Zeitschrift für Sozialismus und Frieden                                                                                   5/2004

Herausgeber: Verein zur Förderung demokratischer Publizistik (e.V.)

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Stalins Beiträge

zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und Militärpolitik 1943


 

Inhalt: 

 

Redaktionsnotiz

Militärtheorie und Militärpolitik. Das Jahr 1943

1. Idee der allgemeinen Offensive

2. Die Schlacht am Kursker Bogen (5. Juli bis 23. August 1943)

3. Zwischen Kursk und Teheran

4. Teheran, 28. November - 1. Dezember 1943


 

 

Redaktionsnotiz

 

Wir setzen die Reihe von Ulrich Huar zur Darstellung der Beiträge Stalins zum Aufbau des Sozialismus und zur marxistisch-leninistischen Theoriebildung hiermit fort.

Zur Erinnerung bzw. zur Information für neue Leserinnen und Leser seien hier noch einmal kurz die Arbeitsmaximen wiederholt, die Ulrich Huar im ersten Heft der Reihe darlegte. Er schrieb:

Für die Darstellung boten sich zwei Herangehensweisen an: Einmal die chronologische, die den Vorteil hat, die Theorie in allen ihren Bestandteilen im Zusammenhang darstellen zu können innerhalb der Zeitperiode, in der sie verfasst wurde. Die zweite Methode war die Theorie nach ihren Bestandteilen - Parteitheorie (Theorie der nationalen Frage, Politische Ökonomie des Sozialismus, Militärtheorie, Staats- und Revolutionstheorie) darzustellen. Der Vorteil dieser Methode bestand darin, die einzelnen Teiltheorien gründlicher darstellen zu können, innerhalb dieser die Kontinuität von Marx/Engels - Lenin - Stalin, sowie die Erkenntnisfortschritte im Denken Stalins selbst deutlicher herausarbeiten zu können.

Für die Arbeit der elektronischen Texterfassung und Korrektur danken wir den Genossinnen und Genossen der „Schriftenreihe der KPD“ sehr herzlich. Wie schon die vorherigen Hefte dieser Reihe erscheint auch dieses jetzt vorliegende gleichzeitig hier und bei der KPD.

 

Allerdings gibt es bei diesem Heft einen geringfügigen Unterschied: die Ausgabe der KPD enthält einen Anhang mit einigen Schriftdokumenten (Briefe zwischen Stalin, Churchill und Roosevelt, das Manifest des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ sowie einige Reproduktionen von Landkarten). Wir müssen hier aus Kostengründen auf den Abdruck dieses Anhangs verzichten, da uns das Überschreiten der 60-Seiten-Grenze im Druck etwa 300,-  € mehr kosten würde – das sind 300,- €, die wir zur Zeit nicht haben.

Das ist ein Hinweis auf die finanziell nicht sher rosige Lage! Die Zeitschrift Offensiv finanziert sich allein durch Spenden.

 

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                                                                                                                     Redaktion Offensiv, Hannover


Militärtheorie und Militärpolitik. Das Jahr 1943

1. Idee der allgemeinen Offensive

In seinem Befehl Nr. 95 vom 23. Februar 1943 warnte Stalin davor, nach dem Sieg bei Stalingrad die Kräfte des Gegners zu unterschätzen. Der Feind habe eine Niederlage erlitten, sei aber noch nicht besiegt. Die faschistische deutsche Armee mache eine Krise durch, könne sich aber erholen. Der Kampf sei noch nicht zu Ende. “Der Roten Armee steht ein harter Kampf gegen einen heimtückischen, grausamen und vorläufig noch starken Feind bevor. Dieser Kampf wird Zeit, Opfer, die Anspannung unserer Kräfte und die Mobilisierung aller unserer Möglichkeiten erfordern.”1)

Diese realistische Einschätzung, die der Lage an den Fronten entsprach, enthielt auch psychologische und diplomatische Aspekte. Die Werktätigen im Soldatenrock der Roten Armee und in den Produktionsstätten im Hinterland mußten darauf vorbereitet werden, daß der Weg zur Befreiung des Landes noch langwierig, entbehrungs- und opferreich sein würde.

Dieser richtigen Einschätzung der Situation scheint die Orientierung Stalins auf eine allgemeine Offensive an der gesamten Front von der Ostsee bis ans Asowsche Meer zu widersprechen. Sie zeugt von einer Überschätzung der eigenen und Unterschätzung der Möglichkeiten des Gegners. Nun ist diese Idee der allgemeinen Offensive nicht Stalin allein zuzuschreiben. Sie entsprach auch den Auffassungen von Mitgliedern des Hauptquartiers (HQ). Wie weit es Diskussionen, gegenteilige Auffassungen gegeben hat, konnte ich aus den mir zugänglichen Materialien nicht entnehmen. Aber als Oberbefehlshaber trug Stalin die Verantwortung für diese Idee.

Zunächst bezog sich die Idee der allgemeinen Offensive nur auf die Südfront, vom Asowschen Meer bis in den Raum Kursk - Charkow - Donezbecken. Das HQ hielt die Lage in diesem Raum für eine solche Offensive für günstig. Die Angriffsoperation in Richtung Charkow sollte zeitgleich mit der Befreiung des Donezbeckens erfolgen.

In der Westrichtung sollte zugleich nach dem Plan des HQ ein vernichtender Schlag gegen die Heeresgruppe Mitte geführt werden. Im Nordwesten war vorgesehen, die Frontvorsprünge der deutschen Truppen bei Demjansk und dem Eisenbahnknotenpunkt Mga zu beseitigen.2)

Armeegeneral Rokossowski, Frontoberbefehlshaber (FOB) der Zentralfront, der im Zusammenwirken mit der Brjansker Front einen “tiefen Umfassungsstoß in allgemeiner Richtung Gomel - Smolensk” (die beiden Städte liegen Luftlinie etwa 290 km weit auseinander. UH) führen sollte, berichtet über die Umsetzung der allgemeinen Offensive an seinem Frontabschnitt,  die er “ihrer Idee nach”  als  “geniale(n) Operation” bezeichnete.

Der Beginn der Offensive wurde vom HQ auf den 15. Februar 1943 festgelegt. Dieser Termin war nach Rokossowski nicht einzuhalten. Das HQ lehnte seinen Einspruch gegen diesen Termin ab. Ein Großteil seiner Armeen, (der „Donfront“, die in „Zentralfront“ umbenannt wurde. UH), die an der Stalingrader Schlacht teilgenommen hatten, befanden sich noch im Raum Stalingrad. Sie mußten erst in den Konzentrierungsraum bei Jelez - etwa 600 km Luftlinie! - auf einer gerade erst notdürftig wiederhergestellten nur eingleisigen Eisenbahnlinie befördert werden. Dies erwies sich als äußerst schwierig. Die Bahn war der Verlegung so großer Truppenteile mit ihren technischen Ausrüstungen und Versorgungsgütern, Munition, Treibstoff, Lebensmittel, Lazaretten, etc. nicht gewachsen. Zudem gab es Meldungen über Unzulänglichkeiten bei der Bahn, die die Lage noch verschlimmerten: „Das NKWD wurde beauftragt, die Verlegung der Truppen zu beschleunigen.“3) (Rokossowski nannte keinen Namen, wer diese unglückliche Weisung erteilt hatte. Um tendenziösen Deutungen vorzubeugen, sie kann, muß aber nicht von Stalin veranlaßt worden sein. Stalin entschied nicht jedes Detail. Auch die FOB haben sich in einigen Fällen an das NKWD gewandt, wenn verdächtige Vorkommnisse aufzuklären waren. Es muß ferner berücksichtigt werden, daß es feindliche Elemente im Hinterland gab, die Sabotageakte durchführten.)

Das  Ergebnis  dieser  Entscheidung  erwies  als  katastrophal.  Die NKWD-Genossen waren keine Fachleute für Bahntransporte. Sie brachten alles durcheinander. Es gab keinen Fahrplan mehr. Die Verbände trafen vermischt im Konzentrierungsraum ein; während die Artillerie mit ihren Geräten am Zielbahnhof anlangten, befanden sich die Zugmittel, Pferde und Kraftfahrzeuge, noch an ihren bisherigen Standorten, technische Kampfmittel wurden auf einem, die Truppen auf einem anderen Bahnhof ausgeladen. Transportzüge blieben oft tagelang auf Bahnhöfen oder Ausweichgleisen stehen.

Rokossowski wandte sich ans HQ, die Eisenbahnverwaltung wieder selbständig arbeiten zu lassen, die NKWD-Genossen abzuziehen. Dem wurde entsprochen, nachdem sie genug Unordnung angerichtet hatten. Die Eisenbahner mußten erhebliche Zeit aufwenden, um das Durcheinander wieder einigermaßen zu entwirren.4)

Der Angriffstermin mußte auf den 25. Februar verschoben werden; aber auch jetzt war ein Teil der zur Front gehörenden Truppen noch nicht im Konzentrierungsraum eingetroffen. Die 21. Armee befand sich noch auf dem Wege von Stalingrad nach Jelez (Standort des Stabes der Zentralfront UH), die 70. Armee aus der Reserve des HQ noch auf dem Anmarsch. Trotzdem mußte laut Befehl des HQ der Angriff begonnen werden.

Unter diesen Umständen konnte die Zentralfront die gestellten Aufgaben der Offensive nicht lösen. Nach entsprechender Meldung Rokossowskis an Stalin wurde der Plan zwar geändert, brachte aber „wenig Erfolg“. Desgleichen gab es Schwierigkeiten an der Brjansker und Woronesher Front.Das HQ sah sich gezwungen, den „richtigen und mutigen Entschluß“ zu fassen, „den Angriff auf Orjol einzustellen“ und zur Verteidigung überzugehen.

Der sowjetischen Aufklärung war nicht entgangen, daß der Gegner am Mittelabschnitt Truppen zusammenzog. Rokossowski verfaßte eine schriftliche Meldung an Stalin über die Vorbereitung einer „entscheidenden Offensive“ des Gegners am Kursker Bogen. (Ein sowjetischer Frontvorsprung, etwa zwischen Orjol im Norden und Belgorod im Süden gelegen. UH) Der Gegner wolle „mit noch stärkeren Kräften das ... erreichen, was ihm im Winter nicht gelungen“ sei. Rokossowski wies eindringlich auf die Notwendigkeit der Schaffung „starker Reserven“ beim HQ hin.5)

Wie weit sich seine Meldung auswirkte, vermochte er nicht zu sagen, da die „allgemeine Lage“ ohnehin die Aufmerksamkeit auf den Kursker Bogen gelenkt hatte. Das HQ hatte im Mai und Juni eine starke Reservefront im rückwärtigen Raum der Zentral- und Woronesher Front formiert. Die Mahnung Rokossowski, „hinter dem Kursker Bogen zuverlässige Reserven zu schaffen,“ war damit „verwirklicht worden.“6)

Trotz der unzureichenden Vorbereitung der Offensive hatte sie im Süden im Februar zur Befreiung von Kursk und Belgorod geführt, am 15./16. Februar zur Befreiung Charkows.

Im Norden nahmen die Truppen der Wolchow- und Leningrader Front am 18. Januar Schlüsselburg, durchbrachen den Blockadering um Leningrad und stellten einen etwa 12 km breiten Korridor südlich des Ladogasees her. Wie Armeegeneral Merezkow, FOB der Wolchowfront, berichtet, hatte das HQ im Januar 1943 den größten Teil seiner Mittel im Süden eingesetzt. An der Wolchowfront wurde ihm die Aufgabe gestellt, mit den vorhandenen Kräften den Landkorridor nach Leningrad „um jeden Preis“ zu halten. Mit dem erfolgreichen Durchbruch nach Schlüsselburg war die Offensive an der Wolchow-/Leningrader Front erst einmal beendet.

Die Truppen der Wolchow- und Leningrader Front (FOB General Goworow) hatten nunmehr  fast  12  Monat  lang  Kampfhandlungen  in  Richtung  Mga  und Nebenoperationen an anderen Abschnitten zu führen. In diesen Kämpfen wurden die Voraussetzungen geschaffen für den späteren Vorstoß ins Baltikum.7)

Über die Idee der „allgemeinen Offensive“ informierte Stalin Merezkow und Goworow persönlich, wobei der Terminus „allgemeine Offensive“ nicht verwendet wurde. Dieser Terminus ist wahrscheinlich erst später in der Militärgeschichtsschreibung des zweiten Weltkrieges geprägt worden.

Die Idee der allgemeinen Offensive sah koordinierte Handlungen von fünf Fronten vor, der Zentral-, der Brjansker, der West-, der Kalininer- und der Nordwestfront. Die ersten drei sollten über Orjol und Brjansk Smolensk erreichen. Dies sollte es der Nordwestfront ermöglichen, den Frontvorsprung der deutschen Truppen bei Demjansk zu liquidieren, in den rückwärtigen Raum der faschistischen Truppen vorzustoßen, die der Wolchowfront gegenüberstanden. Merezkow hielt diesen Plan des HQ für „durchaus erfolgversprechend.“8)

An der Nordwestfront trafen die sowjetischen Truppen jedoch auf „starken Widerstand.“ Im März verlegte das HQ mehrfach den Angriffstermin im Raum Mga. Schließlich mußte „auf den Angriff überhaupt verzichtet“ werden. „Die Rote Armee“, resümierte Merezkow, „hatte zwar bedeutende Erfolge erziel, unsere Heerführer mußten jedoch in der schwierigen Kunst moderner Kriegführung noch einiges lernen.“9) Inwieweit er mit dieser salomonischen Bemerkung Stalin in die „Heerführer“ mit einbezog, muß ich hier offen lassen.

Zum ersten Mal stießen die sowjetischen Truppen an der Wolchowfront auf den deutschen Panzer „Tiger“. Damit erhöhten sich „sprunghaft die Verluste an unserer Front“, schrieb Merezkow. Ein Teil der sowjetischen Panzerabwehrartillerie war nicht mehr in imstande, den „Tiger“ wirkungsvoll zu bekämpfen. Das HQ nahm die Meldung Merezkows „sehr ernst“. Das Programm der Verteidigungsindustrie mußte in kurzer Zeit geändert, die Konstrukteure veranlaßt werden, neue Arten von Kanonen und Granaten zu schaffen.10)

Das konnte ein FOB natürlich nicht leisten, was auch nicht seine Aufgabe war. Diese Probleme konnte nur das HQ, nicht zuletzt der Oberste Befehlshaber und Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, also Stalin, einer Lösung zuführen. Es geht hier nur darum, zu verdeutlichen, daß der Oberste Befehlshaber nicht nur für die Ausarbeitung der Strategien der Fronten verantwortlich war, sondern auch für die Verteidigungsindustrie im Hinterland. Diese Machtkonzentration, Generalsekretär der KPdSU (B), Oberster Befehlshaber und zugleich Vorsitzender des Rates der Volkskommissare in den Händen Stalins erwies sich unter den konkreten historischen Bedingungen der Verteidigung der Sowjetunion, eines Kampfes auf Leben und Tod, als notwendig und hat sich bewährt. Unter normalen friedlichen Bedingungen ist eine solche Machtkonzentration nicht erforderlich und kann unerwünschte, sogar schädliche Folgen haben. Aber zu welcher Zeit hatte denn die Sowjetunion „normale, friedliche“ Existenzbedingungen? Zu Lebzeiten Stalins jedenfalls nicht.

Wie Merezkow schrieb, befaßte man sich „auf höchster Ebene“ mit diesem Problem, bildete eine „spezielle Kommission“ zur Ausarbeitung entsprechender Maßnahmen. „Dieses operative Herangehen an die Fragen brachte Erfolge.“11) Die Produktion einer neuen Waffengeneration war das eine, aber die Truppen mußten auch daran ausgebildet werden, „die Handhabung der neuen Waffen erlernen, ihre Taktik verändern und die „Tiger“ bekämpfen lernen.“12)

Die neuen deutschen Panzertypen, „Tiger“, „Panther“ und die Selbstfahrlafette (SfL) „Ferdinand“, so gefährlich sie waren, konnten die Faschisten auch nicht vor ihrer Niederlage bewahren. 1943 lieferte das Hinterland den sowjetischen Truppen „eine so große Anzahl neuer technischer Kampfmittel und anderen Materials, daß sich der grundlegende Umschwung zu unseren Gunsten vollziehen konnte.“13)

General Moskalenko, (Armeeoberbefehlshaber (AOB) der 40. und ab Oktober 1943 der 38. Armee) beschreibt die Taktik der sowjetischen Soldaten im Kampf gegen den „Tiger“, einem „furchtgebietenden Panzer.“ Die Soldaten mußten gut auf die Abwehr von Panzerangriffen vorbereitet werden. „Sie ließen sich im Graben von Panzern überrollen, wurden mit der neuen Panzerhandgranate vertraut gemacht und lernten die verwundbaren Stellen der deutschen Panzer kennen. Außerdem erhielten die Artilleristen unmittelbar vor der Schlacht (am Kursker Bogen, UH) Unterkalibergranaten für die 45 mm, 57 mm und 76 mm Kanone sowie Hohlladungsgranaten für die 76 mm - Regimentskanone und die 122 mm-Haubitze. Durch den Einsatz dieser Granaten, die zur rechten Zeit eintrafen, wurden die Möglichkeiten der deutschen Panzer und SfL erheblich eingeschränkt.“14)

Das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) hatte nach der Niederlage bei Stalingrad bedeutende Umgruppierungen und Frontverkürzungen vorgenommen. Dazu gehörte der Rückzug des rechten Flügels der Heeresgruppe Don hinter den Mius, wodurch starke Kräfte für die Gegenoffensive bereit gestellt werden konnten.14a) Da es keine zweite Front gab, auch nicht in absehbarer Zeit zu erwarten war, konnte das OKW aus dem Westen einige Divisionen abziehen und an die gefährdeten Abschnitte der deutsch-sowjetischen Front einsetzen.

Die sowjetischen Truppen erlitten in ihren Angriffsoperationen, seit Januar faktisch ohne Pause, erhebliche Verlust, besonders in der Charkower Richtung. Sie waren auch ermüdet und bedurften der Erholung.

Die sowjetische Offensive kam „mehr und mehr zum Stillstand“. Durch den an einigen Abschnitten erfolgten raschen Vormarsch - an einigen Sektoren bis zu 300 km! - wurden die Verbindungslinien zu den rückwärtigen Diensten ausgedehnt. Die Flugplätze für den Einsatz von Kampfflugzeugen mit begrenztem bzw. mittleren Aktionsradius waren weit zurückgeblieben. Der Personalbestand der Armeen mußte aufgefüllt werden. So hatte sich das Kräfteverhältnis im Süden zugunsten der deutschen Truppen verändert. Bei Panzern hatten die deutschen Truppen eine Überlegenheit um 20 Prozent, bei Flugzeugen um 140 Prozent. Dennoch war das HQ entschlossen, die Offensive fortzusetzen. Das HQ nahm an, daß sich die deutschen Truppen an den Dnepr zurückziehen würden. So erhielt der FOB der Woronesher Front von Stalin die Weisung, den Gegner „so weit wie möglich hinter Charkow zurückzudrängen, damit in dieser Stadt die Regierung der Ukrainischen SSR normal arbeiten“ könne.15)

Am 19. Februar begann die Gegenoffensive der deutschen Armeen. Nicht nur das HQ, sondern auch Generaloberst Watutin, FOB der Südwestfront, unterschätzten die drohende Gefahr für die weit vorgerückten sowjetischen Truppen. Einige Verbände der zur Südwestfront gehörenden 6. Armee gerieten in die Einschließung. Erst am 25. Februar erhielt Watutin den Befehl, den rechten Flügel der Südwestfront auf den nördlichen Donez zurückzunehmen. Am 3. März hatten die sowjetischen Einheiten ihre Verteidigungsstellung auf dem linken Ufer des Donez bezogen. Versuche des Gegners den Fluß zu forcieren, konnten nunmehr abgewehrt werden.

In der sowjetischen Militärliteratur wird wiederholt auf die „großen Verluste“ an Menschen und technischen Kampfmitteln der Roten Armee hingewiesen, aber es gibt so gut wie keine Zahlenangaben. Die sowjetischen Truppen im Raum Charkow verfügten nicht über operative Reserven. Am 4. März begann die in der sowjetischen Militärgeschichtsschreibung als Verteidigungsschlacht bezeichnete Abwehroperation, die bis Ende März dauerte. Nach etwa fünf Tagen auf beiden Seiten verlustreichen Kämpfen konnten die deutschen Truppen am 17. März Charkow, am 18. März Belgorod zurückerobern. Ein Vorstoß auf Kursk konnte dagegen abgewehrt werden.

Auf Befehl Stalins ging General Wassilewski (Chef des Generalstabs) an die Woronesher Front, Armeegeneral Shukow(Stellvertreter des Obersten Befehlshaber) in den Raum Obojan. Beide hatten den Auftrag, den FOB zu helfen und deren Verteidigung zu koordinieren. Am 25. März stabilisierte sich die Front.16)

War nun die Idee der allgemeinen Offensive ein Fehler? Bis zur Befreiung von Charkow, Belgorod, Kursk und Rostow Mitte Februar war die Offensive erfolgreich. Danach hatte das sowjetische Oberkommando, aus heutiger Sicht, mit den heutigen Kenntnissen, zur Verteidigung übergehen müssen. Die Erkenntnisse der Aufklärung über die tatsächliche Stärke des Gegners in diesem Kampfraum, der sich über Hundert Kilometer ausdehnte, waren lückenhaft. Nicht nur Stalin, auch andere Mitglieder des HQ und die FOB unterschätzten die Möglichkeiten des Gegners. Aber als Oberbefehlshaber trug Stalin die Verantwortung. Was man an seiner Entscheidung kritisieren kann, ist, daß er den Zustand der eigenen Truppen, der ihm bekannt sein mußte, ungenügend berücksichtigt hat. Die eigenen Verluste an Menschen und Kampftechnik muß er, selbst bei unvollständigen Informationen, gekannt haben. Stalin war mit den FOB, auch mit AOB, in ständigem Kontakt. Er führte sehr exakt Angaben über die Stärke der Fronten und Armeen, über ihre personelle Zusammensetzung, Bewaffnung, Versorgung in seinem Notizbuch. Er wußte auch, daß ohne operative Reserven eine Offensive ein sehr riskantes Unternehmen ist, daß die Front sich nicht zu weit von ihrer Nachschubbasis entfernen darf. Desgleichen wußte er, daß von den westlichen Koalitionspartnern keine Entlastung zu erwarten war, wie der Briefwechsel mit Präsident Roosevelt, Januar bis März 1943 - beweist. So schilderte Stalin in seiner Botschaft an Roosevelt vom 13. Januar die Bestürzung seiner Kollegen darüber, „daß die Operationen in Nordafrika zum Stillstand gekommen sind, und zwar, wie man sagt,... auf lange Zeit“.17)

In einer weiteren Botschaft an Roosevelt vom 16. Februar wies Stalin darauf hin, „wie wenig wünschenswert“ die Hinausschiebung des Abschlusses der Kampfhandlungen in Tunesien sind. „Gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt, da die sowjetischen Truppen noch in der Lage sind, ihre umfassende Offensive aufrechtzuerhalten, ist die Aktivität der anglo-amerikanischen Truppen in Nordafrika dringend notwendig.“18) Stalin betonte gegenüber Roosevelt, daß die „baldige Errichtung der zweiten Front“ die „Hauptfrage“ sei und erinnerte daran, daß Roosevelt und Churchill „es für möglich hielten, die zweite Front schon im Jahre 1942, auf jeden Fall aber spätestens im Frühjahr dieses Jahres zu errichten.“19)

Unter Berücksichtigung des verständlichen Bestrebens, die Faschisten so schnell wie möglich aus dem Lande zu vertreiben, war die Fortsetzung der Offensive nach der Befreiung von Charkow, Belgorod, Kursk und Rostow ein ernster operativer Fehler.

Aber auch die Faschisten konnten ihre weitgesteckten Ziele mit ihrer Gegenoffensive nicht erreichen. Außer einigen territorialen Erfolgen, allerdings auch der Rückeroberung von Charkow und Belgorod, brachte die Offensive nur Verluste ein. Sie war nicht einmal von strategischer Bedeutung, auch wenn „der Ausgang der Kämpfe um Charkow“, wie General der Infanterie Kurt von Tippelskirch resümierend meint, gezeigt habe, „wieviel Kraft noch in den deutschen Truppen steckte, wenn sie von starker und sachkundiger Hand nach gesunden operativen und taktischen Grundsätzen geführt werde.“20)

Diese von Tippelskirch beschworene „Kraft“ reichte jedoch nicht mehr aus, „die Sowjettruppen im Raum von Charkow einzukesseln und unseren Truppen ein ‘deutsches Stalingrad’ zu bereiten“, erklärte Stalin in seinem Befehl Nr. 195 vom 1. Mai 1943. „Allein, der Versuch des Hitlerschen Oberkommandos, für Stalingrad Rache zu nehmen, ist gescheitert.“21)

Über die Anzahl der aus dem Westen abgezogenen deutschen Divisionen gibt es unterschiedliche Angaben. Stalin sprach in dem erwähnten Befehl von „dreißig neuen Divisionen“, die aus Westeuropa abgezogen worden seien.22) In der Geschichte des zweiten Weltkrieges, Bd. 6, ist von acht Divisionen die Rede, die aus dem Raum Rostow und Westeuropa abgezogen wurden. Die Heeresgruppe Süd habe insgesamt über dreißig Divisionen verfügt, darunter 13 Panzer- und Panzergrenadierdivisionen.23) Offensichtlich liegt in der Wiedergabe des Befehls Stalins ein Fehler vor.


2. Die Schlacht am Kursker Bogen (5. Juli bis 23. August 1943)

Über die Kursker Schlacht existiert eine umfangreiche militärhistorische Literatur.1) Im Folgenden geht es um die Ausarbeitung des strategischen Plans für die sowjetischen Truppen und den Anteil Stalins daran, seines Anteils, sei hier nochmals betont, denn den Plan für eine militärische Operation in den Dimensionen der Kursker Schlacht konnte nicht von einem einzelnen ausgearbeitet und durchgeführt werden. Wie auch bei der Stalingrader Schlacht waren Planung und Führung das Ergebnis eines Kollektivs von Feldherren, Front- und Armeeoberbefehlshabern, Ökonomen und Konstrukteuren, Verwaltungsoffizieren und, nicht zuletzt, Mitgliedern des Politbüros der KPdSU (B).

In der sowjetischen wie auch in der bürgerlichen Militärgeschichts-schreibung wird die Kursker Schlacht bei unterschiedlichen Positionen übereinstimmend als eine bedeutende, große Schlacht des zweiten Weltkrieges bezeichnet. In einigen Arbeiten wird sie sogar als die „größte“ Schlacht des zweiten Weilkrieges, vereinzelt sogar der „Weltgeschichte“ betrachtet. Wenn wir von Superlativen absehen, die in wissenschaftlichen Arbeiten mit Vorsicht zu gebrauchen sind, war die Kursker Schlacht zweifellos eine der größten des zweiten Weltkrieges und auch eine kriegsentscheidende Schlacht. An dieser Schlacht waren von beiden Seiten über vier Millionen Mann, 69.000 Geschütze und Granatwerfer, über 13.000 Panzer und Selbstfahrlafetten bzw. Sturmgeschütze, fast 12.000 Kampfflugzeuge beteiligt.1a)

Die faschistische Führung war sich nach der Schlacht von Stalingrad endgültig darüber im klaren, daß die „Möglichkeit einer offensiven Beendigung des Krieges im Osten“1b) nicht mehr gegeben war. Als Konsequenz dieser Erkenntnis, die nun allgemein verbreitet war, begann sie einen neuen Kriegsplan zu entwickeln, der eine strategische Defensive zur Behauptung des eroberten Raumes in Europa vorsah, wobei unter Ausnutzung der kürzeren Verbindungslinien innerhalb der „Festung Europa“ die Hauptkräfte jeweils an den am meisten bedrohten Kriegsschauplatz geworfen werden sollten. Da die Sowjetunion weiterhin als Hauptgegner betrachtet wurde und die faschistische Führung die Verzögerung der zweiten Front durch die Regierungen der USA und Großbritanniens als festen Faktor in ihre Planungen einbaute, gelangte sie zu der Schlußfolgerung, im Sommer 1943 noch einmal durch einen schnellen und wuchtigen Angriff auf schmaler Frontbreite im Osten die Rote Armee entscheidend schwächen und zumindest für längere Zeit lähmen zu können. Die Stabilisierung der deutsch-sowjetischen Front sollte dann ermöglichen, mit überlegenen Kräften der Partisanenbewegung und den alliierten Armeen im Westen entgegentreten zu können.1c)

In seinem „Operationsbefehl Nr. 5“ vom 5. März 1943 gab das OKW an die Heeresgruppen Süd und Mitte die ersten Anweisungen zur Vorbereitung einer konzentrischen Offensive gegen den sowjetischen Frontbogen im Raum von Kursk. Es komme darauf an, so wurde der strategische Grundgedanke erläutert, dem Feinde wenigstens an einem Frontabschnitt das Gesetz des Handelns vorzuschreiben und ihn an den anderen Fronten anrennen und sich verbluten zu lassen. Am 15. April 1943 hieß es in dem von Hitler unterzeichneten „Operationsbefehl Nr. 6“:

„Ich habe mich entschlossen, sobald die Wetterlage es zuläßt, als ersten der diesjährigen Angriffsschläge den Angriff ‘Zitadelle` zu führen. Diesem Angriff kommt daher ausschlagende Bedeutung zu. Er muß schnell und durchschlagend gelingen. Er muß uns die Initiative für dieses Frühjahr und Sommer in die Hand geben. Deshalb sind alle Vorbereitungen mit größter Umsicht und Tatkraft durchzuführen. Die besten Verbände, die besten Waffen, die besten Führer, große Munitionsmengen sind an den Schwerpunkten einzusetzen. Jeder Führer, jeder Mann muß von der entscheidenden Bedeutung dieses Angriffs durchdrungen sein. Der Sieg von Kursk muß für die Welt wie ein Fanal wirken.“1d)

So konzentrierte die faschistische Führung im ersten Halbjahr noch einmal alle zur Verfügung stehenden Kräfte zu einem entscheidungssuchenden Schlag gegen die Rote Armee. Die auf Hochtouren laufende Rüstungsindustrie, die im Mai 1943 ihren bisher höchsten Produktionsausstoß an Waffen und Geräten erreichte, ermöglichte eine vollkommene Neuausstattung der für den Angriff vorgesehenen und zur Auffrischung aus der Front gezogenen 41 Elite-Divisionen. Die 19 Panzerdivisionen wurden zum Teil mit den neuen schweren Panzern „Panther“ und „Tiger“ sowie mit den Selbstfahrlafetten „Ferdinand“ ausgestattet. Unter Entblößung aller übrigen Frontabschnitte wurde die Masse der an der deutsch-sowjetischen Front einsatzbereiten 3.000 Panzer sowie 1.800 Frontflugzeuge der Luftflotten 4 und 6 bereitgestellt. Eine derartige Massierung von Angriffskräften auf kleinstem Raum hatte es noch nicht gegeben. Der Erfolg von „Zitadelle“ schien der faschistischen Führung sicher.

Für die Ausarbeitung des Planes für die sowjetischen Armeen nennt Shukow General Wassilewski, Generaloberst Antonow, Stellvertreter des Chefs des Generalstabes, und sich selbst. „Antonow galt mit Recht als vorzüglicher Meister der Stabskultur, und während wir den Konspekt des Berichts an Stalin aufsetzten, entwarf er schnell die Lagekarte und den Kampfplan der Handlungen der Fronten im Raum des Kursker Bogens.“2)

Am Abend des 12. April legten Shukow, Wassilewski und Antonow den Planentwurf im HQ Stalin vor. Bezüglich Kursk als dem Ziel der faschistischen Offensive stimmte Stalin zu, desgleichen, daß die Hauptanstrengungen der sowjetischen Armeen auf den Kursker Bogen gerichtet sein mußten. Stalin äußerte aber nach wie vor Sorgen über die Moskauer strategische Richtung einer deutschen Offensive.

Mitte April hatte das HQ den vorläufigen Entschluß gefaßt, sich zunächst auf die Verteidigung am Kursker Bogen vorzubereiten. Den endgültige Beschluß über die „planmäßige Verteidigung“ faßte das HQ erst Ende Mai, Anfang Juni. Der Plan sah vor, der zu erwartenden Offensive in einer „mächtigen Verteidigungsfront“ zu begegnen, den Gegner auszubluten und ihn in einem Gegenangriff endgültig zu schlagen. Es wurde beschlossen, mit der Ausarbeitung des Planes zur Verteidigung zugleich mit der Konzipierung des Offensiv-Planes zu beginnen. Sollte sich jedoch die deutsche Offensive verzöqern, so sollte mit der eigenen Offensive nicht abgewartet werden.3)

Nach der Vorlage des Berichts schwankte Stalin aber noch, “ob unsere Truppen dem Gegner in der Verteidigung begegnen oder einen Präventivstoß führen sollten. Der Oberste Befehlshaber fürchtete, unsere Verteidi­gung könnte dem Stoß der faschistischen Truppen nicht wider­stehen, wie das in den Jahren 1941 und 1942 wiederholt der Fall gewesen war. Andererseits war er aber auch nicht sicher, daß unsere Truppen in der Lage wären, den Gegner im Angriff zu bezwingen.

Nach mehrmaligen Besprechungen entschied Stalin Mitte Mai 1943 endgültig, dem faschistischen Angriff mit dem Feuer aller Mittel der tiefgestaffelten Verteidigung, mit wuchtigen Schlägen der Fliegerkräfte und Gegenstößen der operativen und strategi­schen Reserven zu begegnen, den Gegner zu zermürben und auszubluten, ihn dann durch eine wuchtige Gegenoffensive in der Belgorod-Charkower und der Orjoler Richtung zu schlagen und anschließend tiefe Angriffsoperationcn in den wichtigsten Richtungen zu unternehmen.

Das Hauptquartier wollte nach der Niederlage des Gegners im Kursker Bogen das Donezbecken, die ganze Ukraine ost­wärts des Dnepr befreien, den deutschen Brückenkopf auf der Taman-Halbinsel liquidieren, die Ostgebiete Belorußlands be­freien und die Voraussetzungen für die völlige Vertreibung des Gegners von unserem Territorium schaffen.”4)

Unvermeidlich, es gab auch Fehleinschätzungen der Kräfte des Gegners an den einzelnen Fronten. Shukow wies auf die Aufklärung hin, die in der Vorbereitung der Verteidigung und Offensive eine bedeutende Rolle spielte. An der Aufklärung des Gegners waren Tausende von Menschen beteiligt, die Methoden waren von Fall zu Fall verschieden. Es gab Einsatz von Kundschaftern, Truppenaufklärung, Aufklärung durch Partisanen, Meldungen von Sympathisierenden. Damit waren in den Meldungen neben Richtigem auch Fehler mit eingeschlossen. Hinzu kamen Tarnungen, Täuschungsmanöver des Gegners, die nicht immer gleich erkannt werden konnten. Irrtümer seien auch bei „systematischer Arbeit nicht ausgeschlossen.“5)

Inwieweit das HQ die uns heute bekannten Operationsbefehle Nr. 5 und 6 des OKW kannte, muß ich offen lassen.

Ein Irrtum des HQ und Generalstabs bestand in der Annahme, daß die stärkste Gruppierung des Gegners im Raum Orjol gegen die Zentralfront (FOB Rokossowski) formiert worden sei. Tatsächlich standen aber die stärksten Verbände im Raum Belgorod der Woronesher Front (FOB Watutin) gegenüber.

Diese Fehleinschätzung hat dazu beigetragen, daß die Zentralfront den Angriff des Gegners leichter als die Woronesher Front abwehren konnte. Der Woronesher Front standen etwa 1.500 Panzer gegenüber, der Zentralfront 1.200.6)

Rokossowski war ebenfalls davon überzeugt, daß die Hauptkräfte der deutschen Armeen im Raum Orjol, der Zentralfront gegenüber, konzentriert worden seien.7)

Rokossowski widerspricht allerdings der Einschätzung Shukows, wonach die Zentralfront es leichter gehabt habe als die Woronesher Front unter Watutin. Die Deutschen hatten an der Woronesher Front zwar mehr Panzer - er nennt zwei Panzerdivisionen - als an der Zentralfront, dafür hätten sie aber drei Infanteriedivisionen weniger gegenüber gehabt. An der Zentralfront hätte der Gegner nach sechs Tagen pausenloser Angriffe nur 6 bis 12 km unter sehr hohen Verlusten in die Verteidigung eindringen können, während er an der Woronesher Front 35 km tief eindringen konnte, bevor er zum Stehen gebracht wurde. Rokossowski führte dies darauf zurück, daß er an der Zentralfront seine Kräfte in den am meisten bedrohten Abschnitten konzentriert, während Watutin an der Woronesher Front seine Kräfte auf den gesamten Verteidigungsabschnitt verteilt habe.8)

 Folgt man den Ausführungen von Shukow, dann mußte Rokossowski an seiner Front mit den Hauptkräften der deutschen Armeen rechnen, während Watutin mit einer weniger starken Konzentration gegnerischer Kräfte rechnete. In Wirklichkeit war es eben umgekehrt, wie wir heute wissen.

Rokossowski erwartete den Angriff der deutschen Truppen nur aus einer Richtung, was sich als richtig erwies. Er hatte die Möglichkeit, an dem betreffenden 95 km breiten Frontabschnitt hohe operative und taktische Dichte seiner Truppen zu sichern und in der Tiefe starke Reserven zu halten. Watutin ging davon aus, daß der Gegner aus zwei Richtungen an einem 164 km langen Frontabschnitt angreifen konnte. Auch dies erwies sich als richtig. Darum veranlaßte er einen tiefen operativen Aufbau seiner Truppen. Das ging natürlich auf Kosten einer geringeren Dichte in der taktischen Verteidigungszone.

Da, wie schon gesagt, das HQ annahm, daß der Hauptschlag des Gegners gegen die Zentralfront gerichtet war, erhielt Rokossowski bei der Aufteilung der Kräfte ein Artilleriekorps mit dessen Einsatz er einen schwer zu durchbrechenden Feuerschild schuf. Watutin verfügte nicht über ein Artilleriekorps, d.h., daß er an Geschützen und Granatwerfern 2.700 Rohre weniger besaß als Rokossowski.8 a)                                

 Es geht hier nur darum, zu zeigen, daß die Einschätzungen der sowjetischen Generale, noch Jahre nach der Kursker Schlacht in Einzelfällen voneinander abweichen. General Bagramjan, AOB der 11. Gardearmee (ursprünglich 16. Armee, auf Befehl Stalins für ihre Verdienste in 11. Gardearmee umbenannt. Das war eine hohe Auszeichnung. UH) berichtet über eine Beratung im HQ bei Stalin Ende April über den Plan der Operation im Raum Orjol. Der Plan war von Antonow vorgelegt, von den anwesenden FOB Sokolowski und Reiter bestätigt worden. Stalin fragte, ob alle einverstanden oder jemand anderer Meinung sei. Bagramjan meldete sich. Er war der Auffassung, daß die 11. Gardearmee stärker ausgerüstet werden müßte, um durch starke, konzentrische Stöße die gegnerische Gruppierung bei dem Ort Bolchow einzuschließen und zu vernichten. Dafür müßte die 11. Gardearmee 12 Schützendivisionen, darunter 3 Divisionen des Nachbarn erhalten. Außerdem müßte die 61. Armee mit mehreren Divisionen und einem Panzerkorps aus der Reserve des HQ verstärkt werden. So würde in die Verteidigung des Gegners eine Bresche geschlagen und günstige Bedingungen für den weiteren Vorstoß der sowjetischen Truppen geschaffen werden.9)

Diese Auffassung Bagramjans war vorher schon von den FOB Sokolowski und Reiter abgelehnt worden. Sie sahen darin nur den Wunsch Bagramjans, seine Armee auf Kosten anderer zu stärken. Solche Bestrebungen hatten die meisten Generäle, aus dem HQ soviel an Kräften wie nur möglich zu erhalten. Antonow hatte geäußert, den Plan nicht mehr ändern zu können. Stalin hörte Bagramjan aufmerksam zu und äußerte dann: „Bagramjan hat gar nicht so unrecht. Wir sollten seinem Vorschlag zustimmen. Die Sorge eines Armeeoberbefehlshaber um günstigere Bedingungen ist lobenswert. Schließlich trägt er für den Mißerfolg die volle Verantwortung.“10)

Die Variante von Bagramjan wurde ohne wesentliche Änderungen angenommen. Diese Episode beweist, daß es bei den Beratungen im HQ Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen gab. Jeder der Anwesenden konnte seine Auffassungen vortragen. Als Oberster Befehlshaber hatte Stalin letztendlich zu entscheiden und trug damit die Verantwortung. Natürlich, die Stalin-Kritiker können ihm vorwerfen, daß er die Meinung der „Mehrheit“, bewährter kampferfahrener Generäle, darunter Antonow und zwei FOB! mißachtet und einer Einzelmeinung - auch eines kampferfahrenen Generals! - zugestimmt habe, also „subjektivistisch“ eine Entscheidung getroffen habe. Damit wäre allerdings nicht bewiesen, daß die Entscheidung Stalins falsch war. Mehrheitsentscheidungen müssen nicht immer richtig sein. Die Analyse von Beratungen im HQ bei Stalin zeigen, daß die strategischen und taktischen Fragen oft kontrovers diskutiert wurden, wobei sie nach Sachlage, nicht nach „Mehrheiten“ und „Minderheiten“ entschieden  wurden.  HQ  und  Generalstab  waren  schließlich  keine bürgerlichen Parlamente.

In Vorbereitung auf die Verteidigung und nachfolgende Offensiv wurden nach Shukow 1.330.000 Mann, über 3.600 Panzer und Sfl, 20.000 Geschütze und 3.130 Kampfflugzeuge, einschließlich Fernkampfflugzeuge für die Operation bereitgestellt.11)

Über die Anforderungen, die damit an die rückwärtigen Dienste, Bereitstellung und Transport von Treibstoff, Munition, Verpflegung, Lazaretten und sonstigen Ausrüstungen, gestellt waren, gibt Generalleutnant Antipenko Auskunft.12) Hier sei nur auf einen Posten aufmerksam gemacht, den Verbrauch an Artilleriemunition von zwei Fronten, der Zentralfront (Rokos-sowski) und der Woronesher Front (Watutin) in der Zeit vom 5. bis 12. Juli 1943, in der ersten, der Verteidigungsphase der Kursker Schlacht, also innerhalb von nur sieben Tagen! Die Artillerie der Zentralfront verschoß 1079, die der Woronesher Front „nur“ 417 Waggons Munition.13) Allein eine Armee der Zentralfront, die 13. Armee, verschoß innerhalb dieses Zeitraumes vier Kampfsätze Artilleriemunition (ein Kampfsatz wog etwa 20.000 Tonnen. UH) „Einen derartig hohen Munitionsverbrauch in so kurzer Zeit hatte es in keiner Verteidigungsoperation einer Armee weder im Großen Vaterländischen Krieg noch in der Geschichte der Kriege überhaupt gegeben.“14)

Antipenko erwähnt Probleme in der Versorgung der Fronttruppen mit Fleisch. Für die Front war Vieh mit einem Schlachtgewicht von 10.000 Tonnen bereitgestellt. Es fehlte aber an Transportmöglichkeiten, um das Vieh in Frontnähe zu befördern. Es standen keine Eisenbahnwaggons zur Verfügung. Das Vieh mußte mit „eigenen Kräften“ herangetrieben werden. 10.000 Tonnen Fleisch bedeuteten etwa 75.000 Stück Großvieh, einschließlich Jungvieh, über 500 Herden, die über eine Strecke von mehr als 1.000 km zu treiben waren. Während dieses Viehtriebs mußten die Herden veterinärmäßig betreut, Futtermittel bereitgestellt und die Verarbeitung der Milch gesichert werden. Antipenko verwies zum Vergleich auf die damalige Literatur, in der es Beschreibungen über Viehtrieb in Australien und im zaristischen Rußland, in Sibirien gab. Aber da handelte es sich um Herden von 5.000 bis 6.000 Tiere, sie aber mußten 70.000 Tiere treiben.15)

Man könnte fragen, was das HQ und der Oberste Befehlshaber damit zu tun haben. Sie hatten auf jeden Fall die Versorgung der Fronten mit Lebensmitteln zu sichern, und dazu gehörten Produktion, Transport und Verteilung der Güter, in diesem Falle mit Fleisch. Natürlich waren dafür die Rückwärtigen Dienste verantwortlich. In nicht wenigen Fällen mußte jedoch das HQ eingreifen. Generalmajor Krainjukow nennt einen dieser Fälle. Ende 1943 hatte die 18. Armee der 1. Ukrainischen Front einen Angriff zu führen, der Bestandteil der Winteroffensive 1943/44 war. Da im Dezember normalerweise Frost und Schnee typisch sind, waren die Soldaten mit Filzstiefeln ausgerüstet. Es setzte aber Tauwetter mit Regen ein, der Schnee schmolz weg und vermischte sich mit dem Boden zu einem Morast. Die Soldaten mußten vor dem Angriff die Filzstiefel gegen Lederstiefel tauschen, die aber nicht ausreichend vorhanden waren. Davon hing der Erfolg der Offensive an diesem Frontabschnitt ab. Nach Aussagen des Chefs der Sanitätsverwaltung hätten dadurch die Erkältungskrankheiten zugenommen, die sich epidemisch ausbreiten könnten. Der Bedarf an Lederstiefeln konnte nur zu 30 Prozent gedeckt werden. Da die Rückwärtigen Dienste der Front nicht die benötigten Lederstiefel beschaffen konnten, wandte sich Krainjukow (Chef der Rückwärtigen Dienste der 1. Ukrainischen Front) direkt an den Chef der Rückwärtigen Dienste (Alle Fronten), Armeegeneral Chruljow, in Moskau, also an das HQ, aus der die benötigten Stiefel aus der Reserve des HQ an die Front befördern ließ.16) Aus der Reserve des HQ konnte nichts entnommen werden ohne Zustimmung Stalins.

In die Vorbereitung großer Operationen gehört auch die politisch-ideologische Bildung und Erziehung der Soldaten. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Frontzeitungen. Nun waren die Soldaten der Roten Armee nicht alle Russen, verstanden nicht alle die russiche Sprache oder nur sehr unvollkommen. Die Frontzeitungen der 1. Ukrainischen Front mußten nach deren Zusammensetzung also in russischer, ukrainischer, usbekischer, kasachischer und tatarischer Sprache erscheinen.17) Die rechtzeitige Auslieferung der Zeitungen - und richtige Verteilung! - gehörte zu den Aufgaben der Rückwärtigen Dienste. Sie waren unverzichtbare Aufgaben zur Vorbereitung auf die Operationen im Kursker Bogen.

Nach einer Gefangenenaussage vom 5. Juli, morgens gegen 02.00 Uhr, sollte der deutsche Angriff in einer Stunde, um 03.00 Uhr beginnen. Shukow und Rokossowski gaben den Befehl zu Gegenvorbereitungen und informierten über Telefon sofort Stalin, den den Befehl billigte. Stalin befahl, „ihn ständig zu informieren.“ Shukow meinte, in dem Gespräch die „Nervenanspannung“ Stalins zu verspüren. „Wir alle waren äußerst erregt, obwohl wir eine tiefgestaffelte Verteidigung aufgebaut hatten und jetzt über mächtige Mittel verfügten...“18)

Am 5. Juli, 02.20 Uhr begann die Zentralfront „mit dem Artillerieschlag“ gegen die Aufstellungsräume der deutschen Truppen. Damit begann die Schlacht am Kursker Bogen.

Stalin war während der Kursker Schlacht von Anfang bis Ende in stetigem Kontakt mit den FOB und AOB, wie in deren Erinnerungen übereinstimmend berichtet wird.19) Stalin mußte auch die anderen Abschnitte der langen Frontlinie von Nordkarelien bis zum Asowschen Meer im Auge behalten, desgleichen die Aktivitäten der Japaner im Fernen Osten. Selbst die Schiffahrt auf der Wolga, die anscheinend doch nichts mit der Schlacht im Kursker Bogen zu tun hatte, gehörte in den Bereich der Aufmerksamkeit des Obersten Befehlshaber. Wie Admiral Kusnezow berichtet, hatte die deutsche Luftwaffe in die Fahrrinne der Wolga Hunderte von Minen geworfen, um diese wichtige Verkehrsader lahmzulegen. Nach Beendigung der Stalingrader Schlacht war der Kampf gegen die Minen noch nicht beendet. 1943 räumten die Räumfahrzeuge der Wolgaflottille mindestens 600 Minen. Stalin erkundigte sich wiederholt bei Kusnezow über die Sicherung dieser wichtigen Verkehrsader. Bis Juni 1943 wurde der Transportplan für die Wolgaschiffahrt wieder zu 70 Prozent erfüllt. Im Sommer 1943 passierten 8.000 Transporter den Fluß, die mehr als 7.000.000 Tonnen Erdöl beförderten. Stalin versicherte Admiral Kusnezow: „Zum Sieg bei Kursk haben auch Sie beigetragen. Übermitteln Sie das Ihren Genossen.“20)

Als Oberster Befehlshaber griff Stalin mit Befehlen, mit dem Einsatz von Reserven des HQ an den Fronten aktiv ein, wo es erforderlich war.

In der Kursker Schlacht entwickelte die sowjetische Führung neue Methoden des Kampfes.

In Erwartung des deutschen Angriffs hatte sie starke Abwehrkräfte bereitgestellt. Zum ersten Mal wandte sie eine neue Verteidigungstaktik an. Bisher waren feindliche Panzerdurchbrüche immer erst in der Tiefe des Raumes durch Gegenstöße eigener Panzerkräfte abgefangen worden. Im Kursker Frontbogen wurde nun den feindlichen Panzerdivisionen kein Raum mehr zum Manövrieren im freien Gelände gelassen, sondern sie liefen sich schon nach wenigen Kilometern in einem gut ausgebauten, tief gestaffelten Stellungssystem fest, dessen Rückgrat eine mächtige Artillerie aller Kaliber bildete. Schon am zweiten Angriffstage mußten sich die deutschen Panzer heftiger Gegenangriffe sowjetischer Panzer erwehren und hatten nach einer Woche verlustreicher Angriffe nur an wenigen Stellen 9 ( Raum Orjol) bis 35 km (Raum Belgorod) vordringen können. Ihre blutigen und Materialverluste waren  sehr hoch.  Im Rücken der der deutschen Angriffsverbände sprengten Partisanen im Juli 1114-mal die Nachschublinien und entlasteten damit wesentlich die sowjetische Verteidigung. Den starken deutschen Fliegerverbänden stellten sich ebenso starke und mit modernen Maschinen ausgerüstete Verbände entgegen. Es kam zu erbitterten Luftschlachten, in denen die sowjetischen Fliegerkräfte allmählich die Oberhand gewannen.20a)

Aber auch beim Angriff wandte die sowjetische Führung neue Methoden an. Erfolgte bisher der Angriff der Infanterie nach der Artillerievorbereitung, so nunmehr schon während des Artilleriefeuers. Die Infanterie folgte unmittelbar der Artilleriefeuerwalze, die, je nach Angriffstempo nach und nach vorverlegt wurde.21)

Über Idee, Plan und Führung der Schlacht äußerte sich Bagramjan:

“Die Kursker Schlacht bestärkte uns in unserer Meinung, daß bei der Ausarbeitung der Idee und des Planes dieser Schlacht die strategischen Führungsorgane und nicht die ihnen unterstellten Instanzen der Fronten die  ausschlaggebende Rolle spielten.

Die exakte Fixierung der allgemeinen Idee, die sorgfältige Pla­nung und die gründliche Vorbereitung der Operationen sowie die glänzende Führung der Streitkräfte beruhten vor allem auf der ge­waltigen organisatorischen Arbeit des Zentralkomitees der Partei, der Sowjetregierung und unserer höchsten militärischen Führung. Der Ausgang der Schlacht war ein wahrer Triumph der sowje­tischen Kriegskunst. Bewundernswert war der rechtzeitige, weise Entschluß, in der ersten Etappe des Sommer-Herbst-Feldzuges 1943 im Kursker Bogen zur Verteidigung überzugehen. Das er­möglichte der Zentralfront und der Woronesher Front, die reich­lich mit Panzern, Sturmgeschützen und Flugzeugen ausgerüsteten gegnerischen Stoßgruppierungen in Verteidigungsschlachten zu zermürben und ausbluten zu lassen, und half den sechs sowje­tischen Fronten (der West-, Brjansker, Zentral-, Woronesher, Step­pen- und Südwestfront), in der zweiten Etappe im Rahmen der Of­fensive die an der Operation «Zitadelle» beteiligten Verbände völlig zu zerschlagen.

Ich stimme jenen Historikern voll und ganz zu, die folgende Vor­züge der Vorbereitung des Sommer-Herbst-Feldzuges 1943 durch das Hauptquartier des Obersten Befehlshabers als die wichtigsten ansehen: In erster Linie war es die Tatsache, daß unsere Angriffsfront weitaus breiter war als die, an der die faschistische Wehrmacht ihren Angriff vorbereitete. Außerordentlich wichtig war die rechtzeitige Aufstellung starker Reserven, einschließlich der Steppenfront, so daß bis Sommeranfang 1943 an der gesamten sowjetisch-deutschen Front ein Kräfteübergewicht geschaffen werden konnte. Außerdem wurde der Erfolg gesichert, weil das Oberkommando der Roten Ar­mee eine Methode der Kriegführung gewählt hatte, die der konkre­ten Lage vollauf entsprach! Und schließlich kam noch die ausge­zeichnete Arbeit der Aufklärung hinzu, die die Absichten des Geg­ners aufdeckte und Angaben über die Gruppierung und die Kräf­teentfaltung sowie über den Plan der Operation «Zitadelle» be­schaffte.”22)

General Konew bestätigt aus seiner Sicht die Ausführungen von Bagramjan. Das HQ „sah richtig voraus…“ daß nicht nur die Anstrengungen der Fronten und Truppenausbildung ausschlaggebend sind, sondern auch „strategische Reserven benötigt“ werden. Zugleich äußerte Konew auch Kritik: Es sei wichtig, „daß man die strategischen Reserven massiert und in der entscheidenden Richtung“ des Kriegsschauplatzes einsetzt. Dies sei während der Verteidigungsphase der Kursker Schlacht (also vom 5. - 12./13. Juli, UH) nicht der Fall gewesen. So seien die Reserven hauptsächlich für die Woronesher Front (Watutin) verwendet worden, wodurch die Steppenfront (FOB Konew) geschwächt worden sei. Das Oberkommando der Steppenfront (also Konew) habe beim HQ „energisch“ dagegen seinen Einwand erhoben, aber das HQ hätte ihn „leider nicht“ akzeptiert.23)

Offenbar konnte man gegen Stalins Entscheidungen auch „energisch“ Einwände erheben. Dabei spricht es nicht unbedingt gegen Stalin, wenn er sie nicht akzeptierte. Ein Einwand bedeutet nicht, daß er begründet ist. Wie w.o. gezeigt, war die Verstärkung der Woronesher Front dringend geboten. Als FOB der Steppenfront hat Konew die Gesamtlage an den Fronten nicht in seiner Kompliziertheit überschauen können, während das HQ die Gesamtlage kannte und dem entsprechend entschied. So konnten Einwände eines Befehlshaber einer Front berechtigt erscheinen, die aus Sicht der Gesamtlage nicht richtig waren.

Konew würdigte trotz seiner „Einwände“ die Kursker Schlacht als einen hervorragenden Erfolg der sowjetischen Militärwissenschaft.

“Der Durchbruch ist eine Kunst und nicht einfach das Ergebnis arithmetischer Berechnungen. Wir wis­sen, wie schwierig er mitunter ist. Die wichtigste Aufgabe des ope­rativen Durchbruchs bestand in der Regel darin, die Hauptkräfte des Gegners in der taktischen Zone zu zerschlagen und alles für den Einsatz der Panzerarmeen oder der zweiten Staffeln vorzube­reiten, die den Durchbruch zu vertiefen hatten.

Um den Erfolg in der operativen Tiefe zu entwickeln, wurden in der Kursker Schlacht erstmalig Panzerarmeen in den Durchbruch eingeführt. Besonders interessant ist der Einsatz der 1. und der 5. Gardepanzerarmee in der Operation von Belgorod-Charkow. Nachdem sie die taktische Verteidigungszone durchbrochen hatten, gingen sie rasch zum Angriff über und stießen 120 bis 150 Kilometer vor. Die 1. Panzerarmee griff in Richtung Bogoduchow an. Unabhängig von den allgemeinen Armeen, legte sie in 24 Stunden 20 bis 30 Kilometer zurück, versetzte den operativen Reserven, den Flanken und rückwärtigen Diensten des Geg­ners Schläge und zwang sie, ihre Stellungen aufzugeben und zu­rückzuweichen.

Die Steppenfront selbst hatte 1380 Panzer. Insgesamt verfügten die drei an der Kursker Schlacht beteiligten Fronten über 4980 Panzer und Selbstfahrlafetten; das waren annähernd 50 Prozent der Panzer aller kämpfenden Armeen. Damit ist bewiesen, daß das Hauptquartier den massierten Einsatz der Panzer- und mechani­sierten Truppen in der Hauptrichtung geplant hatte. Bei Kursk kam es zur größten Begegnungsschlacht von Panzern in der Geschichte des zweiten Weltkrieges. Der Raum Prochorowka und kurz da­nach die Räume Achtyrka und Bogoduchow waren ein einziges Panzerschlachtfeld. Die Erfahrungen zeigten, daß vom Zusammen­wirken der Panzerarmeen mit den allgemeinen Armeen, von der richtigen Organisation der Artillerie- und Luftunterstützung, der raschen Kräftekonzentrierung in der Hauptstoßrichtung, dem raschen Angriff und der kontinuierlichen Führung der Erfolg ab­hängt.

Auch die Erfahrungen der Fliegerkräfte in dieser Schlacht be­reicherten die Kriegskunst. Unsere Fliegerkräfte errangen die Luft­herrschaft. Während der Gegenoffensive wurden massierte Angriffe in großer Tiefe gegen die Reserven des Gegners geflogen. Einige Luftarmeen wirkten mit den Fliegern der Luftverteidigung eng zusammen.

Die rückwärtigen Dienste arbeiteten in der Kursker Schlacht unermüdlich, um die Truppen mit allem Notwendigen zu versor­gen. Unsere bewährten Ärzte setzten alles daran, verwundete Soldaten und Offiziere ins Hinterland zu bringen und sie zu heilen.”

Weiter heißt es bei Konew: „Die Kursker Schlacht stellte eine wichtige Etappe in der Entwicklung der sowjetischen Kriegskunst dar. Sie bleibt für alle Zeiten ein Symbol der unbesiegbaren Macht des sozialistischen Staates, der in der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution geboren wurde, und seiner Streitkräfte. Sie war ein hervorragender Erfolg der sowjetischen Militärwissenschaft.“23 a)

Abschließend über die Rolle Stalins in der Kursker Schlacht sei Shukow zitiert, der während der ganzen Zeit mit ihm in Verbindung stand:

“Nach Stalins Tod wurde die Meinung vertreten, er hätte mili­tärisch-politische Entscheidungen auf eigene Faust gefällt. Das entspricht nicht der Wahrheit. Berichtete man Stalin sachkundig über irgendwelche Fragen, so hatte er ein offenes Ohr. Nicht selten änderte er dann seinen Standpunkt und frühere Entschlüsse. So verhielt es sich vor allem mit den Angriffsterminen vieler Kampfhandlungen.     

Die Schlacht im Raum Kursk-Orjol-Belgorod war eine der bedeutendsten des Großen Vaterländischen Krieges und des zweiten Weltkriegs überhaupt. Hier wurden nicht nur die Elite­truppen und die stärksten Gruppierungen des Gegners zerschla­gen; hier zerbrachen auch endgültig alle Bemühungen der fa­schistischen Führung, dem Krieg noch eine Wende zu geben. Das wirkte sich auf die Haltung des deutschen Volkes aus, aber auch auf die der Satellitenstaaten.

Mit der Zerschlagung der gegnerischen Hauptgruppierung im Raum Kursk schufen wir die Voraussetzungen für die darauf­folgenden großangelegten Angriffsoperationen der sowjetischen Truppen zur restlosen Vertreibung der Okkupanten von unse­rem Territorium und auch zur Befreiung Polens, der Tsche­choslowakei, Ungarns, Jugoslawiens, Rumäniens und Bulgariens sowie zur endgültigen Niederwerfung des deutschen Faschismus...

Eine Bedingung für unseren Sieg war die quantitative und besonders die qualitative Überlegenheit der sowjetischen Trup­pen zum Zeitpunkt der Verteidigungsschlacht. Ferner ermög­lichte es die größere Schlagkraft der sowjetischen Fliegerkräfte, der Artillerie- und der Panzertruppen, innerhalb kurzer Fristen Stoßgruppierungen zu bilden, die jeden Widerstand schnellstens brachen. Das gestattete es der sowjetischen Führung, die Zer­schlagung des Gegners im Raum des Kursker Bogens vorzu­bereiten und zu verwirklichen sowie die großangelegten faschi­stischen Angriffspläne für 1943 zu durchkreuzen.”24)

Von bürgerlichen Historikern wird der Sieg der Roten Armee bei Kursk auf deren materiell-technischen Überlegenheit zurückgeführt, die durch die amerikanischen und englischen Lieferungen erreicht werden konnte. So meint Tippelskirch, daß die „ständig zunehmende Stärke der Roten Armee“ „nicht nur“ auf „ihre(n) gewaltig angewachsenen eigenen Rüstungs-betriebe(en) zurückzuführen sei“, sondern daß sie auch „laufend mit amerikanischem Material versorgt“ wurde.25)

Immerhin erwähnt er auch die sowjetischen Rüstungsbetriebe. Desgleichen bestätigte er auch „die zunehmende Wendigkeit der russischen Führung in der Behandlung operativer Fragen“, versichert uns aber zugleich der unvermindert großen taktischen Überlegenheit der deutschen Truppen. Sie waren  „sich ihrer Überlegenheit über ihren Gegner so bewußt, daß sie einer Strategie des operativen Abnützungskampfes voll gewachsen war.“26) Mit dieser These von der „Überlegenheit“ der „deutschen Truppen“ auf dem Kampffeld bedient Tippelskirch die abgedroschenen Phrasen der Goebbelspropaganda.

Nicht der „Masseneinsatz an Material“, schrieb der „Völkische Beobachter“ vom 16. Juli 1943, „wie ihn die Bolschewisten in den Kampf warfen“ erzwinge die Entscheidung, „sondern lediglich der Geist der kämpfenden Soldaten, die eine Waffe und ihre Anwendung überlegen beherrschen. Diese geistige Überlegenheit liegt völlig auf der Seite der deutschen Soldaten...“26a) Nachdem die Niederlage der deutschen Truppen trotz ihrer „geistigen Überlegenheit“ vollkommen war, philosophierte der Völkische Beobachter“ vom 6. September 1943 über eine „fast unbegrenzte passive Leistungsfähigkeit der östlichen Menschen.“ Aber nun müsse der russische Soldat zum Angriff übergehen, der „andere Seelenkräfte als die Abwehr“ erfordere, „Kräfte, die den Sowjetbewohnern nicht eingeboren sind.“ Der deutsche Soldat dagegen habe solche „Seelenkräfte.“ „Es treibt ihn eine innere Macht und lenkt jede seiner Bewegungen...  Die Abwehrkräfte, die dem Sowjetarmisten aus einem dumpfen Instinkt zufließen, gehen bei ihm (dem deutschen Soldaten, UH) über den Weg des Verstandes und des Willensentschlusses...“

Diese mystische Verklärung des deutschen Soldaten war keineswegs unwirksam. Diese rassistische Überlegenheitstheorie des deutschen Soldaten zieht sich durch nicht wenige bürgerliche militärgeschichtliche Darstellungen des zweiten Weltkrieges durch. Tippelskirch ist da keine Ausnahme.

Der faschistischen Führung waren Briefe gefallener Sowjetsoldaten in die Hände gefallen, aus deren Inhalt die hohe Kampfmoral der Roten Armee ersichtlich war. Für sich notierte Goebbels in seinem Tagebuch: „Diese Briefe atmen einen sehr kampffrohen und positiven Geist. Von einer niedergedrückten Stimmung kann hier überhaupt nicht die Rede sein. Die Sowjets leben augenblicklich von ihren Siegen.“26 b)

Aber solche Eingeständnisse waren in der faschistischen Presse nicht zu finden.

Tippelskirch wäre überfordert, zu erkennen, daß die Ursachen der Niederlage der deutschen Truppen in der Stabilität der sozialistischen Ordnung, in der Leistungsfähigkeit der sozialistischen Wirtschaft, ihrer Industrie, in der Überlegenheit der sowjetischen Militärdoktrin, der Führungsqualität der sowjetischen Generale einschließlich des Obersten  Befehlshabers, letztendlich im Massenheroismus der sowjetischen Soldaten und der Werktätigen im Hinterland, der Partisanen hinter den deutschen Linien zu suchen und zu finden sind. Ein Sieg der Sowjetunion unter Führung der KPdSU(B) über die Kriegskunst deutscher Generale? Das ist für Tippelskirch nicht faßbar, Die faschistischen deutschen Generale waren auf ihrem taktisch-operativen Gebiet zweifellos Fachleute. Sie verstanden ihr Handwerk. Sonst hätte der Krieg nicht so lange gedauert. Was sie aber nicht verstanden, war die Clausewitz-These vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen, gewaltsamen Mitteln - wobei wir hier den von Lenin ergänzten Klassenaspekt sogar einmal weglassen können. Ihre Politik war irreal! Sie  ließ sich nicht realisieren! Die deutschen Generale hatten schon im ersten Weltkrieg das Kräfteverhältnis falsch eingeschätzt, was zu ihrer Niederlage führte.  Die  Träume  des Alldeutschen Verbandes von der Weltherrschaft ließen sich schon 1914 nicht verwirklichen. Der zweite Versuch des deutschen Imperialismus, die Weltherrschaft zu erobern, diesmal durch Machtübergabe an die Hitlerfaschisten, scheiterte am Widerstand der Völker der Antihitlerkoalition, in erster Linie der Völker der sozialistischen Sowjetunion. Namentlich die Sowjetunion wurde von den deutschen Imperialisten und Militaristen unterschätzt, als „Koloß auf tönernen Füßen“, der, wie sie glaubten, auf einen Anstoß von außen zusammenbrechen würde. Die Generale waren im gleichen politisch-strategischen Irrtum befangen wie Hitler, dem sie im Nachhinein alle Verantwortung zuweisen. Auch die Generale haben den Krieg gewollt, haben ihn geplant, durchgeführt und sind für die gesetzmäßige Niederlage verantwortlich. Sie waren es, die den Krieg gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begannen, ohne für die Truppen Winterausrüstungen bereitzustellen, weil sie überzeugt waren, bis zum Winter mit den „Bolschewisten“ fertig zu sein. Sie standen den verachteten Kommunisten in der Roten Armee gegenüber, die in der Kursker Schlacht 30 bis 40 Prozent der Truppenstärke ausmachten!

 

 

Stärke der Partei- und Komsomolorganisationen der im Raum des Kursker Bogens handelnden Truppen am 1. Juli 1943

Fronten          Kommu-        Komso-         Anteil             Partei-           Kompanie-    Komsomol-   Komsomol-

                     nisten             molzen           beider an       grund-           partei-           grund-           organi-

                     in 1000          in 1000          der Trup-       organi-           organi-           organi-           sationen

                                                                penstärke       sationen         sationen         sationen         der Kompa

                                                                                                                                                     nien

 

Westfront      181,3            137,8            40,5                  5160           8973             4741             8677

Brjansker

Front               81,4              73,5            37,3                  2320           4277             2165             4655

Zentralfront    119,4            131,8            35,4                  3816           6342             3703             7678

Woronesher

Front               93,4            114,7            33,3                  3305           5018             3286             6607

Steppen-

Militärbezirk    96,6              93,8            32,5                  2866           5222             2716             6339

 

Insgesamt      572,1            551,6            36,0              174373         29832           16611           33956

                                                               

26c)

Genauso, wie nach dem ersten Weltkrieg die „Dolchstoßlegende“ erfunden wurde, um die Verantwortung für die Niederlage von den deutschen Generalen auf die „vaterlandslosen Gesellen“ im Innern abzuwälzen, mußten nach dem zweiten Weltkrieg für den Sieg der Sowjetunion das Versagen Hitlers, die US-Lieferungen herhalten, oder auch die Erfolge der anglo-amerikanischen Truppen in Nordafrika und Süditalien, wodurch angeblich die deutsche Ostfront geschwächt wurde. Auf gar keinen Fall darf die Sowjetunion, die sozialistische Gesellschaftsordnung, die Kommunisten oder gar noch der Genosse Stalin als Sieger über die deutschen Generale anerkannt werden. Dies käme in der Tat ihrer historischen, politischen und letztendlich militärtheoretischen Selbstaufgabe gleich und hätte unübersehbare Auswirkungen auf das Traditionsbewußtsein der Bundeswehr.

Nach Shukow haben die angloamerikanischen Lieferungen in bestimmtem Maße geholfen, waren aber zu gering, um eine große Rolle zu spielen.27) Wie im Sommer 1942, als Churchill „mit dem größten Bedauern“ die Seetransporte auf der Nordroute einstellte, als die Rote Armee Waffen und Ausrüstungen am nötigsten brauchte28), reduzierte Churchill seit Beginn des Jahres 1943 erneut die Lieferungen auf ein Minimum, vom Januar bis August 240.000 Tonnen. Etwa zeitgleich lieferten die USA auf dem Seeweg nach Großbritannien 11,7 Millionen Tonnen an Gütern unter relativ geringen Verlusten durch deutsche U-Boote.

Es ist zumindest seltsam, daß, wenn an der deutsch-sowjetischen Front besonders schwere und für die sowjetischen Truppen verlustreiche Kämpfe von kriegsentscheidender Bedeutung stattfanden, die britische Admiralität „Schwierigkeiten“ hatte, Seetransporte nach Murmansk auslaufen zu lassen.

Die Begründung für die geringen Lieferungen an die Sowjetunion auf der Nordroute, der wichtigsten, daß die Verluste an Schiffsraum durch deutsche U-Boote zu hoch seien, war nicht stichhaltig. Unter Anerkennung des Sachverhalts, daß der Schiffsraum für den Transport von US-Streikräften nach Nordafrika und Großbritannien eine große Rolle spielte, bildet er keine seriöse Begründung für die faktische Einstellung der Lieferungen an die Sowjetunion.

Es ist richtig, daß in den ersten zwanzig Tagen im März 1943 die deutschen U-Boote im Nordatlantik eine hohe Versenkungsziffer erreichten. Aus vier in Richtung Murmansk fahrenden Geleitzügen (HX 228 und 229 sowie SC 121 und 122) versenkten deutsche U-Boote 39 von insgesamt 200 Handelsschiffen, gleich 20 Prozent, und einen britischen Zerstörer.

Diese Verluste, vor allem an Menschenleben, sollten keineswegs bagatellisiert werden. Dennoch reichen sie nicht aus, um die starke Einschränkung des Geleitzugverkehrs auf der Nordroute in die sowjetischen Häfen zu begründen. Den Versenkungsziffern der U-Boote standen die Neubauten, vor allem auf den amerikanischen Werften, gegenüber, die die Verluste durch sämtliche U-Boote  der Achsenmächte um mehr als das Doppelte übertrafen.

 

1943                   Schiffsverluste                                         BRT (Bruttoregistertonnen)

                                                                                                                                                                       

Januar                    37                                                               203.128                                                       

Februar                 63                                                               359.328                                                       

März                    108                                                               627.377                                                       

April                      56                                                               327.943                                                       

 

Gesamt               264                                                            1.517.776                                                               

29)

 

1943                   Schiffsneubauten                                     BRT

                           

Januar                  106                                                               647.000                                                       

Februar               132                                                               792.000                                                       

März                    149                                                            1.005.000                                                       

April                    159                                                            1.076.000                                                       

 

Gesamt               546                                                            3.520.000                                                               

30)

Des weiteren sind die Verluste der deutschen U-Boote zu berücksichtigen: Januar 12, Februar 8, März 15, April 31 Boote. Insgesamt gingen 66 Boote, 26 Prozent der U-Boot-Flotte, verloren.31)

Der März 1943 war der letzte Höhepunkt im U-Boot-Krieg. Mit der Einführung neuer U-Boot-Abwehrtechnik (Radar u.a. Techniken), der Verstärkung der U-Boot-Abwehr  durch  Flugzeuge  und  Geleitschutzschiffe  war  der U-Boot-Krieg gescheitert. Allein vom 10. April bis 21. September 1943 wurden weitere 30 U-Boote versenkt, 19 Boote beschädigt.31 a)

Im damals geheimen, aber Churchill wohlbekannten „Monthly Anti-Submarine Report“ der britischen Admiralität vom März 1943 hieß es: „Berücksichtigt man, wie sich die Angriffe schwerpunktmäßig entwickelt haben, dann kamen die Konvois zum größten Teil bemerkenswert gut durch.“32)

Im Januar und Februar 1943 fuhren nur zwei Geleitzüge nach Murmansk. Der am 17. Januar aus Low Ewe (Nordschottland) aus 14 Handelsschiffen bestehende auslaufende Geleitzug JW 52 traf bis auf ein Schiff, das die Fahrt abbrach, sicher in sowjetischen Häfen ein. Der am 26. Januar zurücklaufende Geleitzug RA 52 erreichte unter Verlust eines 7.460 BRT US-Liberty-Schiffs unbeschadet Low Ewe. Am 28. Februar lief Geleitzug JW 53, 28 Handelsschiffe mit starker Sicherung, aus Low Ewe aus. Durch arktische orkanartige Stürme wurden sechs Handelsschiffe und zwei Geleitschiffe schwer beschädigt. Sie waren zum Abbruch der Fahrt gezwungen. Die anderen 22 Schiffe liefen unter Abwehr planloser Angriffe deutscher Flugzeuge und U-Boote ohne Verluste in sowjetischen Häfen ein. Von dem zurücklaufenden Geleitzug RA 53, bestehend aus 30 Handelsschiffen, erreichten 26 britische Häfen. Von U-Booten versenkt wurden zwei Schiffe, eins durch Torpedotreffer beschädigt, ein Schiff brach in dem arktischen Sturm auseinander.33)

Im März 1943, als die deutschen U-Boote das dritthöchste Monatsergebnis an Versenkungen während des ganzen Krieges nach Juni und November 1942 erzielten, betrugen die Verluste aller auf der Nordatlantikroute sowjetische Häfen ansteuernden beladenen Handelsschiffen lediglich 8,5 Prozent, d.h., 91,5 Prozent der Schiffe erreichten ihren Bestimmungshafen.34)

Desgleichen war eine andere „Begründung“ Churchills für die Einstellung des Geleitzugverkehrs auf der Nordroute wenig überzeugend. Wie er am 30. März an Stalin schrieb, hätten die Deutschen in Narvik „eine mächtige Schlachtflotte konzentriert“, die aus der „Tirpitz“, der „Scharn-horst“, der „Lützow“, einem mit 15 cm Geschützen bestückten Kreuzer und acht Zerstörern bestehe. Churchill äußerte Bedenken, daß wenn „ein oder zwei unserer modernsten Schlachtschiffe der Homefleet verloren gingen oder auch nur ernstlich beschädigt würden, während die ‘Tirpitz` und andere große Einheiten der deutschen Schlachtflotte gefechtsfähig blieben, unsere ungeteilte Herrschaft im Atlantik in Frage gestellt wäre, was schreckliche Folgen für unsere gemeinsame Sache hätte.“35)

Es ist schon erstaunlich, was Churchill Stalin an „Begründung“ zumutete. Man stelle sich einmal vor, Stalin hätte an Churchill geantwortet, daß die Rote Armee ihre Offensiven gegen die deutsche Wehrmacht einstellen müsse, da die Deutschen starke Panzer hätten, „Tiger”, „Panther“, „Ferdinand“, die die sowjetischen Panzer kaputtschießen oder beschädigen könnten, während die deutschen Panzer „gefechtsfähig“ blieben, was „schreckliche Folgen für unsere gemeinsame Sache“ haben würde!

Was war denn das für eine „ungeteilte Herrschaft“ auf dem Atlantik, wenn sie angeblich von einem Schlachtschiff, zwei Schlachtkreuzern nebst einigen kleineren Einheiten „bedroht“ war?

Nach dem Kräfteverhältnis auf dem Atlantik vom 1. April 1943 konnte von einer „Gefährdung“ der „ungeteilten Seeherrschaft“ durch die deutschen Einheiten keine Rede sein, auch nicht durch die „Tirpitz“.

 

Stärke der auf dem atlantischen Kriegsschauplatz am 1.April 1943 insgesamt verfügbaren Flottenkräfte Großbritanniens, der USA und Deutschlands

 

 

Schiffsklasse                                            Großbritannien       USA                         Deutschland              

 

Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer         6                               4                             3                               

Flugzeugträger                                           15                               5                           -                                 

Kreuzer                                                       19                             11                             8                               

Zerstörer, Geleittorpedoboote

und Torpedoboote                                   122                          104                          51 

U-Boote                                                     57                             48                           etwa 400                   

36)

(Die geringere Anzahl von US-Schiffen erklärt sich aus dem starken Engagement der US-Kriegsmarine im Pazifik gegen Japan.)

Zu den US- und britischen Seestreitkräften kam noch die sowjetische Nordflotte, bestehend aus 21 U-Booten, l Großzerstörer, 8 Zerstörern, 186 Schiffen anderer Klassen, einschließlich Kampfboote. Die Seefliegerkräfte der Nordfront verfügte über 347 Flugzeuge, davon 191 einsatzbereite Kampfflugzeuge.37)

Die sowjetische Nordflotte unter Befehl von Vizeadmiral Golowko hatte unter anderem die Aufgabe, den Geleitzugverkehr auf der Nordroute ostwärts 20° 00‘ östlicher Länge zu sichern. Im Sommer 1943 hatten die sowjetischen Fliegerkräfte die Luftherrschaft über den Seeverbindungen östlich des genannten Längengrades sowie über Nordkarelien errungen.38) Ein Angriff deutscher schwerer Überwasserschiffe auf einen Geleitzug am 20. Dezember 1943 endete mit der Versenkung der „Scharnhorst“. Danach erfolgten keine Angriffe großer Überwassereinheiten auf Geleitzüge auf der Nordroute.39)

Über das Kräfteverhältnis auf der Nordroute war Stalin von der sowjetischen Admiralität genau informiert. So erklärte er in seiner Antwort vom 2. April an Churchill in lakonischer Form, daß er diese „unerwartete Maßnahme“ als eine „katastrophale Kürzung der Lieferungen von kriegswichtigen Rohstoffen und militärischer Ausrüstung an die Sowjetunion“ betrachte, daß „sich dieser Umstand auf die Lage der sowjetischen Truppen auswirken muß.“40)

Stalin hatte Herrn Churchill verstanden, worauf noch zurückzukommen sein wird.

Diese ausführliche Dokumentation beweist, erstens, daß die Entscheidung Churchills, den Geleitzugverkehr über die Nordatlantikroute einzuschränken, nicht aus militärischen, sondern aus politischen Erwägungen erfolgte. Mochte die Rote Armee nur die Blutopfer bringen, je mehr sie geschwächt wurde, um so besser für die Zeit nach dem Kriege. Zweitens, die Lieferungen an Kriegsmaterial an die UdSSR waren keineswegs entscheidend für die Siege der Roten Armee, weder bei Stalingrad noch bei Kursk oder später. Die Lieferungen an die Sowjetunion machten insgesamt vier Prozent der sowjetischen Rüstungen aus40a), eine durchaus zu vernachlässigende Größe. Aber diese These von der „entscheidenden Rolle“ der angloamerikanischen Lieferungen spukt noch heute in der bürgerlichen Militärgeschichtsschreibung herum. Im Unterschied zu Tippelskirch und anderen bürgerlichen Militärhistorikern bleibt der US-amerikanische Marinehistoriker Clay Blair bei den Tatsachen wenn er die sowjetische Rüstungsindustrie beschreibt: „Die bevorstehende Schlacht um Kursk war Hitlers letztes großes Vabanquespiel. Wenn die Deutschen die Schlacht gewannen, dann hielt er es für möglich, die Rote Armee durch eine Folge von Hammerschlägen zu vernichten. Eine Niederlage der Deutschen würde dagegen katastrophale Folgen haben: Die verachtete Rote Armee würde erneut triumphieren, die Wehrmacht nur noch ein Trümmerhaufen sein und Hitler wäre gedemütigt und vielleicht sogar von Sturz oder Ermordung bedroht.

Bei der Vorbereitung der Schlacht übersahen Hitler und seine Generale die in aller Stille, aber sehr real gewachsene Kampfkraft der Roten Armee, die etwa sechs Millionen Männer und Frauen zählte. Sowjetische Zivilisten arbeiteten wie besessen in drei Schichten in den Rüstungsfabriken, die nach Osten hinter den Ural verlegt worden waren, und produzierten in erstaunlichen Stückzahlen schwere T-34-Panzer, selbstfahrende nachgezogene Artilleriegeschütze, Jagdflugzeuge und Jagdbomber, Gewehr-Munition und andere Rüstungsgüter. (Die sowjetische Panzerproduktion betrug auf ihrem Höhepunkt 4.000 Stück pro Monat.) Stalin wußte genau, wie wichtig es war, Kursk und die Frontausbuchtung zu halten, und er zog Hunderttausende Rotarmisten dort zusammen, die er mit ungeheuren Mengen des neuen Kriegsmaterials ausrüstete.“40b)