
Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 14/03
Herausgeber: Verein zur Förderung demokratischer Publizistik (e.V.)
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Stalins Beiträge zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und -politik 1941-1942/43
Teil 3
Von Ulrich Huar
Militärtheorie und Militärpolitik Teil 3
2. Der Überfall - 22. Juni 1941
3. Das Scheitern der Blitzkriegsstrategie der Faschisten 1941/42
3.1. Kiew
3.2. Moskau
3.2.1. Stalin - Shukow – Rokossowski. Charaktere und Befehle
3.2.2. „Auf Euch blickt die ganze Welt...“
3.2.3. Die Nerven lagen blank und bloß
3.2.4. Die sowjetische Gegenoffensive vom 6. Dezember 1941
3.2.5. „...die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt.“142)
4.1. Über die Hauptstoßrichtung der deutschen Armeen im Sommer 1942 - Diskussionen im Hauptquartier
4.2. Befehl Nr. 227 vom 28. Juli 1942
4.3. Die „Zweite Front"
4.4. „lend and lease“ - PQ 17188)
4.5. „...den Hitlerstaat vernichten - das kann man und soll man.“
4.6. Ausarbeitung des Planes zur Gegenoffensive
A. „Nicht einen Schritt zurück!“ - Stalins berühmter Befehl
B. J. W. Stalin an W. Churchill MEMORANDUM
W. Churchill an J. W. Stalin. AIDE-MEMOIRE
C. Eingegangen am 5. Februar 1943. An Seine Exzellenz Josef W. Stalin, Oberster Befehlshaber der Streitkräfte der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
Eingegangen am 27. Februar 1943, F. Roosevelt an J. W. Stalin
Anmerkungen (Quellennachweise)
Wir setzen die Reihe von Ulrich Huar zur Darstellung der Beiträge Stalins zum Aufbau des Sozialismus und zur marxistisch-leninistischen Theoriebildung hiermit fort.
Zur Erinnerung bzw. zur Information für neue Leserinnen und Leser seien hier noch einmal kurz die Arbeitsmaximen wiederholt, die Ulrich Huar im ersten Heft der Reihe darlegte. Er schrieb:
Für die Darstellung boten sich zwei Herangehensweisen an: Einmal die chronologische, die den Vorteil hat, die Theorie in allen ihren Bestandteilen im Zusammenhang darstellen zu können innerhalb der Zeitperiode, in der sie verfasst wurde. Die zweite Methode war die Theorie nach ihren Bestandteilen - Parteitheorie (Theorie der nationalen Frage, Politische Ökonomie des Sozialismus, Militärtheorie, Staats- und Revolutionstheorie) darzustellen. Der Vorteil dieser Methode bestand darin, die einzelnen Teiltheorien gründlicher darstellen zu können, innerhalb dieser die Kontinuität von Marx/Engels - Lenin - Stalin, sowie die Erkenntnisfortschritte im Denken Stalins selbst deutlicher herausarbeiten zu können. Auch bei dieser Methode war innerhalb der Bestandteile dann chronologisch zu verfahren. Da mir die zweite Methode gegenüber der ersten günstiger erschien, habe ich mich für diese entschieden, wobei ich die Nachteile, den Zusammenhang mit den anderen Bestandteilen der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus vernachlässigen zu müssen, in Kauf genommen habe.
Für die Arbeit der elektronischen Texterfassung und Korrektur danken wir den Genossinnen und Genossen der „Schriftenreihe der KPD“ sehr herzlich. Wie schon die vorherigen Hefte dieser Reihe erscheint auch dieses jetzt vorliegende gleichzeitig hier und bei der KPD.
Die Zeitschrift Offensiv finanziert sich allein durch Spenden.
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Redaktion Offensiv, Hannover
Es gibt zwei Extreme in der Beurteilung Stalins als Militär im Zweiten Weltkrieg: Erstens, die von Chruschtschow in seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU verbreitete Mär, daß Stalin den Zweiten Weltkrieg lediglich am Globus verfolgt habe, die später von Revisionisten diverser Couleur dahingehend „präzisiert“ wurde, daß der Sieg der Roten Armee im Großen Vaterländischen Krieg „ohne Stalin“, „gegen Stalin“, „trotz Stalin“ errungen wurde.
Über die „Globus“-Story äußerte K.A. Merezkow, Marschall der Sowjetunion, Oberbefehlshaber der Karelischen Front, nach Mai 1945 Oberbefehlshaber der 1. Fernostfront im Krieg gegen Japan, daß „in einigen Veröffentlichungen die Version vertreten wird, Stalin habe die Operationen sozusagen am Globus geleitet. Das ist nicht wahr. Während des Krieges war ich zur Berichterstattung häufig im Hauptquartier und im Arbeitszimmer Stalins, habe an vielen Besprechungen teilgenommen und der Beratung von Problemen beigewohnt. Selbstverständlich nahm Stalin, wenn es um Fragen entsprechender Größenordnung ging, auch den Globus zu Hilfe. In der Regel arbeitete er jedoch mit der Karte und erörterte künftige Operationen mitunter bis in alle Einzelheiten... Unrichtig ist es, Stalin mangelnden Sinn für das Detail nachzusagen. Selbst in militärstrategischen Fragen orientierte er sich nicht nach dem Globus. Um so absurder ist es, diese Behauptung auf die Taktik auszudehnen, für die er sich ebenfalls aufgeschlossen zeigte...“ 1)
Nach Admiral N.G. Kusnezow, Volkskommissar für die Seekriegsflotte, war Stalin „für uns als Militärs damals eine unbestreitbare Autorität...“ „Völlig falsch ist die boshafte Behauptung, er habe nach dem Globus die Lage eingeschätzt und Entscheidungen getroffen. Ich könnte viele Beispiele dafür anführen, daß Stalin, als er die Lage an den Fronten mit den Heerführern präzisierte, wenn nötig, auch über die Lage eines jeden Regiments informiert war. Er hatte ständig ein Notizbuch bei sich, in das er täglich den Truppenbestand, den Produktionsausstoß in den wichtigen Positionen und die Lebensmittelvorräte des Landes eintrug.“ 1a)
Das zweite Extrem besteht in einer Glorifizierung Stalins als einer Art „Neo-Cäsar“, der „kam, sah und siegte.“ Dieses zweite Extrem der Mystifizierung Stalins ist genauso unsinnig wie das erste, vielleicht sogar noch schädlicher, weil sie genügend Angriffspunkte für die Gegner des Marxismus-Leninismus und Antistalinisten liefert. Stalin hat sich gegen solche primitiven Lobhudeleien seiner Tätigkeit als Oberster Befehlshaber der sowjetischen Streitkräfte mehrfach energisch verwahrt. So äußerte er sich in einem Brief an Oberst Prof. Dr. Rasin vom 23. Februar 1946, daß dessen „Lobeshymnen auf Stalin“ das „Ohr verletzen“; „es ist einfach peinlich, sie zu lesen.“2)
Sowjetische Generäle, die mit Stalin während des Krieges eng zusammengearbeitet haben, bestätigen die zurückweisende Haltung Stalins gegenüber solchen unsinnigen Mytifizierungen seiner Person.
Die Führung des Krieges in seiner militärischen und politischen Gesamtheit übte das Hauptquartier (HQ) in Moskau aus, an dessen Spitze Stalin als Oberster Befehlshaber stand. Die Entscheidungen wurden nach kollektiver Beratung der Mitglieder des HQ, des Generalstabes, des Militärrates unter Hinzuziehung der Oberbefehlshaber der Fronten (FOB), wenn erforderlich auch der Oberbefehlshaber der Armee (AOB) gefällt. Die Arbeit im HQ vollzog sich nach dem Prinzip marxistisch-leninistischer Parteien: Kollektive Beratung und Einzelentscheidung bei persönlicher Verantwortung. Insofern hatte Stalin in der Entscheidungsfindung das letzte Wort, trug damit die Hauptverantwortung für die Kriegsführung, sowohl für die Siege wie auch für die Niederlagen, soweit letztere durch Fehler in der Führung verursacht waren, was nicht immer der Fall war. Um diese Verantwortung hat sich Stalin auch nicht herumgedrückt.
Über die Arbeit im HQ berichtete Armeegeneral Schtemenko, seit 1940 Mitarbeiter der Operativen Verwaltung, des Kernstücks des Generalstabs, ab 1943 Chef der Operativen Verwaltung. Er kam fast täglich mit Stalin zusammen.
„Hervorzuheben ist, daß über alle prinzipiellen Fragen der Führung des Landes und des Krieges das Zentralkomitee der Partei - Politbüro, Organisationsbüro und Sekretariat - entschied. Durchgeführt wurden die Beschlüsse vom Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR, dem Rat der Volkskommissare, dem Staatlichen Verteidigungskomitee und dem Hauptquartier des Oberkommandos. Zur operativen Lösung militärischer Fragen wurden gemeinsame Beratungen von Mitgliedern des Politbüros und des staatlichen Verteidigungskomitees oder von Mitgliedern des Politbüros und des Hauptquartiers einberufen. Besonders wichtige Fragen wurden vom Politbüro, dem Staatlichen Verteidigungskomitee und dem Hauptquartier gemeinsam erörtert.
Das Prinzip der Einzelleitung, der wichtige Grundsatz in Kriegs- wie in Friedenszeiten beim Aufbau der Streitkräfte und in der Truppenführung, war auch für die Führung der Kampfhandlungen maßgeblich. Die Führung der Operationen lag auf höchster Ebene ausschließlich in den Händen des Hauptquartiers des Oberkommandos. Da jedoch Mitglieder des Politbüros und verantwortliche Militärs dem Hauptquartier angehörten, bildete es ein kollektives Organ.
Die Entschlüsse des Hauptquartiers trugen die Unterschriften von zwei Personen, des Obersten Befehlshabers und des Chefs des Generalstabs, mitunter aber auch die des Stellvertreters des Obersten Befehlshabers. Nur vom Chef des Generalstabs unterzeichnete Dokumente waren gewöhnlich mit dem Zusatz ‘Im Auftrag des Hauptquartiers’ versehen.
In der Regel unterzeichnete der Oberste Befehlshaber operative Dokumente nicht allein, ausgenommen solche, in denen er Vertreter der obersten militärischen Führung scharf kritisierte. Hier wäre eine Gegenzeichnung durch den Generalstab unpassend gewesen, da sie die gegenseitigen Beziehungen verschärft hätte, während die Getadelten die Kritik Stalins getrost übelnehmen konnten. Persönlich unterzeichnet wurden von ihm sonst nur noch Befehle verschiedener Art, vor allem solche administrativen Charakters.
Mit dieser Form der Leitung war die erforderliche Zentralisierung der Führung der Streitkräfte gewährleistet.
Wie seit der Oktoberrevolution verwirklichte die ‘Militärbehörde’ auch im Großen Vaterländischen Krieg strikt und auf jede mögliche Weise die Politik der Kommunistischen Partei.
Stalin entschied im allgemeinen nicht gern allein über wichtige Fragen des Krieges, sondern ging in dieser schwierigen Lage davon aus, daß die kollektive Arbeit dringend notwendig sei. Er erkannte die Meinung von Autoritäten zu militärischen Problemen an und ließ jeden zu Wort kommen. Zum Beispiel referierten im Jahre 1943 nach der Konferenz von Teheran auf gemeinsamer Sitzung des ZK der KPdSU, des Staatlichen Verteidigungskomitees und des Hauptquartiers, auf der die künftigen Pläne festgelegt werden sollten, Antonow und Wassilewski über Verlauf und Perspektiven des Kampfes an den Fronten, Wosnessenski über Fragen der Kriegswirtschaft, und Stalin analysierte die internationalen Probleme.“2a)
Beim Empfang im Kreml zu Ehren der Befehlshaber der Truppen der Roten Armee am 24. Mai 1945 brachte Stalin einen Toast auf das Wohl des russischen Volkes aus, das sich im Kriege die „allgemeine Anerkennung als die führende Kraft der Sowjetunion unter allen Völkern unseres Landes verdient hat,... weil es einen klaren Verstand, einen standhaften Charakter und Geduld besitzt. Unsere Regierung hat nicht wenig Fehler gemacht, wir hatten in den Jahren 1941 - 1942 Augenblicke einer verzweifelten Lage, als unsere Armee zurückwich und die uns lieben und teuren Dörfer und Städte der Ukraine, Belorußlands, der Moldau, des Leningrader Gebiets, der baltischen Länder und der Karelisch-Finnischen Republik aufgab, weil kein anderer Ausweg vorhanden war. Ein anderes Volk hätte zu seiner Regierung sagen können: Ihr habt unsere Erwartungen nicht gerechtfertigt, macht, daß ihr fortkommt, wir werden eine andere Regierung einsetzen, die mit Deutschland Frieden schließt und uns Ruhe sichert. Doch das russische Volk hat nicht so gehandelt, denn es glaubte daran, daß die Politik seiner Regierung richtig war, und brachte Opfer, um die Niederwerfung Deutschlands zu gewährleisten. Und dieses Vertrauen des russischen Volkes zur Sowjetregierung hat sich als der entscheidende Faktor erwiesen, der den historischen Sieg über den Feind der Menschheit, über den Faschismus, gesichert hat.
Dem russischen Volk sei für dieses Vertrauen gedankt!“3)
Über die Rolle Stalins als Oberster Befehlshaber und seinen Beitrag in der Ausarbeitung der marxistisch-leninistischen Militärtheorie- und politik im Großen Vaterländischen Krieg geben vor allem die Generäle der Roten Armee in ihren Erinnerungen, Archive und Dokumente Auskunft, die darum ausführlich im vollen Wortlaut dokumentiert werden, des weiteren von führenden Staatsmännern und Militärs der westlichen Alliierten. Aufsätze und Reden Stalins sind während der Zeit des Krieges verständlicher Weise seltener.
Der sich als Militärtheoretiker verstehende Dmitri Wolkogonow der Glasnostperiode kommt um die Aussagen der Generäle des Großen Vaterländischen Krieges nicht herum, denen er bescheinigt. daß deren „Äußerungen auf ihre Art auch richtig sein“ würden. Da diese Aussagen aber nicht in seine Anti-Stalin-Konzeption passen, werden sie zugleich mit der Bemerkung, daß sie nur schreiben „durften, was von der Politischen Hauptverwaltung der Sowjetarmee und der Seekriegsflotte erlaubt war, als historische Quelle entsorgt. Wolkogonow erklärt, daß alle „negativen und kritischen Bemerkungen an die Adresse des Obersten Befehlshaber (d.h. Stalin, UH) ... als ‘Ehrabschneiderei’ gewertet“ wurden.4)
Wenn solche Einschränkungen nach der berüchtigten Geheimrede Chruschtschows von 1956 bestanden haben sollten, dann spricht dies nicht einmal gegen die Hauptverwaltung. Aber nicht dies ist wichtig. Wer die Erinnerungen der Generäle kennt, hier seien stellvertretend für alle genannt: Shukow, Konew, Merezkow, Rokossowski, Admiral Kusnezow, kennt auch deren Charaktere. Zwischen ihnen und Stalin gab es nicht selten harte Auseinandersetzungen, die zum Teil in sehr grober Form ausgetragen wurden. Es ist unglaubhaft, daß sich Charaktere wie Shukow, Konew, Rokossowski, Merezkow, Tschuikow, Admiral Kusnezow u.a. die sich mit Stalin auseinandergesetzt haben, von einer Hauptverwaltung, vielleicht von Wolkogonow (?), der nach eigener Angabe fast zwei Jahrzehnte in der Hauptverwaltung gearbeitet5) hatte, vorschreiben ließen, was sie schreiben „durften“ und was nicht. Shukow und Konew, die nach dem Tode Stalins den allmächtigen Berija, der die DDR an die BRD verkaufen wollte, verhaften, vor Gericht stellen und erschießen ließen, die dem Kurs Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU offen paroli boten, werden sich von der Hauptverwaltung Vorschriften machen lassen, was sie schreiben durften und was nicht!
In diesem Zusammenhang ist ein Gespräch zwischen Stalin und Shukow im Winter 1941/42 aufschlußreich, an dem Rokossowski teilgenommen hatte. Stalin hatte Shukow beauftragt, eine kleinere Operation im Raum der strategisch wichtigen Bahnstation Mga (an der Leningrader Front, UH) durchzuführen, um die Lage der Leningrader zu erleichtern. Shukow erklärte, daß sich dieses Ziel nur durch eine große Operation erreichen ließe. „Einverstanden, Genosse Shukow“, entgegnete Stalin, „aber uns fehlen die Mittel dazu, das muß man berücksichtigen.“ „Dann wird nichts daraus. Der Wunsch genügt nicht zum Erfolg.“ Shukow beharrte auf seinem Standpunkt. Obwohl Stalin sichtlich aufgebracht war, blieb Shukow bei seiner Meinung. „Gehen Sie und überlegen Sie es sich noch einmal, Genosse Shukow“, meinte Stalin schließlich.
Diese Geradlinigkeit Shukows hatte Rokossowski imponiert. Er sagte ihm aber unter vier Augen, daß er „dem Obersten Befehlshaber gegenüber einen so krassen Ton nicht für angebracht hielte.“ „Das ist noch gar nichts. Mitunter geht es ganz anders zwischen uns her“, erwiderte Shukow.6)
General K.W. Krainjukow, Erstes Kriegsratmitglied der 1. Ukrainischen Front, äußerte sich ähnlich wie Rokossowski über Shukow, daß er „mitunter schroff“ war und „unnötige Härte“ zeigte. Shukow habe einmal dazu erklärt: „Ich gestehe, zum Diplomaten bin ich nicht geboren. Zuweilen spreche ich wirklich ziemlich scharf, aber dafür offen. Wenn es um das Schicksal Tausender Menschen geht und um den Erfolg einer Schlacht, hat man nicht immer Zeit und Möglichkeit, nach höflichen Worten zu suchen. So kommt es eben zuweilen zu solchen, die unangenehm in den Ohren klingen.“6a)
Es gab auch Auseinandersetzungen zwischen Stalin und anderen Generalen, wie noch zu zeigen sein wird. Die Sprache war im allgemeinen grob. Es war dies kein spezielles Charakteristikum von Stalin. Diese Auseinandersetzungen beweisen zugleich, daß man Stalin auch widersprechen konnte, ohne dafür gleich erschossen zu werden.
Admiral Kusnezow schrieb: „Häufig wurde ich nach dem Krieg gefragt, ob es stimme, daß Stalin keinen Widerspruch vertragen habe. Diese Frage kann man nicht einfach mit einem kurzen Ja oder Nein beantworten. Manchmal duldete Stalin wirklich keinen Widerspruch. Doch häufig hörte er Einwände geduldig an, und wer eine eigene Meinung hatte, gefiel ihm oft sogar. Das ist nicht nur meine Ansicht. Im April 1968 sprach ich über dieses Thema mit Marschall Rokossowski. Er sagte unumwunden: ‘Wenn es mir gelang, meinen Standpunkt zu begründen, stimmte mir Stalin immer zu.’ Natürlich kam es vor, daß Stalin einen Gesprächspartner unterbrach, sogar sehr scharf. Aber das tat er nur, wenn er meinte, der Kern des Problems sei nicht erfaßt. Er liebte fundierte, überzeugende, durchdachte Vorträge.“6b)
Aber selbst Wolkogonow kommt nicht um eine differenziertere Einschätzung Stalins als Militär herum, wenn er Stalins Denken bescheinigen muß, daß er „in einzelnen Bereichen vielen hohen sowjetischen Militärs einiges voraus“ hatte. Wolkogonow kann auch zugestimmt werden, wenn er meint, daß Stalin „kein Feldherr im eigentlichen Sinne des Wortes“ gewesen wäre, sondern ein „politischer Führer“, der „als erster Mann des Landes einen tieferen Einblick als sie (die Generale, UH) in die Abhängigkeit des bewaffneten Kampfes von einer ganzen Skala von anderen, ‘nichtmilitärischen’ Faktoren besaß (des ökonomischen, sozialen, technischen, politischen, diplomatischen, ideologischen und nationalen Faktors) und die tatsächlichen Möglichkeiten des Landes, seiner Industrie und Landwirtschaft besser kannte als die Mitglieder des Hauptquartiers und die Oberbefehlshaber der Fronten. Stalins Denken war gewissermaßen universeller und eng mit einem großen Kreis von nichtmilitärischen Kenntnissen verbunden. Diesen Vorzug verdankte er ... seiner Stellung als Staatsmann, Politiker und Parteifunktionär. Der Aufgabenbereich eines Feldherrn, eines Militärs, war nur einer von vielen, die ein Staatsmann seines Ranges hatte.“7)
Ein FOB konzentrierte sich auf das Kriegsgeschehen an seiner Front, was er an Armeen, Waffen, Ausrüstungen etc. benötigte, erhielt er vom HQ oder forderte er vom HQ an. Der Oberste Befehlshaber hatte aber alle Fronten, vom Nordmeer bis zum Kaukasus und im Fernen Osten, im Auge zu halten und mußte sich um die Produktion von Waffen, Ausrüstungen, landwirtschaftlichen Produkten, Lazaretten, Transportmitteln, strategischen Reserven und manches mal sogar um solche profanen Dinge wie Stiefel für eine Division an der Front sorgen, die komplizierten Beziehungen zu den Alliierten berücksichtigen. Die FOB hatten vor allem mit taktisch-operativen Fragen an ihrer Front zu tun, in die sich Stalin rasch einarbeitete.
Die Entscheidung über die Verteilung der vorhandenen, begrenzten menschlichen Reserven und materiellen Kampf- und Versorgungsmittel an die einzelnen Fronten sowie außenpolitische Fragen, z.B. Verhinderung eines Kriegseintritts Japans und der Türkei an der Seite des faschistischen Deutschlands, Fragen der Errichtung der zweiten Front, oblagen in letzter Instanz dem Obersten Befehlshaber.
Die in diesem Fall begrenzten Verantwortungsbereiche der FOB und der universelle Verantwortungsbereich Stalins bildeten den Stoff, aus dem zuweilen Auseinandersetzungen zwischen ihnen entstanden, die letztendlich sachlich entschieden wurden, auch wenn der Ton zeitweilig zwischen ihnen rauh war. Shukow, so Rokossowski, war auch nicht gerade ein sehr bequemer Vorgesetzter. „Trotzdem bleibt Shukow in meinen Augen eine Persönlichkeit mit allen Eigenschaften eines großen Heerführers, wie Willensstärke, Entschlossenheit und Genialität.“8)
Abschließend zur Einschätzung der Funktion eines Obersten Befehlshabers im Kriege sei ein Satz von dem in diesen Fragen „unbelasteten“ preußischen Militätheoretikers Clausewitz zitiert: „Um einen ganzen Krieg oder seine größten Akte, die wir Feldzüge nennen, zu einem glänzenden Ziel zu führen, dazu gehört eine große Einsicht in die höheren Staatsverhältnisse. Kriegführung und Politik fallen hier zusammen und aus dem Feldherrn wird zugleich der Staatsmann.“9)
In der Darstellung der Ausarbeitung der marxistisch-leninistischen Militärtheorie ist nicht genau festzustellen, wer was ausgearbeitet hat, Stalin oder dieser oder jener General. Die Beiträge der einzelnen Generale bzw. Stalins lassen sich nicht quantifizieren. Darum wurde von mir auch der Titel „Beiträge“ Stalins zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und -poli-tik gewählt, weil sie ihm nicht allein zugeschrieben werden kann. Aber es ist nicht zu leugnen, ohne sich lächerlich zu machen, daß Stalin einen hohen Anteil daran hatte und für ihre Umsetzung in der Praxis des Krieges die Hauptverantwortung trug.
Über den Beginn des Raub- und Eroberungskrieges des faschistischen deutschen Imperialismus gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 ranken sich bis heute in der bürgerlichen, trotzkistischen und revisionistischen Historiographie bezüglich der Reaktionen Stalins die wunderlichsten Geschichten.
Er sei jämmerlich zusammengebrochen, wäre sprachlos gewesen, die Rote Armee wäre auf einen Angriff nicht vorbereitet gewesen, er habe „Hitler vertraut“, er wäre der „betrogene Betrüger“ gewesen, hätte alle Warnungen mißachtet etc.. Die Anfangserfolge der deutschen Wehrmacht seien auf die „Enthauptung“ der Roten Armee durch Stalin zurückzuführen.9a) Bei Unterschieden in den diversen unsinnigen Darstellungen ist allen gemeinsam: überprüfbare Fakten, Archivmaterialien und die Aussagen der sowjetischen Generale werden ignoriert. Shukow hat der Frage der Vorbereitung der Sowjetunion auf einen Angriff des faschistischen deutschen Imperialismus und der Rolle Stalins bei Ausbruch des Krieges in seinen Erinnerungen zwei Kapitel mit insgesamt 119 Seiten gewidmet.10)
Nach dem Bürger- und Interventionskrieg haben Lenin (bis zu seinen Tode) und Stalin wiederholt darauf hingewiesen, daß der Sowjetunion nur eine Atempause vor einem neuen imperialistischen Angriffskrieg gewährt sei. Stalin hatte bezüglich des faschistischen deutschen Imperialismus und dessen Werkzeug Hitler auch nicht die geringsten Illusionen. Dies ist aktenkundig.11) Wie ihm auch von Wolkogonow bescheinigt wurde, habe Stalin die Verteidigungsindustrie mit größtem Nachdruck gefördert.
Shukow bestätigte, „daß sich Stalin sehr viel um die Verteidigungsindustrie kümmerte; er kannte viele Betriebsdirektoren, Parteiorganisatoren, Chefingenieure, traf oft mit ihnen zusammen und drängte mit der ihm eigenen Beharrlichkeit auf Erfüllung der Betriebspläne.“ Es wäre eine „forcierte Entwicklung der Verteidigungsindustrie in den Vorkriegsjahren zu verzeichnen“ gewesen.12)
Aus der Sicht der Nachkriegszeit ist es natürlich leicht zu sagen, man hätte auf die eine oder andere Art von Waffen größeres Gewicht legen müssen. Shukow räumt ein, daß sie als Militärs in den allerletzten Friedensmonaten von der Industrie mehr verlangten, als die „realen Möglichkeiten des Landes“ zuließen.13)
Mitte März 1941 drängten Marschall Timoschenko, Volkskommissar für Verteidigung, und Shukow Stalin, die militärdienstpflichtigen Reservisten in die Schützendivisionen einzuberufen. Anfangs lehnte Stalin ab, mit dem Hinweis, daß diese Einberufung „die Faschisten zum Krieg herausfordern könnte.“
Aber bereits Ende März wurden 500.000 Soldaten und Sergeanten in die grenznahen Militärbezirke einberufen, einige Tage später folgten weitere 300.000 Reservisten. Somit standen am Vorabend des Krieges etwa 170 Divisionen in den grenznahen Militärbezirken bereit, 19 Divisionen mit 5.000 bis 6.000 Mann, 144 Divisionen mit im Durchschnitt 8.000 bis 9.000 Mann, insgesamt etwa 1.300.000 Mann.14)
Von 1939 bis zum 22. Juni 1941 erhielt die Rote Armee über 7.000 Panzer.15) Die Panzer waren zum Teil veraltet, mit Benzin-Motoren ausgestattet, die unter Beschuß leicht in Brand gerieten. Bei Kriegsbeginn hatten erst 1.861 moderne KW-Panzer und der legendäre T 34 - Panzer die Werke verlassen. Neue Panzer trafen erst seit dem zweiten Halbjahr 1940 in geringer Stückzahl in den grenznahen Militärbezirken ein.16)
Die Absicht des Generalstabes, 1940 in größerem Umfange neue mechanisierte Korps, Panzerdivisionen und motorisierte Divisionen aufzustellen, stießen zunächst auf Vorbehalte Stalins. Erst im März 1941 wurde beschlossen, 20 mechanisierte Korps aufzustellen.17)
Woraus erklärten sich die Vorbehalte Stalins gegenüber den militärisch begründeten Forderungen des Generalstabs? Shukow erklärt es: „Wir hatten jedoch bei unserer Forderung die objektiven Möglichkeiten unserer Panzerindustrie nicht genügend berücksichtigt. Für die volle Ausstattung der neuen mechanisierten Korps wurden allein 16.600 Panzer neuer Typen benötigt; insgesamt aber rund 32.000 Kampfwagen. Eine derartige Menge konnte beim besten Willen nicht in Laufe eines Jahres hergestellt werden, ganz abgesehen davon, daß für die vorgesehenen Korps auch technisches Personal und Kommandeure fehlten. Bis zum Überfall hatten wir nicht einmal die Hälfte der im Aufbau begriffenen Korps ausrüsten können...“18)
Die unterschiedlichen Auffassungen bezüglich der Panzerverbände zwischen Generalstab und Stalin erklärten sich also aus dem Verhältnis von Ökonomie und Militär. Die Generale sahen offenbar nur die militärische Notwendigkeit, Stalin nicht nur diese, sondern auch die begrenzte Leistungsfähigkeit der derzeitigen Industrie.
Nach Archivunterlagen erhielt die Rote Armee vom 1. Januar 1939 bis zum 22. Juni 1941 insgesamt 29.637 Feldgeschütze, 52.407 Granatwerfer insgesamt, einschließlich Panzerkanonen; 92.578 Geschütze und Granatwerfer.19) Bis zum Kriegsbeginn hatte die Hauptverwaltung die starke reaktive Waffe wie die BM-B, im Volksmund später „Katjuscha“ bezeichnet (von deutschen Soldaten „Stalinorgel“ genannt, UH) noch unterschätzt. Jedoch schon die ersten Salven dieser Waffe bei Orscha schlug die deutschen Truppen in die Flucht. Erst im Juni 1941 begann die Serienproduktion dieser Waffe, Stalin hielt nach Shukow die Artillerie für eine der wichtigsten Waffen im Kriege und schenkte daher ihrer Entwicklung große Aufmerksamkeit. Stalin kannte die für die Produktion von Waffen und Munition verantwortlichen Funktionäre, die Chefkonstrukteure für Artilleriesysteme, die Generale I.I. Iwanow und W.G. Grabin persönlich, „kam oft mit ihnen zusammen und vertraute völlig ihrer Sachkenntnis.“20)
Im sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1939/40 zeigten sich ernste Probleme mit der Artillerie. Der Oberbefehlshaber des Leningrader Militärbezirks, General K.A. Merezkow, berichtete, daß die Bunker der finnischen Grenzbefestigungen, der sogenannten „Mannerheimlinie“, der sowjetischen Artillerie standhielten.
„Den größten Kummer aber bereiteten uns die Bunker selbst. Vergeblich bemühten wir uns immer wieder, sie durch Artilleriebeschuß zu zerstören; unsere Granaten vermochten sie nicht zu durchschlagen. Stalin war aufgebracht, die Erfolglosigkeit unserer Handlungen könne sich auf unsere Politik auswirken. Die ganze Welt blicke auf uns. Die Sicherheit der Sowjetunion beruhe auf dem Ansehen der Roten Armee. Wenn wir für längere Zeit vor einem so schwachen Gegner steckenblieben, förderten wir damit die sowjetfeindlichen Absichten der Imperialisten.
Nach der Berichterstattung vor Stalin in Moskau wies man mich an, unmittelbar die gewaltsame Aufklärung zu leiten und das Geheimnis der finnischen Bunker zu ergründen. Ich befahl, die Aufklärung in drei Richtungen durchzuführen. Dabei stellten wir zwar Lage und Anzahl der Bunker fest, kannten aber immer noch nicht ihre Beschaffenheit. Ich stellte deshalb einem Pionierkommandeur mit einer Gruppe Pioniere die Aufgabe, einen der Bunker im rückwärtigen Raum der Finnen zu sprengen, seine Abdeckung zu studieren und einen Betonbrocken als Probe mitzubringen. Ein wissenschaftliches Forschungsinstitut in Moskau überprüfte die Zusammensetzung des Betons. Besonders hochwertiger Zement bewirkte, daß normale Artillerie den Beton nicht durchschlagen konnte. Außerdem waren bei vielen Bunkern die Aufenthaltsräume für die Besatzungen an der Schießschartenseite durch mehrere Lagen Panzerplatten gesichert. Die anderthalb bis zwei Meter starken Eisenbetonwände und -decken waren zusätzlich durch eine zwei bis drei Meter starke Schicht gestampften Bodens geschützt.
Nach einer Beratung mit Woronow entschlossen wir uns, die Bunker unter den gezielten Beschuß überschwerer Geschütze zu nehmen. Zu diesem Zweck führten wir Artillerie der Reserve des Oberkommandos mit einem Kaliber von 203 bis 280 Millimetern möglichst nah an die vorderste Linie heran, eröffneten in direktem Richten das Feuer gegen die Bunker und ihre Schießscharten. Der Erfolg zeigte sich augenblicklich. Jetzt galt es, ein Zusammenwirken der verschiedenen Waffengattungen zu organisieren.“21)
Ein Schwachpunkt der Ausrüstung der Roten Armee war der Mangel an modernen Nachrichtenmitteln. Das Funknetz des Generalstabs war nur sehr unvollkommen mit modernen Funkanlagen ausgestattet. Für die grenznahen Militärbezirke im Westen standen nur 27 Prozent der vorgesehenen Funkgeräte zur Verfügung, dem Kiewer 30 Prozent, dem Baltischen 52 Prozent. Ähnlich verhielt es sich mit dem Fernmeldewesen. Die dafür verantwortlichen Dienststellen waren „nicht auf eine Arbeit unter Kriegsbedingungen vorbereitet.“22) Auf dringende Forderungen des Generalstabs, das Telefon- und Telegrafennetz, das Funk- und Fernschreibnetz in Ordnung zu bringen, gab Timoschenko eine abschlägige Antwort: „Ich bin mit Ihrer Einschätzung einverstanden, glaube aber kaum, daß sich jetzt etwas Ernsthaftes unternehmen läßt, um alle diese Mängel sofort zu beseitigen. Ich war gestern bei Genossen Stalin. Er hat ein Fernschreiben von Pawlow erhalten und angeordnet, ihm zu übermitteln, daß wir, bei aller Berechtigung aller seiner Forderungen augenblicklich keine Möglichkeiten haben, sie zu erfüllen.“23)
Es waren also weder Kurzsichtigkeit noch Unfähigkeit Stalins, daß die erkannten Mängel nicht rechtzeitig beseitigt werden konnten, sondern einfach die fehlenden Arbeitskräfte, um die berechtigten Forderungen der Armee erfüllen zu können. Für die Verbesserungen waren umfangreiche Erdarbeiten erforderlich.
Shukow wies auch darauf hin, daß dieser Sachverhalt in der Ausbildung der Kommandeure zu Versäumnissen führte. „Die Kommandeure mieden den Funkverkehr und bevorzugten die Drahtverbindungen.... Der Fernverkehr in den Kampffliegereinheiten, im Flugplatznetz, in den Panzereinheiten und Truppenteilen, wo Drahtverbindungen unmöglich sind, bereitete Schwierigkeiten.“24) Welche Rolle Nachrichtenmittel im modernen Krieg spielen, braucht nicht besonders betont zu werden.
Dem Aufbau der Luftstreitkräfte widmeten Partei und Regierung große Aufmerksamkeit.25) Nach Archivunterlagen erhielt die Rote Armee vom 1. Januar 1939 bis 22. Juni 1941 17.745 Kampfflugzeuge, darunter 3.719 Flugzeuge neuer Typen.26)
Shukow erklärte ausdrücklich: „Das ZK der KPdSU (B) und Stalin persönlich widmeten den Flugzeugkonstrukteuren viel Zeit und Aufmerksamkeit. Ich glaube sagen zu können, daß Stalin sogar eine gewisse Vorliebe für die Luftflotte hatte.“27)
Aber auch auf diesem Gebiet zeigte sich, daß die Industrie „den Anforderungen der Zeit nicht gewachsen“ war. Etwa 75 bis 80 Prozent der Gesamtzahl der Maschinen waren flugtechnisch gleichartigen Typen des faschistischen Deutschlands unterlegen. Höchstens 21 Prozent der Fliegertruppenteile konnten mit modernen Maschinen ausgestattet werden. General Schtemenko schrieb über die sowjetischen Luftstreitkräfte:
„Im Jahre 1938 produzierte die UdSSR 5.469 Maschinen, im Jahre 1939 waren es 10.382 und 1940 10.565. Im gleichen Zeitraum baute Deutschland 5.235, 8.295 beziehungsweise 10.826 Flugzeuge aller Typen.
Ab 1939 ergriff die UdSSR außerordentliche Maßnahmen zur Stärkung der Produktionsbasis der Flugzeugindustrie, zur Erweiterung der Konstruktionsorganisationen für die Schaffung neuer Kampfflugzeuge aller Typen sowie zur Aufnahme der Massenproduktion. Jedoch am Vorabend des Krieges ähnelte die Lage bei den Flugzeugen bis zu einem gewissen Grade der bei den Panzern. Die Industrie lieferte zwar große Mengen Flugzeuge, aber ihren taktisch-technischen Daten nach waren sie - nach der realen Analyse des berühmten sowjetischen Flugzeugkonstrukteurs Jakolew - teils veraltet und teils den Erfordernissen des Krieges nicht gewachsen. Unnötigerweise bevorzugte man bei uns langsame Bombenflugzeuge mit geringerem Aktionsradius, die Angriffen von Jagdflugzeugen gegenüber wehrlos waren.
So war die Sowjetunion, die an sich eine für damalige Verhältnisse leistungsfähige Flugzeugindustrie besaß, gezwungen, den Flugzeugpark in kürzester Frist zu erneuern. Leider fehlte uns trotz des erreichten hohen Tempos auch hierfür die Zeit. Im Jahre 1940 konnten nur 64 Jagdflugzeuge Jak 1 und 20 MiG3 produziert werden, Sturzkampfbomber Pe2 gab es nur zwei Maschinen. Im ersten Halbjahr 1941 betrug dagegen die Produktion an modernen Jagdflugzeugen Jak 1, MiG 3 und LaGG 3 insgesamt 1.946, an Bombenflugzeugen Pe 2.458 und an Schlachtflugzeugen II 2 249 Maschinen. Alles in allem waren es also über 2.650 Maschinen.
Am 25. Februar 1941 faßten das Zentralkomitee der Partei und der Rat der Volkskommissare der UdSSR den wichtigen Beschluß ‘Über die Reorganisation der Fliegerkräfte der Roten Armee’. Er legte den Plan für die Umrüstung der Fliegertruppenteile, für die Aufstellung neuer Fliegerregimenter, für Luftverteidigungszonen und Vorschriften für die Ausbildung der Piloten an den neuen technischen Kampfmitteln fest. Dieses Dokument beschleunigte zweifellos die Vorbereitung unserer Luftstreitkräfte auf den Krieg.
Schon lange vor dem Krieg wurden in der Sowjetunion zahlenmäßig starke Luftlandetruppen geschaffen, die es bis dahin noch in keiner anderen Armee der Welt gab. Ausländische Beobachter waren über unsere Errungenschaften auf diesem Gebiet überrascht, die wir erstmalig bei den Manövern des Besonderen Kiewer Militärbezirks im Jahre 1935 und danach in Belorußland demonstrierten. Bis 1940 verdoppelte sich die Stärke unserer Luftlandetruppen.“27a)
Shukows Einschätzungen der Vorbereitung der sowjetischen Kriegsmarine sind sehr kurz gehalten. Wie er schrieb, konnte er sich nach seinem Amtsantritt als Generalstabschef „nicht eingehender mit der Marine vertraut machen.“ Er wies auf kühle Beziehungen zwischen ihm und Admiral N.G. Kusnezow hin, zu denen er sich jedoch nicht weiter äußerte. Bezüglich Stalin äußerte er lediglich, daß er „zur Erörterung von Flottenfragen weder den Volkskommissar für Verteidigung noch den Generalstabschef hinzuzog.“28)
Nach Schtemenko hatte die Seekriegsflotte bedeutende Fortschritte gemacht:
„Einheimische Werften bauten für sie über 500 Schiffe verschiedener Klassen. Besonders schnell wuchs die Gefechtsstärke unserer Flotte vor Ausbruch des Krieges. Beim Überfall des faschistischen Deutschlands standen 3 Schlachtschiffe, 7 Kreuzer, 59 Zerstörer, 218 U-Boote, 269 Torpedoschnellboote und über 2.500 Flugzeuge im Dienst.
Die seit dem 25. Juli 1933 im Norden stationierte Kriegsflottille wurde am 11. Mai 1937 in die Nordflotte umgegliedert. Dank dem beschleunigten Schiffbau verfügte diese jüngste unter unseren Flotten zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges über eine beachtliche Gefechtsstärke an Unter- wie an Überwasserschiffen. Die Küstenverteidigung und die Fliegerkräfte waren gut entwickelt.
Auch unsere traditionellen alten Flotten, vor allem die Baltische Rotbannerflotte, wuchsen und wurden vervollkommnet. Sie erhielten neue Stützpunkte, wie Tallinn, Hanko und andere, die im bewaffneten Kampf auf diesem Seekriegsschauplatz eine positive Rolle spielten.“28a)
Wie Admiral Kusnezow berichtete, fand im Dezember 1938 eine Tagung des Obersten Militärrates der Seekriegsflotte statt. Es ging um Fragen der „Schaffung einer großen Flotte für weite Seeräume“, um Probleme der Küstenverteidigung, um die Ausarbeitung einer neuen Gefechtsvorschrift der Seestreitkräfte und einer Instruktion zur Leitung von Seeoperationen. Die Zuspitzung der internationalen Lage sowie die Kriegsdrohung ließen es riskant erscheinen, langfristige Pläne für den Ausbau der Seekriegsflotte aufzustellen. Für den Aufbau einer großen Flotte, vor allem Großkampfschiffen, sind Zeit und sehr hohe Investitionen erforderlich, die die sowjetische Wirtschaft nicht aufbringen konnte. Die Sicherung der materiell-technischen Ausrüstung der Landstreitkräfte und Luftwaffe hatten Priorität. An der Schlußsitzung der Dezembertagung nahmen auch Stalin, Molotow, Shdanow und Woroschilow teil.
„Stalin hörte sehr aufmerksam zu, stellte viele Fragen und machte im Verlauf der Sitzung Zwischenbemerkungen.
Man spürte, daß er die Meinung der Flottenführer über die verschiedenen Schiffsklassen erfahren wollte. Zum erstenmal tauchten, wenn auch indirekt, Fragen der Marinedoktrin im Zusammenhang mit dem Bau einer großen Flotte und Fragen der Veränderungen auf, die in unseren Direktiven und Dienstvorschriften vorgenommen werden mußten.
Wie ich mich entsinne, kritisierte Stalin die Formulierung von den ‘komplizierten Gefechtsformen’, die im Befehl für die Gefechtsausbildung im Ausbildungsjahr 1939 enthalten war. Sein Gedanke lief darauf hinaus, daß ein kompliziertes Gefecht erst in Zukunft möglich sei, wenn wir Schlachtschiffe, Kreuzer und andere große Schiffe besitzen würden; doch vorläufig wären wir auf See noch schwach, die Aufgaben unserer Flotte seien noch sehr begrenzt. ‘Acht bis zehn Jahre müssen wir noch warten, bis wir auf See stark sind’, sagte er. Konkreter wurden Probleme der Ausbildung von Kadern für die künftigen Schiffe behandelt. Dabei wurde die Frage der Längerdienenden berührt und der Gedanke geäußert, für die Flotte besonders die jungen Männer einzuberufen, die aus den Küstengebieten stammen oder mit der See verbunden sind. Bereits vor ihrer Einberufung zum Militärdienst sollten sie ausgewählt werden.
Im Obersten Militärrat der Seekriegsflotte sprach Stalin den Gedanken aus, daß die Schaffung einer großen Flotte zu neun Zehnteln in der Ausbildung ihrer Kader bestehe. Er riet, der praktischen Ausbildung der künftigen Kommandeure mehr Aufmerksamkeit zu schenken und zu diesem Zweck eventuell einige Schulschiffe im Ausland zu kaufen.
Aufgeworfen wurden auch Fragen des Baues von Flottenstützpunkten, einer Hilfsflotte und von Schiffsreparaturwerften. Diese Worte wurden nicht in den Wind gesprochen. Bald setzte in allen Flotten eine stürmische Bautätigkeit ein. Damals entstand auch der Plan, den Handelshafen von Wladiwostok nach Nachodka zu verlegen. Und im März/April 1939 wurden Shdanow und ich eigens zu diesem Zweck nach dem Fernen Osten geschickt, um alles an Ort und Stelle zu prüfen.
Stalins Warnung, nicht zu warten, bis der Gegner angriffe, sondern schon jetzt dessen Möglichkeiten und seine verwundbaren Stellen aufzuklären, die Wachsamkeit und Gefechtsbereitschaft zu erhöhen, ist mir in Erinnerung geblieben.“28b)
Kritisch äußerte Kusnezow, daß ihnen kleine Flugzeugträger fehlten, „ohne die bereits damals die Zerstörer und Kreuzer auf Dauer nicht mit Erfolg kämpfen konnten.“28c)
Die Seefliegerkräfte unterschieden sich nur wenig von den Fliegerkräften der Armee. Viele Bombenflugzeuge der Armee wurden als Torpedoträger und zum Minenlegen eingesetzt. Mit insgesamt 2.581 Flugzeugen seien die Seefliegerkräfte zahlenmäßig für die ausgedehnten Küsten (40.000 km Seegrenzen, UH) zu schwach. Sie bestanden in der Regel aus veralteten Typen. Schnelle Bomber und Jagdflugzeuge hatten sie nur wenige, Sturzkampfflugzeuge und Schlachtflugzeuge, die für Seeziele „am besten geeignet sind“, fehlten völlig. Mit Artillerie waren sie besser ausgerüstet, aber mit der Luftabwehr haperte es. Funkmeßmittel für Schiffe und Flottenstützpunkte waren nicht ausreichend entwickelt. Während die Torpedos bezüglich ihrer Qualität hervorzuheben waren, blieben die Minenwaffe und Minenabwehr hinter den Erfordernissen zurück.28d)
Anfang 1940 begann der Bau neuer „Befestigter Räume“ an der Westgrenze. Dabei kam es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Marschall Kulik, Marschall Schaposchnikow und Shdanow, Mitglied des Hauptmilitärrates, einerseits und Marschall Timoschenko und Shukow andererseits über die Artillerie in den alten Anlagen. Die ersteren wollten die Artillerie ausbauen und in den neuen Anlagen einbauen. Die Frage wurde Stalin vorgetragen, der sich der Meinung von Kulikow, Schaposchnikow und Shdanow anschloß und anordnete, einen Teil der Geschütze aus weniger wichtigen Abschnitten auszubauen und in die westliche und südwestliche Richtung zu verlegen.
Die alten Befestigten Räume waren von 1925 bis 1935 angelegt und vor allem mit Maschinengewehren bestückt worden. Von 1938 bis 1939 wurden eine Reihe von den ständigen Feuerpunkten mit Geschützen verstärkt.
Nach einer nochmaligen Meldung an Stalin stimmte er zu, einen Teil der Bewaffnung in den abzubauenden Bereichen zu belassen.29)
Die Befestigten Räume an der alten Staatsgrenze (vor der Befreiung der von Polen 1920 besetzten Gebiete Belorußlands und der Ukraine, UH) wurden nach Shukow nicht geschleift und nicht abgerüstet, wie in einigen Beiträgen fälschlich behauptet werde. Sie sollten noch verstärkt werden, was nach dem Überfall am 22. Juni nicht mehr erfolgen konnte. Die Bauarbeiten an den neuen Befestigten Räumen wurden auf wiederholte Weisungen von Timoschenko und des Generalstabes beschleunigt. Bei diesen Arbeiten waren täglich bis zu 140.000 Mann eingesetzt. „Auch Stalin drängte zur Eile.“30)
Als ein ernstes Problem erwies sich die Versorgung der Artillerie mit Munition. „Es fehlten Granaten für Haubitzen, Flieger- und Panzerabwehrgeschütze. Besonders schlecht stand es um Munition für neueste Artilleriesysteme.“ Anforderungen der Volkskommissariate für Munition und Verteidigung an die Munitionsversorgung für das Jahr 1941 konnten nach Meinung von N. A. Wosnessenski31) und anderen für die Munitionsversorgung verantwortlichen Genossen höchstens zu 20 Prozent erfüllt werden. Nach wiederholten Vorstellungen bei Stalin wurde ein Beschluß über die Erzeugung einer „bedeutend höheren Menge Munition im zweiten Halbjahr 1941 und Anfang 1942“ gefaßt.32) Es gab keine Zahlenangaben. Wieweit dieser Beschluß noch realisiert werden konnte, darüber fehlen Angaben.
Timoschenko, der Generalstab und auch Shukow ordneten an, angesichts des drohenden Krieges die materiell-technischen Mittel in größere Nähe der Truppen zu lagern, was sich, wie sich später herausstellten sollte, als Fehler erwies. „Als der Krieg ausbrach, fielen die Bestände der Militärbezirke bald dem Gegner in die Hände, wodurch die Versorgung der Truppen und die Aufstellung von Reserven erschwert wurde.“33)
Den begrenzten materiellen Möglichkeiten der sowjetischen Industrie stellte Shukow das Potential der faschistischen deutschen Wehrmacht gegenüber. Zum Zeitpunkt des Überfalls auf die UdSSR verfügte Deutschland fast über sämtliche ökonomischen und militärstrategischen Ressourcen Europas. Die Wehrmacht konnte mit modernster Kampftechnik und ausreichenden Mengen materieller Mittel ausgestattet werden, im Westen gab es zu diesem Zeitpunkt keine nennenswerte Bedrohung.
Produktion vor 22. Juni 1941 in Millionen Tonnen
Stahl Kohle
Deutschland 31,8 439 (einschl. besetzte Länder -257,4 Eigenproduktion)
Lediglich das Erdöl bildete für die deutsche Kriegswirtschaft einen Engpaß, der durch Importe rumänischen Erdöls, durch Vorräte und Produktion synthetischen Treibstoffs zum Teil ausgeglichen werden konnte. Die Rüstungsproduktion Deutschlands erzeugte 1941 über 11.000 Flugzeuge, 5.200 Panzer und Panzerkraftwagen, 30.000 Geschütze verschiedenen Kalibers, rund 1,7 Millionen Karabiner, Gewehre, Maschinenpistolen. Hinzu kamen die von den unterworfenen Ländern geraubten Waffen sowie die Waffenproduktion der Satelliten.34)
Bis zum Juni 1941 bestand die Gesamtstärke der deutschen Wehrmacht aus 8.500.000 Mann; etwa 208 voll aufgefüllte Divisionen waren einsatzbereit. Nach Angaben der sowjetischen Aufklärung standen bis zum 1. Juni 1941 120 deutsche Divisionen an der Westgrenze der UdSSR. Kurt von Tippelskirch, General der Infanterie der deutschen Wehrmacht, gab exakte Angaben über die Stärke der bereitstehenden deutschen Truppen:
„Bis zum 22. Juni, dem Tag des Angriffsbeginns, waren 81 Inf.-Div., 1 Kav.-Div., 17 Pz.-Div., 15 mot. Div., 9 Polizei- und Sicherungs-Div. in den Aufmarschräumen versammelt. Als Heeresreserven waren 22 Inf.-Div., 2 Pz.-Div., 2 mot. Div. und 1 Polizei-Div. noch im Antransport. Im ganzen verfügte das Heer also, von Sicherung- und Polizei-Divisionen abgesehen, über 140 voll kampffähige Verbände.
Die Luftwaffe hatte etwa 1800 Kampfmaschinen in drei Luftflotten bereitgestellt, die mit den drei Heeresgruppen zusammenwirken sollten. Den Aufträgen der Heeresgruppen entsprechend war die Luftflotte 2 (Feldm. Kesselring), die mit der H.Gr. Mitte zusammenwirkte, am stärksten; sie umfaßte die Hälfte der verfügbaren Kräfte. Die im Süden eingesetzte Luftflotte 4 (Gen.-Oberst Löhr) war etwas stärker als die für den Norden vorgesehene Luftflotte 1 (Gen.-Oberst Keller).“ 34a)
Die Gesamtstärke der Roten Armee betrug zu diesem Zeitpunkt über rund 5.000.000 Mann.35)
Über den Kriegsbeginn sei viel geschrieben worden, meinte Shukow, „wenn auch teilweise tendenziös und ohne genügend Sachkenntnis.“36) Dem ist zuzustimmen, wenn dies auch noch sehr gelinde ausgedrückt ist.
Am Vorabend des 22. Juni waren 170 sowjetische Divisionen „auf einem riesigen Territorium mit etwa viereinhalbtausend Kilometern Frontlänge zwischen der Barentsee und dem Schwarzen Meer in 400 km Tiefe verteilt.“ Einbezogen war in diese Frontlänge auch die gesamte Küste, „die lediglich von der Küstenverteidigung und der Seekriegsflotte geschützt wurde. Zwischen Tallinn und Leningrad gab es an der Küste überhaupt keine Truppen. Daher standen unsere 170 Divisionen tatsächlich auf 3.375 Kilometer Frontlänge. Sie waren allerdings entlang der Landesgrenze keineswegs gleich dicht gruppiert.“37)
In den westlichen Grenzmilitärbezirken befanden sich nach Shukow 2,9 Millionen Mann, einschließlich Marine, mehr als 1.500 Flugzeuge neuen Typs und „ziemlich viele Flugzeuge älterer Konstruktion“, etwa 35.000 Geschütze und Granatwerfer, ohne 50 mm Granatwerfer, 1.800 schwere und mittlere Panzer davon zwei Drittel neuer Typen, und eine beträchtliche Anzahl leichter Panzer mit begrenzten Motorstunden.38)
Die KPdSU (B), ihr Generalsekretär Stalin, seit Mai 1941 auch Vorsitzender des Rats der Volkskommissare, der sowjetische Generalstab, der Volkskommissar für Verteidigung, Timoschenko, die sowjetische Industrieverwaltung hatten alles getan, um die Verteidigung der UdSSR gegen einen Angriff des faschistischen deutschen Imperialismus zu gewährleisten. Stalin war genau informiert über die Stärken und noch vorhandenen Schwächen in der materiell-technischen Ausrüstung der Roten Armee, daß zu diesem Zeitpunkt die deutsche Wehrmacht der Roten Armee ökonomisch und materiell-technisch überlegen war. Die Sowjetunion benötigte wenigstens noch ein bis zwei Jahre, um einen materiell-technischen Gleichstand zu den deutschen Rüstungen - und denen andrer imperialistischer Mächte - zu erreichen.
Im Kaukasus stand die Türkei, im Fernen Osten Japan kriegsbereit der Sowjetunion gegenüber. Unter diesen Bedingungen war es richtig, alles zu vermeiden, was den deutschen Faschisten als Vorwand hätte dienen können, einen Krieg gegen die UdSSR vom Zaune zu brechen. Stalin und die Mitglieder des Politbüros der KPdSU (B) sowie des Generalstabs waren sich bewußt, daß der Überfall kommen würde; Stalin - und nicht nur er! - wollte den Zeitpunkt so weit wie möglich hinausschieben. Zeit gewinnen, das war Stalins politisches und militärstrategisches Hauptanliegen im Juni 1941. Und hier lag die Grenze zwischen einer richtigen Politik und einem militärstrategischen Fehler von tragischem Ausmaß.
„Heute dürfte es an der Zeit sein“, schrieb Shukow, „den Hauptfehler von damals zu nennen, aus dem sich viele andere ergaben: die Fehleinschätzung der wahrscheinlichen Termine des Überfalls der faschistischen Truppen.“39)
In Polemik gegen „einige Autoren“, die behaupten, daß es vor dem Kriege „keine Mobilmachungspläne der Streitkräfte und keine strategischen Aufmarschpläne“ gegeben habe, führt Shukow an, daß es natürlich einen Operations- und Mobilmachungsplan der Streitkräfte gab.40) Es gab jedoch einen strategischen Fehler in dem Plan, der auf einer falschen These beruhte. „Stalin war überzeugt, daß der deutsche Faschismus beim Überfall auf die Sowjetunion in erster Linie bestrebt sein würde, die Ukraine mit dem Donezbecken zu besetzen, um der Sowjetunion wichtigste Wirtschaftsgebiete zu rauben und ukrainisches Getreide, Donezkohle und später auch kaukasisches Erdöl in die Hand zu bekommen.
Bei einer Besprechung des Operationsplans im Frühjahr 1941 sagte er: ‘Ohne diese lebenswichtigen Ressourcen wird das faschistische Deutschland keinen langen und großen Krieg führen können’... Die von ihm geäußerte Annahme war sachlich auch nicht unbegründet, sie ließ jedoch die gegnerischen Blitzkriegspläne gegen die UdSSR unbeachtet.“41)
Die Annahme Stalins, die Hauptstoßrichtung der faschistischen Aggressoren würde im Süden erfolgen, war auch nach Meinung von Generalleutnant A.A. Gretschko, (später Marschall der Sowjetunion) nicht unbegründet. Gretschko weist auf eine Weisung des OKW (Oberkommando der Wehrmacht) vom 21. August 1941 an den Oberbefehlshaber des Heeres hin, in der die Wichtigkeit der „möglichst schnelle(n) Besetzung der Krim und des Donezbeckens durch deutsche Truppen und ihr Vordringen nach Kaukasien“ betont wird.42)
Er zitiert des weiteren aus einer von Hitler gezeichneten Studie vom 22. August 1941 an das Oberkommando des Heeres:
„Endlich ist es auch aus politischen Gründen dringend notwendig, so schnell wie möglich in einen Raum vorzustoßen, der nicht nur für Rußland den weiteren Bezug des Öles verhindert, sondern der vor allem dem Iran die Hoffnung gibt, im Falle eines Widerstandes gegen die russisch-englischen Drohungen in absehbarer Zeit mit praktischer deutscher Hilfe rechnen zu können.
Gegenüber der oben erwähnten nördlichen Aufgabe, die uns auf diesem Kriegsschauplatz gestellt ist, sowohl als auch der südlichen, tritt das Problem Moskau in seiner Bedeutung wesentlich zurück.“43)
Aus der Analyse der vorliegenden Dokumente schlußfolgerte Gretschko, „...daß sich die Tendenz, die Hauptkräfte der deutschen Streitkräfte auf den Südflügel der sowjetisch-deutschen Front zu verlagern, um so stärker geltend machte, je deutlicher es sich abzeichnete, daß der Gedanke des ‘Blitzkrieges’ scheitern würde und mit einem längeren Krieg zu rechnen war...“44)
Wie ersichtlich, wurde die Veränderung der strategischen Richtung der faschistischen Führung erst im August getroffen, nach dem klar war, daß ihr „Blitzkrieg“ in der Sowjetunion nicht aufging.
Tippelskirch kritisierte diese Entscheidung Hitlers, den ursprünglichen Operationsplan - Richtung Moskau - zu ändern und den Hauptstoß Richtung Krim - Donezgebiet - Kaukasus zu führen, wie er ohnehin für alle Niederlagen der deutschen Wehrmacht Hitler allein verantwortlich machte. So habe Hitler am 21. August für die Fortsetzung der Operation nach folgenden Richtlinien befohlen:
„Das wichtigste, noch vor Eintritt des Winters zu erreichende Ziel ist nicht die Einnahme von Moskau, sondern im Süden die Fortnahme der Krim, des Industrie- und Kohlengebiets am Donez sowie die Abschnürung der russischen Ölzufuhr aus dem Kaukasus, im Norden die Eroberung Leningrads und die Vereinigung mit den Finnen.
Die vor dem Nordflügel der HGr. Süd stehenden starken russischen Kräfte sollen vernichtet werden, bevor sie hinter die Desna und den Sula-Abschnitt ausweichen. Nur dadurch wird der HGr. Süd die notwendige Sicherheit in ihrer Nordflanke zur Durchführung der ostwärts des Dnjepr in Richtung auf Rostow und Charkow gerichteten Operationen gegeben werden.
Die HGr. Mitte soll daher ohne Rücksicht auf spätere Operationen so viel Kräfte nach Süden ansetzen, daß die russischen Kräfte vernichtet werden können, dabei aber in der Lage bleiben, Feindangriffe gegen die Mitte ihrer Front abzuwehren.
Die baldige Einnahme der Krim ist von allergrößter Bedeutung für die gesicherte Ölversorgung Deutschlands, die so lange gefährdet ist, als sich starke russische Fliegerverbände auf der Krim befinden.
Erst wenn die russischen Kräfte vor der HGr. Süd vernichtet sind und sich die HGr. Nord mit den Finnen zu einem engen Einschließungsring vor Leningrad vereinigt hat, sind die Voraussetzungen dafür gegeben, mit der Hgr. Mitte die vor ihr stehenden Feindkräfte mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen und zu zerschlagen.“ 44a)
Es gab Warnungen an die Sowjetregierung und an Stalin persönlich, daß der Überfall der faschistischen deutschen Wehrmacht unmittelbar bevorstand. Die Frage wird immer wieder gestellt, warum Stalin daraus nicht die notwendigen Schlußfolgerungen gezogen hat.
Zunächst stimmt es nicht ganz, daß er keine Schlußfolgerungen daraus gezogen hat. Sie waren jedoch aus militärischer Sicht unzureichend. Die Maßnahmen des w.o. genannten Operations- und Mobilmachungsplanes konnten nur mit einem besonderen Regierungsbeschluß eingeleitet werden. „Ein solcher Beschluß wurde erst in der Nacht zum 22. Juni 1941 gefaßt.“45)
Shukow erweiterte die Frage, „warum die Führung mit Stalin an der Spitze“ die im Operationsplan vorgesehenen Maßnahmen nicht früher durchgeführt hat. „Diese Fehler und Irrtümer werden meist Stalin zugeschrieben. Stalin hat ohne Zweifel Fehler gemacht; sie dürfen aber nicht isoliert von den objektiven geschichtlichen Prozessen und Erscheinungen, nicht losgelöst von dem Gesamtkomplex der ökonomischen und politischen Faktoren betrachtet werden. Nichts ist einfacher, als in einer Zeit, da alle Auswirkungen schon bekannt sind, zum Beginn der Ereignisse zurückzukehren und mit allerlei Werturteilen aufzuwarten. Nichts ist aber auch schwieriger, als den gesamten Fragenkomplex zu untersuchen, sich im Widerstreit der Kräfte zurechtzufinden, die verschiedensten Meinungen, Angaben und Fakten gegeneinander abzuwägen.“46)
Auch aus anderen seriösen Publikationen geht eindeutig hervor, daß, wie Shukow schreibt, Stalins „ganzes Sinnen und Trachten beherrscht war von dem einen Wunsch, einen Krieg zu vermeiden, und von der Gewißheit, daß ihm das gelingen würde. Stalin war sich darüber im klaren, welch schweres Unheil ein Krieg gegen einen so starken und erfahrenen Gegner wie das faschistische Deutschland für die Völker der Sowjetunion bedeuten konnte; deshalb war er eins mit unserer ganzen Partei in dem Bestreben, einen Krieg zu verhüten.“47)
Was waren das nun für Warnungen, und von wem kamen sie?
Da ist die Churchill-Regierung zu nennen, unter deren Ministern sich auch Männer eines Schlages wie Lord Simon befanden, die schon in der Chamberlain-Regierung vertreten waren und einen Krieg zwischen der UdSSR und Deutschland mit ihrer Politik auslösen wollten. Und Churchill selbst, der ein konsequenter Kritiker der Chamberlain-Regierung war, ging es um die Erhaltung des britischen Empire, das er vom faschistischen Deutschland bedroht sah und deswegen, trotz seiner von ihm nie geleugneten antisowjetischen Einstellung, an einem Krieg zwischen der Sowjetunion und Deutschland interessiert war. Nach der Kapitulation Frankreichs stand Großbritannien isoliert den starken deutschen Truppenverbänden am Kanal gegenüber, befand sich in einem gefährlichen Seekrieg gegen die deutschen U-Boote, in einer Situation der „splendid Isolation“. Ein Krieg Deutschlands gegen die Sowjetunion, in dem sich beide schwächen würden, war Churchill höchst willkommen. Mit einem deutsch-sowjetischen Krieg wäre die Gefahr einer deutschen Invasion in England erst einmal gebannt. Es sei daran erinnert, daß während der Verhandlungen der UdSSR mit Großbritannien und Frankreich über gemeinsame militärische Maßnahmen gegen den faschistischen Aggressor im Sommer 1939 die britische Regierung Chamberlain Geheimverhandlungen mit dem faschistischen Deutschland in London führte, in der die Einflußsphären in der Welt zwischen den beiden imperialistischen Mächten abgegrenzt werden sollten.48)
Es ist nicht einfach, die Auswirkungen des Fluges von Rudolf Heß, Hitlers Stellvertreter, nach England am 10. Mai 1941, 43 Tage vor dem Überfall auf die UdSSR, auf das Denken und die Entscheidungsfindung Stalins heute zu beurteilen.
Der damalige Botschafter der UdSSR in London, I.M. Maiski, schrieb in seinen Erinnerungen: „Alles Grundlegende und Wesentliche über den Heß-Flug war der sowjetischen Botschaft schon damals, im Frühjahr 1941, bekannt.“49) In der britischen Presse gab es nach Maiski mehrere Phasen in der Behandlung des Heß-Fluges. Unter anderen gab es Sympathien für Heß, der die UdSSR aus tiefster Überzeugung hasse und Hitler verurteile wegen seiner „Beschwichtigung“ des Bolschewismus.
Selbst unter den Ministern der Churchill-Regierung haben sich einige gefunden, daß man „die sich so überraschend bietende Gelegenheit dazu nutzen“ sollte, „Kontakte mit Hitler aufzunehmen oder zumindest die eventuellen Friedensbedingungen zu sondieren.“50)
Diese Vorgänge um Heß wurden von der Botschaft natürlich Stalin und Molotow bekannt gegeben.
Interessant sind die Ausführungen des britischen Publizisten Ted Harrison über den Heß-Flug, die Reaktionen britischer Politiker darüber und wie diese auf die sowjetische Regierung wirken mußten.
„Nicht nur die britische Öffentlichkeit war von der Behandlung des Falles Heß durch die britische Regierung erstaunt und enttäuscht, sondern auch die Sowjetunion war darüber verblüfft und besorgt. Die sowjetische Führung wußte, daß eine deutsch-englische Allianz der Zerstörung der Sowjetunion gleichkäme. Nachdem Frankreich im Juni 1940 besiegt worden war, waren die Sowjets auch über den Verbleib von Appeasementpolitikern wie Lord Simon im Kabinett Churchills besorgt. Im Juli 1940 sprach der sowjetische Botschafter in London, Iwan Maiskij, mit seinen englischen Freunden über seine Befürchtung, daß Großbritannien unter Umständen ‘durch einen Verrat der regierenden Klasse, vergleichbar mit dem von Petain und seiner Gruppe’, besiegt werden könnte. Im darauffolgenden Frühling wurde die Besorgnis der Sowjetunion über eine mögliche deutsch-englische Annäherung durch den britischen Botschafter in Moskau, Sir Stafford Cripps, auf unkluge Weise verstärkt. Am 18. April 1941 warnte Cripps den Außenminister Molotow impulsiv in einem Memorandum: ‘Sollte sich der Krieg über einen längeren Zeitraum hinausziehen ... könnte Großbritannien (und vor allem gewisse Kreise in Großbritannien) in Versuchung geraten, den Krieg durch ein Abkommen zu beenden.’ In diesem Zusammenhang mußte die bald darauf erfolgende Ankunft von Heß in Großbritannien der sowjetischen Regierung mehr als nur zufällig erschienen sein. Über die Bewertung der Situation unsicher, hatte - dem Memorandum von Cripps zufolge - Maiskij aus Moskau den ausdrücklichen Auftrag erhalten, jegliche deutsch-englischen Friedensannäherungen im Auge zu behalten. Maiskij wandte sich prompt an Rab Butler, Unterstaatssekretär für Außenpolitik. Butler teilte Eden mit: ‘Der sowjetische Botschafter vertrat die Ansicht, daß Heß ein großer Exponent von ‘Mein Kampf’, sei. Er sagte ernsthaft, daß Heß der größte Gegner der Russen unter den Naziführern sei und daß ihm dieses nicht entgangen wäre. Er äußerte gleichermaßen, daß Heß an ein Bündnis mit diesem Land und nicht mit Rußland glaubte.’ Butler tat jedoch nichts, um Maiskij zu befriedigen. Er hielt sich an die Politik des Schweigens und weigerte sich, Informationen jeglicher Art freizugeben, was ihm die Anerkennung Edens einbrachte. In Wirklichkeit hatte Butter den Fauxpas der Politik des Schweigens nur noch verschlimmert. Maiskij schloß aus seinem Gespräch, daß das britische Kabinett das Friedensangebot von Heß ernsthaft in Erwägung zöge.“51)
Stalin erwähnte den Heß-Flug kurz in seiner Rede zum 24. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution am 6. November 1941, also nach dem Überfall. „Der nicht unbekannte Heß wurde eigentlich auch deshalb von den deutschen Faschisten nach England gesandt, damit er die englischen Politiker überrede, sich dem allgemeinen Feldzug gegen die UdSSR anzuschließen.“51a)
Stalin war demnach der Meinung, daß Heß von Hitler mit einem diesbezüglichen Auftrag geschickt worden sei.
Welchen Grund sollte Stalin gehabt haben, den Warnungen aus England zu trauen? Es handelte sich eben nicht um honorige Gentlemen, denen nur das Wohl der Völker der Sowjetunion am Herzen lag und die sich ernsthaft um den Bestand der Sowjetmacht sorgten, sondern um imperialistische Politiker, die die Sowjetunion lieber heute als morgen zerstört hätten.
Es gab Warnungen von deutschen Soldaten und Unteroffizieren, die zur Roten Armee übergelaufen waren. Stimmte, was sie sagten, oder waren es Provokateure? Wir wissen heute, daß sie die Wahrheit sagten, aber wußte Stalin es damals auch?
Sei zum Schluß Richard Sorge genannt, der den Termin des Überfalls aus Tokio nach Moskau funkte. Wir wissen heute, wer Richard Sorge war. Er war auch damals kein Unbekannter, er war in der Komintern bekannt. Aber auch die Komintern war gegen Trotzkisten nicht völlig immun. Woher hatte Richard Sorge seine Informationen? Alles dies waren damals unbekannte Faktoren.
Es hat vor dem Überfall am 22. Juni verschiedentlich Grenzprovokationen gegeben. Sollte sich Stalin dadurch zu einem Krieg auf Leben und Tod provozieren lassen?
In Stalins Entscheidungen gingen nicht nur die Erkenntnisse eines Militärs, sondern primär die des Staatsmannes ein. Er war die höchste Instanz im politischen System der UdSSR. Auf seinen Schultern ruhte letztendlich die Verantwortung für einen Krieg, in dem es um die Existenz der Sowjetunion ging.
Schtemenko meint, „daß im Krieg natürlich nicht alles vorauszusehen ist. ‘Wer im Krieg alles voraussehen will, sollte nicht Krieg führen’, bemerkte Napoleon. Wie gesagt, ist das Wirken eines Heerführers stets von unvorhergesehenen Zufälligkeiten begleitet. Er kann daher erst bei Eintritt dieser Ereignisse seine Maßnahmen treffen, und das ist natürlich eine Quelle für Irrtümer und Fehler.
Ein tragischer Irrtum war die Meinung des sowjetischen Oberkommandos und die Stalins persönlich über den Zeitpunkt des Überfalls auf die Sowjetunion. Man wußte zwar, daß das faschistische Deutschland uns überfallen würde, und bereitete das Land zielstrebig auf die Abwehr der Aggression vor, doch erwarteten wir sie nicht schon im Juni, sondern wesentlich später. Wir bemühten uns vergeblich, den Zeitpunkt des Überfalls hinauszuschieben, doch der Gegner kam uns zuvor.“52)
Shukow schrieb dazu: „Als die gefährliche Situation heranreifte, haben wir Militärs offenbar nicht alles unternommen, um Stalin zu überzeugen, daß ein Krieg mit Deutschland in allernächster Zeit unvermeidlich und daß dringende Maßnahmen im Sinne des Operations- und des Mobilmachungsplans notwendig seien.
Diese Vorkehrungen hatten selbstverständlich auch keinen vollen Abwehrerfolg gegen den Überfall gesichert, da die Kräfte der beiden Seiten alles andere als gleich waren. Unsere Truppen hätten aber organisierter in den Kampf treten und folglich dem Gegner bedeutend höhere Verluste zufügen können. Das beweisen die erfolgreichen Abwehrkämpfe der Truppenteile und Verbände in den Räumen Wladimir-Wolynski, Rawa-Russkaja, Peremyschl (Przemysl) und an den Abschnitten der Südfront.“53)
Allein die Gegenüberstellung der sowjetischen mit den deutschen Kräften widerlegt die von Hitler und Goebbels in die Welt posaunte Präven-tivkriegslüge, „Europa vor dem Bolschewismus zu retten“, die von der revisionistischen Geschichtsschreibung der BRD bis in die Gegenwart kolportiert wird, womit der verbrecherische Aggressionskrieg der deutschen Imperialisten gegen die Sowjetunion noch nachträglich legitimiert wird. Selbst Tippelskirch, der nicht gerade zu den Sympathisanten der Sowjetunion oder gar Stalins gehört, sah sich veranlaßt, diese Präventivkriegslüge zu widerlegen, wenn er in seiner Ausdrucksweise auch bemüht ist, im gängigen Duktus der bürgerlichen BRD-Militärgeschichtsschreibung zu bleiben, alle Schuld - vor allem für die Niederlagen - Hitler anzulasten, die Generale von der Verantwortung für den Aggressionskrieg, den sie selbst geplant und geführt haben so wie für ihre katastrophale Niederlage freizusprechen und damit den deutschen Militarismus in die Nachkriegszeit hinüberzuretten.
„Daß die Sowjetunion binnen kurzem von sich aus einen bewaffneten Konflikt mit Deutschland suchen würde, war aus politischen und militärischen Gründen höchst unwahrscheinlich, so berechtigt die Sorge sein mochte, daß die Sowjetunion später unter günstigeren Verhältnissen ein recht unbequemer, ja gefährlicher Nachbar werden könnte. Einstweilen lag jedoch für die Sowjetunion keine Veranlassung vor, eine Politik aufzugeben, die ihr bisher nahezu kampflos die besten Erfolge gebracht hatte. Sie war in der Umrüstung ihrer veralteten Kampfwagen und Flugzeuge begriffen und dabei, wesentliche Teile ihrer Rüstungsindustrie hinter den Ural zu verlegen. Ein Angriff gegen ein Deutschland, das nur mit unbedeutenden Teilen des Heeres an anderen Fronten gebunden war, seine starke Luftwaffe jederzeit im Osten vereinigen konnte und dem man sich 1941 nicht einmal in der Verteidigung unbedingt gewachsen fühlte, konnte den vorsichtig und kühl abwägenden Politikern des Kreml nicht in den Sinn kommen. Sicher entging der russischen Aufklärung nicht, daß sich das deutsche militärische Schwergewicht zunehmend nach dem Osten verlagerte. Die russische Führung traf ihre Gegenmaßnahmen.
Am 10. April beschloß der russische Kriegsrat unter dem Vorsitz von Timoschenko den Alarmzustand und erhöhte militärische Vorbereitungen für alle Einheiten der Westfront. Am l. Mai wurden weitere vordringliche Kriegsvorbereitungen und Maßnahmen zum Schutz der russischen Westgrenze getroffen. Am 6. Mai wurde Stalin, der bisher nur Generalsekretär der Kommunistischen Partei, wenn auch der mächtigste Mann in der Sowjetunion gewesen war, als Nachfolger Molotows Vorsitzender des Rats der Volkskommissare und trat damit auch offiziell an die Spitze der Regierung. Dieser Schritt bedeutete zum mindesten formell eine Stärkung der Regierungsautorität und eine Zusammenfassung der Kräfte. Eine Änderung der Politik gegen Deutschland war aus dieser Veränderung nicht zu erwarten. Die Sowjetunion war im Gegenteil weiter bemüht, die ihr aus dem Handelsvertrag obliegenden Verpflichtungen peinlich genau zu erfüllen.
Auf einen bewaffneten Konflikt war sie, soweit es in ihren Kräften stand, vorbereitet. Mit einer strategischen Überraschung konnte die deutsche Führung nicht rechnen. Das Höchste, was zu erreichen war, war eine Geheimhaltung des Angriffstermins, so daß die taktische Überraschung den ersten Einbruch in den Feind erleichtern konnte.“54)
Aus diesen Ausführungen geht eindeutig hervor:
1. Von der Sowjetunion drohte keine Gefahr.
2. Die militärtechnische Überlegenheit der deutschen Wehrmacht, der die Rote Armee „nicht einmal in der Verteidigung unbedingt gewachsen“ war.
3. Ein Krieg gegen Deutschland konnte den „vorsichtig und kühl abwägenden Politikern des Kreml“ (also Stalin, UH) „nicht in den Sinn kommen.“
4. Die Sowjetmacht „traf ihre Gegenmaßnahmen“, bereitete sich auf den Verteidigungsfall vor. Sie war „soweit es in ihren Kräften stand“, auf den Krieg vorbereitet.
5. Die deutsche Führung - also auch die Herren Generale - konnten nicht mit einer strategischen Überraschung rechnen.
6. Das Höchste war eine „Geheimhaltung des Angriffstermin“, eine „taktische Überraschung“, die einen „ersten Einbruch“ erleichtern konnten.
Tippelskirch hat damit auf seine Weise die Einschätzung Shukows bestätigt.
Über die Reaktionen Stalins auf den Überfall am 22. Juni 1941 gibt es neben sachlichen Einschätzungen auch höchst merkwürdige Beurteilungen, vor allem von Historikern der Glasnostperiode, denen von Gorbatschow und Jelzin die Archive teilweise geöffnet wurden, aus denen sie sich nach Belieben bedienen - und weglassen! - konnten, um die Persönlichkeit Stalins zu diffamieren.55)
Nach dem Artikel „Stalin und der Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion“, 56) zu urteilen, gehört zu diesen Glasnost-Historikern Georgi Kumanjew, der als „Spezialist“ für den Großen Vaterländischen Krieg von 1941 - 1945 auf dem Markt des Geschichtsrevisionismus gehandelt wird. Willi Gerns hat einige Auszüge aus dessen Buch „An der Seite Stalins“, erschienen in Smolensk 2001, übersetzt und ohne Kommentar in den „Marxistischen Blättern“, Heft 2-03, veröffentlicht. Während die dort veröffentlichten Einschätzungen von A.M. Wasilewski (in anderen Publikationen andere Schreibweise: Wassilewski, UH) im wesentlichen mit denen von Shukow, Schtemenko u.a. übereinstimmen, enthält die von A.I. Mikojan (1922 - 1966 Mitglied des Politbüros des ZK der KPdSU) neben Halbwahrheiten einige Behauptungen, die, gelinde gesagt, tendenziös sind. Nun gehörte Mikojan zu den Persönlichkeiten, denen Verdienste um die Wirtschaftsentwicklung in der UdSSR zu Stalins Zeiten nicht abgesprochen werden können. Zugleich erwies er sich als Opportunist, der durchgängig Mitglied des Politbüros war, bis 1953 Stalins, ab 1954 Chruschtschows und ab 1964 wieder Breshnews, was wohl kaum ohne delikate Bewußtseinsmetamorphosen möglich gewesen sein dürfte.
Mikojan gehörte auch zu dem Kreis der ZK-Mitglieder, die auf dem Dezemberplenum des ZK der KPdSU (1957) für den Ausschluß der „parteifeindlichen“ (!) Gruppierung von Molotow, Malenkow und Kaganowitsch aus dem ZK votierten. Die genannten Genossen hatten sich offen gegen den „vom XX. Parteitag der KPdSU gebilligten Kurs der Partei und die Korrektur der durch den Personenkult hervorgebrachten Fehler und Mängel“ ausgesprochen.
Desgleichen wurde auf dem Plenum Shukow aus den leitenden Organen der Partei ausgeschlossen und von der Funktion des Ministers für Verteidigung der UdSSR entbunden.57) Im Klartext: Molotow, Malenkow, Kaganowitsch, Shukow waren gegen die revisionistische und voluntaristische Politik Chruschtschow, gegen die Diffamierung Stalins, gegen die verhängnisvolle klassenindifferente Politik der „friedlichen Koexistenz“, die zur Zerstörung der Kommunistischen Parteien - nicht nur der KPdSU - und letztendlich zur Zerstörung der UdSSR und der RGW-Staaten führen mußte, der Konterrevolution Tür und Tor öffnete.
Auf dem Oktoberplenum des ZK der KPdSU 1964 wurde Chruschtschow unter eifriger Mithilfe von Mikojan, zu dieser Zeit Vorsitzender des Obersten Sowjets, gestürzt. Mikojan sprach sich nunmehr gegen den Voluntarismus in der Wirtschaftspolitik Chruschtschows aus, den er mitgemacht hatte. Mikojan erwies sich als eine sehr wendige Persönlichkeit. In der Sprache der Politik bezeichnet man eine solche Persönlichkeit als Opportunisten.
So sieht denn auch seine historische „Bewertung“ Stalins zur Zeit des Überfalls aus, der Willi Gerns fast fünf Spalten einräumt, gegenüber drei Spalten für Wasilewski und knapp eine Spalte für Timoschenko, Shukow dagegen überhaupt nicht erwähnt.
Nach Mikojan lehnte Stalin nach dem Überfall es „kategorisch“ ab, sich über den Rundfunk an das Volk zu wenden, mit der Erklärung: „Ich habe dem Volk nichts zu sagen. Soll Molotow auftreten.“ Stalin wäre „in einem solch gedrückten Zustand, daß er wirklich nicht wußte, was er dem Volk sagen sollte.“ Nun verhielt sich die Sache ein wenig anders. Stalin war zu dieser Zeit bis zum 3. Juli an einer schweren Bronchitis und Mandelentzündung erkrankt, die ihn daran hinderte, Rundfunkansprachen zu halten.58) Wenn Mikojan bei der genannten Beratung dabei war, muß er das gewußt haben. Entweder war er zur genannten Beratung gar nicht zugegen, oder er hat gelogen. In seiner Tagebucheintragung vom 22. 6. nennt Dimitroff die Anwesenden bei dieser Beratung. Mikojan wird nicht genannt.58a) Die Stalin von Mikojan unterstellten Äußerungen finden sich auch nicht in den Berichten der an der Beratung anwesenden Genossen.
Der ehemalige DDR-Historiker Wolfgang Ruge versichert uns in seinem bemerkenswerten Artikel „Als Lenin nur noch Gemüse züchten wollte“59), daß Stalin nach dem Überfall am 22. Juni in „Apathie“ verfallen sei. Offensichtlich ist Ruge, der zu DDR-Zeiten sehr gute historische Arbeiten über die Weimarer Republik und ihre Politiker wie Brüning, Stresemann, Hindenburg u.a. verfaßt hat, inzwischen wohl stark gealtert.
Eine exakte und detaillierte Darstellung der Verhaltensweise Stalins am 22. Juni bietet Shukow in seinen Erinnerungen.
In der Nacht zum 22. Juni blieben alle Mitarbeiter des Generalstabs und des Volkskommissariats für Verteidigung an ihren Arbeitsplätzen. Um Mitternacht (vom 21. zum 22. Juni) deuteten alle Anzeichen auf ein Vorrücken der faschistischen Truppen zur Grenze. Um 00.30 Uhr wurde Stalin davon in Kenntnis gesetzt. Shukow informierte ihn und ersuchte um Erlaubnis zu militärischen Gegenmaßnahmen.
„Stalin schwieg.
‘Haben Sie mich verstanden?’
Wieder Schweigen.
Endlich fragte Stalin: ‘Wo ist der Volkskommissar?’ (Timoschenko, UH)
‘Er telefoniert mit dem Kiewer Militärbezirk’.
‘Kommen Sie mit Timoschenko in den Kreml. Sagen Sie Poskrebyschew, er soll alle Mitglieder des Politbüros zusammenrufen.’“
Zwischen 04.00 Uhr und 04.30 Uhr trafen Meldungen von deutschen Luftangriffen auf die Schwarzmeerflotte, über den Beginn von Kampfhandlungen deutscher Truppen an den Grenzen der Westlichen und Baltischen Militärbezirke ein.
Um 04.30 Uhr waren die Mitglieder des Politbüros versammelt. (Shukow nennt keine Namen, UH)
„Stalin saß bleich am Tisch, die gestopfte Pfeife in der Hand. Er sagte: ‘Man muß schnellsten zur deutschen Botschaft Verbindung aufnehmen.’“
Damit wurde Molotow beauftragt, der den deutschen Botschafter Graf von der Schulenburg auf dessen Ersuchen empfing.
„Kurz darauf kam Molotow schnell herein. Er sagte: ‘Die deutsche Regierung hat uns den Krieg erklärt.’
Stalin ließ sich auf den Stuhl sinken und überlegte. Eine lange, beklemmende Pause trat ein.“
Shukow brach das Schweigen und schlug vor, alle in den Grenzbezirken verfügbaren Mittel einzusetzen und den Vormarsch der durchgebrochenen Truppen in ihrem weiteren Vormarsch aufzuhalten.
„‘Nicht aufzuhalten, sondern sie zu vernichten’, präzisierte Timoschenko.
‘Erteilen Sie die Direktive’, sagte Stalin.
Am 22. Juni 07.15 Uhr erging die Direktive Nr. 2 des Volkskommissars für Verteidigung an alle Militärbezirke. Sie entsprach jedoch weder dem Kräfteverhältnis noch der komplizierten Lage und konnte daher nicht durchgeführt werden.“60)
Aus dem einschlägigen Kontext der Erinnerungen Shukows geht klar und deutlich hervor, daß Stalin seine Arbeit am 22. Juni fortsetzte. Um 09.00 Uhr trafen Timoschenko und Shukow bei Stalin im Kreml ein. Er ließ sich über die Lage berichten und sagte: „Um zwölf Uhr spricht Molotow im Rundfunk.“ 61)
Stalin las den Entwurf des Mobilmachungserlasses durch, schränkte den vom Generalstab vorgesehenen Umfang der Mobilmachung ein und übergab den Erlaß Poskrebyschew zur Bestätigung durch das Präsidium des Obersten Sowjets.
Stalin hielt den Entwurf über die Bildung des HQ des Oberkommandos zurück, er wollte ihn noch im Politbüro besprechen. 62)
Gegen 13.00 Uhr rief Stalin bei Shukow an: „’Unsere Frontoberbe-fehlshaber besitzen keine genügende Erfahrung in der Führung von Kampfhandlungen und haben anscheinend den Kopf verloren. Das Politbüro hat beschlossen Sie als Vertreter des Hauptquartiers zur Südwestfront zu schicken. Zur Westfront fahren Marschall Schaposchnikow und Marschall Kulik. Schaposchnikow und Kulik habe ich bereits eingewiesen. Sie müssen sofort nach Kiew fliegen und von dort zusammen mit Chruschtschow zum Stab der Front nach Ternopol fahren.’
‘Wer wird in einer so komplizierten Situation den Generalstab leiten?’ fragte ich. Stalin antwortete: ‘Lassen Sie Watutin an Ihrer Stelle zurück.’
Dann fügte er etwas gereizt hinzu: ‘Verlieren Sie keine Zeit, wir werden hier schon irgendwie zu Rande kommen.’“ 63)
Gegen Abend des 22. Juni traf Shukow in Kiew ein und ließ sich mit Watutin verbinden.
„Nikolai Fjodorowitsch Watutin berichtete mir folgendes:
Der Generalstab hatte am 22. Juni bis zum Abend trotz energischen Drängens von den Stäben der Fronten, der Armeen und der Fliegerkräfte keine genauen Angaben über unsere Truppen und über den Gegner erhalten können. Die Informationen über das Vordringen des Gegners waren widersprüchlich. Exakte Angaben über die Verluste der Land- und Luftstreitkräfte fehlten. Es war nur bekannt, daß die Fliegerkräfte der Westfront sehr große Verluste erlitten hatten. Der Generalstab und der Volkskommissar konnten keine Verbindung mit den Frontoberbefehlshabern Generaloberst Kusnezow und Armeegeneral Pawlow bekommen, die sich zu den Truppen begeben hatten, ohne sich beim Volkskommissar abzumelden. Die Stäbe dieser Fronten wußten nicht, wo sich ihre Oberbefehlshaber zur Zeit befanden.
Nach Meldungen der Luftaufklärung wurde in den Räumen der befestigten Abschnitte und stellenweise 15 bis 20 Kilometer tief in unserem Gebiet gekämpft. Versuche der Frontstäbe, eine unmittelbare Verbindung zu den Truppen herzustellen, blieben erfolglos, da zu den meisten Armeen und selbständigen Korps weder Draht- noch Funkverbindungen vorhanden waren.
Weiter sagte General Watutin, daß Stalin den Entwurf der Direktive Nr. 3. des Volkskommissars gebilligt und angeordnet habe, meine Unterschrift darunterzusetzen.
‘Was ist das für eine Direktive?’ erkundigte ich mich.
‘Die Direktive sieht vor, daß unsere Truppen zur Gegenoffensive übergehen, um den Gegner in den Hauptrichtungen zu zerschlagen und auf sein Territorium vorzustoßen.’
‘Aber wir wissen doch gar nicht genau, wo und mit welchen Kräften der Gegner vorstößt’, wandte ich ein. ‘Wäre es nicht besser, bis morgen früh zu klären, was sich an der Front ereignet hat, und dann erst einen Entschluß zu fassen?’
‘Ich teile Ihren Standpunkt, die Sache ist aber schon entschieden.’
‘Gut’, sagte ich, ‘setzen Sie meine Unterschrift darunter.’“ 64)
Am 23. Juni wurde das HQ gebildet. Nach dem ursprünglichen Entwurf von Shukow und Timoschenko sollte Stalin zum Obersten Befehlshaber ernannt werden. Diesem Entwurf entgegen wurde Timoschenko zum Obersten Befehlshaber ernannt. Shukow hat diese Entscheidung als unzweckmäßig kritisiert, weil Timoschenko ohne Stalin doch keine grundsätzlichen Entscheidungen treffen konnte. „So erhielten wir faktisch zwei Oberste Befehlshaber, den Volkskommissar Timoschenko de jure gemäß dem Erlaß und J.W. Stalin de facto.“65) Dem HQ gehörten an: Timoschenko, Shukow, Stalin, Molotow, Woroschilow, Budjonny und der Volkskommissar der Seekriegsflotte Admiral N.G. Kusnezow.66)
Dies stimmt mit den Ausführungen von Armeegeneral Schtemenko überein. Nach Schtemenko wurde beim HQ noch eine „Institution ständiger Berater“ geschaffen, zu denen Marschall Schaposchnikow, die Generale Merezkow, Watutin, Woronow sowie die Mitglieder des Politbüros Mikojan, Wosnessenski, Shdanow u.a. gehörten. 67)
Am 30. Juni erfolgte die Bildung des Staatlichen Verteidigungskomitees unter dem Vorsitz von Stalin, das die gesamte Macht in der UdSSR ausübte. Am 8. August wurde das HQ umgebildet. Nunmehr wurde nach dem ursprünglichen Vorschlag von Shukow und Timoschenko Stalin zum Obersten Befehlshaber ernannt. 67a)
Über den Arbeitsstil des HQ schrieb Shukow, er „war in der Regel frei von Nervosität; jeder konnte seine Meinung sagen. Stalin verhielt sich zu allen gleich, streng und ziemlich offiziell. Er verstand es zuzuhören, wenn ihm sachkundig berichtet wurde.
Ich habe mich übrigens in den langen Jahren des Krieges davon überzeugt, daß er keineswegs der Mann war, vor dem keine akuten Fragen angeschnitten werden durften, der nicht mit sich streiten ließ oder dem gegenüber man seinen Standpunkt nicht fest vertreten konnte. Wer das Gegenteil behauptet, dem antworte ich unumwunden: Das ist nicht wahr.“67b)
„Vor dem Krieg ließ sich die Tiefe der Kenntnis und Fähigkeiten Stalins in der Militärwissenschaft, der operativen und strategischen Kunst nur schwer ermessen, da im Politbüro und bei Stalin persönlich damals jedenfalls dann, wenn ich dabeizusein Gelegenheit hatte - vornehmlich organisatorische Fragen, Probleme der Mobilmachung und materiell-technische Angelegenheiten geprüft und entschieden wurden. Ich habe schon berichtet, daß sich Stalin viel mit Fragen der Bewaffnung und der Kampftechnik beschäftigte. Er bestellte oft Chefkonstrukteure für Flugzeugbau, Artillerie und Panzer zu sich und erkundigte sich ausführlich nach Konstruktionsdetails der betreffenden Kampftechnik bei uns und im Ausland. Über die Eigenschaften der wichtigsten Waffentypen wußte er gut Bescheid.
Stalin verlangte von den Chefkonstrukteuren und den Direktoren der Betriebe - viele von ihnen kannte er persönlich -, daß die Muster von Flugzeugen, Panzern und Artillerie sowie von anderen wichtigen technischen Mitteln termingerecht geliefert wurden und dem Weltniveau nicht nur entsprachen, sondern es übertrafen.
Ohne seine Zustimmung konnte kein einziges Modell von Waffen oder sonstiger Kampftechnik bei der Truppe eingeführt oder ausgemustert werden. Das hemmte natürlich die Initiative des Volkskommissars für Verteidigung und seiner für die Bewaffnung zuständigen Stellvertreter.
Vor dem Großen Vaterländischen Krieg und besonders danach wurde Stalin die führende Rolle bei der Schaffung der Streitkräfte, der Ausarbeitung der Grundlagen der sowjetischen Militärwissenschaft, der wichtigsten Leitsätze der Strategie und sogar der operativen Kunst zugeschrieben.
War Stalin wirklich ein solch hervorragender Kopf auf dem Gebiet des Aufbaus der Streitkräfte und ein solcher Kenner der operativ-strategischen Fragen?
Von der militärischen Seite her kenne ich Stalin bestens, habe ich doch den Krieg mit ihm zusammen begonnen und auch mit ihm beendet. Er beherrschte die Organisation von Operationen einzelner Fronten und von Frontgruppen und leitete sie sachkundig, wobei er sich auch in großen strategischen Fragen gut zurechtfand. In dieser Hinsicht bewährte er sich als Oberster Befehlshaber besonders bei Stalingrad.
Bei der Führung des bewaffneten Kampfes kam Stalin seine reiche Intuition zustatten. Er besaß die Fähigkeit, in der strategischen Lage das Hauptkettenglied zu erkennen, um dem Gegner entgegenzuwirken und diese oder jene große Angriffsoperation durchzuführen. Er war zweifellos ein würdiger Oberster Befehlshaber.
Natürlich wußte Stalin nicht, wie vielgestaltig der Komplex der Fragen ist, mit denen sich die Truppen und die Führungsorgane aller Ebenen in peinlicher Kleinarbeit befassen mußten, um diese oder jene Operation einer Front oder einer Gruppe von Fronten gründlich vorzubereiten. Aber das brauchte er auch nicht unbedingt zu wissen. In solchen Fällen beriet er natürlich mit den Mitgliedern des Hauptquartiers, dem Generalstab und der Sachverständigen für die Artillerie, die Panzertruppen, die Luftstreitkräfte, die Seekriegsflotte, für Rückwärtige Dienste und Versorgungswesen.
Stalin wurde eine Reihe von grundsätzlichen Konzeptionen persönlich zugeschrieben, zum Beispiel über die Methoden des Artillerieangriffs, über die Eroberung der Luftherrschaft, über die Methoden zur Einschließung des Gegners, über die Aufspaltung von eingeschlossenen Gruppierungen und deren getrennter Vernichtung und so weiter.
Alle diese wichtigen Probleme der Kriegskunst sind Früchte, die in Kämpfen und Schlachten gegen den Feind gewonnen wurden, sind Ergebnisse tiefer Überlegungen und Verallgemeinerungen von Erfahrungen eines großen Kollektivs von Truppenführern und der Truppe selbst.
Es ist hierbei das Verdienst Stalins, daß er die Ratschläge der angesehenen Militärfachleute richtig erfaßt, ergänzt, entwickelt und in verallgemeinerter Form als Richtlinien, Direktiven und Vorschriften unverzüglich an die Truppen zur praktischen Anleitung weitergegeben hat.
Außerdem bewährte sich Stalin bei der Sicherung der Operationen, der Schaffung strategischer Reserven, der Organisierung der Produktion von Kampftechnik und überhaupt bei der Schaffung alles dessen, was für die Front nötig war, als hervorragender Organisator. Und es wäre ungerecht, wenn man ihm das nicht hoch anrechnete.“ 67c)
„Stalin war ein willensstarker Mensch und kein Feigling. Ich sah ihn nur einmal niedergeschlagen: im Morgengrauen des 22. Juni 1941. Seine Zuversicht, daß ein Krieg vermieden werden könnte, hatte ihn getrogen.
Nach dem 22. Juni 1941 hat Stalin während des ganzen Krieges mit dem Zentralkomitee der Partei und der Sowjetregierung fest und sicher das Land, die militärische Operationen und die internationalen Angelegenheiten geleitet.“68)
Dimitroff notierte über die Ereignisse dieser Tage in seinem Tagebuch:
„21.6.41
- Im Telegramm von Tschou En-lai aus Chongqing nach Yan’an (an Mao Tse-tung) wird unter anderem darauf hingewiesen, daß Tschiang Kai-schek hartnäckig behauptet, Deutschland werde die UdSSR überfallen, und er nennt sogar das Datum - den 21. 6. 41!
- Die Gerüchte über den bevorstehenden Überfall mehren sich von allen Seiten.
- Man muß auf der Hut sein ...
- Am Morgen rief ich Molotow an. Ich bat ihn, mit Joss[if] Wissanonowitsch [Stalin] die Lage und die notwendigen Weisungen für die kommunistischen Parteien zu besprechen.
- Mol[otow]: „Die Lage ist unklar. Es wird ein großes Spiel gespielt. Nicht alles hängt von uns ab. Ich werde mit J[ossif]W[issarionowitsch] reden. Wenn es irgend etwas Besonderes gibt, rufe ich an.“-
22.6.41
- Sonntag.
- Um 7 Uhr morgens wurde ich dringend in den Kreml beordert.
- Deutschland hat die UdSSR überfallen. Der Krieg hat begonnen.
- Im Vorzimmer treffe ich Poskrebyschew, Timoschenko, Kusnezow [d.i. Nikolai Kusnezow], Mechlis (wieder in Uniform), Berija (der telefonisch verschiedene Anweisungen erteilt).
- In Stalins Arbeitszimmer sind Molotow, Woroschilow, Kaganowitsch, Malenkow.
- Stal[in] zu mir: ‘Sie haben uns angegriffen, ohne irgendwelche Forderungen zu stellen, ohne irgendwelche Verhandlungen zu verlangen, haben uns niederträchtig überfallen, wie Räuber. Nach dem Überfall, nach der Bombardierung von Kiew, Sewastopol, Shitomir und anderen Orten erschien Schulenburg mit der Erklärung, daß Deutschland sich durch die Konzentration sowjetischer Truppen an der Ostgrenze bedroht fühlte und Gegenmaßnahmen ergriffen habe. Die Finnen und die Rumänen sind auf Seiten der Deutschen. Bulgarien nimmt die Vertretung der Interessen Deutschlands in der UdSSR wahr.’ - Nur die Kommunisten können die Faschisten besiegen ...
- Erstaunlich sind die Ruhe, Festigkeit und Zuversicht Stalins und aller anderen.
- Die Erklärung der Regierung, die Molotow im Radio verlesen soll, wird redigiert.
- An die Armee und Marine werden Anweisungen erteilt.
- Maßnahmen zur Mobilisierung und zum Kriegszustand.
- Ein unterirdischer Sitz für die Arbeit des ZK und des Stabes ist vorbereitet.
- Die diplomatischen Vertreter, sagt Stalin, müssen aus Moskau weg und an einen anderen Ort gebracht werden, z.B. nach Kasan. - Hier können sie Spionage betreiben.
- Haben uns über unsere Arbeit verständigt. Die Komintern soll vorerst nicht öffentlich auftreten. - Die Parteien vor Ort entfalten eine Bewegung zur Verteidigung der UdSSR. Die Frage der sozialistischen Revolution ist nicht aufzuwerfen. Das sowjetische Volk führt einen vaterländischen Krieg gegen das faschistische Deutschland. Es geht um die Zerschlagung des Faschismus, der eine Reihe von Völkern versklavt hat und danach strebt, auch andere Völker zu versklaven ...
- In der Komintern wurden die Sekretäre und die führenden Mitarbeiter zusammengerufen. Wir erläuterten ihnen unsere Haltung und die Aufgaben zum jetzigen Zeitpunkt.
- Haben Weisungen an die kommunistischen Parteien in Amerika, England, Schweden, Belgien und Frankreich, Holland, Bulgarien, Jugoslawien und China geschickt.
- Eine Reihe von organisatorischen Maßnahmen beschlossen. Erklärten, alle unsere Kräfte zu mobilisieren.“ 69)
Aus den ausführlich dokumentierten Erinnerungen von Shukow, den Eintragungen Dimitroffs und Schtemenkos geht eindeutig hervor, daß Stalin von den frühen Morgenstunden des 22. Juni an die Führung in der Verteidigung des Landes übernahm. Stalin übernahm auch die Verantwortung dafür, daß die sowjetische Führung sich von den Faschisten überraschen ließ und stellte im Politbüro die Vertrauensfrage.70)
Es gibt keinerlei Beweise dafür, daß Stalin in Apathie verfallen, sich tagelang zurückgezogen habe. Allerdings, in der rosigsten Laune hat er sich nicht befunden.
Am 3. Juli, nachdem seine lästige Krankheit halbwegs überwunden war, wandte sich Stalin in einer Rundfunkrede an die Völker der Sowjetunion.71) Die Rede enthielt vier Komplexe: 1. Sind die faschistischen deutschen Truppen unbesiegbar? 2. War der Abschluß des Nichtangriffspakte mit dem faschistischen Deutschland ein Fehler? 3. Maßnahmen zur Mobilisierung der Völker der Sowjetunion. 4. Der Charakter des Krieges.
1. Wie die Geschichte zeigt, gibt es keine unbesiegbaren Armeen. Stalin verwies auf Napoleon, dessen Armee für unbesiegbar galt, dennoch mehrfach von russischen, englischen und deutschen Truppen geschlagen wurde. Desgleichen galten die deutschen Armeen Wilhelms zur Zeit des ersten imperialistischen Krieges als unbesiegbar und wurden ebenfalls geschlagen. Die faschistischen deutschen Armeen Hitlers fanden auf dem europäischen Festland „keinen ernsthaften Widerstand.“ Dies war erst auf unserem Gebiet der Fall. Die Rote Armee habe „im Ergebnis dieses Widerstandes“ die „besten Divisionen der faschistischen deutschen Armee“ geschlagen, was bedeute, „daß die faschistische Hitlerarmee ebenfalls geschlagen werden kann und geschlagen werden wird, wie die Armeen Napoleons und Wilhelms geschlagen worden sind.“72)
Angesichts der unterbrochenen, sich widersprechenden Nachrichten von den Fronten an das HQ in den ersten Kriegstagen mag die Aussage, wonach die „besten Divisionen“ der faschistischen deutschen Truppen „geschlagen“ worden seien, überzogen klingen. Tatsache bleibt jedoch, daß die faschistischen deutschen Truppen vom ersten Tage an, nachdem das Überraschungsmoment des Überfalls überwunden war, auf einen unerwarteten Widerstand der Roten Armee stießen, wie auch Tippelskirch bestätigen mußte:
„Überraschend war die Härte, mit der der Feind kämpfte, überraschend auch die Menge der bei Gegenangriffen auftretenen Panzer. Man stand einem Feind mit einem stahlharten Willen gegenüber, der mit brutalem Einsatz der Kräfte und operativ nicht ohne Geschick führte. Es lag kein Grund zu ernsten Besorgnissen vor, so viel war aber schon zu erkennen: hier handelte es sich nicht darum, in schnellen Schlägen ein Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. So leicht und planmäßig wie die früheren würde dieser Feldzug nicht verlaufen.“73)
2. Der Abschluß des Nichtangriffsvertrages sei kein Fehler gewesen. „Ein Nichtangriffspakt ist ein Friedenspakt zwischen zwei Staaten.“ Einen solchen Pakt habe Deutschland der UdSSR angeboten. Kein „einziger friedliebender Staat kann ein Friedensabkommen mit einem benachbarten Reich ablehnen, selbst wenn an der Spitze dieses Reiches solche Ungeheuer und Kannibalen wie Hitler und Rippentrop“ stehen. Dies natürlich nur, wenn „weder direkte noch indirekt die territoriale Integrität, die Unabhängigkeit und die Ehre des friedliebenden Staates“ berührt werde. Der Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der UdSSR wäre „gerade ein solcher Pakt“ gewesen. Die UdSSR habe durch den Pakt für sich „anderthalb Jahre den Frieden“ gesichert und die Möglichkeit erhalten, ihre Kräfte zur Abwehr vorzubereiten. Deutschland habe durch die wortbrüchige Zerreißung des Paktes „für kurze Zeit eine gewisse vorteilhafte Lage für seine Truppen erzielt,... aber in politischer Hinsicht verloren,...“ Deutschland habe sich vor der ganzen Welt als „blutiger Aggressor“ entlarvt. Der „kurzfristige militärische Gewinn“ für Deutschland sei nur „eine Episode.“ Der politische Gewinn der UdSSR wäre „ein ernster Faktor von langer Dauer.“
Die Faschisten hatten demnach kurzfristig wirkende, taktisch-operative Gewinne erzielt, während die langfristig wirkenden politischen Faktoren zugunsten der Sowjetunion wirken würden. Offenbar mit Rücksicht auf den nunmehr britischen Verbündeten, auf Herrn Churchill, verzichtete Stalin darauf, die Hintergründe für den Abschluß des Nichtangriffspaktes mit dem faschistischen Deutschland darzulegen. Den britischen Bündnispartner öffentlich bloßzustellen, wäre eine politische Dummheit gewesen. Das war Geschichte. Die Aufgabe bestand darin, die UdSSR vor der Vernichtung zu bewahren. Churchill stand bezüglich des britischen Empires vor der gleichen Aufgabe. Die Zerschlagung der faschistischen deutschen Aggressoren war im Interesse der Sowjet- und der britischen Regierung.74)
3. Dieser der Sowjetunion auf gezwungene Krieg sei ein „Kampf auf Leben und Tod.“ Dies erfordere die Anspannung aller Kräfte der Völker der Sowjetunion. Folgende Maßnahmen seien zu treffen: a) Die „Männer und Frauen des Sowjetlandes“ müssen „die ganze Größe der Gefahr begreifen, die unserem Lande drohe.“ Es sei Schluß zu machen, „mit der sorglosen Gelassenheit und der Stimmung des friedlichen Aufbaus...“ Die Ziele des Feindes seien, „unseren Boden ... zu okkupieren, unser Getreide, unser Erdöl, die Früchte unserer Arbeit an sich zu reißen.“ Die Macht der Gutsbesitzer solle wieder aufgerichtet, der Zarismus wiederhergestellt werden, die nationale Kultur und nationale Eigenständigkeit der freien Völker der UdSSR solle vernichtet werden. Sie sollen zu Sklaven der deutschen Fürsten und Barone gemacht werden. Die Sowjetmenschen müssen dies verstehen, aufhören, sorglos zu sein, sich selber mobilisieren, ihre ganze Arbeit auf den Krieg umzustellen.