Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 12/03

Herausgeber: Verein zur Förderung demokratischer Publizistik (e.V.)

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Stalins Beiträge

zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und Militärpolitik

1918 – 1940

Teil 1 und Teil 2

Von Ulrich Huar

 

  Redaktionsnotiz

Militärtheorie und Militärpolitik Teil 1

Teil 1: Stalin als Militär im Bürger- und Interventionskrieg 1918 - 1920

  1.1. Theoretische Voraussetzungen

  1.2. Erste Erfahrungen und Erkenntnisse

Militärtheorie und Militärpolitik Teil 2

Teil 2: „Die Atempause" 1920 - 1940

2.1. Über die internationale Situation in den 20er und 30er Jahren

  2.1.1. Das Versailler System und der Rapallovertrag

  2.1.2. Der Dawesplan

  2.1.3. Das Janusgesicht der Ostpolitik des deutschen Imperialismus

  2.1.4. Über die Gefahr eines konterrevolutionären Krieges gegen die UdSSR

  2.1.5. Die Unvermeidlichkeit eines neuen imperialistischen Krieges

  2.1.6. „Imperialistischer Pazifismus"

  2.1.7. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt

  2.1.8. Imperialistische Kriege in den 30er Jahren

  2.1.9. Die Friedenspolitik der UdSSR

2.2. Die Vorbereitung auf den Krieg

  2.2.1. Materiell-technische Vorbereitung

  2.2.2. Die „Enthauptung" der Roten Armee - Wahrheit und Legende

  Anmerkungen (Quellennachweise) zu Teil 1

  Anmerkungen (Quellennachweise) zu Teil 2

  Anhang: Vereinigtes Plenum des ZK und der ZKK der KPDSU (B), 29.7. – 9.8.1927


 

Redaktionsnotiz

„Und dann noch diese Stalin-Hefte!" – „Diese Sachen über Stalin, das könnt doch gar nicht Ihr sein!" – „Altstalinistische Sauereien..." – „Meint Ihr das wirlich ernst?" - „Mit Stalin begann die Konterrevolution in der Sowjetunion!" – „Schickt mir bloß keine Hefte mehr, in denen Stalin verherrlicht wird!" - „Ich werde keine Hefte mehr von Ihnen annehmen!"

Tja, so sind sie, die Genossinnen und Genossen.

Was soll man dazu sagen? (Variante 1) Man sollte ihnen vielleicht sagen: Wir spüren in dieser Frage ungemein heftige Emotionen. In Eurem Fall einen sehr großen Hass. Wir hätten Euch einen solchen Hass wirklich nicht zugetraut.

Was soll man dazu sagen? (Variante 2) Man sollte sie fragen: Warum dieser Hass? Was hat Stalin Euch getan? Erklärt uns und anderen das doch bitte etwas konkreter. („Stalinistische Sauereien" ist als Meinungsäußerung doch etwas pauschal und bringt wenig diskutierbare Argumente).

Was soll man dazu sagen? (Variante 3) Vielleicht sollte man ihnen auch sagen, dass die Zeit für Scheuklappen und Vorurteile angesichts der Lage, in die uns der Imperialismus inzwischen gebracht hat, tatsächlich vorbei ist. Kuschelige Schonwaschgänge hat das Kapital nicht mehr nötig – und wenn nicht in absehbarer Zeit harte Klassenkämpfe die Kriegsvorbereitungen und die sozialen Kahlschläge einschränken bzw. beenden, dann steht uns eine erneute Phase der kapitalistischen Barbarei ins Haus, ähnlich wie - wahrscheinlich aber schlimmer als - im letzten Jahrhundert. Dashalb müssen wir uns beim Klassengegener auch für nichts entschuldigen, wir müssen weder abschwören noch Sauberkeit und/oder Harmlosigkeit demonstrieren, - ganz im Gegenteil, wir müssen uns auf die Bildung von Gegenmacht konzentrieren. Gegenmacht. Sehr richtig, in dem Wort steckt der Begriff „Macht".

Was soll man dazu sagen? (Variante 4) Vielleicht abschließend noch den Satz: Wer Besseres weiß, schreibe es auf!

Der Blick in die Geschichte des Sozialismus ist eine heikle Sache, natürlich wissen wir das. Ulrich Huar hat uns gegenüber für seine Arbeit eine sehr schöne Maxime genannt: „Das alles hat sowieso keiner alleine gemacht, das waren immer kollektive Arbeitsprozesse. Deshalb nenne ich die Hefte auch immer `Stalins Beitrag zu...´, denn man soll ihn nicht auf einen Sockel stellen, aber eben auch nicht verteufeln. Eine vernünftige historische Einordnung ist das, was wir brauchen." So soll es sein. Wir erheben selbstverständlich nicht den Anspruch, diese „vernünftige historische Einordnung" hier getroffen zu haben. Wir wollen uns nur um eine solche bemühen. Deshalb heißt es ja so schön: „Beitrag zu...".

Zu diesem Heft: Es geht um Militärisches. Lenin wird was Wort zugeschrieben: „Die Kommunisten haben die Gewalt nicht erfunden, sondern vorgefunden", womit er zweifellos Recht hat. Ebenso halten wir die Einsicht, dass eine Revolution, die sich nicht verteidigen kann, nichts wert sei, für vollkommen richtig. Deshalb muss sich der Sozialismus zunächst – bevor in der höheren Phase des Kommunismus hoffentlich alles kriegerische Militär überflüssig wird – auch mit Militärischem befassen. Man stelle sich das letzte Jahrhundert ohne die Existenz der Roten Armee vor! (Dann weiß man auch, was uns noch alles bevorsteht, wenn wir nicht bald wieder eine kriegen.)

Wir setzen die Reihe von Ulrich Huar zur Darstellung der Beiträge Stalins zum Aufbau des Sozialismus und zur marxistisch-leninistischen Theoriebildung hiermit fort. Zur Erinnerung seien hier noch einmal kurz die Arbeitsmaximen wiederholt, die Ulrich Huar im ersten Heft der Reihe darlegte. Er schrieb: Für die Darstellung boten sich zwei Herangehensweisen an: Einmal die chronologische, die den Vorteil hat, die Theorie in allen ihren Bestandteilen im Zusammenhang darstellen zu können innerhalb der Zeitperiode, in der sie verfasst wurde. Die zweite Methode war die Theorie nach ihren Bestandteilen - Parteitheorie (Theorie der nationalen Frage, Politische Ökonomie des Sozialismus, Militärtheorie, Staats- und Revolutionstheorie) darzustellen. Der Vorteil dieser Methode bestand darin, die einzelnen Teiltheorien gründlicher darstellen zu können, innerhalb dieser die Kontinuität von Marx/Engels - Lenin - Stalin, sowie die Erkenntnisfortschritte im Denken Stalins selbst deutlicher herausarbeiten zu können. Auch bei dieser Methode war innerhalb der Bestandteile dann chronologisch zu verfahren. Da mir die zweite Methode gegenüber der ersten günstiger erschien, habe ich mich für diese entschieden, wobei ich die Nachteile, den Zusammenhang mit den anderen Bestandteilen der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus vernachlässigen zu müssen, in Kauf genommen habe.

 

Für die Arbeit der elektronischen Texterfassung und Korrektur danken wir den Genossinnen und Genossen der „Schriftenreihe der KPD" sehr herzlich. Wie schon die vorherigen Hefte dieser Reihe erscheint auch dieses jetzt vorliegende gleichzeitig hier und bei der KPD.

 

Die Zeitschrift Offensiv finanziert sich allein durch Spenden. Wir sind inzwischen in diesem Jahr 2003 fast bis an die Grenze des finanziell Machbaren gegangen. Trotzdem wollen wir nicht nachlassen, ganz im Gegenteil, wir haben noch einiges Interessantes vor – u.a. die Fortsetzung des Themas dieses Heftes für die Zeit des Großen Vaterländischen Krieges und für die Nachkriegszeit (oder auch: die Zeit des Kalten Krieges). Deshalb bitten wir weiterhin und eindringlich um Spenden - wirklich eindringlich, denn die Finanzen sind inzwischen wirklich sehr knapp!

 

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Redaktion Offensiv, Hannover

Militärtheorie und Militärpolitik Teil 1

Teil 1: Stalin als Militär im Bürger- und Interventionskrieg 1918 - 1920

1.1. Theoretische Voraussetzungen

Historische Betrachtungen über Stalin als Militärtheoretiker oder als Feldherr, was nicht ein und dasselbe ist, werden meistens im Zusammenhang mit dem Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion angestellt. Dies ist insofern verständlich, als der Große Vaterländische Krieg bezüglich seiner Intensität, Bewaffnung, Truppenmassen und Verlusten mit dem Bürger- und Interventionskrieg nicht vergleichbar ist. Kesselschlachten mit Millionen Kombattanten, Panzerschlachten mit Tausenden von Panzern, Einsatz von Tausenden von Kampfflugzeugen, an Frontabschnitten mit zum Teil über 1000 km Breite und Tiefen von 50 - 100 km, Forcieren kilometerbreiter Ströme gab es im Bürger- und Interventionskrieg noch nicht. Im Großen Vaterländischen Krieg war Stalin Oberbefehlshaber. Im Bürger- und Interventionskrieg war er Mitglied des Revolutionären Kriegsrates der Republik.

Mehrfach wurde Stalin an die Fronten des Bürger- und Interventionskrieges als militärpolitischer Beauftragter des ZK der KPR (B), des Kriegsrates oder direkt auf Weisung Lenins gesandt, besonders, wenn es dort zu kritischen Situationen für die Rote Armee kam.

In diesen Funktionen bewies Stalin militärisches Geschick und theoretische Einsichten in die Gesetzmäßigkeiten der Politik und des Krieges, die vor allem in seiner Tätigkeit an der Südwestfront gegen die polnischen Pans und an der Südfront gegen Denikin nachweisbar sind.

Als erstes sei der Frage nachgegangen, über welche militärtheoretischen Voraussetzungen Stalin in diesem Zeitraum, 1918 - 1920 verfügte.

Eine marxistische Militärtheorie war in den Werken von Marx und Engels in Grundzügen bereits ausgearbeitet, vor allem in den militärgeschichtlichen und -theoretischen Schriften von Engels, der zu recht als der Begründer der marxistischen Militärtheorie bezeichnet wird.

Wie bei jeder neuen Theorie mußte auch Engels an das vorgefundene militärtheoretische Material anknüpfen, und das fand sich vor allem in den Schriften des bedeutendsten preußischen Militärtheoretikers Carl von Clausewitz (1780 - 1831), besonders in dessen Hauptwerk „Vom Kriege", wieder.

Clausewitz spielte für die marxistische Militärtheorie etwa die gleiche Rolle wie Hegel für die Ausarbeitung der materialistischen Dialektik. Wenn Marx die Hegelsche Dialektik „vom Kopf auf die Füße" stellte, so kann man dies analog auch für Engels bezüglich der Militärtheorie von Clausewitz geltend machen. Lenin meinte später, daß die Ideen von Clausewitz von Hegel befruchtet waren.1) Auf die Erkenntnis der Dialektik des Krieges im Werk von Clausewitz wiesen Marx und Engels in mehreren Werken hin, teils direkt, teils indirekt, aus dem Kontext der Schriften erkennbar. Direkte Verweise auf Clausewitz erscheinen bei Marx und Engels jedoch auch erst seit Anfang der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts. Das bedeutet nicht, daß es vorher keine militärgeschichtlichen oder -theoretischen Schriften von Marx/Engels gegeben hat. Hier sei nur an Engels Arbeiten „Die deutsche Reichsverfassungskampagne" und „Der deutsche Bauernkrieg" erinnert, beide 1850 geschrieben.

In einem Brief an Marx vom 7. Januar 1858 schrieb Engels: „Ich lese jetzt u.a. Clausewitz ‘Vom Kriege’. Sonderbare Art zu philosophieren, der Sache nach aber sehr gut. Auf die Frage, ob es Kriegskunst oder Kriegswissenschaft heißen müsse, lautet die Antwort, daß der Krieg am meisten dem Handel gleiche.

Das Gefecht ist im Kriege, was die bare Zahlung im Handel ist, so selten sie in der Wirklichkeit vorzukommen braucht, so zielt doch alles darauf hin, und am Ende muß sie doch erfolgen und entscheiden."2)

In seinem Artikel „Bestätigte Wahrheit" vom 4. August 1859 berief sich Marx auf eine Stelle von Clausewitz über den italienischen Feldzug von 1796/97, wonach „der Krieg im Grunde genommen keine so theatralische Angelegenheit sei, wie manche Leute anzunehmen scheinen, und daß sich Siege und Niederlagen, mit dem Auge der Wissenschaft betrachtet, ganz anders darstellen als in den Köpfen der politischen Schwätzer."3)

Engels wies in seinem Artikel „Der Kampf in Frankreich" vom 11. November 1870 auf Scharnhorst, Gneisenau und Clausewitz bezüglich des Volkskampfes gegen die Napoleonische Fremdherrschaft in Preußen hin.

Clausewitz und Gneisenau untersuchten den Volkskampf, die Volksbewaffnung in Spanien und Preußen Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts sehr genau. Gneisenau ging sogar nach Spanien, um selber am Kampf der Guerilla gegen Napoleon teilzunehmen. An dem Volkskampf in Preußen sollten alle „Burschen zwischen 17 und 20 Jahren und die Männer von 40 bis 60 Jahren" im „Landsturm" teilnehmen, einer „levée en masse", (Volkserhebung, UH), sich „im Rücken und in den Flanken des Feindes" erheben, seine „Bewegungen stören", seine „Zufahrten und Kuriere abschneiden", „alle Arten von Waffen benutzen", die Eindringlinge beunruhigen, vor allem „keine Uniform irgendwelcher Art tragen, damit die Landstürmer ... dem Feinde unbekannt bleiben konnten".4)

Es ist unschwer zu erkennen, daß hier die Ausführungen Clausewitz‘ über die „Volksbewaffnung" aus seinem Werk „Vom Kriege" indirekt reflektiert sind. Sie sollten über ein Jahrhundert später im Partisanenkrieg ihre Realisierung in einem bis dahin unbekannten Ausmaß finden.

Über den dialektischen Zusammenhang zwischen Krieg und Politik, die berühmte Clausewitz-These vom Krieg als der Fortsetzung der Politik mit anderen, gewaltsamen Mitteln finden sich in den Werken von Marx und Engels nach dem Sachregister weit über hundert Hinweise. Sie lassen sich in vier Gruppen unterscheiden: 1. Krieg als Mittel, um sich vor einer „drohenden Revolution" zu retten; 2. Aggressionskrieg, um von inneren Schwierigkeiten abzulenken; 3. Revolutionskriege, zur Durchsetzung des gesellschaftlichen Fortschritts; 4. wie aus politischen Entscheidungen Kriege hervorgehen, so mehrfache Hinweise von Engels, daß die Annexion von Elsaß-Lothringen zu einer Koalition Frankreichs mit Rußland und letztendlich zu einer Europa „mit Krieg bedrohenden Krise" führen wird.5)

Clausewitz war natürlich nicht der einzige Militärtheoretiker, der in den Schriften von Marx und Engels reflektiert wurde. (Auf Arbeiten von Marx und Engels über die revolutionären Aufstände in China und Indien sowie den amerikanischen Bürgerkrieg kann hier nicht eingegangen werden.)

Wichtig für unser Thema sind die exakten Untersuchungen der napoleonischen Kriege Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts, der Befreiungskriege 1812/13, die Kriegstheorien Napoleons, Suworows und Kutusows. Allerdings unterliefen Engels dabei auch Fehleinschätzungen, die auf die damalige Quellenlage zurückzuführen sind, so die abwertende Beurteilung Kutusows und die überzogene Wertschätzung von Barclay de Tolly.6) Wenn Engels in einem Artikel vom 14. Dezember 1854 meinte, daß kein russischer General jemals einen originellen Gedanken gehabt hätte, nicht einmal Suworow, „dessen einzige Originalität das direkte Vorrücken" war, so scheint dies doch eine unzulässige Verallgemeinerung zu sein, die ebenfalls aus lückenhaften und fehlerhaften Quellen der damaligen Zelt resultierten.7)

Über Suworow äußerte sich Engels in späteren Arbeiten dagegen positiv, so in seinem Artikel „Po und Rhein", (Februar/März 1859 geschrieben) über den Alpenübergang einer russischen Armee unter Führung Suworows, wobei die Russen den sehr schwierigen Fußpfad, den Panixer Paß, 8.000 Fuß (ca. 2.800 m) hoch, überwanden, um einer stärkeren französischen Armee auszuweichen. „Diese Passage war bis dahin der großartigste aller modernen Alpenübergänge", meinte Engels und zitierte Suworow, nach dem „das russische Bajonett durch die Alpen drang. (Ruskij styk prognal cres Alpow)"8)

Lenin und Stalin haben die einschlägigen Schriften von Marx und Engels gekannt. Sie waren somit eine theoretische Quelle für die Ausarbeitung ihrer Militärtheorie, für die Ausarbeitung ihrer militärischen Strategien und deren Umsetzung in die Praxis. Lenin hat sehr gründlich die Schriften von Clausewitz studiert, wie seine Auszüge und Randbemerkungen zu „Hinterlassene Werke des Generals von Clausewitz über Krieg und Kriegführung, Vom Kriege, Band I, Berlin 1832" beweisen.9)

Lenin interessierte sich für Clausewitz’ Ausführungen über die Dialektik des Krieges sowie für das berühmte „Sechste Kapitel", Abschnitt B des Dritten Teils, 8. Buch, „Der Krieg ist ein Instrument der Politik", das er als „das allerwichtigste Kapitel" bezeichnete.10)

Wahrscheinlich hat Lenin diese Exzerpte im Jahr 1915 unter den Kampfbedingungen und Kräfteverhältnissen des Klassenkampfes des Proletariats im internationalen Maßstab, dem Herannahen der Revolution, unter den Bedingungen des Weltkrieges geschrieben. Einzelne Bemerkungen zu den Auszügen finden sich teilweise in Schriften Lenins im gleichen Zeitraum wieder.

Als erstes Exzerpt bei Lenin steht der Clausewitz-Satz: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln."11)

Clausewitz: „Wir müssen aber hier, damit der Leser nicht falsche Vorstellungen unterlege, bemerken, daß mit dieser natürlichen Tendenz des Krieges nur die philosophische, die eigentlich logische gemeint ist und keineswegs die Tendenz der wirklich im Konflikt begriffenen Kräfte, so, daß man sich z.B. darunter alle Gemütskräfte und Leidenschaften der Kämpfenden denken sollte." Randbemerkung Lenins: „Beginn der Abtrennung (Absonderung) des Objektiven vom Subjektiven."12)

Von Lenin am Rande stark angestrichen „Beispiel der Dialektik" der Satz: „Von der praktischen, aber freilich sehr unbestimmten Bedeutung, welche der Begriff eines Schlüssels des Landes in den Erzählungen der Feldherrn hat, wenn sie von ihren Kriegsunternehmungen sprechen, mußte man zu einer bestimmteren, also einseitigen, übergehen, wenn man ein System daraus entwickeln wollte." Randbemerkung Lenins: „bestimmter = einseitiger"...13)

Clausewitz über den Heerführer: „Ohne gebieterischen herrischen Willen, der bis auf das letzte Glied durchgreift, ist keine gute Heerführung möglich, und wer der Gewohnheit folgen wollte, immer das Beste von den Leuten zu glauben und zu erwarten, würde dadurch schon zu einer guten Heerführung ganz untüchtig sein." Randbemerkung Lenins: „ein guter Führer ... und Mißtrauen gegenüber den Leuten."14)

Die französischen Revolutionskriege haben nach Clausewitz die bisherigen Kriegstheorien (Lenin: „der Krieg = ein Spiel") überholt. Wie diese Revolutionskriege „mit einem Male eine ganz andere Welt von kriegerischen Erscheinungen öffneten, die, anfangs etwas roh und naturalistisch, dann später unter Bonaparte in eine großartige Methode zusammengefaßt, Erfolge hervorbrachte, die das Erstaunen von jung und alt machten: da ließ man von den alten Mustern los und glaubte nun, das sei alles die Folge neuer Entdeckungen, großartiger Idee usw., aber auch allerdings des veränderten gesellschaftlichen Zustandes. Man glaubte nun das Alte gar nicht mehr zu brauchen und auch nie wieder zu erleben. Wie aber bei solchen Umwälzungen der Meinungen immer Parteien entstehen, so hat denn auch hier die alte ihre Ritter gefunden, welche die neuen Erscheinungen wie rohe Gewaltstöße betrachten, wie einen allgemeinen Verfall der Kunst, und die den Glauben haben, daß gerade das gleichgewichtige, erfolglose, nichtige Kriegsspiel das Ziel der Ausbildung sein müßte. Dieser letzten Ansicht liegt ein solcher Mangel an Logik und Philosophie zum Grunde, daß man sie nur eine trostlose Verwirrung der Begriffe nennen kann. Aber auch die entgegengesetzte Meinung, als wenn dergleichen nicht weiter vorkommen würde, ist sehr unüberlegt. Von den neuen Erscheinungen im Gebiet der Kriegskunst ist das allerwenigste neuen Erfindungen oder neuen Ideenrichtungen zuzuschreiben und das meiste den neuen gesellschaftlichen Zuständen und Verhältnissen." Randbemerkung Lenins: „stimmt!"15)

Nach Clausewitz hatte das Volk im 18. Jahrhundert keinen unmittelbaren Anteil am Kriege: „Die (französische) Revolution hat das alles umgestaltet. ‘Der Krieg war urplötzlich wieder eine Sache des Volkes geworden.’ ‘...das ganze Volk trat mit seinem natürlichen Gewicht in die Waagschale.’"

„Seit Bonaparte also hat der Krieg, indem er zuerst auf der einen Seite, dann auch auf der andern wieder Sache des ganzen Volkes wurde, eine ganz andere Natur angenommen, oder vielmehr er hat seiner wahren Natur, seiner absoluten Vollkommenheit, sehr genähert.

Die Mittel, welche aufgeboten sind, hatten keine sichtbare Grenze, sondern diese verlor sich in der Energie und dem Enthusiasmus der Regierungen und ihrer Untertanen." Randbemerkungen von Lenin: „wichtig (aber eine Ungenauigkeit: der Bourgeoisie und vielleicht der ganzen) ... ‘Energie’ NB ‘Enthusiasmus’ der Untertanen".16)

Im Exzerpt aus dem w.o. genannten sechsten, „dem allerwichtigsten Kapitel" heißt es bei Clausewitz: „Man weiß freilich, daß der Krieg nur durch den politischen Verkehr der Regierungen und der Völker hervorgerufen wird; aber gewöhnlich denkt man sich die Sache so, daß mit ihm jener Verkehr aufhöre und ein ganz anderer Zustand eintrete, welcher nur seinen eigenen Gesetzen unterworfen sei.

Wir behaupten dagegen: Der Krieg ist nichts als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel. Wir sagen mit Einmischung anderer Mittel, um damit zugleich zu behaupten, daß dieser politische Verkehr durch den Krieg selbst nicht aufhört, nicht in etwas ganz anderes verwandelt wird, sondern daß er in seinem Wesen fortbesteht, wie auch die Mittel gestaltet sein mögen, deren er sich bedient, und daß die Hauptlinien, an welchen die kriegerischen Ereignisse fortlaufen und gebunden sind, nur seine Lineamente sind, die sich zwischen den Krieg durch bis zum Frieden fortziehen. Und wie wäre es anders denkbar? Hören denn mit den diplomatischen Noten je die politischen Verhältnisse verschiedener Völker und Regierungen auf? Ist nicht der Krieg bloß eine andere Art von Schrift und Sprache ihres Denkens? Er hat freilich seine eigene Grammatik, aber nicht seine eigene Logik.17)

Diese Aussage findet sich in Lenins Artikel „Der Zusammenbruch der II. Internationale" vom Juni 1915 in Polemik gegen Plechanow in der Fußnote in gekürzter Form wieder.18)

Lenin hat diese Sätze am Rande stark angestrichen.

Clausewitz schrieb, der Krieg als solcher folge „nicht seinen eigenen Gesetzen..." sondern müsse „als Teil eines andern Ganzen betrachtet werden... - und dieses Ganze ist die Politik." Von Lenin am Rande stark angestrichen mit der Bemerkung: „Der Krieg = Teil eines Ganzen", „dieses Ganze = die Politik".19)

Clausewitz setzte voraus, daß die Politik „in sich" alle Interessen der inneren Verwaltung, auch die der Menschlichkeit und was sonst der philosophische Verstand zur Sprache bringen könnte", „vereinigt und ausgleicht". Politik „ist ja nichts an sich, sondern ein bloßer Sachverwalter aller dieser Interessen gegen andere Staaten. Daß sie eine falsche Richtung haben, dem Ehrgeiz, dem Privatinteresse, der Eitelkeit der Regierenden vorzugsweise dienen kann, gehört nicht hierher"; Von Lenin stark angestrichen mit der Bemerkung: „NB ein Schritt zum Marxismus".20)

Weiter bei Clausewitz: „...wir können hier die Politik nur als Repräsentanten aller Interessen der ganzen Gesellschaft betrachten". Von Lenin stark angestrichen.21)

Clausewitz bemerkt über das Primat der Politik gegenüber dem Krieg: „Das Unterordnen des politischen Gesichtspunktes unter den militärischen wäre widersinnig, denn die Politik hat den Krieg erzeugt; sie ist die Intelligenz, der Krieg aber bloß das Instrument, und nicht umgekehrt. Es bleibt also nur das Unterordnen des militärischen Gesichtspunktes unter den politischen möglich."22) „... jeder Krieg", meinte Clausewitz, müsse „vor allen Dingen nach der Wahrscheinlichkeit seines Charakters und seiner Hauptumrisse aufgefaßt werden..., wie sie sich aus den politischen Größen und Verhältnissen ergeben, und daß oft, ja wir können in unsern Tagen wohl behaupten, meistens der Krieg wie ein organisches Ganzes betrachtet werden muß, von dem sich die einzelnen Glieder nicht absondern lassen, wo also jede einzelne Tätigkeit mit dem Ganzen zusammenströmen und aus der Idee dieses Ganzen hervorgehen muß: so wird es uns vollkommen gewiß und klar, daß der oberste Standpunkt für die Leitung des Krieges, von dem die Hauptlinien ausgehen, kein anderer als der der Politik sein könne.

Von diesem Standpunkt aus ... wird ... die Geschichte verständlicher." Der letzte Satz von Lenin angestrichen.23)

Clausewitz schrieb, daß der Krieg „selbst ... in seinem Wesen und in seinen Formen bedeutende Veränderungen erlitten" habe. Diese Veränderungen seien „aus der veränderten Politik entstanden, welche aus der französischen Revolution sowohl für Frankreich als auch für ganz Europa hervorgegangen" sei. Randbemerkung von Lenin: „stimmt".

„Diese Politik", so Clausewitz, „hatte andere Mittel, andere Kräfte aufgeboten und dadurch eine Energie der Kriegführung möglich gemacht, an welche außerdem nicht zu denken gewesen wäre."24)

Es bleibt zu bemerken, daß die Exzerpte Lenins natürlich nicht das Gesamtwerk Clausewitz’ „Vom Kriege" erfassen.

Dem DDR-Militärhistoriker Gerhard Förster ist zuzustimmen, wenn er schreibt: „Ebenso wie die klassische deutsche Philosophie zu einer der Quellen des Marxismus-Leninismus wurde, gehört das theoretische Erbe von Clausewitz zu den Quellen der marxistisch-leninistischen Lehre vom Kriege und von den Streitkräften." Förster zitiert auch den bürgerlichen Clausewitzforscher Werner Hahlweg, der „Lenin als perfekten Interpreten von Clausewitz" bezeichnete, und „Lenins Studium des Werkes von Clausewitz in unmittelbaren Zusammenhang mit Lenins Ausarbeitung wichtiger Prinzipien der Strategie und Taktik der Bolschewiki" bringt.25)

Lenin bezog sich in seinen Schriften zur Kriegsfrage während des Ersten Weltkrieges mehrfach auf Clausewitz. In Polemik gegen die „entstellte(n) Dialektik" Plechanows, der die These der „Vaterlandsverteidigung" im imperialistischen Krieg befürwortete, verwies Lenin auf die These Clausewitz’ vom Krieg als „bloßer Fortsetzung der Politik mit anderen (nämlich gewaltsamen) Mitteln."26) In der Fußnote führte er einen diesbezüglichen Passus aus Clausewitz’ „Vom Kriege" an.27) Dies sei die Formulierung von Clausewitz, „dessen Ideen von Hegel befruchtet waren. Und gerade das war der Standpunkt von Marx und Engels, die jeden Krieg als eine Fortsetzung der Politik der betreffenden interessierten Mächte - und der verschiedenen Klassen in ihnen - in dem betreffenden Zeitabschnitt auffaßten."28)

In seiner Schrift „Sozialismus und Krieg" (Juli - August 1915) präzisierte Lenin diesen Gedanken: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit andern (nämlich gewaltsamen) ‘Mitteln’. Dieser berühmte Ausspruch stammt von Clausewitz, einem der geistvollsten Militärschriftsteller. Die Marxisten haben diesen Satz mit Recht stets als theoretische Grundlage ihrer Auffassungen von der Bedeutung eines jeden konkreten Krieges betrachtet. Marx und Engels haben die verschiedenen Kriege stets von diesem und keinem anderen Standpunkt aus beurteilt."29)

Zwei Jahre später, nach der Februarrevolution, bezog sich Lenin in seiner Lektion „Krieg und Revolution" auf diesbezügliche Aussagen von Clausewitz. Im Kriege würden sie Verhältnisse antreffen, in denen der Klassenkampf innerhalb jeder einzelnen Nation mit einem durch diesen Klassenkampf erzeugten Krieg zwischen verschiedenen Nationen zusammentreffen, woraus revolutionäre Kriege entstehen können. Einen solchen revolutionären Krieg würden die Kommunisten nicht ablehnen. „Man muß untersuchen aus welchen historischen Bedingungen heraus der betreffende Krieg entstanden ist, welche Klassen ihn führen und mit welchem Ziel sie ihn führen."30) Schon Clausewitz habe vor achtzig Jahren die Ansicht verspottet, „als lebten die Völker in Frieden und schlügen dann plötzlich aufeinander los! Als ob das die Wahrheit wäre! Kann man denn den Krieg erklären, ohne ihn in Zusammenhang zu bringen mit der vorausgegangenen Politik des betreffenden Staates, des betreffenden Staatssystems, der betreffenden Klassen? Ich wiederhole noch einmal: das ist die Grundfrage, die man stän-dig vergißt, aus deren Nichtverstehen heraus neun Zehntel der Gespräche über den Krieg zu leerem Gezänk bzw. zu einem Austausch von Redensarten werden. Wir sagen: Wenn man nicht die Politik beider Gruppen der kriegführenden Mächte im Laufe der Jahrzehnte studiert hat - um Zufälligkeiten zu vermeiden und nicht Einzelbeispiele herauszugreifen -, wenn man nicht den Zusammenhang dieses Krieges mit der vorausgegangenen Politik aufgezeigt hat, dann hat man nichts von diesem Krieg begriffen!"31)

Mit der Bindung des Krieges und der Politik an Klassen, Klassenkampf und Klasseninteressen gingen schon Marx und Engels über Clausewitz hinaus. Aber Marx und Engels konnten Krieg und Klassenkampf nur im Kontext des 18. und 19. Jahrhunderts analysieren, als die proletarische Revolution noch nicht auf der Tagesordnung stand. Sie haben den Ersten Weltkrieg nicht mehr erlebt, in dessen Gefolge die proletarische Revolution und nationaldemokratische Revolutionen in Asien herangereift waren, damit die Frage Krieg - Klassenkampf - Revolution eine besondere Brisanz erhielt. Es läßt sich bezüglich der Kriegstheorie eine Kontinuitätslinie von Hegel/Clausewitz über Marx und Engels zu Lenin erkennen, bei Diskontinuität bezüglich des bürgerlich-adligen Klasseninhalts, der konservativen Seite in der Philosophie bzw. Kriegstheorie Hegel/Clausewitz’, die dialektisch negiert wurden.

Eine weitere Entwicklung der dialektisch-materialistischen Kriegstheorie ist in Ausführungen Lenins anläßlich des Brester Friedens erkennbar. Die Anwendung der Kriegstheorie Clausewitz’ auf die Praxis bewies Lenin in scharfen Auseinandersetzungen im ZK der SDAPR (B), im Rat der Volkskommissare sowie im Zentralexekutivkomitee um die Unterzeichnung des Friedensvertrages von Brest-Litowsk. (Die Verhandlungen zwischen der deutschen und sowjetischen Delegation begannen am 3. Dezember 1917. Am 3. März 1918 erfolgte die Unterzeichnung.)

Die Verhandlungsdelegation der deutschen und österreichischen Armee forderte einen imperialistischen Frieden: Polen, Litauen, ein Teil Estlands, Lettlands, Belorußlands, der Ukraine, die Moonsundinseln und der Rigaer Meerbusen sollten von Rußland abgetrennt werden. Dadurch konnten die Imperialisten Deutschlands die Seewege nach Finnland und nach dem Botnischen Meerbusen kontrollieren, Petrograd damit unmittelbar bedrohen.32)

Einige Parteimitglieder, die sich als „linke Kommunisten" bezeichneten, liefen gegen die Unterzeichnung eines solchen Schandvertrages Sturm. Zu dieser Gruppe gehörten Bucharin, Bela Kun, A. Kollontai, Kuibyschew, Preobrashenski, Pjatakow, Radek, Skorzow-Stepanow, um die bekanntesten zu nennen. Eine ganz besondere Stellung bezog Trotzki. Er meinte, daß die deutschen Gruppen nicht in der Lage seien, gegen Sowjetrußland eine Offensive zu führen und propagierte die Losung: „Weder Krieg noch Frieden". Zugleich schlug er die Demobilisierung der Armee vor. Diese Politik gegenüber den deutschen Militaristen war lebensgefährlich für die Sowjetmacht.33)

Stalin, der Lenin in diesen Auseinandersetzungen mit den „linken Kommunisten" und mit der abenteuerlichen These Trotzkis unterstützte, erklärte in der Sitzung der SDAPR (B) am 11. Januar 1918, daß wenn sie die Losung des „revolutionären Krieges" annähmen, sie den Imperialisten in die Hände spielen würden. Stalin sah sehr klar - möglicherweise sogar schärfer als Lenin? - wenn er erklärte, daß es „keine revolutionäre Bewegung im Westen" gibt; „es sind keine Tatsachen vorhanden, die von einer revolutionären Bewegung sprächen, diese besteht nur in der Potenz; ... aber auf Potenzen allein können wir uns in unserer Praxis nicht verlassen. Wenn die Deutschen eine Offensive einleiten, dann wird das bei uns die Konterrevolution stärken. ... Wenn wir die Politik Trotzkis annehmen, schaffen wir damit die schlechtesten Bedingungen für die revolutionäre Bewegung im Westen."34)

Lenin konnte sich zunächst im ZK der SDAPR (B) nicht durchsetzen. Die Mehrheit der Genossen stimmte gegen die Unterzeichnung des Vertrages. Auch im Rat der Volkskommissare und im Zentralexekutivkomitee, in dem die Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Mehrheit bildeten, blieb er mit Stalin, Swerdlow, F.A. Sergejew (Artjom) und einigen anderen Genossen in der Minderheit.

Lenin hatte mit Trotzki, dem sowjetischen Verhandlungsführer, ausgemacht, um Zeit zu gewinnen, den Friedensvertrag erst nach Ablauf des von den deutschen Militaristen gestellten Ultimatums zu unterzeichnen. Gegen diese Absprache hat Trotzki eigenmächtig verstoßen. Auf dem VII. Parteitag der KPR (B) (6. - 8. März 1918) erklärte Lenin in seinem Schlußwort zum Referat über Krieg und Frieden, daß man in der Tätigkeit Trotzkis zwei Seiten unterscheiden müsse: „...als er die Verhandlungen in Brest aufnahm und sie ausgezeichnet zu Agitationszwecken ausnutzte, waren wir alle mit Gen. Trotzki einverstanden. Er hat einen Teil der Unterredung mit mir zitiert, aber ich füge hinzu, wir hatten ausgemacht, daß wir uns bis zum Ultimatum der Deutschen halten und nach dem Ultimatum kapitulieren. Der Deutsche hat uns übers Ohr gehauen: von den sieben Tagen hat er uns fünf gestohlen. Trotzkis Taktik war richtig, insofern sie darauf ausging, die Sache in die Länge zu ziehen: sie wurde unrichtig, als der Zustand des Krieges für beendet erklärt und der Frieden nicht unterzeichnet wurde. Ich schlug in der bestimmtesten Form vor, den Frieden zu unterzeichnen. Einen besseren Frieden als den Brester konnten wir nicht bekommen. Es ist allen klar, daß wir dann eine Atempause von einem Monat gehabt, daß wir nicht verspielt hätten."

Und weiter an anderer Stelle: „Es ist lächerlich, die Kriegsgeschichte nicht zu kennen, nicht zu wissen, daß ein Vertrag ein Mittel ist, um Kräfte zu sammeln: ich habe mich bereits auf die preußische Geschichte berufen. Einige urteilen entschieden wie die Kinder: Wir haben den Vertrag unterzeichnet, also haben wir uns dem Satan verkauft, sind in die Hölle geraten. Das ist einfach lächerlich, wo doch die Kriegsgeschichte ganz klar zeigt, daß die Unterzeichnung eines Vertrags angesichts einer Niederlage ein Mittel zum Sammeln der Kräfte ist."35)

Die Folge der fehlerhaften Haltung Trotzkis sowie der „linken Kommunisten" war eine Offensive der deutschen Armee an der gesamten Front: Vormarsch Richtung Petrograd; Einmarsch in die Ukraine und in Belorußland; Eroberung Litauens und Estlands, wo sie die Sowjetmacht beseitigten. 36)

Buchstäblich in letzter Minute stellte der Rat der Volksbeauftragten die Losung auf: „Das sozialistische Vaterland ist in Gefahr!" Es gelang den Bolschewiki, die Arbeiter Petrograds, Moskaus und anderer Industriegebiete zu mobilisieren, Einheiten der „Roten Armee" aufzustellen, die den deutschen Truppen bei Pskow und Narwa heftigen Widerstand entgegensetzten und die Einnahme Petrograds verhinderten. Der 23. Februar 1918 wurde zum Gründungstag der „Roten Armee".

Auch in der Ukraine und in Belorußland stieß die deutsche Offensive auf ernsthaften Widerstand, so daß sich das deutsche Oberkommando bereit erklärte, die Friedensverhandlungen wieder aufzunehmen. Die Bedingungen waren für Sowjetrußland jetzt noch härter als zuvor, wie von Lenin erwartet. Aber Lenin konnte sich nunmehr im Zentralkomitee durchsetzen. Nach einer Protokollnotiz der ZK-Sitzung habe Stalin vorgeschlagen, vorläufig nicht zu unterschreiben, worauf Lenin geantwortet habe: „Wenn Sie nicht unterschreiben, dann werden Sie in drei Wochen das Todesurteil der Sowjetmacht unterschreiben."36) Warum Stalin, der ursprünglich für die Unterzeichnung des Friedensvertrages war, am 23. Februar eine Unterzeichnung verzögern wollte - er hatte nicht abgelehnt! - konnte ich nicht herausfinden.

Soweit die Fakten zum Brester Frieden.

Lenin verglich in seiner Argumentation den Brester Frieden mit dem Tilsiter Frieden zwischen Preußen und Napoleon am 9. Juli 1807. Preußen mußte unter anderem alle Gebiete zwischen Elbe und Rhein an Napoleon, den Cottbuser Kreis an Sachsen sowie die nach 1772 von Polen annektierten Gebiete abtreten. Letztere verwandelte Napoleon in das „Großherzogtum Warschau", in das er den König von Sachsen installierte. Preußen verlor über die Hälfte seiner Einwohner. In der „Pariser Konvention" vom 8. September 1808 hatte Preußen 140 Millionen Francs (nach Intervention des Zaren auf 120 Millionen reduziert) Kontribution an Frankreich zu zahlen. Im Falle eines Krieges Frankreichs gegen Österreich hatte Preußen ein Hilfskorps zu stellen.37)

Lenin erklärte auf dem VII. Parteitag, daß er den Brester Frieden „absichtlich einen Tilsiter Frieden genannt" habe. Sie hätten jedoch in Brest keine solche Verpflichtung unterschrieben wie Preußen im Tilsiter Frieden, nämlich „dem Eroberer unsere Truppen zur Unterstützung bei seinen Eroberunszügen gegen andere Völker zur Verfügung zu stellen ..." Und weiter, Sowjetrußland könnte sich nicht „auf eine auf dem Schlachtfeld ausgelöste Weltrevolution verlassen."38)

Ausführlicher ging Lenin auf die Analogie zwischen dem Tilsiter und Brester Frieden in seinem Referat auf dem Außerordentlichen IV. Gesamtrussischen Sowjetkongreß (14. - 16. März 1918) ein, wobei die Anwendung der kriegstheoretischen Erkenntnisse Clausewitz’ auf die Situation Sowjetrußlands unübersehbar ist.

„Es ist vorgekommen, daß ein noch schwererer Frieden geschlossen wurde, und zwar von den Deutschen zu einer Zeit, wo sie keine Armee hatten oder ihre Armee krank war, so wie unsere Armee krank ist. Sie schlossen einen überaus schweren Frieden mit Napoleon. Und dieser Frieden bedeutete nicht den Untergang Deutschlands, im Gegenteil, er wurde zu einem Wendepunkt, führte zur nationalen Verteidigung, zu einem Aufschwung. Auch wir stehen am Vorabend eines solchen Wendepunkts, auch wir durchleben analoge Bedingungen. Man muß der Wahrheit ins Auge sehen und Phrase und Deklamation von sich weisen. Man muß sagen: Wenn es notwendig ist, so muß der Frieden geschlossen werden. Der Befreiungskrieg, der Klassenkrieg, der Volkskrieg wird den Napoleonischen Krieg ablösen. Das System der Napoleonischen Kriege wird sich ändern, der Frieden wird den Krieg, der Krieg den Frieden ablösen, und jeder neue drückende Frieden hat stets eine breitere Vorbereitung zum Krieg zur Folge gehabt. Der schwerste der Friedensverträge - der Tilsiter - ist in die Geschichte eingegangen als Wendepunkt zu einer Zeit, wo im deutschen Volk ein Umschwung einsetzte, wo es sich bis Tilsit, bis nach Rußland zurückzog, in Wirklichkeit aber Zeit gewann und abwartete, bis die internationale Situation, die eine Zeitlang Napoleon, einem ebensolchen Räuber wie jetzt die Hohenzollern und Hindenburg, die Möglichkeit gegeben hatte, zu triumphieren, bis diese Lage sich änderte, bis das Bewußtsein des von den viele Jahre währenden Napoleonischen Kriegen und von Niederlagen erschöpften deutschen Volkes gesundete und es wieder zu neuem Leben erstand. Gerade das lehrt uns die Geschichte, deshalb ist jede Verzweiflung, jede Phrase ein Verbrechen, deshalb wird jeder sagen: Jawohl, die alten imperialistischen Kriege gehen zu Ende. Der geschichtliche Umschwung hat begonnen."39)

Es ist zweifellos richtig, daß mit dem Roten Oktober ein „geschichtlicher Umschwung" begonnen hat, wobei Lenin bereits auf „lange und schwere Zeiten" orientierte. Die Annahme, daß die „alten imperialistischen Kriege" zu Ende gingen, ist aus der Sicht von 1918 verständlich, erwies sich jedoch als verfrüht. Die alten imperialistischen Kriege erleben nach dem einstweiligen Sieg der Konterrevolution eine verderbliche Renaissance, mit allen für die Werktätigen im internationalen Maßstab verbundenen Katastrophen, deren Ende auch nicht annähernd angegeben werden kann.

Lenin bezog die Kriegstheorie Clausewitz’ auch auf die Aufgaben eines Feldherrn in einer verzweifelten Situation, in der sich Sowjetrußland nach dem Brester Frieden befand. So schrieb er in seinem Artikel „Die Hauptaufgabe unserer Tage" in der Iswestija WZJK vom 12. März 1918:

„Der Heerführer, der die Reste einer geschlagenen oder panisch flüchtenden Armee in das Innere des Landes zurückführt, der diesen Rückzug schützt, im äußersten Fall sogar mit dem schwersten und erniedrigendsten Frieden, begeht keinen Verrat an den Truppenteilen, denen er nicht helfen kann und die der Feind abgeschnitten hat. Ein solcher Heerführer erfüllt seine Pflicht, wenn er den einzigen Weg wählt, um zu retten, was noch zu retten ist, sich nicht auf Abenteuer einläßt, wenn er vor dem Volke die bittere Wahrheit nicht beschönigt, Raum aufgibt, um Zeit zu gewinnen, wenn er jede, selbst die kleinste Atempause ausnutzt, um Kräfte zu sammeln, um die Armee, die an Zersetzung und Demoralisierung leidet, Atem schöpfen und gesunden zu lassen."

Und weiter:

„Die Epochen der Kriege lehren uns, daß der Frieden in der Geschichte nicht selten die Rolle einer Atempause und der Sammlung der Kräfte für neue Schlachten gespielt hat. Der Tilsiter Frieden war die größte Erniedrigung Deutschlands und gleichzeitig eine Wendung zu einem gewaltigen nationalen Aufschwung.40)

In seiner Artikelserie in der Prawda vom 9., 10., 11. Mai 1918 „Über ‘linke’ Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit" bezog sich Lenin in seiner Polemik gegen die Gruppe der „linken Kommunisten" wiederholt auf Clausewitz: „Die Verteidigung des Landes ernst nehmen heißt sich gründlich vorbereiten und das Kräfteverhältnis streng in Rechnung stellen. Wenn wir offenkundig schwach sind, so ist das wichtigste Mittel der Verteidigung der Rückzug in das Innere des Landes (wer darin eine nur für diesen Fall zurechtgebogene Formel sieht, kann bei dem alten Clausewitz, einem der großen Militärschriftsteller, über die Ergebnisse der Lehren der Geschichte in dieser Beziehung nachlesen)."41)

Nach Aufzeichnungen aus Stalins Bibliothek hat er die Schriften Clausewitz’ gekannt; namentlich werden dessen Standardwerk „Vom Kriege" und die Schrift „Das Jahr 1812" genannt. Es fanden sich in seiner Bibliothek auch Werke von Suworow, Napoleon, Moltke, E.W. Tarle und anderer Militärschriftstellern.42)

Bekannt ist der Brief von Stalin an Oberst Professor Dr. Rasin vom 25. Februar 1946.42a) Darin unterschied er zwischen einem allgemein politischen und einem spezifisch militärwissenschaftlichen Herangehen an die Militärtheorie Clausewitz’. Lenin habe zwei Thesen von Clausewitz hervorgehoben, erstens, daß der Krieg die Fortsetzung der Politik mit den Mitteln der Gewalt ist, zweitens, daß unter bestimmten Bedingungen der Rückzug eine ebenso berechtigte Kampfform darstellt wie der Angriff.

Zu den spezifisch militärtheoretischen Aussagen Clausewitz’ habe sich Lenin nicht geäußert. Soweit stimmte Stalin mit Lenin überein.

Clausewitz sei ein Vertreter des „Manufakturzeitalters" des Krieges gewesen. Dies erkläre, daß seine Kriegstheorie veraltet sei. Jetzt stünden sie im „maschinellen Zeitalter" des Krieges. Dies erfordere eine „neue militärische Ideologie". „Es wäre lächerlich, heute bei Clausewitz in die Schule zu gehen."42b) Wenn dieser letzte Satz aus dem Zusammenhang gelöst und allein zitiert wird, wie zuweilen geschieht, kann daraus Stalin eine Abwertung der Militärtheorie Clausewitz’ unterstellt werden.

Stalin bezog seine Äußerungen jedoch nicht nur auf Clausewitz, sondern auch auf „veraltete Thesen und Äußerungen" von bekannten Autoritäten der Kriegstheorie, einschließlich der Klassiker des Marxismus. So kritisierte Stalin auch die weiter oben angeführte Äußerung von Engels, nach der General Barclay de Tolley der einzige unter den russischen Feldherren von 1812 gewesen sei, der Bedeutung verdiene, während er Kutusow unterschätzt habe.

Man sollte nicht übersehen, daß zwischen der Einschätzung Clausewitz’ von Lenin und von Stalin drei Jahrzehnte lagen, der Zweite Weltkrieg und ab 1945 die atomare Bedrohung durch den US-Imperialismus, woraus unterschiedliche Gewichtungen in der Bewertung der Militärtheorie von Clausewitz resultierten. Wenn auch verständlich nach den Erfahrungen mit dem deutschen Militarismus, halte ich es für bedenklich, Clausewitz in eine Reihe mit „Molkte (welcher? UH), Schlieffen, Ludendorf, Keitel und anderen Trägern der militärischen Ideologie in Deutschland" zu stellen.42c)

Auch wenn die deutschen Faschisten versuchten, Clausewitz für sich zu vereinnehmen, ist eine „Kontinuitätslinie" von Clausewitz als Militär der Befreiungskriege zu Keitel als Repräsentant der faschistischen deutschen Wehrmacht unakzeptabel.

Richtig ist, daß mit der Einführung von ABC-Waffen in die Militärstrategie die kriegstheoretischen Schriften von Clausewitz wie auch von Engels bezüglich ihrer strategischen und taktischen Aussagen weitgehend überholt sind, während die politischen Aussagen, wie Krieg als Fortsetzung der Politik von Klassen mit gewaltsamen Mitteln, nach wie vor aktuell bleiben, wie der US-Imperialismus Anfang des 21. Jahrhunderts empirisch bewiesen hat.

Wir wissen aber nicht, wann Stalin was gelesen hat, über welche theoretischen Kenntnisse er aus diesen Schriften schon 1918, bei Beginn des Bürger- und Interventionskrieges, verfügte. Stalin kannte zu dieser Zeit die Werke von Marx und Engels, wie aus dem Kontext seiner Schriften bis 1920 hervorgeht. Er kannte auch die w.o. angeführten Artikel und Reden Lenins von 1915 und zum Brester Frieden, konnte somit indirekt Aussagen von Clausewitz, wenn man so will, aus „zweiter Hand", reflektieren. Lenin standen die Bibliotheken in Westeuropa während der Zeit seiner Emigration zur Verfügung, während Stalin während der Zeit seiner Kämpfe in Rußland, in der Illegalität, auf der Flucht, in Verbannung und in Gefängnissen nur begrenzten Zugang zu wissenschaftlicher Literatur hatte. Darum ist es schwierig, sichere Aussagen darüber zu treffen, was Stalin in diesem Zeitraum an kriegstheoretischer Literatur kannte. Im Kontext seiner Schriften bis 1920 konnte ich keine Hinweise auf Clausewitz finden.

Stalin konnte zunächst nur empirisch an die gesellschaftliche Erscheinung Krieg herangehen. Mit der Methode der materialistischen Dialektik, die er zu dieser Zeit schon beherrschte, vermochte er die Erfahrungen des Bürger- und Interventionskrieges theoretisch zu verallgemeinern. Die dialektisch-widersprüchliche Einheit von Krieg - Politik - Ökonomie konnte er aus den Werken von Marx und Engels übernehmen und in seinen Analysen der Ereignisse an den Fronten des Bürger- und Interventionskrieges als Methode anwenden.

So hat Stalin den Krieg als ein Ganzes in seinem Zusammenhang mit Politik und Ökonomie verstanden, ganz im Sinne von Clausewitz, unabhängig davon, was er von ihm kannte. Dies war ein Vorzug gegenüber so manchem Berufsmilitär, der die Eigengesetzlichkeit des Krieges gegenüber der Politik verabsolutierte, von den Gesetzmäßigkeiten der Politik abstrahierte und somit Gefahr lief, eklatante strategische Fehlurteile zu fällen. Von sehr großer Bedeutung für Stalins Kriegstheorie waren seine ausgezeichneten Kenntnisse der nationalen Frage, die er sich in seiner revolutionären Tätigkeit, vor allem im Kaukasus, angeeignet und theoretisch verallgemeinert hatte.43)

Sein Verständnis der nationalen Komponente in der Kriegstheorie sollte ihm vor allem in den Abwehrkämpfen gegen die polnischen Pans an der Westfront 1920 zu Gute kommen, wie noch zu zeigen sein wird.

Auf Stalins militärpolitische Tätigkeit im Bürger- und Interventionskrieg trifft die Aussage Clausewitz’ über die Rolle der Theorie im Kriege zu: „Sie kann ihm keine Formeln zur Auflösung der Aufgaben mitgeben, sie kann seinen Weg nicht auf eine schmale Linie der Notwendigkeit einschränken durch Grundsätze, die sie zu beiden Seiten aufmarschieren läßt. Sie läßt ihn einen Blick in die Masse der Gegenstände und ihrer Verhältnisse tun und entläßt ihn dann wieder in die höheren Regionen des Handelns, um nach dem Maß der ihm gewordenen natürlichen Kräfte mit der vereinten Tätigkeit aller zu handeln und sich des Wahren und Rechten wie eines einzelnen klaren Gedankens bewußt zu werden, der, durch den Gesamteindruck aller jener Kräfte hervorgetrieben, mehr ein Produkt der Gefahr als des Denkens zu sein scheint."44)

1.2. Erste Erfahrungen und Erkenntnisse

Der Geschichtsprozeß verläuft nicht selten auf eigenartigen Wegen. Erstes militärischer Eingreifen in den Bürger- und Interventionskrieg nahm Stalin in seiner Funktion als „Gesamtleiter der Lebensmittelbeschaffung im Süden Rußlands" vor. In diese Funktion war er auf Beschluß des Rates der Volkskommissare mit „außerordentlichen Vollmachten" berufen worden. Am 6. Juni 1918 traf er aus Moskau kommend in Zarizyn ein. In der Ausübung dieser Funktion lernte Stalin ganz empirisch den Zusammenhang einer ordentlichen Wirtschaftsverwaltung und Kriegsführung kennen, daß Erfolge im Kriege in erster Linie von der Organisation im Hinterland abhängen.

Aufschlußreich für die Lage im Kaukasusgebiet ist ein Telegramm Stalins an Lenin vom 7. Juni 1918.

In Zarizyn, Astrachan und Saratow haben die Sowjets das Getreidemonopol und die festen Preise abgeschafft. Die Folge waren „wüste Zustände" und „Schleichhandel". Er habe in Zarizyn die Einführung des Kartensystems und fester Preise durchgesetzt. Das Zentrale Exekutivkomitee (ZEK) und der Rat der Volkskommissare müsse von den Sowjets verlangen, mit dem Schleichhandel aufzuräumen.

Der Eifer einer „Unzahl von Kollegien und Revolutionskomitees" habe den Eisenbahnverkehr „völlig zerrüttet". Trotz der „Proteste der Kollegien" sei er dabei, Ordnung zu schaffen. An verschiedenen Orten habe er einen „Haufen von Lokomotiven" entdeckt, von deren Existenz die Kollegien nichts wußten. Er sei dabei, in Zarizyn Züge zusammenzustellen, um „ungefähr eine Million Pud nach Moskau" zu bringen. (1 Pud = 16,38 kg) Desgleichen sei die Schiffahrt in Stockung geraten. In Nishni Nowgorod werden Dampfer zurückgehalten. Lenin solle die Anweisung geben, die Dampfer nach Zarizyn durchzulassen.

Im Kubangebiet, in Stawropol gäbe es „zuverlässige Getreideaufkäufer", die dabei wären, „im Süden Getreide herauszupumpen".45)

Die Sowjetmacht war noch keineswegs gesichert, wie aus dem Telegrammwechsel Lenins mit Stalin vom 7. Juli 1918 ersichtlich. (In den Sowjets, Kollegien, Revolutionskomitees, etc. waren die Bolschewiki oftmals in der Minderheit, führten Menschewiki und Sozialrevolutionäre das große Wort. Der Kaukasus war eine Hochburg der Menschewiki und Sozialrevolutionäre. UH)

Am 7. Juli 1918 nachmittags um 15 Uhr wurde der deutsche Botschafter Mirbach von einem Sozialrevolutionär durch Bombenwurf ermordet. „Dieser Mord", so Lenin in seinem Telegramm, liegt offenkundig im Interesse der Monarchisten bzw. der englischen und französischen Kapitalisten. Die linken Sozialrevolutionäre, die den Mörder nicht ausliefern wollen, haben Dzierzynski und Lacis festgenommen und einen Aufstand gegen uns begonnen. Noch heute nacht werden wir schonungslos aufräumen... Wir sind um Haaresbreite von einem Krieg entfernt. Wir haben Hunderte von linken Sozialrevolutionären als Geiseln. Überall müssen diese erbärmlichen und hysterischen Abenteurer, die zu einem Werkzeug in den Händen der Konterrevolution geworden sind, schonungslos niedergeworfen werden... Also seien Sie schonungslos gegenüber den linken Sozialrevolutionären..."46)

In der telegrafischen Antwort Stalins heißt es: „Es wird alles getan werden, um eventuellen Überraschungen vorzubeugen. Seien Sie gewiß, daß unsere Hand nicht zittern wird..."47)

Zweierlei geht aus diesem Telegrammwechsel hervor, einmal die bedrohliche Lage, in der sich Sowjetrußland befand, in der sich konterrevolutionäre Aufstände, Bürger- und Interventionskrieg mit wirtschaftlichem Chaos verflochten, zum anderen, daß diese Lage zu außerordentlichen Maßnahmen zwang, die eben nicht nur von Stalin, sondern auch von Lenin durchgeführt wurden, von Stalin auf Weisung Lenins als dem Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare. Revolutions- und Bürgerkriege waren und sind nun mal keine gemütlichen Zeiten und lassen sich nicht nach abstrakten moralischen Kriterien und Prinzipien beurteilen. Auch in der Frage des Kampfes gegen die Konterrevolution und ausländischen Imperialisten zeigte sich Übereinstimmung und Kontinuität in der Politik zwischen Lenin und Stalin.

In einem Brief Stalins an Lenin vom 10. Juli 1918 werden gespannte Beziehungen zwischen Stalin und Trotzki erkennbar.

Trotzki verteile nach allen Seiten hin Mandate, (d.h. Bevollmächtigte, UH) was „mit Sicherheit" zur Folge habe, „daß bei uns in einem Monat im Nordkaukasus alles zusammenbricht und daß wir dieses Gebiet endgültig verlieren werden... Hämmern Sie ihm ein, daß ohne Wissen der örtlichen Funktionäre keine Ernennungen vorgenommen werden dürfen..."

„Die Lebensmittelfrage ist natürlich mit der militärischen Frage verflochten." Er benötige „militärische Vollmachten". Er habe schon darüber geschrieben, (an Trotzki? UH) aber keine Antwort erhalten. „Dann werde ich eben selbst, ohne Förmlichkeiten, diejenigen Armeebefehlshaber und Kommissare absetzen, die die Sache zugrunde richten .... das Fehlen eines Papierchens von Trotzki wird mich natürlich nicht davon abhalten."48)

Als Volkskommissar und Vorsitzender des Revolutionären Kriegsrates der Südfront führte Stalin eine straffe Verwaltungsorganisation ein und traf Maßnahmen, um in der Roten Armee eine „eiserne Disziplin" herzustellen. Damit überwand er die Ursachen für die äußerst kritische Lage der Sowjetmacht im Nordkaukasus. Der Frontsoldat, so Stalin, der „tüchtige Mushik", der im Oktober für die Sowjetmacht gekämpft habe, habe sich nunmehr gegen sie gewandt; „er haßt aus tiefstem Herzen das Getreidemonopol, die festen Preise, die Requisitionen, die Bekämpfung der Hamsterei."

Die sich „sowjetisch nennenden" Kosakenverbände führen keinen entschlossenen Kampf gegen die kosakische Konterrevolution. Ganze Regimenter gingen auf die Seite der Konterrevolution über.49)

In diese Zeit fiel auch das Attentat auf Lenin, der schwer verwundet wurde. (30. August 1918)

In dem von Stalin und Woroschilow unterzeichneten Telegramm des Kriegsrates des Nordkaukasischen Militärbezirks an den Vorsitzenden des ZEK, Genossen Swerdlow, von 31. August 1918 heißt es, daß sie „dieses gemeine, hinterhältige Attentat mit der Organisierung des offenen, systematischen Massenterrors gegen die Bourgeoisie und ihre Agenten" beantworten werden.50)

Attentat auf Lenin, Aufstände, Krieg gegen die ausländischen Interventen, Massenterror von beiden Seiten, wirtschaftliches Chaos, Hunger, das waren die konkreten Verhältnisse des Krieges, unter denen Stalin praktische Erfahrungen als Militär sammelte.

Im Kampf an der Südfront nahm Zarizyn eine zentrale Stellung ein. Es war der Punkt, auf den die konterrevolutionären Truppen, vorwiegend Kosakenverbände, sich konzentrierten. Der Besitz von Zarizyn würde den Weißgardisten ermöglichen, „die Konterrevolutionäre des Dongebiets mit den Kosakenoberschichten des Astrachaner und des Uraler Heeres" zu „vereinigen und somit eine Einheitsfront der Konterrevolution vom Don bis zu den Tschechoslowaken" zu „schaffen; sie würden den inneren und äußeren Konterrevolutionären den Besitz des Südens und des Kaspischen Gebiets sichern; sie würden die Sowjettruppen des Nordkaukasus in eine hilflose Lage versetzen..."51)

In der Organisation des Krieges konzentrierte er sich auf eine zweieinige Aufgabe: Erstens auf die Rote Armee, daß die Rotarmisten wußten, wofür sie kämpften, also die ideologische Seite des Krieges, Ordnung und Disziplin, ohne die eine Armee verloren ist, die Herausbildung eines „ganzen Stamms roter Offiziere", die „das Hauptbindemittel unserer Armee" bilden, „das sie zu einem homogenen disziplinierten Organismus zusammenschweißt."

Zweitens die praktische Umsetzung der theoretischen Erkenntnis, daß eine Armee „nicht lange ohne festes Hinterland existieren" kann. „Für eine stabile Front ist es notwendig, daß die Armee regelmäßig Ersatz, Munition und Proviant aus dem Hinterland erhält." Dafür benötige man tüchtige und kundige Verwaltungsfunktionäre, die „hauptsächlich aus fortgeschrittenen Arbeitern" herangebildet werden müssen. Man könne „mit Gewißheit sagen, daß Zarizyn ohne diese Verwaltungsfunktionäre nicht zu retten gewesen wäre."52)

Ende November 1918 war im Osten und Norden der Sowjetrepublik eine sehr gefährliche Lage entstanden. In Murmansk und Archangelsk gingen französische, englische, amerikanische und italienische Interventionstruppen an Land, die sich mit den weißgardistischen Einheiten verbanden. Insgesamt bestand diese zusammengesetzte Militärmacht aus etwa 40.000 Mann, die in Richtung Süd-Ost vordrangen, um sich mit den Truppen Koltschaks zu vereinigen, die von Westsibirien her angriffen. Im Gebiet östlich der Wolga und südlich der Kama stand das Tschechoslowakische Korps mit weißgardistischen Truppen.53) Die Armeen der Entente und Weißgardisten aus dem Raum Archangelsk sollten nach Süden, Koltschak, und die Tschechoslowaken von Osten bzw. Südosten nach Westen vorstoßen, um sich bei Kotlas zu treffen und von dort aus mit einer überwältigenden Truppenmacht auf Moskau zu marschieren. Nach verschiedenen Berechnungen umfaßten die Truppen der Entente und Weißgardisten in diesem Gebiet etwa 130.000 Soldaten und Offiziere. Koltschak ernannte sich auf Weisung der Entente zum Oberbefehlshaber sämtlicher weißgardistischer Truppen. Ihm hatten sich alle weißgardistischen Generale auf russischem Boden zu unterstellen. Koltschak verpflichtete sich gegenüber den Ententemächten im Januar 1919, den französischen General Janin als „Befehlshaber der russischen und alliierten Kräfte vom Baikal nach Westen, in Sibirien und in Ostrußland anzuerkennen".

Ende November eröffnete Koltschak mit etwa 50.000 gutbewaffneten und mit allen notwendigen Ausrüstungen versorgten Soldaten die Offensive gegen Perm, einem wichtigen Industriezentrum mit dem bekannten Motowilicha-Werk, das für die Ausrüstung der Roten Armee unverzichtbar war. Den Truppen Koltschaks stand die III. Armee mit etwa 35.000 schlecht bewaffneten Rotarmisten gegenüber, die von ehemaligen zaristischen Offizieren geführt wurden, von denen ein großer Teil zu den Truppen Koltschaks und den Tschechoslowaken überliefen. (Exakte Zahlenangaben konnte ich hierzu nicht finden. Darüber hat wohl auch niemand eine „Statistik" geführt. UH) Am 24. Dezember gelang es den Truppen Koltschaks, Perm einzunehmen und auf Wjatka vorzudringen. Die Vereinigung mit den von Norden auf Kotlas vorstoßenden Ententetruppen stand unmittelbar bevor.54)

Das ZK der Bolschewiki beschloß, eine Untersuchungskommission zu bilden, um die Ursachen für den Fall von Perm an Ort und Stelle zu klären und Maßnahmen zur Stabilisierung der Front zu treffen. Mit der Leitung der Kommission wurden auf Weisung Lenins die Volkskommissare Dzierzynski und Stalin beauftragt. Am 5. Januar 1919 trafen beide in Wjatka ein.

Die von Dzierzynski und Stalin unterzeichneten Berichte vom 5. bis 31. Januar an Lenin geben Auskunft über die von beiden Volkskommissaren getroffenen politischen und militärischen Maßnahmen.55) Aus ihnen wird ersichtlich, daß beide Genossen befähigte Führer des revolutionären Krieges waren. Diese Berichte bilden einen Beitrag zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie. Es ist nicht möglich, anzugeben, welche Ausarbeitung nun aus der Feder von Dzierzynski und welche aus der von Stalin stammt. Es gibt im Bericht eine Bemerkung: „In der Frage der Verschmelzung der Allrussischen Außerordentlichen Kommission mit dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten ist Genosse Dzierzynski abweichender Meinung."55a) Daraus läßt sich schließen, daß beide Genossen außer dieser organisatorischen Frage miteinander übereinstimmten. Bei dem bekannten Charakter der beiden historischen Persönlichkeiten ist auszuschließen, daß einer den anderen „dominiert" habe.

Die Berichte können hier nur in Kurzform reflektiert und zusammengefaßt werden:

Die III. Armee, Sollstärke über 30.000 Mann, bestehe nur noch aus 11.000 erschöpften, schwer mitgenommenen Soldaten. - Die vom Oberbefehlshaber geschickten Truppen sind unzuverlässig, zum Teil uns feindlich eingestellt. - Es werden drei zuverlässige Regimenter angefordert. (5. Januar 1919)56)

Ursachen der Katastrophe bei Perm: Eine Armee, deren Truppen erschöpft sind, keine Reserven, keine feste Leitung hat, eine Flankenstellung einnimmt, umgangen werden kann, mußte beim ersten Druck überlegener Kräfte des Gegners auseinanderfallen. - Lage der Militärs: Zwei Regimenter haben sich gefangen gegeben - der Meuterei eines Pionierregiments konnte vorgebeugt werden - Überlaufen zum Gegner, Feindseligkeiten gegen die Rote Armee seien aus dem konterrevolutionären Geist der Regimenter zu erklären, durch alte Methoden der Aushebung und Formierung, keiner „Durchsiebung" der zum Militärdienst Einberufenen, keinerlei politische Arbeit in den Regimentern.

Fahrlässigkeiten im Obersten Stab, in den Militärkommissariaten, im Allrussischen Büro der Kommissare, im Revolutionären Kriegsrat der Armee, Desorganisation durch Leitungsgremien, mangelnde Reserven. Ein in Reserve befindliches „sowjetisches Regiment" lief beim ersten Fronteinsatz zum Gegner über.

Dokumente seien abhanden gekommen, die dafür Verantwortlichen seien übergelaufen.- Das System der Führung der III. Armee sei nach außen „vorschriftsmäßig", in Wirklichkeit fehle jede Ordnung, herrsche absolute Mißwirtschaft, sei die Führung von ihrem Kampfabschnitt, von den Divisionen, faktisch isoliert.

Maßnahmen, um den Rückzug abzubrechen: Entlastung der III. Armee durch Vorrücken der II. Armee in Richtung Kungur. - Neunhundert „völlig zuverlässige frische Kämpfer" wurden an die Front geschickt. -

Festigung des Hinterlandes. - Maßnahmen zur Verhinderung eines Umgehungsmanövers des Gegners in Richtung Wjatka wurden eingeleitet.

Die getroffenen Maßnahmen seien noch nicht ausreichend. Die ermüdeten Truppen der III. Armee können sich nicht lange halten, müssen wenigstens teilweise abgelöst werden. Zwei Regimenter seien nötig, um die Stabilität der Front garantieren zu können. Außerdem sei der Armeebefehlshaber zu wechseln; es müssen drei tüchtige politische Funktionäre hergeschickt werden; das Gebietskomitee, der Gebietssowjet und andere seien „schnellstens aufzulösen, um die Mobilisierung der evakuierten Arbeiter zu beschleunigen". (19. Januar 1919)57)

Lenin hatte zu Dzierzynski und Stalin volles Vertrauen wie aus seinem Telegramm an sie vom 14. Januar hervorgeht, in dem es ausdrücklich hieß: „...Bitte Sie beide sehr, die Durchführung der beabsichtigten Maßnahmen an Ort und Stelle persönlich zu leiten, da sonst Erfolg nicht garantiert ist."58)

In einer Rede in Wjatka vom 19. Januar erklärte Stalin, daß eine „gewisse Stabilität der Front" gesichert sei. Notwendig sei die Schaffung eines neuen Zentrums zur „Festigung und Sicherung des Hinterlandes" in Gestalt eines „Revolutionäre(n) Militärkomitee(s) von Wjatka", dessen Beschlüssen als „höchstem Organ der Sowjetmacht im Gouvernement" sich alle Institutionen und Organisationen unterzuordnen haben.59)

Aus dem umfangreichen und detaillierten Abschlußbericht der beiden Volkskommissare an Lenin60) vom 31. Januar 1919 werden hier nur die militärtheoretischen Schlußfolgerungen reflektiert, die für eine Revolutionsarmee auch heute noch unter veränderten Wirkungsbedingungen des 21. Jahrhunderts relevant sein können.

„Also, sich selbst überlassen (im Süden) und gegen Umgehungsoperationen des Gegners nicht gesichert (im Norden), erschöpft und zerrüttet, ohne Reserven und ohne ein einigermaßen gesichertes rückwärtiges Gebiet, schlecht verpflegt (29. Division) und mit miserablem Schuhwerk (30. Division), bei 35 Grad Frost, auseinandergezogen über den gewaltigen Raum von Nadeshdinski bis zum linken Ufer der Kama südlich von Ossa (über 400 Werst), (l Werst = 1066,78 m) mit einem schwachen und wenig erfahrenen Armeestab, konnte die dritte Armee dem Ansturm der überlegenen Kräfte des Gegners (fünf Divisionen), der noch dazu über ein erfahrenes Kommandeurkorps verfügt, natürlich nicht standhalten."61)

Die III. Armee habe innerhalb von 20 Tagen 18.000 Kämpfer, Dutzende von Geschützen, Hunderte von Maschinengewehren verloren. Es war dies weder ein Rückzug noch eine planmäßige Zurücknahme der Truppen auf neue Stellungen, sondern eine „regelrechte chaotische Flucht einer aufs Haupt geschlagenen und völlig demoralisierten Armee, mit einem Stab, der unfähig war, die Lage zu übersehen und sich wenigstens irgendwie auf die unausbleibliche Katastrophe einzustellen, der unfähig war, rechtzeitig Maßnahmen zu treffen, um die Armee durch Zurücknahme auf beizeiten vorbereitete Stellungen zu retten, sei es auch um den Preis von Geländeverlusten..."62)

Es folgt Kritik an dem Fehlen eines Evakuierungsplanes, an mangelnder Kontrolle der Eisenbahnverwaltung, an Bekämpfung der „geschickt organisierten Sabotage der Eisenbahnangestellten". Die Ergebnisse:

„Es wurde aller möglicher Plunder, zerbrochene Stühle und anderes Gerümpel, evakuiert, während die fertigen Züge mit den Einrichtungen und Maschinen des Motowilicha-Werkes und der Kamaflottille, die Züge mit verwundeten Soldaten und die Vorräte an raren amerikanischen Achsen sowie hunderte unbeschädigte Lokomotiven und andere Werte nicht evakuiert wurden."63)

Die Artillerie - 26 Geschütze - wurden „mit allen Gespannen ohne einen einzigen Schuß dem Gegner überlassen". Desgleichen wurde die Sprengung der Kamabrücke sowie die Vernichtung des in Perm zurückgelassenen Gutes nicht durchgeführt.64)

Zu dem Bild des allgemeinen Zerfalls und der Zerrüttung der Armee und des rückwärtigen Gebiets, der Mißwirtschaft und Verantwortungslosigkeit der Armee-, Partei- und Sowjetinstitutionen kommt noch das unerhörte, fast überall beobachtete Überlaufen einer ganzen Reihe verantwortlicher Funktionäre auf die Seite des Gegners. Der Leiter der Verteidigungsanlagen Ingenieur Banin und alle seine Mitarbeiter, der Eisenbahningenieur Adrianowski und der gesamte Spezialistenstab der Eisenbahnverwaltung, der Leiter der Abteilung Heerestransportwesen Suchorski und seine Mitarbeiter, der Leiter der Abteilung für Mobilmachung beim Gebiets-Militärkommissariat Bukin und seine Mitarbeiter, der Kommandeur des Wachbataillons Ufimzew und der Chef der Artilleriebrigade Waljushenitsch, der Chef der Abteilung für Sonderformationen Eskin und der Kommandeur des Pionierbataillons mit seinem Gehilfen, die Kommandanten der Bahnhöfe Perm I und Perm II, die ganze Registraturabteilung der Versorgungsverwaltung der Armee und die Hälfte der Mitglieder des Zentralkollegiums - sie alle und viele andere sind in Perm zurückgeblieben und zum Gegner übergelaufen.64a)

Eingehend wurde im Bericht der Zustand der III. Armee und die Frage der Reserven behandelt, wobei Dzierzynski und Stalin Mängel in der klassenmäßigen Zusammensetzung der Roten Armee der Kritik unterzogen. Sie betonten die „Mängel des Ersatzwesens". Bis Ende Mai 1918 galt der Grundsatz der Freiwilligkeit für das Ersatzwesen der Roten Armee. Dies bewirkte, daß die Armee mit Arbeitern und solchen Bauern aufgefüllt wurde, die keine fremde Arbeitskraft ausbeuteten. Daraus ergab sich „möglicherweise" die Standhaftigkeit der aus diesen Freiwilligen aufgestellten Formationen. Nach der Verkündung des Dekrets des Gesamtrussischen ZEK über die allgemeine Mobilisierung der Werktätigen für die Rote Armee vom 29. Mai 1918 übernahm der Allrussische Oberste Stab das Ersatzwesen. Er übernahm allerdings „gänzlich das System des Ersatzwesens der Zarenzeit". Er ließ „alle Eingezogenen ohne Berücksichtigung der Vermögensunterschiede in der Roten Armee dienen". Daraus erkläre sich, „daß im Ergebnis der Arbeit unserer Institutionen für das Ersatzwesen nicht so sehr eine Rote Armee als vielmehr eine ‘Volksarmee’ entstand".65)

Diese Fehler im System des Ersatzwesens wurden noch vertieft durch miserable Verpflegung, miserable Bekleidung, Fehlen von Badegelegenheiten und anderes mehr. Offiziere wurden ohne Überprüfung massenhaft zu Kommandeuren ernannt, die nicht selten ganze Truppenteile auf die Seite des Gegners hinüberbrachten. Hinzu kam das Fehlen einer „auch nur einigermaßen befriedigend organisierten politischen Arbeit in der Truppe..." So erhielt man eine „halbweißgardistische Reserve", die kaum über eine nennenswerte Kampfkraft verfügte.66)

Als Schlußfolgerungen ergäben sich:

Dem Krieg ohne Reserven muß ein Ende gemacht werden; es gilt, das System der ständigen Reserven in die Praxis einzuführen, denn ohne ständige Reserven ist nicht daran zu denken, die vorhandenen Stellungen zu halten oder Erfolge auszubauen. Ohne ständige Reserven ist eine Katastrophe unvermeidlich.

Aber Reserven können nur dann von Nutzen sein, wenn das alte System der Mobilmachung und des Ersatzwesens, das sich der Oberste Stab zu eigen gemacht hat, von Grund aus geändert und der Oberste Stab selbst in seiner Zusammensetzung erneuert wird.

Vor allem ist es notwendig, unter den Mobilisierten die Bemittelten (Unzuverlässigen) streng von den Minderbemittelten (den für den Rotarmistendienst einzig Tauglichen) zu scheiden.

Zweitens ist es notwendig, daß die an einem Ort Eingezogenen zur Formierung an einen anderen Ort geschickt werden, wobei der Abtransport an die Front nach der Regel vor sich gehen muß: „Je weiter vom heimatlichen Gouvernement, um so besser" (Verzicht auf das Territorialprinzip).

Drittens ist es notwendig, auf die Aufstellung großer, ungefüger Verbände (Divisionen), die für die Verhältnisse des Bürgerkriegs untauglich sind, zu verzichten und die Brigade zur größten Kampfeinheit zu erklären.

Viertens ist es notwendig, die Gebiets-Militärkommissariate unter strenge und ständige Kontrolle zu nehmen (wobei sie zuvor erneuert werden müssen), denn diese Kommissariate rufen durch ihre verbrecherische Nachlässigkeit bei der Unterbringung, Verpflegung und Bekleidung der aufzustellenden Truppen unter den Rotarmisten Empörung (bestenfalls Massenfälle von Fahnenflucht) hervor.

Schließlich ist eine Erneuerung des Allrussischen Büros der Kommissare notwendig, das den Truppenteilen als „Kommissare" grüne Jungen zuteilt, die absolut unfähig sind, eine auch nur einigermaßen befriedigende politische Arbeit zu organisieren.

Die Nichtbeachtung dieser Bedingungen führt dazu, daß unsere Institutionen für das Ersatzwesen nicht so sehr eine Rote Armee als vielmehr eine „Volksarmee" an die Front schicken, wobei sich das Wort „Kommissar" in ein Schimpfwort verwandelt hat.

Insbesondere ist es zur Erhaltung der Kampffähigkeit der dritten Armee absolut notwendig, sie unverzüglich mit Reserven von mindestens drei zuverlässigen Regimentern aufzufüllen.67)

Untersuchungen des Systems der Armeeführung ergaben, daß es keine Zentralisierung der Befehlsgewalt gäbe. Die Divisions- und Brigadechefs fühlten sich als „Feudalfürsten". Der Armeestab war von seinem Kampfabschnitt isoliert. Es fehlte die Koordinierung zwischen den Armeen. Ein Grund dafür erkannten die beiden Volkskommissare darin, daß der Revolutionäre Kriegsrat von der Front isoliert und die Direktiven des Oberbefehlshabers nicht durchdacht waren. Daraus ergäbe sich als Schlußfolgerung:

Die Armee kann ohne einen starken Revolutionären Kriegsrat nicht auskommen. Der Revolutionäre Kriegsrat der Armee muß aus mindestens drei Mitgliedern bestehen, von denen der eine die Versorgungsorgane der Armee, der andere die Organe der politischen Erziehung der Armee überwacht und der dritte das Kommando führt. Nur so kann ein richtiges Funktionieren der Armee gesichert werden.

Der Armeestab darf sich nicht auf die offiziellen (nicht selten unrichtigen) Berichte der Divisions- und Brigadechefs beschränken, sondern muß seine eigenen Vertreter - Vertrauensleute - haben, die den Armeestab regelmäßig informieren und die exakte Ausführung der Befehle des Armeebefehlshabers genau überwachen. Nur so läßt sich die Verbindung des Stabs mit der Armee sichern, die faktische Autonomie der Divisionen und Brigaden liquidieren und eine wirkliche Zentralisierung der Armee zustande bringen.

Die Armee kann nicht als eine auf sich selbst gestellte, völlig autonome Einheit operieren, sie ist in ihren Operationen ganz und gar von den Nachbararmeen und vor allem von den Direktiven des Revolutionären Kriegsrats der Republik abhängig: die kampffähigste Armee kann unter sonst gleichen Bedingungen zusammenbrechen, wenn die Direktiven des Zentrums nicht richtig sind und kein wirklicher Kontakt mit den Nachbararmeen vorhanden ist. An den Fronten und vor allem an der Ostfront muß ein System hergestellt werden, das eine strenge Zentralisierung der Operationen der einzelnen Armeen gewährleistet, damit eine bestimmte, ernstlich durchdachte strategische Direktive verwirklicht wird. Die Willkür oder die Unüberlegtheit bei der Festlegung der Direktiven ohne ernstliche Berücksichtigung aller Momente und der hieraus entspringende schnelle Wechsel der Direktiven sowie die Unbestimmtheit der Direktiven selbst, wie es der Revolutionäre Kriegsrat der Republik zuläßt, machen eine Führung der Armeen unmöglich, haben eine Vergeudung von Kräften und Zeit zur Folge und desorganisieren die Front. Der Revolutionäre Kriegsrat der Republik muß in eine nur aus wenigen Mitgliedern bestehende, mit den Fronten fest verbundene Gruppe, sagen wir, von fünf Personen, umgewandelt werden (zwei von ihnen sollten Spezialisten sein, der dritte die Zentralverwaltung für Versorgung überwachen, der vierte den Obersten Stab, der fünfte das Allrussische Büro der Kommissare), die genügend Erfahrung besitzen, um bei der Führung der Armeen keine Willkür und keinen Leichtsinn zu dulden.68)

In den weiteren Abschnitten folgten die Ergebnisse der Untersuchung der Lage der rückwärtigen Gebiete sowie der Versorgungs- und Evakuierungsorgane sowie die daraus zu ziehenden Schlußfolgerungen.69) Sie sind nur soweit von theoretischer Bedeutung, als sie auf die Festigung des Hinterlandes, auf die Versorgung der Armee, den Nachschub und - gegebenenfalls für den Rückzug, den Abtransport wichtiger materiell-technischer, kriegswichtiger Güter Bezug nehmen, während die Einzelheiten auf die konkret-historische Situation zutreffen und nicht verallgemeinert werden können.

In den Schlußfolgerungen heißt es, daß ohne Stabilität des rückwärtigen Gebietes keine Armee erfolgreich operieren kann. Dafür sei notwendig:

„1. den örtlichen Parteiorganisationen eine strenge regelmäßige Rechenschaftslegung vor dem ZK zur Pflicht zu machen; den örtlichen Parteiorganisationen regelmäßig Rundschreiben des ZK zugehen zu lassen; beim Zentralorgan eine Presseabteilung zur Anleitung der Parteipresse der Provinz zu organisieren; eine Schule für Parteifunktionäre (hauptsächlich aus den Reihen der Arbeiter) zu schaffen und für richtige Verteilung der Funktionäre zu sorgen. Mit alledem ist ein aus Mitgliedern des ZK zu bildendes Sekretariat des ZK der Partei zu beauftragen;

2. den Zuständigkeitsbereich zwischen dem ZEK und dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten in bezug auf die Leitung der laufenden Arbeit der Deputiertensowjets streng abzugrenzen, die Allrussische Außerordentliche Kommission mit dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten zu verschmelzen (In der Frage der Verschmelzung der Allrussischen Außerordentlichen Kommission mit dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten ist Genosse Dzierzynski abweichender Meinung.), dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten die Verpflichtung aufzuerlegen, die richtige und rechtzeitige Durchführung der Dekrete und Anordnungen der Zentralmacht durch die Deputiertensowjets zu überwachen; die Deputiertensowjets der Gouvernements zu verpflichten, regelmäßig Rechenschaft vor dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten abzulegen; das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten zu verpflichten, die Deputiertensowjets regelmäßig mit den notwendigen Anweisungen zu versehen; bei den „Iswestija WZIK" eine Presseabteilung zur Anleitung der Sowjetpresse in der Provinz zu organisieren;

3. beim Verteidigungsrat eine Kontroll- und Revisionskommission einzusetzen, die die „Mängel im Mechanismus" der Volkskommissariate und der entsprechenden Abteilungen sowohl im Hinterland als auch an der Front zu untersuchen hat."70)

Es ging bezüglich der Festigung des rückwärtigen Gebietes vor allem um die Durchsetzung einer straffen, zentralisierten Verwaltung, einer politischen Führung. Die Ausbildung und politische Erziehung von Verwaltungsfunktionären aus den Reihen der Arbeiter seien erforderlich. Nur so sei die Versorgung der Armee mit Nachschub und eine geregelte, planmäßige Evakuierung von kriegswichtigen Gütern, ein planmäßiger, geregelter Rückzug der Armee, wenn erforderlich, möglich.71)

Abschließend über die Tätigkeit der Kommission noch einige Bemerkungen über deren Reflektion in der sowjetischen Geschichtsliteratur nach der berüchtigten „Geheimrede" Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU (14. - 25. Februar 1956). In der „Geschichte der UdSSR 1917 - 1970" von I.B. Bershin heißt es richtig, daß die vom ZK der KPR (B) und dem Verteidigungsrat eingesetzte „spezielle Untersuchungskommission" unter der Leitung von F.E. Dzierzynski und J.W. Stalin stand.72) In der sechsbändigen Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wird nur von einer „Parteiuntersuchungskommission" gesprochen, „über deren Arbeit sich Lenin ständig informierte". „Ihr gehörten die Mitglieder des ZK Dzierzynski und Stalin an." Wer die Leitung der Kommission hatte, bei wem sich Lenin ständig informierte, bleibt offen. In der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Moskau 1959/Berlin 1960) und in der gleichnamigen Ausgabe (Moskau 1969/Berlin 1971) wird der Kommission eine „bedeutende Rolle" bei der Stabilisierung der Front im Raum Perm zugebilligt, aber auch nach diesen Ausführungen, gehörten Dzierzynski und Stalin der Kommission eben nur an, wer sie geleitet hat, darüber kein Wort.73) Wahrscheinlich stand die Kommission unter Leitung des Erzengels Gabriel, bei dem sich Lenin „ständig informierte".

Diese bedenkliche Art der Auslassung, die schon an Geschichtsfälschung grenzt, ist ein Ergebnis des Revisionismus Chruschtschows auf die sowjetische Geschichtswissenschaft.

Auf dem VIII. Parteitag der KPR (B) (18. - 23. März 1919) zog Stalin in seiner Rede zur Militärfrage Schlußfolgerungen aus dem bisherigen Verlauf des Bürger- und Interventionskrieges, nicht zuletzt aus den Ergebnissen der Untersuchungskommission über den Fall von Perm. Es ging um die Frage „Freiwilligenarmee" oder „reguläre Armee".

Im Bericht der Untersuchungskommission an Lenin vom Februar 1919 wurde der Grundsatz der Freiwilligkeit noch partiell positiv eingeschätzt, wenn „nebenbei bemerkt", „die Standhaftigkeit der Formationen aus der Freiwilligenzeit möglicherweise gerade hiermit zu erklären" sei.74) Die Einschränkung „möglicherweise" ist dabei unübersehbar. Die Standhaftigkeit dieser Verbände erklärte sich aus ihrer Zusammensetzung, Arbeiter und Bauern, die keine fremden Arbeitskräfte beschäftigten, also der armen Bauernschaft. In seiner Rede auf dem Parteitag unterzog Stalin die Freiwilligenarmee einer scharfen Kritik.

Nach dem Zerfall der alten, zaristischen Armee wäre eine Freiwilligenarmee aufgestellt worden, die aber „schlecht organisiert, kollektiv geleitet wurde und den Befehlen nicht immer Folge leistete". Innerhalb der Leitung der Armee herrschte Desorganisation. Die Folge dieser Mängel waren Niederlagen an den Fronten.

Diese Tatsachen würden bezeugen, „daß eine Freiwilligenarmee keiner Kritik standhält". Sie sei nicht imstande, die Republik zu verteidigen. Nur eine „reguläre Armee, die vom Geiste der Disziplin durchdrungen ist, eine gut organisierte politische Abteilung besitzt, ..." sei fähig und in der Lage, „sich auf den ersten Befehl hin gegen den Feind in Marsch zu setzen".75)

Die Konzeption einer regulären, disziplinierten Armee war auf dem Parteitag heftig umstritten. So vertraten einige kommunistische Zellen in der Armee, die Auffassung, ihre Funktionen zu erweitern und die Kontrolle über die gesamte Tätigkeit der Armee zu übernehmen, als „Parteisyndikalismus" bezeichnet.76)

Ehemalige „linke Kommunisten" formierten einen Oppositionsblock, der unter Führung von W.M. Smirnow stand, der gegen den Aufbau einer regulären Armee polemisierte. Die „linken Kommunisten" meinten, daß man den bürgerlichen Militärspezialisten keine Kommandofunktion anvertrauen dürfe, den Kriegskommissaren „größere Rechte" einräumen, sie „stärker an der Leitung der Armee" beteiligen müsse. Die neuen Dienstvorschriften der Armee, so der Genosse Smirnow, würden eine „kleinliche Reglementierung" in das militärische Leben hineintragen, den Kommandeuren Privilegien einräumen. Allen Militärangehörigen seien die gleichen Rechte zu gewähren. Die Konzeption der Mititäropposition war unhaltbar. Sie würde jede Armee zugrunderichten.77)

Die Militäropposition war jedoch kein einheitlicher Block. Es gab innerhalb dieser Opposition sehr unterschiedliche, vom „Kern" um Smirnow abweichende Meinungen. Smirnow konnte sich zunächst, nach Umarbeitung einiger Thesen seiner Konzeption, durchsetzen. Erst auf der Plenartagung am Abend des 21. März, nachdem ein Vertreter der Militärverwaltung mitgeteilt hatte, daß der Roten Armee 60 Prozent der erforderlichen militärischen Fachleute fehlten, in die Armee stärker erfahrene Kommandeure und Spezialisten für alle Gebiete des Militärwesens einbezogen werden müssen, konnten sich Lenin, Sokolnikow und Stalin durchsetzen.78)

Natürlich war die Einbeziehung von Offizieren der alten zaristischen Armee ein ernstes Problem. Überlaufen, Verrat ehemaliger Offiziere waren eine Tatsache. Andererseits gab es Tausende ehemaliger Offiziere, die in der Roten Armee gewissenhaft dienten, ihre militärischen Fähigkeiten in die Armee einbrachten. Diese Offiziere waren nicht immer Kommunisten, aber sie waren russische Patrioten, die gegen die ausländischen Interventen kämpften. Es gehörte zu den Stärken Stalins, die nationale Komponente auch im Bürgerkrieg erkannt zu haben, während nicht wenige Kommunisten die nationale Frage als historisch „längst" überholt betrachteten. Die nationale Frage wurde und wird auch heute noch immer wieder unterschätzt. Der Fehler der „linken Kommunisten" bestand darin, daß sie das Überlaufen von ehemaligen Offizieren verallgemeinerten, verabsolutierten und nicht die Widersprüchlichkeit dieser gesellschaftlichen Erscheinung verstanden. Bisher habe ich keine Statistik finden können, um das Verhältnis von treu dienenden Offizieren und Überläufern ermitteln zu können. Es kommt für die Rote Armee noch ein spezieller Faktor hinzu: im Offizierskorps gab es nicht wenige Anhänger Trotzkis, sowohl unter ehemaligen als auch unter Offizieren, die aus der Arbeiterklasse neu dazu gekommen waren. Dieser letztere Widerspruch sollte sich vor allem dann in den folgenden Jahren, als die Auseinandersetzung zwischen Stalin und Trotzki an Schärfe zunahmen, zuspitzen, der zur Zerstörung der Roten Armee führen konnte.

In der Militäropposition befanden sich auch Genossen, die annehmbare Anträge einbrachten. Die beachtliche Unterstützung der Opposition erklärte sich nicht zuletzt aus dem Verhalten Trotzkis als dem Leiter der Militärverwaltung. Er ignorierte nicht selten die Rechte „der Kommissare, verhielt sich ihnen gegenüber geringschätzig und ließ in den Beziehungen zu den kommunistischen Armeeangehörigen Herrschsucht walten. Mit seinem herrischen Auftreten und seinen diktatorischen Allüren brachte Trotzki viele Kommunisten, die in der Armee Funktionen ausübten, gegen sich persönlich auf und gab ihnen Anlaß, ihm zu mißtrauen... Dies zeigte sich ... auch bei der Wahl der Mitglieder des ZK. Gegen die Kandidatur Trotzkis stimmten 50 Delegierte."79)

Zu den Ursachen für Niederlagen der Roten Armee an den Fronten des Bürger- und Interventionskrieges gehörte auch ihre klassenmäßige Zusammensetzung. Die Mehrheit der Armee, so Stalin, bestehe aus Bauern, nicht aus Arbeitern; Bauern, die „nicht freiwillig für den Sozialismus kämpfen werden. Eine ganze Reihe von Tatsachen weist darauf hin. Mehrere Meutereien im Hinterland und an den Fronten zeigen ebenso wie eine Reihe von Ausschreitungen an den Fronten, daß die nichtproletarischen Elemente, die in unserer Armee die Mehrheit bilden, nicht freiwillig für den Kommunismus kämpfen wollen." Daraus resultiere die Aufgabe, „diese Elemente im Geiste einer eisernen Disziplin zu erziehen, ..." daß sie sich im Hinterland und an der Front „der Führung des Proletariats anvertrauen, ..." Man müsse sie „zwingen, für unsere gemeinsame sozialistische Sache zu kämpfen..." Im Laufe des Krieges müsse der Aufbau einer „wirklichen regulären Armee" vollendet werden, „die allein imstande ist, das Land zu verteidigen."

Wenn dies nicht gelinge, „dann ist unsere Sache zugrunde gerichtet."80)

Die Militärfrage war damit noch nicht endgültig beantwortet. Bereits auf dem VII. Parteitag (6. bis 8. März 1918), bei Beginn des Krieges, wurde im Programmentwurf auf die „Umwandlung" der „Klassenarmee" in eine „sozialistische Volksmiliz" hingewiesen, allerdings erst mit der Beseitigung der Klassen.81)

In dem auf dem VIII. Parteitag der KPdSU (B) beschlossenen Programm, § 10/1 heißt es: „In der Epoche des Zerfalls des Imperialismus und des sich ausbreitenden Bürgerkrieges ist weder die Beibehaltung der alten Armee, noch der Aufbau einer neuen Armee auf der sogenannten über den Klassen stehenden oder gesamtnationalen Grundlage möglich. Die Rote Armee muß als Werkzeug der proletarischen Diktatur notwendig offenen Klassencharakter tragen, d.h. sie muß sich ausschließlich aus dem Proletariat und den ihm nahestehenden Schichten der Bauernschaft rekrutieren. Erst in Verbindung mit der Beseitigung der Klassen wird sich diese Klassenarmee in eine sozialistische Volksmiliz verwandeln."82)

Die Ausbildung in Kasernen war verpönt. Offenbar spielten üble Erfahrungen mit der alten Militärausbildung im Zarismus hierbei eine Rolle. So sollte die rein kasernenmäßige Ausbildung nur „eine möglichst kurze Frist" einnehmen. Die Kasernen sollten dem „Typ der Militär- und militärpolitischen Schulen" angeglichen, eine „möglichst enge Verbindung der militärischen Formationen mit den Fabriken, Werken, Gewerkschaften und den Organisationen der Dorfarmut" hergestellt werden.83)

Gegenüber der bürgerlichen Armee war die einstige Forderung nach Wählbarkeit der Kommandeure von „gewaltiger prinzipieller Bedeutung." Für die Rote Armee als proletarischer „Klassenarmee" habe diese Losung ihre Bedeutung „vollkommen" verloren.84) Dies war völlig klar: Die Wählbarkeit der Kommandeure gehört zu den sichersten Mitteln, jede Armee zu zersetzen, zu zerstören. Welcher Soldat wird einen strengen Offizier, der aber ein tüchtiger Militärfachmann ist, wählen und nicht einen liberalen Offizier vorziehen, auch wenn dieser von der Kriegführung nichts versteht? Gegenüber der bürgerlichen Armee hatte eine solche Losung einen politischen Sinn, nämlich das wichtigste Repressivorgan des bürgerlichen Staates zu zersetzen. Es ist daher auch kein Wunder, wenn die konterrevolutionären Kräfte diese Forderung gegenüber der Roten Armee aufstellten, was bei einem Teil der Rotarmisten auch Sympathien erwecken konnte. Die Forderung nach „Demokratisierung" der Streitkräfte der sozialistischen Staaten, die Losung „Schwerter zu Pflugscharen" wurde denn auch in den 80er Jahren von den konterrevolutionären Demagogen erhoben - eben, für die sozialistischen Staaten! - während in den imperialistischen Staaten vor allem die qualitative Auf- und Umrüstung der Streitkräfte munter weiterging, natürlich „mit parlamentarischem Konsens". Der Ruf nach „Demokratisierung" von dieser Seite ist die Kreide, die der Wolf gefressen hat.

In den Resolutionen des IX. Parteitages der KPR (B) (29. März - 5. April 1920) wurde erneut ausführlich auf den „Übergang zum Milizsystem" orientiert. Er sollte „allmählich" vollzogen werden, „entsprechend der militärischen und international-diplomatischen Lage der Sowjetrepublik, wobei unbedingte Voraussetzung ist, daß die Verteidigungsfähigkeit der Republik in jedem beliebigen Augenblick auf der gebührenden Höhe steht."85) Im abschließenden Satz heißt es: „Die Miliz, die sich auf der Linie der Verwandlung in das bewaffnete kommunistische Volk entwickelt, muß in der gegenwärtigen Periode in ihrer Organisation alle charakterlichen Merkmale der Diktatur der Arbeiterklasse bewahren."86)

Die Umwandlung der Roten Armee in eine Miliz, und diese in das „bewaffnete kommunistische Volk" mochte in dieser Zeit, in der die Hoffnung auf die Revolution in Europa, wenn auch nur schwach, noch vorhanden war, die Sowjetrepublik sich im Bürger- und Interventionskrieg behauptet hatte, verständlich sein. Sie erwies sich jedoch als illusorisch. Sie konnte nie, zu keiner Zeit realisiert werden, denn die imperialistischen Hauptmächte, auch die kleinen kapitalistischen Staaten, standen von Anfang an der Sowjetrepublik, ab Dezember 1922 der Sowjetunion, bis an ihr Ende unverändert feindlich gegenüber.

Wenn die Aufhebung der Klassen und eine siegreiche Weltrevolution Voraussetzungen für ein „bewaffnetes kommunistisches Volk" waren, dann ergibt sich die Frage, wozu dann noch eine Miliz, ein „bewaffnetes Volk?" Der Stand der Militärtechnik in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts mochte eine Miliz für konventionelle Truppen noch ermöglicht haben, mit der Einführung moderner Technik, für Luftstreitkräfte und Kriegsmarine wurde ein Milizsystem ohnehin illusorisch. Etwas anderes ist die Ausbildung von Reservisten, Reserveoffizieren und -unteroffizieren, die in regelmäßigen Zeitabständen zu Übungen und zur Ausbildung an neuen Geräten/Waffen einberufen werden, wie sie in allen modernen Streitkräften seit Ende des 19. Jahrhunderts üblich ist. Ein solches System kann natürlich nicht an das Heimatgebiet der einberufenen Reservisten, an seine Produktionsstätten, Betrieb etc. gebunden sein. Etwas anderes sind die sogenannten „Nationalgarden", Frankreich, USA u.a., die jedoch nur innere Aufgaben haben. Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse in der DDR die an bestimmte Territorien, Betriebe etc. gebunden waren, könnte man als „Miliz der Diktatur der Arbeiterklasse" betrachten, aber sie waren keine reguläre Armee. Sie hätten keine Aggression einer imperialistischen Armee abwehren können, was auch nicht ihre Aufgabe war.

Im Frühjahr 1919 geriet die Sowjetrepublik in eine sehr gefährliche Lage. Koltschak war zwar im Raum Perm zurückgeschlagen worden, er konnte jedoch in Sibirien durch neue Einberufungen und mit Ausrüstungen der Ententemächte eine Armee von 400.000 Mann aufstellen, mit der er sich erneut der Wolga näherte.

Im Süden hatten die weißgardistischen Truppen unter Denikin den Nordkaukasus, das Kuban-Gebiet und fast das ganze Donezgebiet besetzt. Die Armee Denikins stieß ebenfalls in Richtung Wolga vor, wo sie sich mit der Armee Koltschaks zum Vormarsch auf Moskau vereinigen sollte. Im Westen griffen polnische Armeen die Litauisch-Belorussische Republik an, besetzten Wilna, Brest und Baranowitschi. In Lettland gelang es weißgardistischen Truppen unter dem General Rodsjanko, die Sowjetmacht zu stürzen. Vor Petrograd standen Truppen Judenitschs, von der Seeseite unterstützt von einem englischen Flottenverband.

Die englische Presse frohlockte bereits, daß der Sturz der Sowjetmacht in Rußland unmittelbar bevorstehe.87)

Der Verteidigungsrat der Republik beorderte am 17. Mai 1919 Stalin mit außerordentlichen Vollmachten an die Westfront, um die Verteidigung Petrograds gegen die Offensive Judenitschs und Rodsjankos zu organisieren. In einem Fernspruch über die direkte Leitung88) berichtete Stalin an Lenin über seltsame Vorkommnisse in Petrograd: Weder der Oberbefehlshaber der Front noch sein Stabschef kennen die Truppen, die nach Petrograd geschickt werden. Der Oberbefehlshaber habe vorgeschlagen, die Flotte wegen der Brennstoffkrise zu reduzieren. Stalin habe sich mit den Marinefunktionären beraten. Es erwies sich, daß der Vorschlag des Oberbefehlshaber „völlig falsch" war. Neben fraglichen Argumenten, daß die großen Einheiten ihre Artillerie nicht einsetzen könnten, daß keine Granaten großen Kalibers vorhanden wären, wurden zwölf Lastkähne mit Geschossen „entdeckt". Die Brennstoffkrise ginge vorüber, denn sie hätten 420.000 Pud (lPud = 16,38 kg) Kohle, Heizöl nicht eingerechnet, aufspeichern können. Die Flotte würde zunehmend zu einer „wirklichen Flotte mit disziplinierten Matrosen" werden, die „bereit sind, Petrograd mit aller Kraft zu verteidigen." Die vorhandenen Marinekräfte würden ausreichen, „Petrograd vor jeglichen Anschlägen von der Seeseite her mit Ehren" zu verteidigen: Wie alle Petrograder Genossen bestünde er auf Ablehnung der Vorschläge des Oberbefehlshabers.89)

In diesem Fernspruch war noch nicht von Verrat die Rede. Lenin bestätigte den Erhalt „beider" Mitteilungen und orientierte auf „strenge Kontrolle" sowie darauf, daß die „allgemeine Mobilmachung der Petersburger ... zum Angriff" führe „und nicht zum Hocken in den Kasernen".90) In einem weiteren Telegramm an Lenin vom 16. Juni 1919 berichtete Stalin über die Einnahme der Forts Krasnaja Gorka und Seraja Loschadj, in denen es Weißgardisten, Menschewiki und linken Sozialrevolutionären gelungen war, die Garnison zu einer Meuterei aufzustacheln. Die Einnahme erfolgte von der Seeseite aus, was nach dem Stand der „Marinewissenschaft" angeblich nicht möglich sei. Durch sein rücksichtsloses Eingreifen und dem der Zivilisten in die operativen Dinge wurden die Befehle zu Wasser und zu Lande aufgehoben und „unsere eigenen auf gezwungen."91)

Auch hier war von Verrat noch keine Rede.

In einem Telegramm Lenins an Stalin vom 29. Mai deutete Lenin darauf hin, „daß es in unserem Hinterland und vielleicht sogar an der Front selbst organisierten Verrat" gäbe. „Der Feind scheint völlig sicher zu sein, daß es uns an halbwegs organisierten militärischen Kräften für den Widerstand fehlt, und außerdem auf Hilfe aus dem Hinterland zu rechnen." Lenin erwähnte Brände, Brückensprengungen, Meutereien und wies darauf hin, „diesen Umständen größte Beachtung zu schenken und außerordentliche Maßnahmen zur Aufdeckung der Verschwörungen zu ergreifen."92)

Im Fernspruch über die direkte Leitung zu Lenin (18. Juni 1919) sowie ausführlicher in einem Interview mit einem Korrespondenten der Prawda vom 8. Juli 1919 berichtete Stalin über die Ereignisse an der West- und Nordfront.

Als erstes verglich er Koltschak mit Rodsjanko und schätzte deren militärischen Möglichkeiten ein; Koltschak sei der „ernsteste Gegner", denn er habe „genügend Raum zum Rückzug, genügend Menschenmaterial für die Armee und ein getreidereiches Hinterland. Im Vergleich zu Koltschak sei Rodsjanko „eine Mücke", denn er habe „weder Getreide im Hinterland noch Raum zum Rückzug, noch auch genügend Menschenmaterial."

Rodsjankos Aushebung von zwanzig Jahrgängen würde ihn „ins Grab bringen, da die Bauern eine derartige Mobilmachung nicht aushalten und sich unweigerlich von Rodsjanko abwenden werden.93)

In diesem Zusammenhang wandte sich Stalin gegen die Anweisung des Oberbefehlshaber der Roten Armee, zu dieser Zeit I.I. Wazetis, an den Revolutionären Kriegsrat der Ostfront, die Offensive gegen Koltschak einzustellen und den größten Teil der Divisionen an die Südfront zu werfen, an der die sowjetischen Truppen ernsthaft von Denikin bedroht wurden. Dieser Plan von Wazetis fand auch die Unterstützung Trotzkis. Koltschak war noch nicht geschlagen, und die Durchführung dieser verhängnisvollen Weisung hätte ihm die Möglichkeit gegeben, neue Reserven aus Sibirien heranzuführen und, gestützt auf die Industrie des Urals, eine neue Offensive einzuleiten.94) In seinem Fernspruch bemerkte Stalin mit Nachdruck, daß „auf keinen Fall Truppen für die Petrograder Font von der Ostfront in solcher Stärke abgezogen werden, die uns zwingen könnte, die Offensive an der Ostfront (gegen Koltschak, UH) einzustellen."95)

Nun war in dem Plan Wazetis/Trotzki nicht nur von der Verstärkung der Südfront durch den Abzug des größten Teils der Divisionen von der Ostfront die Rede, sondern auch die Westfront sollte auf Kosten der Schwächung der Ostfront verstärkt werden.

„Um Rodsjanko an die estnische Grenze zu drücken", weiter brauche man nicht zu gehen, genüge „eine Division, deren Abberufung nicht die Unterbrechung der Offensive an der Ostfront zur Folge haben würde."96)

Stalin hatte demnach nicht nur die West- und Nordfront im Auge, sondern alle Fronten des Krieges insgesamt, vor allem die Ostfront, die zu dieser Zeit die Hauptfront war. Koltschak war im Sommer 1919 der gefährlichste Feind der Sowjetrepublik. Auf Beschluß des Plenums des KK der KPR (B) vom 3. Juli 1919 löstet Sergej Sergejewitsch Kamenew (nicht zu verwechseln mit Lew Kamenew, UH) Wazetis96a) als Oberkommandierenden der Streitkräfte der Republik ab. Am 13. Juli wurde M.W. Frunse zum Oberkommandierenden der Ostfront ernannt.97)

Wenn Rodsjanko im Vergleich zu Koltschak „eine Mücke" war, der mit eigenen Kräften Petrograd nicht einnehmen konnte, wodurch waren er und Judenitsch gefährlich?

Die Ursachen hatte Lenin bereits angedeutet. Es gab eine große konterrevolutionäre Verschwörung in der Gegend von Kronstadt, die aufgedeckt werden konnte. Ihr Ziel war, die Festung „in die Hände zu bekommen, sich die Flotte gefügig zu machen, unsere Truppen im Rücken unter Feuer zu nehmen und Rodsjanko den Weg nach Petrograd freizulegen. Wir haben die entsprechenden Dokumente in Händen."98)

Aus dieser Verschwörung erkläre sich, warum Rodsjanko mit „verhältnismäßig geringen Kräften so frech auf Petrograd" vorstieß, „die Unverfrorenheit der Finnen", „das Massenüberlaufen unserer aktiven Offiziere", sowie die „seltsame Erscheinung", daß im Augenblick des Verrats von Krasnaja Gorka die englischen Schiffe „irgendwohin verschwanden". Die Engländer wollten offenbar sich nicht „direkt in die Sache einmischen (Intervention!)" sondern erst später auftauchen, „nachdem die Festung und die Flotte in die Hand der Weißen übergegangen" sei, um „‘dem russischen Volk zu helfen’, eine neue ‘demokratische Ordnung’ einzurichten."99)

Stalin hatte den Zusammenhang zwischen Konterrevolution, imperialistischer Intervention und die Segnungen einer neuen „demokratischen Ordnung" recht gut erkannt. Was er zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht wußte, war, daß hinter der englischen Flotte der Kriegsminister Großbritanniens, Winston Churchill, stand, der bereits zu dieser Zeit den Bolschewismus noch in der Wiege ermorden wollte. Der Name Churchill fand bei Stalin noch keine Erwähnung. Die englischen Arbeiter kämpften unter der Losung „Hände weg von Sowjetrußland" gegen eine offene Intervention Englands, was Churchill zwang, zu subversiven Mitteln Zuflucht zu nehmen.

Die Losung der „Demokratie", mit der imperialistische Interventionskriege als „humanitäre Aktionen" drapiert werden, ist also nichts Neues.

Der ganze Plan Rodsjankos und Judenitschs stützte sich auf einen „erfolgreichen Ausgang der Verschwörung." Alle Fäden der Verschwörung werden von England gezogen, über die italienische, schweizerische und dänische Botschaft finanziert. Stalin ersuchte Lenin, dem „verhafteten Personal der Botschaften keinerlei Vergünstigungen zu gewähren, alle diese Beamten bis zum Abschluß der Untersuchung, die neue aufschlußreiche Fäden aufdeckt, unter strengem Regime zu halten".100)

In Ergänzung zu dem Fernspruch nannte Stalin noch die französische, die griechische, holländische, rumänische und andere Botschaften, die in diese Verschwörung verwickelt waren.

In einigen Botschaften wurden Maschinengewehre und Gewehre, in der rumänischen Botschaft sogar ein Geschütz, sowie geheime Telefonanlagen gefunden. „Diese Herrschaften warfen nach rechts und links mit Geld um sich und bestachen alles nur Bestechliche im Hintergrund unserer Armee". Der „käufliche Teil des russischen Offizierskorps" sei zu den Feinden übergelaufen. Wie sich später herausstellte, hätten „die vom Petrograder Proletariat gekränkten Ehemaligen, die Bourgeois und Gutsbesitzer ... Waffen angesammelt", um in einem günstigen Moment „unseren Truppen in den Rücken zu fallen". In den Bourgeoisvierteln Petrograds seien 4.000 Gewehre und mehrere hundert Sprengkörper gefunden worden.101)

Abschließend zu den Fragen der West- und Nordfront sei noch auf ein Telegramm Lenins an das Verteidigungskomitee von Petrograd, für Sinowjew, vom 14. Mai 1919, aufmerksam gemacht, in dem ersucht wurde um „erschöpfende Beantwortung folgender Fragen: aus welchen Erwägungen heraus wurde beschlossen, einige Betriebe Petrograds und der Umgebung zu evakuieren, von wem und aus welchem Grund wurde angeordnet, die Schiffe zu versenken, wie hoch ist die Gesamtzahl der mobilisierten und der in den Betrieben verbliebenen Arbeiter, werden wirklich alle Mobilisierten für Verteidigungszwecke eingesetzt, wie kam es zu der Einsetzung von Kommissaren für die staatlichen Betriebe, wurde eine wahllose Aushebung der Bürger vorgenommen oder wurde dabei die Verfügung der Zentralgewalt beachtet?"102)

Als Mitglied des Zentralkomitees der Partei trug Sinowjew hohe politische Verantwortung für die Verteidigung Petrograds. Ob er und Anhänger Trotzkis (Sinowjewleute und Trotzkisten) tatsächlich die Verteidigung Petrograds sabotieren und die Stadt dem Feind ausliefern wollten, wie in der Fußnote zu Lenins Telegramm behauptet wird103), oder ob Unfähigkeit Sinowjews zur Desorganisation der Verteidigung geführt haben, muß ich hier offen lassen. Zumindest hat Sinowjew verantwortungslos gehandelt, ein im Krieg unverzeihliches Verbrechen. Der Plan zur Evakuierung der Stadt und zur Versenkung von Einheiten der Kriegsflotte bestand. In der Aufdeckung der Verschwörung und in der Berichterstattung Stalins wird Sinowjew nicht erwähnt. Wäre er darin verwickelt gewesen, hätte Stalin ihn mit Sicherheit genannt. In der „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion" (Bolschewiki) (Kurzer Lehrgang) bleibt bezüglich der Verteidigung Petrograds Sinowjew ebenfalls unerwähnt.104)

Am 26. September 1919 wird Stalin auf Beschluß des Zentralkomitees der KPR (B) an die Südfront kommandiert, wo er die Verteidigung gegen die Armeen Denikins organisieren soll. Am 27. September wird er zum Mitglied des Kriegsrates der Südfront ernannt. Kurz nach seiner Ankunft am 3. Oktober im Hauptquartier der Südfront in Serpuchow unterbreitete Stalin in seinem Brief an Lenin vom 15. Oktober104a) seinen Plan zur Zerschlagung der Truppen Denikins, wobei er auch hier politische und nationale Faktoren in Rechnung stellte.

Nach der Direktive des Oberbefehlshaber der Südfront - an dessen Zustandekommen noch Trotzki mitgearbeitet hatte, der inzwischen von der Südfront abberufen worden war - sollte die Offensive gegen Denikin aus dem Bezirk Zarizyn durch die Donsteppen nach Noworossisk geführt werden. Dieser „irrsinnige (geplante) Feldzug in einer uns feindlichen Umgebung, angesichts der völligen Wegelosigkeit", bedroht uns „mit völligem Zusammenbruch..." „Dieser Feldzug gegen Kosakenstanzias" wäre geeignet, „die Kosaken zur Verteidigung ihrer Stanizas gegen uns um Denikin zusammenzuschließen, ... Denikin als Retter des Dons hinzustellen, ... eine Kosakenarmee für Denikin zu schaffen, ... Denikin zu stärken."105)

Stalins Plan sah vor, den „Hauptschlag aus dem Bezirk Woronesh über Charkow und das Donezbecken auf Rostow" zu führen. Statt einer feindlichen hätten wir hier erstens „eine mit uns sympathisierende Umgebung", die „unser Vorrücken erleichtern" würde. Zweitens bekämen wir das „äußerst wichtige Eisenbahnnetz (im Dongebiet) und die Hauptnachschubader für die Denikinarmee, die Strecke Woronesh - Rostow in die Hand." Drittens würde die Denikinarmee dadurch in zwei Teile gespalten, „von denen wir die Freiwilligenarmee Machno (kulakisch-anarchistische Bande, die ihr Unwesen im Süden Rußlands und der Ukraine trieb. UH) zum Fraß überlassen, die Kosakenarmeen aber der Gefahr der Umgehung aussetzen." Wir erhielten viertens die Möglichkeit, „die Kosaken mit Denikin zu verfeinden." Im Fall unseres erfolgreichen Vorrückens würde Denikin sich bemühen, die Kosakentruppen nach dem Westen zu werfen. Die Mehrheit der Kosaken würde darauf nicht eingehen, wenn wir ihnen „zu dieser Zeit die Frage des Friedens, der Friedensverhandlungen und andere mehr stellen." Wir bekommen fünftens Kohle, aber Denikin bleibt ohne Kohle.106)

Der Plan Stalins wurde angenommen. Wie aus dem Telegramm an Lenin vom 25. Oktober ersichtlich, zeigten sich erste Erfolge: Das Reiterkorps Budjonnys zerschlug die Reiterkorps Denikins und nahm Woronesh.107)

Aufschlußreich ist sein Artikel „Zur militärischen Lage im Süden" in der Prawda vom 28. Dezember 1919.108)

Im Abschnitt I faßte er die Niederlagen der Entente- und konterrevolutionären Truppen an allen Fronten des Jahres 1919 zusammen. Deren Plan, wie ihn Denikin formulierte, „den Bolschewismus durch Wegnahme seiner Hauptzentren, Moskau und Petrograd, mit einem Schlag zu erdrosseln", oder, wie General Maj-Majewski erklärte, „spätestens Ende Dezember, zu Weihnachten 1919" in Moskau zu sein, ging nicht auf. (Dies war auch 22 Jahre später einem anderen „großen" Feldherrn nicht gelungen.)

Stalin resümierte: „Rußland blieb auch diesmal heil und unversehrt."109)

Im Abschnitt II, dem Hauptabschnitt, analysierte Stalin die Ursachen für die Niederlage der Konterrevolution, vor allem Denikins:

A. „Die Unzuverlässigkeit des Hinterlandes der konterrevolutionären Truppen."

Auf die Rolle des Hinterlandes im Kriege hatte Stalin schon in anderen Arbeiten hingewiesen. „Keine Armee der Welt kann ohne festes Hinterland siegen." Diese Unzuverlässigkeit erklärte er aus „dem sozialen Charakter" der Regierung Denikin-Koltschak. Sie brächten nicht nur „das Joch des Gutsbesitzers und des Kapitalisten", sondern auch „des englisch-französischen Kapitals mit sich." Denikin-Koltschak repräsentierten also eine doppelte Ausbeutung und Unterdrückung der Volksmassen, durch das nationale und englisch-französische Kapital.

Ein Sieg Denikins und Koltschaks würde „den Verlust der Selbständigkeit Rußlands, die Verwandlung Rußlands in eine Melkkuh der englischen und französischen Geldsäcke bedeuten." Die Regierung Denikin-Koltschak war in diesem Sinne volksfeindlich und antinational.

Dieser Regierung gegenüber ist die Sowjetregierung eine „Volksregierung" und die „einzige nationale Regierung". Sie bringt nicht nur die Befreiung der Werktätigen vom Kapital, sondern auch die Befreiung ganz