark befestigten Raum Warschau
stützen konnten.
In dieser Lage hätten sich die Warschauer Aufständischen bemühen können, die Weichselbrücken und Praga zu nehmen, dem Gegner in den Rücken zu fallen und damit unsere 2. Panzerarmee zu unterstützen. Wer weiß, wie sich die Ereignisse dann entwickelt hätten. Aber das lag weder in der Absicht der polnischen Regierung in London, von der sich drei Vertreter in Warschau befanden, noch in denen der Generale Bor-Komorowski und ‘Monter’. Diese ließen, nachdem sie ihre schmutzige Arbeit verrichtet hatten, das Volk die Folgen ihres verbrecherischen Tuns ausbaden.“41)
Aus den weiteren Ausführungen Rokossowskis geht hervor, daß es zwischen den Armeen der 1. Belorussischen Front und deutschen Panzerverbänden im Raum um Warschau zu erbitterten, langwierigen und verlustreichen Kämpfen kam.
„Im Vorfeld der polnischen Hauptstadt hatte
der Gegner eine starke Gruppierung konzentriert, die aus der 5.
SS-Panzerdivision ‘Wiking’, der 3. SS-Panzerdivision ‘Totenkopf’, der 19.
Panzerdivision und etwa zwei Infanteriedivisionen bestand. Um diese Bedrohung
zu beseitigen, entschlossen wir uns nach dem Aufschließen der 70. Armee, die
gegnerischen Truppen ostwärts Warschau zu zerschlagen und Praga einzunehmen. Zu
dieser Operation wurden die 47. und die 70. Armee, Teilkräfte der 1. Polnischen
Armee, die 16. Luftarmee und alle Verstärkungsmittel herangezogen, die wir von
anderen Frontabschnitten abziehen konnten.
Am 11. September begannen unsere Truppen den
Angriff, und am 14. September war der Gegner zerschlagen, und Praga befand sich
in unserer Hand. Unsere Infanteristen, Panzersoldaten, Artilleristen, Pioniere
und Flieger hatten sich Schulter an Schulter mit den ruhmreichen Kämpfern der
1. Polnischen Armee tapfer geschlagen. In den Straßenkämpfen leisteten uns die
Einwohner von Praga große Hilfe, wobei viele ihr Leben ließen.
Jetzt wäre der Zeitpunkt für einen Aufstand in der polnischen Hauptstadt gekommen gewesen. Wenn unsere Truppen von Osten und die Aufständischen aus Warschau gleichzeitig über die Weichselbrücken gestoßen wären, hätte man mit einer dauerhaften Befreiung Warschaus rechnen können. Mehr wäre von den Truppen der Front selbst unter günstigsten Bedingungen nicht zu verlangen gewesen.“42)
Soldaten, Offiziere und Generale der 1. Belorussischen Front taten unter Einsatz ihres Lebens alles, was sie konnten, um den Aufständischen in Warschau zu helfen.
„Die Tragödie, die sich in Warschau
abspielte, ließ uns keine Ruhe. Das Bewußtsein, keine große Operation zur
Rettung der Aufständischen unternehmen zu können, war bedrückend.
Stalin sprach mit mir auf der Direktleitung über dieses Problem. Nach meinem Bericht über die Lage an der Front und über alle Fragen, die mit Warschau verknüpft waren, erkundigte sich Stalin, ob die Truppen der Front imstande wären, sofort eine Operation zur Befreiung Warschaus durchzuführen. Als ich verneinte, bat er mich, die Lage der Aufständischen durch jede mögliche Hilfe zu erleichtern. Meinen Vorschlägen, wie dies geschehen könnte, stimmte er zu.“43)
Ab
13. September begannen die Fliegerverbände der 1. Belorussischen Front die
Aufständischen aus der Luft mit Waffen, Munition, Verpflegung und Medikamenten
zu versorgen. „Unsere
Nachtbombenflugzeuge Po 2 warfen ihre Lasten aus geringer Höhe über den von den
Aufständischen gekennzeichneten Stellen ab. Vom 13. September bis zum 1.
Oktober 1944 flogen die Fliegerkräfte der Front 4821 Einsätze zur Unterstützung
der Aufständischen, davon 2535 mit Versorgungsgütern für die aufständischen
Truppen. Deren Anforderungen entsprechend, deckten unsere Flieger deren Räume
aus der Luft, bombardierten die Truppen des Gegners in der Stadt und griffen
diese im Tiefflug an.
Die Flakartillerie der Front begann die Aufständischen gegen Angriffe von Fliegerkräften zu sichern, während unsere Erdartillerie mit ihrem Feuer Artillerie- und Granatwerferbatterien des Gegners niederhielt. Zur Verbindung und zur Feuerkorrektur setzten wir Offiziere mit Fallschirmen ab. Es wurde erreicht, daß sich keine gegnerischen Flugzeuge mehr über den Stellungen der Aufständischen sehen ließen. Die polnischen Genossen, die sich aus Warschau zu uns durchschlagen konnten, waren vom wirksamen Einsatz unserer Flieger und Artilleristen begeistert.“44)
Polnische Patrioten warnten uns „vor den Angehörigen der Armia Krajowa, die nichts mit uns zu tun haben wolle. Ihre Führung benehme sich verdächtig und entfessele eine feindselige Agitation gegen die Sowjetunion, gegen die in Lublin konstituierte polnische Regierung und gegen die 1. Polnische Armee. Wir mußten befremdet feststellen, daß Bor-Komorowski auch keine Anstalten machte, direkte Verbindung zum Stab der Front aufzunehmen, obgleich ihm der Generalstab dazu einen Code übermittelt hatte. Das bewies uns, daß die Politikaster zu allem bereit waren, nur nicht zu einer Zusammenarbeit mit uns. Das sollte sich bald noch eindeutiger erweisen“.45)
Um den Aufständischen noch stärkere Hilfe zukommen zu lassen, faßte Rokossowski den Entschluß, auf der Westseite der Weichsel eine starke Landungstruppe abzusetzen. Der Stab der 1. Polnischen Armee hatte die Organisation übernommen. Diese Aktion war mit der Aufstandsleitung rechtzeitig abgestimmt worden.
„Die Einheiten der 1. Polnischen Armee, die
am 16. September die Weichsel überquerten, um - wie es festgelegt war - an dem
von den Aufständischen besetzten Uferstreifen zu landen, mußten feststellen,
daß dieser in der Hand der faschistischen Truppen war. Da sich die ersten
Landungstruppen nur mühsam am Ufer halten konnten, mußten immer neue Kräfte in
das Gefecht eingeführt werden. Die Verluste stiegen. Aber die Anführer des
Aufstands halfen den Landungstruppen nicht, Verbindung zu ihnen aufzunehmen.
Unter diesen Umständen war es unmöglich,
sich am Westufer der Weichsel zu halten. Ich entschloß mich, die Operation
abzubrechen. Wir halfen den Landungstruppen, auf unser Ufer zurückzukehren, und
bis zum 23. September waren die an diesem Unternehmen beteiligten Einheiten
dreier Infanterieregimenter der 1. Polnischen Armee wieder bei ihren
Truppenteilen.
Die polnischen Soldaten, die bewußt ihr Leben eingesetzt hatten, um ihre in Not geratenen Landsleute zu retten, wurden von denen verraten, die die Interessen ihrer Machthaber über die der Heimat stellten. Bald darauf erfuhren wir, daß auf Anweisung von Bor-Komorowski und ‘Monter’ die Truppenteile und Einheiten der Armia Krajowa vor Beginn der Landung von den Ufergebieten in das Stadtinnere abgezogen worden waren. Deren Platz nahmen faschistische deutsche Truppen ein. Dabei kamen die an diesen Abschnitten eingesetzten Einheiten der Armia Ludowa zu Schaden, die von der Armia Krajowa nicht über die Räumung des Uferstreifens informiert worden waren.
Wie das reichhaltige Archivmaterial beweist,
bereitete die Führung der Armia Krajowa von diesem Zeitpunkt ab die
Kapitulation vor. Unser Angebot, allen denen bei der Evakuierung aus Warschau
behilflich zu sein, die auf das Ostufer übergesetzt werden wollten, fand kein
Gehör. Erst nach der Kapitulation gelang es einigen Dutzend Aufständischen,
unsere Uferseite zu erreichen.
So endete die Tragödie des Warschauer Aufstands.“46)
Soweit Marschall Rokossowski.
Als Chef der operativen Verwaltung, dem Kernstück des Generalstabs, hatte Armeegeneral Sergej Matwejewitsch Schtemenko47) nicht nur Einsicht in die Planungen des Generalstabs und des HQ, sondern nahm aktiv an deren Ausarbeitung teil. In dieser Tätigkeit kam er fast täglich mit Stalin zusammen. Im Generalstab und HQ, wo alle Informationen zusammengetragen und analysiert wurden, hatten Schtemenko - und Stalin - umfassendere Kenntnisse über die bestehenden Kräfteverhältnisse an den Fronten, als sie Rokossowski als FOB nur einer, der 1. Belorussischen Front haben konnte.
Die strategischen Vorhaben des deutschen Oberkommandos waren damals dem Generalstab „nicht genau bekannt“, jedoch verfügte er über „einzelne Informationen.“ So hatte das deutsche Oberkommando einen Teil seiner Truppen, vor allem Panzertruppen, aus Rumänien abgezogen und die Heeresgruppe Mitte - Raum um Warschau - verstärkt.
Die Armeen der 1. Belorussischen Front stießen bei ihrem Vormarsch in Richtung Warschau auf frische Truppenteile. Das Kräfteverhältnis war für die sowjetischen Armeen in diesem Raum äußerst ungünstig. Von deutscher Seite war die Front verstärkt worden durch die 19. Panzerdivision, die SS-Panzerdivisionen „Totenkopf“ und „Wiking“, die Division „Hermann Göring“ und mehrere Infanterieverbände der 2. deutschen Armee.48)
„Mehrere Tage tobten verlustreiche und
äußerst erbitterte Kämpfe, in deren Verlauf die gegnerische Verteidigung, die
sich auf den befestigten Raum Warschau stützte, für eine gewisse Zeit relativ
stabil wurde. Ein Durchbruch nach Praga
war in dieser Lage unmöglich....
Die Truppen auf dem rechten Flügel der 1. Belorussischen Front, die infolge der langen, ununterbrochenen Offensive durch ganz Belorußland erschöpft waren, konnten jetzt nicht zügig auf Warschau vorstoßen. Außerdem gefährdete die relative Stabilität der faschistischen Truppen auf der Linie Siedlce - Minsk - Mazowiecki die Lage jener Truppen, die südlich von Warschau bereits die Weichsel erreicht hatten.“49)
Schtemenko berief sich auf Rokossowski, nach dessen Auffassung 20 deutsche Divisionen bereitstanden, die auf dem Ostufer der Weichsel einen Stoß von Norden nach Süden gegen die an die Weichsel vorgedrungenen Truppen der 1. Belorussischen Front führen konnten. Den Armeen Rokossowskis drohte ein gefährlicher Flankenangriff.
Marschall Shukow, Rokossowski und der Generalstab hatten Anfang August „energische Versuche“ unternommen, „die Gruppierung des Gegners bei Warschau zu vernichten. Davon zeugen die mehrmaligen Beratungen im Hauptquartier über die weiteren Handlungen der 1. Belorussischen Front sowie die andauernden energischen Kämpfe zur Abwehr der Gegenmaßnahmen des Gegners. Eine Veränderung der Lage vor Warschau zu unseren Gunsten konnte jedoch nicht erreicht werden.“50)
Es folgen Ausführungen über die bereits w.o. dargestellte Politik der polnischen Exilregierung in London und ihrer Delegatur in Polen. Schtemenko nennt noch zwei weitere interessante Daten. Danach hatten die Exilregierung und das Oberkommando der AK bereits am 24. Juli 1944 beschlossen, den Aufstand auszulösen. Am 25. Juli habe General Bor-Komorowski nach London gemeldet: „Sind jeden Augenblick bereit zur Schlacht um Warschau.“51)
Am 27. Juli war Mikolajczyk nach Moskau abgereist! Angeblich habe er von dem Aufstand nichts gewußt! Das mutet wirklich schon an den Song vom Macky-Messer aus der Dreigroschenoper an, der auch von allem „nichts gewußt!“ hat. Schtemenko unterzog auch das militärische Vorgehen der Aufstandsleitung einer vernichtenden Kritik. Der Zeitpunkt des Beginns des Aufstandes war von Bor-Komorowski auf den 2. August oder später vorgesehen, dann plötzlich auf den l. August, 17 Uhr, vorverlegt worden. Für die Sammlung und Bewaffnung der Aufständischen sowie die Organisation der Aktion bestanden keine realen Voraussetzungen. Ursprünglich waren zwölf Stunden für die Vorbereitung des Aufstandes vorgesehen, aber für einige Abteilungen und an einigen Abschnitten standen nur fünf Stunden zur Verfügung. Schon im ersten Stadium des Aufstandes war er bereits desorganisiert und alles zunichte gemacht, was „in vielen Jahren“ (!) vorbereitet war. Die festgelegten Aufgaben, Termine und Objekte des Angriffs erwiesen sich als illusorisch. Zwischen den Aufständischen bestand zu Beginn der Gefechtshandlungen nicht einmal die einfachste Verbindung.
Unter unterschiedlichen Bedingungen und zu verschiedenen Zeiten begann der Aufstand. „Viele Kämpfer suchten ihre Kommandeure, andere wußten nicht genau, wo sich die Waffen- und Ausrüstungslager tatsächlich befanden.“ Das Überraschungsmoment war verschenkt. „Die Gesamtstärke der AK in Warschau belief sich auf 16.000 Mann, von denen nur 3.500 mit Handfeuerwaffen - über andere Waffen verfügte die AK fast gar nicht - ausgerüstet waren.“
Das einzige, was blieb, war die hohe Kampfmoral der Aufständischen, deren Haß auf die faschistischen Okkupanten. Sie vollbrachten wahre Wunder an Heldenmut. Dieser hohen Kampfmoral war es zu danken, daß der Aufstand gewisse Anfangserfolge erzielen konnte. Siegen konnte er nicht.52)
Schtemenko bestätigte noch einmal aus seiner Kenntnis die verbrecherische Haltung von Bor-Komorowski und der Politiker der polnischen Exilregierung in London: „Warschau blutete. Aber weder das Oberkommando der AK noch die polnische Exilregierung wandten sich auch nur einmal an die Sowjetregierung mit der Bitte, den Aufständischen zu helfen. Sie hielten es nicht einmal für nötig, über den Aufstand zu informieren. Erst später wurde deutlich, daß weder eine Information noch ein Hilfegesuch in das politische Konzept der Gruppe um Mikolajczyk und des Oberkommandos der AK gepaßt hätten, weshalb sie sich auch nicht einmal dann zu einem solchen Schritt entschlossen, als die faschistischen Truppen anfingen, den Aufstand in Blut zu ertränken.“53)
Es gab von sowjetischer Seite mehrfach Versuche, nach Warschau durchzubrechen. Auf Befehl Stalins sollten Shukow, Rokossowski und der Generalstab mögliche Maßnahmen zur Befreiung Warschaus vorlegen. Eine letzte Möglichkeit sahen die Genannten im Einsatz der 70. Armee nach einer Vorbereitungszeit von drei Tagen.
Vor dem 10. August war kein Angriff möglich, da vorher nicht die notwendige Menge an Munition herangeschafft werden konnte. Stalin war einverstanden.
Aber auch der Versuch der 70. Armee, den Durchbruch nach Warschau aus der Bewegung heraus zu erzwingen, gelang den erschöpften Truppen nicht. Obwohl das HQ über keine nennenswerten Reserven verfügte, ließ Stalin von Shukow und Rokossowski einen Operationsplan zur Befreiung Warschaus ausarbeiten. Dieser Operationsplan ist wenigen bekannt. Er widerlegt eindeutig die Standardlüge westlicher Publikationen, daß Stalin nichts unternommen habe, um den Aufständischen in Warschau zu helfen. Darum wird er hier dokumentiert:
„1. Die Front kann die Warschauer Operation
beginnen, sobald die Armeen des rechten Flügels zum Narew vorgestoßen sind und
auf seinem Westufer im Abschnitt Pultusk-Serock einen Brückenkopf gebildet
haben. Die Gefechtsordnungen dieser Armeen sind 120 Kilometer vom Narew
entfernt. Zur Überwindung dieser Strecke werden 10 Tage gebraucht.
Die Angriffsoperation der Armeen des rechten
Flügels mit ihrem Vorstoß zum Narew ist deshalb unbedingt in der Zeit vom 10.
bis zum 20. August durchzuführen.
2. Während dieser Zeit ist am linken Flügel
der Front mit den Kräften der 69. Armee, der 8. Gardearmee, des 7.
Gardekavalleriekorps und des 11. Panzerkorps unbedingt eine Teiloperation
durchzuführen, um den Brückenkopf am Westufer der Weichsel zu erweitern und mit
diesen Armeen bis zur Warka-Stromiec-Radom-Wierzbica vorzustoßen.
Für diese Operation hat die 1. Ukrainische
Front unbedingt die 1. Panzerarmee Katukows an die 1. Belorussische Front
abzugeben. Die 1. Panzerarmee soll aus dem Raum Opatow über Ostrowiec und
Sienno angreifen und in nördlicher Richtung bis zur Linie Zwolen-Radom
vorstoßen, um so die 69. Armee, die 8. Gardearmee, das 7. Kavalleriekorps und
das 11. Panzerkorps bei der Vernichtung des ihnen gegenüberstehenden Gegners zu
unterstützen.
Außerdem ist es notwendig, die
Trennungslinie zwischen der 1. Belorussischen Front und der 1. Ukrainischen
Front nach Norden auf die Linie Krasnystaw-Fluß-Ilzanka-Opoczno-Piotrkow
Trybunalski zu verlegen. Das verdichtet die Gefechtsordnung der Armeen auf dem
linken Flügel der 1. Belorussischen Front und erhöht die Stoßkraft in Richtung
Radom.
3. Nach dieser Operation und mit dem Vorstoß
der Armeen des rechten Flügels der Front bis zur Narew-Linie sowie der Armeen
des linken Flügels bis zur Linie Warka-Radom-Wierzbica benötigen die Truppen
mindestens 5 Tage zur Verlegung der Fliegerkräfte, zum Nachziehen der
Artillerie und der Rückwärtigen Dienste sowie zum Munitions-, Treib- und
Schmierstoffnachschub.
4. Unter Berücksichtigung der notwendigen
Vorbereitungszeit können wir die Warschauer Operation am 25. August 1944 mit
allen Kräften der Front mit dem Ziel beginnen, bis zur Linie
Ciechanow-Plonsk-Wyszogrod-Sochaczew-Skierniewice-Tomaszow vorzustoßen und
Warschau zu nehmen.
Bei dieser Operation sind für den Angriff
nördlich der Weichsel drei Armeen, das 1. Panzerkorps und das 1.
Kavalleriekorps einzusetzen; den Angriff südlich der Weichsel haben die 69.
Armee, die 8. Gardearmee, die 1. und 2. Panzerarmee, zwei Kavalleriekorps, ein
Panzerkorps und eine Armee vom rechten Flügel der Front zu führen.
Die 1. Polnische Armee wird bei dieser Operation auf dem Westufer der Weichsel angreifen. Sie hat die Aufgabe, im Zusammenwirken mit dem rechten Flügel und dem Zentrum der Front Warschau zu nehmen.“54)
Schtemenko berichtet darüber, daß die Lage im Raum Warschau im HQ mehrmals besprochen wurde. Er konnte sich zwar nicht mehr an jedes Wort, das Stalin dazu geäußert habe, erinnern, aber er versichert, daß er sich „für den Inhalt der geäußerten Überlegungen verbürgen“ kann.55)
„Stalin stellte abermals fest, daß die polnische Exilregierung in Lo