Zeitschrift für Sozialismus und Frieden                                 2/03

Herausgeber: Verein zur Förderung demokratischer Publizistik (i.G.)

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Voraussetzungen und Ergebnisse der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution

Die Große Sozialistische Oktoberrevolution im historischen Kontext und in der Deutung bürgerlicher Geschichtswissenschaft

von Gerald Hoffmann

 

Kurt Gossweiler: Einleitende Bemerkungen

 

Einleitung

1. Entwicklung des Kapitalismus in Russland

1.1 Grundlagen bis zur Februarrevolution 1905

1.2 Besonderheiten der kapitalistischen Entwicklung in Russland

2. Die Revolutionen 1905-1917

2.1 Die bürgerlich-demokratische Revolution von 1905

2.2 Februarrevolution, Doppelherrschaft und Oktoberrevolution 1917

2.3 Ursachen für den Sieg der Großen Sozialistische Oktoberrevolution

3. Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion

3.1 Die Anfänge nach der Oktoberrevolution

3.2 Kriegskommunismus

3.3 Neue Ökonomische Politik

3.4 Kollektivierung der Landwirtschaft und forcierte Industrialisierung

3.4.1 „Zwangskollektivierung“ und „voluntaristische“ Industrialisierung?

3.4.2 Die realen Bedingungen der ursprünglichen sozialistischen Akkumulation

3.4.3 Exkurs: Die internationale Lage während der Industrialisierungsphase 1927-1938

3.4.4 Ökonomische und innenpolitische Entwicklungen 1929-1937

4. Thesen zur „Stalinismus“-Diskussion

Schluss

Literatur

Kurt Gossweiler: Einleitende Bemerkungen

Zwei Dinge sind es, die Kommunisten und Sozialisten in Deutschland vor allem beklagen: ihre Uneinigkeit und Zersplitterung zum einen, das Fehlen von jugendlichem Nachwuchs zum anderen.

Nicht, dass es der linken, antifaschistischen und den Bewegungen gegen den imperialistischen Krieg, gegen Sozial- und Demokratie-Abbau an Jugend fehlt – wo immer sie sich auf Kundgebungen oder bei Demonstrationen, wie in jedem Januar zu Karl und Rosa, auf der Straße zeigen, stellt die Jugend erfreulicherweise das Gros der Teilnehmer. Aber den kommunistischen und sozialistischen Parteien fehlt bisher ein fester, ihr die Zukunft sichernder Unterbau und Rückhalt in den nachwachsenden Generationen.

Das hat natürlich Gründe. Aber nicht über sie soll hier gesprochen werden, sondern darüber, weshalb wir dennoch mit Zuversicht in die Zukunft schauen können.

Je hemmungsloser der fast wieder uneingeschränkt unseren Erdball beherrschende Imperialismus seine räuberische und mörderische Natur auslebt, desto mehr Menschen werden rund um den Globus, also auch in Deutschland, zu der Einsicht getrieben: eine andere Welt ist nötig! Und dieser Einsicht folgt unvermeidlich die Frage danach, wie diese andere Welt, – eine Welt ohne Kriege, ohne Not und Massenelend, eine wirklich menschliche Welt –, zu erreichen ist.

Und wo diese Frage gestellt wird, da wird es immer Menschen geben, die entdecken, dass die Antworten auf diese Frage längst vorhanden sind, niedergeschrieben in den Werken von Marx, Engels und Lenin und vielen ihrer Schüler – der hervorragendsten Führer der Arbeiter – und der nationalen Befreiungsbewegungen –, und in eine trotz aller US-Erdrosselungsmühen unumbringbar lebendige Praxis umgesetzt von solchen hervorragenden Revolutionären wie Fidel Castro.

Als so einen Entdecker habe ich auch Gerald Hoffmann kennen gelernt. Genau genommen ist das Wort „Entdecker“ in seinem Falle allerdings nicht ganz am Platze, hat er doch – Mitte der siebziger Jahre in Dresden geboren – den Großteil seiner Schulzeit in der DDR erlebt. Aber an diese Zeit denkt er mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Zum einen nahm er hier seinen Anfang als Leistungssportler im Turmspringen, worin er es 1993 sogar zum Sieg bei einer Deutschen Jugendmeisterschaft brachte. Zum anderen aber erinnert er sich an seine Schule als an eine Einrichtung, die zur Anpassung erzog und in der selbständiges kritisches Denken und unbequeme Fragen nicht hoch im Kurse standen. Als er dann 1995 seine Laufbahn als Leistungssportler beendete und sich entschloss zu studieren, wechselte er nach einem Semester an der TU Dresden an die sogenannte „Freie Universität“ nach Westberlin und setzte dort das Studium der Publizistik, Psychologie und Soziologie fort.

Als kritischer Geist hat er sehr schnell mitbekommen, was es dort mit der „Freiheit“ des Denkens auf sich hatte. Jedoch kommt man auch an der FU beim Studium von Gesellschaftswissenschaften an Marx nicht vorbei. Gerald Hoffmann begann Marx zu studieren. Und da er, was er macht, gründlich macht, hat er auch Marxens Hauptwerk, „Das Kapital“, durchgearbeitet, und dort den Schlüssel gefunden zum Verständnis der Gesellschaft, in der wir leben. Aus seiner Beschäftigung mit der Geschichte und Theorie der Arbeiterbewegung war ihm bekannt, dass die Analyse des Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium bei Lenin zu finden ist, und so begann er folgerichtig bei Lenin nachzulesen, wie dieser, von Marx ausgehend, die Analyse des Kapitalismus weiterführte. Lenin fesselte und beeindruckte ihn ganz besonders durch dessen Fähigkeit, die kompliziertesten Dinge verständlich darzustellen, durch seine zwingende Logik und die Analyse der inneren Widersprüche als treibende Kraft der Entwicklung.

Das alles erfuhr ich von ihm selber, aber bevor es zu einem persönlichen Kennenlernen kam, erhielt ich im Oktober 2001 einen Anruf von ihm – dem mir damals gänzlich Unbekannten – in dem er um eine Auskunft zu Fragen des Faschismus bat. Im Januar 2002 kam es dann zu einer ersten persönlichen Begegnung, der weitere folgten. Dabei erfuhr ich, dass er an der Universität eine Hausarbeit zum Thema „Voraussetzungen und Ergebnisse der Großen sozialistischen Oktoberrevolution“ schrieb. Das machte mich natürlich neugierig, und ich fragte ihn, ob er mir ein Exemplar der Arbeit zur Einsicht überlassen könne. Im September vorigen Jahres erhielt ich sie und begann sogleich mit ihrem Studium – und erlebte eine unerwartete, aber freudige Überraschung: der Autor hatte sich laut Gliederung etwas vorgenommen, was einzulösen auf knappen 38 Seiten seines Manuskriptes ich mir kaum vorstellen konnte: nicht weniger als die Behandlung der Geschichte Russlands und der SU von 1905 bis zum Jahre 1938 versprach das Inhaltsverzeichnis.

Aber der junge Student hat das mir schier unmöglich Scheinende tatsächlich fertiggebracht, und das auf eine Weise, dass ich ihm sagen konnte, ich hätte in meiner Zeit als Universitätslehrer noch nie eine Seminararbeit von gleicher Güte geliefert bekommen.

Das, was mir als besonders bemerkenswert an dieser Arbeit erschien, war

Erstens: – Der besondere Gesichtspunkt unter den der Autor sie gestellt hat und den er in seiner Einleitung so formulierte: „Damit soll ein Beitrag zur Erfassung der Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher Entwicklung geleistet werden, und zwar in Bezug auf die Herausbildung des Kapitalismus in Russland, sein Umschlagen in die sozialistische Revolution und die notwendigen Etappen des sozialistischen Aufbaus, nachdem der Bürgerkrieg siegreich beendet, die Revolution im westlichen Europa jedoch ausgeblieben und der Sozialismus in einem Lande zu erhalten und auszubauen auf die geschichtliche Tagesordnung gesetzt war. Dies wird – hoffentlich – zur Klärung der Frage beitragen, wieso die erste siegreiche sozialistische Revolution in der Weltgeschichte einerseits so gewaltige Anziehungskraft auf das westeuropäische Proletariat und die fortschrittliche Intelligenz ausüben konnte, weshalb jedoch andererseits u.a. ein Teil derjenigen, die ihr Exil vor dem deutschen Faschismus in der Sowjetunion gesucht hatten, sich später enttäuscht von den dortigen Entwicklungen abwandten, oder von den Staatsorganen gar wegen konterrevolutionärer Umtriebe verfolgt wurden.“

Hoffmann hat mit dieser Aufgabenstellung eine der Fragen aufgeworfen, deren unterschiedliche Beantwortung eine der gewichtigsten Ursachen für die Aufspaltungen unter den Kommunisten ist, und die Antworten, die er gibt, können einen Beitrag dazu leisten, diese Aufspaltung zu überwinden.

Zweitens: – Die Tatsache dass Hoffmann als Student einer westberliner Universität sich zu einem bedeutenden Teil auf die Arbeiten westdeutscher Historiker stützt, zugleich aber sich mit ihnen in ganz überzeugender Weise dort auseinandersetzt, wo sie den Boden der Wissenschaftlichkeit verlassen und ihre Aussagen nur die bourgeoisen Vorurteile und Beurteilungsschablonen zum Ausdruck bringen.

Mir scheint diese Arbeit deshalb besonders dafür geeignet, Interesse auch bei Jugendlichen zu finden, die ihre Sozialisation und Politisierung in der Alt-BRD erfuhren.

Drittens: – Die Fähigkeit Hoffmanns zur Herausarbeitung der wichtigsten Gesichtspunkte aus der Fülle des Stoffes, und eine Sprache, die versteht, diese wichtigsten Gesichtspunkte kurz und prägnant zu formulieren. (Als besonders eindrucksvolles Beispiel dafür empfand ich den Satz, mit dem Hoffmann die Richtigkeit, weil Notwendigkeit der Politik der Industrialisierung und der Kollektivierung begründet: „Die Restauration kapitalistischer Verhältnisse zumindest im Zuge eines verlorenen Krieges war absehbar, also durfte kein Krieg verloren werden.“ – Abschnitt 4, Thesen zur Stalinismus-Diskussion)

Viertens: – Die Thesen zur Stalinismus-Diskussion. Hoffmann geht an diese Diskussion so heran, wie es notwendig ist, wie aber viele Kommunisten der älteren Generation heranzugehen nicht bereit oder nicht mehr imstande sind. Er erklärt Stalin und sein Handeln aus seiner Zeit heraus, genau so wie es alle Marxisten zu tun gewohnt sind mit einer Figur der Geschichte wie z.B. Robespierre, aber noch nicht alle gelernt haben, genauso gegenüber Stalin zu verfahren. Doch erst, wenn ein solches Herangehen auch an ihre eigene Geschichte in der kommunistischen Bewegung zur Normalität geworden ist und Stalin nicht mehr als „Outlaw“, als Geächteter behandelt wird, dessen Werke für Kommunisten auf den Index gesetzt sind, wird sie ihre innere Zerrissenheit überwinden und wieder zu einer selbstbewussten, auf ihre historischen Leistungen stolze und für die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft entscheidenden Kraft werden.

Natürlich soll mit alledem nicht gesagt sein, Hoffmanns Studie sei makellos und über alle Kritik erhaben. Um nur einen Punkt zu erwähnen: Im Abschnitt 2.3. nennt Hoffmann 4 Ursachen für den Sieg der Oktoberrevolution – aber die vielleicht wichtigste, die Sehnsucht der Massen nach Frieden – wird allenfalls indirekt berührt.

Insgesamt aber spricht diese Arbeit von einer erstaunlichen Reife und Treffsicherheit des Urteils, und von einer selten zu findenden Vertrautheit mit der marxistischen Theorie. Vor allem aber ist sie mir eine Bestätigung meiner Zuversicht vom unausbleiblichen Heranwachsen neuer, junger Marxisten-Leninisten, welche die Gewähr dafür sind, dass unsere Bewegung aus ihrem tiefen Tal herauskommt und einem neuen Aufstieg entgegengeht.

Ich bin deshalb sehr erfreut darüber und dankbar dafür, dass „Offensiv“ diese Arbeit einem größeren Leserkreis zugänglich macht.

                                                                                                                                     Kurt Gossweiler, Berlin

Einleitung

Gegenstand vorliegender Arbeit sind mit der Entwicklung des Kapitalismus in Russland zunächst die sozialökonomischen Voraussetzungen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und weiterhin die durch sie eingeleiteten Jahre des sozialistischen Aufbaus.[1] Damit soll ein Beitrag zur Erfassung der Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher Entwicklung geleistet werden, und zwar in Bezug auf die Herausbildung des Kapitalismus in Russland, dessen Umschlagen in die sozialistische Revolution und die notwendigen Etappen des sozialistischen Aufbaus, nachdem der Bürgerkrieg siegreich beendet, die Revolution im westlichen Europa jedoch ausgeblieben und der Sozialismus in einem Lande zu erhalten und auszubauen auf die geschichtliche Tagesordnung gesetzt war. Dies wird – hoffentlich – zur Klärung der Frage beitragen, wieso die erste siegreiche sozialistische Revolution der Weltgeschichte einerseits so gewaltige Anziehungskraft auf das westeuropäische Proletariat und die fortschrittliche Intelligenz ausübte, weshalb jedoch andererseits u.a. ein Teil derjenigen, die ihr Exil vor dem deutschen Faschismus in der Sowjetunion gesucht hatten, sich später enttäuscht von den dortigen Entwicklungen abwandten, oder von den Staatsorganen gar wegen konterrevolutionärer Umtriebe verfolgt wurden.

Der Betrachtungszeitraum erstreckt sich vom Ende des 19.Jh. (der vollen Entwicklung des Kapitalismus in Russland) bis zum Vorabend des zweiten Weltkrieges. Im vorliegenden Rahmen können diese Betrachtungen nur kursorischer Art sein und werden ihren Zusammenhang dadurch erhalten, dass sich die Darstellung auf sozioökonomische Prozesse beschränkt – eingedenk der These Lenins, die „Politik [sei] der konzentrierte Ausdruck der Ökonomik“ (LW 32/73)

Entgegen einer Wissenschaft vom „Standpunkt der fertigen Phänomene“ (MEW 24/218)[2], welche Geschichte von den Resultaten her zu deuten versucht und nicht aus deren Voraussetzungen, inneren Widersprüchen und realen Alternativen begreift[3], soll hier das Verhältnis von objektiver Bestimmtheit (Entwicklungsstand der gesellschaftlichen Verhältnisse) und subjektiver Bestimmung (ihrer weiteren Entwicklungsrichtung) für die Phase nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution herausgearbeitet werden. Anstelle von Interpretationen der Oktoberrevolution als historischem Irrtum, Zufall usw. (oder auch als ein von Lenin „voluntaristisch-subjektivistisch angegriffenes...Projekt“[4]) geht es um den Aufweis historischer Notwendigkeiten/Gesetzmäßigkeiten. Dabei wird untersucht, ob es sich beim Sturz des Kapitalismus um ein „Projekt“ Lenins handelte und ob der daraufhin einsetzende Prozess des sozialistischen Aufbaus durch die „voluntaristische“ Politik Stalins in sein Gegenteil verkehrt wurde.

In der Darstellung liegt daher besonderes Augenmerk auf der Kollektivierung der Landwirtschaft und der forcierten Industrialisierung, welche gemeinhin als „Abkehr“ Stalins vom Leninschen Weg der Neuen Ökonomischen Politik gefasst und als „Wende“ vom Aufbau des Sozialismus zur „Willkürherrschaft“ des Stalinismus verstanden werden[5], d.h. auf der Epoche, die oft abschätzig oder feindlich, dabei aber immer undifferenziert als „Stalinismus“ diskutiert (bzw. abgetan) wird. Dies ist m.E. eines der lähmenden Spaltungsmomente der sozialistischen Bewegung, dessen Überwindung eine gezielte Auseinandersetzung mit dem konkret-geschichtlichen Kontext der 1930er Jahre in der SU und eine Reflexion auf den gesellschaftspolitischen Aspekt jedweder „Stalinismus“-Diskussion in der heutigen BRD erfordert.

1. Entwicklung des Kapitalismus in Russland[6]

Im Gegensatz zur geläufigen Auffassung, welche die Entwicklung des Kapitalismus in Russland als dessen (also Russlands) „Europäisierung“ bzw. „Verwestlichung“ [7], zumindest aber den Kapitalismus als von „außen“ verursachte Entwicklung begreift, geht es zunächst darum, die wesentlichen Voraussetzungen und Bedingungen zu skizzieren, die ein immanentes Verständnis des russischen Kapitalismus und der drei aufeinanderfolgenden Revolutionen in dessen Ausgang ermöglichen, also sein Verständnis als Entwicklungsweg, welcher zwar dieselbe Gesellschaftsformation wie im westlichen Europa hervorbrachte, jedoch in kürzerer Zeit, mit sehr verschiedenen Erscheinungsformen und gänzlich anderen Resultaten.

1.1 Grundlagen bis zur Februarrevolution 1905

Die um ca. 150 Jahre „verspätete“ Entwicklung des Kapitalismus in Russland erklärt sich aus den Bedingungen, welche die zur kapitalistischen sich fortentwickelnde Warenproduktion im Russischen Reich vorfand. Besonders hemmend wirkte sich das Fehlen dreier Grundbedingungen kapitalistischer Akkumulation aus:

1.)    Die Produktion war lange gestört durch kriegerische Verwüstungen (z.B. die Mongoleninvasion),

2.)    der Handel war beschränkt angesichts der geographischen Abseitslage von westeuropäischen Märkten/Hauptverkehrswegen,

3.)    die Verwertung der Arbeitskraft war behindert durch eine weitflächige und verstreute Verteilung der Bevölkerung, innerhalb derer noch leibeigene Abhängigkeitsverhältnisse vorherrschten.[8]

Andererseits ist der russische (im Vergleich zu west- und mitteleuropäischen Staaten) insofern ein „Sonderweg“ zum Kapitalismus, weil er ohne parallele geistige Emanzipationsbewegungen wie Reformation, Aufklärung usw. verlief.[9] Die sich langsam entwickelnde Warenproduktion samt Markt- und Handelsbeziehungen waren marginal und durchaus von staatlicher (d.h. zaristischer) Seite kontrollierbar und ggf. auch zurückzunehmen. Die Entwicklung bürgerlicher Verhältnisse im Rahmen des zaristischen Staates blieb auch zukünftig ein Haupthindernis für die freie Entfaltung des Kapitalismus in Russland. (vgl. 1.2)

Die eigenständige Entwicklung des Kapitalismus in Russland ab Mitte des 18. Jh. wurde vor allem durch die (mit der Eroberung von Meerengen gegebene) Anbindung an den Weltmarkt begünstigt und vorangetrieben durch die Neuerschließung innerrussischer Gebiete für die Warenproduktion. Trotz ihrer vergleichsweise schnellen Ausbreitung (viele Produktivkräfte konnten auf hohem Entwicklungsstand aus Westeuropa importiert werden) wurde die gesamtgesellschaftliche Durchsetzung der kapitalistischen Entwicklung behindert durch die nach wie vor auf Basis der Leibeigenschaft operierende Landwirtschaft.[10]

1861 verwandelte die Aufhebung der Leibeigenschaft breite Massen von Landarbeitern in Lohnarbeiter und setzte zugleich große Geldmassen für Kapitalkredite frei, da viele Bauern Land zur privaten Bewirtschaftung kauften. Der dadurch sich ausdehnende innere Markt[11] eröffnete der kapitalistischen Akkumulation neue Quellen und dabei – aufgrund des im Vergleich zu Westeuropa geringen Anteils konstanten Kapitals (Maschinen, Gebäude etc.) – die Erzielung ungeheurer und in Europa längst der Vergangenheit angehörende Profitraten. Dies lockte wiederum das westeuropäisches Kapital ins Land[12] und verhalf der seit 1830 einsetzenden industriellen Revolution 1870-80 zu ihrem Höhepunkt. Zwischen 1890 und 1900 sowie zwischen 1909 und 1913 gab es weitere große Industrialisierungsschübe mit Wachstumsraten von über 8% pro Jahr, wobei die Produktionsmittel-Industrie doppelt so stark anwuchs wie die Lebensmittel-Industrie. In der technologischen Entwicklung und Pro-Kopf-Produktion lag Russland um die Jahrhundertwende an fünfter Stelle hinter den westlichen Staaten.

Der durch die Einbezogenheit Russlands in den Welthandel und die Entwicklung der nationalen Produktivkräfte gegebene Aufschwung wurde (wie in anderen Ländern) regelmäßig durch Überproduktionskrisen eingetrübt. Zugleich wurde die nationale Akkumulation des Kapitals durch die wachsenden Auslandsschulden gebremst und brachte die disproportionale Entwicklung eine immense Diskrepanz in Lebensstandard und Kulturniveau zwischen den wenigen industriellen Zentren und den ausgedehnten, rein landwirtschaftlich geprägten Gebieten hervor. Trotz des Wachstums der Industrie blieb der Anteil des Industrieproletariats an der Gesamtbevölkerung gering; es litt zudem unter katastrophalen Arbeitsbedingungen – despotische Fabrikführung, drakonische Geldstrafen, fehlender Arbeitsschutz, unter dem Existenzminimum liegende Löhne und überlange Arbeitszeiten. Erstmalig wurde 1897 eine Beschränkung des Arbeitstages auf 11½ (!) Stunden erlassen.

Dabei behielt der Adel trotz kapitalistischer Entwicklung die wichtigsten Posten in Politik und Verwaltung besetzt, was ihm 25% des landwirtschaftlich genutzten Bodens sicherte und gegenüber den lokalen Bevölkerungen die Einrichtung halbfeudaler Abhängigkeitsverhältnisse mit Arbeitszwang etc. ermöglichte (und zwar in Form der sogenannten Abarbeit für nach 1861 privatisierten Boden). Ungeachtet der Aufhebung der Leibeigenschaft hielten sich auch im Rahmen der noch bis ins 20. Jh. hinein bestehenden Dorfgemeinde (Obschina) überkommene Abhängigkeitsverhältnisse, weil die beständige Umverteilung kleinster privater Bodenparzellen und die Gemeinschaftshaftung die Menschen an „ihr“ Land banden; beides bot kaum Möglichkeiten zur Entwicklung der Produktivkräfte. Nur wenige Bauern kamen zu wirklich selbstständiger Existenz (bildeten jedoch keine eigenständige soziale Schicht innerhalb der nach wie vor zaristisch geprägten Gesellschaft), die meisten Bauern verarmten, weil sie mit ihren wenigen und veralteten Produktionsmitteln die Familien nicht ernähren, aber auch keine Nebenbeschäftigung in der Industrie finden konnten.[13] Die Pauperisierung der Bauern führte trotz des allgemein sehr dünn besiedelten Gebietes zu einer relativen ländlichen Überbevölkerung (d.h. Arbeitslosigkeit); die Bauernschaft (75% der Bevölkerung) wuchs absolut, obgleich sie relativ zum Proletariat abnahm.

1.2 Besonderheiten der kapitalistischen Entwicklung in Russland

a) Verbindung kapitalistischer Produktionsweise mit archaischen Sozialstrukturen:

Selbst während der Zeit der Hochindustrialisierung Russlands um 1880 erhielten sich im Gegensatz zu den zunehmend modernen Zentren feudale, sogar sklavenhalterische und selbst nomadische und gentile Sozialstrukturen in den ländlichen Peripherien, die zunehmend in Abhängigkeit von Waren aus den stärker industrialisierten städtischen Gebieten gerieten und einer mehrfachen Ausbeutung in Bezug auf Steuern, Wucherhandel und Bodenschätze unterlagen. Z.T. wurden die altertümlichen Lebensformen durch den Kapitalismus zersetzt; in vielen Teilen des Landes konservierte er sie jedoch, was „koloniale“ Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb der Staatsgrenzen erzeugte. Anstelle der Begründung eines einheitlichen Nationalstaates (wie z.B. in Frankreich) kam es in Russland zur Unterdrückung nationaler Minderheiten. Anstatt einer Auflösung überkommener Abhängigkeitsverhältnisse auf nationaler Ebene wurde deren Konservierung zur Funktion des Kapitals. Diese Verbindung moderner Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse mit archaischen Sozialstrukturen bedingte eine weitgehend rückschrittliche Gesellschaftsverfassung noch in der Blütezeit des Kapitalismus.

b) Kapitalismus im Rahmen der Monarchie:

Zaristische Selbstherrschaft und Entwicklung des Kapitalismus unterstützten sich wechselseitig, die Bourgeoisie wurde aber keine eigenständige gesellschaftliche Kraft. Der Zarismus spielte für die Durchsetzung kapitalistischer Warenproduktion nach wie vor die entscheidende Rolle: Geldkapital wurde staatlicherseits zur Verfügung gestellt, direkt und indirekt kapitalistische Unternehmungen gefördert, ihr Absatz garantiert und eine umfassende Schutzzollpolitik betrieben, um auf den billigeren Märkten Westeuropas Fuß fassen zu können. Die staatlichen Eingriffe in die Entwicklung des Kapitals zwangen z.B. auch leibeigene Bauern zur Ableistung des Frondienstes in Form von Manufakturarbeit. Die Verbindung fortschrittlicher Produktivkräfte mit überkommenen Produktionsverhältnissen behinderte die vollständige Durchsetzung des Kapitalismus[14]; die kapitalistische Wirtschaft wurde so weit gefördert, wie dies der Anpassung des bestehenden Feudalsystems an die allgemeine kapitalistische Entwicklung im In- und Ausland diente – man könnte sagen, dass immer nur so viel Kapitalismus „zugelassen“ wurde, wie dieser die zaristische Herrschaft nicht gefährdete[15] – womit die „erlaubten“ Formen des Kapitalismus zugleich beschränkte waren.

c) Staatlicher Monopolismus:

Die systematischen Eingriffe in die Wirtschaft weiteten sich gegen Ende des 19. Jh. zu einem das Monopol auf Eisenbahnbau und die Schwerindustrie umfassenden staatskapitalistischen Wirtschaftssektor aus. In diesem waren auch die meisten westeuropäischen Kapitalanleihen aufgenommen worden.[16] Aber selbst die staatsmonopolistischen Tendenzen führten nicht zu einer Beherrschung des Staates durch die eigentliche industrielle Bourgeoisie, sondern der zaristische Adel behielt weiterhin die politische Herrschaft.

d) Parallelität der Prozesse/Imperialismus:

Während die Modernisierungsschübe des Kapitalismus in Westeuropa einem „klassischen“ Muster: Leichtindustrie, Schwerindustrie, Verkehrswesen, Kreditwesen gefolgt waren, gingen in Russland diese Entwicklungen parallel voran und beschleunigten sich wechselseitig, wodurch in gewisser Weise der Kapitalismus der freien Konkurrenz „übersprungen“ bzw. schon sehr früh durch eine starke Zentralisation des Kapitals und Monopolbildungen überlagert wurde. Die Monopole entsprachen zwar nicht quantitativ, aber qualitativ (der ökonomischen Stabilität nach) durchaus den westeuropäischen.

2. Die Revolutionen 1905-1917

Die überaus schnell nachgeholte Entwicklung des Kapitalismus in Russland, welche die Gegensätze zwischen rückständigen Randgebieten und industriellen Zentren nicht gelöst, sondern verschärft hatte und sich auf eine halbfeudale Agrarstruktur sowie die Verfolgung jeglicher fortschrittlicher Regungen in der Bevölkerung stützte[17], war Ausdruck im höchsten Maße zugespitzter Widersprüche des Imperialismus. Darin besteht zugleich der innere Zusammenhang der drei russischen Revolutionen: So weit sie sich gegen die aus der feudalen Epoche Russlands erhaltene zaristische Selbstherrschaft richteten, waren sie unter – unabhängig von ihren tatsächlichen Ambitionen – antiimperialistische Revolutionen.

Dem bürgerlich-feudalen Ausbeuterblock stand dabei zunächst die Bauernschaft gegenüber, weil sie noch gegen den Feudalismus im kapitalistischen Staate kämpfte, wie andererseits auch das schnell anwachsende und von Anbeginn selbstbewusste und frühzeitig organisierte Proletariat für die Vollendung der bürgerlichen Emanzipation kämpfte, da 1905 noch nicht einmal die bürgerlichen Freiheiten der Rede, Versammlung, Presse etc. verwirklicht waren.[18] Der Widerspruch zwischen hochentwickelten Industriezentren und halbfeudaler Peripherie (vgl. Lorenz 1976/44) machte Bauernschaft und Proletariat also durch ihren gemeinsamen Gegner, den zaristisch-feudalen Kapitalismus (d.h. spezifisch russischen Imperialismus) zu revolutionären Klassen. Die fehlenden zivilgesellschaftlichen Traditionen traten in den anwachsenden Klassenauseinandersetzungen u.a. darin zutage, dass die Auflehnung der Bevölkerung relativ schnell Massencharakter und eher als in den westlichen Ländern gewaltsame, aber auch eigenständig organisierte Formen annahm. Wie weit jedoch die Tendenzen und Bestrebungen der Bevölkerung z.B. nach Konfiskation des gutsherrlichen Bodens und Demokratisierung der Gesellschaft über eine bloß bürgerliche Revolution hinausgehen würden und eine Fortführung der bürgerlich-demokratischen als sozialistische Revolution erlaubten, war in den drei Erhebungen 1905-17 von der Herstellung eines zur Gesellschaftsgestaltung fähigen Bündnisses zwischen Arbeiterklasse und landarmen Bauern abhängig. (vgl. Lorenz 1976/45f)

2.1 Die bürgerlich-demokratische Revolution von 1905

Als die Auswirkungen der internationalen Wirtschaftskrise von 1903, die Krise des halbfeudalen Agrarsystems (Landarmut, Schuldenlast, geringe Entwicklung der Produktivkräfte) und die Niederlage im russisch-japanischen Krieg zunehmend für Unzufriedenheit in weiten Teilen der Bevölkerung sorgten, reifte der erste Ansturm auf die Bastionen der zaristischen Selbstherrschaft heran.[19] Massenstreiks fanden insbesondere nach dem sogenannten „Blutsonntag“ (9.1. 1905) statt, als das Militär in eine (noch keineswegs revolutionäre!) Massendemonstration von 140000 Menschen, die dem Zaren eine untertänige Petition übergeben wollten, geschossen und Tausende Demonstrierende getötet hatte. Das bislang weit verbreite Vertrauen in „Väterchen Zar“ war damit schwer erschüttert, wenn nicht zerstoben.[20]

In vielen Städten bildeten sich aus den Streikkomitees Sowjets (Räte) heraus, die sofort politische Machtfunktionen übernahmen[21], z.B. den Achtstundentag einführten oder die zaristische Polizei verhafteten. Die Ansätze zur Herausbildung einer revolutionären Rätemacht führte zu einem Kräftegleichgewicht („Balance of Power“) zwischen den revolutionären Teilen der Bevölkerung und der zaristischen Reaktion, was letzterer die Gewährung bürgerliche Freiheiten und die Übertragung gesetzgebender Vollmachten an die bisher nur beratende Duma (das russische Parlament) abnötigte – nicht zuletzt um die revolutionäre Gärung in der Bevölkerung zu beschwichtigen. Obgleich ein Notverordnungs- und Ausnahmeparagraph dem Zaren unumschränkte Vollmachten gab, waren die demokratischen Reformen durchaus geeignet die Autokratie in Richtung einer konstitutionellen Monarchie umzubilden. Dies machte den bürgerlich-demokratischen Charakter dieser (obgleich von der Bourgeoisie bereits beargwöhnten und bestenfalls mitgetragenen) Revolution aus – zumal die zu dieser Zeit entstandenen zwei großen bürgerlichen Parteien (die konstitutionellen Demokraten – „Kadetten“ und der Konservative Bund – „Oktobristen“) angesichts der über Ansätze bürgerlicher Umgestaltungen hinausgehenden Tendenzen des Proletariats schnellstens der Revolution den Rücken kehrten und einen Kompromiss mit der zaristischen Reaktion suchten, da sie mit ihr die das Interesse teilte, Russland vor dem revolutionären „Zerfall“ zu bewahren.[22] Das Zarenregime konnte daraufhin die Duma um so leichter als „demokratisches“ Aushängeschild für eine im wesentlichen unveränderte Politik gebrauchen.

Die proletarischen Kämpfe flauten jedoch erst nach einem politischen Generalstreik und der Niederwerfung des bewaffneten Dezemberaufstandes 1905 durch das zaristische Militär in Moskau ab. Bauernerhebungen[23] dauerten in Form von Zahlungsver-weigerungen, spontaner Beschlagnahmung von Grund und Gütern, Militär-dienstverweigerung oder Holzeinschlag auf Adelsgrund noch bis 1907 an, worin sich der – wenn auch noch weitgehend unorganisierte – Wille widerspiegelte, gegen die Lasten der autokratisch organisierten Landwirtschaft anzukämpfen. An einigen Orten bildeten sich Bauernräte, wobei der Widerstand der Bauern zunächst unmittelbar gegen die Repräsentanten der Monarchie (die kapitalistischen Pächter und Grundbesitzer) gerichtet war, noch nicht gegen die autokratische Verfasstheit der Landwirtschaft selbst. Auch im (hauptsächlich aus Bauern bestehenden) zaristischen Heer gab es besonders aufgrund der schlechten Versorgungslage nach der Niederlage im russisch-japanischen Krieg Auflösungserscheinungen. Jedoch aufgrund fehlender Koordination zwischen Bauernschaft und Proletariat und nur ansatzweiser Konstitution von Räten blieb es bei bürgerlichen Forderungen und Desertionen; zumeist ließ sich das Heer noch für konterrevolutionäre Einsätze verwenden.

Obwohl die bürgerlichen Errungenschaften der ersten russischen Revolution durch eine starke Einschränkung des Wahlrechts und das Verbot der sozialdemokratischen Dumafraktion z.T. wieder aufgehoben wurden, war das zaristische System merklich angegriffen. Bis 1907 die Periode der sog. „Stolypinschen Reaktion“ einsetzte, befand sich Russland gewissermaßen im „politischen Frühling“: Sozialdemo-kratische/kommunistische Parteien waren legal, wie auch Arbeiterpresse und Gewerkschaften. Es wurden Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzungen, Aufhebung von Ablösezahlungen und die Verringerung der Bodenpachten erkämpft.

2.2 Februarrevolution, Doppelherrschaft und Oktoberrevolution 1917

Da die wesentlichen Forderungen der ersten Revolution, nämlich Veränderungen in der gesellschaftlichen Grundstruktur, 1905 nicht umgesetzt worden waren, kochten die sozialen Erhebungen trotz der ab 1907 einsetzenden terroristischen Verfolgungen[24] immer wieder hoch. Im zweiten Jahr des Ersten Weltkrieges hatten sich die sozialpolitischen Widersprüche und Versorgungsprobleme schließlich derart verschärft, dass die Proteste gegen die Autokratie wieder revolutionären, d.h. landesweit massenhaften Charakter annahmen.

Vor allem im Zuge der Stolypinschen Bodenreform, welche die Armut der Bauern entgegen aller Versprechungen noch steigerte, begann ein neuer Aufschwung in der antizaristischen Bewegung – auf Seiten des Proletariats verstärkt durch die Empörung über ein Massaker bei den Goldfeldern an der Lena, wo die zaristische Miliz über 500 Arbeiter erschoss oder verwundete. Die Streikzahlen überstiegen daraufhin rasch die Millionengrenze. Im Laufe des I. Weltkrieges nahmen die Proteste aufgrund von Produktionseinstellungen bzw. Umstellung auf Kriegsproduktion, der sich daraufhin rapide verschlechternden Versorgungslage und der Zuspitzung sozialer Antagonismen rapide zu (vgl. Lorenz, ebd. 56f) und weiteten sich oftmals zu politischen Massenveranstaltungen aus. Noch bevor es wie 1905 zu einer die zaristische Selbstherrschaft rettenden Regierungsumbildung kommen konnte, brach am 26. Februar 1917 der Generalstreik aus; am 27. Februar wurde der Zar abgesetzt. Ähnlich wie 1905 formierten sich aus den Streikkomitees Sowjets; bürgerliche Rechte und Freiheiten wurden proklamiert, der Achtstundentag in Fabriken durchgesetzt und so die 1905 liegengebliebene bürgerliche Revolution vollendet. Jedoch „unterschied sich die russische Februarrevolution von den früheren bürgerlichen Revolutionen in West- und Mitteleuropa nicht nur in den Kampfmitteln, unter denen der politische Massenstreik und der bewaffnete Aufstand die Hauptrolle spielten, sondern auch im Ergebnis. In Gestalt der Sowjetmacht schuf sie eine politische Organisationsform, die die Möglichkeiten einer sozialistischen Gesellschaftsordnung in sich barg.“ (Lorenz, ebd. 61)

Die Sowjets bildeten sich diesmal unter Einbeziehung der Soldaten, aber weitgehend ohne Führung der Bolschewiki heraus, die verhaftet waren oder sich in der Verbannung befanden. Obwohl die Sowjets unmittelbar Machtfunktionen auszuüben begannen, übergaben oder überließen sie einer aus Vertretern bürgerlicher Parteien gebildeten Provisorischen Regierung die politische Macht. Menschewiki und Sozialrevolutionäre (die nicht-bolschewistischen Linksparteien) agierten hauptsächlich aus parlamentarischen Zielstellungen heraus und wirkten analog dem Beispiel westeuropäischer bürgerlicher Revolutionen zunächst auf eine Epoche des freien Kapitalismus hin, bevor die eigentlich sozialistische Umgestaltung Russlands folgen sollte.[25] Da Sowjets wie auch bürgerliche Regierung Machtfunktionen ausübten, wurde die neue politische Konstellation als „Doppelherrschaft“ bezeichnet. Allerdings darf man die tatsächliche Machtverschiebung nicht übersehen: unmittelbar nach der Februarrevolution lag die Macht bei den Sowjets, weshalb die Provisorische Regierung keine Schritte ohne deren Kontrolle durchführen konnte. Da die menschewistisch/sozialrevolutionär geprägten Sowjets sich jedoch auf die Kontrolle der Durchführung bürgerlicher Reformen beschränkten und kaum darüber hinausgehende Forderungen erhoben, regte sich wenig Widerstand, als in der Folge ihre Befugnisse zunehmend eingeschränkt wurden und die Macht schrittweise an die Provisorische Regierung überging.

Mit der weitgehenden Fortführung der zaristischen Politik durch diese Regierung[26] gab sich die Bevölkerung jedoch nicht zufrieden, und wandte sich schrittweise von ihr ab. Insbesondere die Werktätigen versuchten z.B. in neu geschaffenen Organisationen unmittelbar Kontrolle über die Produktion zu gewinnen. Andererseits wurden die Bauern wieder aktiv, da der Kongress der Bauerndeputierten im April 1917 die Forderung nach Vergesellschaftung und gerechte Verteilung des gesamten nationalen Bodens erneuert hatte. Die Plünderungen/Enteignungen weiteten sich in einigen Gebieten zu einem Bürgerkrieg gegen die Grundbesitzer aus. Schließlich begann sich das durch die schlechte Versorgungslage geschwächte, hauptsächlich aus Bauern bestehende zaristische Heer angesichts der beginnenden Landverteilung aufzulösen – ca. 25% des gesamten Heeres desertierte bis September 1917.

Die Bolschewiki erhielten wieder vermehrt Zulauf, Streiks und Massendemonstrationen (vor allem gegen die auch von den Sowjets geduldete Fortführung des Krieges) verstärkten sich. Die Sowjets verloren an Einfluss in dem Maße, wie sie die volksfeindliche Politik der Provisorischen Regierung mittrugen, weshalb es für diese ein Leichtes war, die Sowjets faktisch zu entmachten und die Staatsmacht wieder uneingeschränkt auszuüben. Angesichts dessen verließen die Bolschewiki als einzige Partei den bisher eingeschlagenen Kurs einer loyalen Opposition gegenüber der Provisorischen Regierung und agitierten für die Bolschewisierung der Sowjets sowie deren Machtübernahme, da der Krieg und die Ausplünderung der Bevölkerung auf keine andere Weise beendet werden konnten. Die Mitgliederzahl der SDAPR wuchs von 43000 im April auf 240000 im September an; die Partei konnte trotz des Haftbefehls gegen Lenin und der Verfolgung durch die Staatsorgane ihren Masseneinfluss rasch ausweiten. Ebenso wenig wurde der Wunsch nach einer revolutionären Umwälzung der bestehenden Verhältnisse abgemindert durch militärisches Vorgehen gegen eine unter bolschewistischen Losungen die sinnlose Verlängerung des Krieges (die sog. „Juli-Offensive“) anprangernde Massendemonstration in Petrograd. Angesichts des offenen konterrevolutionären Terrors (basierend auf der Lüge, die Bolschewiki hätten im Juli den gewaltsamen Sturz der Regierung geplant), verbargen sich die Bolschewiki zum Teil erneut in der Illegalität und zogen die Losung „Alle Macht den Sowjets“ (aufgrund deren größtenteils menschewistischer Zusammensetzung und daher loyaler Haltung zur Provisorischen Regierung) zeitweilig zurück. Auf zwei illegalen Konferenzen der Bolschewiki in der Schweiz fanden die Forderungen nach Nationalisierung des Bodens und Beendigung des Krieges (bzw. dessen Umwandlung in einen Bürgerkrieg gegen die Provisorische Regierung) einhellige Zustimmung.

Durch Wahlen gerieten die Sowjets im August wieder zunehmend in die Hände der Bolschewiki, und die Forderung der Bevölkerung nach deren Machtübernahme verstärkte sich besonders nach einem (von den USA, Großbritannien und Frankreich unterstützten) militärdiktatorischen Putsch des Generals Kornilow, welcher nur mit Hilfe der Sowjetparteien sowie der Roten Garden zurückgeschlagen werden konnte. Daraufhin gingen neben dem Petrograder und Moskauer 250 weitere Sowjets auf die Linie der Bolschewiki über, die Proteste und Demonstrationen nahmen immer deutlicher sozialistischen Charakter an[27] und die Bolschewiki orientierten sich auf den bewaffneten Aufstand, da mittlerweile die letzte Chance einer friedlichen Machtübernahme vergeben war. Angesichts der Gefahr eines Separatfriedens der Westmächte gegen Russland, was einer konterrevolutionären Auslieferung Petrograds (das sich immer mehr als Zentrum des Aufstands abzeichnete) den Weg bereitet haben würde – sowie angesichts der revolutionären Stimmung der Massen – bereiteten die Bolschewiki ab Ende September (nach Lenins Rückkehr aus Finnland) gezielt den bewaffneten Aufstand vor.

Die aufgrund des Verrates der Pläne zum gewaltsamen Aufstand (durch Sinowjew, Kamenew und später auch Trotzki) unkoordiniert unternommenen Gegenaktivitäten der Regierung/ des Militärs konnten diesen nicht mehr verhindern; die Revolution brach los und siegte innerhalb weniger Tage (24.-26. Oktober) zunächst in der Hauptstadt Petrograd, und zwar vergleichsweise unblutig (es gab lediglich 8-10 Tote in den Gefechten). Strategisch wichtige Punkte wurden durch Rote Garden besetzt, später das Winterpalais gestürmt und die Provisorische Regierung verhaftet. Der II. Allrussische Kongress der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten nahm am Abend des 25.10. 1917 die Dekrete über den (annexionslosen und gerechten) Frieden sowie (die Enteignung/Verteilung von privatem) Grund und Boden an. Auf dem Kongress setzten sich die Bolschewiki in fast allen Fragen durch, Lenin wurde zum Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare (dem vorläufigen Regierungsgremium) gewählt. Eine Woche später und unter größerem Blutvergießen gelangten die Sowjets auch in Moskau zur Macht. Die Aktivitäten konterrevolutionärer Verbände konnten durch die Roten Garden zurückgeschlagen werden und bis Februar 1918 verbreitete sich die Revolution nahezu über das ganze Land.[28] Die sozialistische Revolution hatte gesiegt.

2.3 Ursachen für den Sieg der Großen Sozialistische Oktoberrevolution

Der Sieg der Oktoberrevolution war keineswegs eine Sache des historischen Zufalls oder allein der revolutionären Gesinnung Lenins zuzuschreiben, wie dies zuweilen selbst unter sich als marxistisch verstehenden Intellektuellen behauptet wird. Der subjektive Faktor – die kampferfahrene revolutionäre Arbeiterpartei (die in der Tat seit 1898 wesentlich unter Inspiration und Leitung Lenins herangewachsenen war) – ist nicht zu trennen von drei objektiven Faktoren, innerhalb derer die Politik der Bolschewiki überhaupt erst ihre Bedeutung und Wirksamkeit erhielt und der Möglichkeit des Sieges der Oktoberrevolution zur Wirklichkeit verhalf.

  1. Die russische Bourgeoisie hatte im Laufe der kapitalistischen Entwicklung keine ihren Interessen entsprechende politische Ordnung erkämpft. Ihr Agieren war spätestens seit 1905 vielmehr (im Rahmen der zaristischen Selbstherrschaft) ein Reagieren auf die sich zuspitzenden Klassenauseinandersetzungen, innerhalb derer sie für eine Machtbeteiligung auf einen Klassenkompromiss mit der (auf den Landadel gestützten) zaristischen Führung angewiesen war. Dies zeigt sich daran, dass in der bürgerlich-demokratischen Revolution selbst die zunächst eingeschränkten bürgerlichen Freiheiten vom Proletariat einschließlich der Bauern gegen einen Großteil der Bourgeoisie durchgesetzt wurden.
  2. Insbesondere das zur Wahrung der Adelsprivilegien in halbfeudalem Zustand verbliebene Agrarsystem musste einen potentiell systemsprengenden Widerstand der landarmen Bauern hervorbringen, wovon schon die unablässigen Revolten und spontanen „Landnahmen“ seit 1905 und besonders zwischen März und November 1917 zeugten.
  3. Der Bourgeoisie stand zudem ein stetig wachsendes, zumeist auf engem Raum konzentriertes[29], gut organisiertes und selbstbewusstes Proletariat gegenüber, was frühzeitig eigenständige Ziele formulierte und den Kampf gegen die kapitalistischen Verhältnisse aufnahm.

Mit Gründung der SDAPR um die Jahrhundertwende „begann sich das russische Proletariat aus einer ‚Klasse an sich’ in eine ‚Klasse für sich’ zu verwandeln, ehe noch die russische Bourgeoisie ihr eigenes politisches Programm formuliert hatte und bürgerliche Parteien entstanden waren.“ (Lorenz, a.a.O. 45) Diese sozialdemokratische (das hieß im damaligen Russland: kommunistische) Partei vereinigte 1917 im Kampf für den Sozialismus vier verschiedene emanzipatorische Grundströmungen in Russland: a) die allgemein-demokratische Bewegung für Frieden, b) das Bedürfnis der unterdrückten Völker nach nationaler Selbstständigkeit, c) die Forderungen der Bauern nach Bodenverteilung und d) den Drang des Proletariats nach Kontrolle über die nationale Produktion.

Als die krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus besonders im I. Weltkrieg das Russische Reich dem Chaos auszuliefern drohte, verlor die Bourgeoisie zunehmend die Kontrolle über die gesamtgesellschaftliche Entwicklung und damit ihre Verankerung in der Bevölkerung.[30] Hinzu kommt, dass der organisierte Kampf der Bevölkerung gegen die Provisorische Regierung sich zu einem Zeitpunkt zuspitzte, als der internationale Imperialismus mit „eigenen“ Rivalitäten, d.h. mit dem ersten Weltkrieg „beschäftigt“ war und somit die konterrevolutionären Interventionen zwar nicht ausblieben, aber zu spät kamen, um die junge Sowjetmacht zu stürzen.

Im Ganzen kann gesagt werden, dass die verspätete Entwicklung in Russland ein ungewöhnliches Tempo ermöglichte, worin einerseits in kürzester Zeit ein hochentwickelter, andererseits aber kein liberaler, sondern äußerst reaktionärer Kapitalismus entstand, da er außerhalb der Zarenherrschaft nicht existieren konnte. Zusammen mit einer weltweit krisenhaften Entwicklung im Zuge des ersten Weltkrieges brachte die kapitalistische Entwicklung 1905 und 1917 in Russland günstige Bedingungen für den Sieg sozialistischer Bestrebungen hervor – die 1905 nur deshalb noch nicht siegten, weil (wie Lenin sagte) die rapide in die revolutionären Entwicklungen hineingezogenen kleinbäuerlichen Schichten mit einer bürgerlichen Umgestaltung zunächst zufrieden waren bzw. ihre Interessen in einem demokratisch bemäntelten „Scheinkonstitutionalismus“ (ein Ausdruck Max Webers) aufgehoben sahen. Als sich dies als Illusion erwies, weil die weiterhin imperialistische Entwicklung alle Widersprüche, anstatt sie zu lösen, in ungeahnt hohem Tempo verschärfte, wurde die marode Ordnung von den aufbegehrenden Massen 1917 letztlich schlichtweg überrannt.

3. Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion

Für das kapitalistische Westeuropa war mit dem Roten Oktober, insbesondere der Annullierung sämtlicher zaristischer Auslandsanleihen, eine entscheidende Machtstütze weggebrochen, da die riesigen Gebiete des russischen Reiches (an deren kapitalistischer Erschließung sich Frankreich und Großbritannien durch Kredite maßgeblich beteiligt hatten) dem kapitalistischen Einfluss von nun an entzogen sein würden. Zugleich war die russische Revolution Aufbruchsignal und Impuls für die arbeitenden Klassen[31] des westlichen Imperialismus, ihre Anstrengungen zu dessen Sturz zu intensivieren. Nach 1917 wurden in fast allen europäischen Staaten kommunistische Parteien gegründet, die im Rahmen der von sowjetischer Seite initiierten I. Kommunistischen Internationale zunächst zum Stützpunkt der Weltrevolution wurden – warum diese nicht ausbrach, kann hier nicht untersucht werden.

3.1 Die Anfänge nach der Oktoberrevolution

Zunächst ging die Sowjetführung jedoch davon aus, dass die westeuropäische Revolution nicht lange auf sich warten lassen und der russischen „zu Hilfe kommen“ würde.[32] Daher galt es vorerst die junge Sowjetmacht gegen die innere und äußere Konterrevolution zu sichern. Dafür wurden die zaristischen Behörden, Gerichts-, Polizei- und Straforgane durch neue ersetzt und zugleich jene Prozesse vorangetrieben, auf welchen der Sieg der Revolution basierte: Landverteilung und Arbeiterkontrolle. Erstere war mit dem allgemeinen Recht zur unentgeltlichen Bodennutzung zwar prinzipiell gegeben, aufgrund des Unwillens der Bauern zur Umsiedlung konnte jedoch in dicht besiedelten Gebieten zunächst das Land nur unter größter Zersplitterung verteilt und der allgemeine Landhunger noch nicht gestillt werden. Weitaus größere Erleichterung brachte die Befreiung von Pachtabgaben und Schulden sowie das Verbot von landwirtschaftlicher Lohnarbeit, wie die gesamte Volkswirtschaft überhaupt durch die Annullierung der unter zaristischer Herrschaft aufgenommenen Auslandsschulden und sonstige Kapitalanleihen entlastet wurde. In den Betrieben hatte sich seit Oktober 1917 zunehmend die Arbeiterkontrolle[33] durchgesetzt, da jedoch die Zusammenarbeit mit den früheren Unternehmern aufgrund deren aktiven/passiven Widerstands nicht funktionierte, wurden die meisten bis Frühjahr 1918 enteignet, womit die industrielle Bourgeoisie vollends ihre ökonomische Basis verlor. Weiterhin wurde durch gesetzliche Verankerung der nationalen Selbstbestimmung für die russischen Sowjetrepubliken der Unterdrückung von nationalen und religiösen Minderheiten die Grundlage entzogen. Als schließlich die (im Dezember gewählte und mehrheitlich aus Sozialrevolutionären bestehende) Konstituierende Versammlung das sowjetische Dekret (welches Russland zur Sozialistischen Räterepublik erklärte) nicht annahm, verfügte das Gesamtrussische Zentralexekutivkomitee deren Auflösung, und beseitigte so den letzten Rest des bürgerlichen Parlamentarismus.

So einfach der Sieg der Revolution jedoch zunächst gewesen war, so schwierig sollte sich deren weitere Durchsetzung erweisen. Aufgrund der enormen Zurückgebliebenheit des Landes, der schwierigen Versorgungslage wegen der vom Zarismus für Kriegszwecke zerrüttete Wirtschaft und der aggressiven Landnahme des deutschen Militärs im Vorfeld des Friedensvertrages von Brest-Litowsk kam es zunächst zu keinem (und erst recht nicht geplanten) Aufbau der Produktion in einem Umfang, welcher für die Errichtung des Sozialismus notwendig gewesen wäre. Der Sowjetmacht blieben zwischen der Beendigung des Weltkrieges (März 1918) und dem Beginn konterrevolutionärer Interventionen (Juni 1918) zu wenig Zeit, um etwa die Richtigkeit der verschiedenen Konzeptionen des Wirtschaftsaufbaus[34] an der Praxis zu erproben. Dem Land wurde um des Überlebens der Revolution willen ein tendenziell selbstzerstörerischer Kriegskommunismus aufgezwungen.

3.2 Kriegskommunismus

Im Frühjahr 1918 begannen breit angelegte innere (von den ehemals herrschenden Klassen forcierte) und äußere (durch im Weltkrieg siegreiche Entente–Armeen getragene) konterrevolutionäre Bewegungen, deren gemeinsames Ziel der Sturz der Sowjetmacht war.[35] Für die Bolschewiki (die inzwischen aufgrund der z.T. kapitulantenhaften, überläuferischen Haltung der Menschewiki und „linken“ Sozialrevolutionäre die Staatsmacht alleine behaupten) blieb in diesen Umständen für den Erhalt der Sowjetmacht keine andere Möglichkeit, als mit dem Primat stabiler (sich zuweilen auf 8000km ausdehnender) Fronten die Menschen wie in einer Festung am Leben zu erhalten. Da die auf die staatlichen Flächen begonnene landwirtschaftliche Großproduktion nur 3-4% der Gesamtnutzfläche umfasste und wegen fehlender Ausrüstung schwer anlief, außerdem der in Sowjethand verbliebenen Industrie aufgrund von Einkesselung und Blockade Roh- und Brennstoffe fehlten und schließlich viele Arbeitskräfte in der Armee gebraucht wurden, ergriff die Regierung drakonische Maßnahmen: Der gesamte Binnenhandel wurde verstaatlicht, es herrschte allgemeine Arbeitspflicht, Vorrang hatte die Rüstungsproduktion, Lebensmittel waren streng rationiert und die Produktionsaufträge und Rohstoffe wurden unmittelbar staatlich kontrolliert und zugeteilt.[36]

Die Ablieferungspflicht für Getreide und sonstige Lebensmittel, wie auch die unentgeltliche Versorgung großer Teile der Bevölkerung durch den Staat erschienen zwar unmittelbar als Verwirklichung kommunistischer Distributionsformen, wurden aber später auch von den Bolschewiki als „ernährungsdiktatorische“ Maßnahme bezeichnet – notwendig, um die Menschen vor dem Hungertod und den sozialistischen Staat vor dem Kollaps zu retten. Die Ablieferungspflicht zur Versorgung der nicht-ländlichen Bevölkerung während des Bürgerkrieges konnte nur mittels bürgerkriegsähnlicher Methoden durchgesetzt werden, wobei die vom Volkskommissariat für Ernährung aufs Land geschickten Komitees die Eintreibung nicht benötigter Lebensmittelvorräte zu besorgen hatten. Allerdings schlug durch die Verbündung dieser Komitees mit landarmen Bauern die Beschlagnahmung von Überschüssen z.T. in einen Überschuss an Beschlagnahmung um, so dass (als nichtintendierter, aber dennoch willkommener „Nebeneffekt“) die Landverteilung aus der Zeit der Oktoberrevolution und der Nivellierungsprozess in der Landbevölkerung weitergeführt wurden, womit z.B. der Landanteil der Kulaken (d.h. selbstständige Großbauern) von 15 auf 5% der landwirtschaftlichen Gesamtfläche zurückging. Wegen der staatlichen Konfiskationen verweigerte insbesondere die Großbauernschaft einen über den Eigenbedarf hinausgehenden Anbau, wodurch die Landwirtschaft fast zum Erliegen kam – oftmals konnte die volle Aussaat nur mit Waffengewalt erzwungen werden. Solche Maßnahmen betrafen jedoch auch Teile der sogenannten „Mittelbauern“, weshalb schließlich größere Teile der Landbevölkerung gegen die Sowjetmacht aufzubegehren begannen, was der Konterrevolution wiederum eine willkommene Massenbasis zumindest in den Randgebieten der Förderation verschaffte.

Zentralrussland, das am stärksten industrialisiert und gewissermaßen Zentrum der Revolution war, wurde innerhalb von drei Jahren von feindlichen Truppen mehrmals eingeschlossen. Von den gewonnenen Positionen unternahmen konterrevolutionäre Verbände immer wieder Vorstöße ins zentrale Russland. Besonders dramatisch war die Lage, wo innere Konterrevolution und feindliche Armeen sich verbinden und die noch schwache Rote Armee zunächst zurückschlagen konnten, somit ganze Landesteile wieder unter Fremdherrschaft und Militärdiktaturen gerieten (Ukraine, Teile Sibiriens). Dass die feindlichen Kräfte, wo sie sich durchsetzten, die alten Verhältnisse etablierten, bedeutete Terror gegen alle mit der Sowjetmacht sympathisierenden Menschen, die weitgehende Zerstörung der im Aufbau begriffenen Volkswirtschaft bzw. ihre Kontrolle durch sowjetfeindliche Mächte und eine ungeheure Ausbeutung der lokalen Bevölkerung.

In Reaktion auf die terroristische Intervention und innere Konterrevolution annullierten die Bolschewiki den Brester Frieden und nach einem Attentat auf Lenin im Sommer 1918 riefen sie die Bevölkerung zum Schutz des nationalen Reichtums und zu gezieltem Massenterror auf – dies, um Zeit zu gewinnen, bis die Rote Armee wirksame Gegenschlägen leisten konnte. Sie wurde unter Trotzkis Leitung weitgehend aus Elementen der vorrevolutionären Zeit wieder aufgebaut und wuchs im Laufe des Bürgerkrieges auf 5,5 Millionen Soldaten und Offiziere an. Von der Freiwilligenarmee wurde zur Wehrpflicht zurückgegangen, von militärischer Basisdemokratie zur hierarchisierten Befehlsarmee und wenn die Bolschewiki ehemals zur Zersetzung der zaristischen Armee aufgerufen hatten, so wurden sie jetzt zu glühenden Vaterlandsverteidigern. Die Rote Armee konnte nicht nur die feindlichen Vorstöße zurückschlagen, sondern ab Herbst 1918 bereits an vielen Frontabschnitten die Initiative zurückgewinnen und im Gegenangriff während des folgenden Jahres den Ring der feindlichen Armeen durchbrechen und deren nunmehr isolierte Regimenter zerschlagen bzw. ihre Führer liquidieren. Damit war nicht nur die größte Gefahr für die Sowjetrepublik gebannt bzw. diese unter schwersten Entbehrungen behauptet worden[37], sondern sie hatte mit dem Sieg über die imperialistischen Interventionstruppen auch dem Weltkapitalismus einen schweren Schlag versetzt, dessen „militärische, wirtschaftliche und politische Ziele“ (vgl. Fn. 35) sich im Gebiet der RSFSR auf absehbare Zeit nicht mehr verwirklichen lassen würden. Daher folgte nach 1919 seitens mehrerer europäischer Staaten die (faktische, wenn auch nicht immer offizielle) politische und wirtschaftliche Anerkennung der Sowjetmacht, wobei die Aufhebung des Handelsembargos wesentlich zur Konsolidierung der wirtschaftlichen Verhältnisse beitrug.

3.3 Neue Ökonomische Politik

Privater Markt und illegaler Handel konnten durch die „proletarische Naturalwirtschaft“ des Kriegskommunismus (Lorenz, ebd. 111) jedoch nicht verdrängt werden, zumal diesen nicht-sozialistischen Wirtschaftsbeziehungen aufgrund der wirtschaftlichen Zerrüttung immer bedeutendere Versorgungsfunktionen zukamen. Allgemeiner Widerstand regte sich gegen die mit dem Kriegskommunismus einhergehenden Versorgungsmängel und allumfassenden Reglementierungen, etwa gegen die Arbeitspflicht, das Handelsverbot, die Zwangsabgaben und den verbreiteten Warenmangel, u.a. an Nahrungsmitteln und Winterkleidung. Nachdem die äußere Bedrohung im Abklingen war, wurde Sowjetrussland aufgrund seines völlig desolaten Zustandes nun von innen infrage gestellt. Die landesweit ausbrechenden Streiks und Revolten gipfelten im März 1921 im Aufstand von Kronstadt, der sich zur Erhebung ausweitete und nur mit Hilfe der Sowjetarmee niedergeschlagen werden konnte.

Die Neue Ökonomische Politik (NÖP) stellte insofern eine (notwendige) Reaktion auf die innenpolitische Krise dar, zudem den Ansatz einer notwendigen Neustrukturierung der gesamtrussischen Wirtschaft, die aufgrund der kriegskommunistischen Mobilisierung allerletzter Reserven im Bürgerkrieg völlig am Boden lag. Die NÖP bedeutete insofern einen temporären Rückzug des Sozialismus, eine staatskapitalistische Übergangsformation[38] zur Schaffung der Grundlagen für den Aufbau des Sozialismus – und zwar in einem Lande, denn 1922 war bereits absehbar, dass die „westliche“ (insbesondere deutsche) Revolution entgegen allen Hoffnungen und Erwartungen vorerst ausbleiben würde.

Zur Rekonsolidierung der Verhältnisse in der RSFSR löste die Staatsführung zunächst das Zwangsabgabesystem zur Versorgung der Städte im Kriegskommunismus zugunsten einer niedrigeren, anteilig zur Hofgröße steigenden Naturalsteuer ab. Da zugleich Ware-Geld-Beziehungen, freier Handel sowie der Verkauf von Überschüssen legalisiert wurden und für Wohnung, Heizung, Grundbedarfsartikel usw. wieder bezahlt werden musste, nahm die Bedeutung des Geldes so zu, dass die Naturalsteuer schließlich in eine landwirtschaftliche Geldsteuer umgewandelt wurde. Da im allgemeinen die landreichen Bauern ihre Felder nicht ohne Lohnarbeit bestellen konnten (allerdings auch nicht in Kollektivwirtschaften überführen wollten) und die landarmen Bauern über die zur Bestellung notwendigen Produktionsmittel nicht verfügten, wurden begrenzt auch Lohnarbeit sowie die Zinserhebung auf Geld- und Produktionsmittelverleih zugelassen. Der sowjetische Staat behielt in dieser Periode lediglich das Monopol auf den Außen- und Großhandel, das Finanzwesen sowie das Verkehrs- und Verteidigungssystem, während das produzierende Gewerbe innerhalb dieses Rahmens zu kapitalistischer Wirtschaftsweise angehalten war.

1926 erreichte die Landwirtschaft trotz einiger Missernten und Hungersnöte 1921 und 1924 (aufgrund derer über eine Million Menschen den Hungertod fanden) im wesentlichen wieder das Vorkriegsniveau, war aber keineswegs zu einer Akkumulation in der Lage, welcher es für den Ausbau und die Modernisierung der rückständigen (und mit enormen Selbstkosten arbeitenden) Industrie des im Ganzen immer noch agrarisch geprägten Riesengebietes der Sowjetunion[39] notwendig gewesen wäre. Die SU verfügte auch nach Wiedererreichen des Vorkriegsniveaus im Vergleich zu westlichen Industriestaaten lediglich über ca. ein Zehntel an Produktionskapazitäten, städtischer Agglomeration und Infrastruktur.[40] Auf dem Land war aber neben der aus der Revolutionszeit überkommenen Zersplitterung und Neuverteilung des Bodens bei generell überalterter, wo nicht gänzlich fehlender technischer Ausrüstung (Düngemittel, Pflüge, Traktoren, Mähmaschinen etc.) die Arbeitsproduktivität so gering, dass eine Steigerung der Produktion zunächst zwar bereits durch einfache Kooperation zu erreichen, die für die Industrialisierung des Landes notwendige Akkumulation von Lebensmitteln und Rohstoffen jedoch ohne völlige Umstrukturierung des landwirtschaftlichen Produktionssektors zum Zwecke kollektiver Bewirtschaftung nicht möglich war.

Obgleich in der sowjetischen Staatsführung über die Notwendigkeit der schnellstmöglichen Industrialisierung Einigkeit herrschte, stritt man über die Methoden. Herauszuheben sind hier drei Tendenzen, deren eine (von Stalin als „linke“ Abweichung apostrophierte) auf die (am Kriegskommunismus orientierte) völlige Unterordnung der Landwirtschaft unter die Bedürfnisse der Industrialisierung und die sofortige Liquidierung des Kulakentums als Klasse abzielte, während die andere („rechte Abweichung“) auf das „natürliche“ Wachstum der Landwirtschaft abzielte, wobei mit dem Export ihrer Überschüsse die Industrialisierung, also der Maschinen- und Technologieimport finanziert werden sollte (vgl. Lorenz, ebd. 157ff). Zunächst setzte sich keine dieser Linien durch, weil gegen die erste die unmittelbare Interessenverletzung der (in der Bevölkerung immer noch überwiegenden) Bauernschaft sowie die momentane Unfähigkeit der Sowjetwirtschaften sprach, das kulakische Warengetreide zu ersetzen. Gegen die zweite Linie sprach die Möglichkeit des Kapitalismus, die ausländischen Märkte für sowjetische Landwirtschaftserzeugnisse zu sperren und mit der Einschränkung des Maschinenexports die sozialistische Industrialisierung zu untergraben. Bis 1928 blieb daher die Politik der NÖP bestehen, wenn auch bereits unter verstärkter staatlicher Investitionstätigkeit in der Produktionsmittel-Herstellung und Förderung bereits bestehender Kollektivwirtschaften.

Ansätze hierfür, d.h. für eine landwirtschaftliche Kollektivierung waren durch die gemeinsame Landnutzung, gemeinschaftliche Bodenpacht, staatliche Produktionsgenossenschaften auf ehemaligen Adelsgütern schon gegeben, woran also angeknüpft werden konnte. Die Abhängigkeit der landarmen Bauernschaft von kulakischen Großwirtschaften wurde durch staatliche Kredite, Bodenzuweisung und technische Ausstattung bekämpft und die Bauern zum Eintritt in Kollektivwirtschaften angeregt.

Eine Verstärkung dieser Aktivitäten mit dem Ziel der weitgehenden Kollektivierung der Landwirtschaft wurde im ersten Fünfjahrplan beschlossen, welcher die Jahre 1928-1932 umfasste und die Phase der NÖP beendete. Aufgrund der überraschend positiven wirtschaftlichen Entwicklung in den letzten Jahren der NÖP waren die Ziele sehr hoch angesetzt. Der erste Fünfjahrplan beschloss drei für den wirtschaftlichen Aufbau wesentliche Punkte:

Erstens die enorme Steigerung der Industrieinvestitionen vor allem im Produktionsmittel-Bereich[41],

zweitens die zersplitterte landwirtschaftliche Produktion in kollektivwirtschaftliche Basis hinüberzuleiten,

drittens die Ausbildung von der Sowjetmacht loyalen Spezialisten zur Meisterung der Technik, um die Bastionen der inneren Konterrevolution zu untergraben.

Nicht zuletzt sollte damit eine schnellstmögliche industrielle Selbstständigkeit und Verteidigungsfähigkeit gewährleistet sein, weil die außenpolitische Isolation der SU die Gefahr neuer Interventionen anzeigte. (s.u.)

3.4 Kollektivierung der Landwirtschaft und forcierte Industrialisierung

Spätestens ab hier treten die Darstellungen der Entwicklung in der SU derart auseinander, dass ich von einer „integralen“ Darstellung wie bisher absehe und die zwei dominierenden, sich wechselseitig ausschließenden Argumentationslinien jeweils gesondert heraushebe.

3.4.1 „Zwangskollektivierung“ und „voluntaristische“ Industrialisierung?

Lorenz interpretiert den marxistischen Satz, die Landwirtschaft sei die Basis der Industrie so, als sei die industrielle Entwicklung von der Produktivkraft der Landwirtschaft abhängig. Das ist aber einseitig. Die Produktivkraft der Landwirtschaft wird nämlich selbst durch den Entwicklungsstand der industriellen Produktivkräfte bestimmt, da die Landwirtschaft (im Gegensatz zur Industrie) nicht ihre eigenen Produktionsmittel erzeugt. Die Produktivkraft der Landwirtschaft ist also von einer bestimmten Qualität industrieller Produkte abhängig. Umgekehrt basiert die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln nicht auf einer bestimmten Qualität landwirtschaftlicher Erzeugnisse (z.B. kontrolliert biologischer Weizen), sondern hier ist die Quantität entscheidend und diese nur durch Mechanisierung angemessen zu erhöhen, wobei die Anwendung großer Maschinerie die Kollektivierung der Landwirtschaft voraussetzt. Mit einem Wort: wenn die Landwirtschaft auch die ständige Basis für das Bestehen der Industrie darstellt, so ist die Industrie ihrerseits die Basis für die Erhöhung der Produktivkraft in Landwirtschaft und Industrie. Die Landwirtschaft ist damit für das gesellschaftliche Bestehen überhaupt das „übergreifende Allgemeine“, die Industrie hingegen für die gesellschaftliche Entwicklung. (Auf die Wichtigkeit des Unterschiedes zwischen Bestehen und Entwicklung komme ich unten zurück.)

Lorenz sieht den Primat (oder die bestimmende Dimension) der gesellschaftlichen Entwicklung hingegen nicht in der Industrie, sondern in der Landwirtschaft und die wirkliche Entwicklung in der SU muss ihm daher als „voluntaristische“ (1976/ 221, 231, 352), d.h. willkürliche und unbegründete Abkehr erscheinen, und zwar von einem selbst von Marx und Engels (vgl. 153) vorausgesehenen und von Lenin wie Anfangs auch Stalin eingeschlagenen Weg.

Die NÖP wurde Lorenz’ Auffassung nach unvermittelt beendet, als infolge des Zusammenbruchs des Getreidemarktes Ende 1928 die Getreidevorräte der Bauernschaft wieder weitgehend durch staatliche Konfiskation aufgebracht wurden, wodurch eine größere Hungersnot zwar zunächst verhindert werden konnte – aber nur auf Kosten einer Gefährdung der Zusammenarbeit zwischen Stadt und Land. (vgl. ebd. 173) Als sich auch im nächsten Jahr die Getreidebeschaffung keine wesentliche Verbesserung der Ernährungslage brachte, wurde die aus dem Kriegskommunismus bekannte Ablieferungspflicht wieder eingeführt und von den Sowjetorganen unter Gewaltandrohung und -anwendung durchgesetzt. Dies entsprach nach Lorenz’ Auffassung einer rigorosen Abkehr von der NÖP (vgl. ebd. 175f) und auch einer endgültigen, weil die zwischen 1927 und 1929 nahezu stagnierende Landwirtschaft die ständig prosperierende Industrie nicht mehr zu tragen, die Stadt nicht mehr mit Getreide zu versorgen imstande war. Die Sowjetregierung beschloss nach Lorenz’ Ansicht in ihrer Ablösung der NÖP eine völlig unbegründete Flucht nach vorn, anstatt nämlich die vorhandenen „sozialistischen Entwicklungsmöglichkeiten der Landwirtschaft“ (145) „auf lange Zeit“ (154) zu nutzen und die Kollektivierung nur freiwillig und in einem „langfristigen Prozess“ („eine[r] Reihe genossenschaftlicher Übergangsstufen“) zu gestalten (ebd.)[42] – d.h. im Klartext: anstatt einer Rückkehr zu den bewährten Prinzipien der NÖP – beschloss die Sowjetführung die forcierte Industrialisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft sowie die Kollektivierung der Bauernschaft, d.h. die Zusammenlegung der bisher noch auf Privatbesitz gegründeten landwirtschaftlichen Kleinproduktion.[43]

Dieser Beschluss war nach Lorenz Ansicht gegen die Interessen der Bevölkerung gerichtet. Sowohl die überhöhten Ziele des ersten Fünfjahrplans, der Abbruch der langsamen Hineinentwicklung der Landwirtschaft in die Phase ihrer endgültigen Mechanisierung und Kollektivierung im Rahmen der NÖP sowie die verspätete und überhastete (damit nicht mehr „vermittelbare“) Reaktion des Staates auf Versorgungsstörungen machten daher Elemente einer irrationalen Wirtschaftspolitik aus, die das Land 1929 an den Rand einer Krise brachte (vgl. 218), weil mit dem Stopp der Getreideexporte und dadurch erzwungenen Produktionseinschränkungen eine schleichende Desorganisation des gesamten Wirtschaftslebens (Fluktuation der Arbeitskraft, Auflösung der Arbeitsdisziplin) verbunden war, was die Arbeitslöhne seit 1921 erstmals sinken ließ. Die Wirklichkeit scheint Lorenz Recht zu geben, denn tatsächlich ging im Zuge der Kollektivierung die Anbaufläche der Landwirtschaft um 10-20%, der Viehbestand sogar um 30-70%[44] und der Getreideertrag um ca. 10% gegenüber 1929 (was etwa dem Vorkriegsstand entsprach) zurück. Die Kollektivierung eilte also der Industrialisierung (d.h. Modernisierung) der Landwirtschaft offenbar voraus, weshalb die Großbetriebe anfangs mit kleinbäuerlichem Gerät bewirtschaftet werden mussten. Aber selbst wo die neue industrielle Agrartechnik vorhanden war, konnte sie wegen fehlender Fachkräfte oft nicht rationell genutzt werden. Ebenso schwierig gestaltete sich die Leitung und Planung der neu entstandenen, zumeist aber instabilen Kollektivwirtschaften, die vielen Bauern „fremd“ gegenüber stand. In der Folge zerfiel ein Großteil der Kolchose wieder, zumindest aber ließen die beständigen Ein- und Austrittsbewegungen die Kolchosen zu keiner geregelten Wirtschaft kommen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nach Lorenz eine erste Welle Stalinscher Repressionen das Land erschütterte, nachdem sich die Parteiführung an überhöhten Planzielen der Industrialisierung gewissermaßen aus Eitelkeit festgebissen hatte und als weder diese erreicht, noch überhaupt eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung gewährleistet werden konnte, zur beschleunigten Industrialisierung und Zwangskollektivierung schritt, die wiederum nur mit terroristischen Methoden durchgesetzt werden konnten[45], da die objektiven Bedingungen zum freiwilligen Eintritt in die Kolchose noch nicht gegeben waren. Andererseits waren die Teile der Arbeiterschaft Repressionen ausgesetzt, welche sich der rigiden Arbeitsverfassung widersetzten, die einer Militarisierung gleichkam (unbefristete Betriebsbindung, hohe Strafen bei mangelhafter Arbeit und Fehlen etc.) Die Repressionen waren also scheinbar notwendig, um keine Fehler eingestehen und zur NÖP zurückkehren zu müssen, andererseits um die aufgrund der verfehlten Wirtschaftspolitik aufbegehrenden Bevölkerungsteile niederzuhalten und nicht zuletzt um die Funktionäre zu disziplinieren, welche sich weigerten, die Zwangspraxis gegenüber der Bevölkerung durchzusetzen.

Lorenz stellt damit als Hauptwiderspruch die geradezu kopflose – also ihren Bedingungen und Notwendigkeiten vorauseilende – Industrialisierung auf Kosten der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung heraus, wobei die dadurch notwendig aufbrechenden Konflikte in der Gesellschaft durch staatsterroristische Maßnahmen so weit unterbunden wurden, dass die forcierte Industrialisierung und die „hinterherhinkende“ Akkumulation in Landwirtschaft und Konsumgüterindustrie aufrecht erhalten werden konnten. Da die Machtorgane der gesellschaftlichen Kontrolle entglitten waren, sieht Lorenz (ebd. 251) im „stalinistische[n] System“ das Gegenteil der von Marx/Engels antizipierten „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die Entwicklung aller ist“[46] (MEW 4/482), da die Vergesellschaftung der Produktion und ihr planmäßiger, am Gemeinwohl orientierter Ausbau nicht erfolgt waren (nach Lorenz waren die Pläne lediglich Propagandamittel), weiterhin die individuellen (!) Freiheiten massiv beschränkt wurden und Ansätze des Rätesystems aus den ersten Jahren der Sowjetzeit wieder zunichte gemacht worden waren.

Im Grunde genommen trägt Lorenz dafür nur zwei „Gründe“ vor: a) die Kollektivierung wurde überstürzt, die Landwirtschaft der Industrialisierung in ungebührlicher Weise untergeordnet; b) der sich daraufhin regende Widerstand der Massen war Ausdruck des Willens, die Sowjetführung abzusetzen und konnte nur durch umfassenden Staatsterror unter Kontrolle gehalten werden (dessen zentrale Lenkung ihren ideologischen Ausdruck im Personenkult fand.) Lorenz’ Darstellung lässt sich schließlich auf ein einziges Argument reduzieren, welches schon zu Zeiten der Industrialisierung von der rechten Opposition vorgetragen wurde: die Zeit für die landwirtschaftliche Kollektivierung sei noch nicht reif, das industrielle Wachstum viel zu hoch angesetzt, stattdessen sei wieder zur NÖP zurückzukehren (zur Idealisierung der NÖP s.u.)

Lorenz’ Diktum „zurück zur NÖP“ heißt nichts anderes als man hätte den Sozialismus nicht aufbauen dürfen“ (denn „nicht so“ hieß unter den gegebenen Umständen: gar nicht) und entspricht dem Plechanowschen Satz (über die Februar-Revolution von 1905): „man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen.“ Da aber „zu den Waffen gegriffen“ und der entscheidende Schlag gegen die Kulakenwirtschaften auf der einen und die zersplitterte Kleinproduktion auf d