
Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 3/03
Herausgeber:
Verein zur Förderung demokratischer Publizistik (i.G.)
Spendenempfehlung: 1,60 E
Stalin
als Theoretiker des Marxismus-Leninismus
Stalins Beiträge zur Parteitheorie, Heft I
Zum 50. Todestag Stalins am 5. März 2003
Von Ulrich Huar
Redaktionsnotiz
Ulrich Huar: Einleitung
Grundfragen der marxistisch-leninistischen Parteitheorie
Vorbemerkungen
1.1. Parteifragen vor der Oktoberrevolution
1.1.1. Verbindung der sozialistischen Ideologie mit der spontanen Arbeiterbewegung
1.1.2. Zur Organisationsfrage
1.1.3. Über das „Hereintragen“ des sozialistischen Bewußtseins in die Arbeiterklasse
1.1.4. Anarchismus oder Sozialismus
1.1.5. Einheit oder Spaltung der Partei
1.2. Die Parteifrage nach der Oktoberrevolution
1.2. l. Die Partei vor und nach der Eroberung der Macht
1.2.2. Über die Bolschewisierung der Parteien der Kommunistischen Internationale
1.2.3. Partei und Religion
1.2.4. Die Partei im System der Diktatur des Proletariats
1.2.5. Innerparteiliche Demokratie
1.2.6. Kritik und Selbstkritik
1.2.7. Quantität und Qualität
1.2.8. Über die Grundlagen des Leninismus. Vorlesungen an der Swerdlow-Universität (April bis Mai 1924)216)
Anmerkungen (Quellennachweise)
Wir führen die Reihe von
Ulrich Huar über die Beiträge Stalins zur Theorie des Marxismus-Leninismus
hiermit fort. Da wir uns aus Platzgründen sehr kurz fassen müssen, sei in Bezug
auf unsere Beweggründe für diese Veröffentlichungen sowie zur Information über
die Arbeitsweise sowie die Wahl der Darstellung durch den Autor auf das erste
Heft dieser Reihe („Beiträge zur Theorie der nationalen Frage“, Offensiv Heft
5/2002) verwiesen.
Das Thema der Parteitheorie
umfasst zwei Offensiv-Hefte.Für die Texterfassung danken wir den Genossinnen
und Genossen von der „Schriftenreihe der KPD“ sehr herzlich. Die Arbeiten von
Ulrich Huar zu Stalin erscheinen dort und bei uns parallel.
Zeitung-Machen kostet Geld.
Wir bitten deshalb um Spenden:
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Redaktion
Offensiv, Hannover
In der einschlägigen
Geschichtsliteratur ist wohl nichts mehr umstritten als die Theorie der
Leninschen Partei neuen Typus, die fälschlich Stalin zugeschrieben wird.1)
Dem bedeutenden Anteil Stalins an der Entwicklung und Stärkung der KPR (B)
/KPdSU, als der ersten Partei neuen Typus in der Weltgeschichte, ist die
vorliegende Arbeit gewidmet.
Marxistisch-leninistische
Parteien werden in der bürgerlichen, revisionistischen und trotzkistischen
Literatur als „stalinistisch“ gebrandmarkt, als die Inkarnation alles Bösen.
Dies steht von Anfang an fest und bedarf keinerlei weiterer Beweise. Selbst ein
auf seinem Gebiet der Rechtstheorie und Rechtsgeschichte so hervorragender
Wissenschaftler wie Uwe-Jens Heuer sah in der Entwicklung der SED Ende der 50er
Jahre eine Hinwendung „zur stalinistischen Partei neuen Typus.“2) Er
sei nach 1945 Marxist geworden, aber, es „war ein von Stalin überformter
Marxismus.“ Er räumt dabei ein, daß diese Überformung „in bestimmter
politischer Hinsicht wirksam“ gewesen sei.3) An anderer Stelle meint
er, Stalin habe im Gegensatz des „späten Lenins“ die „Entwicklungswidersprüche
im Volk, zwischen Arbeiterklasse und ihrem eigenen Staat, Fragen der Entfaltung
des Individuums nicht reflektiert.“4)
Heuer wandte sich mehrfach
gegen die Charakterisierung des Sozialismus als Stalinismus, wohl weil er darin
eine Diffamierung des Sozialismus sah.
Die Bezeichnung Stalinismus sei „letztendlich ein Vermächtnis Stalins. Er hat
bekanntlich nicht nur den Leninismus, sondern auch den Trotzkismus, den
Luxemburgismus erfunden.“5)
Man mag über die Verwendung
von Personennamen zur Bezeichnung von Theorien, politischen Konzeptionen oder
Strategien streiten, Stalin brauchte weder den „Leninismus“ noch „Trotzkismus“
noch „Luxemburgismus“ zu erfinden. Diese Theorien existierten und wurden von
konkreten politischen Personen und Gruppierungen gebraucht. Wer den Begriff
„Leninismus“, später „Marxismus-Leninismus“ als „erster“ geprägt hat, ist bis
heute noch nicht eindeutig zu beantworten, nebenbei auch nicht so wichtig. Wer
hat den Begriff „Marxismus“ geprägt? Marx bestimmt nicht. Der Begriff
„Leninismus“ haben auch Trotzki, Bucharin, Sinowjew, Kamenew u.a. verwendet,
nicht nur Stalin. Heuer kann seine Behauptung auch durch nichts belegen.
Nach dem Bucharin-Biograph,
Adolf G. Löwy, habe sich Bucharin in einer Gedenkrede nach Lenins Tod vor der
Akademie gegen den „Mythos vom Marxismus-Leninismus“ ausgesprochen. Bucharin
habe nicht vom Marxismus-Leninismus, sondern vom Marxismus Lenins gesprochen.6)
Nach Robert Steigerwald - im Gegensatz zu Löwy - habe Bucharin 1923 die
Formulierung Marxismus-Leninismus eingeführt.7)
Inwiefern die Bezeichnung
„Stalinismus“ ein „Vermächtnis Stalins“ sein soll, ist schon gar nicht
nachvollziehbar. Der Terminus „Stalinismus“ wurde meines Wissens erst nach der
berüchtigten Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU (14. -
25. Februar 1956) als antikommunistischer
Kampfbegriff geprägt und als
Totschlagskeule unterschiedslos gegen alle Kommunisten, selbst gegen völlig
harmlose kleinbürgerliche Reformisten geschwungen. Jedwede Kritik an der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung, jede Infragestellung des Kapitalismus
als System, wird programmatisch als „Stalinismus“ diffamiert.
Es ist schon verwunderlich,
daß Heuer als ein durchaus gewissenhafter Wissenschaftler, trotz seiner
Erfahrungen als Mitglied des Bundestages mit dem „Rechtssystem“ der BRD, der
mehrfach auf die Anwendung der historischen Analyse von Sachverhalten
orientiert, so unkritisch die Lügen Chruschtschows und Gorbatschows über Stalin
übernimmt. So habe die Rede Gorbatschows anläßlich des 70. Jahrestages der
Oktoberrevolution „und die dort erfolgte Abrechnung mit Stalin“ ihm „die
Flanke“ gestützt für seine „Auseinandersetzung mit Stalins Theorie.“8)
Desgleichen erstaunlich ist
die „Wertung“ Stalins von Eberhard Czichon und Heinz Marohn in ihrem ansonsten
gut recherchierten Buch „Das Geschenk“. Leider sind sie ihrer richtigen These,
wonach auch „die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte“ kritisch
hinterfragt werden soll, bezüglich Stalins nicht gerecht geworden. Auch sie
lehnen den Terminus „Stalinismus“ begründet ab. „Allerdings halten wir jeden
Versuch, Stalins Politik und seine Verbrechen wie auch immer zu rechtfertigen
oder auch nur zu verharmlosen und seine Ideologie als Lenins Erbe zu
interpretieren, wissenschaftlich und politisch ebenso für unverantwortlich wie
wir jede Anstrengung als unhistorisch zurückweisen, die Ursachen für die
eingetretenen Deformationen beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft auf
Lenin zurückführen zu wollen. Historisch hat sich erwiesen, daß Stalins Politik
zu einer verhängnisvollen Deformation beim sozialistischen Aufbau führte.“9)
Beweise für die „Verbrechen“
Stalins, für die „verhängnisvollen Deformationen“ der sozialistischen
Gesellschaft sind nicht mehr erforderlich, sondern „historisch“ erwiesen! Und
wehe dem, der dennoch wagt, die von der bürgerlichen antikommunistischen
Publizistik, von Chruschtschow, Gorbatschow, Trotzkisten, Anarchisten und
Revisionisten behaupteten „Verbrechen“ Stalins in Frage zu stellen, Stalins
Schriften als bedeutenden Bestandteil der marxistisch-leninistischen Theorie zu
würdigen.
Mit diesen durch nichts
bewiesenen Behauptungen haben Czichon und Marohn ihrerseits ein „Geschenk“ an
die antikommunistische Historiographie gemacht, sind ihrer Verantwortung als
marxistische Historiker nicht gerecht geworden. Die Liste von durchaus seriösen
Wissenschaftlern, die glauben, den Kolporteuren antikommunistischer Lügen über
Stalin noch immer Referenz erweisen zu müssen, ließe sich fortsetzen.
Letztendlich kommt dabei heraus, wie auch schon behauptet wurde, daß die
unbestreitbaren Erfolge der Sowjetunion „ohne“ - „trotz“ - „gegen“ Stalin
erzielt wurden. So behauptete Ilja Ehrenburg allen Ernstes, daß die „viele(n)
Heldentaten und Siege des Sowjetvolkes... wohl nicht ‘dank Stalins’, sondern
‘trotz Stalin’“ vollbracht wurden.10)
Darstellungen, die der Flut
antistalinscher Verleumdungen entgegenstehen, sind zur Zeit noch in der
Minderheit. Aber Quantität ist bekanntlich kein Kriterium für historische
Wahrheit. An erster Stelle sind hier die zahlreichen Schriften des
Faschismusforschers Kurt Gossweiler zu nennen, von denen hier nur auf zwei
verwiesen sei: „Wider den Revisionismus“ und die „Taubenfuß-Chronik“. Mit
wissenschaftlicher Akribie sind hier die Behauptungen Chruschtschows,
Gorbatschows und der Trotzkisten über Stalin als Lügen explizit widerlegt.
Gossweiler gebührt das Verdienst, zu den ersten Kommunisten zu gehören, die die
für die kommunistische Weltbewegung katastrophalen Auswirkungen des
Anti-Stalinismus erkannt und den Kampf gegen diese verbrecherische Politik und
Ideologie aufgenommen zu haben. „Der Anti-Stalinismus ist heute tatsächlich das
größte Hindernis für den Zusammenschluß der Kommunisten, wie er gestern der
Hauptfaktor der Zerstörung der kommunistischen Parteien und der sozialistischen
Staaten war.“11)
Eine historisch ausgewogene
Einschätzung der Politik Stalins gab die Publizistin Sahra Wagenknecht in einem
Artikel für die „Weißenseer Blätter“: Nicht zu leugnen ist, daß Stalins Politik
- in ihrer Ausrichtung, ihren Zielen und wohl auch in ihrer Herangehensweise -
als prinzipientreue Fortführung der Leninschen gelten kann. (Der
„stalinistische“ Staatsaufbau existierte in seinen Grundzügen ohnehin bereits
vor Stalins Machtantritt.) Welche Handlungsspielräume die Situation im
damaligen Rußland bot, muß angesichts der konkret historischen Bedingungen
untersucht werden. Eine solche Analyse wird vermutlich zu dem Schluß gelangen,
daß weder in Bucharins Lösungsansatz noch in dem Trotzkis (um nur zwei
prägnante Beispiele zu nennen) eine realisierbare Alternative zur Stalinschen
Linie vorlag. Und was immer man - berechtigt oder unberechtigt - gegen die
Stalin-Zeit vorbringen mag, ihre Ergebnisse waren jedenfalls nicht Niedergang
und Verwesung, sondern die Entwicklung eines um Jahrhunderte zurückgebliebenen
Landes in eine moderne Großmacht während eines weltgeschichtlich einzigartigen
Zeitraums; damit die Überwindung von Elend, Hunger, Analphabetismus,
halbfeudalen Abhängigkeiten und schärfster kapitalistischer Ausbeutung;
schließlich der Sieg über Hitlers Heere, die Zerschlagung des deutschen und
europäischen Faschismus sowie die Ausweitung sozialistischer
Gesellschaftsverhältnisse über den halben europäischen Kontinent.12)
Der parteilose
Theologieprofessor Hanfried Müller, Herausgeber der „Weißenseer Blätter“, wies
aus seiner Sicht mit Besorgnis auf die Auswirkungen des XX. Parteitages der
KPdSU hin: Zu den Bedingungen, unter denen sich das Kräfteverhältnis zwischen
Sozialismus und Imperialismus sowohl international zwischen den Staaten als
auch je innenpolitisch zu Ungunsten des revolutionären Prozesses verschob,
gehörten grundlegend die Fehlentscheidungen der KPdSU im Umkreis des XX.
Parteitages. Sie erschütterten zutiefst das revolutionäre Selbstbewußtsein der
ganzen kommunistischen Weltbewegung und damit zugleich das Zutrauen breiter
antiimperialistischer Kräfte. Bis dahin überzeugte Kommunisten wurden zu
Renegaten, und treue Bundesgenossen wandten sich voller Entsetzen ab. Danach
fanden das sozialistische Lager und viele kommunistische Parteien in Europa nie
wieder zu der Geschlossenheit und Prinzipien- Klarheit und -Festigkeit zurück,
deren sie zur Selbstbehauptung und zu weiterem Wachstum in jeder Beziehung
bedurft hätten.13)
Bei dem umfangreichen
Material erscheint es mir zweckmäßig, Stalins Beiträge zur Parteitheorie in
zwei große Abschnitte zu untergliedern. Erstens, zur marxistisch-leninistischen
Parteitheorie im allgemeinen, zweitens, der Kampf Stalins gegen die
parteifeindliche Opposition in der
KPdSU (B) von 1925 bis Ende der 30er Jahre. Im ersten Abschnitt werden
die innerparteilichen Kämpfe nur soweit tangiert, wie zum Verständnis
erforderlich. Den Kampf Stalins gegen feindliche Gruppierungen innerhalb der
Partei in einem gesonderten Abschnitt darzustellen, erscheint mir dadurch
gerechtfertigt, daß gerade dieser Kampf im Mittelpunkt bürgerlicher,
revisionistischer, antistalinscher Publizistik steht. Es ist dabei
unvermeidlich, daß das historisch-chronologische Prinzip dem
theoretisch-logischen untergeordnet werden mußte. Diesen Nachteil mußte ich in
Kauf nehmen.
Um es vorweg zu nehmen: Das
Verdienst der Ausarbeitung der Theorie der Partei neuen Typus gebührt Lenin.
Alle Vorwürfe an die Adresse der „stalinistischen“ Partei sind an Lenin zu
richten, was bürgerliche Autoren im Unterschied zu den Revisionisten und
Trotzkisten auch tun. Die Revisionisten schlagen auf die „stalinistische“
Parteikonzeption ein und berufen sich dabei auf Lenin, so Chruschtschow,
Gorbatschow und ihre Epigonen. Den Revisionisten geht es angeblich um die
„Wiederherstellung“ der „Leninschen Normen“ des Parteilebens. Anders können sie
Kommunisten nicht täuschen, sie nicht ideologisch entwaffnen und in das
kapitalistische Gesellschaftssystem integrieren. Die PDS-Größen haben dabei
Erstaunliches geleistet und ihre Partei folgerichtig in den politischen
Bankrott geführt. Das gleiche trifft auf die Reformisten in den einst starken
kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich zu, die sie zur Bedeutungslosigkeit
heruntergebracht haben. „Gut gewühlt, alter Maulwurf!“
Bezüglich der Parteifrage ist
auf die Kontinuität von Marx - Lenin - Stalin hinzuweisen. Ein Vergleich der
Statuten des Bundes der Kommunisten (1847), der Statuten der Internationalen
Arbeiterassoziation (1864) mit den Statuten der KPR (B) weisen diese
Kontinuität eindeutig nach.14) Die Grundideen, die in den genannten
Dokumenten enthalten sind, bilden allgemeingültige Axiome einer Kommunistischen
Partei: Proletarischer Charakter der Partei, Proletarischer Internationalismus,
Führung der Arbeiterklasse durch die Partei/ihre Rolle als Avantgarde,
Verbindung der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus mit der spontanen
Arbeiterbewegung; Errichtung der Diktatur des Proletariats als politischer Voraussetzung
zur Aufhebung des Privateigentums an Produktions- und Zirkulationsmitteln,
Aufhebung der Klassenteilung der Gesellschaft, demokratischer Zentralismus als
Organisationsprinzip, Errichtung der sozialistischen und kommunistischen
Gesellschaft. Sowohl die Statuten des Bundes wie die der KPdSU verlangten von
ihren Mitgliedern „entsprechende Lebensweise und Wirksamkeit“, „revolutionäre
Energie und Eifer der Propaganda“, „Bekennung des Kommunismus“ und
„Unterwerfung unter die Beschlüsse“ der Partei. Auch die Statuten des Bundes
der Kommunisten sahen bei Verletzung der Bedingungen der Mitgliedschaft den
Ausschluß sowie auch den Schutz der Partei vor Diversanten vor. Die
Kreisbehörden hatten über Verbrechen gegen den Bund zu richten und für die
Vollstreckung der Urteile zu sorgen; verdächtige Subjekte seien zu überwachen
und unschädlich zu machen.15)
Neben der Kontinuität von der
Marxschen zur Leninschen Parteiauffassung gibt es in letzterer allerdings auch
Neues. Mit dem Übergang des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum
Monopolkapitalismus und Imperialismus, dem hohen Grad der Konzentration von
Produktion und Kapital, dem hohen Organisationsgrad der imperialistischen
Herrschaftsapparate und der Kriegsgefahr nahm die Organisationsfrage bei Lenin
einen höheren Stellenwert ein als im 19. Jahrhundert. Mit dem Imperialismus
begann die Epoche der Kriege und proletarischen Revolutionen, des „Erwachens
Asiens“, die einen Epochenwandel einleiteten. Insofern war die Partei neuen
Typus eine Höherentwicklung zur Marxschen Partei des 19. Jahrhunderts. Mit der
Herausbildung von Großbetrieben mit mehr als 1.000 Arbeitern und Angestellten
reichte auch das Territorialprinzip der Organisation nicht mehr aus. Es kam
zusätzlich zur Bildung von Betriebsparteiorganisationen, die eine engere
Verbindung zwischen Partei und Arbeitern/Angestellten direkt am Arbeitsplatz
ermöglichten. Das Fraktionsverbot (X. Parteitag der KPR/B) März 1921 innerhalb
der Partei erwies sich zum Schutz der Partei, zur Wahrung ihres Charakters nach
der Eroberung der politischen Macht in Rußland als notwendig, stellt jedoch
kein allgemeingültiges Axiom der Parteitheorie dar.
Der Begriff „Partei neuen
Typus“ ist in den Schriften Lenins bis 1915 nicht zu finden. Meines Wissens
erscheint er erstmalig in seinem Artikel „Was weiter? (Über die Aufgaben der
Arbeiterparteien gegenüber Opportunismus und Sozialchauvinismus)“ vom Januar
1915: „Der Typus der sozialistischen Parteien der Epoche der II. Internationale
war die Partei, die in ihrer Mitte einen Opportunismus duldete, der sich in den
Jahrzehnten der ‘friedlichen’ Periode immer mehr ausbreitete, aber im
Verborgenen blühte, der sich den revolutionären Arbeitern anpaßte, von ihnen
ihre marxistische Terminologie übernahm und jeder klaren, prinzipiellen Abgrenzung
aus dem Weg ging. Dieser Typus hat sich überlebt.“16)
Bezüglich der europäischen
Parteien meinte Lenin 1922, daß die „Umgestaltung des alten Typus der
parlamentarischen, in Wirklichkeit reformistischen und nur leicht revolutionär
übertünchten europäischen Partei zu einem neuen Typus der Partei, zu einer
wirklichen revolutionären, wirklich kommunistischen Partei eine außerordentlich
schwierige Sache sei.“17. Seit dieser Zeit wird die Leninsche Partei
als „Partei neuen Typus“ bezeichnet. Der englische Historiker Eric Hobsbawm
schreibt: „Die Macht der revolutionären Bewegungen beruhte auf der
kommunistischen Organisationsform nach Lenins ‘neuen Parteitypus’, einer gewaltigen Innovation für die
Gesellschaftskonstruktion des 20. Jahrhunderts, vergleichbar nur mit der
Begründung der christlichen Klosterkultur und anderer Orden des Mittelalters.
Selbst kleine Organisationen konnten dadurch unverhältnismäßig starke
Wirkungskraft entfalten, denn mehr noch als militärische Disziplin und
Zusammenhalt gelang es der ‘Partei’, von ihren Mitgliedern ein
außerordentliches Maß an Hingabe und Selbstaufopferung und die vollständige
Konzentration auf die unbedingte Ausführung aller Parteibeschlüsse
einzufordern. Sogar gegnerische Beobachter waren davon tief beeindruckt.“18)
Die „Partei neuen Typus“ ist ihrem Wesen nach die alte Partei von Marx und
Engels unter den Bedingungen des Imperialismus, der proletarischen Revolutionen
und des Aufbaus des Sozialismus. Sie wurde geschaffen im Kampf gegen
Revisionismus, Trotzkismus, Anarchismus und anderen Abweichungen vom Marxismus.
An der Ausarbeitung und Politik der Partei neuen Typus durch Lenin hatte Stalin
mit eigenständigen Beiträgen einen Anteil.
Erste Äußerungen Stalins zur
Parteitheorie finden sich in dem Artikel „Die Sozialdemokratische Partei
Rußlands und ihre nächsten Aufgaben“ in der Zeitung „Brdsola“ („Der Kampf“) Nr.
2/3, November/Dezember 1901. Dieser Artikel trägt keine Unterschrift, was unter
den Bedingungen der Illegalität ganz normal war. Isaak Deutscher meint, daß
dieser Artikel „wahrscheinlich“ von mehreren Autoren geschrieben worden sei,
daß Stalin aber „wahrscheinlich“ „maßgeblich mitgearbeitet“ habe.19)
Deutscher erklärt aber nicht, wie er zu dieser Annahme gelangt. Auf diese Weise
kann man die Autorenschaft vieler Artikel - nicht nur von Stalin - in Frage
stellen, die unter illegalen Bedingungen geschrieben wurden und deren Verfasser
allen Grund hatten, ihre Artikel nicht oder nur mit einem Pseudonym zu
unterzeichnen. Einleitend erfolgt eine historisch-kritische Würdigung der
westeuropäischen utopischen Sozialisten, R. Owen, Louis Blanc, Fourier. Da
Stalin als Georgier neben seiner Muttersprache nur eine Fremdsprache, Russisch,
beherrschte, konnte er Kenntnisse über die westeuropäischen Utopisten nur über
Übersetzungen erhalten haben. Deutscher muß einräumen, daß Stalin, wenn auch
aus „zweiter Hand“, die Entwicklung der westeuropäischen, besonders der
deutschen, Sozialdemokratie „sehr genau“ verfolgte.20)
Die Hauptaufgabe der
russischen Sozialdemokratie sah Stalin in völliger Übereinstimmung mit Lenin
darin, „das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu entwickeln... den getrennten und
zersplitterten Kampf einzelner Arbeitergruppen gegen die einzelnen Unternehmer
zu vereinigen, ihn zu einem gemeinsamen Klassenkampf zu verschmelzen... .“21)
Es ist hier der Gedanke von der Verbindung der sozialistischen Ideologie mit
der spontanen Arbeiterbewegung, den Lenin zur gleichen Zeit in der „Iskra“ und
ein Jahr später in seiner Schrift „Was tun?“ ausführlich begründete, enthalten.
In diesem Kontext kritisierte Stalin die „sogenannten Bernsteinianer“, für die
die Bewegung alles, das Endresultat nichts sei. So wandte sich Stalin gegen die
„Groschenpolitik“ der russischen Revisionisten, wie sie in einem Artikel in der
Petersburger Zeitung „Rabotschaja Myssl“ zum Ausdruck kam, wonach „Unser
politisches Programm... im ‘Zehnstundentag’ und der ‘Wiedereinführung der durch
das Gesetz vom 2. Juni (1897 UH) abgeschafften Feiertage’“ bestünde.22)
Stalin orientierte die Partei
auf den Übergang von der Propaganda in Zirkeln und ökonomischen Streiks zum
politischen Kampf, zur politischen Agitation. Die zaristische Selbstherrschaft
unterdrücke nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Bauern, die
nichtrussischen Nationen und Nationalitäten und die Angehörigen anderer
Glaubensbekenntnisse, die mögliche Bündnispartner in einer demokratischen
Revolution seien können. Er kritisierte die Taktik der Bourgeoisie, den Kampf
gegen den Zarismus auf dem Rücken der Arbeiter auszutragen, um dann selbst die
politische Macht zu übernehmen. Die Bourgeoisie aller Länder und Nationen
verstünde es sehr wohl, „mit fremden Fingern die Glut aus dem Ofen kratzen zu
lassen... .“ Sie räume „mit Vergnügen der Arbeiterklasse und überhaupt dem
einfachen Volk das Recht ein, den Rücken hinzuhalten, wo die Peitschen der
Kosaken sausen oder die Kugeln der Soldaten pfeifen, auf den Barrikaden zu
kämpfen... .“ Sie „sympathisiere“ mit diesem Kampf und „empöre“ sich über die
„Grausamkeiten“ des Feindes. Aber erst wenn die „Ohnmacht des Feindes“ klar
erkennbar sei, ginge sie selbst zu revolutionären Maßnahmen über.23)
An anderer Stelle ging Stalin
auf das Verhältnis der Arbeiter zur Bourgeoisie ein. Die Bourgeoisie räume den
Arbeitern lediglich die „Rolle einer Hilfskraft“ ein. Die Arbeiterbewegung
solle sich auf den ökonomischen Kampf beschränken, den politischen Kampf jedoch
der „Intelligenz“ überlassen. Wie die Geschichte lehre, sollten die Arbeiter
nur „für die Bourgeoisie die Kastanien aus dem Feuer“ holen. Die Bourgeoisie
lebe in „ständiger Furcht vor dem ‘roten Gespenst des Kommunismus’“ und bemühe
sich „in allen Revolutionen die Sache dort enden zu lassen, wo sie eigentlich
erst beginnt.“24) Damit war bereits 1901 die Frage nach dem Hegemon
in der bürgerlich-demokratischen Revolution unter den neuen Bedingungen des
Imperialismus beantwortet. Stalin orientierte auf die „führende Rolle“ der
Arbeiterklasse in der bürgerlich-demokratischen Revolution, und damit die
Arbeiterklasse diese führende Rolle übernehmen könne, bedürfe es der
selbständigen politischen Partei.“25)
Ein Teil der Studenten kämpfe
mit Entschlossenheit für seine Forderungen. Man dürfe aber nicht vergessen, daß
auch dieser Teil aus den Söhnen der unterdrückten Bürger besteht. Solange die
Studentenschaft noch nicht im praktischen Leben aufgegangen, noch keine
bestimmte gesellschaftliche Stellung eingenommen habe, neige sie idealen
Bestrebungen zu, riefe sie „zum Kampf für die Freiheit“ auf. Die Studenten
traten in dieser Zeit (vor 100 Jahren in Rußland UH) in der demokratischen
Bewegung „fast als Leiter, als Vortrupp“ auf, um die sich „der unzufriedene Teil
der verschiedenen Gesellschaftsklassen“ gruppierte. Die Regierung zog
streikende Studenten als Rekruten ein. Die Studenten gingen zu
Straßendemonstrationen über. Aus den politischen Demonstrationen - nicht nur
derjenigen der Studenten - gewann Stalin die Einsicht, daß sie nicht
niedergeschlagen werden können. Das gemeinsame Banner, unter denen die
Demonstrationen verliefen und die die Teilnehmer aus verschiedenen Klassen
vereinigte, war der Sturz der Selbstherrschaft. Selbst wenn die
Straßendemonstrationen auch keine direkten Resultate zeigten, die Regierung so
manches Mal als Sieger hervorginge, so seien dies „Pyrrhussiege“. „Noch einige
solcher Siege - und die Niederlage des Absolutismus ist sicher.“
Die Staatsgewalt sei genauso
überzeugt, wie wir, daß die Straßenagitation das Todesurteil für sie sei, „daß
nur noch zwei bis drei Jahre zu vergehen brauchen, bis sich das Gespenst der
Volksrevolution vor ihr erhebt.“26) Eine bemerkenswerte Prognose des
22jährigen Stalins. Vier Jahre später erhoben sich die werktätigen Massen
Rußlands zur demokratischen Revolution. Deutscher meint zu dieser Arbeit des
Zweiundzwanzigjährigen, daß sie „kein literarisches Meisterwerk“ sei,
verglichen mit den Arbeiten Lenins und Plechanows, aber für kaukasische
Verhältnisse sei sie eine Leistung. Der Aufsatz in „Brdsola“ gehöre „zum
Besten, was Stalin innerhalb eines halben Jahrhunderts geschrieben“ habe.27)
Aus den beiden „Briefen aus
Kutais“ vom Oktober 1904 gehen die enge Verbindung und der Gedankenaustausch
zwischen Lenin und Stalin bezüglich von Grundfragen der Parteitheorie deutlich
hervor. Es ging um das Verhältnis von Spontaneität und Bewußtsein. Die Theorie
des Sozialismus kann nicht spontan aus der Bewegung der Massen entstehen. Sie
wird „‘ganz unabhängig von der Entwicklung der spontanen Bewegung’
ausgearbeitet, sogar trotz dieser Bewegung, und danach erst in diese Bewegung
von außen hineingetragen, wobei sie die Bewegung entsprechend ihrem Inhalt
korrigiert, d.h. entsprechend den objektiven Anforderungen des Klassenkampfes
des Proletariats.“ Das Proletariat muß „zum Bewußtsein der wahren
Klasseninteressen“, zur „Erkenntnis des sozialistischen Ideals“ geführt werden.28)
Der Hintergrund dieser Briefe aus Kutais war die Auseinandersetzung Lenins mit
Kautsky, Rosa Luxemburg, Plechanow, Axelrod und Wera Sassulitsch bezüglich des
Problems „Führer und Massen“, bewußte Führung der Massen durch die Partei, oder
„Spontaneitätstheorie“, nach der die Führer den spontanen Kämpfen der Massen
folgen.29)
Von Bedeutung für die
Ausarbeitung der Leninschen Parteitheorie war die Arbeit von Stalin „Die Klasse
der Proletarier und die Partei der Proletarier (Zu Punkt 1 des Parteistatuts)“
vom 1. Januar 1905. Auf dem II. Parteitag der SDAPR (17. Juli bis 10. August 1903
in Brüssel und London) kam es zu einer scharfen Kontroverse zwischen den
marxistischen Kräften und den Opportunisten in der Partei. Der Streit
entzündete sich um eine entscheidende Organisationsfrage der Partei, der Frage
nach der Mitgliedschaft in der Partei, um die Formulierung des $ 1 des
Parteistatuts. Auf diesem Parteitag bildeten sich die beiden Strömungen heraus,
Bolschewiki und Menschewiki, die Leninisten und Opportunisten, die sich
unversöhnlich gegenüberstanden. Auf der Prager Parteikonferenz 1912 führte
dieser Kampf zur Trennung der Bolschewiki von den Menschwewiki. „Die
Meinungsverschiedenheiten“, schrieb Lenin, „die diese beiden Flügel gegenwärtig
voneinander trennen, laufen hauptsächlich nicht auf programmatische und nicht
auf taktische, sondern nur auf organisatorische Fragen hinaus.“ Lenin
bezeichnete das „System der Anschauungen“ der um Martow gruppierten Genossen
als „Opportunismus in organisatorischen Fragen.“30)
Stalin war auf dem Parteitag
nicht anwesend und konnte sich erst mit diesem Artikel zu Wort melden. Die
Protokolle des II. Parteitages muß er gekannt haben, sonst hätte er sich in
seinem Artikel nicht so ausführlich mit den Auffassungen Martows
auseinandersetzen können. Ob er Lenins Schrift „Ein Schritt vorwärts, zwei
Schritte zurück“, veröffentlicht im Mai 1904, kannte, muß ich offen lassen. Er
hat Lenin nur einmal angeführt, während er sich mit Martow sehr ausführlich
auseinandergesetzt hat. Die Argumentation Stalins gegen Martow unterscheidet
sich auch von der Lenins. Sie ist in einigen Aspekten noch schärfer.
Stalin faßte die Partei der
Proletarier als eine „Kampfgruppe von Führern“ auf. Erstens muß sie nach ihrer
Mitgliederzahl viel kleiner sein als die Klasse der Proletarier, sie muß
zweitens nach ihrem Klassenbewußtsein und ihrer Erfahrung nach höher stehen als
die Klasse der Proletarier, sie muß drittens eine geschlossene Organisation
darstellen. Stalin betonte die Partei als eine „geschlossene zentralisierte
Organisation“, damit sie das kämpfende Proletariat nach einem einheitlichen
Plan führen kann.31) Unter diesem Aspekt „geschlossene,
zentralisierte Organisation“ stellte Stalin die Frage nach der Mitgliedschaft,
dem § 1 des Parteistatuts. Die Einheit von programmatischen, taktischen und
organisatorischen Ansichten ist der Boden der Partei. Nur auf der Einheit
dieser drei Ansichten können sich die Parteimitglieder zu einer zentralisierten
Partei zusammenschließen. „Zerfällt die Einheit der Ansicht, so zerfällt auch
die Partei.“ Folglich kann nur Parteimitglied sein, der das Parteiprogramm, die
Taktik, das Organisationsprinzip „restlos akzeptiert.“32)
Gegen Schwätzer gewandt, die
in einer Kampfpartei nichts zu suchen haben, müsse ein Parteimitglied
darangehen, die genannten Ansichten auch zu verwirklichen, sie in die Tat umzusetzen.
Die Partei sei eine Organisation von Führern, keine Anhäufung von
Einzelgängern.33) Von den Parteimitgliedern sei zu fordern, daß die
„persönlichen Interessen mit den Interessen der Partei verschmelzen.“ Die
Partei sei „eine Festung“, deren Tore sich nur Erprobten öffnen.34)
Ausführlich wandte er sich gegen Martow, dessen Formulierung des § 1 die Partei
jedem Sympathisierenden öffnen würde, von dem nicht verlangt werde, in einer
Parteiorganisation und unter deren Kontrolle mitzuarbeiten, also nicht der
Parteidisziplin unterworfen wäre. In Übereinstimmung mit Lenin argumentierte
Stalin, daß Professoren und Studenten, denen die Unterordnung unter die
Parteidisziplin schwer falle, „die sich nicht entschließen können, ihre Wünsche
den Wünschen der Partei unterzuordnen“, nicht in die Partei aufgenommen werden
können. Martow, dem es gerade um die Aufnahme von diesen Intellektuellen ginge,
ohne von ihnen die Unterordnung unter die Parteidisziplin zu fordern - da sie
sonst der Partei fernbleiben würden - öffnete damit die Türen dem
Opportunismus, „zu einer Zeit, wo Tausende von Feinden das Klassenbewußtsein
des Proletariats bedrängen.“35)
Aus dem in diesem Halbsatz
genannten Sachverhalt ergibt sich offenbar die Schärfe der Stalinschen
Argumentation. Stalin erlebte die Unterdrückung durch die Selbstherrschaft am
eigenen Leibe. Er war häufig in der Verbannung, in Gefängnissen oder auf der
Flucht. Er mußte unter den Bedingungen der Illegalität arbeiten, ständig auf
der Hut sein. Unter diesen Bedingungen konnte die Partei tatsächlich nur
existieren, kämpfen und das Proletariat führen, wenn sie zentralistisch
organisiert wurde und eine eiserne Disziplin herrschte. Für intellektuelle
„Sympathisanten“, die die Disziplin nur vor den anderen, den den „niederen
Klassen“ angehörenden Parteimitgliedern verlangten, selbst aber „über den
Dingen“ standen, war in einer revolutionären Kampfpartei unter den genannten
Bedingungen kein Platz.
Stalin war sich darüber im
klaren, daß es einem Menschen schwer falle, sich mit diesen Bedingungen
einverstanden zu erklären, „ist es doch kein Spaß, seine Wünsche den Wünschen
der Partei unterzuordnen.“36) Stalin ging in seinen Forderungen
offenbar über die von Lenin in seiner Schrift „Ein Schritt vorwärts, zwei
Schritte zurück“ formulierten noch hinaus. Lag die Ursache dafür darin, daß
Stalin den Kampf in der Illegalität unter den w.o. genannten Bedingungen
führte, während Lenin in der Emigration - sicher auch kein Vergnügen - deren
Druck nicht unmittelbar ausgesetzt war? Stalin wies selbst darauf hin, daß er
sich in seinen Formulierungen von Lenin unterschied:
„In Martows Formulierung ist,
wie wir wissen, nur von der Annahme des Programms die Rede, von der Taktik und
der Organisation aber kein Wort, während für die Einheit der Partei die Einheit
der organisatorischen und taktischen Ansichten in demselben Maße notwendig ist
wie sie Einheit ihrer programmatischen Ansichten. Man wird uns sagen, auch in
der Formulierung des Genossen Lenin werde hiervon nicht gesprochen. Richtig!
Aber in der Formulierung des Genossen Lenin ist es ja auch nicht notwendig,
darüber zu sprechen! Ist es nicht von selbst klar, daß derjenige, der in einer
der Parteiorganisationen arbeitet, also auch gemeinsam mit der Partei kämpft
und sich der Parteidisziplin fügt, keiner anderen Taktik und keinen anderen
Organisationsprinzipien folgen kann als der Taktik der Partei und den
Organisationsprinzipien der Partei? Was aber werdet ihr von einem
„Parteimitglied“ sagen, das das Parteiprogramm akzeptiert hat, jedoch keiner
Parteiorganisation angehört? Welche Garantie ist gegeben, daß dieses „Mitglied“
die Taktik und die organisatorischen Ansichten der Partei vertreten wird, und
keine anderen?! Das ist es, was uns Martows Formulierung nicht erklären kann!
Martows Formulierung muß die Folge haben, daß uns eine seltsame „Partei“ in den
Händen bleibt, deren „Mitglieder“ das gleiche Programm haben (das ist noch eine
Frage!), während ihre taktischen. und organisatorischen Ansichten verschieden
sind! Eine ideale Vielfältigkeit. Wodurch wird sich dann unsere Partei von
einem Bankett unterscheiden?“37)
Die Frage der Parteidisziplin
beschäftigte Lenin und Stalin noch in weiteren Schriften.
Ein Jahr später, April/Mai
1905 setzte sich Stalin erneut mit Parteifragen in seiner Broschüre „Kurze
Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei“ auseinander.38)
In Übereinstimmung mit Lenin ging Stalin davon aus, daß nur zwei Ideologien in
unserer Zeit existieren, die bürgerliche und die sozialistische. Die
bürgerliche Ideologie sei viel älter, verbreiteter, habe tiefere Wurzeln im
Leben geschlagen als die sozialistische. Das gesellschaftliche Leben sei von
der bürgerlichen Ideologie „durchtränkt.“ Es sei viel leichter, die bürgerliche
Ideologie zu verbreiten als die sozialistische.39)
Diese Feststellung galt nicht
nur für das Rußland im Jahre 1905. Das Verhältnis in der Durchsetzung der
sozialistischen Ideologie gegenüber der bürgerlichen ist abhängig von ganz konkreten
Bedingungen. Nach der Zerstörung des europäischen Sozialismus ist es in Europa
und in den USA sehr schwierig, im Kampf gegen die übermächtig erscheinenden
bürgerlichen Medien die sozialistische Ideologie wenigstens in Grundzügen noch
zu behaupten. Auch in unserer Zeit ist die Gesellschaft von der bürgerlichen
Ideologie, man kann sagen, „von Kopf bis Zeh“, durchtränkt. Insofern ist die
Auseinandersetzung zwischen Bolschewiki und Menschewiki in Rußland vor hundert
Jahren noch immer aktuell. Die bürgerlichen Ideologen würden „nicht
schlummern“, sie verkleiden sich auf ihre Art als Sozialisten und versuchen
unermüdlich, die Arbeiterklasse der bürgerlichen Ideologie zu unterwerfen.40)
Die Rolle, die damals die Menschewiki in der russischen und internationalen
Arbeiterbewegung spielten, haben heute die „Reformer“ in der PDS und in vormals
starken europäischen kommunistischen Parteien übernommen.
Die Arbeiterklasse fühle sich
spontan zum Sozialismus hingezogen, aber die bürgerliche Ideologie dränge sich
trotzdem spontan dem Arbeiter auf. Darum müsse die Partei die Arbeiterbewegung
mit dem Sozialismus vereinigen. Die Arbeiterklasse würde sich natürlich
„irgendeinmal, nach langen Irrungen und Qualen“ durch die spontane Bewegung
auch „ohne Hilfe der Sozialdemokratie durchsetzen, bei den Toren der sozialen
Revolution anlangen.“41) Der wissenschaftliche Sozialismus sei ohne
Arbeiterbewegung nichts, aber die Arbeiterbewegung sei ohne wissenschaftlichen
Sozialismus ein Schiff ohne Kompaß, „das auch so am andern Ufer landen wird...“
jedoch mit dem Kompaß ginge es schneller.42) Diese Aussagen, wonach
die spontane Bewegung auch zum Sozialismus führen würde, ist heute, nach
hundert Jahren, nicht mehr aufrechtzuerhalten. Eine ähnliche Aussage habe ich
in späteren Arbeiten von Lenin und Stalin auch nicht mehr gefunden.
Der Schwerpunkt der
Argumentation lag bei Lenin („Was tun?“) und Stalin auf der Begründung der
Notwendigkeit des Hineintragens der sozialistischen Ideologie in die
Arbeiterklasse, der Verbindung von sozialistischer Theorie mit der spontanen
Arbeiterbewegung, da sich die Arbeiter spontan nicht den wissenschaftlichen
Sozialismus aneignen können. Die Theorie wird von Intellektuellen
ausgearbeitet, von Wissenschaftlern, die über die nötige Ausbildung, über das Wissen
ihrer Zeit verfügen. Die Theorie entsteht außerhalb der Arbeiterbewegung und
muß in diese hineingetragen werden. Damit wandte sich Stalin wieder der Frage
nach den Gelehrten, den Intellektuellen zu. Die Intellektuellen entstammten zum
überwiegenden Teil dem Bürgertum. „Der größte Teil der Gelehrten“, meinte
Stalin, betrachte die Arbeiterbewegung als „eine Rebellion Widerspenstiger“,
„die man mit der Peitsche zur Vernunft bringen sollte.“ Andere meinten, es sei
„Pflicht der Reichen“, „den Armen irgendwelche Brosamen zuzuteilen,
betrachteten die Arbeiterbewegung als eine „Bewegung von Bettlern, deren Ziel
es sei, Almosen zu erhalten.“ Unter „tausend solcher Gelehrten wird sich
vielleicht nur einer finden, der an die Arbeiterbewegung wissenschaftlich herangeht.“43)
Stalin zitierte aus einem
Artikel Kautskys, der in Lenins „Was tun?“ abgedruckt war, wonach das „moderne
sozialistische Bewußtsein“ nur „auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht“
entstehen kann. „Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat,
sondern die bürgerliche Intelligenz.“
In „einzelnen Mitgliedern“
dieser Schicht sei der moderne Sozialismus entstanden und durch sie erst
„geistig hervorragenden Proletariern“ vermittelt worden, „die ihn dann in den
Klassenkampf des Proletariats hineintragen. Das sozialistische Bewußtsein sei
also etwas von außen in den Klassenkampf des Proletariats Hineingetragenes“, es
sei nicht „urwüchsig“ in ihm entstanden.44) Desgleichen berief sich
Stalin auf eine andere Aussage von Kautsky (zitiert bei Lenin: „Ein Schritt
vorwärts, zwei Schritte zurück“, UH) bezüglich der Parteidisziplin. Der
Proletarier sei nichts als isoliertes Individuum. Seine Kraft, Erwartungen und
Hoffnungen schöpfe er aus der Organisation. Daraus folge, daß der Proletarier
„sein Pflicht auf jeden Posten, auf den er gestellt wird, in freiwilliger
Disziplin“ erfülle.
Der Literat dagegen füge sich
nur mit großer Mühe der Parteidisziplin, nur aus Nötigung und nicht aus gutem
Willen. „Die Notwendigkeit der Disziplin erkennt er nur für die Masse, nicht
für auserlesenen Geister an.“ Er selbst rechnet sich natürlich zu den
letzteren.45)
Bezüglich der Rolle der
Intellektuellen in der Arbeiterbewegung zeigt sich auch hier Kontinuität von
Marx/Engels zu Lenin und Stalin, auch über Kautsky, solange letzterer noch
Marxist war. In dem bekannten „Zirkularbrief“ von Marx und Engels an Bebel,
Liebknecht, Bracke und andere vom 17./18. September 1879 unterbreiteten sie
Kriterien für die Aufnahme von Intellektuellen aus dem Bürgertum in die Partei:
„1. müssen diese Leute, um der proletarischen Bewegung zu nutzen, auch
wirkliche Bildungselemente mitbringen.“ 2. dürfen sie „keine Reste von
bürgerlichen, kleinbürgerlichen etc. Vorurteilen mitbringen, sondern sich die
proletarische Anschauungsweise unumwunden aneignen.“ Solche Intellektuellen,
die in bürgerlichen und kleinbürgerlichen Vorstellungen befangen sind, sind „in
einer Arbeiterpartei... ein fälschendes Element. Sind Gründe da, sie vorderhand
darin zu dulden, so besteht die Verpflichtung, sie nur zu dulden, ihnen keinen
Einfluß auf Parteileitungen zu gestatten, sich bewußt zu bleiben, daß der Bruch
mit ihnen nur eine Frage der Zeit ist.“ In einem kleinbürgerlichen Land wie
Deutschland hätten sie das Recht, sich als „sozialdemokratische
Kleinbürgerpartei“ zu konstituieren, mit denen man ja verhandeln und je nach
Umständen Kartell schließen könne.46)
Es ist interessant, daß schon
in dieser Zeit ein Vertreter der kaukasischen Menschewiki behauptete, daß der
„Leninismus dem Marxismus von Grund aus widerspricht.“47) Diese
Behauptung ist also nicht neu, inzwischen schon hundert Jahre alt. Ist der
Begriff „Leninismus“ vielleicht von einem Menschewiki erstmalig geprägt worden?
Deutscher meint zu diesem
Artikel Stalins, es gäbe „...kein Zweifel darüber, daß Stalin ein
unerbittlicher Leninist war.“48) Dem ist zuzustimmen. Es gab demnach
auch bei Deutscher keinen Bruch zwischen Leninscher und Stalinscher
Parteitheorie.
Die Fragen Zentralismus -
Mitgliedschaft in der Partei - Verbindung von wissenschaftlichem Sozialismus
mit der spontanen Arbeiterbewegung - sozialistische und bürgerliche Ideologie
wurden in mehreren Artikeln sowohl von Lenin als auch von Stalin wiederholt
behandelt, wobei auch neue Aspekte hinzugefügt wurden. So in Stalins Artikel
„Antwort an den ‘Sozialdemokrat’“ vom 15. August 190549), den Lenin
in einem Artikel vom 24. Oktober 1905 kurz reflektierte, wobei er die
„ausgezeichnete Fragestellung über das berühmte ‘Hineintragen des
Bewutßtseins’“ hervorhob.50) Es geht hierbei weniger um die
Anerkennung des Artikels von Stalin durch Lenin, als um den Nachweis der
Zusammenarbeit Lenins mit Stalin bei geographisch räumlicher Trennung und unter
den Bedingungen der Illegalität für Stalin in dieser Zeit, um den Nachweis der
Übereinstimmung, der Kontinuität von Lenin zu Stalin. Auch in diesem Artikel
berief sich Stalin auf Kautsky und Lenin in der Auseinandersetzung mit den
Menschewiki.
Stalin ging von „zwei großen
Klassen“ aus, zwischen denen „ein Kampf auf Leben und Tod“ geführt werde. Die
Lebensbedingungen der Bourgeoisie zwinge diese, die kapitalistischen Zustände
zu festigen. Die Lebensbedingungen des Proletariats wiederum zwinge es, diese
kapitalistischen Zustände aus der Welt zu schaffen. Entsprechend dieser beiden
Klassen werde ein zweifaches Bewußtsein herausgearbeitet, das bürgerliche und
sozialistische. Wenn es keinen Kapitalismus und keinen Klassenkampf gäbe, würde
es auch kein sozialistisches Bewußtsein geben.
Wenn auch der
wissenschaftliche Sozialismus von einigen wenigen sozialdemokratischen
Intellektuellen ausgearbeitet und über die Partei das sozialistische Bewußtsein
in die Arbeiterbewegung hineingetragen werde, dürfe man nicht daraus schließen,
daß „es nur Intellektuelle in der sozialdemokratischen Partei“ gäbe. In der
Partei gäbe es mehr fortgeschrittene Arbeiter als Intellektuelle. Mit der
Entstehung des Proletariats, meint Kautsky, entstünden zugleich auch
sozialistische Tendenzen, kämen sozialistische Bestrebungen auf. Diese
sozialistischen Bestrebungen entstünden von selbst, aber diese Bestrebungen,
diese sozialistischen Tendenzen dürfen nicht mit sozialistischem Bewußtsein
verwechselt werden. Letzteres müsse, auch nach Kautsky, von außen in die
Arbeiterklasse hineingetragen werden.51)
Diese von Kautsky, Lenin und
Stalin mehrfach ausführlich begründete Notwendigkeit des Hineintragens des
sozialistischen Bewußtseins durch die Partei in die spontane Arbeiterbewegung
wird bis in die Gegenwart auch von Kommunisten angefochten. So meint der
Sprecher der Bundeskoordination der Kommunistischen Plattform in der PDS,
Friedrich Rabe: „Revolutionäres Bewußtsein entsteht in der Arbeiterklasse im
Prozeß der Auseinandersetzung mit den täglichen Widersprüchen. Die These von
der Möglichkeit, Bewußtsein in die Arbeiterklasse hineintragen zu können, trägt
zutiefst idealistischen Charakter. Sie vermittelt die Illusion, den Zeitpunkt
gesellschaftlicher Veränderungen selbst bestimmen zu können. Eine große
historische Leistung ist es bereits, wenn es gelingt den Zeitpunkt zu erkennen,
in dem sich qualitative gesellschaftliche Veränderungen anbahnen, um Einfluß
auf ihre Entwicklungsrichtung zu nehmen.“
Die Begründung des
„idealistischen Charakters“ der These vom „Hineintragen“ bleibt Genosse Rabe
schuldig. Niemand hat behauptet, durch das „Hineintragen“ den Zeitpunkt
gesellschaftlicher Veränderungen bestimmen zu können. Wenn er diese Illusion
hat, ist dies seine Sache. Jedenfalls hat die Politik des Hineintragens
maßgeblich zur Bildung marxistisch-leninistischer Parteien im internationalen Maßstab
beigetragen, und diese Parteien waren solange erfolgreich, bis sie von
Revisionisten von innen zerstört werden konnten. Offenbar will aber auch
Genosse Rabe „Einfluß“ auf „Entwicklungsrichtungen“ nehmen. Wie denn? Nicht
„von außen“?
Stalin ging in seinem Artikel
weiter auf die Ursachen der Spaltung der Partei in Bolschewiki und Menschewiki
ein. Niemand habe die Menschewiki daran gehindert, „einen Kampf der Ideen und
Prinzipien zu führen. Haben ihnen etwa die Bolschewiki nicht gesagt: Schafft
ein besonderes Organ und verteidigt eure Ansichten, die Partei kann euch ein
solches Organ zur Verfügung stellen...?“52) Die Menschewiki wären
damit nicht einverstanden‚ sie zögen den Kampf „um Sitze“, d.h. in den
damaligen Vertretungskörperschaften, der Dumas, vor. Stalin sah die Ursachen
der Spaltung in der politischen Charakterlosigkeit der menschewistischen
Führer, die er auch begründete:
Nimmt man solche Züge
zusammen, wie politische Charakterlosigkeit, Kampf um der Sitze willen,
Unstandhaftigkeit, Prinzipienlosigkeit und andere derartige Eigenschaften, so
erhalten wir eine gewisse allgemeine Eigenschaft - intelligenzlerische
Wankelmütigkeit, an der vorallem Intellektuelle leiden. Es ist klar, daß
intelligenzlerische Wankelmütigkeit der Boden (die Basis) ist, auf der der
„Kampf um der Sitze willen“, „Prinzipienlosigkeit“ und dergleichen mehr
entsteht. Die Unstatthaftigkeit der Intellektuellen aber ist bedingt durch ihre
gesellschaftliche Lage. So erklären wir die Parteispaltung.53)
Damit war die Parteispaltung sowohl aus objektiven Ursachen, der
„gesellschaftlichen Lage“ der Intellektuellen, als auch aus der sich daraus
ergehenden „intelligenzlerischen Wankelmütigkeit“, aus psychologischen Ursachen
erklärt, in Übereinstimmung mit Kautsky und Lenin.
In dieser gleichnamigen
Artikelserie, geschrieben Juli 1906 bis April l90754), unterschied
Stalin im Sozialismus drei Hauptströmungen: Reformismus, Anarchismus und
Marxismus. Da seine Arbeit auf die Auseinandersetzung mit dem Anarchismus
gerichtet war, der zu dieser Zeit im Kaukasus unter einem Teil des
Kleinbürgertums, aber auch unter Arbeitern, verbreitet war, begnügte er sich
gegenüber dem Reformismus mit der Bemerkung, daß dieser „von Tag zu Tag immer
mehr alle sozialistischen Kennzeichen“ verlöre.55)
Stalin wandte sich gegen die
Auffassung, daß Marxismus und Anarchismus ein und dieselben Prinzipien hätten,
es zwischen ihnen lediglich taktische Meinungsverschiedenheiten gäbe. Dies sei
ein großer Irrtum. „Wir sind der Auffassung, daß die Anarchisten richtige
Feinde des Marxismus sind.“55a) Mit dieser anscheinend sehr
apodiktischen Charakterisierung des Anarchismus befand sich Stalin auch hier in
völliger Übereinstimmung mit Marx und Engels. Mit dem Anarchismus - im 19.
Jahrhundert mit Proudhon und vor allem mit Bakunin - hatten sich Marx und
Engels mehrfach auseinanderzusetzen. Ihre Artikel gegen den Anarchismus
Bakunins aus den Jahren 1872 - 1874 umfassen allein im Band 18 der Werksausgabe
(MEW) über 300 Seiten, über ein Drittel des gesamten Bandes.55b)
Bakunin und seine Anhänger
waren keineswegs erfolglos in ihrer Arbeit, die Internationale
Arbeiter-Assoziation (IAA) von innen zu zersetzen. Ihre Tätigkeit hatte
wesentlich zu der Entscheidung von Marx und Engels beigetragen, die IAA
aufzulösen. Die Rolle, die Bakunin in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts
gespielt hat, hatten Anfang des 20. Jahrhunderts in Rußland Kropotkin und seine
Anhänger, Stalin nennt unter anderen W. Tscherkesischwili, P. Ramus, Baton,
übernommen. Auch im Anarchismus gibt es Kontinuität von Proudhon bis in die
Gegenwart, im internationalen Maßstab.
Der „Hauptfeind“ der
Anarchisten ist nicht das Kapital, sondern der Staat, das „Hauptübel“, das
abgeschafft werden muß. Vom Klassencharakter des Staates wird abstrahiert.
Darum keine politischen Parteien, keine politische Bewegung, keine politischen
Führer, keine Autorität, die nur in einer Diktatur enden können. Wo die
Anarchisten die Oberhand gewinnen, die „Führung“ übernehmen, führt dies zur
Niederlage jeder revolutionären Bewegung, wie im Sommer 1873 in Spanien. Die
Bakunisten hatten dabei die gutorganisierte und zahlreiche spanische
Internationale faktisch in ihre Auflösung geführt, ihre Reorganisation auf
Jahre hinaus unmöglich gemacht. Sie haben, so Engels, „ein unübertreffliches
Muster davon geliefert, wie man eine Revolution nicht machen muß.“55c)
Die russischen Anarchisten
warfen der SDAPR vor, daß sie ihre Diktatur über das Proletariat errichten, die
alte Sklaverei fortsetzen wolle, daß sie nicht revolutionär sei. Es ist
interessant, daß diese unsinnigen Thesen der Anarchisten bis in die Gegenwart
im Arsenal antikommunistischer Diffamierung der sozialistischen Staaten
enthalten sind - nur wenn die Anarchisten Bomben gegen ihre eigenen
Staatsgebäude werfen, geht das Geheule los, wobei dann die Verbrechen der
Anarchisten gern den Kommunisten unterstellt werden. Es grenzt schon an ein
Wunder, daß der verbrecherische Anschlag auf das World-Trade-Center am 11.
September 2001 nicht auf die „infernalischen“ Kräfte der Kommunisten
zurückgeführt wird. So ist der Anarchismus auf dem bürgerlichen Politikmarkt
wenigstens noch zu verwerten.
In den ersten beiden Teilen
seiner Artikelserie setzte sich Stalin mit dem Anarchismus auf philosophischem
Gebiet auseinander, wobei er Grundzüge der dialektischen Methode und der
materialistischen Theorie in allgemein verständlicher Sprache darlegte. Stalin
war kein Philosoph. Aber er kannte die einschlägigen Werke von Marx und Engels.
Er verfügte über die didaktische Fähigkeit, selbst komplizierte Probleme der
marxistischen Philosophie in einfachen Worten darzulegen, daß sie von wenig
gebildeten Arbeitern, soweit sie überhaupt lesen konnten, verstanden wurden.
Bei einer solchen Darstellungsweise konnte Stalin auf drastische Vereinfachungen
nicht verzichten, die ihm bis heute von Intellektuellen verschiedener Couleur
den Vorwurf der „Primitivität“ einbrachte. Es gab bei Stalin zeitweilig auch
anfechtbare Auffassungen zur Philosophie. Aus einem Brief Stalins an M.G.
Zchakaja geht hervor, daß er den von Lenin kritisierten Epiriokritizismus
(1908)56) in seiner Gefährlichkeit unterschätzt hatte. Stalin
meinte, daß es Aufgabe der Bolschewiki sei, die Philosophie von Marx und Engels
„im Geiste von J. Dietzgen weiterzuentwickeln und sich dabei gleichzeitig die
guten Seiten des ‘Machismus’ anzueignen.“57)
Da mir der genannte Brief
nicht vorlag, muß ich offen lassen, wann der Brief geschrieben wurde und welche
Seiten des „Machismus“ von Stalin als „gut“ verstanden wurden. Man kann Stalin
als einen didaktisch guten und verständlichen Interpreten des dialektischen und
historischen Materialismus bezeichnen, was auch auf seine Darstellung der
marxistischen Philosophie in der „Geschichte der Kommunistischen Partei der
Sowjetunion (Bolschewiki) Kurzer Lehrgang“ zutrifft.58) Auf 34
Seiten einen Abriß des dialektischen und historischen Materialismus
verständlich auszuarbeiten, zeugt von didaktischem und pädagogischen Geschick.
Für die Parteitheorie ist der
dritte Teil, „Der proletarische Sozialismus“59) von Bedeutung.
Stalin verwendete durchgängig den Begriff „Sozialismus“. Aus dem Kontext wird
ersichtlich daß er unter Sozialismus die höhere Phase der kommunistischen
Gesellschaft verstand. Die Verwendung der Begriffe „Sozialismus“ und
„Kommunismus“ wurden auch von Marx und Engels synonym verwendet. Sie
bezeichneten ihr „Manifest“ als das der „Kommunistischen Partei“, weil in
dieser Zeit (1847) unter Sozialismus einmal die Auffassungen der französischen
utopischen Sozialisten, diverser kleinbürgerlicher Bewegungen, sowie die der
„mannigfaltigsten sozialen Quacksalber“ verstanden wurden, „...die mit
allerhand Flickwerk, ohne jede Gefahr für Kapital und Profit, die
gesellschaftlichen Mißstände aller Art zu beseitigen versprachen...“‚ unter
Kommunismus die revolutionären proletarischen Bewegungen und des utopischen
Arbeiterkommunismus.60)
In der bekannten „Kritik des
Gothaer Programms“ spricht Marx von zwei Phasen der kommunistischen
Gesellschaft, einer „ersten“ und einer „höheren“, von „Umwandlungen des
Staatswesens“ in einer kommunistischen Gesellschaft.61) Engels
spricht im „Anti-Dühring“ vom „wissenschaftlichen Sozialismus.“62)
In „Staat und Revolution“, geschrieben August bis September 1917, spricht Lenin
ebenfalls von „erster“ und „höherer“ Phase des Kommunismus, wobei er für „erste
Phase“ in Klammern hinzufügt: („Sozialismus“ im landläufigen Gebrauch des
Wortes) oder (die gewöhnlich Sozialismus genannt wird).63) In der
gleichen Schrift spricht Lenin vom „wissenschaftlichen Unterschied zwischen
Sozialismus und Kommunismus.“ „Was gewöhnlich als Sozialismus bezeichnet wird,
nannte Marx die ‘erste’ oder ‘niedere’ Phase der kommunistischen Gesellschaft.
Insofern die Produktionsmittel Gemeineigentum werden, ist das Wort
‘Kommunismus’ auch hier anwendbar, wenn man nicht vergißt, daß es kein
vollkommener Kommunismus ist.“64) In „Die große Initiative“ (Juni
1919) heißt es bei Lenin: „In Parenthese sei bemerkt: Der wissenschaftliche
Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus besteht lediglich darin, daß
das erste Wort die erste Stufe der aus dem Kapitalismus erwachsenden neuen
Gesellschaft, das zweite Wort die höhere, weitere Stufe dieser Gesellschaft
bezeichnet.)65)
Wann, wer, zuerst diese
Begriffsbestimmungen vorgenommen hat, ist wohl kaum noch zu ermitteln. Diese Hinweise
sind aber wichtig, weil immer wieder unter Berufung auf Zitate von Lenin oder
Stalin behauptet wird, daß schon im Sozialismus die Ware-Geld-Beziehungen
aufgehoben werden und der Staat verschwinden, absterben muß, wobei übersehen
wird, daß die beiden Begriffe zumindest bis 1919 auch als Synonyme verwendet
wurden.“ So mutet es auch heute seltsam an, wenn in linken Publikationen von
„Sozialisten“ und „Kommunisten“ gesprochen, zur Aktionseinheit von
„Sozialisten“ und „Kommunisten“ aufgerufen wird, man „Sozialisten“ und
„Kommunisten“ zusammenführen will.
Was sind denn nun
„Sozialisten“, was „Kommunisten“? Wollen die ersteren nur die niedere Phase der
- ja was? - kommunistischen Gesellschaft errichten? oder sollen wir wieder
unterscheiden: „Sozialisten“ = „Quacksalber“, „Kommunisten“ = „Revolutionäre“?
Oder werden „Soziallisten“ und „Kommunisten“ als Synonyme verwendet? Dann
braucht man sie nicht „zusammenzuführen.“ Nicht exakte Begriffsbestimmungen
führen zu Beliebigkeiten in der Theorie und Politik, dann bleibt jedem
überlassen, was er unter Sozialisten, Kommunisten versteht, kann sich jedes
Blättchen als „sozialistisch“ bezeichnen. „Laßt alle Blumen blühen!“
Stalin erklärte den
proletarischen Sozialismus als eine „direkte Schlußfolgerung aus dem dialektischen
Materialismus“66) vom Anwachsen des städtischen und ländlichen
Proletariats, dessen Klasseninteresse die Abschaffung des kapitalistischen und
die Einführung des sozialistischen Eigentums erfordert. In der sozialistischen
Gesellschaft wird es Klassen, Warenproduktion, Kauf und Verkauf nicht mehr
geben, somit auch keine Käufer und Verkäufer der Arbeitskraft, keine
Unternehmer und Lohnarbeiter. Mit der Lohnarbeit wird auch jedes Privateigentum
an den Produktionsmitteln aufgehoben. Hauptziel der zukünftigen Produktion wird
nicht der Profit der Kapitalisten, sondern die unmittelbare Befriedigung der
Bedürfnisse der Gesellschaft sein. Es wird keinen Platz geben für zersplitterte
Produktion, Konkurrenz, Krisen und Arbeitslosigkeit
Wo es keine Klassen gibt, bedarf
eines keines Staates, keiner politischen Gewalt mehr. Es folgen diesbezügliche
Zitate von Marx und Engels, in denen die höhere Phase der kommunistischen
Gesellschaft charakterisiert wird als einer „Assoziation ... welche die Klassen
und ihren Gegensatz ausschließt“, in welcher es „keine eigentliche politische
Gewalt mehr geben...“ wird (Marx 1846) in der die ganze Staatsmaschinerie „ins
Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt“ gesetzt wird.
(Engels, 1884)67)
„Selbstredend“ wird es in der
„höheren“ Phase eine „Leitung der gemeinsamen Angelegenheiten neben den
örtlichen Büros“ geben, ein „statistisches Zentralbüro“...„das Angaben über die
Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft sammeln und dann die verschiedene Arbeit
unter die Schaffenden entsprechend verteilen wird.“ Auch Konferenzen und
Kongresse würde es geben, deren Beschlüsse für die in der Minderheit
gebliebenen Genossen bis zum nächsten Kongreß bindend sein werden.68)
1906/07 gab es noch keinerlei
praktische Erfahrungen über den Aufbau des Sozialismus, weder in einer
Übergangsperiode noch in der „niederen“ Phase, schon gar nicht über die
„höhere“ Phase. So schließt denn Stalin diesen Abschnitt mit den bekannten
Sätzen aus der „Kritik des Gothaer Programms“: „In einer höheren Phase der
kommunistischen (d.h. sozialistischen) Gesellschaft, nachdem die knechtende
Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der
Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die
Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis
geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die
Produktionskräfte gewachsen sind, ...erst dann kann der enge bürgerliche
Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen
schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“69)
Die sozialistische
Gesellschaft setze auch ein sozialistisches Bewußtsein der Menschen voraus. Die
Entwicklung der modernen Produktivkräfte werde behindert durch das
kapitalistische Eigentum. Es sei klar, wenn es dieses nicht mehr geben würde,
würden sich die Produktivkräfte verzehnfachen. Die Gefühle und Anschauungen der
Menschen seien auch nicht unveränderlich, sie seien im Urkommunismus, als der
Mensch noch kein Privateigentum kannte, andere, als in der Zeit: wo es
Privateigentum gab. Unter sozialistischen Verhältnissen würde „das Fühlen und
Denken der Menschen von sozialistischen Bestrebungen durchdrungen“ sein.70)
Der proletarische Sozialismus
von Marx sei kein „schöner Traum“, kein „Phantasiegebilde“. Als
wissenschaftlichen Beweis für die Verwirklichung des proletarischen Sozialismus
führt Stalin an, daß „mit einer Veränderung der Form der Produktion sich früher
oder später auch die Form des Eigentums unvermeidlich ändert.“71) In
der bisherigen Geschichte war es so gewesen. Der Produktionsprozeß, die Arbeit,
hätten bereits gesellschaftlichen Charakter, „eine sozialistische Prägung“
angenommen. Der gesellschaftliche Charakter der Produktion widerspreche dem privaten
Charakter der Aneignung, woraus folgt, daß „die moderne kollektive Arbeit
unvermeidlich zum kollektiven Eigentum führen muß,... .“72)
Nun sind hier die Marx‘schen
Gedanken in einem gewissen schematischen Automatismus des Geschichtsprozesses
zusammengefaßt, wie ihn Marx so nicht geäußert hat. Aus der Sicht Anfang des
20. Jahrhunderts für die Arbeiter unterschiedlicher Nationalität und zum Teil
sehr niedrigen Bildungsniveau geschrieben, eine verständliche
Darstellungsweise. Solche bedenklichen Vereinfachungen in der Darstellung des
Marxismus haben Stalin auch immer wieder den Vorwurf der „Dogmatisierung“ des
Marxismus von seinen Kritikern eingebracht. Unter dem heutigen Bildungsstand
linker Parteien, der heutigen Arbeiterklasse, ist eine solche Kritik sehr
einfach, zugleich aber auch unhistorisch, da sie die damaligen konkreten
Wirkungsbedingungen in Rußland außer acht läßt. Ein abstraktes Herangehen vom
heutigen theoretischen Erkenntnisstand an hundert Jahre zurückliegende
historische Ereignisse, Theoriebildung und -vermittlung führt zwangsläufig zu
Fehlurteilen.
Stalin deutet dann auch neben
der „Unvermeidlichkeit“ des Sozialismus in einem anderen Zusammenhang auf die
Alternative hin, „...daß entweder alles gesellschaftliche Leben zusammenbrechen
muß, oder daß das Proletariat... zum Herrn der modernen Produktion, zu ihrem...
sozialistischen Eigentümer werden muß.“73) Stalin berief sich für
seine Ausführungen auf Engels im „Anti-Dühring“ wonach „...eine Umwälzung der
Produktions- und Verteilungsweise stattfinden muß, die alle Klassenunterschiede
beseitigt, falls nicht die ganze moderne Gesellschaft untergehen soll... .“
Darin begründe sich die „Siegesgewißheit des modernen Sozialismus“.74)
Das sozialistische Ideal sei
nicht das Ideal aller Klassen. Nur das Proletariat sei unmittelbar am
Sozialismus interessiert. Für die Verwirklichung den Sozialismus bedarf es des
Klassenbewußtseins, des Zusammenschlusses des Proletariats und der Fähigkeit,
seine eigene Sache zu führen. Der Weg zum Sozialismus führe über den
Klassenkampf, der mannigfaltige Formen aufweise, Streik, Boykott, Sabotage,
Kundgebungen, Demonstrationen, Teilnahme an Vertretungskörperschaften. Alle
diese Kampfformen seien vorbereitende Mittel, aber keine dieser Formen, auch
der Generalstreik, für sich allein genommen, können den Kapitalismus aus der
Welt schaffen. Das entscheidende Mittel sei die sozialistische Revolution. Dies
dürfe nicht als ein plötzlicher, kurz dauernder Schlag verstanden werden,
sondern sei ein „lang andauernder Kampf der proletarischen Massen.“ Die
Erringung der politischen Herrschaft durch das Proletariat sei die „erste
Stufe“ der Revolution. Mit der „Sozialistischen Diktatur des Proletariats“ muß
die sozialistische Revolution beginnen.75)
Die sozialistische Revolution
und die Errichtung der Diktatur des Proletariats erfordere die Organisiertheit
des Proletariats; Gewerkschaften und Arbeitergenossenschaften als notwendige
Organisationen der Proletarier können allein nicht den organisatorischen
Bedürfnissen des kämpfenden Proletariats genügen. Der Zweck dieser
Massenorganisationen ist die Verbesserung der Lage der Arbeiter im
Kapitalismus. Aber sie können nicht. den Kapitalismus beseitigen. Dazu bedarf
es einer Organisation‚ „die die klassenbewußten Elemente der Arbeiter aller Berufe
um sich schart, das Proletariat in eine ihrer selbst bewußte Klasse verwandelt
und auch die Zertrümmerung der kapitalistischen Zustände, die Vorbereitung der
sozialistischen Revolution zum Hauptziel setzt.“76) Diese Partei muß
Klassenpartei, eine revolutionäre Partei, eine internationale Partei sein. Die
Befreiung der Arbeiter sei keine nationale, sondern eine soziale Frage, wobei
Stalin auf das zaristische Rußland als einem Nationalitätenstaat verweist, in
dem die soziale Befreiung für den georgischen und russischen Arbeiter, wie für
die Proletarier der anderen Nationen von gleicher Bedeutung sei.77)
Daß Stalin den
internationalistischen Charakter der Partei aus den Bedingungen des
Nationalitätenstaates erklärt, ist bezüglich des Adressaten verständlich trägt
jedoch allgemeingültigen Charakter. Desgleichen ist der Hinweis Stalins auf die
Notwendigkeit des Zentralismus in den Organisationen des Proletariats, nicht
nur der Partei, sondern auch der Gewerkschaften und Genossenschaften, im
Gegensatz zur föderalistischen Zersplitterung nicht nur eine Besonderheit des
Nationalitätenstaates, wobei der Zwischensatz „soweit dies möglich ist“,
beachtet werden muß. Die Frage des Zentralismus als einem allgemeinen
Organisationsprinzip der proletarischen Partei ist je nach den konkreten
Bedingungen zu beantworten. Eine schematische Anwendung eines allgemeinen
Prinzips kann Schaden anrichten. Es sei klar, daß alle Organisationen des
Proletariats auf „einer demokratischen Grundlage aufbauen müssen, soweit
natürlich irgendwelche politischen und andere Bedingungen dies nicht
verhindern.“78) Auch diese wichtige Bemerkung galt nicht nur für das
zaristische Völkergefängnis, in dem jede demokratische Bewegung brutal
unterdrückt wurde.
Die seit hundert Jahren immer
wieder von wohlmeinenden Intellektuellen aufgestellte Forderung nach
„Demokratisierung“ in ihrer abstrakten Form, unabhängig von den
konkret-historischen Bedingungen, dem Grad der Unterdrückung, dem
Klassenkräfteverhältnis, dem politischen und theoretischen Niveau der Arbeiter,
auch der Partei der Arbeiterklasse selbst, hat in der Konsequenz, wie die
geschichtlichen Erfahrungen beweisen, immer nur der Konterrevolution den Weg
geebnet. Sollen die Gewerkschaften und Genossenschaften unter Führung der
Partei stehen oder parteilos sein? „Die Entscheidung dieser Frage hängt davon
ab, wo und unter welchen Bedingungen das Proletariat zu kämpfen hat.“79)
Also auch in dieser Frage gibt es keinen Schematismus. Natürlich müsse die
Partei freundschaftliche Beziehungen zu diesen Organisationen herstellen. Je
besser diese Beziehungen entwickelt seien, je besser würden diese sich
entwickeln. Ansonsten könnten die Gewerkschaften verflachen, die Interessen der
Gesamtklasse zugunsten reiner Berufsinteressen verletzen und dem Proletariat großen
Schaden zufügen. Darum sei es notwendig, „in allen Fällen den
ideologisch-politischen Einfluß der Partei auf die Gewerkschaften und
Genossenschaften sicherzustellen.80)
In den letzten Abschnitten
setzt sich Stalin mit Argumenten der Anarchisten auseinander, wie diese sich
zum proletarischen Sozialismus verhalten. So behauptete W. Tscherkesischwili,
als der „unvergleichliche Führer“ der Anarchisten, das „Kommunistische
Manifest“ von Marx und Engels sei von Anfang bis Ende aus dem „Manifest“ Victor
Considérants „gestohlen“ worden. Das „Manifest“ von Marx und Engels sei eine
„sehr mittelmäßige Paraphrasierung... des Manifests von Considérant.“81)
Solche unbewiesenen Behauptungen und Unterstellungen waren und sind in der
antikommunistischen Publizistik aller Couleur gang und gäbe, waren und sind
gefährlich. Wer von den Arbeiter und Bauern Rußlands, besonders des Kaukasus
mit 40 Nationalitäten, hatte, Considérants Schriften zur Hand, um die Aussage
von Tscherkesischwili überprüfen zu können? (Wer von den heutigen Werktätigen
hat die Schriften Cosidérants auf seinen Bücherregalen stehen, ja kennen ihn
überhaupt?)
Es ist seit den ersten
Schriften von Marx und Engels eine gängige Methode: Ich behaupte irgend einen
Unsinn, unterstelle diesen Unsinn Marx, widerlege diesen Unsinn und habe damit
Marx widerlegt, „endgültig!“, „wissenschaftlich!“ Für Marx können auch Engels,
Lenin, Stalin, Mao und andere kommunistische Theoretiker eingesetzt werden,
ganz nach Belieben.
Auch Stalin hatte, dem
Kontext zu folgen, die Schriften Considérants nicht zur Hand. Stalin stützte
sich in seiner Erwiderung gegen Tscherkesischwili auf Paul Louis: Geschichte
des Sozialismus in Frankreich und auf Karl Kautsky: Das Kommunistische Manifest
- ein Plagiat?82) Gestützt auf diese beiden Schriften konnte Stalin
Considérant richtig als Utopisten charakterisieren, der die Rettung Frankreichs
in einer Versöhnung der Klassen sah, ein Gegner des Kommunismus war. Daraus
ergab sich die Unvereinbarkeit des „Demokratischen Manifests“ von Considérant
mit dem „Manifest“ von Marx und Engels.83)
Kropotkin behauptete, daß die
Anarchisten für den „freien Kommunismus“ seien, während die Sozialdemokratie
„Staatskapitalismus“ und „Kollektivismus“ wollten. Stalin zitierte ausführlich
aus den einschlägigen Schriften der Anarchisten84) und faßte deren
Auffassungen zusammen: Nach Ansicht der Sozialdemokraten wäre die
sozialistische Gesellschaft (gemeint ist die „höhere“ Stufe der kommunistischen
Gesellschaft, UH) unmöglich ohne Regierung, die als „Hauptunternehmer“ die
Arbeiter einstellt. Sie würde „Minister ... Gendarmen, Spione haben. Die
Teilung in „schwarze“ und „weiße“ Arbeit werde nicht aufgehoben, das Prinzip
„Jedem nach seinen Bedürfnissen“ verworfen, dafür ein anderes Prinzip
anerkannt, „Jedem nach seinen Verdiensten.“85) Man glaube nicht, daß
solcher Blödsinn keine Wirkungen habe. Allein schon die Wortbildungen
„Gendarmen“ - „Spione“ rufen Abwehr hervor, denn allzu bekannt sind die
zaristischen Gendarmen und Spitzel. Stalin widerlegte diese unsinnigen
Unterstellungen mit bekannten Zitaten von Marx und Engels aus verschiedenen
Werken von 1846 bis 1871, von denen ich hier nur auf das „Manifest der
Kommunistischen Partei“ und die „Kritik des Gothaer Programms“ verweise.86)
Nach Auffassung der
Anarchisten habe die Sozialdemokratie keinen revolutionären Charakter, hätte
keine Volksverbundenheit, und soweit sie für eine Diktatur eintrete, so sei es
keine Diktatur des Proletariats, sondern ihre eigene Diktatur über das Proletariat.87)
Stalin zitierte ausführlich Kropotkin und aus Publikationen georgischer
Anarchisten, die sich gegen die Idee der Diktatur aussprachen, die nichts
andere sei „als ein übles Produkt des Regierungsfetischismus, der ... stets
bestrebt war, die Sklaverei zu verewigen.“88) Auch hier verwies
Stalin in seiner Polemik auf die einschlägigen Werke von Marx und Engels,
besonders auf deren Auswertung der Pariser Kommune (1871) sowie auf Lissagaray:
„Geschichte der Pariser Kommune“ und Arthur Arnould: „Volkstümliche Geschichte
der Pariser Kommune.“89)
Erfahrungen über die
politische Machtausübung der Arbeiterklasse lagen zu dieser Zeit auch noch
nicht vor. Die Auseinandersetzung Stalins mit den Anarchisten konnte daher nur
theoretisch erfolgen, wobei er sich vor allem auf Marx, Engels und Kautsky
stützte, wodurch seine Argumentation unvermeidlich den Charakter einer
Zitatensammlung annahm. Aber wer wußte denn mehr über diese Problematik in
dieser Zeit als Marx, Engels, Kautsky, Lissagaray und Arnould, und nur auf
deren Verallgemeinerung ihrer Erfahrungen mit dem Anarchismus des 19.
Jahrhunderts in Gestalt der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus konnte
sich Stalin stützen, wobei die Kontinuität von Bakunin zu Kropotkin
unübersehbar ist, letzterer insofern gefährlicher war, als in Rußland und in
Asien eine Periode demokratischer und proletarischer Revolutionen heranreifte,
die mit der Revolution 1905 in Rußland eröffnet wurde. Die Artikel Stalins
zeigen zugleich, daß er trotz seiner Tätigkeit unter den Bedingungen der
Illegalität ausgezeichnete Kenntnisse über die einschlägige Literatur hatte.
In der Zeit von 1907 bis 1917
befand sich Stalin fast das gesamte Jahrzehnt im Gefängnis, in der Verbannung
oder auf der Flucht.90) Daraus erklärt sich, daß es aus dieser Zeit
nur wenige Schriften von Stalin gibt. Neben dieser quantitativen Seite hatten
die konkreten Lebensbedingungen, unter denen Stalin schreiben mußte, auch
qualitative Auswirkungen. Es geht dabei nicht um „Stilfragen“, an denen
Deutscher und andere Schöngeister ständig herumnörgeln, sondern um inhaltliche
Fragen. In seinen Forderungen an die Partei war Stalin in einigen Fällen
schärfer als Lenin. In seinem durch Verhaftung nicht vollendeten Artikel „Der
Londoner Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Rußlands (Aufzeichnungen
eines Delegierten)“, geschrieben im zweiten Halbjahr 190791), ging
es um zwei Fragen der Parteitheorie, die Frage nach der Einheit der Partei und
zur Frage „führende Rolle“ der Partei oder Partei als „Avantgarde“? Der
Parteitag habe zu einem weiteren Zusammenschluß, zur Festigung der Partei
beigetragen. Die Partei würde „von nun an eine streng konsequente
Klassenpolitik des sozialistischen Proletariats durchführen.“ Die faktische
Vereinigung der fortgeschrittenen Arbeiter ganz Rußlands zu einer
einheitlichen, gesamtrussischen Partei unter dem Banner des revolutionären
Sozialdemokratismus wäre der Sinn des Londoner Parteitages gewesen.92)
Die wichtigsten
Meinungsverschiedenheiten in der Partei gingen um das Verhältnis zu den
bürgerlichen Parteien. Nach Ansicht der Menschewiki müsse die Arbeiterklasse
den Kampf gegen den Zarismus unter Führung der liberalen Bourgeoisie führen,
die SDAPR müsse daher Abkommen mit den bürgerlichen Parteien abschließen, dürfe
diese nicht durch revolutionäre Losungen erschrecken. Die Bolschewiki vertraten
dagegen die entgegengesetzte Auffassung. Die liberale Bourgeoisie hatte sich in
der demokratischen Revolution als antirevolutionär erwiesen. Die Führung im
Kampf gegen den Zarismus muß das Proletariat selbst übernehmen. Das Proletariat
wiederum kämpft unter der Führung der in der SDAPR organisierten
fortgeschrittensten Arbeiter. Die „Einheit“ auf dem V. Parteitag erwies sich
jedoch als trügerisch. Es waren keine taktischen Meinungsverschiedenheiten
sondern hinter diesen verbargen sich Klassenfragen. Die „Einheit“ kam
letztendlich dadurch zustande, daß eine Resolution der Bolschewiki nicht
durchkam, in der die Fehler des Zentralkomitees festgestellt wurden, aus
Erwägungen, „nur ja keine Spaltung herbeizuführen.“ Dies habe, so Stalin,
„stark auf die Genossen“ eingewirkt. Die Resolution der Menschewiki, in der dem
Zentralkomitee das Vertrauen ausgesprochen wurde, fand ebenfalls keine
Mehrheit.93)
Stalin hatte die
klassenmäßigen Ursachen der gegensätzlichen Taktiken klar erkannt:
„Offensichtlich ist die Taktik der Bolschewiki die Taktik der Proletarier der
Großindustrie, die Taktik derjenigen Gebiete, wo die Klassengegensätze
besonders klar sind und der Klassenkampf besonders scharf ist. Der
Bolschewismus - das ist die Taktik der echten Proletarier. Anderseits ist es
nicht weniger offensichtlich, daß die Taktik der Menschewiki vorwiegend eine
Taktik der im Handwerk beschäftigten Arbeiter und der bäuerlichen
Halbproletarier ist, eine Taktik derjenigen Gebiete, wo die Klassengegensätze
nicht ganz klar sind und der Klassenkampf verschleiert ist. Der Menschewismus -
das ist die Taktik der halbbürgerlichen Elemente des Proletariats.“94)
Stalin faßte zwei Reden, die
Rosa Luxemburg auf dem Parteitag gehalten hatte, zusammen, in denen sie die
Führer des Menschewismus, Plechanow und Axelrod, als Opportunisten bezeichnete.
Auch die Bolschewiki würden „manchmal danebenhauen, manchmal sonderbar und
allzu felsenfest sind, aber ich verstehe und rechtfertige sie durchaus:
angesichts der zerfließenden, gallertartigen Masse des menschewistischen
Opportunismus muß man felsenfest sein... .“95) Stalin hat aus den
Reden Rosa Luxemburgs allerdings einseitig nur das zusammengefaßt, was den
Standpunkt der Bolschewiki stützte, vor allem die Kritik am Liberalismus. Die
kritischen Bemerkungen gegen die „sogenannten Bolschewiki“ hat er nicht
reflektiert, die auch nicht stichhaltig waren. Nach Rosa Luxemburgs Auffassung
könne die Partei einen bewaffneten Aufstand nicht vorbereiten. Diese, ihre
Hinwendung zur Spontaneität ist sachlich falsch. Möglicherweise wollte sich
Stalin hier nicht mit Rosa Luxemburg auseinandersetzen. Richtig an der
Reflexion ihrer Reden bleibt, daß sie „trotz einzelner Vorbehalte“ sich mit den
Bolschewiki solidarisch erklärte. Gegenüber den dogmatischen Abweichungen der
Menschewiki vom Marxismus erklärte sie: „In welch geschäftiges Gegacker eines
Huhnes, das auf dem Misthaufen des bürgerlichen Parlamentarismus nach Perlen
scharrt, habt ihr diese Lehre verwandelt, die den mächtigen Flügelschlag der
Adlerschwingen des Proletariats darstellt.“
Wichtig, weil auch heute noch
unter Kommunisten umstritten, soll das Proletariat (die Kommunistische Partei)
Führer oder Avantgarde der Revolution sein? Stalin zitierte zu dieser Frage den
Genossen Alexinski, mit dessen Auffassung er übereinstimmte: Es gehe hier „um
zwei entgegengesetzte Auffassungen, die sich in diesem Punkt geltend machten,
denn ‘Avantgarde’ und ‘Führer’ seien zwei völlig verschiedene Begriffe.
Avantgarde (Vortrupp) sein heißt sich in den vordersten Reihen schlagen, die am
stärksten unter Feuer liegenden Stellungen einnehmen, sein Blut vergießen,
dabei aber von anderen, im gegebenen Falle von den bürgerlichen Demokraten
geführt werden: die Avantgarde leitet niemals den Gesamtkampf, sondern wird
stets selbst geleitet. Und umgekehrt: Führer sein heißt, sich nicht nur in den
vordersten Reihen schlagen, sondern auch den Gesamtkampf leiten, ihn auf sein
eigenes Ziel ausrichten. Wir Bolschewiki. wollen nicht, daß das Proletariat von
den bürgerlichen Demokraten geführt werde, wir wollen, daß das Proletariat
selbst die Führung des ganzen Kampfes des Volkes habe und ihn auf die
demokratische Republik ausrichte.“96)
In drei Arbeiten, verfaßt
zwischen August 1909 bis Dezember 1910 befaßte sich Stalin mit dem Verhältnis
zwischen den Parteiorganen im Ausland und der Organisierung des Kampfes in
Rußland.97) Die Partei mache eine Krise durch. Ihre Ursachen seien
die „Losgerissenheit der Partei von den breiten Massen“ und die
„Losgerissenheit ihrer Organisationen voneinander.“98) Diese
„Losgerissenheit“ führte Stalin darauf zurück, daß die Parteiorgane im Ausland
der russischen Wirklichkeit „fernstehen.“ Im Ausland erschienen der
„Proletari“, redigiert von Lenin, der „Golos“, ein menschewistisches Blatt und
der „Sozialdemokrat“, Zentralorgan der SDAPR, deren Redaktion sich aus
Vertretern der Bolschewiki, Menschewiki und der polnischen Sozialdemokraten
zusammensetzte. Diese Zeitungen mußten illegal über die Grenzen nach Rußland
eingeführt und verteilt werden. Die Zeitungen konnten praktisch nicht in die
Kämpfe eingreifen, da sie oftmals erst Wochen nach den Kämpfen eintrafen. Somit
könne von einer Führung der proletarischen Klassenkämpfe in Rußland vom Ausland
her nur sehr bedingt gesprochen werden. Das alte Organisationsprinzip, die
alten Methoden der Parteiarbeit, „...angesichts der ‘Führung’ vom Ausland her,
sei eine bloße ‘Übertragung von Funktionen’“, „die die Partei nicht mit den
Massen verbinden und sie nicht zu einem einheitlichen Ganzen zusammenschweißen
kann.“99)
Stalin ging es dabei um die
Verbindung des Kampfes der Arbeiter für ihre täglichen Interessen mit den
grundlegenden Interessen der Klasse der Proletarier, der allgemein-politischen
Arbeit mit dem alltäglichen Kampf der Arbeiter. Die Organisation nach dem
Territorialprinzip sollte durch das Produktionsprinzip ergänzt werden. So
sollten „die Fabrik- und Werkkomitees der verschiedenen Produktionszweige je
nach Produktion in verschiedene Unterbezirke gruppiert werden, um diese
Unterbezirke territorial zu Bezirken zu vereinigen... .“100)
Abgesehen von der konkreten
Form der Organisationsprinzipien lassen sich in diesen „Fabrik- und Werkkomitees“
Keimformen der späteren „Betriebsparteiorganisationen“ erkennen.
Die „erfahrensten und
einflußreichsten fortgeschrittenen Arbeiter“ in den örtlichen Organisationen
sollten die „Angelegenheiten der Partei“ in ihre Hände nehmen. Es sei kein
Unglück, wenn Arbeiter in wichtigen Positionen „in der ersten Zeit stolpern“,
die Bebels fallen nicht vom Himmel. Arbeiter mit Kenntnissen seien nur wenig
vorhanden. Aber mit Hilfe von erfahrenen und aktiven Intellektuellen müsse man
in Zirkeln, Besprechungen „Theorie und Praxis des Marxismus“ mit ihnen
„systematisch“ durchnehmen, um aus den Arbeitern Parteiführer, „Bebels“, zu
gewinnen. Stalin faßte zusammen:
„1.
verstärkte Agitation auf dem Boden der täglichen Bedürfnisse, die mit den
Bedürfnissen der gesamten Klasse des Proletariats verbunden werden,
2.
Organisierung und Festigung der Fabrik- und Werkkomitees als der wichtigsten
Zentren der Partei in den Bezirken,
4.
Organisierung von ‘Besprechungen’ mit den fortgeschrittenen Arbeitern - das
sind die Wege, mit deren Hilfe es unsere Organisationen verstehen werden,
breite Massen um sich zusamenzuschließen.“101)
Die genannten Aufgaben
konnten durch Auslandsorgane nicht bewältigt werden. Gesamtparteikonferenzen
und im Ausland erscheinende Zeitungen seien „sehr wichtig“, doch können sie
allein die Krise nicht überwinden. Es sei eine gesamtrussische Zeitung
erforderlich, die im Zentrum der Parteiarbeit steht und in Rußland erscheint,
die Parteiarbeit leitet, sie vereinigt und lenkt. Eine „gut organisierte
gesamtrussische Zeitung in den Händen des Zentralkomitees wäre das wirksamste
Werkzeug für den wirklichen Zusammenschluß der Partei... .“ Nur auf diesem Wege
würde das Zentralkomitee „aus einem fiktiven Zentrum zu einem wirklichen
Zentrum der Gesamtpartei werden.“102)
Wenige Monate später
präzisierte Stalin die genannten Vorschläge:
1.
Verlegung des (leitenden) Zentrums für die praktische Arbeit nach Rußland;
2.
Organisierung einer gesamtrussischen Zeitung, die in Rußland erscheint und von
dem erwähnten Zentrum redigiert wird;
3.
Organisierung örtlicher Presseorgane in den wichtigsten Zentren der
Arbeiterbewegung (Ural, Donezbecken, Petersburg, Moskau, Baku usw.).103)
„Die Hauptsache ist die
Organisierung der Arbeit in Rußland.“ Meinungsverschiedenheiten werden nicht in
Debatten, „sondern hauptsächlich im Laufe der Arbeit, ...der Anwendung der
Prinzipien gelöst... .“104) Diese letzten Bemerkungen schrieb Stalin
aus der Verbannung. Er bemerkte wohl nicht zu Unrecht, daß viele Emigranten den
Kontakt zu den Kämpfen im zaristischen Rußland verloren hatten. Revolutionen
würden schließlich nicht aus den Bibliotheken von Genf, London oder Paris
hervorgehen, sondern aus den Elendsvierteln von Moskau, Kasan, Baku und anderen
Zentren der Arbeiterbewegung.
Von großer Bedeutung war die
VI. Allrussische Parteikonferenz in Prag (5. bis 17. Januar 1912), da es nun
auch zur organisatorischen Trennung von
Bolschewiki und Menschewiki kam. Damit setzten sich die Bolschewiki in der
SDAPR durch, die den Parteinamen behielten, mit dem Zusatz „Bolschewiki“ in
Parenthese. Die Prager Parteikonferenz verdeutlichte in der Praxis, daß in
einer revolutionären Arbeiterpartei nicht zwei Klassenlinien, bürgerliche und
sozialistische Ideologie, auf Dauer koexistieren können. Früher oder später
kommt es auch zum organisatorischen Bruch. Gelingt es den marxistischen
Kräften, die Revisionisten und andere Opportunisten aus der Partei zu drängen,
kann eine solche marxistische Partei die Arbeiterklasse in ihren Kämpfen bis
zur erfolgreichen Revolution führen. Umgekehrt, gelingt es den
revisionistischen Kräften, die Marxisten in der Partei zu isolieren oder aus
der Partei zu drängen, so wird aus der ehemaligen Kampfpartei eine kleinbürgerlich-parlamentarische
Partei und sie wird in das bürgerliche politische System integriert. Damit
werden bis in die Gegenwart immer wieder Marxisten-Leninisten mit der Frage des
Verhaltens in einer von Reformisten und anderen kleinbürgerlichen Elementen
beherrschten Partei konfrontiert. In der Partei verbleiben, um den Kampf
innerhalb der Partei führen zu können, oder die Partei verlassen und eine neue
marxistisch-leninistische Kampfpartei gründen? Diese Frage läßt sich nicht
abstrakt beantworten. Sie muß jedesmal unter den konkreten Bedingungen, unter
Berücksichtigung des Kräfteverhältnisses innerhalb der Partei, von den
Marxisten-Leninisten beantwortet werden.
Den Bolschewiki gelang es
1912, die Menschewiki zu verdrängen, mit dem Ergebnis der siegreichen
Oktoberrevolution, die „Linken“ in der deutschen Sozialdemokratie um Rosa
Luxemburg und Karl Liebknecht haben sich erst mit Ausbruch der
Novemberrevolution von den Revisionisten getrennt. Ohne die konterrevolutionäre
Politik der rechten sozialdemokratischen Führer, die die Arbeiter ideologisch
und politisch entwaffnet haben, hätte die Konterrevolution nicht siegen können.
Das Festhalten an der „Einheit“ aus falsch verstandener „Parteidisziplin“,
Furcht vor der „Spaltung“, sich dem „Vorwurf“ der Spaltung auszusetzen, führte
die deutschen Marxisten in die Niederlage, bezahlten Rosa Luxemburg, Karl
Liebknecht und Hunderte Arbeiter mit ihrem Leben.
In seinem Flugblatt vom März
l912 begrüßte Stalin die Beschlüsse der Prager Parteikonferenz als das „Ende
der Krise unserer Partei“, als deren „Wiedergeburt“.105) Die
Konferenz würde den Zusammenschluß der örtlichen Parteiorganisationen mit dem
Zentralkomitee fördern, die Zersplitterung der örtlichen Organisationen
überwinden helfen. Er wiederholte die schon vorher erhobene Notwendigkeit der
Schaffung eines einflußreichen Zentralkomitees, „das durch lebendige Wurzeln
mit den örtlichen Organisationen verbunden ist, die letzteren systematisch
informiert und miteinander verbindet, ein Zentralkomitee, das unermüdlich in
alle Angelegenheiten der gesamtproletarischen Aktionen eingreift, ein
Zentralkomitee, das zwecks umfassender politischer Agitation über eine in
Rußland erscheinende illegale Zeitung verfügt - nach dieser Seite müssen sich
die Erneuerung und der Zusammenschluß der Partei entwickeln.“106)
Die Betonung lag auch hier
wieder auf „eine in Rußland erscheinende Zeitung“. Wenn Deutscher meint, daß
nach der Prager Konferenz von 1912 die kaukasische Gruppe der Bolschewiki in
Baku zum „Eckpfeiler der bolschewistischen Organisation“ geworden war107),
so kann man ihm auch hier zustimmen. Diese kaukasische Gruppe wurde nun einmal
von Stalin geführt, womit dessen Einfluß auf die Parteientwicklung in Rußland
in dieser Zeit explizit ausgewiesen wird.
In seinem Artikel „Parteilose
Sonderlinge“ vom 15. April 1912 setzt sich Stalin mit dem „parteilosen
Progressismus“ auseinander, der zu dieser Zeit unter russischen Intellektuellen
in „Mode“ gekommen war.108) Die Parteilosigkeit abstrahiere von den
gegensätzlichen Interessen der Klassen, der Bourgeois und Proletarier, der
Gutsbesitzer und Bauern, verkleistere die Gegensätzlichkeit der
Klasseninteressen. Jede Klasse habe ihre Partei, mit besonderem Programm mit
besonderer Physiognomie. Die Parteien leiten den Kampf. Ohne Parteien gäbe es
keinen Kampf, sondern Chaos, die Vermengung der Interessen. „Verkleisterung der
Klassengegensätze, Verschweigen des Klassenkampfes, Fehlen einer Physiognomie,
Bekämpfung des Programmprinzips, Streben nach Chaos und Vermengung der Interessen
- das ist die Parteilosigkeit.109) Die Parteilosigkeit strebte die
„Vereinigung des Unvereinbaren, die Realisierung des Unrealisierbaren“ an.
Bourgeois und Proletariat miteinander verbinden, eine Brücke zwischen
Gutsbesitzer und Bauern schlagen, danach strebe die Parteilosigkeit. Diese
Position werde von der Zeitschrift „Saprossy Shism“ Nr. 6 (Anforderungen des
Lebens, erschien 1909 bis 1912 in Petersburg) vertreten.
Die Autoren dieser
Zeitschrift wollten dem „Block der Rechten“, der zur „Bekämpfung der gesamten
progressiven Opposition“ gebildet worden war, einen „Block der Linken“
entgegenstellen, der „alle progressiven Gesellschaftselemente“ umfassen sollte.
Diese „progressiven Elemente“ wären nach Auffassung der „Partei der friedlichen
Erneuerer“ die „progressive“ Bourgeoisie, liberalisierende Gutsbesitzer, die
nach dem Gutsherrenland dürstenden Bauern und die gegen die Bourgeoisie
kämpfenden Proletarier, deren Vereinigung die „Saprossy Shism“ anstrebe.110)
„Erneuerer“, „pluralistische Parteien“, „Zusammenführer“ von heterogenen
Klassenkräften gab es also schon 1912. Diese Ausführungen Stalins dürfen nicht
verwechselt werden mit der Bündnispolitik der Partei. Bündnisse, Koalitionen
mit Parteien anderer Klassen zur Erreichung bestimmter Ziele, für die ein
gemeinsames Interesse vorliegt (auch bei Interessengegensätzen auf anderen
Gebieten), sind etwas anderes und hier nicht von Stalin gemeint.
In einem Prawda-Artikel vom
23. April 1920 „Lenin als Organisator und Führer der KPR“111) ging
Stalin auf einen Vorwurf von Genossen ein, nicht nur der Menschewiki, wonach
Lenin eine übermäßige Neigung zur Polemik und Spaltung gehabt haben soll. Dies
habe es „seinerzeit“ gegeben, aber die Partei hätte ihre innere Schwäche und
Verschwommenheit nicht überwinden, ihre eigene Kraft und Festigkeit nicht
erlangen können, wenn sie nicht die nichtproletarischen, opportunistischen
Kräfte aus ihren Reihen verjagt hätte. Unter der Herrschaft der Bourgeoisie
könne die proletarische Partei nur in dem Maße wachsen und erstarken, wie sie
den Kampf gegen die opportunistischen, antirevolutionären und parteifeindlichen
Elemente in ihrer Mitte und in der Arbeiterklasse führe. Stalin berief sich auf
Lassalle, der meinte, daß sich eine Partei stärkt, in dem sie sich reinigt.112)
Nicht jede Einheit sei ein Zeichen der Stärke. So sei die „Einheit“
zwischen Scheidemann und Noske einerseits und Liebknecht und Luxemburg
andererseits unecht und fiktiv. „Wer weiß, ob es für das deutsche Proletariat
nicht besser gewesen wäre, wenn sich die revolutionären Elemente der deutschen
Partei rechtzeitig von deren antirevolutionären Elementen getrennt hätten.“113)
Einheit oder Spaltung, wie
schon w.o. gesagt, läßt sich nicht ein für allemal abstrakt beantworten.
Verallgemeinern kann man nur eines: ohne eine revolutionäre, proletarische,
internationalistische Partei wird die Arbeiterklasse ihre historische Aufgabe
nicht erfüllen können. Mögen die jeweiligen Klassenkräfteverhältnisse für die
Bildung einer solchen Partei auch noch so ungünstig sein, so kommt die
Arbeiterklasse um diese Partei nicht herum, wenn sie das kapitalistische System
überwinden will
Auf die Unterschiede in der
Parteipolitik vor und nach der Eroberung der Macht wies Stalin in einem Artikel
für die Prawda vom 28. August 1921 hin.114) Er verallgemeinerte die
Erfahrungen, die die KPR (B) in ihrem Kampf seit Ende 1900 gesammelt hatte.
Zunächst ginge es um die Formierung, die Gründung der Partei, dem folge die
Gewinnung der breiten Massen der Arbeiter und Bauern, schließlich die Eroberung
und Behauptung der Macht. Vor der Machteroberung „bildete die Partei einen
Hebel zur Zerstörung des Alten, zum Sturz des Kapitals in Rußland....“ Nach der
Eroberung der Macht sei „aus einer Partei des Umsturzes innerhalb Rußlands“
eine „Partei des Aufbaus“, eine „Partei der Schaffung neuer Wirtschaftsformen
geworden.“115) Es ging also um das Verhältnis von destruktiver und
konstruktiver Funktion in der Parteipolitik, wobei Stalin diese Begriffe nicht
verwendet, sondern sie umschreibt als „Partei des Umsturzes“ und „Partei des
friedlichen Aufbaus“.
In der Praxis lassen sich die
destruktive und konstruktive Funktion so nicht gegenüberstellen. Auch im Kampf
um die Macht gibt es eine konstruktive Seite in der Politik der Partei. Dazu
gehört zunächst einmal die Gründung und Entwicklung der Partei selbst, die
Ausarbeitung und Entwicklung der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus,
der proletarischer Moral und Solidarität u.a.. Ohne diese konstruktive Seite
kann die Partei ihre destruktive Funktion, den Sturz der politischen Macht der
Bourgeoisie, die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, nicht
durchführen. Im Kampf um die Vorbereitung und in der Durchführung der
Revolution dominiert die destruktive Funktion, in der Zerstörung des Alten,
weil anders der Aufbau des Neuen nicht erfolgen kann. Umgekehrt, nach Eroberung
der Macht durch die Arbeiterklasse überwiegt beim Aufbau des Sozialismus die konstruktive
Funktion, die „neue Politik“, wie Lenin sie bezeichnete, aber die destruktive
Funktion kann noch nicht verschwinden, um konterrevolutionäre
Restaurationsversuche von innen und außen niederzuschlagen. Das Alte ist auch
nach der Machteroberung noch lange Zeit wirksam und muß in dieser oder jener
Form überwunden werden. Marx sprach von den „Muttermalen“ der alten
kapitalistischen Gesellschaft, die in einer Übergangsperiode noch vorhanden
wären - wie lange es noch solche Muttermale gibt, kann nicht vorausgesagt
werden. In den europäischen sozialistischen Staaten waren sie bis zu ihrem Ende
noch nicht überwunden, an die die Konterrevolution geschickt anzuknüpfen wußte.
Der Begriff „destruktive Funktion“ darf nicht in einem mechanistischen Sinne
interpretiert werden.
Zu den bis in die Gegenwart
unter Linken, von bürgerlichen und sozialdemokratischen Publizisten ganz zu
schweigen, heftig umstrittenen Parteifragen gehört: die „Bolschewisierung“ der
Parteien der Kommunistischen Internationale (KI), darunter der KPD. In einer in
der Prawda vom 3. Februar 1925 veröffentlichten Unterredung mit dem Genossen
Herzog116) legte Stalin in zwölf Punkten dar, was unter
„Bolschewisierung“ zu verstehen war. Auch hier sind die konkret-historischen
Bedingungen von 1925, der Periode der „relativen Stabilisierung des
Kapitalismus“ und, speziell, das Klassenkräfteverhältnis in Deutschland zu
berücksichtigen, unter denen die zwölf Punkte zu beurteilen sind. Es geht
nicht, um dies erneut zu betonen, etwa um eine mechanische Übertragung,
„Anwendung“ dieser Punkte auf veränderte Bedingungen im 21. Jahrhundert, auf
Kommunistische Parteien, deren Kampfbedingungen in Asien, in Nahen Osten, in
Lateinamerika und Afrika sowie in den Hochburgen des Kapitalismus völlig
verschieden sind - und sich ständig verändern.
Ausgangspunkt für Stalins
Thesen war die Notwendigkeit, die Sozialdemokratie in Deutschland zu entlarven
und zu zerschlagen, sie zu einer verschwindenden Minderheit in der
Arbeiterklasse herabzudrücken.117) Nach der Rolle, die die
konterrevolutionäre Führung der SPD, die Ebert, Scheidemann, Noske in der
Novemberrevolution und in der revolutionären Nachkriegskrise gespielt haben,
deren Verrat an der Revolution, an der Arbeiterklasse dokumentarisch bewiesen
ist, ist diese Forderung Stalins verständlich. In dem späteren, am 18.
September 1925 auf ihrem Heidelberger Parteitag beschlossenen Programm
orientierte die SPD-Führung auf einen friedlichen, parlamentarischen Weg zum
Sozialismus, was illusorisch war. Daran änderte auch nichts, daß sie noch
Forderungen aus dem Erfurter Programm (Oktober 1891) übernommen hatte.118)
Die Arbeiter können nur
siegen, meinte Stalin, wenn sie von einem Willen beseelt sind, von einer Partei
geführt werden, die das Vertrauen der Mehrheit der Arbeiterklasse besitzt.
„Wenn es innerhalb der Arbeiterklasse zwei miteinander konkurrierende gleich
starke Parteien gibt, dann ist selbst bei günstigen äußeren Bedingungen ein
dauerhafter Sieg unmöglich.“119) Stalin wandte sich energisch gegen
sektiererische Auffassungen einiger Genossen, die meinten, „die Partei festigen
und sie bolschewisieren bedeute, alle Andersdenkenden aus der Partei
hinauszujagen. Das ist natürlich falsch.“120) Die Auseinandersetzung
mit der Sozialdemokratie müsse vor allem auf dem Gebiet der „konkreten
Bedürfnisse“ der Arbeiterklasse geführt werden, der „alltäglichen Praxis“,
Löhne, Arbeitszeit, Wohnverhältnisse, Versicherungen, Steuern,
Arbeitslosigkeit, Preiserhöhungen bei Lebensmitteln, etc., wobei diese Fragen
mit den grundlegenden Fragen der internationalen und der inneren Lage
Deutschlands verknüpft werden müssen. Die gesamte Arbeit der Partei müsse unter
dem Aspekt der Revolution, der Eroberung der Macht durch das Proletariat
geleistet werden. Die grundlegenden Voraussetzungen für die Bolschewisierung
der „kommunistischen Parteien“121) seien:
1. Es
ist notwendig, daß die Partei sich nicht als Anhängsel der parlamentarischen
Wahlapparats betrachtet, wie es im Grunde genommen die Sozialdemokratie tut,
und auch nicht als Gratisbeilage zu den Gewerkschaften, wovon zuweilen gewisse
anarcho-syndikalistische Elemente faseln, sondern als die höchste Form der
Klassenvereinigung des Proletariats, die berufen ist, alle übrigen Formen der
proletarischen Organisationen, von den Gewerkschaften bis zur
Parlamentsfraktion, zu führen.
2. Es
ist notwendig, daß die Partei, besonders ihre führenden Elemente, sich der
revolutionären Theorie des Marxismus, die mit der revolutionären Praxis
untrennbar verbunden ist, voll bemächtigen.
3. Es
ist notwendig, daß die Partei die Losungen und Direktiven nicht auf Grund
eingelernter Formeln und geschichtlicher Parallelen, sondern als Ergebnis einer
sorgfältigen Analyse der konkreten Bedingungen der revolutionären Bewegung im
Lande und im internationalen Maßstab ausarbeitet, wobei die Erfahrungen der
Revolutionen aller Länder unbedingt mit in Rechnung gestellt werden müssen.
4. Es
ist notwendig, daß die Partei die Richtigkeit dieser Losungen und Direktiven im
Feuer des revolutionären Kampfes der Massen überprüft.
5. Es
ist notwendig, daß die gesamte Arbeit der Partei, besonders wenn in ihr die
sozialdemokratischen Traditionen noch nicht überwunden sind‚ auf neue, revolutionäre Art umgestellt wird,
darauf berechnet, daß jeder Schritt der Partei, jede ihre Aktion naturgemäß zur
Revolutionierung der Massen, zur Vorbereitung und Erziehung der breiten Massen
der Arbeiterklasse im Geiste der Revolution führt.
6. Es
ist notwendig, daß die Partei es in ihrer Arbeit versteht, die höchste
Prinzipienfestigkeit (nicht zu verwechseln mit Sektierertum) mit einem Maximum
an Verbundenheit und Kontakt mit den Massen (nicht zu verwechseln mit
Nachtrabpolitik) zu verbinden, da es ohne diese Bedingung für die Partei
unmöglich ist, nicht nur die Massen zu lehren, sondern auch von ihnen zu
lernen, nicht nur die Massen zu führen und sie auf das Niveau der Partei
emporzuheben, sondern auch auf die Stimme der Massen zu lauschen und ihre
brennendsten Nöte zu erkennen.
7. Es
ist notwendig, daß die Partei es versteht, in ihrer Arbeit eine unversöhnliche
revolutionäre Einstellung (nicht zu verwechseln mit revolutionärem
Abenteurertum) mit einem Maximum an Elastizität und Manövrierfähigkeit (nicht
zu verwechseln mit Anpassungspolitik) zu verbinden, da es ohne diese Bedingung
für die Partei unmöglich ist, alle Formen des Kampfes und der Organisation zu
meistern, die Tagesinteressen des Proletariats mit den grundlegenden Interessen
der proletarischen Revolution zu verbinden und in ihrer Arbeit den legalen
Kampf mit dem illegalen Kampf zu verknüpfen.
8. Es
ist notwendig, daß die Partei ihre Fehler nicht verhüllt, daß sie die Kritik
nicht fürchtet, daß sie es versteht, ihre Kader an Hand ihrer eigenen Fehler zu
verbessern und zu erziehen.
9. Es
ist notwendig, daß die Partei es versteht, in die grundlegende führende Gruppe
die besten Elemente der fortschrittlichen Kämpfer aufzunehmen, die genügend
Hingabe besitzen, um wahrhafte Vertreter der Bestrebungen des revolutionären
Proletariats zu sein und die genügend Erfahrung haben, um wirkliche Führer der
proletarischen Revolution zu werden, die fähig sind, die Taktik und die
Strategie des Leninismus anzuwenden.
10. Es
ist notwendig, daß die Partei die soziale Zusammensetzung ihrer Organisationen
systematisch verbessert und sich von zersetzenden opportunistischen Elementen
reinigt, wobei sie die Erreichung einer maximalen Einheitlichkeit als Ziel vor
Augen haben muß.
11. Es
ist notwendig, daß die Partei eine eiserne proletarische Disziplin entwickelt,
die auf der Grundlage der ideologischen Einheit, der Klarheit der Ziele der
Bewegung, der Einheit des praktischen Handelns und des bewußten Verhaltens der
breiten Parteimassen zu den Aufgaben der Partei erwächst.