Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 7/03
Herausgeber: Verein zur Förderung
demokratischer Publizistik e.V.
Spendenempfehlung:
1,60 E
Zum
Opportunismus
in der kommunistischen
und sozialistischen Bewegung Italiens
Von den Anfängen bis in die Gegenwart
Erfahrungen
für deutsche Kommunisten und
Sozialisten
Von
Gerhard Feldbauer
1. Die sozialistische Bewegung
1.2. Geburtswehen - Mazzini und Bakunin
1.3. Die Gründung der Sozialistischen Partei
1.4. Der Einfluss des Katholizismus
1.6. Gramsci und die
Neue Ordnung
1.7. Sozialisten im antifaschistischen Widerstand
1.8. Übergang zur
Klassenzusammenarbeit
1.9. Alternativen revolutionärer Sozialisten
Die kommunistische Bewegung
2.1. Togliattis Wende von Salerno
2.2. USA-Allianz mit den Faschisten
2.3 Die Nachkriegsstrategie der IKP
2.4. Verhängnisvoller Einfluss des XX. KPdSU-Parteitages
2.5. Der Historische Kompromiss
2.8. Ergebnis: reaktionäre Wende
2.9. IKP mutiert zur Sozialdemokratie
2.10. Rifondazione Comunista - die neue KP
2.11. Reformismus begünstigt faschistische Gefahr
2.12. Linksdemokraten vor Scherbenhaufen
2.13. Werden die alten Fehler wiederholt?
3. Deutsche Kommunisten und Sozialisten nach der Niederlage von 1989/90
3.1. Die PDS, ein Sprössling des Revisionismus
3.2. Opportunistische Erscheinungen in der DKP
3.3. Zum 16. Parteitag der DKP
Wir freuen uns, hiermit zwei (in der Webausgabe in einem Heft) Sonderhefte von Gerhard Feldbauer vorlegen zu können. Es geht um die Situation in Italien – aber nicht nur um sie: Es ist unserem Autor wichtig, aus der Geschichte und aus dem Beispiel zu lernen. Deshalb hat er sich die Mühe gemacht, die vorliegende Arbeit zu verfassen.
Wir hoffen auf anregende Lektüre, gute Diskussionen in den Basisgruppen – und interessante Zuschriften an uns.
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Redaktion Offensiv, Hannover
Der beim Übergang ins imperialistische
Stadium des Kapitalismus in der Arbeiter-bewegung entstehende Opportunismus führte
zur Aufgabe des Klassenstandpunktes und des Klassenkampfes in den
sozialdemokratischen Parteien, zur Anpassung an die Politik der Bourgeoisie und
der Unterordnung der Arbeiterklasse und ihrer Interessen unter diese. [1] Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges gingen die
Parteien der Zweiten Internationale, ausgenommen die Bolschewiki und mit
Einschränkungen die italienischen Sozialisten, offen ins Lager ihrer
Bourgeoisie über und wurden nach dem Krieg zu einer Stütze - in Deutschland zu
der entscheidenden[2] - bei der Niederschlagung der Revolution, der
Abschirmung des Einflusses der Oktoberrevolution und der Wiederherstellung der
erschütterten Macht des Imperialismus, der die rechten sozialdemokratischen
Führungen von nun an in seinen Herrschaftsmechanismus einbezog. Als Antwort auf
den Zusammenbruch der Zweiten Internationale entstand die kommunistische
Weltbewegung.
Nach dem zweiten Weltkrieg schränkte das
Entstehen neuer sozialistischer Staaten, die gewachsene Kampfkraft der
Arbeiterbewegung in den Ländern des Kapitals und der stürmische Aufschwung der
nationalen Befreiungsbewegung die politisch-geografische Sphäre des
Imperialismus weiter ein. In einer regierungsoffiziellen amerikanischen Studie
dieser Zeit hieß es: „Die Integrität und Lebenskraft unseres Systems ist in
größerer Gefahr als zu jedem anderen Zeitpunkt unserer Geschichte.“ Die
späteren antisozialistischen Strategien, die den nunmehr auch in den
kommunistischen Parteien entstehenden Revisionismus einbezogen, nahmen ihren
Ausgangspunkt bereits in der Zeit der Anti-Hitlerkoalition, welche die
Alliierten als „bloßes Not- und Zweckbündnis“ betrachteten. Schon innerhalb
ihrer Zusammenarbeit mit der UdSSR verloren sie „die primär
antisozialistischen Interessen des
englischen bzw. amerikanischen Imperialismus nie aus dem Auge.“[3] Die USA und Großbritannien verbündeten sich
dort, wo ihre Armeen einrückten, mit der inneren Reaktion und scheuten auch
nicht vor der blutigen Unterdrückung der revolutionären Bewegung zurück. In
Griechenland gingen die britischen Truppen, unerstützt von den USA, gegen die
von den Kommunisten geführten antifaschistischen Kräfte vor, welche die
Hauptlast im Kampf gegen die faschistischen Okkupanten getragen hatten.
In dieser Situation fand der Revisionismus
„seinen Nährboden nicht nur in der sozialdemokratischen ‚bürgerlichen’ sondern
auch in der kommunistischen Arbeiter-bewegung, die regierenden kommunistischen
Parteien eingeschlossen.“[4] In neuen Erscheinungsformen (moderner
Revisionismus) wurde er nicht nur zu
einer entscheidenden, sondern in der mit
dem XX. Parteitag der KPdSU einsetzenden
Entwicklung zu der überhaupt
entscheidenden Kraft, die es dem Imperialismus ermöglichte, dem
Sozialismus 1989/90 die bis dahin in der Geschichte schwerste Niederlage zu
bereiten. Dem Zusammenbruch der II. Internationale vergleichbar ging eine
Mehrheit der in den sozialistischen Staaten Europas bis dahin an der Macht
befindlichen kommunistischen und
Arbeiterparteien unter dem Einfluss ihrer revisionistischen Strömungen in
dieser Situation zum Verrat an der kommunistischen Bewegung und in der
Folgezeit auf sozialdemokratische Positionen über, wechselten Teile auch offen ins bürgerliche Parteienlager. Die
Niederlage des Sozialismus in Europa ist jedoch nicht nur eine dieser Parteien
an der Macht, sondern der gesamten internationalen kommunistischen und
Arbeiterbewegung. Die Ursachen dieser Niederlage zu analysieren, die Lehren daraus zu ziehen,
die Kräfte für einen neuen sozialistischen Anlauf zu formieren erfordert, das entscheidende Kettenglied - den
Opportunismus und besonders seine rechten Erscheinungsformen, den Revisionismus
und Reformismus, zu erfassen und den Kampf gegen ihn entschieden zu führen.
Der kurze Abriss über die italienische
Arbeiterbewegung will zu einer notwendigen umfassenderen Untersuchung der
Folgen der von der KPdSU ausgehenden revisionistischen Entwicklung in der
kommunistischen Weltbewegung am Beispiel der IKP beitragen. Keine andere KP im
westlichen Lager hat sich angesichts der Niederlage des Sozialismus in Europa derart von ihrer kommunistischen
Vergangenheit losgesagt und ist völlig auf Positionen der Sozialdemokratie der
Neuzeit übergegangen wie die IKP. Mit der Losung von der „Heimkehr zur
Sozialdemokratie“ schlossen sich die Initiatoren dieser Mutation der von den
„Siegern der Geschichte“ kreierten These an, die kommunistische Bewegung sei
ein „Irrweg“ gewesen.
Ausgehend von dem Prinzip, internationale
Erfahrungen für die eigene Arbeit zu nutzen, wird im 3. Kapitel auf einige
Aspekte des Wirkens des Opportunismus in der deutschen kommunistischen Bewegung
nach der Niederlage von 1989/90 eingegangen.[5] Die Schrift versteht sich als eine theoretische
Abhandlung.
Die italienische Stadt Rimini an der Adriaküste
erlangte 1991 traurige Berühmtheit. Sie ging als italienisches Bad Godesberg in
die Geschichte der Arbeiterbewegung ein. Am 31. Januar begann dort der 20.
Parteitag der Italienischen Kommunistischen Partei. Zehn Tage vorher, am 21.
Januar, war die einst von Antonio Gramsci,[6] Palmiro Togliatti[7] und weiteren revolutionären Sozialisten in Livorno
gegründete Partei 70 Jahre alt geworden. Der
Kongress, der am 3. Februar zu Ende ging, wurde ihr letzter. Eine
revisionistische Zweidrittel-Mehrheit beschloss, die IKP in eine Demokratische
Partei der Linken (Partito Democratico della Sinistra) umzutaufen. Faktisch
handelte es sich um eine Auflösung. Die Prozedur der Umbenennung wurde vor
allem aus juristischen Gründen gewählt, um den Organisatoren einer bereits angekündigten
KP-Neugründung die Nachfolgerechte auf das beträchtliche Parteivermögen und die
Parteiinsignien Hammer und Sichel zu verwehren.
Der Untergang der IKP ist nicht, wie gern behauptet, ein Ergebnis der
Niederlage des Sozialismus, sondern (wie im Kapitel 2.9 nachgewiesen wird)
Folge der opportunistischen Politik, die
seit Mitte der 50er Jahre von der
Führung der KPdSU ausgehend auf die anderer kommunistischer Parteien übergriff.
In seinem Buch „Wider den Revisionismus“ schrieb Kurt Gossweiler: „Der Ausgang
des zweiten Weltkrieges hat nicht nur die Möglichkeiten für weitere Erfolge des
revolutionären Weltprozesses gewaltig erweitert; er hat zugleich Bedingungen
geschaffen, die sich in unerwarteter Weise als neue Einfallstore für das
Eindringen bürgerlicher Ideologie - vor allem in Gestalt des ,modernen
Revisionismus’ - in die kommunistische
Bewegung, sogar und gerade in deren führende Parteien, erweisen sollten.“[8] Wie Gossweiler darlegt, beginnt diese
verhängnisvolle Entwicklung mit dem von Chruschtschow eingeschlagenen
abenteuerlichen, subjektivistischen und von Wunschdenken geprägtem Kurs, der in
der Außenpolitik zur Verfälschung der Politik der friedlichen Koexistenz und
zur katastrophalen Unterschätzung der
Hauptmacht des unverändert aggressiven und auf eine Chance zur Niederschlagung
des Sozialismus lauernden Imperialismus führte. Unter Chruschtschow beginnt der
Weg, der, wenn auch nach seiner Absetzung als Parteichef noch mit Einschnitten,
zwei Jahrzehnte später den Verräter Gorbatschow an die Spitze der KPdSU bringt,
den Mann, der den Weg des offenen Verrats und der Auslieferung der UdSSR und
ihrer Verbündeten an den Klassenfeind beschreitet.[9] Bezeichnend ist, was Willy Brandt 1985 nach einer
Begegnung mit Gorbatschow in Moskau sagte: „Ich habe in meinem Leben schon viel
gesehen, aber noch nie einen Antikommunisten an der Spitze des Kreml.“[10]
Der in der KPdSU um sich greifende
Revisionismus wirkte sich nicht nur in verhängnisvoller Weise in den
kommunistischen Parteien an der Macht aus, sondern ebenso in denen der Länder
des Kapitals. Ein Beispiel dafür ist in
den 70er Jahren das Entstehen des sogenannten Eurokommunismus, zu dessen
führenden Protagonisten die IKP unter Enrico Berlinguer[11] aufstieg.
Was machte die IKP, die nach dem Zweiten
Weltkrieg die zahlenmäßig stärkste und politisch einflussreichste KP der
kapitalistischen Industriestaaten verkörperte, in besonderer Weise anfällig für
revisionistische Versuchungen? Ein Blick in die Geschichte der IKP zeigt, dass
für die Politik und Strategie der Partei an sich charakteristische positive
Faktoren auch negative Aspekte hervorbrachten. Das betrifft insbesondere das
Verhältnis zur ISP und die Wertung der antifaschistischen Einheitsregierung von
1944 bis 1947. Lange Zeit überdeckte diesen Prozess jener der italienischen
Arbeiterbewegung innewohnende, in ihrer Entstehung wurzelnde kämpferische
Geist, der zu den Grundlagen ihres entscheidenden Beitrages zum siegreichen
Widerstand gegen Mussolini und die deutsche Besatzung gehörte.[12]
Die italienische Arbeiterbewegung formierte
sich seit Anfang der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts in einem komplizierten
Prozess der Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Ideologie, darunter
revisionistischen Erscheinungen. Das war für alle Länder im Entstehungsstadium
der Arbeiterbewegung in dieser Zeit mehr
oder weniger charakteristisch, zeigte jedoch in Italien einige spezifische
Züge. Dazu zählt zunächst der
unterschiedliche Einfluss der beiden Führer der nationalen Einigungsbewegung
und der bürgerlichen Revolution von 1848/49 Giuseppe Mazzini und Giuseppe
Garibaldi, deren Anhänger in beträchtlicher Zahl zur Arbeiterbewegung stießen
bzw. mit ihr sympathisierten.[13] Während Garibaldi Marx’ Inauguraladresse, die zur
einigenden Plattform der bestehenden Strömungen in der internationalen
Arbeiterbewegung wurde, als „Sonne der Zukunft“ begrüßte und der Kommune
öffentlich seine Sympathie bekundete, [14] lehnte Mazzini die 1864 von Marx und Engels
gegründete Internationale Arbeiterassoziation ebenso wie die Kommune ab und
trat stattdessen in der Arbeiterbewegung für die Klassenzusammenarbeit mit der
Bourgeoisie ein. Ausdrücklich akzeptierte er „die bürgerliche
Demokratie, die den Arbeitern politische Rechte anbietet, um die sozialen
Privilegien der mittleren und oberen Klassen aufrechtzuerhalten“. Gegen den
„gott- und vaterlandslosen“ Generalrat der IAA führte er einen unerbittlichen
politischen Feldzug.[15]
Großen Einfluss auf die frühe italienische
Arbeiterbewegung übte der russische Revolutionär und spätere Anarchist Michail
Bakunin aus, der aufgrund seiner Teilnahme an Brennpunkten der bürgerlichen
Revolutionen 1848/49 in Europa - er war unter anderem militärischer Leiter des
Dresdener Aufstandes im Mai 1849 - großes Ansehen
genoss. Als ihm nach sechsjähriger Haft in Petersburg und anschließender
Verbannung nach Sibirien 1861 die Flucht
gelang, begab er sich nach London, wo er
Marx kennen lernte und zu ihm
freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Als Bakunin sich entschied, nach Italien zu gehen, bat
Marx ihn, dort die IAA zu vertreten. In Italien, wo er sich von 1864 bis 1867
aufhielt, begann Bakunin sich zum führenden Anarchisten zu entwickeln. Bis 1870
arbeitete er seine anarchistische Konzeption aus, die er in den Werken
„Staatlichkeit und Anarchie“ und „Gott und der Staat“ zusammenfasste.[16] Mit der Losung von der Zerstörung „jeglicher
politischer Macht“ wandte er sich gegen die Errichtung der Diktatur des
Proletariats. Als entscheidende revolutionäre Kräfte betrachtete Bakunin die
bäuerlichen Massen und das Lumpenproletariat. Diesen Standpunkt verfocht er in
der Internationale und versuchte, deren Führung zu erringen. Zur Durchsetzung
ihrer Linie schufen die Bakunisten innerhalb der IAA eine geheime Organisation
„Allianz der sozialistischen Demokratie“. Nachdem die Bakunisten sich
weigerten, einem Beschlusses des Generalrates zu deren Auflösung nachzukommen, schloss der Haager
Kongress 1872 Bakunin und seine Parteigänger wegen statutenwidriger
Fraktionstätigkeit aus der Internationale aus.
Trotzdem blieb der Bakunismus noch längere
Zeit die politisch und organisatorisch vorherrschende Strömung in der
italienischen Arbeiterbewegung. Die 1874
bestehenden 129 Organisationen mit über 26.000 Mitgliedern bildeten eine der stärksten Vertretungen der
Internationale. In ihr wie auch in Spanien beherrschten die Anhänger Bakunins
„eine Zeit lang tatsächlich die Arbeiterbewegung“, schrieb Engels, was die
Verbreitung des Marxismus außerordentlich erschwerte.[17] Erst als 1874 und 1877 zwei Aufstandsversuche
der Anarchisten scheiterten, begann der Einfluss der Bakunisten zurückzugehen.
Dass Bakunin in seinen letzten Lebensjahren mehrfach Gedanken äußerte, die
seinen früheren anarchistischen Gedanken
über Aufstand und Revolution um jeden Preis zuwider liefen, und er selbst seine
ablehnende Haltung zu Marx´ Theorie der Partei und der Spontaneität in Frage
stellte, wurde zu dieser Zeit in Italien nicht bekannt.[18] Ungeachtet der negativen Seiten des Einflusses
Bakunins hat Franz Mehring ihn nach
seinem Tod am 1. Juli 1876 als Revolutionär und Anarchisten gewürdigt, der für
die Arbeiterklasse „so tapfer gekämpft und so schwer gelitten hat“ und
geschrieben, „bei all seinen Fehlern und Schwächen wird ihm die Geschichte
einen Ehrenplatz unter den Vorkämpfern des internationalen Proletariats
sichern.“[19]
Auch nach der vorherrschenden Durchsetzung
des Marxismus in der italienischen Arbeiterbewegung blieb eine beträchtliche
anarchistische Strömung bestehen, aus der neben negativen politisch-ideologischen
Aspekten auch eine kämpferische Komponente resultierte, wie sie sich vor dem
ersten Weltkrieg am Beispiel der anarcho-syndikalistischen Fraktion in der ISP
zeigte. Anarchisten bezogen in nicht wenigen Fragen antiimperialistische und
vor allem Antikriegs- sowie nach der Errichtung der Mussolini- Diktatur
antifaschistische Positionen. Es ist eine Haltung, die auch in den Kämpfen nach
1945, darunter in der 68er Bewegung sichtbar wird und sich zuletzt in der
Teilnahme von Anarchisten an den Anti-Globalisierungs-Aktionen in Genua zeigt.
Auf die Auseinandersetzung mit dem Bakunismus
wie mit dem Reformismus nahm Friedrich Engels, der seit 1871 die Funktion des
Korrespondierenden Sekretärs des Generalrates für Italien wahrnahm, persönlich
Einfluss. Einbezogen wurden nunmehr auch die vorher vernachlässigten,
industriell fortgeschrittenen Regionen des Nordens, die Lombardei und Piemont.
1892 schlossen sich auf dem Sozialistenkongress in Genua die verschiedenen norditalienischen
Organisationen zur einheitlichen Partei der Italienischen Arbeiter zusammen,
die 1893 den Namen Italienische
Sozialistische Partei annahm. Die italienischen Sozialisten waren in Italien
die ersten, die eine gesamtnationale Partei schufen. Eine bedeutende Rolle
spielten bei ihrer Gründung Filippo Turati [20] und Antonio Labriola. [21]
Das Parteiprogramm der ISP, das die
Inbesitznahme der Produktionsmittel (Arbeitsmittel) durch die Arbeiter als
Voraussetzung ihrer Befreiung forderte, trug grundsätzlich marxistischen
Charakter. Turati ignorierte jedoch die Kritik von Marx am Gothaer Programm der
deutschen Sozialdemokratie, was dazu führte, dass der Weg zur politischen
Machtergreifung ausgeklammert wurde. Eine weitere Gefahrenquelle bildete das völlige
Fehlen der Bündnisfrage. Unter der „herrschenden Klasse“ wurde nur die
Bourgeoisie verstanden; die Latifundisten
mit keinem Wort erwähnt. Es gab ebenso keine spezifischen Hinweise auf
die unterdrückten Klassen und Schichten auf dem Lande. Engels hielt fest, dass
die während der „nationalen Emanzipation“ zur Macht gekommene Bourgeoisie ihren
Sieg nicht vollendete und die „Reste der Feudalität“ nicht vernichtete. Er
sprach vom „arbeitenden Volk“, zählte dazu ausdrücklich „Bauern, Handwerker,
Land- und Industriearbeiter“ und betonte, sie stünden „unter schwerem Druck, einerseits infolge
überalterter Missstände, Hinterlassenschaften nicht nur der Feudalzeit, sondern
sogar noch der Antike (mezzadria, die Latifundien des Südens, wo das Vieh den
Menschen verdrängt), andererseits infolge des raffgierigsten Steuersystems, das
jemals ein Bourgeoisiesystem erdacht hat.“[22] Die Fragen blieben bis Anfang der 20er Jahre
des 19. Jahrhunderts Jahre ungelöst. Erst Antonio Gramsci gab in seiner
Konzeption zur Lösung „der süditalienischen Frage“ darauf eine Antwort.[23]
Die Schwächen des Programms führten dazu,
dass sich in der Partei ein linker revolutionärer Flügel und ein
reformistischer herausbildeten. Auf dem Parteitag 1900 gelang es den
Reformisten unter Turati, mehrheitlich die Parteiführung zu besetzen. Nachdem von 1904 bis 1908 die
Anarcho-Syndikalisten die Mehrheit im Parteivorstand innehatten, gelangten
danach wieder die Reformisten an die Spitze. Die anarcho-syndikalistische
Strömung fühlte sich jedoch dem linken Flügel zugehörig. Nach Gramsci „bildete
sie den instinktiven, elementaren, primitiven, aber gesunden Ausdruck des
Widerstandes der Arbeiter gegen den Block mit der Bourgeoisie und für den Block
mit den Bauern, in erster Linie mit den Bauern des Südens“.[24] Sie forderte den Generalstreik als politische
Kampfform, verabsolutierte indessen seine Anwendung und verlangte, die
Produktionsmittel den Gewerkschaften zu übergeben. Obwohl zur Partei gehörend,
lehnte sie sowohl deren Funktion als Führer des Proletariats als auch dessen
politische Machtergreifung ab. Der Ausschluss der Anarcho-Syndikalisten auf dem
Parteitag 1908 in Florenz war unter den Linken umstritten.
Neben dem verhängnisvollen Einfluss, den
Mussolini während seiner langjährigen Arbeit als führender Funktionär in der
ISP ausübte,[25] sind Gewicht und Wirken des Katholizismus in
der italienischen Arbeiterbewegung zu sehen. Weitaus stärker als in anderen
Ländern stand - und steht noch heute - der italienischen Arbeiterbewegung in
Gestalt seiner Zentrale, des Vatikanstaates, direkt ein gefährlicher und
hervorragend organisierter politischer Gegner gegenüber. Zielstrebig schuf die
katholische Kirche gegen die Sozialistische Partei und ihre Gewerkschaften ihre
eigene Bewegung, deren Grundlage christliche Gewerkschaften bildeten.[26] 1878 sicherte Papst Leo XIII. dem bürgerlichen Staat die Unterstützung der
Kirche „zugunsten der durch die aufrührerischen und unmoralischen Doktrinen -
den Marxismus - gefährdeten sozialen und politischen Ordnung“ zu. Die 1891
erlassene Enzyklika „Rerum Novarum“, welche die Grundlage der katholischen
Soziallehre bildete, wandte sich gegen „jede Form des Sozialismus“, den sie als
„Pest“ brandmarkte, und forderte: „Wenn die Massen sich von üblen Doktrinen
hinreißen lassen, darf der Staat nicht zögern, mit starker Hand zuzufassen“.
Ignazio Silone[27] charakterisierte die Enzyklika als
„konterrevolutionäre Waffe im Schoße der Massen“. 40 Jahre später - Mussolini war 1922 mit
aktiver Hilfe des Vatikans an die Macht gebracht worden - bekräftigt Pius XI.
die notwendige „schonungslose Unterdrückung“ der Kommunisten und erklärte
unzweideutig: „Die Rettung (vor ihnen) liegt im Faschismus“.[28] Paul II. nahm 1991 den 100. Jahrestag von
„Rerum Novarum“ zum Anlass, die Enzyklika „Centesimus Annus“ zu erlassen, in
der er „Rerum Novarum“ als Voraussetzung
für den „Zusammenbruch der Ideologie und der Regime des realen Sozialismus“
feierte und für alle Zeiten „an jede
Form des Sozialismus“ eine Absage erteilte.[29]
Trotz dieses starken gegnerischen
politisch-ideologischen Einflusses gelang es den revolutionären Sozialisten,
ihre Positionen in der Arbeiterbewegung zunehmend zu stärken. Anfang des 20.
Jahrhunderts rund 250.000 Mitglieder zählend, stieg die ISP 1906 zur drittstärksten
Arbeiterpartei Europas auf. Bauernaufstände 1894 auf Sizilien und
Barrikadenkämpfe in Mailand 1898 vermittelten lehrreiche Erfahrungen und
stärkten die Kampfkraft. Nach der Erkämpfung des Streikrechts 1900 wuchsen
Arbeits-niederlegungen von Jahr zu Jahr an.
Wichtigstes politisches Ergebnis war 1906 die Bildung des Allgemeinen
Italienischen Gewerkschaftsbundes (Confederazione Generale del Lavoro).
Das Wachsen der ISP zu einer Massenpartei mit
einem beträchtlichen hauptamtlichen Parteiapparat und der Einzug ins
bürgerliche Parlament mit einer steigenden Zahl von Abgeordneten nebst
Mitarbeiterstäben, die an ihren Posten mit Diäten und vielseitigen
Vergünstigungen hingen, schufen einen günstigen Nährboden für die Ausbreitung
des Reformismus. Turati trat für
Zusammenarbeit mit der liberalen Bourgeoisie ein und unterhielt Kontakte
zu Ministerpräsident Giovanni Giolitti, der durch Reformen und Zugeständnisse
an die Arbeiterbewegung (Transformismus) nach britischem, deutschem und
französischem Beispiel eine schmale Oberschicht der Arbeiterklasse zu
korrumpieren und reformistisch zu festigen suchte, um die ISP in den
Parlamentarismus und das kapitalistische Herrschaftssystem einzubinden.
Während Turati einen gemäßigten Reformismus
für geraten hielt, stieg Leonida
Bissolati zu dessen exponiertestem
Vertreter auf. Er orientierte sich an Eduard Bernstein und Karl Kautzky, trat
offen für eine Revision des Marxismus ein und bekannte sich zur Solidarität mit
dem bürgerlichen Staat „mit intelligenter und moderner Bourgeoisie“. 1911
unterstützte er mit einer Minderheit im
Parteivorstand die Aggression gegen die Türkei zur kolonialen Eroberung der
Kyrenaika und Tripolitaniens. Die zu dieser Zeit reformistische Mehrheit der
ISP-Führung trat zwar gegen den Krieg auf, riet jedoch von einem Generalstreik
ab und sprach sich lediglich für einen „würdigen Protest“ aus.
Der Parteitag 1912 in Reggio Emilia schloss
die reformistische Gruppe unter Bissolati aus der ISP aus, die daraufhin mit
ihm und Ivanhoe Bonomi [30]an der Spitze die
Reformistische Sozialistische Partei (Partito Socialista Riformista) gründeten.
Während des Ersten Weltkrieges gingen die Rechtsreformisten, nachdem sie
zunächst für die Neutralität eingetreten waren, 1915 auf sozialchauvinistische
Positionen über und unterstützten unter der demagogischen Losung des Kampfes
„der demokratischen Staaten“ gegen die „autoritären Staaten“ den Kriegseintritt
Italiens auf Seiten der Entente. Bissolati trat als Minister ohne Portefeuille
in die Regierung ein. Turati und seine Anhänger lehnten es ab, ihnen zu folgen,
und blieben als so genannte gemäßigte Reformisten in der ISP. Als im
Oktober/November 1917 deutsch-österreichische Truppen am Monte Grappa und am
Piave die italienische Front durchbrachen und die dort stehenden 700.000
kriegsmüden Soldaten flohen, bezogen Turati und eine Anzahl „gemäßigte
Reformisten“, ebenfalls sozialchauvinistische Positionen und riefen zur
Vaterlandsverteidigung auf. Der politisch-militärische Zusammenbruch
Deutschlands und Österreichs rettete Italien vor weiteren Desastern. Als Wien
am 4. November 1918 bei Padua vor der Entente kapitulierte, gehörte Rom zu den
Siegern und forderte seine Kriegsbeute.
Turati trat gegen den Beschluss des ISP-Vorstandes in die italienische Regierungskommission
zur Vorbereitung eines imperialistischen Friedens ein.[31]
Mit dem Ausschluss der offenen Reformisten
stärkten die Linken in der ISP ihre Position, was es ihnen 1914 als einziger
westeuropäischer Sektion der II. Internationale ermöglichte, Antikriegspositionen
zu beziehen, welche die Partei während des ganzen Krieges gegen die Versuche
der Reformisten beibehielt. Nachhaltig spiegelten die machtvollen
antimilitaristischen Arbeiteraktionen wenige Wochen vor Kriegsausbruch im Juni
1914 die Haltung der Linken wider. In ihrem Verlauf riefen die ISP und die CGdL
zum Generalstreik auf, kam es in Rom, Turin, Mailand, Genua, Florenz und Ancona
zu Barrikadenkämpfen, proklamierten die Aufständischen in der Romagna und den
Marken die Republik. Bei der Niederschlagung der Erhebung durch über 100.000
Soldaten gab es zahlreiche Tote und Verletzte.
Die linke Fraktion dominierte zunächst auch
noch nach Kriegsende und in der Anfangsphase der revolutionären
Nachkriegskämpfe die Partei. Dass
in dieser Zeit noch ein die
Arbeiterbewegung beherrschenden Reformismus fehlte, war in Italien vor allem
darauf zurückzuführen, dass sich, bedingt durch die relativ spät einsetzende
kapitalistische Entwicklung, noch keine beispielsweise mit Deutschland
vergleichbare Arbeiteraristokratie herausgebildet hatte.
In dieser Phase gründete Antonio Gramsci zusammen mit Palmiro
Togliatti, Umberto
Terracini[32] und Angelo Tasca[33] die Zeitschrift Ordine Nuovo, deren erste
Ausgabe am 1. Mai 1919 erschien. Es gelang, neben proletarischen Autoren hervorragende Intellektuelle zur Mitarbeit zu
gewinnen, was vor allem ein Verdienst Gramscis und Tascas war. In Ordine
Nuovo schrieben Arbeiterkorrespondenten und Dichter, pazifistische
Intellektuelle der Weltliteratur wie Romain Rolland, Henri Barbusse, Walt
Whitman und Maxim Gorki. Neben kommunistischen Intellektuellen publizierte
beispielsweise der brillante liberale
Kulturkritiker Piero Gobetti in der Neue Ordnung.
Die Zeitschrift, die sich gleichzeitig als
Organisation der revolutionären Linken verstand, wollte ursprünglich in der ISP den Reformismus überwinden und die
Partei auf einer revolutionären Linie
einigen. Sie bekannte sich zur Oktoberrevolution, zur Errichtung einer
proletarischen Staatsmacht und zur im
März 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale, verbunden mit der
Forderung an die ISP, ihr beizutreten. Die Ordinuovisten definierten sich als
Kommunisten und ihr Ziel einer sozialistischen Ordnung als kommunistische
Gesellschaft.
Im Mittelpunkt des
politisch-organisatorischen Wirkens der Ordine Nuovo stand die
norditalienische Bewegung der Fabrikräte mit der Arbeitermetropole Turin, Sitz
des FIAT-Konzerns, als Zentrum. Einen Erfolg erreichten die Ordinuovisten auf
dem ISP-Parteitag im Oktober 1919 im
roten Bologna, auf dem ihre Forderungen weit gehend in das Parteiprogramm
aufgenommen wurden. Lenin wertete die Ergebnisse als einen „glänzenden Sieg des
Kommunismus“, warnte jedoch vor Illusionen: „Die offenen und verkappten
Opportunisten,[34] die in der italienischen Partei unter den
Parlamentariern so zahlreich sind, werden zweifellos die Beschlüsse des
Parteitages von Bologna zu umgehen und zu durchkreuzen versuchen. Der Kampf
gegen diese Strömung ist noch längst nicht beendet.“[35]
Die Warnung bestätigte sich als einen Monat
nach dem Parteitag Wahlen, und zwar nach
dem Verhältnisrecht, stattfanden. Die ISP verdreifachte ihre Stimmen mit 32,4
Prozent gegenüber den letzten Wahlen von 1913
und belegte in der Abgeordnetenkammer mit 156 Mandaten den ersten Platz.
Die Mehrheit der gewählten Parlamentarier stellten die Reformisten und
Zentristen, deren These vom „friedlichen
Hineinwachsen in den Sozialismus“ einen unerwarteten Auftrieb erhielt. Die
Wahlen markierten den Beginn der mehrheitlichen Beherrschung der ISP durch die
Reformisten.
Die Ordinuovisten versuchten nun, die
Zentristen, die in Bologna in der Mehrheit mit den Linken gemeinsame Positionen
bezogen hatten, auf ihre Seite zu ziehen. Gramsci erarbeitete ein „Programm für
die Erneuerung der Sozialistischen Partei“, das am 8. Mai 1920 in der Ordine
Nuovo erschien. Darin stellte er als Ziel, die ISP in eine „Partei des
revolutionären Proletariats“, die für „die Zukunft einer kommunistischen
Gesellschaft“ eintritt, umzuwandeln. Den Kern der Forderungen bildete der Bruch
mit dem Opportunismus.[36]
Im Klima der verschärften Auseinandersetzungen der Ordinuovisten mit den Reformisten und Zentristen trat vom 15. bis 21. Januar in der norditalienischen Hafenstadt Livorno der 17. Parteitag der Sozialisten zusammen. Auf ihm vertraten die Zentristen 98.028 Mitglieder, Ordine Nuovo 58.783 und die Reformisten 14.695. Die Ordinuovisten suchten eine Übereinkunft mit den Zentristen zur Durchsetzung des Programms von Bologna. Giacinto Menotti Serrati,[37] der sich vor dem Parteitag für „die Trennung von den Opportunisten“ ausgesprochen hatte, konnte sich nicht durchsetzen. Mit dem Argument, die Einheit der Partei zu wahren, lehnten die Zentristen den Ausschluss der Reformisten ab. Daraufhin verließen die Linken am Morgen des 21. Januar geschlossen das Tagungsgebäude im Goldini-Theater und gründeten im Sankt Markus-Theater die Kommunistische Partei.