
Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 4/03
Herausgeber: Verein zur Förderung demokratischer Publizistik (i.G.)
Spendenempfehlung: 1,60 Euro
Stalin
als Theoretiker
des Marxismus-Leninismus
Stalins Beiträge zur Parteitheorie, Heft II
Zum 50. Todestag Stalins am 5. März 2003
Von Ulrich Huar
Der Kampf gegen die parteifeindliche Opposition
2. Zum Kampf Stalins gegen die parteifeindliche Opposition in der KPdSU (B)
2.1. Über Trotzki und Bucharin
2.2. “Sozialismus in einem Land”
2.2.1. Lenins Theorie vom Sozialismus in einem Lande
2.2.2. Stalin gegen Trotzki
2.2.3. Der “neue” Trotzkismus
2.2.4. Die Bucharingruppe
2.2.5. Gegen eine “Schädlingspsychose”
Anhang
Anmerkungen (Quellennachweise)
Einladung zur Lesereise mit Harpal Brar „Perestrojka
Man könnte die Frage stellen,
ob dieser Kampf noch zur Parteitheorie gehört, denn er war eben nicht nur ein
theoretischer Kampf, sondern in erster Linie ein politischer Kampf, der bis zu
seinem Ende auf Leben und Tod geführt wurde. Aber der Beitrag Stalins zur
marxistisch-leninistischen Parteitheorie wäre unvollständig, wenn man diesen
Kampf ausklammern wollte.
Dieser Kampf wurde und wird
in der gesamten bürgerlichen, revisionistischen und trotzkistischen Literatur
zur Diffamierung Stalins verfälscht und diese Verfälschung wurde auch von kommunistischen Wissenschaftlern ohne
Analyse des tatsächlichen Sachverhaltes unkritisch übernommen.
Was aber wäre, wenn die
Opposition von Trotzkisten und/oder die Gruppierung um Bucharin sich im ZK
hätten durchsetzen können, Stalin und die Mehrheit der Mitglieder des ZK
liquidiert hätten? Diese Frage ist nicht nur spekulativ. Solche Bestrebungen
hat es gegeben. In einem solchen Falle hätten sie nur vorweggenommen, was dann
von einem Gorbatschow und seiner Gruppe rund 50 Jahre später vollbracht wurde -
die Zerstörung der Sowjetunion.
Die Hauptgefahr für die
Existenz der Sowjetunion ging von Trotzki und seinen Anhängern innerhalb der
Partei, der Sowjetunion und außerhalb des Landes aus. Die Richtigkeit der in
den Ausführungen Stalins im Kampf gegen Trotzki und dessen “Theorien” finden
ihre Bestätigung im Nachwort zu Trotzkis Autobiographie “Mein Leben”, das der
amerikanischen Ausgabe von Grassert & Dulap, New York 1960, entnommen ist.1)
In zusammengefaßter Form war nach diesen Nachwort Trotzki “der anerkannte
Führer und Sprecher eines zur Diktatur Stalins in Gegensatz stehenden
internationalen Kommunismus...”2). Von der Insel Prinkipo (bei
Istanbul, UH) unterhielt er “aktiven Kontakt mit der kommunistischen Welt und
sozialistischen Bewegungen...”3). ,in einer “ersten Artikelserie für
die amerikanische Presse” legte er dar, “worum es der Opposition ging...”4),
er ließ “keinen Zweifel daran, daß er seiner ursprünglichen kommunistischen
Philosophie der permanenten Revolution treu blieb.”5), “...
Unterstützung kam ihm allein von den antistalinistischen Marxisten.”6),
Trotzki “... beschäftigte sich in seiner Rolle als Weltführer der
antistalinistischen Opposition innerhalb der kommunistischen Bewegung.”7),
Trotzki “... widmete sich auch mit Nachdruck der Bekämpfung einer neuen
stalinistischen Taktik ...”8) (gemeint war der Nichtangriffsvertrag
zwischen der Sowjetunion und dem faschistischen Deutschland 1939, der von allen
antikommunistischen Publizisten entstellt wird. UH)9). Trotzki war
“stark an den verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften interessiert, die in
der ganzen Welt von Gruppen der Opposition herausgegeben wurden. Die
bedeutendste davon war das in russischer Sprache erscheinende ‘Bulletin of the
Opposition’, gegründet 1929 und zuerst herausgegeben in Berlin, dann in Paris
und New York.”10). Trotzkis Hauptrolle “... war die eines
unbeugsamen Kritikers Stalins und der Bürokratie, die Rußland regierte.”11).
1935 bezeichnete Trotzki den “Stalinismus” als “die eiternde Pestbeule der
Arbeiterbewegung auf der ganzen Welt.... wir müssen ihn vernichten; ... das
Proletariat sammeln unter der Fahne von Marx und Lenin.”12)
Trotzki veranlaßte die
Einsetzung einer “internationalen Untersuchungskommission...” aus
“Persönlichkeiten, deren Integrität außer Zweifel” stehe, die untersuchen
solle, ob die von Stalin behaupteten Verbrechen, die er begangen haben soll,
der Wahrheit entsprächen. Die Kommission bestand aus dem “bekannten Philosophen
und Erzieher” John Dewey als Vorsitzenden, John Chamberlain, E.A. Ross, Suzanne
La Follete, Ben Stolberg, Wendelin Thomas, Otto Rühle, Carlo Tresca, Alfred
Romer und Francisko Zamora.” Natürlich lautete das Urteil dieser
Spitzenvertreter der bürgerlichen Intelligenz “Nicht schuldig”. Die
vollständigen Aufzeichnungen dieser Kommission wurden bei Harper (New York)
veröffentlicht.13) Die Liste ließe sich fortsetzen. Zunächst ist es
doch erstaunlich, wie besorgt die kapitalistische Presse um das Wohlergehen der
Sowjetunion, um den Kommunismus war! Trotzki war also die Inkarnation des
Marxismus, des Leninismus, dem die Bourgeoisie geradezu huldigte!
Stellt man hier richtig, daß
in diesen Passagen für die “Diktatur Stalins” die Mehrheit des Zentralkomitees
der KPdSU (B), die Mehrheit der Parteimitglieder, für “internationaler
Kommunismus” bzw. “antistalinistische Marxisten”, “antistalinistische
Opposition” die russische und internationale Konterrevolution zu verstehen ist,
dann wird aus dem “Nachwort” zur Glorifizierung Trotzkis eine Bestätigung der
Wahrheit in Stalins Kritik an Trotzki und seinen Epigonen. Desgleichen
bestätigt die Aussage, das Proletariat unter “der Fahne von Marx und Lenin” zu
sammeln, daß Trotzki der gefährlichste Ideologe des Antikommunismus in der
russischen und internationalen Arbeiterbewegung war. Es wird auch hier
deutlich, daß Trotzki seine Zersetzungsarbeit nur unter Berufung auf einen verfälschten
Marxismus und Leninismus durchführen konnte, eine Methode, die von
Chruschtschow, Gorbatschow bis zu den “modernen” Revisionisten” ihre Anwendung
findet. Wollten die Revisionisten in der DDR nicht auch einen “besseren
Sozialismus”, eine “bessere DDR”, die “Beseitigung des Dogmatismus”, die
Hinwendung zum “wahren Marx”, ja selbst zum “wahren Lenin”, zum “späten Lenin”,
ja, zu dem allerherrlichsten Sozialismus überhaupt? - Unter Berufung auf Marx,
auf Rosa Luxemburg wurde die sozialistische DDR zertrümmert und in eine
wirtschaftlich sozial und kulturell heruntergebrachte Landschaft der
spätkapitalistischen BRD verwandelt, die Staatsbürger der DDR wurden zu
“Bewohnern” eines “Beitrittsgebiets.”
Der andere gefährliche
Oppositionelle war Nikolai Bucharin, ein ständig zwischen „linken“ und
„rechten“ Opportunisten schwankender, auf theoretischem Gebiet eklektizistisch
argumentierender Wirrkopf, dessen “theoretischen Anschauungen ... nur mit sehr
großen Bedenken zu den völlig marxistischen gerechnet werden” können.14)
Um Bucharin sammelten sich vorwiegend unzufriedene Intellektuelle, hinter denen
sich die NÖP - Bourgeoisie und weißgardistische Konterrevolutionäre formierten.15)
Bucharin hat mit Kamenew gegen Stalin und die Mehrheit des ZK konspiriert und
wollte an die Stelle Stalins Sinowjew setzen. Das ist dokumentarisch belegt,
worauf noch zurückzukommen sein wird. Sinowjew und Kamenew bildeten und
wechselten Gruppierungen, mal mit Stalin gegen Trotzki, mal umgekehrt. Die
Oppositionellen bekämpften sich mit Vehemenz auch untereinander; was sie
gemeinsam hatten, waren Fraktionsbildungen, um das Zentralkomitee zu
zerschlagen. Daß dabei persönliche Feindschaften, Rivalitäten, Machtdenken eine
nicht unerhebliche Rolle spielten, steht außer Frage.
Eine letzte Bemerkung. Für
die Repressalien in den 30er Jahren wird in der antikommunistischen Publizistik
ausschließlich Stalin verantwortlich gemacht. “Auf Befehl Stalins...” Auch
kommunistische Publizisten übernehmen unkritisch solche durch nichts bewiesene
Behauptungen.
Zunächst einmal hatte Stalin
in den 30er Jahren keineswegs die Macht, allein “Erschießungen” zu befehlen.
Seine Autorität war während dieser Jahre durchaus nicht unangefochten - wie
gerade die innerparteilichen Auseinandersetzungen beweisen. Stalin konnte sich
aber auf die Mehrheit des ZK und der Parteimitgliedschaft stützen. Die
Oppositionellen entlarvten sich durch ihre Taten selbst als Feinde der
Sowjetmacht und wurden von den Justizorganen nach den sowjetischen Gesetzen
rechtskräftig verurteilt.
Man kann die Frage nach der
Qualität der sowjetischen Justiz in dieser Zeit stellen. Den alten zaristischen
Justizapparat hatte die Sowjetmacht zerschlagen. Im Bericht über die Tätigkeit
des Rates der Volkskommissare vom 11. (24.) Januar 1918 begründete Lenin diesen
Schritt: „Denselben Weg, den die Sowjetmacht hinsichtlich der sozialistischen
Armee ging, schlug sie auch hinsichtlich eines andern, noch feineren, noch
komplizierteren Werkzeugs der herrschenden Klassen ein - des bürgerlichen
Gerichts, das sich als Hüter der Ordnung aufspielte, in Wirklichkeit aber ein
blindes, raffiniertes Werkzeug zur schonungslosen Unterdrückung der
Ausgebeuteten war, ein Werkzeug zur Verteidigung der Interessen des Geldsacks.
Die Sowjetmacht handelte, wie alle proletarischen Revolutionen es gelehrt
haben: sie warf dieses Gericht sofort zum alten Eisen. Mag man darüber zetern,
daß wir das alte Gericht, statt es zu reformieren, sofort zum alten Eisen
geworfen haben. Wir haben auf diese Weise die Bahn frei gemacht für ein wirkliches
Volksgericht. ...”16) Es war also Lenin, unter dem der alte
Justizapparat zerstört wurde, nicht Stalin!
Der Aufbau einer neuen
sozialistischen Justiz ließ sich nicht in zwanzig Jahren unter den Bedingungen
des Bürger- und Interventionskrieges, innerer scharfer Klassenkämpfe der
NÖP-Periode und Interventionsdrohung von außen vollenden. Es gab auch keinerlei
theoretische Vorleistungen, keine praktischen Erfahrungen mit einer
sozialistischen Justiz. Auch bei Marx und Engels gab es nicht mehr, als daß der
alte Repressivapparat des Staates zerstört werden mußte. Auch mit der
Errichtung einer sozialistischen Justiz beschritt die Sowjetmacht Neuland.
Die sowjetische Justiz war
eine revolutionäre, eine Klassenjustiz. Aber wie sollte sie funktionieren, und
wo kamen die sozialistischen Juristen her? Die fielen nun mal nicht vom Himmel,
sondern mußten ausgebildet werden. Die Richter und Staatsanwälte kamen
vorwiegend aus der Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft - mit dem vom
Zarismus ererbten Kulturniveau! - die in der Roten Armee im Bürger- und
Interventionskrieg gekämpft hatten, in kurzen Lehrgängen zu Juristen
ausgebildet wurden. Einige wenige progressive Juristen aus der alten Zeit waren
auch darunter. Man mag über diesen Sachverhalt “zetern”, wie Lenin sagte, aber
keine Revolution kann die alte Justiz, die zu den Repressivorganen des alten
Ausbeuterstaates gehörte und die Interessen der jeweils herrschenden Klasse
schützten, übernehmen. Über den Klassencharakter der Justiz kann man sich in
Montesquieus Werk “Vom Geist der Gesetze”, unterrichten lassen. Charles Louis
de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu (1689-1755), als ein
Repräsentant des französischen Hochadels, steht nun ganz und gar nicht im
Verdacht, kommunistische Propaganda betrieben zu haben. Er forderte die
Sicherung der Ämter der Exekutive für den Adel, die Entziehung des Adels der
öffentlichen Gerichtsbarkeit durch Bildung von Sondergerichten des Oberhauses,
denen es ansteht, “das Gesetz zugunsten des Gesetzes selbst zu mildern und weniger
streng als das Gesetz zu entscheiden.”17)
In der jungen, noch nicht
ausgereiften sowjetischen Justiz waren unter den konkreten Bedingungen der 30er
Jahre Fehlurteile möglich; auch Unschuldige konnten in die Mühlen der Justiz
geraten. Über die sowjetische Justiz äußerte sich Richard Iwanowitsch Kosolapow
in einem Interview mit Viktor Koschemjako, wobei er noch auf einen anderen
Aspekt hinwies: “Warum haben sich neben der gerechten Strafe für Verbrechen
gegen das Volk Prozesse auch gegen Unschuldige gerichtet? Teilweise ist das mit
dem Bürokratismus und dem Wunsch, sich verdient zu machen, teilweise auch mit
dem niedrigen Niveau an professioneller Ausbildung und Kultur der Mitarbeiter der
Rechtsschutzorgane, der Sicherheits- und Justizorgane erklärbar. Die
Hauptursache ist jedoch eine andere. Wir verfügen jetzt über umfassende
Tatsachenmaterialien und über dokumentarische Beweise, um folgende
Schlußfolgerung ziehen zu können: Viele unschuldige Menschen, insbesondere
Kommunisten, litten darunter, daß fremde Elemente (Weißgardisten, Kriminelle,
Trotzkisten usw.) in diese Organe eingedrungen waren, um ihre Dienststellung
als Mittel des antisowjetischen Klassenkampfes zu nutzen. Zur Ehre der Partei
muß gesagt werden, sie verstand es, sich damit auseinanderzusetzen. Der Beweis
dafür ist der Beschluß des Plenums des ZK der KPdSU (B) vom Januar 1938 sowie
der Beschluß des Rats der Volkskommissare der UdSSR vom 17. November 1938 ‘über
Verhaftungen, staatsanwaltliche Aufsicht und Untersuchungsführung‘, der von
Molotow und Stalin unterzeichnet ist. Aber die unschuldig zu Tode Gekommenen
wurden dadurch natürlich nicht wieder zum Leben erweckt.”18)
Um es deutlich zu sagen, die
Verbrechen, die Stalin unterstellt werden, waren die Verbrechen von Trotzkisten
und anderen Konterrevolutionären, die sich in die noch ungefestigten Apparate
einschleichen konnten. Gerade der erwähnte Beschluß des Plenums des ZK vom
Januar 1938, veröffentlicht in der Prawda Nr. 19 vom 19. Januar 1938, beweist,
daß Stalin als Gene-ralsekretär des ZK der Partei, diese konterrevolutionären
Verbrechen entschieden bekämpfte, er beweist aber auch zugleich, daß Stalin
nicht die Machtstellung hatte, die ihm angedichtet wird. Hätte er sie gehabt,
hätte er diese Verbrechen verhindert. Stalin war eben nicht allmächtig!
Die Kernfrage der
Auseinandersetzung zwischen Stalin und Trotzki war, ob es möglich sei, in einem
rückständigen Land wie Rußland den Sozialismus aufzubauen, oder ob man die
Revolution im Westen abwarten müsse, weil ohne die Revolution im Westen der
Aufbau des Sozialismus in Rußland unmöglich sei. Nach Deutscher sei Stalins
Lehre vom “Sozialismus in einem Lande” ein “hervorragendes Diskussionsthema”.
Jetzt wurde Stalin “wirklich aus eigener Kraft der führende Theoretiker der
Partei”. Die - nach Deutscher - “alten, marxistischen Gelehrten” konnten “nicht
verhindern, daß die Lehre vom ‘Sozialismus in einem Lande’ der Glaube der
Nation wurde”.19) Soweit kann man mit Deutscher noch übereinstimmen, wobei
Stalin sich als Theoretiker bereits mit seinen Schriften zur nationalen Frage,
zur Politischen Ökonomie und anderen ausgewiesen hatte.
Deutschers Einschätzung
Trotzkis als dem Vertreter der Theorie der “permanenten Revolution”, der sich
in “vielen kritischen Augenblicken der Jahre 1905, 1917 und 1920 ... als der
ernsthafteste Stratege der Revolution bewährt habe”20), kann ich
allerdings nicht folgen.
Die Theorie vom “Sozialismus
in einem Lande” ist von Lenin begründet worden. Stalin gebührt das Verdienst,
nach dem Tode Lenins diese Theorie weiter ausgearbeitet und präzisiert zu
haben, in ständiger Auseinandersetzung mit Trotzki und anderen Oppositionellen.
Die theoretischen Arbeiten Stalins zu diesem Thema haben dann wohl dazu
geführt, daß diese von Lenin zuerst begründete Theorie Stalin zugeschrieben
wurde - vielleicht darum, um diese Theorie nachträglich noch als “falsch”, als
“stalinistisch” abwerten zu können, was bei Lenin schwieriger ist, wenn man
sich auf ihn gegen Stalin “berufen” will. Hinweise von Lenin über die
Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Land, in mehreren Ländern, in
Rußland als einem ökonomisch rückständigen Land sind zahlreich. Er hat sie
unter verschiedenen Situationen und zu verschiedenen Zeiten geäußert. Da diese
Äußerungen Lenins in unterschiedlichen Zusammenhängen geäußert wurden, sich
folglich auch inhaltlich unterschieden, konnte sich sowohl Stalin auf sie
berufen als auch Trotzki sie für seine Theorie der “permanenten Revolution”
mißbrauchen. Es ist tatsächlich so, mit aus ihrem Kontext gerissenen und
voluntaristisch verabsolutierten Zitaten aus Klassikerschriften kann man so
ziemlich alles “beweisen.” Die wichtigsten Äußerungen Lenins zum Thema sollen
darum hier unter Angabe des Datums kurz dokumentiert werden.
Es gäbe “... die falsche
Auffassung von der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande...”
- Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist “ein
unbedingtes Gesetz des Kapitalismus.” Daraus folge, daß der “Sieg des
Sozialismus zunächst in wenigen kapitalistischen oder sogar in einem einzeln
genommenen Lande möglich ist”. (22. August 1915)21) Der Traum von der “vereinten Aktion der
Proletarier aller Länder” sei gleichbedeutend mit der “Vertagung des
Sozialismus auf den St. Nimmerleinstag.” Sozialismus sei möglich in einer
“Minderheit von Ländern” des “fortgeschrittenen Kapitalismus.” (Oktober 1916)22)
(Dazu gehörte Rußland nicht. UH) Auf Grund der ungleichmäßigen Entwicklung des
Kapitalismus kann der Sozialismus “nicht gleichzeitig in allen Ländern siegen”.
Zuerst nur “in einem oder einigen Ländern”. Andere werden “eine gewisse Zeit”
bürgerlich oder vorbürgerlich bleiben. Die Bourgeoisie anderer Länder würde
danach streben, “das siegreiche Proletariat der sozialistischen Staaten zu
zerschmettern”. (September 1916)23) Es seien Kriege möglich zwischen
dem Sozialismus, der in einem Lande den Sieg errungen hat, gegen andere, bürgerliche
oder reaktionäre Länder. (Oktober 1916)24) Der “Übergang zum
Sozialismus” sei in Rußland möglich, “nicht unmittelbar, mit einem Schlag” -
aber mit “Übergangsmaßnahmen.” (März 1917 (April) 1917)25) Das
Proletariat Rußlands könne sich nicht die sofortige Durchführung der
sozialistischen Umgestaltung zum Ziel setzen. Aber “der größte Fehler” des
Proletariats wäre, auf “praktisch bereits herangereifte(r) Schritte zum
Sozialismus” zu “verzichten”. Der Krieg habe sie “in ungewöhnliche
Verhältnisse” gestellt. Es folgt eine Polemik gegen die These Plechanows von
der “Unmöglichkeit des Sozialismus” in Rußland. Die Kontrollmaßnahmen (über
Produktion und Verteilung, UH) seien noch “kein Sozialismus” aber eine
“Übergangsmaßnahme”, Rußland wird “mit einem Fuß im Sozialismus stehen”. Wir
betrachten den Sozialismus nicht als Sprung, sondern als praktischen Ausweg aus
der “entstandenen Zerrüttung”. (April 1917)26) Es gäbe den
“weitverbreitete(n) Einwand” in der bürgerlichen, sozialrevolutionären und
menschewistischen Presse: “Wir seien noch nicht reif für den Sozialismus, es
sei verfrüht, den Sozialismus ‘einzuführen’, unsere Revolution sei eine
bürgerliche - also müsse man Knecht der Bourgeoisie sein....” ... “Man muß
entweder vorwärtsschreiten oder zurückgehen. Vorwärtsschreiten im Rußland des
20. Jahrhunderts, das die Republik und den Demokratismus auf revolutionärem
Wege erobert hat, ist unmöglich, ohne zum Sozialismus zu schreiten, ohne
Schritte zum Sozialismus zu machen. Schritte, die bedingt sind und bestimmt werden
durch den Stand der Technik und Kultur...”. (10. - 14. September 1917)27)
Wir haben uns niemals “unlösbare” Aufgaben gestellt... die “durchaus lösbaren
Aufgaben unverzüglicher Schritte zum Sozialismus... können sofort gelöst werden
durch die Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft” - ein
“dauerhafter Sieg ist jetzt mehr als je und mehr als irgendwo sonst dem
Proletariat in Rußland sicher, wenn es die Macht ergreift“. (1. Oktober 1917)28)
Das Zentralkomitee sei vom Sieg des Sozialismus sowohl in Rußland als auch in
Europa überzeugt. (17. (4.) November 1917)29) “Fast alle Arbeiter
und die gewaltige Mehrheit der Bauern” stehen auf der Seite der Sowjetmacht und
der “von ihr begonnenen Revolution. Insofern ist der Erfolg der sozialistischen
Revolution in Rußland gesichert.” ...Es wäre ein Fehler, “die Taktik der
sozialistischen Regierung Rußlands darauf aufzubauen, ...ob die europäische und
insbesondere die deutsche Revolution im nächsten halben Jahr (oder in einer
ähnlichen kurzen Frist) ausbrechen wird oder nicht”... . In der Taktik müsse
man davon ausgehen, wie man die sozialistische Revolution... “wenigstens in
einem Lande so lange halten kann, bis andere Länder sich anschließen
werden”.... “wenn man uns sagt, daß der Sieg des Sozialismus nur im Weltmaßstab
möglich sei, so sehen wir darin lediglich einen Versuch... eine ganz unleugbare
Wahrheit zu entstellen. Natürlich, der endgültige Sieg des Sozialismus in einem
Lande ist unmöglich”. (Januar 1918)30) Man dürfe die “große Losung ‘Wir
setzen auf den Sieg des Sozialismus in Europa’ nicht zu einer Phrase machen.
Das ist eine Wahrheit, wenn man den langen und schwierigen Weg bis zum
vollständigen Sieg des Sozialismus in Auge hat. Es ist eine unbestreitbare
philosophisch-historische Wahrheit, wenn man die ganze ‘Ära der sozialistischen
Revolution’ in ihrer Gesamtheit nimmt. Aber jede abstrakte Wahrheit wird zur
Phrase, wenn man sie auf jede beliebige konkrete Situation anwendet”. Sie
können “nicht die Bürgschaft ... übernehmen”, daß die europäische Revolution
“in den nächsten paar Wochen ausbrechen und siegen werde...”. (25. Februar
1918)31) In Polemik gegen die These, man hätte “folglich” die Macht
nicht ergreifen sollen: Der vollständige Sozialismus sei nur in Zusammenarbeit
der Proletarier aller Länder möglich, “durch eine Reihe von Versuchen - von
denen jeder, einzeln genommen, einseitig sein, an einer gewissen
Nichtübereinstimmung leiden wird”. (5. Mai 1918)32) Im Weltmaßstab
“völlig, endgültig zu siegen ist in Rußland allein nicht möglich... ”.
Zumindest in allen fortgeschrittenen Länder, oder auch nur in einigen der
größten fortgeschrittenen Länder müsse das Proletariat den Sieg errungen haben,
bevor die Sache des Proletariats gesiegt hat. (März - April 1919)33)
“Hat denn irgendein Bolschewik jemals geleugnet, daß die Revolution endgültig
erst dann siegen kann, wenn sie alle oder mindestens einige der bedeutendsten
fortgeschrittenen Länder erfaßt? Wir haben das stets gesagt.” (6. - 19. Mai
1919)34) “Selbstverständlich kann den endgültigen Sieg nur das
Proletariat aller fortgeschrittenen Länder der Welt erringen...” die Russen
beginnen das Werk, das vom englischen, französischen, deutschen Proletariat
gefestigt wird, aber, “ohne die Hilfe der werktätigen Massen aller
unterdrückten Kolonialvölker, und in erster Reihe der Völker des Ostens, nicht
siegen werden.” Die Avantgarde allein kann den Übergang zum Kommunismus nicht
vollziehen. (20. Dezember 1919)35) Unser Sieg ist nur dann von
Dauer, wenn unsere Sache in der ganzen Welt siegt. “... wir hatten ja unser
Werk ausschließlich in der Erwartung der Weltrevolution begonnen.” Nach drei
Jahren könne man sagen, “daß wir gesiegt haben” ... dürfen aber “nicht
vergessen, daß wir erst zur Hälfte gesiegt haben”, nicht vergessen, daß “unsere
Sache eine internationale ist”..., “unser Sieg nur ein halber Sieg, vielleicht
sogar noch weniger” ist. (6. November 1920)36) Wir haben erklärt,
daß unser Sieg nicht gesichert sei, wenn es nicht zur Revolution im Westen
kommt. Eine rasche und einfache Lösung sei nicht erfolgt. Aber das Wichtigste
sei erreicht: Die “Behauptung der proletarischen Macht und der Sowjetrepublik,
sogar im Falle einer Hinauszögerung der sozialistischen Weltrevolution”. (21.
November 1920)37) Wir haben uns niemals die Aufgabe gestellt, “ganz
allein, aus eigener Kraft, zu siegen”... “Die Weltrevolution ist noch nicht da,
aber auch wir sind bisher nicht besiegt worden.” (26. November 1920)38)
“10 - 20 Jahre richtige Beziehungen mit der Bauernschaft, und der Sieg ist im
Weltmaßstab (sogar bei einer Verzögerung der proletarischen Revolutionen, die
anwachsen) gesichert, sonst 20 - 40 Jahre Qualen weißgardistischen Terrors.”
(März/April 1921)39) “Der Ausgang des Kampfes hängt in letzter
Instanz davon ab, daß Rußland, Indien, China usw. die gigantische Mehrheit der
Erdbevölkerung stellen. Gerade diese Mehrheit. der Bevölkerung wird denn auch
in den letzten Jahren mit ungewöhnlicher Schnelligkeit in den Kampf um ihre
Befreiung hineingerissen, so daß es in diesem Sinne nicht den geringsten
Zweifel darüber geben kann, wie die endgültige Entscheidung des Kampfes im
Weltmaßstab ausfallen wird. In diesem Sinne ist der endgültige Sieg des
Sozialismus vollständig und unbedingt gesichert.” (2. März 1923)40)
Aus dieser unvollständigen
Reflektion Leninscher Äußerungen zur Frage “Sozialismus in einem Land” läßt
sich folgern: Mit einem mir passenden Zitat kann ich “beweisen”, daß Lenin
gegen Sozialismus in einem Land oder daß er dafür war. Hier geht es nur um die
Feststellung, daß Lenin bereits das Problem Sozialismus in einem Land
theoretisch reflektiert hat, und je nach veränderten Bedingungen
unterschiedlich beantwortet hat. Nimmt man seine letzten Äußerungen, so lassen
sich die Leninschen Erkenntnisse über “Sozialismus in einem Land”
zusammenfassen: Der Sieg des Sozialismus in einem Land, auch im ökonomisch und
kulturell rückständigen Rußland, ist möglich, selbst bei Verzögerung der
Weltrevolution. Dieser Sieg ist jedoch noch nicht endgültig, noch nicht
gesichert, bis nicht in einem oder wenigstens in einigen ökonomisch
fortgeschrittenen Ländern die proletarische Revolution gesiegt hat. Lenin
spricht mehrfach vom “vollständigen” Sieg des Sozialismus. Da in dieser Zeit
die Begriffe “Sozialismus” und “Kommunismus” häufig synonym angewendet wurden,
bleibt offen, ob Lenin mit “endgültigem” Sieg die höhere Phase der
kommunistischen Gesellschaft oder nur die niedere Phase meint. Lenin bezieht in
seine Theorie die “Völker des Ostens” mit ein, die im Gefolge der
Oktoberrevolution eine Periode antikolonialer, demokratischer Revolutionen
eröffnet hatten.
Ab 1920/21 berücksichtigt
Lenin in seinen Aussagen zunehmend eine Verzögerung der Revolution im Westen.
Der ursprüngliche Gedanke, Rußland beginnt mit der proletarischen
Weltrevolution, der Westen - namentlich Deutschland - folgt und übernimmt auf
Grund seiner ökonomisch-technischen Überlegenheit die bestimmende Rolle, wird
aufgegeben. Dafür wird die Rolle der “gigantischen Mehrheit der
Erdbevölkerung”, Rußland, Indien, China im Kampf um die “endgültige
Entscheidung des Kampfes” hervorgehoben.
Die Leninsche Theorie vom
“Sozialismus in einem Land” war das Fundament, von dem Stalin in seinem Kampf
gegen die parteifeindliche Opposition ausging und die er in diesem Kampf weiter
entwickelte, vervollkommnete und präzisierte. Erste Äußerungen Stalins zu
diesem Thema finden sich im Bericht über die politische Lage auf dem VI.
Parteitag der SDAPR (B) (26. Juli bis 30. August 1917), unmittelbar nach den
Juliereignissen.41) Die Möglichkeiten eines friedlichen Übergangs
der Macht von der bürgerlichen provisorischen Regierung an die Sowjets war
damit nicht mehr gegeben. Sollte die Revolution weitergeführt, die dringendsten
Forderungen der Massen erfüllt werden: Frieden - Land für die Bauern - Brot für
die Arbeiter in der Stadt, blieb nur noch der bewaffnete Aufstand und der
Übergang zum Sozialismus. Damit war die Frage nach der Möglichkeit des Sieges
der sozialistischen Revolution in Rußland auf die Tagesordnung gesetzt. Bereits
auf der VII. Gesamtrussischen Konferenz der SDAPR (B) (Aprilkonferenz 1917)
erklärten Kamenew, Rykow und andere, daß ein Sieg der sozialistischen
Revolution in Rußland unmöglich sei. Dies wurde auch auf dem VI. Parteitag
wiederholt. N.S. Angarski erklärte, daß die Orientierung auf einen Sieg der
Revolution “keine Taktik des Marxismus, sondern eine Taktik der Verzweiflung”
sei.42)
Desgleichen traten Bucharin
und Preobrashenski gegen die These Lenins von der Möglichkeit des Sieges der
sozialistischen Revolution in einem Lande auf. Dagegen polemisierte Stalin in
seinem Bericht. Unter normalen Bedingungen, bei der schwachen Entwicklung des
Kapitalismus in Rußland, sei ein Sieg der sozialistischen Revolution in Rußland
nicht möglich. Aber der Krieg, die Zerrüttung der Wirtschaft, der Erschütterung
der kapitalistischen Organisation der Volkswirtschaft ermöglichen einen Sieg
der sozialistischen Revolution. In Rußland bestünde im Unterschied zu
Deutschland ein “hoher Grad der Organisiertheit der Arbeiter, im revolutionären
Sinne, nicht nach Institutionen wie in Österreich”. Das Proletariat habe “so
umfassende Organisationen wie die Sowjets der Arbeiter- und
Soldatendeputierten” die es in keinem anderen Land gibt. Die Arbeiter Rußlands
könnten “nicht auf ein aktives Eingreifen in das Wirtschaftsleben des Landes im
Sinne sozialistischer Umgestaltungen verzichten, ohne politischen Selbstmord zu
begehen. Es wäre unwürdige Pedanterie, wollte man verlangen, daß Rußland mit
den sozialistischen Umgestaltungen ‘wartet’, bis Europa ‘anfängt’. Dasjenige
Land ‘fängt an’, das mehr Möglichkeiten hat...”43) Mit diesen
Ausführungen ging Stalin nicht über Lenin hinaus. Sie verdeutlichen aber die
Übereinstimmung mit den Auffassungen Lenins.
Im weiteren erfolgte die
Auseinandersetzung mit Bucharin und anderen Zweiflern an der Möglichkeit eines
Sieges der sozialistischen Revolution in Rußland. Bucharin habe die Frage “am
schärfsten” gestellt, aber “sie nicht zu Ende geführt”. Bucharin behaupte, daß
“der imperialistische Bourgeois ... einen Block mit dem Bauern gebildet” habe.
Es gäbe aber verschiedene Bauern. Der Block sei mit “rechtsorientierten Bauern”
gebildet worden, aber es gäbe auch “Bauern der unteren Schichten,
linkseingestellte, die die ärmsten Schichten der Bauernschaft vertreten”.
Bucharin habe nicht gesagt, gegen wen sich der Block richte. Es sei dies ein
Block des alliierten und des russischen Kapitals, des Offizierskorps und der
Oberschichten der Bauernschaft in Gestalt der Sozialrevolutionäre vom Schlage
eines Tschernow. Dieser Block hat sich gegen die unteren Schichten der
Bauernschaft, gegen die Arbeiter gebildet. Bucharins Analyse sei “grundfalsch”,
nach der wir der “ersten Etappe einer Bauernrevolution” entgegengingen. Die
Bauernrevolution müsse sich mit der Arbeiterrevolution treffen, “mit ihr
zusammenfallen”. Nach Bucharin würde die zweite Etappe, nach der
Bauernrevolution, die proletarische Revolution sein, von Westeuropa
unterstützt, ohne Beteiligung der Bauern, die den Boden bekommen hätten und
zufrieden gestellt seien. Aber gegen wen richte sich dann die Revolution?
Bucharin bliebe mit seinem “kindischen Schema” die Antwort schuldig.44)
War die Konzeption Bucharins
wirklich nur ein “kindisches Schema” oder steckte mehr dahinter? Von der Sache
her war die Konzeption Bucharins eine Absage an Lenins Schlußfolgerungen über
die Möglichkeit des Sieges der sozialistischen Revolution in einem Land, in
Rußland. Bucharin sah den Ausweg in der “proletarischen Weltrevolution”. Er
meinte, daß die Revolution in Rußland den Imperialisten den “revolutionären
Krieg” erklären müsse, um auf diese Weise “das Feuer der sozialistischen
Weltrevolution zu entfachen”.45) Diese These Bucharins unterschied
sich nicht von Trotzkis Theorie der “permanenten Revolution”.
Preobrashenski erklärte, daß
nur “beim Vorhandensein einer proletarischen Revolution im Westen” ein
sozialistischer Weg in Rußland eingeschlagen werden könne.46)
Stalin antwortete, daß die
“Möglichkeit ... nicht ausgeschlossen” ist, “daß gerade Rußland das Land sein
wird, das den Weg zum Sozialismus bahnt. ...Man muß die überlebte Vorstellung
fallen lassen, daß nur Europa uns den Weg weisen könne. Es gibt einen
dogmatischen Marxismus und einen schöpferischen Marxismus. Ich stehe auf dem
Boden des letzteren.”47) Sieben Jahre später - in einem
Prawda-Artikel vom 20. Dezember 1924, “Der Oktober und Trotzkis Theorie der
‘permanenten’ Revolution”48) - setzte sich Stalin mit dieser Theorie
auseinander. Trotzki habe bereits 1905 die revolutionäre Kraft der Bauernschaft
nicht erkannt, wie in seiner Losung: “Weg mit dem Zaren, her mit der
Arbeiterregierung!” zum Ausdruck kam. Auch 1915 glaubte er, daß die Losung der
Konfiskation des Bodens unter den Bedingungen des Imperialismus keine Rolle
mehr spiele.49) Trotzki habe das Wesen der Leninschen Theorie der
Diktatur des Proletariats als “Klassenbündnis des Proletariats mit der
werktätigen Bauernschaft zum Sturz des Kapitalismus, zum endgültigen Sieg des
Sozialismus, unter der Bedingung, daß die führende Kraft in diesem Bündnis das
Proletariat” sei, nicht begriffen.50)
Es folgt ein Zitat aus dem
Vorwort von Trotzkis Buch “Das Jahr 1905”, das er 1922 geschrieben hatte:
“Gerade in der Zeitspanne zwischen dem 9. Januar und dem Oktoberstreik 1905
haben sich bei dem Verfasser die Ansichten über den Charakter der revolutionären
Entwicklung Rußlands herausgebildet, die die Bezeichnung Theorie der
‘permanenten Revolution’ erhielten. Diese hochgelehrte Bezeichnung brachte den
Gedanken zum Ausdruck, daß die russische Revolution wohl unmittelbar vor
bürgerlichen Zielen steht, jedoch bei ihnen nicht wird stehenbleiben können.
Die Revolution wird ihre nächsten bürgerlichen Aufgaben nicht anders lösen
können als dadurch, daß sie das Proletariat an die Macht bringt. Dieses aber
wird, nachdem es die Macht erobert hat, sich nicht auf den bürgerlichen Rahmen
der Revolution beschränken können. Im Gegenteil, gerade zur Sicherung ihres
Sieges wird die proletarische Avantgarde schon in der ersten Zeit ihrer
Herrschaft tiefstgehende Eingriffe nicht nur in das feudale, sondern auch in
das bürgerliche Eigentum vornehmen müssen. Hierbei wird sie in feindliche
Zusammenstöße nicht nur mit allen Gruppierungen der Bourgeoisie geraten,
die sie im Anfang ihres revolutionären Kampfes unterstützt haben, sondern auch
mit den breiten Massen der Bauernschaft,
mit deren Beihilfe sie zur Macht gekommen ist. Die Widersprüche in der
Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande mit einer
erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung werden nur im internationalen
Maßstab, in der Arena der Weltrevolution des Proletariats ihre Lösung
finden können.”51)
Stalin konfrontierte diese
Ausführungen Trotzkis mit Lenins Auffassungen zu dieser Frage. Lenin habe vom
Bündnis des Proletariats mit der werktätigen Bauernschaft gesprochen, Trotzki
von “feindlichen Zusammenstößen”. Nach Lenin schöpfe die Revolution ihre Kräfte
vor allem unter den Arbeitern und Bauern selbst, bei Trotzki “nur” in der
“Arena der Weltrevolution”.
Die Theorie der “permanenten
Revolution” bezeichnete Stalin als eine Abart des Menschewismus.52)
Dies war insofern berechtigt, als die Menschewiki in Übereinstimmung mit der
internationalen Sozialdemokratie einen Sieg des Sozialismus in einem Lande,
speziell in einem rückständigen Land wie Rußland, bezweifelten.
Stalin argumentierte im
weiteren mit den in der Leninschen Imperialismustheorie dargestellten
Widersprüchen des imperialistischen Weltsystems und hob hervor, daß der
“Durchbruch” am “wahrscheinlichsten” in jenen Ländern vor sich gehen werde, wo
die “Kette des Imperialismus” am schwächsten sei. “Infolgedessen ist der Sieg
des Sozialismus in einem Lande, selbst wenn dieses Land kapitalistisch weniger
entwickelt ist, bei Fortbestehen des Kapitalismus in den anderen Ländern,
selbst wenn diese Länder kapitalistisch entwickelter sind, durchaus möglich und
wahrscheinlich.”53)
Dem gegenüber habe Trotzki in
seiner Broschüre “Unsere Revolution” (1906) geschrieben: “Ohne direkte
staatliche Unterstützung durch das europäische Proletariat wird die
Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein, die Macht zu behaupten und ihre
zeitweilige Herrschaft in eine dauernde sozialistische Diktatur zu verwandeln.
Daran darf man nicht einen Augenblick zweifeln.”54) Man könnte
einwenden, daß es wenig sinnvoll ist, aus einer Schrift zu zitieren, die fast
20 Jahre zurückliegt. Der Verfasser könnte in diesen zwei Jahrzehnten auf Grund
des Erkenntnisfortschritts zu anderen Auffassungen gelangt sein. Dies war bei
Trotzki jedoch nicht der Fall. So zitierte Stalin noch weitere Passagen aus
Trotzkis Schriften, die unter verschiedenen Aspekten stets auf das Gleiche
hinausliefen, nämlich die Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem
Lande. So schrieb Trotzki in Jahre 1924, daß man ohne auf “die anderen zu
warten”, den Kampf auf nationalem Boden beginnen könne, in der Überzeugung,
damit den “anderen Ländern einen Anstoß” zu geben. Aber wenn das “nicht
geschehen sollte, dann wäre es aussichtslos, zu glauben..., daß zum Beispiel
ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten
... könnte.”55)
Bei Trotzki zeigt sich also
Kontinuität in seiner Theorie der “permanenten Revolution”. Stalin wies auch
hier unter Berufung auf Lenin darauf hin, daß zu einem vollständigen Sieg, zu
einer vollständigen Garantie gegen eine Restauration des Kapitalismus “die
gemeinsamen Anstrengungen der Proletarier mehrerer Länder notwendig” seien. “Es
erübrigt sich zu sagen, daß wir Unterstützung brauchen.”56)
Diese Unterstützung müsse
aber nicht unbedingt die Revolution im Westen sein. Stalin wies auf solche
Arten der Unterstützung hin wie die “Sympathie der europäischen Arbeiter für
unsere Revolution”, deren “Bereitschaft, die Interventionspläne der
Imperialisten zu durchkreuzen”, aber nicht nur der europäischen Arbeiter,
sondern auch der “unterdrückten Völker des Ostens”.57) Stalin
unterschied zwischen Sieg des Sozialismus in einem Land und einem vollständigen
Sieg in einem Land, letzteres im Sinne einer Garantie gegen eine Restauration
des Kapitalismus, gegen einen Interventionskrieg imperialistischer Mächte. Der
vollständige Sieg sei erst nach dem Sieg der proletarischen Revolution
wenigstens in einigen kapitalistischen Ländern gegeben. Damit befand er sich in
Übereinstimmung mit Lenins Auffassungen aus den 20er Jahren.
Trotzki behauptete im
Nachwort zu einer Neuauflage seiner Broschüre “Das Friedensprogramm” (1922),
daß nach fünf Jahren Sowjetmacht seine These, “daß die proletarische Revolution
im nationalen Rahmen nicht zu Ende geführt werden kann”, ... “manchen Lesern”
als “widerlegt erscheine(n)”. Dies sei jedoch unbegründet, denn “ein wirklicher
Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in Rußland” sei “erst nach dem Siege
des Proletariats in den wichtigsten Ländern Europas möglich... .”58)
Demnach, meinte Stalin, bliebe der Revolution in Rußland nur die “Wahl”:
“...entweder auf dem Halm zu verfaulen oder zu einem bürgerlichen Staat zu
entarten.”59) Diese Grundgedanken wiederholte Stalin in einem Brief
an Genossen D - OW vom 25. Januar 1925, wobei er sie näher bestimmte. “Sieg des
Sozialismus” heiße, “die Gutsbesitzer und Kapitalisten zu verjagen, die Macht
zu ergreifen, die Attacken des Imperialismus abzuschlagen und den Aufbau der
sozialistischen Wirtschaft zu beginnen. All dies kann dem Proletariat in einem
Lande durchaus gelingen, eine vollständige Garantie gegen eine Restauration
kann jedoch nur das Ergebnis ‘gemeinsamer Anstrengungen der Proletarier
mehrerer Länder’ sein.”60)
Stalin sagte aber auch hier
nicht, daß diese “Anstrengungen” unbedingt die “Revolution” sein müsse. Es wäre
doch töricht, die Oktoberrevolution in Rußland zu beginnen, wenn sie sich nicht
gegenüber einem konservativen Europa behaupten könne. Wenn Trotzkis Theorie
richtig wäre, dann hätte Lenin unrecht gehabt, wenn er das Rußland der NÖP in
ein sozialistisches Rußland verwandeln wollte. Wir hätten alles, “um die vollendete
sozialistische Gesellschaft zu errichten.”61)
Stalin wies auf die
Gefährlichkeit der Theorie von der Leugnung des Sieges des Sozialismus in einem
Lande hin. Wenn in den nächsten fünf bis zehn Jahren keine Revolution im Westen
kommt, und wir uns als Sowjetrepublik behaupten, sollen wir solange in
Passivität verharren, “Wasser ins Meer” tragen, anstatt die
sozialistische Wirtschaft aufzubauen? Aber dieser Sieg bedeute natürlich kein
“endgültiger”. Solange eine “kapitalistische Umkreisung besteht, die Gefahr
einer militärischen Intervention ständig vorhanden” ist, kann von einem
“endgültigen” Sieg keine Rede sein. Einige Genossen verharren noch in der alten
sozialdemokratischen Theorie, nach der in Ländern, die kapitalistisch weniger
entwickelt sind als England oder
Amerika für die proletarische
Revolution kein Boden gegeben sei.62)
Die Auseinandersetzung mit
den Thesen Trotzkis setzte Stalin in seinem Referat vor dem Aktiv der Moskauer
Parteiorganisation am 9. Mai 1925 fort.63) Es gäbe zwei Gruppen von
Gegensätzen, innere: die Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft als
Privateigentümern bei gemeinsamen Interessen von Proletariern und der
Bauernschaft, und äußere zwischen der Sowjetunion und den “allen übrigen
Ländern, als den Ländern des Kapitalismus”. Die gemeinsamen Interessen zwischen
Proletariat und Bauern ermöglichen das Bündnis zwischen beiden unter Führung
des Proletariats, die gemeinsam die “vollendete sozialistische Gesellschaft
errichten können und müssen”.64) Eben dies bestreite Trotzki, nach
dem die Widersprüche zwischen Proletariat und der Bauernschaft, “der
erdrückenden Mehrheit”, nur im internationalen Maßstab, durch die
Weltrevolution gelöst werden können. Stalin belegte diese Auffassung Trotzkis
mit mehreren Zitaten aus dessen Schriften.65) Trotzkis Fehler
bestünde darin, daß er die Widersprüche zwischen Proletariat und Bauernschaft
verabsolutiere, die gemeinsamen Interessen zwischen ihnen übersehe.
Das Problem bestand in der
Frage, welche Seite die bestimmende war, die Gegensätze oder die gemeinsamen
Interessen? Es war klar, daß dieses objektive Widerspruchsverhältnis sich nicht
im Selbstlauf auflösen würde. Die Lösung der Frage, welche Seite dominieren
würde, war abhängig vom Klassenkampf, von den Kräfteverhältnissen zwischen den
Klassen, von der Führungsfähigkeit der Bolschewiki. Bei fehlerhafter Politik
konnten die Widersprüche zur Sprengung des Bündnisses zwischen Proletariat und
Bauernschaft und damit zum Sturz der Diktatur des Proletariats führen, die auf
diesem Bündnis beruhte. Insofern war die Konzeption Trotzkis existenzgefährdend
für die Sowjetmacht. Stalin zitierte auch wieder ausführlich aus Lenins
Schriften, um den Gegensatz der Auffassungen Trotzkis zum Leninismus zu
dokumentieren.66) “Ich weiß”, sagt Lenin, “daß es natürlich
Neunmalweise gibt, die sich für sehr gescheit halten und sich sogar Sozialisten
nennen, die behaupten, man hätte die Macht nicht ergreifen dürfen, solange die
Revolution nicht in allen Ländern ausgebrochen wäre. Diese Leute ahnen nicht,
daß sie mit diesem Gerede der Revolution den Rücken kehren und auf die Seite
der Bourgeoisie übergehen. Zu warten, bis die werktätigen Klassen die
Revolution im internationalen Maßstab durchführen, hieße, daß alle in
Erwartung zu erstarren hätten. Das ist Unsinn.”67)
Die inneren Widersprüche
können die Bolschewiki lösen, die äußeren Widersprüche, die Gefahr der
Intervention durch die imperialistischen Mächte und damit die Gefahr der
Restauration der kapitalistischen Ordnung können nicht allein durch die
Anstrengungen eines Landes völlig gelöst werden. “Eine volle Garantie gegen die
Intervention und folglich auch der endgültige Sieg des Sozialismus ist
infolgedessen nur im internationalen Maßstab, ... nur als Ergebnis des Sieges
der Proletarier einiger Länder möglich.” Dies wäre die “unerläßliche
Vorbedingung für den endgültigen Sieg des Sozialismus“.68)“ In dem
w.o. genannten Prawda-Artikel vom 20. Dezember 1924 fehlt der Hinweis auf den
“Sieg des Proletariats in einigen Ländern”, auf eine “siegreiche Revolution in
mehreren Ländern”, sondern Stalin wies nur auf die “Unterstützung” durch die
Arbeiter in den europäischen Ländern hin, wobei Unterstützung in “vielfältigen
Formen” nicht unbedingt die proletarische Revolution mit einschließt.
In der Schrift “Zu den Fragen
des Leninismus” (1926)69) nahm Stalin einige Präzisierungen zur
Frage “Sozialismus in einem Land” gegenüber früheren Äußerungen vor, die in der
Arbeit “Über die Grundlagen des Leninismus”70) vom Mai 1924
enthalten sind. 1924 hieß es, daß der Sieg des Proletariats in einzelnen
Ländern nicht nur möglich, sondern auch notwendig sei, auf Grund des
ungleichmäßigen, sprunghaften Charakters der Entwicklung der einzelnen
kapitalistischen Länder unter den Verhältnissen des Imperialismus.71)
Dieser Leitsatz sei “völlig richtig und bedarf keines Kommentars”. Aber es gab
in der Schrift von 1924 noch eine zweite Formulierung. Darin hieß es, daß der
Sturz der Macht der Bourgeoisie und die Errichtung der Macht des Proletariats
in einem Lande noch nicht heißt, daß man die “Hauptaufgabe des Sozialismus”,
die “Organisierung der sozialistischen Produktion” in einem Lande schon lösen
könne.
“Zum Sturz der Bourgeoisie
genügen die Anstrengungen eines Landes ... zum endgültigen Siege des
Sozialismus, zur Organisierung der sozialistischen Produktion, genügen nicht
die Anstrengungen eines Landes ... dazu sind die Anstrengungen der Proletarier
mehrerer fortgeschrittener Länder notwendig.”72) Diese zweite
Formulierung von Mai 1924 war gegen die Behauptungen der Trotzkisten gerichtet,
nach der sich die Diktatur des Proletariats in einem Land nicht gegen einem
“konservativen Europa” behaupten könne, wenn der Sieg in den anderen Ländern
ausbleibe. Soweit hatte diese Formulierung ihre Berechtigung. Nunmehr erweise
sich diese zweite Formulierung als “ungenau” und deshalb “unrichtig”.
Der Mangel dieser
Formulierung bestehe darin, daß zwei verschiedene Fragen zu einer
zusammengezogen wurden. Die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem
Lande mit der Frage, ob ein Land, in dem die Diktatur des Proletariats
errichtet ist, gegen Intervention und Restauration völlig gesichert ist.
Er habe in seiner Schrift
“Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten” (Dezember
1924) diese Formulierung in zwei Fragen zerlegt: 1. die Frage nach der
vollständigen Garantie gegen die Restauration der bürgerlichen Ordnung und die
2. die Frage nach der Möglichkeit der Errichtung der vollendeten
sozialistischen Gesellschaft in einem Lande.73) Demzufolge ist nach
Stalin zu unterscheiden die Errichtung der vollendeten sozialistischen
Gesellschaft in einem Lande von dem endgültigen Sieg des Sozialismus,
gleichbedeutend mit der Garantie vor Intervention und Restauration der
kapitalistischen Ordnung. Die Errichtung der vollendeten sozialistischen
Gesellschaft in einem Lande sei möglich, aus eigener Kraft, der endgültige
Sieg, Garantie vor Intervention und Restauration sei nur international möglich,
nach dem Sieg der proletarischen Revolution wenigstens in einigen
fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Dies war der Stand der Erkenntnisse
Stalins vom Januar 1926.
Von dieser Position aus
kritisierte Stalin die Auffassungen Sinowjews, der unter “endgültigem Sieg des
Sozialismus” die Aufhebung der Klassen, die Abschaffung der Diktatur des
Proletariats verstand. Unter dem “endgültigen Sieg” verstand er nicht die
Garantie gegen Intervention und Restauration. Sinowjew meinte, daß die These,
wonach der Sowjetstaat, auch wenn er allein ist, den Sozialismus aufbauen kann,
keine “leninistische Fragestellung” sei, sondern dies “nach nationaler
Beschränktheit” rieche. Stalin bezeichnete die Auffassungen Sinowjews als eine
“Kapitulation vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft” (NÖP, UH),
als Abkehr vom Leninismus74), sowie eines Verstoßes gegen Beschlüsse
der Partei, wie sie in der Resolution der XIV. Parteikonferenz “Über die
Aufgaben der Komintern und der KPR (B) im Zusammenhang mit dem erweiterten
Plenum des EKKI” festgelegt wurden: “Das Bestehen zweier diametral
entgegengesetzter gesellschaftlicher Systeme ruft die ständige Gefahr der
kapitalistischen Blockade, anderer Formen des ökonomischen Druckes, der
bewaffneten Intervention und der Restauration hervor. Die einzige Garantie für
den endgültigen Sieg des Sozialismus, das heißt die Garantie gegen die
Restauration ist folglich die siegreiche sozialistische Revolution in einer
Reihe von Ländern...” “Der Leninismus lehrt, daß der endgültige Sieg des
Sozialismus im Sinne der vollständigen Garantie gegen eine Restauration der
bürgerlichen Verhältnisse nur im internationalen Maßstab möglich ist...”
“Daraus folgt keineswegs, daß die Errichtung der vollendeten sozialistischen
Gesellschaft in einem so rückständigen Lande wie Rußland ohne ‘staatliche Hilfe’
(Trotzki) der in technischer und ökonomischer Hinsicht entwickelteren Länder
unmöglich sei”.75)
Es könne sein, daß eine
Resolution Fehler enthalte. Dann müsse man dies sagen. Aber darum ginge es bei
Sinowjew nicht, der gemeinsam mit Kamenew im Politbüro den Standpunkt vertrete,
daß die Sowjetunion auf Grund ihrer technischen und ökonomischen
Rückständigkeit “nicht imstande wäre, mit den inneren Schwierigkeiten fertig zu
werden, es sei denn, daß uns die internationale Revolution rette“.76)
Nun war - und ist im 21.
Jahrhundert - die Frage der technisch-ökonomischen Rückständigkeit eine
Kardinalfrage des sozialistischen Aufbaus. Sie konnte in der Sowjetunion
weitgehend noch bis in die 70er Jahre gelöst werden. Die Sowjetunion war in der
Raumfahrt, in der Lasertechnik und auf anderen Gebieten die führende
Industriemacht gewesen. Gegenwärtig und für eine mittelfristig überschaubare
Periode sind die VR China, die KVDR, die sozialistischen Republiken Vietnam und
Kuba mit ähnlichen Problemen auf einer qualitativ höheren Stufe konfrontiert.
Der wissenschaftlich-technische Abstand dieser sozialistischen Gesellschaften
von den USA dürfte noch größer sein als der der Sowjetunion von den
kapitalistischen Mächten Ende der 20er Jahre. Analoge Diskussionen unter
Kommunisten heute zu den Diskussionen Mitte der 20er Jahre in der Sowjetunion
sind daher nicht verwunderlich. Die Kommunisten in der Sowjetunion haben das
Problem gelöst, warum sollten die chinesischen Kommunisten es in zwei oder drei
Jahrzehnten nicht auch lösen können? Wenn ihnen die Imperialisten in den USA
soviel Zeit lassen!
Allerdings ging es bei
Sinowjew und Kamenew, deren Konzeption sich im Wesen von den Auffassungen
Trotzkis nicht unterschied, nicht um Diskussionsfragen unter Kommunisten,
sondern sie bildeten bereits in Leningrad eine Fraktion, die die Beschlüsse des
ZK unterlief. Die Diskussion “Sozialismus in einem Land” war bis Ende 1925 im
wesentlichen abgeschlossen, sie immer wieder neu zu entfachen, konnte die
Einheit der Partei gefährden. Stalin bezeichnete die Gruppierung um
Sinowjew/Kamenew zu recht als “neue Opposition.”
In seinem Artikel “Über den
Oppositionsblock in der KPdSU (B), Thesen” (26. Oktober 1926)77)
wies Stalin die Übereinstimmung der Auffassungen von Sinowjew/Kamenew mit
Trotzki nach. Stalin konfrontierte (wiederholend UH) die Leninsche Konzeption
von “Sozialismus in einem Land” mit der trotzkistischen: “Obgleich der
Trotzkismus im Oktober 1917 mit der Partei mitging, ging er und geht er auch
weiter davon aus, daß unsere Revolution an und für sich, dem Wesen der Sache
nach, keine sozialistische Revolution
sei, daß die Oktoberrevolution nur Signal,
Anstoß und Ausgangspunkt für die sozialistische Revolution im Westen sei, daß,
wenn sich die Weltrevolution verzögert und die siegreiche sozialistische
Revolution im Westen nicht in allernächster Zeit erfolgt, die proletarische
Macht in Rußland zusammenbrechen oder (was ein und dasselbe ist) unter dem
Druck unvermeidlicher Zusammenstöße zwischen Proletariat und Bauernschaft
entarten müsse.“78) Es ist zu beachten, daß diese trotzkistische
Position neun Jahre nach der Oktoberrevolution, in der sich die
Sowjetrepubliken nicht nur gegenüber den imperialistischen Mächten und der
inneren Konterrevolution behauptet und erste Schritte eines sozialistischen
Aufbaus erfolgreich getan hatten, nunmehr auch von Sinowjew/Kamenew übernommen
wurde.
Die Aussagen Trotzkis und
seiner Gesinnungsgenossen seien eine “sozialdemokratische Abweichung in unserer
Partei in der grundlegenden Frage... des Charakters und der Perspektiven
unserer Revolution”. Die “‘neue Opposition’ (Sinowjew, Kamenew), die früher
gegen den Trotzkismus, gegen die sozialdemokratische Abweichung in unserer
Partei gekämpft hat”, ist “auf die ideologischen Positionen des Trotzkismus
übergegangen....”. Sie setze “sich jetzt mit dem gleichen Feuereifer für den
Trotzkismus” ein, “mit dem sie früher gegen den Trotzkismus auftrat“.79)
In seinem Referat “Über die
sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei” auf der XV. Unionskonferenz
der KPdSU (B) (26. Oktober bis 3. November 1926) führte Stalin ausführlich die
Auseinandersetzung mit Trotzki, Sinowjew, sowie mit Smilga und Radek fort, die
er in den “Thesen” über den “Oppositionsblock” bereits angesprochen hatte.
Stalin zitierte aus einem Brief Trotzkis an die Oppositionellen in Leningrad
vom September 1926. Danach habe sich die “Leningrader Opposition ... energisch
gegen die Theorie des Sozialismus in einem Lande, als gegen eine theoretische
Rechtfertigung der nationalen Beschränktheit gewandt.”80)
Smilga stellte in einer Rede
in der Kommunistischen Akademie am 26. September 1926, gegen Bucharin
polemisierend, die Frage, “ob die Wiederherstellungsperiode zur Überprüfung,
zur Revision des zentralen Punktes des Marxismus und Leninismus berechtigen
kann, der besagt, daß es in einem einzelnen, technisch rückständigen Lande
unmöglich ist, den Sozialismus zu errichten“.81) Desgleichen trat
Radek in sehr überheblicher Weise auf. Stalin verwies auf ein Referat Radeks in
der Kommunistischen Akademie, in den er die Theorie der Errichtung des
Sozialismus in der Sowjetunion als Theorie des Aufbaus des Sozialismus “in
einem Kreis” oder sogar “in einer Straße” bezeichnete. Auf Einwände der
Genossen, daß dies eine “Leninsche Idee” sei, habe er geantwortet: “Sie haben Lenin
schlecht gelesen; wenn Wladimir Iljitsch lebte, würde er sagen, daß dies eine
Schtschedrinsche Idee sei. In Schtschedrins ‘Pompadouren’ gibt es einen
eigenartigen Pompadour, der den Liberalismus in einem Kreis aufbaut.”82)
Stalin widerlegte diese unsinnigen
Behauptungen ausführlich mit Zitaten aus Lenins Schriften über die Möglichkeit
des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande, die hier nicht wiederholt werden
müssen, da am Anfang ausführlich dokumentiert. Aber auch die Berufung auf Marx
bei Smilga stand auf schwachen Füßen. Wenn Marx und Engels in der “Deutschen
Ideologie” (1845/46) davon ausgingen, daß für eine proletarische Revolution ein
hoher ökonomischer Entwicklungsstand erforderlich sei, so gibt es auch andere,
spätere Äußerungen von Marx und Engels. In seiner Schrift “Die Klassenkämpfe in
Frankreich” (Januar - Oktober 1850) wertete Marx die Erfahrungen der
europäischen Revolutionsperiode aus. Mitte des 19. Jahrhunderts war in England
der Kapitalismus am höchsten entwickelt, gab es in England schon ein
zahlenmäßig starkes Industrieproletariat. Mußte nicht also die Revolution in
England, als dem ökonomisch und industriell am höchsten entwickelten Land,
ausbrechen? Keineswegs.
“In England findet stets der
ursprüngliche Prozeß statt; es ist der Demiurg des bürgerlichen Kosmos. Auf dem
Kontinent treten die verschiedenen Phasen des Zyklus, den die bürgerliche
Gesellschaft immer von neuem durchläuft, in sekundärer und tertiärer Form ein.
Erstens führte der Kontinent nach England unverhältnismäßig mehr aus als nach
irgendeinem anderen Land. Diese Ausfuhr nach England hängt aber wieder ab von
dem Stand Englands, besonders zum überseeischen Markt. Dann führt England nach
den überseeischen Ländern unverhältnismäßig mehr aus als der gesamte
Kontinent, so daß die Quantität des kontinentalen Exports nach diesen Ländern
immer abhängig ist von der jedesmaligen überseeischen Ausfuhr Englands. Wenn
daher die Krisen zuerst auf dem Kontinent Revolutionen erzeugen so ist doch
der Grund derselben stets in England gelegt. In den Extremitäten des
bürgerlichen Körpers muß es natürlich eher zu gewaltsamen Ausbrüchen kommen
als in seinem Herzen, da hier die Möglichkeit der Ausgleichung größer ist als
dort. Andererseits ist der Grad, worin die kontinentalen Revolutionen auf
England zurückwirken, zugleich der Thermometer, an dem es sich zeigt, inwieweit
diese Revolutionen wirklich die bürgerlichen Lebensverhältnisse in Frage
stellen oder wieweit sie nur ihre politischen Formationen treffen.”83)
Die Analogie der Verhältnisse
Mitte des 19. Jahrhunderts mit denen der Sowjetunion zum Westen in den 20er
Jahren des 19. Jahrhunderts ist unübersehbar, wenn Analogien auch keine
Identität bedeuten.
Die bis heute noch unter
kommunistischen Wissenschaftlern weit verbreitete Auffassung, daß eine neue
sozialistische Revolution notwendig zuerst in den entwickelten kapitalistischen
Ländern ausbrechen müsse, kann auch nicht durch einzelne Äußerungen von Marx
und Engels belegt werden. In seinem Brief an die Redaktion der
“Otetschestwannyje Sapiski” vom November 1877 antwortete Marx einem seiner
Kritiker: “Er (der Kritiker, UH) muß durchaus meine historische Skizze von der
Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa in eine geschichtsphilosophische
Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges verwandeln, der allen Völkern
schicksalshaft vorgeschrieben ist, was immer die geschichtlichen Umstände sein
mögen, in denen sie sich befinden, um schließlich zu jener ökonomischen
Formation zu gelangen, die mit dem größten Aufschwung der Produktivkräfte der Arbeit
die allseitige Entwicklung des Menschen sichert.”84) Daran sollten
wir uns halten. Wer kann schon voraussagen, welche Auswirkungen revolutionäre
antiimperialistische Bewegungen in Asien, Afrika, Lateinamerika oder in
Osteuropa auf die imperialistischen Metropolen haben können? Auswirkungen, die
die Arbeiterklasse und andere Werktätige revolutionieren und einen gewaltigen
Schub in Richtung eines echten Menschheitsfortschritts bewirken können? Es ist
auch heute nicht gesagt, daß die nächste sozialistische Revolution in den
kapitalistischen Zentren ausbrechen muß, sie kann auch wieder am “schwächsten
Kettenglied” des imperialistischen Weltsystems ihnen Anfang nehmen. Was
wünschenswert wäre, ist das eine, was wirklich geschieht, das andere.
Im “Nachwort (1894) (zu
‘Soziales aus Rußland’)” ging Friedrich Engels mehrfach unter verschiedenen
Aspekten auf das dialektisch-widersprüchliche Verhältnis in den
Wechselwirkungen von der Revolution in Rußland und Westeuropa ein, wobei auch
hier der Zeitpunkt - 1894 - zu berücksichtigen ist.85) Nach Engels
würde “der Sturz des zaristischen Despotismus, die Revolution in Rußland...
auch der Arbeiterbewegung des Westens einen neuen Anstoß und neue, bessere
Kampfesbedingungen geben und damit den Sieg des modernen industriellen
Proletariats beschleunigen, ... ohne den das heutige Rußland weder aus der
Gemeinde (der Obschtschina, UH) noch aus dem Kapitalismus heraus zu einer
sozialistischen Umgestaltung kommen kann.“86) Hierbei handelte es
sich noch um die bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland, wie sie 1905 -
11 Jahre nach Engels Prognose! - auch stattfand, die starke Einflüsse auf die
Linken in der westeuropäischen, namentlich der deutschen, Arbeiterbewegung
hatte.
Obwohl Engels die russischen
Bolschewiki, namentlich Lenin und Stalin, nicht kennen konnte, so sah er doch,
daß es “in Rußland Leute genug” gibt, “die die westliche kapitalistische
Gesellschaft mit all ihren unversöhnlichen Gegensätzen und Konflikten genau
kennen und auch über den Ausweg mit sich im reinen sind, der aus dieser
scheinbaren Sackgasse führt.”87)
Wenn die russische Revolution
den “Anstoß” für die Revolution im Westen geben sollte, diese Revolution im
Westen aber niedergeschlagen wurde bzw. nicht stattfand - was dann? Eine
Antwort darauf ist bei Marx und Engels nicht zu finden - aber bei Lenin und
Stalin! In einem sehr weiten Sinne trifft auf die Mehrheit der Bolschewiki, auf
Lenin und Stalin, ein Satz von Marx aus den “Klassenkämpfen in Frankreich” zu:
“Eine Klasse, worin sich die revolutionären Interessen der Gesellschaft
konzentrieren, sobald sie sich erhoben hat, findet unmittelbar in ihrer eigenen
Lage den Inhalt und das Material ihrer revolutionären Tätigkeit: Feinde
niederzuschlagen, durch das Bedürfnis des Kampfes gegebene Maßregeln zu ergreifen;
die Konsequenzen ihrer eigenen Taten treiben sie weiter. Sie stellt keine
theoretischen Untersuchungen über ihre eigene Aufgabe an.”88)
Stalin wies erneut mit
Nachdruck auf die ideologischen und praktisch-politischen Folgen hin, den Sieg
des Sozialismus in Rußland in Frage zu stellen. Ohne “klare Perspektiven”
können die Arbeitermassen “nicht bewußt” am Aufbau des Sozialismus teilnehmen,
kann es “keinen Willen” dazu geben. Dies habe ein “Erstarken der
kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft zur Folge”, würde
“Verfallserscheinungen” und “defätistische Stimmungen” innerhalb der
Arbeiterklasse erzeugen. “Wer die entscheidende Bedeutung der sozialistischen
Perspektive unseres Aufbaus unterschätzt, der hilft den kapitalistischen
Elementen unserer Wirtschaft, der züchtet Kapitulantentum.” Desweiteren habe
die Aufgabe der sozialistischen Perspektive auch internationale Auswirkungen,
muß das “in allen Ländern die Auslösung der internationalen Revolution
aufhalten.”89)
Die Tätigkeit des
Oppositionsblocks unter der Führung Trotzkis war sehr gefährlich. In der
Resolution der 13. Konferenz der KPR (B) (16. - 18. Januar 1924) hieß es:
“Dieser ganze oppositionelle Block wurde von Trotzki angeführt und erlangte
deshalb anfänglich eine gewisse Autorität.”90) Auf dem Plenum des ZK
der KPR (B) (17. - 20. Januar 1925) wurde die Frage der weiteren Tätigkeit
Trotzkis im ZK noch bis zum nächsten Parteitag zurückgestellt. Sollte Trotzki
weiterhin versuchen, “Parteibeschlüsse zu verletzen oder nicht zu erfüllen”,
würde das ZK, ohne den Parteitag abzuwarten, “Trotzkis weitere Zugehörigkeit
zum Politbüro für unmöglich zu erklären und auf der vereinigten Sitzung des ZK
und der ZKK die Frage seiner Entfernung von der Arbeit im ZK zu stellen.”91)
Auf diese Resolution hinzuweisen, ist insofern wichtig, einmal um nachzuweisen,
daß die “Meinungsverschiedenheiten” alles andere als ungefährlich für die
Existenz der UdSSR waren, daß es sich eben nicht nur um “Diskussionsfragen”
handelte, sondern um Existenzfragen, und zweitens, daß Stalin keineswegs
“allmächtig” war, daß er nicht allein bestimmen, anordnen, “befehlen” konnte.
Trotzki und Sinowjew waren Mitglieder des ZK und des Politbüros und übten
starken Einfluß aus, vor allem auf beträchtliche Teile der Intelligenz. Stalin
konnte sich auf die Mehrheit im ZK und Politbüro stützen, die wie er auf
Leninschen Positionen stand. Wenn Deutscher in den Reden Stalins den “Schwung
origineller Gedanken” vermißte, er mußte zugeben, daß er “das allgemeine
Vertrauen” genoß.92)
Vertrauen kann man nun aber
weder anordnen noch “befehlen.” Mag sein, daß Trotzki ein “schwungvoller”
Redner war und Stalin es an “Schwung” in seinen Reden fehlen ließ. Wie heißt es
doch in Goethes “Faust” so schön?:
“Es trägt Verstand und
rechter Sinn, // mit wenig Kunst sich selber vor;... // Ja, eure Reden, die so blinkend sind, // In denen ihr der Menschheit Schnitzel
kräuselt, // Sind unerquicklich wie der
Nebelwind, // Der herbstlich durch die
dürren Blätter säuselt!”
So ist das nun mal mit dem
“Schwung” der Reden, und was die “originellen Gedanken” betrifft, auf der
anderen Seite bescheinigt Deutscher Stalin, daß er mit seiner Theorie
“Sozialismus in einem Lande” sich als “Theoretiker” ausgewiesen habe. Ja, was
denn nun?
Bleibt noch eine Frage: Warum
haben die “schwungvollen” Redner im ZK und Politbüro nicht die Mehrheit, nicht
das Vertrauen der Mehrheit der Mitglieder erringen können? Waren die zu dumm
gewesen, um den theoretischen Höhenflügen eines Trotzki, Sinowjew, Kamenews
folgen zu können?
Stalin bestand im November
1926 noch nicht auf dem Ausschluß der Oppositionellen aus der Partei. “Wir
sagen nur, daß sich beim Oppositionsblock eine sozialdemokratische Abweichung
geltend macht, wir machen die Opposition darauf aufmerksam, daß es noch nicht
zu spät ist, sich von dieser Abweichung loszusagen, und fordern den
Oppositionsblock hierzu auf.”93) Das Oktoberplenum des ZK und der
ZKK (25. - 27. Oktober 1923)94) über den Oppositionsblock hatte
“nicht Repressalien im Auge, sondern die Notwendigkeit eines ideologischen
Kampfes gegen die prinzipiellen Fehler der Opposition...”. Stalin forderte den
Oppositionsblock auf, sich “von seinen prinzipiellen Fehlern” loszusagen,
“damit die Partei und der Leninismus vor Angriffen und Revisionismusversuchen
bewahrt bleiben“.95) In seinem Schlußwort zu seinem Referat “Über
die sozialdemokratischen Abweichungen in unserer Partei” (3. November 1926)
polemisierte Stalin erneut gegen Trotzki und Sinowjew, die behaupteten, daß das
von Lenin formulierte Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und
politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder “theoretisch falsch” sei.
Trotzki und Sinowjew behaupteten, daß die Ungleichmäßigkeit des
vormonopolistischen Kapitalismus größer gewesen sei als in der Periode des
monopolistischen Kapitalismus.96) Trotzki, so Stalin, verwechsle die
ökonomische Ungleichheit der
kapitalistischen Länder der Vergangenheit mit der Ungleichmäßigkeit der
ökonomischen und politischen Entwicklung in der Periode des Imperialismus, die
unvergleichlich größer ist als früher und unvermeidlich zu einer
Sprunghaftigkeit der Entwicklung führe.97)
Die Argumentation Stalins war
sachlich richtig. Das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen Entwicklung
im Kapitalismus der freien Konkurrenz hatte bereits Marx entdeckt. Was Lenin neu
hinzufügte, war, daß diese Ungleichmäßigkeit in der ökonomischen und
politischen Entwicklung im Imperialismus einen sprunghaften, explosiven,
katastrophenartigen Charakter angenommen habe.98) Die Behauptung von
Trotzki und Sinowjew, daß das genannte Gesetz von Lenin “theoretisch falsch”
sei, war eindeutig ein Bruch mit der Leninschen Imperialismustheorie, womit sie
“im Sumpf des Ultraimperialismus und des Kautskyanertums” gerieten.
In zehn kurzen Sätzen
skizzierte Stalin die Imperialismustheorie Lenins und hob für die Verschärfung
der Ungleichmäßigkeit zwei Faktoren hervor:
“erstens, daß die Aufteilung
der Welt unter den imperialistischen Gruppen beendet ist, daß es auf der Welt
keine ‘freien’ Gebiete mehr gibt und daß zur Herstellung eines ökonomischen
‘Gleichgewichts’ die Neuaufteilung des Aufgeteilten vermittels
imperialistischer Kriege eine absolute Notwendigkeit ist;
zweitens, daß die noch nie
dagewesene kolossale Entwicklung der Technik im weitesten Sinne des Wortes es
den einen imperialistischen Gruppen erleichtert, andere imperialistische
Gruppen im Kampf um die Eroberung von Märkten, im Kampf um die Besitzergreifung
von Rohstoffquellen usw. zu überholen und ihnen den Rang abzulaufen.”99)
Kamenew - immerhin Direktor
des Lenin-Instituts der KPdSU (B) - griff die These von der Möglichkeit des
Sieges des Sozialismus in einem Lande von einer anderen Seite an. Er
behauptete, daß Lenins “grundlegender” Artikel (1915 !) über die Möglichkeit
des Sieges des Sozialismus in einem Lande sich nicht auf Rußland beziehe,
sondern auf andere kapitalistische Länder.100) Gemeint ist offenbar
der Artikel Lenins “Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa” (23.
August 1915), dessen diesbezügliche Aussage w.o. dokumentiert ist. (Siehe 2.2.1.,
Lenins Theorie vom Sozialismus in einem Lande.)
Es ist richtig, daß Lenin
Rußland nicht genannt hat, sondern von “wenigen kapitalistischen Ländern...”
oder “einem einzeln genommenen Lande” sprach. Kamenew führte weiterhin einen
Artikel Lenins “Einige Thesen” vom 13. Oktober 1915 an, mit der Behauptung, daß
Lenin nur auf den Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution in Rußland
orientiert habe. In den “Thesen” heißt es tatsächlich: “6. Es ist die Aufgabe
des russischen Proletariats, die bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland
zu Ende zu führen, zu dem Zweck, die sozialistische Revolution in Europa zu
entfachen.”101) Kamenew behauptete weiter, daß Lenin davon
ausgegangen wäre, daß die Revolution in Rußland nicht in die sozialistische
Revolution hinüberwachsen könne.
Stalin konnte zu recht auf
andere Arbeiten Lenins hinweisen, in denen Lenin auf den Übergang von der
bürgerlich-demokratischen zur sozialistischen Revolution orientierte.102)
Sollte Kamenew als Direktor des Lenin-Instituts die Arbeit Lenins “Zwei
Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution” (Juni-Juli,
1905) nicht gekannt haben, in der Lenin an mehreren Stellen unmißverständlich
auf den Übergang von der demokratischen zur sozialistischen Revolution in
Rußland hingewiesen hatte? “Der Kampf gegen die Selbstherrschaft ist eine
zeitweilige und vorübergehende Aufgabe der Sozialisten.” “Die
revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft ist
zweifellos nur eine vorübergehende, zeitweilige Aufgabe der
Sozialisten...” “Allein das Proletariat
ist fähig, konsequent bis zu Ende zu gehen, denn es geht weit über die
demokratische Umwälzung hinaus.” “Das Proletariat muß die demokratische
Umwälzung zu Ende führen, indem es die Masse der Bauernschaft an sich
heranzieht, um den Wi-derstand der Selbstherrschaft mit Gewalt zu brechen und
die schwankende Haltung der Bourgeoisie zu paralysieren. Das Proletariat muß
die sozialistische Umwälzung vollbringen, indem es die Masse der
halbpro-letarischen Elemente der Bevölkerung an sich heranzieht, um den
Wi-derstand der Bourgeoisie mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung
der Bauernschaft und der Kleinbourgeoisie zu paralysieren.”103)
Desgleichen ignorierte
Kamenew Arbeiten Lenins ab 1916, in denen er von der Möglichkeit des
Sozialismus in Rußland sprach. (Siehe 2.2.1., Lenins Theorie vom Sozialismus in
einem Lande)
Die Grundidee der Leninschen
Revolutionskonzeption für Rußland war gerade die Idee des Hinüberwachsens der
bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution und damit
auch der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in Rußland, als in “einem”
Land. Gerade diesen Zusammenhang bestritt Kamenew, indem er die
bürgerlich-demokratische von der sozialistischen Revolution mechanisistisch von
einander trennte. Die Verfälschung des Leninismus bestand darin, daß er diese
Trennung Lenin unterstellte. Kamenew muß die Schriften Lenins genausogut
gekannt haben wie Stalin, so daß der Schluß naheliegt, daß Kamenew den
Leninismus absichtlich verfälscht hat, was von Stalin nicht unbemerkt blieb.
Diese Methode ist auch heute noch bei Revisionisten und Geschichtsfälschern
aller Richtungen im Schwange: ein Zitat von Marx, Engels, Lenin - ein
“grundlegendes”, natürlich, - wird der Politik bzw. den theoretischen
Auffassungen Stalins gegenübergestellt und diese damit als “falsch”, “verfehlt”
etc. “verurteilt”, beides abstrakt, außerhalb von Raum und Zeit, von den
konkreten Bedingungen. Wer von den Werktätigen hat denn die Werke der Klassiker
gleich zur Hand, um solche Behauptungen zu überprüfen? Außerdem gehört auch
Zeit dazu. Diese Methode der Geschichts- und Theorieverfälschung ist daher
immer noch wirksam und gefährlich.
Stalin wies auf die
“Taschenspielertricks” von den Oppositionellen ausführlich hin.104)
Von methodologischer
Bedeutung ist die Auseinandersetzung Stalins mit den Verfälschungen des
Leninismus durch Trotzki. Stalin hielt dies offenbar für sehr wichtig, daß er
dafür allein 16 Seiten in seinem “Schlußwort” verwandte.105) Trotzki
behaupte, daß die Theorie der “permanenten Revolution” mit der Frage nach
Charakter und Perspektiven unserer Revolution nichts zu tun habe. Dies sei ein
“Kniff”, ein “Taschenspielertrick”, denn die Theorie der “permanenten
Revolution” ist eine Theorie von den Triebkräften der Revolution.106)
Trotzki behaupte, daß er dieser Theorie “schon längst keine ernste Bedeutung
mehr beimesse”, was Stalin an Hand eines Briefes von Trotzki an Genossen
Olminski vom Dezember 1921, in der Presse 1925 veröffentlicht widerlegen
konnte.107)
Aus diesem Brief ergab sich,
daß Trotzki zugab, sich in der Organisationsfrage geirrt, aber bezüglich der
“Einschätzung der Triebkräfte der Revolution”, also der Theorie der
“permanenten Revolution” recht behalten habe. Trotzki behaupte, daß seine “Theorie”
ab Februar 1917 mit den Positionen der Partei übereingestimmt habe. Lenin habe
aber bis zu seinem Lebensende gegen die Theorie der “permanenten Revolution”
gekämpft.108) Demnach hätten die Bolschewiki bis zum Februar 1917
keine Revolutionstheorie gehabt, von 1903 bis 1917 so ohne Perspektive und
revolutionäre Theorie gelebt.109)
Stalin zitierte aus Trotzkis
“Anmerkungen” zu seinem 1922 geschriebenen Artikel “Unsere
Meinungsverschiedenheiten”, in dem er behauptete, daß “die antirevolutionären
Züge des Bolschewismus (!!! kein Druckfehler! UH) im Falle des revolutionären
Sieges zu einer gewaltigen Gefahr ... werden“.110) Der offenbar von
Trotzki “geläuterte” Lenin habe diese Gefahr dadurch vermieden, daß er die
“Auswechslung seines ideologischen Rüstzeugs in dieser wichtigen Frage (der
permanenten Revolution, UH) im Frühjahr 1917, d.h. vor der Eroberung der
Macht...” vorgenommen habe.111) Stalin faßte die Auffassungen
Trotzkis zu dieser Frage zusammen: “Also, es waren einmal Bolschewiki, die
‘beginnend’ mit dem Jahre 1903, die Partei schlecht und recht
“zusammenschlossen”, die aber keine revolutionäre Theorie hatten, die,
‘beginnend’ mit dem Jahre 1903, durch viele Irrungen und Wirrungen gingen und
sich irgendwie bis zum Jahre 1917 durchschlugen; dann aber, als sie Trotzki mit
der Theorie der permanenten Revolution in der Hand erblickten, beschlossen sie,
ihr ‘Rüstzeug auszuwechseln’, und büßten nach ‘Auswechslung des Rüstzeugs’ die
letzten Reste des Leninismus, der Leninschen Revolutionstheorie ein und erreichten
damit eine ‘völlige Übereinstimmung’ der Theorie der permanenten Revolution mit
der ‘Position’ unserer Partei. Es wäre dies eine interessante Mär, ...”112)
Stalin zitierte dazu einen
Artikel Lenins, aus dem hervorgeht, was er von der Theorie Trotzkis hielt: “Die
Klassenverhältnisse in der bevorstehenden Revolution klarzustelIen, ist die
Hauptaufgabe einer revolutionären Partei... Diese Aufgabe wird von Trotzki in
‘Nasche Slowo’ nicht richtig gelöst; er wiederholt seine ‘originelle’ Theorie
aus dem Jahre 1905 und will sich keine Gedanken darüber machen, aus welchen
Gründen das Leben volle zehn Jahre an dieser wunderbaren Theorie vorbeigegangen
ist.
Die originelle Theorie
Trotzkis übernimmt von den Bolschewiki den Appell zum entschlossenen revolutionären
Kampf des Proletariats und zur Eroberung der politischen Macht durch das
Proletariat, von den Menschewiki aber die ‘Negierung’ der Rolle der
Bauernschaft.” ...Dadurch “hilft Trotzki in Wirklichkeit den liberalen
Arbeiterpolitikern in Rußland, die unter der ‘Negierung’ der Rolle der
Bauernschaft den mangelnden Willen verstehen, die Bauern zur Revolution
aufzurütteln!”113) Demzufolge sah Lenin in der Theorie der
“permanenten Revolution” eine halbmenschewistische Theorie.
Auf der XIV. Parteikonferenz
hieß es über die Theorie Trotzkis: “Ein Bestandteil der trotzkistischen Theorie
der permanenten Revolution ist die Behauptung, daß ‘ein wirklicher Aufschwung
der sozialistischen Wirtschaft in Rußland erst nach dem Siege des Proletariats
in den wichtigsten Ländern Europas möglich sein wird’ (Trotzki 1922) - eine
Behauptung, die das Proletariat der UdSSR in der jetzigen Periode zu
fatalistischer Passivität verurteilt. Gegen derartige ‘Theorien’ schrieb
Genosse Lenin: ‘Unendlich schablonenhaft ist ihr Argument, das sie im Verlauf
der Entwicklung der westeuropäischen Sozialdemokratie auswendig gelernt haben
und das darin besteht, daß wir für den Sozialismus noch nicht reif seien, daß
uns, wie sich die verschiedenen gelehrten Herren unter ihnen ausdrücken, die objektiven
ökonomischen Voraussetzungen für den Sozialismus fehlen.’” (Aufzeichnungen
über Suchanow)114)
Im weiteren systematisierte
Stalin die “praktische Plattform” der Opposition in acht Punkten. Man könnte
ihm vorwerfen, daß er sie wie ein “Buchhalter” numeriert, nur würde ein solcher
methodischer “Vorwurf” am Sachverhalt auch nicht das geringste ändern. Der
Nachweis über die praktisch-politische Tätigkeit des Oppositionsblocks ist aber
darum wichtig, weil er ausweist, daß es hier eben nicht um die Diskussion
strittiger theoretischer Probleme ging, sondern um sehr profane politische
Ziele, nämlich um eine neue, nichtleninistische, eine trotzkistische Partei.
Die Partei, so Stalin, werde
das nicht dulden.
Die Partei wird und kann
nicht dulden, daß Sie jedesmal, wenn Sie in der Minderheit bleibend auf die
Straße laufen, eine Krise in der Partei ankündigen und Unruhe in der Partei
stiften.
Da Sie schon keine Hoffnung
mehr haben, die Mehrheit in der Partei zu gewinnen, lesen Sie allerlei
unzufriedene Elemente auf, sammeln sie um sich, die Ihnen als Material für eine
neue Partei dienen sollen.
Sie verunglimpfen den
führenden Apparat der Partei, durchbrechen die eiserne Disziplin in der Partei
und sammeln alle und jegliche von der Partei verurteilten Strömungen unter der
Flagge der Freiheit der Fraktionen. Sie vereinigen diese Strömungen um sich, um
sie zu einer neuen Partei zu formieren.
Sie nutzen die großen
Schwierigkeiten, die auf dem Wege des Aufbaus des Sozialismus uns
entgegenstehen aus, um unsere Lage zu verschlechtern und über die Partei
herzufallen.
Die Industrialisierung und
die Errichtung des Sozialismus ist nur möglich, wenn sich die materielle und
kulturelle Lage der Arbeiterklasse ständig verbessert. Die Partei tut alles
dazu, was sie kann. Aber die Opposition läuft auf die Straße und erklärt
demagogisch, daß der Arbeitslohn sofort um 30 - 40 Prozent erhöht werden muß,
obwohl sie genau weiß, daß dies gegenwärtig nicht möglich ist und unter
rückständigen Werktätigen Unzufriedenheit erzeugt, die sie schürt und
organisiert, um sie gegen die Partei zu lenken.
Die Opposition untergräbt das
Bündnis der Arbeiterklasse mit den Bauern, indem sie propagiert, die
Verkaufspreise zu erhöhen und den Steuerdruck auf die Bauernschaft zu
verstärken. (Stalin gibt nicht an, ob Verkaufspreise für Industriewaren oder
für landwirtschaftliche Produkte gemeint sind. Im ersteren Falle wären die
Bauern betroffen, im anderen die Arbeiter in der Stadt. UH)
Die Opposition stiftet
ideologische Verwirrung in der Partei, übertreibt unsere Schwierigkeiten, um
defaitistische Stimmungen zu erzeugen und die Idee der Unmöglichkeit der
Errichtung des Sozialismus in unserem Lande zu propagieren, die Grundlagen des
Leninismus zu untergraben.
Die Opposition stört die
Arbeit der Komintern, sucht ihre Sektionen zu zersetzen, die Führung der
Komintern zu diskreditieren.115)
Stalin zog aus dem
praktischen Verhalten der Opposition die Konsequenzen: Er forderte die
Opposition auf, ihre destruktive Arbeit einzustellen. “Entweder Sie erfüllen
diese Bedingungen, die zugleich die Voraussetzungen für die völlige Einheit
unserer Partei sind, oder Sie tun das nicht - und dann wird die Partei, die Sie
gestern geschlagen hat, morgen vollends zu zerschlagen beginnen.“116)
Dies war eine eindeutige Warnung. Sie signalisierte, daß diese “Diskussionen”
nicht endlos geführt werden würden, daß die Partei die Zersetzungsarbeit der
Opposition nicht mehr dulden wird. Den Ernst der innerparteilichen Situation
verdeutlicht ein Brief Trotzkis an die Oppositionellen vom September 1926, den
Stalin im “Schlußwort” zitierte: “Die vereinigte Opposition hat im April und im
Juli gezeigt, und sie wird im Oktober zeigen, daß die Einheitlichkeit ihrer
Anschauungen unter dem Einfluß der groben und unloyalen Hetze nur gefestigt
wird, und die Partei wird begreifen, daß nur auf dem Boden der Anschauungen der
vereinigten Opposition ein Ausweg aus der gegenwärtigen schweren Krise möglich
ist.”117)
Die Auffassungen Trotzkis
sowie der Opposition, ihre praktische Zersetzungsarbeit fand die Unterstützung
der ehemaligen Sozialrevolutionäre, Menschewiki und bürgerlichen Nationalisten
in der UdSSR. Desgleichen lobten die Führer der II. Internationale Trotzki und
bezeichneten ihn als einen “Marxisten europäischer Prägung”. Innerhalb der
Komintern fand Trotzki die Unterstützung rechter und “linker” Opportunisten wie
auch von aus Kommunistischen Parteien ausgeschlossener Renegaten wie P. Levi,
A. Rosmer, P. Monatte, A. Balabanoff, u.a.. Die von Trotzki ausgehenden
Gefahren für die KPdSU und die Sowjetunion waren sehr ernst.118)
War dieser
politisch-ideologische und theoretische Kampf nun eine Art “Zweikampf” zwischen
Stalin und Trotzki? Die Mehrheit des ZK verteidigte entschlossen Leninsche
Positionen. Es gab mehrere Genossen im ZK, die in Artikeln gegen den
Trotzkismus kämpften. Dazu gehörten A.A. Andrejew, A.S. Bubnow, F.E.
Dzierzynski, M.W. Frunse, J.A. Jakowlew, J.M. Jaroslawski, M.I. Kalinin, S.M.
Kirow, N.K. Krupskaja, W.W. Kuibyschew, O.W. Kuusinen, E.I. Kwiring, A.F.
Mjasnikow, W.M. Molotow, I.P. Nossow, G.K. Ordshonikidse, G.I. Petrowski, N.A.
Skrypnik, I.I. Skworzow-Stepanow, I.M. Vareikis.119) Mit den
genannten Genossen erschöpft sich nicht die Mehrheit im ZK, die Stalin
unterstützten. Vielen Genossen war es nicht gegeben, Artikel zu schreiben. Es
ist immer nur eine Minderheit, die sich literarisch betätigen kann. Es war G.I.
Petrowski, der forderte, Trotzki ein Ultimatum zu stellen.120)
Stalin stand in diesem Kampf also nicht allein.
Die prinzipienfeste
Verteidigung des Leninismus im Kampf gegen den Trotzkismus und die Opposition
führte zu einer Bereicherung der marxistisch-leninistischen Theorie. “Die
Parteigeschichte als Wissenschaft erhob sich auf eine neue Stufe. Viele
führende Persönlichkeiten der Partei, Schüler und Mitstreiter Lenins, nahmen an
der Ausarbeitung einer wissenschaftlichen Geschichte der Partei und der
Oktoberrevolution teil”.121) Dieser Kampf förderte die theoretische
Bildung und politische Entwicklung der Parteien der Kommunistischen
Internationale.
Auf dem VII. Erweiterten
Plenum des EKKI (22. November - 16. Dezember 1926) ging Stalin noch einmal auf
die sozialdemokratische Abweichung in der KPdSU (B) (Referat am 7. Dezember
1926) ein.122) Allein der Umfang des Referates zeigt, welche
Bedeutung er diesem ideologischen Kampf beimaß. In diesem Referat gab es
unvermeidlich Wiederholungen von Aussagen, die er bereits auf der
Unionskonferenz der KPdSU (B) vier Wochen vorher gemacht hatte, die w.o.
dokumentiert sind und hier weggelassen werden können. Diese Wiederholungen waren
insofern unvermeidlich, als der Hörerkreis ein anderer war, und nicht
vorausgesetzt werden konnte, daß frühere Reden oder Artikel von Stalin schon
bekannt waren.
Aber es gab auch neue
Aspekte, die darzustellen sind. Stalin ging davon aus, daß die Geschichte der
KPdSU seit 1903 eine “Geschichte des Kampfes der Gegensätze innerhalb der
Partei, der Überwindung dieser Gegensätze und des allmählichen Erstarkens
unserer Partei” gewesen sei. Bei Fragen der “Tagespolitik”, Fragen “rein
praktischen Charakters” seien “Übereinkommen ... mit Andersdenkenden” möglich.
Aber bei “prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten” könne es “kein
Übereinkommen”, keine “mittlere Linie” geben. Dies wäre eine “ideologische
Entartung der Partei, die ‘Linie’ des ideologischen Todes der Partei“.123)
Der Kampf zur Überwindung der innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten sei
“ein Entwicklungsgesetz für alle einigermaßen großen Parteien...”124)
Dabei berief sich Stalin auf zwei Briefe von Engels an Bernstein vom 20.
Oktober 1882 und vom 8. Oktober 1885. Aus dem Brief vom Oktober 1882 zitierte
Stalin: “Es scheint, jede Arbeiterpartei eines großen Landes kann sich nur in
innerem Kampf entwickeln, wie das in dialektischen Entwicklungsgesetzen überhaupt
begründet ist. Die deutsche Partei wurde, was sie ist, im Kampf der Eisenacher
und Lassalleaner, wo ja die Keilerei selbst eine Hauptrolle spielte. Einigung
wurde erst möglich, als die von Lassalle absichtlich als Werkzeug gezüchtete
Lumpenbande sich abgearbeitet hatte - und auch da geschah sie unserseits mit
viel zu großer Übereilung. In Frankreich müssen die Leute, die zwar die
bakunistische Theorie geopfert, aber die bakunistischen Kampfmittel fortführen
und gleichzeitig den Klassencharakter der Bewegung ihren Sonderzwecken opfern
wollen, sich auch erst abarbeiten, ehe wieder Einigung möglich. Unter solchen
Umständen Einigung predigen wollen, wäre reine Torheit. Mit Moralpredigten
richtet man nichts aus gegen Kinderkrankheiten, die unter heutigen Umständen
nun einmal durchgemacht werden müssen.”125)
Zur Theorie “Sozialismus in
einem Land” fügte Stalin neue Aspekte hinzu. Es handele sich bei dieser Frage
nicht um “Montenegro”, auch nicht einmal um “Bulgarien”, sondern um die UdSSR.
Der Imperialismus habe in Rußland bestanden und sich entwickelt. Es habe ein
“bestimmtes Minimum” an Großindustrie gegeben, ein “bestimmtes Minimum” an
Proletariat. Es gäbe eine Partei, die das Proletariat führe. Ungeachtet der
technischen Rückständigkeit kann das Proletariat die Bourgeoisie aus “eigener
Kraft” überwinden, den Sozialismus aufbauen und ihn letzten Endes errichten.
Dies bedeutet nicht, “...etwa auf Erden das ‘Himmelreich’ und allgemeines
Wohlleben einzuführen ...”. Dies wäre eine “spießerhafte, kleinbürgerliche
Vorstellung.” ... “letzten Endes...” können “derartige Produktions- und
Distributions-bedingungen” geschaffen werden, “die direkt und unmittelbar zur
Aufhebung der Klassen führen”. Dies wäre nach Stalin (Dezember 1926! UH) in
einem Lande, in der UdSSR, möglich.126) Aber das Proletariat eines
Landes könne aus eigener Kraft nicht die internationale Bourgeoisie bezwingen,
was zum endgültigen Sieg des Sozialismus in einem Lande notwendig sei - oder
wenigstens die Neutralisierung der internationalen Bourgeoisie.127)
Die Interessen des Aufbaus des Sozialismus in der UdSSR verschmelzen sich mit
den Interessen der revolutionären Bewegung aller Länder zu einem gemeinsamen
Interesse, dem Sieg der sozialistischen Revolution in allen Ländern.
Stalin stellte die, wie sich
mehr als 60 Jahre später zeigen sollte, sehr wichtige Frage: “Was wäre die
Folge, wenn es dem Kapital gelänge, die Republik der Sowjets zu zerschlagen?
Eine Epoche der schwärzesten Reaktion würde über alle kapitalistischen und
kolonialen Länder hereinbrechen, man würde die Arbeiterklasse und die unterdrückten
Völker vollends knebeln, die Positionen des internationalen Kommunismus würden
liquidiert.”128)
Gorbatschow, seine Klientel
in der UdSSR und in der Kommunistischen Weltbewegung haben auf ihre Art diese
Voraussicht Stalins bestätigt. Sie rechtfertigt aber auch zugleich den
konsequenten Kampf Stalins gegen Trotzki und den Oppositionsblock, wobei erneut
darauf verwiesen werden muß, daß Stalin diesen Kampf nicht allein geführt hat
und auch allein nicht hätte mit Erfolg führen können. Es war ein Kampf der
Mehrheit im ZK, im Politbüro und der Mitgliedschaft, der “Basis”, wie wir heute
sagen würden, wobei Stalin in diesem Kampf seiner verantwortungsvollen Funktion
als Generalsekretär der Partei gerecht wurde, das Vertrauen der Partei besaß
und somit im theoretischen und praktisch-politischen Kampf die entscheidende
Rolle spielte.
Auch auf dem Plenum des EKKI
konnte sich Stalin auf die Mehrheit der Repräsentanten der Kommunistischen
Parteien stützen, die die Tätigkeit des Oppositionsblocks verurteilten, so P.
Sámard, B. Smeral, P. Togliatti, E. Thälmann, W. Kolarow, C. Zetkin, Sen
Katayama, L. Longo u.a..129)
Eine neue Fragestellung ergab
sich aus der “sogenannten ‘teilweise(n)’ Stabilisierung des Kapitalismus”.
Würde sie zur Verringerung oder gar zur Beseitigung der Möglichkeiten des
Aufbaus des Sozialismus in der UdSSR führen? Der Aufbau des Sozialismus in der
UdSSR unter den Bedingungen der NÖP und der relativen Stabilisierung des
Kapitalismus habe zu Berechnungen aller Arten von Ziffern geführt, die alljährlich
von den Organen der Partei und Sowjetmacht unter dem Aspekt des Anteils der
sozialistischen Wirtschaftsformen auf dem Gebiet der Industrie, der
Landwirtschaft und des Handels vorgenommen werden.
Die Fragen des Aufbaus des
Sozialismus in der UdSSR seien für die KPdSU (B), für das Proletariat und die
Komintern zur “aktuellsten Frage” geworden. “Bauen wir, um den Boden für die
bürgerliche Demokratie zu düngen oder um die sozialistische Gesellschaft zu
errichten - das ist jetzt die Kernfrage unserer Aufbauarbeit.”130)
Im Abschnitt über die
“Opposition an der Arbeit” verwies Stalin auf neue Erscheinungen, nämlich das
Bestreben der Opposition, eine “neue Partei”, eine “rein proletarische Partei”
zu gründen. Einer der Anhänger der Opposition, Herr Ossowski, erklärte, daß die
KPdSU (B) die Interessen der Kapitalisten vertrete. Auf dem Juliplenum des ZK
habe die Opposition gegen den Ausschluß Ossowski aus der Partei gestimmt, womit
die Opposition die “moralische Verantwortung” für Ossowskis Gründung einer “neuen
Partei” übernommen habe. Diese Idee einer “rein proletarischen Partei” mache
auch in Deutschland und Frankreich unter den Ultralinken Schule. So behauptete
Korsch, daß die sozialistische Industrie in der UdSSR eine “rein
kapitalistische Industrie”, die KPdSU (B) eine “kulakische” Partei, die
Komintern eine “opportunistische” Organisation sei. Korsch vertrete die
Auffassung, daß in der UdSSR eine “neue Revolution” gegen die bestehende
Staatsmacht notwendig sei.131) In Frankreich bezeichnete Souvarine
die Parteibürokratie, die führende Spitze der Partei, als “Hauptfeind der
Revolution”. Die “Rettung” sei nur durch eine “Neue Revolution” gegen “die
führende Spitze der Partei und der Sowjetmacht”, “vor allem gegen das
Sekretariat des ZK der KPdSU (B)” möglich.132) Der innere
Oppositionsblock wurde von Feinden der Sowjetmacht gelobt. Objektiv bildete der
Oppositionsblock eine Einheit mit den in- und ausländischen Feinden der
Sowjetmacht. Dafür führte Stalin mehrere Zitate aus sozialdemokratischen und
bürgerlichen Presseorganen an: Paul Levi schrieb, daß “unsere Stellung bei der
Opposition” sei. “Die Tatsache besteht, daß in Rußland wieder eine selbständige
antikapitalistische, klassenkämpferische Arbeiterbewegung einsetzt.”133)
(Leipziger Volkszeitung, 30. Juli 1926) Mit dieser “Arbeiterbewegung” war die
Opposition gemeint. Ein Führer der “russischen Sozialdemokratie”, der
Menschewiki Dan, setzte sich für eine Restauration des Kapitalismus in der
UdSSR ein. “Die bolschewistische Opposition bereitet durch ihre Kritik an der
bestehenden Ordnung, in der sie fast wörtlich die Kritik der Sozialdemokratie
wiederholt, die Geister vor ... für die Aufnahme der positiven Plattform der
Sozialdemokratie.” Und weiter: “Die Opposition zieht nicht nur unter den
Arbeitermassen, sondern auch unter den kommunistischen Arbeitern Keime von
Ideen und Stimmungen groß, die bei geschickter Pflege leicht
sozialdemokratische Früchte tragen können.” (Sozialistitscheski Wjestnik, Nr.
17/18) Das Zentralorgan der konterrevolutionären bürgerlichen Partei Miljukows,
“Poslednije Nowosti” schrieb über die Opposition: “Heute untergräbt die
Opposition die Diktatur, in jeder neuen Veröffentlichung der Opposition werden
immer ‘schrecklichere’ Worte gebraucht, die Opposition selbst macht eine
Evolution durch in Richtung immer schärferer Attacken gegen das herrschende
System, und das genügt zunächst, um sie dankbar zu begrüßen als Sprechrohr
breiter Schichten der politisch unzufriedenen Bevölkerung.” (Poslednije Nowosti
Nr. 1990) Und weiter: “Der schlimmste Feind für die Sowjetmacht ist jetzt
derjenige, der sich unbemerkt heranschleicht, sie mit seinen Fühlern von allen
Seiten erfaßt und sie liquidiert, bevor sie sich dessen bewußt wird. Gerade
diese, in der immer noch andauernden Vorbereitungsperiode unvermeidliche und
notwendige Rolle spielt die sowjetische Opposition.” (Poslednije Nowosti, Nr.
1983 vom 27. August d.J.)134)
Stalin zog die
Schlußfolgerung, daß sich objektiv die “Front der Opposition mit der Front der
Gegner und Feinde der Diktatur des Proletariats verschmolzen habe.135)
Trotzki stellte die Frage, ob
eine klassenlose Gesellschaft, in der es keinen Staat mehr gäbe, eine Armee zur
Verteidigung gegen äußere Feinde haben könne, d.h., ohne Staat gäbe es keine
Armee. Trotzki band also die Existenz einer Armee an den Staat. Stalin
antwortete, daß unter soziologischem Aspekt theoretisch ein solcher Zustand
denkbar sei, daß eine klassenlose Gesellschaft, in der es keinen Staat mehr
gäbe, eine sozialistische Miliz zur Verteidigung gegen äußere Feinde haben
kann. Er fügte den Satz hinzu: “Ich halte es für wenig wahrscheinlich, daß es
bei uns dazu kommen könnte...”136) Er glaube, daß es durch den
Einfluß des Aufbaus des Sozialismus in der UdSSR auf das Proletariat in den
kapitalistischen Ländern zu “revolutionären Explosionen” kommen werde, womit
sich diese Frage erübrige. Weder Marx, Engels noch Lenin haben jemals eine
solche Frage wie Trotzki gestellt. Sie ist spekulativ. Stalin hielt eine
“sozialistische Miliz” in einer klassenlosen Gesellschaft, ohne Staat, 1926 für
“denkbar”. Nun, denkbar ist vieles. Die von Trotzki gestellte Frage war auch
nur demagogisch. Diese Frage war 1926 und ist auch heute praktisch
gegenstandslos.
Stalin wies auf das Programm
der KPdSU (B) hin, wo es diesbezüglich heißt: “Die Rote Armee muß als Werkzeug
der proletarischen Diktatur notwendigerweise einen offenen Klassencharakter
tragen, das heißt sich ausschließlich aus dem Proletariat und den ihm
nahestehenden halbproletarischen Schichten der Bauernschaft formieren. Erst mit
der Aufhebung der Klassen wird sich eine solche Klassenarmee in eine
sozialistische Miliz des ganzen Volkes verwandeln”.137)
Stalin konfrontierte die
Stellung Kamenews und Sinowjews zum Trotzkismus mit ihren früheren Aussagen
über Trotzki. So schrieb Kamenew in seinem Beitrag “Partei und Trotzkismus” für
den Sammelband “Für den Leninismus” im Jahre 1925: “Gen. Trotzki ist zu dem
Kanal geworden, durch den die kleinbürgerlichen Elemente in unserer Partei
wirken...” Er sei “zu einem Symbol alles dessen geworden, was gegen unsere
Partei gerichtet ist...” Man müsse darüber aufklären, “daß man zwischen
Trotzkismus und Leninismus wählen muß, daß man den einen nicht mit dem anderen
vereinbaren kann,.. ”138) Sinowjew schrieb in “Bolschewismus und
Trotzkismus” in dem gleichen Sammelband 1925: Das Auftreten Trotzkis sei
“nichts anderes als ein bereits ziemlich offener Versuch der Revision oder
sogar der direkten Liquidation der Grundlagen des Leninismus....” In einen
Prawda-Artikel vom 5. Februar 1925 schrieb Sinowjew: “Wer behauptet, der
Trotzkismus könne eine ‘legale Schattierung’ in der bolschewistischen Partei
werden, der hört selbst auf, Bolschewik zu sein. Wer jetzt die Partei im Bunde
mit Trotzki aufbauen will, in Zusammenarbeit mit demselben Trotzkismus, der
offen gegen den Bolschewismus auftritt, der verläßt die Grundlagen des
Leninismus.”139)
Stalin stellte an Kamenew und
Sinowjew auf dem Plenum die Frage, ob sie bereit seien, diese Worte jetzt zu
wiederholen. Kamenew hatte in seiner Rede auf dem Plenum erklärt: “Wir stehen
zu Trotzki, weil er die Grundgedanken Lenins nicht revidiert. ”140)
Kamenaw und Sinowjew waren zum Trotzkismus übergegangen. Stalin faßte zusammen:
Der Oppositionsblock sei ein Sammelbecken und Hort aller und jeglicher
opportunistischer Elemente. Er habe die Fraktionsmacherei wieder aufgenommen,
belebe die Theorie von der Freiheit der Fraktionen in der Partei, führe den
Kampf gegen die Einheit der Partei, gegen ihre führenden Kader, für die Bildung
einer neuen Partei. Der Oppositionsblock sei der Keim einer neuen Partei
innerhalb der KPdSU (B), mit eigenem Zentralkomitee, eigenen parallelen lokalen
Komitees, erhebe besondere Mitgliedsbeiträge für ihre Kasse. “Die Aufgabe
besteht darin, diesen Block zu zerschlagen und ihn zu liquidieren.” Die Diktatur
des Proletariats in einem Lande bei gleichzeitiger Herrschaft des Imperialismus
in anderen Ländern kann unter solchen Bedingungen “keine einzige Minute
existieren ohne die Einheit der Partei, ohne daß die Partei mit einer eisernen
Disziplin gewappnet ist. Die Versuche, die Einheit der Partei zu
untergraben,... eine neue Partei zu schaffen, müssen mit der Wurzel ausgerottet
werden, wenn wir die Diktatur des Proletariats behaupten ...‚ den Sozialismus
aufbauen wollen. Deshalb besteht die Aufgabe darin, den Oppositionsblock zu
liquidieren und die Einheit unserer Partei zu festigen.”141) Auf dem
Plenum wurde einstimmig beschlossen, Sinowjew als Vorsitzenden des EKKI
abzusetzen und von seiner Arbeit in der Komintern zu entbinden.142)
Deutscher bemerkte über Sinowjew
und Kamenew: Sie “gaben später zu, daß sie die Kampagne (gegen die ‘permanente
Revolution’, UH) gestartet hatten, um Trotzki mit alten Zitaten aus Lenins
Schriften zu diskreditieren, in denen sich der Gründer der Partei gegen die
‘Permanente Revolution’ ausgesprochen hatte. Innerlich hatten sie jedoch keine
Einwände gegen die Grundzüge von Trotzkis Lehre zu erheben, die längst zum
alltäglichen Gedankengut der Partei gehörten. Ihre Angriffe gegen Trotzki waren
deshalb unaufrichtig und unecht.”143)
Zugleich bescheinigte
Deutscher Stalin eine “einzigartigen Hellhörigkeit für alle diese
psychologischen Unterströmungen in und um die Partei“.144)
Lassen wir die zarte
Umschreibung des Oppositionsblocks als “psychologische Unterströmungen”
beiseite, so bestätigt Deutscher auf seine Art die Legitimität des Kampfes
Stalins gegen die Opposition. Stalin erwies sich tatsächlich als “hellhörig”
gegenüber den Gefahren, die von Trotzki und dem Oppositionsblock für die
Existenz der UdSSR und für die Kommunistische Internationale ausgingen.
Erstmalig differenzierte
Stalin zwischen einem “alten” und “neuen” Trotzkismus in einer Rede auf dem
Plenum der kommunistischen Fraktion des Zentralrats der Gewerkschaften der
Sowjetunion am 19. November 1924.145) Der “alte” Trotzkismus habe
drei Besonderheiten:
Die Theorie der “permanenten
Revolution”, Leugnung der armen Bauernschaft als einer revolutionären Kraft,
während Lenin seinerseits die Idee der Diktatur des Proletariats und der
Bauernschaft vertrat. Der Leninismus weise nach Trotzki “antirevolutionäre
Züge” auf. In einem Brief an Tscheidse von 1913 schrieb Trotzki: “Das gesamte
Gebäude des Leninismus ist gegenwärtig auf Lüge und Fälschung aufgebaut und
trägt den Giftkeim seiner eigenen Zersetzung in sich.146)
Die Theorie von der
Möglichkeit des “Nebeneinanderlebens von Revolutionären und Opportunisten,
ihrer Gruppierungen und Grüppchen im Schoße einer gemeinsamen Partei.” Stalin
verwies auf den “Augustblock Trotzkis”, in dem Anhänger Martows, Otsowisten und
Liquidatoren mit Trotzki zusammenwirkten.
Erzeugen von Mißtrauen
gegenüber den Führern des Bolschewismus, der Versuch, sie zu diffamieren. Lenin
wird als “berufsmäßiger Ausbeuter jeglicher Rückständigkeit in der russischen
Arbeiterbewegung” charakterisiert.147) Diesen “alten” Ballast warf
Trotzki während der Oktoberrevolution 1917 ab, anders wäre eine Zusammenarbeit
mit ihm unmöglich gewesen und er wäre nicht in die Reihen der Bolschewiki
gelangt.
Der “neue” Trotzkismus ist
nicht eine einfache Wiederholung des “alten” Trotzkismus, er sei “weicheren
Geistes und gemäßigterer Form als der alte”. Trotzki ginge nicht mehr frontal
gegen den Leninismus an, sondern wirke nunmehr unter der Flagge des Leninismus,
der neu ausgelegt und verbessert würde.
Dies zeige sich in der Frage
der “permanenten Revolution”. Die Oktoberrevolution habe diese Theorie “voll
und ganz bestätigt”, woraus folge, daß der Leninismus vor der Oktoberrevolution
falsch gewesen wäre, der Leninismus danach richtig. Es war die schon w.o. genannte
“Zweiteilung des Leninismus”, den “Vorkriegsleninismus”, den “alten”,
“unbrauchbaren” Leninismus und den Nachkriegs-, Oktoberleninismus. Mit dieser
Zweiteilung des Leninismus
konnte Trotzki nunmehr unter
Berufung auf Lenin den Kampf gegen den Leninismus führen.148)
wollte der alte Trotzkisrnus
das bolschewistische Parteiprinzip mit Hilfe der Theorie (Praxis) einer Einheit
mit den Menschewiki untergraben. Der neue Trotzkismus erfand eine neue,
“demokratische” Theorie, nämlich die Theorie der Gegenüberstellung der alten
Kader und der jungen Parteimitglieder. Damit wurde die Parteigeschichte in zwei
ungleiche Teile zerlegt, die Zeit “vor dem Oktober” und die Zeit “nach dem
Oktober.” Die Geschichte vor dem Oktober sei eine Art “Vorgeschichte”, eine “nicht
sehr wichtige Vorbereitungeperiode”, die Geschichte nach der Oktoberrevolution
die richtige, “wirkliche”, “eigentliche” Geschichte der Partei. Mit diesem
Schema der Aufspaltung der Einheit der Partei zwischen alten und jungen Kadern
sollte die Partei zersetzt werden.149)
war der alte Trotzkismus
bemüht, Lenin mehr oder weniger offen zu diffamieren, während der neue
Trotzkismus sein Werk unter “dem Schein der Lobpreisung, unter dem Schein der
Verherrlichung Lenins” zu vollbringen sucht.150)
Stalin führt kurz das Buch
Trotzkis “Über Lenin” an, das Trotzki im April 1924 herausgegeben hatte. Darin
stellte Trotzki Lenin so dar, als “würde Lenin so gut wie nichts anderes getan
haben, als ‘bei jeder passenden Gelegenheit den Gedanken von der
Unvermeidlichkeit des Terrors einzuhämmern’. Es entsteht der Eindruck, als ob
Lenin der blutdürstigste aller blutdürstigen Bolschewiki gewesen wäre“.151)
Im Gegensatz zu Lenins Methode, der keine Entscheidung traf, ohne vorher ein
leitendes Kollegium mit einzubeziehen, stelle Trotzki Lenin als “eine Art
chinesischen Mandarin” dar, der die wichtigsten Fragen in der Stille seines
Arbeitszimmers aus Eingebung entscheidet.”152) Mit dieser Methode
verwandelte Trotzki den Riesen Lenin in einen “zwergenhaften Blanquisten“.153)
Auf dem XIV. Parteitag der
KPdSU (B) vom 18. - 31. Dezember 1925 gab Stalin eine Art “Abriß” der
bisherigen Geschichte der Auseinandersetzungen innerhalb der Partei.154)
Diesen “Abriß” gab er in einem Schlußwort, das immerhin 34 Seiten umfaßte,
woraus deutlich wird, wie ernst die Situation in der Partei gewesen sein muß.
Stalin unterschied zwischen den ideologischen Meinungsverschiedenheiten und dem
Bilden von Plattformen, Fraktionen.