
Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 10/03
Herausgeber:
Verein zur Förderung demokratischer Publizistik e.V
Spendenempfehlung: 2,50 E (wegen Überlänge)
Die Ursprünge des modernen Revisionismus
oder:
Wie der Browderismus nach Europa verpflanzt wurde
Gedanken beim Lesen der Tagebücher Georgi Dimitroffs
von Kurt Gossweiler
Anzeige
Kurt
Gossweiler:
Die
Taubenfuß-Chronik
oder
Die Chrustschowiade
1953
– 1964
Die hier in ihrem ersten Band vorliegende Arbeit Kurt Gossweilers ist ein politisches Tagebuch der Jahre 1953 – 1964.
„Das politische Tagebuch besteht aus zwei Hauptteilen. In Teil I – nieder-eschrieben in den Monaten Dezember 1956 bis Januar 1957 – ließ ich an Hand von Zeitungsnotizen noch einmal die Ereignisse vom März 1953 – vom Tode Stalins also – bis Ende 1956 Revue passieren, um einen durch die Ereignisse in Ungarn verstärkten bestimmten Verdacht, die Rolle Chruscht-chows betreffend, zu widerlegen oder zu verifizieren. Diese Überprüfung führte – leider – zu dem Ergebnis, dass der Verdacht begründet war – der Verdacht nämlich, dass mit diesem „Reformer“ in Wahrheit ein Anti-kommunist an die Spitze der Partei Lenins gelangt war – so unwahr-scheinlich mir auch das erschien und allzu vielen auch heute noch erscheint, trotz vorliegender Beweise"
412
Seiten, 20,00 Euro
ISBN:
3-00-008773-7. Verlag zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung,
Tulbeckstr. 4, 80339 München, Tel.: 089-5040 703 46; Fax: 089-540 703 48
Band II erscheint mit großer Wahrscheinlichkeit im Herbst 2003!
Redaktionsnotiz
A) Vor 60 Jahren
I. Vorbereitung des Überfalles auf die Sowjetunion
1. Dimitroffs Tagebücher – keine Freude für Antikommunisten
2. “Stalin hat Dimitroffs Linie des VII.Weltkongresses gegenüber der Sozialdemokratie über Bord geworfen“
3. „Stalin hat Hitler vertraut und die Anti-Hitler-Propaganda unterbunden“
4. Dimitroff zur Auflösung der III. Internationale
B) Wie der Browderismus nach Europa verpflanzt wurde
I. Georgi Dimitroffs nur allzu berechtigte Warnung vor dem Eindringen imperialistischer Agenten in die kommunistischen Parteien
1. Erfahrungen der revolutionären Arbeiterbewegung in der Emigration und im „Spanischen Krieg"
2. Das auffällige Interesse der Gomulka, Imre Nagy und Tito an den Spanienkämpfern im Herbst 1956
3. Wie und warum sich Browder über die Anweisung Dimitroffs hinwegsetzte
II. Noel Field und die kommunistische Emigration in Frankreich und der Schweiz
1. Die Prozesse gegen Raik und Slansky zur Rolle Noel und Hermann Fields
2. Die Stellungnahmen der SED zu Noel und Hermann Field
3. Die Verwandlung des Dulles-Vertrauten Field in ein Opfer Stalins
III. Wolfgang Kießling und die historische Wahrheit im Falle Merker, Browder und Field
1. Paul Merker findet in Wolfgang Kießling einen Jünger
2. Noel Field - Kommunist und selbstloser Helfer kommunistischer Emigranten – oder V-Mann von Allan Dulles?
3. Field als Propagandist und Verbreiter der „Browdwer-Ideen"
IV. Zum Anteil des Revisionismus an der Niederlage des Sozialismus in Europa
1. Hat der Revisionismus überhaupt etwas mit der Niederlage des Sozialismus zu tun?
2. Zum Problem von objektiven und subjektiven Ursachen der Niederlage des Sozialismus
3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede von „altem“ und „modernem“ Revisionismus
4. Der Imperialismus geschwächt, aber mit neuen Waffen ausgerüstet
Die hiermit vorliegende Arbeit von Kurt Gossweiler ist für das Verständnis des modernen Revisionismus, der – wie Ihr ja sicherlich wisst – von uns für eine der wesentlichen Ursachen für die Niederlage des Sozialismus in Europa gehalten wird, sehr interessant.
Kurt Gossweiler spürt der Entstehung und der ursprünglichen Verbreitung dieser gefährlichen Spielart der vom Imperialismus gesteuerten Konterrevolution nach und bringt Fakten und Hintergründe, die mit Sicherheit wenig bekannt sind.
Kurt Gossweiler hat für dieses Heft die Artikelserie, die wir von Mitte 2001 bis Mitte 2002 von ihm zu diesem Thema in Offensiv veröffentlichten, nochmals durchgesehen, überarbeitet und neu zusammengestellt. Wir danken ihm dafür von Herzen und freuen uns, diese Arbeit nun vorlegen zu können.
Dieses Heft ist das zehnte, welches wir in diesem Jahr herausbringen. Das ist eigentlich unser gesamtes Jahreskontingent. Damit uns in Herbst und Winter 2003 finanziell nicht die Puste ausgeht, brauchen wir Eure freundlichen Spenden:
Spendenkonto Offensiv: Konto Frank Flegel, Nr. 3090180146, bei der Stadtsparkasse Hannover, BLZ 250 501 80, Kennwort „Offensiv“.
Redaktion Offensiv, Hannover
Vor 60 Jahren näherte sich die Atempause, die sich die
Sowjetunion durch den Nichtangriffsvertrag mit Deutschland verschafft hatte,
ihrem Ende. In aller Stille, aber mit größter Intensität
wurde seit Herbst 1940 in Berlin der „Fall Barbarossa“, der
Überfall auf die Sowjetunion, vorbereitet. Mit diesem Überfall wurde die
erst 24 Jahre junge neue sozialistische Gesellschaftsordnung einer in der
ganzen Geschichte der Menschheit beispiellos schweren Prüfung unterworfen.
Der Sieg der Sowjetunion und ihrer Verbündeten über den vom Weltimperialismus zum Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion aufgerüsteten deutsch-faschistischen Imperialismus war nach der Oktoberrevolution das weltgeschichtlich bedeutendste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Nicht zufällig erwies sich die Sowjetunion als das einzige der vom faschistischen Deutschland überfallenen Länder, das der bis dahin modernsten und höchstgerüsteten Armee nicht nur standhielt, sondern sich imstande zeigte, auch aus eigener Kraft die faschistische Bestie in ihrer Höhle zu erlegen. Entgegen allen Hoffnungen ihrer Feinde und aller Befürchtungen ihrer Freunde erwies sich die Sowjetmacht – wie schon 1917-1920 – als unbesiegbar, als die weltweit festeste, tief im Volk verwurzelte Gesellschaftsordnung. Noch niemals in der Geschichte hatte ein Staat und eine Gesellschaftsordnung eine ihr auferlegte Prüfung so triumphal bestanden. Der Grund dafür: das feste Fundament der Sowjetmacht und ihrer Politik war der wissenschaftliche Sozialismus, der Marxismus-Leninismus. Solange das so blieb, schritt die Welt des Sozialismus auf der Straße des Sieges voran.
Es wird in diesem Jahr eine Fülle von Gedenkartikeln von Freunden und – überwiegend – von Feinden der Sowjetunion in allen Medien geben. Zum Glück haben wir seit kurzem die Möglichkeit, auch zu diesem Ereignis einen Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, der dem deutschen Faschismus seine allererste Niederlage bereits im Jahre 1933 beibrachte: Georgi Dimitroff. Seine Tagebücher wurden im vorigen Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. [1]
Natürlich wurde sofort versucht, Dimitroffs Aufzeichnungen im antikommunistischen Sinne auszuschlachten. Der Aufbau Verlag und der Herausgeber der Tagebücher Bayerlein machten bereits die Buchvorstellung zu einer antikommunistischen Veranstaltung. Zum Ort der Veranstaltung wählten sie das Willy-Brandt-Haus in Berlin, und als Hauptdarsteller wurden Wolfgang Leonhard und Hermann Weber engagiert, beide aus früheren Zeiten hinlänglich aus vielen Sendungen des Westfernsehens als dessen Spezialisten für Kreml-Astrologie und SED-Beschimpfung bekannt. Die für Geschichte zuständige Mitarbeiterin des „Neuen Deutschland“, Karlen Vesper, zeigte sich von beiden gebührend beeindruckt. Es sei schon frappierend gewesen, schrieb sie in der Nummer vom 25./26.November vorigen Jahres, „wie Wolfgang Leonhard aus lakonischen Tagebuchnotizen faktisch einen Theaterabend gestaltete.“ Karlen Vesper ist es offenbar richtig gruselig geworden; in ihrem Bericht ist zu lesen: „Unheimliche Stimmung. Bei der Beschwörung der Geister und Dämonen des Weltkommunismus wirkte die Statue Willi Brandts im Berliner SPD-Domizil noch verlorener als sonst.“ Herausgeber Bayerlein trug das Seine dazu bei, die „unheimliche Stimmung“ noch unheimlicher zu machen, pries er doch, wie Karlen Vesper notierte, „die Tagebücher als bisher einzigartiges Zeitzeugnis, das die Herrschaftsmechanismen im Labyrinth der Komintern, KPdSU und der sowjetischen Geheimdienste offenbare.“
Im übrigen war das Echo auf die Tagebücher bei aller antikommunistischen Übereinstimmung doch zwiespältig und fast ein wenig hilflos. Gemeinsam war allen Rezensenten von der FAZ bis zum ND, dass sie die Tagebücher dazu benutzen wollten, die ihnen fatale und lästige weltweite Hochachtung für Dimitroff, den unvergessenen Helden von Leipzig, endlich aus der Welt zu schaffen. Die einen tun das, indem sie behaupten, aus den Tagebüchern gehe hervor, dass Dimitroff im Grunde nur eine ohnmächtige, von Stalin missbrauchte und missachtete Marionette gewesen sei. Dimitroffs Aufzeichnungen lassen aber eine solche Auslegung schlechterdings nicht zu, weil sie - wie bereits schon 1933 sein Auftreten vor dem Reichsgericht in Leipzig - keinen Zweifel daran lassen, dass hier ein Mann das Wort ergreift, der die Sache der Sowjetunion ohne jeden Abstrich zu seiner ureigenen Sache gemacht hat. Deshalb werden seine Tagebücher von anderen als Zeugnisse dafür bezeichnet, dass er ein „skrupelloser Stalinist“, und also keinerlei Hochachtung würdig, gewesen sei.
Jedoch: aus Dimitroffs Tagebüchern können Antikommunisten keinen Honig saugen. Wohl aber enthalten sie wertvolle Zeugnisse zur Widerlegung antikommunistischer Erfindungen und Legenden. Im Folgenden soll das an einigen Beispielen gezeigt werden.
Die alten Verleumder der Sowjetunion und der
Kommunistischen Internationale, die Leonhard und Weber und tutti quanti, haben
schon immer verbreitet, Stalin sei ein Gegner der Dimitroffschen Einheits- und
Volksfrontbeschlüsse des VII. Weltkongresses der Kommu-nistischen
Internationale gewesen und habe sie bei erster bester Gelegenheit wieder über
Bord geworfen und den Kampf gegen die Sozialdemokratie verschärft wieder
aufgenommen. Diese Version haben die gewendeten unter den ehemaligen
DDR-Historikern
[2]
brav
übernommen. In sein Tagebuch hat Dimitroff jedoch am 6. März 1941 folgendes
eingetragen: „Mit D.S. (Manuilski) den Entwurf der Thesen über die Zweite
Internationale beraten. (Habe angemerkt: in den Thesen wird unsere
Zielstellung nicht erkennbar; keine klare Ausrichtung auf unser Ziel, die
Sozialdemokratie endgültig aus der Arbeiterbewegung zu verdrängen, eine
einheitliche Führung der Arbeiterbewegung in Gestalt der KP herzustellen;
nicht zuzulassen, dass die Sozialdemokratie wieder auf die Beine kommt und die
konterrevolutionäre Rolle erfüllt, die sie am Ende des Ersten
imperialistischen Weltkrieges gespielt hat usw.)“ (S.354)
Wie ist dieser Wandel bei Dimitroff von seiner Position 1935 zu dieser von 1941 zu erklären? Ist es überhaupt ein Wandel ?
Die Sache ist sehr einfach: 1935 ging es darum, eine Einheits- und Volksfront zu schaffen als einzige reale Möglichkeit, den deutschen Faschismus zu stürzen und damit die Aggressionskriege des deutschen Imperialismus zu verhindern. Die Sozialdemokratie hat aber alle Angebote der Kommunisten nicht nur ausgeschlagen, sondern ihren antikommunistischen Kurs verstärkt. Die faschistische Intervention in Spanien 1936 war die Probe auf die Ernsthaftigkeit des Antifaschismus der Sozialdemokratie und der westlichen Demokratien. Hier wurde im Grunde entschieden, ob die faschistischen Aggressoren geschlagen werden oder ob ihnen der Weg in den Weltkrieg geöffnet wird. Beide, die Sozialistische Internationale und die westlichen Demokratien, opferten die Spanische Republik - und später in München noch die Tschechoslowakei und dann auch Polen, - weil das faschistische Deutschland ermuntert werden sollte, endlich den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu beginnen.
Es waren diese Erfahrungen der Jahre 1935 bis 1941, die Dimitroff wie die gesamte Kommunistische Weltbewegung zu der oben zitierten Stellungnahme vom 6. März 1941 geführt hatten. Was in ihnen ausgedrückt wurde – nämlich, dass die Arbeiterbewegung nur siegreich sein kann, wenn sie den Opportunismus aus ihren Reihen vertrieben hat – das waren allerdings Erkenntnisse, die weder von Stalin noch von Lenin stammten, - es waren Marx und Engels, die sie zuerst ausgesprochen und dementsprechend gehandelt hatten.
Der Kampf gegen den Opportunismus war und ist für Kommunisten nie ein Kampf aus Konkurrenzgründen gegen eine zweite Arbeiterpartei gewesen, sondern war immer ein Kampf um die Herstellung der Einheit der Arbeiterklasse auf revolutionärer marxistischer Grundlage als der unabdingbaren Voraussetzung für die Überwindung der Macht des Kapitals. Er wurde deshalb nach dem Sieg über den Faschismus auch nicht als Kampf gegen die Sozialdemokratie, sondern als Kampf um den Zusammenschluss beider Arbeiterparteien geführt. Dieser Kampf konnte damals in der Sowjetischen Besatzungszone und in den Ländern der Volksdemokratie zum Erfolg geführt werden, erstens, weil die geschichtlichen Erfahrungen den Menschen die Lehre eingebrannt hatten, dass die Spaltung der Arbeiterbewegung dem Faschismus den Weg freigemacht hat und der Drang zur Einheit deshalb auf beiden Seiten stark war, zweitens, weil die Spaltungspolitik der rechtssozialdemokratischen Führer dort, wo sie nicht von der Besatzungsmacht unterstützt (wenn nicht gar inszeniert) wurde, zum Scheitern verurteilt war. Die Herstellung der Einheit der Arbeiterbewegung durch die Vereinigung der kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien entsprach sowohl den Ausführungen Dimitroffs auf dem VII. Weltkongress als auch denen vom März 1941. Zweites Beispiel:
Der Abschluss des Nichtangriffsvertrages der Sowjetunion mit Hitlerdeutschland durchkreuzte die imperialistischen Pläne, Deutschland und die Sowjetunion in einen Krieg zu verwickeln, bei dem England und die USA als lachende Dritte abwarten konnten, bis sich – wie Truman es als Wunsch ausgesprochen hatte, - beide gegenseitig umgebracht hätten. Nichts natürlicher, als das Hass- und Wutgeheul in London und Washington über diesen Strich durch ihre Rechnungen, und die Ausnützung dieses Nichtangriffsvertrages als Beweis für die Richtigkeit der antisowjetischen Hetzparole von der Gleichheit von Hitlerdeutschland und Sowjetunion, von Faschismus und Sozialismus.
Schlimmer in seiner Auswirkung auf die kommunistische Bewegung und die vielen Millionen Freunde der Sowjetunion in der ganzen Welt war es jedoch, als Chruschtschow in seiner „Geheimrede“ auf dem XX. Parteitag die ungeheuerliche Lüge als „Aufdeckung der Wahrheit“ verkündete, die Anfangserfolge der deutschen Armeen hätten ihre Ursache darin, „dass Stalin alle Warnungen vor dem deutschen Überfall nicht in Betracht gezogen“ und „keine ausreichenden Maßnahmen ergriffen“ habe, um das Land zur Verteidigung vorzubereiten und das Überraschungsmoment auszuschließen.
Hätte Chruschtschow den Delegierten und der
Weltöffentlichkeit nicht eine bösartige Lüge, sondern die Wahrheit über
die Haltung Stalins zur von Seiten Hitlerdeutschlands drohenden Gefahr eines
Überfalles vortragen wollen, dann hätte er aus der ihm selbstverständlich
bekannten Rede Stalins vom 5. Mai 1941 vor den Absolventen der
Militärakademien die folgenden Ausführungen zitieren müssen: „Die
Situation ist äußerst ernst. Mit einem deutschen Angriff in naher Zukunft
muss man rechnen... Die Rote Armee ist noch nicht stark genug, die Deutschen
ohne weiteres schlagen zu können... Die Verteidigungsanlagen in den neuen
Grenzgebieten sind unzulänglich... Die Sowjetregierung will mit allen ihr zur
Verfügung stehenden diplomatischen Mitteln versuchen, den bewaffneten
Konflikt mit Deutschland zumindest bis zum Herbst hinauszuzögern, weil es um
diese Jahreszeit für einen deutschen Angriff zu spät sein wird. Dieser
Versuch kann gelingen, kann aber auch fehlschlagen. Wenn er gelingt, wird der
Krieg mit Deutschland fast unvermeidlich im Jahre 1942 stattfinden, und zwar
unter viel günstigeren Bedingungen, da die Rote Armee dann besser ausgebildet
und besser ausgerüstet sein wird. Je nach der internationalen Situation wird
die Rote Armee einen deutschen Angriff abwarten oder aber selbst die
Initiative ergreifen.“
[3]
Müssen sich angesichts der feindseligen Entstellung der geschichtlichen Wahrheit durch Chruschtschow, die nur den Feinden der Sowjetunion nützen und in die eigenen Reihen nur Zersetzung tragen konnte, nicht alle jene DKP-Genossen, die, wie erst kürzlich wieder Genosse Steigerwald in einem Artikel in der UZ (9.2.01), immer noch den XX. Parteitag für einen Parteitag der Wende zur Wiederherstellung des sozialistischen Rechts und sozialistischer Ideale und Chruschtschow als den mutigen Vorkämpfer für diese Wende halten, endlich zu der Einsicht durchringen, dass, wer so skrupellos log und die Geschichte fälschte wie Chruschtschow, keinesfalls von edlen Motiven geleitet sein konnte, sondern damit bewusst die Partei und das Land in die Irre führte?
Auf der Vorarbeit von Chruschtschow konnte Gorbatschow aufbauen. Unter seiner Führung verwandelten sich Presse, Radio und Fernsehen der Sowjetunion endgültig in Organe konzentrierter antisowjetischer und antikommunistischer Verleumdungen und der Reklame für die vorbildlichen Segnungen des Imperialismus, insbesondere der USA.
Der „Sputnik“, einst eine mit vollem Recht auch in der DDR geschätzte sowjetische Zeitschrift, wurde nun zu einem Organ, dazu bestimmt, diesen zersetzenden antikommunistischen Geist des „Neuen Denkens“ auch in die anderen sozialistischen Länder zu tragen. Die Nummer 10 von 1988 tat sich dabei besonders hervor. In dieser Nummer wurde ein Brief des Journalisten Ernst Henri an Ilja Ehrenburg vom 30.Mai 1965 abgedruckt, der unter der Überschrift, „Hätte es ohne Stalin Hitler gegeben?“ den deutschen Imperialismus von der Verantwortung für den Faschismus entlastete, indem er sie Stalin zuwies. In skrupellosester Weise häufte er Lüge auf Lüge. Stalins Werk sei gewesen:
- „Die Vereitelung der antifaschistischen Aktionseinheit der Arbeiterklasse im Westen“.
- „Stalin räumt Hitler die Chance ein, vor dem Überfall auf die Sowjetunion Frankreich und Großbritannien auszuschalten und die USA zu neutralisieren“.
- „Diskreditierung der westlichen kommunistischen Parteien durch den Befehl von 1939, die antifaschistische Bewegung aufzugeben“.
- „Stalin ermöglicht es Hitler, die Sowjetunion zu überrumpeln, obwohl mehrere glaubhafte Warnungen vorlagen.“
Ein anderer, genau so skrupelloser Lügen-Autor, ein Julian Semjonow, schrieb in der gleichen Sputnik-Nummer: „Die deutschen Kommunisten wagten es nicht, sich mit den Sozial-demokraten im Kampf gegen die Nazis zu vereinigen. Hätten sie dies getan, so wäre es Hitler nicht gelungen, die Reichstagswahlen zu gewinnen.“ (Abgesehen von der völligen Unkenntnis des Autors über die tatsächlichen Vorgänge und Verhältnisse in Deutschland ist für seine Vorstellungswelt auch kennzeichnend, dass er damit zum Ausdruck brachte, die Wähler, nicht die deutsche Monopolbourgeoisie, hätten Hitler an die Macht gebracht!) Aber es kommt noch schöner: „Nach China und später nach Japan wurde (Richard) Sorge offenbar deshalb geschickt, weil man befürchtete, in Deutschland könne er sich um den Zusammenschluss von Kommunisten und Sozialdemokraten, um die Herstellung der Einheitsfront bemühen.“ Als wegen dieser antikommunistischen Hetzartikel die Verbreitung des Sputnik in der DDR verhindert wurde, kam es zu einer recht merkwürdigen Welle der Empörung. Merkwürdig deshalb, weil sich die Empörung nicht dagegen richtete, dass in einem sowjetischen Magazin antikommunistische Hetze betrieben wurde, sondern dagegen, dass die Verbreitung dieser Hetze auf staatliche Anordnung unterbunden wurde.
Ich erinnere mich an die Diskussion in unserer Parteigruppe am Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften, in der ebenfalls die Empörung über das „Sputnik-Verbot“ hohe Wellen schlug. In einem Punkt waren wir uns alle einig: die amtliche Reaktion auf diese Ausgabe des Sputnik war von kaum glaublicher Dummheit und zeugte von absoluter Unfähigkeit zu realistischer Einschätzung der Massenstimmung. (Das ND vom 18./19.November 1988 verbreitete damals als ADN-Meldung eine „Mitteilung der Pressestelle des Ministeriums für Post und Fernmeldewesen“, in der es hieß, der „Sputnik“ sei von der Postzeitungsliste gestrichen worden, weil das Magazin keinen Beitrag zur Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft leiste, sondern verzerrende Beiträge zu Geschichte verbreite.) Jeder Leser fühlte sich zu Recht in beleidigender Weise verkohlt dadurch, dass sich die Partei- und Staatsführung und Erich Honecker persönlich in unwürdiger Weise hinter der Pressestelle des Postministeriums versteckte. Als ich aber meinen Genossinnen und Genossen sagte, dass ich mich dennoch darüber wundere, dass ihr Zorn und ihre Empörung sich nicht in allererster Linie gegen die Ungeheuerlichkeit antikommunistischer Propaganda und Hetze in einer sowjetischen Zeitschrift wendet, sondern gegen unsere Organe, die – wenn auch in total verkehrter Weise – gegen diese Hetze Stellung nehmen, stand ich buchstäblich völlig alleine da. „Gorbi“ hatte bereits erreicht, dass die „Partei-Intelligenz“ – meine Kollegen im Institut waren mit wenigen Ausnahmen Mitglied der SED - mit nur noch wenigen Ausnahmen die Konterrevolution verteidigte, sofern sie mit sowjetischem Signum auftrat.
Seitdem gehört die Lüge vom „Moskauer Verbot der Anti-Hitlerpropaganda“ in der Zeit nach Abschluss des Nichtangriffsvertrages bis zum Überfall auf die Sowjetunion zur Standard-Ausrüstung der als Anti-Stalinismus ausgegebenen antikommunistischen Verleumdungskam-pagnen.
Wie die Haltung der Sowjetunion wirklich war, das kann man auch zu dieser Frage bei Dimitroff nachlesen. Bevor wir zu dieser Lüge die Tagebuchnotizen Dimitroffs sprechen lassen, einige Ausschnitte aus Dokumenten der KPD:
1. Aus der Erklärung des ZK der KPD vom 3.September 1939:
„Die KPD hat
stets... die Auffassung vertreten, dass die Erlösung unseres Volkes von der
faschistischen Diktatur nicht von außen kommt, (Krieg), sondern das Ergebnis
des Kampfes der Volksmassen... sein wird. Deshalb haben die Kommunisten seit
Jahren alle Kräfte auf die
Entfaltung des Massenkampfes gegen Hitlers Kriegspolitik konzentriert.“
2. Aus der Politischen Plattform der KPD vom 30.Dezember 1939:
„5....Die
großkapitalistischen Kräfte wälzen die ganze Last des Krieges auf die
Schultern der werktätigen Massen. Die nationalsozialistische Behauptung, „dass
in Deutschland fort-schrittliche soziale Verhältnisse beständen, dass eine
gleichmäßige Verteilung der Lasten erfolge, dass keine Kriegsgewinne
zugelassen würden, dass es einen deutschen Sozialismus gäbe, entspricht
nicht den Tatsachen. Es ist notwendig, den Massen den Widerspruch zwischen den
nationalsozialistischen Behauptungen und den Tatsachen zum Bewusstsein zu
bringen, den Schwindel über die angebliche „Volksgemeinschaft“ zu
enthüllen...“
[4]
Und nun zu
Dimitroffs Aufzeichnungen in seinem Tagebuch.
Unter dem Datum des 7.November 1940, dem 24. Jahrestag der Oktoberrevolution, gibt Dimitroff den Inhalt von Ausführungen Stalins gelegentlich des gemeinsamen Mittagessens der führenden Genossen wieder. Bei dieser Gelegenheit sagte Stalin auch: „Wir sind auf einen solchen Luftkampf, wie er zwischen Deutschland und England geführt wird, nicht vorbereitet. Es hat sich herausgestellt, dass unsere Flugzeuge nur 35 Minuten in der Luft bleiben können, die deutschen und englischen aber bis zu einigen Stunden! Wenn unsere Streitkräfte, das Transportwesen usw. nicht genau so stark sind wie unsere Gegner (und das sind alle kapitalistischen Staaten, auch jene, die sich als unsere Freunde ausgeben!), dann werden sie uns auffressen.“ (S.316)
Vom November 1940 an wendet sich Dimitroff in seinen Aufzeichnungen besonders häufig Bulgarien zu. Dies nicht etwa deshalb, weil ihn die Entwicklungen in seinem Heimatlande und dessen Kommunistischer Partei verständlicherweise in ganz besonderem Maße beschäftigten; nein, der Hauptgrund war, dass vom November 1940 an deutlich wurde, dass Nazideutschland sich in Bulgarien ein neues Aufmarschgebiet zu schaffen bemüht war. Das schuf eine sowohl für die Sowjetunion als auch für die Kommunistische Internationale außerordentlich komplizierte Situation. Denn zum einen mussten beide daran interessiert sein, die durch den Nicht-angriffsvertrag gewonnene Atempause bis zum Ausbruch des unausweichlichen bewaffneten Zusammenstoßes möglichst bis in das Jahr 1942 hinaus auszudehnen. Das aber hieß, sowohl seitens der Sowjetunion als auch seitens der Kommunistischen Internationale strikt alles zu unterlassen, was die deutsche Führung veranlassen konnte, den geplanten Überfall auf die Sowjetunion lieber früher als später zu beginnen. Zum anderen aber musste die Sowjetunion allen Manövern Hitlerdeutschlands entgegentreten und sie durchkreuzen, die darauf hinausliefen, die Weltöffentlichkeit glauben zu machen, die Sowjetunion billige alle ihre aggressiven, kriegstreiberischen Akte. Diese Situation erforderte sowohl von der Sowjetregierung als auch von der Führung der KI ein Höchstmaß an diplomatischem Geschick bei einer wirklich lebensgefährlichen politischen Gratwanderung.
Und natürlich erforderte dies eine ständige Abstimmung des Vorgehens beider. Das erstrangige Interesse der kommunistischen Weltbewegung war die erfolgreiche Verteidigung der Sowjetunion, und deshalb war es selbstverständlich, dass die Kommunistische Internationale und alle ihre Sektionen ihr eigenes Vorgehen mit der Führung der Sowjetunion und der KPdSU aufs Engste koordinierten. Dass damit die antikommunistische bürgerliche wie auch die sozialdemokratische und trotzkistische Propaganda die verleumderische These von der „Instrumentalisierung der Kommunistischen Internationale zu einem Instrument der sowjetischen Aussenpolitik“ begründet, kann nicht verwundern. Das gehört nun einmal zum Geschäft derer, die sich selbst zu Sprachrohren der eigenen und der USA- Regierung gegen die Sowjetunion und für die „Menschenrechts-Verteidiger“ qualifiziert haben, denen sich zu ihrer Schande auch etliche wendehälsische ehemals namhafte DDR-Historiker zugesellten.
Dimitroffs Aufzeichnungen lassen uns zu nachträglichen Zeugen der Abstimmung zum koordinierten Vorgehen von Sowjetführung und Führung der Kommunistischen Internationale in einer besonders komplizierten und gefährlichen Situation des Kampfes gegen den Faschismus werden.
Notiz vom 25. 11. 40: „Bei Molotow. Haben über Bulgarien gesprochen. Habe ihn darauf hingewiesen, dass es notwendig ist, sofort Maßnahmen zu ergreifen, damit Bulgarien nicht unter den ausschließlichen Einfluss Deutschlands gerät und nicht als dessen höriges Werkzeug ausgenutzt werden kann.
Molotow: Wir
agieren in dieser Richtung. Gerade heute werden wir eine Reihe konkreter
Maßnahmen diskutieren.
In Berlin“ - (Molotow
war am 12. November zu Sondierungsgesprächen in Berlin gewesen) –
„haben wir mit den Deutschen keinerlei
Abkommen abgeschlossen und keinerlei Verpflichtungen übernommen.“ (Das
war eine große Enttäuschung für die Naziführung, hatte Hitler doch am 24.
10. 1940 - wie der Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, in seinem
Tagebuch notierte -, erklärt: „Molotow wird nach Berlin kommen. Dann
erwartet man Eintritt Rußlands in den Dreierpakt.“
[5]
). „Die
Deutschen bearbeiten jetzt die Türkei... Was die Türkei machen wird, kann
man schwer vorhersehen. Aber wir beobachten aufmerksam, was dort und um die
Türkei herum geschieht. Die Deutschen wollen die Sache so darstellen, als
hätten wir ihre Pläne auf dem Balkan gebilligt. Dies haben wir anlässlich
des Beitritts Ungarns zum Dreimächtepakt öffentlich dementiert. Nun werden
alle erfahren, dass wir keineswegs zugestimmt haben.
Dimitroff: Wir
streben die Zersetzung der deutschen Okkupationstruppen in verschiedenen
Ländern an, und diese Aktivitäten wollen wir, ohne es an die große Glocke
zu hängen, noch verstärken. Wird das die sowjetische Politik nicht
behindern?
Molotow: Selbstverständlich
muss man das tun. Wir wären keine Kommunisten, wenn wir diesen Kurs nicht
einhalten würden. Nur muss es lautlos geschehen.“
Dimitroff fährt fort: „Gerade in die Komintern zurückgekehrt, wurde ich zu Stalin bestellt.... Stalin: Heute unterbreiten wir den Bulgaren den Vorschlag, einen Beistandspakt zu schließen. Wir bieten keine Garantien an..., sondern einen Pakt über gegenseitigen Beistand.... Wenn die Bulgaren diesen Vorschlag von uns nicht annehmen, werden sie völlig in die Klauen der Deutschen und Italiener fallen und dann zugrunde gehen.... Es ist ein Fehler, anzunehmen, England sei geschlagen. Es verfügt im Mittelmeerraum über starke Streitkräfte. Es steht unmittelbar an den Meerengen. Nach der Eroberung der griechischen Inseln hat England seine Position in dieser Region gestärkt. Unsere Beziehungen zu den Deutschen sind nach aussen hin höflich, doch gibt es zwischen uns ernst zu nehmende Reibungen. Der Vorschlag ist heute der bulgarischen Regierung übergeben worden... Dieser Vorschlag muss der breiten Öffentlichkeit Bulgariens bekannt gemacht werden.“ (S.320/21).
Allerdings bedurfte es dafür – wie aus der nachfolgenden Notiz Dimitroffs ersichtlich,- noch genauerer Hinweise, um den gewünschten Erfolg unter den besonderen, komplizierten internationalen Bedingungen nicht zu gefährden:
14.12. 40: Eine
Direktive an das ZK (Sofia) geschickt. Die Kampagne über den Pakt darf
keinen parteilichen, antibürgerlichen, antidynastischen und
antideutschen Charakter tragen.- Man darf sie nicht auf klassenmäßiger,
sondern muss sie auf allgemeinnationaler und staatlicher Grundlage führen.“
(S.325).
Unter dem 27.11.1940 notierte Dimitroff: „...Der
patriotische, antideutsche Geist der Tschechen ist nicht gebrochen. Ungeheurer
Hass der Tschechen gegen das nationalsozialistische Deutschland. In dieser
Atmosphäre ist die nationale Solidarität der Tschechen augenscheinlich
geworden. Eine sehr kleine Schicht ist bewusst in den Dienst der Deutschen
getreten.“ (S.323).
Notiz vom 12.1.1941: „Habe
Molotow angerufen wegen des möglichen Einmarschs der deutschen Truppen in
Bulgarien. Er versprach, mit Stalin ein Treffen in dieser Sache zu
vereinbaren. Molotow sagte: “Wir haben die TASS-Erklärung veröffentlicht,
dass der Durchmarsch deutscher Truppen durch Bulgarien nicht mit uns
abgestimmt ist. Vorerst unternehmen wir nichts weiter.“
(S.331).
Zum
gleichen Problem folgt auf S.
332/33 Dimitroffs Notiz: „Habe Stalin
einen persönlichen Brief geschickt:
‚Lieber Gen. Stalin,
Ich bitte Sie sehr,
mich wegen der Frage, welche Linie die bulgarische KP im Zusammenhang mit dem
Einmarsch deutscher Truppen in Bulgarien verfolgen soll, zu empfangen. Der
vorbereitete Einmarsch deutscher Truppen in Bulgarien stellt die bulgarische
KP vor eine außerordentlich schwere und komplizierte Aufgabe. Die KP, die im
Land über einen gewaltigen Einfluss verfügt, kann diese Aktion von Seiten
Deutschlands, die mit Zustimmung oder Duldung der bulgarischen Regierung
erfolgt, natürlich nicht mit Stillschweigen übergehen. Doch die Frage ist:
wie und womit soll sie reagieren und welche konkrete Position soll sie
einnehmen?
Meines Erachtens
muss die KP entschieden gegen die Entsendung deutscher Truppen nach Bulgarien
auftreten, unter welchem Vorwand diese Entsendung auch immer erfolgt; dabei
muss sie darauf hinweisen, dass eine solche Verletzung der Neutralität
Bulgariens die Verstrickung des
bulgarischen Volkes in einen Krieg für fremde Interessen nach sich zieht und
die Gefahr birgt, dass das Territorium Bulgariens zu einem Kriegsschauplatz
und die selbständige Existenz des Landes aufs Spiel gesetzt wird.
Gleichzeitig muss sie die Verantwortung von Zar Boris und der Regierung
entlarven, die durch ihre Ablehnung des sowjetischen Paktvorschlags diese
Entwicklung unmittelbar verschuldet haben, und sie muss in diesem Zusammenhang
die Notwendigkeit eines Beistandspaktes zwischen Bulgarien und der UdSSR noch
stärker betonen.
Durch Verbreitung
der TASS-Erklärung muss die KP den von Regierungskreisen an den Massen
verübten Betrug entkräften, dass die Entsendung der Truppen angeblich mit
der UdSSR abgestimmt worden sei. Die KP muss außerdem eine Massenbewegung
gegen die Errichtung eines Okkupationsregimes (im Lande) und gegen die
Vereinnahmung von ökonomischen und Nahrungsmittelressourcen initiieren und
unbedachte Aktionen, provokatorische Maßnahmen und bewaffnete Zusammenstöße
vermeiden. Mit
kameradschaftlichem Gruß, G.Dim‘.
Nachts um zwei rief
Stalin mich an: ‚Ich habe Ihren Brief gelesen. Ich bin mit Ihrer Haltung
einverstanden. Man muss entlarven und Provokationen vermeiden. Solche
Handlungen würden es den Deutschen lediglich erleichtern, das Land zu
okkupieren... Die Partei soll nicht als Gehilfe der Sowjetunion fungieren,
sondern in ihrem Namen auftreten. Die bulgarische Regierung verschweigt unsere
Erklärung. Wir werden sie auf Bulgarisch im Radio senden.‘ “
Etwa zur gleichen Zeit, da sich Deutschland um die Einbeziehung Bulgariens in das Auf-marschgebiet seiner Armeen zu bemühen begann, knüpfte es Fäden nach Belgrad, um zu erreichen, dass sich Jugoslawien dem Block der „Dreierpakt Mächte“ anschloss. [6] Als am 25. März 1941 die reaktionäre jugoslawische Regierung dem Antikomintern-Pakt [7] beitrat, konnten Hitler und die Wehrmachtsführung schon glauben, nun stünde der Einhaltung der Hitlerschen Terminplanung für den Überfall auf die Sowjetunion nichts mehr im Wege. Am 31. Juli 1940 hatte Hitler seinen Generalen verkündet: „Entschluss: Im Zuge dieser Auseinandersetzung muss Rußland erledigt werden. Frühjahr 1941.“ [8]
Diese Planung des Weltherrschafts-Aspiranten Hitler wurde durch die antifaschistischen Kräfte in Jugoslawien durchkreuzt. Dimitroff notiert in seinem Tagebuch: „27.3.4: Antideutscher Militärputsch in Jugoslawien.“ (S.363).
Natürlich wurde diese Nachricht in Moskau mit großer
Freude und Genugtuung aufgenommen, musste das Scheitern der Einbeziehung
Jugoslawiens in das deutsche Aufmarschgebiet doch auf jeden Fall dazu führen,
die Atempause für die Sowjetunion zu verlängern. Die weitere Entwicklung
komplizierte aber auch die ohnehin äußerst schwierige Aufgabe, die
antideutschen und antifaschistischen Kräfte so zu unterstützen, dass daraus
dem Bemühen um eine möglichst lange Aufrechterhaltung der Wirksamkeit des
Nichtangriffsvertrages nicht entgegengewirkt wurde. Die Aufzeichnungen
Dimitroffs über den Austausch von Berichten und Weisungen zwischen der KP
Jugoslawiens und Dimitroff zeigen sehr eindrucksvoll, wie um den richtigen Weg
zur Lösung dieses schwierigen Problems gerungen wurde: „28.3.41:
Vom ZK der jugoslawischen Partei ein Telegramm über ihre Haltung zu den
Ereignissen in Jugoslawien erhalten. Die Partei organisiert den allgemeinen
Widerstand gegen den deutsch-italienischen Einfall in Jugoslawien und gegen
die Versuche Englands, Jugoslawien im Krieg auf seine Seite zu bringen. Das
Volk übt auf die neue Regierung Druck aus, Forderung nach Aufkündigung des
Wiener Vertrages und Abschluss eines Beistandspaktes mit der UdSSR.
Wachsamkeit gegenüber der neuen Regierung.“
(S.364).
„29.3. 41:
Abends bei Wjatscheslaw Michailowitsch (Molotow) im Kreml. Haben uns über
Jugoslawien unterhalten. (Molotow): Es ist nicht zweckmäßig,
Straßendemonstrationen zu organisieren. Die Engländer würden das ausnutzen.
Die innere Reaktion ebenfalls. Die Kader der kommunistischen Bewegung würden
zerschlagen.- In der jetzigen Situation muß man die Kräfte sammeln und sich
vorbereiten.– Nicht lärmen, nicht herumschreien, sondern konsequent sein
Ziel verfolgen. – Das sollte man auch den jugoslawischen Genossen raten...
Die jugoslawische Geschichte war eine Ohrfeige für die Deutschen. .. Habe zur
Übermittlung nach Jugoslawien (an das ZK der KP) vorbereitet: ´Wir raten
dringend, sich in der gegenwärtigen Etappe darauf zu beschränken, den Massen
Ihre Haltung nachdrücklich und überzeugend
klarzumachen, von Straßendemonstrationen jedoch Abstand zu nehmen und
unter allen Umständen bewaffnete Zusammenstöße zwischen den Massen und der
Staatsmacht zu vermeiden. Geben Sie keinen augenblicklichen Stimmungen nach.
Lassen Sie sich nicht zu lautstarken und allein auf den äußeren Effekt
ausgerichteten Aktionen hinreißen und konzentrieren Sie sich voll und ganz
auf die Propagierung unserer Prinzipien und Losungen sowie unserer
kommunistischen Politik; auf die Stärkung der Partei, auf die Einigung und
Organisierung der Kräfte der Arbeiterklasse, der Bauernmassen und der
werktätigen Bevölkerung der Städte
sowie die allseitige Entfaltung dieser Kräfte; konzentrieren Sie sich auf die
Stärkung des Einflusses der Partei in der Armee und unter der Jugend.
Preschen Sie nicht vor. Lassen Sie sich nicht durch den Feind provozieren. Sie
dürfen die Avantgarde des Volkes nicht gefährden und sie nicht vorzeitig ins
Feuer schicken.. Der Augenblick für Entscheidungskämpfe mit dem Klassenfeind
ist noch nicht gekommen. Ständig Aufklärungsarbeit zu leisten und sich
selbst und die Massen gründlich vorzubereiten – darin besteht jetzt die
Aufgabe der Partei. Nehmen Sie das zur Kenntnis und handeln Sie entsprechend.
Bestätigen Sie den Empfang. Informieren Sie uns regelmäßig.‘ “ (S.365).
„2.4.41: Haben an das ZK in Sofia eine Warnung im Zusammenhang mit den antiserbischen Demonstrationen geschickt.- ‚...Die Verwicklung Bulgariens in den Krieg gegen Jugoslawien ist nicht nur ein Akt schäbigen Verrats gegenüber dem benachbarten Brudervolk, sondern bedeutet auch für das bulgarische Volk selbst, dass es endgültig zu einem Knecht des deutschen Imperialismus wird, der sein Blut für fremde Interessen vergießt und das eigene Land schrecklicher Zerstörung und Vernichtung preisgibt. Entfalten Sie eine Kampagne in diesem Sinne und lassen Sie sich durch den Feind nicht provozieren.‘ “ (S.367).
„4.4.41: ... Unsere Direktive ist in Jugoslawien angekommen. Der Vertrag zwischen Jugoslawien und der UdSSR wurde in der Nacht vorbereitet.“ (S.368).
„5.4.41: ... In der Nacht wurde der (Freundschafts- und Nichtangriffs-) Vertrag mit Jugoslawien unterzeichnet.“ (S. 369)
„6.4.41: Der Vertrag mit Jugoslawien wurde zusammen mit einem Foto veröffentlicht, auf dem die jugoslawische Delegation mit Molotow, Stalin u.a. abgebildet ist. Deutschland hat Jugoslawien und Griechenland den Krieg erklärt.“ (S.369)
„9.4.41: Mit Shdanow wegen des Aufrufs der KI zum 1. Mai gesprochen.- Wir halten es nicht für zweckmäßig, dass die Komintern unter den gegenwärtigen Bedingungen zum 1. Mai mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit tritt. (Eine ausführliche Analyse vorzulegen würde bedeuten, in einigen Punkten unsere eigenen Karten aufzudecken, den Feinden Gelegenheit zu geben, dies gegen uns auszunutzen usw.) – Die Ereignisse auf dem Balkan ändern nichts an unserer generellen Einstellung zum imperialistischen Krieg und zu den beiden kriegführenden kapitalistischen Gruppierungen. Wir billigen die deutsche Expansion auf dem Balkan nicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir vom Pakt mit Deutschland abgehen und uns auf die Seite Englands schlagen. Die Leute von uns, die so denken, unterschätzen die selbständige Rolle und Macht der Sowjetunion. Sie denken, man müsse sich entweder auf die eine oder auf die andere imperialistische Gruppierung orientieren, aber das ist grundfalsch.“ (S.370)
„18.4.41: Telefonat mit Shdanow wegen unserer Direktive zur Durchführung des 1. Mai. Er teilte mit, Jossif Wissarionowitsch (Stalin) habe angemerkt, man müsse zwischen den verschiedenen Ländern unterscheiden: den kriegführenden, den nichtkriegführenden, den besetzten Ländern usw.- Bezüglich der Grundaussagen (‚Der imperialistische Krieg ist Sache der Imperialisten; der Völkerfrieden Sache der Arbeiterklasse und der Völker‘, ‚Der Krieg des griechischen und jugoslawischen Volkes gegen die imperialistischen Aggressoren ist ein gerechter Krieg‘ usw.) habe er keine Bedenken.“ (S.373).
Mit der Feststellung vom gerechten Krieg des griechischen
und des jugoslawischen Volkes ist ein erster Schritt weg von der pauschalen
Beurteilung des zweiten Weltkrieges als imperialistischer
und damit ungerechter Krieg von Seiten aller kriegführenden Staaten und hin
zur Beurteilung des Krieges gegen das faschistische Deutschland als gerechter
Krieg getan. Aber erst in seiner Rede am 9. Februar 1946 zog Stalin im
Rückblick auf den Krieg und die Vorkriegsperiode die Schlussfolgerung: „Angesichts
dessen nahm der zweite Weltkrieg gegen die Achsenmächte zum Unterschied vom
ersten Weltkrieg gleich bei Beginn den Charakter eines antifaschistischen,
eines Befreiungskrieges an...Der Eintritt der Sowjetunion in den Krieg gegen
die Achsenmächte konnte lediglich den antifaschistischen und
Befreiungscharakter des zweiten Weltkrieges verstärken und hat ihn auch
wirklich verstärkt.“
[9]
Eine solche Beurteilung schon zu Beginn des Krieges zu geben, war unmöglich. Sie konnte erst gegeben werden, nachdem all die nicht wenigen Versuche der reaktionären Kräfte in den USA und England, doch noch zu einem Sonderfrieden mit Hitlerdeutschland zu gelangen, um dem die Hände für einen Einfrontenkrieg gegen die Sowjetunion frei zu machen, nicht vermocht hatten, die Anti-Hitler–Koalition zu sprengen. Erst der gemeinsame Sieg über die Achsenmächte erlaubte es, den Krieg gegen sie von Anfang bis Ende als gerechten, antifaschistischen Krieg einzuschätzen.
Aber wir haben vorgegriffen. Zurück also zu den Notizen Dimitroffs.
„23.4.41: ...
Allgemeine Schlußfolgerungen: Die
Ereignisse auf dem Balkan beschleunigen die Beendigung des Krieges nicht,
sondern verlängern und verstärken ihn vielmehr. Der Weltkrieg ist ein
langwieriger Krieg. Die Flamme des Krieges nähert sich immer mehr den Grenzen
der Sowjetunion, die sich nach Kräften auf alle möglichen
>Überraschungen< vorbereiten muss. Die Sowjetunion bekommt in bezug auf
den Westen immer mehr die Hände frei.“
(S.376).
„5.5.41: Abends
im Kreml Festsitzung der Absolventen der Militärakademie und anschließend
Empfang. Auf der Festsitzung hielt J.W. (Stalin) eine Rede. ‚... Warum wurde
Frankreich zerschlagen, warum erleidet England Niederlagen und warum haben die
Deutschen Erfolge zu verzeichnen? Die Hauptursache ist, dass Deutschland, als
besiegtes Land, neue Mittel und Wege gesucht und gefunden hat, um die
schwierige Lage zu überwinden, in die es nach dem Ersten Weltkrieg geraten
war. Es hat eine Armee und Kader geschaffen und reichlich aufgerüstet, vor
allem Artillerie und die Luftwaffe. Frankreich und England unterdessen
gerieten nach ihren Erfolgen in einen Siegestaumel, prahlten mit ihrer Macht
und ließen es an der notwendigen militärischen Vorbereitung
fehlen.... Eine Armee, die sich für unbesiegbar und weitere
Vervollkommnung für unnötig hält, ist zum Untergang verurteilt.
Ist die deutsche
Armee unbesiegbar? Nein. Sie ist nicht unbesiegbar. Erstens hat Deutschland
den Krieg unter der Losung „Befreiung von Versailles“ begonnen. Und es
konnte auf das Wohlwollen jener Völker zählen, die unter dem Versailler
System litten. Aber jetzt setzt Deutschland den Krieg unter dem Banner der
Unterwerfung, der Unterdrückung anderer Völker, unter dem Banner der
Hegemonie fort. Das ist ein großes Minus für die deutsche Armee. Sie
verfügt nicht mehr über das bisherige Wohlwollen einer Reihe von Ländern
und Völkern, sondern hat im Gegenteil viele von ihr okkupierten Länder gegen
sich aufgebracht. Eine Armee, die auf feindlichem
Boden kämpfen muss und im Hinterland feindliche
Territorien und Massen hat, ist ernsthaften Gefahren ausgesetzt. Das ist das
andere Minus für die deutsche Armee
Außerdem beginnen
die deutschen Führer bereits an Größenwahn zu leiden. Sie glauben, sie
könnten alles, ihre Armee sei stark genug, und es sei nicht notwendig, sie
weiter zu vervollkommnen. All dies zeigt, dass die deutsche Armee nicht
unbesiegbar ist.... Unsere Armee muss ständig stärker werden, sich
vervollkommnen. Und unsere Militärschulen müssen mit ihr Schritt halten und
dürfen nicht zurückbleiben.... Unsere Politik des Friedens und der
Sicherheit ist gleichzeitig eine Politik der Kriegsvorbereitung. Es gibt keine
Verteidigung ohne Angriff. Man muss die Armee im Geiste des Angriffs erziehen.
Man muss sich auf den Krieg vorbereiten.‘ “
(S.380 ff.).
„21.6.41: Im
Telegramm von Tschou En-lai aus Chongqing nach Yan‘ an (an Mao Tse-tung)
wird unter anderem darauf hingewiesen,
dass Tschiang Kai-schek hartnäckig behauptet, Deutschland werde die UdSSR
überfallen, und er nennt sogar das Datum - den 21.6.41! Die Gerüchte über
den bevorstehenden Überfall mehren sich von allen Seiten. Man muss auf der
Hut sein... Am Morgen rief ich
Molotow an. Ich bat ihn, mit Jossif Wissarionowitsch
die Lage und die notwendigen Weisungen für die kommunistischen Parteien zu
besprechen.
Molotow: Die Lage
ist unklar. Es wird ein großes Spiel gespielt. Nicht alles hängt von uns ab.
Ich werde mit J.W. reden. Wenn es irgend etwas Besonderes gibt, rufe ich an!“
(S.392).
„22.6.41:
Sonntag. Um 7 Uhr morgens wurde ich dringend in den Kreml beordert.
Deutschland hat die UdSSR überfallen. Der Krieg hat begonnen ... In Stalins
Arbeitszimmer sind Molotow, Woroschilow, Kaganowitsch, Malenkow.
Stalin zu mir: ‚Sie
haben uns angegriffen, ohne irgendwelche Forderungen zu stellen, ohne
irgendwelche Verhandlungen zu verlangen, haben uns niederträchtig
überfallen, wie Räuber. Nach dem Überfall, nach der Bombardierung von Kiew,
Sewastopol, Shitomir und anderen Orten erschien Schulenburg
(der deutschen Botschafter) mit
der Erklärung, dass Deutschland sich durch die Konzentration sowjetischer
Truppen an der Ostgrenze bedroht fühlte und Gegenmaßnahmen ergriffen habe.
Die Finnen und Rumänen sind auf Seiten der Deutschen. Bulgarien nimmt die
Vertretung der Interessen Deutschlands in der UdSSR wahr‘.
Nur die Kommunisten können die Faschisten besiegen...“ Erstaunlich
sind die Ruhe, Festigkeit und Zuversicht Stalins und aller anderen.“ (S.
392).
Man erinnere sich an dieser Stelle an das bösartige
Lügen- Bild, das Chruschtschow den Delegierten des XX. Parteitages vorsetzte
von einem Stalin, der nach dem Überfall verzweifelt und kopflos war, alles
verloren gab und sich „über lange Zeit“ auf seine Datsche flüchtete und
sich um nichts mehr kümmerte! Es ist ganz erstaunlich, dass dieses Bild noch
heute als das wahre Bild von Stalin zu Kriegsbeginn auch in den
kommunistischen Parteien überlebt hat, obwohl schon 1969 in Moskau Marschall
Shukows Erinnerungen erschienen sind, die in aller Deutlichkeit die
Lügenhaftigkeit der Chruschtschowschen Darstellung nachweisen; es genügt
hier, nur die folgende Passage aus Shukows Buch zu zitieren: „Stalin
war ein willensstarker Mensch und kein Feigling....Nach dem 22. Juni 1941 hat
Stalin während des ganzen Krieges mit dem Zentralkomitee der Partei und der
Sowjetregierung fest und sicher das Land, die militärischen Operationen und
die internationalen Angelegenheiten geleitet.“
[10]
Wie ist es zu erklären, dass selbst in kommunistischen Parteien wie der DKP keinerlei Bemühungen festzustellen sind, wenigstens die offenkundigsten der Chruschtschowschen Geschichtsfälschungen als solche nachzuweisen und ihnen die geschichtliche Wahrheit entgegenzustellen? Wäre es dazu nicht endlich an der Zeit, zehn Jahre nach dem Sieg der Konterrevolution? Wäre der doch ohne die auf dem XX.Parteitag begonnene Umschreibung der Geschichte des Sozialismus - und zwar nicht nur der Geschichte der UdSSR, sondern aller sozialistischen Länder und ganz besonders auch der DDR! - als Abfolge schlimmster Verbrechen nicht möglich gewesen!
In einer Diskussion mit namhaften Genossen der DKP über die Auflösung des Kommunistischen Informationsbüros durch Chruschtschow, in der ich diese Auflösung als eine der Maßnahmen bezeichnete, mit denen Chruschtschow anstelle des marxistisch-leninistischen Prinzips des proletarischen Internationalismus dem von der Tito-Partei propagierten „Nationalkommunismus“ Eingang in die Kommunistische Bewegung verschaffte, wurde mir entgegnet: „Dann musst Du diesen Vorwurf erst recht gegen Stalin erheben, denn der hat, ohne jemanden zu fragen, 1943 eigenmächtig die Auflösung der Kommunistischen Internationale angeordnet und damit der kommunistischen Bewegung einen schweren Schlag versetzt!“ Diese Sicht auf die Komintern-Auflösung ist ebenso wie in der DKP in der PDS und natürlich erst recht bei allen auf Trotzki eingeschworenen Parteien und Grüppchen als vorherrschend vorzufinden Sie hat mit der Wahrheit aber ebensowenig zu tun wie die in den beiden vorangegangenen Teilen behandelten und mit Hilfe der Dimitroff-Tagebuch-Eintragungen widerlegten Legenden.
Wie es wirklich war, das erfahren wir ebenfalls von Dimitroff.
Zur Vorgeschichte gehört ein USA-Gesetz, das vom
Präsidenten Roosevelt am 17.Oktober 1940 unterzeichnet wurde. Dieses Gesetz
untersagte Organisationen in den USA jegliche internationale Einbindung. Damit
drohte der Kommunistischen Partei der USA wegen ihrer Zugehörigkeit zur
Kommunistischen Internationale das Verbot. Ihr damaliger Generalsekretär,
Earl R. Browder, saß zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis. Er war im Januar 1940
wegen „Passvergehen“ zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt
worden. Auf seinen Vorschlag richtete die
Partei eine Anfrage an das EKKI - das Exekutiv-Komitee der Kommunistischen
Internationale - , ob es nicht angebracht sei, dem Verbot der Partei durch die
Lösung der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale zu entgehen.
[11]
Auf diese
Anfrage bezieht sich offenbar die folgende Aufzeichnung im Tagebuch Dimitroffs:
16. 11. 40: Ercoli, (d.i. Togliatti), Marty
und Gottwald bei mir wegen der Anfrage der KP Amerikas im Zusammenhang mit
deren außerordentlichem Parteitag. Einigten uns auf
folgende Antwort: „Wenn es unbedingt erforderlich ist, einen
Beschluss in der Frage der Zugehörigkeit (der Organisation zur Komintern)
zu fassen, dann muss ein solcher die Treue der Partei zum
Marxismus-Leninismus und proletarischen Internationalismus gerade in dem
Moment unterstreichen, in dem die Partei gezwungen ist, die formellen
Beziehungen zur KI zeitweilig
abzubrechen, um die Möglichkeit zu wahren, legal zu arbeiten.“
(S.319)
Fünf Monate später, im April 1941 berichtet Dimitroff
über eine Äußerungen Stalins im Kreise führender Genossen: 20. 4.41:
Es wurde auch auf meine Gesundheit getrunken. Aus diesem Anlass sagte J.W.
(Stalin): Bei Dimitroff in der
Komintern treten Parteien aus (Anspielung auf die amerikanische Partei). Das
ist nicht schlecht. Im Gegenteil, man sollte die kommunistischen Parteien zu
völlig eigenständigen Parteien machen anstatt zu Sektionen der KI. Sie
müssen nationale kommunistische Parteien werden, mit verschiedenen
Bezeichnungen – Arbeiterpartei, marxistische Partei usw. Der Name ist nicht
wichtig. Wichtig ist, dass sie in ihrem Volk Fuß fassen und sich auf ihre
eigenen spezifischen Aufgaben konzentrieren. Sie müssen ein kommunistisches
Programm haben, müssen sich auf eine marxistische Analyse stützen, nicht
immer nach Moskau blicken, sondern die im jeweiligen Land anstehenden
konkreten Aufgaben selbständig lösen... Denn die Situation und die Aufgaben
sind in den verschiedenen Ländern völlig unterschiedlich. ...Wenn die
kommunistischen Parteien auf diese Weise erstarkt sind, dann können sie ihre
internationale Organisation wiederherstellen.
Die Internationale
wurde zu Marx‘ Zeiten in Erwartung der nahenden internationalen Revolution
gegründet. Die Komintern wurde unter Lenin geschaffen, ebenfalls in einer
solchen Periode. Jetzt rücken nationale Aufgaben für jedes Land in den
Vordergrund. Dass jedoch die kommunistischen Parteien als Sektionen einer
internationalen Organisation dem Exekutiv-komitee der KI unterstehen, ist ein
Hindernis... Halten Sie nicht an dem fest, was gestern war. Berücksichtigen
Sie konsequent die neuentstandenen Bedingungen.... Unter den jetzigen
Bedingungen erleichtert die Zugehörigkeit der kommunistischen Parteien zur
Komintern es der Bourgeoisie, sie zu verfolgen, und begünstigt ihren Plan,
sie von den Massen des eigenen Landes zu isolieren; die kommunistischen
Parteien werden daran gehindert, sich eigenständig zu entwickeln und ihre
Aufgaben als nationale Parteien zu
lösen...
Dimitroffs Schlussfolgerung: Die Frage nach der Weiterexistenz der KI in nächster Zeit und nach den neuen Formen der internationalen Verbindungen und der internationalen Arbeit unter den Bedingungen des Weltkrieges ist klar und deutlich gestellt worden. (S.374 f.)
Zur Beratung über diese Frage setzte sich Dimitroff mit
führenden Genossen des EKKI zusammen: 21. 4. 41: Habe Ercoli und Maurice (Thorez) mit der Frage konfrontiert, ob das
EKKI seine Tätigkeit als führende Instanz für die kommunistischen Parteien
in der nächsten Zeit einstellen und den einzelnen kommunistischen Parteien
völlige Selbständigkeit gewährt werden solle; ob man sie in wirkliche
nationale Parteien der Kommunisten der einzelnen Länder umwandeln solle, die
sich zwar von einem kommunistischen Programm leiten lassen, ihre konkreten
Aufgaben aber auf ihre Weise lösen, den Verhältnissen in ihren Ländern
entsprechend, und die selber Verantwortung für ihre Entscheidungen und ihr
Handeln tragen. Anstelle des EKKI – ein Organ zur Information und zur
ideologischen und politischen Unterstützung der kommunistischen Parteien.
Beide meinten, diese Fragestellung sei im Grunde richtig und entspreche
völlig der gegenwärtigen Situation der internationalen Arbeiter-bewegung. (S.375)
Kurze Zeit später führte Dimitroff mit weiteren
Genossen, wie D.S.Manuilski und A.A. Shdanow, weitere Beratungen über diese
Frage durch: „12. 5. 41: Diskutierten
mit D. S. Manuilski darüber, wie der Beschluss über die Einstellung der
Tätigkeit des EKKI begründet werden soll.- Mit dieser Umgestaltung sind
zahlreiche unklare und schwierige Fragen verbunden. Im ZK (bei Shdanow). Haben
über die Komintern gesprochen.
1) Der Beschluss
muss prinzipiell begründet sein, da man dem Ausland wie auch unseren
sowjetischen Kommunisten gegenüber eine stichhaltige Erklärung für einen
solchen Schritt liefern muss. Die Komintern hat eine große Geschichte, und
plötzlich hört sie auf, als einheitliches internationales Zentrum zu
existieren und zu handeln. In dem Beschluss müsste man im voraus alle
möglichen Schläge des Gegners in Betracht ziehen, z.B., dass es sich hierbei
angeblich um ein Manöver handele oder die Kommunisten dem Internationalismus
und der internationalen proletarischen Revolution abgeschworen hätten. Unsere
Argumentation muss so sein, dass sie zu einem Aufschwung bei den
kommunistischen Parteien führt
und nicht etwa Grabesstimmung und Unsicherheit auslöst. ... Die Ideen der
Kommunistischen Internationale sind in den Reihen der führenden Schichten der
Arbeiterklasse in den kapitalistischen Staaten tief verwurzelt. In der
gegenwärtigen Etappe ist es erforderlich, das sich die kommunistischen
Parteien als selbständige
nationale Parteien entwickeln. Nach einer Blütezeit der nationalen
kommunistischen Bewegung in den einzelnen
Ländern wird in der nächsten Etappe auf festerer und breiterer Basis
eine internationale kommunistische Organisation wiedererstehen. Man muss
deutlich machen, dass die Auflösung des EKKI keine Absage an die
internationale proletarische Solidarität bedeutet. Im Gegenteil – es
ändern sich nur ihre Erscheinungsformen und Methoden, damit die Formen und
Methoden der gegenwärtigen Etappe der internationalen Arbeiter-bewegung
besser entsprechen.
2) Dieser Schritt
muss absolut ernsthaft und konsequent sein. Man darf nicht die Kleidung
wechseln, alles andere aber beim alten lassen, d. h. dass das EKKI zwar
aufgelöst wird, tatsächlich jedoch in anderer Form als international
leitendes Zentrum weiterbesteht.
3) Sehr wichtig ist
die Frage, auf wessen Initiative hin das geschieht: auf eigene Initiative der
Leitung oder auf Vorschlag einer Reihe kommunistischer Parteien. Letzteres ist
wahrscheinlich besser.
4) Die Sache ist
nicht eilig; man sollte sie nicht übereilen, sondern ernsthaft diskutieren
und vorbereiten. Drei Fragen bedürfen der Diskussion:
a) wie soll man es prinzipiell begründen;
b) auf wessen Initiative ist der Beschluss zu fassen;
c)das Erbe der KI, wie geht es weiter?
5. Auf jeden Fall
kann die kommunistische Bewegung mit diesem Schritt große Vorteile erreichen:
alle Antikominternpakte verlieren ihre Grundlage; der größte Trumpf der
Bourgeoisie wird hinfällig: dass nämlich die Kommunisten einem
ausländischenZentrum unterstünden und damit „Verräter“ seien; die KP
wird in jedem Land ihre Selbständigkeit stärken und sich in eine wirkliche
Volkspartei ihres Landes verwandeln; der Eintritt jener Arbeiter-Aktivisten in
die KP wird erleichtert, die jetzt nicht eintreten wollen, weil sie der
Meinung sind, dass sie sich dadurch von ihrem Volk entfremden.“ (S.386 f.)
Sechs Wochen vor dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion war also, wie man sieht, die Auflösung der KI schon so gut wie beschlossen. Der Beginn des Vaterländischen Krieges gegen das faschistische Deutschland rückte begreiflicherweise nun ganz andere Fragen in den Vordergrund. Außerdem gewann die Anleitung der kommunistischen Parteien durch das EKKI unter den völlig veränderten Bedingungen des Bündnisses der Sowjetunion mit England und den USA für eine gewisse Zeit noch einmal eine große Bedeutung, wie im nächsten Abschnitt zu zeigen sein wird.
Erst nach dem großen Sieg der Roten Armee in der Stalingrader Schlacht, mit dem die Armeen des faschistischen Deutschland endgültig auf den Weg der Niederlage gezwungen worden waren, im Mai 1943, findet sich in Dimitroffs Tagebuch wieder die erste Eintragung seit dem faschistischen Überfall, die sich mit der Auflösung der Kommunistischen Internationale beschäftigt:
“8.5.43: Nachts mit Manuilski bei Molotow. Haben uns über die Zukunft der Komintern unterhalten. Sind zu dem Schluß gekommen, dass die Komintern als Führungszentrum für die kommunistischen Parteien unter den gegenwärtigen Bedingungen ein Hindernis für ihre selbständige Entwicklung und die Erfüllung ihrer speziellen Aufgaben ist. Ein Schriftstück zur Auflösung dieses Zentrums wird erarbeitet.”
Von diesem 8. Mai 1943 an bis zum 22. Mai vergeht fast kein Tag, an dem in Dimitroffs Tagebuch keine Notiz über Beratungen zu dieser Frage verzeichnet ist. Am 11. Mai 43 wurde ein von Dimitroff und Manuilski verfasster Entwurf einer Erklärung des EKKI-Präsidiums Stalin zur Kenntnis gebracht, der damit einverstanden war. Dieser Entwurf wurde im EKKI-Präsidium mehrfach beraten und am 20. Mai in die endgültige Fassung gebracht, am 21. Mai auch vom Politbüro der KPdSU einstimmig akzeptiert und am 22. Mai 1943 in der Prawda (mit Datum vom 15. Mai) veröffentlicht. [12] Sie hatte folgenden Wortlaut:
„Die
historische Rolle der kommunistischen Internationale die im Jahre 1919 im
Ergebnis des politischen Zusammenbruchs der überwältigenden Mehrheit der
alten Arbeiterparteien der Vorkriegszeit entstanden war, bestand darin, dass
sie die Lehren des Marxismus vor ihrer Verflachung und Verdrehung seitens der
opportunistischen Elemente der Arbeiterbewegung verteidigte, in einer Reihe
von Ländern den Zusammenschluss der Vorhut der fortgeschrittenen Arbeiter in
wahrhaften Arbeiterparteien förderte, ihnen half, die Massen der Werktätigen
zu mobilisieren zur Verteidigung ihrer wirtschaftlichen und politischen
Interessen, zum Kampf gegen den Faschismus und den von ihm vorbereiteten
Krieg, zur Unterstützung der Sowjetunion als Hauptstütze gegen den
Faschismus. Die Kommunistische Internationale hat zur rechten Zeit die wahre
Bedeutung des „Antikominternpaktes“ enthüllt, dessen sich die Hitleristen
als Werkzeug zur Vorbereitung des Krieges bedienten. Sie hat lange vor dem
Kriege unermüdlich die schändliche Wühlarbeit der Hitleristen in den
anderen Staaten entlarvt, die diese mit ihrem Geschrei über eine angebliche
Einmischung der Kommunistischen Internationale in die inneren Angelegenheiten
dieser Staaten maskierte.
Noch
lange vor dem Kriege wurde es immer klarer, dass mit der zunehmenden
Komplizierung sowohl der inneren als auch der internationalen Situation der
einzelnen Länder die Lösung der Aufgaben der Arbeiterbewegung jedes
einzelnen Landes durch die Kräfte irgendeines internationalen Zentrums auf
unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen wird.
Dieser
Unterschied der historischen Wege der Entwicklung der einzelnen Länder der
Welt, der unterschiedliche Charakter, ja sogar die Gegensätzlichkeit ihres
gesellschaftlichen Aufbaus, der Unterschied im Niveau und im Tempo ihrer
gesellschaftlichen und politischen Entwicklung, schließlich der Unterschied
im Grade des Bewusstseins und der Organisiertheit der Arbeiter bedingen auch,
dass vor der Arbeiterklasse der einzelnen Länder verschiedene Aufgaben
stehen. Der ganze Verlauf der Ereignisse im verflossenen Vierteljahrhundert
und die von der Kommunistischen Internationale gemachte Erfahrung haben
überzeugend gezeigt, dass die Organisationsform, die vom I. Kongreß der
Kommunistischen Internationale zur Vereinigung der Arbeiter gewählt wurde und
die den Anforderungen der Anfangsperiode der Wiedergeburt der Arbeiterbewegung
entsprach, mit dem Wachstum der Arbeiterbewegung in den einzelnen Ländern und
der Komplizierung ihrer Aufgaben sich immer mehr überlebte, ja sogar zu einem
Hindernis für die weitere Stärkung der nationalen Arbeiterparteien wurde.
Der
von den Hitleristen entfesselte Weltkrieg hat die Unterschiede in der Lage der
einzelnen Länder noch mehr verschärft, er schuf eine tiefe Kluft zwischen
den Ländern, die zu den Trägern der Hitlertyrannei wurden, und den
freiheitsliebenden Völkern, die in der mächtigen Antihitlerkoalition
zusammengeschweißt sind. Während in den Ländern des Hitlerblocks die
Hauptaufgabe der Arbeiter, der Werktätigen und aller ehrlichen Menschen darin
besteht, allseitig auf die Niederlage dieses Blocks durch die Untergrabung der
hitleristischen Kriegsmaschine von innen heraus hinzuarbeiten, an dem Sturz
der am Kriege schuldigen Regierungen mitzuwirken – ist es in den Ländern
der Antihitlerkoalition eine heilige Pflicht der breiten Volksmassen und vor
allem der fortgeschrittenen Arbeiter, die Kriegsanstrengungen der Regierungen
dieser Länder allseitig zu unterstützen, um den Hitlerblock aufs rascheste
zu zerschmettern und die Zusammenarbeit der Nationen auf der Grundlage der
Gleichberechtigung zu sichern. Dabei darf ebenso nicht aus dem Auge gelassen
werden, dass auch einzelne Länder, die der Antihitlerkoalition angeschlossen
sind, ihre besondere Aufgabe haben. So besteht zum Beispiel in den von den
Hitleristen okkupierten und ihrer staatlichen Unabhängigkeit beraubten
Ländern die Hauptaufgabe der fortgeschrittenen Arbeiter und breiten
Volksmassen in der Entfaltung des bewaffneten Kampfes, der in den nationalen
Befreiungskrieg gegen Hitlerdeutschland hinüberwächst. Gleichzeitig hat der
Befreiungskrieg der freiheitsliebenden Völker gegen die Hitlertyrannei die
breitesten Volksmassen in Bewegung gebracht, die sich ohne Unterschied ihrer
Partei- oder Religionszugehörigkeit in den Reihen der mächtigen
Antihitlerkoalition zusammenschließen, und hat offensichtlicher gezeigt, dass
der allnationale Aufschwung und die Mobilisierung der Massen zum raschesten
Sieg über den Feind durch die Vorhut der Arbeiterbewegung jedes einzelnen
Landes am besten und fruchtbarsten im Rahmen ihres Staates verwirklicht werden
kann.
Schon
der VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale im Jahr 1935, der die
Veränderungen berücksichtigte, die sowohl in der internationalen Lage als
auch in der Arbeiterbewegung vor sich gegangen waren, und der eine große
Beweglichkeit und Selbständigkeit von den Sektionen der Kommunistischen
Internationale forderte, unterstrich die Notwendigkeit, dass die Exekutive der
Kommunistischen Internationale bei der Beschlussfassung über alle Fragen der
Arbeiterbewegung >von den konkreten Verhältnissen und Besonderheiten jedes
einzelnen Landes auszugehen und in der Regel ein unmittelbares Eingreifen in
die internen organisatorischen Angelegenheiten der kommunistischen Parteien zu
vermeiden< hat.
Von
diesen Erwägungen ließ sich die Kommunistische Internationale leiten, als
sie den Beschluß der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten von
Amerika im November 1940 über ihren Austritt aus den Reihen der
Kommunistischen Internationale zur Kenntnis nahm und billigte. Die
Kommunisten, die sich von den Lehren der Begründer des Marxismus-Leninismus
leiten lassen, waren niemals Anhänger der Aufrechterhaltung überlebter
Organisationsformen; sie haben immer die Organisationsformen der
Arbeiterbewegung und die Arbeitsmethoden dieser Organisationen untergeordnet
den grundlegenden politischen Interessen der gesamten Arbeiterbewegung, den
Besonderheiten der konkreten gegebenen historischen Lage und den Aufgaben, die
aus dieser Lage unmittelbar entspringen. Sie erinnern sich des Beispiels des
großen Marx, der die fortgeschrittenen Arbeiter in den Reihen der
Internationalen Arbeiter-Assoziation zusammenschloß und nach der Erfüllung
der historischen Aufgabe der Ersten Internationale – die Grundlage für die
Entwicklung der Arbeiterpartei in den Ländern Europas und Amerikas zu
schaffen – im Ergebnis der herangereiften Notwendigkeit der Schaffung von
nationalen Massenarbeiterparteien zur Auflösung der Ersten Internationale
schritt, da diese Organisationsform diesen Notwendigkeiten schon nicht mehr
entsprach.
Von
den vorstehenden Erwägungen ausgehend, unter Berücksichtigung des Wachstums
und der politischen Reife der kommunistischen Parteien und ihrer leitenden
Kader in den einzelnen Ländern sowie auch angesichts des Umstandes, dass im
Verlauf des jetzigen Krieges eine Reihe Sektionen die Frage der Auflösung der
Kommunistischen Internationale als leitendes Zentrum der internationalen
Arbeiterbewegung aufwarfen, gestattet sich das Präsidium des Exekutivkomitees
der Kommunistischen Internationale – da es unter den Bedingungen des
Weltkrieges nicht die Möglichkeit hat, den Kongreß der Kommunistischen
Internationale einzuberufen – folgenden Vorschlag den Sektionen der
Kommunistischen Internationale zur Bestätigung zu unterbreiten:
Die
Kommunistische Internationale als leitendes Zentrum der internationalen
Arbeiterbewegung aufzulösen und die Sektionen der Kommunistischen
Internationale von den aus dem Statut und den Beschlüssen der Kongresse der
Kommunistischen Internationale entspringenden Verpflichtungen zu entbinden.
Das
Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale ruft alle
Anhänger der Kommunistischen Internationale auf, alle ihre Kräfte auf die
allseitige Unterstützung und aktiven Teilnahme am Befreiungskrieg der Völker
und Staaten der Antihitlerkoalition zu konzentrieren zur raschesten
Zerschmetterung des Todfeindes der Werktätigen – des deutschen Faschismus,
seiner Verbündeten und Vasallen.“
Diese Erklärung wurde allen Sektionen der Komintern zur Stellungnahme zugeschickt, alle Parteien stimmten ihr ausnahmslos zu. Unter dem Datum des 29. 5. notierte Dimitroff den Wortlaut der Zustimmungserklärung der Kommunistischen Parteien Englands, Australiens und Jugoslawiens; außerdem den Wortlaut eines Interviews, das Stalin zur Auflösung der Komintern dem Moskauer Reuter-Korrespondenten King gegeben hatte.
Am 8. Juni trat das Präsidium des Exekutiv-Komitees der Kommunistischen Internationale zu seiner letzten Sitzung zusammen; Dimitroff hielt in seinem Tagebuch fest:
“8. 6. 43: Habe die letzte Sitzung des Präsidiums des EKKI durchgeführt.
1. Haben festgestellt, dass alle Sektionen...den Vorschlag zur Auflösung der Komintern ein-stimmig begrüßt haben und dass keine einzige Sektion einen Einwand gegen diesen Vorschlag erhoben hat.
2. Haben die Auflösung des Exekutivkomitees der Komintern, seines Präsidiums und des Sekretariats sowie der Internationalen Kontrollkommission erklärt.”
“10. 6. 43: In der ‚Prawda‘ ist unsere Mitteilung über den Beschluss des Präsidiums vom 8. Juni 1943 veröffentlicht worden.”
Soweit also die Dokumentation der Notizen Dimitroffs in seinen Tagebüchern zur Geschichte der Auflösung der Komintern. Sie zerstören gründlich die Legende von der “plötzlichen Auflösung der Kommunistischen Internationale durch einen einsamen Beschluss Stalins.”
Die Wahrheit ist: den Anstoß zur Erwägung der Auflösung gab das USA-Gesetz vom Oktober 1940, das die KP der USA mit dem Verbot bedrohte, falls sie weiterhin eine Sektion der Komintern bliebe. Der erste Schritt zur Auflösung war dann die daraufhin erfolgte Lösung der Verbindung der KP der USA zur Kommunistischen Internationale.
Der entscheidende Grund für die Auflösung der Komintern waren zum einen die veränderten objektiven Bedingungen, unter denen die Fortführung einer zentralen Leitung der Arbeit der Kommunistischen Parteien zu einem Hindernis ihres weiteren Wachstums und der Vertiefung ihrer Verbindung mit den Werktätigen ihres jeweiligen Landes geworden wäre, und zum anderen die Überzeugung, dass inzwischen die kommunistischen Parteien zu reifen marxistisch-leninistischen Parteien herangewachsen waren, die einer Führung von einer Zentrale aus nicht mehr bedurften.
Die Auflösung erfolgte nach jahrelanger Beratung im Präsidium des EKKI und mit Zustimmung aller Sektionen der KI auf einwandfrei demokratische Weise. Deshalb war die Auflösung der KI in keiner Weise ein Abgehen vom Internationalismus, da der Internationalismus ein untrennbarer Wesensbestandteil jeder wirklich marxistisch-leninistischen Partei ist, unabhängig von der jeweiligen organisatorischen Form ihrer Zusammenarbeit. Sowohl von Stalin als auch vom Präsidium des EKKI war überdies ausdrücklich für die Zukunft ins Auge gefasst worden, unter neuerlich veränderten Bedingungen in der Zukunft auch wieder eine internationale Organisation der kommunistischen Parteien zu schaffen in der Form, die den dann bestehenden Verhältnissen entsprechen würde.
Als ein Schritt zu solch einer Organisation wurde bekanntlich im September 1947 auf einer Konferenz in Warschau das Informationsbüro der Kommunistischen und Arbeiterparteien gegründet, weil, wie im Kommunique der Konferenz gesagt wurde, der mangelhafte Kontakt zwischen den auf der Konferenz vertretenen Parteien negative Erscheinungen hervorgerufen habe. Als Aufgaben des Informationsbüros wurden genannt die Organisierung des Erfahrungsaustausches zwischen den Parteien und nötigenfalls die Koordinierung ihrer Tätigkeit auf der Grundlage gegenseitigen Übereinkommens. [13]
Teilnehmer der Konferenz und Gründungsmitglieder der abgekürzt “Informbüro” genannten Vereinigung waren Vertreter von regierenden kommunistischen Parteien – KPdSU, KP Bulgariens, KP Jugoslawiens, Polnische Arbeiterpartei, KP Rumäniens, KP der Tschechos-lowakei, KP Ungarns – und zweier Kommunistischer Parteien Westeuropas , der KP Frankreichs und der KP Italiens. Das Informationsbüro bestand insgesamt nur 9 Jahre.
Sein Ende unterschied sich grundlegend vom Ende der Kommunstischen Internationale. Zwar wurde nach aussen hin die Form gewahrt: in der “Informatorischen Mitteilung über die Einstellung der Tätigkeit des Informationsbüros der Kommunistischen und Arbeiterparteien“ [14] wird die Auflösung ebenfalls mit “neuen Bedingungen für die Tätigkeit der kommunistischen und Arbeiterparteien” begründet, und formuliert: “Die Zentralkomitees der zum Informbüro gehörenden kommunistischen und Arbeiterparteien haben einen Meinungsaustausch zu den Fragen seiner Tätigkeit gepflogen und anerkannt, dass das von ihnen 1947 gegründete Informationsbüro seine Funktionen erschöpft hat; im Zusammenhang damit haben sie in gegenseitigem Einvernehmen den Beschluss gefasst, die Tätigkeit des Informationsbüros... und das Erscheinen seines Organs, der Zeitung ‚Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie!‘, einzustellen.”
Nur stellt sich die Frage: Was hat sich eigentlich seit dem 14. Dezember 1955 und dem 17. April 1956 so Grundlegendes geändert, um von der Verteidigung der Existenz des Informbüros plötzlich zu der Ansicht zu gelangen, es habe “seine Funktionen erschöpft”?
Am 14.Dezember 1955 hielten nämlich Chruschtschow und
Bulganin in Neu Delhi gemeinsam eine Pressekonferenz ab, in der Bulganin wie
folgt Stellung nahm: “Manchmal stellt
man die Frage, ob man denn die “Kominform” nicht irgendwie liquidieren
könne. Doch aus welchem Grunde sollten die kommunistischen Parteien
eigentlich auf eine allgemeingültige Form des internationalen Verkehrs und
Zusammenwirkens verzichten? Warum haben z.B. diejenigen, die die Frage einer
Liquidierung der “Kominform” aufwerfen, nichts gegen die Tätigkeit der
Sozialistischen Internationale, die die sozialdemokratischen Parteien vereint?
Warum scheint es ihnen natürlich und rechtmäßig, dass die Kapitalisten sich
zu internationalen Monopolvereinigungen zusammenschließen und regelmäßig
konferieren, um gemeinsam ihre Geschäfte zu betreiben, während man der
Arbeiterklasse zumutet, sie solle auf die schon von Marx und Engels
verkündete große Devise der internationalen Solidarität ‚Proletarier
aller Länder, vereinigt Euch!‘, die ja den ureigensten Interessen aller
Werktätigen entspricht, verzichten?”
[15]
Das war doch eine treffliche Abfuhr für jene westlichen Herrschaften, denen das “Kominform” – so der im Westen übliche Terminus für das Informbüro - schon lange ein Dorn im Auge war! Wieso sollte dies vier Monate später nicht mehr gelten? Was hatte sich denn so grundlegend geändert? Darauf gibt es nur eine Antwort: Inzwischen hatte der XX. Parteitag der KPdSU stattgefunden, der die Wende eingeleitet hat weg von der Leninschen Politik des Kampfes gegen den Imperialismus mit dem Ziel seiner Überwindung hin zur Politik der Aussöhnung mit dem Imperialismus, zur dauerhaften und freundschaftlichen “Koexistenz” und Zusammenarbeit mit ihm; also die Wende weg von der revolutionären Politik des unversöhnlichen Klassenkampfes im Sinne des Kommunistischen Manifestes und hin zur revisionistischen Politik der Klassen-versöhnung.
Das Informationsbüro der Kommunistischen und Arbeiterparteien war so zusammengesetzt, dass es ein Zentrum des Widerstandes gegen die Durchsetzung dieser Wende in der kommunistischen Weltbewegung werden konnte. Der Zwang, den das Informbüro auch auf die Führung der KPdSU ausübte, die eigenen Entscheidungen mit den Partnern im kollektiven Beratungsorgan abzustimmen, das war die als “erschöpft” bezeichnete Funktion, – deshalb musste es ver-schwinden! Chruschtschow brauchte freie Bahn für seine bereits bei der Aussöhnung mit Tito im Juni 1955 und dann auf dem XX. Parteitag mit seiner “Geheimrede” erfolgreich angewandte Überrumpelungstaktik, die anderen kommunistischen Parteien vor vollendete Tatsachen und dadurch vor die Alternative zu stellen: gehorsame Gefolgschaft oder Bruch mit der KPdSU! Was die Verweigerung der Gefolgschaft für Konsequenzen haben würde, das wurde allen 1960 und danach am Beispiel des Bruches mit Albanien und China vorgeführt. Das war der revisio-nistischen KPdSU-Führung aber nur möglich, weil es kein kollektives Organ der kommunis-tischen Bewegung mehr gab.
Wo diese Wende - hin zur Erfüllung der Wünsche und Forderungen des Klassenfeindes - in der kommunistischen Bewegung erstmals die Oberhand gewann, und von wem und wie der Ungeist dieser Wende auch in die europäischen kommunistischen Parteien hineingetragen wurde, das soll im nächsten Teil gezeigt werden.
Georgi Dimitroff vermerkt in seinem Tagebuch am 13. Mai
1942 Folgendes: „14.5.42: Habe das
amerikanische ZK angewiesen, sich nicht mit der Anwerbung von Leuten für den
englischen und amerikanischen Geheimdienst
durch das amerikanische Wolff-Komitee
[16]
zu
befassen. Die Leute sollen angeblich für die Zersetzungsarbeit im
deutschen Hinterland eingesetzt werden. Das amerikanische ZK soll jeglichen
Kontakt der amerikanischen Kommunisten zu diesen Diensten abbrechen, da dies
ein Eindringen von Geheimdienstagenten in die Partei ermöglicht und die
Arbeit der amerikanischen und anderen
kommunistischen Parteien gefährdet. " (S. 515)
Eine solche Warnung war nur allzu berechtigt. Ihr zugrunde lag eine jahrzehntelange Erfahrung. So lange es eine revolutionäre Arbeiterbewegung gibt, so lange hat sie es mit der Abwehr von Bemühungen der Organe der herrschenden Klasse zu tun, die Bewegung durch Einschleusen von V-Leuten als Informanten und Agents provocateurs unter ständige Beobachtung zu bekommen und von innen her zu zersetzen. Im Gefolge der Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland entstanden für die imperialistischen Geheimdienste Möglichkeiten, in ganz neuen Formen und in vielfach größerem Ausmaß als bisher, auf diesem Gebiet aktiv zu werden und Erfolge zu erzielen. Die von den Faschisten in die Emigration getriebenen deutschen und die Kommunisten aus den okkupierten Ländern, denen die Flucht ins westliche Ausland gelungen war, standen größtenteils völlig mittellos da und bedurften dringend solidarischer Hilfe. Diese Hilfe wurde ihnen geleistet natürlich von den Genossen der kommunistischen Parteien der Zufluchtsländer, aber auch von Sympathisierenden, von Antifaschisten, sowie auch von Angehörigen bürgerlich-demokratischer und christlicher Hilfsorganisationen.
Natürlich gehörte es zum selbstverständlichen Alltagsjob der imperialistischen Geheimdienste, so genau wie möglich alle kommunistischen Emigranten, aus welchem Lande sie auch kamen, zu erfassen und unter Kontrolle zu halten. Und ihre Leiter und Mitarbeiter wären ihr Gehalt nicht wert gewesen, hätten sie nicht dafür gesorgt, dass in den verschiedenen Hilfsorganisationen auch Leute tätig waren, die mit ihnen zusammenarbeiteten und ihnen die gewünschten Informationen lieferten. Noch um vieles günstiger wurden die Möglichkeiten dieser Dienste, in die Reihen der kommunistischen und anderer antifaschistischer Kämpfer einzudringen, als Zehntausende von ihnen nach Spanien eilten, um zu helfen, die spanischen Republik gegen den Putschisten Franco und die deutschen und italienischen Invasoren zu verteidigen.
Die Sowjetunion war der einzige Staat, der der spanischen
Republik mit der Entsendung von Freiwilligen der Sowjetarmee, mit Lieferung
von Lebensmitteln und Waffen zu Hilfe
kam.
Die Organe der sowjetischen militärischen Abwehr mussten sehr bald die gleiche Feststellung machen, die auch Ludwig Renn als Stabschef der 11. Internationalen Brigade gemacht und in seinem Buch „Der spanische Krieg" [17] ausführlich geschildert hat, nämlich, dass unter den Truppen der spanischen republikanischen Armee trotzkistische Kräfte, die ihrerseits mit ausländischen Geheimdiensten in Verbindung standen, eine rege Tätigkeit entfalteten. Der Höhepunkt ihrer feindlichen, Franco direkt in die Hände spielenden Aktivitäten war die Entfesselung eines Aufstandes in Barcelona im Mai 1937. Ludwig Renn gibt dazu in seinem Buch (S.269) den Bericht eines Abwehroffiziers der republikanischen Armee wieder:
„In Barcelona
haben die Trotzkisten und ein Teil der Anarchisten einen regelrechten Aufstand
gegen die republikanische Regierung gemacht. Der ist ihnen missglückt. Schon
bei Beginn der Untersuchung haben sich die unglaublichsten Dinge
herausgestellt. Die POUM, (Partido Obrero de Unificacion Marxista =
Arbeiterpartei der Marxistischen Vereinigung, K.G.), also die Trotzkisten,
hatten an der Front von Aragon eine Division. Sie kämpften dort nicht gegen
die Faschisten. Den Führer der POUM mit Namen Andres Nin haben wir glücklich
festnehmen können. - Was die Schädlings-Arbeit bei Eurer Brigade anlangt, so
haben wir noch nicht die Beweise,
aber vermuten, dass sie mit diesem Aufstand zusammenhängt. Man darf
über diese Dinge nicht offen sprechen, weil ausländische Mächte mit
im Spiel sind, die gar zu gern Spanien den Faschisten ausliefern wollen, um
Hitler einen Gefallen zu tun, - und natürlich
aus Hass gegen die Sowjetunion.. - Ich glaube, dass Ramos, Nicot und andere,
zum Teil in ziemlich hohen militärischen Stellungen, Agenten sind, die
wahrscheinlich im französisch-englischen Auftrag den Aufstand von Barcelona
mit Sabotage an anderen Fronten unterstützen sollten. "
An anderer Stelle (S.275) schreibt Ludwig Renn: „Erst
allmählich wurden Einzelheiten über den Aufstand von Barcelona bekannt. Sein
Anführer war Andres Nin, der früher Trotzki als Privat-Sekretär
gedient hatte. Er war Leiter der POUM...Diese Partei setzte sich wieder aus
der scheinradikalen Bauern-Partei eines gewissen Maurin und den eigentlichen
Trotzkisten zusammen. Sie bekämpften die spanische Volksfront und die
Sowjetunion und beschimpften beide als vom
revolutionären Wege abgewichen. Ihre wichtigsten Losungen waren: ,Völlige
soziale Revolution.. Kollektivierung
der Landwirtschaft.' Damit trafen sie sich mit dem radikalen Flügel der Anarchisten,
der nur zum Schein in der Volksfront mitmachte. "
Zur schändlichen Rolle des von Ludwig Renn erwähnten Maurin hat Fritz Teppich, selbst ehemals Offizier der spanischen republikanischen Armee, einen ausführlichen Bericht geschrieben: „Der Fall Maurin .(Blick auf eine Selbstdarstellung - POUM und FRANCO-PARTEI)", der sofort - wie könnte es anders sein - eine heftige trotzkistische Gegenattacke hervorrief. [18]
Die revisionistischen und trotzkistischen Autoren, die sich zum Spanischen Krieg äußern, versäumen nie, die sowjetischen Abwehr schlimmster Methoden zu bezichtigen und die Sowjetunion dafür anzuklagen, dass sie die eigenen Spanienkämpfer nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion, statt sie zu feiern mit Misstrauen verfolgt habe. Das Bild würde aber erst richtig rund, wenn sie auch berichten würden, wer in den Spanienkämpfern potenzielle Verbündete gegen die Sowjetunion sah und sie in diesem Sinne zu instrumentalisieren suchte. Oder soll für das Zusammenfallen der nachstehend genannten Ereignisse das Wort: „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt" gelten?
Am 19.-21. Oktober 1956 fand das 8. Plenum der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei statt. Der 1948 wegen antisowjetischer Tendenzen und wegen Begünstigung der Großbauern und Sabotage der Bildung landwirtschaftlicher Genossenschaften als Generalsekretär der Polnischen Arbeiterpartei abgesetzte Wladislaw Gomulka wurde auf diesem Plenum zum Generalsekretär der PVAP gewählt und verkündete in einer langen Rede ein offen revisionistisches und antisowjetisches Programm.
Zwei Tage später, 23. Oktober 1956: Beginn der Konterrevolution in Ungarn.
24.Oktober 1956: Imre Nagy. von 1953 bis 1955 bereits einmal Ministerpräsident, 1955 aber wegen rechter opportunistischer Entstellung der Politik der Partei der Ungarischen Werktätigen abgesetzt und aller seiner Funktionen enthoben, gelangt auf dem Rücken der ansteigenden Welle der Konterrevolution wieder auf den Sessel des Ministerpräsidenten. In den folgenden Tagen seiner Regierungszeit entfaltet sich der weiße Terror und steigert sich zu einer mörderischen Kommunistenjagd, die zunächst von den im Lande befindlichen Sowjettruppen gestoppt wird.
30. Oktober: Die Sowjettruppen werden auf Verlangen Nagys in ihre Unterkünfte zurück-gezogen.
1. November 1956: Imre Nagy erklärt den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Vertrag und ruft die Westmächte um Hilfe „für die Wahrung der Neutralität Ungarns" an. Der weiße Terror flammt wieder auf und erreicht eine bisher unbekannte Steigerung. Die Moskauer Führung mit Chruschtschow an der Spitze lässt - obwohl die sowjetischen Truppen in Ungarn stehen - die weißen Banden tagelang wüten. Erst am 4. November erhalten die Sowjettruppen die Erlaubnis, der blutigen Kommunistenhatz in Ungarn ein Ende zu machen.
In der inzwischen von der Gomulka-PVAP dirigierten polnischen Presse wird die ungarische Konterrevolution begeistert begrüßt. In einer Artikelserie der Wroclawer deutschsprachigen „Arbeiterstimme" der ersten Dezembertage 1956 wird die ungarische Konterrevolution als eine „mächtige, elementare Volkserhebung" gefeiert. Der „Ungarische Aufstand" sei ein „Kampf um dieselbe Souveränität wie bei uns." Die weiteren Ausführungen des Verfassers Roman Jurys klingen so vertraut, als wären sie in unseren Tagen von André Brie geschrieben worden: wolle man zu Marx zurückkehren, schrieb er, dann bedeute Sozialismus nicht mehr als die gesellschaftliche Herrschaft über die Produktionsmittel. „Also unterscheidet nicht die staatliche Plankommission unsere Gesellschaftsordnung von der kapitalistischen, sondern die gesellschaftliche Beherrschung der Produktionsmittel...Die objektiven Rechte fordern, dass auf dem Markt natürliche Anreize zur Entwicklung bestehen: vor allem der Ansporn des Wertes und der damit verbundenen Konkurrenz."
Besonders aufschlussreich ist die Wendung: „Ungarn ist ein Aufstand auf internationaler Ebene gegen die stalinistischen Verletzungen der objektiven Entwicklungsrechte."
Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die neue
polnische Führung den revisionistischen, seinem Wesen nach konterrevolutionären Umsturz in Polen
und Ungarn als Ausgangspunkte